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Full text of "Johann Friedrich der Grossmütige 15031554 Festschrift zum 400jährigen Geburtstage des Kurfürsten, namens des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde, hrsg. von der Thüringischen Historischen Kommission"

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Beiträge  zur  neueren 
Geschichte  Thüringens 


Georg  Mentz,  Historische  Kommission  für  Thüringen 


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Johann  Friedrich 

der 

Grossmütige 

1503—1554 

Erster  Teil 

Johann  Friedrich  bis  zu  seinem  Regierungsantritt 

1503— 1532 

Festschrift 

zum  400  jährigen  Geburtstage  des  Kurfürsten 

namens  des  Vereins 

für  Thüringische  Geschichte  und  Aitertumskunde 

herau8|{egeben  von 

der  thüringischen  historischen  Kommission 

Bearbeitet  von 

Dr.  Georg  Mentz 

a.  0.  Professor  an  der  üniTersitüt  Jena 
Mit  dem  Bildnis  Johann  Friedrichs  als  Bräutigam 


Veria 

1903 


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DOCUMENTS 


Uebersetzungsrecht  Vorbehalten. 


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BildnU  Johann  Friedrichs  I.  als  Bräutigam,  von  Lucas  Cranach  d.  Ä. 
oiiams  j Groüherzogl.  Museum  zu  Wamar. 

Nach  einer  Photographie  von  Bräunlich  in  Jena. 


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D])80I 

T40.e>4- 


Vorwort 


Der  äußere  Anlaß  zu  der  Bearbeitung  des  vorliegenden  Heftes 
wurde  durch  die  am  30.  Juni  dieses  Jahres  bevorstehende  Feier 
des  400-jährigen  Geburtstages  Johann  Friedrichs  des  Großmütigen 
gegeben.  Die  Thüringische  historische  Kommission  glaubte,  daß 
dieser  Tag  nicht  nur  von  der  Universität  Jena  festlich  begangen  zu 
werden  verdiene,  sondern  daß  er  auch  Veranlassung  geben  müsse, 
eine  der  notwendigsten  Aufgaben  der  thüringischen  Geschichts- 
forschung, die  Bearbeitung  der  Geschichte  Johann  Friedrichs  des 
Großmütigen  in  Angriff  zu  nehmen.  Wer  jemals  auch  nur  die  Re- 
gistranden  des  Ernestinischen  Gesamtarchives  zu  Weimar  durch- 
blättert hat,  der  weiß,  welche  Massen  von  Archivalien  für  dieses 
Gebiet  dort  vielfach  noch  fast  ganz  unbenützt  liegen,  er  wird  sich 
davon  überzeugt  haben,  daß  nur,  indem  man  die  Person  des  Kur- 
fürsten in  den  Mittelpunkt  stellt,  ein  Weg  durch  diese  Aktenmengen 
gefunden  werden  kann,  er  wird  aber  bei  dem  Einfluß,  den 
Johann  Friedrich  zwei  Jahrzehnte  lang  auf  die  deutsche  Geschichte 
und  auf  die  Reformationsgeschichte  gehabt  hat,  hoffen  dürfen,  daß 
dabei  auch  für  diese  weiteren  Gebiete  manche  neue  Tatsachen  und 
manche  von  der  bisherigen  abweichende  Auffassung  sich  ergehen 
werden.  Wie  sich  dabei  das  Bild  des  Kurfürsten  gestaltet,  ist  wissen- 
schaftlich an  sich  gleichgültig,  doch  darf  man  wohl  annehmen,  daß 
ihm  die  Erschließung  des  authentischen  Materials  über  seine  Re- 
gierung auch  etwas  zu  gute  kommen  werde.  Ist  doch  über  seine 
Tätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  Landesverwaltung  bisher  fa.st  nichts 
bekannt. 

Der  Verfasser  war,  da  ihm  nur  wenige  Monate  zur  Verfügung 
standen,  für  jetzt  nicht  in  der  Lage,  bis  in  die  eigene  Regierungs- 
zeit des  Kurfürsten  einzudringeu,  schon  das  vorliegende  Heft  wird 


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VI 


Vorwort. 


aber  zeigen,  daß  eine  systematische  Durchforschung  des  Materials 
noch  manches  Interessante  zu  Tage  zu  fördern  vermag.  Doch 
würde  der  Verfasser  nicht  im  stände  gewesen  sein,  auch  nur  dieses 
Bruchstück  zu  vollenden,  wenn  ihm  nicht  seine  Arbeit  durch  das 
weitgehende  Entgegenkommen  der  Verwaltungen  der  benutzten 
Archive  und  Bibliotheken  zu  Coburg,  Dresden,  Gotha  und  Weimar, 
vor  allem  aber  durch  die  unermüdliche  Hülfsbereitschaft  der  Be- 
amten des  Ernestinischen  Gesamtarchives  zu  Weimar  erleichtert 
worden  wäre.  Ihnen  allen  sei  an  dieser  Stelle  herzlichst  gedankt. 

Der  Verfasser  glaubte  den  Forschern  einen  Dienst  zu  erweisen, 
wenn  er  einige  der  Hauptbelege  seiner  Darstellung  ihr  sofort  bei- 
fügte. Bei  deren  Auswahl  sind  in  erster  Linie  solche  Stücke  be- 
rücksichtigt worden,  die  als  unmittelbare  selbständige  Aeußerungen 
Johann  Friedrichs  betrachtet  werden  können.  Für  die  Gestaltung 
der  Texte  sind  im  wesentlichen  die  vom  dritten  deutschen  Historiker- 
tage aufgestellten  Grundsätze  maßgebend  gewesen,  doch  war  es 
dem  Verfasser,  da  der  Druck  nur  kurze  Zeit  in  Anspruch  nehmen 
durfte,  nicht  möglich,  allen  Anforderungen  zu  genügen,  die  er 
selbst,  besonders  in  Bezug  auf  sachliche  und  sprachliche  Erklärungen, 
an  Aktenpublikationen  zu  stellen  geneigt  ist. 

Jena,  im  Juni  190.S. 

G.  Mentz. 


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Inhalt. 


SfitJ» 

Ereteg  Kapitel:  Jugend,  Erziehung,  Vermählung 1 — ^28 

Abstammung  und  erste  Jugend  8.  1.  Erziehung:  Spalotin  B.  3. 

Krogncr  S.  7.  Songtigeg  über  dag  Jugendleben  Johann  Friedrichg 
8.  11.  Warbeck  S.  v£  Resultate  der  Erziehung  Johann  Friedrichs 
S 14.  Turniere  8.  16.  — Verlobung  mit  der  Habsburgerin  Katharina 
S.  18.  Vermählung  mit  Bibylla  von  Jülich-Kleve  S.  22.  Verhand- 
lungen über  eine  eigene  Hofhaltung  B.  26. 

Zweites  Kapitel:  Johann  Friedrich  und  die  Reformation  . 29—^51 
Erste  Spuren  religiösen  Empfindens  S.  29.  Erste  Beziehungen  zur 
Reformation  8.  30.  Weitere  Beziehungen  zu  Luther  S.  32.  Johann 
F'riedrieh  Mittelpunkt  eines  streng  lutherischen  Kreises  in  Weimar 
S.  34.  Gegen  die  Wiedertäufer  S.  3<>.  Der  Reichstag  zu  Speier  1.526 
8.  HO.  Der  von  1529  S.  41.  Der  Augsburger  Reichstag  S.  43.  Die 
l'>iedengYerhandlungen,  Johann  Friedrich  und  Luther  8.  48. 

Drittes  Kapitel:  Johann  Friedrichs  poHtische  Tätigkeit 

bis  zum  Nürnberger  Anstand 52 — 94 

Einfflhrung  in  die  Politik  S.  52.  Teilnahme  an  der  Lnndesverwaltung 
8.  53.  an  den  Verhandlungen  mit  den  Albcrtincrn  S.  54,  Frieriewald 
8.  fifi.  Reisen  in  die  Rheinlande  S.  58.  Zusniiimenkiinfte  mit  Land- 
graf Philipp  S.  60.  Die  Packschen  Händel  8.  61.  Johann  Friedrich 
Vertreter  seines  Vaters  im  Frühjahr  1529  8.  67.  Das  Bedenken  über 
die  Königswahl  8.  69,  andere  politische  Arbeiten  in  dieser  Zeit  8.  71. 
Mitarbeit  an  dem  Bündnis  der  Evangelischen  8.  73.  Augsburger 
Reichstag  S.  74.  Johann  Friedrich  protestiert  in  Köln  gegen  die 
Wahl  Ferdinands  S.  76.  Bundesverhandlungen  8.  80.  Der  Bund 
der  Wahlgegner  S.  83.  Die  Friedensverhandlungen  8.  84.  Schwein- 
furt  S.  86.  yOmberg  S.  90. 

Schluß  S.  03. 


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VIII 


AkteDBtüekc.  Verzeichnis  der  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


1.  Verzeichnis  der  Bücher  Johann  Friedrichs  1.^19  Michaeli« 

2.  Johann  au  Johann  Friedrich.  Hiinmielshain  1519  Dez.  24 96 

3.  Johann  Friedrich  an  Spalatin,  Coburg  1520  Dez.  21 97 

4.  Heinrich  PonipoiiiiLs  an  Johann  Frictirich,  Weimar  152.5  Marz  24 97 

5.  Johann  Friedrich  an  Johann  1.V27  Winter 9R 

6.  Johann  an  Johann  Friedrich  1,^27  Winter 101 

7.  Johann  Friedrich  an  Johann  1528.  Juii  14 102 

8.  Bedenken  wegen  der  Königgwahl,  Weimar  1529  Ende  Februar  . . . 102 

9.  Johann  Friedrich  an  Wilhelm  von  Neuenahr.  Weimar  1529  Mira  13  110 

10.  Johann  Frie<irich  an  Hans  von  Minckwitz.  Weimar  1529  März  22  ■ 112 

11.  Johann  Friedrich  an  Johann,  Weimar  1529  März  2(i  113 

12.  Der»,  an  dens.,  Weimar  1529  April  8 114 

13.  Johann  Friedrich  an  die  Herzogin  Elisabeth,  Weimar  1.V29  April  14  117 

14.  Albrecht  von  üfanafeld  an  Johann  Friedrich,  Spder  1529  April  14  . 12>) 

15.  Johann  Friedrich  an  Hane  von  Minckwitz,  Weimar  1.529  April  26  . 121 

16.  Gutachten  Ober  da»  abzuschließendc  Bündnis  [1529  Mail 122 

17.  Bedenken  ül)er  die  sächsische  Kriegaverfassung  fl529  Mai] 126 

18.  Johann  Friedrich  an  Wilhelm  von  Neuenahr,  Torgau  1529  Juli  22  . 129 

19.  Johann  Friedrich  an  Wolf  von  Schünberg,  Torgau  1529  Uez.  18  . . 131 

20.  Johann  Friedrich  an  die  Herzogin  Elisabeth,  Torgaii  1530  Okt.  8 . . 132 

21.  Johann  Friedrich  an  Wilhelm  von  Nassau,  1530  Okt.  24 135 

22.  Johann  Friedrich  an  Johann.  Köln  1.530  Dez.  28 136 

23.  Johann  Friedrich  an  Wilhelm  von  Xeiienahr,  Weimar  1531  Sept.  29  137 

24.  Johann  Friedrich  an  Johann,  Schweiiifurt  1532  Mai  7 139 

25.  Johann  Friedrich  an  Johann,  Nürnberg  1532  Juni  21 139 

26.  Hans  von  Minckwitz  an  Johann  Friedrich,  Turgan  1532  Jnli  5 . . 110 

27.  Johann  Friedrich  an  Johann,  Xürntierg  1532  Juli  9 ■ 141 


Vorzcloliiils  der  abirekürzt  zitierten  Scbrlfteii. 

Alu  ■=■  Altenburger  Ausgalw  der  Werke  Luthers. 

Baunigarten,  H.,  (leschichte  Karls  V.  3 Bde.  Stuttgart  1885—92. 

Beck,  Aug.,  Johann  Friedrich  der  Mittlere.  2 Btle.  Weimar  18.58. 

Below,  O.  V.,  Landtagsakten  von  Jülich-Berg.  I.  Düsseldorf  1895. 

Boltc  = Die  schöne  Magclone,  übers,  von  Veit  Warbeck , hrsg.  von  Joh. 
Holte.  (Bibliothek  älterer  deutscher  TJebersetzungen,  hrsg.  von  Aug.  Sauerl.) 

Bouterwek,  K.  W.,  Sibylle,  Kurfürstin  von  Sachsen.  Zeitschr.  des  Bergischen 
Geschichtsvereines.  IW.  VII.  Bonn  1K71. 

Burkhardt  = Dr.  Martin  Luthers  Briefwechsel,  hrsg.  von  C.  A.  H.  Burk- 
hardt. Leipzig  1866. 

Burkhardt,  C.  A.  H.,  Ernestinische  Lamlbigsakten.  Bd.  I (in:  Thüringische 
Geschichtsquellcn  X.  F.  V).  Jena  li*02. 


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Verzeichnis  der  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


IX 


Burkhardt,  C.  A.  H.,  Geschichte  der  sächsischen  Kirchen-  und  Schulvisi- 
tationen  von  1.524 — 45.  Leipzig  1870. 

Cordatus,  Tagebuch  über  M.  Luther  1537,  hrsg.  von  H.  Wrarapelmever. 
Halle  ISS). 

Cornelius  X.  XIV  = C.  A.  Cornelius,  Briefwechsel  zwischen  Herzog  Johann 
Friedrich  von  Sachsen  und  Graf  Wilhelm  von  Xuenar  in  den  Jahren  1529 
bis  153(i.  In:  Zeitschr.  des  Bergischen  Geschichtsvereines,  Bd.  X.  XIV. 
Bonn  1874,  187a  ' 

C.  R.  =«  Corpus  Reformatorum.  Halle  und  Braunschweig  1834  ff. 

Cyprian,  E.  S.,  Nützliche  Urkunden  zur  Erläuterung  der  ersten  Refonuations- 
geschichte.  I.  II.  In : W.  E.  Tentzel,  Historischer  Bericht  vom  Anfang  und 
ersten  Fortgang  der  Reformation.  Gotha  1717/18. 

Devrient,  E.,  Die  älteren  Erncstiner.  Berlin  1897. 

Dithmar,  Codex  diplomaticus  zu  Teschenmacher,  Annnles  Cliviae.  Frft.  et 
Lipe.  1721. 

Dom  in  er , A.  v..  Die  Lutherdrucke  der  Hamburger  Stadtbibliothek.  Leipzig  1888. 

Droysen,  J.  G. , Ueber  das  Verlöbnis  der  Infantin  Katharina  mit  Herzog 
Johann  Friedrich  von  Sachsen  1519.  In  den  Berichten  der  Sachs.  Ges.  d. 
Wissensch.  Philol.-histor.  Kl.  V.  1853. 

Ehses,  St.,  Geschichte  der  Packscheu  Händel.  Freiburg  i.  Br.  1881. 

Enders  = Luthers  Briefwechsel,  l)earb.  von  E.  L.  Enders.  8 Brie.  Calw  und 
Stuttgart  1884—98. 

Erl.  = Luthers  sämtliche  Werke,  Erlanger  Ausgabe. 

Fabricius,  G.  F.,  Origincs  illustr.  stirpis  Saxonicae  contin.  a.  Jac.  Fabricio. 
Lipsiae  1607. 

Faselius,  J.  A.  L.,  Versuch  einer  kurzen  Lebensgeschiehte  Johann  Friedrichs 
des  Großtiiütigen.  Weißenfels  und  Leipzig  1799. 

Ficker,  Job.,  Aktenstücke  zu  den  Religionsverhandlungen  des  Reichstages  zu 
Regensburg  1532.  (Zeitschr.  f.  Kirchengcsch.,  XII.) 

Försteiuann,  I = C.  E.  Förstemann,  Neues  T’rkundenbuch  zur  Geschichte 
der  evangelischen  Kirchen-Rcforination.  I.  Hamburg  1842. 

Försteinan  n,  U.  I.  II  — C.  E.  F'örstcmanu,  Urkuudenbuch  zur  Geschichte 
des  Reichstages  zu  .\ugsburg  im  Jahre  1530.  1.  II.  Halle  1833,  18.35. 

Frieden  8 bürg,  W.,  Der  Reichstag  zu  Speicr  1526.  (Histor.  Untersuchung., 
hrsg.  von  ,1.  .lastrow,  V).  Berlin  1887. 

Derselbe,  Zur  Vorgeschichte  des  Gotha-Torgauischen  Bündnisses  der  Evan- 
gelischen. Slarburg  1884. 

Gillert,  Der  Briefwechsel  des  Conradus  Miitianua,  ges.  und  bearb.  von  K. 
Gillert  (Geschichtsquellcn  der  Provinz  Sachsen,  Bd.  XVIII.)  Halle  1800. 

Hain,  L.  , Repertorium  bibliographicum.  Stuttgart  und  Tübingen  1826—1828. 

Hoffmann,  E. , Naumburg  a.  S.  im  Zeitalter  der  Reformation.  (l>eipziger 
Studien  a.  d.  Gebiete  der  Geschichte.  VII,  1.)  Leipzig  1900. 

Hortled  er,  Fr.,  Haudlungen  und  Ansschreilicn  von  den  Ursachen  des  deutschen 
Krieges.  Frankfurt  a.  M.  1617. 

Jöchcr.  Gelehrtenlexikon. 

Kalkoff,  P.,  Die  Depeschen  des  Nuntius  Aleander  vom  Wormser  Reichstage 
1521.  2.  Aufl.  Holle  a.  S.  1897. 


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X 


Verzeichois  der  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


Kapp,  J.  E.  , Kleine  Nachlese  einiger  zur  Erläuterung  der  Reformationsge- 
geschichte  nützlicher  Urkunden.  I — IV.  Leipzig  1727 — 33. 

Kawerau,  G.,  Der  Briefwechsel  des  Justus  Jonas.  (Geschichtsquellen  der  Fror. 
Sachsen.  XVII,  1,  2.)  Halle  1884  f. 

Kius,  O. , Das  Finanzwesen  des  Ernestinischen  Hauses  Sachsen  im  sechszehnten 
Jahrhundert  Weimar  1863. 

Köstlin,  Julius,  Martin  Luther.  Bd.  I.  5.  Aufl.  Fortges.  von  G.  Kawerau. 
Berlin  1903. 

/ Kolde  — Th.  Kolde,  Friedrich  der  Weise  und  die  Anfänge  der  Reformation. 
Erlangen  1881. 

Kolde  I,  II  — Th.  Kolde,  Martin  Luther.  2 Bde.  Gotha  1884.  1893. 

Krause,  C. , Euricius  Cordus.  Marburg  1863. 

Kronfeld,  J.  C.,  Landeskunde  des  Großherzogtums  Sachsen-Weimar-Eisenach. 
2 Bde.  Weimar  1878,^79. 

Laemmer,  H.,  Monumenta  Vaticana.  Freiburg  1861. 

^Lanz,  K. , Korrespondenz  des  Kaisers  Karl  V.  3 Bde.  Leipzig  1844 — 46. 

^ Lenz,  M.,  Briefwechsel  I^andgraf  Philipps  des  Großmütigen  mit  Luther,  hrsg. 
von  M.  Lenz.  3 Teile.  Leipzig  1880.  1887.  1891.  (Publ.  a.  d.  Preuß. 
Staatsarchiven.) 

>^Lcnz,  M.,  Kritische  Erörterungen  zur  Wartburgszeit.  Marburg  1883. 

Lenz,  M.,  Zwingli  und  I^andgraf  Philipp.  (Zeitschr.  f.  Kirchengesch.  III.) 
Lith,  J.  W.  V.  d.,  Erläuterung  der  Reformalionshistorie.  Schwobach  1733. 
Loesche,  G.,  Analecta  Lutherana  et  Melanthoniana.  Gotha  1892. 

Luther,  M.,  Tischreden,  hersg.  von  K.  E.  Förstemann.  4 Bde.  Leipzig  und 
Berlin  1R44— 48. 

Mcinardus,  O.,  Der  Katzcnelnbogische  Erbfolgestreit  I.  1.  2.  Wiesbaden 
1898.  (Nassau-Oranische  Korrespondenzen.  Bd.  I.) 

Möller,  J.,  Quellenschriften  und  Geschichte  des  deutschsprachlichen  Unterrichts 
bis  1500.  Anhang  zu  C.  Kehr,  Geschichte  der  Methodik  des  deutschen 
Volksschulunterrichts.  Bd.  IV.  Gotha  1882. 

Müller,  J.  G.,  Jugendliche  Geschichte  Johann  Friedrichs  des  Großmütigen. 
Jena  1765. 

Müller,  J.  J.,  Historie  von  der  evangelischen  Stände  Protestation  und  Augs- 
burgischen  Confession.  Jena  1705. 

Müller,  J.  S.,  Des  Hauses  Sachsen  Annales.  Weimar  1700. 

Myconius,  F.,  Historia  reformatiouis,  hsrsg.  von  Cyprian.  2.  Aufl.  Leipzig  1718. 
Neudecker,  Chr.  (4.,  Merkwürdige  Aktenstücke  aus  dem  Zeitalter  der  Refor- 
mation. 1.  2.  Nürnlterg  1838. 

«'Neudecker,  Chr.  G.,  und  Preller,  L.,  Spalatins  historischer  Nachlaß  und 
Briefe.  I.  Friedrichs  des  Weisen  Leben  und  Zeitgeschichte.  Jena  1851. 
Ney,  J.,  Geschichte  des  Reichstags  zu  Speier  im  Jahre  1529.  (Mitteilungen  des 
Histori8<'hen  Vereins  der  Pfalz.  VIII.)  Sjteier  1879. 

Noack,  Fr.,  Die  Exception  Sachsens  von  der  Wahl  Ferdinands  I.  Progr.  Kre- 
feld 1886. 

Ocrgel,  Briefwechsel  Erfurtischer  Gelehrter  aus  der  Zeit  des  Humanismus  und 
der  Reformation.  (In:  Mitteilungen  des  Vereins  für  d.  Gesch.  u.  Altcrtumsk. 
von  Erfurt.  Heft  XV.)  Erfurt  18f)2. 


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Verzeichnis  der  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


XI 


P.  C.  « Politische  Cktixeopondenz  der  Stadt  Straßburg  im  Zeitalter  der  Refor- 
matioD.  I.  bearb.  von  H.  Virck.  II.  bearb.  von  O.  Winckelmann.  Straß- 
burg löfö — 87. 

Planitz,  H.  v.  d.,  Berichte  aus  dem  Reichsregiraent  in  Nürnltcrg  1521 — 23,  ges. 
von  E.  Wüleker,  bearb.  von  H.  Virck.  (Schriften  der  süchs.  Kommiss, 
f.  Gesch.  III.)  Ivcipzig  18ft9. 

Posse,  O.,  Die  Wettiner.  Genealogie  des  Gceamthauscs  Wettin.  Leipzig  und 
Berlin  1897. 

Ranke,  Deutsche  Geschichte.  I — VI.  4.  Aufl.  in  den  Sämtlichen  Werken 
Bd.  I — VI.  Leipzig  1867 — 68. 

Ritter,  M.,  Sachsen  und  der  JülicherErbfolgostreit.  (Abhandlungen  der  Münchner 
Akad.)  1873. 

Rommel,  Chr.  v.,  Philipp  der  Großmütige  I — III.  Gießen  ISIO. 

RTA  = Deutsche  Reichstagsakten.  .liingere  Reihe.  I — III.  Gotha  1893.  1896. 
1901. 

Schade,  O..  Satiren  und  Pasquille  aus  der  Reformationszeit.  3 Bde.  Hanno- 
ver 1856—58. 

Scheu rl,  Chr.,  Briefbueh,  hersg.  von  F.  von  Soden  und  J.  K.  F.  Knaake 
I.  U.  Potsdam  1867.  1872. 

Schirrmacher,  F.  W.,  Briefe  und  Akten  zu  der  Gesch.  des  Religionsgespräches 
zu  Marburg  1599  und  des  Reichstages  zu  Augsburg  1530.  Gotha  1876. 

Schlegel,  Chr.,  Histoha  Vitae  Georgii  Spalatini.  Jenae  1693. 

Schöppe,  Zur  Geschichte  der  Reformation  in  Naumburg.  (Neue  Mitteilungen 
auf  dem  Gebiete  histor.-antiquar.  Forschungen.  XX.  19CX).) 

Schorn  bäum,  K.,  Die  Stellung  des  Markgrafen  Casimir  von  Brandenburg  zur  , 
reformatorischen  Bewegung.  Erl.  Diss.  Nürnberg  19(X). 

Schwarz,  Hilar,  I>andgraf  Philipp  von  Hessen  und  die  Packschen  Händel.^ 
(Historische  Studien.  XIII.)  Leipzig  1884. 

Seckendorf,  V.  L.  v.,  Commentarius  de  Lutheranismo.  1 — III.  fol.  Franco- 
furti  ct  Lipsiao  1692. 

Seelheim,  Ad.,  Georg  Spalatin  als  sächsischer  Historiograph.  Halle  1876. 

Sleidan,  Jo.,  De  statu  religionis  et  rei  publicae  commentarii.  ir>58. 

Spalatin  , G.,  Annales  reformationis  oder  Jahrbücher  von  der  Reformation  Lutheri  ✓ 
ans  Ucht  gestellet  von  E.  S.  Cyprian.  Leipzig  1718. 

Spalatin  ap.  Menck.  Spalatin,  Annales  und  V'itae  aliquot  Electorum  in  J.  B. 
Menckenii  Scriptores  Rcrum  Germanicarum.  II.  Lipsiae  1728. 

Stoy,  St.,  Erste  Bündnisbestrebungen  evangelischer  Stände.  Ztschr.  des  Vereins 
für  thür.  Gesch.  N.  F.  VI.  1888. 

Ötruve,  B.  Q.,  Neu  eröffnetes  historisch  und  politisches  Archiv.  I— III.  Jena 
1718-19. 

Stumpf , A.  S.,  Baierns  politische  Geschichte.  I.  München  1816.  Mit  Urkunden- 
buch. 

W.  A.  = Luthers  Werke.  Kritische  Gesamtausgabe.  W'eimar  1883  ff. 

Weller,  E.,  Repertorium  typographicum.  (=  G.  W.  Panzer,  Annalen.  III.) 
Nördlingen  1864. 

Wette,  G.  A.  de.  Historische  Nachrichten  von  Weimar.  Weimar  1737 — 39. 


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XII 


Sonstige  Abkürzungen. 


Wette,  de,  I— VI,  = Martin  Luthers  Briefe,  Sendschreiben  und  Bedenken. 
I— V.  bearb.  von  W.  M.  L.  de  Wette.  VI.  bearb.  von  J.  K.  Seidemann. 
Berlin  1825—28.  1856. 

Wilhelm,  Lorenz,  ßeschreibnng  der  Stadt  Zwickau.  Zwickau  1633. 

■ Wille,  J.,  Philipp  der  Großmütige  von  Hessen  und  die  Restitution  Ulrichs  von 
Wirtemberg  1526 — 35.  Tübingen  1882. 

Winckelmann,  O.,  Der  Schmalkadische  Bund  1530—1532  uud  der  Nürn- 
berger Religionsfriedc.  Straßburg  1892. 


Sonstige  Abkürzungen. 

Alle  mit  Loc.  beginnenden  Citate  entstammen  dem  Königl.  Sachs.  Haupt- 
staatsarchive zu  Dresden,  alle  mit  Reg.  beginnenden  dem  Sachsen-Emestinischen 
Gesaratarchive  zu  Weimar,  D.  = Datum,  E.  Gn.  = Euer  Gnaden,  E.  L.  *=■  Euer 
Liebden,  £.  = Fürst  und  Fürstlich,  fr.  = freundlich,  G.  = Gegeben,  gf.  — 
Graf,  gn.  = gnädig,  Hdbf.  = Handbrief,  eigenhändiges  Original,  hz.  •->  Herzog, 
I.  = Ihr,  kf.  ■=  Kurfürst  und  Kurfürstlich,  Konz.  = Konzept,  1.  = lieber,  m ■= 
mein,  m.  gn.  h.,  m.  gn.  f.  -=  mein  gnädiger  herr,  meine  gnädige  Frau,  Or.  ■= 
Original,  rt.  = reichstag,  S.  Gn.,  S.  L.  = Seine  Gnaden.  Seine  Liebden,  utg.  = 
untertänig. 


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Kajjitel  I. 

Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 

Wer  nach  (iründen  sucht,  weshalb  in  Norddeutschland  die 
Hohenzollern  und  nicht  die  Wettiner  zur  Vorherrschaft  {'elangt 
sind,  der  wird  bei  aller  Bedeutung,  die  er  dem  AVirken  einzelner 
genialer  Herrschernaturen  zuschreiben  mag,  doch  auch  nicht  umhin 
können,  hervorzuheben,  daß  12  .Jahre,  nachdem  die  Dispositio 
Achillea  der  Teilungsmöglichkeit  des  hohenzollernschen  Besitzes 
gewisse  Grenzen  gesteckt  hatte,  die  Wettiner  Ernst  und  Albrecht 
sich  nach  24-jähriger  gemeinsamer  Kegierung  entschlossen,  den 
testamentarischen  Bestimmungen  ihres  Vaters  widersprechend,  ihre 
Besitzungen  untereinander  zu  teilen.  Da  nicht  wieder,  wie  in 
früheren . ähnlichen  Fällen , ein  günstiges  Ge.schick  eine  baldige 
Wiedervereinigung  des  ganzen  Besitzes  herbeiführte,  wurde  diese 
Teilung  zu  einer  dauernden.  Noch  verstärkt  aber  wurden  ihre 
verhängnisvollen  Wirkungen  dadurch,  daß  nicht  zwei  Gebiete  ge- 
schaffen worden  waren,  deren  jedes  eine  selbständige  Existenz 
zu  führen  im  stände  war,  sondern  daß  beide  Linien  an  fast  sämt- 
lichen Besitzungen  des  Hauses  Anteil  erhalten  hatten,  so  daß  ein 
scherenförraiges  Gebilde  entstanden  war,  zwischen  dessen  beiden 
Gliedern  es  an  Reibungen  nicht  fehlen  konnte.  Bestimmt,  die  Ab- 
surdität der  Teilung  zu  zeigen,  diente  diese  durch  Mitglieder  der 
[.andschaft  veranlaßte  verzwickte  Grenzgestaltung ‘)  tatsächlich  nur 
dazu,  eine  sich  in  den  nächsten  Jahrzehnten  immer  steigernde 
Feindseligkeit  zwischen  beiden  Linien  zu  erzeugen,  die  schließlich 
im  schmalkaldischen  Kriege  zu  einer  gewaltsamen  Regulierung  zu 
Gunsten  der  jüngeren  Linie  führte.  Schon  deren  Ahnherr,  Albrecht 

1)  Vpl.  Brand  eil  bürg,  Moritz  von  Sach.«en,  I,  S.  4 f. 

Bdlräice  *ur  neueren  GescbU'btc  Tbüringens  1. 


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2 


Kapitel  I. 


der  Beherzte,  hatte  auch  die  richtige  politische  Erkenntnis  besessen, 
daß  jede  weitere  Teilung  seines  Hauses  eine  weitere  Schwächung 
bedeute,  und  ein  Erbfolgegesetz,  das  dem  entgegen  wirken  sollte, 
erlassen.  Bei  den  Ernestinern  hat  es  noch  Jahrhunderte  gedauert, 
bis  sie  sich  zu  dieser  Höhe  politischer  Weisheit  aufschwangen,  doch 
hatten  nach  dem  Tode  Emsts,  des  Gründers  der  älteren  Linie, 
seine  beiden  Söhne  Friedrich  und  Johann  wenigstens  für  sich  per- 
sönlich die  Teilung  vermieden,  und  auch  wenn  Friedrich  der  Weise 
sich  entschloß,  auf  eigenes  Eheglück  zu  verzichten,  so  wird  der 
Grund  dafür  vielleicht  nicht  nur  in  getäuschten  Hoffnungen  oder  in 
der  Liebe  zu  Anna  Weller  zu  suchen  sein,  .sondern  auch  in  der 
Erkenntnis,  daß  eine  weitere  Gebiets-  und  Machtzersplitterung  bei 
Begründung  zweier  Linien  unvermeidlich  sei.  Er  überließ  also 
seinem  Bruder  Johann  die  Fortpflanzung  des  Hauses,  und  es  ist 
daher  begreiflich,  daß  die  Freude  am  Torgauer  Hofe  groß  war,  als 
diesem  nach  mehrjähriger  Ehe  am  :K).  Juni  1.50i5  ein  Sohn  geboren 
wurdet).  Da  die  Mutter.  Sophie  von  Mecklenburg,  schon  am  12.  Juli 
desselben  Jahres  starb  ^),  ruhte  auf  ihm  viele  Jahre  lang  die  Zu- 
kunft des  ernestinischen  Hauses. 

Man  hatte  dem  Prinzen  in  der  Taufe  den  Doppelnamen  Johann 
Friedrich  verliehen,  und  es  ist  wohl  glaublich,  daß  darin  zum  Aus- 
druck kommen  sollte,  daß  er  gewissermaßen  zwei  Väter  habe,  daß 
er  zum  Erben  sowohl  seines  Vaters  Johann,  wie  seines  Onkels 
Friedrich  be.stimmt  sei  *).  Tatsächlich  wird  man  wohl  eher  seinen 
Vater  als  seinen  Onkel  in  ihm  wiederfinden,  und  wenn  er  ihn  an 
Hartnäckigkeit  und  Eigensinn  noch  übertraf,  ja,  wenn  er  auch  von 
Anwandlungen  von  Jähzorn  nicht  ganz  frei  war,  so  ist  darin  viel- 
leicht ein  Erbteil  seiner  Mutter  zu  sehen,  über  die  uns  zwar  so  gut 
wie  nichts  überliefert  ist'*),  die  aber  doch  die  Schwester  einer  Anna 
von  Hessen  und  einer  Katharina  von  Sach.sen  war.  Jeder  persön- 
liche Einfluß  Sophies  auf  ihren  Sohn  wurde  allerdings  durch  ihren 
frühen  Tod  unmöglich  gemacht,  und  so  erhielt  er  eine  im  wesent- 
lichen männliche  Erziehung.  Wenn  nun  auch  die  Personen,  die 


1)  Posse,  Die  Wettiner,  Tafel  7,  No.  9. 

2)  Ebeiafa  Tafel  7,  No.  C. 

3)  lS|)äter  gab  das  zu  allerhand  poetischen  und  philosophischen  Betrach- 
tungen Anlaß.  Vgl.  Euricius  Cordus,  Epigranimata,  über  VI,  S.  185. 

‘1)  Berbig,  Die  (reinahlinncn  der  liegouteu  des  gothaischeu  Landes,  8.  8 fl. 
Dort  auch  ihr  Bildnis. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


3 


ihn  aus  der  Taufe  hoben,  der  Landvogt  zn  Sachsen  Heinrich 
Loser,  der  Pfarrer  zu  Torgau  Magister  Koberger,  und  Anna  Metzsch, 
die  Witwe  des  Kaspar  Metzsch*),  auf  eine  gewisse  bürgerliche 
Einfachheit  der  Hoflialtung  Johanns  schließen  lassen  könnten,  so 
wurde  es  andererseits  doch  für  notwendig  gehalten,  dem  jungen 
Prinzen  sofort  eine  Art  Hofstaat  einzurichten.  Ein  thüringischer 
Adliger,  Ernst  von  Isserstedt-),  wurde  zu  seinem  Hofmeister 
ernannt,  ein  Diener  Dietz,  eine  Frau  und  ein  Kindermädchen 
standen  ihm  zur  Seite,  während  die  Amme  Barbara  die  Nahrungs- 
bedürfnisse des  Knaben  befriedigte '’).  Aus  einigen  erhaltenen 
Rechnungen  geht  hervor,  daß  über  die  Ausgaben  im  Gemach  oder 
, Frauenzimmer“  des  jungen  Herrn  sogar  besonders  Huch  geführt 
wurde*).  Anscheinend  hat  er  die  ersten  Jugeudjahre  in  Torgau 
und  Lochau  zugebracht  und  die  vielfachen  Reisen  seines  Vaters 
nicht  mitgemacht.  1.t08  wurde  er  in  Wittenberg  vorgestellt.  An 
schmeichlerischen  Begrüßungen  des  künftigen  Landesherrn  fehlte 
es  nicht,  doch  werden  wir  aus  den  schwungvollen  lateinischen 
Versen  des  Sibutius®)  wohl  kaum  etwas  Positives  über  Johann 
Friedrichs  damaliges  Wesen  und  seine  äußere  Erscheinung  ent- 
nehmen können.  — 

Dem  Wert,  den  sowohl  Friedrich  der  Weise  wie  Johann  auf 
die  Studien  legten  und  den  sie  ja  eben  durch  die  Gründung  der 
Universität  Wittenberg  zum  Ausdruck  gebracht  hatten,  entsprach 
es,  wenn  sie  auch  dem  Erben  ihrer  Staaten  eine  klassische  Bil- 
dung zu  geben  wünschten.  Der  Kurfürst,  der  den  Prinzen  wohl 
gelegentlich  in  Briefen  an  Johann  als  „unsren  Sohn“  oder  als 
-E.  L.  und  meinen  Sohn“  bezeichnet®),  ließ  sich  selbst  die  Wahl 
eines  geeigneten  Lehrers  angelegen  sein.  Daß  dabei  von  vornherein 


1)  (Joth.  Bibi.  Cod.  chart.  fol.  V>2,  Bl.  287.  .1.  G.  Müller,  Jugendliche 
Oeschichte  Johann  Friedrichs,  8.  7. 

2)  In  den  Akten  steht  Eysserstädt.  Da  nur  eine  bayrische  Familie  Eiser- 
stetten  liekannt,  dagegen  ein  Emst  von  Isserste<it  1483  bezeugt  ist  (Krön fei d , 
Landeskunde,  II,  8.  272),  wird  wohl  dieser  gemeint  sein.  (Ich  verdanke  diesen 
Hinweis  Herrn  Dr.  Gritzner  in  Weimar.) 

3)  Reg.  Bb.  4185.  4188. 

4)  Reg.  Bb.  5138.  5139. 

5)  Ad  illustris.s.  8a.xoniae  Princii)cm,  magnificentis.  ducis  loannis  filium 
pro  prinio  .suo  adventu  in  urbera  Albiorenam  Georgii  Sibuti  . . . carmen  et 
licprecatorium  j)ro  prospera  valctudiue.  Impr.  Albiburgii  1508. 

6)  z.  B.  Förstemann,  Neues  Urkundenbuch,  ,8.  4.  R T I,  67fi. 

1* 


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4 


Kiipitel  I. 


die  Absicht  bestand,  der  neuen  liumanistischen  Richtung  Rechnung 
zu  tragen,  kam  darin  zum  Ausdruck , daß  man  sich  an  den  ange- 
sehenen Mutianus  Rufus  in  Gotha  um  Rat  wandte.  Voll  .lubel 
konnte  dieser  im  Herbst  1508  an  Ilerebord  v.  d.  Marthen  melden, 
daß  unter  vielen  Kandidaten  der  von  ihm  vorgescblagene  Spalatin 
den  Sieg  davongetragen  habe.  Für  sich  und  seinen  ganzen  Kreis 
knO])fte  er  die  glänzendsten  Hoffnungen  an  die.se  Beförderung  seines 
Freundes.  Dieser  selbst  war  weniger  erbaut,  nur  ungern  vertauschte 
er  das  stille  Waldtal  von  Georgenthal  mit  dem  gefährlichen  Boden 
des  Hofes,  und  es  bedurfte  dringender  Ermahnungen  seiner  älteren 
Freunde,  um  ihn  zum  Antritt  seiner  Stelle  zu  bestimmen*).  Um 
Michaelis  1508  scheint  er  .sich  an  den  Hof  begeben  zu  haben,  den  Un- 
terricht bei  dem  Prinzen  hat  er  aber  jedenfalls  erst  15UÖ  begonnen  ■). 
Als  Sold  waren  ihm  jährlich  20  Ü.  ausgesetzt,  außerdem  zweimal  jähr- 
lich ein  neues  Kleid.  Zusammen  mit  dem  Prinzen  sollten  sechs  adlige 
Knaben  erzogen  werden.  Von  ihnen  hat  sich  bis  jetzt  nur  einer. 
Wolf  von  Hirschfeld,  namentlich  feststellen  lassen*),  doch  möchte 
man  vermuten,  daß  mancher  der  später  so  einflußreichen  Räte 
und  Freunde  .lohann  Friedrichs  schon  seine  Jugend  mit  ihm  verlebt 
habe  ').  Auch  über  die  Erziehungsweise  Spalatins  wissen  wir  bisher 
leider  nicht  allzu  viel.  Wenn  Mutian  in  dem  erwähnten  Briefe  den 
Herebord  um  die  Fabeln  des  Laureucius  Abstemius  *)  und  um  Plutarchs 
Buch  über  Kiudererziehung  ®)  bat,  wenn  er  also  auch  selbst  sich 
jetzt  mit  Pädagogik  beschäftigte,  so  liegt  die  Vermutung  nahe,  daß 
er  dem  jungen  Prinzenerzieher  mit  seinem  Rate  zur  Seite  stehen 
wollte.  Jedenfalls  hat  er  die  Tätigkeit  Spalatins  auch  weiterhin 
mit  Interesse  verfolgt,  freudig  berichtet  er  am  17.  Januar  1500  von 
dem  vorzüglichen  Eindruck,  den  dieser  am  Hofe  gemacht  habe’), 
bald  aber  batte  er  dann  gegen  eine  gefährliche  Mißstimmung,  die 
sich  des  Freundes  bemächtigt  hatte,  zu  kämpfen.  Spalatin  war 
mit  dem  Hofe  nicht  so  zufrieden,  wie  der  Hof  mit  ihm,  er  fühlte 
sich  dort  nicht  an  seinem  Platze,  kam  sich  wie  eine  Verbannter 

1)  MutiaiiH  BripfwechsG,  ed.  Gillert  I,  147  ff. 

2)  Nach  seinem  eigenen  Zeugnis  Keg.  O.  No.  155  z.  .f.  1.509. 

3)  V'ergl.  G.  V.  Hirachfeld  in  den  Ueiträgen  zur  siirlis.  Kirchengcsch.  II, 
154  nach  dem  Maniiskr.  Spalatins  in  der  Weira.  Kibl.  fol.  219,  S.  3.5/3Ö,  170. 

4)  Vergl.  auch  S.  12. 

5)  Vergl.  Hain,  Kep.  bibl.,  No.  26. 

6)  Ue  hbcri.s  eciucandi».  Hain,  No.  13134. 

7)  Gillert  1,  164  f. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermahlung.  5 

vor.  körperliche  Beschwerden  gesellten  sich  hinzu,  vor  allem  fand 
er  in  seiner  eigentlichen  Aufgabe  nicht  die  erwünschte  Befriedigung. 
Er  hatte  bei  seinem  Erziehungswerk  keine  vollkommen  freie  Hand 
und  geriet  bald  in  Differenzen  mit  dem  alten  Hofmeister  de.s  Prinzen, 
unter  dem  wir  jedenfalls  niemand  anders  als  Ermst  von  Isserstedt 
werden  zu  verstehen  haben.  Nun  mag  dieser  ja  ein  etwas  eigen- 
sinniger und  pedantischer  Herr  gewesen  sein,  auch  gehörte  er 
vielleicht  zu  einer  Partei  am  Hofe,  die  auf  die  Gelehrten  und  die 
Geistlichen  mit  Geringschätzung  herabsah:  einen  großen  Teil  der 
Schuld  an  dem  Konflikte,  der  schon  l.öOS)  zu  fast  völligem  Bruche  ge- 
führt zu  haben  scheint,  trug  doch  auch  Si>alatin.  Auch  er  wollte  mit 
dem  Kopf  durch  die  Wand  und  ohne  Kücksicht  auf  ihre  künftigen 
Aufgaben  und  ihre  Gesundheit  seine  Zöglinge  zu  jungen  Gelehrten 
machen.  Mit  Recht  .setzten  Mutian  und  Urban  ihm  in  ihren  Briefen  aus- 
einander, daß  so  vornehme  Knaben  nicht  nur  Latein  und  Moral  lernen 
müßten,  sondern  auch  ein  ihrer  Stellung  entsprechendes  Benehmen, 
auch  sei  für  Lehrer  wie  Schüler  Erholung  und  Bewegung  im  Freien 
zwischen  der  Arbeit  von  Nutzen.  Wenn  Spalatin  an  seinen  bis- 
herigen Grundsätzen  festhalte,  sei  es  nicht  zu  verwundern,  wenn 
die  Knaben  sich  mehr  zu  dem  Hofmeister  hingezogen  fühlten,  der 
in  ihrer  Gegenwart  auch  einmal  lache,  als  zu  ihm  *). 

Vollen  Erfolg  scheinen  auch  diese  Ermahnungen  noch  nicht 
gehabt  zu  haben,  Mutian  mußte  sich  selbst  an  den  Hof  begel)en, 
um  zum  Rechten  zu  sehen.  Er  fand  Spalatin  in  miserabler  Laune, 
.Tohann  F'riedrich  machte  ihm  einen  vortrefflichen  Eindruck,  der  Hof- 
meister erschien  ihm  als  ein  wackerer,  aber  etwas  mürrischer,  der 
Wissenschaft  abgeneigter  Mann,  dagegen  fand  er  bei  den  fürst- 
lichen Brüdern  das  beste  Verständnis  für  seine  Ratschläge.  Fried- 
rich der  Weise  äußerte  die  Absicht,  .seinen  Neffen  nach  Wittenberg 
zu  schicken,  wo  dann  S]>alatin  mit  ihm  zusammen  studieren  könne*). 
Daraus  ist  wohl  nichts  geworden,  lölü  finden  wir  Lehrer  und  Schüler 
in  Ei.senach  *). 

Allmählich  scheint  Spalatin  doch  in  eine  etwas  ruhigere  Stimmung 
gekommen  zu  sein,  somst  würde  er  wohl  nicht  bis  zum  Herbst  1511 
ausgehalten  haben;  allgemein  beneidete  man  ihn  um  seine  Stellung 

üillert  I,  S.  Iö8  ff.  228. 

2)  Ebcuda  S.  25;t. 

3)  Ebenda  II,  S.  36.1.  Vergl.  über  Spnlatins  Lehrtätigkeit  auch  Seel  heim, 
Georg  Spalatin  als  sachs.  Historiograph,  S.  1.1  ff. 


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6 


Kapitel  I. 


und  Johann  Friedrich  um  einen  solchen  Lehrer’).  Auch  dieser 
selbst  soll  später  sejn  Bedauern  darüber  ausgesprochen  haben,  daß 
er  nicht  noch  länger  den  Unterricht  Spalatins  genossen  habe*). 
Leider  können  wir  über  die  Art  dieses  Unterrichts,  abgesehen  von 
den  schon  erwähnten  mehr  äußerlichen  Punkten,  kaum  etwas  sagen. 
Nur  ein  Bücherankauf  für  den  Prinzen  fällt  noch  in  die  Zeit  der 
Erziehungstätigkeit  Spalatins:  auf  der  Leipziger  Ostermesse  l.oll 
wurde  ein  jedenfalls  für  den  Religionsunterricht  bestimmtes  „Seelen- 
gärtlein“  gekauft  ■'’). 

Aber  im  ganzen  zeigte  sich  doch  immer  mehr,  daß  Spalatin 
nicht  der  geeignete  Mann  war,  um  sich  mit  so  elementaren  Dingen, 
wie  dem  Unterricht  eines  achtjährigen  Knaben,  mochte  dieser  auch 
zu  den  besten  Hoffnungen  berechtigen  ’),  zu  l)eschäftigen.  Wohl  war 
er  schon  seit  lölO  im  Aufträge  des  Kurfürsten  historiographisch 
tätigt),  wohl  übersetzte  er  für  diesen  lateinische  Schriftstücke:  als 
im  Herbst  l.öll  die  Neffen  des  Kurfürsten,  Otto  und  Ernst  von  Lüne- 
burg, die  Universität  Wittenberg  bezogen,  erschien  es  doch  als  ein 
erwünschter  .\usweg  aus  allen  Schwierigkeiten,  ihnen  Spalatin  als 
Begleiter  mitzugeben.  „Es  hatte  sich  erwiesen,  daß  der  junge 
Prinz  für  die  Spalatinsche  Erziehung  noch  zu  jung  sei““).  Nur 
dies  werden  wir  als  Grund  der  Entfernung  Spalatins  annehmen 
dürfen,  denn  wenn  er  auch  noch  am  21b  Mai  1.Ö12  über  die  Feinde 
der  Wissenschaft  am  Hofe  klagt  ’),  .so  haben  wir  doch  keine  genügen- 
den Beweise  dafür,  um  auzuuehmen,  daß  er  einer  Adelspartei  habe 
weichen  müssen,  die  wünschte,  daß  der  junge  Herzog  nicht  zu  viel 
lerne,  dagegen  ist  es  nicht  ausgeschlos.sen,  daß  die  Kämpfe  zwischen 
Spalatin  und  Isserstedt  in  den  Aeußerungen  Luthers  in  den  Tisch- 
reden ihren  schließlichen  Niederscldag  gefunden  haben  “).  Von 
einem  Siege  der  Gegner  der  Wissenschaft  kann  auch  schon  des- 
wegen nicht  die  Rede  sein,  weil  ilie  Erziehung  Johann  Friedrichs  ja 
ganz  in  dem  bisherigen  Sinne  weiter  geführt  wurde.  Allerdings 

1)  Scheu rl,  Bridbuch,  I.  65,  76  f. 

2)  Cordatus,  Tagebuch,  No.  1609. 

3)  Hortulus  aniiimc  Keg.  Kb.  1212. 

4)  Als  optimae  s|x>i  princi|)eni  liezeichnet  Spalatin  den  Prinzen  in  einem 
Briefe  an  laing  vom  20.  April  1512.  (ioth.  Bibi.  Cod.  chart.  399,  fol.  272  ff. 

5)  Keg.  O.  No.  155. 

6)  Schciirl  a.  a.  O.  1,  91. 

7)  In  dem  Briefe  an  Lang. 

8)  Cord  at  US,  No.  671,  1609.  Försteman  n , Luthers  Tischreden,  IV,  474. 


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.Tugend,  Erziehung,  Vermählung. 


7 


war  es  nicht  ganz  leicht,  einen  geeigneten  Ersatz  für  Spalatin  zu 
finden.  Sein  nächster  Nachfolger,  Magister  Kaspar  Lichtem  (■/), 
wurde  noch  in  demselben  Jahre  durch  Kaspar  Rot  aus  Oelsnitz 
ersetzt.  Auch  dieser  aber  scheint  keinen  Beifall  gefunden  zu  haben, 
und  erst  1.Ö12  fand  man  dann  an  Magister  Alexius  Krosner  aus 
Colditz,  der  sich  daher  nach  der  Sitte  der  Zeit  Colditius  nannte, 
eine  brauchbare  Persönlichkeit ').  Einer  der  erstgenannten  wird  es 
gewesen  sein,  der  veranlaßte,  daß  am  2f).  November  1511  für  den 
Prinzen  die  12  Bücher  Donats*),  ein  Remigius^)  und  ein  Alexander^) 
gekauft  wurden ‘);  der  wahrscheinlich  schon  von  Spalatin  be- 
gonnene lateinische  Unterricht  wurde  also  eifrig  fortgesetzt.  Reich- 
licher fließen  unsere  Quellen  erst,  nachdem  Krosner  seine  Tätigkeit 
begonnen  hatte*).  Er  scheint  nicht  mit  solchen  Schwierigkeiten 
zu  kämpfen  gehabt  zu  haben  wie  Spalatin,  denn  Isserstedt  war 
am  27.  November  1511  mit  einem  Jahrgeld  von  30  fl.  und  2 Maltern 
Korn  pensioniert  worden  ’),  und  sein  Nachfolger  in  der  Hofmeister- 
steile,  Heinrich  von  Bünau*),  scheint  den  neuen  Erzieher  frei 
haben  schalten  und  walten  zu  lassen. 

Auch  Krosner  war  humanistisch  gebildet,  auch  er  scheint  sich 
zunächst  ein  etwas  hohes  Ziel  gesteckt  zu  haben,  denn  die  Ge- 
dichte, die  er  1513  an  den  Prinzen  richtete,  nahmen  doch  auf 
des.sen  Jugend  etwas  gar  zu  wenig  Rücksicht,  und  auch  die  Gründe, 
mit  denen  er  ihn  von  der  Notwendigkeit  der  Erlernung  des 
Griechischen  zu  überzeugen  suchte,  werden  auf  den  Knaben  schwer- 
lich einen  großen  Eindruck  gemacht  haben  ■').  Immerhin  wurde 
auch  mit  dem  Griechischen  mutig  begonnen,  wie  uns  das  uns  er- 
haltene Schulheft  Johann  Friedrichs  aus  dem  Jahre  1513  zeigt  ‘®). 

1)  Nai-h  einer  Notiz  in  Neudeckers  Nachlaß  in  der  Ooth.  Bibi.  Cod.  chart. 
A 1289,  2 fol.  85. 

2)  Doch  wohl  die  Ars  gramnmtica,  sie  hat  allerdings  nur  3 Bücher. 

3)  Itemigius  per  figuras  oder  die  Regulae,  Vergl.  Hain,  Repertorium, 
No.  138.56  ff.  J.  Müller,  Quellenschriften,  S.  259. 

4)  Wahrscheinlich  Alexander  de  Villa  Dei.  Vgl.  Köstlin,  Luther,  P,  S.  36. 

5)  Reg.  Bb.  4214. 

6)  Leber  seine  frühere  Geschichte  vergl.  Bauch  in  der  Zeitschr.  f.  Kirchen- 
gö«h.,  Xnil,  402. 

7)  R^.  Bb.  4215.  4223.  Bis  1.520  hat  er  dies  Jahrgeld  noch  genossen. 

8)  Zuerst  Dezember  1513  genannt  mit  einem  jährlichen  Sold  von  50  fl. 
Reg.  Bb.  4238. 

9)  Gedruckt  in  J.  G.  Müllers  Jugendl.  Gesch.,  S.  35 — 38. 

10)  Weim.  Bibi.  Msc.  Q.  IS*. 


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8 


Kapitel  I. 


Die  Ansprüche,  die  der  Lehrer  dabei  an  seinen  Zögling  stellte, 
waren  allerdings  sehr  gering.  Nachdem  der  Prinz  das  griechische 
Alphabet  mit  einigen  lateinischen  Erläuterungen  über  die  Quantität 
der  Vokale  niedergeschrieben  hatte,  wurde  zur  Aufzeichnung  einiger 
’Awoyt^^iiata  twv  'EXXy]vu)v  in  griechischer,  lateinischer  und  deutscher 
Sprache  übergegangen , es  folgte  ein  kurzer  Abschnitt  über  die 
Accente,  und  dann  hieß  es  bereits  t4Xo?  töjv  YpaiijjiaTov  eXXrjvov  (!). 
Danach  reihten  sich  als  weitere  Uebungsstücke  jedoch  noch  das 
Vater  Unser  und  der  Englische  Gruß  griechisch  und  lateinisch  an. 
Schwerlich  wird  Johann  Friedrich  von  diesen  „Rudimeuta  Graecanica“ 
allzu  viel  Nutzen  gehabt  haben. 

Den  zweiten  Teil  des  Schulheftes  bildet  eine  deutsch-lateinische 
Spruch-sammlung:  Dicteria,  ex  quam  plurimis  auctoribus  Latinis 
collecta,  in  der  alte  Griechen  und  Römer,  Kirchenväter  und 
Humanisten  friedlich  nebeneinander  stehen , Hieronymus  neben 
Buschius  und  Bebelius,  Colditius  und  Joannes  Fridericus  neben 
Solon  und  Terenz.  Johann  Friedrich  selbst  figuriert  mit  den 
Sprüchen:  Virtus  et  ars  praecellit  omnes  gemmas  et  aurum,  Tugend 
und  Kunst  übertrefTend  alle  edelgstein  und  Golt  und  foelices  omnes 
homines,  qui  humiles  sunt.  Selig  sein  alle  Menschen,  die  demütig 
sein.  Im  übrigen  ist  bei  der  Auswahl  der  Sprüche  eine  Rücksicht 
auf  den  künftigen  Beruf  des  Prinzen  unverkennbar,  schon  mitten 
in  der  griechischen  Grammatik  findet  sich  der  Satz : Ain  furst  und 
edel  niensch  sal  nummer  verge.ssen  rumlicher  und  redlicher  thate, 
er  esse  odir  spil,  sonder  sal  alezeit  enczwar  selb.st  eczwas  grosses 
tliun  odir  der  ihenen  gedencken,  die  redlich  that  gethan  haben. 

Sjiäter  scheint  sich  dann  der  Unterricht  auf  die  Behandlung 
eines  einzelnen  Schriftstellers  beschränkt  zu  haben,  und  das  konnte 
kaum  ein  amlerer  sein  als  Terenz.  Der  Prinz  mußte  zunächst 
dessen  Vita  niederschreiben,  dann  eine  kurze  Abhandlung  de 
comoedia,  (juid  ipsa  sit  und  endlich  deutsch  das  Argumentum  Andrie, 
daran  schloß  sich  dann  die  Lektüre  dieses  Stückes,  denn  unter 
dem  Titel : Sententiae  et  orationes  ex  Terencio  deceri>te  erhalten  wir 
nun  eine  Art  Präparationsheft  oder  eine  Phrasensammlung  zur 
Andria. 

Von  Terenz  ging  man  zu  Ciirtius  Rufus  über.  Aus  dessen 
sechstem  Buche  wurde  die  liCgatio  Scytharuin  ad  Alexandrum 
Magnum  ut  a bello  contra  eos  suscepto  desistat  al)gcschrieben,  mit 
allerhand  Bemerkungen  versehen  und  ins  Deutsche  übersetzt. 


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Jugend,  Erziehung,  Vernnihlung. 


9 


Die  nächste  Stufe  bildeten  Fabeln  Aeso]»s  in  der  Ueber- 
setzung  des  Laurentius  Valla').  Daran  reihte  sich  endlich  als  Ab- 
schluß des  Heftes  die  lateinische  Confessio  des  Prinzen,  in  die  die 
fünf  Sinne,  die  sieben  Todsünden  und  die  zehn  Gebote  in  deutscher 
Sprache  eingereiht  wurden. 

Bei  aller  Reichhaltigkeit  des  hiermit  zergliederten  interessanten 
Büchleins  wäre,  da  Colditz  bis  1.^19  als  Erzieher  Johann  Friedrichs 
tätig  war,  es  doch  etwas  dürftig,  wenn  wir  in  ihm  den  Nieder- 
schlag seines  gesamten  Unterrichtes  zu  sehen  hätten.  Mit  Ver- 
gnügen werden  wir  daher  noch  ein  zweites  Aktenstück  heranziehen, 
das  uns  erfreulichere  Ausblicke  auf  die  Bildung,  die  dem  Prinzen 
zu  teil  wurde,  erölfnet.  Im  Jahre  1.Ö19,  als  Colditz  seine  Stellung 
bei  Johann  Friedrich  verließ,  wurde  ein  Inventar  aller  Kleinodien, 
Kleider  und  anderen  Habe  des  Prinzen  aufgenoinmen*),  in  ihm  er- 
halten wir  auch  ein  Verzeichnis  der  Bücher,  die  sich  damals  in 
seinem  Besitz  befanden,  und  er  verfügte  doch  immerhin  schon  über 
19  lateinische  und  18  deutsche  Bücher.  Allerdings  wurden  dazu 
gerechnet  auch  ein  von  dem  Prinzen  selbst  gesebriebenes  Tirociuium 
optimi  principis  und  die  uns  schon  bekannten  Kudimenta  Graecanica. 
Auch  in  den  „praecepta  grammatica  lateinisch  und  grekisch  von 
Mro.  Alexio  Crosnero  Coldicio  gemacht“,  in  den  ,,eleinenta  Principis“ 
und  in  einem  „vocabularius“  haben  wir  wohl  eher  Schreibhefte  als 
Bücher  zu  sehen.  Terenz  ist  in  einer  großen  und  einer  kleinen 
Au.sgabe  vertreten,  daneben  sind  aufgeführt  die  institucio  Christiani 
principis  von  Erasmus,  die  epi.stolae  des  Libanius.  die  institucio  des 
Aldus,  die  Grammatik  des  Brassikanus,  dagegen  scheinen  Donat, 
Remigius  und  Ale.xauder  inzwischen  verloren  gegangen  zu  sein. 
Unter  den  deutschen  Büchern  steht  „Der  I’ürsten  Regel"  an  erster 
Stelle,  ferner  sind  Livius  und  Terenz  in  deutscher  Ueber.setzung 
vorhanden;  Vegecius’  Buch  von  der  Kriegskunst,  der  Parzival. 
das  Heldenbuch,  eine  türkische  Chronik  und  ein  Fechtbüchlein 
zeigen,  wohin  sonst  die  Interessen  des  Prinzen  gingen.  Alle  übrigen 
Bücher  sind  religiösen  Inhalts  und  werden  uns  später  noch  zu  be- 
schäftigen haben. 

Auch  mit  den  angeführten  sind  jedoch  die  Bücher  nicht  er- 
schöpft, die  durch  die  Hände  des  Prinzen  gegangen  sind,  denn 

1)  Hain,  No.  320—323. 

2)  Reg.  L>.  148.  Ich  bringe  dies  interessante  istück  unter  den  Aktenstücken 
unter  No.  1 zum  Abdruck,  gebe  dort  mich  die  nötigen  Erlänternngen. 


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10 


Kapitel  I. 


Michaelis  1515  wurde  für  ihn  ein  Tristan  gekauft'),  zu  Neujahr 
1516  außer  dem  Titus  Livius  drei  Almanache  und  ein  deutscher 
Amandus*),  zu  Ostern  desselben  .lahres  ein  Textus  sententiarum*) 
und  ein  Rationale  divinorum^)  und  etwa  um  dieselbe  Zeit'’)  ..ein 
Buch,  die  alte  Weise  genannt,  mitsamt  der  Beichte“  ®),  der  Rosen- 
kranz ^ und  die  polnische  Schlacht“).  Schon  in  seiner  .lugend 
scheint  also  .Johann  Friedrich  die  Vorliebe  für  das  Sammeln  von 
Büchern  gehabt  zu  haben,  die  ihm  daun  sein  Leben  lang  treu  ge- 
blieben ist,  schon  jetzt  finden  wir  neben  den  Klassikern  Bücher, 
die  ein  gewisses  Interesse  für  das  Rittertum,  für  Zeitereignisse 
und  für  religiöse  Erbauung  bekunden. 

Sicher  war  dem  Prinzen  Gelegenheit  gegeben,  allerhand  zu 
lernen,  Colditz  scheint  aber  keine  großen  pädagogischen  Fähig- 
keiten besessen  zu  haben,  wenigstens  hat  sein  Unterricht  in  der 
Erinnerung  des  Prinzen  selbst  keinen  guten  Eindruck  hinterlassen, 
Johann  Friedrich  scheint  der  Meinung  gewesen  zu  sein,  daß  der 
Lehrer  ihn  etwas  strenger  hätte  behandeln  müssen  “).  An  Gehalt 
erhielt  Colditz  jährlich  40  fl.'®),  dazu  noch  gelegentliche  Extragaben  "). 
Neben  ihm  war  ein  Baccalaureus  für  4 fl.  Sold  tätig  **),  des.sen  Namen 
ich  aber  nicht  habe  feststellen  können.  Ob  der  Unterricht  Johann 
Friedrichs  auch  jetzt  noch  von  anderen  Knaben  geteilt  wurde,  läßt 
sich  auch  nicht  mit  voller  Sicherheit  angeben.  Hirsclifeld  war  jeden- 
falls schon  1513  ausgeschieden  "’).  doch  werden  noch  Neujahr  1514 


1)  Rc)r.  Bb.  4252.  Die  I^esart  ist  nicht  ganz  sicher. 

2)  Vielleicht  Amadis? 

3)  Ob  sequentiamm  textus?  Hain,  No.  14(582  ff. 

4)  Reg.  Bb.  4200.  Jedenfalls:  Duranti,  Rationale  divinoruni  officiorum. 
Hain,  No.  64(51  ff.  Ein  Handbuch  der  Liturgik. 

6)  Reg.  Bb.  1269. 

6)  Vielleicht  auch  ein  liturgisches  Buch. 

7)  Ein  Roscnkrantz  von  unser  lieben  frauen.  Welche  Ausgabe  gemeint 
ist,  läßt  sich  nicht  bestimmen. 

8)  Die  Bchlaclit  von  dem  Kunig  von  Poln  un  mit  dem  Moscowiter  gescheen 
am  tag  Marie  gepurt  MCCCCCXIIII.  Weller,  No.  8bl. 

9)  non  est  bene  de  me  meritus,  Cordatus  a.  a.  O.,  No.  1009. 

10)  Reg.  Bb.  4238.  4280. 

11)  z.  B.  bei  seiner  ersten  Messe  am  1.  Juni  1517  zu  Weimar  20  fl.  Reg.  Bb.  4268. 

12)  Reg.  Bb.  4238,  auch  er  erhielt  bei  seiner  ersten  Messe  in  Zwickau  am 
2.5.  April  1518  ein  Geschenk  von  10  fl.  Rig.  Bb.  4277. 

1.3)  Im  März  1513  ritt  des  Hirschfelds  Bruder  ,,der  bei  m.  gn.  jungen  herrn 
gewe.sen  ist“  mit  Pfeffingcr  an  den  kaiserlichen  Hof.  Reg.  Bb.  4222. 


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.Iup;eDd,  Erziehung,  Vermählung. 


11 


vier  Schreibzeuge  für  die  ^Knaben“  des  jungen  Herrn  gekauft ').  und 
von  seinen  „Gesellen“  ist  öfters  die  Rede.  Michaelis  lf)19  galt  der 
Unterricht  als  beendet,  und  Colditz  trat  nun  die  ihm  schon  löK! 
übertragene  Kanonikusstelle  in  Altenburg  an-).  — 

Abgesehen  von  dem  wissenschaftlichen  Unterricht  läßt  sich 
über  das  .lugendleben  .Johann  Friedrichs  nur  wenig  sagen.  Durch 
die  zweite  Vermählung  seines  Vaters  mit  Margarethe  von  Anhalt 
am  U).  Nov.  l.ol3  scheint  keine  große  Veränderung  in  seiner 
Lebenswei.se  herbeigeführt  worden  zu  sein,  doch  finden  wir  ihn 
jetzt  oft  in  der  Umgebung  seiner  Stiefmutter.  Da  erst  jetzt 
Friedrich  und  .Johann  ihre  Hoflialtungen  trennten,  wird  wohl  auch 
jetzt  erst  der  ständige  Wohnsitz  des  Prinzen  von  Torgau  nach 
Weimar  verlegt  worden  sein,  noch  im  März  151.3  intercedierte  er 
am  Hofe  Friedrichs  des  Weisen  zu  Gunsten  angeklagter  Eisenacher  ’). 
Der  Aufenthalt  in  Weimar  wurde  durch  häufige  Reisen,  meist  mit 
den  Eltern  zu.sammen,  unterbrochen,  im  Mai  1514  finden  wir  den 
Prinzen  in  Gotha,  im  August  in  .Jena,  während  .Johann  sich  in 
.Vltenburg  auf  dem  Landtage  befand,  im  Oktober  in  Koburg*). 
Die  Fastnacht  des  Jahres  1515  wurde  in  Zwickau  gefeiert  *).  dort 
brachte  der  Hof  auch  fast  das  ganze  Jahr  1518  zu*),  das  Jahr  1516 
brachte  Reisen  nach  Jena  und  ins  Kurfürstentum,  auch  wurde  Johann 
Friedrich  im  September  dieses  Jahres  vielleicht  zum  ersten  Male  mit 
nach  Trockenborn  genommen  D-  Auch  1517  ließ  ihn  der  Vater  wieder 
dorthin  kommen“)  und  dort  und  in  Hummelshain  wurden  nun  über- 
haupt fast  in  jedem  Herbst  einige  Wochen  zugebracht,  jedenfalls  der 
Jagd  wegen.  Demselben  Zweck  wird  auch  die  meist  in  den  August 
fallende  Reise  nach  Eisenach  gedient  haben,  und  der  Sommer  brachte 
meist  einen  Besuch  bei  Friedrich  dem  Weisen  in  Torgau  und  Lochau, 
wobei  es  dann  selten  ohne  einen  mehrtägigen  Aufenthalt  in  Witten- 
berg abging’').  Dem  Studium  werden  diese  häufigen  Reisen,  wenn 

1)  Reg.  Hb.  4272. 

2)  Spalatin  ap.  Mencke,  Sp.  592. 

3)  Gillert  I,  328  f. 

1)  Reg.  Bb.  5535.  4242.  4220. 

5)  Lorenz  Wilhelm,  Beschreibung  der  Stadt  Zwickau,  S.  210,  Ixwtätigt 
durch  Reg.  Bb.  .5538. 

6)  Wilhelm  S.  211  ff. 

7)  Reg.  Bb.  554.5. 

8)  Ebenda  .5547  und  Reg.  D.  28b. 

9)  Alles  nach  Reg.  Bb. 


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12 


Kapit«!  I. 


auch  der  Magister  in  einem  Wagen  mitgenommen  wurde,  nicht  allzu 
dienlich  gewesen  sein,  doch  lernte  Johann  Friedrich  Land  und  Leute 
seiner  künftigen  Staaten  dabei  kennen,  ln  seine  Lebensweise,  seine 
Gewohnheiten  und  Liebhabereien  in  dieser  Zeit  erhalten  wir  einen 
kleinen  Einblick  durch  ein  etwa  ins  Jahr  1515  oder  1516  gehöriges 
Ausgabebuch  ')•  Neben  den  fast  täglich  wiederkehrenden  Almosen 
und  „Opfern“  in  der  Kirche  fallen  darin  die  häufigen  Gaben  für  Jung- 
frauen, Schüler  u.  s.  w.  auf,  die  den  jungen  Herrn  angesungen 
hatten.  Wir  werden  dadurch  an  die  in  allen  alten  Lebensbeschrei- 
bungen Johann  Friedrichs  wiederkehrende  Anekdote  erinnert,  wo- 
nach er  als  8— D-Jähriger  Knabe  eine  besondere  Vorliebe  für  den  Kate- 
chismusunterricht in  der  Kirche  gehabt  und  sich  von  seinem  Vater 
Erlaubnis  erbeten  habe,  daran  teilzunehmen  -).  Ob  ihr  irgend  ein 
wirklicher  Vorgang  zu  Grunde  liegt,  vermögen  wir  nicht  zu  sagen. 

Au  spätere  Zeiten  erinnert  es  uns,  wenn  in  jenem  Ausgabe- 
buch des  Dreizehnjährigen  das  Spiel  .schon  eine  nicht  unbedeutende 
Rolle  sjjielt.  Meist  handelt  es  sich  ja  nur  um  2 — 3 Groschen,  aber 
einmal  verliert  er  im  Spiel  mit  seinen  Eltern  und  dem  Fürsten 
von  Anhalt  in  Pößneck  doch  auch  schon  12  Groschen,  und  am 
27.  Mai  1514  werden  sogar  einmal  schon  1 fl.  16  gr.  als  Spielverlust 
des  jungen  Herrn  gebucht*).  — 

Die  eigentliche  Erziehung  Johann  Friedrichs  galt  offenbar  mit 
der  Entlassung  von  Colditz  als  abgeschlossen,  ein  Magister  des 
jungen  Herrn  wird  seitdem  nicht  mehr  genannt,  nur  seine  „Ein- 
ros.ser“  werden  seit  1520  in  den  Quatemberrechnungeu  aufgeführt. 
Es  sind  Heinrich  und  Günther  von  Bünau,  Nickel  vom  Ende, 
Wolf  von  Raschkau  und  Rotha.  seit  August  1.523  auch  ein  Witz- 
leben ').  Man  könnte  geneigt  sein,  in  ihnen  auch  die  einstigen 
Mitscliüler  des  Herzogs  zu  sehen,  doch  läßt  sich  ein  Beweis  dafür 
nicht  erbringen.  Sie  bildeten  von  jetzt  an  die  ständige  Umgel)ung 
des  Prinzen,  begleiteten  ihn  auch  meist  auf  seinen  Reisen. 

Aber  wenn  auch  Johann  Friedrich  als  erwachsen  galt,  er  hatte 
doch  noch  mancherlei  zu  lernen,  und  besonders,  nachdem  er  im 
Jahre  151!>  mit  der  Habsburgerin  Katharina  verlobt  worden  war, 
schien  es  erwünscht,  daß  er  sich  auch  einige  Kenntnisse  in  der 

1)  lieg.  im.  4269. 

2)  Vgl.  etwa  .1.  G,  Müller  S.  19 f. 

3)  Reg.  Bb.  Ö5S5. 

4)  Ebenda  4296.  4297.  4318, 


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Jugend.  Erziehung.  Vermahlung. 


13 


französischen  Sprache  erwerbe.  Ihm  diese  beizubringen,  scheint  die 
Aufgabe  des  Magisters  V'eit  Warbeck  gewesen  zu  sein.  Dieser') 
war,  nachdem  er  1009  in  Paris  die  Magi.sterwürde  erworben  hatte. 
1.Ö14  nach  Wittenberg  gekommen.  Durch  seine  Kenntnis  des  Fran- 
zösischen erregte  er  die  Aufmerksamkeit  Friedrichs  des  Weisen, 
und  dieser  ließ  daher  seinen  natürlichen  Sohn  Sebastian  von  Jessen 
durch  ihn  in  dieser  Sprache  unterrichten.  Im  August  1517 
hatte  Warbeck  den  Hof  wieder  verlassen  und  lebte,  wie  es  scheint, 
wieder  in  Wittenberg,  Friedrich  der  Weise  zog  ihn  in  den  nächsten 
Jahren  aber  noch  häufig  auch  zu  Aufgaben  politischer  Art  heran, 
nahm  ihn  auch  1519  mit  nach  PYankfurt-).  Am  Hofe  Johanns  des  Be- 
.ständigen  erscheint  der  Magister  seit  dem  Ende  des  Jahres  1519'*), 
ohne  daß  sich  aber  mit  völliger  Sicherheit  sagen  ließe,  welche  Stel- 
lung er  dort  bekleidete').  Auch  sein  Verhältnis  zu  Johann  Friedrich 
war  nicht  ganz  genau  bestimmt,  ich  mochte  an  eine  Art  Sekretär- 
>telle  bei  ihm  denken*).  Sein  Sold  betrug  40  H.  jährlich®),  am 
2.5.  Juni  1.524  wurde  er  entlassen'),  scheint  aber  nun  eine  ähnliche 
Stellung,  wie  bisher  bei  den  sächsischen  Herzogen,  bei  Herzog 
Franz  von  Braunschweig-Lüneburg  eingenommen  zu  haben*).  Da 
ilieser  sehr  häutig  am  weimarischen  Hofe  weilte,  blieb  Warbeck 
auch  mit  Johann  Friedrich  in  engster  Verbindung,  vermittelte 
dessen  Beziehungen  zu  Spalatin  und  anderen  Gelehrten  und  ver- 
sah ihn  mit  französischen  Büchern").  Ihm  hat  er  dann  auch  im 

1)  Vergl.  Bolte  in  der  A.  D.  B.  und  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe 
der  schönen  Magcllone.  Holstein  in  der  Zlschr.  f.  d.  Philol.,  XVIII,  S.  191  f. 

2)  Schlegel  Vita  Spalatini,  S.  201  ff. 

3)  Reg.  N.  806,  in  den  Quatemberre<!hnungen  wird  er  zuerst  am  28. 1'cbr.  1520 
genannt.  Reg.  Bb.  4296. 

4)  Er  gelbst  bezeichnet  sich  als  Kaplan  Johanns,  und  so  nennt  ihn  auch 
Ijmg  in  einem  Brief  vom  19.  Sept.  1523  jirincipalis  sacellanus  Vimariensis.  (ioth. 
läbl.  Cod.  chart.  B.  26,  S.  12.  Vergl.  Orgel,  S.  21.  Hofj>rediger  war  aber  eigent- 
lich Wolfg.  Stein. 

5)  „qui  es  illustri  principi  adulescentiori  a caliculis“  schreibt  ihm  Hieronymus 
Candelphus  am  14.  Dez.  1523,  Goth.  Bibi,  ebenda  S.  23—25.  Johann  drückt  sich 
sehr  unbestimmt  aus,  wenn  er  am  29.  Dez.  1526  an  das  Altenburger  Kapitel 
schreibt,  daß  Warbeck  seinem  Sohne  Johann  Friedrich  ..auch  diene“.  Spalatin, 
ap.  Mencke,  Sp.  664. 

6)  Reg.  ßb.  4296. 

7)  Reg.  Bb.  4324. 

8)  Das  zeigen  Spalntins  Briefe  an  ihn  bei  Schlegel. 

9)  Vergl.  Bolte,  S.  XXIX.  Schlegel,  8.  219. 


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14  Kapitel  I. 

Jahre  1527,  vielleicht  als  Hochzeitsgeschenk,  seine  Uebersetzung 
der  schönen  Magellone  gewidmet ‘)- 

Daß  Veit  Warbeck  den  jungen  Herzog  auch  im  Französischen 
unterrichtet  habe,  hat  man  aus  diesen  späteren  Beziehungen  wohl 
mit  Recht  gefolgert,  denn  wir  vermöchten  nicht  anzugeben,  wo 
Johann  Friedrich  sonst  Französisch  gelernt  haben  sollte.  Einen 
Einblick  in  die  Art  und  Weise  des  Unterrichts  gewährt  uns 
möglicherweise  eine  interessante  Handschrift  der  Coburger  Biblio- 
thek*). Dort  findet  sich  das  französische  E.xemplar  der  schönen 
Magellone,  das  Warbeck  seiner  deutschen  Uebersetzung  zu  Grunde 
gelegt  hat.  Es  ist  mit  einer  wortgetreuen  lateinischen  Interlinear- 
übersetzung versehen,  und  in  Anmerkungen  am  Rande  wird  auf 
gewisse  charakteristische  Unterschiede  der  lateinischen  und  fran- 
zösischen Sprache  aufmerksam  gemacht,  einige  Male  auch  das 
Deutsche  zur  Erklärung  herangezogen.  Trotz  einer  genauen  Ver- 
gleichung der  Hamlschrift  wage  ich  aber  nicht  mit  Bestimmtheit 
zu  behaupten,  daß  diese  Interlinearübersetzung  von  Warbeck  her- 
rühre, und  es  ist  auch  durchaus  nur  eine  Hypothese,  wenn  man 
annimmt,  daß  Warbeck  die  lateinischen  Kenntnisse  .seines  Zöglings 
benutzt  habe,  um  ihn  ins  Französi.sche  einzuführen,  und  daß  er 
ihm  dann  sjiäter  seine  Uebersetzung  des  Werkes  gewidmet  habe, 
daß  er  einst  seinem  Unterrichte  zu  Grunde  gelegt  hatte.  — 

Fassen  wir  die  Resultate  der  wissenschaftlichen  Erziehung  Jo- 
hann Friedrichs  ins  Auge,  so  ist  gewiß  nicht  zu  leugnen,  daß 
sic  ein  lebhaftes  wissenschaftliches  Interesse  in  ihm  erweckt  hat. 
Die.ses  trat  zunächst  in  seiner  Bücherliebhaberei  hervor.  Zwar  ver- 
mögen wir  nicht  zu  bestiuimen,  wie  viele  der  Bücher,  die  er  später 
besaß,  schon  in  seiner  Jugend  von  ihm  angeschatft  worden  sind,  man 
hat  aber  den  Eindruck,  daß  er  keine  Gelegenheit  vorübergehen  ließ, 
seine  Bibliothek  zu  bereichern,  und  he.«onders  .seine  zahlreichen  fran- 
zösischen Bücher  und  Handschriften  *)  werden  doch  wohl  meist  in  der 
Zeit  Veit  Warbecks  ange.schafft  worden  sein,  und  dieser  starb  schon  15;W. 
Auch  aus  dem  .lülichschen  brachte  Johann  b’riedrich  als  Erbschaft 
Philipps  von  Cleve,  eines  Großonkels  seiner  Braut,  wertvolle  fran- 
zösische Werke  mit.  Wenn  wir  daher  vielleicht  einiges  Recht  haben, 

1)  Die  Origimilhaiuischrift  in  der  (iothacr  Kit)Iiotbek.  Cod.  chart.  B.  437, 
herauKj^eben  von  Bolle. 

2)  S.  IV,  2. 

3)  Bolle  hal  ihren  Katalog  vcröffentlicJil, 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


15 


diese  französischen  Bücher  zu  benutzen,  um  den  Geschmack  des 
Herzog.s  in  dieser  Zeit  zu  bestimmen,  so  ist  zu  erwähnen,  daß 
nelten  religiösen  Erbauungsbüchern  und  Uebersetzungen  der 
Klassiker  Ritterromane  eine  große  Rolle  si)ielen. 

Das  wissenschaftliche  Interesse  Johann  Friedrichs  tritt  ferner 
hervor  in  der  Aufmerksamkeit,  die  er  schon  früh  der  Wittenberger 
Universität  schenkte.  Luther  glaubte  1525  in  ihm  am  Hofe  ein 
Gegengewicht  gegen  die  bildungsfeindlichen  Hofschranzen  finden  zu 
können,  und  täuschte  sich  nicht  in  dieser  Hoffnung  '). 

Neben  der  Theologie  ist  es  von  den  einzelnen  Wissenscliaften 
wohl  schon  in  seiner  Jugend  be.sonders  die  Geschichte  gewesen,  für 
die  sich  Johann  Friedrich,  ähnlich  wie  Friedrich  der  Weise,  inter- 
essierte, vor  allem  verfolgte  er  Spalatins  historiographische  Tätigkeit 
mit  Aufmerksamkeit.  Zwar  mögen  die  Verbesserungen,  die  er  in 
dessen  Geschichte  Friedrichs  des  Weisen  vornahm,  erst  aus  späterer 
Zeit  stammen  *),  Spalatin  tat  aber  keine  Fehlbitte,  wenn  er  ihn  schon 
jetzt  um  Auskünfte  und  Nachforschungen,  z.  B.  in  genealogischen 
Dingen,  bat-'*).  üebcrhauj)t  blieb  Spalatin  stets  mit  ihm  in  brief- 
licher Verbindung  B,  im  Jahre  1520  schon  widmete  er  ihm  seine 
Uebersetzung  von  Plutarchs  Buch  vom  Unterschiede  des  Freundes 
und  des  Schmeichlers^),  später  war  es  Warbeck,  der  den  Verkehr 
vermittelte,  aber  auch  die  direkte  Verbindung  des  Gelehrten  mit 
seinem  einstigen  Zögling  ist  nie  ganz  unterbrochen  worden.  Daß 
er  mit  dessen  wissenschaftlichem  Intercs.se  zufrieden  war.  zeigt 
sein  Brief  vom  1.  Dez.  1.526:  ,Placet  mihi,  ejus  cordi  sic  curae 
esse  bouas  literas.  bona  ingenia,  sicut  sane  principes  decet  . . . . 
Utinam  bouus  princeps  pergat  iil  amandis  et  honorandis  iugeniis, 
ita  enim  magnus  evadet  *'). 

Schw’ercr  als  über  die  wis.senschaftlichen  Interes.sen  kann  man 
über  die  Kenntnisse  Johann  Friedrichs  ein  Urteil  abgeben.  Ihm 
selbst  genügten  sie  später  nicht.  Von  dem  Lateinischen  und  dem 

1)  Luther  an  Joh.  Friedr.  1.025  Mai  20.  de  Wette  II,  064  f.  Erl.  .53,  302. 
Joh.  Friedr.  an  Luther,  1525  Juni  1.  Enders  V,  18.5  f. 

2)  Vergl.  über  aie  Neudecker  und  Preller,  Sjmlatin»  historischer  Nach- 
lall, varie.  Seelheim  S.  23  f.  37.  52. 

3)  Schlegel,  S.  239.  241  f. 

4)  Das  zeigen  z.  B.  seine  Briefe  an  Warlieek  vom  29.  Nov.  1524  und  21.  Febr. 
1525.  Goth.  Bibl.  Cod.  chart.  B.  26,  fol.  135.  141. 

5)  Vergl.  A.  D.  B.,  XXXV,  S.  19. 

6)  Schlegel,  S.  241  f. 


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16 


Kapitel  I. 


P'ranzüsischen,  das  er  gelernt  liatte.  liat  er  wohl  sjtäter  nicht  allzu 
viel  Gebrauch  gemacht,  seine  außerordentlich  zahlreichen  deutschen 
Briefe  und  Denkschriften  sind  zuweilen  etwas  umständlich,  aber 
iin  ganzen  in  gutem  und  klarem  Stile  geschrieben.  — 

Mit  alledem  haben  wir  erst  eine  Seite  der  Ausbildung  Johann 
Friedrichs,  die  geistige,  erledigt;  ihr  ging  aber,  wie  es  schon 
die  DilTerenzen  zwischen  Spalatin  und  Isserstedt  gezeigt  haben, 
eine  körperliche  zur  Seite.  Mutian  hatte  ganz  recht,  wenn  er 
der  Meinung  war,  daß  auch  diese  nicht  vernachlässigt  werden 
dürfe,  und  manchem  Herrn  vom  Hofe  mag  die  Ausbildung  des 
jungen  Prinzen  im  Rennen , Stecheu  und  Turnieren  wohl  wich- 
tiger erschienen  sein  als  die  ganze  Spalatinsche  Gelehrsamkeit. 
Auch  Johann  der  Beständige  besaß  für  diese  Dinge  ein  lebhaftes 
Interesse  und  wird  gewiß  dafür  gesorgt  haben,  daß  die  Erziehung 
seines  Sohnes  in  dieser  Beziehung  nicht  vernachlässigt  wurde. 
Nälieres  über  derartige  Uebungen  des  Prinzen  ist  uns  jedoch  aus 
seiner  früheren  Jugend  nicht  überliefert,  nur  1518  soll  er  einem 
Turnier  in  Zwickau  beigewohut  haben  ').  Erst  vom  Jahre  1.521  an 
sind  wir  besser  unterrichtet,  ln  der  Dresdener  Bibliothek  sind 
uns  niimlicli  zwei  prächtig  ausgestattete  Turnierbücher  erhalten  -). 
eins  von  Johann  dem  Beständigen  über  die  .Fahre  1487 — ^1527  und 
eins  von  Johann  Friedrich  über  die  Jahre  1521 — 1554.  In  farl)igcn 
Bildern  werden  uns  darin  sämtliche  Turniere  des  Herzogs  aus 
diesen  Jahren  dargestellt,  und  zwar  erblicken  wir  die  Kämpfer 
immer  im  Momente  der  Entscheidung.  M'enn  auch  die  Namen 
nicht  immer  beigeschricben  sind,  so  i.st  doch  der  Herzog  stets  zu 
erkennen,  so  daß  wir  also  hier  seine  ganze  ritterliche  Laufliahn 
verfolgen  können.  Das  Buch  beginnt  zu  Worms  1521.  und  in  tler 
Tat  scheint,  wie  uns  der  Bricfweclisel  Fricilrichs  des  Weisen  und 
Johanns  zeigt,  das  geplante  Turnier  für  den  jungen  Herzog  den 
Hani)tanziehungsi)unkt  des  Reichstags  gebildet  zu  haben.  Schon 
im  Januar  stellte  er  an  einem  hölzernen  Manne  Vorübungen  an“), 
am  S.  Februar  traf  er  mit  seinem  Vater  in  Worms  ein.  und  zu 
Fastnacht  fanden  daun  die  üblichen  Turniere  statt.  Es  war  otleu- 

1)  Wilhelm  a.  a.  O.  S.  212.  Man  heaehte  auch  die  in  Aktenstück  1 iiuf- 
geführton  Waffen ! 

2)  .1.  15,  1«. 

3)  Försteinann,  Neues  Urkundenbneh,  I,  6,  8.  Kolde,  Friedrich  d.  W. 
und  die  .Anfänge  der  Reformation,  S.  -43. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung, 


17 


bar  (la.s  erste  öffentliche  Auftreten  .Johann  Friedrichs*),  und  daß 
es  gleich  vor  versamnicltem  Reichstage  erfolgte,  war  gewiß  ein 
großes  Ereignis.  Der  Ausgang  war  sehr  /ufriedenstellend.  .lohann 
Friedrich  furnierte  mit  Anark  von  Wildenfels  dreimal.  Da.s  erste 
Mal  tiel  dieser,  das  zweite  Mal  blieben  beide  sitzen,  das  dritte  Mal 
fielen  beide-).  Der  Eindruck  auf  die  Zuschauer  war  so  gut,  daß 
Karl  V.  den  jungen  Herzog  nach  seiner  Abreise  bitten  ließ,  ihm 
sein  Rennzeug  zu  scliicken,  weil  er  sich  desselben  bedienen  wolle. 
Der  Wunsch  wurde  natürlich  gern  erfüllt-*). 

Sclion  im  Mai  hatte  sich  der  Herzog  mit  einem  neuen  Reuu- 
zeug  versehen  *),  die  Pferdedecke  trug  jetzt  den  Siu  uch : „Mein 
Glück  gehet  auf  Stelzen'*  und  jene  Zeichen,  wie  sie  Müller  mit 
demselben  Spruch  und  der  .Jahreszahl  1521  von  dem  Herzog  in 
einer  Wand  in  Naumburg  eingeschnitten  fand  -'’).  In  der  Tat  wurde 
.lohann  Friedrich  in  den  fünf  Rennen,  die  er  1.521  noch  wagte, 
viermal  geworfen,  nur  einmal  siegte  er.  Sein  Eifer  ließ  deswegen 
nicht  nach.  1.522  brachte  er  es  dahin,  nur  viermal  zu  fallen,  acht- 
mal seinen  Gegner  zu  werfen,  und  von  Jahr  zu  Jahr  scheint  er  nun 
ein  gefürchteterer  Kämj)fer  geworden  zu  sein.  Seine  Gegner  waren 
meist  sächsische  Adlige,  1522  erscheint  zum  ersten  Male  Philipi) 
von  Rraumschweig,  1.523  Wolf  von  .-Vnhalt.  Das  Turnier  mit  ihm 
in  .Saalfeld  nahm  einen  unglücklichen  Verlauf.  Johann  FTiedrich 
„fiel  mit  dem  Gaul  und  brach  den  Schenkel,  spürte  das  bis  an  sein 
Eude",  ein  Ereignis,  das  er  für  wichtig  genug  hielt,  um  es  eigen- 
händig in  Spalatins  Zeitgeschichte  einzutragen'*).  Auch  mit  Philipp 
von  Hessen  hat  sich  der  Herzog  seit  152(i  oft  gemes.sen.  Be- 
sonders reich  an  Turnieren  war  das  Jahr  1.527,  am  interes.sante- 
sten  von  ihnen  allen  war  dem  Herzog  offenbar  der  Kampf  mit  dem 
„großen  Beheim“  Bernhard  Schneschke  oder  Zschoschkau.  Daß  er 
ihm  erlag,  mag  ihn  zu  neuem  Eifer  angespornt  haben,  und  im 
Jahre  152H  schon  brachte  er  es  dahin,  nicht  nur  selb.st  im  Sattel 


1)  .\n  zwei  Turnieren,  die  1519  in  Weimar  stattfanden,  nahm  der  junpe 
Herzog  noch  nicht  teil.  Reg.  D.  120. 

2)  Förstern  ann  I,  81  und  das  Turnierbuch  J.  15. 

3)  Seckendorf,  Historia  Lutherani.smi  supplem.  ad  indic.  I,  No.  XXXIX. 
Eörstemann  I,  10  ff.  10.  Kolde,  S.  48. 

4)  Förstemann,  1,  19. 

5)  J.  G.  Müller,  Titelblatt  und  S.  31  ff. 

b)  Neudecker  und  Preller,  S.  172.  Vergl.  auch  Kolde,  S.  52. 

Beitraf^  *ur  nmcrco  Geschichte  Thüringen.^  I.  2 


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18 


Kapitel  I. 


ZU  bleiben,  sondern  auch  den  gefürchteten  Gegner  halb  zu  Fall  zu 
bringen.  Im  ganzen  zählen  wir  für  die  Jahre  1521 — 15.^  146  Tur- 
niere Johann  Friedrichs').  Jedes  solche  Turnier  war  natürlich  zu- 
gleich eine  Veranlassung  zu  geselligem  Beisammensein  für  benachbarte 
und  befreundete  Fürsten,  auch  politische  Fragen  wurden  dabei  er- 
ledigt, und  die  Anwesenheit  der  Damen  bot  Gelegenheit  zur  An- 
knüpfung zarter  Beziehungen.  In  alleroffiziellster  Form  luden  z.  B. 
am  25.  Nov.  1522  Johann  Friedrich  und  Wolf  von  Anhalt  Herzog 
Georg  und  seine  Söhne  auf  Fastnacht  1523  nach  Naumburg  zu  „Ritter- 
schimpf, Rennen,  Stechen,  welschem  Thorner“  ein.  ihr  Kommen 
solle  ein  Beweis  der  Einigkeit  des  Hauses  Sachsen  sein,  auch  seine 
Gemahlin  und  seine  Töchter  „sambt  ihrem  Frauenzimmer  mit  andern 
hübschen  Frauen  und  Jungfrauen“  solle  der  Herzog  mitbringen. 
Georg  lehnte  aber  ab,  da  er  zum  Reichstag  nach  Nürnberg  müsse, 
auch  sonst  zu  viel  zu  tun  habe*). 

Auch  für  die  zweite  fürstliche  Hauptbelustigung  der  Zeit,  die 
Jagd,  hat  es  Johann  Friedrich  an  Interesse  gewiß  nicht  gefehlt. 
Die  alljährlichen  Aufenthalte  in  Lochau,  Hummelshain,  Trockenborn- 
Wolfersdorf  und  Eisenach  gaben  reichlich  Gelegenheit,  sie  auszu- 
üben. Direkt  bezeugt  ist  uns  seine  Teilnahme  an  einer  Jagd  auch 
erst  im  Jahre  1.521  •’).  im  folgenden  Jahre  ließ  dann  Kurfürst  Friedrich 
eine  Jagd  Johanns  und  Johann  Friedrichs  sogar  schon  in  einem 
Gemälde  dar.stellen  und  sandte  es  mit  einer  Beschreibung  an  den 
Pfalzgrafen  Friedrich ').  In  den  Briefen  Johann  Friedrichs  ist  von 
Jagdangelegenheiteu  im  ganzen  selten  die  Rede,  Johann  scheint 
mehr  Interesse  dafür  gehabt  zu  haben  als  er.  Hervorgehoben  zu 
werden  verdient  vielleicht,  daß  er  seinem  Sohne  am  23.  Sept.  1526 
aus  Trockenborn  melden  konnte,  daß  eine  Frau  3 Bären  gesehen 
habe ''). 


Man  hat  vielleicht  nicht  mit  Unrecht  angenommen,  daß  der 
französische  Unterricht  Johann  Friedrichs  dadurch  veranlaßt  worden 
.sei,  daß  für  ihn  eine  Frau  in  Aus.sicht  genommen  war,  die  der 
deutschen  Sprache  nicht  oder  nur  mangelhaft  mächtig  war:  Kafha- 

1)  Arch.  f.  d.  Ȋohs.  tiesch.,  XV,  :lll. 

2)  Diese  Korresi)ondenz  im  Loc.  10520. 

0)  Spalatin  ap.  Menckc,  II,  607. 

4)  Planitz,  Böichte,  S.  2-10  f. 

.5)  Reg.  E.  No.  58  I,  Hdbf. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


19 


rina,  die  Schwester  Karls  V'.  Denn  Veit  Warbeck  trat  ja  gerade  in 
der  Zeit  in  die  Dien.ste  Johanns,  wo  diese  Verbindung  in  der  Tat 
viel  Aussicht  auf  Verwirklichung  hatte.  Es  war  nicht  die  erste 
Partie,  die  für  Johann  Friedrich  geplant  wurde').  Schon  1514 
und  dann  1517  ist  in  den  Weimarer  Akten*)  in  allerdings  sehr 
unbestimmter  Weise  von  einer  Heirat  zwischen  zwei  noch  sehr 
jungen  Leuten  die  Rede,  was  auf  Johann  Friedrich  und  Sibylla  von 
Jülich-Kleve,  seine  spätere  Gemahlin,  bezogen  wird.  Ernstlicher  ins 
Auge  gefaßt  wurde  der  Plan  erst  im  Jahre  1518*).  Die  Verbindung 
.schien  sich  besonders  deswegen  zu  empfehlen,  weil  auf  diese  Weise 
am  einfachsten  die  Lehnsstreitigkeiten  zwischen  Sachsen  und  Kleve  *) 
beseitigt  werden  konnten.  Auch  Kaiser  Maximilian  nahm  sich  der 
Sache  an,  und  in  Jülich-Rerg  legte  man  sie  schon  dem  Landtage 
vor*).  Dann  wurde  plötzlich  alles  still  davon:  eine  noch  aussichts- 
vollere Möglichkeit  hatte  sich  eröffnet®).  Karl  V.,  der  die  Unter- 
stützung Friedrichs  des  Weisen  für  seine  Wahl  brauchte,  glaubte,  da 
der  sächsische  Kurfürst  kein  Geld  nahm,  vielleicht  dadurch  Eindruck 
auf  ihn  machen  zu  können,  daß  er  die  \'ermählung  seiner  Schwester 
Katharina  mit  Johann  Friedrich  anregte,  wenigstens  werden  Mark- 
graf Kasimir  von  Brandenburg  und  Graf  Heinrich  von  Nassau,  die 
die  Sache  „von  sich  aus  als  gute  Freunde“  vorbrachten,  wohl  jeden- 
falls der  Zustimmung  Karls  sicher  gewesen  sein^.  Nun  ließ  sich 
zwar  auch  dadurch  Friedrich  nicht  bestimmen,  gegen  das  Prinzip 
der  freien  Wahl  zu  verstoßen,  aber  sowohl  von  ihm  wie  von  Johann 
wurden  doch  offenbar  diese  Anträge  sehr  gern  gehört.  Bei  der  Wahl 
kam  die  Sache  zum  Abschluß  ®),  wurde  in  den  nächsten  Jahren  all- 
seitig ratifiziert,  und  es  stand  nun  der  V’ollziehung  der  Heirat  nichts 

1)  Auf  die  französischen  Anerbietungen  RT.\.  I,  S.  51.  53.  136.  490.  829. 
838,  II,  123  ff.  gehe  ich  nicht  weiter  ein,  ebenso  nicht  auf  die  angeblichen  Pläne, 
den  Prinzen  mit  Anna  von  Ungarn  zu  vermählen,  ebenda  S.  241.  447. 

2)  Reg.  1).  58  I. 

3)  Ebenda. 

4)  V>rgl.  über  diese  Ritter,  8.  3 ff. 

5)  RTA.  I,  S.  121  ff.  Below,  Landtagsakten,  I,  8.  87. 

6)  .\llcs  Folgende,  soweit  nicht  andere  Quellen  angeführt,  nach  J.  J.  Müller, 
Historie  der  Augshurgischen  Konfession,  8.  688 — 092.  Er  benutzte  Akten  lin 
Reg.  D.  fol.  .30,  die  zum  Teil  jetzt  nicht  mehr  vorhanden  zu  sein  scheinen. 
Vergl.  auch  Droysen,  Verlöbnis,  S.  168  ff. 

7)  Vergl.  Olwr  die  ersten  Verhandlungen  RTA.  I,  S.  554.  .566.  671.  676. 
600  ff.  703.  734.  797.  Die  französischen  gingen  ihnen  beständig  zur  Seite,  ebenda. 

8)  RTA.  I,  860.  Droysen,  Verlöbnis,  S.  174  f. 

2* 


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20 


Kapitel  I. 


mehr  im  Wege,  ja  sie  wäre  viellcieht  tatsächlich  erfolgt,  wenn  man  in 
Sachsen  die  Kosten  einer  Heirat  durch  Prokuration  nicht  gescheut 
hätte.  Der  Aufenthalt  Johanns  und  seines  Sohnes  in  Worms  und 
die  unbestimmten  Andeutungen  in  seinem  Briefwechsel  mit  Friedrich 
mögen  wohl  auch  zu  der  Vermählungsfrage  in  Beziehung  zu  setzen 
sein.  Karl  V.  versprach  .schließlich,  daß  er  die  Braut  (!  Monate 
nach  seiner  Rückkehr  nach  Spanien  dem  Bräutigam  senden  wenle  *). 
Diese  Sendung  erfolgte  aber  nicht.  Ob  wirklich  der  Widerstand  der 
Mutter  Johanna  die  Ursache  war,  oder  ob  <ler  religiöse  Gegen- 
satz, der  sich  in  Worms  gezeigt  hatte,  die  Vermählung  jetzt  uner- 
wünscht erscheinen  ließ,  bleibe  dahingestellt  -).  Jahrelang  mußten 
sich  die  wettinischen  Brüder  mit  Vertröstungen  und  Versprechungen, 
wie  auch  iu  anderen  Punkten,  begnügen  ■*).  Eine  gewisse  Scheu, 
die  Sache  zu  berühren,  tritt  hervor. 

Die  erste  bestimmte  Aeiißerung,  aus  der  zu  entnehmen  war, 
daß  aus  der  Heirat  wahrscheinlich  nichts  werden  würde,  über- 
mittelte Planitz  dem  Kurfürsten  am  27.  Juli  1523^),  durch  Christian 
von  Dänemark  erfuhr  man  dann,  daß  Katharina  den  König  von 
Portugal  heiraten  solle“).  Doch  war  noch  alles  in  der  Schwebe, 
manchmal  scheint  man  auch  auf  seiten  der  Habsburger  noch  daran 
gedacht  zu  haben,  die  Vermählung  zu  benutzen,  um  die  Sachsen 
für  die  Wahl  Ferdinands  zum  römischen  Könige  zu  gewinnen  '’)• 
Auch  am  Anfänge  des  Jahres  1.Ö24  wagte  der  Kaiser  den  Kur- 
fürsten noch  nicht  über  seine  veränderten  Absichten  aufzuklären, 
sein  Bevollmächtigter  auf  dem  Nürnberger  Reichstage,  Hannart, 
sollte  erklären,  daß  der  Kaiser  die  Heirat  „mit  dem  ersten“  wolle 
vollziehen  lassen  und  daß  nur  der  Krieg  mit  Frankreich  es  bisher 
verhindert  habe  ’).  Auch  der  Kurfürst  hatte  damals  durchaus  noch 
nicht  die  Absicht,  so  mir  nichts  dir  nichts  zu  verzichten  *),  ja  er 
dachte  daran,  wegen  der  Heirat  einen  Gesandten  an  den  Kaiser 
zu  schicken”). 

1)  RTA.  II,  S.  833.  844. 

2)  Ueber  das  Verhalten  der  Braut  vergl.  RTA.  II,  S.  833  f. 

3t  Planitz,  S.  •223  f.  313. 

4)  Ebenda  S.  503. 

5)  Neudccker  und  Preller,  S.  111. 

6)  Friedensburg.  Rt  zu  Speier,  S.  21. 

7)  Förstemann,  I,  8.  143. 

8)  Neudecker  und  Preller,  8.  62. 

9)  Förstemann  I,  8.  179. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


21 


Immerhin  wird  man  in  Sachsen  schwerlich  mehr  allzu  ver- 
wundert gewesen  sein,  als  dann  die  Aufkündigung  der  Verlobung 
erfolgte.  Hannart.  der  auf  Wunsch  Ferdinands  auf  dem  Reichs- 
tage lieber  gar  nicht  über  die  Sache  gesprochen  hatte  und.  als  der 
Kurfürst  ihn  beim  Abschied  fragte,  wie  die  Sache  stünde,  vorgegeben 
hatte,  erst  Nachricht  darüber  vom  Kaiser  zu  erwarten  *),  hatte, 
als  er  nach  dem  Reichstage  nach  Norddcutschland  reiste,  die  Auf- 
gabe, die  Sache  möglichst  glimpflich  zu  erledigen.  Am  14.  Mai 
traf  er  beim  Kurfürsten  ein  *).  Den  genauen  Inhalt  seines  An- 
bringens  kennen  wir  nicht,  doch  entwickelte  er  die  Schwierigkeiten, 
die  sich  der  Verbindung  in  den  Weg  stellten,  und  bemühte  sich. 
Ersatzvorschläge  zu  machen.  Er  wies  hin  auf  die  Tochter  des 
Königs  von  Dänemark,  die  des  Königs  von  Neapel  und  die  des 
Königs  von  Polen,  der  Kaiser  werde  gern  die  Werbungen  des 
Prinzen  unterstützen,  auch  eine  ansehnliche  Summe  Geldes  bei- 
steuern ’).  Sachsen  soll  eine  ziemlich  schroffe  Antwort  gegeben 
lind  erklärt  haben,  daß  es  die  Ehe  eigentlich  als  ge.<chlossen  be- 
trachte und  die  Verantwortung  für  ihre  Trennung  dem  Kaiser  und 
seiner  Schwester  überlasse^).  Im  ganzen  aber  fand  sich  Friedrich 
in  die  Sache  mit  Würde,  wie  sein  Trostlirief  an  seinen  Rruder 
vom  4.  Juni  1.524  zeigt“).  Johann  scheint  weniger  ruhig  geblieben 
zu  sein,  lieber  das  Verhalten  des  Bräutigams  erfahren  wir  nichts. 
Auffallend  ist,  daß  gerade  am  25.  Juni  1524  Veit  Warbeck  entlassen 
wurde.  Sollte  man  den  französischen  Unterricht  jetzt  sofort  für 
unnütz  gehalten  haben  V 

Ganz  zur  Ruhe  kam  die  Heiratsfrage  übrigens  noch  nicht.  Aus 
dem  August  1.524  liegen  einige  geheimnisvolle  Notizen  vor,  aus  denen 
hervorzugehen  scheint,  daß  jetzt  König  Ferdinand  Interesse  für  die 
Verbindung  hatte  •’).  Balthasar  Wolf  von  Wolfsthal  verhandelte  da- 
mals in  seinem  Aufträge  mit  dem  Kurfürsten  ’).  Auch  in  Sachsen 
hat  man  vielleicht  noch  eine  Zeit  lang  au  die  Möglichkeit  der 

1)  Lanz,  Komwpomlenz  Karls  V.,  I,  8.  11.3  ff. 

2)  8palatin  ap.  Mencke,  II,  Sp.  C3.’>. 

3)  Ob  die  Erzählung  81eidans,  S.  92b,  Haiinart  habe  erklärt,  Ketzern 
hrauehe  man  keine  Treue  zu  halten,  richtig  ist,  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden. 

4)  J.  J.  Müller,  a.  a.  O.,  Lanz,  I,  8.  109. 

!i)  Neudccker  und  Preller,  S.  02. 

C)  Förstemann,  I,  S.  214  f.  Lenz,  1,  8.  113  ff.  paßt  auch  dazn. 

7)  Wolf  kam  am  0.  August  und  blieb  bis  znm  19.  8]>alatiti  scheint  be- 
müht gewesen  zu  sein,  dafür  zu  sorgen,  daß  er  nicht  gar  zu  unhöflich  behandelt 


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22 


Kapitel  I. 


Heirat  gedacht,  erst  als  man  dann  im  November  1524  erfuhr,  daß 
die  Schwester  des  Kaisers  dem  Könige  von  Portugal  zum  Weibe 
gegeben  sei*),  mußte  man  die  Hoifnung  endgültig  aufgeben. 

Sehr  bald  kam  man  nun  wieder  auf  den  alten  Plan  der  Ver- 
mählung mit  Sibylle  zurück.  Die  Grafen  Wilhelm  von  Nassau, 
Wilhelm  von  Neuenahr  und  Philipp  von  Solms  nahmen  sich  der 
Sache  an  und  sorgten  dafür,  daß  kein  anderer  Bewerber  dem 
sächsischen  Prinzen  den  Rang  ablief*).  Im  Juni  1525  wurde  auch 
Luther  um  Rat  gefragt.  Er  riet  zum  Abschluß,  da  es  nicht  gut 
sei,  eine  Sache  zu  verschieben  ®).  Ein  Brief,  den  er  darüber  an 
den  Kurfürsten  Johann  schrieb,  ist  uns  leider  nicht  erhalten,  auch 
an  Johann  Friedrich  zu  schreiben,  hielt  er  nicht  für  nötig,  da  der 
Prinz  erklärt  hatte,  daß  er  sich  ganz  dem  Willen  seines  Vaters 
füge*).  Das  war  in  der  Tat  die  Haltung  Johann  Friedrichs.  Wie 
bei  der  Verlobung  mit  Katharina,  so  trat  er  auch  jetzt  zunächst 
gar  nicht  hervor,  ließ  über  sich  verfügen.  Erst  einige  Briefe  aus 
den  Jahren  1527  und  1528*)  klären  uns  über  seine  persönlichen 
Stimmungen  auf;  es  lag  ihm  wenig  daran,  schon  zu  heiraten,  und 
er  fügte  sich  nur  dem  Wunsche  seines  Vaters,  zugleich  in  der 
Hoffnung,  daß  er  durch  die  Heirat  eine  freiere,  selbständigere 
Stellung,  vielleicht  sogar  eine  eigene  Hofhaltung  gewinnen  werde. 

Die  offiziellen  Heiratsverhandlungen  ®)  begannen  im  April  1526 
mit  einer  Beratung  der  beiderseitigen  Räte  in  Bensberg.  Die 
Heirat  hatte  ja  vor  allem  einen  politischen  Zweck,  und  es  kam 
nun  darauf  an,  die  obwaltenden  Differenzen  in  einer  beide  Teile 
befriedigenden  Weise  beizulegen.  In  der  Tat  einigte  man  sich 


wurde.  (Spal.  ap.  Meucke,  II,  Sp.  636  f.,  an  Warbeck  1524  Aug.  17.  Schlegel, 
8.  211.)  Auch  im  Dezember  1524  wurde  Wolf  noch  einmal  zum  Kurfürsten 
gesandt , am  22.  Februar  1525  ist  Spalatin  bei  eiucr  legatio  Ferdinand!  zu 
Tisch.  (Försteraann,  I,  225.  Spal.  an  Warbcck  1525  Febr.  22.  Goth.  Bibi. 
Cod.  chart.  B.  26,  fol.  141).  Um  die  Heirat  kann  es  sich  damals  allerdings 
nicht  mehr  gehandelt  haben. 

1)  Kohle,  Friedr.  d.  W.  und  d.  Anf.  der  Bef.,  S.  54  ff. 

2)  Reg.  U.  No.  581. 

3)  Enders,  V,  S.  190.  Ich  möchte  diese  Stelle  mit  Köstlin,  I,  S.  732, 
gegen  Enders  auf  die  geplante  Vermählung  Johann  Friedrichs  beziehen. 

4)  Enders,  V,  S.  189. 

5)  Vcrgl.  S.  26  f. 

6)  Sie  sind  eingehend  dargestcllt  von  Bouterwek,  Zeitschr.  des  Bergischen 
Gcschichtsvcreins,  Bd.  VII,  S.  112  ff.  Ich  folge  ihm  im  wesentlichen. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


23 


dahin,  daß  im  Falle  des  Aussterbens  der  jülich-klevischen  Dynastie 
die  vereinigten  Herzogtümer  an  die  Ernestiner  fallen  sollten,  dafür 
mußten  diese  aber  auf  ihre  Lehnsansprüche  auf  Jülich  verzichten. 

Nunmehr  konnte  die  , Besichtigung**  vor  sich  gehen,  in  Köln 
traf  am  13.  April  der  Herzog  mit  Sibylle  und  ihrer  Mutter  zu- 
sammen. Vor  allem  kam  es  wohl  darauf  an,  ob  er  der  Herzogin 
Maria  gefiel.  Das  war  der  Fall,  sie  fand  „ein  gut  Gefallen  an  dem 
Fürsten“.  Daß  die  noch  nicht  vierzehnjährige  Sibylle  einen  großen 
Eindruck  auf  Johann  Friedrich  gemacht  haben  wird,  ist  kaum  an- 
zunehmen. In  einem  Briefe,  den  er  am  19.  April  seinem  Vater 
schrieb,  heißt  es  sehr  kühl : „In  der  Sachen,  wie  E.  Gn.  wissen,  bin 
ich  zu  Collen  gewessen  und  die  Sachen  dermassen  befunden,  das  ich 
ir  hab  gefallens  gehabet  und  ist  in  dem  handel  so  fil  forgenommen, 
das  ichs  for  beschlossen  halde“.  Er  fügt  hinzu : „Jedoch  sollen  die 
rette  von  waiden  (beiden)  tailen  zusammen  kommen  und  sich  von 
etlichen  anhangenden  artikel  weiter  undirreden“  ‘). 

Die  Artikel,  um  die  es  sich  hier  handelte,  hatten  bei  den 
jülich-klevischen  Räten  die  höchste  Aufregung  hervorgerufen.  Johann 
Friedrich  hatte  nämlich  für  seine  Person  die  besten  Versicherungen 
gegeben,  aber  in  Bezug  auf  die  sächsischen  Lehnsansprüche  erklären 
müssen,  daß  .sein  Vater  ohne  Herzog  Georg  in  dieser  Sache  nichts 
vornehmen  könne  und  daß  daher  auch  er  nichts  ohne  seinen  Vater 
bewilligen  könne.  Auch  im  Namen  seines  Vaters  schrieb  er  am 
13.  Mai  aus  Torgau,  daß  man,  was  man  zu  fordern  habe,  nur  auf 
gütlichem  oder  rechtlichem  Wege  suchen  wolle,  womit  doch  auch 
nichts  anderes  gesagt  war,  als  daß  man  auf  seine  Ansprüche  nicht 
verzichte.  Die  Räte  der  Gegenpartei  waren  der  Meinung,  daß  da- 
mit die  Vorteile  der  Heirat  überhaupt  illusorisch  gemacht  seien,  und 
rieten  der  Herzogin,  die  V'erhandlungen  abzubrechen,  sie  aber  wollte, 
nachdem  man  einmal  so  weit  gekommen  war,  nicht  wieder  zurück, 
schon  im  Juni  ließ  sie  die  Sache  ihren  Landtagen  vorlegen  *). 

Die  Verhandlungen  wurden  dann  am  20.  Juli  in  Köln  wieder 
aufgenommen  und  Anfang  August  in  Mainz  fortgesetzt,  auch  hier 
war  aber  keine  weitere  Nachgiebigkeit  Sachsens  zu  erzielen.  Ohne 
daß  ein  sächsischer  Verzicht  stattfand,  wurden  die  Ehepakten  am 
8.  August  abgeschlossen  und  am  9.  vom  Kurfürsten  und  seinem 

1)  Reg.  D.  58  1.  Hdbf. 

2)  Below,  I,  S.  88  f. 


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24 


Kapitel  I. 


Sohn  in  Speicr  unterzeichnet Audi  die  Eltern  der  Braut  mach- 
ten keine  Schwierigkeiten.  Die  wichtigste  Bestimmung  des  Ver- 
trages war*),  daß  im  Falle  des  Aussterbens  des  jiilich-klevischen 
Mannesstammes  Johann  Friedrich  und  Sibylle  oder  ihre  männlichen 
Nachkommen  die  ganze  Erbschaft  erhalten  sollten,  während  die 
anderen  Schwestern  Sibylles  mit  Geld  abgefunden  werden  sollten. 
Durch  Zustimmung  der  Stände  und  Bestätigung  durch  den  Kaiser 
sollte  dieser  Vertrag  größere  Festigkeit  erhalten.  Johann  Friedrich 
setzte  der  Braut  eine  „Leibzucht“  von  ötKX)  Gulden  aus,  während 
sie  ihm  2.ÖO10  Gulden  Heiratsgut  mitbringen  sollte.  Dieses  sollte 
eigentlich  am  Hochzeitstage  bezahlt  werden.  Da  sich  dem  aber 
Schwierigkeiten  in  den  Weg  stellten,  verzichtete  Johann  Friedrich 
darauf,  um  die  Hochzeit  nicht  zu  verzögern.  Er  hatte  sich  Ende 
August  zu  seiner  Braut  begeben,  und  es  scheint  auf  seine  Veran- 
lassung ge.schehen  zu  sein,  wenn  nun  schon  am  S.  oder  1*.  September 
in  Burg  a.  d.  Wupper  das  Beilager  stattfand  *).  Der  junge  Herzog 
verweilte  dann  noch  einige  Wochen  bei  seinen  Schwiegereltern,  reiste 
mit  ihnen  und  seiner  jungen  Frau  nach  Stockheim  zum  Grafen 
von  Rabenstein  und  traf  erst  am  11.  Oktober  in  Weimar  wieder 
ein  ^).  Er  kam  allein,  denn  wenn  man  auch  die  Hochzeit  beschleu- 
nigt hatte,  die  Heimführuug  sollte  verschoben  werden,  bis  alle  Ver- 
handlungen über  die  erbrechtlichen  Verhältnisse,  die  Zustimmung 
der  Stände,  die  Bestätigung  durch  den  Kaiser  zu  Ende  geführt 
waren.  Noch  viel  wurde  deswegen  hin  und  her  geschrieben,  im 
Januar  machte  sich  Johann  Friedrich  noch  einmal  selbst  nach  den 
Rheinlanden  auf  den  Weg“).  Er  brachte  einen  Entwurf  mit  für 
die  dem  Gesandten  an  den  Kaiser  mitzugebende  Instruktion  ®), 
doch  ist  es  erst  nach  Jahren  gelungen  die  Bestätigung  des  Ver- 

1)  Spalatin  ap.  Mcncke,  II,  Sp.  050. 

2)  Dithmar,  Cod.  diplom.  zu  Teschenmachcr,  Annalea  Cliviae,  No.  CVI. 
Ueber  den  Widerspruch  zwischen  dieser  Bestimmung  und  der  gleichzeitigen  Wah- 
rung der  älteren  sächsischen  Ansprüche,  vergl.  Ritter  S.  7. 

3)  Die  Stellen  bei  Bouterwek,  S.  116  ff.  Spal.  ap.  Mencke,  Sp.  662  er- 
geben den  8.  September,  dagegen  würde  man  nach  einem  Briefe,  den  Johann 
Friedrich  am  11.  September  1526  seinem  Vater  schrieb,  auf  den  9.  kommen. 
(Reg.  D.  .58  I,  Ildbf.)  Vielleicht  liegt  ein  V'erschen  Johann  Frietlrichs  vor. 

4)  Spalatin  ap.  Mencke,  Sp.  662.  Brief  Johann  Friedrichs  vom  ll.Scpt. 

5)  Die  Reisereohnung  hat  Heß  veröffentlicht  in  der  Ztschr.  f.  thür.  Gcsch., 
N.  F.  X,  S.  511  ff. 

6)  Kopie  z.  B.  in  Loc.  10561. 


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Jtigrnd,  Erziehung,  Vermählung. 


25 


trags  vom  Kaiser  zu  erlangen'),  (lünstiger  verliefen  die  Verhand- 
lungen mit  den  Landshänden.  Naelidem  sich  der  Kurprinz  und 
seine  (.Temahlin  verpflichtet  hatten,  einen  Revers  zu  unterschreiben, 
in  dem  sie  die  .Privilegien,  Gewohnheiten  und  Rechte“  der  Land- 
tage zu  beobachten  gelobten,  stellten  -diese  der  Anerkennung  des 
Successionsvertrages  keine  großen  Schwierigkeiten  in  den  Weg.  Am 
17.  März  kam  man  in  .lülich-Herg,  am  15.  Mai  auch  in  Kleve-Mark 
zum  Abschluß  -).  .lohann  Friedrich  hatte  ihn  nicht  abgewartet,  er 
war  schon  Mitte  März  nach  IIau.se  zurückgekchrt.  nachdem  vor- 
her noch  verabredet  worden  war,  daß  die  Heimfahrt  seiner  Frau 
am  Sonntag  vor  Pting.sten  (2.  Juni)  stattfinden  sollte.  Am  7.  Mai 
machte  sich  dann  auch  die  Herzogin  auf  den  Weg,  um  ihre  Tochter 
ihrem  fiemahl  zuzuführen.  Wenn  sie  auch  gegen  den  Willen  Jo- 
hann Friedrichs  inkognito  und  über  Eisenach  reiste,  so  tat  er  doch 
alles  mögliche,  um  den  Empfang  „unangesehen  aller  kosten“  würdig  zu 
gestalten ").  Er  und  sein  Vater  kamen  den  Damen  erst  unmittebar 
vor  Torgau  zur  Begrüßung  entgegen.  Dort  schlossen  sich  dann 
au.«gedehnte  Festlichkeiten  au,  zahlreiche  Fürstlichkeiten  waren  zu- 
sammengekommen , Turniere  fanden  statt , auch  der  alte  Kurfürst 
nahm  zum  letzten  Mal  in  seinem  Leben  daran  teil.  Die  Kosten 
der  Heimfahrt  betrugen  nicht  weniger  als  11)2.50  tl.'). 

Nachdem  man  genug  gefeiert  hatte,  wurden  die  Verhandlungen 
wieder  aufgenommen.  Am  1).  Juni  übergab  die  Herzogin  dem 
Kurfürsten  das  Ehegeld  von  25000  rhein.  Goldgulden,  am  10. 
übermittelte  sie  das  Silbergeschirr,  und  am  12.  fanden  mit  der 
Unterzeichnung  des  Reverses  für  die  Stände  durch  den  Kurprinzen 
und  seine  Gemahlin  alle  Formalitäten  ihren  Abschluß®).  — 

Wer  damals  den  hünenhaften  Johann  Friedrich  neben  der 
schmächtigen , kaum  dem  Kindesalter  entwachsenen  Sibylle  sah, 
mochte  wohl  meinen,  daß  hier  die  Politik  ein  recht  ungleiches 
Paar  zu.sammengefügt  habe,  und  der  Ehe  kein  günstiges  Progno- 
stikon  stellen.  Derartige  Befürchtungen  erfüllten  sich  nicht.  Es 


1)  In  Innebrurk  und  Augsburg  fanden  l.äSO  lange  Verhandlungen  deswegen 
■■tatt.  Lanz,  I,  S.  39-1  ff.  Beeten  dorf,  II,  S.  194.  J.  .1.  M üller,  S.  673  ff. 

2)  Below,  I,  B.  89—91. 

3)  Johann  Friedrich  au  Anark  v.  Wildenfels  1527  Mai  21.  Hdbf  Reg. 
A.  236. 

4)  Reg.  D.  58,  II-V.  ßb.  4.342. 

5)  Dithmar,  No.  CVIII. 


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26 


Kapitel  I. 


erwies  sich,  daß  die  Charaktere  der  Gatten  ausgezeichnet  zu- 
einander paßten,  .lohann  Friedrich  und  Sibylle  haben  sich,  soweit 
wir  zu  beurteilen  vermögen,  trefflich  aneinander  gewöhnt,  so  daß 
Luther  später  die  Ehe  des  sächsischen  Kurfürsten  als  Muster  hin- 
stellen konnte;  auch  die  Briefe  Sibyllens  an  ihren  gefangenen  Ge- 
mahl zeugen  von  einem  sehr  herzlichen  Verhältnis*). 

Viel  wird  zum  glücklichen  Ausgang  der  Heirat  beigetragen 
haben,  daß  die  1527  noch  bestehende  Verschiedenheit  im  Glauben 
bald  beseitigt  wurde.  Johann  Friedrich  hatte  ja  auch  als  Bräu- 
tigam nie  aus  seiner  evangelischen  Gesinnung  ein  Hehl  gemacht, 
stets  hatte  Myconius  ihn  nach  den  Rheinlanden  begleitet  und  täglich 
vor  ihm  gepredigt,  er  hatte  auch  am  8.  September  das  Brautpaar  einge- 
segnet, trotzdem  war  aber  Sibylle  noch  als  Anhängerin  des  alten 
Glaubens  nach  Torgau  gekommen.  Bald  aber  ist  es  dann  ihrem 
Gemahl  gelungen,  sie  zu  bekehren,  1.528  trat  sie  in  Torgau  zur 
lutherischen  Kirche  Ober*),  und  ihre  späteren  Briefe,  vor  allem 
ihre  Beziehungen  zu  Luther  zeigen  uns,  daß  es  aus  innerster 
Herzensüberzeugung  geschah.  Schon  vom  14.  Januar  L52!)  stammt 
ihr  erster  Brief  an  Luther,  den  wir  besitzen,  er  ist  geschrieben 
wenige  Tage,  nachdem  sie  am  8.  Januar  ihres  ersten  Sohnes  Johann 
Friedrichs  des  Mittleren  genesen  war“).  Der  Brief  zeigt  uns,  daß 
sie  damals  auch  schon  persönlich  zu  Luther  in  Beziehungen  ge- 
treten w'ar,  zugleich  ist  er  schon  ein  erster  Beweis  für  das  gute 
Verhältnis,  das  unter  den  Gatten  bestand.  Doch  auf  diese  Fa- 
milienverhältnisse wird  später  zurückzukommen  sein,  jetzt  sei  nur 
noch  ein  Punkt  berührt. 

Johann  Friedrich  hegte,  als  er  sich  zur  Ehe  entschloß,  die 
Hoffnung,  daß  er  nun  eine  selbständige  Hoflialtung  erhalten  würde. 
Er  war  bisher  etwas  knapp  gehalten  worden  und  hoff’te,  daß  ihm 
nun  bestimmte  eigene  Einnahmen  zugewiesen  werden  würden.  So 
hatte  er  denn  seinem  Vater  vor  der  Hochzeit  erklärt,  es  sei  ihm 

1)  HerauBgegeben  von  Burkhardt  in  der  Ztechr.  des  bergiechen  Geschichte- 
vereins,  Bd.  V. 

2)  Gr  ul  ich,  Denkwürdigkeiten  der  . . ReBidenz  Torgau,  S.  43. 

3)  EnderB,  VII,  8.  40.  Die  Schwierigkeit  der  Datierung  erledigt  sich  wohl 
dadurch,  daU  Johann  Friedrich  der  Mittlere  tatsächlich  in  Weimar,  nicht  in  Torgau 
geboren  wurde,  wonach  Beck,  Pose  und  Devrient  zu  berichtigen  sind.  Reg. 
O.  No.  1511,  fol.  68  und  Loc.  9604,  de  vita  ducum  Saxoniae  fol.  9b. 


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Jugend,  Erziehung,  Vermählung. 


27 


noch  ganz  ungelegen,  sich  zu  verheiraten,  doch  wolle  er  seinem 
Vater  gehorsam  sein,  bitte  dann  aber  um  „etwas  eignes“,  wovon 
er  .seinen  Unterhalt  haben  könne.  Würde  ihm  das  nicht  gewährt, 
so  wolle  er  sich  von  dem  Ehegeld  in  .Jülich  oder  Kleve  etwas  ver- 
schaffen. Der  Kurfürst  hatte  darauf  durch  den  Kanzler  und  den 
Herrn  von  Wildenfels  mit  ihm  verhandeln  lassen  und  schließlich 
die  Erklärung  abgegeben,  er  werde  sich  ihm  gnädig  erzeigen,  er 
und  seine  (lemahlin  sollten  am  Hofe  so  gehalten  werden,  daß  sie 
keinen  Grund  zur  Klage  haben  würden.  Neue  Verhandlungen  hatten 
nach  vollzogenem  Beilager  stattgefunden,  wieder  war  der  Prinz  aber 
mit  allgemeinen  Versicherungen  abgefunden  worden.  Da  auch  ein 
neuer  \'orstoß  einige  Tage  nach  der  Heimfahrt  keinen  besseren  Er- 
folg hatte,  reichte  er  schließlich  im  Winter  1527  eine  ausführliche 
Denkschrift  ein  ‘).  Er  wiederholte  darin  seine  Bitte,  ihm  „ein  eigenes 
Wesen  einzurichten“,  und  drohte,  wenn  das  nicht  geschehe,  unter 
die  Leute  gehen  d.  h.  borgen  zu  müssen,  weil  er  von  seinem  Vater 
nicht  genug  bekomme.  .Johann,  dessen  Haltung  wohl  durch  die 
schwierige  Finanzlage  seiner  Staaten  bestimmt  wurde  *),  ließ  sich 
aber  auch  dadurch  nicht  erschüttern,  widerlegte  einzeln  alle  Punkte 
der  Denkschrift  seines  Sohnes  und  schloß  mit  der  Erklärung,  dieser 
habe  keinen  Grund  zum  Klagen,  und  mit  der  Aufforderung,  sich 
genügen  zu  lassen  ®).  Erst  nachdem  dann  in  einem  Briefe  vom 
14.  .Juli  1528*)  der  Kurprinz  seine  Wünsche  noch  einmal  wieder- 
holt hatte,  erzielte  er  ein  gewisses  Resultat:  vom  Quatember  cruc. 
exalt.  des  Jahres  1.528  an  wurde  sein  vierteljährliches  Deputat  von 
.50  fl.  auf  125  fl.,  das  seiner  Gemahlin  von  75  fl.  auf  100  fl.  er- 
höht®). Eine  getrennte  Hoflialtung  und  Rechnungsführung  aber 
vermochte  Johann  Friedrich  auch  jetzt  nicht  zu  erreichen.  Bis 
1.532  blieb  er  mit  seiner  Familie  dem  Hofstaat  seines  Vaters  ein- 
gegliedert®), und  erst  im  Juli  1.532  scheint  eine  Aenderung  geplant 
gewesen  zu  sein.  Denn  bei  der  Wichtigkeit,  die  der  damaligen 
Reise  der  Kurprinzessin  und  ihrer  Söhne  nach  Coburg  beigelegt 


1)  Beg.  D.  58  II  ohne  Datum.  Aktenst.  No.  5. 

2)  Vergl.  Barkhardt,  Landtagsakteo,  Einleitung. 

3)  Reg.  D.  58  V Kone,  ohne  Datum.  Aktenst  No.  6. 

4)  Ebenda  58  V,  eigenh.  Aktenst.  No.  7. 

5)  Reg.  Bb.  4344. 

6)  Vergl.  etwa  Keg.  Bb.  4352. 


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Kapitc-l  I. 


wird*),  scheint  es,  daß  es  sich  dal)ci  um  eine  wirkliche  Trennung 
der  Hoflialtung  handelte*).  Es  war  wenige  Wochen,  ehe  der  Tod 
Johanns  dem  Kurjirinzen  die  ersehnte  Selbständigkeit  im  vollsten 
Maße  gewährte. 

1)  Vergl.  (len  Brief  de«  Hans  von  Minidcwilz  an  Joh.  Friedr.  1532  .luli  5, 
Torgau,  Reg.  A.  247.  Aktcnst.  No.  26. 

2)  Darauf  scheint  auch  die  Bemerkung  des  Kabricius,  VIII,  S.  30  hinzu- 
weisen: Elector  filium  . . . Coburgi  in  Francia  aliquandiu  habitaturum  a se 
dimiserat. 


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Kapitel  II. 

Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 

Gern  sucht  man  im  Leben  des  Kindes  Spuren  der  späteren 
Eigenschaften  des  Mannes.  So  sind  uns  denn  auch  aus  der  .Jugend 
Johann  Friedrichs  des  Großmütigen  mehrere  Anekdoten  überliefert, 
die  bewei.sen  sollen,  daß  der  fromme  Sinn,  der  ihn  später  aus- 
zeichnete. ihm  schon  damals  eigen  war.  Leider  tauchen  sie  aber 
alle  erst  so  spät  auf,  daß  man  nicht  recht  wagt,  von  ihnen  Ge- 
brauch zu  machen.  In  das  Charakterbild  des  Fürsten  passen  sie 
sehr  gut.  Die  Umgebung,  in  der  Johann  Friedrich  aufwuchs,  war 
im  ganzen  recht  geeignet,  ihn  fromm  zu  machen  im  Sinne  seiner 
Zeit.  Sein  Vater  sowohl  wie  besonders  sein  Onkel  waren  Männer, 
(fie  die  kirchlichen  Gebräuche  ihrer  Zeit  voll  Eifer  initmachten, 
keiner  kam  Friedrich  dem  Weisen  in  der  Reliquienverehrung  und 
-Sammlung  gleich.  Es  vergeht  kaum  ein  Tag,  ohne  daß  in  den 
Ausgabebüchern  beider  Fürsten  „Opfer“  zu  verzeichnen  wären, 
und  Johann  Friedrich  folgte,  soweit  er  Gelegenheit  dazu  hatte, 
ihrem  Beispiel.  Ob  eine  Tradition,  daß  er  seinem  Vater  sogar  zu 
fromm  gewesen  sei  ‘)i  irgend  welchen  Anspruch  auf  Glaubwürdig- 
keit hat,  läßt  sich  nicht  entscheiden,  ein  Brief  Johanns  vom 
24.  Dezember  151!)-)  würde  eher  dagegen  sprechen. 

Die  etwa  vorhandenen  frommen  Neigungen  des  Prinzen  werden 
durch  seine  Erzieher  verstärkt  worden  sein.  Spalatin  und  Colditz 

1)  In  dem  allerdings  erst  aus  späterer  Zeit  stammenden  illustrierten  Bürh- 
leiu : Das  ganze  Leben  und  Historia  des  aller  theuersten  und  werten  Mannes  Her- 
zogen Johann  Friedrichen  heißt  es  unter  dem  4.  Bilde; 

Sein  ratter  sprach  zu  seinem  sun 
Ach  du  wilt  nur  sein  gar  zu  frum, 

Wer  also  gar  bald  glauben  wil, 

Muß  in  seim  leben  leiden  vU. 

2)  Vergl.  8.  30. 


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30 


Kapitel  II. 


waren  beide  Theologen,  und  wenn  sie  auch  der  humanistischen 
Richtung  zugetan  waren,  so  haben  sie  doch  gewiß  die  religiöse  Er- 
ziehung ihres  Zöglings  nicht  vernachlässigt.  Diese  bewegte  sich 
natürlich  zunächst  in  dem  üblichen  Geleise.  In  dem  Inventar  von 
1519  finden  wir  unter  anderem  auch  verzeichnet;  „Ein  silbern  marien- 
bild  an  ein  paternoster  zu  hengen,  ein  vergult  sand  Annen  Zeichen“ 
u.  dgl.,  und  unter  den  Büchern  begegnen  wir  dem  hortulus  auime 
einem  Cursus  Sancti  Bonaventurae,  mehreren  Passionen  und  Heiligen- 
legenden, wie  sie  geeignet  waren,  dem  traditionellen  Religions- 
unterricht als  Grundlage  zu  dienen.  Daneben  aber  erscheinen,  und 
das  ist  das  Interessanteste  an  dem  Aktenstück,  schon  zahlreiche 
Schriften  Luthers:  Die  Acta  Augustana,  die  sieben  Bußpsalraen, 
die  Auslegung  des  110.  Psalms,  ein  Sermon  der  Betrachtung  des 
Leidens  Chri.sti,  die  Predigt  vom  hochwürdigen  heiligen  Sakrament. 
Wir  werden  darau.s,  soweit  wir  nicht  an  eine  eigene  Initiative 
Johann  Friedrichs  glauben  wollen  — Luther  predigen  zu  hören, 
wird  er  im  September  1518  in  Weimar  Gelegenheit  gehabt  haben  ‘)  — 
schließen  dürfen,  daß  es  ein  Verdienst  des  Colditius  war,  wenn 
sein  Zögling  schon  als  Knabe  mit  dem  Geiste  Luthers  erfüllt  wurde. 

Tatsächliche  Beweise  für  die  lutherfreundliche  Gesinnung  Johann 
Friedrichs  liegen  uns  allerdings  erst  au.s  dem  Jahre  1.520  vor,  denp 
wenn  ihn  sein  Vater  am  24.  Dezember  1519  *)  ermahnte,  zum  Sakra- 
ment zu  gehn,  so  kann  mau  daraus  ebensowohl  auf  religiöse  Gleich- 
gültigkeit oder  auf  zu  große  Gewissenhaftigkeit  schließen  wie  auf 
Zweifel,  die  durch  die  neue  Lehre  hervorgerufen  wurden.  Immer- 
hin ist  es  bemerkenswert,  daß  sich  Luther  im  März  1520  schon 
überlegte,  ob  er  den  Sermon  von  den  guten  Werken  dem  jungen 
Herzog  widmen  solle  ®).  An  Veit  Warbeck  fand  d.amals  seine  Lehre 
einen  neuen  eifrigen  Anwalt  bei  dem  Prinzen.  Von  direkten  Be- 
ziehungen zu  Luther  erfahren  wir  zuerst  iin  Oktober  1520^). 

1)  Kost  Iin,  Luther,  1,  S.  201. 

2)  Aktenstücke,  No.  2. 

3j  Luther  an  Spalatin  1520  Mär/.  2,5.  Enders,  11,  S.  .Sllti. 

4)  Den  Brief  Veit  Warbecks  vom  22.  Okt.  wage  ich  nicht  recht,  heran/u- 
ziehen.  Cyprian  , Nützliche  Urkunden,  I,  454 — 457  läßt  ihn  an  Joh.  Friedrich  ge- 
richtet sein,  ihm  sind  andere  gefolgt,  nur  Bolte,  S.  XXV — XXVII,  betrachtete 
Johann  als  den  Adressaten.  Da  der  Brief,  wie  mir  Herr  Prof.  Ehwald  gütigst 
mitteilt,  keine  Adresse  hat,  läßt  sich  die  Frage  schwer  entscheiden.  Einige  Sätze 
des  Briefes  klingen  etwas  schulmeisterlich,  auch  hatte  .Tohann  Friedrich  ja  tat- 
sächlich damals  an  Friedrich  den  Weisen  geschrieben.  Luthers  Brief  vom  30. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


31 


Johann  Friedrich  schrieb  damals  an  den  Reformator  einen  leider 
bisher  nicht  wieder  aufgefundenen  Brief,  in  dem  er  ihn  seines 
Wohlwollens  versicherte,  große  Neigung  zu  seiner  Lehre  zu  er- 
kennen gab  und  ihm  mitteilte,  daß  er  auch  den  Kurfürsten  zu 
seinem  Gunsten  zu  beeinflussen  suche  ’) , ja  er  übersandte  ihm 
Abschrift  seines  Briefes  an  diesen  *).  Luther  antwortete  am  30.  Okt., 
bekannte  seine  Furchtlosigkeit  trotz  der  Bulle  und  sprach  die  Be- 
fürchtung aus.  daß  man  die  Universität  Wittenberg  von  Leipzig  her 
schädigen  wolle  ’).  Er  bekam  nun  erst  recht  Lust,  dem  jungen  Herrn 
eine  Schrift  zu  widmen,  und  ersah  dazu  die  Auslegung  des  Lobgesanges 
Mariae,  des  Magnitikat  '•).  Freudig  konnte  ihm  dieser  dann  am  20.  Dez. 
1520  melden,  daß  er  auf  sein  Schreiben  vom  Kurfürsten  '*)  eine  für 
Luther  sehr  günstige  Antwort  erhalten  habe.  Außerdem  bekannte  er 
sich  auch  in  diesem  Briefe  wieder  aufs  entschiedenste  zu  Luthers 
Lehre,  er  bezeichnete  ihn  geradezu  als  seinen  „geistlichen  Vater“  ®). 
Ob  diese  entschiedene  Stellungnahme  des  17-jährigen  Prinzen  durch 
seinen  Vater  veranlaßt  worden  ist  ’j,  läßt  sich  nicht  mit  Sicherheit 
behaupten,  wohl  aber  dürfen  wir  neben  dem  Einfluß  Warbecks  einen 
solchen  Spalatins  annehmen.  In  einem  eigenhändigen  Briefe  vom 
21.  Dez.  1520  aus  Coburg  dankt  ihm  Johann  Friedrich  für  ein  ihm 
dediziertes  Büchlein  **)  und  beteuert  am  Schluß : „Ich  wil  auch  euer  bit 
guedig  eingedenk  sein  und  ubir  dem  ewangelio  fest  halten“  Und 
wenn  Friedrich  der  Weise  am  16.  Januar  1.521  .seinen  Bruder  beauf- 
tragte, Johann  Friedrich  mitzuteilen,  daß  man  alle  Tage  wider  Doctor 

an  Joh.  Friedrich  berührt  sich  vielfach  mit  dem  Warbecks,  aber  die  Bannbulle 
ist  von  Eck  an  Johann  und  schwerlich  auch  an  Johann  Friedrich  gesandt  worden, 

1)  Der  Inhalt  ergibt  sich  aus  I.uthers  Antwort. 

2)  Das  geht  aus  dem  Briefe  des  Prinzen  vom  20.  Dez.  herv  or. 

3)  de  Wette,  I,  .^18  f.,  VI  S.  586,  Anm.  2.  Erl.  .53,  52. 

4)  Spalatin  an  Kurf.  Friedrich  1520  Dez.  3.  Wal  tz,Zeit.schr.  f.  K.G.,  II,  S.  121. 

.5)  Daß  es  der  Kurfürst  und  nicht  Herzog  Johann  war,  mit  dem  Johann 

Friedrich  damals  korrespondierte,  geht  eigentlich  schon  aus  Luthers  Aeußerung 
bei  Ende  rs  III,  8.  74,  vom  IG.Jan.  an  8pal.  hervor.  Da  Ko  Ule,  Friedrich  d.  W., 
S.  26,  aber  für  möglich  hält,  daß  Luther  sich  hier  geirrt  habe,  sei  noch  darauf 
verwiesen,  daß  nach  den  Rechnungen  Johann  und  sein  Sohn  in  den  letzten  Monaten 
des  Jahres  1520  offenbar  fast  bettändig  beieinander  waren.  Reg  Bb.  55.58. 

6)  Enders,  III,  S.  22 f. 

7)  Becker,  Kf.  Johann  v.  Sachsen  und  seine  Beziehungen  zu  Luther,  S.  8. 

8)  Vergl.  S.  15. 

9)  Goth.  Bibi.  Cod.  chart.  A 378,  fol.  2.  Ich  bringe  den  Brief  unter  No.  III 
zum  Abdruck. 


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32 


Kapitel  II. 


M:irtinu.s  Rat  halte ') . so  ist  das  doch  wohl  auch  als  ein  Beweis 
dafür  zu  betrachten,  daß  gerade  dieser  als  Verfechter  der  Sache 
Luthers  am  Hofe  galt. 

Aus  dieser  lutherfreundlichen  Gesinnung  hat  der  Prinz  dann 
offenbar,  auch  als  er  sich  im  Februar  in  Worms  aufliielt,  kein  Hehl 
gemacht,  und  Aleander  war  gewiß  gut  unterrichtet,  wenn  er  am 
28.  Februar  nach  Rom  berichtete,  der  Neffe  des  Kurfürsten  sei 
noch  viel  ketzerischer  als  der  Oheim,  wie  alle  Welt  wisse*).  Es 
war  wahrlich  wohlverdient,  wenn  dem  Prinzen  von  Luther  im  Früh- 
jahr 1521  die  Verdeutschung  und  Auslegung  des  Lobgesanges  Mariä 
gewidmet  wurde,  zugleich  als  Dank  für  seinen  Brief  vom  20.  De- 
zember. Die  Schrift  ist  allerdings  erst  auf  der  Wartburg  fertig 
geworden,  schon  am  10.  März  aber  schrieb  Luther  seinen  Wid- 
mung.sbrief  au  den  jungen  Herzog.  Er  benutzte  die  Gelegenheit, 
um  einige  auf  dessen  künftigen  Herrscherberuf  bezügliche  Er- 
mahnungen anzuknüpfen:  anderer  menschen  tun  bringet  nur  ihn 
selb  oder  gar  wenigen  leuten  frummeu  oder  schaden,  aber  herrn 
sein  nur  darzu  gesetzt,  daß  sie  ander  leuten  schädlich  oder  nützlich 
sein,  so  viel  mehr,  so  viel  weiter  sie  regieren  etc.,  Sätze,  die  gewiß 
nicht  oline  Eindruck  auf  das  fromme  Gemüt  des  Prinzen  geblieben 
sein  wer<len*).  Die  Antwort  .lohann  Friedrichs  auf  diesen  Brief 
ist  uns  nicht  erhalten,  aus  dem  nächsten  Briefe  Luthers  an  ihn 
vom  31.  März  geht  aber  hervor,  daß  er  damit  einige  Anfragen  an 
Luther  verbunden  hatte  Ober  die  guten  Werke  Christi  und  über  seinen 
Schlaf.  Es  war  ihm  aufgefallen,  daß  im  Evangelium  nur  einmal 
erwähnt  sei,  daß  Christus  geschlafen  habe.  Luther  antwortete,  das 
genüge,  um  die  natürliche  wahre  Menschheit  Christi  in  diesem 
Punkte  zu  beweisen.  In  Bezug  auf  Christi  Werke  stimmte  er  mit 
dem  Prinzen  darin  überein,  daß  Christus  stets  nach  des  Vaters 
Wohlgefallen  getan  habe,  denn  dieser  sehe  nicht  auf  die  Werke, 
sondern  auf  den  Willen  in  den  Werken.  .lohann  Friedrich  scheint 
ferner  noch  die  Frage  aufgeworfen  zu  haben,  ob  Christus  am  Kreuz 
den  ganzen  Psalm  Deus,  Deus  meus,  respice  gebetet  habe.  Luther 
erklärte,  es  sei  gleichgültig,  ob  man  das  glaube  oder  nicht,  da  in 
der  Schrift  nichts  darüber  stehe*).  Der  Brief  Johann  Friedrichs 

1)  Förstemann,  Neues  Urkb.,  I 8.  5. 

2)  K a I k 0 f I , Dc|)eschen  A leanders,  S.  lOG. 

3)  de  Wette,  I,  S.  571—573.  Erl.  5.3,  .5811.  W.  A.  VII,  544  f.  . 

4)  Erl.  53,  63  ff. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation.  33 

muß  ein  interessanter  Beweis  dafür  gewesen  sein,  in  wie  eingehende 
theologische  und  biblische  Studien  er  sich  damals  schon  vertieft 
hatte,  er  zeigt  zugleich  aber  auch,  in  was  für  Spitzfindigkeiten  er 
sich  dabei  verlor. 

Mit  seiner  Antwort  übersandte  Luther  dem  Prinzen  die  ersten 
Bogen  des  Magnificat,  die  Weiterarbeit  daran  wurde  dann  durch 
die  Reise  nach  Worms  unterbrochen.  Die  Vorgänge  dort  wird 
.Johann  Friedrich  gewiß  mit  lebhaftem  Interesse  verfolgt  haben; 
durch  Veit  Warbecks  Briefe  an  seinen  Vater  wurde  er  auf  dem 
Laufenden  erhalten.  Auch  Spalatin  glaubte  mit  Recht,  das  Interesse 
des  Prinzen  zu  finden,  wenn  er  ihm  das  Pasquill  „Dr.  Martin 
Luthers  Passion“  übersandte  -).  Und  daß  Johann  Friedrich  es  auch 
nicht  versäumte,  nach  den  Wormser  Vorgängen  an  Luther  zu 
.schreiben,  zeigt  dessen  Brief  an  Spalatin  vom  10.  Juni  l.b21 
offenbar  wußte  auch  er  aber  nichts  über  Luthers  Aufenthalt,  und 
Luther  antwortete  ihm  auch  lieber  nicht,  um  diesen  nicht  zu  ver- 
raten. Wir  haben  auch  keinen  Grund,  anzunehmen,  daß  Johann 
Friedrich,  als  er  dann  vom  BO.  August  bis  (5.  September  mit  seinem 
Vater  in  Eisenach  weilte^),  über  Luthers  Aufenthalt  auf  der  Wart- 
burg unterrichtet  worden  sei.  Johann  benutzte  sein  Zusammen- 
treffen mit  Luther,  um  sich  über  eine  theologische  Frage  bei  ihm 
Rats  zu  holen,  durch  die  die  Weimarer  Franziskaner bei  ihm 

1)  Zwar  ist  bei  allen  diesen  Briefen  in  Rt^.  K die  Adresse  verletzt,  vor- 
läufig müssen  wir  aber  doch  wohl  an  nehmen,  daß  sie  an  Johann  und  nicht  an 
.lohann  Friedrich  gerichtet  sind.  RTA  II,  8!j0,  Anm.  1 erweckt  allerdings  Be- 
denken. 

2)  Joh.  Frieilr.  an  Spal.  Cyprian  II,  2.Ö9.  Vergl.  Lenz,  Kritische  Er- 
örterungen zur  Wartburgzeit,  8.  29,  Anm.  2.  Schade,  Satiren  und  Pasquille,  II, 
S.  106  ff.,  aber  erst  in  den  Sommer  gehörig.  RTA  II,  896. 

3)  Enders,  III,  S.  171  f. 

4)  Reg.  Bb.  5560.  Daß  sich  Johann  in  größerer  Begleitung  nach  Eisenach 
begab,  ist  zugleich  wohl  ein  neuer  Beweis  dafür,  daß  er  bis  dahin  selbst  über 
den  Aufenthalt  des  Reformators  nichts  gewußt  hatte.  tVergl.  Luther  an  Spal. 
SepL  9.  E n d ers,  III,  S.  230.)  Auf  keinen  Fall  haben  wir  Grund,  besondere  Hinter- 
gedanken bei  seinem  Besuch  anzunehmen;  dieser  ist  durchaus  nicht  auffällig, 
da  der  Herzog  fast  in  jedem  Jahre  im  August  einige  Tage  nach  Eisenach  ging. 

5)  So  möchte  ich  die  grisaei  pharisaei  et  hypearitae  bei  Enders,  III,  8.  234, 
erklären  mit  diesem  gegen  Lenz,  S.  45.  Vom  Hofe  Friedrichs  d.  W.  ist  schwer- 
lich die  Rede,  dazu  war  die  Verbindung  beider  Höfe  damals  zu  gering.  Was  für 
Schwierigkeiten  aber  die  Weimarer  Franziskaner  dem  Herzog  machten,  zeigt  ihre 
Eingabe  bei  Cyprian  II,  S.  240—252,  nach  Luthers  Brief  an  Stein  bei  Enders, 
IV,  8.  29  ff.,  ins  Jahr  1522  gehörig. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I. 


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34 


Kapitel  II. 


Skrupel  zu  erregen  suchten,  und  nach  dem,  was  wir  bisher  über 
Johann  Friedrichs  theologische  Studien  erfahren  haben,  werden  wir 
gewiß  annehraen  dürfen,  daß  auch  er  sich  an  den  Debatten  über 
derartige  Fragen  mit  Eifer  beteiligte.  Das  nächste  positive  Zeugnis 
über  seine  religiöse  Beschäftigung  entstammt  allerdings  erst  aus 
dem  März  1522.  Die  Vorgänge,  die  sich  während  Luthers  Ab- 
wesenheit in  Wittenberg  abgespielt  hatten,  hatten  auch  ihn  erregt, 
und  er  wandte  sich  nun  an  Luther  und  bat  ihn  um  Auskunft  über 
die  Frage  des  Empfanges  des  Sakramentes  unter  beiderlei  Gestalt, 
über  die  Notwendigkeit,  es  mit  den  Händen  zu  ergreifen,  und  über 
das  Fleischessen  an  Fasttagen.  Er  scheint  dabei  eine  gewisse 
Neigung  zu  radikalen  Neuerungen  zu  erkennen  gegeben  zu  haben, 
denn  Luther  glaubte  ihn  in  seiner  Antwort  zurückhalten  zu  müssen. 
Mit  der  großartigen  Freiheit  und  Duldsamkeit,  die  ihn  damals  noch 
auszeichnete,  .setzte  er  ihm  auseinander,  daß  jene  Dinge  unwesent- 
lich seien:  ,,Wir  sind  nicht  davon  Christen,  daß  wir  das  Sacrament 
angreifen  oder  nicht,  sondern  darumb,  daß  wir  gläuben  und  lieben.'* 
Gewiß  sei  es  ja  besser,  das  Sakrament  unter  beiderlei  Gestalt  zu 
nehmen,  aber  man  müsse  vorläufig  noch  auf  die  schwachen  Ge- 
wissen Rücksicht  nehmen  *). 

lieber  die  Wirkung  dieses  Briefes  auf  Johann  Friedrich  wissen 
wir  nichts,  es  vergeht  wieder  ein  halbes  Jahr,  ohne  daß  wir  etwas 
über  seine  religiöse  Entwicklung  erfahren.  Im  September  läßt 
ihm  Luther  auf  V'eranlassung  Lukas  Cranachs  und  Christian  Dörings 
durch  Spalatin  ein  Exemplar  seines  neuen  Testamentes  zugehen, 
im  Oktober  war  der  Prinz  zugegen,  als  Luther  am  19.,  24.,  25.  und 
21).  sechs  Predigten  in  Weimar  hielt®),  in  denen  er  unter  anderem 
von  den  Pflichten  der  weltlichen  Obrigkeit  sprach. 

Mehr  und  mehr  wurde  dann  Johann  Friedrich  in  der  nächsten  Zeit 
der  Mittelpunkt  eines  streng  lutherischen  Kreises  in  Weimar.  Wenn  er 
sich  auch  von  allzu  radikalen  Neuerungen  künftig  anscheinend  fern- 
gehalten hat,  so  ließ  er  sich  doch  davon  nicht  abhalten,  für  die 
Verbreitung  der  neuen  Lehre  tätig  zu  sein.  In  welcher  Weise  er 
wirkte,  diis  hat  uns  ein  weimarischer  Franziskaner,  der  spätere 
weimarische  Ilofprediger  Johannes  V’^oyt  berichtet.  Er  wurde  durch 

1)  Der  Brief  Johann  FriedrieJis  ist  nicht  erhalten,  sein  Inhalt  ergibt  sich 
ans  Luthers  Antwort  vom  18.  Jlärz.  Erl.  53,  1 18  f.  Vergl.  auch  Luther  an 
Bpalatin.  März  24.  Enders,  III,  8.  317  f. 

2)  Köstlin,  I,  8.  .521.  Reg.  Bb.  .5581. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation.  ,3ö 

den  Prinzen  im  geheimen  mit  lutherischen  Büchern  versehen,  die 
er  dann  mit  Friedrich  Mekum  u.  a.  im  Kloster  las.  Als  die 
mei.sten  Anhänger  des  Evangeliums  dann  aus  dem  Kloster  entfernt 
wurden,  hielten  ihn  Herzog  Johann,  seine  Gemahlin  und  sein  Sohn, 
weil  sie  ihn  gern  predigen  hörten.  Durch  ein  Provinzialkapitcl  in 
Weimar  wurde  ihm  darauf  das  Predigen  verboten,  doch  predigte 
er  auf  besonderen  Wunsch  der  Fürsten  noch  einmal  an  einem 
Neujahrstage*).  Diese  Predigt  ist  in  Zwickau  zu  Michaelis  lö23 
gedruckt  worden,  hat  also  vermutlich  zu- Neujahr  1523  stattgefunden, 
ein  Provinzialkapitel  in  Weimar  wurde  im  August  1.521  abgehalten  ®), 
die  zweite  Gemahlin  Johanns  starb  am  8.  Oktober  1521.  Die  pro- 
pagandistische Tätigkeit  Johann  Friedrichs  im  Weimarer  Franzis- 
kanerkloster muß  also  mindestens  bis  ins  Jahr  1521  zurückreichen. 

Kein  Wunder,  daß  alle  Anhänger  der  neuen  Lehre  vertrauens- 
voll auf  den  jungen  Prinzen  blickten  und  Fühlung  mit  ihm  suchten, 
Euricius  Cordus  pries  ihn  in  einem  zuerst  1522  gedruckten  Gedicht 
als  Beschützer  der  Reinheit  des  Evangeliums®),  Jonas  ließ  sich 
im  September  1523  durch  Lang  bei  Warbeck  entschuldigen,  daß  er 
ein  eben  erschienenes  Büchlein  <)  nicht  Johann  Friedrich  gewidmet 
habe,  es  sei  das  wegen  der  darin  enthaltenen  Schmähungen  nicht 
geschehen,  die  für  einen  so  frommen  und  milden  Fürsten  nicht  ge- 
paßt hätten,  bei  nächster  Gelegenheit  werde  er  aber  das  Warbeck 
gegebene  Versprechen  erfüllen  ®).  Tatsächlich  widmete  er  dann  dem 
Prinzen  im  Jahre  1.524  seine  Auslegung  der  Apostelgeschichte®). 
Auch  Lang  selbst  läßt  sich  in  jenem  Briefe  dem  jungen  Herzog 
empfehlen  und  bittet  um  eine  tunica  grisea,  um  endlich  den  häufigen 
Aufforderungen  Johann  Friedrichs,  daß  er  sich  etwas  von  ihm  er- 
bitten möge,  zu  entsprechen  *).  Melanchthon  endlich  widmete  1525 
dem  jungen  Herzog  seine  Schrift:  Salomonis  sententiae  ver.sae  ad 
hebraicam  veritatem  mit  einem  Widmungsbrief,  in  dem  er  besonders 


1)  Ra  bi,  Historien  der  Märtyrer,  II,  Buch  IV,  Kap.  VII,  Bl.  318a,  b. 

2)  Kapp,  Kl.  Nachlese,  II,  S.  471  ff. 

3)  Krause,  Cordus,  S.  83.  Cyprian,  II,  259. 

4)  Wohl  die  Schrift  gegen  Faber  Kawerau,  Der  Briefwechsel  des  J.  Jonas, 
I,  8.  87  f. 

5)  Lang  an  Warbeck  1523  Sept.  19.  Goth.  Bibi.  Cod.  chnrt.  B.  26,  S.  12—14. 
Oergel,  S.  21. 

6)  Kawerau,  I,  S.  91  f. 

7)  In  dem  angeführten  Brief.  Siehe  Anm.  5. 

3* 


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36  Kapitel  II. 

die  Pflicht  der  Fürsten,  für  Kunst  und  Wissenschaft  zu  sorgen, 
hervorhob  ‘j.  — 

Besonders  wertvoll  ist  für  Luther  und  sein  Werk  die  Unter- 
stützung Johann  Friedrichs  geworden,  als  seit  dein  Jahre  l.o23  die 
schwärmerischen  und  wiedertäuferischen  Bewegungen  immer  mehr 
um  sich  gritfen.  Auch  der  Prediger  in  Eisenach,  Jakob  Strauß, 
und  der  weimarische  Hofprediger  Wolfgang  Stein  waren  unter 
ihren  Einfluß  geraten.  Während  Strauß  be.sonders  gegen  den 
Zinskauf  agitierte,  entwickelte  Stein  die  Theorie,  daß  das  mosaische 
(lesetz  wieder  eingeführt  werden  müsse,  daß  es  einem  Christen 
nicht  gebühre,  den  kaiserlichen  Cesetzen  zu  gehorchen.  Es  gelang 
dem  Einfluß  des  Hofpredigers,  bei  Johann  mit  seinen  Ausführungen 
Eindruck  zu  machen.  Johann  Friedrich  und  der  Kanzler  Brück, 
die  den  gesunden  Menschenverstand  vertraten,  hatten  einen  schweren 
Stand  bei  dem  alten  Herrn,  sie  erschienen  ihm  als  Widersacher 
des  göttlichen  Wortes,  und  es  blieb  ihnen  schließlich  nichts  anderes 
übrig,  als  Luthers  Unterstützung  anzurufen.  Durch  Veit  Warbeck 
ließ  ihm  der  Prinz  im  Juni  1Ö24  jene  Fragen  zur  Entscheidung 
vorlegen.  Luther  antwortete  am  18.  Juni  im  Sinne  Johann  Friedrichs 
und  des  Kanzlers,  was  diesen  dann  auch  bei  Johann  den  Sieg  über 
die  beiden  Prediger  verschaffte.  Luther  benutzte  die  sich  ihm 
bietende  Gelegenheit  nun  aber  gleich,  um  sich,  vielleicht  auch  durch 
eine  Frage  des  jungen  Herzogs  veranlaßt,  über  die  Schwärmer  im 
allgemeinen,  über  Karlstadt  und  Münzer  auszusprechen. 

Die  Antwort  des  Prinzen  vom  24.  Juni  zeigt  uns,  wie  fest  er 
auf  die  Wittenberger  Theologen  vertraute.  Stein  sollte  selbst  nach 
Wittenberg  gehen  und  sich  ,.die  hörner  des  Mosischen  gerichts  halben 
ablaufen“,  und  auch  Strauß  hätte  er  gern  zu  einer  Disi>utation  mit 
Luther  und  Melanchthon  genötigt,  Strauß  verstand  es  aber,  bei  Herzog 
Johann  mit  Erfolg  dagegen  zu  arbeiten.  Auch  Johann  Friedrich 
ging  dann  schließlich  in  seinem  Schreiben  auf  die  Schwärmer  über, 
er  klagte  über  ihre  Menge:  ,es  sind,  leider,  der  Schwärmer,  Gott 
sei  es  geklagt,  allzuviel  und  machen  uns  hieoben  gar  viel  zu  schalTen.“ 
Er  glaubte,  kein  besseres  Mittel  dagegen  angeben  zu  können,  als 
daß  Luther  von  einer  Stadt  im  Fürstentum  nach  der  anderen  zöge 
und  wie  Paulus  sähe,  „mit  was  Predigern  die  Städte  der  Gläubigen 
versehen  wären.  Ich  glaub,  daß  ihr  bei  uns  in  Duringen  kein 

1)  C.  R.  I,  774  ff. 


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Johann  Friedrich  und  die  Refornmtion. 


37 


christlicher  Werk  thun  möchtet.  Welche  Prediger  denn  nicht  tüg- 
lich,  hättet  ihr  mit  Hülf  der  Oberkeit  zu  entsetzen Der  Ge- 
danke der  Kirchenvisitation  war  damit  ausgesprochen  *). 

Im  Kleinen  wurde  der  Vorschlag  Johann  Friedrichs  schon  im 
August  desselben  Jahres  ausgeführt.  Am  1.  oder  am  13.  Juli 
hatten  Johann  und  Johann  Friedrich  in  Allstedt  eine  Predigt 
Münzers  gehört®),  sie  hatten  sie  Luther  zusenden  lassen,  der  da- 
durch zu  seinem  „Briefe  an  die  Fürsten  von  Sachsen  vom  aufrühre- 
rischen Geist“  veranlaßt  wurde,  außerdem  hatten  sie  aber  Münzer 
zu  einem  Verhör  nach  Weimar  geladen.  Es  fand  am  1.  August 
statt  und  hatte  zur  Folge,  daß  Münzer  sich  freiwillig  aus  dem 
Lande  entfernte  *).  Um  so  erwünschter  erschien  es  nun  aber,  auch 
gegen  das  andere  Zentrum  der  schwärmerischen  Bewegung,  gegen 
Orlamünde,  von  dem  aus  Kahla,  Neustadt  und  Jena  angesteckt  waren, 
vorzugehen.  Und  wenn  sich  jetzt  Luther  im  August  selbst  in  diese 
Städte  begab,  so  dürfen  wir  das  vielleicht  als  eine  Wirkung  jenes 
Vorschlags  Johann  Friedrichs  betrachten.  Stein  war  inzwischen 
zur  Vernunft  gekommen  und  begleitete  den  Reformator.  Die  wei- 
marischen  Fürsten  kann  Luther  vor  seiner  Reise  nicht  mehr  ge- 
sjtrochen  haben,  da  sie  erst  am  23.  von  einer  Reise  nach  Eisenach 
zurflckkehrten,  auf  der  Rückreise  aber  hat  er  Johann  Friedrich 
über  seine  Erlebnisse,  über  die  „tragoedia  Orlamundensis“  Bericht 
erstattet  und  ihm  und  Brück  auseinandergesetzt,  daß  man  ein  Recht 
habe,  Karlstadt  aus  Orlamünde  zu  entfernen  ®).  Auch  weiterhin 
scheint  diese  Angelegenheit  vor  allem  von  Johann  Friedrich  ge- 
leitet worden  zu  sein.  Ihm  hat  Luther  gesagt  und  geschrieben, 
was  Karlstadt  auf  seine  Bitte  vom  11.  September  um  ein  Verhör  und 
eine  Disputation  zu  antworten  sei  ®),  an  ihn  wandte  sich  Luther  am 
22.  September  auf  Veranlassung  des  neuen  Pfarrers  Dr.  Caspar  Glatz, 
damit  er  die  endliche  Entfernung  Karlstadts  aus  Orlamünde  be- 
ll Luther  an  Joh.  Friedrich,  1524  Juni  18.  Erl.  53.  244 ff.  Enders,  IV. 
S.  354  f.  Joh.  Friedrich  an  Luther,  Juni  24.  Enders,  IV,  S.  356  ff. 

2)  Burkhardt,  Gesch.  der  sächs.  Kirchen-  und  ischulvieitationen,  S.  3. 

3)  Reg.  Bb.  .5563.  Der  Kurfürst  war  nicht  dabei.  „Beide  m.  gnädige  Herrn** 
hcfleiitet  in  den  Reisebwhern  Johann  und  Joh.  Friedrich.  Der  Kurf,  ist  der  „gnä- 
digste**  Herr.  Auch  am  1.  waren  die  Herzoge  in  Allstedt.  Das  hat  Kolde 
G.  G.  A.  1902  S.  763  übersehen. 

4)  Vergl.  etwa  Köstlin,  I,  S.  678. 

.5)  Luther  an  Spalalin  1524  8ept.  13.  Enders,  V,  S.  23.  Vgl.  \V.  X V S.328 

6)  Luther  an  Stein.  Erl.  53,  268. 


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38 


Kapitel  II. 


wirke  *),  bei  ihm  beklagte  sich  dann  auch  Glatz  selbst  in  einem 
vielleicht  erst  ins  Jahr  1.Ö25  gehörigen  Briefe  über  die  Schwierig- 
keiten, die  er  in  Orlamünde  finde,  und  bat  ihn,  gegen  den  Rotten- 
geist dort  einzuschreiten  ®).  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen, 
daß  gerade  Joluinn  Friedrich  als  ein  besonderer  Feind  der  schwär- 
merischen Bewegungen  angesehen  wurde,  ja  manches  spricht  dafür, 
daß  damals  die  weimarische  Kirchenpolitik  im  wesentlichen  von 
ihm  geleitet  wurde:  Auf  seinen  Betrieb  wurde  in  den  ersten 

Monaten  des  Jahres  1.Ö2.Ö  von  Jakob  Strauß  und  Burkhardt  Hund 
ein  erster  Versuch  mit  der  Visitation  im  Eisenachischen  gemacht^), 
bei  ihm  erhob  am  24.  März  1.Ö2.5  der  Weimarer  Franziskaner 
Heinrich  Pomponius  in  einem  merkwürdigen  Briefe  Einspruch  da- 
gegen, daß  den  Mönchen  das  Predigen  verboten  worden  sei  ‘),  ihm 
berichtete  endlich  auch  Philipp  von  Hessen  im  März  l.ö2n  über 
seine  Versuche,  seinen  Schwiegervater  Georg  von  Sachsen  zu  be- 
kehren *),  und  auch  als  der  Landgraf  im  Sommer  l.ö2ti  noch  einmal 
auf  diese  Versuche  zurückkam.  trat  er  vor  allem  mit  Johann 
Friedrich  in  Verbindung®).  Wenn  es  auch  vielleicht  zu  weit  gehen 
würde,  wenn  man  aus  alledem  schließen  wollte,  daß  Johann  die 
Regelung  aller  dieser  kirchlichen  Fragen  seinem  Sohne  ganz  über- 
lassen habe,  so  ist  doch  wohl  daraus  zu  entnehmen,  daß  die  Zeit- 
genossen der  Ueberzeugung  waren,  daß  das  Wort  des  Prinzen  in 
diesen  Angelegenheiten  sehr  viel  zu  bedeuten  habe.  — 

Johann  Friedrich  verstand  es  gut.  zwischen  der  reinen  Lehre 
Luthers  und  ihren  radikalen  Auswüchsen  zu  unterscheiden.  Daher 
bestand  bei  ihm  auch  keine  Gefahr,  daß  er  durch  die  Erhebung  der 
Bauern  an  der  Wahrheit  der  neuen  Lehre  irre  gemacht  werden  würde. 
Entschieden  wahrte  er,  als  er  Ende  Mai  lö25  mit  Kurfürst  Johann  und 
Herzog  Georg  im  Lager  vor  Mühlhausen  sich  aufhielt,  seinen  luthe- 
rischen Standpunkt.  Der  Albertiner  bekam  manches  Wort  von  ihm 
zu  hören,  das  er  lieber  nicht  gehört  hätte  Auch  über  den  anti- 

1)  En  der«,  V,  S.  25  f. 

2)  Qoth.  Bibi.  Cod.  chart.  Bd.  26,  fol.  104  b ff.,  zwischen  den  Briefen  Luthers 
tin  .Toh.  Friedrich  vom  1.5.  und  20.  Mai  1525. 

3)  Burkhardt,  Visitationen,  S.  3 f. 

4)  Reg.  N.  No.  19.  Vergl.  Aktenstücke  No.  4.  Ueber  das  Predigtverbot 
vom  19.  März  handelt  Wette,  Histor.  Nachricht,  I,  S.  44  ff. 

5)  Bei  der  Zusammenkunft  in  Kreuzbuig.  Vergl.  etwa  Friedensburg, 
Vorgeschichte,  S.  40  f. 

6)  Ich  komme  demnächst  an  anderer  Stelle  auf  diese  Versuche  zurück. 

71  Seidemanu  in  der  Ztschr.  für  histor.  Theol.,  N.  F.  XI,  S.  643f. 
Friedensburg,  V'orgcsch.,  S.  8.  Rommel,  Philipp  von  Hessen,  II,  S.  85. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


39 


evangelischen  Charakter  des  Dessauer  Bündnisses  war  sich  Johann 
Friedrich  keinen  Augenblick  im  Unklaren  und  gab  dem  in  einem  Briefe 
an  Markgraf  Kasimir  von  Brandenburg  entschiedenen  Ausdruck ').  So 
mag  ihm  denn  vielleicht  auch  ein  gewisser  Anteil  an  dem  Ent- 
schlüsse seines  Vaters  zuzuschreiben  sein,  sich  im  Uegensatz  zu 
der  Zurückhaltung,  die  Friedrich  der  Weise  stets  beobachtet  hatte, 
offen  zum  Evangelium  zu  bekennen  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  und 
bei  wem  man  dadurch  Anstoß  errege*).  Die  Gegner  waren  zum 
Teil  in  der  Umgebung  des  Kurfürsten  selbst,  im  sächsischen  Adel 
zu  suchen,  doch  vermögen  wir  nicht  anzugeben,  auf  wen  die 
häufigen  Klagen  und  Anspielungen  in  Luthers  Briefen  gehen  *). 
Außerdem  aber  mußte  vor  allem  Herzog  Georg  durch  das  Ver- 
fallen seiner  Vettern  aufs  heftigste  gereizt  werden,  der  Gegensatz, 
der  schon  seit  der  Teilung  zwischen  beiden  Linien  wegen  mancherlei 
territorialer  und  rechtlicher  Differenzen  bestand,  wurde  durch  das 
verschiedene  Verhältnis  zu  Luther  aufs  äußerste  gesteigert.  Es 
war  ein  Zustand,  der  auf  ernestinischer  Seite  nun  doch  recht  lästig 
empfunden  wurde,  und  es  kann  wohl  als  ein  Beweis  dafür  be- 
trachtet werden,  wie  sicher  sich  der  Kurfürst  und  sein  Sohn  in 
ihrem  Glauben  fühlten,  wenn  sie  im  Jahre  152ö  und  1526  immer 
wieder  auf  den  Gedanken  eines  Religionsgespräches  zwischen  den 
beiderseitigen  Theologen  zurückkamen,  um  dadurch  das  Haupt- 
hindernis jeder  Einigung,  die  religiöse  Differenz,  zu  beseitigen. 
Georg  ließ  sich  auf  derartige  Sonderverhandlungen  nicht  ein.  Als 
eine  kursächsische  Gesandtschaft  ihm  im  Juli  1526  die  Sache  noch 
einmal  vortrug,  verwies  er  auf  den  Reichstag^). 

Als  nun  dieser  Reichstag  zusammentrat,  galt  offenbar  Johann 
Friedrich  noch  immer  als  eine  Hauptstütze  des  Evangeliums  am 
Hofe  seines  Vaters:  an  ihn  wandte  sich  Spalatin  durch  Warbeck  am 
26.  März®),  damit  er  bei  Johann  gegen  die  Beibehaltung  der 
papistischen  Zeremonien  auf  dem  Reichstage  wirke,  deren  Duldung 
Zweifel  an  der  Ueberzeugungstreue  des  Kurfürsten  erwecken  könne, 

1)  V.  d.  Lith,  S.  111  f. 

2)  Priucipes  noBtri  evangclium  pafam  confitentur  et  eequuntur.  Luther  an 
Stiefel,  1525  Sept  29.  Enders,  V,  S.  248. 

3)  Vergl.  etwa  Enders  V,  S.  225.  271  f.  278  f.  328  ff. 

4)  Nach  zerstreuten  Akten  im  Emest.  Ges.-Arch.  Ich  komme  auf  diese 
Verhandlungen  zurück.  Karstens’  Darstellungen  in  Zeitschr.  f.  Thür.  Gesch. 
N.  F.  IV.  bedarf  mancher  Ergänzung. 

5)  Schlegel,  S.  244. 


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40 


Kapitel  II. 


durch  ihn  erwirkte  sich  firaf  Wilhelm  von  Ilenneberg  ein  Gut- 
achten Luthers  über  die  Klostergelübde ihn  bat  auch  Philipp 
von  Hessen  am  17.  Juni,  dafür  zu  sorgen,  daß  das  Gefolge  des 
Kurfürsten  auf  dem  Reichstage  nicht  durch  unsittliches  Benehmen 
das  Evangelium  in  Mißkredit  bringe  O-  Johann  Friedrich  erfüllte 
alle  diese  Wünsche  gern,  denn  er  ließ  ja  keine  Gelegenheit,  zu 
Gunsten  der  Lehre  Luthers  zu  wirken,  vorübergehen.  Nach  Köln 
z.  B.  ließ  er  sich  von  Myconius  als  Prediger  begleiten  und  gleich 
nach  der  Rückkehr  schickte  er  dem  Grafen  Wilhelm  von  Neuenahr, 
mit  dem  er  dort  und  in  Dillenburg  zusammengewesen  war,  luthe- 
rische Bücher,  ,.um  einen  guten  Christen  aus  ihm  zu  machen“ "). 

Auf  dem  Reichstage  selbst  scheint  dann  aber  Johann 
Friedrich  gar  nicht  hervorgetreten  zu  sein,  und  auch  als  dann  nach 
dem  Reichstage  auf  Grund  von  dessen  Beschlüssen  in  Sachsen  und 
Thüringen  mit  Eifer  an  die  Organisation  der  neuen  Kirche  ge- 
gangen wurde,  hielt  er,  der  doch  selbst  die  erste  Anregung  zur 
Visitation  gegeben  hatte,  sich  zurück.  Er  mag  zunächst  durch  seine 
Hochzeit  und  die  damit  verbundenen  Reisen  genügend  in  Anspruch 
genommen  worden  sein,  doch  versäumte  er  nicht,  sich  auch  jetzt 
wieder  stets  von  seinem  Prediger  begleiten  zu  lassen,  und  die  Dis- 
putation, die  Myconius  am  19.*  Februar  1.Ö27  mit  dem  Kölner  Mönch 
Johannes  Korbach  veranstaltete*),  wird  gewiß  sein  lebhaftestes  Inter- 
esse gefunden  haben.  Ueberhaupt  liegt  es  wahrscheinlich  nur  an  der 
Lückenhaftigkeit  des  Materials,  wenn  wir  aus  den  nächsten  Jahren 
nur  spärliche  Zeugnisse  für  die  religiös-kirchlichen  Interessen  des 
Kurprinzen  erbringen  können,  und  die  vorhandenen  genügen 
immerhin,  um  zu  zeigen,  daß  auch  in  dieser  Zeit  in  dieser  Be- 
ziehung keine  Wandlung  in  ihm  vorgegangen  ist.  So  fand  Luther 
z.  B.  bei  ihm  volles  Verständnis,  als  er  noch  im  Jahre  1526  sich 
bei  ihm  über  die  Art  und  Weise  beschwerte,  wie  durch  den  hab- 
gierigen sächsi.schen  Adel  gegen  die  Klöster  und  ihre  Bewohner 
verfahren  würde*).  Daß  sich  der  Prinz  mit  den  Visitationsange- 
legenheiten beschäftigte,  zeigt  Luthers  Brief  an  ihn  vom  1.  April 
1528®).  Und  wenn  das  Verhalten  Johann  Friedrichs  in  den  Pack- 

irEnders  V,  S.  333  f.  Erl.  53,  379. 

2)  Seckendorf,  II  S.  45  f.  Fri  ed  eu  8 b u rg  Sjx’ier,  S.  291  f. 

3)  Meinardiis,  I,  2,  S.  178  f. 

4)  Myconius,  S.  51  f.  Beckendorf  II.  91  f. 

5)  Luther  an  Bpalatin  1.527  Jan.  1.  Enders  VI,  S.  3. 

6)  Erl.  53,  442  f. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


41 


sehen  Händeln  auch  besser  an  anderer  Stelle  behandelt  wird,  so 
sei  doch  schon  hier  hervorgehoben,  daß  er  in  seinen  Briefen  au 
seinen  Vater  immer  wieder  aufs  entschiedenste  betonte,  daß  er  in 
nichts  willigen  werde,  was  wider  Gott  und  das  Gewissen  ginge. 

Reichlicher  fließen  unsere  Quellen  erst  wieder  seit  dem  Früh- 
jahr lö2it.  Während  damals  der  Kurfürst  mit  dem  größten  Teile 
der  Räte  in  Speier  weilte,  war  .Johann  Friedrich  in  Weimar  zurück- 
geblieben, um  die  Regierung  zu  führen  Dadurch  bekam  er  Gelegen- 
heit, sich  mit  den  mannigfaltigsten  Fragen  der  kirchlichen  Verwal- 
tung zu  beschäftigen,  Visitationsangelegenheiten Besetzung  von 
Predigerstellen 2),  Bestrafung  von  Wiedertäufern“)  mußten  erledigt 
werden,  und  in  allen  schwierigeren  Fragen  wandte  er  sich  an  Luther 
um  Rat.  Schon  trat  auch  eine  Frage  an  ihn  heran , die  ihm  später 
noch  viel  Sorgen  machen  sollte:  er  mußte  Stellung  nehmen  zu  der 
Reformation  in  Naumburg,  und  der  Gedanke,  das  schon  jetzt  in 
allerentschieden.ster  Form  zu  tun,  hat  ihm  zum  mindesten  nicht 
fern  gelegen  ‘). 

Doch  während  Johann  Friedrich  mit  diesen  Fragen  der  inneren 
Kirchenpolitik  beschäftigt  war,  schweiften  seine  Blicke  auch  fort- 
während nach  Speier  und  verfolgten  die  dortigen  Vorgänge  mit 
dem  regsten  Interesse.  Der  Kurprinz  hegte  die  Befürchtung,  daß 
dort  vor  altem  die  Frage  der  Wahl  Ferdinands  zum  römischen 
König  verhandelt  werden  würde,  und  er  hielt  es  für  ilie  Haupt- 
aufgabe der  sächsischen  Politik,  dessen  Wahl  zu  verhüten,  denn 
der  König  von  Böhmen  und  Ungarn  galt  ihm  nach  den  Erfahrungen, 
die  man  bisher  in  seinen  Erblanden  mit  ihm  gemacht  hatte,  als 

1)  Johann  Friedrich  an  Luther  u.  a.  1529  März  12  Enders,  VII,  B.  fiö  f.,  , 
an  Kötteritzsch,  Kawerau,  I,  S.  124,  an  Kurfürst  Johann  März  21,  Reg. 
A.  241. 

2)  An  Luther  April  13,  Endcr.s,  VII,  S.  83  f.  Luther  an  Johann  Fried- 
rich April  23,  Erl.  .54,  Ö7  f. 

3)  An  Luther  u.  a.  März  21,  Enders,  VII,  S.  75  f. 

4)  In  Reg.  H.  p.  10.  L.  fol.  85/80,  eine  Notel,  welcherlei  gesthalt  der  rat 
von  wegen  ir  und  gemeiner  sthat  die  ainung  des  gotlichcn  Wortes  halben  wai  den 
knrfürsten,  fürsten  und  botschaften  derselbigen  ainigung  verwant  . . . suchen 
sollen.  Konz.,  von  der  Hand  Johann  F'riedrichs.  Naumburg  sollte  danach  um 
Aufnahme  in  den  Bund  bitten  und  sich  verpflichten , es  dann  mit  Verkündung 
des  göttlichen  Wortes  u.  s.  w.  dergestalt  zu  halten,  wie  es  im  Kurfürstentum 
durch  die  Visitation  verordnet  sei.  Vermutlich  vom  25.  März  oder  3.  April,  doch 
scheint  der  Rat  nicht  darauf  eingegangen  zu  sein.  Vergl.  Hoff  mann,  S.  66  f. 
Schöppe,  B.  345. 


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42 


Kapitel  II. 


höchster  und  größter  Feind  und  Verfolger  des  göttlichen  Wortes; 
als  einen  Tyrannen,  einen  Wüterich  wider  Seele  und  Leib  be- 
zeichnete  er  ihn.  Es  erschien  ihm  geradezu  aus  religiö.sen  Gründen 
nötig,  alles  zu  tun,  um  sich  der  Wahl  Ferdinands  zu  widersetzen. 
Selbst  den  Türken,  meinte  er,  könne  man  dagegen  verwenden  *). 

Der  Wunsch  Johann  Friedrichs,  daß  Kursachsen  die  Gelegen- 
heit des  Reichstags  benutzen  solle,  um  eine  Opposition  gegen  die 
Wahl  Ferdinands  zu  bilden,  ging  nur  in  sehr  beschränktem  Maße 
in  Erfüllung,  auch  sonst  war  er  mit  dem  Verhalten  seines  Vaters 
und  der  Räte  nicht  immer  zufrieden.  Man  hielt  ihn  nicht  genug 
auf  dem  Laufenden,  auch  war  er  in  beständiger  Furcht,  daß  man 
in  den  Sachen  des  Glaubens  nicht  fest  und  standhaft  genug  sein 
werde  *).  Schließlich  mußte  er  sich  jedoch  davon  überzeugen , daß 
das  unbegründete  Befürchtungen  seien.  Johann  ließ  sich  weder 
von  der  Verletzung  der  katholischen  Gebräuche  noch  von  der  Ab- 
haltung evangelischen  Gotte.sdienstes  zurückhalten  und  erzielte  damit 
die  schönsten  Erfolge.  Mit  Freuden  erfuhr  das  der  Kurprinz : „Hab 
mit  besundern  erfreuten  gemüt  vernommen,  das  got  lob  noch  leut  zu 
Speiher  sain,  die  gotlich  wort  mit  genaitem  gemut  hören,  und  got 
geh,  das  der  anhenger  gotliches  wertes  durch  gehörte  predig  in  E.  Gn. 
herberge  meher  werden“  ®).  Auch  mit  der  Protestation  gegen  den 
Reichstagsbeschluß  war  Johann  Friedrich  vollkommen  einverstanden: 
„Hab  mit  besundern  freuden  vernommen,  das  der  almechtige  got 
E.  Gn.  und  den  andern  fürsten  und  sthenden  die  genade  verlihen, 
das  E.  Gn.  und  dieselhigen  durch  die  übergebene  schrieft  got  und 
sein  gotliches  wort  vor  meniglichen  frei  und  on  alle  scheue  bekant 
haben  und  das  sich  E.  Gn.  mit  sampt  den  andern  haben  vernemen 
lassen,  dawei  zu  bleiben  und  sich  durch  menschenwerk  nit  darvon 
abfureu  lassen,  der  almechtige  got  wolle  E.  Gn.  mit  sampt  den 
andern  hinforder  in  sulcher  besthendigkeit  gnediglichen  erhalten  und 
alweg  bis  in  ewigkeit  bleiben  lassen“  ^). 

Der  Gegensatz  gegen  die  alte  Kirche  war  für  Johann  Friedrich 
oflenbar  damals  noch  durchaus  der  Hauptgegensatz,  aber  während 


1)  Vergl.  8.  09  ff.  and  AktenetOckc,  No.  8. 

2)  Briefe  an  Kurfürst  Johann  vom  26.  März,  an  Anhalt  vom  4.  April,  an 
Minckwitz  vom  23.  März. 

3)  An  den  Kurfürsten  April  4.  Bcg.  E.  fol.  37a  No.  83.  Bl.  76  f.  Or. 

4)  An  den  Kurfürsten  April  26,  ebenda  Bl.  100.  Vergl.  Seckendorf,  II, 
,S.  129.  Jage  mann,  Joh.  d.  Beständige,  S.  32. 


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Johanu  Friedrich  iind  die  Kcfomiation. 


4:5 


des  Speierer  Reichstages  erhielt  er  doch  auch  schon  Gelegenheit, 
sich  mit  der  großen  Spaltung  innerhalb  der  protestantischen  Partei 
zu  beschäftigen.  Minckwitz  berichtete  ihm  aus  Speier,  daß  eine 
Zusammenkunft  Luthers  und  Melanchthons  mit  Zwingli  und  Oeco- 
lampadius  in  Nürnberg  geplant  sei.  Der  Kurprinz  war  sehr 
damit  einverstanden.  Schwerlich  gab  es  für  ihn  einen  Zweifel,  auf 
welcher  Seite  der  Sieg  .sein  würde;  indem  er  Zwingli  und  Oeco- 
lami)adius  kurzweg  als  die  beiden  Stürmer  bezeichnete,  brachte  er 
-seine  Stellung  zu  ihnen  schon  genügend  zum  Ausdruck ').  Einen 
vollen  Begriff  von  der  Größe  des  Gegensatzes  scheint  der  Prinz 
damal.s  noch  nicht  gehabt  zu  haben,  da  er  in  seinem  Bundesentwurf 
vom  Mai  1520  die  Aufnahme  der  Eidgenossenschaft  für  leicht 
möglich  hielt®). 

Aus  jenem  Plane  eines  Religionsgespräches  in  Nürnberg  wurde 
nichts.  Als  ihn  dann  Philipp  von  Hessen  in  anderer  Form  wieder 
aufnahm,  wandte  sich  Melanchthon  am  14.  Mai  1520  an  den  Kur- 
prinzen, damit  dieser  seinen  Vater  veranlasse,  den  Wittenberger 
Theologen  die  Teilnahme  an  dem  geplanten  Religionsgespräch  zu 
verbieten.  Johann  Friedrich  hat  diesen  Wunsch  bereitwillig  erfüllt“). 
Welche  Stellung  er  dann  aber  weiterhin  dem  Marburger  Gespräch, 
.seinen  Vorbereitungen  und  seinen  Resultaten  gegenüber  ein- 
genommen hat,  darüber  ist  uns  bis  jetzt  nichts  bekannt  “).  und  wir 
können  höchstens  vielleicht  daraus,  daß  ihm  Luther  im  Februar 
oder  März  1530  seine  Uebersetzung  des  Propheten  Daniel  widmete  und 
in  dem  Widmungsbriefe  seine  Lust  und  Liebe  zur  heiligen  Schrift 
und  jeglicher  Weisheit  rühmte  und  seine  geringe  Liebe  zu  Streit 
und  Schaden  „mit  welchen  gedanken  itzt  täglich  umbgehen,  die  am 
allerfürstlichsten  geberden  wollen“  ®),  schließen,  daß  Luther  keinen 
Grund  hatte,  mit  der  Haltung  des  Prinzen  unzufrieden  zu  sein. 
Ob  der  Gegensatz,  in  den  Johann  P'ricdrich  auf  dem  Augsburger 
Reichstag  zum  Landgrafen  Philipp  geriet '%  irgend  etwas  mit  der 
Spaltung  in  der  evangelischen  Kirche  zu  tun  hatte,  vermag  ich 

1)  Minckwitz  an  Job.  Friedr.,  März  30.  Reg.  E.  fol.  37a,  No.  83,  Bl.  72  f.,  Or. 
Job.  Friedr.  an  Minckwitz,  .■Vpril  12,  ebd.  Bl.  222b— 22.J,  eigenb.  Konz. 

2)  Vergl.  S.  73. 

3)  C.  R.  I,  1064  ff.  1077  f. 

4)  Vergl.  Lenz,  Bricfwecbael  Pbilippe,  I,  S.  13. 

5)  Erl.  54,  134  ff.  Endcra,  VII,  S.  233. 

6)  Melancbtbon  an  Lutber  1530  Mai  22.  Ender«,  VII,  S.  343.  Vergl. 
C.  R.  II.  52.  Laemmer,  S.  36. 


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44 


Kapitel  II. 


nicht  zu  sagen.  Jedenfalls  bot  aber  dieser  Reichstag  dem  Kur- 
prinzen Gelegenheit,  seine  evangelische  Ueberzeugung  bei  den  ver- 
schiedensten Gelegenheiten  zu  betätigen.  Schon  als  man  am 
kursächsischen  Hofe  darüber  beriet,  ob  der  Kurfürst  den  Tag 
überhaupt  besuchen  solle,  vertrat  der  Kurprinz  mit  Brück  den 
Standpunkt,  daß  dieser  Besuch  entschieden  zu  raten  sei,  und  er 
setzte  .seinen  Willen  durch ').  Gemeinsam  mit  seinem  Vater  traf 
er  dann  am  2.  Mai  in  Augsburg  ein,  ja  er  würde  sich  nicht  ge- 
scheut haben,  noch  weiter  in  die  Höhle  des  Löwen  einzudringen 
und  dem  Kaiser  bis  Innsbruck  entgegenzureisen,  wenn  der  Kur- 
fürst es  ihm  erlaubt  hätte-).  Er  vertraute  wohl  auf  die  guten 
Verbindungen,  die  er  in  der  Umgebung  des  Kaisers  hatte,  schickte 
er  doch  sogar  an  den  kursächsischen  Gesandten  Hans  von  Dölzig 
lutherische  Bücher,  Exemplare  der  „Vermahnung  an  die  Geistlichen“, 
damit  er  sie  an  geeignete  Personen  verteile^. 

Ueber  den  Anteil  Johann  Friedrichs  an  den  Verhandlungen 
nach  dem  Eintreffen  des  Kai.sers  in  Augsburg  läßt  .sich  zunächst 
nicht  allzu  viel  fe.ststellen : Am  16.  Juni  vertrat  er  seinen  Vater, 
der  sich  nicht  wohl  befand,  bei  der  Erteilung  der  ablehnenden 
Antwort  an  den  Kaiser  wegen  der  Teilnahme  an  der  Fronleichnams- 
prozession ').  Zur  Beratung  über  die  kaiserliche  Proposition  zog  ihn 
Johann  neben  Brück  und  Melauchthon  mit  zu“).  Während  der 
Verhandlungen,  die  der  Ueberreichung  der  Augsburgischen  Kon- 
fession vorhergingen,  scheint  er  mit  Melanchthons  weitgehendem 
h]ntgegenkommen  nicht  einverstanden  gewesen  zu  sein.  Melanchthon 
beschwerte  sich  über  ihn  bei  Luther  und  bat  die.sen,  an  den  Kur- 
prinzen zu  schreiben,  damit  man  etwas  entgegenkommender  gegen 
den  Kaiser  sei  '*).  Luther  hat  darauf  tatsächlich  einen  Brief  an  den 
Prinzen  aufgesetzt,  ihn  aber  wieder  zerrissen,  um  ihm  nicht  un- 
nütze Gedanken  zu  machen  ’).  Auch  der  herzliche  Brief,  den  er 
dann  wirklich  am  30.  Juni  an  Johann  Friedrich  schrieb,  läßt  aber 
den  Einfluß  jener  Aufforderung  Melanchthons  nicht  verkennen, 

1)  Vcrgl.  etwa  J.  J.  JI  üller,  6.  43J  ft. 

2)  C.  R.  II,  48  f. 

3)  An  Dölzig  1530  Juni  10.  Förste  mann,  U.  1,  S.  239—241. 

4)  M üll er,  S.  527.  Förs temann  I,  S.  270.  Schirrraacher,  8.  59  f. 

5)  Müller,  8.  508. 

6)  Enders,  VIII,  8.  20.  Kolde,  Luther,  II,  8.  592  f. 

7)  Luther  an  Melanchthon,  Juni  29.  Enders,  VIII,  8.  43. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


45 


wenn  es  in  ihm  heißt:  ^Zwar  der  kaiser  ist  ein  fromes  herz,  aller 
ehren  und  tugend  wert,  dem  seiner  person  halben  nicht  mag  zu 
viel  ehre  geschehen  . . . umb  gottes  und  des  lieben  kaisers  willen 
wird  E.  F.  Gn.  geduld  haben“  *). 

Inzwischen  war  die  Konfession  bereits,  auch  mit  Johann 
Friedrichs  Unterschrift  versehen,  übergeben  worden.  Nachdem 
gegen  sie  die  katholische  Konfutation  ergangen  war,  trat  zunächst 
eine  etwas  schwüle  Zeit  des  Wartens  ein.  Man  mußte  auf  ent- 
schiedene Schritte  des  Kaisers  gefaßt  sein,  leicht  fand  jedes  dahin 
gehende  Gerücht  Glauben  -).  Da  man  auf  protestantischer  Seite  einen 
völligen  Bruch  aber  doch  nicht  wünschte,  ist  es  begreiflich,  daß  Johann 
Friedrich  in  sehr  gehobener  Stimmung  nach  Hause  zurückkehrte, 
als  er  am  5.  August  bei  einem  der  „großen  Herren“  gehört  hatte, 
daß  Hotfuung  auf  einen  Waffen.stillstand  sei®).  Tatsächlich  ließ  der 
Kai.ser  die  Verhandlungen  in  der  Form  von  Ausschußberatungen 
wieder  aufnehmen.  Dem  zweiten  dieser  Ausschüsse,  dein  der  14. 
gehörte  protestantischerseits  auch  Johann  Friedrich  an  und  erhielt 
dadurch  Gelegenheit,  seine  Schlagfertigkeit,  Bibelkenntnis  und  Be- 
lesenheit zu  zeigen,  deun  die  Anekdoten,  die  wir  darüber  besitzen, 
sind  gut  genug  überliefert,  um  als  historisch  betrachtet  werden  zu 
können.  Sagt  doch  Spalatin,  der  den  Verhandlungen  zum  Teil  bei- 
gewohnt hat,  der  Herzog  habe  sich  „fast  christlich,  bestendiglich 
und  wol  gehalten“  D.  Menius  in  seiner  Leichenpredigt  auf  Johann 
Friedrich  spricht  sich  sogar  folgendermaßen  aus:  es  sei  vielen,  die 
damals  mit  in  dem  Gespräch  gewesen,  „wissentlich,  das  S.  Kf.  Gn. 
also  zun  suchen  geredt,  das  die  papistische  Sophisten  Eck  und 
andere  gleichwol  darüber  schamrot  worden  und  uusersteils  gelerten 
sich  mit  freuden  darüber  verwundert  haben.“ 

Im  einzelnen  sind  es  drei  Geschichten,  die  auf  uns  gekommen 
sind,  alle  drei  gut  bezeugt:  Einmal  machte  der  Prinz  auf  einen 
schreienden  Widerspruch  zwischen  Eck  und  Cochläus,  den  beiden 
Hauptwortführern  der  Gegenpartei,  in  ihren  Aeußerungen  über  die 


II  Erl.  54,  157  f.  Enders,  VIII,  S.  ü2. 

2)  Eil  der«,  VIII,  S.  275,  Aimi  2.  Keim,  Schwab.  Rcformatiousgesoh., 
S.  1H8/189  über  die  von  dem  Pfarrer  Schneid  verbreiteten  Gerüchte  und  ihre 
Wirkung. 

3)  Jonas  an  Luther,  Aug.  6.  Enders,  VIII,  S.  177. 

4)  Annales  ed.  Cyprian,  S.  189. 


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46 


Knpit«!  II. 


Heiligenverehrung  im  alten  Testament  aufmerksam  ’)■  Ein  ander- 
mal, als  Eck  ein  ihm  von  Cochläus  geliefertes  Zitat  aus  einer 
Schrift  Luthers  Ober  die  Beichte  vortrug,  wo  sich  Luther  in  ganz 
katholischem  Sinne  geäußert  hatte,  wußte  Melanchthon  nichts  zu 
antworten,  der  Kurprinz  aber  sagte;  „Ja,  das  hat  er  irgend  vor  10 
oder  12  Jahren  geschrieben“  *).  Und  als  bei  der  Verhandlung  über 
die  Gewährung  des  Kelches  Eck  die  Stelle  Matth.  26:  Omnes  ex 
hoc  bibite  nur  auf  die  (ieistlicheii  bezog,  da  omnes  so  viel  heiße, 
wie  sacerdotcs,  war  Johann  Friedrich  sofort  mit  dem  Einwurf  bei 
der  Hand,  dann  müsse  die  Stelle  Mundi  cstis,  sed  non  omnes  auch 
bedeuten:  Ihr  seid  rein  und  fromm,  aber  nicht  die  Priester  und 
Pfaffen »). 

Zu  einem  Resultat  führten  auch  diese  Verhandlungen  nicht, 
und  nachdem  auch  die  eines  engeren  Ausschusses  von  sechs  Per- 
sonen gescheitert  waren,  hatte  der  Aufenthalt  auf  dem  Reichstag 
keinen  Zweck  mehr.  Die  Fürsten  begannen  abzureisen,  auch  der 
Kurfürst  hätte  sich  gern  entfernt,  ließ  sich  aber  durch  den  Kaiser 
immer  wieder  festhalten.  Für  Johann  Friedrich  lag  kein  Grund 
zum  Bleiben  mehr  vor.  Denn  die  Verhandlungen,  die  unter  der 
Hand  noch  .stattfanden  und  in  die  auch  er  noch  einmal  hineiuge- 
zogen  wurde,  als  Heinrich  von  Braunschweig  in  einer  geheimen 
nächtlichen  Zusammenkunft  ihm  und  Brück  vorschlug,  die  Kloster- 
güter sollten  bis  zu  einem  allgemeinen  Konzil  in  die  Hände  des 
Kaisers  gelegt  werden,  hatten  kaum  noch  irgend  welche  Aussicht 
auf  Erfolgt).  Als  auf  den  Gegenvorschlag  der  Protestanten,  die 
Güter  2 Jahre  lang  edlen  und  rechtschaffenen  Männern  in  Se- 
questration zu  geben,  die  ablehnende  Antwort  des  Kaisers  eintraf, 
hatte  Johann  Friedrich  sich  bereits  auf  den  Heimweg  gemacht. 
Er  reiste  über  Coburg,  wo  er  am  14.  September  mit  Luther  zu- 
sammentraf. Als  ein  Zeichen  seiner  Anhänglichkeit  überreichte  er 
ihm  einen  Siegelring,  den  er  während  des  Reichstages  hatte  her- 
steilen lassen  *),  forderte  ihn  auch  auf,  mit  ihm  nach  Hause  zu 
reisen.  Luther  zog  cs  aber  vor.  den  Kurfürsten  und  seine  Begleitung 

1)  Ziicrst  in  Luthers  „Warnung  an  meine  lieben  Deutschen“.  Erl.  2.Ö,  8.  41. 

2)  Von  Cochläus  selbst  Iwrichtet  in  „Herzog  Georgs  Entschuldigung  wider 
Luthers  Verantwortung'  1.Ö33.  Bl.  12.  Cyprian,  Hist  der  Augsb.  Conf.,  8.200/1. 

3)  Luthers  Tischreden.  Erl.  01,  S.  304. 

4J  Hortleder,  II,  S.  242.  Müller,  8.  857-862. 

5)  Enders,  VIII,  S.  27 f.  30.  87. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


47 


ZU  erwarten  ‘).  Freudig  berichtete  der  Kurprinz  am  15.  seinem 
Vater,  daß  Luther  frisch,  gesund  und  fröhlich  sei  und  einen  so 
großen  Bart  bekommen  habe,  daß  man  ihn  kaum  mehr  wieder- 
erkennen könne,  er  glaubte  aber  auch  diese  Gelegenheit  nicht  vor- 
übergehen lassen  zu  dürfen,  ohne  den  Kurfürsten  zur  Standhaftig- 
keit in  den  das  göttliche  Wort  betreffenden  Sachen  zu  ermahnen*). 

Seine  eigene  schließliche  Meinung  über  den  V^erlauf  des  Augs- 
burger Reichstags  und  besonders  auch  über  das  Verhalten  der 
Evangelischen  dort  hat  Johann  Friedrich  niedergelegt  in  einem 
Briefe  an  die  Herzogin  Elisabeth  von  Sachsen  vom  8.  Oktober  “)  und 
einem  an  Graf  Wilhelm  vom  Nassau  vom  24.  Oktober*).  In  jenem 
spricht  er  sich  vor  allem  über  die  Frage  der  Klostergüter  aus  und 
leugnet  aufs  entschiedenste,  daß  die  Verhandlungen  an  ihr  ge- 
scheitert seien,  und  in  diesem  setzt  er  auseinander,  daß  man  so 
weit  wie  irgend  möglich  entgegengekommen  sei  und  nun  die  Zu- 
kunft Gott  überlassen  müsse,  denn  man  wolle  lieber  einen  un- 
gnädigen Kaiser  als  einen  ungnädigen  Gott  haben. 

Tatsächlich  fällt  ja  in  jene  Monate  nach  dem  Augsburger 
Reichstag  eine  wichtige  Wandlung  in  den  am  kursächsischeu  Hofe 
herrschenden  Anschauungen,  indem  man  sich  von  der  Notwendig- 
keit und  Berechtigung  des  Widerstandes  gegen  den  Kaiser  über- 
zeugte®). Ob  man  dagegen  auch  von  Johann  Friedrich  behaupten 
kann,  daß  er  jetzt  erst  seine  Abneigung  gegen  ein  Zusammen- 
gehen mit  den  Oberländern  überwunden  habe,  scheint  mir  gegenüber 
seiner  Denksclirift  vom  Mai  1529  zweifelhaft.  — 

In  der  nächsten  Zeit  sind  es  in  erster  Linie  politische  An- 
gelegenheiten, die  den  Prinzen  in  Anspruch  nehmen,  sein  oberster 
Grundsatz  dabei  bleibt,  daß  man  nur  das  tun  dürfe,  was  man  vor 
(«Ott  und  seinem  Gewissen  verantworten  könne,  und  unsere  Auf- 
gabe würde  nun  hier  noch  sein,  zu  bestimmen,  was  der  Kurprinz 
dafür  hielt.  Während  da  nun  kaum  irgend  welche  Aeußerungen 
vorliegen,  aus  denen  man  über  das  Verhältnis  des  Prinzen  zu  den 
Zwingliauern  etwas  entnehmen  könnte  *‘),  bleibt  ein  scharfer  Gegen- 

li  Luther  an  Melanchthon  1530  Sept.  15.  Enclers,  VIII,  S.  258  ff. 

2)  Förateniann,  U.  II,  450f. 

3)  Reg.  A.  241,  cigenh.  Konz.  AktenM.  No.  20. 

4)  Reg.  E.  fol.  37  a.  No.  88,  cigenh.  Konz.  Aktenst.  No.  21. 

5)  Winckelmann,  S.  36. 

6)  Ala  iin  April  1531  in  SchnialkaUien  die  Frage  der  Aufnahme  der  Eid- 
genoeaen  in  den  Bund  ziu"  Verhandlung  kam,  erklärte  er,  erat  an  aeinen  Vater 


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48 


Kapitel  II. 


Satz  zur  röinischeu  Kirche  bestehen.  Als  er  sich  z.  B.  im  Dezember 
15;J0  in  Köln  befand,  um  gegen  die  Wahl  Ferdinands  zu  pro- 
testieren, ließ  er  sich  auch  durch  den  lebhaft  ausgesprochenen 
Wunsch  des  Kai.sers  nicht  bestimmen,  die  evangelische  Predigt  ein- 
zustellen oder  sich  an  Fasttagen  des  Fleisches  zu  enthalten '). 
Auch  die  schroffe  Behandlung,  die  ihm  der  Kaiser  nach  einem 
römischen  Bericht  soll  haben  zu  teil  werden  lassen  *),  wird  schwer- 
lich Eindruck  auf  ihn  gemacht  haben.  Auch  gegenüber  den  An- 
trägen der  Grafen  von  Dessau  und  Neuenahr  im  Augu.st  1531  be- 
harrte  er  fest  auf  der  augsburgi.scheu  Konfession,  und  in  Schwein- 
furt  beobachtete  er  im  April  1532  mit  Vergnügen  den  Erfolg  der 
Predigten  Spalatins  ”),  wie  denn  auch  dieser  der  religiösen  Haltung 
des  Herzogs  .sein  volles  Lob  spendete*). 

Seine  evangelische  Ueberzeugung  hinderte  Johann  Friedrich 
aber  nicht,  zur  Erlangung  des  Friedens  bedeutende  Zugeständnisse 
zu  machen.  Konnte  er  doch  dabei  auf  die  vollste  Zustimmung  des 
Reformators  rechnen.  Gerade  die.se  F’riedensverhandlungen  führen 
uns  nun  überhaupt  auf  die  Frage,  wie  groß  Luthers  Einfluß  auf 
Johann  Friedrich  in  dieser  Zeit  war,  ob  dessen  Meinung  für  den 
Kurprinzen  in  jeder  Beziehung  maßgebend  war.  Und  da  verdient 
es  doch  hervargehoben  zu  werden,  daß  er  sich  durchaus  nicht 
scheute,  seine  al)weichende  Ansicht  gelegentlich  aufs  entschiedenste 
zu  äußern.  Sehr  unzufrieden  war  er  z.  B.  mit  dem  Streit,  der  im 
Jahre  1529  zwischen  Luther  und  Herzog  Georg  im  Anschluß  an 
die  Pakschen  Händel  ausgebrochen  war,  er  bezeichnete  die  Schriften 
beider  als  Schmälischriften  und  wunderte  .sich,  daß  sie  bis  au  den 
Rhein  zum  Grafen  von  Neuenahr  gedrungen  waren,  da  sie  ihm  so 
vieler  Ehre  gar  nicht  wert  .schienen  *).  In  einem  Briefe  an  Dölzig 

darüber  berichten  zu  inüfwen  (W  inckcl  uia  nn , S.  2Ü4X  Ob  er  an  der  schroffen 
Instruktion,  die  dann  Minckwitz  und  Dölzig  für  den  Frankfurter  Tag  erhielten 
(Torgau  Mai  24.,  Reg.  H.  p.  52,  No.  8,  fol.  52  ff  ),  irgend  welchen  Anteil  hatte, 
habe  ich  nicht  featatellen  können.  Winckelmann,  S.  123. 

1)  Spalatin  ap.  Mencke,  II,  8.  1121. 

2)  G.  Heiue,  Cartas  al  ein(xrador  Carlos  V.,  S.  100 ff. 

3)  An  Johann  April  1.  Reg.  H.  p.  63,  No.  16,  vol.  I.,  fol.  105 ff.  Or. 
Seckendorf,  III,  8.  20. 

4)  Verpoortenn  i US,  sacra  anaiccta,  8.  68f. 

5)  An  Neuenahr  l.'V20  März  13.  Reg.  E.  fol.  37a,  No.  83,  Bl.  210 — 212, 
eigenh.  Konz.  Aktenst.  No.  0.  Vergl.  auch  die  Briefe  an  Johann  vom  12.  April,  ebenda 
Bl.  22.'),  und  an  die  Herzogin  Elisabeth  vom  14.  ApriL  Reg.  A.  240.  Aktenst.  No.  13. 


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Johann  Friedrich  und  die  Reformation. 


49  . 


Spricht  er  einmal  seine  Unzufriedenheit  darüber  aus,  daß  alle  Briefe 
erst  nach  Wittenberg  geschickt  würden,  ehe  man  einen  Beschluß 
darüber  fasse,  da  müsse  natürlich  alles  langsam  zugehen ').  Und 
auch  während  der  Friedensverhandlungen  war  er  der  Meinung,  daß 
Luthers  Nachgiebigkeit  doch  etwas  gar  zu  groß  sei. 

Zwar  wenn  sich  .Johann  Friedrich  überhaupt  nach  Schweinfurt 
begab  und  diesen  Schritt  auch  gegen  den  Landgrafen  und  andere 
verteidigte,  so  konnte  er  dabei  der  Zustimmung  Luthers  gewiß  sein, 
dagegen  war  er  durchaus  nicht  der  Meinung,  daß  man  aus  lauter 
Friedensliebe  in  der  Wahlfrage  nachgeben  müsse,  wie  Luther  das 
riet*).  Ebenso  scheint  dann  der  Kurprinz  während  der  Schwein- 
furter Beratungen  der  Ansicht  gewesen  zu  sein,  daß  man  nicht  weiter 
nachgeben  könne,  als  mau  in  den  Vorschlägen,  die  man  den  Ver- 
mittlern gemacht  hatte,  getan  hatte,  daß  vor  allem  eine  Preisgebung 
aller  künftigen  Anhänger  der  evangelischen  Lehre  nicht  stattfindeu 
dürfe  *).  Doch  veranlaßte  er  dann  selbst,  nachdem  über  diese  Frage  in 
Schweinfurt  nichts  Definitives  entschieden  war,  daß  Johann  unmittel- 
bar nach  seiner  Rückkehr  Luther,  Melauchthon  und  andere  Witten- 
berger Theologen  zu  einer  Besprechung  über  die  Friedensvorschläge 
nach  Torgau  berief*).  Schon  am  13.  Mai  hat  diese  Verhandlung 
stattgefunden,  und  die  zahlreichen  theologischen  Gutachten,  die  wir 
besitzen,  werden  daher  wohl  auch  in  diese  Zeit  gehören“).  Die 
Theolojgen  waren  sämtlich  der  Ansicht,  daß  man  aus  Rücksicht  auf 
den  Frieden  sich  auch  damit  zufrieden  geben  müsse,  wenn  er  den 
jetzigen  Bekennern  des  Evangeliums  gewährt  würde.  Der  Kurfürst 
schloß  sich  dieser  Ansicht  an*).  Johann  Friedrich,  der  auch  2 Tage 
in  Wittenberg  weilte,  in  heiterster  Stimmung  war  und  stundenlange 
Gespräche  mit  den  Theologen  hatte*),  scheint  ebenso  wie  Brück, 
nicht  ganz  mit  deren  Ratschlägen  einverstanden  gewesen  zu  sein. 
Vielleicht  waren  er  und  der  Kanzler  es,  die  die  Mitnahme  der 

1)  Förstemann,  U.  II,  S.  735  ff. 

2)  Erl.  54,  271  ff. 

3)  Job.  Friedrich  an  Johann  April  24,  Reg.  H.,  p.  03,  No.  IG,  vol.  3, 
fol.  31 — 36,  an  Neuenahr  Mai  4,  Cornelius,  X,  ß.  137,  Vergl.  Winckel- 
mann,  8.  187 — 209. 

4;  An  Johann  Mai  7.  Reg.  H.,  p.  63,  No.  16,  vol.  3,  fol.  109,  Or.  Aktenst. 
No.  24. 

5)  de  Wette,  IV,  8.  369  ff.  372  ff.  Burkhardt,  8.  205. 

6)  Johann  an  Ldgf.  Philipp  Mai  26,  Torgau.  Reg.  H.,  p.  70,  No.  19,  Kopie. 

7)  Melanchthon  an  Jonas  Mai  20.  C.  R.  II,  590  f. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I.  A 


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• 50 


Kapitel  II. 


Theologen  zu  den  weiteren  Friedensverhandlungen  in  Nürnberg 
verhinderten  ■).  Die  kursächsischen  Vertreter  scheinen  dort  dann 
zwar  Luthers  Meinung  ihren  Aeußerungen  zu  Grunde  gelegt  zu 
haben,  sie  waren  aber  wohl  nicht  allzu  verwundert,  daß  sie  wenig 
Anklang  damit  fanden.  Die  Gutachten,  die  von  anderen  Seiten 
mitgebracht  wurden,  lauteten  ganz  entgegengesetzt,  man  war  der 
Meinung,  „das  dasjhenige,  so  doctor  Martinus  und  die  andern  ge- 
lerten  zu  Wittenberg  in  irem  ratschlag  und  bedenken  zugelassen, 
mit  got  und  gewissen  nit  bewilliget  noch  angenomen  muge  werden“. 
Doch  hoffte  man  noch  zu  einem  Vergleich  zu  kommen  *).  In  der  Tat 
blieb  die  Einigkeit  der  Protestanten  zunächst  gewahrt,  indem  sie 
einfach  ohne  Rück.sicht  auf  die  Wittenberger  an  ihren  Schwein- 
furter Beschlüssen  festhielten.  Dabei  scheinen  Johann  Friedrich 
und  Brück  sich  nun  aber  doch  nicht  ganz  wohl  gefühlt  zu  haben, 
und  am  21.  Juni  bat  der  Kurprinz  daher  seinen  Vater,  die  über- 
sandten Kopien  der  Nürnberger  V^erhandlungen  Luther  und  den 
anderen  Wittenberger  Gelehrten  zu  schicken  und  sie  von  neuem 
um  ihr  Gutachten  zu  bitten,  damit  er  sich  danach  richten  könne  ®). 
Johann  leistete  diesem  Wunsche  bereitwillig  Folge  *).  Der  Erfolg  ent- 
sprach aber  durchaus  nicht  den  Ilofl'nungen  Johann  Friedrichs.  Das 
Bedenken,  das  Luther  und  Jonas  erstatteten  und  das  der  Kurfürst 
unter  Erklärung  seiner  vollsten  Uebereinstimmung  seinem  Sohne 
bereits  am  ik).  Juni  zusenden  konnte,  war  fast  noch  entgegen- 
kommender als  die  früheren  *).  Die  Theologen  rieten  darin,  eigent- 
lich alle  Forderungen  der  Kaiserlichen  zu  erfüllen,  und  das  ging 
doch  auch  den  nachgicbig.sten  protestantischen  Ständen  zu  weit. 
Obgleich  Luther  am  29.  Juni  auch  noch  direkt  an  Johann  Friedrich 
einen  mit  ernsten  Friedensmahnungen  erfüllten  Brief  geschrieben 
hatte“),  machte  dieser  doch  von  seiner  abweichenden  Ansicht  kein 
Hehl.  Am  9.  Juli  schrieb  er  seinem  Vater,  daß  „kein  gesandter 
der  mitverwanten  und  weder  die  marggrevischen  noch  die  von 
Nürnberg,  ap  sie  wol  auch  sere  gelinde  in  dieser  handlung  sein, 

1)  C.  R.  II,  591. 

2)  Job.  Friedrich  an  Johann  Juni  9,  Nürnberg.  Reg.  H.,  p.  65,  No.  17, 
vol.  1,  fol.  16.  21. 

3)  Kbcnda  vol.  2.  fol.  42 — 44.  Akten»!.  No.  25. 

4)  ßurkhardt,  8.  205  f. 

5)  de  Wette,  IV,  8.  380.  Johann  an  Joh.  Friedrich  Juni  30.  Beg.  H., 
p.  65,  No.  17,  vol.  3,  fol.  2/3. 

6)  de  Wette,  IV,  S.  384  f.  Erl.  54,  8.  315. 


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Johann  Friedrich  und  die  ßeforination. 


51 


dieselbigen  artickel  dafür  mugen  ansehen,  das  sie  ane  Verletzung 
gotlicher  glori  anzunemen  gewest  weren“  ').  Auch  Brflck  äußerte 
an  demselben  Tage.  Luther  würde  wohl,  wenn  er  über  alles  genau 
unterrichtet  wäre,  selbst  anderer  Ansicht  sein  *). 

Man  kann  nun  eigentlich  nicht  sagen,  daß  die  Protestanten 
von  dieser  bestimmt  ausgesprochenen  Ansicht  nachträglich  doch 
wieder  abgewichen  seien,  daß  also  Luthers  Meinung  schließlich 
<loch  obgesiegt  habe®),  denn  die  Verhandlungen  hatten  inzwischen 
ja  einen  ganz  anderen  Charakter  angenommen.  Man  verhandelte 
nicht  mehr  über  einen  wirklichen  Vergleich,  sondern  über  einen 
Stillstand,  einen  Landfrieden  *),  und  für  diesen  waren  neue  Vorschläge 
vom  Kaiser  eingetroffen,  die  die  Vermittler  am  4.  Juli  den  Pro- 
testanten vorlegten.  Insofern  mögen  allerdings  Luthers  Wünsche 
gewirkt  haben,  als  man  sich  entschloß,  der  Annahme  der  neuen 
kaiserlichen  Vorschläge  trotz  des  hessischen  Widerspruches  keine 
zu  großen  Schwierigkeiten  in  den  Weg  zu  legen.  So  wurden  die 
vVrtikel  zwar  mit  einigen,  zum  Teil  von  Johann  Friedrich  selbst 
herrührenden  Verbesserungsvorschlägen  zurückgegeben,  aber  man 
war  von  vornherein  entschlossen,  den  Frieden  nicht  an  diesen  For- 
derungen scheitern  zu  lassen''’).  Der  Kurfürst  billigte  diesen  Stand- 
punkt durchaus  und  etwa  auf  dieser  Grundlage  ist  ja  dann  auch 
der  Friede  geschlossen  worden.  Johann  Friedrich  glaubte  mit  dem 
Erreichten  zufrieden  sein  zu  können,  er  hatte  jedenfalls  nach  bestem 
Wissen  und  Gewissen  gehandelt”)  und  zur  Erreichung  eines  Zieles 
l>eigetragen,  das  doch  auch  für  die  Reformation  als  nicht  ganz  ohne 
Nutzen  bezeichnet  werden  kann. 

1)  Reg.  H.  ebenda  fol.  .58 — 60.  Aktenst.  No.  27.  Vergl.  Seckendorf, 
III,  S.  22.  Winckelmann,  S.  233.  236. 

2)  Reg.  H.  ebenda  fol.  65. 

3)  Winckelmann,  S.  236. 

4)  Vergl.  Job.  Friedrich  an  Neuenahr  Cornelius,  X,  S.  149  f.  Ranke, 
III,  S.  296  Anm. 

5)  Reg.  H.,  p.  65,  No.  16,  vol.  4,  fol.  111,  eine  Kopie  des  Entwurfs  der 
Kurfürsten  vom  4.  Juli  mit  eigenhändigen  Verbesserungen  Johann  Friedrichs. 
Vergl.  Seckendorf,  III,  S.  21. 

6)  Johann  Friedrich  an  Johann  Juli  9.  Vergl.  Anm.  1. 

7)  An  Johann  Friedrich,  Juli  14.  Reg.  H.,  p.  65,  No.  17,  vol.  3,  fol.  78,79. 

8)  Seine  Auffassung  ist  besonders  deutlich  au.sgesprochcn  in  dem  Brief  an 
Neuenahr  vom  28.  Juli  bei  Cornelius,  X,  8.  149  f. 


4* 


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Kapitel  III. 

Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürn- 
berger Anstand. 

Die  erste  Einführung  Johann  Friedrichs  in  die  Welt  der 
Politik  fand  statt,  al.s  am  21).  April  lö20  die  .sächsischen  und 
hessischen  Fürsten  in  Xordhausen  zusainmenkainen,  um  ihre  Erb- 
verbrüderung zu  erneuern.  Es  kam  zu  höchst  interessanten  und 
zum  Teil  erregten  Debatten,  doch  läßt  sich  nichts  davon  bemerken, 
daß  Johann  Friedrich  schon  irgend  welchen  Anteil  daran  gehabt 
hätte.  Das  war  ja  auch  nicht  zu  erwarten.  Er  hatte  aber  hier 
Gelegenheit,  seine  jungen  Vettern  Johann  von  Sachsen  und  Philipp 
von  Hessen  kennen  zu  lernen  und  Freundschaft  mit  ihnen  zu 
schließen,  wurde  außerdem  wohl  selbst  in  die  Erbverbrüderung  auf- 
genommen ').  In  einen  größeren  Kreis  trat  er  dann  ein,  als  er  am 
8.  Februar  1521  mit  seinem  Vater  in  Worms  eintraf,  am  10.  hatten 
beide  Audienz  bei  Karl  V.*).  Noch  konnte  sich  ja  Johann  Friedrich 
als  dessen  Schwager  betrachten.  Der  Grund  der  Anwesenheit  der 
beiden  Fürsten  war  außer  der  allgemeinen  Verpflichtung  Johanns, 
am  Reichstage  teilzunehmen,  der  Wunsch,  die  Lehnsempfängnis  beim 
Kaiser  zu  betreiben  und  über  die  jülichschen  Ansprüche  der 
Wettiner  zu  verhandeln.  Es  wäre  aber  doch  zu  kostspielig  ge- 
worden, wenn  man  auf  die  Erledigung  dieser  Dinge  hätte  warten 
wollen,  daher  verließen  die  beiden  Fürsten  Worms  bereits  am 
23.  Februar  wieder“),  indem  Johann  seinem  Bruder  Vollmacht  hinter- 
ließ, ihn  in  jenen  Fragen  zu  vertreten*).  Gar  nicht  ist  in  dieser 
Vollmacht  von  der  Ileiratssache  die  Rede,  wir  dürfen  aber  wohl 

1)  Reg.  D.  495.  Müller,  Annalen,  S.  73. 

2)  RTA  II,  787. 

3)  Ebenda  804.  808. 

4)  Febr.  21.  RTA  II,  8.  808. 


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Jobami  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  53 

vermuten,  daß  auch  diese  Frage  einer  der  Gründe  für  die  Reise 
Johanns  und  seines  Sohnes  nach  Worms  war. 

Johann  Friedrich  war  damit  in  die  große  politische  Welt  ein- 
geführt. Wichtiger  aber  war  doch  zunächst,  daß  er  die  Regierungs- 
geschäfte in  den  Gebieten,  die  er  einst  regieren  sollte,  kennen 
lernte.  Wann  dazu  der  Anstoß  gegeben  wairde,  können  wir  ganz 
genau  bestimmen,  denn  am  25.  März  1.521  sprach  Friedrich  der 
Weise  .seinem  Rruder  den  Wunsch  aus,  daß,  da  er  nicht  mehr  so 
leistungsfähig  sei  wie  früher  und  die  Räte  zu  wenig  zustande 
brächten,  Johann  selbst  mit  Zusehen  möge,  auch  möge  er  seinen 
Sohn  „zu  den  Händeln  ziehen“,  damit  er  sehe,  wie  es  zugehe.  Er 
sei  nun  groß  genug,  und  es  handle  sich  ja  auch  um  seine  eigenen 
Angelegenheiten  *).  Einen  Beweis  dafür,  daß  Johann  diesem 
Wunsche  seines  Bruders  Rechnung  getragen  hat,  vermag  ich  aller- 
dings nicht  zu  erbringen.  Ueberhaupt  finden  sich  noch  für  viele 
.lahre  nur  sehr  unbedeutende  Spuren  einer  Mitwirkung  Johann 
Friedrichs  bei  der  Regierung  der  ernestinischen  Staaten.  An  den 
Landtagen  nimmt  er  1523  und  1.525  teil  *),  ohne  aber  irgendwie 
hervorzutreten;  richterlich  fand  ich  ihn  1525  gelegentlich  tätigt), 
und  auch  in  der  Instruktion  für  die  Reise  nach  Friedewald  erteilte 
Johann  ihm  Vollmacht,  Supplikationen  der  Untertanen  entgegenzu- 
nehinen  und  zu  entscheiden^).  Daß  er  über  Verwaltungsange- 
legeuheiten  nachgedacht  hatte,  zeigt,  seine  Denkschrift  vom  Mai 

l, 529,  in  der  er  empfahl,  nach  dem  Muster  des  herzoglichen 
Sachsens  auch  das  ernestinische  Gebiet  in  eine  Reihe  von  Haupt- 

m. annschaften  zu  teilen  ®).  Und  besonders  seit  dem  Jahre  1530  hat 
er  dann  auch  an  den  Landtagsverhandlungen  einen  regen  Anteil 
genommen,  er  hat  selbst  zum  Teil  die  Verhandlungen  mit  den  Ständen 
geführt  ®),  wichtige  Fr.agen,  wie  die  Finanzreform,  wurden  auch  ihm 
zur  Begutachtung  vorgelegt ’),  und  auch  wenn  er  sich  außer  Landes 

1)  Företemann,  N.  U,  I,  S.  13, 

2)  Burkhardt,  Landtagaakten,  S.  153,  und  Reg.  Bb.  5564. 

3)  Loc.  8233,  fol.  112b,  146b,  Loc.  8786.  Faselius,  S.  8. 

4)  Reg.  H.,  p.  2,  B. 

5)  Keg.  H.,  p.  10,  L.  fol.  81 — 84.  Siehe  Aktenst.,  No.  17. 

6)  Burkhardt,  Landtagsakten,  S.  239.  243.  256 — 262. 

7)  Ebenda  S.  196.  218  220. 


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54 


Kapitel  III. 


befand,  verfolgte  er  die  Landtagsangelegenheiten,  wie  seine  Briefe 
an  Johann  zeigen,  mit  Aufmerksamkeit'). 

In  innigster  Verbindung  mit  den  Fragen  der  inneren  kur- 
sächsischen  Politik  stand  stets  das  Verhältnis  zu  den  Albertinern. 
Wie  weit  Johann  Friedrich  in  diese  außerordentlich  verwickelten 
Streitigkeiten  eingeweiht  war,  vermag  ich  nicht  zu  sagen,  einige 
seiner  Briefe  zeigen  aber,  daß  er  bei  aller  Empörung  gegen  das 
Verhalten  Herzog  Georgs  *)  doch  immer  wieder  bereit  war,  die 
Hand  zum  Frieden  zu  bieten.  Er  war  sehr  damit  einverstanden, 
daß  immer  wieder  „Zusammeuschickungen“  der  Räte  stattfanden, 
um  Ausgleichsversuche  zu  machen,  und  auch  als  ihm  Wolf  von 
Schönberg  im  Jahre  1.52!)  vorschlug,  daß  er  selbst  sich  ins  Mittel 
legen  sollte,  war  er  gern  dazu  bereit“).  Eine  Zusammenkunft 
zwischen  ihm  und  Georgs  Sohne  Johann  wurde  geplant,  damit  sie 
sich  über  die  zur  Versöhnung  ihrer  Väter  geeigneten  Mittel  und 
Wege  unterredeten.  Ob  sie  stattgefnnden  hat,  habe  ich  nicht  fest- 
stellen können,  von  einer  Anteilnahme  Johann  Friedrichs  an  dem 
grimmaischeu  Machtspruch,  der  dann  doch  wenigstens  eine  gewisse 
Beilegung  der  Differenzen  brachte,  findet  sich  keine  Spur.  — 

Mehr  als  für  die  Landesverwaltung  und  für  die  nachbailichen 
Streitigkeiten  scheint  sich  Johann  Friedrich  für  die  große  Politik 
interessiert  zu  haben.  Hans  von  der  Planitz  hielt  ihn  schon  im 
Juni  1522  für  reif,  seinen  Onkel  im  Nürnberger  Reichsregiment  zu 
vertreten,  Friedrich  selbst  allerdings  zweifelte  daran ').  Die  poli- 
tische Tätigkeit  Johann  Friedrichs  scheint  daher  auch  noch  einige 
Jahre  darauf  beschränkt  geblieben  zu  sein,  daß  er  von  seinem 
Vater  zu  verschiedenen  Fürstenzusammenkünften  mitgenommen“) 


1)  Briefe  an  Johann  I.')31  Jan.  6,  Hambach,  Loc.  10671  „Schreiben  und 
Bedenken“,  fol.  166 — 167,  1531  Slürz  28,  Weimar.  I{^.  H.,  p.  .59,  No.  13,  foL  207, 
April  5,  Georgeuthal,  eteida  fol.  25  f. , 1532  Juni  25,  Nürnberg,  Keg.  H., 
p.  65,  No.  17,  vol.  2,  fol.  53—56,  u.  g.  w. 

2)  Diese  kommt  vor  allem  in  den  Briefen  an  die  Herzogin  Elisabeth  von 
14.  April  1529  und  8.  Okt.  1530  zum  Ausdruck.  Siehe  Aktenst.,  No.  13  und  20. 

3)  Joh.  Friedrich  an  Wolf  von  Schönberg  1.529  Dez.  18,  Torgau,  Reg. 
A.  242,  Iteinentw.  Aktenst.  No.  19. 

4)  Planitz,  Berichte,  S.  161.  176.  181. 

5)  Im  Oktober  1522  in  Naumburg  Zusammenkunft  der  beiden  sächsischen 
Linien,  des  Kurfürsten  von  Brandenburg,  der  Fürsten  von  Anhalt,  Spalatin  ap. 
Mencke,  Sp.  616,  Reg.  Bb.  5561;  im  Oktober  1523  in  Jüterbogk  mit  dem  Kur- 
fürsten von  Brandenburg,  König  Christian  von  Dänemark  und  anderen  Fürsten, 


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Johann  FriedrichR  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  55 

und  an  verschiedenen  Höfen  vorgestellt  wurde*);  erst  das  Jahr 
152.5  brachte  ihm  Gelegenheit  zu  selbständiger  Betätigung. 

Landgraf  Philipp  war  es,  der  seinem  Vetter  Anlaß  gab,  sich 
seine  politischen  Sporen  zu  verdienen.  Schon  im  März  hatte  er 
ihn  nach  Kreuzburg  zu  einer  Zusammenkunft  eingeladen;  da  er 
aber  geschrieben  hatte,  daß  es  ihm  auch  recht  sei,  wenn  Herzog 
Johann  niitkäme,  hatte  auch  dieser  an  der  Konferenz  teilge- 
nommen. Wir  wissen  auch  nicht  sicher,  welche  Fragen  politischer 
^Vrt  dort  neben  den  religiösen  verhandelt  wnrden,  eine  gewisse 
Wahrscheinlichkeit  spricht  dafür,  daß  man  sich  mit  den  Bewegungen 
in  der  Bauernschaft  beschäftigte^).  Während  des  Bauernkrieges 
scheint  Johann  Friedrich  keine  Gelegenheit  zu  selbständiger  Aktion 
gegeben  worden  zu  sein,  wir  finden  ihn  beständig  in  der  Umgebung 
seines  Vaters^),  dessen  beide  Feldzüge,  bei  denen  gleichzeitig  die 
Huldigung  für  den  neuen  Kurfürsten  entgegengenommen  wurde, 
machte  er  mit*).  Wie  Johann,  scheint  auch  er  von  versöhnlicher 
und  milder  Gesinnung  gegen  die  Bauern  erfüllt  gewesen  zu  sein  *'). 
Auch  nur  im  Gefolge  seines  Vaters  befand  sich  Johann  Friedrich, 
wenn  er  vom  6. — 8.  August  1,525  an  der  Zusammenkunft  mit  den 
Markgrafen  Casimir  und  Georg  von  Brandenburg  in  Saalfeld  teil- 
uahm*),  und  ebenso  bei  dem  Zusammentreffen  mit  Herzog  Georg 
in  Naumburg  vom  11. — 13.  August’). 

gpalatin  ebd.  Sp.  631,  Endera,  IV,  S.  258,  Reg.  Bb.  5562.  Vergl.  auch 
Spalatin,  Sp.  633.  635  f. 

1)  Im  Jouuar  1525  in  Ilmenau  und  in  Arnstadt,  im  Januar  und  Februar 
in  Bcrbn  und  Stettin.  Reg.  Bb.  55&1. 

2)  Vergl.  über  die  Kreuzburger  Zusammenkunft  Seckendorf,  II,  S.  35  f. 
Friedensburg,  Vorgeschichte,  S.  40/41.  Stoy,  S.  26.  Seidemann  in  der 
Zeitschr.  f.  hist.  Theol.,  N.  F.  XIII,  1849,  S.  175ff.  Friedensburg  im  N.  A.  f.  s. 
Gcsch.,  VI,  S.  118  ff.  Job.  Friedr.  erwähnt  in  seinem  Briefe  an  den  Landgrafen 
vom  4.  April  (Reg.  N.  39,  fol.  4),  daß  er  ihm  eine  Schrift  über  den  zehnten 
Pfennig  zugeschickt  habe,  woraus  ich  auf  Erörterung  derartiger  Fragen  schließen 
möchte.  Beziehung  auf  das  Dessauer  Bündnis  vom  Juli  1525  (Enders,  V, 
S.  147)  ist  natürlich  ausgeschlossen. 

3)  R^.  Bb.  5564. 

4)  Ebd.  und  Spalatin  ap.  Mencke,  II,  Sp.  1113.  Struve,  III,  8.  103. 
Fabricius,  VIII,  S.  26  f. 

5)  Das  zeigt  Mühlpforts  Brief  an  Roth  bei  Kol  de,  Analecta  Lutherana, 
S.  64  ff.,  und  der  Brief  Johann  Friedrichs  an  Katharina  von  Sachsen  vom  8.  Juli 
bei  Seidemann,  Schenk,  S.  120 ff. 

6)  Friedensburg,  Vorgesch.,  S.  11.  Schornbaum,  8.  73  ff.  Reg. 
Bb.  5564. 

7)  Friedensburg,  S.  18  f.  Reg.  Bb.  5564. 


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56 


Kapitel  III. 


Am  5.  Oktober  hatte  dann  aber  Landgraf  Philipp  seinen 
Kammermeister  Rudolf  von  Waiblingen  an  Johann  geschickt  und 
ihm  ein  gemeinsames  Vorgehen  auf  dem  auf  Martini  nach  Augs- 
burg ausgeschriebenen  Reichstag  und  gemeinschaftliche  Abwehr  aller 
anf  dem  Gebiete  der  Religion  drohenden  Gefahren  vorgeschlagen  ‘), 
und  da  sich  Johann  vollständig  damit  einverstanden  erklärt  hatte  *), 
hatte  der  Landgraf  ihn  dann  weiterhin  gebeten,  zum  Zwecke  weiterer 
Verabredungen  seinen  Sohn  zu  ihm  auf  sein  Jagdschloß  Friedewald 
zu  schicken.  Der  Kurfürst  willigte  ein’),  und  am  1.  November 
machte  sich  dann  Johann  Friedrich,  von  Hans  von  Minckwitz 
begleitet,  von  Torgau  über  Leipzig,  Naumburg,  Weimar,  Gotha 
und  Eisenach  nach  Friedewald  auf  den  Weg*).  Dort  ist  dann  aber 
durchaus  nicht  nur  über  die  Beschickung  des  Reichstages  verhandelt 
worden.  Einen  zweiten  Verhandlungspunkt  bildeten  die  Dinge, 
die  das  göttliche  Wort  und  das  heilige  Evangelium  betrafen. 
Philipp  hatte  Ende  Oktober  in  Alzey  eine  Zusammenkunft  mit  den 
Kurfürsten  von  der  Pfalz  und  von  Trier  gehalten,  und  Johann 
Friedrich  erhielt  daher  von  .seinem  V'ater  den  Auftrag,  sich  zu  er- 
kundigen, was  der  Landgraf  über  deren  Stellung  zur  religiösen 
Frage  in  Erfahrung  gebracht  habe. 

Die  Friedewalder  Zusammenkunft  stand  ferner  im  Zusammen- 
hang mit  der  von  Herzog  Georg  vor  Mühlhausen  angeregten  Fürsten- 
vereinigung zu  gegenseitiger  Unterstützung  gegen  Erhebungen  der 
Untertanen.  Johann  und  Philipp  hatten  es  damals  übernommen, 
diesem  Bunde  neue  Mitglieder  zu  werben.  Sehr  bald  hatten  sie  sich 
allerdings  davon  überzeugen  müssen,  daß  Herzog  Georg  dem  Bunde 
einen  antievangelischen  Charakter  zu  geben  suchte,  sie  hatten  aber 
trotzdem  ihre  Bemühungen  fortgesetzt  und  so  die  Grundlage  für  einen 
Bund  der  evangelisch  gesinnten  Fürsten  geschaffen.  Johann  Friedrich 
sollte  nun  dem  Landgrafen  berichten,  welche  Fürsten,  Grafen  und 
Städte  der  Kurfürst  zu  gewinnen  hoffe,  ihm  außerdem  aber  auch 
über  den  Stand  der  Verhandlungen  mit  Herzog  Georg  Mitteilung 
machen.  Zu  weiterer  Besprechung  dieser  Dinge  sollte  er  eine 
Zusammenkunft  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen  Vor- 
schlägen. Noch  entschiedener  als  der  Kurfürst  betonte  der  Landgraf 

1)  Frieden sb urg,  S.  41  f.  Rommel,  Urkb.,  S.  10  ff. 

2)  Friedensburg,  8.  43.  Ranke,  VI,  8.  125  f. 

3)  Job.  an  Phil.  Okt.  30.  Friedensburg,  Speier,  8.  63  Anm. 

4)  Reg.  Bb.  5r>04. 


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Johann  Frietlrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Kürnbcrger  Anstand.  57 

in  den  Vorschlägen,  die  er  dem  Kurprinzen  in  Friedewald  vorlegte, 
den  (redankcn  einer  Einigung  der  Evangelischen.  Er  hotfte,  auch 
die  Kurfürsten  von  der  Pfalz  und  von  Trier  dafür  zu  gewinnen, 
dachte  schon  an  die  Aufnahme  der  bedeutendsten  süddeutschen 
Städte  und  schlug  vor,  daß  nach  Weihnachten  eine  Zusammenkunft 
der  einverstandenen  h'ürsten  und  Stände  statttinden  solle').  .Johann 
Friedrich  scheint  sich  der  Meinung  des  Landgrafen  vollkommen 
angeschlossen  zu  haben,  und  auch  in  Torgau  hat  man  die  Friede- 
walder  Verabredungen  ohne  Hedenken  gebilligt  *). 

Auch  hiermit  ist  aber  der  Inhalt  dieser  Verhandlungen  noch 
nicht  erschöpft.  Es  gab  Punkte,  über  die  man  nur  mündlich 
miteinander  verhandelt  hatte“),  und  wir  haben  Grund  zu  der 
Annahme,  daß  es  sich  dabei  besonders  um  die  Frage  der  römi- 
schen Königswahl  handelte.  Schon  im  .Jahre  1524  hatte  König 
Ferdinand  dies  Ziel  ins  Auge  gefaßt  und  daran  gedacht,  Sachsen 
durch  die  Vermählung  Johann  Friedrichs  mit  Katharina  dafür  zu 
gewinnen').  Im  Herbst  1525  müssen  dann  auch  wieder  Mitteilungen 
Ober  die  bestehenden  Pläne  an  Kurfürst  Johann  gelangt  sein,  er 
trat  darüber  mit  Landgraf  Philipp  und  durch  diesen  mit  Kurfürst 
Ludwig  von  der  Pfalz  in  Verbindung  und  schlug  eine  Zusammen- 
kunft zwischen  ihm  und  Ludwig  deswegen  vor“).  Da  dieser  Brief 
schon  in  den  Oktober  fallen  muß,  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß 
auch  .Johann  Friedrich  in  Friedewald  mit  Philipp  über  die  Sache 
zu  sprechen  hatte.  Auch  an  der  regen  Korrespondenz  zwischen 

1)  Vergl.  Hauke  II  8.  17t;FriedcuBburg,  Vorgeschichte,  8. 46  {.,  8peicr, 
S.  110  f.  114.  Baumgarten,  II,  8.  .ö48f.  8toy,  8.311.  Die  luBtruktion  für 
Joh.  Friedr.  in  Reg.  H.,  p.  2 B,  unvolUtändig  gedruckt  hei  Ranke,  VI,  8.  126. 
Johann  FriedrichR  Aufzeichnung  über  die  Verhandlungen  bei  Ranke,  VI,  8. 126f. 
V'ergl.  Friedensburg,  Vorgesch.,  8.  48  ff.  Auf  einige  für  uns  hier  neben- 
sächhehe  Punkto  gehe  ich  nicht  ein.  Vergl.  Friedensburg,  Vorgesch.,  8.  120ff., 
Speier,  8.  80,  Anm.  1. 

2)  Joh.  an  Phil.  Nov.  21.  Reg.  H.  p.  2 B,  Konz.  Friedens bu rg , 
V'orgesch.,  S.  58f. 

3)  Von  einem  mündlichen  Bericht  seines  Sohnes  spricht  Johann  in  dem 
Briefe  an  Philipp  vom  21.  November  1525.  Reg.  H.  p.  2,  Lit.  B,  Konz.  Friedens- 
burg,  Vorgesch.,  8.  58 f.  Dass  es  sich  dabei  um  die  Wahlsache  handelte,  zeigt 
ein  Brief  Johann  Frie<irich8  an  Philipp  aus  Torgau  vom  26.  Nov.  Loc.  10671 
.^Schreiben  und  Bedenken“  fol.  16  f.  eigenh.  Konz. 

4)  Friedensburg,  Speier,  8.  21. 

5)  Das  ergibt  Ludwigs  Brief  an  Philipp  vom  3.  November  1525.  Loc.  10671 
„Schreiben  und  Bedenken“,  fol.  13,  Kopie.  Friedensburg,  Speier,8.  llOAnm.l. 


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58 


Kapitel  III. 


Ludwig  von  der  Pfalz,  Philipp  und  dohann,  die  nun  in  den  nächsten 
Monaten  geführt  worden  ist  und  in  der  teils  in  versteckten  An- 
deutungen, teils  in  besonderen  Briefen  immer  w ieder  auch  die  Wahl- 
frage berührt  wurde,  hat.Iohann  Friedrich  einen  nicht  unbedeutenden 
Anteil  gehabt '),  auch  hat  er  die  Frage  der  Wahl  Ferdinands  zum 
römischen  König  seitdem,  wie  wir  sehen  werden,  nicht  wieder  aus 
den  Augen  verloren. 

Ueberhaupt  war  gerade  die  Friedewalder  Zusammenkunft  vor- 
züglich geeignet,  ihn  mit  den  wichtigsten  h>agen  der  Politik  seiner 
Zeit  bekannt  zu  machen.  Unser  Material  reicht  jedoch  nicht  aus. 
um  uns  zu  der  Behauptung  zu  berechtigen,  daß  er  mit  demselben  In- 
teresse, wie  die  Wahlfrage,  nun  auch  den  Gedanken  des  evangeli.schen 
Bundes  verfolgt  habe.  Bei  den  Verhandlungen,  die  dem  Gotha-Tor- 
gauer  Bündnis  vorliergingen,  tritt  er  in  keiner  Weise  hervor,  nur  bei 
der  Magdeburger  Tagung  ist  er  zugegen  gewesen.  Erst  durch  seine 
persönlichsten  Angelegenheiten,  durch  seine  Verlobung  mit  Sibjlle  er- 
hielt er  wieder  Gelegenheit  zu  politischer  Betätigung.  Und  wenn  die 
Heiratsverhandlungen  so  vollständig  zu  Gunsten  Sachsens  endeten, 
wenn  dieses  eigentlich  nichts  von  seinen  Rechten  preisgab,  so  scheint 
das  doch  vor  allem  dem  Kurprinzen  zu  danken  gewesen  zu  sein“). 

Die  wiederholten  Reisen  .lohann  Friedrichs  in  die  Rheinlande 
gaben  ihm  aber  auch  sonst  Gelegenheit  zu  Anknüpfungen  von  Be- 
ziehungen mannigfaltiger  Art  und  haben  sicher  viel  zur  Erweiterung 
seines  Gesicht-skreises  beigetragen.  Die  Grafen  von  Nassau,  von 
Neuenahr  und  von  Solms  waren  es  gewesen,  die  die  Verbindung 
zwischen  ihm  und  Sibylle  vermittelt  hatten,  mit  ihnen  ist  er  ver- 
mutlich schon  im  April  152(5  in  Köln  zusammengetroffen,  er  be- 
gleitete dann  Wilhelm  von  Nassau  auf  das  oranische  Schloß  Dilleuburg, 
und  wenn  ihn  mit  diesem  sowohl  wie  mit  Wilhelm  von  Neuenahr 
eine  langjährige  Freundschaft  verband,  eine  Freundschaft,  der  wir 
zahlreiche  interes-sante  Briefe  verdanken,  so  wird  der  Anfang  dazu 
wohl  in  diesen  Tagen  der  Brautschau  zu  suchen  sein.  Es  war 
eine  Verbindung,  die  für  den  Herzog  besonders  auch  wegen  der 
nahen  Beziehungen  der  beiden  Grafen  zum  kaiserlichen  Hofe  von 
großem  Werte  war. 

1)  Daß  ew  sich  iiin  die  Wahlfnige  handelte,  ergeben  einige  der  Konzepte 
mit  Sicherheit.  Loc.  lOUTl  „Schreiben  und  Bedenken“.  Keg.  H.  p.  2.  B.  Friedens- 
bnrg,  Sj>eier,  S.  1171. 

2)  Bouterwek,  8.  1131. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tütiurkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  59 

Schwerlich  aber  war  es  in  jener  Zeit  möglich,  mit  Wilhelm 
von  Nassau  zusammen  zu  sein,  ohne  daß  der  große  Streitfall  be- 
rührt wurde,  in  den  er  und  sein  Hruder  Heinrich  nun  schon  seit 
vielen  Jahren  über  den  Besitz  der  Grafschaft  Katzenellenbogcn  mit 
dem  Landgrafen  Philipp  von  Hessen  verwickelt  waren.  Tatsächlich 
bat  der  Graf,  unterstützt  von  der  Herzogin  von  Jülich,  den  säch- 
sischen Kurprinzen,  die  Vermittelung  in  dieser  Frage  zu  über- 
nehmen. Da  Johann  Friedrich  auf  der  Heimreise  den  Landgrafen 
besuchte,  hatte  er  sofort  Gelegenheit,  ihm  diesen  Vorschlag  vor- 
zutragen. Philipp  hatte  nichts  gegen  die  sächsische  Vermittelung 
einzuwenden  und  wies  auf  den  bevorstehenden  Reichstag  als  einen 
geeigneten  Moment  dafür  hin,  ein  Vorschlag,  der  dann  wieder  von 
Johann  Friedrich  an  den  Grafen  Wilhelm  übermittelt  wurde  und 
auch  dessen  Billigung  fand.  Der  Graf  ist  dann  später  doch  am 
Besuche  des  Reichstags  verhindert  gewesen.  Verhandlungen  haben 
dort  aber  unter  Vermittelung  des  Kurfürsten  von  Sachsen  und 
seines  Sohnes  stattgefunden,  allerdings  ohne  daß  es  gelang,  den 
Frieden  zu  stände  zu  bringen  ‘).  Auch  in  den  nächsten  Jahren  ist 
in  den  Korrespondenzen  Johann  Friedrichs  immer  gelegentlich 
wieder  von  dem  katzenellenbogenschen  Erbstreit  die  Rede,  und 
es  war  gewiß  keine  leichte  Aufgabe  für  ihn,  der  mit  beiden  Parteien 
in  so  regen  Beziehungen  stand,  so  unparteiisch  zu  bleiben,  daß  er 
bei  keiner  Anstoß  erregte 

Eine  Angelegenheit,  die  auch  jedesmal,  wenn  Johann  Friedrich 
in  den  Rheinlanden  weilte,  seine  Aufmerksamkeit  erregte,  waren 
die  dort  fast  beständig  im  Gange  befindlichen  Werbungen®),  und 
als  nun  im  September  1.Ö2G  auch  Johann  ihm  von  Rüstungen  und 
Werbungen  in  Niedersachsen  berichtete,  beunruhigte  ihn  das  im 
höchsten  Grade.  Er  war  der  Meinung,  daß,  falls  sie  nicht  etwa  für 
den  vertriebenen  König  von  Dänemark  oder  gegen  Albrecht  von 
Preußen  bestimmt  seien,  man  nur  an  Pläne  gegen  Anhalt  oder 


1)  MeinarduK,  I,  2,  S.  175 f.  178f.  — 

2)  Ara  15.  Oktober  1531  riet  ihm  Wilh.  von  Neuenahr,  sich  „des  jungen 
moettigen  mans  Sachen  so  rill  zu  entslagcn  als  moegellich“;,  um  es  mit  den 
einflußreichen  Grafen  von  Nassau  nicht  zu  verderben.  Reg.  H.  p.  50,  No.  5, 
fol.  «6. 

3)  Joh.  Friedr.  an  Joh.  1526  April  19,  Dillenburg,  Reg.  D.  No.  58  I,  Hdbf. 


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(50 


Kapitel  III. 


Kursachsen  denken  könne,  daher  müsse  man  Gegenmaßregeln 
treffen  und  vor  allem  Wittenberg  im  Auge  behalten  ‘). 

Von  den  im  Jahre  lo2G  im  Gange  befindlichen  politischen 
Aktionen  der  Protestanten  war  es  die  geplante  Gesandtschaft  nach 
Spanien,  die  das  Interesse  Johann  Friedrichs  in  besonders  hohem 
Grade  gefunden  zu  haben  .scheint,  in  fast  allen  seinen  Briefen  ist 
von  ihr  die  Rede,  im  Januar  1527  hatte  er  direkt  den  Auftrag,  mit 
dem  Landgrafen  darüber  zu  verhandeln*).  Ueberhaupt  können 
wir  annehmen,  daß  bei  den  häufigen  Zusammenkünften  mit  diesem, 
zu  denen  die  Reisen  Johann  Friedrichs  an  den  Rhein  (ielegenheit 
gaben,  alle  wichtigen  politischen  Fragen  der  Zeit  werden  durchge- 
sprochen worden  sein.  An  Meinungsverschiedenheiten  zwischen 
den  beiden  jungen  Fürsten  wird  es  dabei  wahrscheinlich  schon 
damals  nicht  gefehlt  haben.  So  war  Johann  Friedrich  z.  B.  durch 
die  Reise  Heinrichs  von  Braunschweig  nach  Spanien  im  Frühjahr 
1526  vom]  tiefsten  Mißtrauen  gegen  diesen  erfüllt  worden.  Philipp 
aber  stand  mit  Heinrich  damals  noch  in  freundschaftlichem  Ver- 
kehr und  ersuchte  den  Kurprinzen,  sich  nicht  gegen  ihn  eiunehmen 
zu  lassen*).  lEin  andermal  bemühte  sich  Johann  Friedrich,  die 
.\ufnahme  Albrechts  von  Preußen  in  das  evangelische  Bündnis  zu 
erreichen,  fand  dafür  aber  beim  Landgrafen  wenig  Neigung^). 
Dafür  mag  dann  wieder  der  Kurprinz  Philipps  Wunsch,  Sachsen 
zu  einer  Unterstützung  Ulrichs  von  Württemberg  zu  bestimmen, 
nur  geringe  Sympathien  entgegengebracht  haben,  doch  liegt  irgend 
eine  Aeußerung  von  ihm  über  diese  Frage  nicht  vor,  jedenfalls  hat 
er  nichts  dagegen  gehabt,  daß  Philipp  den  vertriebenen  Württem- 
berger  zu  seinen  Heimfahrtsfeierlichkeiten  mit  nach  Torgau  brachte. 
Dort  wurden  die  Verhandlungen  bekanntlich  eifrig  fortgesetzt, 
doch  ist  nichts  über  die  Teilnahme  Johann  Friedrichs  daran  be- 
kannt®). — 

1)  Job.  Fricdr.  an  Job.,  1526  Sept.  22,  Hanibacb,  Reg.  H,  p.  3.  C,  fol.  44 
bis  47,  Hdhf. 

2)  Job.  Friedr.  an  Wilb.  von  Nassau  1526  Mai  16,  Torgau,  Meinardua,  I,  2, 
S.  178  f.,  an  Job.  iSept.  11,  Reg.  D.  No.  58.  I,  an  Job.  1527,  Jan.  31,  ebenda  II. 

3)  Job.  Friedr.  an  Job.  April  1!),  ebenda  I,  Philipp  an  Job.  Friedr.  1526 
Juni  16,  Reg.  N.  50,  Ildbf. 

4)  „mich  deucbl  der  buntnus  sein  so  fil,  das  s.  1.  wil  zu  schwer  werden",  an 
Job.  1.527  Jan.  31,  a.  a.  O. 

5)  Vergl.  Stoy,  S.  189  ff.,  Wille  S.  29  f. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand. 

Bei  eben  dieser  Gelegenheit  fielen  dann  einige  jener  Aeußerungen 
von  katholischer  Seite  *).  die  ein  solches  Mißtrauen  und  eine  solche 
Nervosität  bei  den  Protestanten  erzeugten,  daß  sie  im  folgenden 
Jahre  dein  Packschen  Betrüge  zuin  Opfer  fielen.  An  den  dadurch 
hervorgerufenen  Verhandlungen  hat  Johann  Friedrich  einen  ganz 
hervorragenden  Anteil  gehabt.  Zuerst  bekam  er  wohl  mit  der 
Sache  zu  tun,  als  er  vom  ,ö. — 7.  Februar  in  Eisenach  der  Ver- 
handlung .seines  Vaters  mit  dem  Landgrafen  beiwohnte^),  dann 
reiste  er  Ende  des  Monats  im  Aufträge  des  Kurfürsten  nach  Kassel, 
um  bei  Philipp  Erkundigungen,  vermutlich  über  dessen  Verrich- 
tungen in  Dresden  einzuziehen®).  Der  Landgraf  und  seine  Räte 
hatten  aber  keine  Lust,  offen  mit  ihm  darüber  zu  sprechen,  veran- 
laßten  ihn  vielmehr,  seinen  Vater  zu  einer  Zusammenkunft  mit  dem 
Landgrafen  in  Weimar  aufzufordern.  Johann  Friedrich  erfüllte 
diesen  Wunsch,  gleichzeitig  sandte  er  Dölzig  nach  Torgau  ab,  damit 
er  dem  Kurfürsten  über  alles,  was  in  Kassel  vorgegangen  sei, 
Bericht  erstatte.  Er  selbst  reiste  direkt  nach  Weimar^).  Dort 
hat  dann  am  !f.  März  die  Zusammenkunft  zwischen  Johann  und 
Philipp  stattgefunden,  die  znni  Abschluß  eines  ziemlich  offensiven 
Gegenbündnisses  gegen  den  angeblichen  kafholischen  Bund  führte. 
In  die  Teilnahme  Johann  Friedrichs  an  den  Verhandlungen  er- 
halten wir  dadurch  einen  Einblick,  daß  von  einer  Modifi- 
kation der  hessisch-sächsischen  Erbverbrüderung,  die  der  Land- 
graf und  Johann  damals  verabredeten,  ein  Exemplar  von  .seiner 
Hand  vorliegt®).  Vielleicht  dürfen  wir  vermuten,  daß  diese  Ver- 
handlung so  geheim  geführt  wurde,  daß  nur  noch  der  Kurprinz 
davon  Kunde  erhielt  und  als  Protokollführer  diente.  Dagegen 
findet  sich  gar  keine  Spur  davon,  daß  Johann  Friedrich  an  den 
Verhandlungen,  die  dann  auch  sächsischerseits  im  März  und  April 
zur  Gewinnung  weiterer  Mitglieder  für  das  Weimarer  Bündnis  ge- 
führt wurden,  irgend  welchen  Anteil  gehabt  hätte*). 

1)  Schwarz,  8.  12. 

2)  Reg.  Bb.  5567. 

3)  Philipp  muß  also  von  Dresden,  von  wo  er  am  18.  Februar  abreiste,  erst 
noch  nach  Hause  zurückgekehrt  sein.  Am  20.  war  er  in  Altenburg  (ßb.  434-t). 

4)  Alles  dies  nach  dem  Briefe  .Toh.  Friedrichs  an  Johann,  1528  Febr.  27, 
Cassel  Reg.  H.  fol.  22.  D,  Hdfb. 

5)  Ich  gedenke  an  anderer  Stelle  Näheres  darüber  zu  bringen. 

6)  Schwarz,  8.  47—50. 


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62 


Kapitel  III. 


Nur  mit  den  sächsi.schen  Rüstungen  finden  wir  ihn  gelegent- 
lich beschäftigt '),  außerdem  verfolgte  er  von  Torgau  aus  mit  Auf- 
merk.samkeit  die  Vorgänge  in  den  Gebieten  der  Gegner,  besonders 
im  Braudenburgischen  und  Braunschweigischen,  und  erstattete  dem 
Landgrafen  über  alle  verdächtigen  Symptome  Bericht  -).  Dieser 
benutzte  freudig  die  ihm  dadurch  gebotene  Gelegenheit,  um  seine 
Bereitwilligkeit  zur  Hülfsleistung  zu  versichern,  andererseits  aber 
auch  den  Kurprinzen  zu  bitten,  bei  seinem  Vater  zu  Gunsten  der 
gemeinsamen  Sache  tätig  zu  sein  War  doch  beim  Kurfürsten 
unter  dem  Einfluß  der  Ratschläge  seiner  Theologen  eine  gewisse 
Ernüchterung  eingetreten.  Wie  weit  auch  .Johann  Friedrich  dadurch 
beeinflußt  wurde,  läßt  sich,  da  wir  seine  Briefe  aus  dem  April  an 
Philipp  bis  jetzt  nicht  besitzen  *),  nicht  feststellen.  An  der  zweiten 
Weimarer  Zusammenkunft  vom  28.  April  bis  2.  Mai“)  hat  Johann 
Friedrich  krankheitshalber  nicht  teilgenommen.  Sie  brachte  insofern 
eine  Milderung  der  Verabredungen  vom  9.  März,  als  man  beschloß, 
dem  Angriff  auf  die  Gegner  eine  Aufforderung  an  die  Bischöfe  von 
Wörzburg  und  Bamberg  und  den  Erzbischof  von  Mainz  vorher- 
gehen zu  lassen,  sich  zum  Frieden  und  zu  einer  „Sicherung“  des 
Friedens  zu  verpflichten“).  Kaum  hatten  sich  aber  der  Kurfürst 
und  der  Landgraf  wieder  getrennt,  als  zwei  Ereignisse  eintraten, 
die  jenem  eine  völlige  Veränderung  der  Lage  herbeizuführen 
schienen.  Noch  in  Weimar  erschien  Graf  Ho3’er  von  Man.sfeld 
bei  ihm  im  Aufträge  König  Ferdinands,  um  ihn  vor  den  Umtrieben 
des  Landgrafen  zu  warnen ').  Außerdem  erfuhr  er  jetzt,  daß  das 


1)  Burkbardt,  I.andtafp(akten,  S.  1871.  No.  353.  3,54. 

2)  Da»  ergibt  »icb  au.«  dem  Briefe  Philipp»  an  ibn  vom  23.  April.  Reg.  H. 
fol.  22.  D,  Or. 

3)  Schon  am  27.  März  schreibt  er  ihm : forder  die  »ach.  es  gilt  dir  und  ddm 
Vater  eil>en  »o  woll  die  haut  als  mir,  ich  hoff  das  ding  zu  krigen,  al»  du  woll 
wist.  Iteg.  H.  fol.  22.  D,  Or.  eigenh.  P.S.  Auch  am  23.  April  verspricht  er 
wieder  sein  Möglichstes  des  Originals  halben  zu  tun:  het  man  zu  Weimar  gefolgt, 
es  wer  itzt  woll  da.  Ebd.  Vergl.  Ranke,  III,  8.  31  Anni. 

4)  Auch  in  Marburg  sind  »ie  nach  einer  gütigen  Mitteilung  der  dortigen 
Archivverwaltung  nicht  vorhanden. 

5)  Burkhardt,  Zeitschr.  f.  kirchl.  Wisscnsch.,  III,  8.  .591. 

6)  Seckendorf,  II,  8.95.  Schwarz,  8.  50.  Näheres  über  die  Weimarer 
Verabredung  demnächst  an  anderer  Stelle. 

7)  Instruktion  für  Joh.  Friedr.  ca.  Mai  10.  Reg.  H.  fol.  24.  E.  24  ff.  und 
112 ff.  Ehse»,S.  52. 


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Johann  Friedrich»  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  (53 

Reichsregiment  Philipp  seine  Vermittelung  angeboten  habe  *).  Zu- 
sammengehalten mit  den  Mitteilungen  des  Kurfürsten  von  Mainz  an 
den  Landgrafen  schien  ihm  dies  alles  Aussicht  auf  Frieden  zu 
erwecken,  und  seine  Theologen  werden  ihn  in  der  Ansicht  bestärkt 
haben,  daß  er  keine  derartige  Gelegenheit  vorübergellen  lassen 
dürfe.  So  sandte  er  denn  etwa  am  10.  Mai  seinen  Sohn , von 
-\nark  von  lYildenfels  begleitet,  an  den  Landgrafen  ab.  Er  sollte 
diesem  den  Wunsch  des  Kurfürsten  aussprechen,  die  Sendung  an 
die  Bischöfe  zunächst  noch  zu  unterlassen  und  für  jetzt  nur  an 
das  Regiment  eine  Gesandtschaft  zu  schicken,  um  dieses  zu  ver- 
anlassen, seinem  Erbieten  entsprechend  einzuschreiten,  Gesandte 
an  die  Bischöfe  zu  schicken  und  sie  zum  Frieden  und  zur  Friedens- 
sicherung zu  bestimmen.  Den  Bescheid  des  Regiments  und  auch 
die  Antwort  König  Ferdinands  auf  die  an  ihn  ergangene  kur- 
sächsische Gesandtschaft  müsse  man  erst  erwarten,  ehe  man  weitere 
Schritte  tue,  um  sich  nicht  ins  Unrecht  zu  setzen.  Nur  wenn  das 
Regiment  .sich  parteiisch  zeige,  habe  man  ein  Recht  zu  eigen- 
mächtigem Vorgehen.  Auch  die  Bemühungen  der  Magdeburger  Räte 
für  den  Frieden  bei  Kurmainz  erweckten  ja  die  besten  Hoff- 
nungen. Kurz  man  war  in  Torgau  schon  beinahe  sicher,  daß  der 
Friede  erhalten  bleiben  würde.  Immerhin  erhielt  der  Kuriirinz 
die  Erlaubnis,  eventuell  auch  in  die  gleichzeitige  Sendung  an  das 
Regiment  und  an  die  Bischöfe  zu  willigen^). 

Genau  diesen  Vorschriften  entsprechend  ist  der  Prinz  verfahren. 
Er  hat,  nachdem  er  am  Morgen  des  lü.  Mai  in  Kassel  eingetroffen 
war,  noch  an  dem.selben  Tage  dem  Landgrafen  in  Gegenwart 
Ludwigs  von  Boyneburg,  Tyle  Wolffs,  Friedrich  Trotts  und  anderer 
hessischer  Räte  die  Aufträge  seines  Vaters  entwickelt.  Philipp 
wies  demgegenüber  auf  die  Schwierigkeiten  hin.  die  es  ihm  machen 
würde,  seine  Truppen  so  lange  zu  unterhalten,  berief  sich  auch  auf 
die  Weimarer  Verabredungen,  und  darauf  blieb  dann  dem  Kur- 
prinzen nichts  anderes  übrig,  als  zu  erklären,  daß  auch  sein  Vater 

1)  In  der  genannten  Instruktion  ist  von  einer  Werbung  des  Regiments  an 
den  I.andgrafen  die  Rede.  Dies  wird  etwas  anderes  sein,  als  das  Mandat,  das 
das  Bedenken  bei  d e Wette,  III,  S.  332  ff.,  hervorrief. 

2)  Sch  warz,  S.  62. 

3)  Vom  11.  Mai  liegt  bereits  ein  Brief  Johanns  an  seinen  Sohn  vor.  Reg. 
H.  fol.  24.  E. 

4)  jVlles  dieses  nach  der  Instruktion  Johann  Friedrichs. 


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Kapitel  III. 


(>4 

daran  festhalten  wolle,  und  in  die  Ausfertigung  der  Vollmachten 
für  die  nach  Bamberg  und  Würzburg  zu  schickenden  Räte  zu 
willigen,  doch  wurde  gleichzeitig  auch  an  das  Reichsregiment  eine 
schriftliche  Mitteilung  und  eine  Anfrage  gesandt '). 

Doch  es  würde  zu  weit  führen,  wenn  wir  nun  hier  die  Casseler 
Verhandlungen  an  der  Hand  der  zahlreichen  Briefe  .lohann 
Friedrichs  in  allen  ihren  Einzelheiten  verfolgen  wollten.  Fassen 
wir  nur  die  Hauptpunkte  ins  Auge,  so  ist  zunächst  nicht  zu  be- 
zweifeln, daß  irgend  ein  Grund  Vorgelegen  haben  muß,  den  Prinzen 
für  kriegerisch  gesinnt  zu  halten.  Darauf  scheint  der  Brief  hin- 
zudeuten, den  Luther  und  Melanchthon  am  18.  Mai  an  ihn  richteten*), 
das  zeigt  der  Brief  Melanchthons  an  Camerarius  vom  15.  Juli  1528*). 
und  das  geht  endlich  aus  den  Mahnungen  hervor,  die  der  Kurfürst 
während  seines  Casseler  Aufenthaltes  an  ihn  richtete.  Worauf 
diese  Anschauungen  beruhten,  wissen  wir  nicht,  während  er  in 
Cassel  war.  hat  Johann  Friedrich,  wie  schon  Melanchthon  richtig 
bemerkte*),  keinen  Grund  zur  Klage  gegeben,  und  er  und  Wil- 
denfels hatten  ganz  recht,  wenn  sie  derartige  Befürchtungen  etwas 
gekränkt  zurückwieseu,  bat  doch  der  Kur])rinz  einmal  sogar,  man 
möge  ihm  den  Kanzler  schicken,  damit  er  alles  richtig  mache ‘‘). 
Allerdings  war  er  über  die  einzuschlageude  Politik  gelegentlich 
anderer  Meinung  als  die  kursächsische  Regierung,  er  bat  z.  B. 
wiederholt  aufs  dringendste  um  den  sächsi.schen  Entwurf  des  ge- 
planten Ausschreibens  ins  Reich,  um  dadurch  den  Landgrafen  davon 
abzuhalten,  seinen  Entwurf,  den  Johann  Friedrich  für  sehr  ungereimt 
hielt,  zu  verötfentlichen.  Er  erhielt  ihn  nicht,  weil  man  in  Sachsen 
fürchtete,  daß  cs  dann  zur  Publikation  eines  gemeinsamen  Ent- 
wurfes kommen  würde,  die  man  für  jetzt  nicht  wünschte,  konnte 
nun  aber  den  Landgrafen  schließlich  nicht  mehr  hindern,  den 
seinigen  ausgehen  zu  lassen.  Auch  daß  der  Kurj)rinz  Philipp  nach 
Schmalkiilden  begleiten  wollte,  billigte  Johann  zunächst  nicht,  weil 
er  fürchtete,  daß  er  sich  dann  schließlich  werde  mit  in  den  Feldzug 

1)  Joh.  Friedr.  an  Job.  Mai  17.  Reg.  H.  fol.  24.  E.  Bl.  15.  16.  19. 

2)  de  Wette,  III,  S.  :t23.  Erl.  r>4,  8.  5 f. 

3)  C.  R.  I,  987 : Nonter  priiiceps,  et  quod  mireris,  fiUus  eCiam  valdc 
abhorruerunt  a bello. 

4)  a.  a.  O.  Vergl.  auch  C.  R.,  IX,  8.  662. 

5)  Vergl.  Joh.  Friedr.  an  Joh.  5Iai  22.  Reg.  H.  fol.  24.  E.  Bl.  107 — 110. 
WildenfeU  an  Johann,  ebd.  Bl.  88  f. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand. 

hineinziehen  lassen.  Johann  Friedrich  aber  erklärte,  es  geschehe 
wahrlich  nicht  aus  Vorwitz,  wenn  er  mit  dorthin  gehen  wolle,  es 
sei  nicht  so  lustig,  als  man  vielleicht  denke,  und  er  wäre  lieber 
weit  davon ‘).  Wir  werden  ihm  wohl  glauben  dürfen,  daß  er  der 
.Sache  des  Friedens  dadurch  zu  dienen  glaubte,  und  auch  Johann 
hat  schließlich  seine  Einwilligung  dazu  gegeben.  Man  durfte  es  ja 
auch  mit  dem  Landgrafen,  solange  man  des  Friedens  nicht  völlig 
.'icher  war,  nicht  verderben.  Auch  die  Kriegsvorbereitungen,  die  in 
den  Briefen  Johann  Friedrichs  eine  nicht  unbedeutende  Rolle 
spielen,  konnten  vorher  nicht  gut  eingestellt  werden. 

Und  wenn  wirklich  etwa  die  Friedensneigung  beim  Kurprinzen 
nicht  ganz  so  groß  war  wie  bei  seinem  Vater,  wenn  er  hie  und  da 
dem  Landgrafen  etwas  stark  nachgegeben  hat,  so  war  er  vielleicht 
eben  gerade  deshalb  die  geeignetste  Persönlichkeit,  um  diese 
schwierigen  Verhandlungen  zu  führen,  denn  Philii)p  scheint  sich  in 
einer  nichts  weniger  als  rosigen  Stimmung  befunden  zu  haben. 
Schon  am  18.  war  Johann  Friedrich  einmal  nahe  daran,  die  Ver- 
handlungen abzubrechen  *),  der  Landgraf  sei,  so  schreibt  er  am  20., 
so  schwer  zu  halten,  wie  ein  Hund  am  Strick,  der  Wildbret  sähe®), 
ja  Anark  von  Wildenfels  erklärte  am]  22.  sogar,  jedes  w ilde  Tier 
.sei  leichter  zu  zähmen  als  er^).  Es  war  gewiß  ein  V'erdienst 
Johann  Friedrichs  und  seines  Begleiters,  daß  sie  trotz  alledem  bei 
Philipp  aushielten,  und  sie  mögen  wohl  mäßigend  auf  ihn  gewirkt 
haben.  Zwar  gelang  es  ihnen,  wie  schon  erwähnt,  nicht,  die 
Sendung  an  die  Bischöfe  zu  verhindern.  Ebensowenig  vermochten 
sie  zu  verhüten,  daß  der  Landgraf  seinen  Landständen  Mitteilung 
von  dem  katholischen  Bündnis  machte  daß  er  an  Herzog  Georg 
über  die  Sache  schrieb®)  und  daß  er  das  Ausschreiben  ins  Reich 
ergehen  ließ.  Aber  sie  sorgten  doch  dafür,  daß  er  die  Antwort 
der  Bi.schöfe  trotz  unliebsamer  dabei  eingetretener  Verzögerungen 
abwartete "),  und  beruhigten  ihn  in  der  Frage  der  Kosten  seiner 

1)  An  Johann,  Mai  23.  Ebd.  Bl.  102 — 10t. 

2)  An  Johann,  Reg.  H.  fol.  22/23  D.  Bl.  54/55. 

3)  Ebd.  fol.  24  E.  Bl.  2<J  f. 

•4)  Elxl.  Bl.  88 f.  Vergl.  Schwarz,  S.  66. 

5)  Ebd.  Bl.  79.;  ein  zweiter  Brief  Johann  Friedrichs  vom  20.  Mai. 

6)  Diese  V'erzögeriing  wurde  dadurch  hervorgerufen,  daß  die  sächHischen 
Räte,  die  in  Kömhild  ihre  Instruktionen  erwarten  sollten,  ohne  Erlaubnis  von 
dort  nach  Hause  gereist  waren.  Brief  Joh.  Frieelrichs  an  .lohann  vom  18.  Mai. 

Briträlce  zur  neueren  Geschichte  Hiüriogcns  1.  ^ 


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66 


Kapitel  III. 


BQstungen  dadurch,  daß  sie  ihm  Aussichten  darauf  machten,  daß 
Sachsen  die  Hälfte  dieser  Kosten  übernehmen  würde  *).  Als  die 
Antwort  der  Bischöfe  dann  nicht  ganz  befriedigend  lautete,  wurde, 
da  man  auch  vom  Regiment  noch  immer  keine  Antwort  hatte,  die 
Stimmung  in  Kassel  wieder  sehr  kriegerisch,  auch  der  Kurprinz 
meinte  ’),  daß  man  eine  Friedensversicherung  wohl  von  den  Bischöfen 
verlangen  könne,  in  Torgau  aber  war  man  inzwischen  zu  der  Ueber- 
zeugung  gelangt,  daß  die  Bischöfe  überhaupt  unschuldig  seien,  der 
Kurfürst  begann  zu  fürchten,  daß  am  Ende  das  katholische  Bündnis 
gar  nicht  existiere  *),  und  wünschte,  so  gut  wie  möglich  wieder  aus 
der  Sache  herauszukommen : „Dann  so  S.  L.  das  original  selb  doch 
(dort?)  nicht  gesehen,  wie  uns  S.  L.  zu  Weimar  erstmals  anzeigte, 
so  were  uns  in  warhait  ängste  und  wang  (—  bang)  darbei,  dann 
das  S.  L.  nhun  vill  abschriften  haben  wil“)  und  damit  allein  ver- 
mainte,  den  handel  scheinlich  zu  machen  und  kein  weiter  anzaigung 
des  volzogenen  buntnuss  halben  hete,  damit  wold  wenig  auszurichten 
sein“  ’).  Tatsächlich  waren  inzwischen  auch  beim  Landgrafen  auf 

1)  Schon  in  seiner  Instruktion  hatte  Joh.  Friedrich  Auftrag  erhalten,  Ober 
diesen  Punkt  mit  dem  Landgrafen  zu  verhandeln.  Gerade  darüber  kam  es  am 
18.  zu  heftigen  Debatten,  schließlich  sandte  der  Kurprinz  seinem  Vater  die 
Forderung  des  Landgrafen,  daß  Sachsen  die  Hälfte  der  Kosten  Obcmchmen  sollte, 
wenn  die  Gegner  nieht  für  die  Zahlung  zu  haben  seien.  Der  Kurfürst  war  bereit 
dazu,  beauftragte  seinen  Sohn  jedoch,  genaue  Erhebungen  über  die  tatsächlichen 
Aufwendungen  des  Landgrafen  anzustclien.  Das  versprach  der  Prinz,  Philipp 
gegenüber  hielt  er  mit  Jener  Mitteilung  noch  zurück,  um  erst  die  Entscheidung 
der  Bischöfe  abzuwarten.  Am  31.  Mai  hat  dann  in  Breitungen  eine  Tagung 
sächsischer  und  hessischer  Räte  stattgefunden,  bei  der  sich  Sachsen  bereit  erklärte, 
die  Hälfte  der  Kosten  zu  übernehmen,  wenn  man  mit  den  Bischöfen  nicht  zu 
einem  Vertrage  darüber  käme.  (Reg.  H.  fol.  24  F.j  Natürlich  war  es  für 
Sachsen  nun  ein  kleineres  Opfer,  für  sich  allein  den  Bischöfen  gegenüber  auf 
Kostenerstattung  zu  verzichten.  (Schwarz,  S.  165 f.) 

2)  .loh.  Friedr.  an  Joh.,  Mai  24.  Reg.  II.  fol.  22  E.  Bl.  131  ff. 

3)  Es  waren  ein  Brief  Herzog  Georgs  (wohl  vom  21.  Jlai.  Vergl.  Schwarz, 
S.  85)  und  einige  geheimnisvolle  Briefe,  deren  Absender  ich  noch  nicht  habe  er- 
mitteln können,  die  in  dem  Kurfürsten  diese  Vermutung  erweckten.  Vergl.  seine 
Briefe  an  Joh.  Friedr.  vom  20.  Mai  aus  Eisenberg,  vom  23.  und  25.  .Mai  aus 
Weimar.  Reg.  H.  fol.  21,  E.  Bl.  (i3 — 66.  120 — 124.  139—140. 

4)  Der  Landgraf  ließ  sich  durch  V^ennittlung  des  Kurj)rinzen  Abschriften  des 
Dessauer  Bündnisses,  der  kaiserlichen  Instruktion  für  Heinrich  von  Braunschweig, 
des  Briefes  des  Kaisers  an  die  Grafen  von  Nassau  und  Königstein  u.  dgl.  schicken. 
Brief  des  Kurprinzen  vom  23.  Mai  aus  Rotenburg,  ebd.  Bl.  128  f. 

5)  Aus  dem  Briefe  Johanns  vom  25.  Mai. 


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Johann  Friedricha  politische  Tätigkeit  bis  zuin  NOrnberger  Anstand.  ß7 

sein  Ausschreiben  hin  so  viele  entrüstete  Erklärungen  der  Gegner 
und  so  viele  Vermittelungsanträge  eingelaufen,  daß  er  an  seinen 
Kriegsplänen  nicht  mehr  festhalten  konnte  und  die  Hand  zum 
Frieden  bieten  mußte.  Auch  Johann  Friedrich  war  bei  den 
Friedensverhandlungen,  die  am  31.  Mai  in  Schmalkalden  begannen, 
zugegen,  über  seine  Haltung  dabei  ist  aber  nichts  Näheres  be- 
kannt. Auch  an  dem  polemischen  Briefwechsel,  der  sich  an  den 
Packschen  Handel  noch  anschloß,  scheint  er  nicht  teilgenommen  zu 
haben.  Nur  Ober  seine  eigene  Haltung  hat  er  sich  gelegentlich 
noch  ausgesprochen,  so  vor  allem  in  einem  Briefe  an  die  Herzogin 
Elisabeth  vom  14.  April  1529.  Er  weist  darin  unter  anderem  die 
Beschuldigung  zurück,  daß  er  daran  schuld  sei,  wenn  der  Landgraf 
an  Pack  so  fe.sthalte.  Philipp  habe  seit  langer  Zeit  nicht  mit  ihm 
Ober  die  Sache  gesprochen,  nur  bei  seiner  letzten  Anwesenheit  in 
Weimar,  und  was  er  ihm  geraten  hätte,  das  könne  jeder  wissen, 
denn  es  sei  nichts  Unehrliches  gewesen,  sondern  was  der  Landgraf 
mit  Ehren  und  Fug  werde  verantworten  können.  Mit  Entrüstung 
wendet  er  sich  dann  gegen  die  Behauptung,  daß  er  den  Landgrafen 
verführe,  nie  habe  er  ihm  etwas  Unehrliches  geraten  *)•  — 

Zunächst  trat  für  den  jungen  Herzog  nach  der  Beilegung  der 
Packschen  Händel  wieder  eine  etwas  ruhigere  Zeit  ein.  Eine  große 
Aufgabe  schien  ihm  allerdings  im  Herbst  1528  bevorzustehen: 
Schon  im  Februar  1527  war  einmal  der  Gedanke  aufgetaucht,  ihn 
zur  Lehensempfängnis  zu  König  Ferdinand  zu  schicken  *).  Festere 
Gestalt  gewann  der  Plan  im  September  1.528.  Die  Teilnehmer 
an  der  Reise  waren  schon  alle  bestimmt,  Agricola  sollte  als  Prediger 
mitgehen*),  ja  man  hatte  sich  sogar  schon  auf  den  Weg  gemacht 
und  war  bis  Altenburg  gelangt,  dort  kehrte  dann  aber  der  ganze 
Zug  wieder  um  *),  weil  der  Bericht  der  nach  Prag  vorausgesandten 
Räte  über  Ferdinands  Bedingungen  nicht  zufriedenstellend  lautete. 

Zu  einer  außerordentlich  regen  politischen  Tätigkeit  erhielt 
dann  Johann  Friedrich  im  Frühjahr  1.529  Gelegenheit.  Als  nämlich 
der  Kurfürst  mit  den  Räten  zum  Reichstag  nach  Speier  reiste, 

1)  Reg.  A.  240.  Akteiwt.  No.  13.  Da»  von  Seckendorf,  II,  S.  90,  zitierte 
Schreiben  .Joh.  Friedrichs  an  Neuenahr  vom  Jahre  1537  hat«  ich  bisher  nicht  auf- 
finden können. 

2)  Stoy,  8.  191,  Anin.  1. 

3)  Enders,  VI,  8.  3b6  ff. 

4)  R^.  O.  No.  24,  fol.  133.  Reg.  D.  436. 

5* 


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68 


Kapitel  III. 


wurde  Johann  Friedrich  zur  Regierung  des  Landes  in  Weimar  zu- 
rückgelassen. Die  gefährlichen  Zeiten  schienen  das  zu  erfordern*). 
Wildenfels  und  vier  andere  Räte  wurden  ihm  zur  Unterstützung  bei- 
gegeben ^).  Doch  geht  aus  einigen  Briefen  des  Kurprinzen  hervor, 
daß  er  nicht  vollkommen  mit  seiner  Zurücklassung  einverstanden 
war  und  seine  Anwesenheit  in  Speier  für  notwendiger  gehalten 
hätte  •*).  Wir  verdanken  seinem  Zurückbleiben  eine  außerordentlich 
große  Zahl  von  eigenhändigen  Briefen  und  Gutachten,  die  uns  nicht 
nur  über  seinen  geradezu  staunenerregenden  Fleiß  unterrichten, 
sondern  auch  über  seine  politischen  Anschauungen  auf  den  ver- 
schiedensten Gebieten*).  Mit  welchem  Interesse  er  die  Verhand- 
lungen über  die  religiöse  Frage  verfolgte,  haben  wir  schon  beobachtet, 
auch  die  Spuren  seiner  Verwaltungstätigkeit  schon  zusanimengestellt, 
die  Frage,  die  ihn  am  allermeisten  beschäftigte,  scheint  aber  die  der 
römischen  Königswahl  gewesen  zu  sein.  Sie  war  seit  dem  Jahre  1525 
nicht  wieder  zur  Ruhe  gekommen  *’),  vom  6.  März  1.527  lag  mir  ein 
geheimes  Gutachten  Albrechts  von  Mansfeld  an  den  Kurfürsten  vor, 
worin  er  auseinandersetzte,  daß  die  Wahl  des  „Widerchristen“ 
Ferdinand,  die  zur  Erblichkeit  der  Krone  im  Hause  Oesterreich 
führen  würde,  unter  allen  Umständen  verhütet  werden  müsse.  Man 
müsse  die  Gegnerschaft  Bayerns  dagegen  benutzen  und  mit  den 
Kurfürsten  von  der  Pfalz,  von  Köln  und  Trier  Beziehungen  an- 
knüpfen. Lasso  dann  der  Kaiser  Freiheit  der  Wahl,  so  sei  vielleicht 
Hotfnung,  daß  man  einen  christlichen  König  wählen  könne  und  daß 
„das  rommi.sche  reich  aus  haudeu  der  fürsten  von  Österreich,  welliche 
der  gebürt  nach  nicht  vor  deuczc  gerechent  mögen  werthen,  an  deutz 
fürsten  wider  bracht  mocht  werden“”). 

Größerer  Fluß  kam  in  diese  Dinge  dann  erst  wieder  infolge 
der  Verhandlungen  des  Propstes  von  Waldkirch,  Balthasar  Merkle’.s, 
der  im  Jahre  1528  im  Aufträge  des  Kaisers  Deutschland  bereiste*). 
Er  hatte  unter  anderem  auch  den  Befehl,  für  die  Wahl  Ferdinands 

1)  Joh.  Friedrich  nn  Neuenahr  1.520  Mürz  13.  Keg.  E.  fol.  37a,  No.  83.  Konz. 
AktensL  No.  9. 

2)  Nach  einem  Verzeichnis  der  Räte,  die  mit  nach  Sj>cier  gingen,  und  derer, 
die  zurückblichen,  in  Reg.  E.  ebenda  RI.  10 — 21. 

3)  z.  B.  Brief  an  Anhalt,  April  4. 

4)  Diese  Akten  finden  sich  größtenteils  in  Reg.  E.  fol.  .37a,  No.  83  und  in 
IxK.  1U671  „Sohreilten  und  Be<lcnkcn“. 

.'))  Vcrgl.  z.  B.  Stoy,  S.  13."».  185.  211.  232  ff.  2~>X 

6)  Luc.  10671,  1.527  .März  6.,  Allstedt,  eigenhändig. 

7)  Vcrgl.  Ranke,  III,  8.  81.  Baumgarten,  III,  8.  23. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  09 

zum  römischen  Könige  tätig  zu  sein  ')•  Schon  im  Juni  traf  er  mit 
dem  sächsischen  Kurfürsten  in  Schmalkalden  zusammen,  dann 
scheint  er  im  Oktober  noch  einmal  in  Weimar  gewesen  zu  sein^. 
Seine  Bemühungen  erregten  die  größten  Bedenken  Johann  Friedrichs, 
sie  erweckten  in  ihm  die  Vermutung,  daß  auf  dem  Speierer  Reichs- 
tag vor  allem  diese  Sache  hetriehen  werden  würde,  und  als  nun 
im  Februar  1529  die  letzten  Vorbereitungen  für  den  Reichstags- 
besuch getroffen  wurden,  schrieb  er  seine  Ansicht  über  die  Frage 
der  Königswahl  in  einem  ausführlichen  „Bedenken*  nieder“).  Es 
klingt  in  einigen  Punkten  an  das  Gutachten  Mansfelds  von  1527 
an.  Auch  Johann  Friedrich  war  der  Meinung,  daß  die  Wahl  Ferdi- 
nands zu  verwerfen  sei,  1)  weil  man  dadurch  zum  Erbkaisertum 
komme,  und  2)  wegen  seiner  feindlichen  llaltnng  gegen  die  Evan- 
gelischen. Jetzt  habe  man  unter  dieser  h’eindschaft  noch  nicht  zu 
leiden,  aber  wenn  man  ihn  wähle,  so  mache  man  ihn  zur  Obrigkeit, 
der  man  nach  der  heiligen  Schrift  untertan  sein  müsse.  Die  einzige 
Möglichkeit,  sich  gegen  ihn  zu  schützen,  sei  daher  die  Verhinderung 
seiner  Wahl.  Eigentlich  sei  diese  ja  auch  dem  Kaiser  nicht  zu 
raten,  da  das  Reich  dadurch  entweder  zwei  Herren  bekomme  oder 
er  seinem  Bruder  die  Reichsregierung  ganz  überlassen  müsse  und 
dann  nur  noch  als  König  von  Spanien  erscheinen  werde.  Außer- 
dem setze  er  sich  der  Gefahr  einer  Doppelwahl  und  allen  ihren 
gefährlichen  Folgen  aus,  die  Gegenpartei  könnte  ja  auch  auf  den 
Gedanken  kommen,  den  „gemeinen  Mann“  aufzurufen  oder  sich  an 
England,  an  Frankreich  oder  gar  an  den  Türken  anzuschließen. 

Für  den  Fall,  daß  der  Kaiser  doch  auf  seinen  Absichten  be- 
stände, meinte  der  Kurprinz,  müsse  Sachsen  in  folgender  Weise 
Vorgehen:  Es  müsse  zunächst  die  anderen  Kurfürsten  zu  gewinnen 
suchen,  damit  sie  gemeinsam  dem  kaiserlichen  Orator  eine  ab- 
schlägige Antwort  erteilten  und  überhaupt  in  dieser  Sache  nur  ein- 
heitlich handelten,  eventuell  an  den  Kaiser  eine  Botschaft  schickten, 
um  ihn  an  die  goldene  Bulle  und  seine  Wahlkapitulation  zu  er- 
innern. Sollten  die  Kurfürsten  zum  Teil  oder  alle  nicht  dafür  zu 
haben  sein,  so  müsse  Sachsen  sich  an  einige  vertraute  Fürsten 

1)  Ney,  S.  lö. 

2)  Wenigsten»  war  er  am  2/3.  Oktober  in  .Tenn.  Reg.  Bb.  4344.  5.Ö68. 

3)  Loc.  10671  „König  Ferdinandi  Wahl“  betr.  I.ö31,  cigonh.  Konz,  und  Kopie, 
ebenda  „Schreiben  und  Bedenken  . . Kopie.  Ich  gebe  hier  nur  die  Haupljmnkte 
und  verweise  im  übrigen  auf  die  Aktenstücke  No.  8. 


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70 


Kapitel  III. 


wenden  und  veranlassen,  daß  die  Fürsten  den  Kurfürsten  Vorstellungen 
machten  und  sie  ihrerseits  an  die  Bestimmungen  der  goldenen 
Bulle  erinnerten.  Die  Fürsten  müßten  erklären,  sie  seien  bereit, 
die  Kurfürsten  zu  unterstützen,  wenn  ihnen  aus  ihrem  Widerstand 
Gefahren  entständen.  Eventuell  könne  man  auch  die  Städte  mit- 
heranziehen.  Auf  diese  Weise  werde  es,  so  hoffte  Johann  Friedrich, 
vielleicht  möglich  sein,  die  Wahl  zu  verhüten. 

Während  des  Aufenthaltes  des  Kurfürsten  in  Weimar  hatte 
Johann  Friedrich  keine  Gelegenheit  mehr,  ihm  seine  etwas  revolutio- 
nären Ansichten  vorzutragen , er  ließ  das  Bedenken  daher  ab- 
schreiben und  sandte  es  ihm  nach  Gotha  nach,  indem  er  ihn  gleich- 
zeitig bat,  die  Sache  mit  dem  Fürsten  von  Anhalt  und  den  Räten 
zu  besprechen  ‘).  J ohanu  scheint  der  Sache  etwas  skeptisch  gegen- 
übergestanden zu  haben,  er  bezweifelte,  daß  die  von  Johann 
Friedrich  genannten  Fürsten  „den  Sinn  hätten“,  den  er  bei  ihnen 
voraussetze  *).  Doch  versprach  er.  sein  möglichstes  zu  tun.  Wirk- 
lich legte  er  dann  in  Frankfurt  das  Bedenken  dem  Fürsten  von 
Anhalt,  Hans  von  Minckwitz,  Ludwig  von  Boyneburg,  den  beiden 
Kanzlern  Brück  und  Beier  und  Melanchthon  zur  Durchsicht  und 
Erwägung  vor,  lobte  .seinerseits  den  Fleiß  des  Kurprinzen  “);  als  er 
dann  aber  in  Speier  eingctroifen  war  und  bemerkte,  daß  von  einer 
Verhandlung  über  die  Königswahl  gar  nicht  die  Rede  war,  daß 
niemand  mit  ihm  über  die  Sache  .sprach,  glaubte  er,  sie  auch  seiner- 
seits nicht  berühren  zu  sollen  ').  Das  war  aber  nicht  die  Meinung 
des  Kurprinzen.  Mit  vollem  Rechte  setzte  er  .auseinander,  daß  man 
mit  Kursachsen  natürlich  erst  verhandeln  werde,  wenn  alle  übrigen 
Kurfürsten  gewonnen  seien,  daß  Sachsen  also  vorbauen  müsse. 
Das  Anbringen  Waldkirchs  gebe  genügenden  Grund,  mit  den  Kur- 
fürsten in  Verhandlung  zu  treten,  man  solle  nur  erst  einmal  mit 
Pfalz  und  Trier  beginnen,  Köln  könne  Wilhelm  von  Neuenahr  son- 
dieren. Habe  man  diese  drei  erst  gewonnen,  so  sei  der  Sache 
ja  schon  geholfen ; seien  auch  sic  nicht  zu  haben,  dann  müsse  man 
allerdings  die  anderen  früher  entwickelten  Wege  einschlagen  ®). 

Johann  Friedrich  ahnte  schon,  daß  sich  .sein  Vater  auch  durch 

1)  An  Johann,  Fcbr.  26,  Loc.  10671,  König  Ferdinands  Wahl  betr.,  1531,  Or. 

2)  An  Joh.  Friedrich,  Febr.  27,  Gotha,  Reg.  E.  Bl.  40.  ür. 

3)  An  Joh.  Friedrich.  März  14,  Speier,  Beg.  E.  Bl.  47.  Or. 

4)  An  Joh.  Friedrich,  März  30,  Speier,  ebenda  BL  74.  Hdbf. 

5)  An  Johann,  April  .S.  Reg.  E.  Bl.  228 — 230,  Hdbf.  Aktenst.  No.  11. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  71 

diese  Auseinandersetzungen  aus  seiner  Ruhe  nicht  werde  heraus- 
bringen lassen,  er  fürchtete,  inan  werde  zu  lange  harren,  man  werde 
am  Tische  sitzen  und  das  Essen  verschlafen  ‘).  Auch  den  Kanzlern 
traute  er  nicht*).  Zwar  hätte  er  ja  dann  seine  Hände  in  Unschuld 
waschen  können  aber  er  hielt  es  doch  für  seine  Pflicht,  da  er 
selbst  nichts  tun  konnte,  wenigstens  durch  seine  Freunde  auf  dem 
Reichstage  arbeiten  zu  lassen.  Hans  von  Minckwitz,  Albrecht  von 
Mansfeltl,  Wilhelm  von  Neuenahr  mußten  die  Sache  in  die  Hand 
nehmen.  Tatsächlich  haben  dann  Verhandlungen  mit  dem  Kur- 
fürsten von  Trier  und  mit  kölnischen  Räten  stattgefunden,  ja  es 
kam  sogar  zu  Besprechungen  der  beiden  geistlichen  Kurfürsten 
mit  Johann.  Beide  zeigten  sich  nicht  ganz  unzugänglich  und  wenig 
für  die  Wahl  Ferdinands  eingenommen.  Der  Kurfürst  von  der  Pfalz 
dagegen  , kannte  keinen  Sachsen“,  und  auf  Mainz  war  erst  recht  nicht 
zu  rechnen  *).  Eine  weitere  Aktion  der  Art,  wie  der  Kurprinz  sie  in 
seiner  Denkschrift  entwickelt  hatte,  scheint  nicht  stattgefunden  zu 
haben,  sie  hätte  wohl  auch  schwerlich  viel  Aussicht  auf  Erfolg  ge- 
habt. Für  uns  aber  sind  diese  Aeußerungen  Johann  Friedrichs 
interessant,  weil  sie  uns  zeigen,  wie  gründlich  er  sich  mit  diesen 
Fragen  beschäftigt  hatte  und  zu  wie  kühnen  Ideen  er  sich  verstieg. 
Gegenüber  der  Schwerfälligkeit  Johanns  macht  er  uns  in  jener  Zeit 
den  Eindruck  einer  außerordentlichen  Regsamkeit  und  Lebendigkeit. 

Die  römische  Königswahl  war  durchaus  nicht  die  einzige 
große  politische  Frage,  auf  die  er  von  Weimar  aus  Einfluß  zu  ge- 
winnen suchte.  Seine  Vertrauten  in  Speier  mußten  noch  in  ver- 
schiedenen anderen  Beziehungen  für  ihn  tätig  sein.  So  erhielt 
Minckwitz  am  22.  März  eine  große  Denkschrift  zugesandt  für  Ver- 
handlungen, die  er  mit  dem  Propst  von  Waldkirch  führen  sollte'’). 
Dieser  hatte  bei  seinem  Aufenthalt  in  Weimar  dem  Kurprinzen 
einige  Mitteilungen  über  die  Verhandlungen  Heinrichs  von  Braun- 
schweig in  Spanien  im  Jahre  1526*)  gemacht.  Unter  anderem  hatte 

1)  An  Minckwitz,  April  12,  ebenda  Bl.  222b— 224,  eigenh.  Konz. 

2)  An  Minckwitz,  März  22,  ebenda  fol.  63 — 6.^  Hdbf.  Aktenet.  No.  10. 

3)  An  Minckwitz,  April  12.  Vergl.  Anra.  1. 

4)  Minckwitz  an  Joh.  Friedrich,  April  13.  Hdbt.  Beg.  E.  Bl.  87.  Mansfeld 
an  Joh.  Friedrich,  April  14.  Or.  ebenda  Bl.  89— 92.  Aktenst.  No.  14.  An  der  Aufrich- 
tigkeit der  Kurfürsten  von  Köln  und  Trier  darf  man  nach  den  Erklärungen,  die  sie 
schon  1526  abgegeben  batten,  zweifeln.  Vgl.  Friedensburg,  Speier,  8.143,  Anm.2. 

5)  Beg.  U.  p.  ü.  E.,  eigenh.  Konz,  und  zwei  Kopien. 

6)  Vergl.  S.  60. 


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72 


Kapitel  111. 


er  die  Vermutung  Johann  Friedrichs,  daß  der  Herzog  dem  Kaiser 
berichtet  habe,  die  Evangelischen  wollten  ihre  Lehre  mit  Gewalt 
ausbreiten,  bestltigt.  Da  das  nun  aber  von  Heinrich  entschieden 
abgeleugnet  wurde,  obgleich  es  aus  der  Instruktion  des  Kaisers 
für  ihn  und  aus  dem  kaiserlichen  Briefe  an  die  Grafen  von  Nassau 
und  Königstein  *)  aufs  klarste  hervorging,  so  wünschte  Johann 
Friedrich  weitere  Erklärungen  des  Propstes  herbeizuführen,  ja,  wo- 
möglich eine  Art  Konfrontation  Waldkirchs  und  des  Braunschweigers 
in  Speier.  Aus  der  weiteren  Korrespondenz  des  Kurprinzen  mit 
Minckwitz  geht  hervor,  daß  sich  Waldkirch  jetzt  sehr  zweideutig 
benahm  und  nicht  recht  mit  der  Sprache  heraus  wollte,  so  daß 
Johann  Friedrich  schließlich  die  Verhandlungen  abbrechen  ließ. 
Sie  zeigen  uns,  daß  sein  Gegensatz  gegen  Heinrich  von  Braun- 
schweig seine  Wurzeln  schon  in  dieser  Zeit  hat,  außerdem  tritt 
eine  gewisse  Neigung  zur  Rechthaberei  in  ihnen  unverkennbar 
hervor. 

Von  den  Reichstagsverhandlungen  interessierte  Johann  Fried- 
rich, abgesehen  von  den  religiösen  Dingen,  am  meisten  die  Frage 
der  Türkenhülfe.  Er  war  der  Meinung,  daß  auch  diese  Forderung 
des  Kaisers  durch  König  Ferdinand  veranlaßt  sei,  er  erwog,  ob 
man  die  Türkengefahr  nicht  benutzen  solle,  um  Zugeständnisse  auf 
religiösem  Gebiete  zu  erlangen,  denn  Voraussetzung  der  Türken- 
hülfe sei  Friede  und  Recht  im  Reiche*),  und  sandte  endlich  auch 
über  diese  Frage  „etliche  Artikel"*  an  den  Fürsten  von  Anhalt, 
Graf  Mansfeld  und  Minckwitz*). 

Von  dem  sonstigen  Inhalt  der  Briefe  des  Kurprinzen  aus 
dieser  Zeit  ist  vielleicht  noch  hervorzuheben,  daß  die  Nachricht 
vom  Tode  der  Frau  des  Grafen  Wilhelm  von  Nassau  sofort  den  Ge- 
danken in  ihm  erweckte,  ihn  mit  seiner  ältesten  Schwester  Marie  zu 
vermählen.  Er  hat  diesen  Plan,  der  ihm  sowohl  für  das  Haus  Sachsen 
wie  für  die  evangelische  Kirche,  wie  endlich  für  die  Beilegung  des 
„hessischen  Handels“  vorteilhaft  erschien,  nicht  wieder  aus  den 
Augen  verloren,  bis  ihm  dann  Graf  Wilhelm  von  Neuenahr  im 

1)  Beide»  vom  23,  März  1526.  Kopien  in  Reg.  p.  6.  E.  Vergl.  Friedens- 
burg, Speier,  8.  84,  Anm.  2. 

2)  An  .Johann  März  26.  Reg.  E.  fol.  37a,  No.  83,  Bl.  69/70.  Hdbf.  Aktenst.  No.  11. 

3)  An  die  drei  Genannten  April  4,  an  Johann  April  8,  Aktenst.  No.  12,  an 
Minckwitz  April  12.  Reg.  E.  a.  a.  O.  Bl.  221 — 224.  229.  Die  „Artikel“  habe  ich 
noch  nicht  wieder  auffinden  können. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  73 

Oktober  1.531  mitteilte,  daß  sein  V'^etter  sich  anderweitig  vermählt 
habe ').  — 

Der  Reichstag  zu  Speier  hatte  mit  einer  Protestation  der 
evangelischen  Stände  gegen  Majoritätsbeschlüsse  in  Glaubenssachen, 
mit  einer  entschiedenen  Spaltung  des  Reiches  geendet.  Johann 
Friedrich  stimmte  vollkommen  damit  überein,  er  war  sich  aber  auch 
darüber  klar,  daß  die  Protestanten  jetzt  ihre  Bundesbestrebungen 
mit  verdoppeltem  Eifer  wieder  aufnehmen,  daß  sie  sich  vor  einer 
„Uebereilung“  durch  die  Gegner  hüten  müßten.  Sofort  war  der  alle- 
zeit Schreiblustige  mit  einigen  „Bedenken“  darüber  bei  der  Hand, 
Denn  Ranke  setzt  wohl  mit  Recht  das  undatierte  kurprinzliche 
„Bedenken  der  Einung  des  Evangeliums  halber“  ln  den  Mai  1529  *). 
Das  Interessante  an  diesem  Gutachten  Johann  Friedrichs  ist, 
daß  er  zwar  von  der  Berechtigung  des  Widerstandes  gegen  die 
anderen  Stände  überzeugt  war,  da  sie  ja  nicht  als  Obrigkeit  der 
ihnen  gleichstehenden  protestantischen  Stände  betrachtet  werden 
könnten,  daß  er  des  Kaisers  aber  gar  nicht  gedachte.  Ferner  ist 
hervorzuheben,  daß  er  die  Zuziehung  der  oberländischen  Städte 
und  der  Eidgenossenschaft  für  erwünscht  und  leicht  möglich  hielt 
und  daß  in  den  Artikeln  über  die  Ausgestaltung  des  Bundes  ein 
gewisser  Gegensatz  gegen  den  Landgrafen  Philipp  hervorzutreten 
scheint,  wenn  Johann  Friedrich  davor  warnte,  einen  zu  „jähen“ 
Fürsten  zum  Hauptmann  zu  wählen.  Am  meisten  Interesse  hatte 
er  offenbar  für  die  militärische  Seite  der  Frage,  über  sie  verbreitete 
er  sich  am  ausführlichsten,  und  er  zog  auch  sofort  die  Konseejuenzen, 
die  ein  solcher  Bund  für  die  einzelnen  Stände  haben  mußte,  wenn  er 
in  einem  zweiten  Schriftstück  die  für  Sachsen  dadurch  nötig  wer- 
denden militärischen  Maßnahmen  erörterte^).  Seine  Vorschläge  in 
dieser  Beziehung  sind  wohldurchdacht  und  zeigen,  daß  er  auch 
an  den  sächsischen  Verwaltungseinrichtungcn  manches  für  ver- 
besserungsbedürftig hielt.  Auch  scheint  mir  aus  den  beiden  Gut- 
achten des  Kurprinzen  hervorzugehen,  daß  die  Schwierigkeiten,  die 
Kursach.sen  damals  der  Bundespolitik  machte,  mehr  auf  den  Kur- 

G An  Johann  April  4.  P.  8.  an  Anhalt  April  4 Reg.  K.  a.  a.  O.  RI.  76  f.  243  f. 
Verzeichnis,  was  mit  graf  Phili|>p  von  Solms  zu  reden,  ebenda  Bl.  231  f.,  an 
Neuenahr  1531  Sept.  29.  Reg.  H.  p.  50,  No.  5,  fol.  89  f.  Aktenst.  No.  23. 
Neuenahr  an  Joh.  Friedrich  1531  Okt.  15,  ebenda  fol.  91 — 93. 

2)  Ranke,  III,  8.  117.  R^.  H.  p.  10.  L.  fol.  75  ff.  .\ktenst.  Na  16. 

3)  Reg.  H.  p.  10.  L.  fot  81—84,  eigenh.  Konz.  Aktenst.  No.  17. 


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74 


Kapitel  III. 


fürsten  Johann  als  auf  seinen  Sohn  zurückgingen ').  An  den  Ver- 
handlungen dagegen,  die  damals  sächsischerseits  mit  den  Habs- 
burgern gepflogen  wurden  und  über  die  wir  immer  noch  nichts 
Rechtes  wissen*),  scheint  auch  Johann  Friedrich  nicht  ganz  unbe- 
teiligt gewesen  zu  sein,  wenigstens  liegt  eine  Instruktion  von  ihm  für 
Christoph  Groß  an  Heinrich  von  Nassau  mit  Loyalitätserklärungen 
gegen  den  Kaiser  vor,  die  in  diese  Zeit  zu  gehören  scheint  *).  So- 
lange wir  nichts  Näheres  über  diese  Verhandlungen  wissen,  werden 
wir  annehmen  können,  daß  es  sich  dabei  um  die  immer  noch  nicht 
erledigten  Fragen  der  sächsischen  Lehensempfängnis  und  der  Be- 
stätigung der  Ehe  Johann  Friedrichs  gehandelt  hat.  War  doch  im 
August  1529  wieder  eine  Reise  des  Kurprinzen  nach  Prag  geplant^). 
P'erner  könnte  seine  Absicht,  sich  am  Türkenkriege  zu  beteiligen,  zu 
Erörterungen  Anlaß  gegeben  haben.  Denn  nach  Spalatins  Bericht 
sollte  er  ja  im  Herbst  1529  an  der  Spitze  von  einigen  tausend  Mann 
gegen  die  Türken  ziehen^).  Deren  Abzug  vereitelte  den  Plan. 

So  gut  wie  gar  keinen  Anteil  scheint  der  Prinz  an  den  Bundes- 
verhandlungen der  Evangelischen  in  den  Jahren  1529  und  1530 
genommen  zu  haben,  oder  wir  wissen  wenigstens  nichts  darüber, 
denn  an  Interesse  für  diese  Sache  hat  es  ihm,  wie  sein  Gutachten 
vom  Mai  zeigt,  ja  sicher  nicht  gefehlt,  auch  wurde  sein  Bedenken 
der  sogenannten  Schwabacher  Notel  und  der  Sächsischen  Instruktion 
für  den  Schwabacher  Tag  zu  Grunde  gelegt“).  Persönlich  wird  er 
nur  bei  der  Zusammenkunft  der  Protestanten  in  Schmalkalden  vom 
28.  November  bis  3.  Dezember  1529  erwähnt.  Zu  größerem  Hervor- 
treten gab  ihm  erst  der  Augsburger  Reichstag  wieder  Gelegenheit 

1)  Eb  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  daß  die  Fordeningen  Johann  Fried- 
richs zwar  in  der  Instruktion  der  Hächsischen  Räte  für  Schwabach  wiedcrkohren, 
daß  die  religiösen  Itedingungcn  für  die  Aufnahme  in  den  Bund  aber  dort  erst  neu 
auftauchen.  J.  J.  .Möller  S.  281  ff.  Vergl.  auch  Kol  de  in  den  Beiträgen  zur 
Reformationsgesoh.  S.  Ü8  ff. 

2)  Lenz,  Zwingli,  S.  25U.  Bauingartcn,  III,  8.  16.  21  f. 

3)  Reg.  E.  fol.  37a,  No.  83,  BL  233  f.  Die  Datierung  ergiebt  sich  wohl  aus 
dem  Anfang  des  Briefes  Neuenahrs  vom  8.  Juli  1520,  bei  Cornelius,  X,  8.  156. 

•l)  Beier  sollte  ihn  als  Rat,  Schürf  als  Arzt  begleiten.  Nach  dem  Briefe 
Rörers  an  Roth  vom  lü.  Aug.  1529  bei  Buchwald,  Zur  Wittenberger  Stadt- 
und  Universitätsgeschichte,  8.  63. 

5)  Spalatin  ap.  Mcnck.,  8p.  1117.  Struve,  III,  8.  165.  Ranke,  III, 
8.  142.  In  Reg.  O.  No.  24,  fol.  83  ist  die  betreffende  Stelle  übrigens  durchstrichen. 

6)  P.  C.  I,  8.  414  ff.  Anra.  J.  J.  Müller,  8.  285  ff. 

7)  Unter  den  Akten,  die  nach  Augsburg  mitgenommen  wurden,  finden  wir 
auch  seinen  Ratschlag  des  Türken  halben.  Förstemann,  U.  I,  8.  135. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  75 

Doch  möchte  man  fast  bedauern,  daß  er  persönlich  daran  teilnahm, 
da  uns  nun  eine  so  vorzügliche  Quelle,  wie  sie  uns  15211  seine 
Briefe  boten,  entgeht.  Die  religiöi5en  Fragen  standen  wohl  auch  bei 
ihm  tliesmal  durchaus  im  Vordergrund  des  Interesses,  und  da  wir 
ihre  Behandlung  auf  dem  Reichstag  und  Johann  Friedrichs  Anteil 
daran  schon  erwähnt  haben,  bleibt  hier  nur  noch  wenig  zu  sagen. 

Zunächst  dürfte  man  wohl  erwarten,  daß  der  Kurprinz  in 
Augsburg  nun  eine  eifrige  Agitation  gegen  die  Wahl  Ferdinands 
entfaltet  hätte  im  Sinne  seiner  Gutachten  von  1529.  Das,  was  er 
schon  damals  gefürchtet  hatte,  trat  ja  jetzt  tatsächlich  ein : der  Kaiser 
benutzte  den  Reichstag,  um  die  katholischen  Kurfürsten  für  die 
Wahl  zu  gewinnen  ‘).  Wenn  sich  nun  keine  Spur  von  irgend  einer 
(iegenwirkung  Johann  Friedrichs  findet,  so  kann  das  ja  an  der 
Lückenhaftigkeit  unseres  Materials  liegen,  oder  der  Prinz  mag  sich 
bald  von  der  Aussichtslosigkeit  solcher  Versuche  überzeugt  haben, 
außerdem  ist  aber  auch  nicht  unberücksichtigt  zu  lassen,  daß  nur 
die  beiden  Kurfürsten  pensönlich  anwesend  waren,  bei  denen  von 
vornherein  gar  keine  Hoffnung  auf  Erfolg  war:  der  Mainzer  und 
der  Brandenburger,  auch  fanden  die  Hauptverhandlungen  über  die 
Wahlfrage  erst  nach  der  Abreise  Johann  Friedrichs  vom  Reichstage 
statt.  Der  damals  erwogene  Gedanke  der  Aus.schließung  Sachsens 
wird  gewiß  auch  des  Kurprinzen  höchste  Entrüstung  erregt  haben, 
denn  wir  können  die  Beobachtung  machen,  daß  er  während  des 
Reichstages  streng  darauf  achtete,  daß  die  zeremoniellen  Rechte  des 
Hauses  Sachsen  nicht  verletzt  würden.  Vor  allem  beim  Einzuge 
des  Kaisers  mußten  sie  gewahrt  werden  *),  der  Prinz  selbst  an  der 
Spitze  des  sächsischen  Gefolges  eröffnete  den  Zug,  und  als  bei 
der  Eröffnung  des  Reichstages  der  Kaiser  aus  der  Kirche  ins  Rat- 
haus zog,  gingen  die  Kurprinzen  von  Sachsen  und  von  Branden- 
burg vor  ihm  her®).  — 

Nach  seiner  Rückkehr  vom  Reichstag  warf  sich  Johann  Fried- 
rich sofort  wieder  auf  die  Aufgaben,  die  sich  aus  den  Reichstags- 
vorgängen ergaben.  Der  Kaiser  begann  zu  rüsten,  man  mußte  auf 
das  Schlimmste  gefaßt  sein.  Auch  der  Kurprinz  fing  an  sich  mit 
Rüstungs-  und  Werbungsplänen  zu  beschäftigen.  Haus  von  Dölzig 
übersandte  ihm  aus  Augsburg  ein  Gutachten  darüber '),  und  Johann 

1)  Vergl.  W i nc kelmann,  8.  13  f. 

2)  Joh.  Friedrich  an  Dolzig  Mai  11.  C.  R.  II,  48  f. 

3)  J.  J.  Müller,  8.  562.  Schirrraacher,  S.  75.  Ranke,  III,  8.  168. 

4)  Vom  1.  Oktober.  Reg.  H.  p.  46,  No.  4,  fol.  112 — 122  und  123 — 138. 


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Kapitel  III. 


Friedrich  erwiderte  darauf,  daß  man,  wenn  es  nötig  sei,  allerdings 
tun  müsse,  was  man  vor  Gott  und  seinem  Gewissen  verantworten 
könne').  Noch  vor  einem  Jahre  würde  er  geschrieben  haben:  „vor 
Gott  und  Kaiserlicher  Majestät“.  Inzwischen  hatte  er  sich  aber 
davon  überzeugt,  daß  auch  der  Widerstand  gegen  den  Kaiser  nicht 
zu  vermeiden  und  auch  rechtlich  zu  verteidigen  sei*).  Infolge- 
dessen gewannen  natürlich  auch  die  Bundesverhandlungen  neues 
Interesse.  Zunächst  trat  aber  eine  andere  Aufgabe  an  Johann 
Friedrich  heran.  Zum  21.  Dezember  war  sein  Vater  vom  Kaiser 
zu  einer  Beratung  über  wichtige  Reichsangelegenheiten  nach  Köln 
eingeladen  worden,  und  zum  21>.  hatte  er  außerdem  vom  Kurfürsten 
von  Mainz  eine  Zitation  zur  Wahl  eines  römischen  Königs  eben- 
dahin erhalten.  Es  war  vorauszusehen,  daß  auch  am  21.  nur  über 
diesen  Punkt  beratschlagt  werden  sollte,  und  da  sich  der  Kur- 
fürst vollkommen  darüber  klar  war,  daß  auch  durch  seine  persön- 
liche Anwesenheit  an  der  Wahl  Ferdinands  nichts  mehr  werde  ge- 
ändert werden  können,  so  entschloß  er  sich,  die  mancherlei  Ver- 
stöße gegen  die  reichsrechtlichen  Bestimmungen,  die  bei  dem  Ver- 
fahren mitunterliefen,  zu  benutzen,  um  gegen  die  Wahl  zu  pro- 
testieren und  sie  für  ungültig  zu  erklären*).  Es  lag  nahe,  mit 
dieser  Aufgabe  den  Kurprinzen  zu  betrauen,  der  sich  schon  seit 
so  langer  Zeit  gerade  mit  diesem  Thema  beschäftigt  hatte. 

Am  4.  Dezember  machte  er  sich,  von  Hans  von  Minckwitz, 
Hans  von  Dölzig,  Taubenheim.  Groß  und  Spalatin  begleitet,  auf 
den  Weg,  in  S])angenberg  wurde  am  11.  und  12.  Dezember  beim 
Landgrafen  von  Hessen  Halt  gemacht.  Johann  Friedrich  ließ  ihm 
durch  Minckwitz  über  die  Wahlangelegenheit  ausführlich  berichten, 
und  Philipp  sprach  seine  Freude  darüber  aus,  daß  es  doch  noch 
einen  frommen  Kurfürsten  im  Reiche  gebe*).  Am  1'.).  Dezember 
traf  der  Kurprinz  in  Köln  ein,  schon  am  20.  hatte  er  eine  Audienz 

1)  Okt  14.  Förstcraann,  U.  II,  8.  735  ff. 

2)  Win ck et m an n , 8.  36. 

3)  Vergl.  älter  die  Wahlangelegenheiten  Noack,  Die  Eareption  Sachsens 
von  der  Wahl  Ferdinands  I.,  Progr.  Krefeld  18HC,  und  W inckelmann,  S.  19  ff. 
58  ff.  Beide  bedürfen  mancher  Berichtigung  und  Ergänzung.  Ich  benutze  die 
Instruktion  für  Johann  h'ricdrich  vom  4.  Uez.,  Loc.  10671  „König  Ferdinandi 
Wahl  betr.“  1.531,  ferner  den  ausführlichen  sächsischen  Wahlbcricht,  ebenda 
, Schreiben  und  Bedenken“  und  die  Briefe  Johann  Friedrichs  an  Johann,  ebenda. 

4)  Instruktion  für  die  Verhandlungen  mit  Philipp,  Loc.  10671  „König  Ferdi- 
nands Wahl  betr.“  Bericht  eines  der  Räte  über  die  Verhandlungen,  ebenda. 
Winckelmann,  S.  50. 


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JohADD  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  77 

beim  Kaiser  in  Gegenwart  König  Ferdinands,  des  Kardinals  von 
Lüttich,  Pfalzgraf  Friedrichs,  des  Markgrafen  von  Arschot,  des 
Herrn  von  Praet  und  des  kaiserlichen  Sekretärs  Alexander  Schweiß. 
Hans  von  Minckwitz  führte  für  Sachsen  das  Wort  und  setzte  ausein- 
ander, daß  der  Kurfürst,  da  er  die  FAuladung  erst  am  28.  November 
erhalten  habe,  bei  der  Weite  des  Weges,  seinem  Alter  und  seiner 
Kränklichkeit  nicht  selbst  habe  kommen  können  und  daß  daher 
.Johann  Friedrich  und  er  ihn  vertreten  sollten.  Man  hatte  sächsi- 
scherseits  gefürchtet,  daß  dem  Kaiser  diese  Entschuldigung  nicht 
genügen  würde,  Karl  ließ  aber  nach  kurzer  Beratung  den  sächsischen 
Gesandten  durch  den  Pfalzgrafen  Friedrich  erklären,  daß  er  sie  zu 
den  Verhandlungen  mit  den  Kurfürsten  zuziehen  würde.  Die.se  be- 
gannen am  24.  Dezember,  und  die  Vermutung,  daß  es  sich  auch  dabei 
nur  um  die  Wahlfrage  handeln  würde,  erwies  sich  sofort  als  richtig. 
Der  Kaiser  ließ  den  versammelten  Kurfürsten  auseinandersetzen,  daß 
er  wegen  seiner  anderen  Länder  nicht  immer  im  Reiche  sein  könne, 
daß  sich  in  seiner  Abwesenheit  in  den  jetzigen  gefährlichen  Zeiten 
aber  „viel  Unguts“  ereignen  könne  und  daß  er  sie  deshalb 
bitte,  seinen  Bruder  Ferdinand  zum  römischen  König  zu  wählen. 
.\uf  eine  Bitte,  die  die  Kurfürsten  ihm  am  2(>.  Dezember  Aus- 
sprachen ‘),  daß  er  doch  lieber  im  Reiche  bleiben  möge,  wieder- 
holte er  seinen  Wunsch,  und  nun  trafen  die  katholischen  Kurfürsten 
in  die  Beratung  über  die  Wahlangelegenheit  ein.  Wenn  sie  nun 
da  auch  pro  forma  beschlossen,  den  Kaiser  um  freie  Wahl  zu 
bitten  (in  Wirklichkeit  waren  sie  ja  alle  längst  für  Ferilinand  ge- 
wonnen), so  war  doch  jetzt  schon  die  Grenze  erreicht,  bis  zu  der 
die  sächsischen  Gesandten  ihrer  Instruktion  entsprechend  mitgehen 
konnten.  Sachsen  stellte  sich  auf  den  streng  reichsrechtlichen 
Standpunkt,  daß  der  Kaiser  einen  Wahltag  nicht  anzuberaumen 
habe.  .Johann  Friedrich  und  Minckwitz  hatten  daher  nur  Voll- 
macht, an  einer  Beratung  über  andere  Reichsangclegenheiten  sich  zu 
beteiligen,  soweit  diese  von  den  Kurfürsten  ohne  die  übrigen  Stände 
erledigt  werden  konnten,  nicht  aber  an  einer  Beratung  über  die 
Wahl.  Davon  ließen  sie  sich  natürlich  auch  durch  alle  Vorstel- 
lungen des  Kaisers  nicht  abbringen.  Er.st  die  schließliche  Bewilligung 

1)  Zwischen  dem  24.  und  dem  20.  könnten  Sondervcrhandlungcn  .Johann 
Friedrichs  mit  den  Kurfürsten  stattgefunden  haben.  Er  war  in  seiner  Instruktion 
angewiesen,  solche  mit  Pfalz  und  Trier  zu  führen,  in  dem  säch-sischen  Wahl- 
bericht  ist  aber  nicht  davon  die  Rede. 


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78 


Kapitel  III. 


der  freien  Wahl  durch  den  Kaiser  ermöglichte  den  sächsischen 
Vertretern  die  Teilnahme  an  der  Beratung,  da  man  nunmehr  ja 
nicht  mehr  mit  dem  Kaiser  über  die  Wahl  verhandelte.  Diese 
Beratungen  begannen  am  28.,  und  hier  brachte  nun  natürlich  Kur- 
sachsen die  Bedenken  gegen  die  Vornahme  einer  Königswahl  vor, 
wie  sie  zum  Teil  schon  im  Jahre  1.Ö29  von  Johann  Friedrich  ent- 
wickelt worden  waren ; die  Nichterwähnung  der  römischen  Königs- 
wahl in  der  goldenen  Bulle,  die  es  zweifelhaft  mache,  ob  sie  über- 
haupt zu  den  Rechten  der  Kurfürsten  gehöre,  die  Verletzung  der 
kaiserlichen  Wahlkapitulation,  in  der  sich  der  Kaiser  verpflichtet 
hätte,  im  Reich  zu  bleiben,  die  Gefahr,  daß  gelegentlich  einmal 
der  Kaiser  und  der  König  gleichzeitig  für  verschiedene  Zwecke 
die  Hülfe  des  Reiches  in  Anspruch  nehmen  könnten,  die  Schwierig- 
keit, die  es  hätte,  zwei  Herren  dienen  zu  müssen,  und  die  gefähr- 
lichen Folgen,  die  jedes  ungesetzliche  Vorgehen  in  der  so  schon 
so  aufgeregten  Zeit  haben  könne. 

Diese  Vorstellungen  hatten  natürlich  keinerlei  Erfolg,  vielmehr 
wurden  auf  Beschluß  der  übrigen  Kurfürsten  die  nötigen  Schritte 
getan,  um  die  Wahlhandlung  am  nächsten  Tage  zu  beginnen.  An 
diesem  Tage  trat  nun  der  zweite  Teil  der  Instruktion  der  sächsischen 
Gesandten  in  Wirksamkeit.  Sachsen  konnte  ja  nur  dann  mit 
seinem  Widerstand  gegen  die  Wahl  etwas  ausrichten,  wenn  es  sich 
an  ihr  überhaupt  nicht  beteiligte  und  sie  dann  für  ungültig  erklärte. 
Durch  das  Verfahren  der  Gegner  wurde  ihm  das  erleichtert.  Es 
brauchte  sich  gar  nicht  auf  die  Behauptung  zu  versteifen,  daß  in 
der  goldenen  Bulle  von  der  Wahl  eines  römischen  Königs  bei 
Lebzeiten  des  Kaisers  nicht  die  Rede  sei,  dagegen  hatte  ja  einst 
Karl  IV.  selbst  verstoßen.  Auch  bei  der  Zitation  Sachsens  durch 
den  Mainzer  Kurfürsten  waren  die  Formalitäten  verletzt,  die  vor- 
geschriebene I'rist  von  8 Monaten  war  nicht  gewährt.  Dazu 
kam  noch  die  willkürliche  Verlegung  des  Wahlorts.  Daher  erklärte 
Sachsen  die  Zitation  für  nichtig,  es  sei  so  gut.  als  sei  der  Kurfürst 
gar  nicht  eingeladeu,  und  die  Kurfürsten  müßten  daher  die  Wahl 
unterlassen.  Würden  sie  dennoch  zur  Wahl  schreiten,  so  erkläre 
Sachsen  sic  für  ungültig  und  protestiere  dagegen. 

Das  war  der  Inhalt  der  kursächsischen  Exzeption  und  Protesta- 
tion, die  Johann  Friedrich  und  Minckwitz  am  29.  Dezember  dem  Kur- 
fürsten von  Mainz  überreichten  und  die  sie  würden  haben  verlesen 
lassen,  wenn  die  anderen  Kurfürsten  ihnen  nicht  trotz  dreimaliger 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  79 

Bitte  die  Erlaubnis  dazu  verweigert  hätten.  Sie  mußten  sich  nun 
mit  einer  mündlichen  feierlichen  Exzeption  und  Protestation  be- 
gnügen. Durch  diese  ließen  sich  die  Kurfürsten  zwar  von  der 
Vornahme  der  Wahl  nicht  abhalten,  doch  mag  das  Vorgehen  Kur- 
sachsens der  Grund  gewesen  sein,  weshalb  sich  diese  noch  bis  zum 
5.  Januar  I.Ö31  verzögerte*).  Natürlich  konnten  aber  alle  Gegen- 
proteste. Erklärungen  und  Bündnisse  der  Kurfürsten,  über  die  in  der 
Zwi.schenzeit  verhandelt  worden  sein  mag  *),  Sachsens  rechtlich  wohl 
begründete  Protestation  nicht  aus  der  Welt  schatfen,  und  der  Kurprinz 
trug  dafür  Sorge,  daß  sie  in  möglichst  weiten  Kreisen  bekannt  wurde. 
Schon  am  30.  schickte  er  eine  Abschrift  an  den  Grafen  Wilhelm  von 
Nassau  und  bat  ihn,  sie  auch  Graf  Wilhelm  von  Neuenahr,  Philipp 
von  Solms  u.  a.  mitzuteilen,  denn  es  sei  erwünscht,  wenn  recht  viele 
Leute  davon  Kenntnis  erhielten^).  Auch  den  nürnbergischen  Ge- 
sandten in  Köln  Tetzel  und  Koler  scheint  Johann  Friedrich  das 
Aktenstück  mitgeteilt  zu  haben.  Sie  schickten  ,,die  Schrift“  nach 
Hause  und  sprachen  die  zuversichtliche  Erwartung  aus,  daß  man 
sie  von  dort  an  die  anderen  Städte  versenden  werde*)-  Ueberhaupt 
hatte  Sachsen  durch  sein  Vorgehen  nun  einen  festen  Recht.sboden 
gewonnen,  von  dem  aus  es  weiterhin  mit  gutem  Gewissen  Fer- 
dinand seine  Anerkennung  verweigern  und  den  Mittelpunkt  der 
Opposition  gegen  ihn  bilden  konnte. 

Werfen  wir  noch  einen  Blick  auf  die  persönliche  Haltung 
Johann  Friedrichs  in  Köln,  so  war  ihm  ja  insofern  nicht  allzuviel 
Gelegenheit  gegeben,  henorzutreten,  als  Hans  von  Minckwitz  im 
Namen  Kursachsens  das  Wort  führte.  Doch  das  war  wohl  in  zere- 
moniellen Gewohnheiten  begründet,  an  der  vollen  Uebereinstimmung 
des  Kurprinzen  mit  der  von  Sachsen  eingeschlagenen  Politik  kann 
kein  Zweifel  sein.  Das  zeigen  uns  seine  Briefe  aus  dieser  Zeit. 
Aus  ihnen  geht  auch  hervor,  daß  er  keinen  Augenblick  im  Zweifel 
darüber  war,  daß  Ferdinand  gewählt  werden  würde,  und  daß  er  sich 
auch  über  die  Gründe  dafür  vollkommen  klar  war,  das  Reich  er- 


1)  Die  „Freietellung“  batte  schon  am  27.  stattgefunden,  sie  kann  also  die 
Wahl  nicht  verzögert  haben.  Die  Nürnberger  Gesandten  waren  der  Ansicht,  daß 
die  sächsische  Protestation  schuld  sei. 

2) Noack,  S.  12.  Auch  an  Verhandlungen  über  die  Wahlkapitulatiou 
könnte  man  denken. 

3)  Loc.  10671,  König  Ferdinands  Wahl  betr.,  1531. 

4)  1.t31  Jan.  3,  Tetzel  und  Koler  an  Job.  Friedr.,  ebd.  Or. 


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80 


Kapil«!  III. 


schien  ihm  als  „elendiglich  verkauft“,  mit  den  Bemühungen  um  die 
freie  Wahl  wolle  man  nur  „ein  nassen  machen“ ').  In  der  Tat 
macht  gegenüber  der  Heuchelei  der  Kurfürsten  die  Haltung  Sachsens, 
die  von  eigennützigen  Motiven  fast  ganz  unbeeinflußt  war,  einen 
wohltuenden  Eindruck,  auch  gehörte  unverkennbar  einiger  Mut  dazu, 
dem  Kaiser  in  so  direkter  Weise  Widerstand  zu  leisten.  Ob  aller- 
dings das  Gerücht,  daß  dem  Kurprinzen  unmittelbar  nach  seiner 
Abreise  von  Köln  nachgestellt  worden  sei*),  auf  Wahrheit  beruhte, 
habe  ich  nicht  feststellen  können. 

Johann  Friedrich  und  Minckwitz  reisten  schon  am  29.  Dezember 
von  Köln  ab,  ein  Entschuldigungsschreiben  an  den  Kaiser*)  zurück- 
lassend. Sie  begaben  sich  nach  Hambach  zu  den  Schwiegereltern 
des  Kurprinzen.  Von  dort  aus  hat  dieser  dann  noch  auf  die 
weitere  Entwickelung  der  Wahlsache  Einfluß  zu  gewinnen  gesucht. 
Er  verbot  dem  Marschall  Georg  Wolf  von  Pappenheim,  dem  Könige 
Dienste  zu  leisten  ^),  wird  damit  aber  wohl  schwerlich  große 
Resultate  erzielt  haben.  Ueber  die  Vorgänge  in  Aachen  bei  der 
Krönung  erhielt  Nikolaus  Meier  ihn  auf  dem  Laufenden  *). 

Seine  Haujjtaufgabe  in  Hambach  aber  war,  seinen  Schwieger- 
vater zu  einer  bestimmten  Stellungnahme  in  dem  jetzt  vielleicht 
jederzeit  zu  erwartenden  Konflikt  zu  veranlassen,  doch  vermochte 
er  ihn  nicht  weiter  als  zu  der  wenig  besagenden  Erklärung  zu 
bringen,  daß  er,  wenn  der  Kurfürst  unbilligerweise  beschwert 
werde,  mit  seinen  Landschaften  sprechen  und  tun  werde,  was  ihm 
gebühre").  Auch  in  der  Wahlangelegenheit  konnte  Johann  Friedrich 
keine  irgendwie  verbindliche  Aeußerung  des  Herzogs  von  Jülich- 
Kleve  erlangen ').  Von  Hambach  ist  Johann  Friedrich  dann 
durch  Hessen  nach  Hause  zurückgekehrt,  wo  er  noch  rechtzeitig 
eintraf,  um  dem  Zwickauer  Landtage  beizuwohnen.  Das  Haupt- 

1)  An  Johnnn  Dez.  28,  Loc.  10671  ,, König  Fordinandi  Wahl  betreffend“, 
1531,  lldbf.  Akteni*t.  No.  22. 

2)  Loeschc,  Analc<'ta,  S.  197,  No.  302.  Der  Kurprinz  erwähnt  in  seinen 
Briefen  nichts  derart. 

3l  Französisch  l>ei  Lanz,  Korresp.,  I,  S.  UI  f.,  deutsch  in  dem  sächsichen 
Wahll«?richt. 

4)  An  Joh.  1531  .lan.  6,  lx)c.  10C71  „.Schreiben  und  Bedenken“. 

öl  Meier  an  Joh.  Friedr.  Jan.  13,  Loc.  10672,  „Schriften  zwischen  Sachsen, 
Bayern  u.  a.  w.“ 

6)  Below,  I,  S.  201  ff. 

7)  Joh.  an  Wildenfels  1531  April  29,  Torgau,  I<oc.  10672  „Schriften  . . .“  Or. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  81 


Interesse  nahm  jetzt  aber  der  Ab.schluß  des  i)rotestantiscben  Bundes 
in  Ansprudi.  Johann  Friedrich  hatte,  als  er  nacli  Köln  reiste,  dem 
Landgrafen  die  Autforderung  zu  einer  Zusammenkunft  der  Evan- 
gelischen in  Schmalkalden  überbracht,  diese  hatte  dann  gerade 
während  der  Kölner  Verhandlungen  stattgefunden,  und  der  Kurprinz 
hatte  ihre  Beratungen  auch  von  Köln  aus  mit  Interes.se  verfolgt. 
Wegen  der  Konzilsgerüchte  und  gewisser  drohender  Aeußerungen 
Ferdinands  erschien  ihm  eine  „Verfassung  zur  Gegenwehr“  jetzt 
dringend  nötig  *),  und  er  empfahl,  wenn  man  jetzt  noch  nicht  zum 
Ziele  kommen  könne,  noch  vor  dem  sächsischen  Landtage  einen  neuen 
Tag  anzusetzen  und  dort  abzuschließen,  denn  man  „dürfe  jetzt  nicht 
feiern“  ^).  Die  Erfüllung  dieses  Wunsches  war  aus  Rücksicht  auf 
die  Botschafter  der  Städte  nicht  möglich  ’’),  schon  im  Februar  1.Ö31 
sind  dann  aber  die  protestantischen  Stände  von  neuem  in  Schmal- 
kalden zusammengetreten,  und  nun  ist  am  27.  der  .schmalkaldische 
Bund  zum  Abschluß  gelangt.  Johann  Friedrich  hat  ihn  luitunter- 
zeichnet. über  seinen  Anteil  an  den  letzten  Verhandlungen  ist  uns 
nichts  bekannt. 

Um  dem  Bunde  eine  weitere  Ausgestaltung  und  Organisation 
zu  verleihen,  waren  in  der  nächsten  Zeit  zahlreiche  Bundestagungen 
nötig,  auf  ihnen  hat  Johann  Friedrich  mehrmals  als  Vertreter  seines 
Vaters  funktioniert,  aber  eben  deshalb  war  er  meist  streng  an  die 
ihm  erteilten  Instruktionen  gebunden,  und  wir  können  aus  seinen 
Handlungen  nicht  mit  voller  Sicherheit  auf  seine  Meinung  schließen. 
Das  gilt  z.  B.  von  der  schon  im  vorigen  Kapitel  behandelten  Frage 
nach  der  Aufnahme  der  Schweizer  in  den  Bund.  Daraus,  daß  zu  dem 
Schmalkaldener  Tage,  der  im  Ajiril  15,31  stattfand,  der  Kurfürst  seinem 
Sohne  noch  eine  besondere  Warnung  mitgab,  sich  auf  Rüstungen 
und  Trui>penwerbungen  nur  einzulasseii.  wenn  alle  Bunilesmitglieder 
einverstanden  seien,  damit  mau  nicht  durch  den  Landgrafen  unter 
dem  Schein  der  Gegenwehr  in  einen  Aufruhr  geführt  werde  ‘),  darf 
man  aber  vielleicht  schließen,  daß  der  Prinz  am  kursächsischen 
Hofe  immer  noch  als  Vertreter  der  Kriegspartei  betrachtet  wurde. 

1)  An  Johann  Dec.  28,  Loc.  10071  „König  Ferdinand!  Wahl  betr.“  Akten- 
stück No.  22. 

2)  An  .Tobann,  Dec.  28  und  29,  ebd.  „Schreiben  und  Bedenken.“ 

3)  Johann  an  Joh.  Friedrich,  Jan.  1,  Ix>c.  10071  „König  Ferdinandi  Wahl 
I)etr.  1531“. 

4)  Johann  an  Johann  Friedrich  März  25,  Torgau.  Beg.  II.  p.  40,  No.  4, 
fol.  38/.39. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  1,  ^ 


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82 


Kapitel  III. 


Tatsächlich  hatte  er  schon  im  Januar  während  seines  Aufenthaltes 
in  Hambach  mit  Reitern  angeknüpft,  er  hatte  auch  410  fl.  dort  hinter- 
legt. so  daß  nun  Gangolf  von  Heilingen,  der  am  3.  April  in  der 
Wahlsache  nach  Jülich  geschickt  wurde,  leicht  die  weiteren  Ver- 
handlungen führen  konnte ').  Auch  sonst  weist  manches  darauf 
hin,  daß  der  Prinz  besonders  die  militärische  Seite  der  Bundes- 
angelegenheiten als  sein  Metier  betrachtete.  Vom  11.  und  13.  No- 
vember 1531  sind  uns  einige  „Bedenken“  von  ihm  erhalten  -),  in 
denen  er  sich  fast  ausschließlich  mit  den  militärischen  Anordnungen 
beschäftigt,  die  die  Bundesverfassung  in  den  sächsischen  Gebieten 
nötig  machte.  Man  hegte,  wie  es  scheint  infolge  einiger  Briefe  des 
Landgrafen,  damals  Kriegsbefürchtungen,  ja  am  14.  November  er- 
gingen sogar  schon  die  Befehle  an  die  Hauptleute  und  Amtleute, 
sich  in  Bereitschaft  zu  setzen  •’).  Auch  iu  Bezug  auf  die  Bundes- 
verfassung selbst  waren  es  die  militärischen  und  finanziellen  Fragen, 
die  Johann  Friedrich  in  erster  Linie  interessierten,  nur  mit  ihnen 
beschäftigen  sich  wenigstens  einige  Artikel  über  die  „Verfassung 
zur  Gegenwehr“,  die  der  Prinz  gegen  Ende  des  Jahres  1.531  auf- 
gezeichnet hat.  Größere  Promptheit  in  der  Aufbringung  der  monat- 
lichen Beiträge  der  Bundesgenossen  im  Kriegsfälle  und  deren  Er- 
höhung ist  das  Ziel  des  etwas  dunkeln  Schriftstücks^).  Aus  alle- 
dem werden  wir  aber  nicht  mehr  schließen  dürfen,  als  daß  diese 
Seiten  der  Verhandlungen  den  Kurprinzen  besonders  zu  eigenen 
Meinungsäußerungen  anlockten,  in  welcher  Weise  er  durch  Teil- 
nahme an  den  Bundestagungen  und  an  den  Sitzungen  der  sächsi- 
schen Räte  und  durch  sonstige  mündliche  Aussprache  bei  der  Or- 
ganisation des  Bundes  mitgearbeitet  hat,  entzieht  sich  unserer 
Kenntnis.  Wenigstens  über  den  Wert  der  Verfassung  des  schmal- 
kaldischeu  Bundes  aber  hat  er  sich  einmal  auch  schriftlich  ausge- 
sprochen und  erklärt,  daß  „nicht  wohl  eine  bessere  V'erfassung“ 
als  sie  ausgedacht  werden  könne.  Er  war  daher  der  Meinung,  daß 
mau  sie  auch  bei  der  Gründung  des  Oppositionsbundes  gegen  die 
Wahl  Ferdinands  zu  Grunde  legen  solle  ^). 

1)  Loc.  10(i72  „Schriften  u.  g.  w.“  Joh.  Friedrich  an  Johann,  1531 

April  5,  Gcorgenthal.  Keg.  H.,  p.  .59,  No.  13,  fol.  25  f.  Antwort  Johanns  vom 
8.,  ebenda  p.  46,  No.  4,  fol.  107  f. 

2)  Reg.  II.,  p.  54,  No.  9. 

3)  Loc.  10671  „König  Ferdinandi  Wahl  betr.  1531“. 

4)  Reg.  H.,  p.  61,  No.  14,  fol.  39—41. 

5)  Nach  der  noch  zu  erwähnenden  Instruktion  für  Minckwitz  und  Dölzig 
vom  19.  Okt.  1531,  Loc.  10671  „König  Ferdinandi  Wahl  betr.  1531“. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand. 

Am  liebsten  wäre  es  wohl  den  Leitern  der  sächsischen  Politik 
gewesen,  wenn  sich  alle  Mitglieder  des  schmalkaldischen  Bundes 
zugleich  auch  als  Gegner  der  Anerkennung  Ferdinands  erklärt 
hätten.  Da  nun  dafür  aber  die  Städte  nicht  zu  haben  waren,  und 
da  außerdem  die  Wahl  auch  von  den  streng  katholischen  Herzogen 
von  Ba)ern  angefochten  wurde,  so  ergab  sich  die  Notwendigkeit, 
neben  den  schmalkaldischen  Bund  einen  besonderen  Bund  der  Wahl- 
gegner zu  stellen.  Die  Verhandlungen  darüber  ‘)  waren  bis  zum 
Herbst  1.Ö31  so  weit  gediehen,  daß  auf  einer  für  den  Oktober  nach 
Saalfeld  berufenen  Ge.sandtenzusammenkunft  der  Abschluß  des 
Bundes  zu  erwarten  war.  Als  es  .sich  nun  darum  handelte,  sächsi- 
scherseits  die  für  die  Vorbereitung  des  Saalfelder  Tages  nötigen 
Schritte  zu  tun,  schlugen  die  allein  eingeweihten  sächsischen  Räte 
Minckwitz,  Brück  und  Dölzig  dem  Kurfürsten  vor,  auch  seinen 
Sohn  zu  einem  Gutachten  zu  veranlassen  *).  Dem  verdanken  wir 
den  eigenhändigen  Instruktionsentwurf  Johann  Friedrichs  für  die 
nach  Saalfeld  zu  schickenden  Räte  Minckwitz  und  Dölzig®).  Wir 
ersehen  aus  ihm,  daß  der  Wahlbund  dem  Kurprinzen  durchaus  als 
eine  Erweiterung  des  schmalkaldischen  Bundes  erschien,  wie  er  ja 
auch  empfahl,  ihm  dessen  Verfassung  zu  Grunde  zu  legen,  daß  er 
in  Bezug  auf  die  Wahlfrage  auf  dem  streng  reichsrechtlichen  Stand- 
punkt verharrte  und  jede  Wahl  eines  Gegenkönigs  ablehnte,  da  ja 
eben  die  Wahl  eines  römischen  Königs  der  goldenen  Bulle  nicht 
entspräche,  daß  er  aber  durchaus  geneigt  war,  zur  Unterstützung 
der  Opposition  gegen  die  Wahl  weitgehende  internationale  Be- 
ziehungen, vor  allem  mit  England,  Frankreich  und  Dänemark,  an- 
zuknüpfen. 

Mit  nicht  sehr  wesentlichen  Aenderungen  ist  der  Entwurf  Jo- 
hann Friedrichs  der  Instruktion,  die  die  beiden  Gesandten  dann 
tatsächlich  erhielten,  zu  Grunde  gelegt  worden,  und  auch  in  dem 
Saalfelder  Bundesvertrage  vom  24.  Oktober^)  finden  wir  vielfach 
die  Vorschläge  Johann  Friedrichs  wieder.  So  war  es  zum  Teil 


1)  Nähen»  darüber  bei  Winckclmann. 

2)  Memorial  der  drei  Genannten  vom  2.  Oktober,  aus  Loc.  10071  ? 

3)  Isjc.  10671  , König  Ferdinand!  Wahl  betr.  1531“,  eigenh.  Entw.  Ixx-. 
106?2  , Schriften  . . Ausfertigung,  benutzt  von  Wi  nckelma  n n. 

4;  Bei  Stumpf,  Politische  Geschichte  Bayerns,  I,  Anhang,  No.  IV,  8.  16. 
Neudecker,  Merkwürdige  Aktenstücke,  8.  68  f. 

6* 


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84 


Kapitel  III. 


sein  eigenstes  Werk,  an  dem  weiter  zu  arbeiten  er  im  Frühjahr 
1.Ö32  Gelegenlieit  erhielt.  Liefen  doch  nicht  erst  seit  dem  Tode 
seines  Vaters,  sondern  schon  seit  dem  Mürz  1.Ö32  die  Fäden  der 
gesamten  sächsischen  Politik  in  seiner  Hand  zusammen.  Das.  was 
ihm  diese  hervorragende  Rolle  auf  der  politischen  Bühne  ver- 
schaffte, waren  die  schon  seit  dem  Frühjahr  des  Jahres  1.Ö.31  in 
Gang  befindlichen  Friedensverhandlungen  mit  dem  Kaiser.  — 

Karl  V.  hatte  sich  schon  sehr  bald,  nachdem  er  durch  die 
Vorgänge  in  Köln  in  den  schärfsten  Gegensatz  zu  Kursachsen  ge- 
raten war,  davon  überzeugen  müssen,  daß  die  allgemeine  Weltlage 
ihm  ein  gewaltsames  Vorgehen  gegen  die  Protestanten  vorläufig 
unmöglich  mache,  ja  daß  sogar  der  Abschluß  eines  Vergleiches 
mit  ihnen  erwünscht  sei.  Daher  ging  er  nicht  ungern  auf  den 
Vorschlag  der  Kurfürsten  von  Mainz  und  von  der  Pfalz  ein,  die 
Vermittelung  zu  übernehmen  ').  Ihrer  Aktion  ging  eine  zweite  der 
Grafen  Wilhelm  von  Nassau  und  Wilhelm  von  Neuenahr  j)arallel, 
die  wegen  der  nahen  Beziehungen,  in  denen  sie  zu  beiden  Parteien 
standen,  zur  Herstellung  des  Friedens  besonders  geeignet  schienen. 
Wenn  auch  ähnliche  Versuche,  die  sie  schon  im  Jahre  ITkIÜ  ge- 
macht hatten,  durch  Schuld  der  kaiserlichen  Politik  gescheitert 
waren,  so  ließen  sie  sich  doch  im  Sommer  1531  gern  bereit  finden, 
ihre  Bemühungen,  allerdings  nur  auf  Grund  einer  genauen  In- 
struktion-), zu  wiederholen.  Sie  sowohl  wie  die  beiden  Kurfürsten 
hatten  die  Aufgabe,  in  der  religiösen  Frage  und  in  der  Wahlange- 
legenheit einen  Ausgleich  herbeizuführen.  Vor  allem  auf  ilie  Ge- 
winnung Sachsens  und  Hessens  kam  es  an,  und  da  waren  die  Ver- 
mittler angewiesen,  ebensowohl  mit  dem  Kurprinzen  wie  mit  dem 
Kurfürsten  von  Saclusen  zu  verhandeln,  ein  Beweis  für  den  Einfluß, 
der  jenem  jetzt  schon  zugeschrieben  wurde.  Gleich  im  Beginn 
.sind  dann  auch  die  Verhandlungen  zum  Teil  durch  seine  Hand  ge- 
gangen. Anfang  Juni  hatte  er  eine  Zinsammenkunft  mit  den  beiden 
Kurfürsten  oder  ihren  Gesandten  •').  und  im  August  war  er  zugegen, 
als  die  beiden  Grafen  in  Weimar  dem  Kurfürsten  die  Anträge  des 
Kaisers  übermittelten,  ja  Johann  hat  ihm  die  Verhandlungen  zum  Teil 


1)  I.anz , Korresp.  I,  S.  429  ff.  444.  447. 

2)  Lanz,  ebenda  I,  S.  .010 — .OlC. 

3)  Ich  entnehme  da.s  au«  Rnrkhardt,  Landtagsakten,  I,  S.  247,  No.  4.00, 
vermag  aber  nicht«  Nähere»  darüber  zu  sagen. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnljcrgcr  Anstand.  g5 

ttberlasseu.  und  wir  können  annchmen,  daß  die  Antwort,  die  den 
(irafen  erteilt  wurde,  durchau.s  auch  seiner  Meinung  entsprach.  In 
seinem  Charakter  lag  es  ja  ebensowenig  wie  in  dem  seines  Vaters,  sich 
durch  jtersönliche  Zugeständnisse  gewinnen  zu  lassen,  und  die  Be- 
mühungen des  Kaisers  in  dieser  Hinsicht  konnten  um  so  weniger 
Erfolg  haben,  als  er  gerade  in  der  Frage  der  Heiratsbestätigung, 
an  der  Johann  Friedrich  am  meisten  gelegen  sein  mußte,  verlangte, 
daß  sein  Wohlwollen  erst  durch  ein  dauerndes  Wohlverhaltcn  Kur- 
sachsens gewonnen  werden  müsse.  Daß  der  Kurfürst  aufs  ent- 
schiedenste jede  Verbindung  mit  den  Wiedertäufern  ablehnte,  war 
gewiß  durchaus  im  Sinne  Johann  Friedrichs;  wenn  als  Bedingung 
des  Reichstagsbesuchs  freie  Predigt  und  Erlaubnis  des  Fleischessens 
an  Fasttagen  verlangt  wurde,  so  entsprach  das  ganz  den  Forde- 
rungen. die  Johann  Friedrich  schon  in  seinen  Briefen  von  l.ö2t>  ge- 
billigt hatte;  die  Erklärung,  daß  an  Gewährung  einer  Türkenhülfe  nur 
nach  vorheriger  Sicherung  des  inneren  Friedens  zu  denken  sei.  er- 
innert direkt  an  die  Aeußerungen  des  Kurprinzen  in  jener  Zeit,  und 
daß  er  an  irgend  welche  Nachgiebigkeit  in  der  Wahlfrage  nicht  dachte, 
ist  selbstverständlich  ')• 

So  war  es  gewiß  auch  dem  jungen  Herzog  mit  zu  danken, 
wenn  die  beiden  Grafen  völlig  unverrichteter  Sache  abreisen  mußten. 
Trotzdem  wurden  aber  die  Verhandlungen  nicht  aufgegeben.  Die 
Kurfürsten  von  Mainz  und  von  der  Pfalz  setzten  sie  fort,  fanden 
bei  den  Protestanten  aber  auch  weiterhin  ein  .sehr  geringes  Ent- 
gegenkommen. Als  am  1.  September  eine  Gesandtenkonferenz  in 
Schmalkalden  stattfand,  hatten  die  protestantischen  Vertreter  nur 
Vollmacht  zu  hören  und  zu  berichten-).  In  Sachsen  scheint  man 
aber  doch  für  möglich  gehalten  zu  haben,  daß  der  Kaiser  die 
sächsischen  Bedingungen  für  einen  Besuch  des  Reichstags  bewilligen 
werde,  denn  in  einem  Briefe,  den  Johann  Friedrich  am  29.  Sep- 
tember an  den  Grafen  von  Neuenahr  richtete  und  in  dem  er  sich 
über  den  Stand  der  Verhandlungen  mit  dem  Kaiser  erkundigte, 
wies  er  auf  gewisse  Warnungen  wegen  auf  dem  Reichstag  drohender 
(iefahren  hin  und  l>at  den  Grafen,  Nachforschungen  darüber  anzu- 

1) Bleidan,  fol.  125/26.  Neudecker,  Merkwürdige  Aktenstücke,  I, 
8-58—06.  Lanz,  Korr.,  I,  8.512 — 516,  .523— .528.  Winckelinann,  8.  138  ff. 
Eine  sächsische  Aufzeichnung  über  die  V'erhandlungen  in  Reg.  H.  p.  50,  No.  5, 
fol.  60 — 65. 

2)  Lanz,  Korr.,  I,  8.  530— .533. 


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86  Kapitel  III. 

Stellen ').  Dieser  antwortete  am  1.5.  Oktober,  daß  ihm  und  dem 
Grafen  von  Nassau  nichts  über  diese  angeblichen  Gefahren  bekannt 
sei,  daß  er  aber  aufpassen  werde,  in  der  Handlung  mit  dem  Kaiser 
sei  noch  nichts  wieder  geschehen,  der  Kaiser  hoffe  auf  den  Reichs- 
tag und  auf  die  Tätigkeit  der  beiden  Kurfürsten’).  Diese  setzten 
ihre  Bemühungen  tatsächlich  während  des  ganzen  Winters  fort, 
doch  brauchen  wir  hier  auf  sie  nicht  weiter  einzugehen,  da  .Johann 
Friedrich  dabei  in  keiner  Weise  hervortrat’).  Das  endliche  Resultat 
war,  daß  eine  Zusammenkunft  der  Evangelischen  mit  den  beiden 
Kurfürsten  für  den  ilO.  März  in  Schweinfurt  verabredet  wurde.  Dort 
sollte  ein  Versuch  gemacht  werden,  den  Frieden  zu  stände  zu 
bringen.  Und  da  nun  die  Gelegenheit  benutzt  wurde,  um  gleich- 
zeitig die  letzte  Hand  an  den  Ausbau  der  schmalkaldischen  Bundes- 
verfassung zu  legen,  da  ferner  von  Schweinfurt  aus  die  Verhand- 
lungen mit  den  bayrischen  Herzogen  über  den  Wahlbund  und  seine 
Erweiterung  eifrig  fortgesetzt  wurden,  so  trafen  hier  die  drei  großen 
politischen  Aktionen,  an  denen  Kursachsen  beteiligt  war,  an  einem 
Punkte  zusammen,  und  Johann  Friedrich,  der  seinen  Vater  bei  allen 
diesen  Verhandlungen  vertrat,  wurde  zu  einer  sehr  wichtigen  Persön- 
lichkeit. 

Allerdings  war  ihm  auch  jetzt  wieder  seine  Haltung  durch  eine 
ausführliche  Instruktion  genau  vorgeschrieben,  und  wir  wissen  nicht, 
ob  er  an  ihrer  Ausarbeitung  irgend  welchen  Anteil  gehabt  hat,  doch 
hatte  er  Vollmacht,  vorkoinmenden  I'uHs  mit  den  anderen  V’er- 
bündeten  zusammen  zu  bewilligen  und  abzulehnen,  soweit  es  ohne 
Beschwerung  der  Gewissen  geschehen  könne;  nur  wenn  er  sich 
entschließen  sollte,  zu  dem  Reichstag  zu  gehen,  den  der  Kaiser  in- 
zwischen nach  Regensburg  berufen  hatte,  sollte  er  es  vorher  dem 
Kurfürsten  melden  *).  Dort  war  Sachsen  zunächst  nur  durch  Ge- 
sandte vertreten,  auf  Wunsch  Johann  Friedrichs  wurden  sie  an- 
gewiesen, ihre  Befehle  von  ihm  zu  empfangen*).  Die  Einheitlich- 
keit der  sächsischen  Politik  sollte  dadurch  gesichert  werden.  Von 
welchen  Grundsätzen  diese  l)eherrscht  wurde,  das  zeigt  nun  eben 
die  Johann  Friedrich  mitgegebene  Instruktion,  und  sie  beweist  zu- 

1)  Eigenh.  Konz.  Reg.  H.  p.  50,  No.  5,  fol.  Ö9/D0.  Aktenst.  No.  23. 

2)  Hdbf.,  ebenda  fol.  91—93.  95. 

3)  Vergl.  Winckelmann,  S.  175  ff. 

4)  Vom  20.  März,  Loc.  10672  „Schwcinfurtische  Handelung“,  fol.  1 — 30,  Or. 

.5)  .loh.  Kriedrich  an  Johann,  April  1.  Reg.  II.  p.  63,  No.  16,  vol.  1, 

fol.  105  ff.  Antwort  Johanns  April  7,  ebenda  vol.  2,  fol.  29 — 31. 


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Johann  Friedridifi  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  gj 

gleich,  daß  die  Befürchtungen,  die  besonders  der  Landgraf  hegte, 
daß  Sachsen  sich  zu  nachgiebig  erweisen  würde,  unbegründet  waren. 
Der  Gedanke  lag  ja  allerdings  nahe,  dem  Kai.ser  in  der  Wahlfrage 
entgegenzukoinmen , um  dadurch  Zugeständnisse  auf  religiösem 
Gebiete  zu  erlangen;  den  vielleicht  nur  allzu  korrekten  und  ge- 
wissenhaften sächsischen  Politikern  lag  er  vollständig  fern.  Johann 
Friedrich  wurde  angewiesen,  jederzeit  die  Trennung  beider  Ver- 
handlungen zu  verlangen,  weil  ja  an  der  Opposition  gegen  die 
Wahl  auch  Bayern  beteiligt  sei,  und  er  hat  das  strikt  durchgeführt 
und  schließlich  auch  die  Vermittler  genötigt,  sich  seinen  W'ünschen 
zu  fügen. 

Da  wir  nun  die  Hauptpunkte  der  Verhandlungen  über  die 
Beilegung  des  religiösen  Streites  schon  anderweitig  behandelt  haben, 
sei  hier  zunächst  auf  die  Wahlangelegenheit  noch  etwas  ein- 
gegangen. Der  Kurprinz  hatte  auch  über  diesen  Punkt  sehr 
ausführliche  Anweisungen  erhalten.  Danach  sollte  er  zunächst  ver- 
langen, daß  der  König  sich  seiner  Würde,  da  er  sie  durch  unrecht- 
mäßige Wahl  erlangt  habe,  wieder  entkleiden  solle.  Wünsche  dann 
der  Kaiser  eine  Wahl,  so  solle  er  zunächst  die  in  der  goldenen 
Bulle  in  dieser  Beziehung  enthaltene  Lücke  ausfüllen,  indem  er 
mit  den  Reichsständen  Zusätze  zu  ihr  mache.  Sachsen  werde 
dabei  gern  mitwirken,  ja  es  wurde  sofort  ein  Entwurf  für  diese 
Erklärungsartikel ')  in  die  Instruktion  des  Prinzen  eingefügt. 
Ließe  sich  der  Kaiser  auf  die  Kassierung  der  Wahl  nicht  ein,  so 
sollte  ein  unparteiischer  Austrag  den  Streit  entscheiden.  Sei  auch 
das  nicht  zu  erreichen,  so  möchten  die  beiden  Kurfürsten  dem  von 
Sachsen  die  Erlaubnis  erwirken,  in  öffentlicher  Audienz  vor  ver- 
sammelten Ständen  die  Gründe  darzulegen,  weshalb  er  die  Wahl 
nicht  approbieren  könne.  Doch  war  man  schließlich  auch  bereit, 
einer  Bitte  des  Kaisers,  daß  man  ihm  zu  Ehren  und  um  des 
Friedens  willen,  da  cs  nun  einmal  so  weit  gekommen  sei,  die  Wahl 
approbieren  solle,  dann  nachzugeben,  wenn  die  übrigen  Mitver- 
wandten einverstanden  seien  und  wenn  jene  Erklärung  zur  goldenen 
Bulle  erginge.  Auch  diese  Approbation  sollte  aber  nicht  eigentlich 
eine  Anerkennung  der  Wahl  Ferdinands  sein,  sondern  man  wollte 
ihm  nur  als  Koadjutor  des  Kaisers  gehorsam  sein  und  ihm  nach 
dem  Tode  des  Kaisers  Pflicht  tun. 

1)  Bei  Goldast,  Politische  Reichshäudcl,  S.  144/145,  zu  finden  (bis:  in 
keinerlei  weise  brauche/. 


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88 


Kapitel  III. 


Johann  Friedrich  hat  nicht  allzu  viel  Gcleg;enheit  gehabt,  von 
diesen  Anweisungen  Gebrauch  zu  machen,  da  Bayern  sich  nicht 
zur  Teilnahme  an  dem  Schweinfurter  Tage  bereden  ließ  und  er  da- 
her nur  ganz  unverbindliche  V’erhandlungen  mit  den  Kurfürsten 
über  die  Wahlfrage  führen  konnte.  Auch  ein  Versuch  der  beiden 
Kurfürsten,  Sachsen  durch  Erfüllung  seiner  speziellen  Wünsche  in 
Bezug  auf  die  Lehnserteilung  und  die  Gründung  eines  Jahrmarktes 
in  Gotha  zu  gewinnen,  blieben  ohne  p]rfolg.  Denn  es  lag  Johann 
Friedrich  gänzlich  fern,  .sich  von  seinen  Verbündeten  zu  trennen. 
Wohl  aber  war  er  der  Meinung,  daß  in  der  Wahlfrage  nicht  durch 
den  Widerspruch  eines  einzelnen  Mitgliedes  des  Bundes  ein  Ver- 
gleich gehindert  werden  dürfe.  Er  geriet  darüber  mit  dem  Land- 
grafen, der  sich  einem  Majoritätsbeschlüsse  nicht  fügen  wollte,  in 
eine  erregte  Korrespondenz.  Im  ganzen  war  es  ein  zweckloser 
Streit,  da  der  darin  vorausgesetzte  Fall  gar  nicht  vorlag,  vielmehr 
sollte  erst  auf  einer  Zusammenkunft  der  Wahlgegner  in  Nürnberg 
über  das  weiter  zu  beobachtende  Verfahren  Beschluß  gefaßt  werden. 

Werfen  wir,  ehe  wir  auf  die.se  späteren  Vorgänge  eingehen,  noch 
einen  zusammen fas.senden  Blick  auf  die  Tätigkeit  Johann  Friedrichs 
in  Schweinfurt,  so  ist  zunächst  hervorzuheben,  daß  er  sich  mit  ent- 
schiedenem Eifer  an  den  schwierigen  Verhandlungen  beteiligt  hat, 
auch  in  den  Ausschüssen,  die  bei  verschiedenen  Gelegenheiten  ge- 
wählt wurden,  arbeitete  er  mit.  Seine  Stimmung  war  anfangs  wenig 
hoffnungsvoll.  „Wir  haben  wenig  trostes,  das  ichtwas  fruchtbars  allhie 
gehandelt  wirdet  werden“,  schreibt  er  am  1.  April  •).  Mitte  des  Monats 
besserten  sich  die  Aussichten  *).  aber  am  24.  gebrauchte  er  wieder 
fast  dieselben  Worte ").  Mit  dem  schließlichen  Ausgang  der  Ver- 
handlungen war  er  nicht  unzufrieden  ').  Denn  wenn  man  auch 
nicht  zu  einem  Abschluß  kam,  so  war  doch  Hoffnung,  daß  auf  dem 
neuen  Tage,  der  in  Nürnberg  stattfinden  sollte,  die  Kurfürsten  mit 
weitergehenden  Instruktionen  Karls  versehen  sein  würden. 

Nur  wenig  läßt  sich  über  die  Teilnahme  Johann  Friedrichs  an 
den  Verhandlungen,  die  in  Schweinfurt  über  die  Organisation  des 
schmalkaldischen  Bundes  geführt  wurden,  sagen.  Daß  die  „Verfassung 

1)  An  .Tohaun.  Reg.  H.  p.  63,  No.  16,  vol.  1,  fol.  105  ff. 

2)  Instruktion  für  Minckwitz  vom  19.  Reg.  A.  JSo.  247. 

3)  An  Johann.  Reg.  H.  ebenda  vol.  3,  fol.  31—36. 

4)  An  Neuenahr,  Mai  4.  Cornelius,  X.,  8.  137 f.  An  .Tohaun,  Mai  7. 
Iteg.  H.  ebenda  fol.  1Ü9.  Aktenst.  No.  24. 


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Johann  Friedrichs  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  89 

zur  Gegenwehr“  hier  endlich  zum  Abschluß  kam,  wird  ihn  sicher 
gefreut  haben,  und  auch  seine  Wahl  zum  Ilauptmann  nebeu  Philipp 
von  Hessen  war  bei  seinen  militärischen  Neigungen  gewiß  nach 
seinem  Geschmack '). 

Die  Zwischenzeit  bis  zur  Wiederaufnahme  der  Friedensver- 
handlungen benutzte  der  Kurprinz  zu  einer  Reise  nach  Torgau  und 
Wittenberg  und  zu  den  schon  behandelten  Reratungen  mit  den 
Theologen.  Außerdem  wurden  aber  in  die.ser  Zeit  mit  den  Mit- 
gliedern des  Wahlbundes  eifrige  Konferenzen  gepflogen.  Aus  der 
geplanten  Zusammenkunft  .lohann  Friedrichs,  des  Landgrafen  und 
der  Herzoge  von  Ravern  oder  ihrer  Gesandten  in  Nürnberg  wurde 
nichts,  diigegen  versammelten  sich  die  V'ertreter  der  drei  Fürsten 
am  8.  Mai  zu  Königsberg  in  Franken.  Sachsen  wurde  durch  Rrück 
und  Minckwitz  vertreten.  Die  Verhandlungen  ergaben  für  die  Or- 
ganisation des  Rundes  wichtige  Resultate,  man  sprach  über  die  Re- 
ziehungen  zu  Johann  Zapolya  und  zu  Frankreich  und  entwarf  eine 
„Verfassung  zur  Gegenwehr“,  von  den  Friedensverhandlungcn  wurde 
gar  nicht  gesprochen  ®).  Am  wichtigsten  war  von  allen  diesen  An- 
gelegenheiten zunächst  die  Verhandlung  mit  Frankreich.  Minckwitz 
und  Rrück  hatten  dafür  aber  keine  Vollmacht,  und  so  mußte  der 
Abschluß  auf  eine  neue  Zusammenkunft  in  München  verschoben 
werden.  Hans  von  Minckwitz  reiste  dorthin,  während  Rrück  sich 
nach  Torgau  begab.  Von  dort  wurde  Minckwitz  dann  eine  In- 
struktion nachgesandt,  an  der  nach  Rrücks  Zeugnis  Johann  Fried- 
rich mitgearbeitet  hat*).  Interessant  au  ihr  ist.  daß  man  Vor- 
kehrungen treffen  zu  müssen  glaubte,  um  nicht  durch  den  Rund 
mit  Frankreich  in  dessen  egoistische  Restrebungen  verwickelt  oder 
gar  in  einen  Angriffskrieg  getrieben  zu  werden.  Ferner  tritt  das 
sächsische  Verlangen  nach  einer  Weiterführung  der  Friedens- 


1)  Vergl.  P.  C.  II,  S.  134.  136 ff.  Winckelmana,  S.  210f.  Reg.  H.  No.  16, 
vol.  3,  fol.  104—108. 

2)  Instruktion  für  Minckwitz  und  Brück,  Loo.  10672  „Handlung  und  Ab- 
schied zu  Königsberg“.  Protokoll  über  die  Verhandlungen  l>ei  Stumpf,  Ur- 
kundenb.  No.  V,  S.  20—28.  Bericht  von  Minckwitz  und  Brück  an  Joh.  Friedrich 
vom  11.  Mai,  im  Loc.  10672  a.  a.  O. 

3)  Brück  an  Minckwitz,  Mai  18.  lieg.  H.  p.  65,  No.  17,  vol.  1,  fol.  5.  Die 
Instruktion  in  Die.  10672  „Handlung  und  Abschied“  ür.  Das  von  Winckel- 
mann  Anm.  433  erwähnte  Exemplar  von  Johann  Friedrichs  Hand  habe  ich 
nicht  auffinden  können. 


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90 


Kapitel  III. 


Verhandlungen  in  der  Wahlsache  wieder  entschieden  hervor.  Der 
Gesandte  sollte  dahin  wirken,  daß  man  einen  definitiven  Entschluß 
fasse,  „worauf  man  entlieh  der  königlichen  walsachen  halben  gedenke 
ungeverlich  zu  verharren  oder  was  mittelung  man  darinnen  leiden 
mug  und  wolle“. 

Wie  weit  Minckwitz  diese  Aufträge  erfüllt  hat,  wissen  wir  nicht, 
da  uns  über  die  Verhandlungen,  die  vom  26.  Mai  au  im  Kloster 
Scheiern  bei  München  geführt  wurden,  nichts  Näheres  bekannt  ist. 
Es  kam  besonders  am  28.  und  29.,  sowohl  unter  den  deutschen 
Bevollmächtigten,  wie  zwischen  ihnen  und  dem  französischen  Ge- 
sandten Dubellay  zu  recht  erregten  Debatten  ').  Schließlich  einigten 
sich  doch  am  31.  Mai“)  die  Wahlbundfürsten  mit  Frankreich  zu 
einem  Bunde  zur  „Verteidigung  und  Erhaltung  deutscher  Freiheit“. 
Da  die  Wahlangelcgenheit  dabei  gar  nicht  erwähnt  wurde,  können 
wir  uns  kaum  denken,  daß  Sachsen  so  recht  mit  diesem  Vertrage 
einverstanden  gewesen  sei,  der  doch  zu  gefährlichen  Konsequenzen 
führen  konnte. 

Johann  Friedrich  erhielt  den  Bericht  Minckwitz’  schon  in  Nürn- 
berg, wo  er  am  3.  Juni  zur  Wiederaufnahme  der  Friedeusverhand- 
lungen  eingetroffen  war.  Die  wichtigste  Seite  dieser  Verhandlungen, 
die  religiöse,  haben  wir  schon  behandelt.  Die  Wahlangelegenheit 
wurde  überhaupt  kaum  weitergeführt,  da  Bayern  wieder  nicht  ver- 
treten war,  doch  war  es  ein  entschiedener  Erfolg  der  sächsischen 
Politik,  daß  der  Kaiser  sich  jetzt  entschloß,  in  die  völlige  Trennung 
dieser  Frage  von  der  Verhandlung  über  den  Religionsfrieden  zu 
willigen.  An  der  Erweiterung  des  Wahlbundes  wurde  noch  gear- 
beitet, doch  fanden  ilic  von  Sachsen  unterstützten  Bitten  des  Herzogs 
Albrecht  von  Preußen  um  Aufnahme  in  den  Bund  bei  den  Ilerzögeu 
von  Bayern  keine  Sympathie^).  Mit  deren  und  des  Landgrafen 
von  Hessen  Bestrebungen,  mit  Johann  Zapolya  zu  einem  Abschluß 
zu  gelangen,  stand  dagegen  wieder  die  Neigung  Johann  Friedrichs 
zur  Beteiligung  am  Türkenkriege  in  einem  eigentümlichen  Wider- 
spruch. Er  war  der  Meinung,  daß  die  Protestanten,  wenn  es  zum  Frieden 

D Nach  Minckwitz’  Bericht  vom  30.  Mai,  lax;.  10072  „Handlung  und 
Abschied“. 

2)  Freitag  nach  Cor]X)ri.s  Christi,  nach  einer  Abschrift  des  Vertrages,  ebd. 

3)  Joh.  Friedr.  an  die  Herzoge  von  Bayern  Juni  17,  Keg.  H.  p.  65,  No.  17, 
vol.  1,  fol.  113  f.  Kopie,  an  Johann  Juni  14,  ebd.  fol.  90—94  Or.  Die  Herzoge 
von  Bayern  an  Joh.  Friedr.  Juni  21,  ebd.  vol.  2,  fol.  407  Kopie,  und  öfter. 


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Johann  Friedrich»  politische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  <)1 

mit  dem  Kaiser  käme,  die  Türkenhülfe  billigerweise  nicht  mehr 
ablehnen  könnten,  ja  er  empfahl  schon  vor  dem  Frieden  die  nötigen 
Vorbereitungen  dafür  zu  treffen,  sandte  ausführliche  Gutachten 
über  die  zu  ergreifenden  Maßregeln  an  den  Kurfürsten,  .schickte 
Albrecht  von  Belzig  in  die  Donauländer,  damit  er  sich  über  die 
Lage  dort  unterrichte,  und  beschäftigte  sich  auch  selbst  mit  den 
Werbungen  ’)•  Sehr  politisch  war  dieser  Eifer  wohl  nicht,  da  den 
Gegnern  ja  gerade  an  der  Unterstützung  der  Protestanten  im 
Türkenkriege  sehr  viel  gelegen  war*)  und  man  daher  durch  größere 
Zurückhaltung  auf  diesem  Gebiete  noch  manches  Zugeständnis  hätte 
von  ihnen  erreichen  können. 

Johann  Friedrichs  Verhalten  dabei  ist  wohl  auch  dadurch  beein- 
flußt worden,  daß  ihm  die  Hoffnung  vorschwebte,  selbst  im  Türken- 
kriege eine  Rolle  spielen  zu  können,  er  rechnete  auf  eine  Befehl.s- 
haberstelle  und  war  etwas  gekränkt,  als  man  sie  ihm  kai.serlicherseits 
nicht  anbot®).  Vielleicht  waren  dies  die  „anderen  Sachen'*,  die  den 
hessischen  Kanzler  Feige  veranlaßten,  an  der  Uneigennützigkeit  der 
.sächsi.schen  Politik  zu  zweifeln  ').  Mit  mehr  Recht  konnte  der  Vorwurf, 
daß  er  sich  durch  Fragen  beeinflussen  ließe,  die  zu  den  vorliegenden 
Verhandlungsgegenständen  nur  in  indirekter  Beziehung  standen,  doch 
Philipp  von  Hessen  gemacht  werden,  .lohann  Friedrich  und  Brück 
waren  sich  keinen  Augenblick  darüber  im  Zweifel,  daß  Hessens  Wider- 
stand gegen  den  Frieden  sofort  bedeutend  abnehmen  würde,  wenn 
die  württembcrgische  und  die  nassauische  Sache  beigelegt  wären  ®), 

1)  Fa»t  in  allen  Briefen  Johann  Friedrichs  an  .fobann  im  Juni  und  Juli  ist 
auch  TOD  den  Türken  die  Rede.  Vergl.  außerdem  Instruktion  lür  Belzig  vom 
19.  Juni,  Reg.  H.  p.  ö5,  No.  17,  vol.  2,  fol.  29 — 31.  Instruktion  für  Minckwitz 
an  Joh.  vom  2(1.  Juni,  ebd.  fol.  57 — 66. 

2|  Vergl.  etwa  Ficker,  S.  604  f.  618,  Lanz,  Korresp.,  I,  S.  679 — 681. 

3)  Johann  Friedr.  an  Neuenahr  Juli  28,  Cornelius,  X,  S.  151.  V'ergl.  auch 
Rommel,  I,  H.  313. 

4)  Wille,  S.'Bl  f.  Die  Bemühungen  des  Kardinal»  von  Trient,  Johann 
Frietirich  zu  gewinnen  (Förstemann,  U.  II,  S.  125  ff.),  kamen  natürlich  schon 
zu  spät. 

5)  Vergl.  außer  Wille,  S.  71  f.,  den  Brief  Brücks  an  Johann,  April  9, 
Schweinfurt:  Ich  glaub,  het  die  Nassischc  und  Wirtembergischc  Sache  ein  andere 
gestalt,  so  wurde  alsdan  der  andern  hcndel  hallter  nimandes  milter  sein  den  mein 
her  landgraff  (Reg.  H.  p.  63,  No.  16,  voL  2,  fol.  .54,  Hdbf.).  Joh.  Friedr.  an 
.loh.,  Juli  9,  Nürnberg:  Ich  glaube  aber,  wan  die  Nassisch  sach  in  solchen 
triden  mit  eingezogen,  wurde  die  handlutig  nit  beschwerlich  bei  s.  I.  sein.  (Reg.  H. 
p.  S).  No.  17,  vol.  3,  fol.  58 — 60,  Or.)  Aktenst.  No.  27. 


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92 


Kapitel  III. 


und  eben  diese  ihre  Auffassung  der  hessischen  Politik  erklärt  es, 
daß  die  hessischen  Zweifel  an  ihrer  Bundestreue,  die  Vorwürfe  in 
den  Briefen  Philipps  und  die  Schwierigkeiten,  die  des.sen  Räte 
ihnen  bei  den  Verhandlungen  machten,  sie  so  sehr  erbitterten. 
Ihnen  galt  der  Landgraf  nicht  ganz  mit  Unrecht  als  (iegner 
jedes  Friedens,  und  infolgedessen  verloren  die  Bedenken,  die  er  im 
einzelnen  erhob,  etwas  an  ihrer  Wirkung. 

Es  ist  bekannt,  daß  dieser  Gegensatz  im  Sommer  des  Jahres  l.'>32 
zu  einer  sehr  scharfen  Korrespondenz  zwischen  Philipp  uud  Johann 
Anlaß  gegeben  hat ').  Ein  Briefwechsel  zwischen  dem  Landgrafen  und 
Johann  Friedrich  ist  ihr  zur  Seite  gegangen.  f]r  beginnt  im  März  mit 
Bemühungen  Philipps,  den  Herzog  von  dem  Besuche  des  Schwein- 
furter Tages  zurückzuhalten,  sein  Kanzler  Feige  erhielt  am  25.  März 
eine  sehr  merkwürdige  Instruktion,  in  der  er  unter  anderem  Johann 
Friedrich  sogar  auf  die  römische  Königs  würde  Aussicht  machen  sollte*). 
Dieser  Versuch  scheint  aber  auf  den  Kurprinzen  ziemlich  wirkungslos 
geblieben  zu  sein*),  ln  Schweinfurt  waren  es  dann  besonders  die 
hessi.schen  Räte,  die  der  sächsischen  Politik  Schwierigkeiten  machten, 
doch  ging  auch  ein  Briefwechsel  zwischen  Philipp  und  Johann 
Friedrich  Ober  die  Gültigkeit  von  Majoritätsbeschlüssen  in  der 
Wahlsache  nebenher.  Aus  einer  im  Mai  geplanten  Zusammenkunft 
beider  Fürsten  wurde  nichts,  was  im  Interesse  der  Einigkeit  wohl 
auch  ganz  gut  war,  und  im  Sommer  wurde  Johann  Friedrich  dann 
bald  in  den  Briefwechsel  seines  Vaters  mit  dem  Landgrafen  mit- 
hineingezogen. Wir  finden,  daß  Johann  von  .seinem  Sohne  und  den 
Räten  in  Nürnberg  die  Anwort  auf  ein  Schreiben  des  Landgrafen 
entwerfen  läßt,  das  nach  Johann  Friedrichs  Ausdruck  „etzlicher  viel 
unbequemen  wort*  enthielt*).  Von  Ende  Juli  an  i.st  dann  die  Kor- 
respondenz von  Johann  Friedrich  selbst  übernommen  worden.  Aus- 
führlich suchte  er  am  2tb  Juli  die  Haltung  Sachsens  zu  rechtfertigen. 
Die  Antwort  war  ein  sehr  charakteristisches,  aber  auch  sehr  grobes 
Schreiben  des  Landgrafen*).  Johann  Friedrich  glaubte,  die  darin 

1)  Seckendorf,  III,  S.  22  f. 

2)  Instruktion  für  Feige  März.  25,  Eeg.  II.  p.  63,  No.  16,  vol.  1. 

3)  Instruktion  Job.  Friedrichs  für  Annrk  von  Wildenfels  vom  5.  April,  ebd. 
vol.  2,  fol.  11 — 18,  Konz,  von  Brücks  Uand. 

4)  An  Johann  Juni  14,  Keg.  H.  p.  65,  No.  17,  vol.  1,  fol.  90.  94,  Or. 

5)  Beide  Briefe  in  Kopien  in  Keg.  H.  p.  70,  No.  19.  Vergl.  Seckendorf 
a.  a.  O.  Als  ungeschickt,  unfreundlich,  zornig  und  unglimpflich  bezeichnet 
Johann  Friedrich  den  Brief  Philipps.  An  Johann,  .\ug.  ä. 


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Johann  Friedrichs  ]X>Iitische  Tätigkeit  bis  zum  Nürnberger  Anstand.  93 


enthaltenen  Beleidigungen  nicht  unerwidert  lassen  zu  dürfen,  aber 
er  war  sich  auch  darüber  klar,  daß  eine  Fortsetzung  der  Korre.si>on- 
denz  nur  zu  unertiuicklichen  Weiterungen  führen  könne,  und  schlug 
daher  schon  am  5.  August  seinem  Vater  vor,  den  Streit  durch  die 
beiderseitigen  Räte  beilegen  zu  lassen  ‘).  Die  Ausführung  die,ses 
Gedankens  ist  eine  der  ersten  Aktionen  Johann  Friedrichs  nach 
seinem  Regierungsantritt  gewesen,  und  wir  werden  später  darauf 
zurückzukommen  haben. 


Unsere  Darstellung  hat  schwerlich  ein  vollständiges  Bild  von 
der  Tätigkeit  Johann  Friedrichs  vor  seinem  Regierungsantritt  ge- 
geben, nicht  über  alle  Fragen,  die  aufgeworfen  werden  könnten, 
gibt  das  vorhandene  Jlaterial  uns  Auskunft,  aber  sie  wird  doch 
das  Eine  gezeigt  haben,  daß  der  Herzog  am  16.  August  1.Ö32  den 
sächsischen  Kurstuhl  in  jeder  Beziehung  gut  vorbereitet  bestieg. 
Er  be.saß  Verständnis  und  Interesse  für  die  geistigen  Bestrebungen 
seiner  Zeit,  er  hatte  in  der  IIauj)tfrage,  die  die  Gemüter  bewegte, 
der  religiösen,  eine  bestimmte  Ansicht  und  Stellung  gewonnen,  ohne 
doch  vollständig  auf  seine  Selbständigkeit  gegenüber  den  Meinungen 
der  Theologen  zu  verzichten,  er  hatte  sich  auf  dem  Gebiete  der 
Politik  eine  vielseitige  Erhihrung,  eindringende  Kenntnis  aller 
Hauptfragen  und  eine  umfangreiche  Personenkenntnis  erworben. 

Unmittelbar  nach  dem  Tode  Johanns  des  Beständigen  soll 
Luther  ein  merkwürdiges  Urteil  über  den  neuen  Kurfürsten  ausge- 
sprochen haben : „Mit  Herzog  E'riedrich  ist  die  Weisheit,  mit  Herzog 
Johannsen  die  Frömmigkeit  gestorben,  und  nun  hinfort  wird  der 
Adel  regieren,  so  Weisheit  und  ETömmigkeit  hinweg  ist.“  Der 
junge  Herr  habe  einen  eigenen  Sinn  und  gebe  nicht  viel  auf  die 
Schreibfedern.  Er  habe  zwar  Klugheit  genug,  aber  durch  seinen 
F.igensinn  und  den  Einfluß  des  Adels  werde  ein  gefährliches 
Gegengewicht  gegen  sie  gebildet  werden*).  Fragen  wir  uns,  wie 
weit  unsere  bisherigen  Untersuchungen  dieses  Urteil  des  ja  sicher 
gut  unterrichteten  Luther  bestätigen,  so  ist  es  gewiß  unleugbar, 
daß  Johann  Friedrich  nicht  die  seinem  Onkel  eigentümliche  Art 
weiser  Bedächtigkeit  besaß,  mehr  werden  wir  uns  darüber  ver- 
wundern, daß  Luther  ihm  auch  die  Frömmigkeit  absi)richt.  Wir 

1)  Reg.  H.,  p.  63  No.  16,  vol.  4,  fol.  125-26. 

2)  Mt.  Tom.  V,  S.  1010. 


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i)4 


Kapitel  III. 


werden  vielleicht  vermuten  dürfen,  daß  in  diesem  Urteil  das  auf 
den  bisherigen  Erfahrungen  beruhende  Gefühl  Luthers  zum  Aus- 
druck kam,  daß  der  Einfluß  der  Theologen  unter  dem  neuen  Kur- 
fürsten geringer  sein  werde  als  bisher.  Die  Meinung  Luthers,  daß 
der  Adel  auf  Johann  Friedrich  einen  allzu  großen  Einfluß  habe, 
scheint  auch  Johann  der  Beständige  geteilt  zu  haben,  wenn  er  in 
seinem  Testament  vom  2ö.  August  1529  seinen  Sohn  davor  warnte, 
sich  nicht  von  „teuflischen  Räten“  verführen  zu  lassen  *).  Fragen 
wir  nach  ihrer  Berechtigung,  so  ist  zunächst  merkwürdig,  daß 
Johann  P’riedrich  in  bezug  auf  seinen  Vater  gelegentlich  ganz  ähn- 
liche Meinungen  aussprach*),  wie  er  ja  überhaupt  oft  mit  dem 
„alten  Regiment“  nicht  zufrieden  war,  es  ging  ihm  da  alles  zu 
langsam,  und  diese  Bedächtigkeit  erregte  seine  damals  durchaus 
noch  nicht  schwerfällige,  sondern  eher  etwas  stürmische  und  un- 
geduldige Natur.  Daß  er  zu  einigen  der  adeligen  Räte  seines 
Vaters,  zu  Hans  von  Miuckwitz,  Hans  von  Dölzig,  vielleicht  auch 
Anark  von  Wildenfels  in  besonders  vertrauten  Beziehungen  stand, 
hatten  wir  Gelegenheit  zu  beobachten,  doch  läßt  sich  nichts  davon 
bemerken,  daß  er  sich  in  einer  gefährlichen  Abhängigkeit  von  ihnen 
befunden  hätte.  So  wird  erst  die  Geschichte  der  eigenen  Re- 
gierung des  Kurfürsten  uns  darüber  aufklären  können,  inwieweit 
jenes  Urteil  Luthers  zu  recht  bestand.  Um  aber  nicht  mit  einem 
so  trüben  Ausblick  in  die  Zukunft  zu  schließen,  dürfen  wir  dem 
Urteil  Luthers  vielleicht  das  eines  anderen  guten  Kenners  des 
jungen  Herzogs,  des  Grafen  Wilhelm  von  Neuenahr,  entgegenstellen, 
der  dem  Prinzen  am  ß.  Juni  1.Ö32  schrieb,  er  möge  auf  seinen 
christlichen  und  alten  deut.schen  ehrbaren  und  Ehre  bringenden 
Wegen  bleiben.  „Dan  wir  haben  leider  keinen  minschen,  den  wir 
für  einen  vatter  des  duisschen  vatterlandz  in  gotlichen  und  mins- 
lichen  .Sachen  achten  mögen  dan  allein  u.  f.  g.  heren  vatter  und 
u.  f.  g.“  *). 

1)  Reg.  D.  141. 

2)  Job.  Friedr.  an  Brück,  1.129  März  20,  Loc.  10071  „Schreiben  und  Be- 
denken“, fol.  28,  cingeh.  Konz. 

3}  Cornelius,  X,  S.  141. 


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Aktenstücke. 

1.  Verzeichnus  m.  gn.  jungen  hern  hz.  Hansen  Friderichs  kleinoten 
kleidern  und  andern  im  abscbied  magister  Alexus  Colditzs  ver- 
banden gewest.  [1519  Michaelis.] 

Reg.  D.  No.  I48.  Benutzt:  S.  9 und  S9. 

Zunächst  irerdcn  allerhand  Kleinodien  anfgexähll , darunter 
ein  silbern  marienbild  an  ein  patcrnoster  ze  bengen,  ein  klein  pater- 
noster,  daran  sein  fünf  ubergulte  kerner  und  fünf  carnioll  mit 
einem  routen  teffelin,  daran  der  engeliscbe  grues,  ...  ein  vergult 
sand  Annen  zcicben.  Von  der  übrigen  Habe  sind  vielleicht  be- 
merkenswert: Ein  klein  vergult  verdeckt  kepflin  uf  der  decke  ein 
eicbel,  daraus  m.  gn.  junger  ber  teglich  pflegt  zu  trinken,  2 degen, 
drei  fuerscbwert,  X webir  korzs  und  lang,  darunter  sechs  mit 
silbern  ortpendern,  ein  pirscbstaell  mit  der  winde. 

Den  Schluß  bilden  meines  gnen.  jungen  bern  bucber  lateinische 
und  deutzsche. 

Lateinische  bucber. 

Biblia,  Terencius  gross,  Terencius  klain  ‘),  institucio  christiani 
principis  Erasmi  Roterodami  ‘^),  epistolae  Libanii  praeceptoris  divi 
Cbrysostomi  *),  postilla  evangeliorum  ^),  institucio  Aldi  ®),  grammatica 
Brassicani  *),  tirocinium  optimi  principis,  bat  m.gn.  junger  ber  mit 
aigener  band  geschriben,  rudimenta  graecanica  et  parasinthcta,  hat 
m.  gn.  junger  her  auch  mit  seiner  gnaden  selbst  band  geschriben. 
praecepta  grammatica  lateinisch  und  grekiscb  von  magistro  Alexio 
Crosnero  Coldicio  gemacht,  elementa  principis,  vocabularius,  cursus 
rhoinanae  curie  0.  bortulus  anime "),  cursus  Sancti  Bonaventurae "), 
passio  doniiui  nostri  Jesu  Cbri.sti  cum  tiguris*),  acta  doctoris  Martini 
Luter  apud  Augsjjurgium  '®). 


1)  Die  Aufgaben  trerdtn  «ich  danach  kaum  beeihnmen  iofaen, 

2)  Ememu« , Injtiüutio  honi  jtrineipi«,  Ba«ci  1518. 

3)  Gekauft  yUchaeli«  1518,  Reg.  Bb.  4t5S.  Hain,  Rep.  No.  10060. 

4)  Vielleicht  Hain,  No.  1S806,  Pari«  1500, 

5)  AlduJt  Manutiu«,  Instiluthnum  grammaticarum  libri  quatuor.  1516,  J.  Müller, 
8.  S57. 

6)  Joh.  BrasHcanuSylnetitutionc«  grammatieae  1508  und  öfter,  Jöcher,  I,  S,  284t. 
J.  3fÜller,  S.  269  f. 

1)  Vielleicht  ein  liturgUche«  Werk. 

8)  In  «o  vielen  Ausgalten  vorhanden,  daß  eine  nähere  Bestimmung  nicht 
««Bglich  ist. 

9)  Vielleicht  **  Cursus  de  passione  dcanini.  Vgl.  Oudin,  eomm.  de  script.  eccl. 
III,  887. 

10)  W.  A.  II,  8.  1 ff. 


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96 


No.  1-2:  1519  Dez.  24. 


Summa  X\'IIII  lateini.sclie  buclier.  Unter  disen  buchern  sollen 
ir  noch  drei  gebunden  werden,  die  werden  gesteen  XVIII  gr. 

Deutzsche  bucher. 

Der  fürsten  regel  mit  braunem  sammet  ubirzogen  und  mit 
silbern  clausuren  ’),  zwue  deutzsche  passion  mit;  figuren,  ain  deutzsch 
passion  mit  figuren  *),  legenden  der  lieben  hailigen  winter  und 
Sommer  tail,  sein  zwai  bucher*),  plenarium  des  evangelii  und  des 
ambts  der  hailigen  messe  *).  siben  bussitsalm  doctoris  Martini  Lother 
zu  Wittenberg  ^),  ausleguug  des  psalms  dixit  dominus  doniino  meo 
doctoris  Martini®),  ain  sermon  der  betrachtung  des  leidens  Christi 
in  XV  artickel  gctailt  doctoris  Martini“),  Verantwortung  etzlicher 
artickel  doctoris  Martini  augustiners  ’),  ain  sermon  doctoris  Martini 
von  dem  hochwirdigen  hailigen  sacrament  und  der  betrachtung  des 
leidens  Christi’'),  Livius  der  romer  geschichtschreiber“),  Vegecius 
von  kriegsnbung “’),  Parcifall,  der  hehlen  buch*').  Türkisch  chro- 
nica '-’),  ain  fechtbuchlcin  *“),  Terencius  deutzsch  gross  “). 

Summa  XNTII  deutzsche  bucher. 

2.  Hrrxofi  •Johann  an  IIcrxo(i  JoJiann  Friedrirh.  IltunmeMiuin 

löUt  Dexentbm'  24.  l'Jrnmhnnny  xum  hrithjen  Sahrament  xn 

(jehrn  *®). 

Hdbf.  Heg.  No,  806.  Benutzt:  Ä S9  /. 

Freuntlicher  lieber  son.  wir  liaben  Dir  geschrieben,  das  Du 
auf  morgen  zeu  dem  hochwyrdigen  und  heyligen  sacrament  wollest 
geheen,  dan  Du  west,  das  Du  es  ein  gutte  zeeit  alher  gethan  hast 
und  so  Du  nuhe  verstendiger  und  elder  wyrdest,  wyltu  es  nuhe 
underwhegeu  lassen,  das  yst  got  zeu  rilche  [rückeV]  gelebct.  Er 
Veil")  meint  auch.  Du  sollest  kegen  got  einnen  gutten  wyllen 
haben  und  Dyr  du  sonde  lassen  leydt  sein  und  zeu  dem  heiiigen 
sacrament  geheen.  who  aber  nit.  das  Du  doch  des  begerest,  dan 
keyner  under  uns  armen  menschen  auf  (besser  werdlt  wyrdt  numm- 

1)  Hahr  ich  noch  nicht  identißzicren  können. 

2)  In  tu  vielen  Au*ifahen  uerhnntlen , daß  eine  nähere  Bestimmung  nicht 
möglich  ist. 

Weller,  Xo,  1070,  Das  Plrnnrinm  oder  Evangrlibueh  . . . Base!  1517. 

4)  Dummer,  So,  i.  ^ S9.  W.  A.  I.  S.  154  ff. 

5)  Kbenda  So.  40-  H’.  A.  I,  S.  €87  ß'. 

(i)  Kheitdn  Xo.  61 — 65.  H*.  -I.  II,  S.  131  ß\ 

T)  Vielleicht  „Dr.  Martin  Luthers  f'ntcmcht  auf  etl ich  Artikel“.  IT.  A.  II,  S.  66  ff'. 

8)  Wohl  = Do  m mer , Xo.  15  - 17:  ein  gute  tntstliche  predig  u,  s.  w.  ]r.  .1. 1,  SS5  ff. 

9)  Mainz  1514. 

10)  De  re  TOi7i7<ir»,  sonst  unter  dem  Titel:  „von  der  RitUrschafl“  übersetzt, 
Hain,  Xo,  15916. 

11)  Vgl.  Goedeke,  Grundriß  P S.  f73  ff\ 

13)  Die  Turckisch  ('hrtniica,  Htmßhnrg  1.^16,  Weller,  Xo,  991. 

13)  Dies  Buch  vermag  ich  nicht  näher  zu  hesfimmen. 

14)  Vielleicht  ^ Hain,  Xo.  I.'i434  von  1499,  ßd. 

I.*i)  Ich  gehe  dies  Schreil»en  und  dtts  folgende  ohne  Veränderung  der  drtlutgraphie. 

10)  Krste  Erirähnung  Veit  Warhreks  am  Hofe  Johatms. 


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No.  3—4:  1520  De*.  21  — 1525  Mär*  24. 


97 


her  so  wol  geschieht  da.s  heylige  sacrament  wyrdiglichen  zeu  em- 
pfahen,  werd  auch  sicli  solches  dünchen  lest,  freuhet  [<nlcr  treuchet? 
= trüget]  sich  selber,  das  wyl  ich  Dyr  als  der  vater  dem  son 
gutter  und  getreuher  maynung  angetzeiget  haben.  Meint  halben 
soltu  nit  im  dem  heyligen  sacrament  gehen,  wan  Du  es  nit  thuen 
wyldt  in  gotlicher  liebe,  so  yst  es  besser  lass  underwegen.  Welches 
ich  Dyr  freundlicher  maynung  nit  habe  wollen  verhalten.  Dyr  zeu 
dienen,  bin  ich  geneit  und  bitt  got  vor  mich,  das  wyll  ich  auch 
thun.  Geben  zeu  Hümmels  am  crist  abend  XV«  und  ym  XV'IIII. 

3.  IIx.  Johann  Friedrich  an  Sjmlatin.  Coburg  1520  Dexember  21. 

Hdbf,  ohne  Unterschriilf  Goih,  Bibi.  Cod,  ehart.  A.  S78,  fol.  t,  BenuUt: 

’s.  Sl. 

Hans  Fridrich  herzog  zu  Sachssen. 

Meyn  grus  und  genedigen  willen  beuuor  lieber  magister.  Ich 
hab  Ewer  schreyben  ubirlessen  und  gar  genediglichen  versthanden, 
bedanck  mich  auch  gar  genedigklichen  des  buchleyns,  das  Ir  mir 
hat  zu  geschyeben.  Nem  auch  das  selbige  mit  sampt  dem  andern 
gar  genetliglichen  an  mit  erbietiing,  das  selb  gar  genediglichen 
zuekennen.  Ich  hab  dem  hochgebornen  fürsten,  meynem  genedigen 
hern  und  vater  angezceygt,  wie  Ir  seynen  genaden  der  buchleyn 
exemplar  gerden ')  het  zcugeseh3gt  Ever  erbiettung  weitter  etc. 
Das  hat  seyn  genad  gar  genediglichen  angchort,  nimpt  auch  Ewern 
untertenigen  willen  zeu  genaden  auff.  Ich  wil  auch  Ewer  bit  ge- 
nediglichen ayngedenck  seyn  und  ubir  dem  evangelio  fest  halten. 
Dat.  Coburgk  an  Sanct  Tomae  tag  im  XV®  und  XX  jar. 

4.  Heinrich  Pomponius  *)  ans  GerstUdt  oder  Gera  (’f)  an  Ilerxog 

Johann  Friedrich,  [Weimar]  1525  Marx  24.  Bittet  den  Ilerxog 

unter  ansführlieher  Begründung,  das  an  die  Weimarer  Mönche 

ergangene.  Predigtverbot  u'ieder  aufxuheben. 

Or.  Reg.  S.  *Vo.  19,  Benutzt:  S.  S8. 

Ich  Henricus  Pomponius  einer  von  den  unzeitigen  un.sers  heren 
Jesu  Cristi  bin  bewegt,  E.  f.  Gn.  aus  rechter  cristlicher  liebe  zu 
schreiben,  wünschen  damit  E.  f.  Gn.  die  gunst  und  allerhöchste 
guttigkeit  des  almechtigen  gottes,  wiewol  ich  sunder  zweifei  gleub, 
das  E.  f.  Gn.  sollichs  für  ein  narheit  und  künheit  mir  zurechnet 
und  in  sunderheit,  dieweil  ich  melde  die  suchen  der  munche  zu 
Weimar,  das  inen  ire  i)redigen  von  wegen  E.  f.  («n.  magister  und 
predigen  wirt  unterdrückt  durch  fürstlichen  bepfel,  des  ich  zu  E.  f. 
Gn.  nit  hoffe.  Dan  wan  solchs  geschehe,  hat  E.  f.  Gn.  zu  ermessen, 
was  daraus  vom  gemein  volk  E.  f.  Gn.  wurde  entsprissen,  dieweil 
doch  die  munche  mit  irem  predigen  des  evangelion  noch  bestehen 
für  allen  E.  f.  Gn.  predigern,  die  allein  aus  hass  und  neid  solche 
verpittung  und  hinderung  des  evangeli  treiben,  aber  ich  wolt  E.  f. 

1)  So  sehreibl  Johann  Friedrieh  fatti  zteU  für  g^rn. 

2)  yäherrt  über  ihn  habe  ich  nicht  /esteteUen  können. 

3)  Wohl  Wol/gang  Stein.  Das  I*redigtrerbot  erging  am  19.  März.  IVeUe,  S.  44  f» 

Beitrag«  zur  neueren  (»rachichte  Thüringens  I. 


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98 


No.  f>:  lö‘J7  Winter. 


Gn.  Kleubte  nit  leiclitlich  solchen  unpelerten  leuten,  die  keinen  Rrund 
in  der  Schrift  wissen,  als  dan  E.  f.  Gn.  magister  einer  ist,  wie  ich 
dan  zum  theil  seiner  sermon  etlich  uf  dem  schloss  zu  Weimar  ge- 
hört hab,  das  mich  wundert,  wie  E.  f.  Gn.  solchs  hören  mag.  Ich 
habe  auch  E.  f.  Gn.  magister  etliche  briflFe  zugeschickt,  aber  mir 
kein  antwort  geben ; was  die  Ursachen  ist,  wil  ich  kürzlich  hernach- 
mals  anzeigen.  Ich  gleube,  er  forchte  sich  oder  weiss  villicht  nichts 
aus  der  schrift  aufzubringen,  hilft  nit,  das  er  sagt,  ich  ssei  ein  narr, 
ist  nicht  gnugsam  zu  einer  antwort,  ich  weiss  aber  wohl,  das  narren 
und  thoren  die  warheit  sagen,  darum!)  bitt  ich  umb  gottes  und  des 
rechten  evangelions  willen,  E.  f.  Gn.  wolle  eine  zeit  lang  die  miinche 
das  evangelium  lassen  ulfentlich  j)redigen,  uf  das  ssolchs  E.  f.  Gn. 
nit  zum  nachtheil  vom  gemein  volk  wirt  gerechnet,  sprechende ; 
Sihe  die  fürsten  wollen  haben,  man  sol  das  evangelium  predigen, 
und  verpitten  doch  das  den  munchen  nit  zu  thun,  woher  kompt 
das,  dan  allein  aus  ueid,  hass,  zank  etc.  Solte  E.  f.  Gn.  magister 
bestehen  kegen  leute,  die  etwas  wissen  oder  gelesen  haben,  furwar 
er  wurde  sich  bald  ausdrehen,  es  solte  ime  auch  noch  wol  zulest 
auf  das  armbrust  regen.  Deshalb  so  vermaiie  ich  E.  f.  Gn.  aus 
cristlicher  hebe  und  treu,  das  E.  f.  Gn.  solche  verpittuiig  des  evan- 
geli,  das  von  den  munchen  göttlich  und  cristlich  wirt  gc])redigt, 
nit  zulassen,  damit  E.  f.  Gn.  und  andern  nit  werde  furgeworfen. 
wie  Capernaum,  Corazin,  Bethsaidan  und  irer  gleichen,  dcnselbigen 
die  hohe  gnade  gottes  des  evangeli  erschinen  und  ssie  sich  der- 
selbigen  also  bosswilliglich  und  übel  gebraucht  haben,  damit  E.  f. 
Gn.  nit  in  der  unsseligen  schar  getzelt  werde,  die  sich  werden 
ärgeren  in  Cristo.  Ich  bit  und  vermane  hiemit,  das  E.  f.  Gn.  dise 
meine  schrift  nit  verachten  wollen  von  deswegen,  das  s.solche  ver- 
manung  von  mir,  als  von  einem  schlechten  gesellen  geschehe,  dan 
die  cristliche  warheit  ssol  von  den  cristen,  die  ssich  des  taufs 
vericheu(y),  nit  veracht  werden,  ob  schon  ssollichs  durch  die  aller- 
geringste creatur  gesagt  und  ausgesprochen  wurde,  damit  nit  ge- 
sagt werde,  das  wir  verschmacht  haben  die  gutten  retthe  von  wegen, 
das  dieselbigen  uns  durch  die  geringe  personen  von  gott  geben 
seint.  Der  almochtige  gott  hat  sein  gotliche  weissheit  fiir  den 
weisen  und  klugen  verporgen  und  hat  ssolchs  geoffenbart  den  kleinen 
und  demuttigen,  waruinb  sollen  wir  dan  die  gotliche  unzweifliche  war- 
heit der  schrift  nit  annemen,  die  uns  von  (len  munchen  gleichförmig 
dem  evangelio  wirt  vorgetragen  V Und  auch  nit  weiter  begeren.  von 
irer  lere  anzunenien.  den  sso  vil  in  der  göttlichen  waren  schrift  ge- 
gründet und  durch  den  mund  der  warheit  Cristum  .Jesum  bestettigt  ist. 

G.  am  24.  tage  Martii  anno  etc.  XXV. 

E.  f.  Gn.  williger  Henricus  Poinponius  Gerapolitanus. 

5.  Ihrxof)  .Johann  Fricflrifh  an  Kurfürst  .Johann,  o.  O.  11527 
Winter] ').  Unter  ausführlicher  Wicderholunfi  früherer  Ver~ 

, 1)  />!>  Datierung  ertjibl  $ich  daraus,  daß  Johann  Friedrichs  Beilager  über  ein 

Jahr  zurüeklieyl,  und  aus  seinem  Briefe  vom  24>  Juli  lüiiS.  JVo.  7. 


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No.  5:  l.i27  Winter.  9<T 

hrmdlungen  bittet  er  seinen  Vater  nochmals  dringend  um  Oe- 

icähmng  einer  selbständigen  Hofhaltung. 

Eigenh.  AVwtJ.  Ärp.  /),  J^o.  58  V,  Benutzt:  S.  tf>f. 

Wiewol  ich  mich  in  alweg,  so  fil  niugelichen  gewest,  geflissen, 
E.  Gn.  mit  mainen  aigen  Sachen  nit  zu  bemiigen,  wie  ich  dan  .suches 
noch  gerden  tuen  wolt,  so  werd  ich  doch  aus  mainer  notturft  ge- 
ursacht,  E.  (in.  mit  diesser  schrief  zu  ersuchen  und  bit.  E.  Gn.  wollen 
unbeschweret  sain,  dieselbige  nach  der  lenge  zu  ferlessen. 

Und,  gn.  h.  und  vatter,  ist  das  die  sache,  das  sich  [E.  Gn.]  an 
zeifel  *)  nochmals  erinnern,  welcherlei  gesthalt  ich  E.  Gn.  vor  ainem 
jar  selbst  muntlich  ansprach  und  erzelung  tat.  wie  E.  Gn.  ver- 
laufener zeit  durch  den  canzler  mir  aus  selbst  eigem  bedenken 
eher  anzaigen  la.ssen,  das  E.  Gn.  gemut,  das  ich  mich  in  elichen 
stliant  begeben  solt,  nun  hetten  E.  Gn.  allenthalben  sich  be- 
dacht und  fleissig  nachdenken  gehabet,  wohin  E.  Gn.  mich  am 
bekemmesten  und  das  cs  landen  und  leuten  zu  guttem  ge- 
raichen  mocht,  verhairathen  solt.  es  weiten  mir  aber  E.  G.  nit 
bergen,  das  E.  Gn.  von  graff  Phillipsen  von  Sohnes  wer  formeldet 
worden,  wie  das  der  hz.  von  Clewe  ain  tochter,  die  fast  erwachsen, 
von  guttem  geberde  und  Sitten,  auch  zimlicher  schonhait : nachdem 
dan  die  verhairattung  landen  und  leuten  an  dem  ort  am  tröst- 
lichsten, auch  so  es  zu  fal  geraichen  solt,  das  der  almechtige  got 
nach  sainem  willen  schicken  wolt,  dem  hausse  von  Sachsen  zu  er- 
honung  geraichen  worde,  wer  E.  Gn.  begern,  ich  wolt  E.  Gn.  dar- 
innen als  der  son  verfolgen. 

Darauf  ich  E.  Gn.  antwort  geben,  wie  sich  an  zeifel  E.  Gn. 
auch  der  canzler  zu  erinnern  und  under  andern  hab  ich  die  ant- 
wort darauf  geben,  das  mir  noch  zur  zait  ganz  ungelegen  mich  zu 
ferelichen,  so  es  aber  E.  Gn.  ihe  wolten  von  mir  gehabet  haben, 
wolt  ich  E.  Gn.  als  m.  gn.  hn.  und  vatern  aus  kintlicher  pflicht  . . . 
verfolgen,  aber  er  der  canzler  hette  zu  bedenken,  wie  ich  auch 
wolt  gebetten  haben,  solches  E.  Gn.  zu  fermelden,  das  mir  ganz  be- 
schwerlichen zu  bewaiben,  so  ich  nit  auch  wiessen  solt,  was  ich 
haben  solt,  darauf  ich  main  Unterhaltung  zu  haben,  dan  ich  bust 
[wüßte]  nichtes  zu  bergen,  das  ich  ganz  nit  bedacht,  mich  zu  fer- 
elichen, E.  Gn.  wolten  mir  dan  etwas  aigens  aingeben,  darauf  ich 
bleiben  kont  und  main  Unterhaltung  darauf  haben;  wolt  derhalben 
E.  Gn.  also  verfolgen  und  auf  den  weg.  so  ich  des  hz’en  von  Cleveff 
tochter  besichtiget  und  sie  mir  getil,  das  mir  E.  Gn.  alsdan  etwas 
aigens  E.  (in.  gefallens  aingeben,  darauf  ich  mich  erhalten  mocht, 
oder  so  E.  (in.  das  nit  gefallen  wolt,  wolt  ich  das  forgeschlagen 
habfen],  wan  ich  die  besichtigung  getan  und  sie  mir  gefellig  wer,  das 
ich  mich  alsdan  uutersthehen  wolt  zu  handeln,  ob  ich  am  egelt 
aber*)  sunst  was  in  den  landen  Cleufl'e  aber  Gulch  aiubekummen 

1)  &>  tchrriht  Johann  Friedrirh  meüt  für  zweifei,  ebenso  bescherunjf  für  be- 
Bchwerung  «.  dgl.  m. 

2)  So  meist  für  oder, 

7 * 


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100 


No.  5:  1527  Winter. 


mocht,  darauf  ich  mich  mit  mainer  gemal  zu  unterhalten.  W o aber 
E.  Gn.  das  auch  nit  gefellig,  wolt  ich  E.  Gn.  gepetten  haben,  keinen 
misfallen  zu  haben  und  mich  verschonnen  noch  zur  zait  zu  bewaiben. 
Darauf  sich  allerlai  hin  und  wiederrede  und  handelung  begeben  durch 
den  canzler,  auch  folgent  dem  von  W’ildenfels,  wie  sich  solches  E.  Gn. 
zu  erinnern,  und  sonderlichen  haben  E.  Gn.  beschwerung  getragen, 
das  ich  suchen  tete,  mich  von  E.  Gn.  zu  sondern. 

Dieweil  ich  aber  auf  dem  ain  zait  lang  besthanden,  so  E.  Gn. 
maine  forschlege  nit  gefellig,  das  mich  E.  Gn.,  wie  formals  gepetten, 
verschonen  wolt,  E.  Gn.  zu  ferfolgen  in  dem,  das  ich  mich  be- 
waiben solt,  auf  solches  ist  mir  von  E.  Gn.  wegen  durch  den  von 
W'ildenfels  angezaiget  worden,  ich  solt  E.  Gn.  in  dem  ferfolgen. 
E.  Gn.  weiten  sich  mainer  Unterhaltung  halben  gnlichen.  erzaigen 
und  dermassen,  das  main  gemal  und  ich  am  helfe  wai*)  E.  Gn. 
unterhalten  von  E.  Gn.  sollen  werden  und  dergesthalt,  das  wir 
kaine  clage  haben  sollen  . . . W'^iewol  mir  nun  ganz  hochlichen 
beschwerlichen  gewessen,  E.  Gn.  in  dem  zu  ferfolgen  und  den  ver- 
trauen genzlichen  dermassen  in  E.  Gn.  zu  setzen  und  gar  kain 
Wissens  zu  haben,  worauf  es  allenthalben  mit  mainer  Unterhaltung 
bleiben  solt,  aber  solches  alles  unangesehn  hab  ich  doch  dis  alles 
hindan  gesetzt  und  E.  Gn.  verfolget  . . . und  folgent  mit  E.  Gn. 
rat  )ind  gefallen  main  wailager  gehabet  und  in  dem  allen  an  waiter 
anregung  mainer  underhaltung  E.  Gn.  allenthalben  darinnen  ge- 
horsamlichen  E.  Gn.  gefallens  verfolget. 

^■1«  das  alles  habe  ich  E.  Gn.  erinnert  and  Sie  damals  gebeten, 
mich  xn  verständigen,  worauf  mir  E.  Gn.  main  und  mainer  gemal  Unter- 
haltung sthellen  wollen,  und  E.  Gn.  wollen  in  dem  bedenken,  das 
es  main  hohe  notturf  wer,  das  ich,  woroban  (wovon)  main  Unter- 
haltung sthehen  solt,  wie.ssens  hefte.  E.  Gn.  triifUcn  sich  xu  erinnern, 
wie  Sie  mit  Ihrem  Ilrudcr  in  ungeteiltem,  aber  gesemdm-tem  Regiment 
gestanden  and  irie  Sie,  als  Sie  meine  Fraa  Matter  genommen  hätten, 
ain  sunderlich  gelt  zu  erhaltung  E.  Gn.  frauenzimmer  und  E.  Gn. 
selbst  diener  gehabet.  Bei  mir  sei  das  erst  recht  nötig,  da  ich 
nicht  .selbst  xu  schaffen  oder  xu  gebieten  hätte,  das  ich  nit  auch,  wie 
der  jung  margraff  .Jochim  wai  E.  Gn.  getan,  wai  mainen  hern  und 
freunden  uinb  darsthreckung  geldes  . . . ansuchen  must  . . .*). 

Auf  solches  . . hat  mir  E.  Gn.  ungeferlichen  diesse  antwort 
geben,  das  ich  E.  (Jn.  in  dem,  das  ich  auf  E.  Gn.  beger  mich  be- 
waibet,  zu  gefallen  getan,  E.  Gn.  wollen  auch  main  gemal,  so  sie, 
got  wolt,  zu  lande  kemnie,  dermassen  und  nit  anders  halten,  dan 
E.  (in.  gemal  selligen  getan,  auch  mich  dermassen,  wie  bisher  ge- 
schehen, das  ich  kainen  mangel  gehabet. 

Als  ich  meine  Bitte  erneuerte,  daß  E.  Gn.  mir  selbst  ein  ge- 
nantes xum  Unterhalt  geben  möchten,  antworteten  E.  Gn.,  Sie.  wollten 

1)  = hei.  Johann  Friedrich  ivhreihl  oft  ir  atiUt  b,  andrereeiU  auch  b naU  tr. 

2)  Feber  diese  Ikirtehn  tcrgl.  Kiu»,  S.  C9, 


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No.  6:  1527  Winter. 


101 


weiter  darüber  nachdenken  und,  wenn  ich  wieder  aus  dem  Lande 
XU  Jülich  käme,  antworten. 

Ich  habe  es  darauf  beruhen  la.ssen  bis  ungeferlidien  etliche 
tach  nach  der  heiinfart  und  habe  keine,  weitere  Anregung  tun  wolleyi 
in  der  Iloffnimg  auf  eine  gnädige  Antwort,  hab  auch  auf  solches 
utges.  und  kintliches  vertrauen  E.  (in.  niain  ehegelt  als  die  XXV 
taussent  gülden  zugesthelt  in  zufersicht  . . E.  (in.  worden  mich 
sunster  /=  desto]  gnediger  main  unterhaldung  ver.schafTen. 

Dann  halw  ich  durch  den  von  Wildenfels  und  Johann  Ilicstel') 
nochmals  um  Antwort  bitten  lassen,  habe  aber  nur  zur  Antwort  erlangt, 
E.  (ln.  bilden  mich  und  main  gemal  dermassen,  das  wenig  curfürsten 
oder  fürsten  ire  sone  mit  iren  waiwern  so  erlichen  und  wol  unter- 
hilden  und  das  E.  (ln.  sulches  nit  zu  andern  bust,  E.  (ln.  hildens 
auch  darfor,  ich  solt  sulches  willig  zu  dank  annemen. 

DieAse  Antwort  habe  ich  mit  nicht  geringer  Bekümmernis  em- 
pfangen, denn  bei  meiner  Bitte  handelte  es  .dch  ja  um  einen  .selb- 
ständigen Unterhalt  otler  wenigstens  um,  ein  „Genuuntes'j  davon 
ich  mein  Gemahl,  das  Frauenximmer  u.  s.  w.  unterhalten  könnte. 
Xur  unter  dieser  Voraussetxung  habe  ich  geheiratet.  Zuin  andern 
wie  ander  kfen.  und  fürsten  ire  .sone  das  merer  tail  underhalden, 
wais  ich  nit  besunders  von,  aber  das  wais  ich,  das  ire  etlicher  unter- 
haltun[gj  hoher  sthehet,  dan  E.  (ln.  mir  geben,  und  das  dannach 
sie  müssen  entlenen,  auf  das  sie  sich  erhalten  niugen. 

Xfwhmals  bitte  ich  E.  Gn.,  sich  mir  als  gnädiger  Vater  zu 
xeigen.  E.  (ln.  wollen  auch  zu  gemut  und  herzen  furen,  das 
sich  E.  Gn.  kegen  andern  in  dergleichen  Sachen  freuntlichen 
erzaiget  haben  als  kegen  dem  jungen  marggraffen , welchen  sain 
her  vater  nit  hat  geben,  das  S.  L.  sich  hat  folkommenlichen  er- 
halten mugen,  haben  im  E.  (ln.  dargesthreckt  und  goligen,  de.s- 
gleichen  mit  graff  Hairichen  von  Schwarzburg  zu  Arnstat,  wie  wol 
im  sain  vatter  auch  zai  [=  zwei]  hundert  gülden  geben,  wie  E.  (ln. 
mir  geben,  hat  doch  E.  (ln.  for  billich  und  gleich  angesehen,  auch 
den  von  Schwarzburg  dahin  mit  handelung  geweisset,  das  er  sainem 
son  etwas  aigens  hat  aigeben,  darauf  er  sich  hat  underlialten  mugen. 
Bitte  E.  Gn.,  sich  nun  auch  gegen  mich,  der  ich  (loch  alles,  was 
ich  in  diessem  handel  getan,  auf  E.  (In.  begeren  und  als  ain  ge- 
horsamer son  gehorsamlicheu  getan  und  verfolget,  gnädig  zu  erzeigen 
und  es  nicht  dahin  kommen  zu  lassen,  das  ich  mich  auch  under  die 
leut  geben  mus  und  anzaigen,  das  mir  E.  (ln.  nich  so  fil  geben, 
das  ich  mich  erhalden  muclit  und  derhalben  main  hern  freunt  und 
gesellen  umb  darsthrecknng  ansuchen  niuste.  Bille  um  eine  gnä- 
dige Antwort.  D.  etc.  XXVII.  jar. 

(i.  Kurfürst  Johann  an  Johann  Friedrich,  undat.  [1527  Winter], 

Antwort  auf  Xo.  5.  Ablehnung  seines  Ge.suehes. 

Äonar.  lieg,  />.  iVb.  5S  V,  BrnuiTt  S.  27. 

1)  V^ielUicht  Riede»el, 


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102 


No.  7—8:  1528  Juli  14  — 1529  Febr.  25. 


Freitag  Abend  ist  mir  Dein  Brief  ül)ergeben  worden . Mir 
scheint  auch  jetit  noch  nicht  bequem,  Dir  und  Deine)-  GemaJtliti 
ein  eigen  wesen  cinx/urichtcn,  und  auch  nicht,  daß  Du  bei  >nir 
Dein  F)-auenx immer  seihst  unterhalten  solltest.  Deine  Oemahlin 
U)xd  ihr  Frattenximmer  haboi  keinen  (hnnd  xu  klagen,  denn  üJt 
halte  sie  ebenso,  wie  meine  xweite  Oemahlin,  Dir  und  den  Deinen 
gebricht  es  auch  an  nichts.  Der  Hinweis  auf  mich  xur  Zeit  meiner 
ersten  Ehe.  jtaßt  nickt,  weil  ick  ein  mither  *)  war.  Zu  der  Hand- 
lung mit  Graf  Güntlwr  ism  Schwarxhurg  rerajilußtc  mich  die  be- 
stehende K)itxweiung  zwischen  Vater  und  Sohn,  die  leicht  schädliche 
Folgen  luiben  konnte.  Dem  jungen  Ma}-kgrafen  hohe  ich  das  Geld 
einfach  geliehen  unter  der  Vorau.ssetxung,  daß  ich  es  wiederbekonime, 
ohne  mich  weiter  inn  die  Verhältnisse  zu  bekümmern,  sie  Hegen  in- 
dessen, .so  fiel  ich  rernehme,  doch  ganz  anders  als  bei  Dir.  Du  hast 
keine  Ursache  zur  Klage  und  wollest  Dir  genügen  las.sen. 

7.  Herzog  Johann  Friedrich  an  Kurfürst  Johann,  o.  0. 1528  Juli  14. 

Ei^eiih.  Konz.  Rrtf.  I).  No.  58  V.  lienulzt:  S.  S7. 

Erinnert  an  sein  im  Winter  rorigen  Jahres  eingercichles  Schreiben 
wegen  des  Unterhalts  und  erneut  seine  lütte  um  eine  gnädige  Ant- 
wort, damit  er  sich  nicht  auf  die  darin  angedeutete  Baku  begehen 
müsse.  D.  dinsUxg  nach  Margarethe  iin  XXVIII. 

8.  Etlieh  bedenken  des  reichtages  halben  zu  Speier  und  sonder- 
lichs  des  konigs,  undatiert  f Weimar  152U  ca.  Februar  -•5*)7- 
Darlegung  der  Gründe,  tceshalb  Ferdinand  nicht  zum  römi- 
schen König  gewählt  werden  dürfe.  Auseinandersetzung  ülwr 
die  Art  und  Weise,  wie  Sachsen  auf  dem  Heichstag  rorgehen 
mü.s.se,  um  die  Wahl  zu  verhindern. 

Kigenh.  Koiis.  Isoc.  10671  „König  Fcrdxnandi  Wahl  httr.  168V*.  Kopien  eben- 
da und  in  deuutflhen  Ijoeat  „Schniben  und  Bedenken**,  fol. 

Kopien  herrecht  einige  Verwirrung,  da  die  BUi/ter  det  KoniepU  durcheinamler 
geraten  e-ind.  Ich  Jolge  im  weecntliehen  dem  Konz.,  dat  allerdinge  auch  nicht 
ohne  Unklarheiten  ist.  Benuttt:  S.  41/-»  69 f. 

In  gottes  nahmen  amen. 

Erstlichen,  nachdem  zu  bedenken,  das  auf  den  kunftichen  reichs- 
tag  fuernemlich  zu  handeln  wirdet  understanden  werden,  das  kg. 
Ferdinandus  von  Hungarn  und  Behem  als  ain  erzherzog  zu  Öster- 
reich zu  ainem  römischen  konig  mocht  erwelct  werden, 

dargegen  wil  zu  ermessen  sein,  das  [wenn]  solchs,  welchs  der 
warmherzig  got  gn.  verhueten  wold,  zu  Vorgang  geraichen  solt,  das 
das  heilig  reich  der  freien  walh  genzlich  beraubet  und  aus  der  frei- 
heit,  die  das  heilig  reich  und  sonderlich  deutsche  nation  bishieher 
gehabt,  ain  ewige  dinstbarkeit  und  erbkaisertum  gemacht  wmrd. 

Dann  leichtlich  zu  erwegen,  nachdem  das  haus  Österreich  nu  in  die 
"hundert  jhar  unge verlieh  das  reich  in  regierung  gehabt,  so  nu  dieser 

1)  Mithrrr, 

2)  Uebenandi  mtl  einem  Briefe  an  Johann  «»«  Weimar,  rom  26.  Februar  1529. 
Loc.  10671  „König  Ferdinandi  UaA/  betr.  1531**,  /#>/.  25  f.  JIdbf. 


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No.  8:  1529  Febr.  25. 


ia3 

von  Oesterreich  solt  zugelassen  werden,  das  zu  ewigen  gczeiten  und 
so  lang  der  staiii  weret,  nit  von  dannen,  menschlich  zu  reden, 
mocht  gebracht  werden  an  beschwerlich  unruhe.  Neben  dem  wie 
tirannisch  mit  den  Stenden  des  heiligen  reichs  wurd  zu  handeln 
understanden  werden,  wil  aus  teglicher  erzaigung,  so  itziger  zeit 
wei  den  konigreich  Ungern  und  Beheni,  auch  wei  den  erblanden 
furgenohmen,  leichtlich  zu  erwegen  sein,  was  auf  künftige  zeit  im 
reich  auch  erfolgen  mocht.  So  seind  sonsten  viel  und  mancherlei 
bewegend  Ursachen  für  der  hand,  die  zu  erzeilen  unbequem. 

Derhalben  den  kurfursten  von  hohen  noten  sein  wurd,  ire 
pflicht,  domit  sie  dem  heil,  reich  zugetan,  höchlich  zu  erwegen, 
soliche  suchung  nit  einzureumen. 

Zu  dem  allen  ist  am  höchsten  zu  ermessen,  das  durch  kg.  Ferdi- 
uandum  wurd  furgenommen  werden,  wie  dann  solichs  in  seinen 
erblanden  schon  vor  der  hand  ist,  ainen  ieden  zu  dringen,  wes 
Stands  ehr  auch  were,  dasjhenige  zu  glauben  und  für  christlich  an- 
zunehiueu,  das  im  gefiele,  es  wer  von  im  selber  oder  vom  bapst  odder 
teufel  erdacht  worden.  Wie  hoch  ain  jeder  solichs  in  seinen  gewissen 
zu  bewegen  hat.  wirdet  ainen  jeden  seine  gewissen,  ob  gott  will, 
leren  ‘). 

Ob  nu  furfallen  worde,  das  solichs  wai  den  kfen.  aber  *)  fürsten 
ganz  nit  wolt  zu  erhalten  sein,  sondern  das  der  gemein  nutz  im 
heil.  rö.  reich  nit  wolt  angesehen  werden,  sondern  das  der  aigen 
nutz,  der  einem  iderm  daraus  entstehen  mocht,  hoher  wolt  ge- 
achtet werden,  das  doch  zu  gott  zu  hotfen,  er  werde  die  kfen.  und 
fürsten  so  weit  nit  fallen  lassen,  wehr  alsdann  soliche  handlung, 
die  des  kgs.  halben  vor  der  hand  were,  den  gemeinen  stenden  auch 
anzuzaigen  und  sonderlich  den  stetten  und  wer  innen,  wie  oben 
von  fürsten  gemelt,  die  freiheit  des  reichs,  di  zum  erbe  wolt  ge- 
macht werden,  anzuzaigen,  fürder  den  stetten,  das  in  solcher  walh 
nit  anders  gewelt  werde,  dann  der  rechte  Turk,  dann  der  Turk  kunt 
den  christlichen  gläubigen  und  das  wort  gottes  nit  hoher  verfolgen 
und  mit  den  christgleubigen  tirannischer  handeln,  wie  dann  dieser 
konig  bereit  tette. 

Was  nu  dem  gotlichen  wort  und  denen,  die  im  anhingen,  an 
solcher  walh  gelegen,  wil  leichtlichen  zu  ermessen  |sein].  Dann  wiewoll 
öffentlichen  und  am  tage,  das  gott  gebeut  und  haben  will,  das  aller 
oberkeit  gehorsam  soll  geleist  werden,  so  weit  es  leib  und  gutt  an- 
tritft.  dieweil  aber  dieser  nochmals  über  diejhenigen,  die  im  reich  sein, 
keine  Obrigkeit  ist  und  doch,  so  er  gewelt  wird  und  sulchs  durch 
göttliche  hilf  nit  furkomen,  des  reichs  oberkeit  werden  wirdet. 

Wie  schwer  nu  ainem  jeden  furfallen  wol,  ainen  tyrannen  und 
Verfolger  gotlichs  worts  zu  ainem  herrn  zu  haben,  wolle  ain  jeder. 


1) 

d4mkens. 

2) 


Die  Kopien  bringen  aui 
« oder. 


Vereeken  hier  gleich  den  Schluß  des  gamen 


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104 


No.  8:  1.^29  Febr.  25. 


eher  es  im  zu  haus  komt,  bedenken,  dann  wo  ehr  zu  ainem  konig 
Wirt,  ist  da  nichts  mehr  wieder  ine  zu  handeln. 

Dann  da  stehet  gotts  wort:  Bis  der  oberkeit  undertan,  sie  sei 
boss  oder  gutt.  Wollen  wir  nu  Christen  sein  und  sich  christi  wort 
rumen,  so  müssen  wir  alle  Verfolgung  des  gotlichen  worts  halben, 
auch  sunsten  alle  zeitliche  tiranei  von  im  leiden.  Sucht  mau  nun 
nach  Wegen,  U'ie  man  sich  dieses  Wüterichs  gegen  Seele  mul  Leib 
er  wehren  kann,  so  ist  zunächst  (iott  zu  bitten,  er  wolle  uns  gnad, 
Weisheit  und  sterk  verleihen,  das  wir  uns  solchs  tirannen  und  Ver- 
folgers gotiiehs  Worts  zun  herrn  erweren  mögen  und  das  dann  ain 
jeder,  der  dem  göttlichen  wort  anhengig,  sein  leib  und  gutt  und 
alles  vermögen  darstreck,  das  wir  uns  des  tirannen  erweren  mögen. 
Dann  wer  wil  nit  anders  sagen,  das  vor  gott  und  der  weit  christ- 
licher, erlicher  und  besser  wehr,  in  solichem  christlichen  werk  er- 
schlagen und  umbkomen  zu  sein,  dann  von  dem  Türken,  dan  der 
Turk  begert  nort  die  eusserliche  herrschaft  über  leib  und  gutt,  aber 
dieser  wutrich  begert  die  seile  dem  teufel  zu  geben  und  mit  dem 
gut  seins  gefallens  zu  gebahren. 

Das  miHfe  jeder  sich  zu  Herzen  nehmen.  Ist  er  erst  gewählt, 
dann  ist  Mühe  und  Arbeit  verloren.  Solehes  möchten  die  Gesandten 
der  Städte  nit  anders  dann  vertreulicheu,  auch  christlichen  und 
wolgemeint  verstehen  und  in  dem  bedenken,  was  sie  inen  selbs, 
iren  weibern  und  kindern,  auch  iren  gemeinen  in  Stetten  zu  tun 
selbst  schuldig  wehren  und  sich  hierinnen  irs  gemuets  vernehmen 
lassen. 

So  wehren  die  fürsten,  graven  und  von  der  ritterschaft,  die 
dem  göttlichen  wort  anhengig,  erbutig,  so  es  nit  anders  gesein 
mocht  und  durch  kein  andere  wege  sulche  wal  nit  kont  furkomen 
werden,  das  sie  doch  zu  gott  hoffen  wolten,  er  wurde  andere  weg  und 
mittel  schicken,  das  sie  dann  ire  leib  und  gut,  solchs  zu  verhindern, 
treulich  wolten  wei  inen  zusetzen. 

Wenn  gott  nu  gnad  gebe,  das  man  sich  kainer  forcht  annimet 
und  nit  bedenket:  Ei  wen  ich  .solche  Sachen  handeln  soll  und  er 
werde  konig,  wie  heftig  werde  er  mich  unib  solche  handlungen,  die 
ich  im  zugegen  getan,  straffen. 

Es  will  aber  mehr  zu  bedenken  sein,  das  man  für  gott  und 
der  weit  zu  tun  schuldig  ist,  aus  dem,  ob  gleich  die  andern  kur- 
und  fürsten  wieder  er  noch  treu,  aide  noch  ])flicht,  domit  sie  dem 
reich  zugetan,  bedenken  wolten,  das  dannocht  darumb  von  andern, 
die  es  verstehen  und  wissen,  was  für  unwiederbriugender  schad 
dem  reich  daraus  entstehen  wurd,  nit  unterlassen,  iren  vleis  in  dem 
zu  tun,  es  gehe,  wie  gott  wil. 

So  ist'  zum  andern,  man  were  oder  nit,  wirdet  er  konig,  kann 
er  dann  alle,  die  dem  gotlichen  wort  anhengig.  von  lamlen  und 
leuten  verjagen  und  vertreiben,  .so  wert  ers  gleich  so  wohl  tun,  als 
werct  man  aufs  heftigist,  dardurcli  hoff  ich,  will  ich  dem,  das  man 
sich  nit  furchten  darf,  genug  getan  haben. 


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No.  8:  1529  Febr.  25. 


105 


So  nun  solchs  werk  dergestalt  auf  allen  arten  wei  kfen..  fürsten 
und  gemeinen  stenden,  [auch]  wei  den  steten  gesucht  wert,  iglichs 
nach  seiner  bekemniskeit,  wie  es  dann  wol  wert  bedacht  werden, 
ist  mir  gar  kein  zweivel,  wen  nur  muhe  und  vleis  mit  bitten  gottes 
gnad  furgewandt,  es  solt  dardurch  verkohmmen  werden,  das  Ferdi- 
nandus  noch  keiner,  der  dem  göttlichen  wort  zu  entgegen,  zu 
konig  soll  geweidet  werden.  Will  aber  der  keines  sein,  so  geschehe 
der  will  des  almechtigen  gottes,  dem  die  und  alle  andere  Sachen  in 
seinen  gütlichen  willen  zu  befellen,  der  mach  es  nach  seiner  ere 
und  glore.  Amen. 

Bedenken  warumb  in  itzigen  leuften  und  wie  allenthalben  die 
Sachen  im  reich  stehen,  nit  gut  sei,  ein  röm.  kg.  zu  machen. 

Erstlicheu  will  zu  bedenken  sein,  das  kai.  M'  als  dem  rechten 
herru  in  kainem  weg  zu  ratten  sein  will,  ainen  nebenherrn  als 
ainen  rö.  künig  wei  sich  zu  haben  *), 

aus  volgenden  Ursachen,  das  ain  unmuglich  ding  i.st  das  zwen 
hern  wei  einander  regieren  können,  so  ist  viel  unmugelicher,  das 
die  undertanen  als  die  stende  des  reichs  zwaien  hern  zugleich 
dienen  können  und  derselben  gebot  und  verbot  zugleich  halten  mögen. 

Soll  nu  solchs  verkoraen  werden,  so  kann  es  durch  keinen 
andern  weg  gescheen,  dann  das  kais.  M‘,  dem  rö.  konig  alle  bot- 
messigkeit  im  heilgen  reich  mit  sampt  aller  herligkeit  genzlichen 
abtrit  und  sich  des  reichs  volgend  nichts  annimi)t,  sunderu  den 
konig  genzlich  seines  gefallens  im  reich  machen  les[tj. 

So  nu  solles  beschehen  sol,  wert  kais.  Mt.  in  reich  genzlich 
nichts  mehr  geachtet,  söndern  von  den  verwanten  des  reichs  mer 
vor  einen  konig  von  Hispanien,  dan  vor  einen  rö.  Kaiser  geacht 
werden,  das  derhalben  erfolgen  wirdet,  das  kais.  Mt.  aller  kaiser- 
licher ehr  genzlich  entsalzt  werden  worde.  Nachdem  aber  in  aus- 
schreibung  itziges  reichstags  unter  anderm  verleibt,  das  von  einem 
gemeinen  freien  christlichen  concilio  general  oder  nacional  .soll 
geredt  werden,  dieweil  dann  kein  concilium  wol  mag  gehalten 
werden  -),  es  sei  general  aber  national,  es  sei  dann  das  der  rö. 
kaiser  darwei  sei.  soll  nit  ungutt  sein,  das  ein  anstand  des  rö.  Königs 
halben  geben  bis  zu  ende  des  consiliums.  ab  alda,  so  kais.  Mt 
ankemme,  die  wege  mochten  gefunden  werden,  das  sein  Mt.  selbst 
im  reich  were  und  in  demselbigen  regirete. 

Es  will  auch  aus  fillen  bewegenden  Ursachen  ganz  nit  zu  tun 
[sein],  itziger  zeit  in  die  befarnus  sich  in  der  wal  eines  rö.  kg’s. 
einzulassen  und  sonderlichen  aus  dem,  nachdem  wissen[d|,  wie 
oftmahls  in  der  wähl  ains  rö.  kg's.  zissma  under  denn  kfen.  und 

1)  Am  Hand«  im  Kont.  Nota.  It€m  zu  gedenken,  da»  kai».  M‘  »on  hat  und 
»o  »ein  M‘  walle  nacblasaen  »olt,  da»  zu  tvaorgcn,  da»  da»  reich  hinfort  nimmer 
meher  an  »einer  M'  geblultc,  da»  von  in  herkoiumen  wer,  zu  sulchen  kai«.  eren 
kommen  werd. 

2)  Am  Rande  im  Korn,  in  deutzer  nacion. 


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No.  8:  1529  Febr.  25. 


fürsten  endstanden,  das  zum  oftern  zwenn  kg.  zugleich  gewelet 
sein  worden,  und  jeder  von  kfen.,  fürsten  und  stenden  des  reichs 
seinen  sundern  anhank  gehabt  hat,  daraus  dann  zwitracht,  krieg, 
blutvergiessen  und  alles  ungelick  ini  reich  entstanden  i.st. 

Dieweil  dann  sulchs  in  forigen  Zeiten  wei  den  forforen  of- 
roahls  entstanden,  wil  es  zu  diessen  sorkfeldigen  gezeiten  fil  hoher 
und  grosser,  das  solchs  forfallen  luocht,  zu  bewegen  sein,  und  ist 
sunderlich  das  zu  bewegen,  wie  gar  hoch  itziger  zeit  der  gemein 
man  zu  der  aufrur  wieder  die  oberkeit  geneigt  ist  und  leichtlichen 
aus  einer  wal,  so  sie  beschwerlichen  vorfil,  sulche  aufrur  zu  fer- 
mutten.  So  ist  neben  dem  wissentlich,  wie  fast  alle  kfen.  und 
fürsten,  auch  gemeine  sthendc  des  reichs  im  wort  gottes  und 
glauben  genzlichen  getrent  sein,  und  das  sich  jeder  teil  zum  andern  kein 
anders  versihet,  welche  partei  auf  irem  teil  und  forteil  einen  rö.  kg. 
kriget,  das  sie  den  andern  tail  ausreuten  wollen,  daraus  leichtlichen 
zu  ermessen,  das  kein  partei  erleiden  kan  aber  mag,  das  iiiner  von 
der  andern  wiederwertigen  parteihen  konnig  werden  soll,  und  ehe 
sie  sulches  erdolden  wolden,  werden  sie  er  ir  leibe  und  got  solchs 
zu  ferkohmmen,  in  wagnus  stehen,  daraus  aber  nichtes  anders  zu 
bedenken,  dan  das  großer  blutfcrgissen  im  reich  forfallen  werde,  den 
jhe  gehört  werd  worden. 

So  wil  weiter  zu  bewegen  stehen  die  sorge,  die  des  Torken 
halben  forstehet,  und  sunderlichen  so  er,  das  der  almechtige  gott 
mit  genaden  verhüt,  sulche  unainigkeit  im  reich  gewar  werden 
worde. 

Was  will  doch  weiter,  das  daraus  folgen  mack,  zu  bedenken 
sein,  dan  das  ganz  Deutzland  in  drummer  gehen  must,  da  got  for  sei. 

Es  wehr  auch  weiter  zu  erwegen,  so  ain  kg.  gemacht  worde, 
der  ainer  partcihe  im  reich  entkegen  wer,  das  sie  selbige  parteihe 
den  gemeinen  pauersman  an  sich  hengen  mocht,  ircs  gefallens  genem 
konig  zu  entkegen  ainen  aigen  konig  zu  machen,  wei  wem  sie 
vermeinten  schütz  zu  finden,  es  wer  Franckreich.  Engelandt  aber  der 
Turk  selber,  derhalben  w ill  hoch  und  gros  von  notten  sein,  sulches 
alles,  das  eutsteheu  und  forfallen  mocht,  zu  erwegen  und  sunderlichen 
aus  erzelten  und  andern  melier  fortreffentlichen  Ursachen  von  dem 
abzustehen,  ainen  konig  zu  machen,  aber  allen  vleis  durch  bot- 
schaft  und  sonsten  durch  utg.  ansuclmng  wei  kais.  M‘  tun,  auf  das 
sich  Ir.  M‘  selber  in  reich  in  ansehung  der  beschlwjerung,  so  im 
heiligen  rö.  reich  stehen  und  sich  teglichcn  zu  fermueten  weiter 
entstehen  werden,  kommen  und  in  sulchem  ainsehung  forwenden 
und  getiieu  etc.,  dann  an  das  will  unmugelichen  sein,  das  dem 
Türken  ainiger  widerstant  aus  dem  reich  geschehen  mag  aber  das 
friden  und  recht  im  reich  mag  erhalten  werden '). 

Derhalben  und  aus  fil  melier  Ursachen  des  heiligen  reiches 
ewige  und  zeitliche  wolfart  belangen,  wil  die  hoche  notturft  er- 

1)  liier  brechen  die  Kopien  ab,  dae  Folgende  nur  im  Konzept. 


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No.  8:  1529  Fcbr.  25. 


107 


fordern,  das  der  almechtige  got  gebetten  werde,  sulches  fornenien 
abznwenden  . . . und  das  wei  dem  auf  menschliche  anschlege  und  mittel 
sulches  zu  ferkommen  auch  gedacht  worde,  dan  wir  sollen  die 
erwait  haben,  so  wert  gott  das  gedaihen  verlaihen. 

Und  wolt  erstlichen  zu  bedenken  sein,  das  Hais  forgewant 
worde.  das  in  ankunf  des  reichtages  die  curfürsten  persönlichen 
und  allain  an  rette  aber  botschaft  zusammen  keinen  und  sich  von 
der  Sachen  ainen  römischen  konnig  belanget  auf  die  suchung,  so 
von  wegen  kais.  M‘  durch  den  orator  beschehen,  treulich  und  iren 
pflichten  nach  underretteu  und  aines  idern  gemut.  was  er  in  den 
dingen  genaiget,  erlert  worde  und  mit  lleis  dorauf  geerbet  {i/mrheitet], 
das  in  dem  kais.  M'  auch  dem  koiiig  ein  abschlegeliclie  antwort 
worde  aintrecktiglichen  durch  alle  kfen.  geben. 

Auf  die  aber  [oder]  ain  ander  mainung,  wie  zu  bedenken : das 
die  kfen.  kais.  M*  aus  utgkeit,  und  den  pflicliten  nach,  damit  sie  dem 
reich  zugetan,  zu  irem  und  des  ganzen  römischen  reiches  kaisser 
und  hern  erwelt  hetten,  dofor  sie  auch  Ir  M‘  haben  und  halden 
wolten,  weren  auch  kaines  andern  hern  aber  koniges  bedorftig, 
weiten  auch  kainen  andern  den  I.  kais.  M'  zu  irem  hern  kais.ser 
und  konigen  am  libesten  haben , weren  auch  der  zufersicht, 
I.  M'  worde  auch  ir  ainiger  kaisser  und  her  sein  und  bleiben  und 
sie,  nachdem  sie  I.  M‘  allain  zum  hern  begerten,  an  kainen  andern 
hern  aber  konnig  kommen  lassen,  dan  jhe  war,  das  sie  in  an- 
sehung  irer  pflicht,  das  Ir.  M'  inen  zum  hern  und  kaisser  täglichen, 
Ir.  M‘  frai  an  alle  pflicht  aber  gedrengnus  aus  lauterm  utgen.  willen 
zum  römischen  konig  und  kaiser  erwelt  hetten  in  utger.  zufersicht 
I.  kais.  M‘  werde  wei  innen  und  andern  sthenden  des  reiches  in 
heiligen  raich  als  ir  ainiger  kaisser  und  her  sein  und  bleiben, 
wie  dan  sie  die  kurfursten  von  wegen  der  andern  stende  I.  M‘ 
wolten  angesucht  und  gebetten  haben,  und  I.  kais.  M‘  wolten 
gnediglichen  sie  die  kfen.  mit  solcher  suchung.  das  sie  I.  M‘  bruder 
zu  ainen  römischen  konig  wellen  sollten,  verschonen  und  von  sulchem 
in  ansehung,  das  sulches  wieder  ire  pflicht  wer,  damit  sie  dem 
reich  zugetan,  abstehen  und  I.  M'  wollten  ir  Sachen  darauf  richten 
und  sich  seihest  in  aigener  person  in  das  heil,  reich  verfugen  und 
in  dem  selbst  regiren,  irer  der  kfen.  und  ander  fürsten  und  stheude 
des  reiches  genedigister  kaisser  und  her  sain.  die  obligende  und 
be.schwerliche  Sachen,  die  allenthalben  in  reich  sthunden  ablenen 
und  fride  und  recht,  pollicai  und  Ordnung  in  reich  aufrichten 
und  erhalten  und  sich  in  dem  allen,  wie  sich  I.  kais.  M‘  ampt  nach, 
das  ir  von  got  geben,  gebürt,  erzaigen.  Ir.  M'  wolten  sich  in  dem 
erzaigen,  wie  sie  die  kfen.  sulches,  sucheten  ....  Wie  nun  solche 
antwort,  die  allain  zum  argement  bedacht,  waiter  zu  bedenken 
sain  solt. 

So  nun  der  orator  von  wegen  der  kais.  M‘  doran  gesetiget, 
hette  es  sainen  weg,  wo  aber  nit,  wer  erstlichen  dorauf  zu  handeln, 
(las  sich  die  kfen.  kegen  ainander  verpflichten,  das  sich  kainer 


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108 


No.  8;  1529  Febr.  25. 


an  den  andern  in  keine  handelung  nach  antwort  begeben  wollen  und 
alle  handelung  und  antworten  semlichen  handelten  und  tuen  weiten. 

So  dan  weiter  von  orator  etwas  seit  darauf  ge[d]rungen,  das 
kais.  M‘  weiten  gelobet  haben,  das  ir  bruder  zu  ainem  römischen 
konig  soll  gewelt  werden  und  das  zu  solchem  allerleihe  Ursachen 
darton  worden,  wer  alsdan  die  erste  antwort  etwas  zu  erhellen  und 
dan  anzuzaigen,  das  die  kfen.  in  kainen  zaifel  wercn,  kais.  M‘, 
so  sie  ire  antwort  gehört,  I.  M'  werde  derselbigen  gefallen 
haben,  und  sonderlichen  aus  dem,  das  sulche  suchung  iren  pflichten 
entkegen,  aucli  das  sie  Ir  kais.  M‘  als  iren  rechten  natturlichen 
hern  gerden  wai  sich  haben  und  nissen  wollen,  sich  auch  aller  utgkeit., 
so  wit  ir  leip  und  gut  strecket,  gegen  I.  M‘  halten.  Dan  die  kfen. 
wollen  dem  orator  nit  bergen,  das  ir  pflicht  auch  die  gülden  bulle 
vermocht,  so  es  zu  ainer  wal  aines  romiss  koniges  kommen  solt, 
das  sie  niemandes  zu  wellen  ainigen  vertröst  tuen  sollen,  sondern 
sollen  wellen,  wen  sie  in  irem  gewissen  befunden,  der  dem  heil, 
reich  zu  der  regirung  am  nutzten  und  bekemmesten  sein  mocht. 
Derhalben  kais.  M‘  sie  die  kfen.  ires  ferhotfens  über  ir  pflicht 
auch  die  gülden  bulle  nit  tringen  worde  [Am  Ramie:  Nota  die  fer- 
schreibung,  so  kais.  M'  dem  reich  ubergeben,  die  gedruct  zu  besehen] 
und  I.  M'  worden  bedenken,  so  über  sulche  anzaigung,  die  sie  getan 
und  I.  M‘  derselbigen  bericht  worden,  sie  sollen  waiter  gedrungen 
werden,  das  kais.  M‘  iren  pflichten  nach,  die  I.  dem  reich 
getan,  hierinnen  zugegen  handeln  worde,  das  sie  sich  nummer  melier 
zu  I.  M‘  versehen  wollen. 

Demnach  wollen  die  kfen.  gunstlichen  an  orator  begert  haben,  er 
wolle  S.  M‘  sulches  nach  der  lenge  berichten  und  I.  M‘  von  iren- 
wegen  utg.  bitten,  ir  der  kfen.  weiter  in  dem  in  bedrachung  irer 
pflicht  zu  ferschonen,  wolle  aber  I.  M‘  über  das  jhe  ainen  rom.  kg. 
haben,  das  doch  die  kfen.  am  libesten,  das  es  ferbliebe,  sehen  wollen, 
dan  I.  M‘  wollen  sie,  so  es  ge.sain  mocht,  for  iren  ainen  hern 
keisser  und  konnig  jhe  gern  in  reich  haben.  Wo  aber  sulches 
I.  kais.  M‘  nit  gefellig  sein  wolt  und  jhe  ainen  kg.  im  reich  haben 
wolt,  wollen  sie  gebettcn  [haben],  kais.  M'  wollen  sie  die  kfen. 
ainen  waltag  laut  der  gülden  bollen  Kais.  Corels  des  virden  haben 
lassen  und  aldo  ungez(wjungen  iren  pflichten  nach  wellen,  wen  ain 
ider  in  sainem  gewissen  und  wie  ers  vor  got  verantworten  wold, 
welchen  er  for  ainen  romissen  kg.,  der  dem  heil,  reich  am  nutzten 
und  zu  der  re]g]irung  am  bekemmesten  achtet,  wellen  wold,  so  wollen 
sich  die  kfen.  in  solcher  wal,  wie  denen  getreuen  kfen.  iren 
pflichten  nach  geburet,  mit  verlaihung  gotlicher  hulf  erzaigen  und 
halten. 

Wer  nun  der  orator  bedacht,  sulches  forderlichen  in  aigener 
person  kais.  M‘  zu  berichten,  so  wollten  die,  Kfen.  es  dahci  heruhen 
lassen.  U'ure  es  aber  dem  Orator  ungelegen,  .so  wären  die  Kfen.  be- 
dacht, fdrderlieh.st  ihre  Botschaften  an  Kais.  xn  schicken  and 
.solches  und  was  sonsten  die  Xottnrft  .sein  wollte,  Kais.  J/'  vorxutragen. 


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No.  8:  1529  Fcbr.  25. 


109 


IVetin  hei  den  Kfcu.  .solche  Kinträchtigkeit  zu  erreichen  itd,  so 
trdre  für  diesmal  genug  dafür  getan,  daß  Ferdinandus  nicht  xum 
röm.  Kg.  enrählt  ivird. 

Merkte  tnafi  aber,  daß  die  Kfen.  xum  Teil  oder  alle  auf  dem 
Wege  nieJit  he.stehen  wollten,  sondern  daß  sie  von  Ferdinand  underwauet 
seien,  ihn  xum  Kge.  xu  wählen,  so  wäre  in  folgender  Urne  dagegen 
XU  verfahren:  Nenilich  das  etlichen  fürsten,  den  mocht  vertrauet 
werden,  in  hohem  vertrauen  sulches  angezaiget  word,  als  mkgf. 
Jorgen  von  Brandeburk,  hz.  Pillipsen  uncl  hz.  Ernsten  von  Braun- 
schweig, hz.  Heirich  von  Meckelburck  und  dem  lantgraifen,  item  dem 
bischof  von  Ossenbruck,  dem  von  Anhalt.  Nachdem  nun  zu  ferhoffen, 
das  Pfalz  sulcher  wal  auch  zu  entkegen  sein  werd,  so  het  Pfalz  es 
auch  etlichen  fürsten  anzuzaigen,  die  auf  dem  reistag  sein  mochten, 
als  hz.  Wilhelm  und  hz.  Luwigen  von  Wayern,  hz.  Fridrich  von 
Bayren,  hz.  Ottheirich  von  Baj’ern,  etlichen  bischotfen,  die  sein 
bruder  weren.  als  der  bischof  von  Speyr,  bischof  von  Regens- 
purck,  bischof  Freisingen,  bischof  von  Wurms  etc.  und  das  darauf 
prakticirt  worde,  das  die  genanten  weltlichen  fürsten  erfordern  im 
allain  zu  sich  an  weisein  rette  aber  botschaften,  desgleien  geistlichen, 
die  benent,  die  andern  geistlichen  fürsten  auch  sunderlichen  an  rette 
aber  poschaft.  und  zaigen  itlicher  tail  den  sainen  an  als  die  geist- 
lichen den  geistlichen,  die  weltlichen  den  weltlichen,  das  sie  glau- 
lichen  angelangt,  wie  das  wieder  den  alten  löblichen  gebrauch  durch 
Unterhauung,  .so  hei  etlichen  Kfen.  ge.sehrhen,  ein  römischer  König  ohne 
freie  Wahl  gewählt  werden  sollte  und  das  Haus  Oesterreich  Erhherr 
des  Reiches  hleilmi  wollte.  Das  hätten  sie  ihnen,  nachdem  .sie  es  mit 
Schreck  ersehen,  nicht  unterlassen  wollen  anxuxcigen,  in  der  Hoffnung, 
daß  sie  bereit  seien,  es  mit  ihnen  abxuwenden . Käme  es  nun  dahin, 
daß  der  genannten  Fürsten  Bedenken  xuer.st  gehört  werden  wollte,  so 
.sollten  .sie  ihren  Ratschlag  darauf  steUen  : Da  es  vor  allem  auf  die  Kur- 
fürsten nnkäinc,  .so  sollten  etliche  der  ülte.sten  und  fähigsten  Fürsten  xu 
den  Kurfürsten  geschickt  werden  und  ihnen  anxeigen,  daß  solches  an  sie 
gelangt  icäre.  Sic  .sollten  sich  dann  bei  ihnen  darüber  heschweren  und 
erklären,  daß  man  zwar  in  ihrem  Wahlrecht  .sie  nicht  be.sehränken 
wolle,  alter  sie  doch  an  die  Bestimmungen  der  goldenen  Bulle  erinnere. 
Wenn  sie  diese  verletzten,  müßten  die  Fürsten  dafür  sorgen,  daß 
Schaden  verhütet  werde.  Sie  hofften  aber,  daß>  es  dabin  nicht 

kommen  werde  und  daß  sie  sich  halfen  ivürdcu,  wie  ihnen  gezieme 
und ')  iren  pflichten  nach  gebueren  und  in  dem  nichts  auseheu,  es 
wer,  das  sie  bedrauet  wurden,  beschwert  zu  werden,  oder  aber, 
das  innen  vil  und  gros  zu  geben  verheissen  wurd  oder  was  es 
gesein  mocht,  dan  sie  weiten  sich  erboten  haben,  so  sie  sich  der- 
gestalt hielten,  so  innen  dan  darueber  beschwerung  zuzefuegen 
wolt  understanden  werden,  das  sie  wai  inen  als  den  kfen.,  die  das 
römisch  reich  treulich  und  woll  mainten,  mit  darstreckung 


l)  Von  hi^  an  auch  in  den  Kopien,  Vertjl,  S,  lOS. 


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110 


No. -9:  1529  März  13. 


ires  leibs  und  guets  nit  verla.ssen,  sondern  treulich  bei  ihnen  zu- 
setzen. 

Wolten  sich  dcrhalben  versehen,  sie  wurden  solch  ir  anzaigung 
nit  anders  vermerken,  dann  dieweil  es  dergestalt  an  sie  gelangt,  das  sie 
es  ir  pflichten  nach  nit  hetten  unterlassen  mögen,  inen  anzuzeigen, 
und  tetten  sich  zu  inen  als  zu  ircn  freunden  versehen,  sie  wurden 
in  dem  des  reichs  nutz  und  wolfart  bedenken  und  dergestalt 
darinnen  erzaigen,  das  sie  die  kfen.  nichts  einreumeten,  das  dem 
reich  nachteilig  und  zu  ewigem  beschweren  raichete,  das  wolten 
sie  neben  dem,  das  sie  for  gott  und  der  weit  zu  tun  schuldig,  auch 
ires  Vermögens  freundlich  verdienen  etc.  alweg  befunden  werden. 

Nu  ist  kein  zweifei,  wann  dergestalt  die  handlung  vorgenommen, 
es  worde  den  andern  fürsten,  die  die  freiheit  des  reichs  lieben, 
solche  antragung  an  die  kfen.  auch  gefallen,  und  wer  dardurch  zu 
gott  zu  verhotfen,  es  solt  dardurch  soviel  ausgericht  werden,  das 
furkomen,  das  Ferdinandus  nit  konig  worde.  Got  geb  sein  gnad 
darzu  amen. 

9.  Ilrrxoff  Johnnn  Krirdrirh  an  Graf  Wilhelm  von  Neuenahr, 
Weimar  1529  Marx  18.  Reise  Johanns  xnm  Reichstag,  Anf- 
forderung,  dorthin  xti  kommen  and  seine  geheimen  Naehrichien 
Minckwitx  mitxntcilen.  Der  Kurfürst  ron  Köln.  Gründe  des 
Ikiheimbleibens  Johann  Friedrichs.  Geldrische  Angelegenheiten . 
Die  unterbrochene  Reise  nach  Rühmen.  Ilerxog  Georgs  und 
Luthers  Schmüh.schriftcn.  Angebliche  Reise  des  Kaisers  ins 
Reich,  die  geidante  röm.  Königsirahl.  NenenaJns  Dienste  bei 
König  Ferdinand.  [Antwort  auf  Brief  des  Grafen  vom  31.  Jan. 
1529.  Cornelius  X,  8.  153 — 155.] 

Eigrnh.  Konz.  Heg.  E.  fol.  No.  SS^  JU.  SIO — SIS.  Bejuitzt:  S.  4^,  fIS. 

Dank  für  die  Gratulation.  Ich  und  mein  Gemahl  hatten  Euerem 
vorigen  Schreiben  nach  eigentlich  Kueren  Hesneh  erwartet. 

Dank  für  das  Erbieten  xum  Reichstag  xu  kommen,  wenn  ich  da- 
hin gehe.  Ihr  werdet  wohl  schon  wissen,  daß  mein  Vater  inxwischen 
auf  dem  Rt.  angekommen  ist,  hat  mit  sich  von  S.  Gn.  vertrauten 
retten  gf.  Albrechten  von  Mansfelt,  er  Hans  von  Minckwitz  und 
doctor  Brucken  S.  Gn.  alden  canzler,  und  wil  derhalben  euch 
gebetten  haben,  Ir  wollet  Euch  nichtes  ferhindern  lassen,  zum 
förderlichsten  dahin  zu  raiten  und  dasgenige,  das  Ir  von  notten 
achtet  S.  Gn.  zu  wissen.  S.  Gn.  seihest  anzaigen,  das  weren  S.  tln. 
zu  besundern  gefallen  von  Euch  ferinerken,  was  Ir  aber  mir  wolt 

zu  wissen  tuen,  das  sich  nit  wil  schreiben  lassen,  das  wollet  er 

Hanssen  von  Minckwitz  fertreulich  berichten,  mir  sulches  forder  zu 
fennelden. 

Nachdem  ich  auch  in  Euerni  forigen  schreiben  vermerket,  das 

m.  1.  her  und  freund  der  kf.  von  Collen  ein  gntter  Sachs  sai,  wie 

ich  auch  S.  L.  ihe  nit  anders  befonden  habe,  nun  bilde  ich  es  ganz 
for  gut  zu  sain,  das  Ir,  wie  Ir  wol  zu  tuen  wist,  auf  die  wege  ge- 


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No.  9:  152fl  März  13. 


111 


handelt  hette[tj,  das  S.  L.  und  in.  gn.  h.  und  vatter  in  besunder 
freuntlich  bekentenus  und  frcuntlichen  fertrauten  willen  kemnien, 
da.s  solt  zu  til  Sachen  gut  sain,  so  wert  es  auch  an  meines  gn.  hn 
und  vatters  tail  meines  fersehens  ganz  kainen  mangel  haben. 

Ich  wil  auch  an  Euch  mit  gnaden  begert  haben,  das  Ir  mein 
hern  von  Köllen  m.  fr.  dinst  sagen  wolt  und  so  es  S.  L.  an  gelück- 
lichem  christlichem  zusthande  an  seile  und  leibe  geluckselliglichen 
erginge,  das  ich  es  ain  besondere  freude  hab  zu  erfarcn,  und  wollet 
mich  S.  L.  . . . befellen. 

Ich  bin  itziger  zait  aus  befarung  der  geschinde  leuft  daheimet 
blieben,  auf  das  auch  imant  im  lande  .sei,  wan  es  aber  an  das  wer. 
wolte  ich  auf  diesem  reicztag  ganz  gerden  sain  und  lieber  dan  ich 
noch  nie  auf  kainem  gewest,  dan  ich  achtes  darfur,  das  fil  selzammer 
bracktigken  verbanden  sain  werden,  als  sie  neulichen  gehört  sain 
worden. 

Das  die  Brabander  und  der  hz.  von  Geldern  so  in  gutter  ainig- 
keit  sthehen.  höre  ich  nit  ungerden,  wan  es  nort  ainen  besthand 
bette,  ich  hab  aber  sorge,  es  wer  der  wek  nit  haben;  so  aber  etwas 

m.  hn.  von  Collen,  m.  hn.  vattern  dem  hz.  von  Cleve  und  Gulch 

n. achteiliges  daraus  entstehen  solt.  wer  es  mir  ganz  treulichen  lait, 
wüste  ich  auch  etwas  zu  ratten  und  helfen  zu  abbendung  desselbigen 
und  ich  derhalben  ersucht  worde,  wolde  ich  es  freuntlicheii  und 
treulichen  tuen. 

Aus  was  Ursachen  ich  wieder  umbkeret  von  wegen  m.  hn. 
und  vatters  und  anderer  fürsten  von  Sachssen  die  leben  wai  kön. 
W'*'  von  Beben  zu  entpfaheii.  wert  Euch  er  Hans  von  Minkwitz  nach 
notturft  zu  berichten  wissen  und  wie  gleich  es  dem  haus  von 
Sachssen  von  dem  Behemmen  forgeleget  ist  worden. 

Das  main  vettern  hz.  < Jorgen  und  des  Lutters  schmcschrift, 
so  sie  wieder  einander  getan.  Euch  auch  ist  zukommen,  ist  mir 
wol  etwas  bunderlich,  dan  ich  hette  nit  geinainet,  das  waide  schrieften 
so  fil  ere  wert  weren.  das  sie  so  weit  gefurt  solten  werden,  dan 
in  Waiden  wenig  guttes  zu  befinden,  und  wer  fil  besser  gewessen 
von  allen  tailen  underlassen  dan  getan,  es  ist  auch  zu  ferhuttung 
crgers  dem  Lutter  von  m.  gn.  hn.  und  vattern  ferbotten  worden 
mit  der  Sachen  zu  schreiben  sthillc  zu  sthehen. 

Das  kais.  M'  den  summer  aus  Ispanien  in  das  Deutzland 
kommen  solt,  das  wer  ich  auf  das  höhest  erfreuet,  und  kunt  auch 
dem  reich  nit  wol  aus  fillen  Ursachen  ain  grossr  nutz  und  wolfart 
beschehen  mugen,  dan  das  wir  Deutzen  unssern  rechten  kaisser 
und  hern  wai  uns  betten,  ich  hab  aber  aus  der  gemainen  sage,  die 
hie  zu  lande  zu  reden  gehet,  grosse  sorge,  es  werd  nichtes  sain. 
dan  die  gemain  sage  ist.  kai.s.  M‘  wolle  sich  des  reiches  verzaihen 
und  der  von  Waltkirche  hab  befel,  mit  den  kfen.  sunderlichen  und 
semptlichen  von  wegen  kais.  M‘  zu  handellen,  das  sie  I.  M'  bruder 
kg.  Ferdinandus  zum  roinissen  konig  machen  sollen,  man  wil  auch 
sagen,  das  derhalben  am  maisteu  diesser  reichstag  ausgeschrieben 


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112 


No.  10:  1529  März  22. 


sai  worden,  so  nun  dem  also,  ist  sich  schwerlichen  zu  femiutten. 
das  kais.  M*  in  das  reich  kommen  soll. 

Was  aber  Euern  dinst  wai  konig  Ferdinandus  anlangen  tuet, 
hab  ich  Euer  schreiben  nit  anders  dan  gner.  mainung  versthanden, 
hab  Euch  dazumal  von  Aldenburck  aus  darauf  allenthalben  main 
geinut  angezaiget,  dorauf  ich  es  beruhen  las,  dan  Ir  wert  Euch  in 
dem,  was  Euch  am  besten  bedeucht,  wol  zu  halden  wissen.  Ich 
muss  Euch  aber  aus  einen  vollen  bussen  schraiben,  ich  hoff,  wan 
der  konig  Ferdinandus  romisser  konig  wird  und  Ir  S.  kon.  W“*' 
hoffmaister,  Ir  werd  mich  doch  der  alden  treue  genissen  lassen,  das 
ich  nit  for  der  tur  sthehen  darf,  sundern  mir  helfen,  das  ich  walt 
/=  ImiIiI]  zu  gner.  audienz  kommen  mag. 

Was  mit  Euch  aber  von  koniges  wegen  weiter  gehandelt,  wollet 
mir  auch  unferhalden  sain  lassen.  D.  Waimar,  am  sonnabent  nach 
Letare  im  .\XVIIII.  jar. 

10.  llerxotj  Johann  Frirdrivh  an  Hanx  von  Minckintx,  JVeimar 
152!)  Marx  22.  Fleischesscn  und  15-edujen  auf  dem  Reichstay. 
Die  Räte  sollen  dafür  sorycn,  daß  der  Kf.  fest  hteibt.  Hans 
r.  d.  Planitz  soll  nicht  alle  Aufträge  des  Königs  an  den  Kfen. 
annehmen.  Franz  von  Lüneburg.  Hcrxog  Georgs  Antirort  an 
Mincku'itx.  Das  Bedenken  wegen  der  Königswahl.  Herxoy 
Georg  kommt  nicht  xnm  Reichstag,  auch  der  Kf.  von  Branden- 
burg nicht.  Bestellungen  an  Taubenheim  und  Planitz. 

Iltllf.  Reg.  E,  fol.  S7a,  So.  Jol.  6S — 65,  eigenh.  Kom.  ebda.  fol.  SIS — S17, 
Benutzt:  S,  71. 

Dank  für  Deinen  ausführlichen  Bericht, kann  nicht  auf  alle  Artikel 
antworten.  Freude,  daß  alle  gesund  in  Speier  angekommen  sind. 

Das  dem  kounigk  so  fil  am  flei.sessen  und  predigen  gelegen, 
nimet  mich  nit  bunder,  dan  ich  gleube,  das  der  teuffei  in  inen  und 
sain  hoffesinde  in  der  Sachen  mit  gewalt  reitet  und  das  der  teufel 
meint,  wan  es  auf  diessem  reistag  auch  erhalden  worde,  als  ich  zu 
got  hoffen  wdl.  es  mocht  ain  veijarung  ainfuren,  wan  man  es  auf 
itzigem  reistag  leiden  muste. 

Ich  hoff  aber  Ir  und  andere  m.  gn.  h.  rette  wert  nit  ander.s 
ratten,  dan  das  S.  Gn.  auf  dem.  das  gptlich  wort  mit  sich  bringet, 
feste  stehe,  es  gehe  doruber,  wie  got  wil.  dan  ich  weis,  das  m.  gn. 
h.  des  geuiuttes  nit  ist,  davon  abzutretten,  es  worde  dan  S.  Gn. 
mit  schonen  Worten,  wie  man  wol  tuen  kan,  anders  geratten,  des 
ich  mich  doch  zu  Euch  allen  von  retten  ganz  nit  versehen  wil. 

Mich  bedeuch  auch,  es  solt  gut  sein,  das  es  Haussen  von  der 
Planitz  undersaget  worde,  das  er  sich  enthilde,  dergleichen  Sachen 
an  m.  gn.  hn  und  vattern  von  des  konniges  wegen  anzutragen,  das 
er  sich  entscholdiget.  er  wer  m.  gn.  hn.  diener,  das  in  kön.  M‘  do- 
mit  verschonen  wolt  und  es  durch  andere  S.  kön.  M‘  diener  und 
rette  mit  S.  Gn.  handeilen  lassen,  bilde  ich  es  darfur,  es  solte  til 
sulchcr  suchung  nachbleiben. 


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No.  11;  1529  März  26. 


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Hx.  Franx  i'07i  Lüneburg  kommt  nicht  xum  Bt.  Die  Ur.sachcn 
mündlich,  auch  der  lüneburgisehc  Kanxlcr  wird  sie  Euch  wohl  an- 
xcigen  können,  sie  sein  aber  so  gut,  als  sie  sein  mugen. 

Das  Euch  herzog  Jorge  so  ungeschickt  antwort  geben,  gefeit 
mir  ganz  nichtes.  es  wer  aber  clannoch  nit  ungut,  das  Ir  sulches 
an  konnigk  als  an  den  rechten  lehenhern  gelangen  list  und  seiner 
kön.  M'  rat  darinnen  bettet.  Was  main  bedenken  belangen  tuet, 
hör  ich  gerden,  das  in  rat  kommen  ist,  ab  doch  got  wolt  genad 
geben,  das  etwas  guttes  dorinnen  mecht  ausgericht  werden,  es  wer 
aber  ein  gutte  lueiuung  gewessen,  das  ir  rette  dargegen  bedenken 
geschrieben  bettet,  ab  wir  nichtes  zu  tuen,  dan  übel  gegen  ein- 
ander zu  schreiben,  auf  das  die  zait  dannit  vertriben  word  und 
die  Sachen  dardurch  verlastet.  das  dornach  die  schult  dorauf  ge- 
welczt  werde,  man  bette  warten  müssen,  bis  main  bedenken  wieder 
kommen  wer.  ich  kenne  die  doctorrenke  wol.  got  lob  das  nach- 
blieben ist.  So  hab  ich  m.  gn.  hn.  u.  vattern  auf  S.  Gn.  schreiben 
wieder  geschrieben  *)  mit  mainer  bossen  hant  der  Sachen  halben, 
wie  Euch  an  zeifel  wert  angezeiget  werden,  und  hab  kainen  zeifel, 
Ir  wert  es  an  nichtes,  was  Ir  getuen  kunt,  erwinden  lassen,  das  wir 
den  man  nit  zum  hern  haben  dürfen.  Graflf  Albericht  wert  nun 
ankommen  sein,  dem  wollet  main  bedenken  lessen  lassen  und  helfen, 
das  nichtes  verseumet  wirt,  dan  es  wil  meines  bedenkens  zeit  sain 
die  Sachen  mit  den  kfen.,  wie  main  bedenken  anzeiget,  anzufahen, 
dan  man  mocht  leicht  zu  lang  harren  . . . D.  W'eymar,  am  montag 
nach  palmaruni  im  XXVIIII.  jor. 

[F.  S.  fol.  61\  mein  vetter  hz.  Jorge  hat  auf  den  reistag  eigner 
person  gewolt,  ist  aber  sein  liebe,  da  sie  haben  auf  sain  wollen,  krank 
worden  und  .schigken  Hans  von  Schonbergk  und  doctorn  Wertem 
tlahin.  So  kan  der  marggraff  von  huren  aus  der  harniskammer  nit 
kommen-)  und  wert,  als  mein  kuntschaft  laut,  den  bischof  von 
Lebus  daliin  verordenen. 

Grüßet  Christoph  von  Taubmheim  und  entschuldigt  mich  bei 
ihm.  daß  ich  ihm  nicht  wieder  .schreibe..  Den  schwarzen  edlen  er 
Hans  wolt  mir  auch  grussen  und  im  sagen,  der  sol  der  bossen 
Sachen,  die  im  der  konnigk  betilt,  nuissig  gehen,  ober  wil  in,  wan 
ich  zu  im  komme,  in  wasser  werfen. 

Besorgt  mir  xwei  große  lederne  gepichte  Flaschen. 

11.  Herxog  Johann  Friedrich  an  Kurfürst  Johann,  Weimar  1.529 
Marx  20.  Antwort  auf  den  Brief  Johanns  vom  17.,  dessen 
Inhalt  sich  fast  völlig  aus  dem  vorliegenden  ergibt.  Vermutung, 
daß  die  Artikel  über  die  Türkenhülfe  und  das  Begiment  auf 
Ferdinand  xurückgehen.  Ermahnung  xum  Widcr.stand  gegen 
die  Aufhebung  des  vorigen  Beich.sabschieds. 

1)  Am  2t.  Hört.  Hdbf.  in  Reg.  E.  fol.  S7a,  2fo.  SS,  fol.  61,  ohne  mehlige 
neue  A’nehriehten. 

2)  Bezieht  »ich  auf  da»  Verhältni»  .foaehim»  zur  Frau  Hornung». 

Beitr^K«  zur  neueren  OcKhiebte  ThurLn^^ns  I.  g 


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No.  12:  1529  April  8. 


Hdbf.  R^g.  E.  fol.  S7a,  Ao.  gS^  Bl.  69  f.,  eigenh,  Kom.  fbemla  Bl.  tl7Sl9. 

Bcnnizt:'S.  42,  72. 

Ich  hab  E.  Gn.  schreiben  verlessen  und  . . das  der  reistag 
angefangen,  hab  ich  gerden  gehört,  got  geh  das  etwas,  das  zu  got— 
lichein  lob  dinstlichen  und  zu  wolfart  des  reiches  nützlichen  aldo 
gehandelt  w erd , aber  die  artickel , die  von  wegen  kais.  M‘  den 
sthenden  des  reiches  sain  angezaiget.  saint  etwas  heftig,  und  ist 
wol  daraus  abzunemen,  das  sie  am  meisten  von  konnigk  von  Behem 
herkommen,  achtes  auch  ganz  wai  mir  darfur,  das  sulche  artigkel 
von  konnigk  dergesthalt  kais.  M*  uberschigkt  und  den  befel  also 
dorauf  ausbracht  ist  worden,  oder  aber  das  sie  der  konnigk  als 
stathalder  im  heiligen  reich  heftiger  gesthellt  und  verlessen  haben 
lassen,  dan  kais.  M‘  dieselbigen  aus  Ispanien  befollen  haben,  es  ist 
leichtlichen  abzunemen,  den  die  zene  /=  xueil,  artigkel  die  turken- 
hulf  und  underhaldung  regimentes  und  kammergerichts  belangent 
kommen  niemandes  zu  gut  den  dem  konnig  allain,  dan  der  Turk 
leit  im  am  hertesten  an.  dieweil  sich  sain  kön.  M‘  des  uberzoges 
versehen  mus,  so  hat  sein  kön.  M‘  befor  das  regiment  von  iren 
er[b]lauden  erhalden  müssen,  welches  nun  auf  die  sthende  des 
reiches  wil  gewelzt  werden. 

Nachdem  ich  aber  aus  E.  Gn.  schreiben  vermerk,  das  der  Spey- 
risch  abschit  auf  forigem  reistag  von  kfen.,  fürsten  und  sthenden  des 
reiches  aufgericht,  darain  auch  kg.  Ferdinandus  als  sthathalter  kais. 
M',  desgleichen  die  veordenten  fürsten,  die  dazumal  commissarien  ge- 
wessen  sein,  gewilliget  haben,  nunmals  auf  diessem  reistag  ganz  dot 
und  ab  sein  sal,  ist  etwas  erschrecklichen  zu  hören,  das  nun  wil  umb- 
kert  werden,  und  ist  daraus  wol  zu  ermessen,  was  das  folk  im  sin  hat, 
got  maches  nach  seinem  gotlichem  willen,  es  wil  aber  sulches  nit  ain- 
zureumen  am  meisten,  nach  der  weit  zu  reden,  an  und  wei  E.  Gn. 
sthehen,  das  E.  Gn.  mit  denen,  die  dem  gotlichen  wort  anhengig, 
die  wiederwag  halden  mus.sen  und  sunderlichen  mit  den  Stetten,  dan 
wan  E.  Gn.  allain  fest  halden  und  die  andern  an  sich  zihen  und 
mit  innen  sich  ganz  nit  abwenden  lassen,  werd  mit  Verleihung  got- 
licher  geuad  der  forige  abschit  aber  ain  bessers  wol  erhalten  werden 
und  sunderlichen  wan  E.  Gn.  des  beschlus  erwarten  *)• 

Und  das  mir  E.  Gn.  ain  repir  geschigket  haben,  tue  ich  mich 
ganz  utglichen.  bedanken  und  gefeit  mir  fast  wol,  wil  es  auch  umb 
E.  Gn.  hinwieder  als  umb  m.  gn.  hn.  und  vattern  verdienen. 

Ich  weis  E.  Gn.  nichtes  besunders  von  Zeitung  anzuzeigen,  dan 
das  am  palmsontag  E.  Gn.  alder  getreuer  diener  Marckus  Schart 
zu  Gessen  (V)  gestorben  ist . . . D.  Weimar  am  karfreitag  ganz  eilenz 
im  X.WIIII  jar. 

12.  Ilerxog  Johann  Friedrich  an  Kurfürst  Johann,  Weimar  1529 

April  8.  Antwort  auf  Brief  vom  30.  Marx.  Auseinander- 

1)  Im  A’onz,  hier  noch  ein  AbAchnitt,  in  dem  empfohlen  wird,  die.  Glanhenefrage 
vor  der  Türkenhülfe  voreunehmen,  um  Ferdinand  in  ereterer  wichgiebiger  xu  machen. 


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No.  12;  1529  April  8. 


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xelxung,  daß  Sachsen  in  der  Wahl  frage  Vorgehen  muß,  auch 
wenn  nichts  darüber  an  den  Kurfürsten  gelangt.  Rat,  es  xu- 
nächst mit  Pfah,  Trier  und  Köln  xu  versuchen.  Sind  diese 
nicht  XU  luibcn,  dann  muß  man  die  früher  empfohlenen  anderen 
Wege  einschlagen.  P.  S.  Einige  Bedenken  icegen  der  Türken- 
hülfe .'find  an  Anhalt,  Mansfeld  und  Minckieitx  geschickt. 

ßdbf.  Reg,  E.  fol.  SJa,  No.  SS,  Bl.  SS8 — SSO;  eigenh.  Konz.  vom.  6.  Aprile 
Ia>c.  lOGllf  ffSchreihen  und  Bedenken’*,  fol.  S1  /.  Benutzt:  S,  ?0,  72. 

Ich  hab  E.  Gn.  wiederschreiben  mit  ainer  /=  eigner]  haut  die 
Sachen  halben,  bie  E.  Gn.  bewust,  belangen!,  welches  datum  sthehet 
Speier  dinstag  nach  ostern,  hab  ich  montag  nach  (luasiniodogeiiiti  ent- 
pfangen  und  . . . versthanden,  und  das  E.  Gn.  meiner  nachtrachtung 
zeu  vetterlichem  gefallen  angenommen,  hab  ich  mit  besundern  freuden 
vermerkt,  und  zceifelt  mir  ganz  nit,  E.  Gn.  weren  sich  in  betrachtung 
der  wolfart  des  reiches  und  E.  Gn.  seihest  wol  zeu  halten  und 
unferweislichen  zeu  erzeeigen  wissen.  Ich  fermerk  aber  neben  dem 
aus  E.  Gn.  schreiben,  das  derhalben  nach  zeur  zcait  nichtes  mit 
E.  Gn.  gehandelt  und  geret  sei  worden.  Nun  wil  ich  E.  Gn.  allein 
das  erinnern,  das  im  E.  Gn.  weiter  nachzeugedenken,  es  wil  zeu 
besorgen  sain,  das  E.  Gn.  deshalben  nichtes  werd  vermelt  werden, 
es  sai  dan  sach,  das  wai  den  andern  kfen.  sulches  nach  allem  willen 
bereit  erlanget  sain,  wolt  dan  alles,  was  E.  Gn.  forwenden  solt, 
beschwerlicher  zeu  handeln  und  etwas  fruchwars  auszcurichten  sein, 
dan  so  zeufor  von  E.  Gn.  etwas  mit  den  kfen.  aus  den  dingen 
geret  und  geratschlagt  wer  worden,  so  inugen  E.  Gn.  meines  törichten 
bedenkens  wol  darzu  kommen,  (las  E.  Gn.  kegen  niemandes  mit 
gründe  verdacht  mug  aufgeleget  werden  aus  folgenden  Ursachen : 
Dan  E.  Gn.  hetten  den  kfen.  anzcuzccigen,  welcherlei  gesthalt 
von  kais.  M‘  orator  den  von  Hildesheira  aber  Waltkirchen  von  wegen 
kais.  M'  wai  E.  Gn.  suchung  getan,  das  Ir.  M‘  bruder  zeu  (besser 
Sachen  solt  gemacht  werden,  dieweil  dan  E.  G.  nit  zceifelt,  es 
werde  dergleichen  suchung  an  I.  L.  auch  gelangt  sein,  hettens  E.  Gn. 
innen  . . sulches  nit  onangezeeigt  wollen  lassen,  aus  dem  das  es 
E.  Gn.  dafür  hilden,  nachdem  das  ein  wichtiger  und  dapfer  handel 
wer,  diewail  nun  I.  L.  auch  E.  Gn.  aldo  wai  einander,  das  sich  I.  L. 
und  E.  G.  mit  einander  davon  underret  hetten,  auf  das  ein  ider, 
so  weiter  suchung  beschehe,  Wissens  hette,  was  sich  I.  L.  und  E.  Gn. 
underret,  was  zeu  antwort  zeu  geben  wer,  die  von  ainem  kfen.  als 
von  andern  gefil,  und  ain  gleichheit  in  den  dapfern  Sachen  sich  ver- 
einiget und  verglichen  werde. 

Nun  werde  sulche  aber  dergleichen  anzeeigung,  wie  sie  von 
E.  Gn.  zeu  bedenken  sein  werde,  von  niemand  mit  Willigkeit  mugen 
verarget  werden,  sondern  E.  Gn.  must  til  melier  das  lob  geben 
werden,  das  E.  Gn.  die  wolfart  des  reiches  treulichen  erinnert. 
Bedechten  aber  E.  Gn.,  das  nit  gut  sein  solt,  mit  allen  kfen.  zeu- 
gleich  von  den  dingen  zeu  reden,  und  das  E.  Gn.  etwas  dorinnen 
bedenken  hetten,  so  haben  doch  E.  Gn.  besthendige  Ursachen,  wei 

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No.  12:  ir)29  April  8. 


Trier  und  Pfalz  anzcuregen,  nachdem  ain  tag  kegen  Folda  aber 
(lelenhaussen  hat  gemacht  sollen  werden  ').  das  die  zcene  kfen.  und 
E.  Gn.  aldo  hin  kommen  und  sich  von  den  dingen  zcu  underreden 
gehabet  hetten.  und  wiewol  Pfalcz  denselbigen  tag  abgeschrieben 
mit  dem  anhangk,  so  fil  ich  mich  zcu  erinnern  von  E.  Gn.  gehört, 
das  S.  L.  mit  E.  Gn.,  und  dem  bischof  von  Trier  auf  dem  reistagk 
von  den  dingen  reden  und  handeilen  woll:  auf  dem  haben  E.  Gn. 
gcnuczamme  bckemmickeit  zu  benigesten  mit  den  zceihen  kfen. 
vertreulichen  von  den  dingen  zcu  reden. 

So  achte  ich  ganz  darfur,  dieweil  graff  Wilhelm  von  Neunahr 
zcu  Speiher  ist,  das  E.  Gn.  als  mit  Irem  rat  und  diener  darvon 
in  vertrauen  zcu  reden  haben,  dan  er  wert  E.  Gn.  in  dem  und 
andern  ganz  gehainier  (?)  sein,  und  sunderlichen  das  der  von 
Neunahr  sich  fuglichen  am  kfen.  von  Collen  erkunde  und  S.  L. 
gemut,  was  S.  L.  in  dom  genaiget,  erlernet  worde.  Wie  nun  E.  Gn. 
sulches  durch  des  von  Neunahr  handelung  befunden,  hetten  E.  Gn. 
darnach  die  Sachen  an  Collen  zu  gelangen  aber  zcu  underlassen, 
dan  ich  achtes  ganz  darfur,  E.  Gn.  weren  nit  anders  wai  mein  hn. 
von  Collen  befinden,  dan  das  S.  L.  gotlichen  wort  wolgenaiget  sain 
Wirt  for  ainen  bischof  und  E.  Gn.  mit  allem  freundlichen  willen 
mainen. 

Wan  nun  E.  Gn.  mit  gotlicher  hulf  wei  denen  dreihen  kfen. 
die  handelung  rechschaffen  befunden,  und  das  sich  I.  L.  ain- 
trechtig  mit  E.  Gn.  ainer  christlichen  und  erlichen  antwort  fer- 
glichen,  hetten  E.  Gn.  alles,  das  aus  der  suchen  entsthehen  mocht, 
men.schlichen  zcu  reden,  verkommen. 

Befunden  E.  Gn.  aber  die  suchen  anders,  das  got  mit  genaden 
abwenden  wolle,  hetten  E.  Gn.  auf  die  andern  wege  zcu  trachten 
und  gedenken,  und  hab  solches  aus  utgem.  gemut  freundlicher  und 
treuer  mainung  als  der  sorkfeldige  E.  Gn.  nit  verhalden  wollen 
mit  bit,  das  E.  Gn.  nit  anders  dan  wie  ich  es  treulichen  maine, 
versthehen  wollen  ....  D.  Weimar  am  donnerstag  nach  quasi- 
modogeniti  im  XXVIIII  jar. 

Jin  Qr.  auf  Bl.  229  nrtch  ein  P.  S. 

....  Als  mir  auch  E.  Gn.  der  turkenhulf  halben  geschrieben, 
darauf  wil  ich  E.  Gn.  nit  bergen,  das  ich  als  der  sorkfeldig  der 
türkenhiilf  halben  etliche  bedenken  hab  sthellen  lassen,  allain  zu  einer 
erinnerung,  und  hab  sulche  meinem  ohem  von  Anhalt,  gf.  Alberichten 
von  Mansfelt  und  er  Han.ssen  von  Minkwitz  zugeschick,  denselbigen 
weiter  nachzugedenken,  dan  ich  hab  es  nit  wirdig  geachtet,  das 
ich  E.  Gn.  darmit  bemühen  solt.  So  aber  E.  Gn.  wai  obgenanten 
mainen  ohem  von  Anhalt  und  den  andern  befunden,  das  etwas 
darinnen,  das  wirdig.  damit  E.  Gn.  bemühet  solt  werden,  so  haben 
E.  (in.  wai  I.  L.  und  inen  zu  erfordern. 

. . . . D.  ut  supra. 


1)  Ob  nich  tiat  au/  die  Verhandlungen  von  15tS/tti  beiiehtt 


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No.  13:  1Ö29  April  14. 


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13.  Herzog  Johann  Friedrich  an  die  Herzogin  Elittabelh  von  Sachsen, 
Weimar  1.529  April  14.  Erklärung,  iresludh  er  so  selten  schreibe. 
Herzog  Georgs  und  Luthers  Streit.  Das  Bündnis  7ind  der 
Des.saucr  Abschied.  Back.  Unberechtigte  Klagen  Georgs.  Zu- 
rückweisung der  Behauptung,  daß  er  lAindgraf  Philipps  Fest- 
halten an  Pack  bewirke,  den  Landgrafen  überhaupt  schädlich 
beeinfhisse.  Die  Schuld,  daß  es  zwischen  Georg  und  Kurf. 
Jolmnn  nicht  zu  einer  Versöhnung  kommt,  trägt  nicht  Johann, 
sondern  Georg.  Erfolge  der  evangelischen  Ih'cdiger  auf  dem 
Reichstag. 

Eigtnh.  Kt>nz.  Reg.  A,  HO.  Hennizi:  S.  4^,  54»  ^7. 

Wenn  ich  E.  L.  so  lange  nicht  geschrieben  habe,  so  ist  es  nicht, 
wie  E.  L.  meinen , deswegen  geschehen , iceil  ich  E.  L.  zürnte, 
sondern  ist  aus  dem  ferblieben,  wie  ich  E.  L.  foruias  oft  hab  an- 
gezaiget,  mit  was  sorgen  ich  almal  E.  L.  schraibe,  so  sehen  E.  L., 
wie  es  iezt  mit  den  briefen  .selczani  zugehet  und  ich  nit  wol  wissen 
mag,  wen  ich  mit  Überreichung  der  briefe  trauen  sol.  dan  der  traue 
ist  icziger  zait  ganz  mislichen,  so  kan  gelt  wol  schelke  machen. 
Aus  dem  und  kainen  andern  Ursachen  hab  ich  main  .schraiben  an 
E.  L.  underlassen,  so  es  aber  E.  L.  über  das  haben  wollen,  das 
ich  E.  L.  schreiben  sol,  die  brief  kommen  in  andere  hende  aber  nit, 
und  E.  L.  kain  nachtail  doraus  entstehet,  ist  es  nit  ain  schlechte 
Sache,  dan  was  ich  schreibe,  es  kumme,  vor  wen  es  wolle,  werd  ich 
es  wenig  scheue  haben,  wan  es  sunst  gut  sain  sal. 

Was  mir  aber  E.  L.  negst  doctor  Lutters  schraiben  halben, 
das  er  wieder  main  lieben  vettern  hz.  Jorgen  von  Sachssen  hat 
ausgehen  lassen,  geschrieben,  darauf  mag  ich  E.  L.  mit  warhait 
.schraiben,  das  ich  waide  schriefte.  die  wieder  ainander  ausgangen 
sain.  nit  gerden  gehört  habe  und  hette  leiden  mugen,  es  wer  von 
Waiden  tailen  ferblieben,  was  aber  m.  gn.  h.  und  vatter  zu  tuen  solt 
in  dem  scholdig  sain  und  sthralf  kein  Lutter  forwenden,  hat  S.  L. 
wai  m.  gn.  h.  zu  melier  mallen  gesucht,  aber  S.  (in.  haben  S.  L. 
darauf  wieder  antwort  geben,  dawai  es  S.  L.  mit  einer  mas  hat 
bleiben  lassen,  wie  E.  L.  an  zeifel  der  suchung  und  antwort  genuck- 
sam  wert  Wissens  haben,  derhalben  ich  E.  L.  damit  nit  bemühen 
wil,  waiter  ferraeldung  E.  L.  darvon  zu  tuen. 

Wie  es  aber  umb  das  buntnus  gelegen  und  was  ich  E.  L.  der- 
halben geschrieben,  weis  ich  mich  got  lob  desselbigen  wol  zu  er- 
innern, was  sich  auch  E.  L.  derhalben  erkondet  und  sunderlichen 
des  Desissen  abschides  halben,  wie  es  derhalben  gelegen,  wais  ich 
ganz  wol,  den  main  lieber  vetter  hz.  Jorg  hat  denselbigen  Desissen 
abschit  m.  gn.  hn.  und  vattern  zu  der  Nauburg  auf  aiuem  tag  kurz 
darnach  gehalden,  schriftlichen  ubergeben,  wie  nachmals  verbanden 
ist  und  wenig  fridliches  darinnen  zu  betinden. 

Es  ist  auch  nochmals  wol  verbanden,  was  for  ain  schrieft  von 
kais.  M‘  aus  Ispanien  an  die  zene  graften  graft’ Wilhelm  von  Nas.sau 


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No.  13:  1529  ÄprU  14. 


und  graff  Ebliarten  von  Kunsthain  (=  Königstein)  ist  ausgangen, 
darinnen  kais.  M‘  anzeiget,  wie  sie  und  von  wem  sie  bericht  sai, 
welcherlei  gesthalt  etliche  curfürsten  ain  bunnus  furgenommen, 
nemlichen  der  Cardinal  und  erbisclioff  von  Maincz  und  Maideburck, 
hz.  Jorg  von  Sachssen,  hz.  Heirich  von  Bruns weig  mit  etlichen 
andern  curfursten,  fürsten  und  sthenden  des  reiches  zu  verhuttung 
wieder  die  Lutterissen,  ob  sie  sich  untersthunden,  mit  list  oder  ge- 
walt  immandes  zu  innen  in  iren  Unglauben  zu  dringen,  einer  bunnus 
halben  mit  ainander  furgenommen  und  gehandelt  etc.  daraus  sich 
allei  (allerlei't)  in  zu  erkunden  und  zu  ersehen,  und  nit  unglewlichen 
ist  Waides  (weil  cs't)  kais.  M*  schreiben  mit  sich  bringet,  das  an 
dem  buntnus,  darvon  solches  schreiben  meldet,  etwas  sain  wirt. 

Was  aber  Pack  von  dem  bunnus  gesaget,  auch  fordern  E.  L. 
von  dem  von  Wirtenberk,  graft’  Albrechten  von  Mansfelt  und  mir 
gesaget,  las  ich  auf  im  seihest  bleiben,  dan  was  er  E.  L.  ange- 
zaiget,  darf  keiner  Verantwortung,  dan  sain  aigen  aussage,  so  er 
uffentlichen  for  aller  fürsten  retten,  die  dazumal  zu  Cassel  gewest, 
getan,  zeiget  genucksam  an,  das  er  E.  L.  unwarheit  und  ungrunt 
ding  bericht  hat. 

Welcherlei  gesthalt  aber  main  lieber  vetter  hz.  Jorge  E.  L. 
geklagt,  das  S.  L.  von  m.  gn.  hn.  und  vattern  nie  het  erlangen 
mugen,  das  S.  Gn.  S.  L.  hette  geschrieben,  das  S.  Gu.  S.  L.  der 
Sachen  eutwissen  (V)  wollen  mit  Bock  etc.  dorauf  wil  ich  E.  L.  nit 
unangezaiget  lassen,  das  ich  mich  zu  erinnern  wais,  das  S.  L.  wai 
m.  gn.  hn.  und  vattern  derhalben  suchung  getan,  dorauf  S.  Gn. 
S.  L.  zu  allen  mallen  dermassen  antwort  geben,  die  S.  (in.,  ab  got 
wil,  wai  inenlichen  unporteis  unferweislichen  sain  werden,  und  auf 
das  E.  L.  derselbigen  antwort  wissen  mugen  haben,  bitten  E.  L. 
iren  her  vatter,  das  S.  L.  E.  L.  diesselbige  antworten  wol  sehen 
lassen,  weren  E.  L.  nichtes  unbillighes  dorinnen  befinden. 

Das  aber  S.  L.  mich  mit  darein  zihen  tuen,  das  ich  S.  L. 
sulches  nit  verwissen  wolt.  mag  ich  E.  L.  mit  warheit  schraiben, 
das  S.  L.  derhalben  mir  nihe  geschrieben  aber  angesucht,  hab  ich 
S.  L.  derhalben  kain  antwort  geben.  Das  ich  und  graft’  Albrec.ht 
müssen  das  creucz  tragen,  das  alle  scholt  unsser  sain  sol,  hör  ich 
gerden,  das  so  gutte  leut  wai  E.  L.  sain,  die  uns  sulches  ungrunt 
auflegen.  Ich  wais  aber,  das  der  graff  und  ich,  auch  andere  m.  gn. 
hn.  und  vatters  rette  nit  anders  S.  Gn.  ratten,  dan  wie  wir  der 
ferwantuns  nach,  darmit  wir  S.  Gn.  zugetan,  cs  schuldig  sain  und 
das  nit  anders  ist,  dan  christlich,  erlich  und  das  S.  Gn.  fug  und 
recht  haben.  Ich  gleube  aber,  das  ich  ain  frummer  vetter  sain 
worde  und  die  anileru  getreue  rette,  wan  wir  ritten,  das  m.  g.  h. 
vatter  alles  das  tette,  das  main  lieben  vettern  gefiel,  und  darumh 
wieder  got  noch  gewissen  ansehen  und  ganz  S.  L.  knechte  weren, 
was  S.  L.  haben  wolt,  das  wir  ritten,  dies  m.  gn.  h.  und  vatter 
tuen  must. 


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No.  13:  1529  April  14, 


119 


So  aber  über  das  imant  von  E.  L.  retten  aber  wer  sie  sain, 
uns  anders  auflegen,  bitte  ich  fruntlichen,  E.  L.  sagen  innen,  das 
sie  sulches  nit  E.  L.  sagen  sundern  uns.  das  wir  es  ferantworten 
mugen,  wollen  wir,  ab  got  wil,  uns  dergestlialt  mit  antwort  vernemen 
lassen,  das  die,  die  sulches  erdichten,  schamrot  sthehen  mussten. 

Das  E.  L.  angezaiget,  das  Ir  vermclt  sai,  das  die  schult  main 
sai.  das  E.  L.  bruder  über  Packen  so  fest  heldet  etc.  ich  mus  leiden, 
was  mir  die  frommen  leut  kegen  E.  L.  und  sunsten  autlegen,  dan 
ich  wais  nit,  wer  sie  sain,  die  mich  dermassen  austragen,  E.  L. 
machen  sie  aber  mir  namhaftig,  das  ich  mit  innen  dorvon  reden 
mag,  und  E.  L.  sehen  zue,  wer  worhait  aber  unworhait  anzaiget. 

Aber  ich  mag  E.  L.  mit  worhait  schreiben,  das  main  lieber 
bruder  der  lantgraff  in  langer  weil  nichtes  mit  mir  darvon  geret 
hat,  dan  negst  alhie.  Was  ich  dan  S.  L.  dorinnen  geratten  hab, 
mochte  ich  leiden,  das  E.  L.  und  iderman  bust,  dan  ich  hab  S.  L., 
wie  man  mir  schuld  giebet,  nichtes  unerliches  geratten,  sundern  das 
sain  liebe  mit  eren  und  fug  verantworten  muge. 

Das  mich  aber  E.  L.  etwas  hart  anzihen,  das  mir  E.  L.  aus 
notturf  anzeigen  mussten,  dan  E.  L.  hetten  nur  aineu  bruder,  das 
nun  derselbige  solt  ferfurt  werden,  das  er  under  die  leut  ausge- 
tragen worde  etc.,  darauf  wil  ich  E.  L.  nit  bergen,  das  ich  nit 
wenig  beschwert,  das  mich  E.  L.  . . dergesthalt  anzihen  sollen,  nnge- 
hort  mainer  antwort,  als  verfurt  ich  E.  L.  bruder,  dan  ich  hoff  zu  got, 
E.  L.  haben  mich  dergesthalt  erkennet,  das  ich  dergleichen  Sachen, 
die  unerlichen  sain  sollen  melier  feint  dan  anhengig  bin,  fil  weniger 
das  ich  imandes  in  unerliche  und  unerbare  ding  furen  solt,  nit  be- 
fonden,  dan  ich  zu  got  vertraue,  ich  hab  mich  main  tag,  an  rum 
zu  schreiben,  dermassen  gehalden,  das  mir  sulches  billiehen  nit 
solt  aufgeleget  werden,  wiewol  ich  wol  gleube,  das  E.  L.  schraiben, 
wie  sie  berichtet  sain  werden,  aber  dannoch  solt  ich  nit  unbillichen 
mit  dem  ferschonet  bleiben.  Dan  E.  L.  haldes  aigentlichen  darfur, 
das  ich  E.  L.  bruders  unfal  und  so  sein  1.  mit  ichten  beschwert 
worden,  gewislichen  .so  ungern  sehen  wolt,  als  E.  L.  ader  imands, 
das  selbige  auch  zu  ferkommen  wolt  ich  auch  ab  got  nach  maiuem 
fermugen  so  fil  darwai  tuen,  als  die  E.  L.  und  S.  L.  gutte  wort 
geben  und  grosse  sorge  haben,  wie  S.  L.  mochten  ferfurt  werden, 
dan  ich  wais  mich  got  lob  frai,  daß  ich  S.  L.  nichtes  geratten,  wan 
ich  an  S.  L.  sthat  gewesen,  ich  wolt  es  auch  seihest  getan  haben 
und  S.  L.  haben  tuen  helfen. 

Das  aber  E.  L.  waiter  anzaigen,  wie  gerden  E.  L.  her  vatter  mit 
mainem  gn.  hern  und  vattern  genzliehen  und  freuntlichen  vertragen 
sain  wolt  und  wie  gleich  S.  L.  es  unsserm  teil  forheldet  etc.,  darauf 
wil  ich  E.  L.  das  berichten,  das  m.  gn.  h.  und  vatter  alweg  nit 
anders  gesucht,  suchet  auch  nochmals  nit  anders,  dan  das  S.  Gn. 
gerden  mit  E.  L.  hern  vattern  genzliehen  und  von  herzen  vertragen 
sain  wollen,  und  das  E.  Gn.  wissen  mugen,  wes  sich  S.  Gn.  und  main 
lieber  vetter  wiederumb  zusammen  versehen  sollen,  welches  E.  L. 


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120 


Mo.  14:  1529  April  14. 


her  vatter  ganz  nit  tuen  wil.  Und  auf  das  E.  L.  der  Sachen  waitern 
bericht  haben  mögen,  tue  ich  E.  L.  hiemit  uberschigken,  was  m. 
gn.  h.  und  vatter  derselbigen  vettern  landschaft,  do  sie  die  han- 
delung  am  negsten  bei  S.  Gn.  landschaft  gesucht,  vor  antwort  geben 
haben  *),  daraus  E.  L.  befinden  werden,  wer  es  dem  andern  am 
gleichsten  furleget,  den  es  wirt  m.  gn.  h.  und  vattern  gleich  forge- 
leget,  wie  es  der  Wende  dem  Deuczen  forleget,  der  Deucz  solt 
eule  behalden,  so  wolt  der  Wende  den  hassen  behalden,  ader  der 
Wende  wolte  den  hassen  behalden  und  dem  Deuczen  die  eulen  lassen. 
So  get  man  mit  S.  Gn.  auch  umb  und  wil  darnach  sagen,  wie  gleich 
es  S.  Gn.  forgeleget  wirt  und  S.  Gn.  wollen  kains  annehmen,  wan 
wir  aber  auf  unsserm  tail  sollen  den  hassen  haben,  wollen  wir  walt 
sagen:  Seit  vertragen,  hör  Euch  die  eule. 

Ich  wolt  nit  weniger  gcrden  wai  E.  L.  sain,  dan  E.  L.  schraiben, 
und  mich  von  den  dingen  mit  E.  L.  underreden,  wan  es  gesain  mocht. 

Vor  Zeitung  E.  L.  beger  nach  wais  ich  E.  L.  nichtes  zu  schraiben, 
dan  das  m.  gn.  h.  und  vatter  mit  den  sainen  frisch  und  gesunt  zu 
Spciher  auf  dem  reistag  ist,  und  wie  wol  man  S.  Gn.  das  fieis  zu 
essen  in  der  fasten  hat  weren  wollen,  auch  die  brediger  des  got- 
lichen  Wortes,  aber  S.  Gn.  habens  mit  gotlicher  hulf  erhalden  und 
gehen  of  in  S.  Gn.  prediger  und  maines  lieben  bruders  des  lant- 
graffen  ainen  tag  ain  se.\  aber  acht  taussent  menschen,  wan  des 

tages  zcaimal  geprediget  wirt Gott  wolle  E.  L.  erkentnus  seines 

gotlichen  wertes  ferleihen  und  folgen!  darinnen  erhalden.  D.  Weimar 
mitwochen  nach  misericordias  doinini  im  XXVIIII  jar. 

14.  Graf  Alhrccht  von  an  Hcrxoij  Johann  Friedrich 

fSpeier]  1529  April  14.  Bedauern,  daß  er  nicht  auf  dem 
Bcich.dag  ist.  Bericht  über  die  in  der  Frage  der  Königsicahl 
mit  Trier  und  Köln  geführten  Verhandlungen,  auf  Pfalz  keine 
Hoffnung.  Der  kölnisch-jülichsche  Streit. 

Jllibj.  Reg.  R.  fol.  S7a,  No.  8i(,  Bl.  89 — 9S.  BennUt:  & 71. 

Durch  Hans  von  Mincku'üx  werden  E.  f.  Gn.  erfahren  haJwHj 
rras  bisher  verhandelt  ivorden  ist,  der  Kanzler  will  auch  E.  Gn.  Ab- 
schrift aller  Handlungen  schicken. 

E.  f.  Gn.  werthen  meins  verhoffen  keinen  reichstag  hinfurt 
nicht  meher  haben,  auf  wellichem  E.  f.  G.  so  nottorft  als  auf  dissem 
gewesen,  di  handelung  wirt  E.  f.  G.  solchs  zum  teil  anzeihen,  so 
seind  die  Ursachen  durch  Schrift  nicht  zu  vermelden. 

Di  handelung  ein  rommischen  konnig  belangen!  hab  ich 
mich  fast  bei  einer  stunde  mit  dem  bischof  von  Dreiher  (=  Trier) 
in  underrete  gelassen,  wellichs  kflich  Gn.  mich  dan  gnediglichen 
gehört  und  einen  weitschweiffenden  mau  funden,  wiewol  ich  sein  kf. 
Gn.  feil  umbstede  vermelt,  doch  die  Sachen  letztlich  darhin  bracht, 
das  er  im  mit  m.  gusten.  hn.  E.  f.  Gn.  hn.  vatern  daraus  zu  uuder- 
reten  angenommen,  befinde  doch  S.  kf.  Gn.  gemut  zu  dem  man 

• 1)  Vergl.  Burkhardt,  Lnndtaij»aktcn,  /,  S.  188  ff. 


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No.  15:  1529  April  26. 


121 


nicht  gewilliget,  aber  die  forcht  ist  gross,  dergleichen  dass  der 
man,  so  gern  konig  were,  dem  vermeinten  geistlichen  anhenigk 
ist  etc.  und  so  in  der  underrete  m.  gnster.  h.  noch  immanz  zu 
im  nemhe,  so  es  anders  Vorgang  gereicht,  wolt  ich  hoffen,  es  solt 
etwas  fraucht  [frucht]  schaffen,  sunst  ist  meglich,  das  es  nicht  sonders 
vertreglich  sein  werte.  Dermassen  stehen  auch  die  sachen  mit  Köllen 
dan  der  von  Morss.  der  bischof  bruder,  der  von  Manderstadt  sampt 
er  Hansen  und  mir  haben  uns  auf  ein  meinung  underrett.  aus 
dem  der  bischof  an  kappittel  und  lantschaft  in  kein  verstand  nicht 
gehen  dorfe,  das  es  allein  auf  einer  fruntlichen  underrete  stund. 
Demnach  haben  er  Hans  und  ich  ein  korz  verzeichniss,  woherauf 
di  muntlich  underrete  stehen  sold,  begriffen,  den  beiden  hern, 
welliche  es  forder  an  den  bischof  getragen,  zugestelt,  aber  ob  der 
bischof  des  also  gesindt.  entlieh  antwort  nicht  erlangen  mögen, 
allein  stehet  es  auf  dem,  das  der  bischof  mit  meinem  hn.  dem  kf. 
zu  Sachssen,  wan  es  S.  kf.  Gn.  gefelligk.  in  feit  zeihen  und  mit  S. 
kf.  Gnen.  selbst  underreten  wil,  hab  noch  gestern  m.  gnsten.  hn.  des- 
halben  angerett,  wils  forder  tun  und  schigke  demnach  E.  f.  Gn.  Ver- 
zeichnis der  zedeln,  so  den  beiden  graffen  in  der  sachen  zugestellt. 

Mit  Pfalz  hab  ich  nichts  gehandelt,  dan  er  kein  Sach.sen  nicht 
kendt,  kan  es  sich  aber  mit  fugen  zutragen,  solchs  sol  nicht 
underlassen  bleiben.  Ich  wil  weider  erkondung  haben  und  E.  f.  Gn. 
solchs  nicht  verhalden  und,  so  feil  an  mir,  deis  nicht  sparen.  Mit 
beiden  kfen.  als  Treiber  und  Kolln  ist  gehandelt,  aber  mit  Köllen 
nicht  sonders. 

Und  in  allem,  so  mir  möglich  das  vor  zu  wenden  E.  f.  Gn. 
zu  wolfart  und  gefallen  reichen  mocht,  sol  ich  leib  und  gut  nicht 
sparen,  trage  kein  zweifei  E.  f.  Gn.  werten  m.  gn.  h.  sein  und 
bleiben,  dan  mit  den  verhabenden  sachen  werte  ich  mich  nicht 
verdinnen  etc.  Privntanyckijenheiten.  ...  D.  in  eil  mein  hant 
14  tage  aprilis  im  29. 

\Zcttcl  fol.  ’JO\.  Auf  die  gehaltene  unterrede  wird  es  dahin 
verstanden  und  also,  es  sohlen  sich  beide  kfen.  Köln  und  Sachs.sen 
in  ungutem  nicht  gegen  einander  vermögen  lassen,  sovill  auch  ein 
romi.schen  konig  belangt,  von  ein  person  vergleichen  und  stehen. 

In  den  irrungen  zwischen  Köln  und  Gulch  will  der  kf.  zu 
Sachssen  im  falh,  da  durch  Köln  und  Gulichs  rete  oder  lantschaft 
den  irrungen  nicht  mass  fanden,  gütlich  handlung  zu  gestatten  auch 
ansuchen,  und  so  S.  kf.  Gn.  handlung,  wie  auf  S.  kf.  Gn.  ansuchen 
ilurch  Köln  beschehen,  von  Gulich  auch  eingereumbt,  alsdann 
handlung  vorwenden,  so  aber  S.  kf.  Gn.  eigner  person  sulchs  for- 
zuwenden  verhindert,  durch  S.  kf.  Gn.  son  tun  lassen. 

15.  Herxog  Johann  Friedrich  an  Hann  von  Minckiritx  ( Weimar) 

1529  April  2(i.  Klayr  nher.neine  Schreihfaniheit. 

Kigenh.  Aont.  Reg.  E.  fol.  S7a,  No,  81^  BL  SSS  f. 

Dank  für  Brief,  aus  meines  Vaters  Bchreihen  h(d/e  ich  Bericht 
über  die  Angelegenheit  des  Erangeliums  erhalten,  wiewol  ich  befor 


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122 


No.  16:  1529  Mai-Juli. 


auf  mein  aigen  kunschaft,  er  es  mans  mir  geschrieben  hat,  sulches 
auch  erfaren  hab. 

Ich  schreibe  dem  von  Anhalt,  graff  Alberichten  und  Euch  fil 
briefe,  ich  krige  aber  wennig  antwort,  wie  es  zugehet,  kau  ich  nit 
wissen,  ab  Euch  die  briefe  nit  werden  oder  ab  Ir  zu  seher  auf  den 
abent  trinket,  das  Ir  nit  schreiben  muget,  mir  ist  von  Euch,  sieder 
das  Hutten  kommen  ist,  kein  briff  worden,  dan  gestern  wei  Euers 
brudern  knaben,  der  von  Anhalt  hat  mir  fast  in  dreihen  wochen 
nichtes  geschrieben. 

OcldaiKiclrgculieiten.  Johann  Friedrich  leiht  für  Minchritx 
2000  Gulden. 

D.  monta  nach  cantate  im  XXVIIII  jar. 

16.  Etliche  artigkel,  die  nach  gelegenhait  icziger  gesch[w]inder 

leuf  zu  bedenken  von  notten  sain  wollen.  1520  [Mai — Juli]  ‘). 

Gntachlen  über  das  abxnschließende  evangelische  Bündnis. 

Eigenh,  A^f^ei4;knung  JoJiann  Friedrich»  Reg.  U.  p.  10  L,  Jvl.  76 ff.  Benutzt: 

S.  7S  /.  Ranke,  III,  S.  117. 

Erstlichen  nachdem  sich  auf  dem  itxigen  vergangenen  Beielmtag 
des  20.  Jahres  ein  Ziriespalt  ergelmi  hat,  indem  der  meher  tail  von 
gemelten  kfen.,  fürsten  und  sthende  haben  wai  dem  alten  gebreuchen 
von  menschen  erdacht  und  erfunden  pleiben  wollen  und  dasselbige, 
das  von  den  alden  vettern  geschrieben  und  verordent  ist  worden, 
vor  christlich  und  recht  halden  und  gleuben,  und  daher  auch  den 
vorigen  Beichstugsbesehlaß  der  Instruktion  des  Kaisers  entsprerhend 
für  ungültig  erklärt  haben,  nachdem  aber  der  ander  tail  . . . die  der 
wenigiste  tail  zu  diessem  mal  gewessen,  haben  wai  menschen  ver- 
ordenung  und  Satzung  nit  ruhen  aber  bleiben  wollen,  sondern  allain 
wai  dem  claren  und  hellen  wort  gottes,  das  kain  menschen  leher  wai 
im  leiden  mag,  und  haben  das  erfurgesaezt,  das  sie  got  meher  dan 
dem  menschen  gehorchen  und  gehorsam  sain  wollen,  und  daher  bei 
dem  vorigen  Speierer  Abschied  bleiben  trollen,  so  i.si  es  -xur  Pro- 
testation  gekommen.  Man  hat  von  den  Gegnern  nichts  Gutes  xu  er- 
warten, es  ist  XU  besorgen,  das  fil  bossr  praktigken  und  biintnus  von 
innen  gemacht  und  aufgericht  werden,  unser  tail  zu  uberziheu  und 
von  landen  und  leuten  zu  ferjagen  und  genzlichen  auszureuten. 
Da  nun  dieselbigen  konig,  kfen.,  fürsten  und  sthende  unssers  tails 
hern  oder  uberkait  nit  sain.  sie  auch  von  got  zu  kainer  oberkait  über 
die  unssern  geseezt  sain,  sundern  unsser  tail  i.st  innen  in  aller  ober- 
kait und  j)Otmessigkait  gleich  und  ebenbortig,  und  also  das  uns.ser  tail 

1)  Ein  Vergleich  diese»  Stücke»  mit  der  „Schteabucher  EoleV*  (P.  C.  I,  S.  mff.) 
und  der  Instruktüm  der  hursuch».  und  brandenhurg.  Räte  zum  Srlnrabacher  Konvent 
(J.  J.  Müller,  S.  Ü61  ß\)  ergibt,  daß  die  Ratschläge  de*  iViruen  nicht  unberücksichtigt 
blieben.  Entstanden  sind  sie  jedenfalls  vor  dem  für  Aug.  9.  geplanten  Schtrabacher 
Tage,  icahrseheinlich  aber  auch  vor  dem  Rotacher  Tage  (Anfang  Juni),  da  auf  dessen 
Beschlüsse  ja  gar  nicht  Bezug  genommen  irird.  Interessant  ist,  daß  in  Johann 
Friedrichs  Aufzeichnung  von  den  religiösen  Bedingungen  für  den  Eintritt  in  den 
Bund,  die  die  Instruktion  bei  Müller  aufweist,  noch  nichts  zu  ßnden  ist. 


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No.  lü:  1529  Mai-Juli. 


123 


nit  weniger  kfen.,  fürsten  und  sthende  des  reiches  sain  als  sie, 
nachdem  dan  unsser  tail  von  got  so  wol  als  innen  Untertanen  geben, 
dieselbigen  wieder  Unrechten  gewalt  zu  schuczen:  wil  derhalben  er- 
folgen, das  uns.ser  tail  for  got  schuldig  sai,  ire  Untertanen  kegen 
dennen,  so  sie  als  die  Untertanen,  auch  die  oberkait  von  gotlichem 
wort  mit  dem  schwert  dringen  wollen,  dargegen  hanthabung  und 
schucz  der  Untertanen  und  kegenwer  irer  seihest  halben  forzunemen. 

UV//  U'ir  dann  ancli  gegen  den  Artikel  üher  die  Tiirkenhülfe 
protestiert  haben  und  daher  wuht,  wenn  der  Türke  durch  Polen, 
Schlesien  und  die  Lausitx  gegen  Sachsen  xiige,  ron  den  a/uleren 
Ständen  auch  keine  Hülfe  xu  erwarten  haben,  so  ist  nötig,  in  diesen 
beiden  Punkten  folgende  Artikel  vorxunehinen : 1)  Auf  den  Knnxeln  ist 
Gott  uni  Frieden  xn  bitten.  Wollen  die  Widersacher  seines  Wortes, 
seien  es  nun  Papisten  oder  Türken,  Unfrieden  haben,  so  möge  Gott 
uns  Vernunft  und  Weisheit  etc.  verleihen,  ihnen  Widerstand  xu 
leisten.  2)  Muß  man  auf  Menschenanschlüge  denken,  wie  man  sich 
forschen  kann,  um  nicht  übereilt  xu  werden. 

Und  wer  erstlichen  forzunemen,  daß  die  Stände  des  Reiches, 
die  dem  göttlichen  Wort  anhängig  sein  wollen,  sich  vereinigen  sollen, 
daß,  wenn  einer  überxogen  wird,  ihm  auf  eines  jeden  Kosten  und 
Schaden  mit  aller  Macht  und  Vermögen  solle  geholfen  werden,  das 
sich  .solches  ferglichen  werde  auf  zene  wege,  erstlichen  zu  ainer 
eilenden  hulf  und  folgent  zu  ainer  ganzen  hulf  mit  aller  macht,  das 
werend  und  bleibent  sain  solt. 

Zu  der  eilenden  hulf  solt  fast  das  ain  weg  und  das  best  sain, 
das  in  gcheiniet  und  verschigenhait  ain  heutman  verordent  worde. 
welcher  Jiin  furst  sain  must,  der  des  versthandes  darzu  wer  und 
nit  zu  ihehe  oder  poltern  wer,  der  allemal  auf  ain  jar  zu  seczen 
und  zu  ordenen  wer,  und  wan  das  jar  umb  wer,  das  alsdan  der 
zuzulassen,  so  er  der  geschiglickeit  wer.  oder  ainander  zu  machen, 
wai  der  ainigesverwanten  willen  und  gefallen  sthunde;  demselbigen 
musten  ti  krigesrettc  zugeordent  werden,  als  nemlichen  3 von  des 
curfursten  und  fürsten  wegen,  ainer  von  der  graflfen  wegen  und 
zeen  [=  xwei]  von  wegen  der  stette,  als  ainen  von  der  oberlendissen 
stette  wegen  und  den  andern  von  der  Seczissen  sthette  wegen,  an  die 
der  heuptman  nichtes,  doran  gelegen,  zu  handellen  oder  zu  schaffen 
haben  solt,  es  sulten  auch  dem  heuptman  über  das  zugelassen 
werden,  zene  sainer  rette  alweg  wai  sich  im  krigesrat  zu  haben, 
welche  doch  kain  sthimmen  haben  sollen. 

Derselbige  furst,  der  zu  ainem  heu])tman  auf  die  masse.  wie 
gehört,  gemacht  solt  werden,  must  ain  gelt,  wie  sulches  weiter  die 
anzal  zu  bedenken,  geordent  werden,  welches  nit  fil  ober  gros  .sain 
dorft,  damit  er  allenthalben  durch  das  reich  und  in  andere  umb- 
sthossende  land  sain  kuntschaft  zu  besthellen  und  sthatlichen  zu 
verordenen  hette,  und  wan  sich  zutruge.  das  dem  heuptman  ain 
kuntschaft  ankemme  des  Turcken  halben,  aber  sunst,  die  das  anseheu 
hette,  das  sich  etwas  aufruris  oder  krigeshendel  zu  vermutten,  die 
beschwerung  unsserm  teil  auf  im  haben  mocht,  das  alsdan  der 


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124 


No.  16:  ir)29  Mai-Juli. 


furst,  der  heui)tman  wer,  die  fi  krigesrette  zu  erfordern,  innen 
sulches,  was  die  kuntschaft  mit  sich  bringet,  anzeiget,  iren  rat  und 
bedenken  darinnen  zu  hören. 

Auf  das  nun  sunster  weniger  Übereilung  geschehen  mocht, 
soll  gut  sain,  das  ain  gelt  hinderlegt  worde,  also  das  auf  lOiXKl  knecht 
und  2000  pferde  zcene  monat  solt  als  nenilichen  von  den  kfen. 
und  fürsten  Sachssen,  Brandeburck  und  Hessen  mit  sampt  den 
Frenckissen  und  andern  graffen,  der  ort  gesessen,  ir  antail  kegen 
Coburck,  die  uberlendisse  sthette  ir  antail  kegen  Nurenberck  zu 
hinderlegen,  die  andern  fürsten  als  Ossenbruck,  hz.  Phillips  von 
Braunsweick,  hz.  Ernst  von  Luneburck,  hz.  Heirich  von  Meckeln- 
burck,  Woltf  fürst  von  Anhalt  und  was  der  seczissen  graffen  weren, 
erlegten  ir  gelt  mit  sampt  den  seczissen  sthetten  kegen  Magdeburck 
oder  Braunsweick  oder  wo  es  sunsten  hin  zu  bedenken. 

Wan  nun  der  heuptman  die  kriegesrette  erfordert  und  befunde 
in  rat,  das  die  eile  so  gros  verbanden,  das  die  kegenwer  must 
forgenommen  werden,  sol  der  heuptman  macht  haben,  mit  sampt 
den  krigesretten  zu  verordenen,  sulches  gelt,  das  hinderleget,  an- 
zugreifen und  die  10000  knecht  und  die  20(X)  pferde  anzunemen 
und  zu  besthellen. 

Es  solt  auch  der  heuptman  mit  den  krigesretten  zu  thuen 
haben,  das  sie  zu  sulcher  eilender  hulf  idelichen  fürsten,  graffen 
und  stat  zu  schreiben,  ain  anzal  krigesfolkes,  wie  er  sulches  aines 
idern  macht  nach  und  der  gelegenhait  der  Sachen  bedenken  worde, 
zu  erfordern,  und  wie  sulche  erforderung  vom  heuptman  geschehe, 
sult  in  dem  im  gehorsam  geleistet  werden  und  demselbigen  nach- 
kommen. 

Es  solt  auch  der  heuptman  von  sthunt  nach  erforderung 
und  aufnemung  der  krigesleut  die  fürsten,  graffen  und  sthette  auf 
ainen  besuudern  platz,  der  fridlichen  gelegen,  beschaiden  und  mit 
innen  beratschlagen,  wie  auf  den  fal,  so  die  not  vorhanden,  die 
grosse  und  beharliche  kegenwer  forgenommen  solt  werden. 

Sollten  der  Hanptmann  mul  die  Kriegsräte  fhuteii,  daß  die 
Oegemeehr  nietit  so  eilig  sei,  so  sollen  sie  erst  die  Fürsien  etc.  zur 
ISemtschtngmig  ' erfordern , damit  man  mit  höchstem  Fleiß  den 
Frieden  suche. 

Man  muß  mich  heratschlagen,  wie  das  Geschütz  zur  eileiulen 
Hülfe  aufgebracht  werden  kann,  bis  daß  die  Fürsten  etc.  ihr  Geschütz 
xusammenbringe.n  können. 

Der  Hanidmann  und  die  Kriegsräte  müssen  für  ihre  Dienstzeit 
besoldet  werden.  Etliche  Rittmeister  und  Hauiitleute  über  die 
Reiter  miLssen  auf  Wartegcld  bestellt  werden,  damit  sie  etwa 
2000  Reiter  in  versprach  auf  halten.  Etliche  müssen  auch  verpflichtet 
werden,  bei  Bestallungen,  die  sie  annchmen,  die  Stünde  un.sers  Teils 
auszunehmen.  Ebenso  muß  mit  Ilauptleuten  der  Knechte  gehandelt 
werden,  sie  müssen  etwa  8000  Knechte  bereithalten. 

Weiter  solt  gut  sain,  das  des  kfen.,  fürsten,  graffen  und  sthette 
aines  und  ainer  idern  macht  und  vermugen  mit  reutern,  knechten. 


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No.  16:  l.")29  Mai-Juli. 


125 


ge.schucz  mit  sampt  aller  zugehorung  zu  deniselbigen  mit  gelt, 
profiant,  heuptleuten,  puczeumaistern  und  anderm,  das  dem  krig 
anhenigk,  versehen  wer  anzuzeigen  aines  idcn  vermugen,  nach  dem 
ain  anschlack  zu  machen,  wie  stark  die  beharliche  kegenwer  mocht 
vermocht  werden,  auch  wie  lang  dieselbige  erhalden  kont  werden. 

Nachdem  dan  etliche  sthette  die  prode.staccion  geheilet,  das 
derhalben  sie  vor  unsser  tail  genzlichen  zu  halden  sain,  dieselbigen 
weren  an  zaifel  zu  diessen  handel  sich  ainzulassen  kain  beschwe- 
rung  haben,  die  betten  mit  den  andern  sthetten  zu  handcllen,  sie 
zu  fermugen,  zu  diessem  versthennus  sich  zu  begeben. 

Nachdem  die  von  Cocznitz,  die  von  Sant  (iallen  und  andere 
sthette,  die  mit  den  aitgenossen  in  verbuntnus  stehen,  ihn  die 
prodestacion  auch  aingelassen  haben,  wer,  so  es  sunsten  for  gut  be- 
dacht. mit  denselbigen  zu  handelen,  das  sie  forder  mit  der  ge- 
niainen  aitgenosseuschaft  handelten,  nachdem  sie  .sich  zu  dem  wort 
gottes  bekennen,  das  sie  sich  in  solches  versthennus  auch  ainlissen. 

Neben  dem  allen  ist  for  nottig  zu  sain  bedacht  worden,  in 
gehaim  mit  etlichen  zu  handeilen  und  in  diesse  verainung  zu 
bringen,  als  nemlichen  den  neuen  konnig  von  Dennemarck  mit  sampt 
ilen  sehestetten,  so  fil  derselbigen  mochten  zu  wegen  zu  bringen 
sain.  So  wer  mit  etlichen  meher  zu  handellen  als  nemlichen  mit 
dem  konnig  von  Pollen,  dem  curfürsten  von  Collen,  den  palzgraffen, 
den  curfürsten,  dem  hzen.  von  Jullich  und  Cleveffe,  hz.  Fridrichen 
von  der  Ligenicz,  <leni  hzen.  von  Pommern  und  andern,  die  mit  got- 
licher  hulf  zum  tail  dahin  zu  bringen  weren,  das  sie  sich  ainliessen  in 
ainung,  was  leib  und  gut  antretfe  und  wo  ainer  von  dem  andern  recht 
leiden  mocht,  wie  ainer  dem  andern  helfen  solt  und  sulches  wer  zu 
dem  gut.  das  sunster  meher  von  den  wiedertail  abgezogen  worden, 
das  zu  ferhoffeu  menschlichen  zu  reden,  das  sich  das  wiedertail,  so 
innen  die  taffem  leute  abgezogen,  sunster  weniger  in  den  krig  ain- 
lasscn  oder  begeben  worden. 

Dn  niemund  iri.sseii  inaij,  wir  der  Krieg  verläuft,  tuuß  man 
sich  aueh  auf  eiue  Niederlage  gefaßt  maeheu  und  darum  mit  einigen 
Städten  handeln,  damit  die  dem  göttliehen  Wart  anhängigen  Fürsten 
ete.  offenuug  wai  denselbigen  sthetten  betten,  das  mit  reutern  und 
knechten  darain  gezogen  mocht  werden,  als  nemlichen  wai  Nuren- 
berck,  wai  Ulm,  wai  Sthrasburck  von  uberlendi.sse  sthette  und  for 
seczi.sse  sthette  Braunsweick,  Magdeburck  und  Hildeshaim  etc. 

So  wer  mit  etlichen  graffen  auch  zu  handellen,  als  mit  graff  Wil- 
helm und  graff  Bertolt  von  Henneberck.  graff  Jorgen  von  Werteim, 
der  von  Scliwarczenburck.  Heidcck  und  andern  graffen  zu  Francken. 

So  haben  die  graffen  am  Rein  und  die  Niederlendissen  graffen 
ain  gros  verbuntnus  mit  ainander  als  Nassa,  Ilannau,  Konsthain, 
Solmes,  Eissenberck  mit  Neunarn,  Westerstet.  Manderstet,  Mors. 
Reiferstet ')  und  derselbigen  ganz  fil,  mit  denen  auch  handelung  for- 
zunemen  wer  auf  wege,  wie  weiter  zu  bedenken. 

1)  ass  yojiitftu,  I/anau , Königstfin,  Solmä  ^ I»enhurg , 3Vii/*ntiAr,  \Ve$tfi'tturg, 
Manderncheid,  Mör»,  Reiffenbrrg(f). 


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126 


No.  17:  1529  Mai-JulL 


Nachdem  auch  formals  in  hamlelung  ge  wessen,  etliche  Bemisse 
hern  in  versthennus  zu  bringen,  das  demselbigen  auch  weiter  nach- 
gcdaclit  werde,  als  Rossenberck,  Bersthain,  die  Schlicken,  Hassen- 
stain,  Schiro ')  und  andere  melier. 

Der  xnm  Hniiptmaiin  rerordnete  Fürst  mit  den  Krkgsräten 
und  anderen  xuzuxichenden  Leuten  hätte  xn  beratschlagen,  was 
weiter  noch  xu  tun  wäre. 

Es  sul  auch  von  dem  heuptman  und  krigesretten  ain  kriges- 
regiment  gesthelt  werden,  und  wan  dasselbige  ferfestiget,  sol  es  der 
heuptman  bis  mans  bedürfen  werde,  wai  im  behalden. 

Die  ainung,  so  mit  den  obengemelten  und  andern  aufgerichtet 
solt  werden,  must  aul  ain  zait  jare  gesthelt  werden,  das  nit  for  ain 
ewige  verainung  zu  halden. 

(iot  geb  zu  dem  allen  sain  gütliche  genad.  Amen. 

17.  Bedenken,  nach  dem  unssern  gnsten.  hn.  dem  kfen.  von  Sachssen 

diesse  last  am  höchsten  obleit,  wie  S.  kf.  Gn.  lant  solt  besthelt 

und  versehen  werden.  1529  [Mai-Juli]. 

Eigenh.  Ai^zeichnxing  Jok.  Fritdrich*  Reg.  II.  p.  10.  L. /ol.  81 — 84.  Benutzt: 

S 5S,  7S. 

Erstlichen  das  im  furstentumb,  wie  in  der  ersten  verzainus 
vermeldet*),  das  folk  vermanet  werde,  got  umb  genad  zu  bitten. 

Folgent  weil  die  grosse  notturf  erfordert,  das  der  hoff  alweg 
sthatlichen  mit  retten  versehen  sain,  in  ansehung  wie  beschwer- 
lichen allen  tag  neue  Sachen  und  hendel  forfallen,  derhalben  ist 
bedacht,  das  under  acht  retten  zu  hoffe  nit  sain  solten,  auf  das  die 
schweren  und  taffem  Sachen  mochten  ausgeriebt  werden  und  dem- 
nach (dannoch  V)  dem  armut  die  gerechtigkait  auch  schleunig  mack 
mitgefailet  werden. 

Nun  halden  S.  kf.  Gn.  zaihe  hofflager  als  Torga  und  Weimar, 
dieweil  dan  die  rette,  die  zu  Weimar  mugen  gebraucht  werden, 
nit  allemal  zu  Torga  gesain  mugen,  desgleichen  erw’ieder,  ist  der- 
halben ain  underschicht  zu  machen,  wer  in  idem  lager  zu  ge- 
brauchen, und  das  der  ander  ort  landes  auch  bcsthalt  wer: 

Als  zu  Torga  wer  zu  gebrauchen:  In  Weimar  wer  zu  gebrauchen ; 

Der  maister  von  Lichtenberck  Der  von  Wildenfels 
Er  Hans  von  Minckwicz  Er  P’ridrich  Thun 

Er  Hans  von  der  Plawnicz  oder  Er  Wolff  von  Weissenbach 
Er  Hans  von  Weissenbach  Ludewick  von  Beumelburck 

Er  Guntter  von  Bunan  zu  Alden-  ^ [Hogneburg] 
burck  Nickel  von  Ende 

Hans  Meezt  [Mehseh]  Christoff  von  der  Plawnicz 

Ditterich  von  Storstedel  [Starsehe- 1 Eiwalt  von  Brandestain 
Benedicktus  Pauli  [del]  Doctor  Sachssen  [v.  d.  Sachsen] . 

Caspar  von  Minckwicz  i 

1)  •=  Kotenhurg,  Pfnulrin,  SeUiek,  Hatmieinff),  Sehiroir. 

2)  -=  No.  10. 


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No.  17 : 1529  Mai-Juli. 


127 


Darzu  weren  die  iczigen  teglichen  hoffrede  *)  als  Er  Christoff 
von  Taubenhaim,  doctor  Bruck,  Hans  von  Dolczigk,  doctor 
Christianuus  der  canzler. 

Mit  dennen  retten  wer  S.  kf.  Gn.  hofflager,  auf  welcbeui  tail 
er  lege,  erlichen  und  notturftiglichen  versehen. 

Sulche  rette,  die  ain  tail  musten  ausgezogen  werden,  dan  an 
not,  das  sie  alle  die  gehaimetten  Sachen  wissen  sollen,  hetten  S.  kf. 
Gu.  zu  befellen,  ain  ordenung  zu  sthellen,  wie  S.  kf.  Gn.,  so  es  die 
not  der  gegenwer  belangen  worde,  wie  in  eile  S.  kf.  Gn.  mocht 
versehen  werden,  als  nemlichen,  wie  die  graffen  und  die  von  der 
ritterschaft  in  ru.stung  erhalden  mochten  werden  und  das  verzainet 
gemacht,  wiefil  reisiger  pferde  S.  kf.  Gn.  in  eile  aufbringen  mocht. 
forder  wie  die  sthette  und  ampt,  der  graffen  und  ritterschaft  leute 
versehen  weren  mit  krigesfolk  zu  fiis.se  zu  schigken. 

So  von  wegen  des  die  lantleute  des  kriges  nit  geubet  sain, 
knecht  an  ire  stat  wollen  aufgenommen  werden,  wie  die  stelle  und 
ampt  mit  sampt  der  graffen  und  ritterschaft  leuteu  versehen  mochten 
werden,  mit  ordenung  der  auflage,  die  dem  gemaiuen  man  zu  er- 
tragen, das  an  ir  stat  und,  das  sie  stilsiczen  mochten,  das  gelt  er- 
leget mocht  werden  zu  gebrauchen. 

Weiter  ain  nachdenken  zu  haben,  wie  ain  ordenung  gemacht, 
das  in  den  sthetten  und  ampten  und  wai  der  graffen  und  adels 
untersassen  ain  profiantkasteu  gemacht  worde,  dorein  nach  ides 
vermuglichkait  von  leuten  etwas  hinderleget  worde,  in  der  forfallenden 
not  zu  gebrauchen,  und  wan  sulches  ain  jar  aber  etliche,  so  got 
friden  gibet,  gethan  wert,  sult  zu  hoffen  sain,  das  ain  grosse  Pro- 
liant von  dreide  und  anderm  in  den  landen  liegen  soll. 

Solches  wer  auf  zene  wege  zu  gebrauchen:  den  ersten,  so  die 
krisgesnot  forfelt,  der  ander,  so  frid  ist  und  teurung  forfil,  das  got 
mit  gnaden  verhütten  wolle,  das  dem  armut  umb  ain  zimlich  gelt 
und  kauf  in  Stetten  und  ampten  und  von  der  graffen  und  adels 
Untertannen  damit  geholfen  worde,  sulches  gelt,  das  daraus  gekauf 
worde,  hinderlcget,  wan  der  krig  forfil,  wer  das  gelt  zu  befinden, 
wer  aber  friden,  hette  mans  in  gutten  frochwarn  jaren,  sulches  gelt 
wiederumb  anzulegen,  und  genüge,  das  verkauf  wieder  zu  entseczen. 

Wie  die  herwegen  in  landen  geschigkt,  musten  auch  besthehen 
[besehen?]  w'erden,  ob  etwas  be.ssers  darmit  mocht  gesuch  werden, 
zu  beratschlagen.  Wie  das  geschucz  mit  seiner  zugehorung  ver- 
sehen, must  überleget  werden,  und  was  nit  verbanden  und  doch 
von  notten  wer  zu  haben,  hetten  die  rette  auch  zu  bedenken. 

Nachdem  auch  das  geschucz,  .so  das  hofflager  zu  Weimar  nit 
ist,  ganz  übel  und  unforwart  aldo  sthehet,  wolt  zu  bedenken  sain, 
wohin  das  geschucz  zu  ferordenen  und  wie  es  zu  bcsthellcn,  auf 
das  kain  schade  ainest  darzu  geschehe. 

I)  Vergl.  Burkbardt,  Landtagsakten,  1,  S.  220. 


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No.  17 : 1529  Mai-.TuIi. 


Und  was  susten  zum  kriege  gehorigk  und  von  notten  sain  wil 
in  beraitscliaft  zu  haben,  betten  die  rette  zu  beratschlagen  und  zu 
bedenken,  das  von  S.  kf.  Gn.  zu  befellen  und  zu  ferordcnen  wer. 

Die  orte  landes  wollen  auch  von  notten  sain  zu  besthellen,  der- 
halben  ist  bedacht,  so  das  hofflager  zu  Torga  sein  werd,  das  ain 
heuptman  in  dem  lande  zu  Doringen  zu  ferordenen  — , wie  sulches 
von  herzog  Gorgen  icziger  zeit  besthalt  ist  — , der  in  eile  und  eher 
sulches  kegen  Torga  augezaiget  mocht  werden,  verordenung  zu  thuen 
hette  bis  auf  waiter  befel  S.  kf.  Gn. 

Zu  sulchem  wer  der  von  Wildenfels  zu  gebrauchen,  und  weren 
im  zu  krigesretten  zuzuferordenen  Ludewick  von  Beumelburck. 
Nickel  von  Ende  und  Cuncz  Gottman  [Ootxmann]. 

In  der  Voitlant  wer  er  Wolffen  von  Weissenbach  ain  befel  zu 
geben,  aufsehung  über  die  andren  amptleut  zu  haben. 

Kegen  Coburck  wolt  von  notten  sain.  das  ain  pflcger  ferordent 
worde  oder  sunsten  imandes,  der  die  fersehung  aldo  hette,  wie  sul- 
ches waiter,  wer  derzu  zu  gebrauchen,  zu  bedenken,  der  hette  in 
forfallenden  Sachen  Er  Ilanssen  von  Scherreuberck  und  Gotman  zu 
gebrauchen,  so  Gottesman  nit  von  dem  von  Wildenfels  gefordert 
worde. 

So  etwas  im  curfurstentumb  Sachssen  forfil,  wer  gf.  Albericht 
von  Mansfelt.  nach  dem  er  Alstet  amptesweisse  inhat,  zu  befellen 
und  im  zu  krigesretten  zuzuferordenen  Hans  von  Minckwicz  und 
Hans  Meczen  heuptman  zu  Wittenberck. 

Das  ain  krigesregiment  von  ojjgemelten  retten  gesthelt  worde. 
wie  alle  ampt  in  ainem  zöge  und  mit  wem  solten  besthelt  sain,  das 
allemal  in  der  eile  zu  gebrauchen  wer. 

Mit  buchsenniaistern  wer  von  notten  waiter  versehen  zu  sain, 
dan  scliwerlichen  kan  man  ir  in  der  not  und  erbet  genuck  haben. 

Nachdem  wenig  im  lande  die  gewaldige  heuptmanschaft  über 
reuter  gehabet  haben,  wolt  hochvonnotten  sain,  das  nach  ainem  ge- 
trachtet worde.  der  sie  under  S.  kf.  Gn.  genenzlichen  thette  und  bliebe, 
dem  zu  vertrauen  wer,  als  Jost  von  Steinberck  oder  ain  ander, 
der  darzu  tuglichen  sain  mocht. 

So  auch  etwas  taj)fers  auf  Josten  von  Steinberck  geleget  solt 
werden,  das  er  dergesthalt  wie  gemeldet,  zu  bekommen  wer,  solte 
es  zu  ratteu  sain. 

Es  sult  auch  gut  sain,  das  am  hoffe  von  gerusten  pferden  auf 
das  wenigest  ain  zeehe  hundert  pferde  underhalden  worden,  wan 
etwas  fortil,  weren  sie  nuczer  dan  sunsten  vierhundert  und  ob  gleich 
etwas  ain  kosten  darauf  gehen  wolt,  musten  etliches  unnucz  gesinde 
dargegen  ausgemustert  werden  und  sich  in  anderen  Sachen  sunster 
geneuer  aingezogen  werden. 

Nachdem  auch  S.  kf.  Gn.  lant  mit  befestigung  ganz  nit  versorgt 
ist  auserhalben  Wittenberck,  ist  bedacht,  das  S.  kf.  Gn.  zene  plecze 
nochmals  befestigen  solt,  als  Coburck  das  schlos.  dem  liederlichen 
lleirhtj  und  mit  geringen  kosten  zu  helfen  wer,  und  darnach  noch  ainen 


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No.  18:  ir>29  Juli  22. 


129 


placz  im  lande  zu  Doringen,  wo  derselbige  am  besten  hin  bedacht 
werde,  es  wer  Gotha  oder  ain  anders.  Sulcher  placz  mocht  mit  hülfe 
des  lantfolkes  zu  machen  sain,  das  S.  kf.  Gn.  nit  ainen  grossen 
kosten  darauf  legen  dorf,  sunderlichen  so  allain  das  schlos  zu  Gotha 
forgenommen  werde  mit  sampt  dem  sthift. 

So  ist  das  im  besten  zu  erinnern,  dieweil  Erfurt  ganz  im  fursten- 
tumb  gelegen,  auch  S.  kf.  Gn.  vor  iren  lehen-  und  landesfursten 
bekennet,  das  auf  bekemme  wege  mit  der  zait  gedacht  werde,  wie 
die  wege  zu  schuczen,  das  mit  gotlicher  hulf  ain  otTenung  darinnen 
mocht  erlanget  werden,  wan  die  not  verbanden  und  ain  Verlust,  das 
got  gnediglichen  verhütten  wolle,  in  landen  forfil,  das  Erfurt  als- 
dan  als  ain  gelegenner  fester  placz  mitten  im  lande  gelegen,  zu  ge- 
brauchen wer,  und  wer  verhofflichen,  das  aus  ainem  sulchem  festen 
placz  ain  ganz  laut,  wan  es  ferloren  wer,  widerumb  zu  gewinnen 
sain  solt. 

18.  Herzog  Johann  Friedrich  an  Graf  Wilhelm  von  Neuenahr, 
1529  Juli  22.  Antwort  auf  .seinen  Brief  vom  8.  Juli  (Cor- 
nelius, X,  S.  155  ff.).  Fumiliennachrichten,  die  nassauische 
Streitsache,  Philipp  von  Solms,  die  Werbungen.  F-eude  über  das 
gute  Fin  vernehmen  xieisehen  Köln  und  Saclweti  auf  dem  Reichs- 
tag. Besuch  bei  den  Schwiegereltern.  Beilegung  der  Streitig- 
keiten Neuenahrs  mit  Lothringen  und  Geldern.  Neuenahrs 
Verhältnis  zu  Ferdinand.  Nachrichten  von  den  Türken.  Die 
lothringische  Heirat. 

Eifjtnh.  Konz.  Loc.  10671  ,t$chreiben  und  Bedenken**,  fol.  — S7. 

Dank  für  Brief,  Familiennnchriehten.  Das  Ir  aus  Er  Haussen 
uberschickung  bericht  entpfangen  meiner  Unschuld  in  der  Nasissen 
Sachen,  hör  ich  ganz  geren,  hoff  auch  zeu  got  Ir  habt  mich  neben 
weiden  meinen  freuntlichen  lieben  ohmen  dem  markgraffen  und  graff 
Wilhelm  zeu  Nassau  nie  anders  befunden,  dan  das  ich  die  gleichheit 
auf  weiden  teilen  zeu  hinlegung  und  freuntlichen  vertrag  gerden  ge- 
sehen hette,  auch  was  wei  mir  gewes.sen,  am  fleis  nit  erwinden  lassen. 
Aber  der  almechtige  got  wolle  nochmals  nach  seinem  gotliclien  willen 
das  gedeihen  darzu  ferleihen,  was  ich  dan  nochmals  tuen  solt,  das 
zeu  hinlegung  dinstlichen,  solt  wei  mir  nichtes  gespart  werden. 

Was  ich  graff  Phillipssen  von  Solniis  befohlen,  meinem  ohem 
gf.  Wilhelm  von  Nassau  von  mainetwegen  an  forwissen  meines  ge- 
nedigen  hn.  und  vaters  anzuzeeigen,  hör  ich  ganz  gerden,  das  Ir 
solches  wissen  entpfangen  hat,  dan  ich  weis,  das  Ir  zeu  sulchen 
Sachen  fil  lieber  ferdert,  dan  hindert,  ich  mus  Euch  aber  clagen, 
das  ich  nochmals  auf  sulche  main  gutte  und  treuliche  wolmeinung, 
die  ich  doch  nit  anders  dan  treulichen,  freuntlichen  und  wol  ge- 
maint  hab,  kein  antwort  uberkommen,  aus  wassen  Ursachen  es  aber 
bis  anher  verplieben,  kan  ich  nit  wissen  ‘). 

1)  Bezieht  zieh  vielleicht  auf  die  geplante  Vermdhlung  Wilhelma  mit  der  /Vin- 
^^#111  Marie. 

Beiträge  zur  nruerco  Gesebiebte  HiUringen»  I.  9 


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130 


No.  18:  1529  Juli  22. 


Das  ich  Er  Haussen  weiter  befollen  mit  gner.  erbietung  Euer 
person  halben,  auch  das  er  von  meinetwegen  weihe  /=  hei]  Euch 
suchen  solt,  so  etwas  neues,  auch  ainiges  reuters  geberbe  vorhanden, 
das  Ir  mir  sulches,  wie  ich  mich  zcu  Euch  verstrost,  vermelden  wolt, 
sulches  weis  ich  mich,  das  ich  es  Er  Haussen  dermassen  befollen, 
wol  zcu  erinnern  und  tue  mich  mit  besundern  genaden  hegen  Euch 
bedanken,  das  Ir  demselbigen,  so  die  Sachen  dergesthalt  gelegen 
gewesseu,  das  behuflf  hette,  wolt  folge  getan  haben,  auch  das  Ir  mich 
jetzt  mit  Euerm  schreiben  und  zceitung  ersuchen  thuet. 

Diewil  sich  aber  aus  gottes  genaden  die  Sachen  dergesthalt, 
wie  Ir  melden  thuet,  neigen,  das  zcu  unssern  forteil  sich  zugetragen 
und  geschickt  hot,  ist  dem  almechtigen  got  zcu  danken,  das  er  die 
und  andere  Sachen  nach  seinem  gotlichera  willen  uns  zcum  besten 
geschickt  hot,  so  auch  den,  die  in  der  not  zcu  unsserm  teil  zcu- 
stossen  wollen  und  ire  best  wei  uns  tuen,  daß  unsser  teil  nit  über- 
eilet Word.  Der  zcuk,  den  graff  Felicken  von  Werdenbruck  mit 
sampt  andern  hauptleuten  kais.  M‘  zcum  besten  tuen  sol,  da  geb 
got  kais.  M'  und  den  iren  geluck  und  heil  zcu,  das  Ir  M‘  geluck- 
lichen  und  wol  ausrichten  und  den  sich  hegen  iren  widerwertigen 
mit  freden  erlangen  mugen. 

Das  mein  her  und  freunt  von  Collen  mit  m.  gn.  hn.  und  vattern 
dem  kfen.  von  Sachssen  sich  dergesthalt  freuntliche  underret  haben 
und  in  vertrautem  willen  zcusaninien  kommen  sein,  bin  ich  zcu 
hören  hochlichen  erfreuet,  und  ist  got  und  folgent  Euch  zcu  danken, 
das  Irs  auf  die  wege  gerichtet  hot,  und  wan  got  genad  gebe,  das 
ir  genaden  und  lieben  melier  wei  einander  weren,  wolt  ich  hoffen, 
got  solt  genad  verleihen,  das  sie  in  mehren  freuntlichen  und  fer- 
trauten  willen  sein  und  bleiben  sollen. 

Zu  einer  Keine  nach  Jülieh  und  Kleve,  um  dort  die  alte  künde 
XU  erneuern,  hätte  ich  wohl  Lust,  wenn  ich  von  meinem  Vater  ah- 
kommen  kann,  ich  wage  aber  nicht,  ohne  Einladung  zu  kommen. 
Vielleicht  könnt  Ihr  eine  solche  veranlassen. 

Das  Euer  Sache  mitte  dem  hz’en.  von  Luttringen  vertragen  und 
mit  dem  von  Geldern  in  handelung  .sthehet,  hör  ich  ganz  gerden, 
untl  wolt  Euch  das  zcu  mir  versehen,  das  ich  Euer  wolfart  zcu 
hören  nit  weniger  erfreuet  bin,  als  ginge  es  mich  selbst  an. 

Das  es  Euch  mit  dem  koniiig  von  Behem  dermassen  forfallen, 
gunne  ich  Euch  nit.  ober  dieweil  Ir  gottes  wort  for  der  weit  be- 
kant,  must  Ir  auch  etwas  ain  ferfolgung  darrumb  leiden ; wan  dan 
jhe  aine  sein  sol.  so  ist  die  bes.ser  dan  aine  andere,  das  Ir  auch 
umb  Christi  willen  etwas  erleiden  must  und  einen  keczer  gescholden 
werdet. 

Ich  tue  Euch  hiemit  etliche  zceitung  den  Turcken  belangen 
uberschicken ; die  victorien,  die  ganz,  so  fil  ich  des  bericht  bin,  ge- 
wis  sein  und  ainem  fürsten  durch  ainen  glaubirdigen  zeugeschrieben 
sein,  auch  die  besthellung  und  feraidung  der  heuptleut.  die  von 
reiches  wegen  kegen  dem  Turcken  gebraucht  sollen  werden,  des- 


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No.  19:  1529  Dez.  18. 


131 


gleichen  der  Schweizer  aufs]schreiben  und  vertrag,  die  sie  kegen  ain 
ander  thon  haben. 

Nach  dem  ich  auch  aus  Euerra  schreiben  vermerk,  das  der 
hz.  von  Lutteringen  icziger  zceit  wieder  in  genaden  kais.  M‘  sei, 
derhalben  ich  verlangen  hab,  zcu  wissen,  ob  kais.  M'  des  lotringi- 
schen  heirattes  mit  meiner  gemal  Schwester  auch  nochmals  unge- 
fallen und  besch[w]erung  hette.  Demnach  wil  ich  an  Euch  mit 
genaden  begert  haben,  wan  Ir  sunsten  wieder  botschaft  zcu  mir  tut, 
Ir  wollet  mir  schreiben,  wie  es  derhalben  gelegen  ist  und  ob  Ir 
Euch  fersehet,  das  derselbige  heirat  walt  (ia/dj  mocht  wirklichen 
mit  dem  weilager  volzogen  werden.  Neben  dem  ist  mein  bitliches 
gnes.  begern,  so  Euch  etwas  weitern  von  zeitung  oder  anderm  zcu- 
kommet.  das  Euch  nottick  deucht  mir  zcu  wissen,  Ir  wollet  mir 
solches  unferhalden  sein  lassen  und  . . . D.  Torga  am  tag  Marie 
Magdalena  XXVIIIP. 

19.  Herzog  Jolia/in  Friedrich  an  Wolf  von  Schönberg,  Amtmann 
zu  Meißen,  Torgan  1529  Dezember  18.  Ist  bereit,  seinem  Vor- 
schlag entsprechend,  mit  seinem  Vetter  Johann  xusammeyi  Bei- 
legung der  Streitigkeiten  ihrer  Väter  zu  versuchen. 

Reinentw.  Reg.  A.  Benutzt:  S.  54- 

Als  Ir  neg.st  zu  Torgau  auf  unsers  turknechts  und  lieben  ge- 
treuen Wolfen  von  Rascha,  Euers  Schwagers,  beilager  uns  ange- 
zaigt,  wie  Ir  vor  gut  anseghet,  das  sich  jemands  in  die  Sachen 
schlüge,  darumb  sich  irrungen  zwuschen  unserm  gnen.  1.  hn.  und 
Vater  an  ainem  und  fr.  1.  vetern  hg.  Jorgen  zu  Sachssen  am  an- 
dern tail  hielten,  und  Ir  es  dafür  hieltet,  das  es  nimants  bass 
zu  thun  sold  haben,  dann  wir,  darauf  wir  Euch  aber  allerlai  be- 
denken angezaigt  zu  dem,  das  es  uns  vor  ain  thorhait  geacht  mocht 
werden,  so  wir  solchs  suchen  solten,  diweil  wir  aber  gleichwol  ver- 
merkten, das  es  von  Euch  woll  gemaint  wurde,  wo  unser  veter 
hz.  Johans  sich  in  die  Sachen  zu  lassen  und  sich  mit  uns  derhalben 
zu  unterreden  genaigt  were,  sold  uns  nicht  beschweren,  mit  seiner 
lieb  zusamen  zu  körnen.  Und  wiewol  es  von  Euch  dazumal  dafür 
gehalten,  wo  wir  solchs  an  gemelten  unsern  vetern  gelangen  Hessen, 
das  es  bei  S.  L.  kainen  mangel  haben  wurde,  so  ist  doch  der  ab- 
schied  zwuschen  uns  baiden  dieser  suchen  halben  gewest,  das  wir 
dem  handel  weiter  weiten  nachgedenken,  und  wo  wir  befunden,  das 
es  zu  tun  sein  wold,  das  unser  veter  und  wir  uns  in  dieselb  sach 
schlugen,  als  weiten  wir  Euch  derhalben  schreiben,  das  Ir  den 
handel  und  was  wir  auf  obgemelte  Eur  getane  anzaigung  vor  gut 
angesehen  heten,  bei  S.  L.  antragen  und  fordern  soltet,  und  wo  Ir 
alsdann  befinden  wurdet,  das  es  S.  L.  gefellig  und  mit  uns  zu  der 
handlung  genaigt  were,  das  alsdau  S.  L.  ainen  tag  ansezte  zu  unser 
baider  zusamenkunft,  uns  davon  und  wie  der  handel  furzunemen 
sein  solte,  mit  einander  zu  unterreden  etc.  Als  wollen  wir  Euch 
nhun  nicht  bergen,  das  wir  auf  obberurte  Eur  utge.  anzaigung 

9* 


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132 


No.  20:  1530  Okt  8. 


denn  Sachen  nachzugedcnken  nicht  unterlassen,  und  nachdem  wir 
dann  hirvor  alwegen  vermarkt  und  nochmals  nicht  anders  spuren, 
dann  das  unser  herr  und  vater  mit  unserm  vetern  hz.  Jorgen  aller 
irer  gebrechen  gern  mocht  fruntlich  vertragen  sein,  so  begern  wir 
derhalben  an  Euch  gn.,  Ir  wollet  solchs,  wie  wir  Euch  nechst 
alhie  zu  Torgau  angezaigt,  bei  unserm  vetern  hz.  Johansen  auch 
antragen  und  fordern,  das  uns  S.  L.  beschaide,  wollen  wir  bei  S.  L. 
darauf  gern  erscheinen  und  uns  mit  S.  L.  von  den  Sachen,  welcher 
gestalt  bei  baiden  unsern  hn.  vetern  derwegen  suchung  zu  tun  und 
wie  die  handlungen  furzunemen  sein  solten,  fruntlich  unterreden. 
Und  wes  sich  S.  L.  darauf  vernehmen  lassen  und  dieselbige  zu  tun 
genaigt  sein  wirdet  ader  nicht,  das  wollet  uns  darnach  unverzüglich 
durch  Eur  schreiben  zu  unsern  aigen  handen  herwider  zu  erkennen 
geben  und  sambt  dem,  das  Ir  die  ding  nechst  an  uns  utger,  wol- 
mainung  getragen,  erzaigt  Ir  uns  daran  zu  genedigem  gefallen  . . . 

D.  Torgaw  sonabent  nach  Lucie  anno  dn*  etc.  XXIX®. 

20.  Hrrxog  Johann  Friedrich  an  die  Herzogin  Eiimbeth  von 
Sachsen,  Torgau  1530  Oktober  8.  Dank  für  Brief  iwu 
5.  Oktober.  Die  angeblichen  Umtrietje  Herzog  Georgs,  die 
Lehen  des  Kurfürstentums  zu  erlangen.  Verteidigung  seiner 
Haltung  in  Augsburg.  Verhandlungen  dort  über  die  Klostergüter. 
Verteidigung  seines  Verhaltens  gegen  seinen  Vater.  Darlegung, 
daß  nieht  er  Ursache  zum  Unfrieden  gehe,  sondern  daß  die. 
Ursaehe  bei  Herzog  Georg  zu  suchen  sei.  Pillen  gegen  die. 
Pe.stilenz.  Luthers  vier  Ecangelisten  und  Propheten. 

Eigenh.  Konx.  Reg.  A.  Benutzt:  S.  47,  54- 

Ich  hab  E.  L.  schreiben,  welches  datum  sthehet  mitwochen  nach 
michahellis,  heut  dato  entpfangen  und  nach  verlessung  von  E.  L. 
freuntlichen  vermerket,  verneme  auch  daraus  nit  anders,  dan  wie 

E.  L.  anzeigen,  das  es  von  ir  . . . wol  gemeint  wirt,  thue  miches 
auch  kegen  E.  L.  bedauken  und  was  erstlichen  belangen  thuet,  wie 
geret  solt  worden  sein,  das  sich  mein  vetter  hz.  Jorg  zu  Sachssen 
betleissigen  solt,  wei  kais.  M'  die  lehen  des  kurfurstentumbs  zu 
Sachssen  zu  erlangen  etc.,  darauf  wil  ich  E.  L.  das  anzeigen,  das  ich 
zu  Auspurck  nit  besunders  glewliches  darvon  gehört  hab,  versehe 
mich  auch  nit,  das  sulches  von  S.  L.  sei  forgenommen  worden,  in 
ansehung  das  sulches  den  geschworen  und  verbrifften  erbverbru- 
derung  und  erbeinung  zuwieder  und  entkegen  wer,  sundern  S.  L. 
weren  fil  melier  schuldick,  denselbigen  nach  m.  gn.  hn.  und  vattern 
zu  S.  Gn.  lehen  und  anderm,  das  S.  Gn.  zu  gutteni  kommen  solt,  zu 
fordern,  dan  zu  hindern. 

Zu  dem  andern  vermerke  ich  aus  E.  L.  schreiben,  das  mir  die 
schult  geben  wirt,  als  hab  ich  zu  Auspurck  geweret,  das  man  das 
nit  angenommen,  das  doch  gar  nit  wieder  die  schrieft  und  zu 
frieden  und  einickeit  gedinet  hette,  und  solt  allein  des  eigennutzes 
der  geistlichen  gutter  halben  beschehen  sein  und  doran  der  fei 


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No.  20:  1530  Okt.  8. 


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sein,  das  dieselbigen  man  nit  wieder  geben  weit,  dorauf  wil  ich 
E.  L.  nit  unangezeiget  lassen,  das  diegennigen,  die  E.  L.  sulches  be- 
richt haben,  der  Sachen  werden  nit  notturftick  bericht  gewessen 
sein  oder  haben  E.  L.  forsetzlichen  unworheit  anzeigen  wollen,  dan 
so  E.  L.  auch  mennicklichen  hören  werden,  was  aller  artickel  halben 
den  glauben,  die  gewissen  und  mispreuch  belangen  gehandelt  ist 
worden,  werden  E.  L.  befinden,  das  sich  die  Sachen  des  eigennuczes 
oder  der  closter  gutter  halben  nit  gesthossen  hat,  sondern  der 
Sachen  halben,  die  mit  got  und  gewissen  nit  zu  bewilligen  gewest 
sein,  wie  zu  gelegcnner  zeit  mit  got  wol  an  tag  wert  gebracht 
werden.  Mach  auch  E.  L.  worlichen  berichten,  das  der  artickel  die 
closter  gutter  belangent,  do  ich  noch  zu  Auspurk  gewessen,  von 
kais.  M'  nie  gedacht  oder  etwas  derhalben,  wie  es  mit  denselbigen 
gehalden  solt  werden,  unsserm  teil  anzeiget  ist  worden,  so  ist  auch 
in  kais.  M'  artickeln,  die,  unssere  artickel  zu  verlegen,  verlessen  sein 
worden,  derselbigeu  closter  gutter  auch  nit  gedacht  worden  und 
zum  dritten  ist  im  geordenteu  ausschus  der  XIIII  personnen  des- 
selbigen  artickels  zu  handeln  auch  mi  ^e\ser\i  [— encent?]  worden, 
bis  so  lang  das  nach  abreissen  herzock  Heiriches  von  Ikau- 
schweiges')  mein  fr.  1.  vetter  herzock  Jorg  von  Sachs.sen  in  sulchem 
ausschus  kommen  ist,  hat  S.  L.  aus  besunderu  freuntlichem  willen, 
den  er  zu  m.  gn.  hn.  und  vattern  und  uns  andern  treget,  von  sthund 
an  den  closterartickel  erreget  und  auf  die  bau  bracht,  auch  seinem 
kopp  nach  wollen  gehandelt  haben,  das  auch  diesse  un  andere 
seiner  liebe  ungesthumme  handellung  die  ganze  handellung  zer- 
sthossen  hat:  das  derhalben  nit  mit  fugen  mir  aufgeleget  mack 
werden,  das  ich  etwas  verhindert,  das  zum  friden  dinstlichen  und 
mit  got  und  gewissen  beschehen  hette  mugen.  Kan  auch  E.  L.  mit 
warheit  anzeigen,  das  mir  von  unsserm  teil  seihest  ist  aufgeleget 
worden,  ich  hette  melier  eingerenmet.  dan  ich  billichen  .solt  gethan 
haben,  daraus,  hoff  ich,  werden  E.  L.  unssers  teils  Unschuld  be- 
finden. auch  das  E.  L.  zu  fil  ungrundes  von  mir  angezeiget  ist 
worden,  dan  so  E.  L.,  wil  got,  einest  hören  werden,  was  sich  von 
unssern  teil  der  closter  halben  erbotten  ist,  werden  E.  L.  befinden, 
das  wir  uns.sern  eigen  nucz  nit  gesuchet  haben,  sondern  alles 
das  einreumen  wollen,  das  allein  mit  got  und  gewissen  hette  be- 
schehen mugen. 

Zum  tritten,  was  mir  kegen  E.  L.  m.  gu.  hn.  und  vatters 
halben  aufgeleget.  wie  ich  mich  kegen  S.  Gn.  halden  solle  und 
S.  Gn.  regiren  wollen  etc.,  sulches  und  anders,  das  mir  zu  Unschulden 
kegen  E.  L.  aufgelet,  müsse  ich  geschehen  lassen  und  got  ergeben, 
dan  man  kan  ein  idern  unwarhaftiges  muH  nit  stupjien,  .sie  liegen, 
so  lang  sie  wollen.  Wer  hie  ist  oder  wo  ich  wei  m.  gn.  hn.  und 
vattern  bin,  der  wert  wol  scheczen,  wie  ich  mich  kegen  S.  Gn. 
balde  oder  nit.  und  ob  es  war  ist,  wie  E.  L bericht  ist  worden 

1)  U^ber  dififr  HeUt  vergl.  Schirrmacher , S.  21S.  Sie  erfolgte  am  lü,  Augiuty 

r.  K.  II,  848. 


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No.  20:  1530  Okt.  a 


oder  nit,  darwei  wil  ich  es  zu  dissem  mal  bleiben  lassen  und  got 
befellen. 

Zum  virden  vermerke  ich,  als  hab  man  in  E.  L.  hoff  meinet- 
halben grosse  bescherung,  als  suchte  ich  alles,  das  zu  Unfrieden 
und  entporung  solt  dinstlichen  sein,  und  sunderlichen  solt  ich  zu 
meiner  ankunft  dasgenige  aufhebcn,  das  von  m.  gn.  Im.  und  vatters 
retten  beschlossen  werd,  auch  fechte  ich  etliche  geleite  und  zolle 
an  und  wolle  es  nun  anders  haben,  dan  es  vor  XXX.\  jaren  ge- 
wessen  wer  etc.  Darauf  wil  ich  E.  L.  freuntlicher  meinung  nit 
bergen,  das  ich  mich  nit  genuck  verbundern  kan,  wovon  die  leute, 
die  es  so  beschwerlichen  angeben,  darzu  die  Ursache  nemeu.  dan 
ich  kan  wei  mir  auch  aus  dem  schreiben,  das  ich  an  meinen  vettern 
hz.  Fridrichen  von  Sachssen  gethan  hab,  der  geleite  und  zolle  halben 
nit  befinden,  das  sie  ainige  ur.sach  darzu  haben  mugen,  dan  ich 
nichtes  anders  geschrieben,  dan  das:  Nachdem  ich  mich  zu  erinnern 
wüst,  das  dis  ein  artickel  wer,  der  den  gebrechen,  die  sich  zuschen 
m.  gn.  hn.  und  vattern  und  m.  vettern  hz.  Jorgen  von  Sachsen  etliche 
vil  jar  irrick  gehalden  und  noch  unausgeortert  under  den  andern 
anhengik,  so  wolt  mir  abwes.sens  m.  gn.  hn.  und  vatters  aus  allerlei 
bedenken  nit  gelegen  sein,  an  S.  Gn.  vorwissen  hirinnen  ichtwas  zu 
vorschalfen,  ich  wolt  ober  solches  S.  Gn.  zu  erkennen  geben  und 
wer  sunder  zeifel,  S.  Gn.  werden  sich  darauf  geburlichen  und 
unferweislichen  erzeigen.  Aus  dies.ser  antwort  soltjhe  nit  billichen 
ursach  genommen  werden,  mir  aufzulegen,  ich  suchte  krick  und 
Wiederwillen  auch  sum.  Solt  mein  schreiben  den  olden  er[b]teilung 
und  vertrugen  entkegen  sein,  nachdem  ich  sie  mit  dem  wenigisten 
wort  nix  angeruret,  das  denselbigen  zu  entkegen  wer,  allein  das  ich 
an  m.  gn.  hn.  und  vatters  forwissen  darinnen  nichtes  zu  ferschaffen 
wist,  welches  wei  leuten,  die  versthant  haben  wollen,  jhe  nit  so 
weschwerlichen  zu  achten  oder  darvon  zu  reden  sein  solt,  so  sie 
anders  frieden  und  erwarkeit  seihest  libetten  und  nit  seihest  den 
Unfrieden  .suchen  und  dieselbigen  ire  hern  seihest  gerden  zum  Un- 
frieden bewegen  wollen,  dan  es  ist  jhe  got  lob  aus  meinem 
schreiben  oder  sunsten  kein  Ursache  da,  das  man  mir  mit  warheit 
und  gründe  auflegen  darf,  als  suchte  ich  ainigen  Unfrieden  oder 
das  von  m.  gn.  hn.  und  vattern  oder  imandes  unssers  theiles  Ur- 
sache zum  krige  und  Unfrieden  geube  (!).  Wan  ich  aber  E.  L.  hin- 
wieder anzeigen  solt.  was  von  E.  L.  her  vatter  meinem  vetter  ber- 
zogen  [Jorgen]  m.  gn.  h.  und  vattern  begegent  und  gewaldige  forent- 
haldung  beschiet  wieder  die  erteilung  und  sunsten  wieder  alle  ver- 
einung  und  vertrege,  mit  forenthaldung  der  Silber,  die  in  seiner 
liebe  furstentumb  gebonnen  und  doch  in.  gn.  h.  und  vattern  die 
helf  zugeteilet,  mit  was  gewalt  und  an  recht  die.selbigeu  S.  Gn. 
forenthalden  werden,  auch  wie  mein  vetter  wai  kais.  M'  angehalden 
und  gefleisiget,  das  I.  M'  m.  gn.  hn.  und  vattern  beschweren  und 
vertreiben  solt  mit  erbietung,  das  S.  L.  Ir.  M'  mit  allem  vermögen 
darzu  helfen  und  zuseczen  wolte,  auf  das  I.  M'  unssern  glauben 


No.  21:  1530  Okt.  24. 


135 


und  haldung  des  heiligen  gotlichen  Worts  nit  ungestrafft  liesse  etc. ; 
ob  nun  solches  gewaldige  entwerung,  — die  uns  wieder  recht  und  die 
teilung  beschit  mit  dene  silbern,  auch  das  wieder  erbverbruderung 
und  erbeinung,  die  vermugen  einnander  mit  treuen  und  freunt- 
lichem  willen  zu  meinen  etc.  und  darüber  zu  fleisigen  w'ei  kais.  M* 
beschwert  zu  werden  und  sich  darzu  erbieten,  als  fermugen  darzu 
darstrecken,  — nit  Ursache  zu  unfre|u]ntlichen  willen  krick  und  blut- 
vergissen  geben  solt  meher  dan  die  Ursache,  die  mir  aufgeleget, 
als  solt  ich  es  ursach  sein,  haben  E.  L.  leichlichen  zu  ermessen. 
Ich  wil  aber,  ob  got  wil,  an  merkliche  Ursachen  und  ubermessige 
Imschwer  nit  darzu  ratten,  das  von  unsserm  teil  krich  angefangen 
oder  billiche  Ursache  darzu  geben  werd,  wie  dan  m.  gn.  h.  und 
vatter  got  lob  nochmals  nie  anders  befonden  ist  worden,  wil  oder 
/—  aber]  darüber  mein  vetter  herzock  Jorg  etwas  anfahen,  als  ich 
mich  nit  versehen  wil,  so  wollen  wir  auf  unsserm  teil  got  zu  hulf 
nemen,  auch  unssr  gerechte  sache  und  auch  das  wir  kein  ursach  dazu 
geben  haben  und,  ob  got  wil,  S.  L.  kriges  genuck  geben,  aber  E.  L. 
holdes  eigentlichen  darfur,  das  mein  gemut  nit  ist,  wie  ich  auch 
weis,  das  m.  gn.  hn.  und  vatters  auch  nit  ist,  meinem  vettern  das- 
genige  zu  entzihen,  das  S.  L.  zusthehet  und  die  teilung  oder  ver- 
trege  geben,  allein  wolt  ich  auch  nit  gerden,  das  m.  gn.  hn.  und 
vattern  etwas  entzogen  solt  werden,  das  S.  Gn.  der  teilung,  auch 
aller  billickeit  und  rechten  nach  zusthunde  und  geburet. 

Ich  habe  auch  von  E.  L.  for  diessem  schreiben  noch  eines  vou 
Hans  Spigeln  entpfangen  und  was  die  billen  for  die  pestilenz  be- 
ruret,  die  ich  E.  L.  schicken  solt,  hat  mir  Hans  Spigel  keinen  be- 
richt gethan,  was  vor  pillen  sein  sollen.  Wan  ich  aber  weis,  wie 
sie  sein  sollen  und  ich  ir  zu  bekommen  weis,  wil  ich  sie  E.  L. 
gerden  schicken. 

Was  die  fier  ewangelisten  und  die  profetten  belanget,  die  doctor 
Martinus  in  neulickeit  sol  haben  ausgehen  lassen,  darvon  weis  ich 
nochmals  nichtes,  wan  ich  sie  aber  bekomme,  wil  ich  sie  E.  L.  zum 
foderlisten  zuschicken,  und  hab  E.  L.  solches  auf  Ir  schreiben  nit  ver- 
halden  wollen D.Torga  am  sonnabent  nach  Francisci  im  XXX.  jar. 

*J1.  Herzog  Johann  Friedrich  an  [Graf  Wilhchn  von  Nassan]\ 

1530  Oktober  24.  Rechtfertigung  der  Haltung  der  Erangelischen 

auf  dem  Reich.stag. 

Eigcnh.  Kom.  Reg.  E.  fol.  S7a,  No.  S8.  Benutzt:  S,  4"^, 

Hochgeborner  fr.  1.  ohem.  Mir  zeifTelt  nit,  E.  L.  sein  nunmeher 
bericht  worden,  welcherlai  gesthalt  m.  gn.  h.  und  vatter  der  kf.  und 
wir  andern  zu  Auspurck  abgeschieden  sein  und  was  wir  in  Sachen 
got  und  sein  gotlich  wort  belangent,  an  zeifel  durch  forderung 
unsser  misgunstigen  for  einen  beschwerlichen  unchristlichen  abschit 
erlanget  haben,  wie  mir  nit  zeifelt  E.  L.  genuksamen  bericht  weren 


1)  Daß  dieser  der  Adressat  ist,  ergibt  sich  aus  seiner  Antwort  vom  S4.  November. 


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136 


No.  22:  1530  Dez.  2a 


entpfangen  haben,  und  das  uns  sulches  über  hlfeldige  unssr  hohe 
erbieten  dermassen  beschwerlichen  forfelt,  mit  ra.  gn.  hn.  und  vattern, 
auch  mir  ein  fr.  und  getreuliches  mitleiden  haben.  Dan  jhe  an 
allem  dem,  das  von  unsserm  teil  mit  got  und  gewissen  hette  be- 
schehen  mugen,  got  lob  an  uns  kar  kein  mangel  gewessen,  das 
unsser  wiederteil  auch  selbest  het  bekennen  müssen,  das  unssr 
ubergeben  confession  gottes  wort  und  dem  heiligen  ewangelium  nit 
entkegen  wer,  allein  wan  es  von  innen  als  die,  die  christliche  kirche 
sein  wollen,  zufor  angenommen  und  besthetiget  worden,  es  recht 
wer,  auch  zufor  also  gehalden,  das  wir  also  got  lob  ir  eigen  be- 
kennus  haben  und  unsser  gewissen  darmit  trösten  mugen,  das 
unsser  wiederwertige  unsser  bekennus  in  gütliche  wort  müssen 
gegrünt  sein  lassen,  allein  das  sie  gerden  an  eher  dem  got  und 
sein  wort  sein  wolten.  Dieweil  nun  dem  allen  also,  so  müssen  wir 
dem  üben  . . . got  entpfellen  und  in  machen  lassen,  nachdem  wir 
alle  untertenickait  gesuchet,  und  lieber  einen  ungenedigen  keisser 
dan  ungnedigen  got  haben.  Dan  wiewol  in  kais.  M*  hant  und 
vermugen  sthehet,  so  es  im  got  zulest,  uns  leib  und  gut  zu  nemen, 
so  gehet  doch  sein  gewalt  über  unsser  seile  nit.  got  kan  uns  aber 
leib,  seile  und  gut  nemen  und  in  das  ewige  feuer  werfen.  Den 
wollen  wir  mit  seiner  hulf  melier  furchten  dan  allen  weltlichen 
gewalt.  Nachdem  ich  aber  wol  denken  kan,  das  wir  von  unssern 
wiederwertigen  kegen  E.  L.  und  desselbigen  bruder,  auch  m.  fr.  1. 
ohem  diesser  und  anderer  Sachen  halben  zum  hohesten  verun- 
gelimpt  werden  weren,  so  ist  an  E.  L.  mein  bitte,  ab  etwas  an  E.  L. 
derhalben  gelangen  werde.  E.  L.  wollen  im  ungehort  unssers  teils 
antwort  keinen  glauben  geben,  ob  auch  dergleichen  an  E.  L.  bruder 
gelangen  worde  und  E.  L.  sulches  in  erfarung  kemme,  dergleichen 
von  meinetwegen  auch  fr.  bitten,  dan  auf  alles  das,  so  an  E.  L. 
bruder  und  E.  L.  m.  gn.  hn.  und  vatters  und  meinetwegen  gelangen 
mag  zu  ferungelirapeu,  so  wir  sulches  Wissens  entpfahen,  sollen 
weide  E.  L.  unsserm  bericht  dermassen  befinden,  das  uns  zur  un- 
billickait,  was  uns  kegen  E.  L.  zu  ferunglimpen  aufgeleget  ist 
worden  ...  D.  mein  eilends  hant  am  montack  denn  X.VIIII  tack 
octobris  ini  XXX  jar. 

23.  Ihrxog  Johann  Frmlrich  an  Kurfürst  Johann,  Köln  1530 

Jkxrniher  28.  Allerhand  Xruigkeiten  aus  Köln. 

Ildbf.  Ia)c.  10671  „A'omV?  Ftrdiuandi  Wahl  betr.  153V*.  : S.  79  ff. 

Winckelmann,  S.  69. 

E.  Gn.  .schreiben  von  Schmalkaln  aus  liab  ich  heut  dato  ent- 
pfangen und  tue  mich  kegen  E.  Gn.  bedanken,  das  E.  (in.  auf  mein 
ansuchen  mich,  mein  genial  und  kinder  in  vetterlichem  . . . befel 
haben  wollen  und  bins  kegen  E.  Gn.  zu  ferdienen  utg.  erbottick. 

Wie  allenthalben  die  suchen  alhie  stehen,  werden  E.  (in.  aus 


r>  Ein  Wort  vertrucht. 


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No.  23:  1531  Sept.  29. 


137 


andern  meinen  schreiben  *)  hiewei  zu  fernemen  haben,  es  sthehet 
aber  allenthalben  auf  dem,  das  augenscheinlichen  zu  sehen  und  zu 
befinden,  das  reich  elendicklichen  dem  konnick  von  Behem  hin- 
geben und  verkauft  wirt,  wie  wol  man  iin  mit  der  suchung  der 
freihen  wal  wil  ein  nassen  machen,  es  ist  aber  leider  doch  dieselbige 
lueinung. 

Frau  Margaretha,  die  regentin  in  Niederlant,  ist  versthorben, 
und  w'iewol  kais.  M'  und  der  konnick  seher  trauern  und  fil  schwarz 
tragen,  siet  es  doch  nit,  als  wer  gros  innerlich  leit  verbanden. 

Der  kronrock  sol  bereit  erneut  sein  und  alle  Sachen  zugericht, 
dan  man  ist  der  Sachen  gewis. 

Des  Fockers  facktorn  liegen  alhie,  haben  fil  taussent  gülden 
wei  sich,  wan  das  werk  verpracht,  auf  das  die  verheissene  be- 
lonnung  erfolget. 

Das  concilium  sol  von  pabst  in  Italien  angesezt  sein  und  der 
konnick  hat  im  rat  heut  seihest  geret,  kais.  M'  werden  in  reich  bis 
zu  dem  consilio  pleiben,  und  ist  alles  dazu  gericht,  E.  Gn.  mit  iren 
verwanten  zu  übereilen  und  meher  fuges  darzu  zu  suchen,  dan  sie 
nachmals  haben.  Derhalben  wil  die  unmeideliche  notturft  erfordern, 
die  Sachen  nit  zu  ferlassen,  sundern  in  gutter  acht  und  verfaster 
kegenwer  zu  haben,  wie  im  E.  Gn.  der  notturft  nach  wol  nach- 
gedenken werden.  Darmit  tue  ich  E.  Gn.  von  got  dem  almechtigen 
ein  glückseliges  christliches  und  guttes  neues  jar  wünschen  . . . 
D.  mein  eilend  hand  zu  Collen  am  Rein  am  mitwochen  nach  wei- 
nachten im  XXXI.  jar. 

‘JJ.  Herzog  Johann  Friedrich  an  Graf  Wilhelm  von  Xeaenaiir, 

Weimar  1531  September  29.  Erkundigung  über  die  Verhand- 
lungen mit  dem  Kaiser.  Eingegangene  Warnungen  vor  dem 

Ileichstagbesuch . Zettel,  Weimar  Oktober  1:  Empfehlung  der 

Vermählung  Wilhelm.s  von  Kassau  mit  der  Prinxessin  Marie. 

Eigtiüi.  Konx.  Reg.  H.  p.  SO,  iVb.  6,  foU  SdjdO,  94-  Benutzt:  S.  S5  /, 

Nachdem  junst  alhie  von  meinem  1.  ohem  gf.  Wilhelm  von 
Nassau  und  Euch  allerlei  ist  angenommen  worden  von  wegen 
m.  gn.  hn.  und  vatters  an  die  röm.  kais.  M‘  auf  S.  L.  und  Euer 
abfertigung  wiederumb  gelangen  zu  lassen,  wie  mir  dan  nit  zceifelt, 
das  sulches  von  S.  L.  und  Euch  allenthalben  zum  besten  ausgericht 
sei  worden,  worauf  aber  sulche  handellung  nunmeher  beruhen  tuet, 
davon  hat  m.  gn.  h.  und  vatter  auch  ich  nachmals  kein  Wissens. 
Ich  kan  aber  wei  mir  wol  bedenken,  das  der  mangel  wei  S.  L. 
und  Euch  nit  ist,  sundern  ander  Ursachen  haben,  derhalben  bis 
anher  nachmals  kein  antwort  gefallen  i.st.  Ich  wil  Euch  aber  nit 
bergen,  das  fil  und  manchfaldig  vertraut  Warnung  m.  gn.  hn.  und 
vattern.  auch  mir  beschehen  ist,  das  S.  Gn.  oder  ich  auch  auf 

1)  Dieze^  mit  einem  anefnhrlicken  Bericht  über  die  WahlverhatuUnngen  ebenda 
„Schreiben  unti  Bedenken*^  fol.  1S6 — I4I,  Or. 


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138 


No.  23:  1531  Sept.  29. 


fergleitung  nit  vertrauen  solten,  den  reischtag  durch  S.  Gn.  oder 
mich  zu  besuchen,  dan  es  an  besorckliche  for  [=  gefahr'^]  und  bo- 
schwerung  nit  abgehen  werde  etc.,  und  wiewol  ich  nit  weis,  was 
durch  m.  1.  ohem  und  Euch  in  dennen  artickeln,  auf  welche,  so  sie 
erlanget  worden,  von  m.  gn.  hn.  und  vattern  bewilliget,  den  reisch- 
tack persönlichen  zu  besuchen  oder  durch  mich  zu  beschicken,  aus- 
gericht,  so  hab  ich  Euch  doch  solches  nit  wollen  unangezeiget 
lassen  und  nachdem  mir  sulche  hlfeldige  ansehenliche  warnung  nit 
wenick  bedenken  machen,  auch  sulche  besuchung  des  reischtags, 
so  die  ubergeben  artickel  bewilliget,  auf  mich  am  ersten  kommen 
mochten,  so  wille  ich  mich  wei  m.  1.  ohem  gf.  Wilhelm  und  Euch 
unserm  vertrauen  nach  zum  höchsten  versehen,  S.  L.  und  Ir  wert 
mit  allem  fleis  am  hoffe,  wie  Ir  zum  besten  zu  tuen  wis,  derhalben 
erkonden  nemen  und,  so  Ir  befondet,  das  über  das  geben  gleit  ein 
untrau  und  misglaube  zu  besorgen,  das  Ir  mich  in  dem  nit  werdet 
unferwarnet  lassen,  wie  ich  mich  dan  des  und  alles  gutten  zu  S.  L. 
und  Euch  versehen  tue  . . . D.  Weimar  am  freitag  nach  michahelis 
im  XXXI.  jar. 

Zettel  ebenda  fol.  94,  Okt.  1 Weimar, 

Neben  dem  zeifelt  mir  nit,  Ir  wis  Euch  wol  zu  erinnern, 
welcherlei  gesthalt  ich  for  etlicher  verloffner  zeit  mit  euch  rede 
gehabet  von  wegen,  ab  ein  ehebededink  zuschen  m.  1.  ohem  gf. 
Wilhelm  von  Nassau  und  meiner  Schwestern  einer  mocht  gehandelt 
werden,  und  .so  ich  vermerket,  das  m.  1.  ohem  gf.  Wilhelm  etwas 
willens  darzu  hette,  das  ich,  als  der  die  freuntschaft  gerden  sehe, 
auch  graff  Wilhelm  mit  allem  fr.  willen  geneigt  werhe,  es  mit  allem 
fleis  wei  m.  gn.  hn.  und  vattern  auch  m.  1.  Schwester  einer,  zu 
welcher  gf.  Wilhelm  gefallens  hette,  zu  fordern  geneiget  werde.  Ich 
hab  aber  graff  Wilhelms  gemut  nie  eigentlichen  erkundigen  mugen, 
dan  anders,  das  sich  S.  L.  hetten  vernemen  lassen,  das  sie  zu  alt 
sich  andersweit  zu  ferheiratten,  dawei  ich  es  dan  bis  anher  auch 
habe  beruhen  lassen.  Ich  wil  Euch  aber  ferner  nit  bergen,  das  in 
kurz  ansuchung  gedachter  m.  1.  Schwestern  halben  wei  m.  gn.  hn. 
vattern  geschehen  ist  und  von  leuten,  die  dannach  nit  wol  zu 
ferschlagen,  ich  hab  es  aber  bis  anher  wei  m.  gn.  hn.  und  vattern 
aufgehalden,  nachdem  ich,  so  von  weiden  teilen,  als  wei  m.  1. 
ohem  gf.  Wilhelm  und  m.  1.  Schwestern  einer,  da.s  gemut  darzu 
sthunde  und  geneiget  weren,  aus  besundern  fr.  willen  es  lieber 
an  dem  dan  an  keinem  andern  ort  sehen  wolde.  Derhalben  hab  ich 
Euch  solches  nit  wollen  unangezeiget  la.ssen  und  ist  derhalben  an 
Euch  mein  begern,  Ir  wollet  Euch  for  Euch  seihest  wei  m.  1.  ohem 
gf.  Wilhelm  nochmals  S.  L.  gemut  in  dem  erlernen,  nachdem  S.  L. 
weide  m.  1.  Schwestern  nunmals  gesehen,  und  wie  Ir  S.  L.  gemut 
in  dem  befindet,  mich  vertreulichen  versthendigen.  So  dan  S.  L. 
darzu  geneiget  ist,  so  sollen  S.  L.  an  mir  einen  fr.  und  getreuen 
hendlern  darinnen  befinden  . . . D.  Weimar  am  sontag  nach  Mi- 
chaelis im  XXX  (!). 


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No.  24—25:  1532  Mai  7 — Juni  21. 


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34.  Ilerxog  Johann  Friedrich  an  Kurfürst  Johann,  Srhweinfurt 
1532  Mai  7.  Bericht  über  die  letzten  Verhandlungen  in 
Schiceinfurt.  Bitte,  die  Theologen  auf  den  13.  abends  zu  einer 
Beratung  nach  Wittenberg  zu  berufen. 

Or.  Reg.  //.  3o.  16,  rol.  fol.  109.  Benutzt:  S.  ^9. 

Sonntag  oder  Montag  teilt  ich  in  Torgau  sein.  Die  Sachen 
haben  sich  jetxt  so  angelassen,  das  ich  etwas  trost  habe,  als  sollen 
die  Sachen,  so  die  religion  belangen,  zu  guetem  ende  und  crist- 
Uchen  frieden  geraichen.  Mithvoch  teird  teohl  die  letzte  Verhand- 
lung statt  finden.  In  Nürnberg  soll  ein  neuer  Tag  abgehalten  irerden, 
die  Kurfürsten  werden  bis  dahin  Kais.  M‘  die  Mittel,  über  die  wir 
uns  Mittwoch  einigen,  vorlegen  ...  so  achte  ich  von  noten  sein, 
das  E.  Gn.  der  theologen  zu  Wittenberg  bedenken  vor  entlichem 
beschloß  darin  hören  lassen,  wan  aber  die  nodturft  erfordert,  inen 
aller  artickel  gelegenheit  gründlich  zu  berichten.  So  ist  mein  guet- 
bedunken  und  fr.  biet,  E.  Gn.  wolle  doctor  Martinum,  den  Pommer, 
dieweil  er  weiter  zu  Wittenbergk  sein  soll.  Philippen  und  den 
Jhonas  zu  ir  gein  Torgaw  erfordern  lassen,  also  das  sie  uf  negsten 
montag  gegen  abend  doselbst  einkomen,  damit  ir  bedenken  in 
solchen  großwichtigen  Sachen  gehört,  wie  sie  die  artickel  befinden, 
das  sie  mit  got  und  gewissen  annhemlich  sein  oder  nit,  darnach 
wo  es  bei  denselbigen  artickeln  pleiben  wurde,  endlich  geschlossen 
und  die  richtung  mocht  angenomen  werden  . . . D.  Schweinfurt 
dinstagen  Vocem  Jocunditatis  gegen  abend  anno  d»*  XXXII. 

25.  Herzog  Johann  Friedrieh  an  Kurfürst  Johann,  Nürnberg  1532 
Juni  21.  Bitte,  die  Theologen  zu  einem  Guiachten  über  die. 
Friedensrerhandlungcn  zu  veranlassen.  Sendung  Belzigs  in  die 
Donaulünder. 

Kunz.  Reg.  H.  p.  65,  No.  17,  vol.  3,  fol.  4? — 44-  Benutzt:  S.  50, 

Antwort  auf  z wei  Briefe  vom  11.  Juni.  Die  Erfurter  Angelegen- 
heit. Bericht  über  die  Verhandlungen  in  Nürnberg,  sie  sind  noch 
nicht  sehr  aussichtsvoll.  Und  ist  dem  allen  nach  mein  bedenken, 
das  E.  Gn.  die  handelung,  so  uf  dem  itzigen  tage  alhie  algerait 
ergangen  sein,  davon  E.  Gn.  ich  copeien  uberschickt  und  sonder- 
lich aus  dieser  Ursachen,  weil  der  theologen  und  gelarten  dieses 
tails  bedenken,  so  alhie  einkomen,  an  einander  vhast  widerwertig 
befunden,  doctor  Martin  Luther  und  den  andern  gelerten  zu  Witten- 
berg furderlich  ubersenden  lassen,  dasselbige  weiter  zu  bewegen 
und  E.  Gn.  darauf  ir  ferner  bedenken  anzuzaigen.  Und  wan  solchs 
bescheen,  wolle  E.  Gn.  mir  dasselbige  hieher  zufertigen  . . . damit 
ich  mich  sampt  den  andern  mitverwandten  im  beschluß  deist  pas 
\desto  />c.vser]  darnach  habe  zu  richten. 

Welcher  gestalt  ich  auch  Albrecht  von  Belzk  gegen  Wien, 
Preßburg  und  nach  Mlieren,  sich  der  Türken  halben  zu  erkunden, 
auch  sonsten  erforschung  und  besichtigung  der  gelegenhait  und 
nodturft  nach  furzuwenden,  hiedannen  apgefertiget,  tue  E.  Gn.  ich 


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140 


No.  26:  1532  Juli  5. 


himit  abschrift  ubersenden.  Uebersendung  ron  neuen  Zeitungen 
über  die  Türken  aus  Venedig. 

D.  Nurmbergk  freitag  nach  Viti  1532. 

20.  Hans  ron  MineJacitx  an  Herzog  Johann  Friedrich,  Torgau  1532 
Juli  5.  Kundschaft  der  Türken  wegen.  Geplante  Zusammen- 
kunft Johann  Friedrichs  tnit  dem  Ijandgrafen,  Werbungen. 
Ausschußtag  zu  Zwickau.  Reise  der  Kurprinzessin.  Geschenke 
an  Luther  und  an  den  Kurfürsten.  Georg  Späte.  Befestigung 
Wittenbergs.  Zettel:  Zahlungen  Frnsts  von  Braunschweig.  Be- 
finden des  Kurfürsten. 

Hdbf.  Heg,  A.  BrnuUt:  S.  S7  /. 

Auf  bevhel  E.  f.  Gn.  bin  ich  am  nesten  montage  anher  zu  m. 
gnsten.  hn.  körnen  und  gn.  gehört  wurden. 

Und  sovill  die  kunstschafft  in  Polen,  Preussen,  Schlesien, 
Lausitz  etc.  belangen  tutt,  hab  ich  mit  aller  nott  erhalten,  das  der 
gleitzman  von  Her.sberg  abgefertigt  ist,  der  soll  es  an  allen  enden 
ausrichten,  man  wil  alhie  wider  von  des  Turgken  noch  andrer  un- 
kristen  anzugk  gleuben. 

Der  zusamenkunft  E.  f.  Gn.  und  des  lantgraffen  zu  Schmal- 
kalden sint  S.  kf.  Gn.  wol  zufriden.  So  haben  S.  kf.  Gn.  das 
anlaufen  der  knecht,  auch  das  schreiben  so  E.  f.  Gn.  den  heubt- 
Icuten  gethan,  nit  angcfochten.  allein  bedenken  S.  kf.  Gn.  das  vor- 
sichtigklich  in  dem  mit  den  knechten  gehandelt  wurd,  damit  der 
lantgratf  kein  ufruhr  macht. 

Die  XII  verordnete  der  lantschaft  sint  uf  den  sonntag  nach 
Margarethe,  wie  E.  f.  Gn.  ane  zweivel  wissen,  gegen  Zwigkau  er- 
fordert. Alle  andre  artigkcl,  so  E.  f.  Gn.  der  besichtigung  und 
ander  halben  nach  der  Schlesien  bedacht  und  in  mein  instruction  *) 
furfast,  müssen  ruhe  haben,  bis  der  gleitzman  von  Hersberg  wider 
ankombt  oder  schreibt. 

Die  artigkel.  so  Nigke!  vom  End  und  Hanns  Metsch  aufrichten 
sollen,  wollen  auch  nit  von  statt,  dann  m.  gnster.  h.  will  Nigkel  vom 
End  nit  erfordern  und  Hans  Metzschen  nit  zu  ime  reisen  lassen, 
wiewol  es  in  gemeinem  rat  vor  nott  und  gutt  ange.sehen,  so  sint 
S.  kf.  Gn.  in  dreien  malen  daran  erinnert. 

Belangend  das  reisen  E.  f.  Gn.  gemalh,  m.  gn.  f.,  den  jungen 
hn.  und  E.  f.  Gn.  gesind  etc.  das  sint  m.  gnster.  h.  zufriden,  S. 
kf.  Gn.  haben  auch  bewilligt,  wann  E.  f.  Gn.  schigken  ader 
schreiben  und  fodern  werden,  m.  gn.  f.  mit  fhurn  und  anderm  zu 
versorgen. 

So  thun  S.  kf.  Gn.  hibei  dem  scho.sser  und  castner  zu  Coburg 
schreiben  und  vcrzeichnus  ubersenden,  was  E.  f.  Gn.  sie  aus  dem 
ambt  lauts  der  abrede  antworten  und  sunsten  keufen  sollen,  so 
wollen  S.  kf.  Gn.  etzlich  stugk  mit  von  hinnen  und  auch  von  Weimar 

1)  Heg,  JJ.  />.  So.  77,  rul.  2,  fol.  57 — Kont. 


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No.  26 — 27:  1532  Juli  5 — Juli  9. 


141 


verordnen.  Zudem  haben  S.  kf.  Gn.  den  schossern  zu  Voitsberg 
und  Arnshaug  geschriben,  E.  f.  Gn.  die  putter  folgen  zu  lassen, 
nemlich  der  schosser  zu  Voitsberg  XV  fo.ss  geschmelzt  putter  und 
der  schosser  zum  Arnshaug  L halbe  thonnen  ungeschmelzte  putter. 

Abe  die  post  zu  legen  hab  ich  auch  nit  erhalten  können,  son- 
dern derselb  artigkel  ist  auf  E.  f.  Gn.  ankunft  wils  got  ver.schoben. 
Meiner  gnedigen  frauen  hab  ich  E.  f.  Gn.  briff  geantwort  und  auch 
dabei  allerlei  bericht  I.  f.  Gn.  belangend  im  besten  gethann,  es 
ist  auch  I.  f.  Gn.  folgk  mit  vorwissen  m.  gnsten.  hn.  angesagt,  sich 
zu  der  reiss  zu  richten,  eczlich  sint  frolich,  aber  etzliche  traurigk. 
Doctor  Martinus  hab  ich  E.  f.  Gn.  geschengk  zugeschigkt  und  dabei 
geschriben,  aber  mir  ist  noch  nit  antwort  worden. 

So  hab  m.  gnsten.  hn.  ich  das  cleinod  und  den  nachtstein  auch 
utglich  überantwort,  welchs  S.  kf.  Gn.  fruntlich  von  f.  Gn.  an- 
genhomen.  aber  ich  kan  nach  nit  wissen,  ob  S.  kf.  Gn.  das  cleinot 
behalten  wollen  oder  nit. 

In  Georg  Speten  sach  hab  ich  auch  nichts  ausrichten  können, 
aber  sovill  merk  ich,  das  m.  gnster.  h.  leiden  mocht,  wo  E.  f.  Gn. 
ine  unden  sambt  dem  weibe  zu  Frangken  unterhalten  mocht,  wie 
ichs  auch  Speten  angezeigt,  der  wil  sich  sambt  dem  weib  uf  die 
reiss  mit  m.  gn.  f.  richten. 

Der  bau  zu  Wittenberg  geht  noch  von  statt,  m.  gnster.  h.  hat 
neulich  11.  hinab  geordnet,  so  wil  ich,  ob  got  wil  in  wenigk 
tagen  selbs  hin  und  von  denn  greben  und  anderm  mit  dem  heubt- 
man  reden,  wie  E.  f.  Gn.  bevholen  ....  eilend  mein  hand  zu 
Torgau  freitag  nach  Visitationen!  Marie  15[3]2. 

Zettel:  E.  f.  Gn.  gebe  ich  auch  utg.  zu  erkennen,  das  m.  gn. 
h.  hz.  Ernst  gestern  IIII^  VIII*^  LXXII  11.  an  gold.  die  wollen 
S.  f.  Gn.  jhe  den  gülden  zu  XXV  gr.  gerechent  haben,  anher  ge- 
schigkt.  als  hat  mein  gnster.  h.  das  geld  nit  annhemen  wollen.  Sün- 
dern mir  bevholen.  dasselb  zu  entpfahen  und  gegen  Coburg  zu 
verordnen.  Derhalben  sol  es  bis  auf  E.  f.  Gn.  bevhel  oder  Zukunft 
wil  got  alhie  in  verwarung  enthalten  werden.  Um  des  hinterstelligen 
haben  S.  f.  Gn.  abermals  geschriben  und  m.  gnsten.  hn.  gebeten 
ufzuhalten,  bis  uf  zeit  der  not,  aber  m.  gnster.  h.  ist  uf  voriger 
antwort  beharret  und  dieselb  verneuet,  wie  E.  f.  Gn.  zu  Nurmberg 
bedacht  und  S.  kf.  Gn.  zugeschriben. 

Es  ist  alhie  so  lustigk,  das  ich  wünschen  wohl,  ich  were  bei 
E.  f.  Gn.  zu  Nurmbergk.  M.  gnsten.  hn.  fuß  ist  heil,  aber  S.  kf. 
Gn.  können  nit  gehen  und.  wie  man  sagt,  uf  das  gute  bein  übler 
dann  uf  das  böse  treten.  S.  kf.  Gn.  sind  etlich  mal  uf  die  jagt 
gefaren  und  noch  gestern,  aber  man  mus  S.  kf.  Gn.  auf  den  wagen 
und  von  dem  wagen  tragen.  D.  uts. 

- 27.  Herxog  Johann  Friedrieh  an  Knrfiirst  Johann,  Nib'nherg  1582 

Jnli  9.  Niemand  ist  mit  dem  Gutachten  Luthers  und  Jonas’ 

einverstanden.  Verhandlungen  mit  den  Iwiden  Kurfürsten . Ab- 


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142 


No.  27 : 1532  Juli  9. 


neigvng  der  hessischen  Bäte  gegen  den  Frieden.  1.  Zettel:  Wer- 
bungen. 2.  Zettel:  Empfehlung  eines  Oetreideamfuhrverbots. 

Or.  Reg.  H.  p.  65,  No,  17,  vol.  3,  foL  58—60.  Benutzt:  S,  50 f.  91.  Winekel- 
mann,  S.  333;  336. 

Mitteilungen  über  die  Vorschläge  der  beiden  Kurfür.sten  vom 
4.  Juli.  Und  wiewol  E.  Gn.  mir  negst  doctor  Martinus  und  des 
probstes  zu  Wittemberg*)  ferner  bedenken  berurter  vorigen  kais. 
M‘  artickel  lialben  uberschickt,  die  es  dafür  angesehen,  als  solten 
dieselbigen  artickel  zu  bewilligen  gewest  sein,  so  hat  doch  kein 
gesandter  der  mitverwanten  und  weder  die  marggrevischen,  noch 
die  von  Nurmberg,  ap  sie  wol  auch  sere  gelinde  in  dieser  handlung 
sein,  dieselbigen  artickel  dafür  mugen  ansehen,  das  sie  ane  Ver- 
letzung gotlicher  glori  anzunenien  gewest  weren. 

An  den  Vorschlägen  der  beiden  Kurfürsten  habe  ich  mit  den 
aiulern  einige  notwendige  Verbesserungen  vorgenornmen  *)  und  sie 
ihnen  wieder  xuge.stcllt.  Sie  haben  einen  Zusatz,  dazu  gemacht  und 
die  Artikel  am  Sonntag  dem  Kaiser  wieder  xugesandt.  Wenn  nun 
auch  der  Kaiser  die  xugesetzten  Worte  betreffend  die  Abstellung  der 
Prozesse  nicht  bewilligen  sollte,  .so  meine  ich  doch,  daß  man  die  Ar- 
tikel annchnien  .solle,  wie  sic  von  den  Kurfürsten  am  Donnerstag 
[d.  4.J  übergeben  irorden  sind,  wiewol  . . des  lantgrafen  rete  darwider 
sein  werden,  die  dan,  dafür  ichs  anseghe,  lieber  weiten,  das  sich 
der  fride  zerschlüge,  dan  das  er  solt  aufgericht  werden,  dan  es 
haben  sich  negst  zwuschen  mir  sampt  meinem  vettern  hz.  Franzen 
und  inen  etwas  herter  disputacion  zugetragen.  Ich  glaube  aber, 
wan  die  Nassisch  sach  in  solchen  friden  mit  eingezogen,  das  S.  L. 
des  rechten  oder  der  exemcion  mochte  vertriig  haben,  wurde  die 
handlung  nit  beschwerlich  bei  S,  L.  sein. 

Streitigkeiten  des  Kaüsns  mit  den  Ständen  zu  Begensburg.  Die 
Türkengefahr.  Personalien.  . . D.  Nürnberg  dinstags  nach  Kiliani 
anno  domini  XVC  XXXII. 

1.  Zettel  fol.  (ilf.  Büstungsangclcgenheiten.  Es  empfiehlt  sich, 
die  ge.sammelten  Knechte  noch  einige  Zeit  unter  den  Waffen  zu  halten, 
da  nachher  schwer  Ersatz  zu  schaffen  ist. 

2.  Zettel  fol.  68  f.  Empfehlung,  das  Verbot  der  Getreideausfuhr 
wegen  der  gefährlichen  Zeiten  zu  erneuern.  Die  oberdeutschen  Städte 
klagen  nämlich  über  große  EntblÖßntig  von  Uetreidevorrtiten,  auch 
aus  anderen  Gründen  ist  große  Teuerung  zu  befürchten.  Man  muß 
dem  xurorkommen.  Auch  den  beiden  Herren  von  Gern,  den  Grafen 
zu  Schwarzburg  u.  s.  w.  muß  man  Beachtung  des  Verbots  einschürfen, 
an  die  Amtleute  schreiben. 

1)  JuztuJi  Jonas.  Da*  Bedenken  findet  eich  bei  de  ir ette,  IV,  S.  S80j, 

2)  Reg.  II.  No,  16,  rot,  4»  fol  Ul- 


Fromounnaebt  Buchdnickfrri  (HvmuDQ  Pohl«)  ln  Jena,  — f5lS 


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Yerlag  ron  UnstaT  Fischer  in  Jena. 


JoMdd  Plili  m ScHori 

KurfOrst  von  Mainz,  Bischof  von  Würzburg  und  Worms 

1605-1673. 

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  siebzehnten  Jahrhunderts. 

Von 

Dr.  Gieorg  Mentz, 

;a.  0.  Professor  an  der  Universität  Jena 
Brater  TeU.  189G.  Preis:  4 Mark. 

Zweiter  Teil.  1899.  Preis:  7 Mark  50  Pf. 

Beiträge 

zur 

Geschichte  der  Reformation 
in  Oesterreich. 

Hauptsächlich  nach  bisher  unbenutzten  Aktenstücken  des 
Regensburger  Stadtarclüvs. 

Von 

Dr.  Eduard  Böhl. 

1902.  Preis:  9 Mark. 

Einführung  in  die  Kunstgeschichte 

der  Thüringischen  Staaten. 

Von 

Dr.  Paul  Lehfeldt, 

weil.  Prof,  in  Berlin. 

Mit  141  Abbildungen  im  Text 

1900.  Preis;  brosch.  4 Mark,  i;eb.  5 Mark. 


zur 


oeoerea  Gesdiidite  ThOnageis 

Band  1 

Johann  Friedrich  der  Grossmiitige 

1503—1554 

Zweiter  Teil 

Vom  Regierungsantritt 

bis  zum  Beginn  des  Schmalkaldischen  Krieges 

Namens  des  Vereins 

ffir  Thfiringische  Geschichte  und  Altertumskunde 

herausgegeben  von 

der  thüringischen  historischen  Kommission 

Bearbeitet  von 

Dr.  Georg  Mentz 

a.  o.  Professor  an  der  Universität  Jena 


Jena 

Verlag  von  Gustav  Fischer 

1008 


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Johann  Friedrich 

der 

Grossmütige 

1503-1554 


Zweiter  Teil 

Vom  Regierun^fsantritt 

bis  zum  Bej^nn  des  Schmalkaldischen  Krieges 

Namens  des  Vereins 

ffir  Tbfiringtscbe  Geschichte  und  Altertumskunde 
herausgegeben  von 

der  thüringischen  historischen  Kommission 
Bearbeitet  von 

Dr.  Georg  Mentz 

a.  o.  Professor  an  der  Universität  Jena 


Jena 

Verlag  von  Gustav  Fischer 
1908 


DOCUMENTS  DEPARTMENT 

OCT  5 1961 

LIBRflRy 

UNIVERSITY  OF  CALIrORNffl 


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DOCUMENTS 


Alle  Rechte  Vorbehalten. 


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Der 

Universität  Jena 

zur  Feier 

ihres  350jährigen  Bestehens 

fiberreicht  vom 

Verein  für  ThOringische  Geschichte 
und  Altertumskunde 


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Vorwort. 


Die  Schwierigkeit  einer  Geschichte  Johann  Friedrichs  des  Groß- 
mütigen liegt  nicht  darin,  daß  sein  Charakter  etwa  besonders  große 
Rätsel  aufgäbe,  sondern  in  dem  Mangel  an  Vorarbeiten  und  in  der 
Massenhaftigkeit  des  vorhandenen  Materials.  So  angenehm  der 
Verfasser  es  bei  seiner  Arbeit  beständig  empfand,  daß  wir  Werke, 
wie  die  politische  Korrespondenz  der  Stadt  Straßburg,  die  des 
Kurfürsten  Moritz  und  Lenz’  Briefwechsel  Landgraf  Philipps  des 
Großmütigen  mit  Bucer  besitzen,  wirkliche  Aufklärung  über  die  kur- 
sächsische Politik  konnte  er  doch  nur  aus  dem  ungedruckten  Material 
zu  erlangen  hoffen,  und  dieses  ist  für  die  Zeit  Johann  Friedrichs 
in  einer  solchen  Fülle  vorhanden,  daß  eine  gewisse  Auswahl  schon  bei 
der  Stoffsammlung  unumgänglich  war.  Der  Verfasser  hat  geglaubt, 
daß  es  den  Aufgaben  der  Thüringischen  Historischen  Kommission, 
in  deren  Auftrag  und  mit  deren  Unterstützung  er  arbeitete,  am 
meisten  entspräche,  wenn  er  sich  vor  allem  bemühte,  die  allerdings 
unerschöpflichen  Schätze  des  Emestinischen  Gesamtarchives  in 
Weimar  nach  Möglichkeit  anszunutzen,  und  Materialien  aus  anderen 
Archiven  nur,  soweit  es  dringend  erforderlich  war,  heranzog.  Das 
galt  zunächst  für  das  Königl.  Sachs.  Hauptstaatsarcbiv  zu  Dresden, 
da  sich  dort  zahlreiche  Akten  Emestinischen  Ursprunges  befinden. 
Die  Beziehungen  des  Kurfürsten  zu  König  Ferdinand  und  die  zum 
Erzbischof  von  Magdeburg  z.  B.  sind  ohne  diese  Dresdener  Be- 
stände gar  nicht  aufzuklären.  Eine  zweite  notwendige  Ergänzung 
bildeten  die  Akten  des  politischen  Archives  des  Landgrafen  Philipp 
in  Marburg,  besonders  da  sich  dank  Küchs  unschätzbarer  Tätigkeit 
dort  jetzt  manches  schneller  finden  läßt,  als  in  Weimar.  Andere 
.Archive  und  Bibliotheken  wurden  nur  hier  und  da  zur  Ergänzung 
herangezogen,  so  das  Augsburger  Stadtarchiv,  das  Braunschweiger 


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VIII 


Vorwort. 


Stadtarchiv,  das  Haus-  und  Staatsarchiv  zu  Eoburg,  das  Haus- 
und  Staatsarchiv  zu  Stuttgart,  das  Staatsarchiv  zu  Wiesbaden,  die 
Bibliotheken  zu  Dresden  und  Weimar.  Für  die  Erleichterungen,  die 
die  Verwaltungen  aller  dieser  Anstalten,  vielfach  auch  durch  umfang- 
reiche Aktensendungen  seiner  Arbeit  zuteil  werden  ließen,  spricht 
der  Verfasser  ihnen  auch  an  dieser  Stelle  seinen  wärmsten  Dank 
aus.  Er  darf  wohl  auch  der  Verwaltung  der  Jenaer  Universitäts- 
bibliothek dabei  gedenken,  die  die  Sendungen  vermittelte,  aber 
auch  durch  manche  wertvolle  Anschaffung  ihr  Interesse  an  dem 
Fortgang  seiner  Arbeit  bekundete. 

Wie  dem  ersten  Teile  sind  auch  den  beiden  vorliegenden  eine 
Anzahl  von  Aktenstücken  beigegeben.  Sie  sollen  zunächst  dazu 
dienen,  für  die  Auffassung  des  Verfassers,  soweit  sie  abweicht  von 
der  bisher  herrschenden,  die  Belege  zu  geben,  sie  liefern  ferner 
einige  neue  Beiträge  zu  dem  Verhältnis  Johann  Friedrichs  zu  den 
Reformatoren,  sie  lassen  endlich  auch  einige  Hauptratgeber  des  Kur- 
fürsten, wie  Brück,  Eberhard  v.  d.  Thann  u.  a.,  zu  Worte  kommen. 
Daß  auch  einige  besonders  charakteristische  Briefe  des  Landgrafen 
Philipp  mitaufgenommen  sind,  wird  man  hoffentlich  nicht  übel 
vermerken. 

Zum  Schluß  bittet  der  Verfasser,  die  am  Ende  des  dritten 
Teiles  befindlichen  Berichtigungen  zu  berücksichtigen,  da  sie  einige 
nicht  ganz  unwesentliche  Punkte  betreffen. 

Jena,  im  Juli  1908. 

Mentz. 


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Inhalt. 


Seite 

Einleitung 1 — 4 

forte«  KspIteL  Bund  nnd  Beleb:  Die  Jahre  des  Tertranens  15S2— 1596  5 — 96 

Der  Nürnberger  Anstand,  Strat  mit  dem  Landgrafen,  Tag  zu  Mühl- 
hausen 8.  5.  Die  Wahlfrage,  Tag  zu  Eoburg  (Febr.  1533)  8.  7. 
Vermittlung  der  Grafen  von  Nassau  und  Neuenahr  S.  10.  Nürn- 
berger Zusammenkunft  (April  1533)  8.  10.  Beziehungen  zu  den 
Habsbuigem  8.  12.  Bundesangelegenheiten  8.  13.  Das  Konzil  8.  16. 
Bundestag  zu  8chmalkaldcn  (Juni  1533)  8.  18.  Verhältnis 
zum  Kammergericht  8. 19.  Die  Wahlsache  8.  21.  Eisenacher  Zu- 
sammenkunft mit  dem  Landgrafen  8.  24.  Mainzische  Bundespläne 
8.  24.  Zusammenkunft  io  Halle,  die  württem belgische  Angelegen- 
heit nnd  die  Wahlsache  8.  27.  Tag  zu  Augsburg  (Jan.  1534),  zu 
Koburg  (März  1534)  8.  31.  Die  mainzische  und  die  herzoglich  säch- 
sische Vermittlung  8. 33.  Die  Verhandlungen  zu  Annaberg  8.  39.  42. 
Bundestag  zu  Nürnberg  (Mai  1534)  8.  40.  Der  Kadaner 
Friede  8.  46.  8öne  Auslührung  8.  49.  Die  Wahlfrage  8.  54. 

Neue  Verhandlungen  8.  56.  Bundesangelegenheiten  8.  58.  Die 
Wiener  Reise  8.  60.  Der  Wiener  Friede  8.  64.  Bundestag 
zu  Schmalkalden  (Dez.  1535)  8.  68.  (Frankreich  8.  74,  Eng- 
land 8.  79.)  Die  I.age  nach  dem  Bundestage  8.  86.  Bundestag 
zu  Frankfurt  (April  1536)  8.  90.  Die  Lage  im  Sommer  und 
Herbst  1536  8.  92. 

Zweites  Kapitel.  Band  and  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  nnd  der 

Datemehmangslast  1536— 1&41 97—312 

Die  Umstimmung  des  Kurfürsten  8.  97.  Die  Gesandtschaft  an 
Künig  Ferdinand  8.  97.  Die  an  den  Kaiser  8.  103.  Bundestag 
zu  Schmalkalden  (Febr.  1537)  8.  105.  (Das  Konzil  8.  105. 
Zusammenkunft  mit  dem  Landgrafen  in  Eisenach  8.  110.  Der 
Bnodestag  8.  113.  Heids  Sendung  8.  114.  Verhandlungen  mit 
ihm  8.  115.  Verhandlung  mit  dem  Nuntius  8.  119.  Separatver- 


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X 


Inhalt. 


handlangen  des  Kurfüreten  mit  Held  8.  120.  Buudesangelegen- 
heiten  S.  121.  Beligiösee  B.  124.)  Ausführung  der  Bundesbeschlüsse 
durch  den  Kurfürsten  8.  125.  Beine  Auffassung  von  der  Lage 
8.  128.  Versammlung  der  Kriegsräte  in  Koburg  (Aug. 
1537)  8.  133.  Stimmung  des  Kurfürsten  in  der  nächsten  Zeit  8. 1.3.5. 

* Bundestag  zu  Braunschweig  (März/April  1538)  8.  1.37. 
(Dänemark  S.  138.  Bundeeangelegenheiten  8.  14.3.  Jülich  8.  147. 
Frankreich  8.  151.  England  8. 1.57.)  Stimmung  im  Sommer  1538 
B.  161.  Frage  der  Türkenhilfe  8.  162.  Bundestag  zu  Eise- 
nach (Juli  1538)  8.  16.3.  (Die  branden burgische  Friedensvermitt- 
lung  8.  16.3.  Andere  Bundesverhandlungen  8.  168.)  Stimmung  nach 
dem  Tage  bis  zum  Anfang  des  Jahres  1539  8.  169.  Die  Friedens- 
vermitllung  8. 176.  Bundestag  zu  Frankfurt  (Februar  bis  April 
1539)  8.  181.  (Die  Friedensrerhandlungen  8.  Iffl.  Der  Anstand 
8.  1^.  Die  Wahleache  8.  191.  England  8.  191.)  Die  Lage  im 
Sommer  1539  8.  195.  Bundestag  zu  Arnstadt  (Nov.  1539) 
8.  198.  (Vorberatung  zu  Berka  8.  199.  Verhandlungen  mit  katho- 
lischen Ständen  6.  201.  Frage  der  Gegenwehr  8.  203.  Geistliche 
Güter  8.  205.  Eingland  8.  206.  Jülich  8.  211.)  Stimmung,  Ge- 
sandtschaft au  den  Kais«-  8.  212.  Verhandlungen  mit  katholischen 
Ständen  8.  216.  Vorbereitungen  zum  Beligionsgespräch  8.  219. 
Bundestag  zu  Schmalkalden  (März  1540)  8.  221.  (Kirch- 
liches 8.  221.  England  8.  222.  Stimmung  der  Protestanten  8.  224. 
Jülich,  Paderboroer  Zusammenkunft  8.  225.  Rüstungen  8.  235. 
Der  Kaiser  8.  237.  Bundeeangelegenheiten  8.  238.  Die  Gesandt- 
schaft der  Grafen  8.  238.  Planitz’  neue  Aufträge  8.  240.)  Die 
Stimmung  8.  241.  Tag  zu  Hagenau  (1540)  8.  242.  Der  große 
Bundes-  und  Gesandtachaftsplan  des  Kurfürsten  8.  249.  Frankreich 
8.  2.50.  Die  Doppelehenangelegenheit  8.  253.  Einwirkung  auf  die 
Bundespläne  8.  265.  Der  Kurfürst  setzt  diese  trotzdem  fort  8.  267. 
Verhandlungen  mit  Frankreich  und  Jülich  8.  268.  Bundestag 
in  Naumburg  (Dez.  1540)  8.  272.  Der  Wormser  Gesprächstag 
8.  276.  Der  Regensburge r Reichstag (1541)  8.  ^4.  8onder- 
verhandlungen  mit  dem  Kurfürsten  8. 296.  Die  Türkengefahr  8. 301. 
Heinrich  von  Braunschweig  und  die  Entwicklung  des  Gegensatzes 
zu  ihm  8.  303.  Wendung  in  der  Politik  des  Kurfürsten,  Torgauer 
Vertrag  8.  310. 

Drittes  Kapitel.  Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  ünaieherheit  1542 

bis  1546  

Betrachtungen  8.313.  Der  Reichstag  zu  Speier  (1542)  8.  314. 
Der  TUrkenkri^  8.  .319.  Kammergerichtsvisitation,  Bundestag  zu 
Speier  8.  .319.  Reichstag  zu  Nürnberg  (1542)  8.  322.  Die 
braunschweigische  Angelegenheit  8.  Der  Reichstag  8.  328. 

Weitere  Entwicklung  der  Braunschweiger  Angelegenheit  8.  333. 
Bundestag  zu  Schweinfurt  (Nov.  1542)  8.  3.35.  Metz  8.  338. 
Nürnberger  Reichstag  (1543)  8.  339.  Die  Wahlsache  8.  340. 


Seite 


313-463 


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Inhalt. 


XI 


Jülich,  Frankreich  S.  S44.  Teilnahme  am  Kriege  S.  354.  Ver- 
handlungen S.  357.  Nürnberger  Reichstag  B.  360.  Bayern  S.  362. 
Bnndesyerhandlungen  8.  368.  Stimmung  nach  dem  Tage  B.  372. 
Bundestag  zu  Schmalkalden  (Juni/ Juli  1543)  S.  373.  (Däne- 
mark S.  376.  Die  braunschweigische  Angelegenheit  S.  378.)  Jülich 
S.  379.  Kleinmut  des  Kurfürsten  S.  381.  Die  Gesandtschaft  an 
den  Kaiser  S.  383.  Türkenbilfe,  Bundestag  zu  Frankfurt 
(Sept-/Okt  1543)  S.  384.  Bpeierer  Reichstag  (1544)  B.  388. 
Die  braunschweigische  Sache  B.  392.  Verhandlungen  mit  König  Fer- 
dinand S. 394.  Bundeeberatungen  8. 397.  TagzuGotha(Juli  1544) 
S.  399.  Oeeandtschaft  an  den  Kaiser  B.  399.  Stimmung  des  Kur- 
fürsten, Fortführung  der  Verhandlungen  mit  den  Habsburgern 
S.  401.  Der  Wormser  Reichstag  (1545)  B.  402.  (Die  Frage 
der  Anschläge,  Kreistage  S.  404.  Bedenkliche  Nachrichten  B.  407. 
Türkenbilfe  B.  406.  Bundesangelegenheiten  S.  409.  Rcligionsver- 
handlungen  B.  412.  Das  Konzil  B.  414.  Der  Reichstag  B.  415. 
Der  Abschied  S.  417.  Die  braunschweigische  Angelegenheit  S.  417.) 
Die  Lage  und  die  Haltung  des  Kurfürsten  seit  dem  Sommer  1545 
S.  419.  Köln  S.  423.  Der  Braunschweiger  Krieg  von  1545  S.  427. 
Der  Frankfurter  Bundestag  (Dez.  1545  bis  Febr.  1546)  S.  431. 
(Besuch  S.  431.  Bundesangelegenheiten  B.  433.  Die  braunschweigische 
Angelegenheit  S.  436.  Verhandlungen  mit  den  Konfessionsver- 
wandlen,  Köln  S.  437.  Stellung  zum  Konzil  B.  439.)  Ausführung 
der  Frankfurter  Beschlüsse  S.  441.  (Gesandtschaft  an  den  Kaiser 
S.  441.  Die  Vergardnngen  S.  442.  Rüstungen  B.  443.)  Das 
Regensburger  Kolloquium  S.  443.  Die  Stimmung  der  Protestanten, 
die  Bpeierer  Zusammenkunft  zwischen  dem  Landgrafen  und  dem 
Kaiser  B.  446.  Der  Wormser  Bundestag  (April  1546)  B.  449. 
Der  Regensburger  Reichstag  (1546)  S.  453.  (Bundesange- 
legenheiten S.  454.  Die  braunschweigische  Frage  B.  456.  Die 
Reichstagsverhandlungen  B.  457.)  Die  Lage  und  die  Haltung  des 
Kurfürsten  S.  459. 

Tlertes  Kapitel.  Das  Verhältnis  Johann  Friedrichs  zn  den  Albertinem 

und  zum  Knrfttrsten  von  Mainz 

Betrachtungen  S.  464.  Der  grinunalsche  Macbtspruch  und  seine 
Ausführung.  Vertrag  vom  18  Nov.  1533  B.  465.  Luther  und  die 
Leipziger  S.  466.  Friedenazeit  S.  467.  Der  Hopfgartensche  Streit 
und  Luthers  Gebet  B.  468.  Verhandlungen  S.  471.  Voller  Bruch 
S.  473.  Neue  Verhandlungen  B.  474.  Der  Naumburger  Vertrag 
vom  3.  Juni  1536  B.  478  Schenk  und  die  Freiberger  Reformation 
S.  479.  Do'  Erbeinigungstag  in  Zeitz  (März  1537)  8.  480.  Georg 
und  Heinrich  B.  481.  Zwist  Johann  Friedrichs  mit  den  Frei- 
bergern B.  485.  Georgs  letzte  Versuche  B.  487.  Die  Nachfolge 
Heinrichs,  Reformation  in  Sachsen  B.  489.  Neue  Entfremdung 
8 492.  Nachbarliche  Irrungen  S.  493.  Anknüpfung  mit  Moritz 
8.  497.  Verhandlungen  über  die  nachbarlichen  Gebrechen  8.  498. 


Seite 


4ö4— 562 


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XII 


Inhalt 


Warzen  S.  499.  Leidliches  Verhältnis  8.  505.  Der  Erfurter 
Btrafienstreit  8.  507.  Magdeburg  und  Halberstadt  8.  506. 

Der  Kurfürst  und  Albrecht  von  Mainz  8.  508.  Die  Hallenser 
Protestanten  8.  509.  Das  Burggraftum,  Verhandlungen  8.  509.  Der 
Zeitzer  Tag  (März  1537)  8.  513.  Das  Eingreifen  des  Kaisers  8.  514. 
Fortführung  der  Vennittlungsverhandlungen  8.  514.  Scheitern  der 
Verhandlungen,  Pause  8.  521.  Abfindung  oder  Schutzbündnis  mit 
Halle?  8.  521.  Der  Vertrag  mit  der  Stadt  8.  527.  Die  Pläne  der 
Albertiner  8.  527.  Neue  Verhandlungen  Johann  Friedrichs  mit 
dem  Kardinal  8.  528.  Dessen  Vertrag  mit  den  Albertinem  8.  532. 
Emestinische  Gegenwirkungen  8.  533.  Ruhe  8.  535.  — Verhand- 
lungen über  nachbarliche  Irrungen  mit  den  Albertinem  8.  .536. 
Verhandlungen  und  Vertrag  mit  dem  Koadjutor  Johann  Albrecht 
8.  545.  Weitere  Beziehungen  zu  Moritz  8.  548.  Weitere  Ent- 
wicklung der  Magdeburger  Angel^enheit  8.  554.  Urteil  8.  561. 


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Verzeiclmis  der  in  Teil  II  und  III  benutzten  abgekürzt 
zitierten  Schriften. 

Auiberelninger  fra  det  kongelige  GeheimeaichiT,  udgiToe  af  C.  F.  Wegeaer.  IV. 
KjobenhavD. 

Acta  Bonuaica,  Denkmäler  der  PreuS.  StaateTerwaltung.  Oetreidehandelepolitik.  II. 
Berlin  1901. 

AlbinuB,  MeiSnische  Land*  und  Bergchronika.  Dresden  1590. 

ARG.  = Archiv  lür  Beformationsgeschichte. 

Armsarong,  Edw.,  The  emperor  Charlee  V.  II.  London  1902. 

ASG.  = Archiv  für  die  Sächsische  Geschichte. 

Asham  siehe  Katterfeld. 

Avila  j Zufiiga,  Luis  de,  Comentario  de  la  guerra  de  Alemania.  (Biblioteca  de 
antoree  espidloles.  Tomo  XXI.)  Madrid  1%3. 

Barge,  H.,  Die  Verhandlungen  zu  Linz  und  Paseau  imd  der  Votrag  von 
Passau  (1552).  Stralsund  1893. 

Banmgarten  III  = Baumgarten,  H.,  Geschichte  Karls  V.  6d.  III.  Stutt- 
gart 1892. 

Banmgarten,  Briefwechsel  --  Sleidans  Briefwechsel,  hrsg.  von  Baumgarten. 
Strafiburg  1881. 

Banmgarten,  HZ.  36  — Baumgarten,  H.,  Zur  Geschichte  des  Schmal- 
kaldischen  Krieges.  (Historische  Zeitschr.  fid.  XXXVI.)  München  1876. 

Baumgarten,  Leben  = Banmgarten,  H.,  lieber  Sleidans  Leben  und  Brief- 
wechsel. StraSburg  1878. 

Beck,  Aug..  Johann  Friedrich  der  Mittlere,  Herzog  zu  Sachsen.  I.  II.  Weimar 
1858. 

Below,  G.  V.,  Landtagsakten  von  Jülich-Berg,  hrsg.  von.  I.  Düsseldorf  1895. 

Berbig,  Q.  u.  D.  V = Quellen  und  Darstellungen  aus  der  Geschichte  des  Bo- 
fonnationsjahrhunderts.  V.  Spalatiniana  hrsg.  v.  Dr.  G.  Berbig.  Halle  1908. 

Berbig,  ZVThGA.  XXV  = Berbig,  29  Briefe  des  Kurfürsten  Johann  Friedrich 
des  Großmütigen  aus  der  Gefangenschaft  1547 — 1552.  (Zeitschr.  d.  Ver.  f. 
thür.  Geech.  und  Altertumsk.  XXV.  1906.) 

Berbig,  G.,  ZWTh.  L = 25  Briefe  des  Kurfürsten  Johann  Friedrich  des  Groß- 
mütigen, mitgeteilt  von  G.  Berbig.  (Zeitschr.  f.  wissensch.  Theologie.  L. 
1908.) 

Beyer,  C.,  Geschichte  der  Stadt  Erfurt.  Fortges.  von  J.  Biereye.  Erfurt  1900ff. 


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XIV  Verzeichnis  der  in  Teil  II  n.  III  benntzten  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


Bezold,  Fr.  t.,  Greechichte  der  deutschen  Reformation.  Berlin  1890. 

Bind  seil  I — III  = M.  Luther,  Colloquia,  meditationes  ...  ed.  H.  £.  Bind- 
seil. I — III.  Lemg.  et  Detm.,  1863—66. 

Bind  seil,  H.  E.,  Philipp!  Melanchthonis  epistolae,  judicia  etc.  Halle  1874. 

Bittner,  L.,  Chronologisches  Verzeichnis  der  Österreichischen  Staatsverträge. 
I.  Die  österreichischen  Staatsverträge  von  1526—1763.  (Veröffentlichungen 
der  Kommission  iür  neuere  Oeechichte  Oesterreichs.)  Wien  1903. 

Die  böhmischen  Landtagsverhandlungen  und  Landtagsabschiede.  Bd.  II.  1546 — 57. 
Prag  1880. 

Bolte  = Die  schöne  Magelone,  übers,  von  Veit  Warbeck,  hrsg.  von  Joh.  Bolte. 
(Bibi,  älterer  deutscher  Uebersetzungen.  I.)  Weimar  1894. 

de  Boor,  Albert,  Beiträge  zur  Qeschichte  dee  Speierer  Reichstages  vom  Jahre 
1544.  Strafiburg,  Dies.  1878. 

Bourrilly,  V.  L.,  Guillaume  du  Bellav,  seigneur  de  Langey  (1491 — 1543). 
Paris  1905. 

Bouterwek,  K.  W.,  Anna  von  Cleve,  Gemahlin  Heinrichs  VUI.  (Zeitschr. 
des  Bergischen  Geschichtsvereins.  IV.)  Bonn  1867. 

Brandenburg,  E.,  Herzog  Heinrich  der  Fromme  von  Sachsen  und  die  Re- 
ligion sparteien  im  Reiche  (1537—1641).  (Neues  Archiv  für  Sächsische  Ge- 
schichte und  Altertumskunde.  Bd.  XVII.)  Dresden  1896. 

Brandenburg  1 — Brandenburg,  E.,  Moritz  von  Sachsen.  Erster  Band:  Bis 
zur  Wittenberger  Kapitulation  (1547).  Leipzig  1898. 

Brandenburg,  DZG.  N.  F.  I = Brandenburg,  E.,  Luther,  Kursacbsen 
und  Magdeburg  in  den  Jahren  1541  und  1542.  (Deutsche  Zeitschr.  f.  Ge- 
schieh tsw.  N.  F.  Bd.  I.  Freiburg  i.  B.  und  I,eipzig  1897.) 

r.  Brandt,  Asverus  v..  Die  Berichte  und  Briefe  dee,  hrsg.  von  Dr.  Adalb.  Bezzen- 
berger.  Heft  I.  II.  Königsberg  i.  P.  (1904.  1907). 

Bruns,  Fr.,  Die  Vertreibung  Herzog  Heinrichs  von  Braunschweig  durch  den 
Schmalkaldischen  Bund.  I.  Vorgeschichte.  Marburg.  Dies.  1889. 

Bucholtz,  F.  B.  V.,  Geschichte  der  Regierung  Ferdinand  dee  Ersten  IV — IX. 
Wien  1833— 183a 

Buch  Wald,  ThStKr.  1894  =>  Buchwald,  Jenaer  Lutherfunde.  (Theol.  Stnd. 
und  Kritiken.  Jahrg.  67.  1894.) 

Buchwald,  ZKG.  XIV  = Buchwald,  Lutherfunde  in  der  Jenaer  Universitäts- 
bibliothek. (Zeitschr.  f.  Kirchengeech.  XIV.  Gotha  1894.) 

Bngenhagen,  Historie,  wie  es  uns  zu  Wittenberg  ergangen,  bei  Hortleder,  II 
S.  586-577  bis. 

Burkhardt,  C.  A.  H.,  Dr.  Martin  Luthers  Briefwechsel,  hrsg.  von.  Leipzig  1866. 

Burkhardt,  C.  A.  H.,  Die  Gefangenschaft  Johann  Friedrichs  des  Großmütigen 
und  das  Schloß  zur  „Fröhlichen  Wiederkunft“.  Weimar  1863. 

Burkhardt,  C.  A.  H.,  Emestinische  Landtagsakten.  Bd.  I.  Die  Landtage  von 
1487—1532.  (Thüringische  Geschichtsquellen.  N.  F.  V,  1.)  Jena  1902. 

Burkhardt,  C.  A.  H.,  Geschichte  der  sächsischen  Kirchen-  und  Schulvisitationen 
von  1524—1545.  Leipzig  1879. 

Burkhardt,  ASG.  IV  = Burkhardt,  C.  A.  H.,  Die  Wurzener  Fehde.  (Arch. 
f.  Bächs.  Geech.  Bd.  IV.)  Leipzig  1866. 


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Veneichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benotzteo  abgekürzt  zitierten  Bchriften.  xy 

Burkhard t,  ASO.  VIII  — Burkhardt,  C.  A.  H.,  Die  Schlacht  bei  Mühlberg 
und  der  Prozeß  gegen  den  kurfürstlichen  Kämmerer  Hans  von  Ponickan. 
(Arch.  f.  <L  Sachs.  Ueech.  Bd.  VIII.)  Leipzig  1870. 

Burkhardt,  ü.  A.  H.,  Die  Belagerung  von  Leipzig  1547.  Grenzboten.  1873.  II. 
Barkhardt,  ThStKr.  III  = Burkhardt,  C.  A.  H.,  Die  Judenverfolgungen  im 
Kurfürstentum  Sachsen  von  1536  an.  (TheoL  Stud.  und  Kritiken.  70. 
Jahrg.  1897.  Heft  III.)T 

Burkhardt,  ZbergQ.  V •=  Briefe  der  Herzogin  Sibylla  von  Jülich-Cleve-Berg 
an  ihren  Gemahl  Johann  Friedrich  dem  Großmütigen  hrsg.  v.  C.  A.  H.  Burk- 
hardL  (2^itschr.  des  Bergischen  Geschichtsvereine.  Bd.  V.)  Bonn  1868 — 70. 
Burkhardt,  ZKWL.  VI  = Burkhardt,  G.  A.  H.,  Briefwechsel  zur  Gesch.  der 
Reformatoren.  Zeitschr.  f.  kirchl.  Wissenschaft  und  kirchliches  Leben.  6. 
Jahrg.  1885.  S.  545  ff.) 

Burkhardt,  ZKWL.  X — Burkhardt,  C.  A.  H.,  Keue  Mitteilungen  zur  Kor- 
respondenz der  Reformatoren.  (Zeitschr.  f.  kirchl.  Wissensch.  und  kirchl. 
Leben.  10.  Jahrg.  1889.) 

Caemmerer,  Herrn,  v.,  Das  Regensburger  ReUgionsgespräch  im  Jahre  1546. 
Berlin.  Dies.  1901. 

Cardauns,  L.,  Zur  Kirchenpolitik  Herzog  Georgs  von  Sachsen,  vornehmlich 
in  seinen  letzten  Regiemngsjahren.  (Quellen  und  Forschungen  aus  italienischen 
Archiven  und  Bibliotheken.  Bd.  X.)  Rom  1907. 

Christ  mann,  C.,  Melanchthons  Haltung  im  Schmalkaldischen  Kriege.  (Histo- 
rische Stadien.  Jahrg.  31.)  Berlin  1902. 

Clemen,  O.,  Georg  Helts  Briefwechsel.  (Arch.  für  Reformationsgesch.  Er- 
ginzungsbd.  II.)  Leipzig  1907. 

Codex  Augustens  oder  neu  vermehrtes  Corpus  juris  Sazonici  von  J.  Chr.  Lünig 
I.  II.  Leipzig  1724. 

Collier,  Jeremy,  An  eoclesiastical  history  of  Great  Britain.  II.  1714. 
Collischonn,  P.,  Frankfurt  a.  M.  im  Schmalkaldischen  Kriege.  Strafiburg. 
Diss.  1890. 

Condlium  Tridentinum.  Diariorum  etc.  nova  coUectio  ed.  societos  Goerresiana. 

Tom.  IV.  Actorum  pars  prima  ed.  Steph.  Ehses.  Friburgi  Brisg.  1904. 

Cor  datu  8 = Tagebuch  Ober  Luther,  geführt  von  Konrad  Cordatus  1537,  hrsg. 
V.  H.  Wrampelmeyer.  Halle  1885. 

Cornelius,  X.  XIV  = Cornelius,  C.  A.,  Briefwechsel  zwischen  Herzog  Johann 
Friedrich  von  Sachsen  und  Graf  Wilhelm  von  Neuenahr  in  den  Jahren 
1529—1536.  (Zeitschr.  des  Bergischen  Gescbichtsvereins.  Bd.  X.  XIV.) 
Bonn  1874/78. 

C.  R.  » Corpus  Reformatomm.  Halle  und  Braunschweig  1834  ff. 

Danz,  J.  T.  L,,  Franz  Burckard  aus  Weimar.  Weimar  1825. 

Dittrich,  F.,  Nnntiaturberichte  Giovanni  Moroms  vom  deutschen  Königshofe 
1539—40,  bearb.  v.  Paderborn  1892.  (Quellen  und  Forschungen  a.  d.  Ge- 
biete der  Gesch.,  hrsg.  von  der  Görresgeeellschaft.  I,  1.) 

Oöllinger,  J.  J.  J.,  Beiträge  zur  politischen,  kirchlichen  und  Kulturgeschichte 
der  sechs  letzten  Jahrhunderte.  I.  R^ensburg  1862. 

Drews,  P.,  Die  Ordination,  Prüfung  und  Lehrverpflichtung  der  Urdinanden  in 
Wittenberg  1535.  (Deutsche  Zeitschr.  f.  Kirchenrecht.  XV.  1905.) 


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XVI  VoMiclmia  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgdiirzt  zitierten  Schriften. 

Drews,  ZKG.  XIX  = Drewa,  Spalatiniana.  (Zeitechr.  f.  Kirchengesch.  XIX. 
Gotha  1889.) 

Dreyhaupt,  Joh.  Chr.,  PagUB  Neletici  oder  BeechreibuDg  dea  . . . Baal- 
crejses.  I.  Halle  1749. 

Druffel  I— IV  = Briefe  und  Akten  zur  Geschichte  des  sechzehnten  Jahr- 
hunderts, mit  besonderer  Rücksicht  auf  Bayerns  Fürstenhaus.  I — IV.  Bei- 
träge zur  Reichsgeechichte  1546—  51.  1552,  bearb.  v.  A.  v.  Druffel.  München 
1878—82.  Bd.  IV  1553 — 15-55,  bearb.  von  K.  Brandi  1896. 

Druffel,  Abb.  bayr.  AK.  I = Druffel,  Aug.  v.,  Kaiser  Karl  V.  und  die  römische 
Curie  1544 — 46.  (Abhandlungen  der  historischen  Klasse  der  Kön.  bayr.  Akad. 
der  Wissensch.  XIII,  2.)  München  1877. 

Druffel,  SB.  1882  = Druffel,  A.  v.,  Beitrag  zur  militärischen  Würdigung  des 
Schmalkaldischen  Krieges.  (Sitzungsber.  d.  phiL-hist.  KL  der  Münchener 
Akad.  1882.) 

Duller,  Ed.,  Neue  Beiträge  zur  Geschichte  Philippe  des  Großmütigen.  Darm- 
stadt  1842. 

Egelhaaf,  Gottlob,  Deutsche  Geschichte  im  sechzehnten  Jahrhundert  bis 
zum  Augsburger  Beligionsfrieden.  II.  (1526—1555.)  Stuttgart  1892.  (Bibliothek 
deutscher  Geschichte.) 

Egelhaaf,  Gottlob,  Archivalische  Beiträge  zur  Geschichte  des  schmalkaldischen 
Krieges.  Stuttgart.  Progr.  1896. 

Ehwald , R.,  Zur  Erinnerung  an  Johann  Friedrich  den  Großmütigen.  (Mitteilungen 
der  Vereinigung  für  Gothaische  Geschichte  und  Altertiunsforschung.  1903.) 

E 11  in  ge  r,  G.,  Philipp  Melanchthon.  Berlin  1902. 

Emminghaus,  O.,  Die  Hofratsordnung  des  Kurfürsten  Friedrichs  des  Weisen 
und  Herzogs  Johann  von  Sachsen,  von  1499.  (Zeitschr.  d.  Ver.  f.  thflr. 
Gesch.  und  Altertumsk.  Bd.  II.  Jena  1855.) 

Enders  - Luthers  Briefwechsel,  bearb.  von  K L.  Enden.  Bd.  IX — XI.  Calw 
und  Stuttgart  1903—1907. 

Erl.  c=  Luthen  sämtliche  Werke,  Erlanger  Ausgabe.  Bd.  LV.  LVI.  LXl.  Frank- 
furt und  Erlangen  1853/54. 

Ernst,  V.,  Briefwechsel  des  Herzogs  Christof  von  Württemberg,  hrsg.  von 
V.  Emst  Bd.  I.  U.  Stuttgart  1898,  1900. 

Falckenstein,  J.  H.,  Civitatis  Eirffurtensis  historia  critica  et  diplomatica  . . . 
Erffurt  1739. 

Faleti,  H.,  Prima  parte  della  guerra  di  Alamagna.  Vinq;ia  1552.  Ich  benutze 
die  üebenetzung  bei  Hortleder,  II,  642  ff. 

Falke,  Joh.,  Die  Geschichte  des  Kurfünten  August  in  volkswirtschaftlicher  Be- 
ziehung. (Preisschriften  der  Jablonowskischen  Gesellschaft.  XIII.)  Leipzig  1868. 

Falke,  Die  Bteuerbewilligungen  der  Landstände  im  Knrfüntentum  Sachsen  bis 
zum  Anfang  des  17.  Jabrbs.  (Zeitschr.  f.  d.  gee.  Staatsw.  XXX.  1874.) 

FDG.  = Forschungen  zur  deutschen  Geschichte. 

Fellner-Kretscbmayr  <=>  Veröffentlichungen  der  Kommission  für  neuere 
Geschichte  Oesterreichs.  V.  Die  österreichische  Centralverwaltung  I,  1 von 
Th.  Fellner  und  H.  Krelschmayr.  I,  2 Aktenstücke.  Wien  1907. 

Fiedler,  Joseph,  Relationen  venetianischer  Botschafter  über  Deutschland  und 
Oesterreich  im  sechzehnten  Jahrhundert.  (Fontes  Rerum  Austriacarum, 
zweite  Abt-  Bd.  XXX.)  Wien  1870. 


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VeneichDie  der  in  Teil  11  u.  111  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften,  xvil 

Fischer,  Franz,  Die  ReformationsTerauche  des  Bischofs  Franz  von  Walileck 
im  Fürstbistum  Münster.  (Beiträge  für  die  Geschichte  Niedersachsens  und 
Westfalens.  Heft  VI.)  Hildesheim  1907. 

Fischer,  K.,  Die  Stifter  Magdeburg  und  Halberstadt  im  Schmal kaldischen 
Kriege.  Berlin.  Diss.  1805. 

Förstemann  IV  •»  M.  Luther,  Tischreden,  hrsg.  v.  K.  E.  Förstemann.  IV. 
Leipzig  und  Berlin  1848. 

Freher,  Marq.,  Germanicarum  rerum  scriptores.  111.  Editio  tertia  ed.  B.  G. 
Strure.  Argent.  1717. 

Gachard,  Trois  annöes  de  l’histoire  de  Charles-Quint  (1543-46).  (Bulletins  de 
TAcadömie  royale  de  Belgique.  2.  Sör.  Tom.  XIX.  Bruxelles  18fö.) 

Geiser,  K,,  Ueber  die  Haltung  der  Schweiz  während  des  Schmalkaldischen 
Krieges.  (Jabrb.  f.  Schweiz.  Geech.  Bd.  XXll.)  Zürich  1897. 

Glagau,  H.,  Landgraf  Philipp  von  Hessen  im  Ausgang  des  Schmalkaldischen 
Krieges.  (Histor.  Vierteljahrsschr.  Bd.  Vlll.  Leipzig  1906.) 

Godoi,  G.  de,  Comentari  della  guerra  fatta  nella  Germania  da  Carlo  V.  imper. 

Vinegia  1548.  Ich  benutze  die  Uebersetzung  bei  Hortleder,  11,  S.  1931  ff. 
Greta chel,  C.,  Geschichte  des  Sächsischen  Volkes  und  Staates.  Bd.  1.  Leipzig 
1843. 

Guzmann,  zu  finden  bei  Buscelli,  Lettere  di  Principi.  111.  Venetia  1577. 
Häberlin,  Fr.  D.,  Teutsche  Beichsgeschichte.  Bd.  Xll.  Halle  1774. 

Hahn,  K.,  Herzog  Johann  Wilhelm  von  Weimar  und  seine  Beziehungen  zu 
Frankreich.  (Zeitschr.  d.  Ver.  f.  thür.  Gesch.  und  Altertumskunde.  Bd.  XXVI. 
1907.) 

Harpprecht,  J.  N.  Frhr.  t.,  Geschichte  des  keyserl.  u.  Reichs-Kammergerichts. 

Teil  V.  Frankfurt  a.  M.  1767.  Teil  VI.  1768. 

Hasenclerer  1 — Hasenclever,  Adolf,  Die  Politik  der  Schmalkaldner  vor  Aus- 
bruch des  schmalkaldischen  Krieges.  (Historische  Studien.  Heft  XXlll.) 
Berlin  1901. 

Hasenclerer  11  <=  Hasenclever,  Adolf,  Die  Politik  Kaiser  Karls  V.  und  Land- 
graf Philippe  von  Hessen  vor  Ausbruch  des  schmalkaldischen  Krieges.  Mar- 
burg 1903. 

Hasenclever,  Naves  — Hasenclever,  Adolf,  Johann  von  Naves  aus  Luxem- 
burg, Beichsvizekanzler  unter  Kaiser  Karl  V.  (Mitteilungen  des  Institute 
für  österr.  Geschichtsforsch.  Bd.  XXVI.  1905.) 

Hasenclever,  A..  Die  kurpfälzische  Politik  in  den  Zeiten  des  Schmalkaldischen 
Krieges.  (Heidelberger  Abhandlungen  zur  mittl.  und  neuer.  Geech.  Heft  X. 
Heidelberg  1905.) 

Hsssebrauk,G.,  Heinrich  der  Jüngere  und  die  Stadt  Braunschweig  1514 — 1568. 
(Jahrbuch  des  Geschichtsvereins  für  das  Herzogtum  Braunschweig.  V.) 
Wolfenbüttel  1906. 

Heide,  G.,  Die  Verhandlungen  des  kaiserlichen  Vizekanzlers  Held  mit  den 
deutschen  Ständen  1537 — 38.  (Hist.-Polit.  Bll.  CIL  1888.) 

Heidrich,  Paul,  Der  geldrische  Erbfolgestreit  1537 — 43.  (Beiträge  zur 
deutschen  Territorial-  und  Stadtgeschichte.  I,  1.)  Kassel  1896. 

Hei  neman  n , O.  V.,  Geschichte  von  Braunschweig  und  Hannover.  II.  Gotha  1886. 

Beiträge  zur  oeaereo  Geschichte  ThQringent  I,  9,  XI 


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XVIII  Verzeichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften. 


Heling,  Beinh.,  Pommerns  Verhältnis  zum  Schmalkaldischen  Bunde.  (Baltische 
Studien.  NF.  X.  XI.  Stettin  1906.  1907.) 

Uerberger,  Th.,  Sebastian  Schertlin  von  Bnrtenbach  und  seine  an  die  Stadt 
Augsburg  geschriebenen  Briefe.  Mitget.  von.  Augsburg  1852. 

Hering,  H.,  Libellus  fundationis  academiae  Vitebergensis.  Hall.  Univ.-Progr. 
1882. 

Herminjard,  A.  L.,  Correspondance  des  räformateurs  dans  les  pays  de  langue 
franfaise.  III.  Genfcve  1870.  V.  1878.  VII.  1886. 

Hertzberg,  G.  F.,  Geschichte  der  Stadt  Halle  an  der  Saale.  Bd.  II.  Halle a.S. 
1891. 

Herzog,  E.,  Geschichte  des  Klosters  Grünhain.  (Archiv  für  die  Sächsische  Ge- 
schichte. VII.  Leipzig  1869.) 

Heyd,  L.  F.,  Ulrich,  Herzog  zu  Württemberg.  I— III.  Tübingen  1841 — 44. 
Hintze,  O.,  Hof-  und  Landesverwaltung  in  der  Mark  Brandenburg  unter 
Joachim  II.  (Hohenzollemjahrbuch.  Bd.  X.  1906.) 

H.  J.  = Historisches  Jahrbuch. 

Hoffmann,  E.,  Naumburg  a.  S.  im  Zeitalter  der  Reformation.  (Leipziger 
Studien  aus  dem  Gebiet  der  Geschichte.  VII,  1.)  Leipzig  1901. 
Holländer,  A.,  Strafiburg  im  Schmalkaldischen  Kriege.  Strafiburg  1881. 
Hortleder,  I,  1.  2.  = Hortleder,  Fr.,  Handlungen  und  Ausschreiben  von  den 
Ursachen  des  teutschen  Krieges.  Frankfurt  a.  M.  1617. 

Hortleder,  11  = Hortleder  Fr.,  Handlungen  und  Ausschreiben  von Rechtmäfiig- 
keit,  Anfang,  Fort-  und  endlichen  Ausgang  des  teutschen  Kri^ies.  Gotha  1645. 
Hülfie,  Fr.,  Der  Streit  Kardinal  Albrechts  mit  dem  Kurfürsten  Johann  Fried- 
rich von  Sachsen  um  die  magdeburgieche  Burggrafschaft.  (Geschichtsblätter 
für  Stadt  und  Land  Magdeburg.  22.  Jahrg.  1887.) 

Isaacsohn,  S.,  Geschichte  des  preufiischen  Beamtentums.  I.  Berlin  1874. 

Iss  leib,  ASG.  NF.  V.  = Issleib,  S.,  Herzog  Moritz  von  Sachsen  und  der 
braunschweigische  Handel  1545.  (Arch.  f.  d.  Bäche.  Gesch.  NF.  Bd.  V.) 
Leipzig  1879. 

Issleib,  S.,  Der  braunschweigische  Krieg  im  Jahre  1545.  (Mitt.  des  K.  Sächs. 

Altertumsver.  XXVI.)  Auch  Leipz.  Dies.  Dresden  1876. 

Issleib,  Jahrbuch  1903  = Issleib,  S.,  Philipp  von  Hessen,  Heinrich  von  Biaun- 
Bchweig  und  Moritz  von  Sachsen  1541 — 47.  (Jahrbuch  des  Geschichtsvereins 
für  das  Herzogtum  Braunschweig.  2.  Jahrg.  Wolfenbüttel  1903.) 

Issleib,  NASG.  VI.  VII.  = Issleib,  S.,  Moritz  von  Sachsen  gegen  Karl  V. 

(Neues  Arch.  f.  sächs.  Gesch.  und  Altertumsk.  Bd.  VI.  VII.) 

Issleib,  NASG.  VIII.  = Issleib,  S.,  Von  Passau  bis  Sievershausen.  (Neues 
Arch.  f.  sächs  Gesch.  und  Altertumsk.  Bd.  VIII.) 

Issleib,  NASG.  XII.  = Issleib,  S.,  Die  Wittenberger  Kapitulation  von  1547. 

(Neues  Arch.  f.  sächs.  Gesch.  und  Altertumsk.  Bd  XII.)  Dresden  1891. 
Issleib,  NASG.  XXIV.  = Issleib,  8.,  Moritz  von  Sachsen  und  die  Emestiner 
1547  bis  1553.  (Neues  Arch.  f.  sächs.  Gesch.  und  Altertumsk.  Bd.  XXIV.) 
Dresden  1903. 

Issleib,  NASG.  XXVI.  = Issleib,  8.,  Die  Jugend  Moritzens  von  Sachsen, 

. 1521 — 1541.  (Neues  Arch.  f.  sächs.  Gesch.  und  Altertumsk.  Bd.  XXVI.) 

Dresden  1905. 


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Venseichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften.  xiX 

Janssen,  Job.,  Geschichte  des  deutschen  Volkes  seit  dem  Ausgang  des  Mittel- 
alters. Bd.  III.  17.  und  18.  Aufl.  Freiburg  i.  Br.  1899.  Bd.  VIII.  14.  Aufl. 
1903. 

Jen.  Lat.  IV  = Luther,  Opera  omnia.  Tom.  IV.  Jenae  1583. 

Jenkins,  The  remains  of  Thomas  Cranmer.  I.  1833. 

Kan nengiesser,  P.,  Karl  V.  und  Maximilian  Egmont,  Graf  von  Büren.  Frei- 
burg i.  B.  und  Leipzig  1895. 

Kannengiesser,  P.,  Der  Reichstag  zu  Worms  vom  Jahre  1545.  Straßburg 
1891. 

Kapp,  I.  E..  Kleine  Nachlese  einiger  zur  Reformationsgeschichte  nützlicher 
Urkunden.  III.  Leipzig  1730. 

Karl  V.,  Comm.  = Commmentaires  de  Charles-Quint  publ.  par  lebaron  Kervyn 
de  Lettenhove.  Bruxelles  1862. 

Katterfeld,  Alfr.,  Rogar  Ascham.  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Straßburg 
1879. 

Kawerau,  I.  II.  = Der  Briefwechsel  des  Justus  Jonas.  Ges.  und  bearb.  von 
Gustav  Kawerau.  I.  II.  (Geschichtsqnclleu  der  Provinz  Sachsen.  XVII,  1.  2.) 
Halle  1884/85. 

Kawerau,  G.,  Johann  Agricola  von  Eisleben.  Berlin  1881. 

Kawerau,  G.,  Ucber  Berechtigung  und  Bedeutung  des  landesherrlichen  Kirchen- 
regiments. Kiel  1886. 

Kern,  A-,  Deutsche  Hofordnnngen  des  16.  und  17.  Jahrhunderts.  (Denkmäler  der 
deutschen  Kulturgeschichte,  hrsg.  v.  G.  8teinhausen.  II.  Abt.  Bd.  I.  II.) 
Berlin  1905,07. 

K i u 8 , O.,  Das  Finanzwesen  des  Ernestinischen  Hauses  Hachsen  im  sechszehnten 
Jahrh.  Weimar  186.3. 

Kius,  O.,  Das  Htipendiatenwesen  in  Wittenberg  und  Jena  unter  den  Emcslinem 
im  10.  Jahrh.  (Zeitschrift  f.  d.  historische  Theologie.  XXXV.  Gotha  1865.) 

Kleinwächter,  E.,  Der  Metzer  Reformationsversuch  1542 — 43.  Teil  I.  Mar- 
burg. Diss.  1894. 

Knieb,  Ph.,  Geschichte  der  katholischen  Kirche  in  der  freien  Reichsstadt  Mühl- 
hausen. (Erläuterungen  und  Ergänzungen  zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen 
Volkes.  V,  5.)  Freiburg  i.  Br.  1907. 

Könneritz,  ASG.  VIII.  = Könneritz,  J.  T.  J.,  Erasmus  von  Könneritz  indem 
Kriegszuge  gegen  die  Türken  1542.  (Arch.  f.  d.  Sachs.  Gesch.  Bd.  VIII.) 
Leipzig.  1870. 

Köstlin  • Kawerau  II.  = KÖstlin,  Julius,  Martin  Luther.  5.  Aufl.  von  G. 
Kawerau.  II.  Berlin  1903. 

Kolde,  Th.,  Anacleta  Lutherana.  Gotha  1883. 

Kolde,  Th.,  Der  Kanzler  Brück  und  seine  Bedeutung  für  die  Entwicklung  der 
Reformation.  Gotha  1874. 

Kolde,  Th.,  Martin  Luther.  I.  II.  Gotha  1884—93. 

Koldewey , Fr.,  Heinz  von  Wolfenbüttel.  (Schriften  des  Vereins  für  Refor- 
mationsgeechichte.  II.)  Halle  1883. 

Koldewey,  ZHVKieders.  1868  = Koldewey,  F.,  Die  Reformation  des  Herzog- 
tums Braunschweig-Wolfenbüttel  unter  dem  Regimente  des  Hchmalkaldischen 
Bundes.  (Zeitschr.  d.  Hist.  Ver.  f.  Niedersachsen  1868.) 

II* 


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XX  Verzeichnis  der  in  Teil  II  n.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften. 

Körte..  Aug.,  Die  KonzUspoIitik  Karls  V.  in  den  Jahren  1538— 1.’>43.  Gött.  Dies. 

Halle  a.  S.  1905.  (Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte.  Heft  85.) 
Kretschmann,  C.  G.,  Gesch.  des  kurf.  sächs.  Oberhofgerichto  zu  Leipzig. 
Leipzig  1804. 

Kroker  = Luthers  Tischreden  in  der  Mathesischen  Sammlung.  Hrsg,  von  E. 
Kroker.  Leipzig  1903. 

Küch,  Fr.,  Politisches  Archiv  des  Landgrafen  Philipp  des  Großmütigen  von 
Hessen.  I.  (Publ.  a.  d.  K.  Preuß.  Staatsarch.  Bd.  LXXVIII.)  Leipzig  1904. 
Lacom  bl  et,  Th.  J.,  Urkundenbuch  für  die  Geschichte  des  Niederrheins.  Bd.  IV. 
Düsseldorf  1858. 

V.  Langen n,  I.  II  = Langenn,  Fr.  A.  v.,  Moritz,  Herzog  und  Kurfürst  zu 
Sachsen.  I.  II.  Leipzig  1841. 

Langenn,  Fr.  A.  v.,  Christoph  von  Carlowitz.  Leipzig  1854. 

Langenn,  Fr.  A.  v.,  Doctor  Melchior  von  Ossa.  Leipzig  18.58. 

Lanz  IL  III  = Correspondenz  des  Kaisers  Karl  V.  Mitgeteilt  von  Dr.  Karl 
Lanz.  Bd.  II.  III.  Leipzig  1845/46. 

Lanz,  K.,  Staatspapiere  zur  Geschichte  des  Kaisers  Karl  V.  (Bibliothek  des 
Literar.  Vereins  in  Stuttgart.  XL)  Stuttgart  1845. 

L.  a.  P.  = Letters  and  papers,  foreign  and  domestic  of  the  reign  of  Henry  VIII. 
London. 

Lauterbach,  A.,  Tagebuch  auf  das  Jahr  1538,  hrsg.  von  J.  K.  Seidemann. 
Dresden  1872. 

Lehfeldt-Voß,  XXXIII  Bau-  und  Kunstdenkmäler  Thüringens,  bearb.  von 
P.  Lehfeldt  und  G.  Voß,  Heft  XXXIII.  Jena  1907. 

Lenz  I — III  “ Briefwechsel  Landgraf  Philippe  des  Großmütigen  von  Hessen 
mitBucer.  I— III.  (Publikationen  a.  d.  Preuß.  Staatsarchiven.  Bd.V.  XXVIII. 
XLVII.)  Leipzig  1880.  87.  91. 

Lenz,  HZ.  49  = Lenz,  M.,  Die  Kriegführung  der  Schmalkalden^'  gegen  Karl  V. 

an  der  Donau.  (Hist.  Zeitsebr.  Bd.  XLIX.)  München  und  Leipzig  1883. 
Lenz,  Max,  Die  Schlacht  bei  Mühlberg.  Gotha  1879. 

Lenz,  RB  — Lenz,  M.,  Der  Rechenschaftsbericht  Philippe  des  Großmütigen  über 
den  Donaufeldzug  1.546  und  seine  Quellen.  Marb.  Univ.  Progr.  1885. 
Liliencron,R.v.,  Die  historischen  Volkslieder  der  Deutschen.  IV.  Leipzig  1869. 
Lobe,  Ad.,  Ursprung  und  Entwickelung  der  höchsten  sächsischen  Gerichte. 
Leipzig  1905. 

Loesche,  G.,  Analecta  Lutherana  et  Melanthoniana.  Gotha  1892. 

Lünig,  Job.  ehr..  Des  teutschen  Reichsarchivs  partis  specialis  continuatio  II. 
Leipzig  1712. 

Matbesius,  Job.,  Luthers  Leben  in  Predigten.  (Werke  hrsg.  von  G.  Loesche. 
Bd.  III.)  I>rag  1898 

Maurenbreeber,  W.,  Karl  V.  und  die  deutschen  Protestanten  1545 — 1555. 
Düsseldorf  1865. 

Meinardus,  O.,  Der  Katzenelnbogische  Erbfolgestreit.  I 1.  2.  II  1.  2.  Wies- 
baden 1898.  1902.  (Nassau-Oranisebe  Korrespondenzen.  Bd.  I.  II.) 
Meinardus,  FDO.  XXII  — Meinardus,  O.,  Die  Verhandlungen  des  Schmal- 
kaldischen  Bundes  vom  14.— 18  Febr.  1539  in  Frankfurt  a.  M.  (Forschungen 
zur  deutschen  Geschichte.  Bd.  XXII.)  Göttingen  1882. 


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VerzeicboiB  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften,  xxi 

Mejer,  O.,  Zum  Kirchenreebt  de«  ReformationsjabrhundertB.  Hannover  1891. 

Mencken  III  — IlUtoria  belli  Smalcaldici  in  Mencken,  J.  B.,  Scriptorea  Ker. 
Qerm.  III.  Lipxiae  1730. 

Mentz,  G.,  Die  Wittenberger  Artikel  von  l.’iSö,  brsg.  von.  (QucIIenBchriften  zur 
Geschiebte  de«  ProtestantiBrans.  Heft  2.)  Leipzig  1905. 

Merriman,  R.  B.,  Life  and  Letters  of  Thomas  Cromwell.  I.  II.  Oxford  1902. 

Meyer,  A.  O.,  Die  englische  Diplomatie  in  Deutschland  zur  Zeit  Eduards  VI. 
und  Mariens.  Diss.  Breslau  1900. 

Meyer,  Chr.,  Die  Feldbauptmannschaft  Joachims  II.  im  Türkenkriege  von  1542. 
(Zeitschr.  f.  Preuß.  Gesch.  und  Landesk.  XVI.  Berlin  1879.) 

Meyer,  FDG.  XVIII  = Meyer,  Chr.,  Kurfürst  Joachim  II.  von  Brandenburg  im 
Schmalkaldiscben  Kriege.  (Forsch,  z.  Deutsch.  Gesch.  Göttingen  1878.) 

Möllenberg,  W.,  Die  Verhandlungen  im  Schmalkaldischen  Lager  vor  Giengen 
und  Ijindgraf  Philippe  Rechenschaftsbericht  (Zeitschr.  des  Ver.  f.  hees. 
Gesch.  und  Landesk.  X.  F.  Bd.  XXVIII.)  Kassel  1904. 

Mögen,  L.  G.,  HistoriacaptivitatisPbilippiMagnanimi  (diariura  Oünderrodianum). 
Francofurti  et  Lipeiae  1766. 

Mobs,  W.,  Die  Wittenberger  Kapitulation  von  1547.  Progr.  Schwerin  1905. 

Moses,  Rcinh.,  Die  Religionsverbandlungen  zu  Hagenau  und  Worms  1540  und 
1541.  Jena  188^. 

M.  P.  C.  ■=  Politische  Korrespondenz  des  Herzogs  und  Kurfürsten  Moritz  von 
Sachsen,  hrsg.  von  Erich  Brandenburg.  I.  II.  Leipzig  1900.  1904. 

Müller,  J.  J.,  Des  heil.  Röm.  Reichs  Reichstags-Theatrum,  wie  selbiges  unter 
Kaiser  Maximilians  1.  Regierung  gestanden.  II.  Jena  1719. 

Müller,  Job.  Seb.,  Des  chur-  und  fürstlichen  Hauses  baebsen  Annales.  Weimar 
1700. 

Müller,  Ludw.,  Die  Reichsstadt  Nördlingen  im  schmalkaldischen  Kriege.  X^örd- 
lingen  1877. 

Müller,  Xik.,  Die  Besuche  Philipp  Melanchtbons  am  kurfürstUch  branden- 
burgischen  Hofe  1535  und  1538.  (Jahrbuch  für  Brandenburgische  Kirchen- 
geschiebte.  2.  und  3.  Jabrg.  1906.) 

Xik.  Müller,  JbBKG.  IV  Müller,  Xik.,  Zur  Geschichte  des  Reichstags  von 
R^ensburg  1541.  (Jahrbuch  für  Brandenburgische  Kirchengeschichte.  4.  Jahrg. 
1907.) 

Muffat,  K.  A.,  Korrespondenzen  und  Aktenstücke  zur  Geschichte  der  politischen 
Verhältnisse  der  Herzoge  Wilhelm  und  Ludwig  von  Bayern  zu  König  Johann 
von  Ungarn.  (Quellen  und  Erläuterungen  zur  Bayerischen  und  deutschen  Ge- 
schichte. Bd.  IV.)  München  1857. 

Mugnier,  F.,  Faictz  et  guerre  de  l’empereur  Charles  V.  dans  la  guerre  d’Alle- 
magne  (1546 — 47),  publ.  par.  Paris  1902. 

Mutber,  Theod.,  Aus  dem  Universitäts-  und  Gelehrten  leben  im  Zeitalterder  Re- 
formation. Vorträge.  Erlangen  1866. 

Mutber,  Theod.,  Zur  Geschichte  der  Rechtswissenschaft  und  der  Universitäten  in 
Deutschland.  Jena  1876. 

My  conius,  F.,  Historia  reformationis  1517 — 42.  MitgeL  von  E.  S.  Cyprian. 
Leipzig  1718. 

Mylius,  Constituüonum  Marchicarum  corpus.  II,  1.  Berlin  und  Halle. 


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XXII  Verzdchnis  der  in  Teil  II  u.  III  benatzten  abgekürzt  zitierten  Schriften. 

M y li US , J.  Ch.,  Memorabilia  bibliothecoe  academiae  Jenensis.  Jnnae  et  Wääen- 
fels  1746. 

N.  B.  I.  II.  IV.  VIII.  IX.  X.  = Nuntiaturberichte  aus  Deutschland  nebst  er- 
gänzenden Aktenstücken.  Erste  Abteilung  1533 — 1559.  Bd.  I.  II.  IV.  \T^II. 
IX.  X.  bearb.  von  W.  Friedensburg.  Gotha  1892.  93.  98.  99.  1907.  Bd.  XII. 
bearb.  von  6.  Kupke.  Berlin  1901. 

Nebelsieck,  H.,  Beformationsgeschichte  der  Stadt  Mühlhausen.  (Zeitschrift 
des  Vereins  für  Kirchengeschichte  in  der  Provinz  Sachsen.  2.  Jahrg.  1905.) 

Neudecker,  Chr.  G.,  Merkwürdige  Aktenstücke  aus  dem  Zeitalter  der  Refor- 
mation. 1.  2.  Nürnberg  1838. 

Neudeck  er,  Chr.  G.,  Die  handschriftliche  Geechichte  Ratzebergers  über  Luther 
und  seine  Zeit.  Jena  1850. 

Neudecker,  Chr.  G.,  Urkunden  aus  der  Reformationszeit,  hrsg.  von.  Kassel 
1836. 

Neudecker,  Chr.  G.,  und  Preller,  L.,  Spalatins  historischer  NachlaQ  und 
Briefe.  1.  Friedrichs  des  Weisen  Leben  und  Zeitgeschichte.  Jena  1851. 

Ossa,  Melchior  v..  Handelsbach.  Manuskript  in  der  Dresdener  Bibliothek. 

Paetel,  G.,  Die  Organisation  des  hessischen  Heeres  unter  Philipp  dem  Groß- 
mütigen. Berlin  1897. 

P a s 1 0 r , L.,  Die  kirchlichen  Reunionsbestrebungen  während  der  Regierung  Karls  V. 
Freiburg  1879. 

P.  C.  II.  III.  = Politische  Korrespondenz  der  Stadt  Straßburg  im  Zeitalter  der 
Reformation.  Bd.  II.  III.  bearb.  von  ü.  Winckelmann.  Straßburg  1887  —98. 

Planitz,  Gerb.,  Zur  Einführung  der  Reformation  in  den  Aemtern  Rochlitz 
und  Kriebstein.  (Beiträge  zur  Sächsischen  Kirchengeschichte.  XV^II.)  Leipzig 
1904. 

Posse,  O.,  Die  Lehre  von  den  Privaturkunden.  Leipzig  1887. 

Posse,  0.,  Die  Wettiner.  Leipzig  1897. 

Raab,  C.  v..  Das  Amt  Pausa  bis  zur  Erwerbung  durch  Kurfürst  August  von 
Sachsen  im  Jahre  1569  und  das  Erbbuch  vom  Jahre  1506.  Plauen  i.  V.  1903. 

Raab,  C.  r.,  Das  Amt  Plauen  im  Anfang  des  16.  Jabrhs.  und  dos  Erbbuch  vom 
Jahre  1506.  Plauen  i.  V.  1902. 

Ranke,  L.  V.,  Deutsche  Geschichte  im  Zeitalter  der  Reformation.  I — VI.  (Sämt- 
liche Werke.  Bd.  I — VI.  3.  Gesamtausgabe.)  Leipzig  1894. 

Ratzeberger  siehe  Neudecker. 

RE  -=  Realencyklopädie  für  protestantische  Theologie  und  Kirche.  3.  Aufl. 
I.eipzig  1896  ff. 

Redlich,  O.  R.,  Jülich- Bergische  Kirchenpolitik  am  Ausgange  des  Mittelalters 
und  in  der  Reformationszeit.  I.  Bonn  1907.  (Publikationen  der  Gesellschaft 
für  Rheinische  Geschichtskunde.  XXVIII.) 

Rchtmeyer,  Phil.  Jul.,  Historiac  ecclesiasticae  inelytae  urbis  Brunsvigae. 
Pars  III.  Braunschweig  1710. 

Reitzenstein,  K.  v.,  Briefwechsel  des  Kurfürsten  Johann  Friedrich  des  Groß- 
mütigen mit  seinem  Sohne  Johann  Wilhelm  im  Dezember  1546.  Weimar  1858. 

Ri  hier,  Lettres  et  m5moires  d’Estat  des  roys  etc.  1537 — 59.  I.  II.  Paris  1666. 

Richter,  L.,  Geechichte  der  evangelischen  Kirchenverfassung  in  Deutschland. 
Leipzig  1851. 


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Veraeichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften.  XXIII 

Rieker,  K.,  Die  rechtliche  Stellung  der  evangelischen  Kirche  Deutschlands. 
Leipzig  1893. 

Riezler,  S.,  Qeschichtc  Baiems.  Bd.  IV.  Ootha  1899. 

Riezier,  Abh.  bayr.  Ak.  XXI  = Riezler,  S.,  Die  bayerische  Politik  im  schmal- 
kaldischen  Kriege.  (Abhandlungen  der  histor.  Kl.  der  bayer.  Ak.  d.  W.  XXI.) 
München  1898. 

Rockwell,  W.  W.,  Die  Doppelehe  des  Landgrafen  Philipp  von  Hessen.  Mar- 
burg 1904. 

Roeder,  De  colloquio  Wormatiensi.  Nürnberg  1744. 

Kogge,  B.,  Johann  Friedrich,  Kurfürst  von  Sachsen,  genannt  „der  Großmütige“. 
Halle  a.  S.  1902. 

Rommel,  Christoph  v.,  Philipp  der  Großmütige.  1 — III.  Gießen  1830. 
Rosenberg,  W.,  Der  Kaiser  und  die  Protestanten  io  den  Jahren  1537 — 1539. 
Dies.  Breslau.  Halle  a.  S.  1903.  (Schriften  des  Vereins  für  Reformations- 
gesch.  Heft  77.) 

Rosenthal,  Ed.,  Die  Behördenorganisation  Kaiser  Ferdinands  I.  Wien  1887. 
Rosenthal,  Ed.,  Geschichte  des  Gerichtswesens  und  der  Verwaltungsorganisation 
Bayerns.  I.  Würzburg  1889. 

Roth,  ARG.  I — Roth,  F.,  Zur  Kirchengüterfrage  in  der  Zeit  von  1538—1540. 

(Arch.  für  Reformationsgesch.  I.  Berlin  1904.) 

Ruble,  baron  de,  Le  mariage  de  Jeanne  d’Albret  (1528 — 1548).  Paris  1577. 
Sagittarius,  Caspar,  Saaifeldische  Historien.  Hrsg,  von  E.  Devrient  II. 
Saalfeld  a.  S.  1904. 

Sammlung,  neue  und  vollständige,  der  Reichsabschiede  von  J.  J.  Schmause  und 
H.  Ch.  von  Senckenberg.  II.  Frankfurt  1747.) 

Sattler,  Chr.  PV.,  Geschichte  des  Herzogtums  Württemberg  unter  der  Regierung 
der  Herzogen.  III.  Ulm  1771. 

Schäfer,  D.,  Geschichte  von  Dänemark.  IV.  Gotha  1893. 

Schertlin  von  Burtenbach,  Sebastian,  Lebensbeschreibung.  Hrsg,  von 
0.  F.  A.  Schönhnth.  Heilbronn  1858. 

Schmidt,  G.  L.,  Justus  Meoius,  der  Reformator  Thüringens.  I.  II.  Gotha  1867. 
Schmidt,  O.  E.,  Kursächsische  Streifzüge.  Leipzig  1902. 

Schneider,  M.,  Zur  Geschichte  des  Gymnasium  illustre  in  Gotha.  Ans  der 
Heimat.  I.  Gotha  1897/98. 

Schneider,  M.,  Das  Coenobium  am  Gymnasium  illustre  zu  Gotha.  Gotha  1895. 
Schnell,  H.,  Heinrich  V.,  der  Friedfertige,  Herzog  von  Mecklenburg.  (Schriften 
des  Vereins  für  Reformationsgesch.  Heft  72.)  Halle  1902. 

Schuchardt,  Chr.,  Lucas  Cranach  des  Aelteren  Leben  und  Werke.  I — III. 
Leipzig  1851.  1871. 

S c b n 1 1 e s , J.  A.  V.,  Sachsen-Coburg-Saalfcldische  Landeegeschichte.  Coburg  1818  ff. 
Schwarz,  J.  C.  E.,  Das  erste  Jahrzehnd  der  Universität  Jena.  Jena  1858. 
Schweizer,  P.,  Der  Donaufeldzug  voh  1546.  (Mitt.  d.  Instituts  f.  Österreich. 
Gesch.  XXIX.  1908.) 

Seckendorf,  V.  L.  v.,  Commentarius  de  Lutheranismo.  I — III.  fol.  Franco- 
furti  et  Lipsiae  1692. 

Seeliger,  G.,  Das  deutsche  Hofmeisteramt  im  späteren  Mittelalter.  Innsbruck 
1885. 


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XXIV  Verzeichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benutzten  abgekürzt  zitierten  Schriften. 

Sehlin g,  £.,  Die  evangelischen  Kirchenordnungen  des  XVI.  Jahrhunderts.  I,  1. 
Leipzig  1892. 

Seide  mann,  Joh.  K.,  Beiträge  zur  Reformationsgeschichte.  Heft  I.  II.  Dresden 
1846.  1848. 

Seidemann,  Joh.  K.,  Dr.  Jacob  Schenk.  Leipzig  187.^. 

Senckenbetgische  Sammlung  von  ungedruckt-  und  raren  Schriften.  I — IV.  Frank- 
furt a.  M.  1751. 

Singer,  Pani,  Beziehungen  des  schmalkaldischen  Bundes  zu  England  im  Jahre 
1539.  Greifsw.  Diss.  1901. 

Sleidanus,  Joh.,  De  statu  religionis  et  reipublicae  Carolo  quinto  Caesare 
commentarii  ed.  Boehme-am  Ende.  II.  III.  Frankfurt  1786. 

Spalatin,  G.,  Annales  reiormationis  ans  Licht  gestellet  von  E.  S.  Cyprian. 
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St.  P.  = State  Papers,  publiahed  ander  the  authority  of  her  Majestys  oommission. 
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Stampf,  A.S.,  Baierns  politische  Geschichte.  1.  München  1816.  Mit  Urknndenbnch. 
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Trefftz,  J.,  Kursachsen  und  Frankreich  1552 — 57.  Diss.  Lripzig  1891. 
Tschackert,  P.,  Urkundenbuch  zur  Reformationsgeschichte  des  Herzogtnms 
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Ven.  Dep.  I.  II  = Venetianische  Depeschen  vom  Kaiserhofe.  I.  II.  (bearb.  v. 
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Vetter,  Paul,  Die  Beligionsverhandlungen  auf  dem  Reichstage  za  Begensbarg 
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Vetter,  NASG.  XIV.  = Vetter,  P.,  Eine  kursächsische  Gesandtschaft  nach 
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Vetter,  ZKG.  XUI.  = Vetter,  P.,  Witzele  Flacht  aus  dem  Albertiuischen 
Sachsen.  (Zeitschr.  f.  Kirchengeschichte.  Bd  XIII.  Gotha  1892.) 


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Verzeichnis  der  in  Teil  II  u.  III  benntzten  abgekürzt  zitierten  Schriften.  xXT 

Viglins  van  Zwichem,  Tagebuch  des  Schmalkaldischen  Donaukrieges.  Hrsg. 
V.  A.  V.  DruffeL  München  1877. 

Virck,  ZKG.  XII  = Virck,  H.,  Lübeck  im  Jahre  1536.  (Zeitschr.  f.  Kirchen- 
gesch.  XII.  Gotha  1890.) 

Virck,  ZKG.  XIII  = Virck,  H.,  Zu  den  Beratungen  der  Protestanten  über  die 
Konzilsbuile  vom  4.  Juni  1536.  iZeitechr.  f.  Kirchengesch.  XIII.  Gotha 
1892.) 

Vogel,  H.,  Die  Beichsstadt  Augsburg  im  schmalkaldischen  Kriege.  I.  Augs- 
burg 1880. 

V ogt,  38  — Vogt,  O.,  Dr.  Johannes  Bugenhagens  Briefwechsel  (Baltische  Studien. 
Jahrg.  38.  Stettin  1888.) 

Voigt,  G.,  Moritz  von  Sachsen,  1541 — 47.  Leipzig  1876. 

Voigt,  ASG.  XI  = Voigt,  G.,  Die  Belagerung  Leipzigs  1547.  (Arch.  f.  d.  Sachs. 
Geech.  Bd.  XI.)  Leipzig  1873. 

Voigt,  Joh.,  Markgraf  Albrecht  Alcibiades  von  Brandenburg-Kulmbach.  I.  II. 
Berlin  1852. 

Wagner,  E.,  Die  Reichsstadt  Schwäbiech-Gmünd  in  den  Jahren  1546 — 48.  (Würt- 
tembergische  Vierteljahrsh.  IX.)  Stuttgart  1886. 

Waitz,  G.,  Lübeck  unter  Jürgen  Wullenwever  und  die  europäische  Politik. 
I— III.  Berlin  1855/56. 

Walch  XVI— XVII  = D.  Martin  Luthers  sämtliche  Schriften.  Hrsg.  v.  Joh. 

G.  Walch.  Teil  XVI.  XVII.  Halle  1745. 

Weichselfelder,  Joh.  Mich.,  Leben  . . . Johann  Friedrichs  des  Großmütigen. 
Frankfurt  a.  M.  1754. 

Weiße,  ehr.  E.,  Geschichte  der  chursächsischen  Staaten.  III.  Leipzig  1805. 
Weiße  11  — Weiße,  Chr.  E.,  Lehrbuch  des  Kön.  Sächs.  Staatsrechts.  Bd.  II. 
Leipzig  1827. 

Weissenborn,  H.,  Philipp  Melanchthons  Briefwechsel  über  Gründung  der  Uni- 
versität Jena.  Jena  1848. 

Wenck,  Kapitulation  = Wenck,  W.,  Die  Wittenberger  Kapitulation  von  1547. 

(Historische  Zeitschr.  Bd.  XX.)  München  1868. 

Wenck,  W.,  Albertiner  und  Emestiner  nach  der  Wittenberger  Kapitulation. 

(Arch.  f.  d.  Sächs.  Gesch,  Bd.  VIII.)  Leipzig  1870.  * 

Wenck,  FDG.  XII  = Wenck,  W.,  Kurfürst  Moritz  und  die  Emestiner  in  den 
Jahren  1.551  und  1552.  Forsch,  zur  deutsch.  Gesch.  Bd.  XII.  1872.) 
Wenck,  ASG.  N.  F.  III.  = Wenck,  W.,  Des  Kurfürsten  August  Verwicke- 
lungen mit  den  Emestinem  und  dem  Markgrafen  Albrecht  von  Brandenburg- 
' Kulmbach  beim  Antritte  der  Regierung.  (Arch.  f.  d.  Sächs.  Gesch.  N.  F. 
Bd.  III.)  Leipzig  1877. 

Wette,  de,  Martin  Luthers  Briefe,  Sendschreiben  und  Bedenken.  IV.  V.  Berlin 
1828.  VI.  Bearb.  von  J.  K.  Seidemann.  Berlin  1856. 

Wille,  J.,  Philipp  der  Großmütige  von  Hessen  und  die  Restitution  Ulrichs  von 
Wirtemberg  1,526—35.  Tübingen  1882. 

Wille,  ZKG.  VII  = Wille,  Zum  Religionsartikel  des  Friedens  von  Kadan  1534. 
(Zeitschr.  f.  Kirchengesch.  VII.  1885.) 

Winckelmano,  O.,  Der  Schmalkaldische  Bund  1530—1532  und  der  Nürnberger 
Religionsfriede.  Straßburg  1892. 


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XXVI 


Sonstif^e  Abkürzungeo. 


Winckelmann,  Jahrbuch  — WinckehnauD,  O.,  Der  Anteil  der  deutschen  Pro- 
teetanten  an  den  kirchlichen  Beformbeetrebungen  in  Metz  bis  1543.  (Jahr- 
buch der  Qesellschaft  für  lothringische  Geschichte  und  Altertumskunde.  IX. 
1897.) 

Winckelmann,  ZEG.  XI  • Winckelmann,  O.,  lieber  die  Bedeutung  der  Ver- 
träge von  Kadan  und  Wien  (1534—1535)  für  die  deutschen  Protestanten. 
(Zeitschr.  f.  Eirchengesch.  XI.  1890.) 

WM.  = Wurzener  Manuskript.  Siehe  Teil  II,  8.  482,  Anm.  3. 

Wolf,  G.,  Deutsche  Geschichte  im  Zeitalter  der  Gegenreformation.  I.  Berlin  1899. 

Wurm,  C.  F.,  Die  politischen  Beziehungen  Heinrichs  VIII.  zu  Marens  Mejer 
und  Jürgen  WuUenwever.  Progr.  Hamburg  1852. 

ZGO.  = Zeitschr.  f.  Gesch.  des  Oberrheins. 

ZKG.  = Zeitschr.  f.  Eirchengesch. 

ZVThGA.  = Zeitschr.  des  Vereins  für  thüringische  Geschichte  und  Altertums- 
kunde. 


Sonstige  Abkflrzongen. 

Alle  mit  Loc.  beginnenden  Zitate  entstammen  dem  Eönigl.  Sachs.  Haupt- 
staatsarchive zu  Dresden,  alle  mit  Beg.  beginnenden  dem  Sachsen-Emestinischen 
Gesamtarchive  zu  Weimar.  Mit  P.  A.  bezeichne  ich  das  politische  Archiv  des 
Landgrafen  Philipp  in  Marburg.  Ich  zitiere  nach  Nummern,  soweit  Efichs 
Publikation  reicht,  sonst  nach  den  gegenwärtigen  Aktenautschriften. 

VergL  im  übrigen  Teil  I,  S.  XII. 


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Einleitung. 

Wenn  man  einer  Persönlichkeit  wie  Johann  Friedrich  dem 
Großmütigen  gerecht  werden  will,  muß  man  sich  vor  allem  davor 
hüten,  mit  rein  politischen  Maßstäben  an  ihn  heranzutreten.  Man 
darf  nie  vergessen,  daß  für  ihn  alle  solche  „zeitlichen“  Sachen 
erst  an  zweiter  Stelle  standen,  daß  als  das  Wesentlichste  ihm  stets 
die  Uebereinstimmung  seiner  Handlungen  mit  den  Forderungen 
seines  Gewissens  erschien,  und  daß  dieses  seine  Richtlinien  ent- 
nahm aus  dem  Evangelium  und  aus  den  Glaubenssätzen  des  Luther- 
tums, wie  sie  in  der  Augsburgischen  Konfession  niedergelegt  waren. 
Hier  und  da  kamen  daneben  auch  die  weltlichen  Rechte  und  ge- 
wisse sittliche  Grundanschauungen  richtunggebend  in  Betracht.  Ein 
Paktieren  aber  gab  es  für  den  Kurfürsten  nicht.  Weder  eigenes 
Leiden  noch  ein  der  Sache  des  Protestantismus  drohender  Nach- 
teil konnte  ihn  bestimmen,  auch  nur  einen  Schritt  von  dem  ab- 
zuweichen, was  sein  Gewissen  ihm  vorschrieb.  Hierin  lag  seine 
Stärke  sowohl  wie  seine  Schwäche.  In  der  Gefangenschaftszeit 
waren  weder  Drohungen  noch  Versprechungen  imstande,  ihn  zur 
Unterwerfung  unter  das  Konzil  oder  zur  Annahme  des  Interims 
zu  veranlassen.  Aber  auch  alle  Schäden,  die  die  Doppelehen- 
angelegenheit  des  Landgrafen  dem  schmalkaldischen  Bunde  und 
dem  Protestantismus  zuzufügen  drohte,  vermochten  Johann  Fried- 
rich nicht  zu  bestimmen,  für  die  Verteidigung  einer  Sache  ein- 
zutreten, die  er  für  ungesetzlich  hielt.  Gerade  bei  dieser  Gelegen- 
heit zeigte  er,  daß  durchaus  nicht  nur  die  Bibel  oder  die  Lehre 
Luthers  das  für  ihn  Maßgebende  war.  Rechtsüberzeugungen,  die 
er  sich  gebildet  hatte,  Verträge,  die  er  geschlossen  hatte,  galten 
ihm  auch  als  eine  unverletzliche  Norm.  Auch  dadurch  wurde  seine 
Politik  zuweilen  in  verhängnisvoller  Weise  beeinflußt. 

Bdtrlige  zar  neuereo  Gczciiicbte  ThtLringens  I,  i,  1 


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2 


Einleitung. 


Es  ist  bekannt,  wie  schwer  es  den  kursächsischen  Politikern 
geworden  ist,  sich  zum  Widerstande  gegen  den  Kaiser  zu  ent- 
schließen, gegen  den  traditionellen  Gehorsam  gegen  das  Oberhaupt 
des  Reiches  zu  verstoßen.  Auch  das  hing  mit  dieser  Gewissen- 
haftigkeit und  Vertragstreue  zusammen,  und  wir  werden  Gelegen- 
heit haben,  zu  beobachten,  wie  groß  auch  bei  Johann  Friedrich 
das  Verlangen  war,  auf  gutem  Fuße  mit  dem  Kaiser  und  über- 
haupt mit  den  Habsburgern  zu  stehen.  Man  würde  aber  doch 
irren,  wenn  man  dieses  Treuverhältnis  des  deutschen  Fürsten 
zum  deutschen  Kaiser,  des  Lehnsmannes  zum  Lehnsherrn  etwa  als 
die  Quintessenz  der  staatsrechtlichen  Anschauungen  Johann  Friedrichs 
betrachten  würde.  Höher  ging  ihm  doch  wohl  noch  die  „Libertät“ 
der  deutschen  Fürsten,  die  Aufrechterhaltung  der  Sonderstellung, 
die  sie  dem  Kaiser  gegenüber  einnahmen,  der  Wunsch,  dem  Reich 
seinen  Charakter  als  Wahlreich  zu  wahren,  seine  Verwandlung  in 
eine  Erbmonarchie  zu  verhüten.  Schon  als  Kurprinz  war  er  bei 
der  Wahl  Ferdinands  I.  mit  der  Neigung  der  Habsburger,  sich 
über  die  Reichsverfassung  hinwegzusetzen,  zusammengestoßen. 
Er  ist  in  den  nächsten  Jahren  dann  zwar  eifrig  bemüht  gewesen, 
durch  Verträge  mit  Ferdinand  und  durch  Ergänzung  der  Lücken 
in  der  goldnen  Bulle  diesen  Gegensatz  zu  beseitigen.  Gerade 
die  Erfahrungen,  die  er  bei  diesen  Bemühungen  machte,  belehrten 
ihn  aber  immer  wieder  über  die  absolutistischen  Neigungen  des 
Hauses  Oesterreich,  und  er  hat  dann  oft  seine  abweichenden  An- 
sichten über  die  Reichsverfassung  in  scharfer  Weise  zum  Aus- 
druck gebracht  und  die  Verteidigung  der  Freiheiten  des  Reichs 
als  eine  seiner  Hauptaufgaben  betrachtet.  Er  sah  sie  z.  B.  nach 
einer  Darlegung  von  1538  bedroht  durch  die  Vorgänge  bei  der 
Wahl  Ferdinands,  durch  die  Hindernisse,  die  der  Kaiser  und  der 
König  einer  Vermittelung  deutscher  Fürsten  zwischen  ihnen  und 
den  Königen  von  Ungarn  und  Frankreich  in  den  Weg  legten, 
durch  die  wiederholten  Versuche  der  Habsburger,  einzelne  Fürsten 
und  Stände  zur  Hilfe  gegen  Franki-eich  und  gegen  die  Türken 
zu  veranlassen  ohne  vorherige  ReichstagsbewiUigung,  und  durch 
das  Umsichgreifen  des  Hauses  Burgund  am  Niederrhein  und  in 
Westfalen*).  Johann  Friedrich  scheute  sich  nicht,  diesen  Gefahren 


1)  Nach  der  Spezialinetruktion  der  sächaigchen  Gesandten  an  Frankreich 
1538  ca.  April  15,  Reg.  H.  p.  163,  No.  77. 


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Einleitung. 


3 


gegenüber  auch  mit  auswärtigen  Mächten  in  Verbindung  zu  treten. 
Ein  näher  liegendes  Mittel  war  aber  doch  der  Zusammenschluß 
der  deutschen  Fürsten.  Er  war  zwar  durch  den  religiösen  Gegen- 
satz erschwert,  aber  Verhandlungen  deswegen  etwa  zwischen  den 
Führern  des  schmalkaldischen  Bundes  und  Bayern  ziehen  sich 
doch  durch  viele  Jahre  hin,  die  Verteidigung  der  Freiheiten  des 
Reichs  wird  dabei  auch  stets  in  den  Vordergrund  gestellt.  Ans 
dem  Jahre  1546  ist  uns  ferner  ein  interessanter  eigenhändiger 
Entwurf  des  Kurfürsten  für  eine  Reform  der  Kurfürsteneinung 
erhalten.  Auch  hier  finden  wir  Gedanken  wie  den,  daß  die  goldne 
Bulle  aufrecht  erhalten  werden  müsse,  daß  man  das  Erblichwerden 
der  deutschen  Krone  dadurch  verhindern  müsse,  daß  man  nie  den 
Sohn  eines  Kaisers  wähle,  daß  deutsche  Abkunft  Bedingung  für 
die  Wahl  sein  müsse  u.  dgl.  m. ^).  Man  wird,  wenn  man  die 
Gesamtheit  der  Aeußerungen  Johann  Friedrichs  auf  diesem  Gebiet 
überblickt,  zu  dem  Resultat  kommen,  daß  diese  Fragen  der 
deutschen  Verfassung  ihm  kaum  weniger  wichtig  erschienen,  als  die 
Angelegenheiten  des  Glaubens.  Noch  im  Dezember  1546  wollte 
er  lieber  auf  sein  Land  verzichten,  als  sich  durch  Verletzung 
seines  Knrfürsteneides  und  Mitwirkung  bei  der  Erblichmachnng 
des  Reichs  den  Frieden  vom  Kaiser  erkaufen*). 

Eine  ebenso  große  Hartnäckigkeit  wie  bei  der  Verteidigung 
seiner  religiösen  Ueberzeugungen  und  bei  dem  Schutze  der  Frei- 
heiten der  deutschen  Nation  hat  nun  aber  der  Kurfürst  auch  ge- 
zeigt, wenn  irgend  eins  seiner  wirklichen  oder  vermeintlichen  fürst- 
lichen Rechte  durch  seine  Standesgenossen  oder  andere  Stände  ver- 
letzt wurde.  Hier  war  es  der  Gedanke  der  Landesherrlichkeit,  den 
er  den  noch  widerstrebenden  Gewalten  gegenüber,  häufig  im  Wett- 
bewerb mit  Nachbarn,  die  gleiche  Ziele  verfolgten,  zur  Geltung  zu 
bringen  suchte.  Ein  großer  Teil  der  nachbarlichen  Differenzen,  in 
die  er  verwickelt  wurde,  wurde  dadurch  hervorgerufen,  daß  er  sich 
als  Landesherrn  der  Bischöfe,  Grafen,  Herren  und  Städte  be- 
trachtete, die  innerhalb  seines  Territoriums  und  unter  seinem 
Schutze  gesessen  waren. 

Aus  diesen  drei  Motiven:  seinen  religiösen  Ueberzeugungen, 
seinen  Anschauungen  von  der  Reichsverfassung  und  seinen  landes- 


1)  Beg.  E.  p.  59b,  No.  123a. 

2)  Au  Ldgf.  Dez.  4,  Reg.  J.  p.  662,  Aa  No.  4,  Kodz. 

1* 


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4 


Einleitung. 


herrlichen  Ansprüchen  wird  man  die  politische  Haltung  Johann 
Friedrichs  fast  durchweg  erklären  können.  Man  wird  daneben  nur 
noch  berücksichtigen  müssen,  daß  seine  Politik  häufig  eine  gewisse 
Schroffheit  erhielt  durch  seine  an  Eigensinn  grenzende  Hartnäckig- 
keit, die  ihn  zwar  zu  der  bewundernswerten  Ausdauer  der  Ge- 
fangenschaftszeit befähigte,  die  ihn  aber  auch  zuweilen  veranlaßte. 
mit  kleinlicher  Pedanterie  an  dem,  was  er  für  sein  Recht  hielt, 
festzuhalten,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  das,  was  er  dadurch  ge- 
wann, im  Verhältnis  stand  zu  den  Feindschaften,  die  er  sich  da- 
durch erweckte.  Wir  werden  zu  beobachten  haben,  wie  besonders 
sein  Verhältnis  zu  den  Albertinem,  aber  auch  zu  anderen  Nach- 
barfürsten, z.  B.  dem  Kurfürsten  von  Mainz,  durch  diesen  seinen 
StaiTsinn  beeinflußt  wurde  und  wie  dadurch  Gegensätze  erzeugt 
wurden,  die  von  verhängnisvollster  Einwirkung  auf  sein  Geschick 
waren,  denn  nur  allzu  gut  verstand  es  ja  der  Kaiser,  sie  auszu- 
nutzen. Es  wäre  besser  gewesen,  wenn  der  Kurfürst  durch  das 
Verhältnis  zu  diesem  und  überhaupt  zu  den  Habsburgern  seine 
Politik  noch  mehr,  als  es  der  Fall  war,  hätte  beeinflussen  lassen. 
In  hohem  Grade  hat  er  es  getan,  und  es  wird  trotz  der  außer- 
ordentlich großen  Mannigfaltigkeit  der  politischen  Beziehungen,  in 
denen  Johann  Friedrich  gestanden  hat,  doch  im  wesentlichen  die 
Abwandlung  seines  Verhältnisses  zu  den  Habsburgem  sein,  die 
auch  uns  die  Gliederung  unseres  Stoflfes  geben  wird. 


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Kapitel  I. 

Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 

Der  Regierungsantritt  Johann  Friedrichs  des  Großmütigen  fällt 
zusammen  mit  einer  gewissen  Ruhepause  in  der  Entwickelung  des 
Protestantismus,  die  gegeben  war  durch  den  Nürnberger  Anstand. 
Dieser  sicherte  den  sämtlichen  Reichsständen  Frieden  bis  zum  Konzil 
oder  bis  zum  nächsten  Reichstag  und  gewährte  außerdem  im  ge- 
heimen den  jetzt  im  schmalkaldischen  Bunde  Vereinigten  Sus- 
pension der  Kammergerichtsprozesse  in  Religionssachen,  allerdings 
mit  der  Verpflichtung,  in  jedem  einzelnen  Falle  darum  nachzu- 
suchen.  Johann  Friedrich  hatte,  wie  wir  sahen  ‘),  an  dem  Zustande- 
kommen dieses  Anstandes  einen  starken  Anteil  gehabt,  und  er 
stimmte  mit  seinem  Vater  und  den  Wittenberger  Theologen  durch- 
aus darin  überein,  daß  man  mit  dem  Erreichten  zufrieden  sein 
könne,  da  es  mit  dem  Gewissen  und  dem  Landfrieden  im  Einklang 
stände  *).  OflFenbar  empfand  man  am  sächsischen  Hofe  das  Bewußt- 
sein des  Friedens  mit  dem  Kaiser  so  angenehm,  daß  man  gern 
weitergehende  Wünsche  zurücktreten  ließ.  Anderer  Ansicht  war 
Landgraf  Philipp  von  Hessen.  Nur  schwer  entschloß  er  sich,  nach- 
träglich seine  Zustimmung  zu  dem  in  Nürnberg  Verabredeten  zu 
geben,  da  der  Friede  ihm  wegen  seiner  unsicheren  Dauer  und 
wegen  der  Beschränkung  auf  die  bisherigen  Anhänger  der  neuen 
Lehre  geradezu  gegen  das  Gewissen  ging*).  Indem  er  nun  aber 
diesen  Standpunkt  den  Sachsen  etwas  deutlich  klar  machte  und 
.Abweichungen  davon  als  unchristlich  und  unbillig  und  als  einen 


1)  Vergl.  Teil  I,  8.  48  ff.  84  ff. 

2)  Ad  Ldgf.  1532  Juli  29,  Sept.  11,  Reg.  H.  p.  70,  No.  19,  Kop. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  1532  Aug.  30,  ebenda  Kop.  Ldgf.  an  Kf.  Johann  1532 
•Mai  31.  Rommel  III,  4d.  49. 


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6 


Kapitel  I. 


Bruch  der  gegen  ihn  eingegangenen  Verpflichtungen  bezeichnete, 
erregte  er  den  größten  Unwillen  der  selbstgerechten  Emestiner 
und  gab  Anlaß  zu  der  schon  erwähnten  ‘)  gereizten  Korrespondenz, 
die  bis  zum  August  so  scharfe  Formen  angenommen  hatte,  daß 
Johann  Friedrich  es  für  ratsam  hielt,  sie  gleich  nach  seinem  Re- 
gierungsantritt abzubrechen.  Es  entsprach  ganz  seiner  etwas  for- 
malistischen Denkweise,  wenn  er  jetzt  vorschlug,  durch  eine  Zu- 
sammenschickung von  je  vier  Räten  beider  Parteien  einen  Vergleich 
herbeizuführen  und  dies  Verfahren  gleich  zu  einer  ständigen  Ein- 
richtung für  künftige  ähnliche  Vorkommnisse  zu  machen*),  er  war 
sich  also  offenbar  darüber  klar,  daß  Konflikte  zwischen  ihm  und  dem 
hessischen  Vetter  bei  der  Verschiedenheit  ihrer  Charaktere  unver- 
meidlich seien.  Dem  Landgrafen  erschien  die  Verhandlung  zwar 
eigentlich  unnötig,  da  der  Streit  durch  den  Abschluß  des  Friedens 
schon  erledigt  sei  *).  Da  er  aber  gleichzeitig  die  Richtigkeit  seines 
Verhaltens  stark  betonte,  wäre  doch  vielleicht  ohne  eine  Erörterung 
und  Entscheidung  der  Rechtslage  beim  Kurfürsten  ein  Stachel 
zurückgeblieben,  denn  ihm  kam  in  solchen  Fällen  ja  immer  sehr 
viel  darauf  an,  festzustellen,  wer  angefangen  habe.  Auch  er  hielt 
in  der  trotz  des  in  Aussicht  stehenden  Vertrages  in  etwas  ge- 
mäßigterer Form  fortgesetzten  Korrespondenz  durchaus  an  seinem 
Standpunkt  fest,  daß  der  Abschluß  des  hViedens  notwendig  ge- 
wesen sei,  daß  der  Landgraf  ihn  ohne  genügenden  Grund  ver- 
kleinere und  Gott  Wege  genug  habe,  ihn  zu  verlängern*).  Auch 
diese  spätere  Korrespondenz  hat  hie  und  da  noch  zu  kleinen  Rei- 
bungen geführt,  im  wesentlichen  überließ  man  die  Frage  nun  der 
Entscheidung  der  Räte. 

Ihre  Zusammenkunft  hat  erst  zwischen  dem  15.  und  21.  De- 
zember in  Mühlhausen  stattgefunden“).  Ueber  den  Gang  ihrer  Ver- 
handlungen ist  uns  nichts  Näheres  bekannt,  auch  hüteten  sie  sich, 
den  Streit  zu  Gunsten  des  einen  oder  des  anderen  Fürsten  zu 

1)  TeU  I,  S.  92. 

2)  An  Ldgf.  1532  Aug.  24,  R^.  H.  p.  70,  No.  19,  Kop. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  30,  ebenda,  Kop. 

4)  An  Ldgf.  Sept.  11,  ebenda,  Kop. 

5)  Von  kuiBäcbaischer  Seite  waren  Albrecht  von  Manafeld,  Wolf  von  Weifien- 
bach,  Nickel  vom  Ende  und  Hana  von  Dölzig  anwesend,  von  hessischer  Ludwig 
von  Bojneburg,  Adolf  Bau,  Hermann  v.  d.  Malsburg  und  Friedrich  Trott  Das 
Wort  für  den  Kf.  führten  Hans  von  Minckwitz  und  Ewald  von  Brandenstein, 
für  den  latndgrafen  Siegmund  von  Boyneburg  und  Werner  von  Waldenstein. 


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Bund  and  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauene  1532 — 1536. 


7 


entscheiden.  Es  war  gewissermaßen  eine  Verurteilung  des  Be- 
nehmens beider,  wenn  in  dem  Schiedsspruch  vom  21.  Dezember 
bestimmt  wurde,  daß  sämtliche  gewechselten  Schriften  an  die  acht 
Räte  ausgeliefert  werden  und  als  vernichtet  gelten  sollten  *).  Wich- 
tiger war  die  Bestimmung,  daß  im  Falle  künftiger  Mißverständnisse 
die  beiden  Fürsten  persönliche  Erörterungen  vermeiden  und  nur 
durch  die  Räte  ihre  Meinungen  austauschen  sollten. 

Die  Versammelten  hatten  die  richtige  Erkenntnis,  daß  es  vor 
allem  auch  darauf  ankommen  werde,  Difterenzen  ihrer  Herren  in 
Angelegenheiten  des  schmalkaldischen  Bundes  zu  verhüten.  Sie 
rieten  deshalb  in  einem  Gutachten  vom  19.  Dezember*),  daß  nie- 
mandem erlaubt  sein  solle,  andere  Bundesmitglieder  auf  seine  Seite 
za  ziehen,  sondern  daß  man  es  ganz  auf  die  Mehrheitsbeschlüsse 
der  Bundestage  ankommen  lassen  solle;  sie  empfahlen  ferner,  daß 
auch  die  beiden  P'ürsten  ihre  Vertreter  bei  den  Bundesverhand- 
Inngen  nicht  mit  gemessenen  Befehlen  ausstatten,  sondern  ihnen 
Vollmacht  geben  sollten,  sich  auch  ohne  neue  Weisungen  der  Mehr- 
heit anzuschließen.  Wir  hören  nichts  davon,  daß  diese  Vorschläge 
zur  Ansführnng  gekommen  seien.  — 

Nicht  erledigt  war  durch  den  Nürnberger  Vertrag  die  Frage 
der  Anerkennung  der  Wahl  Ferdinands  zum  römischen  König,  ja 
man  hatte  sie  bei  den  Friedensverhandlungen  ausdrücklich  von  der 
Religionssache  getrennt.  Es  konnte  daher  auch  bezweifelt  werden, 
ob  auch  die  Wahlgegner  auf  Frieden  zu  rechnen  hätten;  der 
sächsische  Kurfürst  war  geneigt,  da  nun  doch  dem  Frieden  zu  ver- 
trauen, während  die  Herzöge  von  Ba3'em  die  Lage  schon  Ende 
August  sehr  bedenklich  ansahen  und  Johann  Friedrich  teils  direkt, 
teils  durch  den  Landgrafen  zu  Verteidigungsmaßregeln,  ja  eventuell 
zu  einem  offensiven  Vorgehen  gegen  Ferdinand  zu  bestimmen 
suchten  *).  Man  dachte  wohl  daran,  gerade  frei  gewordene  dänische 
Knechte  zu  diesem  Zwecke  zu  verwenden*).  Johann  Friedrich 

1)  Kop.  in  Reg.  H.  p.  70,  No.  19. 

2)  Bowohl  in  Weimar  wie  in  Marburg  sind  nur  Kopien  dea  Briefwechsels 
Torhanden.  Veigl.  auch  Seckendorf,  III,  8.  22 f. 

3)  Kopie  in  R^.  H.  p.  70,  No.  19. 

4)  Korrespondenz  zwischen  dem  Ldgf.,  den  Hzen.  von  Bayern  und  Eck  in 
P.  A.  Bayern  1532.  Wille,  8.  89. 

5)  Ldgf.  an  Eck  8ept.  1,  P.  A.  a.  a.  O.  Muffat,  8.  247  ff.  Kg.  Fried- 
rich von  Dänemark  hatte  die  Knechte  den  Verbündeten  schon  im  Sommer  an- 
geboten.  Reg.  C.  No.  811. 


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8 


Kapitel  I. 


blieb  diesen  Plänen  gegenüber  sehr  zurückhaltend  and  besonnen, 
hatte  jedoch  nichts  dagegen,  daß  man  diplomatische  Schritte  täte, 
um  sich  Klarheit  über  die  Lage  zu  verschaifen,  und  daß  man  den 
Wahlbund  weiter  auszubauen  suche.  Er  selbst  ratifizierte  schon  im 
August  den  Vertrag  von  Scheiern  *)  und  war  auch  ganz  damit  einver- 
standen, daß  man  Anfang  1533  außer  Frankreich  auch  England  heran- 
zuziehen  sich  bemühe*).  Es  entsprach  ferner  seinen  Wünschen, 
daß  man  jetzt  eine  seit  langem  geplante  Protestationsschrift  gegen 
die  Wahl  Ferdinands  ergehen  ließe  auf  Grund  eines  Eatschlags 
der  sächsischen  Gelehrten,  und  als  dann  ein  neues  Mandat  des 
Kaisers  eintraf*),  in  dem  zum  Gehorsam  gegen  den  König  auf- 
gefordert wurde,  schien  ihm  eine  Schrift  oder  eine  Gesandtschaft 
an  den  Kaiser  empfehlenswert*).  Stets  aber  wandte  er  sich 
gegen  jedes  gewaltsame  Vorgehen  oder  gar  die  Einsetzung  eines 
anderen  Königs,  da  man  dann  ja  selbst  die  Ungesetzlichkeiten  be- 
gehen würde,  wegen  deren  man  die  Wahl  Ferdinands  angefochten 
habe. 

Um  über  alle  diese  streitigen  Fragen  zu  beraten,  war  schon 
für  den  November  1532  eine  Versammlung  der  Wahlgegner  in 
Nürnberg  geplant  gewesen,  erst  im  Februar  1533  hat  sie  in  der 
Form  einer  Zusammenschickung  der  Räte  in  Koburg  stattgefunden. 
Der  Kurfürst  und  der  Landgraf  hatten  sich  vorher  auf  einer  Zu- 
sammenkunft in  Weimar  über  die  einzuschlagende  Politik  geeinigt, 
wobei  Philipp  seine  mehr  mit  den  bayrischen  übereinstimmenden 
energischeren  Wünsche  hinter  den  friedlicheren  Ansichten  des  Sachsen 
zurücktreten  ließ*).  Infolgedessen  hatte  der  ba}Tische  Gesandte 
Weissenfeider  in  Koburg  mit  seinem  Vorschlag  einer  Koalition  für 
einen  nach  der  Abreise  des  Kaisers  nach  Spanien  vorzunehmenden 

1)  An  Ldgf.  1532  Aug.  29,  P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie,  1532,  Or. 

2)  Bedenken  an  Ldgf.  1533  Febr.  19,  ebenda  1533.  Kf.  empfahl  jedoch, 
mit  den  Verhandlnngen  mit  England  noch  zu  warten,  bis  man  des  französischen 
Oeldes  gewiß  sei.  Nach  Brief  an  Ldgf.  vom  2.  März  wünschte  er  auch  über  die 
Haltung  Bayerns  erst  noch  klarer  zu  sehen.  Loc.  10672  „Handlung  und  Ab- 
schied zu  Lübeck  ....  1532—34“. 

3)  Ein  anderes  war  schon  vor  fast  2 Jahren  ergangen. 

4)  Loc.  10672  „Handlang  und  Abschied  zu  Lübeck  . . . 1532 — 34“. 

5)  In  seiner  ersten  Instruktion  für  Koburg  vom  9.  Januar  1533  erklärte 
sich  Philipp  für  gewaltsamen  Angriff,  wenn  Bayern  und  Ulrich  von  Württem- 
berg vorher  vertragen  wären.  P.  A.  No.  313.  Anders  dann  Ldgf.  an  Feige  1533 
Jan.  26,  P.  A.  No.  312,  Konz. 


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Bund  und  Bdch;  Die  Jahre  des  Vertraaens  1532 — 1536. 


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.\ngriflf  gegen  Ferdinand  keinen  Erfolgt).  Andererseits  vermochte 
man  aber  auch  weder  für  den  sächsischen  „Ratschlag“  *)  noch  für 
die  Schrift  an  den  Kaiser  die  sofortige  Zustimmung  Bayerns  zu  ge- 
winnen, ja  auch  den  Vorschlag,  daß  zur  Erledigung  aller  dieser 
Fragen  am  Sonntag  Misericordias  domini  (April  27)  eine  persön- 
liche Zusammenkunft  der  beteiligten  Füi-sten  in  Nürnberg,  Schwa- 
bach oder  Bamberg  stattfinden  solle,  konnte  Weissenfeider  nur  ad 
referendum  nehmen  und  Antwort  bis  Oculi  (März  16)  versprechen. 
Nur  in  dem  Gedanken,  England,  Dänemaik  und  den  Herzog  von 
Geldern  für  den  Bund  zu  gewinnen,  war  man  einig”). 

Die  Koburger  Verhandlungen  hatten  also  nur  dazu  gedient, 
die  Gegensätze  unter  den  Verbündeten  klar  zutage  treten  zu 
lassen.  Sie  lagen  nicht  nur  darin,  daß  Bayern  kriegerischer  ge- 
sinnt war  als  Sachsen,  fast  störender  war,  daß  der  bayrische  Ge- 
sandte bei  den  Detailfragen,  z.  B.  bei  der  Schrift  an  den  Kaiser  und 
der  Fürstenzusammenkunft,  die  größten  Schwierigkeiten  machte*). 
Dadurch  wurde  das  beim  Kurfürsten  gegen  die  Herzöge  bestehende 
Mißtrauen  noch  gesteigert”).  Hörte  er  doch  auch  beständig  von 
ihren  dü’ekten  Verhandlungen  mit  dem  Kaiser®).  Was  Weissen- 
felder  und  auch  Herzog  Wilhelm  selbst’)  zur  Verteidigung  dieser 
Beziehungen  vorbrachten,  genügte  ihm  nicht,  und  heute  wissen  wir, 
daß  sein  Mißtrauen  sehr  wohl  begründet  war.  Allerdings  fanden 
ja  auch  zwischen  ihm  und  dem  Kaiser  direkte  Verhandlungen  statt, 
diese  hatten  aber  mit  der  Wahlsache  nichts  zu  tun,  der  Kurfürst 
wies  vielmehr  den  Gedanken,  etwa  die  Belehnung  vom  Kaiser  durch 
.Anerkennung  Ferdinands  zu  erlangen,  stets  entschieden  zurück*). 

1)  Vergl.  über  die  bayrischen  Pläne  Wille,  S.  92  f.  260 — 263.  Riezler, 
IV,  8.  260  f. 

2)  Er  war  das  Werk  Brücks. 

3)  Stumpf,  $ 26,  8.  116-120,  Beilage  VII,  8.  34—40.  Abschied  des 
Koburger  Tages  vom  8.  Febr.,  Loc.  10672  a.  a.  O.,  ebenda  ein  eigenhändiger 
Bericht  Brücks  über  den  Kobnrger  Tag. 

4)  Feige  an  Ldgf.  Febr.  9,  P.  A.  No.  312. 

6)  VergL  etwa  Wille,  8.  93,  und  Bedenken  an  Ldgf.  Febr.  19,  P.  A, 
Sachsen,  Emest  Linie,  1533. 

6)  Seine  Gesandten  beim  Kaiser,  Planitz  und  Pappenheim,  berichteten  ihm 
darüber  auf  Grund  der  eigenen  Aussagen  des  bayr.  Vertreters  Pfirt  (1.533,  Jan. 
11.  13.  18.  20./21  Reg.  D.  No.  420,  Or.). 

7)  Hz.  Wilhelm  an  Kf.,  1533  Febr.  24,  Loc.  10672  „Handlung  and  Ab- 
schied . . . 1532—34“,  Or.  Wille,  8.  94  Anm. 

8)  An  Ldgf.  März  20,  P.  A.  Sachsen,  Emest.  Linie,  1533,  Or. 


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10 


Kapitel  I. 


Wie  korrekt  er  verfuhr,  zeigte  auch  die  Art,  wie  er  einen  Ver- 
mittlungsversuch der  Grafen  von  Nassau  und  Neuenahr  aufnahm, 
der  seit  dem  Oktober  1532  im  Gange  war‘).  Wohl  glaubte  er  ihre 
Vorschläge  nicht  abweisen  zu  dürfen,  sandte  sogar  Hans  von  Dölzig 
wenigstens  zu  kurzem  Aufenthalte  nach  Dillenburg  *),  aber  er  be- 
tonte stets,  daß  er  nicht  ohne  seine  Verbündeten  abschließen  dürfe, 
erhielt  den  Landgrafen  auf  dem  Laufenden®)  und  betrachtete  auch 
eine  für  den  30.  März  geplante  Zusammenkunft  mit  Graf  Heinrich 
von  Nassau  in  Frankfurt  nur  als  eine  Vorbereitung  der  erst  in 
Nürnbei’g  zu  fassenden  endgültigen  Beschlüsse^). 

Schließlich  hat  die  Aktion  der  Grafen,  da  aus  der  Frankfurter 
Zusammenkunft  nichts  wurde  ®),  nur  die  Wirkung  gehabt,  daß  Graf 
Heinrich  unter  die  Kommissare  aufgenommen  wurde,  die  die  Ver- 
bündeten dem  Kaiser  für  die  weiteren  Verhandlungen  vorschlugen. 
Die  Bitte  um  die  Ernennung  solcher  Kommissare  gehörte  mit  zu 
den  Beschlüssen  der  Nürnberger  Zusammenkunft. 

Johann  Fiiedrich  hatte  schon  seit  langem  eine  persönliche 
Besprechung  der  Wahlgegner  gewünscht,  damit  mau  sich  darüber 
einige,  was  man  eigentlich  wolle  *),  und  damit  man  vor  allem  auch 
über  die  Haltung  Bayerns  Klarheit  gewinne  ’).  Nach  längeren 
Korrespondenzen®)  war  die  Zusammenkunft  auf  den  30.  März  und 
nach  Nürnberg  augesetzt  worden,  und  dort  hat  man  dann  auch 
in  den  ersten  Tagen  des  April  getagt.  Die  früheren  Gegensätze 
traten  auch  jetzt  wieder  hervor.  Auf  sächsischer  Seite  bestand 
noch  das  alte  Mißtrauen  gegen  Bayern  wegen  seiner  Sonder- 


1)  Cornelias,  X,  S.  151 — 153. 

2) Meinardu8,  I,  2,  8.  306f. 

3)  Wille,  8.  95,  und  an  Ldgf.  Febr.  19,  P.  A.  Sachsen,  Emest.  Linie,  1533. 

4)  Meinardus,  8.  310  f.  Stumpf,  S.  127  f. 

5)  Gf.  Heinrich  war  die  Vorbereitungszeit  zu  kurz  (Meinardus,  S.  312 f.), 
aber  auch  der  Kf.  mußte  den  Tag  abschreiben,  weil  die  Hze.  von  Bayern  Ver- 
schiebung des  Nürnberger  Tages  auf  den  30.  März  veranlaßteo.  (Die  Hze.  an 
Kf.  März  16,  Loc.  10672  „Handlung  und  Abschied  zu  Königsberg",  Kopie.  Kf. 
an  Gf.  Wilhelm  von  Nassau  März  20,  Wiesb.  Arch.  R.  461,  Or.) 

6)  „worauf  wir  endUch  gedenken  zu  stehn  und  zu  verharren“,  an  Ldgf. 
1532  Dez.  8,  P.  A.  Sachsen,  Emest.  Linie,  1532,  Or. 

7)  Bedenken  für  den  Ldgf.  vor  Jan.  27.  Loc.  10672  .^Handlung  und  Ab- 
schied zu  Lübeck  . . . 1532 — 34“. 

S)  Loc.  10672  ,Jlaudlang  und  Abschied  zu  Königsberg  . . . 1532 — 33“. 
Stumpf,  8.  127 f. 


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Band  und  Reich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


11 


Verhandlungen  mit  dem  Kaiser  sowohl  wie  mit  Frankreich  und 
wenigstens  bei  Brück,  der  in  diesen  Dingen  die  Seele  der  säch- 
sischen Politik  war,  auch  gegen  den  „lavierenden“  Landgrafen. 
Andererseits  hielten  die  Bayern  aber  auch  an  ihrem  Standpunkt 
fest,  daß  man  einem  Angriff  des  Kaisers  zuvorkommen  müsse  und 
den  König  „auf  den  Bauch  treten,  dieweil  er  noch  läge“.  Sachsen 
dagegen  war  jedem  kriegerischen  Vorgehen  nach  wie  vor  ab- 
hold, wünschte,  nur  an  dem  bisherigen  Widerstand  gegen  Ferdinand, 
eventuell  im  Bunde  mit  Frankreich  und  England,  festzuhalten,  war 
aber  jetzt  auch  nicht  ganz  abgeneigt,  die  Hand  zu  Verhandlungen 
zu  bieten.  Es  empfahl  als  Grundlage  dafür  früher  in  Schwein- 
furt  vorgelegte  Artikel,  die  auf  eine  Neuwahl  des  Königs  und  Bei- 
ordnung eines  Regimentes  hinausliefen  ‘). 

Trotz  aller  Meinungsverschiedenheiten  ist  schließlich  in  Nürn- 
berg doch  eine  gewisse  Einigung  erzielt  worden;  die  „Verfassung 
zur  Gegenwehr“  kam  zum  Abschluß*),  mit  Frankreich  wurde  ein 
neuer  Vertrag  über  die  Auszahlung  der  lOüOOO  Sonnenkronen  ge- 
schlossen*), wegen  der  Mandate  beschloß  man  eine  Gesandtschaft 
an  den  Kaiser.  Sie  sollte  ihm  die  Gründe  für  die  Protestation 
gegen  die  Wahl  noch  einmal  ausführlich  auseinandersetzen,  sein 
Verhalten  aus  seiner  Unkenntnis  der  Gesetze  erklären  und  ihn 
endlich  um  Ernennung  von  Kommissaren  bitten,  vor  denen  die 
beteiligten  Fürsten  ihre  Sache  führen  könnten ‘).  Man  war  aber 
schon  darauf  gefaßt,  daß  die  Gesandten  den  Kaiser  nicht  mehr 
in  Italien  treffen  w’ürden  und  setzte  daher  gleich  einen  Brief 
auf,  der  den  Inhalt  ihrer  Instruktion  wiederholte  und  dem 
Kaiser  dann  nach  Spanien  nachgeschickt  werden  sollte  *).  Tat- 
säclüich  kamen  die  Gesandten  nur  bis  Konstanz  und  erfuhren 
dort  von  der  Abreise  Karls.  Anfang  Mai  ist  dann  der  bayrische 

1)  Die  auf  Brück  zurückgehenden  kursächaischen  Artikel  und  Auf- 
zachnungen  über  die  Verhandlungen  in  Loc.  10672  „Handlung  und  Abschied 
zu  Königsberg  . . . 1532/33“. 

2)  Stumpf,  Beilagen,  VIII,  S.  40 — 44. 

3)  Ebenda,  Beilagen,  IX,  8.  45  f. 

4)  Instruktion  vom  5.  April  in  Loc.  10672  „Handlung  und  Abschied  zu 
Königsberg  . . . 1532/33“.  Gesandt  wurden  für  Sachsen  Dr.  Phil.  Roseneckcr, 
für  Bayern  Konrad  Fuchs  von  Ebenhofen,  für  Hessen  Jakob  v.  Taubenheim. 
Kredenz  vom  6.  April,  ebenda,  Beinentw. 

5)  Konzept  des  Briefes  vom  5.  April,  ebenda.  Er  wurde  später  auf  den 
28.  April  datiert.  Stumpf,  S.  138f. 


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12 


Kapitel  I. 


Gesandte  Fuchs  allein  mit  dem  Brief  dem  Kaiser  nachgereist ‘).  — 
Nichts  entnehmen  läßt  sich  aus  den  vorhandenen  Akten  darüber, 
ob  es  in  Nürnberg  zu  irgend  welchen  Beschlüssen  über  die  Hin- 
einziehung Englands  in  den  Wahlbund  kam,  und  ob  sich  der  Kur- 
fürst über  die  Stellung  der  bayrischen  Herzöge  völlig  genügende 
Klarheit  verschaffte.  Im  ganzen  hatte  offenbar  seine  gemäßigtere 
Richtung  gesiegt,  man  blieb  beisammen,  stellte  aber  weitergehende 
Pläne  zurück.  — 

Johann  Friedrich  wird  zu  einem  aggressiven  Vorgehen  gegen 
die  Habsburger  wegen  der  Wahlfrage  um  so  weniger  geneigt  ge- 
wesen sein,  als  er  ja  in  verschiedenen  anderen  Angelegenheiten 
in  Beziehungen  zu  ihnen  stand  und  zum  Teil  auf  ihr  Wohlwollen 
angewiesen  war.  Der  Nürnberger  Religionsfriede  war  ja  in  erster 
Linie  der  Türkengefahr  zu  danken  gewesen,  und  der  Kurprinz 
hatte  bei  den  Verhandlungen,  wie  wir  sahen  *),  eine  etwas  un- 
diplomatische Bereitwilligkeit  zur  Türkenhilfe  gezeigt.  Diese  ist 
dann  in  den  nächsten  Monaten  auch  geleistet  worden,  doch  kam 
es  zu  keinen  größeren  Aktionen,  da  die  Feinde  sich  schneit  zurück- 
zogen und  weder  der  Kaiser  noch  die  Reichsstände  Lust  hatten, 
den  Krieg  zugunsten  Ferdinands  nach  Ungarn  hinein  fortzusetzen. 
Auch  Sachsen  war  entschieden  gegen  eine  Bekriegung  König  Jo- 
hanns. Infolge  dieses  schnellen  Abbruchs  des  Feldzugs  ist  dann 
aber  auch  über  die  Leistungen  der  von  Ernst  von  Gleichen,  Bern- 
hard von  Mila  und  Joachim  von  Pappenheim  geführten  sächsischen 
Truppen  nichts  weiter  zu  bemerken*). 

Hatte  in  der  Frage  der  Abwehr  der  Türken  der  Kurfürst  ge- 
wissermaßen gleiche  Interessen  mit  den  Habsburgern  zu  vertreten, 
so  konnte  er  dagegen  nur,  wenn  er  gut  mit  ihnen  stand,  darauf 
rechnen,  daß  der  Kaiser  ihm  nach  seinem  Regierungsantritt  die 
Lehen  und  Regalien  erteilte,  daß  er  ihm  seinen  Jülichschen  Heirats- 
vertrag endlich  bestätigte  u.  dgl.  m.  Um  die  Erfüllung  dieser 
Wünsche  des  Kurfürsten  zu  bitten,  war  die  Hauptaufgabe  von 

1)  E^.  D.  No.  420.  Kf.  an  Gf.  Neuenahr  Juli  3.  Instruktion  für  Fuchs 
vom  ü.  Mai.  Stumpf,  8.  138 f. 

2)  Teil  I,  S.  90  f. 

3)  Akten  über  den  Krieg  in  Reg.  B.  No.  1609 — 1613.  Brief  Pappenheims 
vom  1.  Okt.  1532  in  Reg.  H.  p.  75,  No.  24,  BL  42—44.  VergL  Secken- 
dorf, III,  S.  31.  iVinckelmann,  S.  255  und  Anm.  524.  Muffat,  S.  245 
bis  250. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  13 

Hans  V.  d.  Planitz  und  Joachim  von  Pappenheim,  die  im  Oktober 
1532  an  den  Kaiser  geschickt  wurden.  Sie  sollten  außerdem  um 
die  Bezahlung  der  Schulden  der  Habsburger  an  Kursachsen  und 
um  Bestätigung  des  Marktes  zu  Gotha  nachsuchen,  auch  naum- 
burgische  Angelegenheiten  erörtern').  Erst  im  Februar  1533  ge- 
lang es  den  Gesandten,  eine  Antwort  von  Karl  V.  zu  bekommen. 
Sie  ging  über  die  Schuldfrage  mit  nichtssagenden  Redensarten 
hinweg,  eine  Antwort  über  die  Bestätigung  des  Heiratsvertrages 
lehnte  der  Kaiser  ab,  weil  er  seinen  Inhalt  nicht  kenne,  die  Er- 
teilung der  Lehen  und  die  Konfirmation  des  Gothaer  Jahrmarktes 
knüpfte  er  an  die  Bedingung,  daß  der  Kurfürst  die  Wahl  Ferdi- 
nands anerkenne  und  sich  binnen  6 — 8 Wochen  darüber  erkläre*). 

• ' 

Der  gewissenhafte  Wettiner  wies  natürlich  den  Gedanken,  Dinge, 
die  so  gar  nichts  miteinander  zu  tun  hätten,  zu  verquicken,  mit 
Entrüstung  zurück,  verzichtete  einstweilen  auf  die  Belehnung  und 
bat  den  Kaiser  in  einem  Brief,  den  er  am  6.  April  den  Gesandten 
der  Wahlgegner  mitgab,  ihm  für  den  Empfang  der  Lehn  einen 
mehrjährigen  Indult  zu  erteilen  und  dann  jemand  im  Reiche  mit 
der  Erteilung  der  Lehn  zu  beauftragen*).  — 

Außer  mit  den  persönlichen  Angelegenheiten  des  Kurfürsten 
hing  die  Sendung  von  Planitz  und  Pappenheim  zusammen  mit  der 
Ausführung  des  Nürnberger  Friedens  und  der  Sistierung  der 
Kanimergerichtsprozesse.  W'enn  man  über  den  Wert  des  in  Nürn- 
berg Erreichten  vielleicht  verschiedener  Meinung  sein  konnte,  alles 
kam  darauf  an,  daß  der  Vertrag  auch  ausgeführt  wurde,  und  damit 
war  es,  wie  sich  bald  zeigte,  sehr  mangelhaft  bestellt.  Vor  aUem  gab 
es  bald  Meinungsverschiedenheiten  darüber,  was  man  denn  unter 
Religionssachen  zu  verstehen  habe  und  ob  auch  Streitigkeiten  um  den 
Besitz  geistlicher  Güter  dazu  gerechnet  werden  dürften.  Die  Auf- 
gabe der  beiden  Gesandten  soUte  daher  auch  sein,  über  verschiedene 
Verstöße  des  Kammergerichts  gegen  den  lYieden  zu  klagen  und 
Schritte  des  Kaisers  für  dessen  Ausführung  herbeizuführen  ‘).  Da- 
bei mußte  man  dann  aber  die  Erfahrung  machen,  daß  auch  der  Kaiser 

1)  Winckelmann,  S.  260.  Reg.  D.  No.  420. 

2)  Die  Antwort  des  Kaisers  vom  5.  Febr.  E^.  D.  No.  420,  Or.  Berichte 
der  Oes.  in  Reg.  E.  p.  44,  No.  92. 

3)  An  den  Kaiser  April  6,  Reg.  D.  420,  Or.,  also  nicht  übergeben,  da  die 
Gesandten  in  Konstanz  umkehrten. 

4)  Winckelmann,  8.  259f. 


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14 


Kapitel  I. 


in  einer  höchst  zweideutigen  Haltung  beharrte  und  dem  so  durch- 
aus parteiischen  Kammergericht  überließ,  zu  bestimmen,  was 
Religions-  und  Glaubenssachen  seiend).  Manche  protestantischen 
Stände  wären  dem  gegenüber  nun  schon  zu  entschiedenen  Schritten, 
vor  allem  einer  Rekusation  des  Gerichtes,  bereit  gewesen,  Kur- 
sachsen  hielt  auch  in  diesen  Dingen  an  einem  sehr  langsamen  und 
allmählichen  Vorgehen  fest  *),  doch  wird  auch  ihm  die  Unsicherheit 
des  Nürnberger  Anstandes  an  der  Frage  der  Kammergerichts- 
prozesse zuerst  klar  geworden  sein.  Sie  bildeten  diejenige  Ange- 
legenheit, mit  der  sich  der  schmalkaldische  Bund  in  der  Zeit  nach 
dem  Regierungsantritt  Johann  Friedrichs  in  erster  Linie  zu  be- 
schäftigen hatte. 

Machen  wir  uns,  ehe  wir  auf  diese  Dinge  eingehen,  die  Ver- 
hältnisse im  Bunde  zu  jener  Zeit  klar,  so  war  ja  also,  wie  wir  ge- 
sehen haben®),  die  „Verfassung  zur  Gegenwehr“  in  Schweinfurt 
zum  Abschluß  gebracht  worden.  Gleichzeitig  hatte  Johann  Fried- 
rich dadurch,  daß  er  neben  dem  Landgrafen  zum  Bundeshaupt- 
mann gewählt  worden  war,  eine  führende  Stellung  im  Bunde  und 
in  ganz  Deutschland  erhalten,  ja  er  konnte,  da  Sachsen  bei  den 
Beratungen  der  Verbündeten  die  Umfrage  hatte*),  als  das  oberste 
Haupt  des  Bundes  betrachtet  werden.  In  den  meisten  Fällen  galt 
allerdings  zwischen  ihm  und  dem  Landgi’afen  völlige  Gleichheit, 
jeder  von  ihnen  hatte  ein  halbes  Jahr  lang  die  Hauptmannschaft 
inne  und  berief  während  dieser  Zeit  die  Versammlungen  der  Kriegs- 
räte und  die  Bundestage,  jeder  von  ihnen  führte  zwei  von  den 
neun  Stimmen,  durch  die  bei  Meinungsverschiedenheiten  auf  den 
Bundesversammlungen  Majoritätsbeschlüsse  erfolgten,  jeder  von 
ihnen  leitete  in  seinem  Kreis  die  militärischen  und  finanziellen 
Bundesangelegenheiten  u.  s.  w.  Die  Stellung  des  Kurfürsten  wurde 
aber  dadurch  von  vornherein  erschwert,  daß  die  Schweinfurter 
Verfassung  gerade  von  den  zu  seinem  Kreise  gehörigen  sächsischen 

1)  Harpprecht,  V,  Beila^  40.  P.  C.  II,  180,  3.  181,  1. 

2)  P.  C.  II,  1761.  178.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  8,  Keg.  H.  p.  74,  No.  23, 
vol.  II,  Bl.  6,  Or.  Auch  für  den  Gedanken,  einen  ständigen  Sollicitator  am 
kaiserlichen  Hofe  zu  unterhalten,  war  der  Kf.  nicht  sehr  begeistert.  An  Ldgf. 
Not.  7,  Reg.  H.  p.  75,  No.  24,  Bl.  48 — 50.  Winckelmann,  8.  260  und 
Anm.  533. 

3)  Teil  I,  8.  88  f. 

4)  P.  C.  II,  137.  Vergl.  über  den  kursächsischen  Einfluß  auch  Baum- 
ga  rten,  III,  8.  269. 


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Band  und  Beich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


15 


Städten  nicht  angenommen  worden  war.  Auch  Verhandlungen,  die 
auf  zwei  Braunschweiger  Tagungen  im  Juni  und  November  1532 
mit  den  Vertretern  der  Städte  geführt  wurden,  ergaben  nur  gering- 
fügige Resultate.  Sie  standen  „wie  ein  Stock,  der  nicht  zu  be- 
wegen gewest“,  bewilligten  zu  dem  früheren  nur  noch  einen  zweiten 
„Monat“  Bundesbeitrag,  lehnten  die  Annahme  der  Bundesverfassung 
aber  entschieden  ab,  da  so  weitgehende  Beschlüsse,  wie  sie  darin 
enthalten  seien,  ihnen  durch  ihre  Abhängigkeit  von  ihren  Gemeinden 
unmöglich  gemacht  würden.  Nur  für  den  Fall  wirklicher  Not 
glaubten  sie  weitere  drei  Monate  in  Aussicht  stellen  zu  können. 
Ihre  Vorsicht  ging  so  weit,  daß  sie  sogar  weitere  Beratungen  für 
unerwünscht  erklärten  und  baten,  sie  nur  im  geheimen  dazu  ein- 
zuladen *). 

So  erwiesen  sich  die  niederdeutschen  Städte  schon  vom  ersten 
Anfang  des  schmalkaldischen  Bundes  an  als  ein  schwerer  Hemm- 
schuh seiner  Entwicklung,  man  mußte  sich  damit  begnügen,  sie 
weiter  zu  schleppen,  soweit  es  eben  ging.  Ob  es  möglich  ge- 
wesen wäre,  durch  Anknüpfung  von  Beziehungen  in  den  Städten, 
durch  Gewinnung  einflußreicher  Persönlichkeiten  in  ihnen  mehr  zu 
erreichen,  ob  also  den  Kurfürsten  als  Hauptmann  des  sächsischen 
Kreises  ein  Teil  der  Schuld  an  diesen  Schwierigkeiten  trifft,  ist 
schwer  zu  entscheiden.  Ganz  hat  er  es  an  solchen  Schritten,  wie 
wir  gelegentlich  sehen  werden,  nicht  fehlen  lassen.  Jedenfalls  wird 
gerade  er  unter  der  Schwerfälligkeit  und  Zurückhaltung  der  Stände 
seines  Kreises  am  meisten  zu  leiden  gehabt  haben,  und  man  kann 
es  begreifen,  wenn  seine  Bundesfreudigkeit  schon  früh  dadurch 
vermindert  wurde. 

Auch  nach  dem  zweiten  Braunschweiger  Tage  hat  man  noch 
nicht  darauf  verzichtet,  die  sächsischen  Städte  zu  gewinnen.  Man 
war  bereit,  Aenderungen  der  Bundesverfassung  zu  ihren  Gunsten 
vorzunehmen  und  zu  diesem  Zwecke  eine  Bundesversammlung 
abznhalten.  Eine  solche  erschien  auch  aus  anderen  Gründen  er- 
wünscht, vor  allem  eben  wegen  der  Kammergerichtsprozesse.  Jo- 
hann Fiiedrich  hatte  hier  zwar  für  sich  selbst  ein  Verfahren  ge- 

1)  Vergl.  über  den  ersten  Braunschweiger  Tag  P.  C.  II,  134 — 136.  Weitere 
Koireepondenzen  in  Reg.  H.  p.  73,  No.  21  und  No.  22.  II,  dort  auch  die  Akten 
de«  zweiten  Braunechweiger  Tages.  Sachsen  war  durch  den  Kanzler  Christian 
Beyer  und  Hans  Metzsch  vertreten.  Ihre  InstruktioD  ebenda  No.  22.  II.  Reht- 
meyer,  III,  8.  106 — 111.  Vergl.  auch  P.  C.  II,  189,  3. 


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16 


Kapitel  I. 


funden.  indem  er  seinem  Vertreter  am  Kammergericht  Dietrich 
von  Techwitz  befahl,  bei  nichts  mitzuwirken,  was  im  Namen  König 
P'erdinands  geschehe,  oder  in  Sachen,  die  die  Religion  und  was 
daraus  flösse,  beträfen  ‘).  Er  hoffte  wohl,  durch  eine  solche  Ob- 
struktion das  Gericht  beschlußunfähig  zu  machen  *).  Für  die  ober- 
deutschen Städte  war  dieser  Weg  aber  nicht  gangbar,  und  so  ver- 
langte denn  besonders  Straßburg  wiederholt  die  Berufung  eines 
Bundestages’).  Diesem  Wunsche  hat  sich  der  Kurfürst,  nachdem 
auch  ein  letzter  Versuch,  durch  ein  bloßes  Schreiben  auf  das  Kammer- 
gericht zu  wirken,  gescheitert  war‘),  schließlich  nicht  mehr  ver- 
schließen können,  am  7.  und  12.  Mai  beriefen  die  beiden  Hauptleute 
den  Bundestag  auf  den  25.  Juni  nach  Schmalkalden’).  Dort  sollte 
auch  über  den  vom  Landgrafen  warm  befürworteten  Plan  eines 
Bundes  mit  den  oberdeutschen  Städten  auch  in  „zeitlichen“  Sachen 
gesprochen  werden*).  Endlich  kam  als  ein  letzter  wichtiger  Be- 
ralungsgegenstand  die  Frage  hinzu,  wie  man  sich  gegenüber  dem 
vom  Kaiser  gewünschten  und  vom  Papst  in  Aussicht  gestellten  Konzil 
verhalten  solle. 

Nach  den  Bestimmungen  des  Nürnberger  Friedens  soUte  das 
Konzil  ja  möglichst  binnen  Jahresfrist  stattflnden.  Karl  V.  hat 
sich  redlich  bemüht,  dies  Versprechen  zu  erfüllen  und  bei  einer 
Zusammenkunft,  die  er  im  Winter  1532/33  mit  Klemens  VII.  in 
Bologna  hielt,  wenigstens  so  viel  erreicht,  daß  der  Papst  sich  be- 
reit erklärte,  bei  den  maßgebendsten  christlichen  Fürsten  Eikundi- 
gungen einzuziehen  und  sich  ihre  Zustimmung  zur  Abhaltung  des 
Konzils  zu  sichern  *).  Erst  wenn  die  Antworten  günstig  lauteten, 
sollte  die  Einberufung  der  Versammlung  erfolgen. 


1)  InstrnktioD  für  Techwitz  vom  17.  Febr.  1533,  Reg.  H.  p.  82,  No.  29, 
Bl.  8—10. 

2)  P.  C.  II,  184,  1. 

3)  P.  C.  II,  183  ff.  187. 

4)  An  das  Kammergericht  März  24.  Harpprecbt,  V,  BeiL  47.  P.  C.  II, 
185  Anm.  Antwort  von  April  14,  Reg.  H.  p.  81,  No.  28,  I,  BL  118,  Or.  Mai  9 
„man  werde  sich  unverweislich  und  aller  gepuer  halten“,  Reg.  H.  p.  82,  No.  29, 
Bl.  17,  Or. 

5)  Ausschreiben,  P.  C.  II,  188.  Reg.  H.  p.  77,  No.  26,  BL  3 — 5.  An  Ldgf. 
Mai  4,  ebenda  BL  1 f. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  13.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  17.  R^.  H.  p.  83,  No.  30, 
BL  13.  16-18. 

7)  Hierzu  und  zum  folgenden  vergl.  Conc.  Trid.  IV,  LXXXIff. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  17 

Auch  an  die  protestantischen  Fürsten  ergingen  am  8.  und 
10.  Januar  Schreiben  des  Kaisers  und  des  Papstes,  und  eben  über 
die  darauf  zu  erteilende  Antwort  sollte  die  Schmalkaldner  Ver- 
sammlung Beschluß  fassen.  Noch  ehe  sie  zusammentrat,  trafen 
dann  aber  ein  päpstliclier  und  ein  kaiserlicher  Gesandter,  Hugo 
Rangone  und  Lambert  de  Briaerde  auf  einer  Reise  durch  Deutsch- 
laud  auch  bei  Johann  Friedrich  ein,  um  ihn  zu  Aeußerungen  über 
den  Ort  des  Konzils,  die  Unterwerfung  unter  seine  Beschlüsse 
u.  dgL  zu  bestimmen.  Der  Kurfürst  war  zwar  von  vornherein 
entschlossen,  für  sich  allein  keine  Erklärung  abzugeben  *),  hat  aber 
die  Gesandten  am  2.  Juni  doch  recht  leutselig  gehört  und  ihnen 
am  4.  eine  verhältnismäßig  entgegenkommende  Antwort  erteilt*). 
Sie  hatten  acht  Punkte  vorgelegt,  aus  denen  deutlich  hervorging,  daß 
die  oft  geäußerten  Wünsche  der  Protestanten  nicht  erfüllt  werden 
sollten  und  daß  das  Konzil  ganz  nach  alter  Art  und  in  Italien 
abgehalten  werden  sollte.  Das  mußte  eigentlich  dem  Kurfürsten 
sofort  auffallen,  und  es  überrascht,  daß  er  in  seiner  Anwort  diese 
Bedenken  ganz  überging,  nur  seine  Freude  darüber  aussprach, 
daß  überhaupt  ein  Konzil  bevorstehe,  und  die  Hoffnung  äußerte, 
daß  es  heilsam  wirken  werde,  wenn  es  göttlich,  allgemein,  frei 
und  christlich  sei,  in  Bezug  auf  eine  endgültige  Antwort  aber  auf 
die  Schmalkaldner  Versammlung  verwies.  Man  wiid  die  Höflich- 
keit dieser  Antwort,  die  in  einem  unverkennbaren  Gegensatz  zu 
der  späteren  schroffen  Ablehnung  steht,  wahrscheinlich  nicht  so 
sehr  mit  Ehses  daraus  zu  erklären  haben,  daß  erst  nach  dem 
4.  Juni  der  Einfluß  der  Wittenberger  Theologen  einsetzte,  als 
vielmehr  aus  dem  Bestreben  Johann  Friedrichs,  ganz  korrekt  zu 
verfahren.  Er  ging  darum  in  seiner  Antwort  auf  den  Inhalt  der 
acht  Artikel  eigentlich  überhaupt  nicht  ein,  sondern  beschränkte  sich 
auf  Allgemeinheiten.  Wie  seine  Ansicht  über  die  Ai-tikel  war, 
geht  ja  ans  dem  Briefe,  den  er  ebenfalls  am  4.  Juni  an  den  Land- 
grafen’) richtete,  zur  Genüge  hervor.  Er  bezeichnet  sie  hier  als 
„fast  geferlich  gestellt“  und  sagt,  das  Konzil  werde  „etwas  ge- 
ferlicher  weiß  und  nit  dermaßen,  als  bUlich  sein  solt,  gesucht  und 
furgegeben“.  Er  empfahl,  daß  sie  sich  beide  wegen  der  Wichtigkeit 
der  Sache  persönlich  an  dem  Tage  zu  Schmalkalden  beteiligten  und 

1)  An  Ldgf.  Mai  29.  Neudecker,  Aktenat,  S.  88 ff. 

2)  Conc.  Trident.  IV,  XCII  f. 

3)  Neudecker,  Aktenst.,  8.  91 — 94. 

Beiträge  zur  ueueren  Geechichtc  ThOnngen»  1,  z.  2 


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18 


Kapitel  1. 


lad  auch  die  nicht  im  Bunde  befindlichen  Protestanten,  wie  Mark- 
graf Georg  von  Brandenbui^  und  Nürnberg,  dazu  ein‘).  Außerdem 
veranlaßte  er  dann  allerdings  die  Wittenberger  Theologen,  sich 
über  die  Konzilsfrage  zu  äußern.  Eine  Reihe  von  Gutachten,  die 
an  Schärfe  zum  Teil  nichts  zu  wünschen  übrig  lassen,  war  die 
Folge  *).  Der  Kurfürst  wird  sie  aber  schwerlich  nötig  gehabt 
haben,  um  zu  seiner  ablehnenden  Haltung  dem  Konzil  gegenüber 
zu  kommen.  Wie  weit  er  Anteil  hat  an  der  Antwort,  die  man 
dann  in  Schmalkalden  der  kaiserlich-päpstlichen  Gesandtschaft  er- 
teilte, habe  ich  allerdings  nicht  feststellen  können.  Man  forderte 
in  ihr  zunächst  sehr  entschieden  ein  freies  christliches  Konzil  in 
Deutschland,  erklärte  sich  dann  zwar  bereit,  auch  das  jetzt  ge- 
plante Konzil  bei  genügender  Sicherheit  zu  beschicken,  lehnte 
Anerkennung  der  päpstlichen  Artikel  aber  rundweg  ab*).  Die 
Protestanten  benutzten  ihr  Zusammensein  in  Schmalkalden,  um 
gleich  noch  Beschlösse  zu  fassen  über  die  Haltung,  die  man 
weiterhin  einnehmen  wollte.  Man  verabredete,  daß  jeder  Stand 
seine  Juristen  und  Theologen  über  die  Beschickung  und  etwaige 
Anfechtung  des  Konziles,  sowie  darüber,  wie  überhaupt  ein  christ- 
liches Konzil  beschaffen  sein  müsse,  beratschlagen  lasse,  und  es 
mag  wohl  sein,  daß  manche  der  uns  vorliegenden  „Bedenken“ 
erst  durch  diesen  Beschluß  veranlaßt  worden  sind.  Man  beschloß 
ferner,  die  Artikel  des  Papstes  und  die  Antwort,  die  man  darauf 
erteilt  hatte,  lateinisch  und  deutsch  drucken  zu  lassen  und  an  alle 
evangelischen  Stände  zu  schicken,  auch  einer  Anzahl  auswärtiger 
Potentaten  über  die  Angelegenheit  Bericht  zu  erstatten^). 

Der  zweite  Hauptpunkt  der  schmalkaldischen  Beratungen  be- 
traf die  Kammergerichtsprozesse,  lieber  den  Gang  der  Ver- 
handlungen läßt  sich  nur  das  eine  feststellen,  daß  es  schon  in 
Schmalkalden  eine  Partei  gab,  die  das  Kammergericht  auch  in 
weltlichen  Dingen  rekusieren  wollte,  daß  „etliche“  aber  dagegen 
Bedenken  hatten  und  man  daher  schließlich  davon  Abstand  nahm  *). 

1)  Juni  4,  B^.  H.  p.  77,  No.  26,  BI.  16,  Konr. 

2)  Vergl.  ErL  55,  14«.  C.  R.  II,  655f.  Enders,  IX,  312«.  Ihre  Ein- 
rdhung  im  einzelnen  bedarf  wohl  noch  der  Untersuchung. 

3)  Am  beeten  jetzt  Gone.  Trident  IV,  XCVII  ff. 

4)  Abechiedsartikcl  des  Tages  zu  Schmalkalden  1533  Juli  3,  Reg.  H.  p.  77, 
No.  26,  BL  104  ff. 

5)  P.  A.  317.  Kf.  an  Statthalter  und  Räte  des  Mkgfen.  Georg  Juli  25, 
Reg.  H.  p.  82,  No.  29,  Bl.  22  f.,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1632 — 1536. 


19 


Wir  wisseu  aber  nicht,  ob  der  Kurfürst  zu  den  Bedenklichen  ge- 
hörte, können  auch  Ober  seinen  Anteil  an  den  schließlichen  Be- 
schlüssen nichts  sagen.  Noch  einmal  wollte  man  danach  versuchen, 
die  Durchführung  des  Nürnberger  Anstandes  durch  eine  Gesandt- 
schaft an  das  Kamraergericht  und  an  die  Kurfürsten  von  Mainz 
und  von  der  Pfalz,  die  Vermittler  des  hYiedens,  zu  erreichen.  Ge- 
naue Instruktionen  wurden  aufgesetzt,  in  denen  man  sich  vor  allem 
bemühte,  nachzuweisen,  daß  die  fraglichen  Prozesse  Religionssacheu 
beträfen.  Man  drohte,  daß  man  sich  einer  Exekution  in  diesen 
Sachen  eventuell  widersetzen  werde.  Die  Gesandten  selbst  sollten, 
wenn  ihre  Vorstellungen  keinen  Erfolg  hätten,  zur  Rekusation  des 
Gerichts  in  Religionssachen  schreiten.  Ein  zu  diesem  Zwecke  von 
Straßburg  vorgelegter  Entwurf  sollte  von  Brück  durchgesehen  und 
verbessert  und  binnen  5 Wochen  den  Gesandten  nachgeschickt 
werden.  Für  später,  d.  h.  nach  Eingang  der  Antworten  des 
Kammergerichts  und  der  beiden  Kurfürsten,  plante  man  auch  schon 
ein  Schreiben  an  den  Kaiser*). 

In  der  Frage  der  Verfassung  zur  Gegenwehr  kam  man  durch 
einige  kleine  Aenderungen,  vor  allem  wohl  Herabsetzung  der 
Leistungen’),  zu  einem  leidlichen  Einvernehmen  mit  den  säch- 
sischen Städten.  Wenigstens  wurde  durch  die  %chmalkaldischen 
Beschlüsse  ermöglicht,  daß  Goslar,  Braunschweig  und  Bremen  bis 
zum  4.  Oktober  die  Verfassung  in  ihrer  jetzigen  Gestalt  annahmen, 
Einbeck,  Göttingen  und  Lübeck  konnten  sich  auch  jetzt  noch  nicht 
dazu  entschließen®).  Ob  über  die  Frage  eines  Bundes  in  welt- 
lichen Sachen  in  Schmalkalden  beraten  worden  ist,  habe  ich  nicht 
feststellen  können. 

Noch  längere  Zeit  nach  dem  schmalkaldischen  Tage  nahm 
das  Verhältnis  zum  Kammergericht  die  Hauptaufmerksamkeit  der 
Verbündeten  in  Anspruch.  Die  Gesandtschaft  an  das  Gericht,  an 

1)  Nach  den  Abechiedsartikeln  Reg.  fi.  p.  77,  No.  26,  Bl.  104  ff. 

2)  Im  Abcchied  beiQt  es  nur  ganz  unbextimmt,  daß  die  Verfassung  „etlicber- 
maßen  verändert“  worden  sei.  Vielleicht  entstanden  damals  die  Paragraphen  12 
und  13.  Hortleder,  I,  2 S.  1331. 

3)  Abschied  vom  3.  Juli,  Reg.  H.  p.  77,  No.  26,  Bl.  110  ff.  Vergl.  Wai  tz , II, 
S.  265  f.  Die  Räte  von  Goslar,  Braunschweig  und  Bremen  an  Kf.  Okt.  4,  Reg. 
H.  a.  a.  O.  Bl.  117,  Or.  Erklärung  Einbecks  vom  11.  Ukt,  Göttingens  vom 
7.  Nov.,  am  26.  Nov.  vom  Rat  der  Stadt  Braunschweig  an  Kf.  übersandt, 
ebenda  Bl.  126  ff.,  Or.  Die  Erklärung  Lübecks  vom  11.  Okt.,  ebenda  BL  118  f., 
Kopie.  Erörterungen  darüber  Bl.  120 — 125. 

2* 


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20 


Kapitel  I. 


der  von  kursächsischer  Seite  der  Jurist  Sindringer  teilnahm, 
erfolgte,  es  gelang  aber  nicht,  eine  wirklich  klare  Antwort 
zu  erzielen.  Sie  war  vielmehr  der  Art,  daß  man  zwar  zur  Re- 
kusation  keinen  Grund  hatte,  aber  doch  der  weiteren  Entwicklung 
der  Dinge  mit  Mißtrauen  gegenflberstehen  mußte  ^).  Schon  im 
November  wurde  man  sich  dann  infolge  des  weiteren  Benehmens 
des  Kammergerichts , besonders  in  einer  Straßburger  Sache, 
darüber  klar,  daß  alles  beim  alten  sei,  und  auch  der  Kurfürst 
von  Sachsen  war  nun  der  Meinung,  daß  jetzt  die  Rekusation 
überreicht  werden  müsse,  und  zwar  feierlich  in  Gegenwart  von 
Vertretern  aller  Bundesstände.  Briefe  an  den  Kaiser  und  an  die 
vermittelnden  Kurfürsten  sollten  gleichzeitig  ergehen,  ein  Bundes- 
tag sollte  sich  anschließen  *).  Am  19.  Dezember  wurden  die  Stände 
und  auch  die  nicht  im  Bunde  befindlichen  Protestanten  einzeln  ein- 
geladen, zum  18.  Januar  1534  Abgeordnete  für  die  Rekusation  nach 
Speier  zu  schicken®).  Der  Landgraf  dachte  auch  jetzt  wieder 
daran,  das  Kammergericht  gleich  auch  in  weltlichen  Dingen  zu 
rekusieren,  und  es  gelang  ihm,  den  Kurfürsten  für  diesen  Plan  zu 
gewinnen*);  da  aber  andere  Stände,  besonders  die  Städte,  selbst 
Straßburg  ®),  dagegen  Bedenken  hatten,  wurde  schließlich  doch  von 
dem  Plane  Abstand  genommen®)  und  nur  für  Religionssachen  am 
30.  Januar  1534  in  Speier  die  Rekusation  durch  den  sächsischen 
Rat  Rosenecker  im  Namen  der  Bundesstände  durch  Ueberreichung 
eines  Rekusationslibells  zum  Ausdruck  gebracht.  Zwar  lehnte  das 
Kammergericht,  allerdings  gegen  den  Willen  des  Vorsitzenden,  es 

1)  Das  Kammergericht  erklärte  am  6.  September,  es  werde  sich  der  kaiserlichen 
Entscheidung  gemäü  verhalten  und  jeder  Sache  Ocl^enheit  erwägen,  wider  die 
Billigkeit  würden  die  Auftraggeber  der  Gesandten  nicht  beschwert  werden.  Harp- 
precht,  V,  § 143,44.  P.  C.  II,  185  Anm.  Reg.  H.  p.  82,  No.  29,  Bl.  36.  Aus- 
führlicher Bericht  der  Gesandten  ebenda  Bl.  38—44.  Die  Kurfürsten  von  Mainz 
und  von  der  Pfalz  antworteten  am  13.  Okt.,  lehnten  jede  Schuld  ab,  ebenda 
Bl.  48-50,  ür. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  27,  Reg.  H.  p.  81,  No.  28,  voL  II,  Bl.  69/70.  Kf.  an 
Ldgf.  Dez.  Ü,  ebenda  BL  71 — 73,  Konz.;  Or.  in  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie,  1533. 
Vergl.  P.  C.  II,  202,  2. 

3i  Reg.  H.  p.  81,  No.  28,  vol.  II,  Bl.  81;  p.  83,  No.  30,  BL  71/72.  P.  C. 
II,  202,  No.  209. 

4)  P.  C.  II,  202,  No.  209.  Ldgf.  an  Kf.  Der.  31,  Reg.  H.  p.  81,  No.  28, 
vol.  II,  BL  99-101,  Or.  P.  A.  319.  320. 

6)  P.  C.  II,  204. 

6)  P.  A.  No.  319.  321. 


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Bood  uod  Reich:  Die  Jahre  dea  Vertraaens  1532 — 1536.  21 

ab,  das  Schriftstück  anzunehmen  oder  verlesen  zu  lassen,  da  es 
nichtig  sei.  Dessen  Verbreitung  wird  dadurch  schwerlich  gehindert 
worden  sein  *). 

Die  in  Speier  versammelten  Vertreter  der  protestantischen 
Stände  haben  gleich  noch  beschlossen,  zur  Berichterstattung  über 
die  Speierer  Vorgänge  einen  Bundestag  in  Frankfurt  abzuhalten*). 
Natürlich  bildete  dann  auch  auf  diesem  Tage,  der  gegen  den  Willen 
der  Städte  vom  Kurfürsten  bis  in  den  Mai  verschoben  und  nach 
Nürnberg  verlegt  wurde*),  das  Verhältnis  zum  Kammergericht  den 
Hauptberatungsgegenstand.  Die  Ansicht,  die  der  Kurfürst  von 
Sachsen  in  dieser  Beziehnng  vertrat,  können  wir  aus  der  Instruktion, 
die  er  seinen  Vertretern  auf  dem  Bundestage,  Hans  von  der  Planitz 
und  Hans  von  Dölzig,  erteilte,  gut  entnehmen.  Johann  Friedrich 
empfahl  auch  jetzt  noch  dem  Gericht  gegenüber  die  größte  Vorsicht. 
Zunächst  müsse  man  abwarten,  ob  es  anch  nach  der  Rekusation 
noch  gegen  einen  Stand,  der  dem  Nürnberger  Frieden  unterstände, 
etwas  unternehme,  ferner  müsse  erst  die  Militärverfassung  des 
Bundes  zu  wirklicher  Vollziehung  gelangt  sein,  ehe  man  irgend- 
welche Abwehrmaßregeln  wagen  könnet). 

Auch  sonst  ist  diese  Instruktion  ein  Musterbeispiel  für  die 
damalige  Vorsichtigkeit  der  sächsischen  Politik,  doch  kann  man 
sie  und  anch  die  Verhandlungen  des  Nürnberger  Tages  nicht  ver- 
stehen, wenn  man  nicht  berücksichtigt,  daß  damals  die  Württem- 
berger  Unternehmung  des  Landgrafen  zur  Wiedereinsetzung  Herzog 
Ulrichs  in  vollstem  Gange  war,  und  daß  der  Kurfürst  sich  in  aus- 
sichtsvollen Verhandlungen  mit  König  Ferdinand  über  die  Beilegung 
der  Wahlsache  und  aller  sonstigen  Streitigkeiten  befand.  Es  wird 
nötig  sein,  daß  wir  zunächst  die  Entwicklung  dieser  beiden  An- 
gelegenheiten verfolgen.  — 

Auf  den  Brief  der  Wahlgegner  vom  28.  April  hatte  der  Kaiser 
erst  am  1.  .August  aus  Monzon  geantwortet,  nnd  zwar  nichts  weniger 

1)  Beckendorf,  III,  S.  77.  Winckelmann,  8.  262.  Reg.  H.  p.  82, 
No.  29,  Bl.  73  f.  Or.  dee  Bekueatiooslibells  in  Reg.  H.  p.  88,  No.  33,  1.  Urk. 
Bericht  Roseneckers  vom  1.  Febr.  Reg.  U.  p.  87,  No.  33,  Bl.  17/18,  Or. 

2)  Abschied  vom  1.  Febr.  Reg.  H.  p.  87,  No.  33,  BI.  19 — 30. 

3)  P.  C.  II,  2(»7,  No.  215.  216.  Rommel,  III,  No.  15,  S.  56.  Antwort  des 
Kf.  vom  14.  Febr.  in  Reg.  C.  No.  1069,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  März  18,  Hdbf. 
ebenda.  Kf.  an  Ldgf.  März  15,  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  voL  I,  Bl.  14. 

4)  Instruktion  vom  11.  Mai  in  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  vol.  I,  Bl.  34 — 44. 
Vergl.  Beckendorf,  III,  B.  75. 


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22 


Kapitel  I. 


als  befriedigend.  Er  lehnte  den  Gedanken  der  Ernennung  von 
Kommissaren  rundweg  ab,  erklärte  die  Wahl  für  durchaus  recht- 
mäßig und  forderte  die  Opponenten  auf,  sie  anzuerkennen  und 
Ferdinand  Gehorsam  zu  leisten.  Ein  leichtes  Entgegenkommen 
lag  nur  darin,  daß  Karl  hervorhob,  er  habe  seinem  Bruder  die 
Administration  des  Reiches  nicht  überlassen,  sondern  ihn  nur  damit 
beauftragt*).  Denn  dieser  Gedanke  wurde  dann  in  einer  münd- 
lichen Antwort,  die  er  dem  Gesandten  erteilte,  weiter  ausgeführt. 
Karl  hob  hier  sehr  entschieden  hervor,  daß  Ferdinand  nur  sein 
Vertreter  sei  und  daß  er  das  Recht  habe,  sich  einen  Vertreter 
zu  ernennen,  er  versprach  ferner,  daß  er  die  bisherige  Opposition 
nicht  weiter  Übel  nehmen  und  eine  Erklärung  erlassen  woUe,  daß 
die  Fürsten  auf  sein  Anhalten  und  ihm  zu  Gefallen  frei  in  die 
Wahl  gewUligt  hätten  und  daß  diese  Bewilligung  ihnen  an  ihrem 
kurfürstlichen  Amt  und  ihren  fürstlichen  Dignitäten  nicht  nachteilig 
sein  solle.  Dem  Kurfürsten  von  Sachsen  stellte  er  außerdem  mög- 
lichste Berücksichtigung  seiner  in  Bologna  überreichten  Wünsche 
in  Aussicht’). 

Man  sieht,  Karl  suchte  den  Wahlgegnern  ein  Nachgeben  zu 
erleichtern,  doch  dauerte  es  bis  zum  Spätherbst,  ehe  ihre  Haltung 
durch  die  kaiserliche  Antwort  irgendwie  beeinflußt  werden  konnte, 
denn  Fuchs  traf  erst  am  24.  Oktober  wieder  in  München  ein*), 
und  erst  am  4.  November  gelangte  der  Brief  Karls  in  Colditz  in 
die  Hände  Johann  Friedrichs ‘).  Inzwischen  hatten  die  im  Wahl- 
bund vereinigten  Fürsten  aber  den  Sommer  benutzt,  um  über  die 
Erweiterung  ihrer  Vereinigung  zu  verhandeln.  Wir  sehen  da  z.  B. 
den  Kurfürsten  bemüht,  den  Herzog  von  Lothringen  durch  Ver- 
mittlung Wilhelms  von  Neuenahr  und  des  Niklas  Heu,  Herrn  von 
Underich  und  Malroi  in  den  Bund  hineinzuziehen  *).  Wichtiger  war 


1)  sie  ihm  „kommittiert“,  Stumpf,  S.  129  f.,  § 29.  Or.  des  Briefe«  in 
Loc.  10672  „Handlung  und  Abechied  zu  Königsberg  . . 1532.  33“. 

2)  „Abechid  der  kaU.  M‘.  mund.“,  Loc.  10672  a.  a.  O. 

3)  Die  Hze.  von  Bayern  an  Kf.  Okt  25,  Loc.  106?2  ,JlaDdluog  und  Ab- 
schied zu  Lübeck  ....  1532—34“,  Or. 

4)  Nach  Dorsalvermerk  auf  dem  Or. 

5)  KL  an  Neuenahr  1533  Juli  3.  10.  R^.  D,  No.  420.  Cornelius,  XIV, 
B.  112.  Anf  Veranlassung  Malrois  verschob  man  die  Verhandlungen  bis  nach 
■einer  Rückkehr  aus  Spanien  und  bis  nach  der  Zusammenkunft  des  Papstes  mit 
Franz  I.  Reg.  D.  ebenda.  Vcrgl.  Winckelmann,  Jahrb.,  S.  210.  Doch  trat 


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Bond  und  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauene  1532 — 153ß. 


23 


aber,  ob  es  gelang,  eine  Verbindung  mit  den  Königen  von  England 
und  Ungarn  herzustellen. 

üeber  einen  Anschluß  Englands  an  den  Wahlbund  wurde  schon 
seit  dem  Sommer  1532  verhandelt'),  doch  war  man  noch  zur  Zeit 
der  Nürnberger  Fürstenzusammenkunft  nicht  recht  damit  von  der 
Stelle  gekommen.  Im  September  15.33  trafen  dann  als  Gesandte 
König  Heinrichs  Stephan  Vaughan  beim  Kurfürsten  von  Sachsen  und 
Mont  bei  den  Herzögen  von  Bayern  ein,  um  unter  anderem  die 
Einrichtung  ständiger  Gesandtschaften  an  den  beiderseitigen  Höfen 
zn  empfehlen.  Johann  Friedrich  lehnte  das,  vor  allem  doch  wohl 
aus  Loyalität  gegen  den  Kaiser,  ab*).  Damit  ist  aber  noch  nicht 
gesagt,  daß  er  auch  gegen  den  Eintritt  Englands  in  den  Wahlbund 
gewesen  sei,  er  hat  im  ganzen  wohl  nichts  dagegen  gehabt  *),  auch 
die  anderen  Verbündeten  waren  dafür*),  man  betrachtete  es  aber 
wohl  als  die  Aufgabe  Franki’eichs,  diese  Verhandlungen  zu  führen. 
Zu  einem  Resultat  sind  sie  nicht  gelangt. 

Ebensowenig  ist  aus  einem  anderen  Plan  der  Erweiterung  des 
Bundes  etwas  geworden:  aus  der  Gewinnung  Ungarns,  und  zwar 
diesmal  direkt  durch  die  Schuld  des  Kurfürsten.  Im  Anschluß  an 
Verhandlungen,  die  schon  seit  dem  Nürnberger  Tage  mit  König 


nicht  Robert,  sondern  Nicolas  von  Heu  (also  wohl  Roberts  Vater)  in  die  Dienste 
Johann  Friedrichs  gegen  jedermann  außer  den  Kaiser  und  den  Hz.  von  Loth- 
ringen. (Bestallung  vom  10.  Juli  1633,  zerrissenes  Or.,  Revers  Heus  vom  6.  Aug., 
Ot.  Weim.  Archiv,  ürk.  No.  5518  und  5519.)  In  den  Rechnungen  erscheint  er  (1534 
April)  mit  50  fL,  doch  ist  der  Posten  wieder  gestrichen  (R^.  Bb.  No.  4377), 
ebenso  Michaelis.  Dort  ist  dazu  bemerkt;  ist  ausgeiassen,  dieweil  es  nicht  ge- 
fordert (Bb.  4382).  Außerdem  wird  ein  Johann  Malrat  mit  100  fl.  Dienstgeld 
genannt  (No.  4371.  4376  und  öfter). 

1)  Die  Beziehungen  Englands  zu  den  Protestant«]  in  den  Jahren  1532—34 
bedürfen  noch  sehr  der  Klärung. 

2)  Heinrich  VIII.  an  Kf.  Juli  22,  Reg.  C.  No.  468,  Or.,  Kreditiv  für 
Vaughan.  Antwort  des  Kf.  an  den  Qes.,  Sept  5,  L.  a.  P.  VI,  456,  No.  1079; 
8t  P.  VII  (1849),  8.  503  Anm.  Vaughan  an  Cromwell  Sept  6,  L.  a.  P.  VI, 
457,  Na  1082;  St  P.  VII,  501  ff.  Kf.  an  die  Herzöge  von  Bayern  Sept  10,  Loc. 

10672  , Handlung  und  Abschied  zu  Lübeck,  1532 — 34“.  Die  Hze.  an  Kf.  Sept.  23, 
ebenda.  Kf.  an  die  Hze.  Okt  4.  lieber  Mont  (Mundt)  vergl.  A.  0.  Meyer, 
& 90  ff. 

3)  Das  zeigt  seine  Instruktion  für  den  Augsburger  Tag,  1533  Dez.  26,  Loc. 

10673  Handlung  zu  Augsburg  . . . 1534,  Bl.  83 — 90. 

4)  Vergl.  den  Augsburger  Vertrag  vom  28.  Jan.  1534.  Stumpf,  8.  150L, 
§ 35  n.  Beil.  XIII,  8.  55-61. 


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24 


Kapitel  L 


Johann  Zapolya  über  ein  Darlehn  stattgefunden  hatten  ‘),  empfahlen 
die  bayrischen  Herzoge  am  3.  September  einen  Bund  mit  dem 
Könige  in  der  Wahlsache*).  Anch  Landgraf  Philipp  sprach  sich 
am  10.  für  diesen  Gedanken  aus '),  während  Johann  Friedrich  sich 
zwar  anfangs  nicht  ganz  abgeneigt  zeigte*),  später  aber  doch  Be- 
denken geltend  machte*).  Er  wollte  vor  allem  erst  sicher  sein, 
daß  Johann  wirklich  „gewaltiger“,  d.  h.  unabhängiger  König  von 
Ungarn  sei  und  daß  er  sich  völlig  von  der  Verbindung  mit  den 
Türken  losgemacht  habe.  Aehnliche  Bedenken  äußerte  er  auch 
noch,  als  er  am  17.  Oktober*)  in  Eisenach  mit  dem  Landgrafen 
zusammenkam.  Philipp  machte  zwar  mit  dem  Hinweis,  daß  Fer- 
dinand eventuell  den  König  an  sich  ziehen  könne,  einigen  Eindruck 
auf  ihn,  schließlich  beschloß  man  aber  doch,  weitere  bayrische  An- 
regungen abzuwarten  und  es  wird  das  Eintreffen  der  kaiserlichen 
Antwort  gewesen  sein,  das  den  Kurfürsten  veranlaßte,  im  November 
dann  doch  eine  Zusammen  Schickung  der  Bäte  anzuregen,  um  außer 
über  den  Brief  des  Kaisers  auch  über  das  Verhältnis  zu  Ungarn 
zu  beraten*).  Wenn  Johann  Friedrich  sofort  erklärte,  daß  diese 
Tagung  erst  nach  Weihnachten  stattfinden  könne,  so  hing  das 
damit  zusammen,  daß  er  erst  gewisse,  mit  dem  Landgrafen  in 
Eisenach  verabredete  Schritte  vor  allem  in  der  Württembergischen 
Angelegenheit  zur  Ausfühiung  bringen  wollte*). 

Die  beiden  Fürsten  hatten  nämlich  die  Eisenacher  Zusammen- 
kunft benutzt,  um  sich  über  alle  gerade  im  Gang  befindlichen  poli- 
tischen Aktionen  zu  unterreden.  So  unterrichtete  z.  B.  Johann 
Friedrich  den  Landgrafen  damals  über  die  eigentümlichen  Ver- 
handlungen, die  seit  einigen  Monaten  über  ein  mainzisch-sächsisches 

1)  Loc.  10672  , Handlung  und  Abflchied  za  Königsberg. . 1532/33“.  Muffat, 
IS.  273  ff.  281  ff.  293  ff.  Die  Hze.  von  Bayern  korrespondierten  auch  schon  vorher 
mit  dem  König,  ebenda. 

2)  Die  Hze.  an  Kf.  iSept  3.  Handlung  und  Abschied  zu  Lübeck  . . 1532 
-34,  Or. 

3)  Ebenda. 

4)  An  die  Hze.  von  Bayern  Sept.  10,  ebenda.  VergL  auch  Muffat, 
S.  298  f. 

5)  An  Ldgf.  Sept  19,  ebenda. 

6)  Das  Datum  ergibt  sich  aus  Kf.  an  den  Mainzer  Okt  22,  Reg.  B.  No.  546. 

7)  Ldgf.  an  Eick,  eigenh.  Konz.  o.  D.  P.  A.  Bayern  1533.  Nach  Muffat, 
S.  309  f.  vom  19.  Okt  Kf.  an  die  Hge.  Nov.  11,  Loc.  10672  a.  a.  O.,  Konz. 
Muffat,  8.  322ff. 

8)  Kf.  an  die  Hze.  Nov.  6 u.  11,  an  Ldgf.  Nov.  6,  Loc.  10672  a.  a.  O. 

9)  Brief  an  Ldgf.  vom  6.  Nov. 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536. 


25 


Bündnis  geführt  wurden.  Albrecht  von  Mainz  hatte  im  Frühling 
1533  Bundespläne  wieder  aufgenomnien,  über  die  schon  seit  dem 
Jahre  1529  zwischen  ihm  und  Kurfürst  Johann  verhandelt  worden 
war.  Die  Kurfürsten  von  Mainz,  Sachsen  und  Brandenburg,  Herzog 
Georg  von  Sachsen  und  Herzog  Heinrich  von  Braunschweig  waren 
zunächst  als  Mitglieder  gedacht.  Im  Sommer  war  Dr.  Johannes 
Rühl  wiederholt  deswegen  zwischen  Halle,  der  Residenz  Albrechts, 
und  dem  sächsischen  Hofe  hin  und  her  gegangen.  Johann  Friedlich 
hatte  ihn  stets  auf  den  Gegensatz  hingewiesen,  in  dem  man  sich 
in  der  Religionsangelegenheit  und  in  der  Wahlsache  befände,  vor 
allem  aber  betont,  daß  er  erst  die  Bedingungen  des  Bundes  kennen 
müsse,  ehe  er  sich  weiter  äußern  könne.  Darauf  hatte  ihm  dann 
der  Kardinal  im  August  durch  Rühl  nähere  Mitteilungen  gemacht. 
Er  dachte  sich  die  Sache  so,  daß  die  beteiligten  einander  benach- 
barten Fürsten  alle  Streitigkeiten  untereinander  durch  freundliche 
Unterredung  beilegen  sollten,  daß  man  insbesondere  Konflikte  in 
der  Religionssache  durch  genaue  Beobachtung  des  Religionsfriedens 
bis  zum  künftigen  Konzil,  durch  gegenseitige  Toleranz  und  Ver- 
zicht auf  Beeinflussung  der  Untertanen  der  anderen  Partei  un- 
möglich machen,  daß  man  endlich  in  der  Wahlsache  weder  mit 
den  WaflTen  noch  rechtlich  etwas  gegeneinander  unternehmen 
solle.  Johann  Friedrich  zog  jetzt  Brück  ins  Vertrauen,  und  unter 
dessen  starker  Mitwirkung  sind  die  weiteren  Verhandlungen  geführt 
worden.  So  sehr  man  da  nun  auf  kursächsischer  Seite  mit  der 
friedlichen  Tendenz  des  Mainzer  Planes  übereinstimmte,  so  schwere 
Bedenken  hatte  man  doch  im  einzelnen,  indem  man,  wahrscheinlich 
nicht  ganz  mit  Unrecht,  in  manchen  Ausdrücken  des  mainzischeu 
Vorschlages  gefährliche  Fallen  sah.  Man  nahm  Anstoß  an  der  Art, 
wie  das  Konzil  erwähnt  wurde,  und  wünschte  auch  bei  dieser  Ge- 
legenheit zum  Ausdruck  zu  bringen,  daß  man  das  vom  Papst  ge- 
plante nicht  anerkennen  könne , man  fürchtete  gesteigerte  Be- 
drückungen der  Untertanen  der  katholischen  Fürsten,  wenn  man 
sich  ausdrücklich  verpflichtete,  sich  ihrer  nicht  anzunehmen,  man 
erbUckte  in  der  Bestimmung,  daß  die  Untertanen  des  einen  Teils 
den  anderen  Teil  und  seine  Untertanen  nicht  „verhöhnen“  sollten, 
einen  direkt  gegen  Luther  gerichteten  Satz,  man  hatte  endlich  keine 
Lust,  sich  zur  Unterlassung  rechtlicher  Schritte  gegen  Ferdinand  zu 
verpflichten  ohne  eine  entsprechende  Gegenverpflichtung  des  Königs. 
Zu  weiteren  Erörterungen  führte  dann  noch  das  Verlangen  Johann 
Friedrichs,  seine  Bundesgenossen  in  der  Religion  sowohl  wie  in 


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26 


Kapitel  1. 


der  Wahlsache  über  die  Verhandlungen  unterrichten  zu  dürfen. 
Als  Hauptstein  des  Anstoßes  aber  erwies  sich  eine  damals  be- 
stehende heftige  Differenz  zwischen  Herzog  Georg  und  seiner 
Schwiegertochter,  der  Herzogin  Elisabeth  von  Rochlitz,  der  Schwester 
des  Landgrafen  *)•  Der  Kurfürst  war  in  dieser  Frage  Philipp  gegen- 
über so  weitgehende  Verpflichtungen  eingegangen,  daß  ein  Bund 
zwischen  ihm  und  dem  Albertiner  vor  Beilegung  dieser  Angelegen- 
heit ausgeschlossen  war.  Außerdem  wollte  er  sich  wohl  überhaupt 
nicht  ohne  den  Landgrafen  auf  den  Bund  einlassen. 

Es  ist  nicht  gelungen,  in  den  Verhandlungen,  die  teils  brief- 
lich, teils  durch  Kühl,  teils  in  einer  persönlichen  Unterredung  des 
Mainzers  mit  Brück’)  stattfanden,  alle  diese  Schwierigkeiten  aus 
der  Welt  zu  schaffen.  Man  vermochte  in  bezug  auf  den  Wortlaut 
der  gegenseitigen  Verpflichtungen  nicht  völlig  zusammenzukommen, 
der  Angelegenheit  der  Herzogin  von  Rochlitz  aber  versprach  Al- 
brecht  sich  nach  Kräften  anzunehmen,  außerdem  gab  er  dem  Kur- 
fürsten die  Erlaubnis,  von  seinen  Bundesgenossen  wenigstens  den 
Landgrafen  bei  der  Eisenacher  Zusammenkunft  einzuweihen.  Das 
geschah  dann  also.  Es  gelang  aber  nicht,  sofort  oder  wenigstens 
bis  zum  28.  Oktober,  wie  der  Mainzer  wünschte,  eine  bestimmte 
Erklärung  von  Philipp  zu  erlangen.  Er  bat  sich  bei  der  Wichtig- 
keit der  Sache  eine  Bedenkzeit  von  1 — 2 Monaten  aus,  wies  auch 
gleich  auf  die  Schwierigkeit  hin,  die  in  der  Angelegenheit  seiner 
Schwester  gelegen  sei®).  Immerhin  hat  er  sich  dann  doch  schon 
am  11.  November  geäußert^).  Er  erklärte,  daß  erst  der  Streit 
zwischen  ihm  und  Georg  wegen  der  Herzogin  beigelegt  sein  und 
daß  das  Bündnis  der  Religions-  und  Wahlsache  „unvorgreiflich“  sein 
müsse.  Unter  diesen  Bedingungen  könne  der  Kurfürst  die  Ver- 
handlungen weiterführen.  Sie  standen  nun  aber  so  sehr  in  Wider- 
spruch zu  dem  ursprünglichen  Plane  des  Mainzers,  daß  das  Zu- 
standekommen des  Bundes  damit  ausgeschlossen  war.  Albrecht 
hatte  sich  damals  wohl  schon  davon  überzeugt,  denn  das  Bündnis, 

1)  Vergl.  Planitz  in  BSK.  XVII,  S.  86. 

2)  Am  10.  und  11.  8ept  in  Halle. 

3)  Die  Akten  der  ganzen  Verhandlung  in  Reg.  B.  No.  546.  Vetgl. 
ferner  Rühl  an  Kf.  Aug.  20  und  Nov.  8 in  Loc.  8607,  „Handschreiben  derer 
Chur-  und  Fürsten“,  Bl.  146 — 149,  Hdbf.  Brück  an  Kf.  Okt.  8,  Reg.  A.  No.  250, 
Hdbf.  Merkwürdig  ist,  daß  der  Landgraf  Eck  von  der  Bache  Mitteilung  machte. 
P.  A.  Bayern  1533  [Okt.  19]. 

4)  An  Kf.  Reg.  H.  p.  83,  No.  30,  Bl.  50,  Or. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  des  VertranenB  1532—1536. 


27 


das  er  dann  tatsächlich  am  21.  November  in  Halle  mit  Kurfürst 
Joachim,  Herzog  Georg  und  den  Herzogen  Erich  und  Heinrich 
von  Braunschweig  schloß,  war  ja  so  geartet,  daß  an  eine  Zuziehung 
Kursachsens  und  Hessens  gar  nicht  zu  denken  war,  wenn  auch 
manche  der  von  Albrecht  im  August  entwickelten  Gedanken  sich 
in  diesem  Vertrag  in  katholisierter  Form  wiederflnden  *).  Der  Ge- 
danke des  größeren  Friedensbundes  war  deshalb  aber  doch  noch 
nicht  ganz  aufgegeben.  Als  in  den  ersten  Tagen  des  Dezember 
endlich  eine  seit  langem  geplante  Zusammenkunft  Johann  Fried- 
richs mit  dem  Kardinal  von  Mainz  und  Herzog  Georg  in  Halle 
stattfand,  hat  man  auch  über  den  Bundesplau  wieder  gesprochen. 
.Man  überzeugte  sich  von  neuem,  daß  erst  die  Angelegenheit  der 
Herzogin  von  Kochlitz  erledigt  sein  müsse,  dann  wollte  Albrecht 
die  Verhandlungen  über  eine  nachbarliche  Einung  mit  Kuraachsen 
und  Hessen  wieder  aufnehmen*). 

Viel  wichtiger  als  diese  aussichtslosen  Pläne  wai-en  die  Ver- 
handlungen, die  in  Halle  über  die  württembergische  Angelegenheit 
und  die  Wahlsache  geführt  wurden.  Auch  in  diesen  Dingen  wai- 
die  Zusammenkunft  als  eine  Fortsetzung  der  Eisenacher  Konferenz 
zu  betrachten.  Johann  Friedrich  hatte  schon  am  15.  Februar 
gelegentlich  angeregt,  die  Frage  der  Restitution  Ulrichs  von 
Württemberg  mit  dem  Streit  des  Landgrafen  mit  den  Nassauern 
über  Katzenelnbogen  und  beide  Angelegenheiten  mit  der  Wahl- 
sache in  Verbindung  zu  bringen®).  In  Nürnberg  war  wieder  über 
die  Sache  gesprochen  worden,  und  der  Landgraf  hatte,  als  er  mit 
dem  Kurfürsten  aus  der  Stadt  hinausritt,  einen  Moment  den  Ein- 
druck gewonnen,  als  werde  dieser  während  des  geplanten  Unter- 
nehmens den  Schutz  seines  Landes  übernehmen.  Der  Sachse  hatte 
sich  aber  doch  schließlich  auf  keinerlei  Verpflichtungen  eingelassen*). 
Auch  ein  Versuch  Philipps,  in  Schmalkalden  ein  Darlehn  von  Jo- 
hann Friedrich  zu  erhalten,  war  mißglückt®).  Zu  einer  gründ- 
licheren Erörterung  der  Angelegenheit  kam  es  erst  in  Eisenach*). 

1)  Seide  mann,  Beiträge,  II,  S.  59 — 68. 

2)  Elf.  an  Ldgf.  Dez.  8,  Reg.  H.  p.  83,  No.  30,  Bl.  64 — 67,  eigenh.  Konz. 

3)  Wille,  S.  95. 

4)  Wille,  8. 101  f.,  und  Kf.  an  Ldgf.  1534  Mai  10,  Reg.  C.  No.  1069,  Konz. 

5)  Nach  dem  Brief  vom  10.  Mai. 

6)  Für  die  aus  Luthers  Tischreden  bekannte  Weimarer  Zusammenkunft 
(Kroker  No.  181)  finde  ich  keinen  Beleg,  eie  müßte  denn  schon  in  den  Januar 
1533  gehören.  Vergl.  S.  8. 


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28 


Kapitel  L 


Auch  hier  lehnte  der  Kurfürst  jede  direkte  Teilnahme  an  einem 
Unternehmen  zugunsten  des  Württembergers  ab,  so  daß  sich  der 
Landgraf  sogar  zu  der  drohenden  Aeußerung  hinreißen  ließ,  Jo- 
hann Friedrich  werde,  wenn  er  auch  noch  so  weise  wäre,  doch 
mit  in  das  Spiel  kommen  *).  Auch  die  von  Philipp  gewünschte 
Verbindung  der  württembergischen  Angelegenheit  mit  der  Wahl- 
sache wies  der  gewissenhafte  Wettiner  zurück,  da  diese  aus  ganz 
anderen  Gründen  angefangen  sei  und  man  erst  ihre  Hauptartikel, 
die  die  Freiheit,  das  alte  Herkommen  und  die  Gerechtigkeiten  des 
Reiches  und  der  deutschen  Nation  beträfen,  erledigen  müsse,  ehe 
man  sich  der  Sache  Ulrichs  annehmen  könne.  Er  erklärte  sich  aber 
bereit,  mit  dem  Mainzer  über  die  Sache  zu  reden,  außerdem  machte 
er,  oflenbar  um  kriegerische  Verwickelungen  zu  vermeiden,  den 
Vorschlag,  die  württembergische  und  die  nassauische  Sache  mit- 
einander in  Verbindung  zu  bringen,  wie  das  schon  in  Augsburg 
geschehen  sei’).  Philipp  sollte  den  Nassauern  das  einräumen,  was 
er  damals  hatte  einräumen  wollen,  der  Kurfürst  hoffte,  daß  dafür 
dann  Ferdinand  zur  Zurückgabe  W'ürttembergs  sich  werde  be- 
stimmen lassen*).  Der  Landgraf  hat  auf  diese  Ratschläge  nicht 
sofort  geantwortet,  sondern  sich  14  Tage  Bedenkzeit  erbeten.  Am 
1.  November  erklärte  er  es  nach  vorheriger  Rücksprache  mit 
Ulrich  für  unwahrscheinlich,  daß  Ferdinand  um  der  Nassauer 
willen  große  Zugeständnisse  machen  werde,  auch  seien  für  ihn 
selbst  die  Augsburger  Artikel  nicht  mehr  annehmbar,  da  sich  in- 
zwischen zu  viel  geändert  habe  und  man  andere  Mittel  habe, 
Herzog  Ulrich  zu  helfen.  Immerhin  woUe  er,  wenn  der  Herzog 
sein  Land  unter  annehmbaren  Bedingungen  wiederbekäme,  dem 
Kurfürsten  zu  Ehren  den  Nassauern  mehr  gewähren,  als  er  sonst 
tun  würde*). 

Johann  Friedrich  hat  darauf  in  einem  Briefe  vom  8.  November*) 
noch  einmal  in  der  schon  skizzierten  Weise  seine  Auffassung  der 
Sache  entwickelt.  Es  sind  die  Grundgedanken,  die  ihn  während 
des  nächsten  halben  Jahres  geleitet  haben,  und  es  ist  darum  um 
so  interessanter,  daß  der  Kurfürst  diesen  Brief  ganz  eigenhändig 

1)  Brief  an  Ldgf.  vom  10.  Mai  lfi34. 

2)  Vergl.  Meinardus,  I,  1,  8.  144. 

3)  Aaf  Grund  der  folgenden  Korrespondenz. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  1,  Beg.  fl.  p.  83,  No.  30,  Bl.  40/41,  fldbf. 

5)  An  Ldgf.  [Nov.  8],  ebenda  Bl.  53—55,  eigenh.  Konz.,  Aktenat  No.  2. 


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Bund  und  Bdcb:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  29 

entworfen  hat  und  das  Hans  von  Minckwitz  und  Gregor  Brück, 
denen  er  das  Konzept  zuschickte,  nichts  daran  zu  ändern  fanden. 
In  Eisenach  hatte  allerdings  Bi-ück  seinem  Herrn  über  diese  Dinge 
Vortrag  gehalten  ‘), 

Trotz  dieser  Uebereinstimmung  Johann  Friedrichs  mit  seinen 
maßgebendsten  Räten  werden  wir  die  in  jenem  Briefe  entwickelten 
Ansichten  allerdings  kaum  für  besonders  weise  erklären  können. 
Der  Landgraf  wandte  mit  Recht  dagegen  ein,  daß  nach  Beilegung 
der  Wahlsache  erst  recht  nicht  mehr  auf  Nachgiebigkeit  Ferdiuands 
in  bezug  auf  Württemberg  zu  rechnen  sein  werde  und  daß  ein 
Tausch  Württembergs  gegen  hessische  Zugeständnisse  an  die 
Nassauer  doch  recht  unwahrscheinlich  sei  *).  Er  ließ  sich  daher  auch 
durch  die  Vorschläge  des  Vetters  in  der  Vorbereitung  des  Württem- 
berger  Unternehmens  nicht  stören,  während  dieser  wieder  durch 
die  Einwände  Philipps  von  seiner  Auffassung  nicht  abgebracht 
wurde.  Seine  Politik  hielt  sich  vielmehr  in  der  nächsten  Zeit 
streng  an  die  Grundsätze,  die  er  in  Eisenach  und  in  dem  Briefe 
vom  8.  November  entwickelt  hatte. 

So  stand  denn  auch  im  Vordergründe  seiner  Verhandlungen 
mit  dem  Mainzer  in  Halle  die  Wahlsache.  Johann  Friedrich  selbst 
hatte  allerdings  infolge  der  Briefe  des  Landgrafen  zunächst  über- 
haupt keine  Lust,  diese  Sache,  sowie  die  württembergische  und 
die  nassauische  in  Halle  vorzubringen ; da  dann  aber  Albrecht  von 
den  beiden  ersten  zu  sprechen  anflng,  kam  es  doch  dahin,  daß 
man,  allerdings  in  ganz  unverbindlicher  Weise,  Artikel  austaiischte 
und  sich  über  eine  Fassung  dieser  Vorschläge  einigte,  die  der 
Mainzer  dem  Könige  eventuell  sogar  persönlich  vorlegen  wollte. 
Ueber  das  Resultat  dieser  Verhandlungen  wollte  er  dann  dem  Kur- 
fürsten von  Sachsen  berichten,  damit  dieser  mit  seinen  Verbündeten 
in  Verbindung  treten  könne*).  Die  Artikel  bezogen  sich  aus- 
schließlich auf  die  Wahlsache  und  enthielten  ähnlich  wie  die  einst 
in  Schweinfurt  übergebenen  die  Bedingungen,  unter  denen  Johann 
Friedrich  den  König  anerkennen  wollte.  Nach  wie  vor  hielt  er 
da  an  der  Forderung  fest,  daß  die  goldene  Bulle  erneuert  und 
durch  Bestimmungen  über  die  Wahl  eines  römischen  Königs  bei 

1)  Minckwitz  und  Brück  an  Kf.  Nov.  7,  Reg.  H.  p.  Ö3,  No.  30,  Bl.  42,  Or. 
von  Minckwitz’  Hand. 

2)  An  Kf.  Nov.  20,  ebenda  BL  57/58,  Hdbf. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  8,  Reg.  H.  p.  83,  No.  30,  Bl.  64 — 67,  eigenh.  Konz. 


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30 


Kapitel  I. 


Lebzeiten  eines  Kaisers  erweitert  werden  müsse.  Der  Mainzer 
war  einverstanden  damit,  daß  die  Vornahme  einer  solchen  Wahl 
an  die  Bedingung  der  Zustimmung  aller  Kurfürsten  geknüpft 
werden  solle,  sah  dagegen  eine  Beschränkung  der  freien  Wahl  in 
der  von  Johann  Friedrich  gewünschten  Bestimmung,  daß  nie  zwei 
oder  drei  Kaiser  nacheinander  ans  demselben  Hause  gewählt 
werden  dürften  und  daß  der  Gewählte  von  deutscher  Geburt  und 
Sprache  sein  müsse.  Der  Sachse  ließ  sich  bestimmen,  die  Ent- 
scheidung dieser  Punkte  weiterer  Verhandlung  der  Kurfürsten  zu 
überlassen,  ebenso  ließ  man  znnächst  unentschieden,  ob  Ferdinand 
für  seine  Regierung  noch  weitere  Vorschriften  gegeben  werden 
sollten,  als  in  Köln  geschehen  war.  Doch  war  man  darin  einig, 
daß  er  zur  Beobachtung  des  Nürnberger  Friedens  verpflichtet 
werden  und  daß  er  alle  Ungnade  gegen  die  bisherigen  Gegner 
seiner  Wahl  fallen  lassen  müsse.  Zu  Strafbestimmungen  gegen 
die  Kurfürsten,  die  vor  einer  Wahl  gegen  die  goldene  Bulle  und 
ihren  Kurfürsteneid  handelten,  vermochte  Johann  Friedrich  die 
Zustimmung  des  Mainzers  nicht  zu  gewinnen'). 

Man  sieht,  der  Kurfürst  ließ  sich  nicht  darauf  ein,  irgend- 
welche anderen  Angelegenheiten  mit  der  Wahlsache  zu  verknüpfen. 
Nur  mündlich  sprach  er  mit  .^brecht  über  Württemberg,  und 
dieser  erklärte  sich  bereit,  auch  darüber  mit  dem  König  zu  ver- 
handeln, hatte  allerdings  wenig  Hoflfnung  auf  Erfolg.  Eher  als  für 
Ulrich  glaubte  er  für  dessen  Sohn  Christoph  etwas  erreichen  zu 
können*).  Nur  im  Gespräch  mit  dem  Kardinal  berührte  Johann 
Friedrich  auch  die  nassauische  Angelegenheit,  doch  versprach  er 
sich  jetzt  selbst  nicht  mehr  viel  von  der  Hineinziehung  dieser 
Frage,  mußte  sich  auch  schon  sehr  bald  davon  überzeugen,  daß 
auf  der  anderen  Seite  ebensowenig  Neigung  zum  Entgegenkommen 
sei  wie  beim  Landgrafen.  Immerhin  gab  er  die  Hofihung  noch 
nicht  auf,  im  Zusammenhang  mit  der  württembergischen  Sache 
auch  diesen  leidigen  Streitfall  aus  der  Welt  schaffen  zu  können’). 
In  allen  diesen  Dingen  versprach  er  sich  ja,  wie  es  stets  seine 

1)  Die  Artikel  finden  sich  als  Beilagen  zu  dem  Briefe  dee  Kf.  vom  8.  Dez., 
doch  fehlt  die  erste  von  ihm  vorgel^te  Fassung.  Die  letzte  Form  gedruckt  bei 
Senckenberg,  IV,  8.  165—167. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  8. 

3)  Meinardus  I,  2,  8.  325,  325—327.  Kf.  an  Gf.  Wilhelm  von  Nassau 
1534  Febr.  24,  R^.  C.  No.  329. 


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Band  and  Reich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  31 

Art  geblieben  ist,  Erfolg  von  gütlichen  Verhandlungen  und  recht- 
lichen Erörterungen,  während  tatsächlich  nur  die  Gewalt  der 
Waffen  entscheiden  konnte.  Ueber  die  Vorbereitungen,  die  der 
Landgraf  traf,  nm  eine  solche  Entscheidung  zu  Gunsten  Ulrichs 
von  Württemberg  herbeizuführen,  ist  er  wohl  nur  zum  Teil  unter- 
richtet gewesen,  doch  war  man  auf  kursächsischer  Seite  etwa  im 
Dezember  1533  von  Mißtrauen  erfüllt,  fürchtete  vor  allem,  daß 
Hessen  und  Bayern  das  Geld,  das  Frankreich  für  den  Wahlbund 
hinterlegen  wollte,  für  ihre  Pläne  verwenden  könnten ‘).  Wie 
groß  überhaupt  die  Gegensätze  innerhalb  des  Bundes  waren,  trat 
auf  zwei  Versammlungen  zutage,  die  die  Wahlgegner  im  Jannar 
und  März  1534  in  Augsburg  und  Koburg  hielten. 

In  der  ersten  handelte  es  sich  um  den  definitiven  .Abschluß 
mit  Frankreich,  das  durch  AVilhelm  du  Bellay,  Herrn  von  Langey, 
vertreten  war.  Johann  Friedrich  wünschte,  daß  man  jetzt  ent- 
schieden auf  die  Hinterlegung  des  französischen  Geldes  dringe, 
lehnte  aber  jeden  neuen  Vertrag  mit  Frankreich  ab*).  Den,  der 
dann  am  28.  Januar  in  Augsburg  geschlossen  und  auch  von  den 
sächsischen  Gesandten  Dölzig  und  Hans  v.  d.  Planitz  mitunter- 
zeichnet wurde,  hat  er  nicht  ratifiziert,  da  er  eine  Erweiterung  des 
Vertrages  von  Scheiem  in  ihm  sab  *). 

Die  Koburger  Versammlung  bezog  sich  auf  das  Bündnis  mit 
König  Johann  von  Ungarn  und  auf  die  Beantwortung  des  Briefes 
des  Kaisers.  W'ir  haben  in  ihr  also  den  Tag  zu  sehen,  den  der 
Kurfürst  im  November  1533  angeregt  hatte').  Die  Herzöge  von 
Bayern,  denen  an  der  Verbindung  mit  Zapolya  offenbar  viel  gelegen 
war  und  die  nur  durch  den  Landgrafen  davon  abgehalten  wurden, 
ganz  mit  dem  vorsichtigen  Sachsen  zu  brechen®),  ließen  einen 
Entwurf  für  ein  Bündnis  mit  dem  König  vorlegen,  wonach  man 
sich  mit  Truppen  oder  Geld  unterstützen  wollte,  wenn  einer  der 
Beteiligten  von  Ferdinand  angegriffen  würde.  Diese  HUfsverpflich- 

1)  Bruck  an  EL  1533  Dez.  22,  Loc.  10  672  ,Jlandlung  und  Abachied  zu 
Lübeck  . . . 1532-34“,  Or. 

2)  Instruktion  für  seine  Gesandten  1533  Dez.  26,  Loc.  10673  „Handlung 
zu  Augsburg  . . 1534“,  Bl.  83 — 90. 

3)  Die  Gesandten  an  KL  1534  Jan.  28,  ebenda  BL  66 — 70,  Or.  von  Dölzigs 
Hand.  Der  Vertrag  bei  bt  umpf,  Beil.  XIII,  8.  55—61.  Vergl.  auch  Stumpf, 
§ 35,  8.  152  f.  Wille,  8.  143. 

4)  Vergl.  8.  24. 

5)  Wille,  8.  290.  292. 


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32 


Kapitel  I. 


tung  sollte  aber  sofort  auf  hören,  wenn  die  Türken  dem  Ungarn- 
könig zu  Hilfe  kämen*).  Aber  auch  in  dieser  vorsichtigen  Form 
schien  der  Bund  den  sächsischen  Politikern  noch  bedenklich,  da  ja 
doch  ofl'enbar  die  Absicht  dahinter  stecke,  Krieg  gegen  Ferdinand 
anzufangen  *).  Man  beschloß,  erst  noch  weitere  Erkundigungen 
über  das  Verhältnis  Johanns  zu  den  Türken  einzuziehen,  und 
am  9.  April  lehnte  dann  der  Kurfürst  die  Beteiligung  an  dem 
Bunde  ab*). 

Wenn  sich  in  dieser  Frage  Sachsen  isolierte,  so  standen  da- 
gegen bei  den  Verhandlungen  über  die  dem  Kaiser  zu  erteilende 
Antwort  Sachsen  und  Hessen  in  Gegensatz  zu  Bayern.  Dieses 
wünschte  eine  förmliche  Gesandtschaft,  sie  hielten  einen  einfachen 
Boten  für  genügend,  um  ihr  Antwortschreiben  zu  überbringen,  und 
was  den  Inhalt  dieses  Briefes  betrifft,  so  wollten  sie  im  wesent- 
lichen den  des  vorjährigen  Schreibens  wiederholen,  während  Bayern 
nicht  Übel  Neigung  zeigte,  König  Ferdinand  als  Statthalter  seines 
Bruders  anzuerkennen.  Nach  heftigen  Differenzen,  besonders 
zwischen  den  bajTischen  und  hessischen  Gesandten,  veranlaßte 
schließlich  der  Kurfürst,  daß  man  die  .Antwort  an  den  Kaiser 
einstweilen  ganz  zurückhielt,  um  erst  den  Erfolg  der  mainzischen 
Vermittlungsverhandlungen  abzuwarten  *). 

Diese  wurden  für  Johann  Friedrich  um  so  wertvoller,  je  mehr 
er  sich  davon  überzeugen  mußte,  daß  ein  Krieg  wegen  Württem- 
bergs drohe,  denn  wenn  er  auch  vom  Landgrafen  nur  sehr  mangel- 
haft auf  dem  laufenden  erhalten  wurde,  er  wird  sich  über  dessen 
Pläne  jetzt  kaum  mehr  im  unklaren  gewesen  sein  und  mußte  bei 
seiner  bYiedensliebe  dadurch  zu  energischer  F'ortfülirung  seiner 
Friedensbemühungen  veranlaßt  werden.  Häufig  hat  er  selbst  hervor- 
gehoben*), daß  er  hauptsächlich  durch  den  Wunsch,  einen  Krieg 

1)  BÜDdnUentwurf  vom  18.  März,  Beilaf;e  zum  Brief  der  eäcbe.  Gesandten 
Brück  und  Dölzig  vom  22.,  Loc.  10672  , Handlung  und  Abschied  zu  Lübeck  . . . 
1532-34“,  Or. 

2)  Nach  einem  zwischen  März  22  und  AprU  9 anzusetzenden  „Bedenken“, 
ebenda.  Vergl.  auch  Muffat,  8.  3.59.  463. 

3)  An  Hg.  Wilhelm  April  9,  Loc.  10672  a.  a.  O.,  Konz. 

4)  Nach  den  Akten  des  Koburger  Tages  in  Loc.  10672  „Handlung  und  Ab- 
schied zu  Lübeck  . . . 1532 — 34“.  Vergl.  außerdem  Riezler,  IV,  S.  271  f.  Feige 
an  Ldgf.  März  28,  P.  A.  No.  315,  Or. 

5)  z.  B.  in  einer  eigenhändigen  Instruktion  für  Minckwitz  vom  [7-  März  1534], 
Loc.  10673  „Schriften  . . .“ 


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Bund  and  K^ch:  Die  Jahre  dea  Vertrauens  1532 — 1536. 


33 


über  Württemberg  zu  verhüten,  veranlaßt  worden  sei,  die  Ver- 
handlungen über  die  Wahlangelegenheit  so  lebhaft  zu  betreiben. 

Verfolgen  vtir  nun  zunächst  diese  Verhandlungen,  so  hatte 
sich  zwar  Albrecht  in  Halle  bereit  erklärt,  die  zuletzt  vom  säch- 
sischen Kurfürsten  übergebenen  Artikel  dem  Könige  vorzulegen, 
nachträglich  scheinen  ihm  aber  doch  noch  Bedenken  an  ihrer 
Annehmbarkeit  gekommen  zu  sein,  denn  im  Januar  15.34  schickte 
er  erst  noch  Rühl  mit  neuen,  stark  veränderten  Vorschlägen 
nach  Altenbnrg  zu  Johann  Friedrich.  Da  in  ihnen  so  gut  wie 
dessen  sämtliche  Hauptforderungen  weggelassen  waren,  war  es 
begreiflich,  daß  er  sich  nicht  darauf  einließ,  sondern  den  Kardinal 
einfach  an  sein  in  Halle  gegebenes  Versprechen  erinnerte.  Albrecht 
behauptete  nun  zwar,  daß  dort  keine  so  festen  Verabredungen  ge- 
troffen seien,  wie  der  Kurfürst  annehme,  schließlich  fügte  er  sich 
aber  doch  dessen  Wünschen  und  sandte  seinen  magdeburgischen 
Kanzler  Türk  mit  den  sächsischen  Artikeln  zu  König  Ferdinand*). 
Unterwegs  ließ  er  ihn  allerdings  noch  bei  Johann  Friedrich  vor- 
sprechen und  mit  ihm  über  die  etwa  möglichen  Milderungen  seiner 
-\rtikel  verhandeln.  Der  Kurfürst  erklärte  sich  nicht  ganz  ab- 
geneigt, Verbesserungen  anzunehmen,  benutzte  vor  allem  aber  die 
Gelegenheit,  um  energisch  die  Wichtigkeit  der  württembergischen 
Sache  zu  betonen.  Ohne  die  Restitution  des  Herzogs  würden  seine 
Verbündeten  sich  auf  nichts  einlassen,  und  es  würde  zum  Kriege 
kommen.  Gerade  um  diesen  zu  verhüten,  habe  er  die  ganze  Ver- 
handlung begonnen.  Johann  Friedrich  sprach  auch  wieder  davon, 
daß  man  die  württem  belgische  und  die  nassauische  Sache  gegen- 
einander ausgleichen  könne,  und  fand  damit  bei  Türk  viel  An- 
klang*). 

Noch  ehe  Türk  sich  nach  Prag  auf  den  Weg  machte,  war 
noch  eine  zweite  Friedens  Vermittlung  in  Gang  gekommen.  Als 
Johann  Friedrich  Anfang  Februar  Herzog  Georg  in  Dresden 

1)  Loc.  10673  „Abschied  und  Handlung  zu  Altenburg  . . . 1534“.  Am 
23.  Januar  war  Bühl  in  Altenburg.  Kf.  an  Albrecht  Febr.  1,  Loc.  10673  „Hchriften 
zwiechem  dem  Erbischof . . . 1534,  35“,  Konz.  Albrecht  an  Kf.  Febr.  8,  Loc.  10671 
„ISchreiben  und  Bedenken  . . . 1525—34“,  Or.  Kf.  an  Albrecht  Febr.  15,  ebenda, 
Konz.  Albrecht  an  Kf.  Febr.  21.  25,  ebenda,  Or. 

2)  Nach  einer  eigenhändigen  Aufzeichnung  Johann  Friedricha  ül>er  die  Ver- 
handlung mit  Türk  vom  20.  März,  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  I,  61.  1 — 11.  Abechrift 
in  Ijoc.  10673  „Abschied  und  Handlung  zu  Altenburg  . . . 1534“. 

Beiträge  lur  neueren  Geschichte  Thürin^ns  I,  2.  3 


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34 


K«pit«l  I. 


besuchte,  erbot  sich  dieser,  die  Yennittlang  in  der  Wahl-  und 
Friedenssache  zu  Übernehmen.  Der  Kurfürst  ging  gern  darauf  ein 
und  überreichte  dem  Albertiner  dafür  die  Hallenser  Artikel  in 
ihrer  letzten  Fassung.  Georg  schickte  sie  schon  am  13.  Februar 
an  den  Kardinal  von  Trient,  den  Präsidenten  des  österreichischen 
Geheimen  Rats,  damit  der  König  sich  über  sie  äußere.  Der  Herzog 
glaubte  allerdings  selbst  nicht,  daß  Ferdinand  sie  annehmen 
werde,  und  bat  daher,  nachdem  der  König  im  allgemeinen  seine 
Zustimmung  zu  den  Verhandlungen  ausgesprochen  hatte,  den  Kur- 
fürsten, Minckwitz  und  Brück  zu  ihm  zu  senden,  damit  er  weiter 
mit  ihnen  verhandeln  könne.  Johann  Friedrich  hatte  nun  zwar 
gar  keine  Neigung,  irgendwelche  Veränderungen  an  den  Artikeln 
zuznlassen,  da  seine  Bundesgenossen  sie  schon  in  ihrer  jetzigen 
Form  nur  schwer  annehmen  würden,  schließlich  sandte  er  aber 
doch  seinen  Hofmeister  Minckwitz  nach  Dresden,  allerdings  mit 
dem  strikten  Befehl,  sich  auf  keine  neuen  Artikel  einzulassen.  Es 
ließ  sich  aber  doch  nicht  vermeiden,  daß  von  herzoglich  sächsischer 
Seite  nun  allerhand  Aenderungsvorschläge  gemacht  wurden.  Die 
Differenz  in  den  beiderseitigen  Anschauungen  lag  vor  allem  darin, 
daß  man  in  Dresden  für  ratsam  hielt,  nur  in  die  Administration  des 
Königs  in  Vertretung  des  Kaisers  zu  willigen  ohne  Anerkennung  seiner 
Wahl,  aber  auch  ohne  weitere  Forderungen,  während  man  am  kur- 
sächsischen Hofe  vor  allem  Vorkehrungen  für  die  Zukunft  auf  reichs- 
gesetzlichem Wege  zu  treffen  wünschte.  Auch  in  einer  Konferenz, 
die  am  31.  März  in  Rochlitz  zwischen  Minckwitz  und  Brück  einerseits, 
Pistoris  und  Georg  von  Carlowitz  andererseits  abgehalten  wurde, 
kam  man  über  diesen  Gegensatz  nicht  hinweg,  beschloß  aber,  so- 
wohl die  .Artikel  des  Kurfürsten  wie  die  des  Herzogs  dem  Könige 
vorlegen  zu  lassen*).  Johann  Friedrich  würde  gern  das  Resultat 

1)  Georg  an  den  Kardinal  von  Trient  1534  Febr.  13.  Bucholtz,  IX,  8.77. 
Senckenberg,  IV,  S.  165 — 167.  Bucholtz,  IX,  8. 78f.  Georg  an  Kf.  Febr.  28, 
Loc.  10671  „Schreiben  und  Bedenken  . . . 1525—34“,  Or.  Kf.  an  Georg  März  2, 
Loc.  10673  „Irrungen  zwiechen  dem  römischen  König“,  Or.  Georg  an  Kf.  März  4, 
Loc.  10673  „Schriften  zwischen  dem  Erzbischof . .“,  Or.  Kf.  an  Georg  März  7, 
Loc.  10673  ,4mingen  etc.",  Or.  Instruktion  für  Minckwitz,  Loc.  10673  „Schriften 
. . .“  lieber  die  albertinischen  Ansichten  Senckenberg,  IV,  8. 167 — 169  und  Georg 
V.  Carlowitz  an  Minckwitz  März  11,  Loc.  10673  ,.Schriften  etc.“  Bemerkungen 
des  Kf.  und  Brucks  dazu  in  Loc.  10673  ,Jrrungeo  etc.“  Eigenhändiger  Bericht 
Minckwitz’  über  seine  Sendung  März  24  in  Loa  10673  „Schriften  eta“  Bericht 
über  die  Handlung  zu  Rochlitz  [März  31],  ebenda. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  dee  VertrauenB  1532 — 1536.  35 

der  SenduDg  Türke  abgewartet  haben,  ehe  er  eich  über  diesen  Vor- 
schlag änderte.  Da  aber  der  magdeburgische  Kanzler,  der  am 
2.  April  auf  der  Rückreise  Altenburg  berührte,  keine  Vollmacht 
hatte,  ihm  über  das  Resultat  seiner  Verhandlungen  zu  berichten, 
ond  Herzog  Georg  sich  schon  Ostern,  d.  h.  am  5.  April  zur  Fort- 
führung der  Verhandlungen  nach  Böhmen  begeben  wollte,  schrieb 
er  diesem  dann  doch  schon  am  5.  April,  daß  nach  seiner  Meinung 
ihre  beiderseitigen  Artikel  sich  sehr  gut  vereinigen  ließen.  Wahr- 
scheinlich werde  der  König  aber  zunächst  über  die  von  Türk  über- 
brachten Artikel  mit  ihm  verhandeln,  dann  möge  der  Herzog  die 
Sache  nnd  gleichzeitig  auch  die  wflrttembergische  Angelegenheit 
kräftig  fördern  *). 

Tatsächlich  gelang  es  Georg,  sich  nach  längerem  Schriften- 
wechsel*) mit  Ferdinand  über  eine  Reihe  von  Vorschlägen  sowohl  in 
der  Wahlfrage  wie  in  Bezug  auf  Württemberg  zu  einigen  *).  Er  wollte 
sie  dem  Kurfürsten  von  Sachsen  persönlich  in  Torgau  vorlegen, 
während  der  König  mit  den  übrigen  Kurfürsten  über  sie  verhandeln 
sollte*).  Soweit  sich  ihr  Inhalt  feststellen  läßt,  zeigte  Ferdinand 
insofern  einiges  Entgegenkommen,  als  er  bereit  war,  sich  beim 
Kaiser  nm  die  Lehnserteilung  für  den  Kurfürsten  zu  bemühen, 
für  die  Beobachtung  des  Friedens  durch  das  Kammergericht  zu 
sorgen  und  für  einen  gütlichen  Ausgleich  zwischen  Hessen  nnd 
Nassau  zu  wirken.  In  der  Wahlsache  sollten  die  meisten  Forde- 
rungen Johann  Friedrichs  einer  binnen  Jahresfrist  zu  veranstaltenden 
Beratung  der  Kurfürsten  zugewiesen  werden,  doch  wollte  der  König 
sich  verpflichten,  die  Wünsche  Kursachsens  beim  Kaiser  und  bei 
den  Kurfürsten  durchznsetzen.  Am  wenigsten  konnten  seine  Er- 
klämngen  in  der  württembergischen  Sache  befriedigen;  er  wollte 
dem  alten  und  dem  jnngen  Herzog  gegen  genügenden  Verzicht 
12 — 15000  fl.  jährlichen  Einkommens  für  sie  und  ihre  Erben 


1)  Kf.  an  Georg  April  5,  Loc.  10673  „Irmngen  ...  1534/35“,  Or.  Ueber 
Tärks  Rückkehr  auch  ao  Ijdgf.  April  3,  ebenda  „Schriften  1534/35“  Konz.,  an 
Wilhelm  von  Nassan  April  4,  ebenda  „Handlang  zu  Augsburg  1534“  Konz. 

2)  Senckenberg,  IV,  8.  160  ff. 

3)  Bucholtz,  IV,  8.  244. 

4)  Ferdinand  an  die  Kfen.  von  Mainz,  Trier,  Köln,  Pfalz  und  Brandenburg 
April  16,  Loc.  10673  „Irrungen  zwischen  dem  löm.  König  1534/35“,  Kopie. 

3* 


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36  K*pitel  I. 

I^antieren,  bis  der  Prinz  durch  eine  Heirat  in  ähnlicher  Weise 
versorgt  würde*). 

Man  kann  an  solchen  Vorschlägen  erkennen,  daß  die  Restitution 
Ulrichs  tatsächlich  nur  mit  Gewalt  zu  erzielen  war,  und  Johann 
Friedrich  war  sich,  wenn  er  auch  nur  mit  Entrüstung  von  dem 
Beginn  des  Krieges  durch  den  Landgrafen  erfuhr’),  doch  darüber 
klar,  daß  sie  gänzlich  unannehmbar  seien.  Für  sich  persönlich  er- 
klärte er  außerdem,  als  Georg  ihm  die  Prager  Artikel  am  20.  April 
in  Torgau  vorlegte,  daß  er  ohne  die  gewünschte  Erläuterung  der 
goldenen  Bulle  unmöglich  in  die  Wahl  willigen  könne*).  Georg 
übernahm  nun  zwar,  die  Einwände  des  Kurfürsten  an  Ferdinand 
gelangen  zu  lassen,  Johann  Friedrich  betrachtete  aber  doch  die 
Vermittlung  seines  Vetters  zunächst  als  beendet*).  Da  außerdem 
der  König  die  bevorstehende  Ankunft  Georgs  beniftzt  hatte,  um 
einem  Gesandten,  den  er  im  Anschluß  an  Türks  Sendung  im  April 
an  den  Mainzer  geschickt  hatte,  nur  sehr  unbestimmte  Erklärungen 
mitzugeben  *),  konnte  der  ganze  Friedensplan  als  gescheitert  gelten, 
und  man  konnte  glauben,  daß  alles  der  Entscheidung  der  eben  in 
Tätigkeit  tretenden  Waffen  anheimgegeben  sei.  Johann  Friedrich  war 
aber  nicht  so  leicht  von  einem  einmal  gefaßten  Plane  abzubringen, 
und  es  ei^wies  sich  nun  als  ganz  nützlich,  daß  er  zwei  Eisen  im 
Feuer  hatte.  Schon  am  22.  April  fordei  te  er  den  Kurfürsten  von 
Mainz  zu  einer  Zusammenkunft  in  Delitzsch  auf,  am  24.  hat  sie 
stattgefunden  ®). 

Wie  die  Lage  war,  war  es  begreiflich,  daß  hier  die  württem- 
bergische  .Angelegenheit  in  den  Vordergrund  gestellt  wurde.  Ge- 
meinsam wollten  die  beiden  Kurfürsten  den  Frieden  herzustellen 
suchen  in  der  Weise,  daß  .Albrecht  Gesandte  an  den  König,  Johann 
Friedlich  solche  an  den  Landgrafen  sandte.  Dabei  wollte  man  zu- 

1)  Bucholtz,  IV,  S.  244.  Senckenberg,  IV,  S.  174/75.  Aufzetchnungen 
über  die  Verhandlungen  in  Torgau  io  lyx".  10673  „Irrungen  zwischen  dem  römi- 
schen König  . . .“ 

2)  Wille,  S.  159  f. 

3)  Senckenberg,  IV,  8.  17611.  Loc.  10673  „Irrungen“. 

4)  An  die  Hze.  von  Bayern  April  28.  Wille,  8.  294 — 296. 

5)  Albrecht  von  Mainz  an  Kf.  April  11  und  14,  Loc.  10673  „Schriften  . . . 
1534/35“,  Or. 

6)  Kf.  an  Albrecht  April  22,  Konz.  Albrecht  an  Kf.  April  23,  Or.  Loc. 
10673  „8chriften  zwischen  . . 1534/35“. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


37 


Dichst  die  Abtretung  Württembergs  von  Ferdinand  zu  erlangen 
suchen  und  erst,  wenn  er  darauf  nicht  einginge,  die  Zugeständnisse 
den  Verhandlungen  zu  Grunde  legen,  die  die  sächsischen  Gesandten 
etwa  bei  Hessen  erlangten.  Verhandlungen  in  der  Wahl-  und  der 
Beligionssache  sollten  vor  allem  deshalb  auch  wieder  aufgenommen 
werden,  um  eine  weitere  Ausdehnung  des  Krieges  zu  verhüten. 
Zunächst  sollte  noch  einmal  ein  Versuch  gemacht  werden,  die 
Wahlsache  durch  gütliche  Handlung  beizulegen.  Glückte  das  nicht, 
so  sollten  beide  Teile  sich  gegeneinander  an  Gleich  und  Recht  ge- 
nügen lassen,  d.  h.  nichts  Feindseliges  gegeneinander  vornehmen 
und  Friedensversicherungen  austanschen.  Im  Interesse  des  Friedens 
sollte  der  Mainzer  auch  beim  Könige  für  die  .Abstellung  der  dem 
Frieden  widersprechenden  Kammergerichtsprozesse  wirken  *). 

Die  Größe  des  Friedensverlangens  des  Kurfürsten  tritt  in 
diesem  Stück  aufs  deutlichste  hervor,  man  kann  dieses  Verlangen 
wohl  als  den  eigentlichen  Leitstern  seiner  damaligen  Politik  be- 
trachten. Natürlich  mußte  er  nun  aber  in  der  württembergischen 
Sache  die  strikteste  Neutralität  beobachten,  setzte  daher  auch  den 
wiederholten  Bemühungen  des  Landgrafen,  eine  Anleihe  von  ihm 
zu  erlangen,  den  hartnäckigsten  Widerstand  entgegen  *).  Er  wollte 
sich  eben  durchaus  auf  die  Vermittlung  beschränken. 

ln  Ausführung  der  Delitzscher  Beschlüsse  schickte  Johann 
Friedrich  am  28.  April  seine  Räte  Wildenfels  und  Gotzmann  mit 
sehr  energischen  Friedensmahnungen  an  den  Landgrafen,  bat  diesen, 
ihm  mitzuteilen,  unter  welchen  Bedingungen  Frieden  möglich  sei, 
hielt  aber  auch  mit  der  Drohung  nicht  zurück,  daß  er,  wenn  der 
Landgraf  bei  seinem  Vorhaben  beharre,  mit  den  anderen  Verbün- 
deten ohne  ihn  sich  Frieden  verschaffen  werde®).  Die  Grundlage 
dafür  sollten  gewisse  Vorschläge  bilden,  die  der  Kurfürst  auch  noch 
auf  Grund  der  Delitzscher  Verabredung  dem  Mainzer  übersandt  hatte. 
Beide  Teile  sollten  sich  danach  wegen  der  Wahl,  aber  auch  aller 
anderen  Sachen  halber  an  Gleich  und  Recht  genügen  lassen  und 
nichts  mit  der  Tat  gegeneinander  vornehmen.  Der  König  sollte 
sich  die  Bestätigung  dieses  Friedens  binnen  sechs  Wochen  vom 

1)  Bucholtz,  IV,  S.  245.  Abschied  zu  Delitzsch  vom  25.  April  in  Loc. 
10673  „Abschiede  und  Handlung  zu  Altenburg.  ..  1534“,  BL  \ß. 

2)  Wille,  8.  161.  182,  2.  Kf.  an  Phil.  Mai  10,  Reg.  C.  No.  1069,  Konz. 

3)  Instruktion  der  Gesandten  vom  28.  April,  F.  A.  Sachsen,  Emestinische 
Linie,  1534. 


t 


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38 


Kapitel  1. 


Kaiser  verschaffen,  ebenso  sollte  die  Ratifikation  des  Friedens  durch 
die  Kurfürsten  und  die  Verbündeten  Sachsens  bis  zum  nächsten 
Pfingstfest  erfolgen.  Sachsen  und  seine  Verbündeten  sollten  in  der 
württembergischen  Sache  keinerlei  Hilfe  leisten  und  die  Ihrigen,  die 
sich  etwa  im  Heere  des  Landgrafen  oder  des  Herzogs  von  Württem- 
berg befänden,  abberufen.  Eine  feierliche  Versicherung  des  Friedens 
durch  Besieglung,  Treuschwur  und,  wenn  möglich,  auch  durch  Er- 
nennung von  je  zwölf  Bürgen  war  vorgesehen  ‘). 

Auch  der  Kurfürst  von  Mainz  hat  es  an  Erfüllung  seiner 
Delitzscher  Versprechungen  nicht  fehlen  lassen.  Türk  mußte  sich 
von  neuem  nach  Prag  begeben,  um  dem  Könige  die  Delitzscher 
Artikel  vorzulegen.  Die  Erklärungen,  die  dieser  daraufhin  abgab, 
konnten  aber  wieder  nicht  als  genügend  betrachtet  werden.  Wohl 
wollte  er  unter  gewissen  Bedingungen  (keinerlei  Unterstützung  des 
Landgrafen,  keine  Neuerung  in  der  Religionssache  u.  dgl.)  dem 
Kurfürsten  einen  Stillstand  bis  Ostern  gewähren,  er  lehnte  aber 
sowohl  die  Eidesleistung  wie  die  Stellung  von  Bürgen  ab  und  setzte 
sich  sogar  in  direkten  Widerspruch  zum  Nürnberger  Frieden,  in- 
dem er  die  Sistierung  der  Kammergerichtsprozesse  nur  bis  Martini 
übernehmen  wollte*).  Johann  Friedlich  erklärte  es,  als  er  am 
19.  Mai  in  Pegau  von  neuem  mit  Albrecht  zusammenkam,  für 
unmöglich,  die  Antwort  Ferdinands  seinen  Verbündeten  über- 
haupt vorzulegen  *).  Die  beiden  Kurfürsten  einigten  sich  dann 
aber  sofort  wieder  über  einen  neuen  Weg,  um  wenigstens  in 
einigen  der  obwaltenden  Streitfragen  einen  lYieden  zustande  zu 
bringen.  An  der  böhmischen  Grenze,  man  dachte  etwa  an  Anna- 
berg,  sollte  eine  Versammlung  gehalten  werden,  um  einen  Ver- 
gleich oder  wenigstens  einen  Stillstand  in  der  Wahlsache  zu  er- 
zielen. Auch  mit  den  Kammergerichtsprozessen  sollte  inzwischen 
eingehalten  werden,  und  man  woUte  sich  bemühen,  eine  weitere 
Verlängerung  dieses  Stillstandes  zu  erlangen*). 

Von  diesem  Plane  machte  Johann  Friedrich  auch  Herzog  Georg 
sofort  Mitteilung  und  bat  ihn,  sich  an  der  Aktion  zu  beteiligen®). 

1)  Die  Artikel  und  der  Begleitbrief  in  Reg.  H.  p.  87,  No.  33,  ßl.  67.  59. 
60/61,  Entw.  Kopie  der  Artikel  z.  B.  in  Keg.  H.  p.  84,  No.  31,  vol.  II,  BL  8/9. 

2)  Loc.  10673  , Irrungen  zwischen  . . .“  Bericht  Türke  o.  D. 

3)  Abechied  zu  Pegau,  Kopien  in  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  vol.  II,  Bl.  47/48. 
Loc.  10673  „Abschiede  und  Handlung  zu  Altenburg  . . .“ 

4)  Ebenda. 

5)  Kf.  an  Georg  Mai  19.  Loc.  10673  „Irrungen  . . . 1634/35“,  Or. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  39 

Auch  Georg  hatte  nach  der  Torgauer  Zusammenkunft  seine  Be- 
mühungen durchaus  noch  nicht  aufgegeben  und,  vermutlich  unter 
dem  Eindruck  der  Württemberger  Ereignisse,  allmählich  entgegen- 
kommendere Erklärungen  von  Ferdinand  erzielt ‘).  Er  war  auch 
jetzt  gern  zur  Teilnahme  bereit.  Nachdem  auch  König  Ferdinand 
seine  Zustimmung  zu  dem  Kongreß  gegeben  hatte,  konnte  der  Be- 
ginn der  Verhandlungen  in  Annaberg  auf  den  7.  Juni  festgesetzt 
werden  *). 

Als  sie  begannen,  hatte  sich  die  Lage  inzwischen  folgender- 
maßen gestaltet : Der  Landgraf  war  siegreich  in  Württemberg  vor- 
gedrungen, nach  dem  Treffen  bei  Lauffen  lag  fast  das  ganze  Land 
ihm  zu  Füßen,  und  es  handelte  sich  nun  schon  darum,  ob  er  und 
der  Herzog  sich  damit  begnügen  oder  ihren  Sieg  weiter,  etwa  in 
die  Erblande  Ferdinands  hinein,  verfolgen  würden.  Von  den 
mannigfaltigen  Versuchen,  eine  Vermittlung  in  der  württembergi- 
schen  Sache  zu  übernehmen,  hatte  bisher  keiner  Erfolg  gehabt. 
Einige,  wie  der  des  Kurfürsten  von  der  Pfalz  ®)  und  der  des 
Kurfürstentages  zu  Gelnhausen  *),  waren  zwar  eine  Zeitlang  aus- 
sichtsvoll erschienen,  so  daß  in  den  mainzisch-sächsischen  Ver- 
handlungen, z.  B.  in  Pegau,  die  württembergische  Sache  ganz 
zurücktreten  konnte®)  und  auch  die  Annaberger  Konferenzen  zu- 
nächst nur  wegen  der  Wahlsache  und  wegen  des  Ileligionsfriedens 
berufen  wurden,  allmählich  erwiesen  sich  aber  alle  diese  Aktionen 
als  aussichtslos,  und  es  wai‘  nur  noch  von  den  Verhandlungen 
Johann  Friedrichs  Erfolg  zu  erwarten. 

Der  Kurfürst  hatte  zwar  mit  den  ersten  Vorschlägen,  die  er 
nach  der  Delitzscher  Zusammenkunft  an  Philipp  gerichtet  hatte,  bei 

1)  Georg  an  Kf.  April  29,  Bncholtz,  IX,  S.  79f.  Pistoris  an  den  Kar- 
dinal von  Trient  April  30,  Loc.  10673  a.  a.  O.,  Kopie.  Der  Kardinal  an 
Putoris  Mai  2,  ebenda,  Ur.  Ferdinand  an  Georg  Mai  2,  ebenda,  Or.  Kf.  an 
Georg  Mai  4.  13,  ebenda,  Or.  Georg  an  Kf.  Mai  6,  I/x:.  10673  „Schriften 
zwiachen  dem  Erzbischof  . . .“,  Or. 

2)  Ferd.  an  Georg  1534  Mai  23,  Or.  Georg  an  Ferd.  Mai  30,  Konz.,  Loc. 
10673  „Irrungen“.  Ferd.  an  Albr.  Mai  24.  Albr.  an  Kf.  Mai  27.  Kf.  an  Albr. 
Mai  28.  lyoc.  10673  „Schriften“. 

3)  Kf.  schickte,  als  er  von  dessen  Vermittlung  hörte,  WUdcnfels  und  Gotz- 
mann  anch  an  ihn.  An  Georg  Mai  4,  Loc.  10673  „Irrungen“.  Wille,  S.  161. 

4J  Bucholtz,  IX,  S.  81  ff.  Heyd,  II,  S.  480ff.  Senckenberg,  IV, 
B.  104«.  Sattler,  III,  8.  21f.  P.  A.  No.  345.  347. 

5)  Vergl.  die  Pegauer  Verhandlungen  und  Kf.  an  seine  Gee.  in  Nürnberg 
Mai  22,  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  vol.  II,  Bl.  46.  50,  Or. 


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40 


Kapitel  1. 


diesem  gar  keinen  Anklang  gefunden*),  etwa  seit  Ende  Mai  nahm 
er  aber  doch  die  Erledigung  der  wQrttembergischen  Sache  in  das 
Ännaberger  Programm  mit  auf.  Er  mag  dazu  durch  friedlichere 
Aeußerungen  des  Landgrafen  veranlaßt  worden  sein*),  außerdem 
aber  durch  die  beständige  Befürchtung,  daß  Philipp  und  Ulrich 
weitergehen  könnten*).  Johann  Friedrich  hatte  allerdings  auch 
jetzt  keine  Neigung,  etwa  durch  Nachgiebigkeit  in  der  Wahlsache 
Zugeständnisse  des  Königs  an  Ulrich  zu  erreichen*),  und  da  auch 
Ferdinand  die  Aufnahme  des  Landgrafen  in  den  Stillstand  ab- 
lehnte®), war  noch  Anfang  Juni  die  Wahrscheinlichkeit  gering,  daß 
die  württembergische  Angelegenheit  in  Annaberg  erledigt  werden 
würde.  Wenn  schließlich  Johann  Friedrich  diese  Sache  doch  schon 
am  8.  Juni  mitvorbrachte,  so  waren  es  wohl  vor  allem  sehr  ent- 
gegenkommende Erklärungen  des  Landgrafen,  die  ihn  dazu  ver- 
anlaßten.  Brachte  doch  Philipp  in  einem  Briefe  vom  4.  Juni  sein 
Verlangen  nach  einem  baldigen  sicheren  Frieden  in  sehr  lebhafter 
Weise  zum  Ausdruck*)  und  regte  er  doch  in  einem  Schreiben  au 
seine  Schwester  von  demselben  Tage  schon  den  Gedanken  an,  daß 
Ulrich  dem  Könige  Titel  und  Wappen  von  Württemberg  lassen 
und  das  l.,and  von  ihm  zu  Lehen  nehmen  könne*). 

Ueber  die  Stimmungen  und  Absichten,  mit  denen  der  Kurfürst 
in  die  .\nnaberger  Verhandlungen  eintrat,  können  wir  uns  gut  aus 
seiner  Korrespondenz  mit  seinen  Räten  auf  dem  Nürnberger 
Bundestage  unterrichten.  Dieser  stand  Ja  natürlich  ganz  unter  dem 
Eindruck  des  wüj-ttembergischen  Ereignisses,  war  auch  dadurch 


1)  Wille,  S.  178.  Kf.  an  die  Hzin.  von  Rochlitz  Mai  12,  Loc.  9131 
„Schriften  der  Herzof;in  . . 1534“,  Bl.  42,  eigenb.  Konz.  An  Hz.  Georg  Mai  13, 
Loc.  10673  „Irrungen“. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  17,  Beg.  O.  No.  1069,  Hdbf. : „nu  will  unser  notturft 
erfordern,  das  wir  einen  bestendigen  fiiden  habben.  Kondt  E.  L.  das  fordern, 
wers  gut“. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  und  an  Ldgf.  und  Ulrich  Mai  27.  28,  ebenda  Konz.,  Or. 
in  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie,  1534. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  26.  Keg.  H.  p.  90,  No.  35,  Bl.  2,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Juni  4.  Reg.  C.  No.  1060  a,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie,  1534,  Or. 

5)  Mainz  an  Kf.  Juni  3,  Loc.  10673  „Schriften  . . ",  Or.  Der  Kf.  erklärte 
darauf  am  4.,  daß  er  cs  bei  den  Pegauer  Verabredungen  bewenden  lasse,  Konz, 
ebenda. 

6)  An  Kf.  R^.  C.  No.  1069a,  Or. 

7)  Wille,  S.  316 f. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauens  1532 — 1536. 


41 


in  seiner  Tätigkeit  gelähmt,  daß  der  Landgraf  versäumt  hatte,  die 
oberdeutschen  Städte  einzuladen*).  Aber  ganz  abgesehen  davon 
war  es  für  die  Versammelten  schwer,  Beschlüsse  zu  fassen,  so- 
lange in  der  württembergischen  Sache  und  in  der  Friedensfrage 
alles  in  der  Schwebe  war.  Dazu  kam  noch,  daß  zwischen  dem 
Kurfürsten  und  den  anderen  Verbündeten,  ja  sogar  seinen  eigenen 
Gesandten  lebhafte  Meinungsverschiedenheiten  bestanden.  Johann 
Friedrich  hatte  zwar  bei  seinen  Friedensverhandlungen  stets  er- 
klärt, daß  er  nichts  abschließen  könne  ohne  Zuziehung  seiner  Ver- 
bündeten, in  Nürnberg  war  man  aber  doch  der  Meinung,  daß  sein 
Verfahren  ein  allzu  selbständiges  gewesen  sei.  Die  Delitzscher 
Artikel,  die  der  Kurfürst  vorlegeu  ließ,  fanden  wenig  Beifall,  und 
seine  Drohung,  daß  er  eventuell  nur  mit  den  Ständen,  die  sich 
von  der  Württemberger  Unternehmung  femhielten,  Frieden  mit 
dem  König  schließen  und  ihnen  Schutz  gegen  das  Kammergericht 
verschaffen  werde,  war  auch  nicht  geeignet,  die  Stimmung  zu  ver- 
bessern *).  Jedenfalls  erreichte  Kursachsen  auch  dadurch  nicht, 
daß  die  Versammelten  irgendwelche  Beschlüsse  in  der  Friedens- 
frage faßten.  Der  Abschied  vom  26.  Mai  beschäftigt  sich  nur  mit 
dem  Kammergericht,  gegen  das  man  weitere  Rechtsmittel  ergreifen, 
dessen  Achtserklärungen  man  sich  als  nichtig  widersetzen  wollte, 
und  mit  der  Erweiterung  des  Bundes.  Auch  in  dieser  Frage  befand 
sich  Johann  Friedrich  in  Gegensatz  zu  einem  großen  Teile  seiner 
Verbündeten.  Er  war  der  Meinung,  daß  aus  Rücksicht  auf  den 
Nürnberger  Frieden  nur  solche  Stände  in  den  Bund  aufgenommen 
werden  könnten,  die  schon  an  der  Protestation  von  1529  beteiligt 
gewesen  seien,  nicht  aber  die,  die  erst  später  zum  Protestantismus 
übergetreten  oder  gar  des  Zwinglianismus  verdächtig  seien.  So 
hatte  er  denn  nichts  dagegen,  daß  mit  Markgraf  Georg,  Nürnberg 
und  Hamburg  verhandelt  wurde,  hatte  aber  keine  Lust,  auch 
Hannover,  Riga,  Danzig  u.  a.  aufzunehmen').  Man  bat  sich  in 
Nürnberg  diesen  sächsischen  Wünschen  gefügt.  Nürnberg  und 
Markgraf  Georg  zeigten  zwar  keine  Neigung  zum  Eintritt  in  den 
Bund,  mit  Hamburg  aber  sollten  Sachsen,  die  Herzöge  von  Lüne- 

1)  Ulm  an  die  in  Nürnberg  Versammelten  Mai  23,  Reg.  H.  p.  84,  No.  31, 
Tol.  II,  Bl.  53,  Or.  Rink  an  Ldgf.  Mai  21,  P.  A.  No.  409. 

2)  Akten  des  Bundestages  in  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  I.  II. 

3)  Instmktion  für  die  kursächs.  Gesandten  Mai  11,  Reg.  H.  a.  a.  O.  I,  34 
bis  44.  Seckendorf,  III,  ä.  75. 


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42 


Kapitel  I. 


bnrg,  Lübeck  und  Bremen  weiter  verhandeln,  Hannover  dagegen 
wurde  auf  später  vertröstet*). 

Das  Wesentliche  für  uns  ist  jetzt,  daß  Johann  Friedrich,  als 
er  in  die  Annaberger  Verhandlungen  eintrat,  keinerlei  Vollmacht 
von  seinen  Verbündeten  hatte.  Er  war  aber  entschlossen,  im  In- 
teresse des  Friedens  auch  ohne  sie  weiterzuschreiten. 

Die  Friedensverhandlungen  selbst  zerfallen  deutlich  in  zwei 
.Abschnitte.  Der  erste  reicht  bis  zum  13.  Juni,  an  dem  die  so- 
genannten Annaberger  .Artikel  fertig  wurden.  Sie  gingen  hervor 
aus  Verhandlungen  zwischen  den  beiden  vermittelnden  Fürsten 
Albrecht  von  Mainz  und  Herzog  Georg  und  dem  Kurfürsten  und 
seinen  Räten.  Der  zweite  .Abschnitt  beginnt  mit  der  Ankunft  König 
Ferdinands  in  Kadan*)  am  17.  Juni.  Während  dieser  Zeit  kommt 
es  darauf  an,  die  Zustimmung  des  Königs  zu  jenen  .Artikeln  zu 
erlangen. 

Im  einzelnen  ist  zu  betonen,  daß  Johann  Friedrich,  nachdem 
er  am  8.  Juni  noch  einen  letzten  vergeblichen  Versuch  gemacht 
hatte,  die  .Annahme  von  Vorschlägen,  die  er  entworfen  hatte  und 
die  wohl  den  Delitzscher  Artikeln  entsprochen  haben  werden,  zu 
erreichen,  schon  am  9.  verlangte,  daß  neben  der  Wahlsache  auch 
die  württembergische  Angelegenheit,  die  .Ausführung  des  Nürn- 
berger Friedens  und  seine  Privatangelegenheiten  berücksichtigt 
würden.  Die  Grundlage  für  die  Verhandlungen  gaben  dann  um- 
fangreiche Vorschläge  der  Vermittler  vom  9.  und  10.  Juni,  aus 
ihnen  gingen  nach  mehrmaliger  Umarbeitung  die  .Annaberger 
Artikel  hervor.  Es  ist  nicht  ohne  Interesse,  sie  sowohl  wie  jene 
ersten  Vorschläge  mit  dem  Wortlaut  des  Kadaner  Friedens  zu  ver- 
gleichen. Man  sieht  dann,  daß  manche  Bestimmungen,  wie  z.  B. 
der  Paragraph  über  die  Sakramentierer,  von  vornherein  feststanden 
und  niemals  bei  Sachsen  .Anstoß  erregten.  Dagegen  ließ  sich  der 
Kurfürst  nicht  darauf  ein,  den  Nürnberger  Frieden  auf  die  Pro- 
zesse zu  beschränken,  die  aus  der  Zeit  vor  dem  Frieden  stammten. 
Gern  würde  er  erreicht  haben,  daß  die  Beschränkung  der  Dauer 
des  Friedens  auf  die  Zeit  bis  zum  nächsten  Reichstage  beseitigt 
würde,  er  vermochte  das  aber  nicht  durchzusetzen.  In  den  Artikeln 
über  die  Wahlsache  hatten  die  Vermittler  ursprünglich  alle  vom 

1)  Der  Abschied  in  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  II,  Bl.  58 — 74. 

2)  Heute  Kaaden. 


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Bund  und  Beich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536. 


43 


Kurfürsten  gewünschten  Verbesserungen  der  goldenen  Bulle  auf 
einen  Eurfürstentag  verschoben,  der  innerhalb  eines  Jahres  statt- 
finden sollte.  Sie  hofiTten  wohl,  den  Sachsen  dadurch  zu  ködern, 
daß  sie  versprachen,  sich  in  seinen  Privatangelegenheiten  für  ihn 
zu  verwenden.  Johann  Friedrich  ließ  sich  aber  nicht  darauf  ein 
und  setzte  durch,  daß  seine  einzelnen  auf  die  Wahl  eines  römischen 
Königs  bezüglichen  Forderungen  in  die  Annaberger  Artikel  auf- 
genommen wurden.  Ferdinand  sollte  sich  verpflichten,  bis  Weih- 
nachten die  Zustimmung  des  Kaisers  und  der  Kurfürsten  zu  diesen 
Ergänzungen  der  goldenen  Bulle  zu  gewinuen;  gelang  ihm  das 
nicht,  so  sollte  auch  die  Opposition  gegen  seine  Wahl  wieder  auf- 
leben. 

Fast  gar  keine  Meinungsverschiedenheiten  bestanden  zwischen 
Johann  Friedrich  und  den  beiden  Unterhändlern  in  der  württem- 
bergischen  Angelegenheit.  Man  wünschte  die  Restitution  des  Her- 
zogs und  wollte  ihm  auch  nur  verhältnismäßig  geringfügige  Gegen- 
leistungen, wie  einen  Fußfall  vor  dem  König  und  einen  ansehn- 
lichen Reiterdienst,  auferlegeu  *).  Größere  Schwierigkeiten  haben 
sich  in  dieser  Sache  erst  im  zweiten  Stadium  der  Verhandlungen 
ergeben.  Es  begann,  obgleich  Ferdinand  schon  am  17.  in  Kadan 
angekommeu  war,  eigentlich  erst  am  21.  Juni.  Der  König  ver- 
suchte zunächst  noch,  eine  fast  bedingungslose  Anerkennung  der 
Wahl  zu  erlangen  und  auch  in  der  Religionssache  ganz  unannehm- 
bare Beschränkungen  durchzusetzen.  Allmählich  kam  er  aber  doch 
mehr  entgegen  und  nahm  in  der  Angelegenheit  des  Religions- 
friedens und  der  Wahlsache  im  wesentlichen  die  Annaberger  Artikel 
an,  nur  wurde  der  Termin  für  die  Beschlußfassung  des  Kaisers 
und  der  Kurfürsten  über  die  Aenderungen  der  goldenen  Bulle  bis 
Ostern  verschoben.  In  den  persönlichen  Angelegenheiten  des  Kur- 
fürsten versprach  er  zu  tun,  was  in  seiner  Macht  stände. 

Wirkliche  Schwierigeiten  ergaben  sich  erst,  als  man  über 
Württemberg  zu  verhandeln  begann.  Ferdinand  übergab  den  Ver- 
mittlern am  22.  Juni  seine  in  23  Punkten  bestehenden  Bedingungen 
in  dieser  Angelegenheit.  Anstoß  erregen  mußte  von  ihnen  vor 
allem  das  Verlangen,  daß  Württemberg  nur  als  Afterlehn  des  Hauses 

1)  Die  , Mittel“  der  Unterhändler  mangelhaft  gedruckt  bei  Senckenberg, 
IV,  8.  194  ft,  die  Antwort  des  Ef.,  ebenda  8.  204  ff.  Handschriftlich  nebst  den 
äbrigen  gewechselten  Schriften  in  Loc.  10672  „Handlung  uf  St.  Annaberg“. 
Kopien  auch  in  P.  A.  No.  351. 


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44 


Kapitel  I. 


Oesterreich  dem  Herzog  gegeben  werden  sollet),  und  die  Forde- 
rung, daß  der  Herzog  in  Württemberg  in  Religionssachen  keine 
Neuerung  vornehmen  solle,  sondern  diese  nicht  nur  in  dem  Zu- 
stande lassen,  in  dem  er  sie  bei  der  Einnahme  fände,  sondern  so- 
gar alles  ganz  nach  dem  Regensburger  Abschied  gestalten.  Auch 
der  Paragraph  war  bedenklich,  daß  Philipp  und  Ulrich  sich  ver- 
verpflichten  sollten,  innerhalb  der  nächsten  4 Jahre  dem  König 
einen  Reiterdienst  mit  1000  Pferden,  4000  Fußknechten  und  einem 
entsprechenden  Feldgeschütz  zu  tun,  wo  es  ihm  geföUig  sein  werde. 

Um  diese  drei  Punkte  vor  allem  hat  es  sich  bei  den  Verhand- 
lungen vom  22.  und  23.  Juni,  für  die  sich  die  kursächsischen  Räte 
nach  Kadan  begeben  hatten,  gehandelt.  Man  war  anfangs  auf  beiden 
Seiten  so  hartnäckig,  daß  Johann  Friedrich  am  23.  schon  annahm, 
daß  nur  in  der  Religion  und  in  der  Wahlsache  ein  allgemein  ge- 
haltener Stillstand  möglich  sein  werde.  Am  Abend  des  23.  ent- 
schloß sich  dann  aber  Ferdinand  doch  noch,  nachzngeben.  Er  willigte 
in  den  Vorschlag  der  Vermittler,  daß  der  Reiterdienst  gleich  jetzt 
mit  den  vorhandenen  Truppen  geleistet  werden  solle,  indem  die 
beiden  Fürsten  3 Monate  lang  500  Pferde  und  3000  Knechte  nebst 
Geschütz  gegen  das  aufständige  Münster  unterhielten;  er  verzichtete 
ganz  auf  den  Paragraphen  über  die  Religion,  fest  aber  blieb  er  in 
dem  Punkte  der  Afterlehnschaft.  Johann  Fiiedrich  war  also  vor 
die  Frage  gesteUt,  ob  er  an  diesem  die  Verhandlungen  scheitern 
lassen  wollte. 


1)  Ich  finde  diesen  Gedanken  zuerst  in  einem  Briefe  des  Dr.  Pistoris  an 
den  Kardinal  von  Trient  vom  30.  April,  und  zwar  gin(t  der  Vorschlag  von  Pi- 
storis aus,  der  Kardinal  erklärte  sich  am  2.  Mai  einverstanden  damit.  ^Loc.  10073 
„Irrungen  zwischen  . . . 1534/35“.)  Auch  ans  dem  Briefe  der  Herzogin  Elisabeth 
vom  12.  Sept.  (Wille,  S.  330  f.  und  328)  darf  man  wohl  entnehmen,  daß  der 
Gedanke  von  den  Vermittlern  ausging.  (Vergl.  auch  Senckenberg,  IV,  S.190.) 
Sie  wünschten  aber,  daß  der  König  selbst  die  Anregung  dazu  gäbe,  was  dann 
geschah.  Unter  diesen  Umständen  ist  es  natürlich  nicht  sehr  wahrscheinlich, 
daß  die  Vermittler  3—4  Wochen  um  diese  Sache  gekämpft  haben.  (Sattler, 
III,  8.25;  Heyd,  II,  8.493.)  Diese  Behauptung  beruht  auf  dem  Brief  Georgs 
von  Carlowitz  bei  Sattler,  III,  Beilage  9,  8.  104.  An  ihm  wird  wohl  nur  so 
viel  wahr  sein,  daß  man  in  Kadan  über  eine  möglichst  unverfängliche,  den  Rechten 
des  Reichs  nicht  nachteilige  Fassung  des  Artikels  verhandelte.  (Vergl.  Sencken- 
berg, IV,  S.  155  zum  22.  Juni.)  Auch  ein  Brief  der  Hzin.  Elisabeth  an  Kf.  vom 
25.  Mai  zeigt,  daß  über  die  Afterlehnschaft  schon  damals  in  herzoglich-sächsischen 
Kreisen  debattiert  wurde.  (Loc.  9131  „Schriften  der  Herzogin  von  Rochlitz  . . . 
1534“,  BL  25/26,  Hdbf.) 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  des  Vertranene  1532 — 1538.  45 

Der  Kurfürst  hatte  am  14.  Juni  dem  Landgrafen  und  den 
Herzögen  von  Bayern  die  Annaberger  Artikel  mit  der  Bitte  um 
Vollmacht  zum  Abschluß  zugeschickt*).  Philipp  hatte  darauf  am 
19.  seine  Zustimmung  zu  den  Artikeln  gegeben,  die  gewünschte 
Vollmacht  für  sich  und  Ulrich  gesandt  nnd  zur  Eile  gemahnt,  in- 
dem er  noch  hinzufügte,  daß  die  Bayern  sicher  einverstanden  sein 
würden  ’).  Dieser  Brief  und  ein  gemeinsamer  des  Landgrafen  und 
Ulrichs  kamen  am  24.  Juni  in  Buchholtz  beim  Kurfürsten  an,  also 
gerade  an  dem  Tage,  an  dem  dieser  sich  über  die  Einwilligung 
in  die  Afterlehnschaft  entscheiden  mußte.  Wenn  er  sich  wahrschein- 
lich schon  an  diesem  Tage  zum  Nachgeben  entschloß,  so  wird  die 
Mahnung  des  Landgrafen  zur  Eile  dabei  nicht  ohne  Wirkung  ge- 
wesen sein,  vor  allem  aber  wird  er  dadurch  bestimmt  worden  sein, 
daß  er  gegründete  Ursache  hatte,  anzunehmen,  daß  Philipp  nichts 
gegen  die  Afterlehnschaft  einzuwenden  haben  werde.  Der  früher 
erwähnte  Brief  des  Landgrafen  an  seine  Schwester  vom  4.  Juni, 
in  dem  dieser  selbst  die  Möglichkeit  einer  Belehnung  Ulrichs  durch 
König  Ferdinand  erörtert  und  die  Hoffnung  ausgesprochen  hatte, 
daß  auch  Ulrich  einverstanden  sein  würde,  war  nämlich  durch  die 
Vermittler  und  wahrscheinlich  auch  durch  Elisabeth  selbst  dem 
Kurfürsten  mitgeteilt  worden  *).  Auch  sonst  mögen  die  dringenden 
-Mahnungen  der  Herzogin  nicht  ohne  Einfluß  auf  ihn  geblieben  sein  *). 


1)  An  Ldgf.  Juni  14,  Keg.  C.  No.  1069a,  an  die  Hze.  Juni  14,  Loc.  10672 
„Handlung  nnd  Abechied  zu  Lübeck  . . . 1532—34“,  Konz. 

2)  Reg.  C.  No.  1069a,  Bl.  22/23.  26,27. 

3J  Wille,  S.  316f.  328.  Gut  in  dieser  Frage  auch  Heyd,  II,  S.  4941. 
Elisabeth  an  Kf.  Juni  13,  Loc.  9131  .Schriften  ...  1534“,  Bl.  41,  Hdbf. 

4)  Z.  B.  Juni  20;  „Das  geschreig  ist  heir  zu  Dressen  obcralle,  wei  der  vcrzugk 
allein  von  E.  L.  hcrkummet,  und  bit  derhalben  E.  L.  ganz  fr.,  E.  L.  wol  es  lassen 
an  dem  nicht  erwenden  . . . iederman  west,  wast  mein  bruder  ielz  geseinnet  ist, 
so  schribet  er  mir  und  bit  mich,  ich  wil  fliü  dunt,  das  der  frctte  halt  gemacht 
wert  und  wei  er  sich  erbeut,  west  E.  L.  auch,  so  ist  meine  brudern  hantschreff 
vorhantcn,  ist  numer  in  meiner  bant,  so  schiost  mein  bruder  ganz  droff,  das  der 
herzoge  das  sal  annemen,  wei  dan  E.  L.  west.  Derbalben  bit  ich,  E.  L.  wol 
schlissen  von  meine  brudern  wegen  und  den  fretten  annemen,  dan  es  Worte  mein 
bruder  zu  lang  werten,  ich  west  auch,  das  er  es  welgcn  [willigen]  wert.  Wo 
aber  E.  L.  vor  wert  zu  im  scheicken,  wert  ira  vel  zu  lang  werten  ...  P.  8.  'Vas 
leiget  E.  L.  vor  gros  macht  an  dem  hcrzgcn  das  lenst  halben,  wei  hat  er  forhein 
müssen  dunt,  bat  im  doch  nest  got  mein  bruder  zu  dem  laut  geholfen,  so  Icit  er 
den  schembt  bcilch  [schimpf  billig]  umb  meinst  brudern  willen.  Ich  bit  E.  L.  fr., 
wo  es  begert  wert,  E.  L.  wol  cs  Zusagen  um  meines  brudern  willen  und  denken. 


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46 


Kapitel  I. 


Johann  Friedrich  hatte  allerdings,  anch  abgesehen  von  dem  Para- 
graphen über  die  Äfterlehnschaft,  an  den  Bedingungen  Ferdinands 
noch  mancherlei  aaszusetzen.  Auch  in  ihrer  neuen  Form  behagte 
ihm  z.  B.  die  Bestimmung  über  den  Reiterdienst  noch  nicht.  Da 
es  aber  unmöglich  war,  erst  noch  in  allen  diesen  Punkten  die  .\n- 
sicht  der  beiden  kriegführenden  Fürsten  einzuholen,  half  man  sich 
damit,  daß  man  einen  Unterschied  machte  zwischen  den  gleich  jetzt 
zu  erledigenden  Punkten  und  denen,  die  „auf  fernerer  Handlung 
stehen“  sollten.  Der  Kurfürst  hielt  sich  nicht  für  berechtigt,  in 
diesen  Punkten  nachzugeben,  sie  sollten  daher  später  auf  einer 
Zusammenkunft  zwischen  ihm,  Ulrich,  dem  Landgrafen  und  könig- 
lichen Räten  erledigt  werden. 

Mit  Hilfe  dieser  Verschiebung  der  Entscheidung  kam  man  ein- 
ander bis  zum  27.  Juni  so  nahe,  daß  sich  Johann  Friedrich  persönhch 
nach  Kadan  begeben  konnte.  Dort  hat  man  am  28.  noch  eifrig 
über  allerhand  Einzelheiten  debattiert,  doch  konnte  schließlich  noch 
an  demselben  Tage  der  Abschluß  und  die  feierliche  Anerkennung 
des  Königs  durch  den  Kurfürsten  erfolgen*). 

Ziehen  wir  das  Fazit*),  so  hatte  sich  der  Kurfürst  in  der  Wahl- 
frage nichts  vergeben,  da  seine  Opposition  ja  sofort  wieder  auf- 
lebte, wenn  seine  Forderungen  nicht  bis  Ostern  erfüllt  wurden, 
und  daß  durch  den  Vertrag  gewissermaßen  die  Berechtigung 

was  m.  b.  und  sein  keinter  vor  schade  droff  sted,  dan  m.  brnder  ist  es  wol  zu- 
fretten.“  (Loc.  9131  „Schriften  der  Hzin.  von  Rodilitz  . . . 1534“,  BL  46,  Hdbf.) 

1)  Ich  folge  bei  der  Darstellong  des  zweiten  Stadiums  der  Va'handlungen 
vor  allem  Loc.  10672  „Handlung  uf  St.  Annaberg  . . .“  Dazu  kommt  der 
Briefwechsel  zwischen  dem  Kf.  und  seinen  Uesandten  in  Kadan  Minckwitz  und 
Brück  in  Loc.  10673  „Handlung  und  Vertrag  zu  Kadan  . . . 1534“  und  die 
Korrespondenz  zwischen  dem  Kf.  und  den  Vermittlern  in  Beg.  C.  No.  1069a. 
Vergl.  ferner  Senckenberg,  IV,  8.  152 — 162.  Hortleder,  I,  1,  S.  687  ff. 
Sattler,  III,  BeiL  22. 

2)  Nicht  ganz  korrekt  ist  Ranke,  III,  S.  334  in  der  Wahlsache,  sonst 
aber  doch  sehr  gut.  S.  345  ff.  vertritt  er  in  der  Auffassung  des  Württemberger  Beli- 
gionsartikels  den  gesunden  Menschenverstand.  Baumgarten,  III,  S.  262ff., 
berücksichtigt  nicht  das  große  Friedeosbedürfnis  des  Landgrafen,  der  über  den 
Frieden  zunächst  sehr  erfreut  war  (P.  A.  No.  350).  Er  kennt  auch  nicht  ge- 
nügend die  Entstehungsgeschichte  des  Artikels  über  die  Sakramentierer.  Ueber- 
trieben  ist  der  Satz,  daß  der  Wahlbund  durch  den  Kadaner  Frieden  über  den 
Haufen  geworfen  worden  sei.  Besser  sind  die  Ausführungen  Winckelmanns 
(ZKO.  XI,  S.  216ff.),  doch  unterschätzt  er  wohl  die  Wahlsache,  und  in  der 
Frage  der  Sakramentierer  teilten  der  Landgraf  und  Ulrich  die  Schuld  mit  dem 
Kurfürsten. 


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Bund  und  Bach:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


47 


seiner  bisherigen  Opposition  anerkannt  wurde,  war  doch  ein 
großer  Gewinn.  In  der  Religionsangelegenheit  hatte  der  Nürn- 
berger Friede  eine  neue  Bekräftigung  erhalten,  auch  gab  Fer- 
dinand zu,  daß  ein  Mißverständnis  in  seiner  Auslegung  vorge- 
fallen sei‘).  Johann  Friedrich  hatte  aber  nicht  zu  erreichen  ver- 
mocht, daß  der  Friede  die  von  ihm  gewünschte  Veränderung  in 
bezug  auf  seine  Dauer  erhielt,  hatte  sich  dagegen  in  dem  Para- 
graphen, der  die  Sakramentierer,  Wiedertäufer  und  andere  Sekten 
vom  Frieden  ansschloß,  einen  Zusatz  gefallen  lassen,  den  wir 
als  eine  Verschlechterung  ansehen  müssen.  Wir  werden  bei  der 
Beurteilung  der  Politik  des  Kurfürsten  aber  berücksichtigen  müssen, 
daß  diese  Bestimmung  nach  seiner  Ansicht  durchaus  keine  Ver- 
schlechterung war,  wir  dürfen  ferner  hervorheben,  daß  auch  der 
Landgraf  und  Herzog  Ulrich  keinen  Anstoß  daran  genommen  hatten. 
In  seinen  Privatangelegenheiten  hatte  Johann  Friedrich  nur  un- 
sichere Wechsel  auf  die  Zukunft  bezogen’).  Dagegen  war  die 
wflrttembergische  Sache  in  einem  nach  seiner  Ansicht  durchaus 
zufriedenstellenden  Sinne  gelöst  worden  ’).  Zunächst  war  der  Friede 
gesichert,  ein  weiteres  Umsichgreifen  des  Krieges  war  verhindert, 
und  das  Land  war  für  Ulrich  gewonnen,  ohne  wirklich  bedenkliche 
Beschränkungen  in  religiöser  Hinsicht  *),  auch  ohne  daß  der  Herzog 
für  die  Zukunft  in  eine  wirklich  drückende  Abhängigkeit  von  Fer- 
dinand geraten  war.  Die  Afterlehnschaft  war  gewiß  unerwünscht 
und  mußte  gerade  bei  einem  Fürsten,  der  so  eifersüchtig  auf  die 
Wahrung  der  Reichsfreiheiten  sah,  wie  Johann  Friedrich,  Anstoß 
erregen,  schließlich  hatte  er  aber  keinen  Gi  und,  in  diesem  Punkte 
hartnäckiger  zu  sein,  als  der  Kurfürst  von  Mainz  und  Herzog  Georg 
oder  auch  als  der  Landgraf.  Dessen  Erklärung  vom  4.  Juni  war  es 

1)  Ranke,  III,  B.  344. 

2)  lieber  die  allmähliche  ZurOckzahlung  der  Schuld  wurden  am  29.  Juni 
gegenseitige  Verschreibungen  ausgetauscht,  die  aber  nur  galten,  wenn  die  Wahl- 
sache bis  Ostern  erledigt  wurde.  (Reg.  F.  fol.  285.  O.  No.  1,  2,  Urk. ; Reg.  Rr. 
p.  415,  rv,  I,  No.  4,  Urk.) 

3)  Vergl.  die  Briefe  an  den  Ldgf.  und  an  Ulrich  vom  26.  Juni,  Reg.  C. 
No.  1069a,  Bl.  42/43;  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie  und  Sattler,  III,  Beil.  X. 

4)  Allerdings  kann  nicht  geleugnet  werden,  daÜ  der  Vertrag  in  dieser  Be- 
dehnng  unklar  war.  Der  Kf.  hatte  erreicht,  daü  der  König  darauf  verzichtete, 
Ulrich  Aenderungen  in  der  Religion  ausdrücklich  zu  verbieten,  hatte  aber  ver- 
säumt, den  Herzog  io  den  Nürnberger  Frieden  mitaufnehmen  zu  lassen.  Er 
mag  das  als  selbstverständlich  betrachtet  haben.  Vergl.  Winckelmann,  ZKO. 
XI,  8.  218  f. 


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48 


K^it«l  1. 


gewiß  in  erster  Linie,  die  ihm  den  Abschluß  ermöglichte^),  denn 
die  Vollmacht  des  Landgrafen  und  Ulrichs  genügte  ja  an  sich  nicht, 
und  ihre  Zustimmung  zum  Frieden  mußte  daher  erst  nachträglich 
gewonnen  werden. 

Vielleicht  noch  bedenklicher  war  das  Verfahren  Johann  Fried- 
richs Bayern  gegenüber.  Die  Vollmacht  der  Herzöge  traf  zwar 
noch  gerade  am  28.  Juni  ein,  ihre  Zustimmung  zu  den  Annaberger 
Artikeln  war  darin  aber  an  die  Bedingung  geknüpft,  daß  man 
auch  noch  etliche  andere  Artikel  erreiche,  über  die  der  Kaiser 
zwischen  ihnen  und  dem  Könige  verhandelte  ’).  Der  Kurfürst 
veranlaßte  die  Vermittler,  mit  Ferdinand  über  diese  Artikel  zu 
sprechen.  Dieser  erklärte  aber,  daß  über  sie  der  Kaiser  zu  ent- 
scheiden habe,  so  daß  eine  sehr  große  Verzögerung  herbeigeführt 
worden  wäre,  wenn  man  auf  ihre  Erledigung  gewartet  hätte.  Das 
glaubte  der  Kurfürst  nicht  verantworten  zu  können,  und  da  ja  an 
den  Annaberger  Artikeln,  so  weit  sie  sich  auf  die  Wahlsache  be- 
zogen, nichts  sehr  Wesentliches  geändert  war,  entschloß  er  sich 
zum  Abschluß®).  Dieser  Entschluß  wird  ihm  erleichtert  worden 
sein  durch  das  Mißtrauen,  das  er  stets  gegen  die  Loyalität  der 
bayiischen  Politik  hegte.  Ferdinand  und  die  Vermittler  hatten  es 
verstanden,  dieses  Mißtrauen  durch  allerhand  Andeutungen  zu 
steigern^).  Johann  hYiedrich  hat  aber  den  Herzögen  gegenüber 
doch  wohl  kein  ganz  reines  Gewissen  gehabt,  und  wir  sehen  ihn 


1)  Er  beruft  sich  z.  B.  darauf  im  Brief  au  Ldgf.  vom  26.  Juni,  Reg.  C. 
No.  1069a.  Vergl.  auch  Wille,  S.  207. 

2)  Die  Uze.  an  Kf.  Juni  22,  ebenda.  Bl.  30,  Or. 

3)  An  die  Hze.  Juni  30,  Reg.  C.  No.  1069a,  Bl.  66—  68.  Der  Kf.  berief 
flieh  dabei  auch  darauf,  daß  der  Ldgf.  ihm  verschiedentlich  die  Zustimmung  der 
Hze.  für  gewiß  erklärt  habe,  ohne  etwas  von  weiteren  Artikeln  zu  erwähnen. 
(VergL  Ldgf.  an  Kf.  Juni  4.  19,  ebenda,  Juni  22,  Loc.  9131  „Schriften  der  Hzin. 
von  Rochlitz  . . .“,  Bl.  29,  und  Ldgf.  on.die  Hze.  Juli  3,  Stumpf,  Beil.  XIV, 
8.  61  f.)  Die  Hze.  haben  dann  allerdings  ihren  Frieden  mit  Ferdinand  in  Linz 
erst  nach  Bewilligung  jener  Artikel  am  10.  Sept.  gemacht,  wie  sie  dem  Kf. 
am  23.  Sept.  meldeten.  (Loc.  10672  „Handlung  und  Abschied  zu  Lübeck  . . . 
1532— Jl“,  Or.)  Vergl.  Stumpf,  § 39,  8.  159 f. 

4)  Schon  im  Februar  1534  suchte  man  von  königlicher  Seite  die  Vorstellung 
beim  Kf.  zu  erwecken,  daß  Bayern  eich  direkt  mit  dem  Könige  vertragen  werde. 
(Briefe  des  Heinrich  von  Könneritz  an  Hans  von  Minckwitz  vom  23.  Febr.  und 
1.  März  1534,  Reg.  Gg.  No.  1542,  Hdbf.).  Ueber  die  Aeußerungen  der  Vermittler 
in  Kodan  siche  Kf.  an  den  Mainzer  Juli  15,  Aug.  5,  Loc.  10673  „Irrungen“  und 
„Schriften“. 


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Bjud  nnd  Reich:  Die  Jahre  dea  Veitranena  1532—1536.  49 

daher  in  den  nächsten  Wochen  bemüht,  Beweise  für  die  Sonder- 
verhandluni^en  Bayerns  mit  den  Gegnern  zu  finden^). 

Im  ganzen  hat  sich  der  Kurfürst  jedoch  mit  der  Rechtfertigung 
seines  Verhaltens  nicht  allzn  viel  beschäftigt,  sondern  ist  vor  allem 
bestrebt  gewesen,  an  seinem  Teile  kräftigst  für  die  Ausführung  des 
Eadaner  Vertrages  zu  wirken.  Dabei  war  es  ja  nun  weniger  seine 
Aufgabe,  die  Znstimmong  der  anderen  Kurfürsten  zu  den  geplanten 
Verbesserungen  der  goldenen  Bulle  zu  erwirken*),  als  den  Land- 
grafen und  Herzog  Ulrich  zur  Annahme  nnd  Ausführung  des  Ver- 
trages zu  bestimmen.  Philipp  war  dazu  von  vornherein  sehr 
bereit,  Ulrich  aber  machte  mancherlei  Schwierigkeiten,  und  beide 
waren  geneigt,  der  Afterlebnschaft  eine  möglichst  unverfängliche 
Deutung  zu  geben,  so  daß  vor  allem  Ulrichs  Reichsstandschaft 
nicht  durch  sie  beeinträchtigt  würde”).  Im  ganzen  entsprach  das 
ja  auch  den  Bestimmungen  des  Vertrags,  nur  war  nicht  recht  klar, 
welcher  Art  dann  eigentlich  die  Abhängigkeit  von  dem  Hanse 
Oesterreich  sein  sollte.  Es  kam  schließlich  nur  auf  einen  eventuellen 
Heimfall  des  Landes  an  Ferdinand  nnd  seine  Nachkommen  hinaus. 
Ulrich  allein  machte  auch  sonst  mancherlei  Schwierigkeiten  nnd 
konnte  sich  trotz  alles  Drängens  des  Landgrafen*)  nicht  zur  Rati- 
fikation des  Friedens  entschließen.  Diese  wurde  daher  schließlich 
bis  zu  der  Verhandlung  über  die  unerledigt  gebliebenen  Punkte 
verschoben.  Für  diese  den  Landgrafen  und  Ulrich  zu  gewinnen, 
war  die  Hauptaufgabe,  die  der  Kadaner  Vertrag  dem  Kurfürsten 
von  Sachsen  zngewiesen  hatte.  Johann  Fiäedrich  hatte  anfangs 
noch  vor  Jakobi  eine  Zusammenkunft  deswegen  beabsichtigt  ”),  ließ 


1)  Vergl.  die  eben  erwähnten  Briefe  dee  Kf.  and  Albrecht  von  Mainz  an 
Kf.  Juli  13,  Lioc.  10673  „Schriften“,  Or. 

2)  Der  Kf.  hat  bei  Kurkdin  und  Kurpfalz  Schritte  in  dieeer  Beziehung 
getan.  An  Wilh.  v.  Naeeau  nnd  Wilh.  v.  Neuenahr  Juni  30,  Reg.  C.  No.  345, 
Bl.  19f.  Meinardua  1,  2,  8.  333.  An  Ludwig  von  der  Pfalz  Juli  5,  Reg.  C. 
No.  1060  a,  Bl.  80,  Konz.  Memorial  für  Dölzig  an  Kurköln  Nov.  27,  Reg.  N. 
No.  1054.  Dölzig  an  Kf.  Dez.  12,  Reg.  N.  No.  1037. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  2,  Loc.  10673  „Schriften  . . .“,  Or.  Ldgf.  und  Ulrich 
an  Kf.  Juli  2,  R^.  C.  No.  1069a,  Bl.  76/77.  Aehnlich  an  Mainz,  Kureacheen 
und  Georg,  Loc.  10  673  „Handlung  und  Vertrag  zu  Kadan  . . . 1534“,  Kopie. 
Dölzig  an  Kf.  Juli  2,  Reg.  C.  No.  1069a,  Bl.  71—74,  Hdbf.  Dölzig  und  Wilden- 
fele  an  Kf.  JuU  8,  ebenda,  BL  85-87. 

4)  Vergl.  Heyd,  III,  8.  16«.  Wille,  S.  225f. 

5)  Instruktion  für  Wildenfels  und  Dölzig  vom  30.  Juni,  Reg.  N.  No.  1037,  Or. 

Beiträge  zur  neueren  Getchichte  TbQrinzcnz  I,  2.  4 


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50 


K«pit«l  I. 


sich  dann  aber  durch  den  Landgrafen  auf  Veranlassung  Ulrichs 
bestimmen,  sie  zu  verschieben  ‘),  so  daß  sie  schließlich  erst  am 
16.  Oktober  in  Fulda  abgehalten  wurde.  Schon  vorher  fanden  aber 
Korrespondenzen  und  Verhandlungen  über  einige  der  unerledigten 
Pnnkte  statt,  vor  allem  Aber  den  Reiterdienst  gegen  Münster,  und 
es  war,  als  man  in  Fulda  zusammenkam,  schon  klar,  daß  die 
beiden  Fürsten  sich  auf  diese  Bedingung  nicht  einlassen  würden  *). 
Da  anch  der  König  in  der  nächsten  Zeit  auf  diese  Forderung  nicht 
mehr  zurückkam,  betrachtete  Johann  Friedrich  sie,  als  er  nach 
Fulda  ging,  als  erledigt.  Auch  in  den  übrigen  unerledigten  Artikeln 
machte  der  Kurfürst  sich  nicht  allzuviel  Hofihungen  auf  gegen- 
seitiges Entgegenkommen,  so  glaubte  er,  um  nur  ein  Beispiel 
anznfühi  en,  nicht,  'daß  Ulrich  den  Hohentwiel  dem  Könige  abtreten 
werde,  hielt  höchstens  einen  Verkauf  für  möglich  u.  s.  w.  Johann 
Friedrich  war  bereit,  anch  über  die  Frage  der  Afterlehnschaft  in 
Fulda  noch  zu  verhandeln,  obgleich  sie  eigentlich  nicht  zu  den 
unerledigten  Artikeln  gehörte,  er  wollte  dann  auf  strenge  Scheidung 
von  Lehen  und  Regalien  dringen,  nur  jene  sollte  Ferdinand  als 
Erzherzog  von  Oesterreich,  diese  als  König  erteilen*). 

Alle  diese  Betrachtungen  wurden  nun  aber  dadurch  müßig, 
daß  Ulrich  nicht  nur  selbst  auf  dem  Fuldaer  Tage  nicht  erschien, 
sondern  nicht  einmal  Vertreter  schickte.  Daß  die  Verhandlungen 
des  Kurfürsten  mit  den  königlichen  Räten  Josef  von  Lamberg  und 
Dr.  Johann  Kneller  zu  einer  Einigung  in  allen  wesentlichen  Punkten 
führten,  hatte  unter  diesen  Umständen  gar  keinen  Wert*).  Der 
Landgraf  war  zwar  über  das  Verhalten  des  Württembergers  selbst 
sehr  empört,  wollte  aber  doch  anch  nicht  die  Ratifikation  ohne  ihn 
vollziehen  ®).  Er  einigte  sich  mit  ihm  dahin,  im  Dezember  Gesandte 
an  Ferdinand  zu  schicken,  nm  die  gewünschten  Milderungen  der 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  26,  Beg.  N.  No.  1037,  Or. 

2)  Antwort  des  Ldgfen.  an  Wildenfela  und  Dölzig  Juli  15,  ebenda.  Ef.  an 
Ldgf.  Juli  21,  Kopie.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  26,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  5,  Konz.,  allee 
ebenda.  Instruktion  des  Landgrafen  für  Feige  Juli  28,  Wille,  B.  222.  P.  A. 
Sachsen,  Emeet.  Linie.  Eigenh.  Bericht  Feiges  vom  7.  Aug.,  ebenda. 

3)  Eigenh.  Aufzeichnung  des  Kf.  für  Fulda  ca.  Okt  16,  Beg.  C.  No.  1069a 
und  vor  allem  Loc.  10673  ,, Handlung  und  Vertrag  zu  Kadan  . . 1534",  BL  83 
bis  88,  ganz  eigenh.  Konz,  dazu  in  Reg.  C.  a.  a.  0.  Bl.  99—102. 

4)  Loc.  9131  „Handlung  zu  Fulda  . . . 1535/36“. 

5)  Ldgf.  an  Ulrich  Okt.  19,  P.  A.  Württemberg  1534.  Nach  Bittner,  S.  5, 
ist  die  Ratifikation  Philippe  doch  schon  vom  27.  Oktober  datiert.  Vergl.  P.  A.  351. 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  des  Vertrauene  1532 — 1536.  51 

FriedensbedinguDgen,  vor  allem  in  der  Leimsangelegenheit,  zu  er- 
langen ‘).  Damit  entglitt  die  Sache  den  Händen  Johann  Friedrichs. 
Erreicht  wurde  auf  diesem  Wege  allerdings  auch  nicht  mehr,  da 
der  König  in  nichts  nachgab.  Darauf  haben  dann  zunächst  die 
hessischen  Gesandten  die  Friedensbedingnngen  erfüllt,  den  Fußfall 
geleistet  u.  s.  w.  Ulrich  sträubte  sich  zunächst  noch,  so  daß  Ferdi- 
nand im  Februar  an  den  Kurfürsten  mit  der  Bitte  herantrat,  einen 
Druck  auf  den  Herzog  anszuüben.  Als  aber  dann  Dölzig  und  Gotz- 
mann  als  kursächsische  Gesandte  Anfang  März  in  Stuttgart  er- 
schienen, hatte  Ulrich  sich  inzwischen  schon  eines  Besseren  be- 
sonnen und  auch  seinerseits  nachgegeben*). 

Gerade  in  der  Zeit,  wo  Johann  Friedrich  die  weitere  Teilnahme 
an  den  Verhandlungen  aufgegeben  hatte,  war  er  in  eine  mit  dem 
kadanischen  Vertrage  über  Württemberg  zusammenhängende  Teil- 
frage  hineingezogen  worden,  in  die  Frage  über  die  Auslegung  des 
Religionsparagraphen  des  Friedens.  An  den  Kurfürsten  selbst 
batte  sich  Ferdinand  zwar  am  15.  August  nur  mit  Beschwerden 
über  die  Ausbreitung  des  Zwinglianismus,  die  dem  kadanischen 
Vertrage  widerspräche,  gewandt  und  um  Ratschläge  gebeten,  was 
dagegen  zu  tun  sei. 

Johann  Friedrich  hatte  darauf  wieder  seine  Abneigung  gegen 
die  Zwinglianer  zum  Ausdruck  gebracht,  dabei  aber  betont,  daß 
sich  schwer  etwas  gegen  sie  machen  lasse,  solange  auch  die  An- 
hänger der  Augsburgischen  Konfession  noch  verfolgt  würden,  da 
jene  ja  nimmermehr  wieder  zum  Papismus  zurückkehren  würden. 
Er  hatte  ferner  als  das  beste  Mittel,  um  eine  Grundlage  zum 
Vorgehen  gegen  sie  zu  gewinnen,  das  Konzil  bezeichnet,  zum  min- 
desten aber  die  Aufnahme  der  fraglichen  Stände  in  den  Frieden 
und  Stillstand  verlangt,  um  mit  irgendwelcher  Aussicht  auf  Erfolg 
Schritte  gegen  den  Zwinglianismus  tun  zu  können  *). 

1)  Kf.  an  Georg  Dez.  15,  Reg.  0,  No.  1069a,  BL  106,  Konz. 

2)  Wille,  S.  229  ff.  Eberh.  v.  d.  Thann  aus  Wien  an  Kf.  1535  Jan.  22, 
Reg.H.p.  88,  No.  34,  Ur,  Werburg  der  königlichen  Gesandten  Thalheim  nnd  Cantiun- 
cula  beim  Kf.  Febr.  3,  Loc.  10  673  „Handlung  und  Vertrag  zu  Kadan  . . 1534“. 
Antwort  des  Kf.  vom  4.,  ebenda.  Instruktion  für  Dölzig  und  Gotzmann,  ebenda, 
Kopie.  Ferd.  an  Kf.  Febr.  18,  Loc.  10673  „Schriften“,  Or.  Dölzig  und  Gotz- 
mann an  Kf.  März  2,  Loc.  10673  „Handlung  und  Vertrag  zu  Kadan  . . .“,  Or. 
Ulrich  an  die  Ges.  März  4,  ebenda,  Or.  Bittner,  S.  5,  Ratifikation  vom 
26.  Jan.  1535. 

3)  Neudecker,  Urk.  235  ff.  238  ff. 

4* 


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52 


E«pitel  I. 


Wenn  sich  Ferdinand  dem  Kurfürsten  gegenüber  innerhalb  der 
Schranken  des  Kadaner  Vertrages  hielt,  so  scheute  er  sich  dagegen 
nicht,  sich  gleichzeitig  bei  den  Vermittlern  darüber  zu  beschweren, 
daß  Ulrich  die  lutherische  Sekte  in  Württemberg  verbreite*),  dem 
Frieden  also  eine  Auslegung  zu  geben,  die  dem  Wortlaut  nach  zwar 
möglich  war,  aber  zu  der  durch  die  Geschichte  der  Verhandlungen 
gegebenen  Auffassung  des  Vertrages  in  Widerspruch  stand.  Albrecht 
und  Georg  gaben  die  Klage  an  Ulrich  weiter,  und  dieser  wandte 
sich  am  9.  November  deswegen  an  den  Kurfürsten*).  Dadurch 
wurde  dieser  zu  dem  wichtigen  Briefe  vom  21.  November  veran- 
laßt, der  wohl  als  die  authentischste  Auslegung  des  betreflfenden 
Artikels  des  Friedens  betrachtet  werden  kann  und  aufs  deutlichste 
zeigt,  daß  er  nie  so  gemeint  war,  wie  er  jetzt  von  königlicher 
Seite  gedeutet  wurde®).  Daß  die  Auffassung  Johann  Friedrichs 
richtig  war,  zeigt  der  etwas  klägliche  Rückzug,  den  Ferdinand  am 
12.  Dezember  antrat,  indem  er  jetzt  die  Sache  so  drehte,  als  habe 
er  nur  die  Ausbreitung  des  Zwinglianismns  in  Württemberg  und 
die  Bedrängung  derer,  die  Regalien  im  Herzogtum  hätten,  gemeint  *). 
Der  Kurfürst  war  gutmütig  genug,  darauf  am  2.  Januar  ein  Ent- 
schuldigungsschreiben an  den  König  zu  richten  ®).  Man  wird  daraus 
aber  schwerlich  mit  Wille  ®)  schließen  können,  daß  der  ganze  Streit 
auf  einem  Mißverständnis  des  Kurfürsten  beruht  habe,  und  daß 
sachlich  die  sächsische  .Auffassung  des  Friedens  richtig  war,  ergibt 
sich  auch  daraus,  daß  in  dem  definitiven  Vertrag  zwischen  Ferdi- 
nand und  Ulrich  dieser  in  religiöser  Beziehung  in  keiner  Weise 
gebunden  wurde,  resp.  nur  versprechen  mußte,  Sakramentierer  und 
ähnliche  Sekten  femzuhalten  *). 

Während  Johann  Friedrich  ofl'enbar  sein  möglichstes  tat,  um 
die  .Ausführung  des  Kadaner  Friedens,  soweit  sie  von  ihm  ab- 
hing. zu  bewirken,  wird  man  nicht  ganz  dasselbe  von  Ferdinand 
behaupten  können.  Es  muß  wenigstens  als  sehr  zweifelhaft  be- 

1)  Sattler,  III,  Beil.  17,  S.  1221. 

2)  Sattler,  BcUage  18,  S.  123  f.,  Datum  nach  dem  Or.  in  Beg.  U.  p.  90, 
No.  35,  Bl.  11/12. 

3)  Sattler,  Beilage  22,  S.  127  ff. 

4)  Reg.  H.  p.  90,  No.  35,  BL  29/30.  Wille,  ZKG.,  VII,  a .56.  Secken- 
dorf, III,  8.  76. 

5)  Wille,  ZKG.,  VII,  8.  56  f.  Reg.  H.  a.  a.  O.  Bl.  40.  42. 

6)  S.  56  f. 

7)  Wille,  a.  a.  ü.  S.  57.  Sattler,  III,  8.  64. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


53 


trachtet  werden,  ob  die  Schritte,  die  er  tat,  nicht  bloß  Spiegel- 
fechterei waren.  In  der  Frage  der  Prozesse  schrieb  er  zwar  schon 
am  4.  Juli  an  das  Kammergericht  und  forderte  es  auf,  mit  Pro- 
zessen in  Religionsangelegenheiten  stillznstehen  *).  Da  er  diese 
aber  nicht  näher  bezeichnete,  war  damit  wenig  geholfen,  und  das 
Kammergericht  fuhr  in  der  bisherigen  Weise  fort.  Johann  Fried- 
rich sprach  darflber  in  Fulda  mit  den  königlichen  Räten  und  fragte 
außerdem  am  20.  November  beim  Könige  an,  was  er  fQr  Schritte 
getan  habe.  Ferdinand  teilte  ihm  darauf  sein  Mandat  vom  4.  Juli 
mit  und  bat  gleichzeitig  um  nähere  Nachrichten  über  die  einzelnen 
Fälle,  damit  er  für  ihre  Abstellung  sorgen  könne*).  Inzwischen 
waren  aber  auf  Veranlassung  der  oberdeutschen  Städte  schon  wei- 
tere Maßnahmen  der  Protestanten  erfolgt.  Sachsen  und  Hessen 
hatten  eine  Gesandtschaft  an  den  König  geschickt,  um  ihn  um  ein 
neues  Mandat  an  das  Gericht  zu  bitten.  Für  den  Fall,  daß  es 
auch  dann  nicht  gehorche,  sollten  der  Kaiser  und  der  König  sich 
verpflichten,  seine  Urteile  nicht  auszuführen.  Auch  diesen  Gesandten 
gegenüber  wiederholte  Ferdinand  seine  Bitte  um  Angabe  der  ein- 
zelnen Prozesse,  um  die  es  sich  handle,  sie  hatten  aber  Bedenken, 
diese  Bitte  zu  erfüllen,  damit  nicht  dadurch  eine  Trennung  unter 
den  Prozessen  bewirkt  werde.  Sie  verwiesen  daher  nur  auf  ein- 
zelne besonders  flagrante  Fälle  und  verbreiteten  sich  außerdem 
über  den  Begrift  der  Religionssachen.  Trotzdem  erreichten  sie, 
daß  der  König  am  6.  Januar  1535  eine  neue,  befriedigendere  Wei- 
sung an  das  Gericht  erließ,  auch  einen  Gesandten  nach  Speier 
schickte,  um  den  Richtern  nähere  Befehle  zu  erteilen^). 

Konnte  man  so  mit  Ferdinands  Verhalten  in  der  Frage  der 
Prozesse  noch  einigermaßen  zufiieden  sein,  soweit  unsere  Kenntnis 
seiner  Schritte  ein  Urteil  gestattet,  so  hat  er  sich  bei  der  Aus- 
führung des  Vertrages  über  die  jülichsche  Heirat  dagegen  ent- 
schieden etwas  doppelzüngig  benommen;  zeigt  doch  der  Brief  des 

1)  P.  C.  II,  216,  Anm.  2. 

2)  Kf.  an  Ferdinand  Nov.  20,  R^.  H.  p.  86,  No.  34,  Reinentw.  Ferd.  an 
Kf.  Dez.  9,  ebenda,  Or. 

3)  Instruktion  für  die  Gesandten  vom  9.  Dez.  P.  C.  II,  242  f.,  Or.  in 
Reg.  H.  p.  88,  No.  34.  Erklärung  der  Ges.  gegen  den  Kg.  Dez.  30,  Reg.  H. 
ebenda.  Eberh.  t.  d.  Thann  an  Kf.  1535  Jan.  22,  Or.  Feld,  an  das  Kammer- 
gericht  und  an  den  Bischof  von  Augsburg  1535  Jan.  6,  ebenda,  P.  C.  II,  254. 
No.  274.  Feld,  an  Kf.  Jan.  20,  Loc.  10673,  „Schriften  . . Or.  Kf.  an  Ldgl 
Jan.  27,  Reg.  H.  p.  97,  No.  41,  Konz. 


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54 


Kapitel  I. 


Erzbischofs  von  Lund  an  den  Kaiser  vom  3.  November,  daß  die 
Empfehlung,  die  Wünsche  des  Kurfürsten  in  dieser  Beziehung  zu 
erfüllen,  eine  nur  sehr  verklausulierte  war‘). 

Die  Hauptsache  aber  war,  wie  sich  der  König  in  der  Wahl- 
frage verhalten  werde.  Da  läßt  sich  ja  nun  nicht  leugnen,  daß  er 
einiges  zur  Ausführung  des  in  Kadan  Versprochenen  getan  hat, 
man  hat  aber  doch  den  Eindruck,  als  sei  er  allzu  schnell  vor 
den  Schwierigkeiten,  auf  die  er  stieß,  zurückgewichen  und  habe 
keinen  allzu  großen  Eifer  besessen,  um  sein  Ziel  bis  Ostern  zu 
erreichen.  Dieser  Termin  kam  schließlich  heran,  ohne  daß  die  auf 
die  Wahlfrage  bezüglichen  Friedensartikel  zur  .\usfühi  ung  gelangt 
waren  ’). 

Schon  im  Oktober  1534  hatte  Ferdinand  Schritte  getan,  um 
durch  die  Vermittler  eine  Verlängerung  des  Termins  vom  Kur- 
fürsten zu  erlangen.  Dieser  hatte  sich  aber  auf  nichts  eingelassen, 
da  es  nach  seiner  Meinung  gar  nicht  schwer  war,  eine  Majorität 
im  Kurfürstenkolleg  für  seine  Wünsche  zu  erlangen,  und  da  die 
Sache  ja  auch  auf  dem  (damals  wegen  Münsters  geplanten)  Reichstag 
erledigt  werden  könne.  Er  blieb  hartnäckig,  obgleich  auch  Hans 
Hofmann  auf  ihn  zu  wirken  suchte,  und  erreichte  dadurch,  daß 

1)  Lanz,  II,  S.  137 f. 

2)  Zuerst  trat  Ferdinand  zum  KurfOntcn  von  der  Pfalz  in  Beziehung, 
schrieb  dann,  da  dieser  erklärte,  daß  die  Angel^nheit  vor  eine  gemeine  Ver- 
sammlung der  Kurfürsten  gehöre,  einen  Kurfürstentag  nach  Mainz  auf  den 
1.  Oktober  aus.  Sachsen  war  hier  als  Partei  nicht  vertreten.  Zustande  kam 
nichts,  da  die  meisten  Gesandten  keine  genügende  Vollmacht  hatten.  Auch  über 
die  sofortige  Ansetzung  eines  neuen  Tages  konnte  man  sich  nicht  einigen,  und 
der  König  hielt  es  daher  für  das  Beste,  doch  wieder  zu  den  Verhandlungen  mit 
den  einzelnen  Kurfürsten  seine  Zuflucht  zu  nehmen,  um  dann  erst  einen  neuen 
Tag  zu  berufen.  Er  war  schon  jetzt  davon  überzeugt,  daß  die  Zeit  bis  Ostern 
nicht  reichen  werde,  und  wurde  dadurch  zu  den  im  Text  erwähnten  Bemüh- 
ungen bei  Johann  fYiedrich  veranlaßt.  Nachdem  sie  gescheitert  waren,  hat  er 
im  Februar  noch  einmal  Gesandte  an  die  einzelnen  Kurfürsten  geschickt.  (Ferd. 
an  Kf.  Aug.  17,  Loc.  10673  „Schriften“,  Or.  Kf.  an  Wilh.  v.  Neuenahr  Sept.  1, 
Reg.  C.  No.  345,  Bl.  23—25,  Konz.  Ferd.  an  Kf.  Sept.  6,  Loc.  9131  „HancUung 
zu  Fulda. ..  1534“.)  lieber  den  Mainzer  Tag  vergL  Winc keim ann,  ZKG.,  XI, 
S.  227  f.  Ferd.  an  Georg  Okt.  29,  Loc.  10673  „Irrungen“,  Or.  Im  Februar 
gingen  zu  Mainz  und  Brandenburg  Thalheim  und  Cantinncula,  Bucholtz,  IX, 
S.  86 — 88,  mit  Köln  verhandelte  Andreas  Ungnad.  Hermann  von  Köln  an  Kf. 
Febr.  25,  Loc.  10673  „Schriften“,  Or.  Kf.  an  Hermann  März  4,  ebenda,  Konz., 
an  Ferd.  ebenda,  ,Jrrungen“,  Kopie,  an  Hofmann  Loc.  10673  „Acta,  die  Ab- 
fertigung und  Handlung  . . . 1535/36“,  Reinentw. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  dee  VertiauenB  1532 — 1536. 


55 


der  König  im  Februar  einige  weitere  Versuche  machte,  das  Ziel  zu 
erreichen '). 

Bald  aber  kam  dann  der  Ostertermin  so  nahe,  daß  sich  Johann 
Friedrich  über  die  Politik,  die  er  weiter  einschlagen  wollte,  klar 
werden  mußte.  Aus  einer  eigenhändigen  Aufzeichnung  des  Kurfürsten 
können  wir  uns  über  seine  Erwägungen  unterrichten.  Er  legte  sich 
vor  allem  die  Frage  vor,  ob  er  sich  auf  eine  Fortdauer  des  Vertrages 
unter  den  bisherigen  Bedingungen  einlassen  oder  neue  Forderungen 
stellen  solle.  Der  zweite  Weg  schien  ihm  der  empfehlenswertere, 
denn  er  hatte  aus  dem  bisherigen  Benehmen  des  Königs  den  Eindruck 
gewonnen,  daß  dieser  überhaupt  nicht  ernstlich  an  die  Ausführung 
des  Vertrages  denke,  außerdem  glaubte  er  bei  Wiederaufnahme 
der  Verhandlungen  noch  manche  neue  Forderung  durchsetzen  zu 
können,  so  die  schon  in  Kadan  erhobene,  daß  die  Beschränkung 
der  Dauer  des  Friedens  auf  die  Zeit  bis  zu  einer  Reichsversamm- 
lung aufgehoben  würde,  und  die  andere,  daß  nicht  zwei  oder  drei 
Könige  nacheinander  aus  einem  Hause  gewählt  werden  dürften. 
Ferner  wollte  der  Kurfürst  seine  Privatangelegenheiten:  die  Be- 
stätigung der  Jülichschen  Heirat,  die  Lehnserteilung,  die  Bezahlung 
der  gesamten  Schuld  in  bar,  mehr  in  den  Vordergrund  stellen  und 
die  Annahme  des  Königs  von  ihrer  Erfüllung  abhängig  machen. 
Er  war  sich  klar  darüber,  daß  alle  diese  Wünsche  jetzt  noch 
schwerer  als  vor  einem  Jahre  zu  erreichen  sein  würden,  nachdem 
sich  der  Landgraf  auf  seiner  Wiener  Reise  in  die  Dienste  des 
Königs  begeben  hatte,  aber  er  rechnete  doch  noch  mit  dem  Wieder- 
aufleben des  Wahlbundes  und  vertraute  im  übrigen  auf  Gottes 
Hilfe  in  seiner  gerechten  Sache,  .\lles  das  waren  aber  nur  Even- 
tualerwägungen für  den  Fall,  daß  es  zu  neuen  Verhandlungen  käme. 
Den  ersten  Schritt  dazu  mußte  nach  der  Ansicht  Johann  Friedrichs 
jedenfalls  die  Gegenpartei  tun’). 

1)  Ferd.  an  Oeorg  Okt.  29,  Loc.  10673  „Irrungen“  . . . 1534/35“,  Or. 
Albrecht  an  Georg  Nov.  16,  ebenda,  Or.  Instruktion  für  die  Oes.  der  Vermittler 
Karlowitz  und  Türk  an  Kf.  Dez.  24,  ebenda,  Konz.  Memorial  und  Verzeichnis 
der  Antwort  des  Kf.  Dez.  29,  ebenda,  Kopie.  Karlowitz  an  Georg  1535  Jan.  3,  Or. 
Instruktion  für  Ges.  der  Vermittler  an  Ferd.  Jan.  11,  Kopie.  Ferd.  an  Georg 
Jan.  19,  Or.,  alles  ebenda.  Hofmann  an  Kf.  Jan.  21,  Loc.  10673  „Schriften 
. . .",  Or. 

2)  Bedenken  des  Kf.  vom  28.  März  1535,  Loc.  10674  „erstes  Buch  der 
Handlung  zu  Wien“,  eigenh.  Aehnlich  am  31.  März  an  Gf.  Neuenahr,  Reg.  C. 
No.  345,  Bl.  29/30,  l^inentw. 


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56 


Kapitel  I. 


Auch  Ferdinand  scheint  sich  darflber  klar  gewesen  zu  sein  und 
tat  ihn  durch  einen  Brief  an  den  Kurfürsten  vom  2.  April.  Er 
suchte  darin  natürlich  wieder  zu  beweisen,  daß  er  sein  möglichstes 
für  die  Ausführung  des  Friedens  getan  habe,  nnd  befand  sich 
dabei  insofern  in  einer  günstigen  Lage,  als  er  mitteilen  konnte, 
daß  er  vom  Kaiser  Vollmacht  für  die  Erteilung  der  Lehen  an  den 
Kurfürsten  und  seinen  Bruder  Johann  Ernst  erhalten  habe^). 
Durch  die  Vermittler  suchte  er  außerdem  vom  Kurfürsten  die  Ei^ 
Streckung  des  Termins  in  der  Wahlfrage  bis  Michaelis  zu  erlangen  *). 
Wenn  Johann  Friedrich  sich  dem  gegenüber  sehr  unzugänglich 
zeigte,  so  wird  das  gewiß  zum  Teil  daran  gelegen  haben,  daß  er 
durch  Hartnäckigkeit  weitere  Zugeständnisse  zu  erhalten  hoffte, 
außerdem  aber  wirkte  mit,  daß  er  inzwischen  sowohl  zu  dem 
Kurfürsten  von  Mainz  wie  zu  Herzog  Georg  in  einen  scharfen 
Gegensatz  geraten  nnd  ihre  Vermittlung  ihm  infolgedessen  jetzt 
wenig  sympathisch  war®).  Aber  auch  eine  direkte  Verhandlung 
mit  Ferdinand  hielt  er  für  unmöglich,  da  er  von  Ostern  an  diesem 
nicht  mehr  den  Titel  eines  römischen  Königs  geben  zu  können 
glaubte.  Andererseits  schien  es  aber  dem  Kurfürsten  doch  auch 
wieder  nicht  ratsam,  die  Unterhandlung  ganz  zum  Stocken  kommen 
zu  lassen,  besonders  da  er  sich  überzeugen  mußte,  daß  der  Wahl- 
bund vöUig  aufgelöst  sei,  und  da  ihm  die  Wiener  Verhandlungen 
des  Landgrafen  sehr  verdächtig  waren*).  Da  bot  die  jetzt  von 
den  Habsburgern  in  Aussicht  gestellte  Lehnsverleihung  nnd  das 
gute  Verhältnis  des  Kurfürsten  zu  dem  königlichen  Rat  Hans 

1)  Loc.  10673  „Schriften  zwischen  dem  Erzbischof  . . .“,  Or. 

2)  Ferd.  an  Albrecht  nnd  Georg  April  2,  Loc.  10673  „Irrungen  zwischen 
dem  römischen  König  . . Kopie. 

3)  KL  an  Wilhelm  von  Nassau  April  18,  Loc.  10673  „Akten,  die  Abferti- 
gung . . . 1535/36“,  Konz.  Instruktion  von  Albrecht  und  Georg  für  Ges.  an  Kf. 
Mai  3,  ebenda  „Schriften“,  Or.  Antwort  des  Kf.  vom  12.  Mai,  ebenda  „Irrungen“, 
Kopie.  Die  Vermittler  an  Ferd.  Mai  20,  ebenda,  Konz. 

4)  lieber  die  damalige  Haltung  des  Landgrafen  herrscht  noch  keine  volle 
Klarheit.  Der  Bericht  des  EIrzbischofs  von  Lund  an  den  Kaiser  vom  8.  April 
(Lanz,  II,  S.  173.  176;  vergl.  Hasenclever,  II,  S.  33)  stimmt  nicht  recht 
überein  mit  Philippe  Mitteilungen  an  Joh.  Friedrich.  (Instruktion  für  Feige 
April  12,  Beg.  H.  p.  92,  No.  38,  Bl.  64 — 67,  Or.  Ldgf.  an  Feige  April  13, 
P.  A.  Sachsen,  Emeet.  Linie,  1535,  Or.  Antwort  des  Kf.  an  Feige  April  19, 
Beg.  H.  a.  a.  O.  Bl.  69 — 75,  Konz.)  Auch  die  Marburger  Akten  lösen  das  Dilemma 
nicht.  (P.  A.  römischer  König  1535.) 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauens  1532—1536.  57 

Hofmann ')  die  Möglichkeit,  doch  noch  einen  Weg  znr  Fortsetzung 
der  Verhandlungen  zu  finden.  Hans  Ton  Dölzig  wurde  am  19.  Mai 
an  Hofmann  gesandt.  Anknflpfend  an  die  letzte  Werbung  der 
Vermittler  sollte  er  erklären,  daß  der  Kurfttrst  znr  Erstreckung 
des  Termins  bereit  sei  unter  der  Voraussetzung,  daß  ihm  eine  ge- 
Bflgende  Versicherung  für  die  Zeit  nach  Ablauf  dieser  Frist  gegeben 
werde  und  daß  seine  privaten  Beschwerden  erledigt  würden.  Für  die 
Verhandlungen  über  beide  Punkte  durfte  Dölzig  drei  verschiedene 
Wege  zur  Auswahl  vorschlagen*).  Hofmann  wählte  natürlich  den, 
bei  dem  der  Kurfürst  am  weitesten  entgegenkam  nnd  der  zugleich 
der  einfachste  war.  Danach  wurde  die  Erörterung  der  sächsischen 
Beschwerden  anf  die  Zeit  verschoben,  wenn  Johann  Friedrich  zum 
Lehnsempfang  mit  dem  König  zusammenkäme,  und  über  die  Ver- 
sicherung eine  sofortige  Verhandlung  zwischen  den  beiden  Räten 
begonnen,  üren  Wortlaut  festzusetzen,  hat  noch  große  Schwierig- 
keiten gemacht.  Erst  nachdem  Dölzig  im  Juli  noch  einmal  heim- 
gekehrt war  und  neue  Befehle  vom  Kurfürsten  erhalten  hatte,  gelang 
es  am  4.  August,  eine  beiden  Teilen  genehme  Fassung  zu  finden. 

In  diesem  Vertrage*)  erklärte  sich  Johann  Fiiedrich  bereit, 
zwischen  Michaelis  nnd  Martini  zum  Könige  nach  Wien  zu  kommen. 
Dort  sollte  dann  über  die  Frage  der  Regalien,  die  Erklärung  der 
goldenen  Bulle  und  über  die  anderen  .\rtikel,  besonders  auch  die 
im  kadanischen  Vertrage  genannten  Beschwerden  des  Kurfürsten 
gehandelt  werden.  Während  dieser  Zeit  und  bis  zu  seiner  Heim- 
kehr wollte  Johann  Friedrich  den  König  anerkennen  und  ihm  Ge- 
horsam leisten.  Diese  Verlängerung  des  Termins  sollte  ihm  aber 
an  seinen  Rechten  nicht  nachteilig  sein,  wenn  man  sich  in  Wien 
nicht  einigte,  es  sollte  vielmehr  dann  bei  dem  Artikel  des  Kadaner 
Vertrages  bleiben,  daß  beide  Teile  sich  gegeneinander  an  Gleich 
und  Recht  genügen  lassen,  d.  h.  nichts  Feindseliges  gegeneinander 
unternehmen  wollten  *).  Alle  definitiven  Entscheidungen  waren  damit 


1)  Hofmann  an  KL  April  28,  Loc.  10673  „Bchriften“,  Or. 

2)  Instruktion  für  Dölzig,  Loc.  10673  „Acta,  die  Abfertigung  und  Hand- 
lung“. Winckelmann,  ZKG.  XI,  S.  229. 

3)  Streng  genommen  ist  es  nur  eine  Erklärung  des  Königs. 

4)  Berichte  Dölzigs  und  Weisungen  dee  Kurfürsten  an  ihn  in  Loc.  10673 
.Acta,  die  Abfertigung  . . . 1535/36“.  Ebenda  die  Akten  der  Verhandlungen, 
Korrespondenzen  mit  Hofmann,  die  neue  Instruktion  für  Dölzig  vom  18.  Juli 
und  die  schliefiliche  Erklärung  des  Königs  vom  4.  August  Vergl.  auch  Kf.  an 


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58 


E^)itel  I. 


auf  die  Wiener  Reise  des  Kurfürsten  verschoben.  Dieser  war  aber 
mit  dem  Erreichten  zufrieden  und  blickte  hoffnungsvoll  in  die  Zu- 
kunft*). Schon  im  August  finden  wir  ihn  mit  den  Vorbereitungen 
für  die  Reise  beschäftigt.  Da  diese  nun  aber  auch  für  die  Ange- 
legenheiten des  schmalkaldischen  Bundes  von  Bedeutung  geworden 
ist,  werden  wir  gut  tun,  zunächst  deren  Gestaltung  bis  zum  Herbst 
1535  zu  verfolgen.  — 

Wir  müssen  da  an  die  Beschlüsse  des  Nürnberger  Bundestages 
anknüpfen.  Das,  was  dort  über  das  Kammergericht  beschlossen 
worden  war,  scheint  nicht  so  recht  zur  Ausführung  gekommen  zu 
sein,  wohl  weil  es  nach  dem  Kadaner  Frieden  als  überholt  er- 
schien. Man  mußte  zunächst  abwarten,  wie  weit  Ferdinand  seine 
in  diesem  übernommenen  Verpflichtungen  erfüllte.  Wir  sahen 
schon,  daß  dies  in  bezug  auf  die  Prozesse  nur  mangelhaft  der 
Fall  war.  Die  Gefahr  blieb  bestehen,  daß  das  Gericht  einmal  trotz 
aller  Rekusationen  der  Protestanten  in  einer  von  diesen  als 
Religionssache  betrachteten  Angelegenheit  zur  Exekution  schritte, 
und  man  mußte  Beschlüsse  darüber  fassen,  wie  man  sich  dann 
verhalten  wollte.  Dies  war  einer  der  Gründe,  weshalb  schon  seit 
1534  besonders  von  den  oberdeutschen  Städten  eine  neue  Bundes- 
versammlung warm  befürwortet  wurde.  An  Bedeutung  wurde  die 
Frage  der  Prozesse  allerdings  jetzt  mehr  und  mehr  übertroffen 
von  der  nach  der  Erneuerung,  Verbesserung  und  Erweiterung  des 
Bundes.  Diese  verschwindet  seit  dem  Nürnberger  Tage  nicht  mehr 
aus  den  Korrespondenzen  der  Verbündeten,  und  es  ist  kein 
Zweifel,  daß  der  Kurfürst  dabei  ein  stark  retardierendes  Moment 
gebildet  hat.  Er  wurde  dabei  zunächst  von  den  bisherigen  Er- 
fahrungen beeinflußt;  die  Schwierigkeiten,  die  man  besonders  mit 
den  sächsischen  Städten  gehabt  hatte,  ließen  ihm  die  Nützlichkeit 
der  Aufnahme  neuer  Mitglieder  zweifelhaft  erscheinen*).  Manchen 
Ständen  gegenüber  wurde  seine  Abneigung  verstärkt  durch  Zweifel 
an  ihrer  Rechtgläubigkeit,  ein  Moment,  das  besonders  für  Augs- 
burg in  Frage  kam  und  erst  allmählich  beseitigt  werden  konnte*). 

Brück  Juli  20,  Heg.  D.  No.  73,  Bl.  11/12,  Beinentw.  Winckelmann,  ZKG., 
XI,  8.  229  f. 

1)  Au  Of.  Neuenahr  Aug.  15,  Loc.  10674,  erstee  Buch,  Handlung  zu  Wien. 

2)  An  Emet  von  Lüneburg  1534  Juli  26:  „weil  wir  die  jhar  her  allerlei  be- 
funden“, Beg.  N.  No.  1038,  Konz. 

3)  An  Brück  Aug.  31,  Beg.  H.  p.  90,  No.  36,  Bl.  42/43.  Brück  bemühte 
sich,  dieee  Bedenken  zu  zerstreuen,  an  Kf.  Sept.  1,  ebenda.  Bl.  44  L Kf.  an  Ldgf. 


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Bond  and  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauens  1532—1536.  59 

Als  Hauptgrund  für  die  Schwierigkeiten,  die  Johann  Friedrich 
machte,  werden  wir  aber  doch  wohl  seine  Gewissenhaftigkeit  an- 
zusehen haben.  Er  wollte  seinerseits  streng  an  den  Bestimmungen 
des  Nürnberger  und  Kadaner  Friedens  festhalten  und  deswegen 
nach  wie  vor  nur  solche  Stände  in  den  Bund  aufhehmen,  die  mit 
im  Frieden  begriffen  waren,  wie  Markgraf  Georg  und  Nürnberg. 
Nur  wenn  Ferdinand  ausdrücklich  seine  Zustimmung  dazu  gab,  war 
er  geneigt,  weiter  zu  gehen  ‘).  Zur  Verlängerung  und  Keform  des 
Bundes  war  er  wohl  an  sich  bereit,  es  scheint  aber,  als  habe  er 
den  dafür  nötigen  Bundestag  absichtlich  etwas  hinausgeschoben, 
um  Erörterungen  über  die  Aufnahme  neuer  Mitglieder  zu  ver- 
meiden und  erst  mit  dem  Könige  ins  reine  zu  kommen’). 

Der  Kurfürst  hat  durch  seine  etwas  allzu  korrekte  Haltung 
nun  aber  das  höchste  Mißfallen  seiner  Verbündeten  erregt.  Die 
Oberländer  dachten  stark  daran,  ohne  ihn  einen  neuen  Bund  mit 
dem  Landgrafen  und  Württemberg  zu  schließen’),  und  auch  der 
Landgraf  benutzte  diesen  Gedanken  wenigstens  als  Pressions- 
mittel*). Tatsächlich  mag  die  Gefahr  der  Isolierung  es  gewesen 

Sept.  3,  Neudecker,  Urk.  245 — 249.  Erklämng  de«  Kf.  gegenüber  einem 
ulmischen  Gesandten  Sept.  11,  Reg.  H.  a.  a.  O.  BI.  51  f.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  29, 
ebenda  Bl.  72f.,  ür.  Vergl.  Seckendorf,  III,  S.  87.  Rommel,  II,  S.  347. 
Noch  am  2.  Sept  1535  waren  die  Bedenken  des  Kf.  wegen  Augsburgs  nicht  ganz 
gewichen,  wie  seine  Antwort  auf  eine  Werbung  Alexanders  von  der  Thann  und 
Nufipickers  zeigt,  Reg.  H.  p.  92,  No.  .38,  Bl.  118—134,  P.  C.  II,  298  f.  Erst  als 
dann  an  Luther  befriedigende  Briefe  aus  Süddeutschland  kamen,  fügte  sich  wohl 
auch  der  Kf.  Enders  X,  S.  234 f. 

1)  Kf.  an  Ldgf.  1534  Sept  2.  Antwort  an  Thann  und  NuQpicker  1535 
Sept.  2.  Siehe  die  vorige  Anm.  Wie  eine  Instruktion  des  Kf.  für  Melchior  von 
Creitzen,  seinen  Assessor  am  Kammergericht,  zeigt,  wollte  er  auch  gegen  die  nicht 
im  Stilbtand  begriffenen  Stände  Prozesse  in  Religionssachen  nicht  einfach  zu- 
lassen, sondern  sie  vor  das  Konzil  weisen,  da  sie  vor  das  weltliche  Gericht  nicht 
gehörten  (1534  Okt.  3,  Reg.  H.  p.  86,  No.  32,  Bl.  104/5), 

2)  Die  Verhandlungen  über  den  zu  berufenden  Bundestag  kann  man  ver- 
folgen nach  P.  C.  II,  227,  No.  246.  250,  S.  241  f.  244  f.  Kf.  an  Ldgf.  1534  Dez.  16, 
Rq;.  H.  p.  90,  No.  36,  Bl.  63 — 65.  P.  C.  II,  S.  254,  Anm.  2.  Neudecker, 
Aktenst,  8.  96  ff.  Ldgf.  an  Kf.  Juni  13,  Reg.  H.  p.  94,  No.  39,  Bl.  39,  Or.  P. 
C.  II,  289  f.  294.  295,  No.  321. 

3)  Vergl.  P.  C.  II,  244.  269,  No.  297.  301.  3ia  322. 

4)  Philipp  hat  in  der  mannigfaltigsten  Weise  auf  den  Kf.  zu  wirken  ge- 
sucht: persönlich  in  Fulda,  durch  Feige  im  April  1535,  durch  eine  Sendung 
Nordecks  Ende  Juni  1535  (R^.  A.  No.  253  und  Akten  in  Dresden),  durch  die 
Thanns  und  Nufipickere  Anfang  September,  durch  Hinweis  auf  den  kaiserlichen 


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60 


Kspitel  I. 


sein,  die  den  Widerstand  des  Knrfflrsten  allmählich  erlahmen  ließ, 
dazu  kam,  daß  die  weitere  Ausbreitung  der  Reformation  auch  in 
Norddeutschland  Aussichten  für  die  Erweiterung  des  Bundes  er- 
öffhete,  die  auch  ihm  sehr  erwünscht  schienen*).  Endlich  über- 
zeugte er  sich  in  Wien  davon,  daß  Ferdinand  einer  Ausdehnung 
des  Bundes  schwerlich  Widerstand  entgegensetzen  werde*).  Denn 
wenn  auch  schon  vor  der  Wiener  Reise  der  Kurfürst  sich  den 
Wünschen  seiner  Verbündeten  zugänglicher  zeigte  ®),  wirklich  nach- 
gegeben hat  er  erst  nach  ihr. 

Die  Einladungen  zur  Teilnahme  an  dieser  Reise  ließ  Johann 
Friedrich  zum  Teil  schon  im  August  ergehen,  da  manche,  deren 
Begleitung  er  wünschte,  wie  Wilhelm  von  Nassau  und  Wilhelm 
von  Neuenahr,  nicht  so  mir  nichts  dir  nichts  abkommen  konnten*). 
Im  ganzen  wurden  300  Reisige,  darunter  drei  Fürsten  und  zwölf 
Grafen,  mitgenommen,  von  Räten  z.  B.  der  Kanzler  Beyer  und 
Magister  Burchard,  von  Predigern  Agricola  und  Spalatin^).  Bei 
einem  so  großen  Gefolge  war  es  nicht  verwunderlich,  daß  in  einer 
Rede,  die  dem  Hofgesinde  etwa  am  7.  Oktober  gehalten  wurde, 
genaue  Vorschriften  über  die  zu  befolgende  Zugordnung  und  über 
die  einzuhaltende  Mannszucht  erlassen  wurden*). 

Als  den  eigentlichen  Hauptzweck  der  kostspieligen  Reise  dürfen 
wir  wohl  die  Empfangung  der  Lehen  bezeichnen.  Sie  vollzog  sich 

nennjährigeD  Bund,  der  durch  AnachluQ  der  Städte  zu  einem  neuen  schwäbischen 
Bunde  werden  könne  (Ldgf.  an  Kf.  1534  Dez.  13,  Reg.  H.  p.  90,  No.  36, 
BI.  59.  62,  Or.).  Eindruck  auf  Johann  Friedrich  wird  wohl  höchstens  die  Gefahr 
der  Isolierung  gemacht  haben. 

1)  Vor  allem  mag  der  Uebertritt  der  Bezöge  von  Ponunern  und  ihre  Bitte 
um  Aufnahme  in  den  Bund  wirksam  gewesen  sein.  Seckendorf,  III,  8.  141. 
Antwort  des  Kf.  an  die  pommerschen  Gesandten  Ang.  24,  Reg.  H.  p.  101,  No.  43. 
Vergl.  jetzt  Hel  mg,  Balt.  8t.,  N.  F.  X,  8.  15  ff. 

2)  Darauf  legt  Hasenclever,  I,  S.  110  Wert. 

3)  Besonders  gegenüber  Thann  und  NuBpicker  betonte  er  schon  Anfang 
September,  daß  er  sich  nie  unbedingt  gegen  die  Erweiterung  ausgesprochen  habe, 
sondern  nur  gewünscht  habe,  daß  die  Saehe  bis  zum  Bundestage  und  zu  einem 
einmütigen  Beschluß  verschoben  werde.  Reg.  H.  p.  92,  No.  38,  Bl.  118 — 34, 
P.  C.  II,  298  f. 

4)  An  Wilhelm  von  Neuenahr  Aug.  15,  Loc.  10674  „Erstes  Buch,  Hand- 
lung zu  Wien.“  An  Wilh.  v.  Nassau  Aug.  15,  ebenda. 

5)  Einladung  an  Agricola  Sept.  18,  ZKG.  IV,  H.  306,  über  Spalatin  siebe 
Drews  in  ZKG.  XIX,  8.  508f.  Berbig,  QuD.  V,  8.  25  f.  Vergl.  im  übrigen 
Winckelmann,  ZKG.  XI,  8.  230. 

6)  „Vorhaltung  dem  Hofgesinde  geschehen“,  Loc.  10674  a.  a.  O.,  Konz. 


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Bond  and  Reich:  Die  Jahre  des  Vertraaens  1532 — 1536. 


61 


ohne  größere  Schwierigkeiten ').  Uns  interessieren  mehr  die  sonstigen 
Verhandlungen,  doch  ist  es  kaum  möglich,  sich  ein  klares  Bild  von 
ihrem  Verlauf  zu  machen.  Der  Kurfürst  hatte  sich  nach  seiner 
Art  vorher  Aufzeichnungen  über  die  „Mittel  und  Wege“  für  die 
Handlang  gemacht.  Sie  liegen  wohl  auch  einer  Denkschrift  zu- 
grunde, die  von  sächsischer  Seite  am  Anfänge  überreicht  wurde. 
Eine  nicht  gerade  sehr  entgegenkommende  Antwort  des  Königs  war 
die  Folge.  Daran  schlossen  sich  dann  Verhandlungen  königlicher 
Räte,  vor  allem  Leonhards  von  Fels  und  Hans  Hofmanns  mit  dem 
Kuifürsten,  und  an  sie  wieder  reihten  sich  langwierige  Disputationen 
Johann  Friedrichs  mit  Hofmann  allein  über  die  Prozesse  und  die 
Wahlfrage,  aber  auch  über  die  Privatangelegenheiten  des  Kur- 
fürsten. Auch  schriftliche  Gutachten  wurden  noch  ausgetauscht. 
Zum  Teil  hat  an  diesen  Verhandlungen,  besonders  denen  über  die 
jülicbsche  Heirat,  auch  der  kaiserliche  Orator,  der  Erzbischof  von 
Lund,  teilgenommen.  Hierbei  wurden  die  in  den  Friedenstext  mit- 
anfgenommenen  acht  kaiserlichen  Forderungen  aufgestellt  Der 
Kurfürst  erteilte  eine  zum  Teil  auf  eigenhändigen  Aufzeichnungen 
beruhende  Antwort,  und  sie  blieb  wieder  von  königlicher  Seite  nicht 
unerwidert.  Verbunden  mit  diesen  Verhandlungen  wurden  solche  über 
einen  Bund  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  König  und  eine  Erb- 
einigung zwischen  dem  Kurfürsten,  falls  er  oder  seine  Nachkommen 
Jülich-Cleve  einmal  bekämen,  und  den  burgundischen  Ländern.  Bis 
zum  20.  November  war  man  sich  so  weit  nahegekommen,  daß  der  Ab- 
schluß der  verschiedenen  Verträge,  auf  die  man  sich  geeinigt  hatte, 
erfolgen  konnte,  nur  die  Bemühungen,  den  kaiserlichen  Orator 
für  den  Kurfürsten  zu  gewinnen,  wurden  noch  fortgesetzt*). 


1)  VergL  Bader,  Nachricht  vod  der  Belehnung  CharfOrat  Johann  Fried- 
richs zu  Sachsen  . .,  Jena  1755. 

2)  Ich  gebe  den  vorhandenen  Aktenstücken  folgende  Reihenfolge:  I.  Un- 
geferliche  bedenken,  auf  was  mittel  und  wege  mit  dem  konick  Ferdinandus  zu 
handellen  sein  wolt,  eigenh.  Aufzeichnung  des  Kf.  II.  Verzaichnus  unser  hz. 
Johann  Friderichs  . . . unerledigte  artikel  etc.,  Reinschrift.  III.  Ungeferlich  ver- 
zaichnuB,  was  von  w^en  Böm.  Kön.  M‘.  uf  . . des  kfen.  zu  Sachsen  . . beechwe- 
rnngen  . . zu  antwort  gefallen  ist.  IV.  Ein  Stück  beginnend:  darauf  ist  von 
wegen  unsers  gnedigsten  hn.  diese  furwendung  beschehen ; protokollartig.  V.  Nov.  5. 
Ungeferlich  verzaichnus  der  rede  und  handelung,  so  der  Kf. . . . mit  Hansen  Hoff- 
mann  . . . gehabt.  Protokoll  mit  eigenh.  Korrekturen  des  Kf.  Dazu  einige  in 
den  nächsten  Tagen  erfolgende  Wechselschriften.  VI.  Nov.  8.  Des  kf.  zu  Sachsen 
fuTBchlagk  in  Sachen  den  stilstand  in  der  religionsachen  belangend.  VII.  Ein  Stück 


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62 


Kapitel  I. 


Gehen  wir  etwas  auf  Einzelheiten  ein,  so  begann  Johann  Fried- 
rich die  Verhandlungen  mit  denselben  Gedanken,  die  er  schon 
Ostern  geäußert  hatte,  daß  man,  da  weder  der  NOruberger  noch 
der  Kadaner  Friede  erfüllt  sei,  ganz  von  neuem  anfange  und  daß 
von  seiner  Seite  daher  neue  Forderungen  aufgestellt  werden  könnten. 
Auch  die  Protestanten  waren  nach  seiner  Ansicht  an  die  Beschrän- 
kungen des  Nürnberger  Friedens  nicht  mehr  gebunden  und  konnten 
andere  Glaubensgenossen  in  ihr  Bündnis  ziehen  ^).  Die  erste  neue 
Forderung,  die  er  erhob,  war  daher  die,  daß  der  König  den 
Frieden  auch  auf  diese  Stände,  ja  sogar  auf  die  später  noch  über- 
tretenden ausdehnen  solle.  Zweitens  holte  der  Kurfürst  den  schon 
in  Kadan  geäußerten  Wunsch  wieder  hervor,  daß  die  Beschränkung 
der  Dauer  des  Fliedens  bis  zum  nächsten  Reichstag  fallen  ge- 
lassen werde. 

Auf  königlicher  Seite  war  nun  aber  nicht  die  geringste  Neigung 
vorhanden,  irgend  welche  neuen  Zugeständnisse  zu  machen.  Man 
leugnete  jede  Schuld  an  der  Nichtausführung  des  Kadaner  Friedens 
und  glaubte  daher  auch  zu  keinem  weiteren  Entgegenkommen  ver- 
pflichtet zu  sein.  Dagegen  scheute  man  sich  nicht,  Weisungen  des 
Kaisers  folgend,  die  Erfüllung  der  speziellen  Wünsche  des  Kur- 
beginnend ; dan  erstlich  Ut  zu  besorgen.  Darin  werden  die  Gefahren  auseinander- 
geeetzt,  die  es  haben  würde,  wenn  an  der  Forderung  des  Kf.  über  die  Verände- 
rung der  goldenen  Bulle  die  Einigung  scheiterte.  VIII.  Eine  Mitteilung  Hof- 
manns,  die  die  kaiserlichen  Forderungen  enthält.  IX.  Eigenhändige  Bemerkungen 
Johann  Friedrichs  dazu.  I — IX  in  Loc.  10674,  .erstes  Buch  Handlung  zu  Wien*. 
X.  Ausführliche  Antwort  auf  die  kaiserlichen  Artikel:  kurze  und  ungeferliche 
verzaichnus,  worauf . . des  kfen  . . antwurt  der  artikel  des  Gulichschen  heirats  be- 
stettigung  halben  ubergeben,  stehen  mocht  XI.  Ungeverlicher  bericht,  wes  sich 
die  königischen  uf  unsers  gnsten.  hn.  gegeben  antwurt . . haben  vememen  lassen. 
XII.  Ungeferliche  vorschlege,  welcher  gestalt  sich  der  kf.  zu  Sachsen  mit  Böm. 
kais.  M>.  der  Niderburgundischen  lande  halben  . . in  erbveranung  einlassen  will. 
X— XII  ln  Reg.  E.  p.  44,  No.  93.  XIII.  Der  Wiener  Friede.  Gedruckt  bei 
Winckelmann,  ZKG.XI,  S.  245  — 252.  XIV.  Der  fünfjährige  Bund  mit  Ferdinand 
vom  20.  Nov.,  Loc.  10674  .Handlung  zu  Wien".  XV.  Beredung  und  Vergleichung 
zwischen  den  burgundischen  Landen  und  dem  Kf.,  Reg.  H.  p.  99,  No.  42,  vol.  IV, 
Konz.  XVI.  Ein  Stück;  nachfolgende  artickel  sollte  der  orator  der  kais.  M'.  persön- 
lichen bei  kais.  M>.  handelten  . . .,  eigenh.  Aufzeichnung  des  Kf.,  Loc.  10674 
a.  a.  O.  XVII.  Neuenahr  an  Kf.  Nov.  29,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55,  Or. 

1)  Auch  dieser  Gedanke  mag  mitgewirkt  haben,  wenn  der  Kurfürst  der  Er- 
weiterung des  Bundes  allmählich  geringeren  Widerstand  leistete,  doch  hielt  er  im 
allgemeinen  an  der  Gültigkeit  des  Nürnberger  Friedens  fest. 


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Band  und  Bach:  Die  Jahre  dee  Vertraaene  1532—1536. 


63 


fflrsten,  wie  den  der  Bestätigung  der  jUlichschen  Heirat,  an  aller- 
hand Bedingungen  zu  knüpfen. 

Als  eine  Hauptforderung,  die  man  an  den  Sachsen  richten 
müsse,  hatte  Earl  schon  in  einem  Briefe  an  seinen  Bruder  vom 
27.  September  das  Versprechen,  dem  Konzil  zu  gehorchen,  be- 
zeichnet*). Diese  kehrte  jetzt  als  erste  der  zu  erfüllenden  Be- 
dingungen wieder.  Daran  schloß  sich  die  Verpflichtung,  keine 
religiöse  Neuerung  über  die  Augsburgische  Konfession  hinaus  vor- 
zunehmen, dagegen  bei  der  Ausrottung  der  Wiedertäufer  und 
anderer  nnchristlicher  Sekten  zu  helfen.  Der  Kurfürst  sollte  ferner 
eine  Offensiv-  und  Defensivhilfe  gegen  den  König  von  Frank- 
reich auf  sich  nehmen.  Mit  einer  gewissen  Naivität  verlangte  Karl 
weiterhin  von  ihm  die  unbedingte  Anerkennung  Ferdinands  als 
römischen  Königs.  Daran  sollte  sich  das  Versprechen  schließen,  nichts 
gegen  die  österreichischen,  burgundischen  und  niederländischen 
Gebiete  der  Habsburger  zu  unternehmen  und  sich  ihrer  Untertanen 
in  Sachen  des  Glaubens  nicht  anzunehmen,  noch  sie  an  sich  zu 
ziehen.  Des  weiteren  sollte  Johann  Friedrich  sich  verpflichten, 
dem  Herzog  von  Geldern  nicht  gegen  den  Kaiser  zu  helfen  und 
ebensowenig  denen,  die  etwa  den  Kaiser  angreifen  würden,  wenn 
dieser  sich  erst  im  Besitz  Geldems  befände.  Endlich  sollte  der 
Kurfürst  eine  Versicherung  ausstellen,  nach  der  die  Heiratsbestäti- 
gung  ungültig  sein  sollte,  wenn  er  irgend  einen  dieser  Artikel  nicht 
vollziehe  oder  ihm  zuwiderhandle. 

Johann  Friedrich  hat  von  diesen  Forderungen  ohne  Bedenken 
angenommen  die,  die  sich  auf  die  Neuerungen  im  Glauben  bezog, 
denn  solche  lagen  ihm  ja  so  wie  so  gänzlich  fern,  und  die  über 
Geldern,  dessen  weitere  Schicksale  sich  damals  ja  noch  nicht  voraus- 
sehen ließen.  Auch  der  Artikel  über  die  Wiedertäufer  war  dem  Kur- 
fürsten sympathisch,  doch  verpflichtete  er  sich  nur  zu  ihrer  Ver- 
tilgung in  seinen  eigenen  Landen.  Dem  über  die  Untertanen  der 
Habsburger  gab  er  einen  Zusatz,  durch  den  deren  Niederlassung 
in  seinem  eigenen  Gebiete  möglich  blieb.  Unsympathisch  war 
dem  ehrlichen  Wettiner  das  Verlangen,  daß  er  eine  besondere  Ver- 
schreibnng  ausstellen  sollte  für  den  Fall,  daß  er  irgend  eine  ein- 
gegangene Verpflichtung  nicht  erfülle,  er  verlangte,  daß  wenigstens 
erst  gerichtlich  erkannt  werden  müsse,  daß  er  einen  Artikel  nicht 
gehalten  habe.  In  der  Wahlfrage  verwies  er  einfach  auf  die  be- 

1)  Banmgartea,  III,  S.  266. 


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64 


K^pitd  I. 


sonderen  Verabredungen,  die  darüber  getroffen  seien.  Längere 
Verhandlungen  haben  über  die  Anerkennung  des  Konzils  und  über 
den  Dienst  gegen  Frankreich  stattgefunden.  Zunächst  war  der  Kur- 
fürst geneigt,  einfach  an  der  alten  Forderung  eines  freien  Christ^ 
liehen  Konzils  in  deutscher  Nation  festzuhalten.  Schließlich  hat  er 
dann  aber  doch  so  weit  nachgegeben,  daß  er  sich  bereit  erklärte, 
auch  das  jetzige  Konzil  zu  Mantua  zu  beschicken,  wenn  die  Majo- 
rität der  Kurfürsten  und  Fürsten  durch  Einzelverhandlungen  zu 
seiner  Annahme  bestimmt  werde.  Irgend  welche  Verpflichtung, 
den  Beschlüssen  des  Konzils  zu  gehorchen,  übernahm  er  aber  nicht 
Den  Dienst  gegen  Frankreich  suchte  Johann  Friedrich  anfangs  auf 
den  Fall  zu  beschränken,  daß  die  Herzogtümer  Jülich  und  Cleve 
wirklich  an  ihn  gefallen  seien.  Schließlich  hat  er  sich  dann  aber 
doch  zu  einem  Reiterdienst  gegen  Frankreich  mit  500  Pferden  auf 
5 Monate  bereit  erklärt.  Im  Zusammenhang  mit  diesem  Artikel 
scheint  dann  von  habsburgischer  Seite  der  Gedanke  einer  Erb- 
einigung zwischen  dem  Kurfürsten  und  den  burgundischen  Landen, 
für  den  Fall,  daß  jener  die  jülichschen  Gebiete  erbe,  geäußert 
worden  zu  sein“).  Er  fiel  beim  Kurfürsten  auf  einen  fruchtbaren 
Boden  und  führte  zu  einem  Vertrage,  über  den  noch  zu  sprechen 
sein  wird. 

Im  ganzen  wird  man  sagen  dürfen,  daß  Johann  Friedrich  den 
kaiserlichen  Forderungen  ganz  außerordentlich  weit  entgegenkam. 
Ferdinand  hatte  aber  keine  Vollmacht,  irgend  einen  der  kaiserlichen 
Wünsche  preiszugeben.  Er  konnte  daher  nur  die  Berichterstattung 
an  den  Kaiser  übernehmen  und  versprechen,  bis  Martini  dessen 
Genehmigung  zu  erlangen.  Wenn  sie  ausblieb  und  es  infolgedessen 
nicht  zur  Heiratsbestätigung  kam,  so  sollte  auch  die  Anerkennung 
der  Wahl  Ferdinands  wieder  hinfällig  sein.  Um  nun  aber  für  einen 
solchen  Fall  nicht  ganz  umsonst  gearbeitet  zu  haben,  wurde  ver- 
abredet, daß  dann  doch  der  König  für  die  Zeit  von  seinem  Re- 
gierungsantritt an  dem  Kurfürsten  eine  Bestätigung  seiner  Heirat 


1)  Der  Oedanke  findet  eich  schon  in  dem  Briefe  der  Königin  Maria  an  Wil- 
helm von  Nassau  vom  1.  August  1Ö35  (Meinardus,  I,  2,  8.  347),  ja  schon  die 
Verhandlungen,  die  die  Grafen  von  Nassau  und  Neuenahr  Anfang  März  mit 
Johann  Friedrich  geführt  hatten,  waren  auf  ein  Bündnis  zwischen  dem  Kaiser, 
der  Königin,  den  Kurfürsten  von  Mainz  und  Sachsen  und  dem  Herzoge  von 
Jülich  hinausgolaufen  (Meinardus,  8.  335 — 340.  340 — 343.  343  f.).  Kf.  an  Of. 
Heinrich  März  5,  Beg.  C.  No.  32»  gibt  die  Datierung. 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  des  VertrauenB  1632 — 1536.  65 

ansstellen  sollte  and  daß  der  Kurfürst  von  diesem  Moment  an  dem 
König  gegenüber  zur  Einhaltung  jener  Artikel  mit  gewissen  kleinen 
Aenderungen  verpflichtet  sein  sollte.  Auch  die  Anerkennung  der 
Wahl  sollte  offenbar  in  diesem  Falle  in  Kraft  bleiben.  Alles  in 
allem  war  aber  doch  eine  Entscheidung  über  die  Heiratsbestätigung 
wieder  der  Zukunft  anheimgegeben. 

Nicht  besser  stand  es  in  der  Wahlfrage.  Johann  Friedrich  hat 
hier  in  bezug  auf  die  Erläuterung  der  goldenen  Bulle,  auf  die  er 
so  viel  Wert  legte,  anfangs  recht  weitgehende  Forderungen  aufge- 
stellt Da  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  eine  Zustimmung  der 
Kurfürsten  zu  den  geplanten  Zusätzen  kaum  zu  erwarten  war, 
dachte  er  jetzt  vor  allem  durch  kaiserliche  Gebote  und  vom  Kaiser 
festzusetzende  Strafen  gegen  jede  Uebertretung  der  bestehenden 
Bestimmungen  der  Bulle  zu  wirken.  Er  schlug  dabei  außerordent- 
lich drakonische  Strafen:  Verlust  der  Kur  für  den  Schuldigen  und 
seine  Nachkommen  und  sehr  hohe  Geldzahlungen  an  die  übrigen 
Kurfürsten,  vor.  Doch  glaubte  er  wohl  selbst  nicht  an  die  Er- 
füllung dieser  Forderungen  und  fügte  daher  gleich  einige  mildere 
Vorschläge  zu.  Geeinigt  hat  man  sich  schließlich  dahin,  daß  der 
König  versuchen  sollte,  bis  Martini  die  Zustimmung  der  anderen 
Kurfürsten  zu  den  geplanten  Veränderungen  der  Bulle  zu  erlangen. 
Gelang  das  nicht,  so  sollte  er  ebenfalls  innerhalb  dieser  Zeit  beim 
Kaiser  für  Kursachsen  eine  Urkunde  erwirken,  wonach  künftig 
auch  bei  römischen  Königswahlen  streng  nach  den  Vorschriften 
der  goldenen  Bulle  verfahren  werden  sollte.  Kurfürsten,  die  da- 
gegen verstießen,  sollten  für  ihre  Person  die  Kurgerechtigkeit 
verlieren,  ihre  Kur  sollte  neu  besetzt  werden.  Verletzte  die  Ma- 
jorität der  Kurfürsten  bei  der  Wahl  die  Bulle,  so  sollte  eine  solche 
Wahl  ungültig  sein.  Der  Kaiser  sollte  selbst  den  anderen  Kur- 
fürsten von  dieser  Urkunde  Mitteilung  machen;  wenn  er  es  nicht 
tat,  sollte  der  Kurfürst  von  Sachsen  das  Recht  dazu  haben.  In 
bezug  auf  die  vergangene  Wahl  Ferdinands  sollte  der  Kaiser  eine 
Verschreibung  ausstellen,  daß  sie,  obgleich  sie  ohne  Mitwirkung 
Sachsens  erfolgt  sei,  doch  dem  Wahlrecht  des  Kurfürsten  und 
seiner  Erben  nicht  nachteilig  sein  solle,  auch  sollte  er  dem  Kur- 
fürsten eine  Generalkonfirmation  ausstellen,  wie  sie  die  anderen 
Wähler  bei  der  Wahl  Ferdinands  erhalten  hätten.  Unter  diesen 
Bedingungen  erkannte  Johann  Friedrich  den  König  an  und  schloß 
zur  Verteidigung  der  Wahl  wie  die  anderen  Kurfürsten  ein  Bündnis 

Heiträ^c  xur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  Ö 


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66 


Kapitel  L 


mit  ihm*).  Wurden  aber  die  erwähnten  Bedingungen  bis  Martini 
nicht  erfüllt,  so  sollte  auch  die  Anerkennung  der  Wahl  wieder 
hinfällig  werden.  Der  Kurfürst  setzte  also  in  diesem  Punkte  seine 
Forderungen,  wenn  auch  in  abgeschwächter  Form,  durch.  Ihre  Er- 
füllung lag  aber  auch  erst  in  der  Zukunft. 

Wenden  wir  uns  zu  den  für  die  Protestanten  wichtigsten  Fragen 
nach  der  Einstellung  der  Kammergerichtsprozesse  und  der  Aus- 
dehnung des  Nürnberger  Friedens,  so  hat  Johann  Friedrich  es, 
wie  wir  sahen,  auch  hier  an  energischen  Forderungen  anfangs  nicht 
fehlen  lassen,  zunächst  aber  bei  der  Gegenpartei  gar  keinen  .\.n- 
klang  damit  gefunden.  In  den  Konferenzen,  die  er  mit  Hans  Hof- 
mann hatte,  kam  man  sich  dann  etwas  näher.  Es  gab  zwar  zu- 
nächst Debatten  über  die  Bedeutung  des  Wortes  „Mißverstand“  im 
Kadaner  Frieden,  doch  konnte  gegen  die  Erklärung  des  Kurfürsten, 
daß  damit  eben  die  Trennung  der  Glaubenssachen  und  der  Güter- 
sachen durch  das  Kammergericht  gemeint  sei,  schwerlich  irgend 
etwas  eingewendet  werden.  Was  die  beiden  neuen  Forderungen 
des  Sachsen  betraf,  so  machte  Hofmann  den  Vorschlag,  daß  der 
König  versuchen  solle,  die  Genehmigung  des  Kaisers  dazu  zu  er- 
langen. Einstweilen  sollte  er  dem  Kammergericht  befehlen,  mit 
den  Prozessen  in  Religionssachen  auch  gegen  die  nicht  im  Frieden 
begrift'enen  Stände  4 Monate  lang  stillzustehen,  auch  sonst  nichts 
Tätliches  gegen  sie  vorzunehmen,  bis  die  Antwort  des  Kaisers  da 
sei.  Ferdinand  scheint  aber  diesen  Vorschlag  nicht  angenommen 
zu  haben,  denn  in  dem  Vertrag  vom  20.  November  ist  ja  von  den 
neu  hinzugekommenen  Ständen  nicht  die  Rede.  Der  König  er- 
neuerte im  wesentlichen  nur  die  in  Kadan  übernommene  Verpflich- 
tung, doch  galt  sie  für  ihn  nur  bis  Martini  1536.  Er  wollte  sich 
aber  bemühen,  zu  erlangen,  daß  von  diesem  Termin  an  der  Kaiser 
für  Stillstand  der  Prozesse  bis  zum  Konzil  oder  zum  Reichstag 
sorge.  Wurde  eine  dieser  Bedingungen  nicht  erfüllt,  so  sollte  der 
Wahlprotest  des  Kurfürsten  wieder  auflebeu.  Das  war  ja  eben  das 
einzige  Pressionsmittel,  das  diesem  zur  Verfügung  stand  oder  das 
er  zur  Verfügung  zu  haben  glaubte.  Immerhin  kann  es  wunder- 
nehmen, daß  er  in  diesen  wichtigen  Fragen  nicht  hartnäckiger  war. 
Es  erklärt  sich  in  bezug  auf  die  Beschränkung  der  Dauer  des 

1)  Vergl.  Winckelmann,  S.  (H.  Der  inzwischen  vergangenen  Zeit  ent- 
sprechend nur  noch  auf  5 Jahre. 


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Bund  und  Seich  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  67 

Friedens  bis  zum  Reichstage  wohl  aus  der  Mitteilung  Hofmanns, 
daß  ein  Reichstag  vorläufig  nicht  zu  erwarten  sei  und  daß  er  nur 
mit  Zustimmung  der  protestantischen  Fürsten  stattfinden  werde, 
in  Bezug  auf  die  Ausdehnung  des  Friedens  aus  der  Befürchtung, 
daß  weiteres  Drängen  den  König  veranlassen  könne,  den  Pro- 
testanten die  Unterstützung  der  neu  Uebergetretenen  direkt  zu 
verbieten*).  Johann  Friedrich  war  aber  schon  entschlossen,  sich 
in  dieser  Frage  jetzt  den  Wünschen  seiner  Verbündeten  zu  fügen, 
sich  also  über  die  bisherigen  Bedenken  hinwegzusetzen. 

Es  ist  schwer,  sich  über  die  Motive,  die  den  Kurfürsten  beim 
Abschluß  des  Wiener  Vertrages  leiteten , klar  zu  werden.  Man 
könnte  denken,  daß  seine  Erfolge  in  seinen  persönlichen  Angelegen- 
heiten ihn  zur  Nachgiebigkeit  in  den  anderen  Fragen  bestimmt 
hätten.  Sie  waren  aber  dazu  eigentlich  nicht  groß  genug.  Er  erreichte 
allerdings  jetzt  die  Belehnung,  die  am  20.  November  erfolgte,  und 
zwar  als  Gesamtbelehnung,  da  für  die  Albertiner  Otto  von  Dieskau 
und  Hans  von  Schönberg,  allerdings  ohne  vom  Kurfürsten  eingeladen 
zu  sein,  teilnahmen ’).  Ferner  verpflichtete  sich  der  König  ähnlich 
wie  in  Kadan  zur  Bezahlung  der  Schuld.  Mit  Hilfe  der  Einkünfte 
des  Joachimstaler  Bergwerks  sollten  zu  jedem  Quatember  von  Luciä 
1535  an  2000  fl.  abgezahlt  werden.  Reichten  diese  Einkünfte  nicht,  so 
sollte  das  Hofzahlmeisteramt  die  Summe  ergänzen.  Auch  diese  Ver- 
pflichtung des  Königs  galt  aber  nur  für  den  Fall,  daß  der  Wiener 
Vertrag  in  bezug  auf  die  Wahlfrage  und  die  Heiratsbestätigung  er- 
füllt würde,  sonst  sollte  das  Geld  zurückgezahlt  werden  *).  Daß  die 
Heiratsbestätigung  noch  in  weitem  Felde  lag,  sahen  wir  schon.  Der 
Vertrag,  der  zwischen  dem  Kurfürsten  und  den  niederländisch- 
burgundischen  Landen  abgeschlossen  wurde,  konnte  kaum  als  Er- 
satz dafür  gelten.  Er  bestimmte  für  sofort,  daß  kein  Teil  wider 
den  anderen  Werbungen  in  seinem  Gebiet  gestatten  solle,  daß  es 
dagegen  jedem  Teile  erlaubt  sein  solle,  im  Gebiet  des  anderen  zu 

1)  Winckelmann,  ZKG.  XI,  S.  232/33.  P.  C.  II,  316t.  Vergl.  Egel- 
haaf,  II.  8.  291. 

2)  Daa  Benehmen  des  Kurfürsten  in  dieser  Frage  gegen  Georg  war  etwas 
sonderbar.  Dali  er  die  Gesamtbelehnung  direkt  habe  hintertreiben  wollen,  ist 
wohl  unwahrscheinlich,  jeder  Verkehr  war  aber  gerade  abgebrochen.  Vergl. 
8eidemann,  I,  8.  260.  Eine  Kechtfcrtigungsschrift  des  Kf.  vom  18.  Dezember 
in  Loc.  9629  „Kf.  Job.  Friedrich  zu  8achsen  . . . Belehnung  1535“. 

3)  Urkunde  vom  26.  November,  Or.  Weim.  Arch.,  Urk.  No.  1321 ; Kopie  in 
Loc.  10674  „Handlung  zu  Wien“. 

5* 


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68 


Kapitel  I. 


werben,  daß  die  Untertanen  beider  Teile  einen  „freien  Paß  in 
Hantierung  und  Gewerb“  haben,  auch,  wenn  nötig,  geleitet  und 
versichert  werden  sollten.  Daran  schloß  sich  dann  eine  Erbeinnng 
für  den  Fall,  daß  Jülich,  Cleve  und  Berg  an  den  Kurfürsten  und 
seine  Nachkommen  fielen.  Sie  lief  auf  eine  gegenseitige  Unter- 
stützung auf  4 Monate  hinaus,  bot  nur  die  Eigentümlichkeit,  daß 
Johann  Friedrich  1000  Pferde  und  2000  Landsknechte  zu  schicken 
hatte,  während  die  Niederlande  nur  zur  Stellung  von  500  Pferden 
und  1000  Knechten  verpflichtet  sein  sollten  ‘). 

Der  Kurfürst  mag  bei  seiner  Loyalität  auf  diese  Verbindung 
mit  den  Habsburgern  viel  Wert  gelegt  haben;  daß  sie  ihn  zur 
Nachgiebigkeit  in  anderen  Punkten  bestimmte,  scheint  mir  aber 
doch  unwahrscheinlich.  Das  Richtigste  wird  wohl  sein,  anzunehmen, 
daß  er  sich  davon  überzeugte,  daß  sich  nicht  mehr  erreichen  ließe, 
daß  er  von  Ferdinand  an  Hartnäckigkeit  übertroffen  wurde  und 
sich  daher  damit  begnügte,  eine  neue  Frist  zu  gewinnen,  und  im 
übrigen  sein  weiteres  Verhalten  von  den  Bundesbeschlüssen  ab- 
hängig machte.  Man  hat  jedenfalls  den  Eindruck,  als  hätten  nach 
der  Wiener  Reise  die  Bundesangelegenheiten  für  Johann  Friedrich 
gegenüber  den  Beziehungen  zu  den  Habsburgem  an  Bedeutung 
gewonnen.  — 

Wir  sahen,  daß  Johann  Friedrich  schon  vor  seiner  Reise  be- 
gonnen hatte,  den  so  oft  wiederholten  Wünschen  seiner  Ver- 
bündeten zu  weichen,  er  hatte  sich  damit  einverstanden  erklärt, 
daß  auf  dem  Bundestage  über  die  Verlängerung  und  Erweiterung 
des  Bundes  verhandelt  werde.  Es  entsprach  dabei  ganz  seinem 
korrekten  Wesen,  daß  er  verhinderte,  daß  Stände  zu  dem  Tage 
eingeladen  würden,  über  deren  Aufnahme  man  erst  beraten  wollte, 
denn  es  sei  kränkend  für  sie,  wenn  man  sie  nachher  etwa  doch 
abwiese.  Die  in  Wien  gemachten  Erfalmungen  verstärkten  die 
Neigung  des  Kurfürsten  zur  Nachgiebigkeit,  er  wünschte  aber,  daß 
über  jene  wichtigen  Fragen  ei-st  nach  seiner  Ankunft  in  Schmal- 
kalden verhandelt  würde.  Wolfgang  von  Anhalt,  Ludwig  von 
Boyneburg  und  Philipp  Rosenecker,  die  ihn  einstweilen  vertreten 
sollten,  sollten  dafür  sorgen.  Er  empfahl,  bis  zu  seiner  Ankunft 
über  das  weitere  Verhalten  dem  Kammergericht  gegenüber,  die 

1)  Erwähnt  wird  diese  Einigung  auch  in  dem  Wiener  Hauptvertrag. 
Winckelmann,  ZKG.  XI,  8.  249. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  dee  VertraaeuB  1532—1536. 


69 


genaue  Feststellung  dessen,  was  Religionssachen  seien,  und  die 
Konzilsfrage  zu  beraten ‘).  Die  sächsischen  Gesandten  haben  das 
aber  nicht  durchzusetzen  vermocht  Die  anderen  Anwesenden 
zogen  es  vor,  sich  streng  nach  dem  Ausschreiben  zu  dem  Bundes- 
tage zu  richten  und  zuerst  von  der  Erstreckung  und  Erweiterung 
des  Bundes  zu  handeln.  Da  nun  aber  wieder  die  Sachsen  über 
diese  Punkte  nicht  genügend  instruiert  waren,  kam  bis  zum  Ein- 
treffen des  Kurfürsten  und  des  Landgrafen  am  12.  Dezember  über- 
haupt nichts  Rechtes  zustande*). 

Auch  nach  der  Ankunft  der  Bundeshäupter  entstanden  aller- 
dings sofort  neue  Schwierigkeiten,  indem  es  zu  einem  sehr  heftigen 
Konflikt  zwischen  ihnen  kam.  Er  wurde  veranlaßt  durch  den  Wunsch 
Johann  Friedrichs,  Wilhelm  von  Nassau  in  den  Bund  aufzunehmen. 
Schon  jahrelang  war  er  ja  mit  dem  einflußreichen  Grafen  befreundet, 
es  schien  erwünscht,  sich  dessen  mannigfache  Verbindungen  zu- 
nutze zu  machen,  und  nachdem  sich  Wilhelm  jetzt  in  Wien  sogai' 
vor  König  Ferdinand  zum  evangelischen  Glauben  bekannt  hatte,  be- 
trachtete der  Kurfürst  seine  Aufnahme  in  den  Bund,  wenn  dieser 
überhaupt  erweitert  würde,  als  dringend  erforderlich.  Ebenso  leb- 
haft, wie  Johann  Friedrich  sie  befürwortete,  widersprach  ihr  aber  der 
Landgraf  wegen  seiner  privaten  Differenzen  mit  dem  nassauischen 
Hause.  Es  kam  darüber  zu  heftigen  Streitigkeiten,  die  schließlich 
durch  die  Vermittlung  des  Herzogs  Franz  von  Braunschweig-Lüne- 
burg,  des  Grafen  Wolf  von  Anhalt,  Jakob  Sturms  und  Levin  Emb- 
dens  dahin  beigelegt  wurden,  daß  mit  Graf  V'ilhelm  ein  besonderer 
Bund  ohne  den  Landgrafen  geschlossen  wurde*). 

Gleichzeitig  mit  dem  Streit  über  die  Aufnahme  des  Grafen 
gab  es  Differenzen  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen 
in  der  Wahlsache.  Johann  Friedrich  war  der  Meinung,  daß  der 
Vetter  nicht  korrekt  gehandelt  habe,  indem  er  nach  dem  Kadaner 
Frieden  die  Opposition  in  dieser  Frage  ganz  aufgegeben  habe,  und 
ließ  ihm  durch  seine  Räte  deswegen  Vorstellungen  machen.  Philipp 
legte  darauf  seine  gegenteilige  Auffassung  dar,  betonte  jedoch 

1)  Instruktion  vom  17.  Nov.,  Keg.  H.  p.  103,  No.  46. 

2)  P.  C.  II,  3141.  Bericht  der  kurs&chaischen  Gesandten  vom  11.  Dez., 
Reg.  H.  p.  04,  No.  40,  II. 

3)  Akten  über  den  Streit  in  Reg.  H.  p.  04,  No.  40,  toI.  II,  Bl.  80  ff.,  über 
die  Vennittlang  P.  A.  No.  432,  Bl.  234ff.,  der  Vertrag  bei  Meinardus,  I,  2 
8.  355  f. 


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70 


Kapitel  I. 


auch,  daß  er  auch  jetzt  dem  Kurfürsten  helfen  werde,  wenn  dieser 
angegriffen  werde.  Die  vermittelnden  Räte  der  beiden  Fürsten 
haben  den  Versuch  gemacht,  vertragsmäßig  festzulegen,  wie  weit 
eine  Unterstützungspflicht  bestehen  solle,  wenn  einer  von  ihnen 
der  Wahl"  wegen  angegriffen  werde.  Infolge  des  nassauischen 
Streites  weigerte  sich  aber  der  Landgraf,  diesen  Vertrag  zu  unter- 
zeichnen, so  daß  die  Sache  damals  unerledigt  blieb  ‘). 

Trotz  dieser  gewiß  störenden  Differenzen  der  Bundeshäupter 
ist  auf  dem  schmalkaldischen  Tage  doch  noch  recht  gut  gearbeitet 
worden*).  Blicken  wir  da  zunächst  auf  die  engeren  Bundes- 
angelegenheiten, so  hat  man  sich  über  die  Verlängerung  des  Bundes 
ganz  im  allgemeinen  sogar  schon  vor  der  Ankunft  Johann  Fried- 
richs geeinigt,  auch  dieser  gab  nach  einigem  Sträuben  schon  am 
13.  Dezember  seine  Zustimmung  dazu.  Auf  seine  Veranlassung 
wählte  man  noch  an  demselben  Tage  einen  Ausschuß,  der  über  die 
.\rt  und  Weise  der  Verlängerung  beraten  sollte,  Sturm  aus  Straß- 
burg, Moler  aus  Constanz  und  Georg  Besserer  aus  Ulm  wurden 
außer  den  Räten  der  Fürsten  hineingewählt,  am  14.  sollte  er  seine 
Sitzungen  beginnen.  Als  Resultat  seiner  Beratungen,  über  die  wir 
nicht  näher  unterrichtet  sind,  werden  wir  die  betreffenden  .Abschnitte 
des  Abschiedes  des  Bundestages  vom  24.  Dezember  zu  betrachten 
haben.  Der  im  Februar  1537  ablaufende  Bund  wurde  darin  auf 
zehn  Jahre  verlängert,  an  seiner  Verfassung  wurden  einige  Aende- 
rungen  vorgenommen,  die  auf  eine  Verstärkung  der  unmittelbar 
zur  Verfügung  stehenden  finanziellen  und  militärischen  Mittel 
hinausliefen.  Auch  diese  .Artikel  wurden  aber  von  den  Gesandten 
der  sächsischen  Städte  wieder  nur  ad  referendum  genommen.  Die 
neue  Verfassung  sollte  daher  erst  in  Kraft  treten,  wenn  ihre  .Auf- 
traggeber sie  angenommen  hätten,  auch  schon  vor  Ablauf  des 
alten  Bundes.  .Auch  die  „Verfassung  zur  Gegenwehr“  wurde  am 
23.  Dezember  einer  Umarbeitung  unterzogen,  diese  gewann  jedoch 
noch  keine  definitive  Geltung*). 

Schon  vor  der  .Ankunft  Johann  Friedrichs  war  auch  über  die 
Erweiterung  des  Bundes  verhandelt  worden.  Augsburg,  Kempten, 

1)  Eine  Aufzeichnung  Brücke  über  den  Streit  in  H.  p.  94,  No.  40, 
Tol.  II,  BI.  80 — 02.  Entwurf  des  Vertrages  vom  15.  Dez.  ebenda  BL  106/9. 

2)  Hauptquelle  für  alles  Folgende  das  Straßburger  Protokoll  F.  C.  II, 
314«.  und  der  Abschied  8.  321-323. 

3)  Reg.  H.  p.  94,  No.  40,  vol.  III,  Bl.  2—20.  P.  A.  No.  432. 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 


71 


Hannover,  Riga  und  Hamburg  waren  den  kursächsischen  Gesandten 
als  diejenigen  bezeichnet  worden,  die  um  Aufnahme  in  den  Bund 
bäten,  eine  Beschlußfassung  war  aber  damals  unmöglich  gewesen. 
Der  Kurfürst  hielt  dann  zunächst  noch  an  seinen  alten  Bedingungen 
fest,  daß  die  neu  aufzunehmenden  Stände  sich  der  Konfession  und 
Apologie  gemäß  hielten,  und  daß  sie  ohne  Zerrüttung  des  Nürn- 
berger Friedens  aufgenommen  werden  könnten.  .4uch  diese  Frage 
mag  im  Ausschuß  weiter  beraten  worden  sein,  wir  kennen  wieder 
nur  das  im  .\bschied  niedergelegte  Resultat.  Danach  sollten  alle, 
die  künftig  dem  Bunde  beitreten  wollten,  aufgenomraen  werden, 
wenn  sie  sich  zur  Augsburgischen  Konfession  bekennten  und  ohne 
jeden  Vorbehalt  einträten.  Jedem  sollte  dann  eine  gebührliche 
Anlage  auferlegt  werden.  Einzelne  Stände  wurden  beauftragt,  mit 
denen,  die  beitreten  wollten,  zu  verhandeln.  Dabei  wurden  dem 
Kurfürsten  Pommern  und  .\nhalt-Dessau  zugewiesen.  Offenbar 
hatte  also  Johann  Friedrich  jetzt  seinen  auf  den  Bestimmungen 
des  Nürnberger  Friedens  fußenden  Widerspruch  fallen  lassen. 
Unsere  Quellen  geben  uns  keine  Auskunft  darüber,  ob  es  ihm 
schwer  geworden  ist,  ob  er  sich  etwa  überstimmen  ließ.  .An  dem 
Abschied  und  der  neuen  Bundesverfassung  scheint  der  hessische 
Anteil  größer  gewesen  zu  sein,  als  der  kursächsische,  doch  sah 
auch  Johann  Friedrich  alles  genau  durch  und  nahm  kleine  Text- 
verbesserungen vor*).  Einige  uns  erhaltene  Gutachten  zeigen,  daß 
auch  über  die  Frage,  ob  man  den  Bund  ohne  Verletzung  des  Nürn- 
berger Friedens  erweitern  dürfe,  Beratungen  stattgefunden  haben  *). 
Der  Kurfürst  scheint  sich  vor  allem  von  der  Erwägung  haben  leiten 
lassen,  daß  die  fraglichen  Stände  so  wie  so  das  Recht  und  die 
Möglichkeit  hätten,  sich  gegen  die  Kammergerichtsprozesse  zu  ver- 
teidigen, so  daß  nicht  so  sehr  viel  darauf  ankäme,  ob  man  sie  in 
den  Bund  aufnähme  oder  nicht“).  Daneben  mag  die  Furcht  vor 
Isolierung  ihn  beeinflußt  haben,  und  einiger  Wert  ist  wohl  auch 
darauf  zu  legen,  daß  jetzt  in  den  Herzogen  von  Pommern  und 
Graf  Wilhelm  von  Nassau  ihm  sehr  nahestehende  Stände  in  den 
Bund  strebten. 


1)  Heeaische  Konzepte  in  P.  A.  No.  432.  Ein  Exemplar  der  Verfasxung  zur 
Gegenwehr  mit  Korrekturen  des  Kf.  in  Reg.  H.  p.  94,  No.  40,  voL  III,  ßl.  48 — 66. 

2)  P.  A.  No.  432,  Bl.  177  ff. 

3)  Kf.  an  Brück  1536  Jan.  7,  Loc.  9650  „dea  Kf.  zu  Sachsen  und  Dr.  Gre- 
gorii  Brücken  . . 1537“,  Konz. 


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72 


Kapital  I. 


Mit  der  Bundeserweiterung  stand  die  Frage  des  Verhältnisses 
zum  Kammergericht  im  engsten  Zusammenhänge.  Man  mußte  sich 
dabei  natürlich  zunächst  nach  dem  Wiener  Vertrage  richten,  be- 
schloß also,  energische  Schritte  zu  tun,  um  das  Gericht  zur 
Einhaltung  des  dort  Festgesetzten  zu  nötigen,  wollte  eventuell  mit 
einem  öffentlichen  Ausschreiben  gegen  das  Gericht  drohen  und  er- 
klären, daß  man  Stände,  die  unrechtmäßig  vom  Kammergericht 
geächtet  würden,  schützen  werde.  Es  entsprach  durchaus  den  An- 
sichten Johann  Friedrichs,  wenn  feiner  beschlossen  wurde,  daß  man 
dem  Gericht  ein  Verzeichnis  der  jetzt  anhängigen  Religionssachen 
übergeben  wolle.  Der  Bestimmung  des  Friedens,  daß  man  niemand 
seiner  Güter  entsetzen  dürfe,  wollte  man  nachkommen,  erklärte  sie 
aber  sofort  dahin,  daß  die  Beseitigung  geistlicher  Jurisdiktionen 
und  päpstlicher  Zeremonien  und  Mißbräuche  nicht  damit  gemeint 
sein  dürfe.  Zweifel  darüber,  ob  eine  Sache  als  Religionssache  zu 
betrachten  sei,  sollten  durch  Majoritätsbeschluß  der  Stimmräte  des 
Bundes  entschieden  werden  ‘). 

Zu  keinen  tiefer  greifenden  Beratungen  ist  es  in  Schmalkalden 
über  die  Konzilsfrage  gekommen.  Sie  war  ja  allerdings,  auch  ab- 
gesehen von  dem,  was  Johann  Friedrich  in  Wien  hatte  zugestehen 
müssen,  wieder  etwas  aktuell  geworden  durch  seine  Zusammen- 
kunft mit  dem  päpstlichen  Nuntius  Vergerio  in  Prag.  Der  Kurfürst 
würde  diese  zwar  gern  vermieden  und  den  Nuntius  erst  mit  seinen 
Verbündeten  zusammen  in  Schmalkalden  empfangen  haben;  da 
ihn  Vergerio  aber  in  Prag  erwartete,  blieb  ihm  nichts  übrig,  als 
ihm  am  30.  November  Audienz  zu  erteilen.  Die  Verhandlungen 
drehten  sich  besonders  um  den  Ort  des  Konzils  und  um  die  Frage 
der  Notwendigkeit  öffentlicher  Sicherheiten  für  seine  deutschen  Be- 
sucher. Obgleich  der  Nuntius  behauptete,  daß  außer  Kursachsen 
alle  in  Betracht  kommenden  Instanzen  ihre  Zustimmung  zur  Ab- 
haltung des  Konzils  in  Mantua  gegeben  hätten,  ließ  der  Kurfürst  sich 
doch  nicht  darauf  ein,  sich  auch  seinerseits  zu  äußern,  erklärte  viel- 
mehr erst  mit  seinen  Verbündeten  Rücksprache  nehmen  zu  müssen. 
Er  erbat  sich  zu  diesem  Zweck  eine  Abschrift  des  Anbringens  des 
Nuntius,  eine  Bitte,  der  dieser  am  1.  Dezember  nachkam*). 

Gleich  am  13.  Dezember  hat  Johann  Friedrich  dann  in  Schmal- 
kalden über  seine  Verhandlungen  mit  Vergerio  Bericht  erstattet 

1)  P.  0.  II,  8.  322/323. 

2)  C.  R II,  982—989.  991-995.  N.  B.  I,  553  Anm.  Oonc.  Trid.  IV,  CXV  f. 


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Band  und  Reich : Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536. 


73 


und  dessen  Denkschrift  überreicht  ‘)*  Die  Antwort,  die  man  darauf 
am  21.  Dezember  dem  päpstlichen  Gesandten  erteilte,  war  von 
Melanchthon  verfallt,  sonst  läßt  sich  nichts  über  ihre  Entstehung 
berichten.  Sie  lief  im  wesentlichen  hinaus  auf  eine  Wiederholung 
der  so  häufig  von  den  Protestanten  aufgestellten  Forderung  eines 
allgemeinen,  freien,  christlichen  Konzils  in  Deutschland.  Auf  das 
von  päpstlicher  Seite  diesmal  entschieden  bewiesene  größere  Ent- 
gegenkommen, auf  das  Vergerio  auch  schon  in  Prag  hingewieseu 
hatte  ’),  nahm  man  keine  Rücksicht  ®).  Mit  der  in  Wien  abgegebenen 
Erklärung  des  Kurfürsten  stimmte  die  Antwort,  die  jetzt  dem 
Nuntius  erteilt  wurde,  nicht  recht  überein.  Johann  Friedrich  hatte 
allerdings  schon  bei  der  Abreise  von  Wien  gegen  Hofinann  ge- 
äußert, daß,  wenn  das  Konzil  in  Italien  stattiande,  vorher  durch 
ein  Religionsgespräch  über  seine  Verhandlungsform  u.  dgl.  ent- 
schieden werden  müsse,  und  er  mag,  da  er  bisher  keine  Ant- 
wort des  Königs  auf  diesen  Vorschlag  erhalten  hatte,  sich  als  nicht 
so  ganz  streng  an  die  Wiener  Versprechungen  gebunden  erachtet 
habend).  Die  Möglichkeit  liegt  aber  auch  vor,  daß  er  seine  An- 
schauung in  Schmalkalden  nicht  durchsetzen  konnte  und  über- 
stimmt wurde®).  Sehr  böse  wird  er  schwerlich  darüber  gewesen 
sein.  ' 

Das  Verhalten  der  Protestanten  dem  Konzil  gegenüber  spielte 
eine  große  Rolle  auch  in  ihren  Verhandlungen  mit  Fi'ankreich  und 
England.  Der  schmalkaldische  Tag  ist  ja  nicht  nur  von  Wichtig- 
keit geworden  wegen  seiner  für  die  weitere  Entwicklung  des  Bundes 
maßgebenden  Beschlüsse,  es  knüpften  sich  hier  auch  Beziehungeu 
an  zu  verschiedenen  Mächten  Europas,  die  zeigten,  welche  Be- 
deutung man  dem  Bunde  zuwies,  und  es  lag  nur  an  den  Ver- 
bündeten selbst,  wenn  sie  die  sich  ihnen  bietenden  Gelegenheiten 
nicht  genügend  ausnutzten.  — 


1)  P.  C.  II,  317. 

2j  Es  lag  darin,  dafi  der  Papst  diesmal  nicht  wie  1533  Artikel  zur  vor- 
herigen Annahme  vorlegen  lieO,  sondern  die  Beschlüsse  über  die  Form  der  Be- 
ratungen dem  Konzil  selbst  flberliefi. 

3)  Conc.  Trid.  IV,  CXVI— CXIX.  Ein  deutsches  Konz,  von  Melanchthon« 
Hand,  Ueberschrift  von  Spalatin,  P.  A.  432,  BL  42  ff. 

4)  Kf.  an  Hofmann  Dez.  27,  R^.  H.  p.  103,  No.  46,  Konz. 

5)  Auch  Luther  hatte  sich  gegen  Vergerio  günstig  über  die  Wahl  Mantuas 
geäuBml.  N.  B.  I,  546. 


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74 


Kapitel  I. 


Der  Kurfürst  war  mit  Frankreich  ja  zunächst  durch  den  Wahl- 
bund in  nähere  Berührung  gekommen,  dieses  Verhältnis  hatte  sich 
aber  schon  1534  gelöst,  da  er  keine  Neigung  hatte,  den  aggressiven 
Absichten  Frankreichs,  Bayerns  und  des  Landgrafen  nachzugeben 
und  darum  den  neuen  Vertrag  mit  Frankreich  vom  28.  Januar 
1534  nicht  ratifiziert  hatte*).  Nach  dem  Frieden  zu  Kadan  war 
dann  der  Bund  ganz  auseinandergefallen.  Es  dauerte  aber  nicht 
lange,  so  erfolgten  neue  Annäherungsversuche  Franz  I.  an  die 
deutschen  Fürsten.  Wir  finden  ihn  bemüht,  seine  Loyalität  in  der 
Frage  des  Bundes  mit  den  Türken  und  auch  gegenüber  den 
Deutschen  in  tYankreich  zu  beweisen.  Durch  Empfehlung  eines 
Konzils  auf  deutschem  Boden  suchte  er  speziell  die  deutschen 
Protestanten  zu  gewinnen  *).  Sein  nächstes  Ziel  war  dabei  natür- 
lich, dem  Kaiser,  der  damals  mit  seiner  afrikanischen  Unter- 
nehmung beschäftigt  war,  Schwierigkeiten  zu  bereiten  und  für  die 
Erwerbung  Mailands  und  Gelderns  die  Unterstützung  der  deutschen 
Protestanten  zu  gewinnen;  auch  England  hoffte  er  in  diese  Kom- 
bination mithineinzuziehen.  Mit  diesen  politischen  Plänen  ver- 
banden sich  aber  damals  bei  hYanz  eigentümliche  religiöse  Unions- 
gedanken. Sie  bezogen  sich  nicht  nur  darauf,  daß  er  dem  Konzil 
gegenüber  ein  Zusammengehen  empfahl®),  er  hofi'te  auch  durch 
Disputationen  französischer  und  deutscher  Theologen  eine  Ver- 
einigung der  religiösen  Gegensätze  herbeiführen  zu  können.  Im 
Jahre  15.34  waren  Artikel  Melanchthons  nach  Frankreich  geschickt 
worden*),  sie  genügten  aber  dem  Könige  noch  nicht,  und  er  lud 

1)  Die  Batifikation  durch  den  Kf.  ist  nicht  erfolgt.  An  die  Hre.  von 
Bayern  1534  Febr.  15.  8tum  pf , § 35,  8.  152  f.  Loc.  10673  „Handlung  zu 
Augsburg  . . . 1534“,  Bl.  26—29,  Kopie.  Die  Hze.  an  Kf.  Febr.  25,  ebenda 
Bl.  21/22,  Or.  Kf.  an  die  Hze.  März  12,  ebenda  Bl.  19, /20,  Konz.  Bourrilly, 
S.  154  f.  in  diesem  Punkte  unrichtig. 

2)  Franz  I.  an  Kf.  1534  Aug.  25,  K^.  C.  No.  374,  Or.,  nur  allgemeine 
Freundschaftsversicherungen.  Franz  I.  an  die  deutschen  Reichsstände  1535 
Febr.  1,  sehr  häufig  gedruckt,  z.  B.  Herminjard,  III,  249—254,  C.  B.  II,  828 
bis  835.  Vergl.  Bourrilly,  8.  189ff.  Begleitschreiben  an  Kf.  von  Febr.  13, 
Reg.  O.  No.  374,  Or.  Franz  I.  an  die  deutschen  Fürsten  Febr.  25,  Conc.  Trid. 
IV,  CVf.  Bourrilly,  S.  191  f.  Freher-Struve,  III,  8.  358f. 

3)  So  besonders  in  dem  Briefe  vom  25.  Febr. 

4)  Seckendorf,  III,  8.  108  setzt  diese  Artikel  in  die  Zeit  nach  der  Ein- 
ladung Melanchthons  nach  Frankreich,  Ellinger,  8.  318 f.  wohl  richtiger  vorher, 
Bezold,  8.  670,  Bourrilly,  8.  179  schon  ins  Jahr  1534.  Ursprünglich  sind 
sie  wohl  echt,  sie  wurden  aber  vielfach  verunstaltet. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauens  1532—1536. 


75 


daher  im  Sommer  1535  Melanchthon  selbst  nach  Frankreich  ein. 
Dadurch  wurde  dann  auch  Johann  Friedrich  genötigt,  zu  diesen 
französischen  Plänen  Stellung  zu  nehmen.  Um  seine  Haltung  zu 
verstehen,  müssen  wir  berücksichtigen,  daß  er  1535  von  dem 
Wunsche  und  der  Hoffnung  erfüllt  war,  zu  einem  Vertrage  mit 
den  Habsburgern  zu  gelangen.  Die  friedlichen  Erkläiungen,  an 
denen  der  Kaiser  es  nicht  fehlen  ließ*),  und  die  Neigung  des  Kur- 
fürsten, dem  Kaiser  treu  zu  sein,  wirkten  dabei  zusammen.  So 
machte  er  denn  durch  die  Nassauer  Karl  V.  von  dem  Briefe  des 
Königs  Mitteilung  *),  während  er  diesem  selbst  vorläufig  überhaupt 
nicht  antwortete.  Auch  wenn  er  dann  im  Sommer  Melanchthon 
die  Erlaubnis  zur  Reise  nach  Frankreich  verweigerte,  war  dabei  die 
bevorstehende  Reise  nach  Wien  wohl  das  Hauptmotiv*).  Daneben 
wirkten  allerdings  die  Furcht  vor  zu  großer  Nachgiebigkeit  Melan- 
chthons*)  und  ein  gewiß  nicht  unberechtigtes  Mißtrauen  gegen  die 
Fruchtbarkeit  und  Dauer  der  französischen  Unionspläne*). 

Franz  I.  ließ  sich  aber  nicht  so  leicht  abschrecken  und  be- 
nutzte die  Zusammenkunft  der  deutschen  Protestanten  in  Schmal- 
kalden, um  seine  Vorschläge  zu  erneuern.  Die  Lage  war  jetzt 
insofern  günstiger,  als  die  Wiener  Reise  dem  Kurfürsten  doch  wohl 
eine  ge^visse  Ernüchterung  gebracht  hatte  und  als  außerdem  die 
Frage  der  Stellungnahme  zum  Konzil  jetzt  aktuell  geworden  war. 
Wenn  der  König  jetzt  durch  seinen  Gesandten  Wilhelm  du  Bellay 
eine  gemeinsame  Politik  dem  Konzil  gegenüber  vorschlagen  ließ, 
so  konnte  das  den  Protestanten  nur  sympathisch  sein.  Weiter 

1)  1535  Jan.  1,  beschwichtigender  Brief  des  Kaisers  an  die  deutschen  Stände, 
den  oberdeutschen  Städten  durch  den  Kf.  zugesandt,  Reg.  H.  p.  92,  No.  38. 
Seckendorf,  III,  S.  99  f.  P.  C.  II,  263  f.  Vergl.  dazu  die  Sendung  des  Gfen. 
Roeulx.  Baumgarten,  III,  S.  169  Anm.  Ferner  gehört  hierher  die  Sendung 
der  Ofen,  von  Nassau  und  Neuenahr  an  den  Kf.  mit  dem  Bündnisanerbieten  des 
Kaisers.  Etwa  am  5.  März  waren  sie  beim  Kf.  Meinardus,  I,  2,  S.  340 
bis  343,  343  f. 

2)  An  Uf.  Wilhelm  von  Nassau  März  27,  Loc.  9136  „Ldgf.  Philipps  zu 
Hessen  Zurüstung  . . . 1536“,  Bl.  5/6,  Konz. 

3)  C.  R.  II,  906.  Kf.  an  Brück  Aug.  19. 

4)  Ebenda  S.  909  f. 

5)  Die  französischen  Theologen  zeigten  bei  den  Vorberatungen  über  Melan- 
chthons  Ankunft  sehr  wenig  Entgegenkommen,  so  daß  die  Reise  wahrscheinlich 
vergeblich  gewesen  wäre.  (Bourrilly,  S.  196 ff.  201.)  Auch  in  Wittenberg 
traute  man  den  Franzosen  nicht.  Jonas  an  Fürst  Georg  von  Anhalt,  Kawerau, 
I,  S.  232. 


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76 


Kapitel  I. 


empfahl  er,  daß  deutsche  und  französische  Gelehrte  in  Frankreich 
oder  in  Deutschland  Beratungen  über  die  Religion  anstellen  sollten, 
auch  wenn  das  Konzil  nicht  zustande  käme.  Daran  knüpfte  er 
endlich  Anerbietungen  eines  Bündnisses,  in  das  auch  England  und 
Geldern  hineingezogen  werden  sollten. 

Du  Bellaj  hat  sich  zuerst  an  Johann  Friedrich  gewandt  und 
eine  sehr  gnädige  Aufnahme  bei  ihm  gefunden,  doch  gab  der  Kur- 
fürst natürlich  in  keinem  Punkte  eine  endgültige  Erklärung  gab. 
Elr  betonte  nur  den  religiösen  Charakter  des  schmalkaldischen 
Bundes  und  verwies  im  übrigen  auf  die  Gesamtheit  der  Ver- 
sammelten. Diesen  hat  der  EYanzose  dann  am  19.  Dezember  Vor- 
trag gehalten.  Er  rechtfertigte  seinen  König  gegen  den  Vorwurf 
der  Protestantenverfolgung,  betonte  seine  Freundschaft  gegen  die 
deutsche  Nation,  der  man  es  nicht  verbieten  dürfe,  zu  anderen 
Nationen,  besonders  den  Franzosen,  in  Beziehung  zu  treten,  und 
bot  die  Hilfe  des  Königs  für  ihre  Bestrebungen  zur  Beseitigung 
der  Zwietracht  und  seinen  Eintritt  in  ihren  Bund  an.  Auf  keinen 
Fall  werde  der  König  einem  ihrer  Gegner  helfen.  Sehr  erwünscht 
werde  es  ihm  sein,  wenn  auch  England  und  Geldern  in  den  Bund 
mitaufgenommen  würden. 

Noch  an  demselben  Tage  oder  am  20.  wurde  daun  auch  der 
Wunsch  du  Beilays  nach  einem  Gespräch  mit  einigen  protestan- 
tischen Gelehrten  erfüllt.  Brück,  Jakob  Sturm  u.  a.  wurden  dazu 
ausersehen.  Ihnen  entwickelte  er  ausführlich  den  irenischen  Stand- 
punkt seines  Königs,  der  auch  schon  mit  den  Herzögen  von  Bayern 
über  diese  Dinge  verhandelt  habe  und  sich  von  ihnen  und  einigen 
anderen  katholischen  E'ürsten  Deutschlands  Entgegenkommen  ver- 
spreche. Er  empfahl  dann  ein  Religionsgespräch  vor  seinem 
Könige  und  von  neuem  eine  gemeinsame  Politik  der  deutschen 
Protestanten,  Frankreichs  und  Englands  in  der  Konzilsfrage ‘). 

Die  Vertreter  der  Verbündeten  nahmen  die  meisten  Erklärungen 
des  Franzosen  mit  freudiger  Zustimmung  entgegen.  In  ihrer  Ant- 
wort verbreiteten  sie  sich  besonders  über  die  korrekte  Haltung, 
die  sie  in  der  Konzilsfrage  beobachtet  hätten.  Sie  mußten  dann 
aber  hinzufügen,  daß  sie  wegen  des  Religionsgespräches  erst  Wei- 

1)  Bourrillj  meint  S.  209,  daß  dn  Bellay  bei  seinen  Erklärnngen  auf 
religiösem  Oebiete  weit  über  die  Änsiehten  der  französischen  Theologen  hinaua- 
gegangen  sei,  wahrscheinlich  aber  mit  Zustimmung  des  Königs.  Das  wird  eigent- 
lich in  dem  Stück  selbst  aufs  deutlichste  ausgesprochen. 


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Bund  und  Keich:  Die  Jabie  des  VertniuenB  1532—1536. 


77 


snngen  ihrer  Auftraggeber  einholen  müßten  und  daß  sie  bei  Ver- 
pflichtungen gegen  den  König  Kaiser  und  Reich  ausnehmen  müßten. 
Das  gab  zu  weiteren  Erklärungen  du  Beilays  Anlaß,  der  aufs 
wärmste  empfahl,  die  Freundschaft  eines  so  großen  Königs  nicht 
gering  zu  schätzen,  und  die  Ausnahme  von  Kaiser  und  Reich  für 
unnötig  erklärte,  da  ja  Jede  Verletzung  des  Reiches  den  Franzosen 
stets  fern  gelegen  hätte.  In  den  Bündnisentwflrfen,  die  man  in 
den  nächsten  Tagen  austauschte,  hat  dieser  letzte  Punkt  aber  doch 
die  Hauptdift'erenz  gebildet. 

Einig  war  man  im  ganzen  in  der  Konzilsfiage,  nur  hegte  der 
Kurfürst,  der  sich  selbst  an  diesen  Verhandlungen  beteiligte,  den 
Wunsch,  daß  man  diese  Einigkeit  sofort  oder  gelegentlich  einer 
baldigen  Zusammenschickung  der  Räte  möglichst  bestimmt  for- 
muliere. Man  sollte  nach  seiner  Meinung  genau  festsetzen,  welcher 
Art  ein  Konzil  sein  müsse,  um  ihre  Anerkennung  zu  Anden,  und 
dann  gemeinsam  durch  Gesandte  den  Kaiser  bitten,  ein  solches 
anszuschreiben.  Man  sollte  auch  gleich  bestimmen,  auf  welchen 
Artikeln  der  Konfession  man  einträchtig  behaiTen  und  „für  einen 
Mann  stehen“  werde.  Einigkeit  herrschte  auch  in  der  gegenseitigen 
Bereitwilligkeit,  sich  zu  unterstützen,  wenn  vor  dem  Konzil  irgend- 
welche gewaltsamen  Schritte  gegen  die  Protestanten  erfolgten.  Auch 
mit  der  Hineinziehung  des  Königs  von  England  iu  den  Bund  war 
der  Kurfürst  eiuverstanden,  auf  die  Frage  der  Aufnahme  Karls  von 
Geldern  ging  er  in  seinem  Bündnisentwurf  nicht  weiter  ein.  Auch 
in  dieser  Bundesfrage  suchte  aber  Johann  Friedrich  die  Leistungen 
gleich  möglichst  genau  festzulegen.  Die  Könige  sollten  nach  seiner 
Meinung  je  100000  Dukaten  teils  bei  ihm,  teils  beim  Landgrafen 
hinterlegen  nur  zui-  Verteidigung  gegen  Angriffe  wegen  der  Re- 
ligion. Würden  die  Könige  selbst  angegriffen,  und  wollten  sie  auf 
die  evangelischen  Einungsverwandten  „Gleich  und  Recht  leiden“  *), 
so  sollten  die  V^erbündeten  für  den  König,  der  die  Hilfe  forderte, 
aber  immer  nur  für  einen  auf  einmal,  8000  Knechte  annehmen  und 
auf  ihre  Kosten  bis  an  die  Grenze  führen,  diese  müßten  dann  aber 
von  dem  betreffenden  König  drei  Monate  lang  ehrlich  besoldet 
werden.  Wenn  die  Könige  in  anderen  Sachen  Kriegsvolk  brauchten, 
soUten  die  Verbündeten  ihre  Werbungen  gestatten  und  unterstützen. 

Die  Frage  der  Ausnehmung  wollte  du  Bellay  so  formulieren, 
daß  in  den  nicht  auf  die  Religion  bezüglichen  Dingen  alle  die  aus- 

1)  Ich  vermag  keine  sichere  Uebersetzung  dieses  Ausdrucks  zu  geben. 


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78 


Kapitel  I. 


genommen  werden  sollten,  denen  man  durch  Treue  oder  ältere 
Verträge  verbunden  sei,  solange  diese  Verpflichtungen  gälten. 
Johann  Friedrich  glaubte  aber  doch,  den  Paragraphen  so  fassen 
zu  müssen,  daß  von  deutscher  Seite  niemand  ausgenommen  sein 
solle,  als  der  jetzige  und  künftige  Kaiser  und  das  heilige  Reich. 
Diese  Beschränkung  sollte  nur  dann  nicht  gelten,  wenn  der  Kaiser 
vor  dem  Konzil  die  Protestanten  der  Religion  wegen  angrifl!'e.  Der 
französische  Gesandte  hatte  aber  keine  Vollmacht,  auf  ein  so  ver- 
klausuliertes Bündnis  einzngehen.  Er  mußte  die  Entscheidung 
seinem  Könige  überlassen  *).  Es  kam  daher  für  jetzt  nicht  zu 
einem  Abschluß  des  Bundes,  dieser  hing  vielmehr  davon  ab,  ob 
Franz  I.  zu  jener  Beschränkung  seine  Zustimmung  geben  werde  *). 
Das  war  aber  nicht  zu  erwarten,  da  der  Bund  durch  sie  an  Wert 
für  ihn  ja  völlig  verlor.  Und  als  dann  gar  der  König  im  nächsten 
Jahre  seine  Vermittlungspolitik  aufgab  und  wieder  unter  den  Ein- 
fluß Montmorencys  geriet,  war  an  eine  Verbindung  mit  den  Pro- 
testanten erst  recht  nicht  mehr  zu  denken’). 


1)  Folgende  Akten  liegen  über  du  Bellays  Verhandlungen  vor:  a)  Dez.  17 
oder  18,  Oratio  Bellaii  ad  Jo.  Frideric.  nebst  der  Antwort  des  Kf.,  C.  R.  II, 
No.  1376.  Bourrilly , 8.  205.  Reg.  H.  p.  99,  No.  42,  II,  dort  auch  die  anderen 
Stücke,  b)  Dez.  19,  Bellaii  ad  principes  oratio,  C.  R.  II,  No.  1377.  Fr  eher - 
Struve,  III,  8.  360 — 364.  c)  Dez.  20,  Actio  Bellaii  cum  Pontano,  C.  R.  II, 
No.  1378.  Eine  in  manchen  Punkten  ausführlichere  deutsche  Niederschrift  der 
Mitteilungen  des  Gesandten  in  P.  A.  461,  Bl.  10—16.  Vergl.  Bourrilly,  S.207ff. 
d)  Dez.  22,  Reeponsum  BcUaio  datum,  C.  R.  II,  No.  1380.  e)  Dez.  22,  Capita 
responsionis  Bellaii  Oratoris  ...  ad  responsionem  publicam.  Reg.  H.  a.  a.  O., 
lateinisch  und  deutsch  von  der  Hand  Spalatins,  nebst  Antwort  der  Verbündeten 
darauf  und  Schlußerklärungen  des  Gesandten,  f)  Bündnisentwurf  des  Gesandten : 
Die  copei  der  lateinischen  notel,  so  der  Französisch  orator  den  fürsten  und 
Stenden  zu  Schmalkalden  zugestellt,  1535,  Hand  Spalatins,  ebenda,  g)  Ungc- 
verliche  und  unverbintliche  artickel,  darauf  mit  kon.  W.  geschickten  von  aller 
einungsverwandten  w(^en  auf  das  gesucht  verstentnus  zu  handeln  sein  soll. 
Entwurf  mit  kleiner  Korrektur  des  Kf.,  ebenda.  Es  folgte  vielleicht  ein  noch- 
maliger Schriftwechsel,  dann  h)  Dez.  25,  Abschied,  der  dem  Gesandten  durch 
Christoph  von  Taubenheim  und  Franz  Burchard  überreicht  wurde.  Lateinisch 
von  Brücke,  deutsch  von  Spalatins  Hand,  ebenda.  Antwort  des  Gesandten  darauf, 
lateinisch  von  Burchards  Hand,  von  Spalatin  ins  Deutsche  übersetzt. 

2)  Nach  Brief  an  Hans  Hofmann  vom  27.  Dezember  1535  faßte  der  Kf. 
die  Sache  so  auf,  daß  man  schon  jetzt  auf  die  Hilfe  der  Könige  in  Religions- 
sachen  rechnen  könne.  Reg.  H.  p.  103,  No.  46.  Winckelmann,  ZKG.  XI, 
8.  237. 

3)  Bourrilly,  S.  212f. 


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Band  and  Beich:  Die  Jahre  dee  Vertranene  1532 — 1536. 


79 


Leider  wissen  wir  nicht,  wie  die  Stellung  der  einzelnen  schmal- 
kaldischen  Bundesgenossen  in  der  Frage  der  Verbindung  mit  PVank- 
reich  gewesen  ist,  sicher  ist  aber  wohl,  daß  gerade  Johann  Friedrich 
zn  denen  gehört  haben  wird,  die  die  Rücksichtnahme  auf  Kaiser 
nnd  Reich  für  notwendig  hielten.  Er  würde  sich  sonst  ja  auch  zu 
den  Wiener  Verträgen  direkt  in  Widerspruch  gesetzt  haben.  Sie 
zu  brechen,  wäre  ihm  gegen  die  Natur  gegangen*).  Ob  der  Fehler 
bei  der  Unzuverlässigkeit  der  frauzösischen  Politik  so  sehr  groß 
war,  wird  man  bezweifeln  dürfen.  — 

Mit  der  Haltung,  die  Johann  Friedrich  gegenüber  den  An- 
näherungsversuchen des  Königs  von  Frankreich  beobachtete,  stimmte 
die  gegen  Heinrich  VIII.  von  England  vielfach  genau  überein.  Der 
Kurfür^  hatte  sich  bei  den  Gesandtschaften  des  Königs  im  Jahre  1533 
und  gegenüber  dem  Plan,  diesen  in  den  Wahlbund  aufzunehmen, 
nicht  gerade  besonders  entgegenkommend  gezeigt*).  1534  war  es 
dann  schon  zu  Verhandlungen  zwischen  England  und  dem  schmal- 
kaldischen  Bunde  gekommen,  man  hatte  von  einer  Gesandtschaft  nach 
England  gesprochen,  schließlich  war  daraus  aber  doch  noch  nichts 
geworden.  Eine  religiöse  Annäherung  lag  damals  noch  in  weitem 
Felde,  nur  über  die  Frage  der  Ehescheidung  wurde  viel  disputiert*). 
Im  Jahre  1535  folgten  dann  die  beiden  Sendungen  des  Barnes^), 

1)  Die  Auffassung  des  Kf.  ist  am  deatlichsten  wohl  in  dem  Brief  an  Hof- 
mann vom  27.  Dez.  1535  ausgesprochen.  Er  erklärte  hier,  daß  die  Artikel,  auf 
die  man  eich  mit  den  Königen  eingelassen  habe,  nicht  gegen  den  Kaiser  und 
König  gerichtet  seien,  es  sei  denn,  dafi  diese  die  Protestanten,  nachdem  der 
Friede  durch  eine  Reichsversammlung  oder  ein  Konzil  umgestoQen  sei,  mit  Ge- 
walt überziehen  wollten.  „Es  mochten  auch  solche  handelungen  wol  verblieben 
und  underlassen  sein  worden,  so  wir  am  negsten  zu  Wien,  das  der  friden  der- 
massen, wie  er  abgeredt,  auf  ein  gemain,  frei  und  christlich  concilium  plieben 
were  und  mittler  zeit  durch  kais.  und  kön.  M'  auch  kfen.,  fürsten  und  stende  des 
reiche  nit  aufgehoben,  betten  erhalten  und  erlangen,  damit  man  sich  sulches 
friedens  getrosten  und  darauf  verlassen  hette  mugen.“  Reg.  H.  p.  103,  No.  46. 
Der  Kf.  ließ  sich  also  auf  die  Verhandlungen  mit  Frankreich  und  England  ein, 
weil  man  in  Wien  seine  Wünsche  nicht  erfüllt  hatte. 

2)  Vergl.  8.  23. 

3)  Akten  darüber  in  Reg.  C.  No.  469.  Vom  12.  April  ein  Rckreditiv  und 
eine  ausführliche  Antwort  des  Kf.  für  Heath  nnd  Montaborinus  (Mont?),  vom  13. 
ein  Bericht  Spalatins  an  den  Kf.  über  Verhandlungen  mit  den  Engländern,  eigenh. 
Or.  Vergl.  ferner  Beyer  an  Kf.  April  14,  Hdbf.,  ebenda.  Abschied  des  Nürn- 
berger Bundestages  vom  26.  Mai  1534,  Reg.  H.  p.  84,  No.  31,  vol.  II,  Bl.  58—74. 

4)  üeber  seine  erste  Sendung  im  März  wissen  wir  eigentlich  nur,  daß  die 
Wittenberger  über  die  Ehescheidung  mit  ihm  disputierten.  C.  R.  II,  860 — 864. 


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80 


Kapitel  I. 


sie  waren  znm  Teil  nur  als  Vorbereitnn)^  zn  betrachten  auf  die 
stattlichere  Botschaft  des  Königs,  die  Ende  des  Jahres  erfolgte 
und  znm  schmalkaldischen  Bundestage  gerade  recht  kam. 

Bleiben  wir  aber  zunächst  noch  bei  der  Sendung  des  Barnes, 
so  ist  die  Aufnahme,  die  er  im  September  fand,  eine  ganz  außer- 
ordentlich freundliche  gewesen.  In  Wittenberg  hegte  man  die 
besten  Hoffnungen  in  bezug  auf  den  religiösen  Anschluß  des  Königs, 
ja  Luther  befürwortete  aufs  wärmste  die  Beurlaubung  Melanchthons 
nach  England*).  Johann  Friedrich  hat  sich  dazu  allerdings  nicht 
so  schnell  entschließen  können,  er  verschob  seine  Antwort  auf 
diese  Bitte  bis  auf  die  Zeit  nach  seiner  Rückkehr  aus  Wien,  im 
übrigen  aber  ist  sein  Verhalten  gegen  Barnes  ein  sehr  freund- 
schaftliches gewesen,  er  erlaubte  ihm,  während  seiner  Abwesenheit 
mit  Luther  und  den  anderen  Theologen  weiter  zu  verhandeln, 
versprach  auch  der  angekündigten  feierlichen  Gesandtschaft  die 
beste  .Aufnahme.  Schon  Barnes  hatte  die  Bitte  des  Königs  um 
Aufnahme  in  den  Bund  und  um  vorherige  Mitteilung  der  Artikel, 
an  denen  man  im  Konzilsfalle  festhalten  wolle,  ausgesprochen. 
Der  Kurfürst  konnte  natürlich  für  sich  allein  darauf  nicht  ant- 
worten, versprach  aber,  die  Sache  auf  dem  bevorstehenden  Bundes- 
tag zum  Vortrag  zu  bringen*). 

Ehe  es  dazu  kam,  war  auch  die  große  englische  Gesandtschaft, 
bestehend  aus  Edward  Foxe,  dem  Bischof  von  Hereford,  und 
Nicolaus  Heath,  in  Sachsen  eingetroffen  *).  Der  Hauptgedanke  ihrer 
Instruktion  war  der,  daß  man  sich  in  der  Lehre  einigen  müsse, 
um  ein  gemeinsames  .\uftreten  auf  dem  Konzil  zu  ermöglichen. 

Kredenzbrief  für  die  zweite  Sendung  vom  8.  Juli  1535  in  Reg.  H.  p.  99,  No.  42, 
vol.  1,  Or.  Am  12.  Juli  und  24.  Aug.  finden  wir  den  Ges.  in  Hamburg  (Wurm , 
B.  43.  46),  BO  daü  er  wohl  erst  im  September  nach  Wittenberg  gekommen 
»ein  wird. 

1)  Luther,  Jonas,  Cruciger  und  Bugenhagen  an  Kf.  BepL  12.  Enders, 
X,  8.  226  f.  Luther  an  Brück  Sept.  12,  ebenda  S.  227  f. 

2)  Die  Audienz  fand  etwa  am  21.  September  in  Jena  statt  Am  1&  traf 
Barnes  dort  ein.  (Brück  an  Kf.,  C.  R.  II,  940.)  Die  Antwort  des  Kf.  gedruckt 
bei  Kapp,  Kleine  Nachlese,  III,  8.  372 — 376;  C.  R.  II,  940—943.  Melanchthon 
ist  nur  ihr  Uebcrsetzer.  Am  27.  reiste  Barnes  von  Jena  wieder  nach  Witten- 
berg ab.  (Brück  an  Kf.,  C.  R.  II,  967  f.,  No.  13.55.)  Auf  Ende  September  möchte 
ich  den  Brief  des  Kf.  an  die  Wittenberger  ansetzen.  (Enders,  X,  8.  171  f.) 
Kf.  an  Heinrich  VIII.  Sept.  28,  C.  R.  II,  943  f.,  von  Melanchthon  verfafit 
Barnes'  Bericht  über  die  Audienz  Okt  5,  L.  a.  P.  IX,  No.  543,  S.  179  f. 

3)  Zum  Folgenden  vergl.  meine  „Wittenberger  Artikel“,  Einleitung. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536.  gX 

Der  König  rechnete  dabei  darauf,  daß  die  Protestanten  in  einigen 
Punkten  nachgeben  würden  und  daß  es  auch  zu  Erörterungen 
Ober  die  Gewalt  des  Papstes  und  über  die  Ehescheidung  kommen 
würde.  Einen  Bund  mit  den  Protestanten  schlug  Heinrich  nicht 
direkt  vor.  Wenn  jene  aber  seinen  Eintritt  in  ihren  Bund  und 
Annahme  der  Augsburgischen  Konfession  verlangten,  so  sollten 
die  Gesandten  um  die  Bündnisartikel  bitten  und  die  Sendung  einer 
Gesandtschaft  nach  England  zur  Fortsetzung  der  Verhandlungen 
verlangen. 

Der  Kurfürst  befand  sich,  als  die  Gesandten  ankamen,  noch 
auf  der  Reise.  Er  hätte  eigentlich  gewünscht,  daß  sie  erst  mit 
den  Wittenberger  Theologen  verhandelten.  Daraus  ist  aber  an- 
scheinend nichts  geworden.  Er  selbst  erteilte  den  Engländern  am 
9.  Dezember  in  Weimar  Audienz  und  begab  sich  dann  mit  ihnen 
nach  Schmalkalden.  Hier  berichtete  er  am  13.  den  Verbündeten 
Ober  ihre  Werbung.  Die  Gesandten  selbst  haben  am  15.  Dezember 
Brück  und  Burchard  noch  einmal  einen  ihrer  Instruktion  ent- 
sprechenden Vortrag  gehalten  und  dabei  die  Geneigtheit  ihres 
Königs  znm  Eintritt  in  den  Bund  sehr  stark  betont.  Noch  an  dem- 
selben Tage*)  hielt  Foxe  auch  vor  der  Gesamtheit  der  Verbündeten 
eine  Rede,  in  der  er  besonders  die  evangelische  Gesinnung  Hein- 
richs hervorhob  und  um  Gelegenheit  zu  weiteren  Verhandlungen 
über  die  Lehre  bat,  da  man  nur,  wenn  man  in  ihr  einig  sei,  ge- 
meinsam auf  dem  Konzil  auftreten  könne.  Man  erfüllte  diesen 
Wunsch,  und  aus  den  gemeinsamen  Beratungen  ging  dann  wohl 
die  von  den  Gesandten  und  den  beiden  Bundeshäuptem  Unter- 
zeichnete sogenannte  Petition  an  den  König  vom  25.  Dezember 
hervor. 

Man  kam  darin  zunächst  den  Wünschen  Heinrichs  insofern 
sehr  weit  entgegen,  als  man  sich  zu  Verbesserungen  der  Kon- 
fession und  Apologie  bereit  erklärte.  Die  in  Deutschland  zurück- 
bleibenden  Gesandten  sollten  darüber  mit  deutschen  Gelehrten 
verhandeln,  die  definitive  Entscheidung  aber  sollte  erst  gelegentlich 
einer  in  Aussicht  gestellten  protestantischen  Gesandtschaft  an  den 
König  erfolgen.  Das,  worauf  man  sich  einigte,  wollte  man  dann  auf 
dem  Konzil  gemeinsam  verteidigen.  Um  ihre  Ansichten  über  die 
Art  eines  für  sie  annehmbaren  Konzils  klarzulegen,  verwiesen 


1)  Das  Datum  ergibt  sich  ans  P.  C.  II,  318. 

Bsitrtg«  cor  neoeren  Gcachicbt«  ThOnngeni  I,  2.  6 


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82 


Kapitel  1. 


die  Verbündeten  auf  die  Antwort,  die  sie  Vergerio  erteilt  hatten. 
Weiter  wurde  in  der  Petition  der  Gedanke  eines  Bundes  mit  dem 
Könige  erörtert.  Zum  Defensor  oder  Protektor  ihres  Bundes  wollten 
die  Protestanten  diesen  ernennen.  Keiner  sollte  einen  Feind  des 
anderen  Teiles  unterstützen,  der  König  soUte  zu  Verteidigungs- 
zwecken 100000  Kronen  hinterlegen.  Davon  sollte  die  Hälfte  ver- 
wendet werden,  die  andere  Hälfte,  d.  h.  ebenfalls  50000  Kronen, 
wollten  die  Verbündeten  selbst  aufbringen.  Im  Notftdle  sollte 
Heinrich  aber  noch  weitere  200000  Kronen  liefern.  Die  Verbün- 
deten wollten  sich  verpflichten,  das  Geld  zu  keinem  anderen  Zwecke 
zu  gebrauchen  und  das,  was  nicht  gebraucht  würde,  zurückzu- 
geben ^). 

Mit  der  Unterzeichnung  dieser  Petition  waren  die  Verhand- 
lungen zunächst  beendet.  Sie  zeigen  entschiedene  Verwandtschaft 
mit  den  französischen.  Auch  bei  diesen  waren  gemeinsames  Auf- 
treten auf  dem  Konzil  und  Einigung  in  der  Lehre  geplant,  doch  kam 
man  mit  den  Engländern  insofern  weiter,  als  die  Verhandlungen 
über  die  Lehre  gleich  im  Januar  1536  in  Wittenberg  begannen. 
In  der  Frage  des  Bündnisses  geht  die  Petition  dafür  aber  ent- 
schieden weniger  weit  als  die  mit  du  Bellay  gewechselten  Entwürfe. 
Die  Leistungen,  die  für  die  Protestanten  in  Aussicht  genommen 
wurden,  waren  minimal,  infolgedessen  war  es  auch  nicht  nötig, 
Kaiser  und  Reich  besonders  auszunehmen.  Mit  der  Geringfügigkeit 
der  von  den  Schmalkaldenern  versprochenen  Leistungen  sank  aber 
natürlich  auch  die  Wahrscheinlichkeit  der  Annahme  der  13  Artikel 
der  Petition  durch  den  König.  Bei  ihm  lag  jedenfalls,  wie  dort 
bei  Franz  I.,  die  Entscheidung. 

Sie  erfolgte  zunächst  in  der  Antwort,  die  er  auf  die  Petition 
erteilte  und  die  am  12.  März  in  Wittenberg  überreicht  wurde. 
Heinrich  erklärte  sich  darin  einverstanden  mit  den  Artikeln  über 
das  KonzU,  über  die  Ablehnung  jeder  Herrschaft  des  Papstes,  über 
die  Verpflichtung,  keinem  Feinde  des  anderen  Teiles  zu  helfen.  Auch 
dagegen,  daß  er  100000  Kionen  zahlen  sollte,  hatte  er  nichts  ein- 
zuwenden. Er  forderte  aber  als  Gegenleistung,  daß  die  Verbündeten 
ihm,  wenn  er  angegriffen  werde,  500  Reiter  oder  10  Schiffe  nach 
seiner  Wahl  auf  4 Monate  schicken  sollten  und  daß  ihm  erlaubt 
sein  solle,  bis  zu  2000  Reitern  und  5000  Fußsoldaten  durch  die 


1)  C.  R.  II,  1032  ff. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532—1536.  83 

Verbündeten  werben  oder  sich  12  Schiffe  von  ihnen  liefern  zu 
lassen.  Er  verlangte  außerdem  noch,  daß  die  Verbündeten  in  der 
Ehescheidungsfrage  die  früher  von  den  Wittenberger  Theologen 
ausgesprochene  Meinung  verteidigten,  und  bat  endlich  von  neuem 
um  eine  Gesandtschaft,  mit  der  er  über  die  Art  der  Hilfsleistung 
weiter  verhandeln,  vor  allem  aber  Einigkeit  in  der  Lehre,  die 
Voraussetzung  jedes  Bundes,  erzielen  könne  ^). 

Johann  Friedrich,  der  sich  selbst  nach  Wittenberg  begeben 
hatte,  um  diese  Antwort  entgegenzunehmen,  ist  nicht  gerade  sehr 
erfreut  über  sie  gewesen.  Da  sich  ja  aber  die  Verhandlungen  mit 
den  Engländern  über  die  Lehre  ganz  gut  anließen,  glaubte  man 
doch  den  König  nicht  so  leichthin  abweisen  zu  dürfen.  Die  end- 
gültige Entscheidung  konnte  allerdings  nur  durch  die  auf  den 
April  nach  Frankfurt  berufene  Bundesversammlung  getroffen 
werden.  Johann  Friedrich  hat  aber  den  englischen  Gesandten 
dnrch  Bnrchard  und  einen  anderen  Rat  am  3.  April  doch  eine  vor- 
läufige Antwort  erteilen  lassen,  indem  er  dabei  ihre  Unverbindlich- 
keit allerdings  aufs  stärkste  betonte.  Er  erklärte  sich  darin  bereit, 
für  den  Bund  mit  dem  Könige  zu  wirken,  wenn  dieser  sich  in  der 
Lehre  und  in  den  Zeremonien  der  Konfession  und  der  Apologie 
anschlösse.  Er  wollte  dann  dafür  eintreten,  daß  ihm  eine  Hilfe 
von  500  Reitern  und  1500  Knechten  geleistet  werde,  und  daß  ihm 
auch  weitere  Werbungen  gestattet  würden,  er  lehnte  es  dagegen 
ab,  eine  Hilfe  der  Alt,  wie  sie  in  der  Antwort  des  Königs  gefordert 
werde,  zu  gewähren.  Er  wandte  sich  damit  wohl  vor  allem  gegen 
die  Stellung  von  Schiffen.  Auf  die  Ehesache  ließ  er  sich  gar  nicht 
ein.  Am  Schluß  erklärte  er  ein  Bündnis  mit  dem  König  oder  eine 
Botschaft  an  ihn  dann  für  nutzlos,  wenn  dieser  zum  Vergleich  in 
der  Religion  nicht  geneigt  wäre,  auch  nicht  auf  Grund  der  jetzt  in 
Wittenberg  verabredeten  Artikel,  oder  wenn  er  auf  den  in  seiner 
Antwort  enthaltenen  Forderungen  beharre*). 

Unter  dem  Einfluß  von  Brück  und  Luther  ist  Johann  Friedrich 
in  den  nächsten  Wochen  noch  weiter  entgegengekommen ").  In 
der  Instruktion,  die  er  seinen  Gesandten  nach  Frankfurt  mitgab, 
empfahl  er  die  Schickung  nach  England,  auch  wenn  kein  Bündnis 

1)  C.  R.  m,  45  ff. 

2)  C.  R.  III,  60  ff.,  No.  1415,  dort  fälschlich  auf  etwa  den  22.  April  datiert. 

3)  Seckendorf,  III,  S.  112f.  läßt  zu  stark  die  negative  Seite  der  Aeuße- 
runeen  des  Kurfüraten  hervortreten. 

6* 


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84 


Kapitel  I. 


zustande  komme.  Auch  in  der  Personenfrage  war  er  sehr  bereit- 
willig, schlug  vor,  außer  Georg  von  Anhalt  Melanchthon  und 
Burchard  zu  senden.  Was  die  Bedingungen  eines  etwaigen  Bünd- 
nisses betraf,  so  glaubten  die  Sachsen,  in  der  religiösen  Frage  un- 
bedingt an  den  bisherigen  Forderungen  festhalten  zu  müssen,  in 
den  anderen  Punkten  waren  sie  bereit,  sich  durch  die  anderen 
Stände  überstimmen  zu  lassen*).  Von  diesen  hat  sich  besonders 
Hessen  der  Bündnisfrage  angenommen.  Es  war  der  Meinung,  daß 
man  sich,  auch  wenn  eine  Einigung  in  der  Religion  und  ein  wirk- 
liches Bündnis  nicht  möglich  sei,  doch  mit  dem  Könige  dahin  ver- 
gleichen könne,  daß  kein  Teil  ohne  den  anderen  das  Konzil  bewillige 
und  daß  man  in  keiner  Sache  gegeneinander  handle,  es  wäre  denn, 
daß  diese  Sachen  das  Reich  beträfen.  In  bezug  auf  dieses  wünschte 
auch  der  Landgraf  unverbunden  zu  bleiben.  In  der  Frage  der 
Ehescheidung  lehnte  er  ein  Urteil  ab,  überließ  sie  dem  Gewissen 
des  Königs*). 

Die  englische  Angelegenheit  ist,  obgleich  die  Engländer  schon 
am  25.  April  in  Frankfurt  eingetroflfen  waren®),  erst  am  2.  Mai 
zur  Beratung  gekommen.  Dadurch  daß  die  städtischen  Gesandten 
nicht  genügend  über  die  Sache  instruiert  waren,  wurde  eine  Be- 
schlußfassung erschwert.  Man  wählte  aber  einen  Ausschuß,  der 
am  3.  Mai  ein  Gutachten  über  die  dem  König  vorläufig  zu  er- 
teilende Antwort  abgab.  Der  englische  Orator  war  mit  dieser 
Antwort  aber  nicht  zufrieden,  so  daß  weitere  Beratungen  statt- 
fanden, deren  schließliches  Resultat  der  Nebenabschied  vom  11.  Mai 
war.  Es  war  darin  zunächst  die  Gesandtschaft  nach  England  be- 
schlossen, allerdings  unter  der  Voraussetzung,  daß  die  Stände, 
deren  Vertreter  jetzt  nicht  genügend  instruiert  gewesen  waren, 
noch  zustimmten.  Zu  Mitgliedern  der  Gesandtschaft  wurden  Fürst 

1)  Instruktion  vom  21.  April,  B^.  H.  p.  106,  No.  47,  Or.  Sie  steht  unter  don 
Eänfluü  eines  Briefes  Brücks  an  Kf.  vom  15.  April,  Reg.  H.  p.  99.  No.  42,  voL  I. 
Luther  sprach  sich  schon  am  28.  März  für  Bund  und  Gesandtschaft  aus,  wenn  der 
König  die  Wittenberger  Artikel  annähme.  (Enders,  X,  8.  315  f.;  Erl.  55,  128.) 
lieber  die  Frage,  ob  man  auch  ohne  Einigkeit  in  der  Lehre  in  weltlichen  Sachen 
einen  Bund  schließen  könne,  enthielt  er  eich  des  Urteils  (April  20,  Enders,  X, 
8.  327 ; Erl.  55,  133  f.).  Doch  hat  er  wegen  der  Gesandtschaft  auch  an  den  Land- 
grafen geschrieben  und  eich  Burchard  gegenüber  mündlich  dafür  ausgesprochen,  daß 
man  sie  unter  allen  Umständen  vornehme  (nach  der  Instruktion  vom  21.  April). 

2)  Instruktion  des  Ldgf.  für  seine  Gesandten  vom  22.  April,  P.  A.  No.  440,  Or. 

3)  L.  a.  P.  X,  309,  No.  730. 


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Bond  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1533.  85 

Georg  von  Anhalt,  je  zwei  Räte  des  Kurfürsten  und  Landgrafen, 
für  die  Städte  Jakob  Sturm,  von  Theologen  Melanchthon,  Bucer 
und  Dr.  Georg  Drach  ausersehen.  Auch  die  ihnen  mitzugebende 
Instruktion  wurde  sogleich  festgesetzt.  Sie  durften  sich  auf 
Bündnisverhandlungen  nur  einlassen,  wenn  eine  Einigung  in  der 
Lehre  auf  Grundlage  der  Konfession  und  Apologie  oder  der 
zwischen  der  Botschaft  und  den  Wittenberger  Theologen  ver- 
abredeten .Artikel  zustande  käme.  Die  Bedingungen,  die  man  dann 
im  übrigen  eingehen  wollte,  stellten  ein  Kompromiß  zwischen  den 
13  Artikeln  und  der  Antwort  des  Königs  dar,  auch  die  Vorschläge 
des  Kurfürsten  wurden  dabei  berücksichtigt,  doch  wurde  z.  B.  die 
in  Aussicht  gestellte  Hilfe  auf  500  Reiter  und  2000  Mann  zu  Fuß 
erhöht.  Als  eine  neue  Forderung  tauchte  auf,  daß  der  Bund  nicht 
gegen  den  Kaiser,  den  römischen  König  und  das  Reich  gelten 
dürfe.  Besonders  die  Städte  hatten  auf  diese  Beschränkung  Wert 
gelegt.  Erwies  sich  ein  Bund  als  unmöglich,  so  wollte  man  doch 
eine  Einigung  zu  erreichen  suchen  derart,  wie  der  Landgraf  sie 
in  seiner  Instruktion  vorgeschlagen  hatte.  Diese  finden  wir  auch 
in  dem  Satz  über  die  Ehescheidungsfrage  benutzt*). 

Die  Ausführung  dieser  Beschlüsse  hing  ja  nun  zunächst  noch 
davon  ab,  ob  die  Stände,  deren  Gesandte  nicht  instruiert  gewesen 
waren,  ihre  Zustimmung  gaben.  Wie  üblich,  liefen  diese  Erklärungen 
sehr  langsam  ein.  Außerdem  sprachen  sich  eine  ganze  Reihe  be- 
sonders der  niederdeutschen  Stände  gegen  das  Bündnis,  ja  auch 
gegen  die  Botschaft  aus*).  Doch  können  sie  dabei  schon  unter 
dem  Eindruck  der  Nachrichten  von  den  Umwälzungen  in  England, 
die  mit  der  Katastrophe  der  Anna  Boleyn  zusammenhingen,  ge- 
standen haben.  Diese  ließen  natürlich  alles  in  ganz  anderem 
Lichte  erscheinen,  Barnes  selbst  warnte  jetzt  Melanchthon  vor  der 
Reise  nach  England  *).  Auch  die  schmalkaldischen  Fürsten  hielten 

1)  Vergl.  über  die  Verhandlungen  zunächst  P.  C.  II,  364 — 368.  Aktenstücke 
dazu  in  Reg.  H.  p.  90,  No.  42,  vol.  III  und  IV,  ebenda  in  voL  III  Kopie  des 
Nebenabschiedes  vom  11.  Mai.  VergL  P.  C.  II,  366,  2. 

2)  Zustimmend  erklärten  sich  Btraflburg,  Constanz,  Lindau  und  Eßlingen,  die 
anderen  Oberländer  ablehnend  (P.  C.  II,  374,  2),  ebenso  die  Hze.  von  Lüneburg, 
Magdeburg,  Braunschweig  und  Hannover.  (Juni  4,  Reg.  H.  p.  100,  No.  48.) 
Dafür  waren  Hamburg  und  Bremen. 

3)  Mai  21,  Barnes  an  Aepinus,  Wurm,  8.  49  Anm.  10  = C.  R.  III, 
700  f.,  aber  wohl  jedenfalls  ins  Jahr  1536  zu  setzen.  Vergl.  auch  C.  R.  III, 
S.  01,  No.  1439  den  Brief  an  Jonas. 


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86 


Kapitel  I. 


es  jetzt  für  besser,  mit  der  Sendung  zu  warten,  bis  man  nihere 
Nachrichten  habe.  Als  Vorwand  für  den  Aufschub  konnte  dienen, 
daß  der  Bischof  von  Hereford  versprochen  hatte,  über  die  Auf- 
nahme der  Wittenberger  Artikel  zu  berichten.  Das  war  bis  zum 
Herbst  noch  nicht  geschehen.  Man  begnügte  sich  daher  damit,  in 
einem  Briefe  vom  1.  September  den  König  auf  diesen  Mangel  auf- 
merksam zu  machen,  auf  die  sonstigen  Gründe  für  die  Verzögerung 
der  Gesandtschaft  hinzuweisen  und  um  eine  Meinungsäußerung  über 
das  Konzil  zu  bitten^). 

Eine  Antwort  auf  diese  Anfrage  ist  nicht  erfolgt,  war  doch 
tatsächlich  damals  Heinrich  VIII.  in  ein  so  ganz  anderes  Fahr- 
wasser geraten,  daß  jede  Verbindung  mit  den  deutschen  Protestanten 
ausgeschlossen  war.  Hätte  er  seine  Zustimmung  zu  den  Witten- 
berger Artikeln  gegeben,  so  wäre  trotz  der  Schwierigkeiten,  die 
einzelne  Mitglieder  des  Bundes  machten,  die  Gesandtschaft  doch 
wohl  erfolgt,  und  auch  der  Abschluß  eines  Bundes  wäre  dann 
nicht  allzu  schwierig  gewesen.  Der  Landgraf  äußerte  wenigstens 
am  26.  Juni,  daß  die  Mehrheit  der  Bundesstände  für  die  Sendung 
sei  und  nur  die  Sache  mit  der  Frau  des  Königs  dazwischenge- 
kommen sei.  Jedenfalls  lag  es  nicht  am  Kurfürsten,  wenn  aus  der 
ganzen  anfangs  so  aussichtsvollen  Verhandlung  nichts  geworden 
ist.  Er  hatte  sich  ja  offenbar  zu  dem  Bunde  mit  England  viel 
geneigter  gezeigt,  als  zu  dem  mit  Frankreich.  — 

Wir  haben  diese  englischen  Verhandlungen  gleich  bis  zu  einem 
gewissen  Ruhepunkt  verfolgt  und  kehren  nun  zum  Anfang  des 
Jahres  1536  zurück,  um  uns  die  Lage  nach  dem  Ende  des  schmal- 
kaldischen  Tages  klar  zu  machen.  Zunächst  mußte  da  der  Znist 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen  sehr  unangenehm 
empfunden  werden.  Er  war  noch  dadurch  verstärkt  worden,  daß 
Johann  Friedrich  den  Grafen  Wilhelm  von  Nassau  zum  Pfleger  in 
Koburg  ernannt  hatte.  Das  verstieß  nach  der  Ansicht  des  Land- 
grafen gegen  die  Bestimmungen  der  Erbeinigung*),  während  der 


1;  C.  R.  III,  144 — 146.  Eine  Korrespondenz  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
dem  Land^:rafen  über  die  weiter  einzunehmende  Haltung  ging  vorher.  Ldgf.  an  KL 
Juni  26,  Reg.  H.  p.  109,  No.  48,  Or.  Antwort  des  KL  vom  7.  Juü,  ebenda.  Kf. 
an  Ldgf.  Juli  13,  Reg.  H.  p.  99,  No.  42,  vol.  III.  LdgL  an  Kf.  Juli  25,  Reg.  H. 
p.  112,  No.  .52,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  3.  24,  Konz,  ebenda. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  1536  Jan.  1 und  28,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55,  Or. 


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Bund  und  Bcich;  Die  Jahre  des  Vcrtrauena  1532 — 1536. 


87 


Kui-fürst  sich  dieser  Ansicht  nicht  anznsclüießen  vermochte’),  und 
da  nun  auch  der  Streit  über  die  Wahlangelegenheit  noch  nicht 
beigelegt  war,  war  ein  Zusammenwirken  beider  Fürsten  im  Bunde 
kaum  möglich.  Es  war  ganz  im  Geiste  Johann  Friedrichs,  wenn 
er  jetzt  an  die  einstige  Mühlhäuser  Verabredung  erinnerte  und 
zu  einer  Zusammenkunft  der  Räte  riet  *).  Diese  hat  dann  im  April 
in  Nordhauseu  stattgefnnden.  Die  hessischen  Räte  gaben  hier  in 
der  Wahlsache  ziemlich  günstige  Erklärungen  ab , nur  infolge 
anderer  Geschäfte  hatte  nach  ihrer  Aussage  der  Landgraf  die  Ver- 
schreibung vom  15.  Dezember  nicht  unterschrieben,  dagegen  erwies 
es  sich  nicht  als  möglich,  in  der  Frage  der  Dienstbestallnng  des 
Grafen  von  Nassau  eine  Einigung  zu  erzielen*).  So  haben  sich 
auch  die  in  Frankfurt  versammelten  Bundesstände  dieser  Frage  an- 
nehmen müssen,  sie  baten  Herzog  Ernst  von  Lüneburg,  die  Ver- 
mittlung zu  übernehmen^).  Dessen  Eingreifen  ist  schließlich  aber 
doch  nicht  nötig  gewesen,  da  der  Streit  durch  direkte  Verhandlungen 
beigelegt  wurde®).  Johann  Friedrich  beharrte  zwar  auf  seinem 
Rechtsstandpunkte,  fügte  sich  aber  den  Bitten  des  Landgrafen  und 
veranlaßte  den  Grafen,  auf  seine  Stellung  in  seinen  Diensten  zu 
verzichten*).  In  der  Wahlsache  ist  es  zu  einer  neuen  Verpflich- 
tung des  Landgrafen  zwar  nicht  gekommen,  der  Enrfürst  glaubte 
aber  doch  seiner  Unterstützung  sicher  zu  sein’). 

Der  geinze  Streit  und  seine  Beilegung  ist  für  die  beiden  Fürsten 
sehr  charakteristisch.  Sie  wissen,  wie  schädlich  Uneinigkeit  unter 
ihnen  ist,  und  haben  auch  den  Wunsch,  sie  zu  vermeiden,  aber  es 
wird  ihnen  doch  sehr  schwer,  irgendwie  von  ihrem  vermeintlichen 
Rechtsboden  zu  weichen.  Man  muß  anerkennen,  daß  in  diesem 
Falle  die  größere  Kleinlichkeit  auf  der  Seite  des  Landgrafen,  die 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  12,  ebenda.  Gf.  Wilh.  an  Kf.  Febr.  6,  Beg.  H.  p.  153, 
No.  74,  Or. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  14,  Keg.  H.  p.  124,  No.  55. 

3)  April  6,  Instruktion  des  Kf.  für  die  nach  Nordhansen  gesandten  Bäte, 
Beg.  H.  p.  124,  No.  55.  Ein  Bericht  der  Bäte  in  Beg.  C.  No.  819. 

4)  Bäte  und  Botschaften  an  Uz.  Emst  Mai  10,  Kopie.  Hz.  Emst  an  KL 
Mai  27,  Or.,  Beg.  H.  p.  124,  No.  55. 

5)  Kf.  an  Hz.  Emst  Juni  6,  ebenda. 

6)  Kf.  an  W.  v.  Nassau  Juni  21,  Beg.  C.  No.  344,  Bl.  47 — 54,  Konz.  Der 
Gf.  an  Kf.  Juli 3,  ebenda.  Bl.  56.  Meinardus,  1,2,  8.  373  f.  Der  Gf.  an  Kf. 
Juli  29,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Äug.  10,  ebenda,  Konz. 

7)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  34,  Keg.  H.  p.  112,  No.  52. 


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88 


E«pitel  1. 


größere  Nachgiebigkeit  auf  der  des  KurfQrsten  gelegen  hat.  Be- 
sonders auch  in  der  Frage  der  Zugehörigkeit  des  Grafen  von  Nassau 
zum  Bunde  hat  sich  Philipp  ja  außerordentlich  hartnäckig  erwiesen 
und  den  Grafen  auch  schließlich  wieder  hinausgedrängt').  Dies 
gab  einen  Mißton  auf  dem  Frankfurter  Bundestage.  Sonst  läßt 
sich  nicht  bemerken,  daß  seine  Verhandlungen  durch  den  Zwist  der 
beiden  Bundeshäupter  gestört  worden  seien. 

Um  sie  zu  verstehen,  müssen  wir  zunächst  noch  die  Gestaltung 
der  Beziehungen  der  Verbündeten  zum  Kaiser  und  zu  König  Ferdi- 
nand ins  Auge  fassen.  Es  herrschte  da  im  Winter  1535  auf  36  eine 
recht  trübe  Stimmung  infolge  von  Aeußerungen  der  beiden  Habs- 
burger in  den  Kammergerichtsangelegenheiten,  die  wenig  Hoffnung 
auf  Ausführung  des  Wiener  Friedens  eröffneten.  Da  erließ  zunächst 
König  Ferdinand  am  24.  November  ein  Mandat  an  das  Kammer- 
gericht, in  dem  außer  der  Beschränkung  auf  die  im  Frieden  begriffenen 
Stände  noch  die  weitere  enthalten  war  auf  die  Prozesse,  die  schon 
vor  dem  Wiener  Vertrage  begonnen  hatten,  ja  es  wai‘  ursprünglich 
sogar  positiv  betont,  daß  gegen  neue  Handlungen  der  Protestierenden 
gerichtliches  Verfahren  freistehe  ’).  Das  brachte  denn  doch  auch  den 
geduldigen  Sachsen  in  Harnisch.  Er  schickte  die  Mandate,  die 
Dölzig  ihm  überbracht  hatte,  an  Hans  Hofmann  zurück  mit  der 
energischen,  fast  drohenden  Bitte  um  Aenderung.  Seinen  Pro- 
kuratoren am  Kammergericht  schickte  er  einstweilen  eine  Kopie 
der  Wiener  Bewilligung  des  Königs  zu,  damit  sie  sie  dem  Kammer- 
richter und  den  Beisitzern  mitteilten  *). 

Hofmann  hat  dann  die  Aenderung  der  anstößigen  Stelle  beim 
Könige  erreicht,  und  in  dieser  neuen  Form  ging  das  Mandat 
dem  Kammergericht  zu*).  Die  Antwort,  die  es  darauf  erteilte, 
daß  es  seine  Pflicht  erfüllen  werde,  wie  es  „das  darvor  getan“, 
war  nicht  gerade  sehr  viel  versprechend*),  auch  Ferdinands  Be- 
nehmen gab  nach  wie  vor  zum  Anstoß  Anlaß*).  Das  Sclilimmste 

1)  MeinarduB,  I,  1,  S.  159. 

2)  Loc.  10674  „eretee  Buch,  Handlung  zu  Wien“,  Kopie  der  ursprünglichen 
Fassung  des  Mandats.  P.  C.  II,  320,  1 gibt  schon  die  gemilderte  Form. 

3)  Dez.  27  Keg.  H.  p.  103,  No.  46,  benutzt  bei  Winckelroann,  ZKG., 
XI,  S.  237. 

4)  Hofmann  an  Kf.  1536  Jan.  12,  Loc.  10673  „Acta,  die  Abfertigung  und 
Handiung  . . . 1535/36.  Winckelmann,  a.  a.  O. 

5)  Febr.  17,  Reg.  H.  p.  110,  No.  49,  vol.  II,  Or.  Winckelmann,  a.  a.  O. 

6)  Z.  B.  in  der  Lindauer  Sache,  Febr.  21,  P.  C.  II,  348f. 


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Band  und  K«ich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1632—1536. 


89 


aber  war,  daß  man  sich  jetzt  darüber  klar  werden  mußte, 
daß  der  Kaiser  mit  der  Haltung  des  Gerichtes  vollkommen 
einverstanden  sei.  Etwa  im  Februar  ist  ja  sein  Briet  vom 
30.  November  aus  Neapel  in  die  Hände  der  Verbündeten  ge- 
langt, in  dem  er  sich  in  den  Fragen,  die  die  Güter  betrafen,  um 
die  sich  doch  seit  Nürnberg  der  Streit  hauptsächlich  drehte,  auf 
den  Standpunkt  des  Kammergerichts  stellte  *).  Wir  wissen  nicht, 
wie  Johann  Friedrich  diesen  Brief  aufgenommen  hat,  vermutlich 
wird  er  in  dem  Gedanken  Trost  gesucht  haben,  daß  der  Kaiser 
bei  Absendung  seines  Briefes  von  den  in  Wien  getroffenen  Ver- 
abredungen noch  nichts  wissen  konnte.  Das  war  wenigstens  der 
Standpunkt,  den  der  Landgraf  einnahm.  Er  hielt  eine  aufklärende 
Antwort  an  den  Kaiser  für  nötig,  überließ  es  aber  dem  Kur- 
fürsten, ob  nur  sie  beide  oder  alle  Bundesstände  antworten 
sollten*).  Um  dieselbe  Zeit  ging  von  Straßburg  die  Anregung 
aus,  Gesandte  an  den  kaiserlichen  Hof  zu  schicken.  Sie  wurde 
vom  Landgrafen  dahin  ansgestaltet,  daß  man  ständig  ein  oder 
zwei  Vertreter  am  Hofe  haben  solle,  um  Mißverständnisse  aufzu- 
klären*). Gingen  doch  damals  wieder  Gerüchte  von  kriegerischen 
Absichten  des  Landgrafen  *). 

Auch  Johann  Friedrich  war  der  Ansicht,  daß  man  dem  Kaiser 
antworten  müsse,  und  zwar  im  Namen  aller  Bundesverwandten. 
Ebenso  war  er  mit  dem  Vorschlag,  Gesandte  am  kaiserlichen  Hofe 
zu  unterhalten,  einverstanden,  er  wollte  einen  der  beiden  Vertreter 
ernennen,  der  Landgraf  sollte  den  anderen  liefern,  die  Kosten  aber 
sollten  von  allen  Verbündeten  getragen  werden. 

Mit  der  Antwort  an  den  Kaiser  empfahl  der  Kurfürst  zu 
warten,  bis  er  von  Hofmann  Antwort  habe®).  Diesen  hatte  er 
nämlich  wegen  des  Briefes  des  Kaisers  und  wegen  der  Antwort 
des  Kammergerichts,  das  offenbar  mit  den  Prozessen  wie  bisher 


1)  Gedruckt  bei  Meinardus,  FD6.  XXII,  627 — 629.  Auszug  in  P.  C. 
II,  340  f.  Or.  in  Reg.  H.  p.  102,  No.  145. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  23,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Or. 

3)  P.  C.  II,  341  f.,  No.  351.  Zettel  zu  einem  Brief  des  Ldgf.  an  Kf.,  viel- 
leicht vom  23.  Febr.,  Reg.  H.,  ebenda. 

4)  Neudecker,  Aktenst.,  S.  119.  P.  A.  No.  438  zeigt,  daß  wirkliche 
RQstungen  des  Landgrafen  damals  nicht  sCattfanden. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  März  5,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz.  Or.  in  P.  A.  Sachsen, 
Emeetinische  Linie,  1.536. 


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90 


Kapitel  1. 


fortfahren  wolle,  interpelliert^),  es  dauerte  aber  bis  in  den  April, 
ehe  er  Antwort  erhielt,  und  diese  war  so  allgemein  gehalten,  daß 
sie  in  keiner  Weise  befriedigen  konnte*).  Eher  war  die  kaiser- 
liche Gesandtschaft,  die  am  18.  März  wegen  des  Türkenkiieges  und 
der  allgemeinen  Lage  beim  Kurfürsten  eintraf,  geeignet,  beruhigend 
zu  wirken  *).  Sie  wird  ihn  in  der  Ansicht  bestärkt  haben,  daß  man 
einen  Angriff  Torläuiig  nicht  zu  fürchten  brauche  ^).  Man  kann  ihn 
überhaupt  von  einer  etwas  großen  Vertrauensseligkeit  damals  nicht 
freisprechen.  Sein  Bestreben,  gut  mit  den  Habsburgem  zu  stehen, 
ist  im  Jahre  1536  offenbar  noch  außerordentlich  groß  gewesen,  wie 
das  besonders  bei  seiner  Bemühung,  die  dänischen  Knechte  für  sie 
zu  gewinnen,  hervortrat®).  Am  22.  April  warnte  er  noch  vor 
Rüstungen,  solange  nicht  nachgewiesen  sei,  daß  wirklich  für  die  Ver- 
bündeten gefährliche  Praktiken  im  Werke  seien  *).  Auch  sein  Ver- 
trauen zu  Ferdinand  war  merkwürdig  groß.  Trotz  der  nichts- 
sagenden Antwort  Hofmanns,  verwies  er  noch  am  21.  April  darauf, 
daß  der  König  sich  um  die  Bestätigung  des  kadanischen  und  Wiener 
Vertrages  beim  Kaiser  bemühe  und  daß  darum  das  Schreiben  an 
diesen  keine  Eile  habe’). 

Die  Entscheidung  darüber  war  durch  den  Kurfürsten  so 
lange  hingezögert  worden,  daß  sie  schließlich  dem  Frankfurter 
Tage  anheimöel.  Dieser  beauftragte  Sachsen  und  Hessen,  auf 
Grund  eines  von  Straßburg  bereits  im  März  eingereichten  Ent- 
wurfs den  Brief  an  den  Kaiser  zu  verfassen®).  Seine  Uebei'- 
reichung  an  diesen  sollte  durch  die  zwei  Sollizitatoren  ge- 
schehen, über  deren  Ernennung  man  sich  ebenfalls  in  Frankfurt 

1)  Kf.  an  Hofmann  März  2,  Konz.  Reg.  H.,  ebenda. 

2)  April  4,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  Or.  Da  in  dem  Brief  des  Kf.  keüie 
Petition  enthalten  gewesen  sei,  könne  der  König  nichts  tun. 

3)  Ihre  Werbung  in  Reg.  C.  No.  818.  Vor  allehi  betraf  sie  dänische  Dinge, 
vergl.  Waitz,  III,  8.  262  f. 

4)  An  Ldgf.  März  5,  siehe  8.  89  Anm.  5. 

5)  Korrespondenzen  darüber  in  Reg.  H.  p.  103,  No.  46;  R^.  C.  No.  819. 
820.  821.  824. 

6)  Kf.  an  seine  Gesandten  in  Frankfurt  April  22,  R^.  N.  No.  62,  III,  ür. 

7)  Beiinstruktion  vom  15.  April,  Reg.  H.  p.  106,  No.  47. 

8)  Ldgf.  an  Kf.  März  27,  Reg.  H.  p.  101.  No.  44,  Or.  P.  C.  II,  342, 
No.  3.53  und  Anm.  3.  Der  Kf.  und  der  Ldgf.  waren  einig  darin,  da0  der  Ent- 
wurf gekürzt  und  gemildert  werden  müsse.  Sächsische  Nebeninstruktion  vom 
15.  April,  Reg.  H.  p.  106,  No.  47.  Kf.  an  die  Gesandten  April  22,  Reg.  N.  No.  62, 
III.  P.  A.  No.  439.  440. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1330.  91 

einigste.  Deren  Aufgabe  sollte  außerdem  sein,  die  evangelischen 
Interessen  am  Hofe  Karls  zu  vertreten ; erst  wenn  der  Kaiser  nach 
Augsburg  kam,  sollte  er  durch  eine  stattlichere  Gesandtschaft  be- 
grüßt werden.  Sachsen  und  Hessen  wurden  des  weiteren  mit  einer 
Sendung  an  König  Ferdinand  beauftragt,  um  über  das  Kammer- 
gericht, und  zwar  besonders  in  einem  Lindauer  Fall,  zu  klagen  ‘). 

Den  im  Dezember  in  Schmalkalden  gefaßten  Beschlüssen  hätte 
es  entsprochen,  wenn  man  jetzt  Ausschreiben  gegen  das  Kammer- 
gericht erlassen,  mit  Widerstand  gegen  eine  etwaige  Exekution  ge- 
droht hätte  u.  dgl.  mehr.  Kursachsen  bewirkte,  indem  es  auf  die 
großen  Geschäfte,  in  denen  sich  der  Kaiser  befände,  verwies,  daß 
man  sich  noch  einmal  mit  einem  Schreiben  an  äas  Kammergericht 
und  mit  einer  Sendung  an  Ferdinand  begnügte*).  In  Frankfurt 
hat  man  sich  dann  auch  mit  der  Frage  beschäftigt,  wie  solche 
Bundesstände,  auf  die  der  Nürnberger  Frieden  sich  nicht  erstrecke, 
sich  doch  gegen  Kammergerichtsprozesse  schützen  könnten  *). 
Sachsen,  Hessen,  Magdeburg  und  Straßburg  wurden  beauftragt, 
Gutachten  darüber  abzufassen,  diese  sollten  dann  von  den  Bundes- 
häuptem  zu  einem  „Ratschlag“  zusammengearbeitet  werden  *).  Die 
Frage  war  dadurch  aktuell  geworden,  daß  ja  auf  Grund  der  schmal- 
kaldischen  Beschlüsse  inzwischen  eine  Erweiterung  des  Bundes 
durch  solche  Stände,  die  nicht  dem  Nürnberger  Frieden  unter- 
standen, erfolgt  war.  Durch  Kursachsen  war  da  z.  B.  die  Auf- 
nahme der  Herzöge  von  Pommern®)  und  des  Fürsten  von  Anhalt- 
Dessau  erfolgt,  und  es  gehörte  auch  zu  den  Aufgaben  des  Frank- 
furter Tages,  die  Berichte  entgegenzunehmen  über  die  Verhand- 
lungen, die  von  den  einzelnen  Bundesständen  geführt  worden  waren, 
und  Beschlüsse  über  die  Aufnahmebedingungen,  die  Anzahl  der 
Stimmen,  die  Höhe  der  Beiträge  u.  s.  w.  zu  fassen.  Dabei  ergaben 
sich  eigentlich  nur  in  Bezug  auf  die  Aufnahme  Ulrichs  von  Württem- 
berg einige  Schwierigkeiten,  da  der  Herzog  gerade  in  einen  be- 
drohlichen Konflikt  mit  Bayern  verwickelt  war  und  seinen  Eintritt 
außerdem  an  Bedingungen  knüpfte,  mit  denen  wenigstens  der  Kur- 


1)  Abschied  vom  10.  Mai  .Reg.  H.  p.  178,  No.  84,  Or.  P.  C.  II,  367,  2. 

2)  P.  C.  II,  359  ff. 

3)  Den  Kf.  finden  wir  schon  im  Januar  mit  der  Frage  beschäftigt,  an  Brück 
1536  Jan.  7,  Loc.  9650  „des  Kf.  zu  Sachsen  und  Dr.  Gregorii  Brücken  . . . 1537*. 

4)  Abschied  vom  10.  Mai. 

5)  Vergl.  Heling,  Balt.  St,  X,  S.  19. 


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92 


Kapitel  I. 


fürst  nicht  einverstanden  war  *).  Man  überließ  schließlich  die  Weiter- 
führung der  Verhandlungen  dem  Landgrafen,  erklärte  sich  nur 
prinzipiell  bereit,  den  Herzog  unter  ähnlichen  Bedingungen  wie 
die  Herzoge  von  Pommern  aufzunehmen*).  Auch  die  volle  Einigung 
mit  diesen  hat  allerdings  dem  Kurfürsten  noch  manche  Mühe  ge- 
macht®). Andere  Schwierigkeiten  ergaben  sich  daraus,  daß  die 
Städte  Goslar,  Göttingen,  Einbeck  und  Lübeck  sich  zur  Annahme 
der  neuen  Bundesverfassung  noch  nicht  entschließen  konnten*). 
Infolgedessen  konnte  diese  denn  auch  auf  dem  Frankfurter  Tage 
noch  nicht  zum  Abschluß  gebracht  werden.  Man  konnte  nur 
Sachsen  und  Hessen  beauftragen,  die  Originale  nach  Beendigung 
der  noch  schwebenden  Verhandlungen  auszufertigen®). 

Die  Bundeshäupter  haben  anfangs  die  dadurch  gewonnene  Frist 
ganz  gern  benutzt,  um  erst  noch  gewisse  in  der  Verfassung  unklar 
gebliebene  Punkte  zu  erledigen.  So  einigten  sie  sich  z.  B.  am 
4.  Juni  darüber,  daß  für  Pommern  und  Württemberg  je  eine  neue 
Stimme  geschaffen  werden  solle,  daß  auch  die  Zahl  der  städtischen 
Stimmen  um  zwei  vermehrt,  die  Gesamtzahl  der  Stimmen  also  auf 
13  erhöht  werden  solle*).  Als  sich  dann  aber  die  Verhandlungen 
bis  in  den  Herbst  hinzogen,  wurde  doch  besonders  der  Landgraf 
allmählich  ungeduldig,  um  so  mehr,  als  die  Gefahr  der  Lage  ihm 
die  wirkliche  Vollziehung  der  Bundesverfassung  dringend  nötig  er- 
scheinen ließ.  Kaum  war  nämlich  die  in  Frankfurt  beschlossene 
Antwort  auf  das  kaiserliche  Schreiben  vom  30.  November  abge- 
gangen, als  neue  Momente  der  Beunruhigung  hinzukamen,  vor  allem 
in  Gestalt  von  Nachrichten  über  die  Rede,  die  der  Kaiser  im  April 
in  Rom  gehalten  hatte.  Da  sollte  Karl  die  Lutherischen  direkt  als 
seine  Feinde  bezeichnet  haben,  da  sollte  von  einer  Ausrottung  der 
lutherischen  Ketzerei  und  anderer  Sekten  die  Rede  gewesen  sein 

1)  Seine  Korrespondenzen  in  dieser  Sache  in  R^.  H.  p.  112,  No.  61. 

2)  P.  C.  II,  361. 

3)  Helin g,  B.  23  f.  Die  kursächsischen  Akten  über  die  Verhandlungen 
in  H.  p.  lül,  No.  43. 

4)  Vergl.  speziell  über  Lübeck  Virck,  ZKG.  XII,  S.  570  H.  Waitz, 
III,  S.  556 — 558.  R^.  H.  p.  112,  No.  50  n.  52.  Rehtmeyer,  III,  S.  117. 

5)  Nach  P.  C.  II,  357  ff.  und  dem  Abschied. 

6)  Abschied  darüber  vom  4.  Juni  in  P.  C.  II,  377.  Ein  Aktenstück  über 
die  Verhandlungen  in  P.  A.  lag  1907  in  No.  432. 

7)  Nachdem  Brief  des  Erzbischofs  von  Lund  vom  11.  Mai  (Lanz,  II,  S.235) 
muS  die  Rede  damals  schon  bei  den  Protestanten  bekannt  geworden  sein,  doch 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1533—1536. 


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Es  war  nicht  zu  verwundern,  wenn  dem  Landgiafen  die  Lage  als 
äußerst  gefährlich  erschien  und  wenn  er  jetzt  schleunige  Ausferti- 
gung der  Bundesverfassung  empfahl  9- 

Johann  Friedrich  war  wie  stets  der  Bedächtigere.  Während 
der  ganzen  letzten  Monate  hatte  er  in  Korrespondenz  mit  Ferdinand 
und  seinen  Räten  gestanden’).  Soeben  erst  hatte  er  dem  Kaiser 
Büchsenmeister  und  Pulver  gegen  Frankreich  zu  Hilfe  geschickt  *), 
es  kam  ihn  schwer  an,  jetzt  plötzlich  an  feindselige  Absichten  der 
Habsburger  zu  glauben.  Gern  hörte  er  auf  die  Aeußerungen  derer, 
die  in  dem  Druck,  der  von  der  Rede  des  Kaisers  verbreitet  wurde, 
eine  Fälschung  vermuteten ‘),  aber  der  Einsicht,  daß  die  Lage  be- 
denklich sei,  konnte  er  sich  doch  nicht  verschließen  *),  und  so  finden 
wir  denn  im  August  auch  ihn  bemüht,  die  Vollziehung  der  Bundes- 
verfassung zu  beschleunigen*). 

Bald  trafen  dann  aber  wieder  allerhand  beruhigende  Nach- 
richten ein,  vor  allem  der  Brief  des  Kaisers  vom  7.  Juli  aus 
Savigliano,  in  dem  Karl  seine  friedliche  Gesinnung  so  lebhaft  zum 
Ausdruck  brachte  und  jede  Absicht,  den  Stillstand  zu  verletzen, 
ableugnete,  die  Kammergerichtsprozesse  allerdings  gar  nicht  be- 


ist zunäclut  von  einer  Wirkung  nichts  zn  merken.  Der  KL  erwähnt  sie  in  einem 
Brief  an  Kg.  Ferdinand  vom  1.  Juni  (Reg.  C.  No.  U24,  BL  115 — 119)  unter  Aus- 
drücken großer  Zustimmung,  hatte  also  wohl  zunächst  eine  unanstößige  Form 
kennen  gelernt,  ln  der  Korrespondenz  der  Bundeehäupter  wird  erst  seit  dem 
25.  Juli  von  der  Bede  gehandelt,  doch  läßt  sich  leider  nicht  feststellen,  in  welcher 
Fassung  der  Landgraf  eie  damals  dem  Kf.  zuschickte.  Eine  deutsche  Ueber- 
setzung  in  R^.  H.  p.  102,  No.  45  spricht  yon  den  , Lutherischen  und  andern 
unsem  Feinden“.  Vergl.  auch  Conc.  Trid.  IV,  S.  4 Anm. 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  25,  Reg.  H.  p.  112,  No.  62,  Or. 

2)  Besonders  wegen  der  dänischen  Knechte. 

3)  Kf.  an  Ferd.  Juni  12,  Reg.  C.  No.  375,  Konz.  Ferd.  an  Kf.  Juli  5,  Or., 
ebenda,  etc. 

4)  So  Luther  und  andere.  Brück  an  Kf.  Aug.  7,  Reg.  H.  p.  123,  No.  54, 
benutzt  bei  Virck,  ZKO.  XIII,  8.  491. 

5)  So  muß  er  Befürchtungen,  daß  ihm  selbst  ein  Angriff  drohe,  gegen  Of. 
Neuenahr  ausgesprochen  haben.  VergL  dessen  Brief  vom  13.  Juli,  Cornelius, 
XIV,  S.  125. 

6)  An  Ldgf.  Aug.  3,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emest 
Linie,  1536,  Or.  Die  Ansicht  des  Kf.  über  die  Lage  ist  vielleicht  am  beeten  aus 
dem  Brief  an  Neuenahr  vom  9.  Aug.  zu  entnehmen.  Reg.  C.  No.  345,  BL  48 
— 51,  Reinentw.,  Aktenst.  No.  6. 


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94 


Kapitel  I. 


rührte  *).  Dazu  kam  dann  später  der  Brief  Ferdinands  vom 
11.  August,  in  dem  die  in  Umlauf  befindlichen  Nachrichten  über 
die  Rede  des  Kaisers  direkt  als  Erdichtung  bezeichnet  wurden*), 
und  ähnliche  Mitteilungen  Dölzigs®)  und  Neuenahrs^).  Durch  alle 
diese  Beschwichtigungsversuche  wurde  der  Kurfürst  zwar  nicht 
voUkommen  beruhigt®),  aber  sie  kamen  doch  seinem  angeborenen 
Vertrauen  zum  Kaiser  zugute®)  und  veranlaßten  ihn,  sich  in  der 
Vollziehung  der  Bundesurkunde  wieder  mehr  Muße  zu  gönnen.  Im 
September  ging  er  noch  ruhig  daran,  allerhand  kleine  Aendemngs- 
vorschläge  besonders  auf  militärischem  Gebiet  zu  machen.  Aus 
Rücksicht  auf  den  Kaiser  wünschte  er,  daß  die  Hauptleute  nur 
durch  ihn  und  den  Landgrafen  ohne  Erwähnung  des  Bundes  an- 
genommen würden.  FhUipp  von  Hessen  ließ  sich  darauf  aber 
nicht  ein.  Ferner  schien  es  ihm  ratsam,  daß  die  Hauptleute  außer 
in  besonderen  Fällen  von  den  Oberhanptleuten  ernannt  würden 
ohne  Zuziehung  der  Kriegsräte  u.  dgl.  m. ’).  Wenn  die  Bundes- 
urkunde auch  schon  vom  29.  September  datiert  ist,  so  hat  es  doch  in 
Wirklichkeit  bis  in  den  November  gedauert,  ehe  sie  fertig  wurde  ®). 
Sie  bedeutete  eine  entschiedene  militärische  und  finanzielle  Stärkung 
des  Bundes,  und  man  konnte  den  etwa  drohenden  Gefahren  nun 
ruhiger  entgegensehen. 


1)  Nendecker,  Urk.,  8.  267  ff.  Meinardng,  FlXl.,  KXII,  8.  610.  Or. 
Beg.  H.  p.  102,  No.  46. 

2)  Hortleder,  I,  1,  8.  04 ff. 

3)  Aug.  28,  Eteg.  H.  p.  103,  No.  46,  Bl.  132—137,  Hdbf. 

4)  Sept.  6,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55,  vergl.  8eckendorf,  III,  8.  128. 

5)  Kf.  an  Hofmano  Sept  5,  Loc.  10673  Akten  die  Abfertignng  und 
Handlung  . . 1535/36,  Konz.  An  Dölzig  an  denu.  Tage,  Beg.  H.  p.  103,  No.  46, 
Bl.  169—173. 

6)  Aug.  15  Bchreibt  er  dom  Ldgfen.  über  den  Brief  des  Kaieers  vom  7.  Juli 
recht  naiv:  und  nachdem  Kais.  gnst  gemuet,  wille  und  meinung  aus  ange- 
zaigter  schriefft  klerlich  zu  vermerken,  welche  wir  auch  bei  uns  also  und  nicht 
anders  gemeint  sein  genzlich  halten,  angesehen  das  es  irer  M>  nicht  löblich  noch 
rumlich  anstehen  wolt,  do  sich  I.  hemacher  anders  bewiesse,  dan  I.  M‘  zuvor 
von  sich  geschrieben  het,  so  mainen  wir,  daß  man  dem  Kaiser  antworten  müsse. 
P.  A.  Sachsen,  Eimest  Linie,  1536,  II,  Or. 

7)  F.  C.  II,  392.  Kf.  an  Ldgf.  8ept  17,  Beg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz. 
Ldgf.  an  Kf.  Sept  27,  ebenda,  Or.  Entwurf  der  Verfassung  mit  eigenh.  Korrek- 
turen des  Kf.  in  Beg.  H.  p.  106,  No.  47. 

8)  Ldgf.  an  Kf.  Okt  12,  Beg.  H.  p.  112,  No.  52,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  13, 
ebenda,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  dee  Vertrauens  1532—1536.  95 

Die  Stimmung  blieb  ja  trotz  aller  der  erwähnten  beruhigenden 
Erklärungen  schwül.  Schon  seit  dem  Herbst  dachte  man  daran, 
eine  Aussprache  über  die  Lage  auf  einer  Bundesversammlung 
herbeizuführen,  eine  Zusammenkunft  der  beiden  Bundeshäupter 
sollte  ihr  vorhergehend).  In  den  Korrespondenzen,  die  darüber 
stattfanden,  tritt  die  Verschiedenheit  des  Temperamentes  der  beiden 
Fürsten  einmal  wieder  aufs  deutlichste  zutage.  Beide  wollten 
sich  zwar  dem  Beschluß  gemeiner  Stände  fügen,  beide  waren 
im  Grunde  von  dem  Wunsch,  den  Frieden  zu  erhalten,  erfüllt, 
beide  waren  anch  darin  einig,  daß  die  Lage  bedenklich  sei; 
während  nun  aber  der  Landgraf  schon  Erwägungen  darüber  an- 
stellte, ob  man  nicht  den  Gegnern  zuvorkommen  solle,  anstatt  „den 
Backenschlag  zu  erwarten“  *),  ließ  sich  Johann  Friedrich  von  dem 
Grundsatz  leiten,  daß  das  Beste  sei,  „sich  mit  Worten  zu  schützen, 
dieweil  man  könne  und  möge“  ^).  Dem  entsprach  ja  dann  auch 
durchaus  das  friedvolle  und  freundschaftliche,  aber  doch  nicht  un- 
geschickte Schreiben,  mit  dem  man  den  Brief  des  Kaisers  am 
9.  September  beantwortete ‘).  Der  Kurfürst  hörte  in  jener  Zeit 
von  Mißerfolgen  des  Kaisers  gegen  Frankreich  mit  Bedauern  und 
machte  noch  im  November  den  Vorschlag,  daß  er  und  andere 

1)  Sät  Okt.  12.  wurde  der  Plan  erörtert,  2unSchst  um  zum  Konzil  Stellung 
zu  nehmen. 

2)  An  Kf.  Okt.  25,  Loc.  9136  „KL  zu  Sachsen  Beschwerung  . . . 1536*',  Or. 

3)  An  Lidgf.  Söpt.  28,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Er- 
nestinische  Linie,  1536,  Or.  Sehr  charakteristisch  ist  auch  ein  Brief  an  den  Land- 
grafen vom  6.  Okt  (Konz,  ebenda,  eigenh.  Or.  in  P.  A.,  vergl.  Seckendorf, 
III,  S.  129.)  Der  Kf.  spricht  sich  hier  für  eine  ünterstötzung  des  Kaisers  gegen 
Frankreich  ans,  „wil  dan  von  nnsserm  teil  als  die  der  religion  verwant  allw^ 
kegen  der  Kais.  M<  in  utgkeit  erbotten  worden,  I.  M‘,  so  fil  leib  und  gut  an- 
treffe, zu  gehorsammen  und  sich  aller  gebur  zu  erzeigen.  Solt  nun  darüber  von 
niemandes  unsser  mitferwanten  sich  k^en  Kais.  M<  mit  utger  gutwillickeit  erzeiget 
haben,  worde  es  dannach  bei  I.  M>  allerlei  nachdenken  gemacht  haben,  auch  wol 
darmit  die  ursach  geben  haben,  das  forzunemen,  das  sunsten,  wie  ich  zu  got  hoff, 
auch  Kais.  M‘  gnem.  erbietten  nach  verbleiben.  So  achte  ich  es  auch  dafür,  es 
werde  die  Kais.  M<  mit  dem  Franzosen  vertragen  oder  nit,  das  keiner  dem  andern 
wirdet  helfen  groß  und  mechtig  machen.  So  will  es  auch  aus  allerlei  bedenken 
ganz  beschwerlichen  sein,  sich  diesser  zeit  mit  dem  Francossen  einzulassen,  so 
wiessen  E.  L.  anch,  wie  wir  von  allen  teilen  der  Kais.  M>  verwant  sein,  achte 
derhalben  for  das  ratsammes  und  best,  das  gemach  getban  und  gesehen  werde, 
wie  es  des  concilium  halber  und  sunsten  sich  anlassen  wil  . . . 

4)  Entwurf  bei  Neudecker,  Urk.,  S.  269—273.  Dazu  Meinardus  in 
FDG.  XXII,  8.  610  t. 


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96  Kapitel  I.  Bund  uud  Kelch:  Die  Jahre  des  Vertrauens  1532 — 1536. 

deutsche  Fürsten  besonders  wegen  der  Türkengefahr  zwischen  Elarl 
und  FTanz  vermitteln  sollten  *).  Eine  wirkliche  Umstimmung 
Johann  Friedrichs,  eine  Preisgabe  seines  Vertrauens  auf  die  Habs- 
burger und  auf  den  Frieden,  wurde  erst  herbeigeführt  durch  die 
Erfahrungen,  die  die  Gesandten  der  Schmalkaldner  im  Jahre  1536 
beim  Kaiser  und  beim  Könige  machten,  und  vor  allem  durch  die 
Sendung  des  Reichsvizekanzlers  Held  und  sein  Auftreten  in  Schmal- 
kalden. Wir  dürfen  einen  der  entscheidendsten  Wendepunkte  in 
der  Politik  des  Kurfürsten  auf  diese  Ereignisse  zurückführen. 


1)  Kf.  an  Ferdinand  Nov.  5,  K(^.  C.  No.  376,  Kopie.  Freundliche,  aber 
nicht  viel  besagende  Antwort  dea  Königs  vom  11.  Dez.,  ebenda,  Or. 


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Kapitel  II. 

Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  und  der  Unter- 
nehmungslust 1536 — 1541. 

Der  Leser,  der  uns  bis  hierher  gefolgt  ist,  wird  den  Eindruck 
gewonnen  haben,  daß  die  landläufige  Vorstellung  über  Johann 
Friedrich  den  Großmütigen  durchaus  den  Tatsachen  entspreche, 
daß  der  Kurfürst  zwar  vom  besten  Willen  beseelt  gewesen  sei 
und  sich  mit  Fleiß  und  Gewissenhaftigkeit  den  Au%aben'  gewidmet 
habe,  die  ihm  gestellt  waren,  daß  seine  Fähigkeiten  aber  der  Größe 
dieser  Aufgaben  nicht  gewachsen  gewesen  seien,  daß  es  ihm  an 
der  Initiative  gefehlt  habe,  die  nötig  gewesen  wäre,  um  die  Welt- 
lage zugunsten  des  Protestantismus  auszunutzen,  und  daß  er 
durch  die  Bedenklichkeiten,  die  er  erhob,  auch  hemmend  gewirkt 
habe  auf  diejenigen  seiner  Bundesgenossen,  die,  wie  der  Landgraf, 
wenigstens  zeitweilig  für  eine  energischere  Politik  zu  haben  ge- 
wesen wären.  Nur  darüber  werden  vielleicht  Zweifel  in  dem  Leser 
entstanden  sein,  ob  man  die  Fehler,  die  der  Kurfürst  unzweifelhaft 
machte,  in  erster  Linie  aus  einer  gewissen  geistigen  Schwerfällig- 
keit zu  erklären  habe,  oder  ob  nicht  vielleicht  seiner  Politik  auch 
in  dieser  Zeit  Prinzipien  und  Ueberzeugungen  zugrunde  lagen. 
Er  wird,  wenn  er  uns  weiter  folgt  und  die  Tätigkeit  Johann  Fried- 
richs in  den  nächsten  Jahren  beobachtet,  zu  dem  letzteren  Kesultate 
kommen  und  wird  diese  Grundsätze  dann  wohl  in  Gewissenhaftigkeit 
und  Friedensliebe  und  einer  bis  auf  die  Spitze  getriebenen  Loyalität 
gegen  den  Kaiser  erblicken  dürfen.  Gerade  die  Enttäuschungen, 
die  der  Kurfürst  dadurch  erlebte,  führten  den  Umschwung  herbei. 

Blicken  wir  da  zunächst  auf  die  Erfahrungen,  die  man  mit  der 
Sendung  an  König  Ferdinand  machte,  so  sollten  ja  nach  den  Frank- 
furter Beschlüssen  Sachsen  und  Hessen  eine  Botschaft  an  den  König 

Beitrag«  xur  neaeren  GcKhichte  ThUrmgent  I,  a.  7 


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98 


Kapitel  IL 


schicken  wegen  des  Verhaltens  des  Kammergerichts  und  besonders 
wegen  der  Lindauischen  Angelegenheit  ‘).  Sie  bestimmten,  als  sie 
wegen  der  Streitigkeiten  des  Kurfürsten  mit  Herzog  Georg  Anfang 
Juni  in  Naumburg  zusammen  waren,  Dölzig  dazu.  Nach  seiner 
Instruktion  vom  6.  Juli  soUte  er  Ferdinand  an  seine  Wiener  Ver- 
sprechungen erinnern,  zu  denen  das  Schreiben  des  Kaisers  aus 
Neapel  und  das  Verhalten  des  Kammergerichts  in  Widerspruch 
ständen.  Er  sollte  betonen,  daß  die  Protestanten  keinen  Stand 
seiner  weltlichen  Güter  entsetzt  hätten,  und  dann  besonders  auf 
den  Lindauer  Fall  eingehen’).  Später  wurde  ihm  noch  eine  In- 
struktion über  eine  württembergische  und  eine  Memminger  Streit- 
sache nachgeschickt*). 

Die  ersten  Verhandlungen  hat  Dölzig  noch  mit  den  für  den  Kaiser 
bestimmten  Gesandten  gemeinsam  in  Innsbruck  geführt.  Der  König 
gab  im  allgemeinen  die  besten  Versprechungen,  erklärte  aber,  daß 
der  Lindauer  Fall  nicht  hierher  gehöre,  da  das  Verfahren  der  Stadt 
zum  Nürnberger  Frieden  in  Widerspruch  stehe*).  Die  Gesandten 
waren  mit  dieser  Antwort  wenig  zufrieden,  doch  blieb  zur  Führung 
der  weiteren  Verhandlungen  nun  nur  Dölzig  zurück,  während  die 
anderen  zum  Kaiser  weiterreisten.  Jener  nahm  sich  weiter  der 
Lindauer  Sache  an,  daneben  hatte  er  aber  auch  mit  den  privaten 
Angelegenheiten  des  Kurfürsten  zu  tun.  Auch  mit  der  Ausführung 
der  Versprechungen,  die  Ferdinand  in  dieser  Beziehung  in  Wien 
gegeben  batte,  stand  es  ja  sehr  mangelhaft.  Der  Kurfürst  hatte 
zwar  auch  selbst  Schritte  getan,  um  z.  B.  die  Heiratsbestätigung 
zu  erlangen,  er  war  zu  diesem  Zwecke  mit  dem  Erzbischof  von 
Lund  schon  in  Wien  in  Verbindung  getreten*).  Außerdem  waren 

1)  Meinardu*,  FDG.  XXII,  8.  610.  P.  C.  II,  360L 

2)  P.  A.  No.  456. 

3)  Ebenda. 

4)  P.  C.  II,  3881.  Dolzig  an  Ki.  Aug.  14,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  Bl.  101 
—104.  Hdbf.  Winckelmann,  ZKG.  XI,  8.  241,  1. 

5}  In  Loc.  10674  „erstes  Buch,  Handlung  zu  Wien“  findet  sich  eine  eigen- 
hindige  Anfzeichnung  des  KI. : „nachfolgende  artickel  sollte  der  orator  der  Kais.  M*. 
persönlichen  bei  Kais.  M*.  handeln  und  erlangen  k^n  nachgemelter  b^nadung.“ 
Danach  wollte  Johann  Friedrich  dem  Erzbischof  die  Koadjutorschaft  in  Naum- 
burg verschaffen,  wenn  dieser  beim  Kaiser  in  der  Frage  der  Kammergenchts- 
prozessc,  der  Heiratsbestätigung,  des  Konzils  und  des  Stifts  Saalfeld  in  seinem 
8inne  tätig  wäre.  Gf.  Neuenahr  führte  die  Verhandlungen,  doch  kam  man  nicht 
recht  vorwärts,  da  Lund  gerade  das  8tiit  Saalfeld  haben  wollte,  das  ihm  der  KL 


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Bnnd  u.  Reich : Die  Jahre  der  Borge  u.  der  UntemehmungsluBt  1536—41.  99 

die  Königin  Maria  und  Graf  Heinrich  von  Nassau  durch  Graf 
Neuenahr  veranlaßt  worden,  sich  bei  Earl  der  Angelegenheiten  des 
Kurfürsten  anzunehmen*),  ja  im  Frühling  und  Sommer  1536  hatte 
Johann  Friedrich  sogar  eine  beinahe  unwürdige  Bereitwilligkeit 
gezeigt,  den  Habsbnrgem  zu  dienen  ’).  Trotz  alledem  kamen  seine 
Sachen  nicht  von  der  Stelle.  Die  Schuld  scheint  mehr  am  Kaiser 
als  am  König  gelegen  zu  haben,  denn  dieser  ist  oifenbar  bestrebt 
gewesen,  den  Martinitermin  einznhalten,  und  hat  mehrfach  deswegen 
an  den  Kaiser  geschrieben  °).  Beim  Könige  wieder  nahm  sich  Hans 

auf  keiDen  Fall  auf  Befehl  des  Kaisers  überlassen  wollte,  um  es  nicht  als  Reiclis- 
stift  anzuerkennen.  (Neuenahr  an  Kf.  1535  Nov.  24,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55, 
Hdbf.;  an  Dölzig  Dez.  9,  Reg.  C.  No.  816,  Hdbf.;  Kf.  an  Neuenahr  Dez.  22,  ebenda, 
Konz.)  Debrigens  sehen  wir  in  der  nächsten  Zeit  den  Erzbischof  doch  gelegentlich 
für  den  Kf.  arbeiten  (Lan  z , Btaatsp.,  8. 205).  Vielleicht  wurde  er  gerade  dadurch 
dazu  bestimmt,  daß  die  Unterhandlungen  mit  ihm  noch  unerledigt  waren.  Sie  ziehen 
sich  noch  durch  das  ganze  Jahr  1536  hin.  VargL  Meinardus,  I,  2,  S.  373f. 
375 f.;  Cornelius,  XTV,  S.  124 — 126,  und  außerdem  Hufmann  an  Kf.  Juni  16, 
R^.  H.  p.  103,  No.  46,  Or.  Kf.  an  W.  v.  Nassau  Juni  21,  R^.  C.  No.  344  BL  47 
— 54,  Konz.;  an  Gf.  Neuenahr  Juni  21,  Reg.  C.  No.  345,  Bl.  40—42,  Konz.  Kf. 
an  Hofmann  Jnli  10.  Reg.  H.  a.  a.  O.  Kf.  an  Dölzig  Aug.  5,  ebenda;  an  Qf. 
Neuenahr  Aug.  9,  Reg.  C.  No.  345,  Bl.  48—61,  Konz.  W.  v.  Nassau  an  Gf. 
Neuenahr,  Wiesb.  Aich.  Katzenelnbogenscher  Erbfolgestreit,  No.  19,  Konz. 
Der  Gf.  bedauert  hier,  daß  der  Kf.  nicht  schon  lange  so  sntgegenkommend  ge- 
wesen sei  wie  jetzt.  Gewiß  wird  man  sich  fragen  dürfen,  ob  nicht  größere  Nach- 
giebigkeit Johann  Friedrichs  in  der  Baalfelder  Sache  politischer  gewesen  wäre, 
abw  er  hätte  dazu  etwas  abweichen  müssen  vom  strengen  Rechtsstandpunkt,  und 
das  war  für  ihn  unmöglich.  Zur  Bache  vergL  Bagittarius,  II,  S.  205 f. 

1)  Lanz,  Staatspapiere,  8.  192.  Cornelius,  XIV,  8.  126ff.  128ff. 
Meinardus,  I,  2,  8.  3H.  392 f.  Neuenahr  an  Kf.  1536  Aug.  25,  Reg.  H.  p.  124, 
No.  55,  Or.  Heinrich  von  Nassau  an  KL  1537  Febr.  12,  Reg.  B.  p.  153, 
No.  74,  Or. 

2)  Vor  allem  in  der  Frage  der  dänischen  Knechte.  Waitz,  III,  S.  539L 
Korrespondenzen  in  Reg.C.  No.  818 — 821, 824,  Reg.H.  p.  103,  No.  46.  Im  Zusammen- 
hang damit  übersandte  der  Kurfürst  an  den  König  und  durch  diesen  an  den  Kaiser 
aber  auch  Gutachten  über  die  allgemeine  Lage  und  speziell  über  die  den  Türken 
gegenüber  zu  befolgende  Politik.  (Ferd.  an  Kf.  Juni  12,  Reg.  C.  No.  824,  BL 
135  f.  Kf.  an  Hofmann  Juni  21,  Loc.  9125  „Kf.  Johann  Friedrichs  zu  Sachsen 
Ueberlassung  einiges  Pulvers  . . . 1536“  Konz.)  Als  politischer  Ratgeber  der 
Habsburger  hätte  sich  Johann  Friedrich  gewiß  am  wohlsten  gefühlt  Am  10.  Juli 
schrieb  er  sogar,  daß  er  in  seinen  Kirchen  für  den  Sieg  des  Kaisers  beten  lasse 
(an  Hofmann,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  Konz.). 

3)  Hofmann  an  Kf.  Juli  27,  R^.  C.  No.  375,  Or.  Karl  V.  an  Kf.  Aug.  3, 
Loc.  10  673  „Schriften  zwischen  dem  Kf.  von  Sachsen  und  Hz.  Franz  . . . 1536 
-40“,  Or. 

7* 


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100 


Eapitel  II. 


Hofmann  der  Dinge  mit  Eifer  an.  Seit  August  wurde  er  von 
Dölzig  unterstützt.  Dieser  ist  mit  den  Fortschritten,  die  er  in  den 
verschiedensten  Fragen,  der  Schuldsache,  einer  MQnzangelegenheit, 
dem  Streit  um  Saalfeld  und  dem  um  das  Stift  Grünhain  ‘)  machte, 
zunächst  sehr  zufrieden  gewesen  *),  dann  aber  traf  die  vom  3.  August 
datierte  Entscheidung  des  Kaisers  in  bezug  auf  die  Bestätigung 
des  Wiener  Vertrages  ein. 

Der  Kaiser  sprach  sich  in  diesem  Brief  ziemlich  unznfnedeu 
über  die  Hartnäckigkeit  des  Kurfürsten  in  der  Wahlfrage  aus. 
Er  erklärte  es  für  unmöglich,  seine  Wünsche  ohne  Einwilligung 
der  anderen  Kurfürsten  zu  erfüllen.  Bestehe  der  Kurfürst  auf 
ihnen,  so  müsse  er  die  Frist  verlängern,  damit  man  mit  den 
anderen  Kurfürsten  verhandeln  könne*).  Die  Folge  dieses  Briefes 
war,  daß  der  König  Hans  Pflug  und  Andreas  Ungnad  an  den 
Sachsen  sandte,  um  ihn  im  Namen  des  Kaisers  und  in  seinem 
eigenen  um  Aufgabe  seiner  Forderungen  wegen  der  goldenen  Bulle 
oder  um  Verschiebung  des  Termins  zu  bitten*),  ein  Gesuch,  das 
durch  einen  Brief  Hofmanns  vom  27.  August  unterstützt  wurde*). 
Johann  Friedrich,  der  nicht  die  geringste  Lust  zur  Erfüllung  dieser 
Bitten  hatte,  hätte  die  Sendung  der  königlichen  Kommissare  am 
liebsten  ganz  verhütet®),  sie  waren  aber  schon  unterwegs,  trafen 
am  10.  Sept.  in  Torgau  ein  und  richteten  ihre  Werbung  aus.  In 
dieser  wurde  im  wesentlichen  das  wiederholt,  was  schon  in  den 
Briefen  des  Kaisers  und  Hofmanns  enthalten  war.  Neu  war,  daß 
jetzt  der  positive  Vorschlag  gemacht  wurde,  der  Kurfürst  möge 
sich  mit  einer  Verschreibung  des  Kaisers  begnügen,  daß  die  Wahl 
Ferdinands  ihm  und  seinen  Erben  an  ihren  Rechten  nicht  nach- 
teilig sein  solle.  Eine  ähnliche  Verschreibung  wollte  ihm  der 
König  geben  und  eine  ebensolche  Generalkonfirmation,  wie  er  sie 
den  anderen  Kurfürsten  nach  seiner  Wahl  ausgestellt  habe.  Man 
stellte  dem  Kurfürsten  für  den  Fall,  daß  er  die  Bitte  des  Kaisers 


1)  In  dieser  Beziehung  sollte  sich  Dolzig  über  Anmaßungen  Albrecht  Hchlicks 
beschweren.  Vergl.  zur  Sache  Herzog  in  ASG.,  VII,  S.  90 ff. 

2)  Vergl.  etwa  seine  Briefe  vom  16.  und  19.  Aug.,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46, 
Bl.  llOf.  126-129. 

3)  Karl  V'.  an  Kf.,  Aug.  3,  siehe  S.  99  Anm.  3. 

4)  Kredenz  für  die  Ges.  Aug.  19,  Loc.  10673  a.  a.  O.,  Or. 

5)  Loc.  10  673  „Akten  die  Abfertigung  und  Handlung  . . . 1535/36“,  Or. 

6)  Kf.  an  Hofmann  Sept.  5,  ebenda,  Konz. 


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Bund  n.  Beich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungelast  1536 — 41.  IQI 


erfüUe,  Entgegenkommen  in  der  Frage  der  jülichschen  Heirats- 
bestätignng  und  wirklichen  Stillstand  der  Eammergerichtsprozesse 
bis  zum  Konzil  oder  bis  zu  einer  Beichsyersammlung  in  Aussicht  ’). 

Das  alles  war  für  den  Kurfürsten  geradezu  ein  Schlag  ins 
Gesicht,  und  es  ist  daher  begreiflich,  daß  er  eine  zwar  höfliche, 
aber  doch  auch  entschieden  ablehnende  Antwort  gab.  Schon  in 
Wien  habe  er  weiter  nachgegeben,  als  er  in  Kadan  je  für  möglich 
gehalten  hätte,  so  möge  man  nun  wenigstens  diesen  Vertrag  aus- 
führen. Darauf  brachten  dann  die  Gesandten  die  zweite  Bitte  des 
Königs  vor:  die  um  Verlängerung  des  Termins  bis  Martini  1537, 
Ihr  stellte  der  Kurfürst  zwei  Gegenforderungen  entgegen,  er 
wünschte  erstens  eine  Versicherung  des  Königs  ähnlich  der  von 
1535,  daß  die  Erstreckung  der  Frist  seinen  Rechten  nicht  nach- 
teilig sein  solle,  wenn  es  inzwischen  doch  nicht  zu  einem  Vertrag 
käme,  und  zweitens  das  Versprechen,  daß  der  König  für  Abstellung 
der  Prozesse  durch  den  Kaiser  sorgen  oder  sie  selbst  bewirken 
werde.  Auf  Wunsch  der  Gesandten  gab  Johann  Friedrich  ihnen 
einen  Entwurf  für  die  Versicherung  mit,  die  der  König  ausstellen 
und  nach  deren  Empfang  die  Frist  um  ein  Jahr  verlängert  werden 
sollte  ’). 

Johann  Friedrich  hat  sich  selbst  verschiedentlich  über  die  Ur- 
sachen seiner  Nachgiebigkeit  ausgesprochen.  Es  war  außer  dem 
Eindruck  des  gnädigen  Schreibens  des  Kaisers  vor  allem  seine 
rührende  Kaisertreue,  die  ihn  bestimmte.  Er  kam  so  weit  ent- 
gegen, weil  Karl  durch  „die  ihm  aufgedrungene  Gegenwehr  und 
Kriegsübung  mit  so  großwichtigen  und  tapferen  Handlungen“  be- 
lastet sei  und  er  die  Geschäfte  des  Kaisers  lieber  fördern  als 
hindern  wollte”).  Er  erntete  dafür  reiches  Lob  und  allerhand 
billige  Versprechungen  von  den  Habsburgem  und  ihren  Trabanten*), 

1)  Werbung  der  Gesandten  vom  10.  Sept.  Loc.  10673  „Schriften  zwischen 
dem  Kf.  zn  Sachsen  und  Hz.  Frenzen  . . . 1536—40“. 

2)  Alles  nach  Loc.  10673  „Schriften  zwischen  . . . 1536 — 40“. 

3)  An  Karl  V.  Sept.  13,  Loc.  10  673  „Schriften  zwischen  dem  Kf.  zu  Sachsen 
und  Hz.  Frenzen  . . . 1536 — 40“,  Konz.,  an  Dölzig  Sept.  17  und  18,  OkL  28, 
Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  Bl.  186 — 195.  225 — 229,  Konz.,  an  Neuenahr  Okt  5,  Reg. 
H.  p.  124,  No.  55,  Konz. 

4)  Dölzig  an  Kf.  Okt.  10  und  29,  Reg.  H.  a.  a.  O.  Bl.  219—222.  232—236, 
Hdbfe.  Neuenahr  an  Kf.  Dez.  30.  Cornelius,  XIV,  S.  128ff.,  Or.  Reg.  C. 
No.  345,  Bl.  32 ff.,  von  Meinardus,  I,  2,  S.  356 f.  fälschlich  ins  Jahr  1535 
gesetzt. 


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102  Kapitel  II. 

im  Tatsächlichen  aber  bewiesen  sie  nach  wie  vor  die  grSßte  Hart- 
näckigkeit 

Gerade  in  dieser  Zeit  bekam  auch  Dölzig  mehr  mit  diesen 
Dingen  zu  tun.  Er  hatte  anfangs  außer  über  die  Lindauer  Sache 
vor  allem  über  Münzfragen  und  die  Schuldangelegenheit  verhandelt 
und  seine  Vollmachten  einigermaßen  überschritten,  als  er  sich  mit 
Hofmann  auch  in  eine  Unterhaltung  über  die  Wahlangelegenheit 
eingelassen  hatte*).  Von  der  neuen  Nachgiebigkeit  des  Kurfürsten 
erfuhr  nun  Dölzig  eher  als  der  König,  weil  dessen  Gesandte  außer- 
ordentlich langsam  znrückreisten.  Er  konnte  daher  auch  zuerst 
von  der  Freude  berichten,  die  die  Nachricht  am  königlichen  Hofe 
hervorgerufen  hatte,  und  knüpfte  die  Hoffnung  daran,  daß  auch  die 
Lindauer  Angelegenheit  günstig  dadurch  beeinflußt  werden  würde  •). 
Diese  Hoffnung  ging  allerdings  nicht  in  Erfüllung,  wie  der  Bescheid 
des  Königs  vom  17.  Oktober  zeigte*),  nur  die  Memminger  Ange- 
legenheit wurde  nach  Wunsch  der  Protestanten  erledigt^).  Und 
auch  in  der  Wahlsache  ergaben  sich  bald  neue  Schwierigkeiten. 
Man  nahm  in  Wien  an  der  Form,  die  der  Kurfürst  der  Versiche- 
rung gegeben  hatte,  Anstoß,  da  sie  nicht  genau  mit  der  früheren 
übereinstimmte  und  also  dem  Wiener  Vertrage  nicht  gemäß  war. 
Der  König  ließ  zwei  neue  Entwürfe  machen,  einen  kürzeren  und 
einen  längeren,  die  Pflug  dem  Kurfürsten  zur  Auswahl  überbringen 
sollte.  Infolge  eines  Mißverständnisses  schrieb  der  Gesandte 
diesem  nur,  da  er  ihn  verreist  glaubte.  Daraus  folgerte  wieder 
Johann  Friedrich,  daß  eine  ganz  neue  Verhandlung  beginnen  solle, 
und  auf  eine  solche  wollte  er  sich  auf  keinen  Fall  einlassen  *).  So 


1)  Zahlreiche  Berichte  Dölzigs  in  Reg.  H.  p.  103,  Na  46.  In  der  Schnld- 
frage  handelte  es  sich  vor  allem  dämm,  ob  die  Summe  in  Ooldgniden  oder  Gulden 
Münze  zu  berechnen  sei. 

2)  KI.  an  Dölzig  Sept.  4,  Beg.  H.  p.  103,  No.  46,  BL  153—157,  Konz.; 
eigenh.  Konz,  in  Loc.  10  671  „Schreiben  und  Bedenken  . . . 1525—34“. 

3)  Dölzig  an  KI.  Okt.  10,  ebenda  BL  219-222,  Hdbf. 

4)  P.  C.  II,  395,  Anm.  1. 

5)  Dölzig  an  Kf.  Okt.  29,  a.  a.  O.  BL  232 — 236,  Hdbf.  Die  Entscheidung 
über  Memmingen  ebenda  BL  346.  Auch  in  einer  hamburgischen  Angelegen- 
heit zeigte  sich  der  König  gefügig.  Akten  darüber  in  Beg.  H.  p.  110,  No.  49, 
vol.  II. 

6)  Kf.  an  Dölzig  Nov.  8,  Loa  10673  „Schriften  zwischen  . . . 1536 — 40“, 
Konz.  Pflug  an  Kf.  Nor.  14,  ebenda,  Ur.  Kf.  an  Pflug  Nov.  22,  ebenda,  Konz. 
Vor  allem  Hofmann  an  Kf.  Dez.  9,  Beg.  H.  p.  103,  No.  46,  BL  254 — 256,  Or. 


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Bnnd  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmungelnst  153ti — 41.  ]03 


verstrich  der  TermiD.  Erst  im  Dezember  kamen  die  beiden  Ent- 
würfe in  die  Hände  des  EurfOrsten,  er  erklärte  den  kürzeren  für 
gänzlich  unmöglich,  in  dem  längeren  war  ihm  der  Passus  über  die 
Eammergerichtsprozesse  anstößig,  indem  nämlich  nach  der  Fassung 
des  Königs  die  Abschaffung  der  jProzesse  erst  nach  einem  Jahre  zu 
erfolgen  brauchte,  während  sie  nach  der  des  Kurfürsten  sofort 
beginnen  mußte ‘).  Vergeblich  suchte  Hofoiann  die  Sache  noch  ins 
reine  zu  bringen,  in  der  ihm  eigenen  Konsequenz  versagte  Johann 
Friedrich  jetzt  dem  Könige  den  Titel  und  lief  Dölzig  vom  Hofe 
ab*).  Eine  Zeitlang  rechnete  Hofmann  noch  auf  eine  persönliche 
Unterhandlang  mit  Johann  Friedrich*).  Als  man  dann  aber  am 
Hofe  Ferdinands  von  der  Sendung  Heids  erfuhr,  überließ  man 
diesem  wohl  nicht  aUzu  ungern  auch  die  Verhandlung  über  die 
Wahlfrage*).  Inzwischen  trat  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem 
König  wieder  dasselbe  Verhältnis  ein,  wie  vor  dem  Kadaner 
Frieden,  nur  bestand  eine  gewisse  Verpflichtung,  nichts  Feind- 
seliges gegeneinander  vorzunehmen.  Wir  würden  es  aber  begreifen, 
wenn  die  freundschaftlichen  Gefühle  Johann  lYiedrichs  gegen  die 
Habsburger  durch  die  Erfahrungen,  die  er  gemacht  hatte,  etwas 
gedämpft  worden  wären*). 

Zu  einer  solchen  Aenderung  der  Stimmung  des  Kurfürsten 
konnte  auch  das  Ergebnis  der  an  den  Kaiser  geschickten  Botschaft 
beitragen.  Durch  den  Frankfurter  Bundestag  hatten  Johann  Friedrich 
und  der  Landgraf  ja  das  Hecht  erhalten,  dem  Briefe  an  den  Kaiser 

1)  Kf.  an  Hofmann  Dez.  29,  ebenda  BL  275—279,  Konz.  Die  Versicherung 
in  der  Fassung  des  Kf.  ebenda  BL  347 — 350,  in  der  kürzeren  dee  Königs  BL  343, 
in  der  längeren  BL  33b— 338. 

2)  An  Dölzig  Der.  30,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  BL  281 — 28S,  Konz. 

3)  Hofmann  an  Kf.  Dez.  9,  ebenda  BL  254—256,  Or.  Dölzig  an  Kf.  1537 
Jan.  19,  ebenda  BL  294—296,  Hdbf. 

4)  Hofmann  an  Kf.  1537  Jan.  28,  ebenda  BL  300  f. 

5}  Eünen  Einblick  in  seine  Btimmung  gewährt  das  Schreiben,  das  er  mit 
dem  Landgrafen  zusammen  am  26.  November  an  die  Dreizehn  von  Strafiburg 
richtete.  Hier  heifit  es,  man  müsse  Lindau  eventuell  kraft  der  Bundesverfassung 
schützen,  ,dan  wan  man  gleich  ferrer  schicken,  schreiben,  suchen  und  bieten  solt, 
so  besorgen  wir  doch,  es  wirdet  nit  wenige  dan  das  vorige  in  Verachtung  gesetzt 
und  nit  stat  haben,  darumb  man  entlieh  durch  dee  chamergerichts  mutwilligk 
procediren,  auch  das  der  konick  über  dem  als  seiner  eigen  Sachen  so 
hart  wieder  den  friestant  halden  wil,  darzu  wirdet  gedrungen  werden“, 
Konz,  der  sächs.  Kanzlei,  das  Gesperrte  von  der  Hand  des  Kf.  Reg.  H.  p.  110, 
No.  49,  vol.  II.  Vergl.  P.  C.  II,  395. 


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104 


Kapitel  II. 


die  definitive  Fassung  zu  geben  und  zwei  Sollicitatoren  zur 
Ueberbringung  des  Briefes  zu  ernennen.  Sie  bestimmten  bei  ihrer 
Naumburger  Zusammenknnft  Joachim  Marschall  von  Pappenheim 
dazu.  Als  Kenner  des  Lateinischen  und  Französischen  wurde  ihm 
der  Augsburger  Dr.  Claudius  Peutinger  beigegeben*).  Der  Land- 
graf hat,  allerdings  gegen  den  Willen  Johann  Friedrichs,  Ludwig 
von  Baumbach  mitgeschickt,  mußte  das  aber  zunächst  auf  eigene 
Kosten  tun'). 

Die  Gesandtschaft,  die,  wie  wir  sahen,  zunächst  mit  Dölzig 
zusammen  reiste,  verließ  Innsbruck  am  14.  August  und  hatte  am 
23.  September  in  Frejus,  am  27.  in  Nizza  Audienz  vor  Karl.  Beide 
Male  erhielten  die  Botschafter  nur  allgemeine  Vertröstungen  als  Ant- 
wort, doch  erfuhren  sie  unter  der  Hand  durch  Held,  daß  der  Kaiser 
den  Frieden  halten  werde,  wenn  die  Stände  ihn  auch  hielten, 
daß  er  aber  nicht  dulden  könne,  daß  Entsetzungen  u.  dergl.  fQr 
Religionssachen  erklärt  würden,  daß  er  auch  die  Entscheidung 
darüber,  was  Religionssachen  seien,  nicht  den  Protestanten  über- 
lassen könne.  Das  Wort  Religion  wolle  der  Kaiser  ganz  klar  ohne 
allen  Anhang  und  ohne  alle  Interpretation  verstehen.  Die  Ge- 
sandten begnügten  sich  aber  damit  nicht,  sondern  folgten  dem 
Kaiser  nach  Savona  nnd  ohne  Pappenheim,  der  dort  erkrankte 
und  bald  darauf  in  Mailand  starb,  nach  Genna.  Hier  übergaben 
sie  den  Brief  der  Schmalkaldner  vom  9.  September,  hier  erhielten 
sie  dann  auch  am  31.  Oktober  und  14.  November  ihre  Abfertigung. 
Sie  enthielt  nur  eine  sehr  allgemeine  Erklärung,  daß  der  Kaiser 
den  Nürnberger  Flieden  halten  werde  und  Gleiches  von  den  Pro- 
testanten erwarte,  im  übrigen  wurde  auf  die  mündliche  Antwort 
verwiesen,  die  Held  überbringen  werde*).  Man  hatte  also  eigent- 


1)  Die  beiden  Ffireten  haben  sich  erst  nach  längeren  Korrespondenzen  über 
die  Fassung  des  Briefes  zu  einigen  vermocht.  Die  kaisertreue  Gesinnung  des  Kf. 
trat  auch  dabei  hervor.  (Konz,  der  Instruktion  vom  6.  Juli  Reg.  H.  p.  102, 
No.  45.  VergL  P.  O.  II,  367,  2.  Winckelmann,  ZKG.  XI,  8.  239.) 

2)  Crsprünglich  war  8ilberbomer  dafür  ausersehen,  der  dann  nur  als  Sekretär 
mitging.  Der  Kf.  machte  etwas  pedantische  Schwierigkeiten  gegen  diese  Aende- 
rnng,  weil  nun  die  Kredenz  nicht  stimmte. 

3)  Hierzu  und  zur  vorigen  Änm.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  7,  Reg.  H.  p.  109, 
No.  48.  Der  Kf.  an  die  Ges.  Juli  23,  Reg.  H.  p.  103,  No.  46,  BL  71  f.  An 
Dölzig  Aug.  5,  ebenda.  Bl.  96—99. 

4)  Pappenheim  an  Kf.  Sept.  30,  Keg.  H.  p.  102,  No.  45,  Hdbf.  Die  drei 
Gesandten  an  Kf.  Sept.  30,  ebenda,  Gr.  Meinardus,  FDG.  XXII,  8.  629 — 631. 


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Band  o.  Keich:  Die  Jahre  der  Sorge  o.  der  CnterDehnmDgeloet  1536 — 11.  1Q5 

lieh  nichts  erreicht,  and  das,  was  der  Reichsvizekanzler  mündlich 
geäoßert  hatte,  lautete  nicht  sehr  tröstlich.  — 

Die  Gesandten  trafen  mit  der  Antwort  des  Kaisers  in  Eisenach 
ein,  als  gerade  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  dort  zusammen- 
gekommen waren,  um  den  für  den  Februar  1537  in  Schmalkalden 
geplanten  Bundestag  vorzuberaten.  Wir  müssen  uns  mit  diesem 
wichtigen,  für  die  Stimmung  und  Haltung  der  Verbündeten  in  den 
nächsten  Jahren  entscheidenden  Tage  etwas  gründlicher  beschäftigen. 
Veranlaßt  wurde  er  vor  allem  dadurch,  daß  Papst  Paul  III.  am 
2.  Jnni  1536  das  Konzil  auf  den  23.  Mai  1537  nach  Mantua  aus- 
geschrieben hatte  ‘).  Die  Bulle  wurde  dem  Kurfürsten  durch  Mark- 
graf Georg  von  Brandenburg  am  6.  Juli  übersandt*),  und  er  war 
sofort  davon  überzeugt,  daß  man  sich  seine  Stellungnahme  zum 
Konzil  genau  überlegen  müsse,  wenn  es  auch  den  Forderungen 
der  Protestanten  nicht  entspräche,  besonders  da  ja  eine  päpstliche 
Gesandtschaft  zu  erwarten  sei.  So  ließ  er  denn  zunächst  seine 
Theologen  und  Juristen  zusammenrufen  und  sie  um  ihr  Gutachten 
bitten*).  Es  muß  aber  hervorgehoben  werden,  daß  er  seine  Ent- 
scheidung durchaus  nicht  etwa  einfach  von  dem  Ergebnis  ihrer  Be- 
ratungen abhängig  machte,  ihnen  auch  nicht  nur  durch  Brück 
Fragen  und  Leitsätze  vorlegen  ließ , sondern  auch  selbst  ver- 
schiedentlich in  entscheidender  Weise  in  die  Verhandlungen  ein- 
griff.  Schon  ehe  die  Gelehrten  sich  überhaupt  geäußert  hatten,  hat 
Johann  Friedrich  in  einem  eigenhändigen  Gutachten  seine  Ansicht 
zum  Ausdruck  gebracht,  damit  sie  sie  mitberücksichtigen  könnten. 
Er  legte  hier  vor  allem  Wert  darauf,  daß  man  die  Autorität  des 
Papstes  in  keiner  Weise  durch  Annahme  seiner  Zitation  zum  Konzil 
anerkennen  dürfe  und  daß  man  dies  Verhalten  in  einer  lateinischen 
und  deutschen  Schrift  dem  Kaiser  und  anderen  Nationen  gegen- 

Die  Oee.  an  den  Kf.  Okt  8,  ebenda  S.  631  f.  61  If.  Pappenheim  allein  an  Kf. 
Okt  8,  Reg.  H.  a.  a.  O.  Die  Gee.  an  den  Ldgf.  Okt.  8,  Reg.  C.  No.  376,  Kopie. 
Banmbach  und  Pentinger  an  Kf.  Okt.  30,  Reg.  H.  a.  a.  O.  Ebenda  Or.  der 
Antwort  dee  Kaisers  vom  30.  Okt.  Meinardus,  S.  611  ff.  Pentinger  an  Kf. 
Dez.  10,  Reg.  H.  a.  a.  0-,  Or. 

1)  Conc.  Trident,  FV,  S.  2 ff.,  No.  2. 

2)  Der  Mkgf.  an  Kf.  Juli  6,  Reg.  H.  p.  123,  No.  54.  Vergl.  V irck,  ZKO. 
XIII,  600,  1. 

3)  Burkhardt,  Briefwechsel,  8.  256—258.  Virck,  ZKG.  XIII,  8.  488. 
Deesen  AnfMtz  ist  auch  zu  allem  Folgenden  zu  vergleichen.  Ich  kann  mich 
seiner  Datierung  der  in  Betracht  kommenden  Schriftstücke  durchweg  anschließen. 


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106 


Kapitel  IL 


aber  rechtfertigen  müsse.  Einiges  Kopfzerbrechen  machte  ihm  die 
Frage,  wie  weit  er  sich  nach  dem  in  Wien  gegebenen  Versprechen 
richten  müsse,  aber  er  stellte  doch  auch  Erwägungen  darüber  an, 
ob  es  nicht  ratsam  sei,  die  Behinderung  des  Kaisers  dui-ch  den 
französischen  Krieg  zu  benutzen,  um  sich  ron  dieser  Fessel  zu  be- 
freien. Gerade  darüber  wünschte  er  die  Ansicht  seiner  Gelehrten 
zn  hören*).  Als  diese  dann  in  ihrem  Gutachten  zwar  auf  die 
Geringfügigkeit  der  Verpflichtungen,  die  der  Kurfürst  in  Wien 
übernommen  habe,  aufmerksam  machten,  im  übrigen  aber  große 
Neigung  zur  Beschickung  des  Konzils  zeigten  trotz  der  päpst- 
lichen Berufung,  war  Johann  Friedrich  damit  sehr  wenig  einver- 
standen. Er  berief  Brück  zu  sich  nach  Torgau,  teilte  ihm  seine 
Ausstellungen  mit  und  gab  ihm  so  die  Grundgedanken  für  den 
Vortrag,  den  dieser  am  30.  August  den  Gelehrten  in  Wittenberg 
gehalten  hat.  Der  Kurfürst  kam  jetzt  insofern  etwas  entgegen,  als 
er  die  Annahme  des  päpstlichen  Mandates  nicht  mehr  absolut  ab- 
lehnen wollte,  er  meinte  aber,  daß  man  es  jedenfalls  nur  unter 
Protest  entgegennehmen  könne.  Für  den  Fall  der  Beschickung  des 
Konzils  empfahl  er,  dort  sofort  die  protestantischen  Anschauungen 
über  das  einzuschlagende  Verfahren  darzulegen  und  es  auf 
keinen  Fall  zu  Mehrheitsbeschlüssen  kommen  zn  lassen,  da  diese 
ja  unbedingt  die  Unterdrückung  der  Protestanten  herbeiführen 
müßten.  Johann  Friedrich  ließ  auch  diesmal  den  Gelehrten  durch 
Brück  eine  Anzahl  bestimmt  formulierter  Fragen  vorlegen.  Es 
verdient  hervorgehoben  zn  werden,  daß  sich  unter  ihnen  schon  die 
findet,  ob  man  in  einigen  Punkten  der  Lehre  nachgeben  könne, 
wenn  aus  dem  Konzil  ein  freies,  christliches  und  unverdächtiges 
Konzil  würde,  und  die,  ob  man  sich  wehren  dürfe,  wenn  man  wegen 
Ablehnung  der  Konzilsbeschlüsse  vom  Kaiser  in  die  Acht  erklärt 
würde  *). 

Die  Beantwortung  der  Fragen  des  Kurfürsten  durch  die  Theo- 
logen hat  sich  infolge  einer  Reise  Melanchthons  bis  in  den  Dezember 
verzögert,  nur  die  Protestation,  mit  der  man  die  päpstliche  Requi- 
sition oder  Zitation  zum  Konzil  entgegennehmen  wollte,  wurde 

1)  Fehlerhafter  Abdruck  in  C.  R.  III,  99 — 104,  eigenh.  Entwurf  in  Reg.  H. 
p.  123,  No.  54.  Dort  auch  eine  Abschrift.  Vergl.  dazu  Kf.  an  Brück  Juli  26, 
ebenda,  Konz.  Virck,  8.  488.  490. 

2)  Brück  an  Kf.  8ept  3,  C.  R.  III,  No.  1464,  8p.  146—156.  Dazu  Virck, 
8.  508  f.  493  f. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahte  der  Sorge  u.  der  Untemdunungslust  1536 — 41.  107 

schon  jetzt  fertig*).  Die  Zwischenzeit  ist  ausgefüllt  mit  Verhand- 
lungen zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen  über  die 
Konzilsfrage.  Man  beschloß,  die  Gutachten  der  beiderseitigen  Ge- 
lehrten auszutauschen,  war  auch  einig  in  dem  Gedanken,  daß  ein 
Bundestag,  zu  dem  auch  die  anderen  protestantischen  Stände  ein- 
geladen werden  müßten,  über  das  Verhalten  dem  Konzil  gegenüber 
befinden  müsse.  Der  Landgraf  hatte  die  Idee,  daß  man  auch 
einige  katholische  Fürsten  und  Stände  zuziehen  solle.  Dem  Kur- 
fürsten erschien  das  aussichtslos,  und  er  veranlaßte  den  Vetter, 
erst  einmal  mit  Herzog  Georg  von  Sachsen  einen  Versuch  zu 
machen  und  je  nach  dessen  Ausfall  dann  auch  mit  anderen  papisti- 
schen Fürsten  in  Verbindung  zu  treten  oder  nicht.  Er  gab  gleich 
selbst  an,  wie  man  etwa  an  den  Herzog  schreiben  müsse,  und 
nahm  dabei  auf  dessen  kirchliche  und  religiöse  Anschauungen  ganz 
geschickt  Rücksicht*).  Philipp  hat  sich  dann  tatsächlich  an  Georg 
gewandt,  dessen  sehr  charakteristische  Antwort  zeigte  aber,  daß 
auf  irgend  welche  Unterstützung  von  dieser  Seite  nicht  zu  rechnen 
sei ').  Immerhin  benutzte  auch  Johann  Friedrich  seine  Zusammen- 
kunft mit  den  Kurfürsten  von  Köln  und  von  Brandenburg  in  Lochau 
vom  24.  bis  29.  September,  um  mit  ihnen  über  das  Konzil  zu 
sprechen.  Es  ergab  sich,  daß  Hermann  von  Wied  sich  schon  vor 
3 Jahren  gegen  den  Gedanken,  das  Konzil  außerhalb  Deutschlands 
zu  halten,  ablehnend  erklärt  hatte,  während  Joachim  eine  ziemlich 
nichtssagende  Antwort  gab^). 

Ueber  den  Bundestag  haben  noch  weitere  Korrespondenzen 
stattgefunden,  auf  Wunsch  einiger  oberdeutscher  Städte  wurde  er 
schließlich  bis  in  den  Februar  verschoben*).  An  dem  Gedanken, 
auch  die  nicht  im  Bunde  befindlichen  Protestanten  einzuladen,  hielt 
man  fest,  außerdem  beschloß  man  auf  Anlegung  des  Kurfürsten, 
eine  Konferenz  der  beiden  Bundeshäupter  dem  Tage  vorhergehen 
zu  lassen*). 

1)  C.  R.  m,  157/lsa  Virck,  S.  498  f. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  16,  Reg.  H.  p.  112,  No.  32,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  24, 
ebenda,  Konz.;  Sept  17,  ebenda,  Konz. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  27,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Or.;  Okt.  12,  ebenda, 
Or.  Hz.  Georg  an  Ldgf.  Okt.  9,  Reg.  H.  p.  124,  No.  55,  Kopie.  Vergl. 
Seckendorf,  III,  S.  210  f.  P.  C.  II,  393  Anm. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  6,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz. 

5)  Sturm  an  Ldgf.  Dez.  9,  P.  C.  II,  396  f. 

6)  An  Ldgf.  Okt  26,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz. 


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108 


Kapitel  II. 


Schon  am  9.  November  hatte  inzwischen  Philipp  dem  Kur- 
fürsten den  Ratschlag  seiner  Gelehrten  über  das  Konzil  übersenden 
können  *).  Das  veranlaßte  diesen,  auch  die  Seinigen  zur  Beschleu- 
nigung ihrer  Arbeiten  anzuregen*).  Er  begab  sich  Ende  November 
sogar  selbst  nach  Wittenberg,  ausgestattet  mit  selbst  verfaßten 
Artikeln,  über  die  er  die  Meinung  der  Theologen  hören  wollte*). 
Johann  Friedrich  konnte  jetzt  um  so  entschiedener  SteUung 
nehmen,  als  er  nicht  mehr  durch  den  Wiener  Vertrag  gebunden 
war*),  und  kehrte  daher  auch  zu  seinem  ursprünglichen  Stand- 
punkt strikter  Ablehnung  der  Beschickung  des  Konzils  zurück.  Er 
wiederholte  ferner  in  eingehender  Darlegung  eine  Anregung,  die 
er  schon  im  Sommer  gegeben  hatte  *),  daß  Luther  sich  äußern  solle 
über  das,  was  man  unbedingt  festbalten  müsse,  und  über  das,  was 
man  allenfalls  nachgeben  könne.  Auch  die  anderen  Theologen 
sollten  über  diese  Punkte  ihre  Meinung  äußern,  und  das  von  allen 
.^.ngenommene  sollte  der  Bundesversammlung  vorgelegt  werden. 
Der  Kurfürst  entwickelte  hier  also  die  Gedanken,  die  zur  Abfassung 
der  schmalkaldischen  Artikel  geführt  haben. 

Für  ihn  stand  damit  aber  noch  ein  weiterer  großartiger  Plan  im 
Zusammenhang.  Hatte  man  sich  auf  der  Bundesversammlung  über 
die  Artikel,  an  denen  man  festbalten  wollte,  geeinigt,  so  sollte  dann 
von  protestantischer  Seite  entweder  durch  die  Geistlichen  oder  durch 
die  Fürsten  ein  gemeines  freies  Konzil  nach  Augsburg  ausgeschrieben 
werden ; der  Kurfürst  verbreitete  sich  eingehend  über  die  Art,  wie 
es  abgehalten  werden  solle,  über  seinen  militärischen  Schutz  u.  s.  w. 
Für  ihn  waren  eben  die  Protestanten  die  wahren  Vertreter  der 
christlichen  Kirche,  und  es  war  nur  konsequent,  wenn  er  auch  an 
ein  von  ihnen  zu  berufendes  Konzil  dachte  ®).  Bei  seinen  Theologen 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  16,  ebenda. 

2)  An  Brück  Nov.  18,  Loc.  9650  ,des  Kf.  zu  Sachsen  und  Dt.  Gregorii 
Brücken  . . 1537“,  Konz. 

3)  Ich  sehe  mit  Virck,  S.  491  ff.  diese  Artikel  in  dem  Stück  C.  R.  III, 
139  ff.,  No.  1462,  eigenh.  Konz,  in  Reg.  H.  p.  123,  No.  54.  Reinschrift  in  Reg.  H. 
p.  124,  No.  56.  Nach  Reg.  Bb.  No.  5585  war  der  Kf.  vom  29.  Nov.  bis  7.  Dez. 
in  Wittenberg. 

4)  Auch  das  spricht  für  die  Vircksche  Datierung  des  Stückes. 

5)  Schon  Ende  August  liefi  der  Kf.  Luther  auffordem,  ihm  sein  Herz  der 
Religion  halber  als  für  sein  Testament  zu  eröffnen.  Brück  an  Kf.  Sept  3,  C.  R. 
III,  147.  Vergl.  auch  8.  106. 

6)  In  dem  Urteil  über  das  Gutachten  des  Kurfürsten  möchte  ich  mich 


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Bund  u.  Räch:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  DntemehmungBluet  1536 — 41.  109 

hat  er  allerdings  mit  diesem  Gedanken  keinen  Anklang  gefunden, 
da  sie  immer  noch  hofften,  ein  Schisma  vermeiden  zu  können.  Am 
6.  Dezember  haben  sie  sich  sowohl  Aber  die  ihnen  von  Brück  am 
30.  August  vorgelegten  vier  Fragen  wie  auf  den  „Gedenkzettel“  des 
Kurfürsten  hin  geäußert.  Sie  hielten  nach  wie  vor  an  der  Meinung, 
daß  man  das  Konzil  beschicken  müsse,  fest,  wenn  sie  auch  die 
definitive  Entscheidung  darüber  der  Zukunft  überließen.  Die  Prote- 
station empfahlen  sie  sofort  zu  veröffentlichen.  Mit  einem  Gegen- 
konzil durfte  man  nach  ihrer  Meinung  jedenfalls  nicht  eilen,  da  es 
sehr  genau  vorbereitet  werden  müsse.  Besonders  ausführlich  ver- 
breiteten sie  sich  über  die  Frage  der  Gegenwehr  und  kamen  zu 
dem  Resultat,  daß  vor  dem  Konzil  die  Gegenwehr  jedenfalls  er- 
laubt sei,  da  man  ja  an  ein  Konzil  appelliert  habe,  jeder  Angriff 
des  Kaisers  also  notoria  injuria  sei.  Nach  dem  Konzil  werde  sie 
wahrscheinlich  auch  noch  erlaubt  sein,  da  das  KonzU  nur  unbUlige 
und  daher  nichtige  Prozesse  bringen  werde  ^). 

Da  in  diesem  Gutachten  die  Aufforderung  des  Kurfürsten,  an- 
zngeben,  an  welchen  Lehrsätzen  man  unbedingt  festhalten  müsse, 
nicht  berücksichtigt  war,  wandte  er  sich  am  11.  Dezember  noch 
einmal  an  die  Theologen  und  bat  speziell  Luther,  ein  Bedenken  auf- 
zustellen, wie  weit  man  weichen  könne  und  worauf  man  verharren 
müsse  *).  Dieses  Bedenken  sollten  dann  sämtliche  Theologen  unter 
Zuziehung  Amsdorfs,  Agricolas  und  anderer  sächsischer  Prediger 
und  Gelehrten  erwägen,  sich  darüber  vergleichen  und  das  An- 
genommene unterschreiben.  Wer  sich  in  einigen  Punkten  etwa 
nicht  vergleichen  konnte,  sollte  ein  Sondergutachten  verfassen  und 
es  miteinreichen.  Alles  das  sollte  bis  spätestens  zum  25.  Januar 
geschehen  ®).  Die  Folge  dieser  Aufforderung  war  die  Beratung  der 
Theologen,  die  Ende  Dezember  stattfand  und  zur  Abfassung  der 
schmalkaldischen  Artikel  fühi'te. 

Ranke,  IV,  8.  69  anschließen,  der  es  als  einen  „kühnen  und  aUgemeinen“ 
Entwurf  bezeichnet.  Aehnlich  Egelhaaf,  II,  S.  322. 

1)  Dez.  6,  C.  E.  III,  No.  1458,  Sp.  126—13).  Virck,  S.  496/497. 

2)  Die  entscheidende  Stelle,  Enders,  XI.  8.  144,  ist  zu  ergänzen:  was  und 
wie  weit  ....  nachzulassen  und  zu  weichen,  auch  worauf  des  bastumb 
halben  und  seiner  gewalt  und  angemasten  vicariat  Christi  auf 
die  artikel,  so  formals  von  Euch  geloret,  geschrieben  und  ge- 
prediget,  endlich  zu  beruhen  sein  wil  oder  nit.  (Das  Qeeperrte  eigenhändig 
im  Konz.,  Reg.  H.  p.  123,  No.  54.) 

3)  Ebenda.  VergL  Virck,  8.  495  f. 


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110 


Kapitel  II. 


Um  dieselbe  Zeit  trafen  sich  der  Enrfflrst  und  der  Landgraf  in 
Eisenach,  nm  die  letzten  Vorbereitungen  für  den  schmalkaldischen 
Tag  zu  treffen.  Dem  Wunsche  der  Oberländer  entsprechend,  setzten 
sie  jetzt  die  Versammlung  auf  den  7.  Februar  fest,  dagegen  ließ 
sich  der  Kurfürst  auf  eine  Verlegung  nach  Frankfurt  nicht  ein*)- 
Als  Beratungsgegenstände  wurden  in  dem  Ansschreiben  vom  24.  De- 
zember die  Bemfung  des  Konzils  und  die  Frage  der  Kammer- 
gerichtsprozesse bezeichnet.  Die  Bundesstände  wurden  gebeten, 
über  das  Konzil  schriftliche  Ratschläge  verfassen  zn  lassen  und  sie 
durch  einen  oder  zwei  ihrer  vornehmsten  Gelehrten  nach  Schmal- 
kalden zn  schicken.  Als  Aufgaben  des  Bundestages  von  geringerer 
Bedeutung  wurden  noch  die  Vereidigung  der  Kriegsräte  auf  die  Ver- 
fassung, die  Beratung  über  die  Decknng  der  Kosten  der  Gesandt- 
schaft an  den  Kaiser,  über  die  beharrliche  Hilfe  im  Falle  größerer 
Gefahren  und  über  eine  neue  kleine  Anlage  bezeichnet*). 

Da  ein  Haupthemmnis  ersprießlicher  Bundesberatnngen  immer 
die  ungenügende  Instruktion  der  Bevollmächtigten  gewesen  war, 
war  es  ein  sehr  weiser  Entschluß  der  Bundeshäupter,  wenn  sie 
dem  Ausschreiben  auf  einem  Zettel  gleich  vierzehn  Punkte  bei- 
gaben,  über  die  die  Gesandten  instruiert  sein  sollten.  Sie  bezogen 
sich  auf  die  beiden  Hauptfi-agen:  das  Konzil  und  das  Kammer- 
gericht. Die  auf  das  Konzil  bezüglichen  zehn  erinnern  zum  Teil 
stark  an  die  Fragen,  die  der  Kurfürst  seinen  Gelehrten  hatte  vor- 
legen lassen.  Es  handelte  sich  auch  hier  wieder  um  die  der  Be- 
schickung, der  Protestation,  der  Gegenwehr,  daneben  taucht  die 
Frage  der  Kirchengüter  auf.  Nur  kurz  wurde  die  Kammergerichts- 
angelegenheit erledigt.  Hier  handelte  es  sich  darum,  wie  man 
Uebergriffen  des  Kammergerichts  und  der  falschen  Auslegung  des 
Friedens  durch  dasselbe  begegnen  könne,  und  wie  den  neu  einge- 
tretenen Bundesständen,  die  nicht  im  Frieden  begriffen  seien,  zu 
helfen  sei.  Ein  Hinweis  auf  Heids  bevorstehende  Ankunft  schloß 
sich  an  und  die  Aufforderung,  auch  Uber  die  ihm  zu  gebende  Ant- 
wort die  Gesandten  genügend  zu  instruieren®). 

Die  beiden  Fürsten  haben  daun  in  Eisenach  selbst  noch  zu  den 
im  Ausschreiben  berührten  Fragen  Stellung  genommen  und  sich 
gleich  über  die  Proposition  für  den  Bundestag  geeinigt.  Der  Ent- 

1)  Der  Ldgf.  an  iijturm  Dez.  23,  P.  0.  II,  8.  399. 

2)  P.  C.  II,  399  f.  Meinardus,  FDG.  XXII,  8.  633-tS6. 

3)  MeinarduB,  8.  633  f. 


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Bund  a.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  Unternehmungalust  1536—41.  m 

Wurf,  der  dafür  gemacht  wurde,  zeigt,  daß  sie  die  Lage  recht 
trübe  ansahen.  Es  erschien  ihnen  als  unzweifelhaft,  daß  das  Konzil 
die  protestantische  Lehre  als  ketzerisch  verdammen  und  den  Ver- 
such machen  würde,  unter  Anrufung  des  „weltlichen  Schwertes“ 
die  Evangelischen  mit  Gewalt  zum  Papsttum  zurückzuführen.  Sie 
wollten  ferner  in  Schmalkalden  auf  die  beständigen  Mißverständnisse 
des  Friedens  und  auch  des  Eadaner  und  Wiener  Vertrages  durch 
das  Kammergericht  hinweisen.  Sie  waren  der  Meinung,  daß  man 
auf  ein  gewaltsames  Vorgehen  der  Gegner  in  Form  von  Achts- 
exekntionen,  durch  das  Konzil  oder  auf  andere  Weise  gefaßt  sein 
müsse,  wenn  nicht  etwa  Heids  Anbringen  zeige,  daß  der  Kaiser 
künftig  ernstlicher  auf  den  Stillstand  halten  wolle,  und  hielten  für 
nötig,  daß  man  über  die  dagegen  zu  ergreifenden  Verteidigungs- 
maßregeln berate  ‘). 

Zunächst  ist  dieses  energische,  schon  etwas  Kriegslust  atmende 
Gutachten  wohl  als  ein  hessisches  Gewächs  zu  betrachten*),  aber 
man  muß  doch  erwähnen,  daß  es  in  dem  Abschnitt  über  das  Konzil 
stark  an  die  Aenßernngen  erinnert,  die  der  Kurfürst  Brück  gegenüber 
schon  im  August  getan  hatte,  und  daß  der  Landgraf  am  24.  Dezember 
schreibt,  das  Gemüt  des  Kurfürsten  sei  jetzt  „dermaßen  als  vor 
nie“.  Man  müsse  das  benützen  und,  falls  ein  Angriff  der  Gegner 
drohe,  ihnen  znvorkommen,  und  zwar  noch  vor  dem  Schmalkaldener 
Tage*).  Tatsächlich  war  eben  auch  dem  Kurfürsten  jetzt  die  Ge- 
duld gerissen,  sein  Vertrauen  in  die  Friedlichkeit  und  Ehrlichkeit 
der  Habsburger  war  erschüttert  und  so  der  Boden  bereitet  für  die 
entschiedenen  Schritte,  zu  denen  er  sich  dann  in  Schmalkalden 
entschloß.  Wie  damals  seine  Stimmung  war,  erkennt  man  am 
besten  aus  einem  außerordentlich  interessanten  Gutachten,  das  er 
etwa  am  14.  Februar  abgab  über  die  Frage,  wie  man  zu  einem 
beständigen  Frieden  gelangen  könne.  Er  holte  jetzt  die  Argumente 
wieder  hervor,  mit  denen  er  schon  1529  geraten  hatte,  die  Türken*' 
gefahr  zur  Erlangung  eines  beharrlichen  Friedens  zu  benutzen. 

1)  Dez.  25,  Rcf;.  H.  p.  115,  No.  53. 

2)  Entwurf  des  Stücke«  mit  Korrekturen  in  P.  A.  404. 

3)  An  Dr.  Uel,  P.  A.  No.  464,  Konz.  Intereegant  ist,  dafi  auch  der  Graf 
V.  Neuenahr  dem  Kf.  am  30.  Dez.  schrieb,  dieser  habe  sich  g^en  seine  Obrigkeit 
so  gerecht  und  rein  gehalten,  wie  diese  es  gar  nicht  erwarten  könne,  und  ihm 
empfahl,  die  Lage  zu  benutzen  und  hart  zu  sein.  Reg.  C.  p.  233,  No.  36,  Hdbf. 
Meinardus,  I,  2,  S.  356f.  Aehnlich  auch  wieder  am  17.  Febr.  1537.  Mei- 
nardus,  I,  2,  S.  366. 


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112 


Kapitel  II. 


1532  sei  man  davon  abgegangen  und  habe  sich  aus  Friedensliebe 
in  einen  „gemeinen  und  dunkeln“  Frieden  führen  lassen,  damit 
aber  die  größten  Enttäuschungen  erlebt.  Jetzt  sei  die  Lage  wieder 
ähnlich,  der  französische  Krieg  noch  hinzugekommen,  der  Bund 
aber  stattlich  gewachsen,  so  daß  seine  Hüfe  noch  mehr  als  früher 
bedeute.  Das  müsse  man  ausnutzen  und  hart  halten  und  keine  Hilfe 
gegen  Türken  und  Franzosen  leisten,  wenn  man  nicht  vorher  einen 
beständigen  und  gewissen  Frieden  erlangt  habe.  Das  und  die  Un- 
erträglichkeit des  bisherigen  Zustandes  müsse  man  Held  aus- 
einandersetzen. Der  Kurfürst  schloß  mit  einem  mannhaften  Glaubens- 
bekenntnis und  mit  dem  zugleich  eine  Drohung  enthaltenden 
Anerbieten,  daß  sie  sich  in  Erwartung  der  kaiserlichen  Antwort 
bis  Ostern  zur  Befriedung  ihrer  Lande  „des  Türken  halben  und 
sonsten“  gefaßt  machen  würden*).  Es  waren  sehr  politische  Ge- 
danken, nur  daß  Johann  Friedrich  die  Schuld  an  dem  bisherigen 
Zustand  nicht  dem  milden  und  friedfertigen  Kaiser  zuschrieb, 
sondern  die  Ansicht  anssprach,  daß  dieser  von  Papst,  Kardinalen 
und  Bischöfen,  vor  allem  den  größten  Feinden  der  Protestanten, 
den  deutschen  Bischöfen  dazu  verleitet  werde,  wird  uns  vielleicht 
ein  Lächeln  entlocken.  Der  Kurfürst  hat  unter  dem  Einfluß  seiner 
Theologen  in  Schmalkalden  nicht  an  der  ganzen  Energie  und 
Konsequenz  dieses  Gutachtens  festgehalten,  aber  dessen  Grund- 
gedanken werden  wir  doch  in  den  zu  Schmalkalden  gefaßten  Be- 
schlüssen wiederflnden. 

Kehren  wir  zunächst  noch  einmal  zu  den  Vorberatungen  auf 
religiösem  Gebiete  zurück,  so  war  über  die  Stellung  zum  Konzil 
durch  die  Eisenacher  Beratung  noch  nichts  entschieden  worden, 
man  konnte  aber  schon  voraussehen,  daß  die  Bundeshäupter  nicht 
gerade  als  warme  Befürworter  der  Beschickung  des  Konzils  anf- 
treten  würden.  Johann  Friedrich  wurde  durch  die  Einigkeit,  die 
bei  der  Beratung  der  Theologen  in  Wittenberg  erzielt  worden  war, 
in  seiner  ablehnenden  Haltung  noch  bestärkt.  Er  war  mit  den 
.\rtikeln,  die  dabei  zustande  gekommen  waren,  ganz  außerordentlich 
zufrieden,  nur  mit  den  Sätzen  über  das  Papsttum,  die  Melanchthon 
für  sich  allein  hinzugefugt  hatte,  stimmte  er  nicht  überein.  Der 

1)  Ungeverlichs  bedenken,  wie,  soviel  menscbUcber  bedenken  nach  ain  be- 
Btendiger  fride  soll  zu  erlangen  sein.  Reg.  H.  p.  123,  No.  54.  Kopie  eines  ver- 
mutlich eigenhändigen  Konzeptes,  das  aber  nicht  vorhanden.  Siehe  Aktenstücke, 
No.  7. 


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Bund  u.  Bnich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBloit  1536—41.  1 ^3 

Eorfflrst  war  der  Meinung,  daß  man  gerade,  weil  man  jetzt  so 
einig  und  fest  in  der  Lehre  sei,  das  Konzil  nicht  beschicken  solle, 
ja  er  sprach  die  Hoffnung  ans,  daß  viele,  die  bisher  geschwankt 
nnd  auf  das  Konzil  gewartet  hätten,  sich  jetzt  zum  Anschluß  an 
die  Protestanten  würden  bestimmen  lassen^). 

Noch  vor  dem  Zusammentritt  des  Bundestages  hat  man  von 
kursächsischer  Seite  auch  zu  einigen  der  von  Eisenach  aus  ver- 
sandten Artikel  Stellung  genommen.  Es  ist  möglich,  daß  auch 
dieses  Gutachten  den  Kurfürsten  selbst  zum  Verfasser  hat,  doch 
läßt  es  sich  nicht  mit  Sicherheit  behaupten.  Der  Grundgedanke 
des  Stückes  ist  der,  daß  man  sich  dem  Papst  und  dem  Konzil 
gegenüber  als  Partei  betrachten  müsse  und  dieses  nicht  beschicken 
dürfe,  um  sich  ihm  nicht  dadurch  zu  unterwerfen.  Wohl  aber 
könne  man,  wenn  man  vor  das  versammelte  Konzil  gefordert 
würde,  seine  Gesandten  und  Anwälte  (Oratoren  und  Prokuratoren) 
schicken^).  Obgleich  die  Theologen  diesen  Standpunkt  wohl  nicht 
ganz  billigten'’),  hat  man  an  ihm  kursächsischerseits  in  Schmal- 
kalden im  wesentlichen  festgehalten. 

Der  Gang  der  Verhandlungen  auf  dem  Bundestage  war  der, 
daß  alle  über  das  Konzil  eingegangenen  Gutachten  nach  einem 
Beschluß  vom  10.  Februar  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen 
zngestellt  wurden,  damit  sie  unter  Mitwirkung  eines  Ausschusses 
der  Stände  einen  znsammenfassenden  Auszug  daraus  machten^). 
Johann  Friedrich  hat  in  den  Beratungen  dieses  Ausschusses  an 
dem  Standpunkt  festgehalten,  daß  man  die  Beschickung  des  Kon- 
ziles  ablehnen  müsse.  Das  war  auch  die  vorherrschende  Ansicht. 
Meinungsverschiedenheiten  gab  es  nur  über  allerhand  Einzelfragen, 
indem  z.  B.  Sachsen  für  die  Sendung  von  Prokuratoren  war,  wenn 
man  als  Partei  vor  das  Konzil  zitiert  werde,  andere  dagegen, 

1)  C.  R.  HI,  136—138,  No.  1461,  mit  Virck , ZKO.  XIII,  B.  502  in  den  Jannar 
1537  zn  setzen.  Die  Autorschaft  des  Kf.  ist  sicher,  da  das  eigenhändige  Konzept 
Torliegt:  R^.  H.  p.  99,  No.  42,  vol.  IV. 

2)  C.  R.  III,  258 — 265,  No.  1521.  Verbeesemngen  bei  Virck,  8.  503  Anm. 
F3r  die  Autorschaft  des  Kf.  spricht  die  Ueberschrift,  ein  eigenhändiges  Konzept 
ist  aber  nicht  da,  anch  ist  der  Inhalt  und  die  Bchreibweise  etwas  zu  juristisch. 

3)  Melanchthon  äußert  sich  immerhin  ähnlich,  C.  R.  HI,  293,  Luthers 
Brief  vom  14.  Februar  aber  klingt  etwas  resigniert  Enders,  XI,  8.  199f. 

4)  Nach  dem  Protokoll  des  Braunschw.  Htadtarchivee,  Schmalkaldischer 
Bund,  yoL  UI,  Bl.  183,  erfolgte  der  Beschluß  erst  am  11.  Der  Ausschuß  be- 
stand ans  24  Personen. 

Beiträg«  rar  neuerea  Geichicbte  Tbüringetu  I,  8.  8 


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114 


Kapitel  II. 


n.  dgl.  m.  ^).  Nachdem  dann  der  Ausschuß  das  Resultat  seiner 
Beratungen  *)  am  15.  Februar  4m  Plenum  ttberreicht  hatte,  wurde 
ein  neuer  engerer  Ausschuß,  der  aus  dem  sächsischen  und  hessischen 
Kanzler,  Jakob  Sturm,  Melanchthon  und  Bncer  bestand,  mit  der 
Abfassung  einer  definitiven  Erklärung  beauftragt.  Er  hat  am 
19.  Februar  eingehende  Beratungen  abgehalten  *),  und  aus  diesen 
ist  dann  der  scharf  ablehnende  Beschluß  hervorgegangen,  der 
wenige  Tage  später  dem  kaiserlichen  Orator  überreicht  wurdet). 

Wir  sind  damit  an  dem  Punkte  angelangt,  wo  der  Zusammen- 
stoß der  sich  gegenüberstehenden  Parteien  erfolgte,  der  über  die 
politische  Lage  voUe  Klarheit  und  für  die  nächste  Zukunft  die 
Entscheidung  brachte.  Suchen  wir  uns  an  dieser  Stelle  zunächst 
noch  über  die  Aufträge,  mit  denen  Held  nach  Schmalkalden  kam, 
klar  zu  werden  I Es  ist  bekannt,  daß  er  vom  Kaiser  zwei  In- 
struktionen mitbekam,  eine  offizielle  in  deutscher»)  und  eine  ge- 
heime in  französischer  Sprache»).  Nach  jener  sollte  er  die  Hilfe 
der  Deutschen  gegen  die  Türken  und  gegen  Frankreich  zu  ge- 
winnen suchen  nnd  über  die  Beschickung  des  Konzils  und  die 
Unterhaltung  des  Kammergerichts  mit  ihnen  verhandeln,  diese  gab 
ihm  das  Recht,  unter  gewissen  Voraussetzungen  und  nach  Rück- 
sprache mit  König  Ferdinand  den  Protestanten  ein  Konzil  ohne 
den  Papst  und  Frankreich  oder  einen  dauernden  Frieden  mittelst 
einer  Nationalversammlung  oder  auf  anderem  Wege  zu  gewähren, 
wenn  der  Friede  in  Deutschland  und  die  Unterstützung  der  Deutschen 
auf  keine  andere  Weise  zu  erlangen  wären.  Es  ist  stets  eine 
Hauptstreitfrage  gewesen'),  weshalb  Held  in  Schmalkalden  trotz 
der  ziemlich  verzweifelten  Lage  der  Habsburger  keinen  Gebrauch 
von  dieser  geheimen  Instruktion  gemacht  hat.  Kein  Geringerer 
als  Ranke  hat  die  schon  von  den  Zeitgenossen  gehegte  Ansicht 
sich  zu  eigen  gemacht,  daß  Held  aus  eigenem  Antriebe  sich,  wenn 

1)  P.  C.  II,  418,  1.  Dazu  ein  schwer  leebarea  Protokoll  dea  beaaischen 
Kanzler«  Feige  vom  13.  Februar  in  P.  Ä.  465.  Braunachw.  Stadtarchiv,  Schmal- 
kaldiacher  Bund,  III,  235  ff. 

2)  Zu  finden  z.  B.  Reg.  H.  p.  124,  No.  56. 

3)  P.  C.  11,420.  Melanchthon  stimmte  mit  dem  Beschluß  schwerlich  überein, 
C.  R.  lll,  303  an  Camerarius. 

4)  Hortleder,  I,  1,  S.  99ff.  Conc.  Trid.  IV.  73ff. 

5)  Nicht  bekannt,  rekonstruiert  bei  Heide,  8.  718ff. 

6)  Lanz,  Korr.  II,  8.  268«. 

7)  Vergl.  die  Zusammenstellung  bei  Rosenberg,  8.  81«. 


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Bond  u.  Beich;  Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Untemehmangsluet  1536 — 41.  H5 

nicht  zam  Wortlaut,  so  doch  zu  der  Tendenz  seiner  Aufträge 
in  Widerspruch  gesetzt  habe‘),  während  andere  geglaubt  haben, 
daß  Ferdinand,  mit  dem  der  Vizekanzler  ja  Rücksprache  nehmen 
sollte,  an  dessen  schärferem  Auftreten  schuld  gewesen  sei  *).  Diese 
Ansicht  ist  nun  allerdings  durch  die  eigenen  Aeußerungen  Fer- 
dinands ans  den  nächsten  Monaten  schon  genügend  widerlegt 
worden*),  während  jene  andere  zwar  manches  für  sich  anführen 
kann , aber  zu  zahlreichen  späteren  Aussagen  Heids  selbst  in 
schärfstem  Widerspruche  steht*).  Vielleicht  läßt  sich  das  Rätsel 
einfach  so  lösen,  daß  die  geheime  Instruktion  nur  einen  ganz  be- 
stimmten Fall,  der  tatsächlich  nicht  eintrat,  ins  Auge  faßte,  nämlich 
den,  daß  der  Papst  von  der  Berufung  des  Konzils  doch  wieder 
abstand*).  Da  das  nicht  geschah,  konnte  Held  sich  nur  an  seine 
offizielle  Instruktion  und  die  mündlichen  Aufträge,  die  er  außer- 
dem hatte,  halten.  Gerade  diese  waren  für  die  Protestanten  be- 
sonders wichtig,  denn  nur  in  ihnen  war  die  Antwort  enthalten  auf 
die  Instruktion,  die  sie  ihrer  Gesandtschaft  im  Sommer  1536  mit- 
gegeben hatten*). 

Die  Verhandlungen  mit  Held  begannen  am  15.  Februar  ^).  Er 
wollte  zunächst  seine  Werbung  beim  Kurfürsten  und  Landgrafen 
allein  Vorbringen,  diese  ließen  sich  aber  darauf  nicht  ein,  und  so 
mußte  er  schließlich  seinen  Vortrag  doch  vor  versammelten  Ständen 


1)  Deutsche  Geschichte  IV,  8.  74.  Aehnlich  Egelhaaf,  II,  8.  319.  328f. 

2)  Z.  B.  Friedensbnrg,  N.  B.  II,  8.  30f. 

3)  Vergl.  etwa  Rosenberg,  8.  9/10. 

4)  So  behauptete  er  in  einem  Brief  an  den  Kf.  vom  29.  Juni  1537:  kan 
mich  umb  kain  wort  nit  erinnern,  das  ich  schriftlich  oder  mündlich  kais.  M' 
bevelch  ungemeS  gehandeit  hab  (Reg.  H.  p.  134,  No.  62,  vol.  II,  Or.),  und 
in  einem  an  den  Landgrafen  vom  23.  Nov.  1538,  daß  er  nur  die  Befehle  des 
Kaisers  ansgeführt  habe  (Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Kopie,  Beilage  zu  Ldgf.  an 
Kf.  Dez.  8).  Einem  Sekretär  Bemrichs  von  Braunschweig  sagte  er  am  22.  Okt. 
1538,  er  habe  „nichts  one  bevehlich  in  der  geringsten  Sachen  gehandelt*  (Reg.  H. 
p.  834,  No.  VII,  Kopie.) 

5)  Es  heißt  Lanz,  8.  269  zweimal,  daß  man  sich  überlegen  müsse,  was 
geschehen  solle,  falls  der  Papst  ne  voulsit  entendre  a la  celebradon  dndict  con- 
cille  und  weiter  unten:  si  ledict  pape  continne  en  ceste  froideure  ou  dissimulacion 
et  ne  veult  franchement  venir  au  conciUe. 

6)  Beweise  dafür  bei  Heide,  8.  721  f. 

7)  Verhandlungen  der  Stimmstände  über  Kammergericht  und  Friede  und 
die  Gefahr  der  Lage  waren  schon  vorhergegangen  am  13.  Februar.  Braunschw. 
ProtokoU,  Bl.  184  f. 

8* 


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116 


Kapitel  II. 


halten.  Er  gab  in  ihm  Antwort  auf  die  Punkte,  die  die  Gesandt- 
schaft der  Schmalkaldener  beim  Kaiser  vorgebracht  hatte,  und  auf 
ihren  Brief  vom  9.  September,  d.  h.  er  sprach  die  Freude  des 
Kaisers  darüber  aus,  daß  die  Protestanten  nicht  mit  Frankreich 
und  England  im  Bunde  seien,  er  erklärte  in  bezug  auf  die  Pro- 
zesse, daß  nur  das  Kammergericht  selbst  entscheiden  könne,  was 
Religionssachen  seien  und  was  nicht,  er  verkündete  endlich,  daß 
der  Kaiser  zwar  über  die  Stände,  die  sich  nach  dem  Frieden  den 
Protestierenden  angeschlossen  hätten,  noch  nicht  vollkommen  unter- 
richtet sei,  daß  er  aber  im  allgemeinen  nicht  dulden  könne,  daß 
die,  die  die  früheren  Reichsabschiede  angenommen  hätten,  jetzt  im 
Widerspruch  zu  ihnen  Neuerungen  in  der  Religion  vomähmen, 
d.  h.  er  erteilte  auf  die  Gesuche  der  Protestanten  einen  rundweg 
ablehnenden  Bescheid.  In  Anknüpfung  an  den  Brief  der  Pro- 
testanten vom  9.  September  ging  Held  dann  auf  das  Konzil  ein 
und  ersuchte  seiner  deutschen  Instruktion  entsprechend  aufs  drin- 
gendste um  dessen  Beschickung,  da  es  das  einzige  Mittel  sei,  um 
den  Frieden  in  der  religiösen  Frage  zu  erreichen ').  Der  Ton  des 
Gesandten  war  ein  im  ganzen  friedlicher,  nur  das  wird  auf  die 
Stimmung  nicht  besonders  gut  gewirkt  haben,  daß  er  sich  von 
vornherein  dagegen  verwahrte,  daß  seine  Antwort  auch  die  nicht 
im  Frieden  begriffenen  Stände,  z.  B.  Augsburg,  mitanginge.  Sach- 
lich aber  entsprach  der  Inhalt  seiner  Erklärungen  den  schlimmsten 
Befürchtungen  der  Protestanten.  Es  läßt  sich  denken,  daß  sie  gern 
den  authentischen  Wortlaut  seines  Vortrages  besessen  hätten,  Held 
verweigerte  aber  eine  Abschrift  seiner  Instruktion,  er  hatte  keine, 
und  erklärte  sich  nur  bereit,  die  Aufzeichnungen  der  Protestanten 
über  seine  Rede  zu  beglaubigen. 

Am  16.  hatte  er  dann  eine  Separatverhandlung  mit  dem  Kur- 
fürsten von  Sachsen,  wobei  er  das  vortrug,  was  man  als  den  In- 
halt seiner  deutschen  Instruktion  vermuten  kann.  Er  bat  nämlich 
um  Besuch  des  Konzils,  um  Hilfe  gegen  die  Türken  und  eventuell 
gegen  Frankreich  und  um  eine  Beisteuer  zur  Unterhaltung  des 
Kammergerichts.  Johann  Friedrich  erwiderte  natürlich,  er  müsse 
sich  mit  seinen  Glaubensgenossen  beraten,  und  trug  diesen  die 
Sache  am  17.  vor.  In  den  nächsten  Tagen  finden  wir  aber  die 

1)  Hortleder,  I,  2,  S.  1231ff.  und  1, 1,  S.98f.  Lanz,  Staatepap.,  8. 231  ff. 
Nur  der  Abschnitt  über  das  Konzil:  Walch,  XVI,  8.  2430 ff.,  Conc.  Trid.  IV, 
71  f.  Vergl.  P.  C.  II,  418. 


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Bund  n.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmuogslost  1536—41.  1 17 

Stände  doch  vor  allem  noch  mit  der  Beratung  über  die  Antwort 
auf  Heids  ersten  Vortrag  beschäftigt.  Sie  fällt  zum  Teil  mit  der 
früher  behandelten  über  die  Konzilsangelegenheiten  zusammen. 
Am  Nachmittag  des  24.  Februar  war  man  so  weit,  daß  dem  kaiser- 
lichen Vertreter  wieder  in  einer  Plenarversammlnng  Bescheid  ge- 
geben werden  konnte  ‘).  Die  Protestanten  beharrten  in  ihrer  Ant- 
wort in  der  Frage  der  Prozesse  durchaus  auf  dem  Standpunkt,  den 
sie  stets  eingenommen  hatten,  lehnten  auch  das  Rechtsmittel  des 
Syndikates,  auf  das  Held  sie  verwiesen  hatte,  ab,  da  diese  Fragen 
sich  überhaupt  nicht  juristisch  entscheiden  ließen,  sondern  vor  ein 
Konzil  gehörten.  Sie  bemühten  sich  dann,  die  Berechtigung  der 
Aufnahme  weiterer  Stände  in  ihren  Bund  zu  beweisen,  und  legten 
dar,  daß  der  Friede  nicht  bestehen  könne,  wenn  er  nicht  auf  diese 
Stände  ausgedehnt  werde,  da  sie  die  Absicht  hätten,  sie  zu  schützen, 
wenn  das  Kammergericht  etwa  die  Exekution  gegen  sie  verhänge. 
Ein  Recht,  gegen  sie  zu  prozedieren,  habe  das  Gericht  ja  auf  keinen 
Fall,  da  es  Sachen  seien,  die  vor  ein  Konzil  gehörten.  Nur  neben- 
bei gingen  sie  auf  die  spezifischen  Bitten,  die  Held  dem  Kur- 
fürsten ausgerichtet  hatte,  ein,  indem  sie  erklärten,  daß  sie  sich 
um  so  untertäniger  in  bezug  auf  Türkenhilfe  und  Kammergerichts- 
unterhaltung erzeigen  würden,  wenn  der  Kaiser  ihren  Wnnsch  er- 
fülle. Ausführlich  verbreiteten  sie  sich  dagegen  wieder  über  das 
Konzil,  indem  sie  in  der  uns  schon  bekannten  Weise  seine  Be- 
schickung ablehnten,  weil  es  kein  freies,  christliches,  den  früheren 
Reichsabschieden  entsprechendes  in  deutscher  Nation  sei,  die  Pro- 
testanten auf  ihm  auch  offenbar  nur  als  Ketzer  verdammt  werden 
sollten  *). 

Held  antwortete  sofort  in  längerer  Rede,  in  der  er,  ohne 
wesentlich  neue  Gesichtspunkte  zu  bringen,  sich  in  der  Frage  der 
Prozesse  wieder  ganz  auf  den  kammergerichtlichen  Standpunkt 
stellte,  um  ein  Verzeichnis  der  neu  aufgenommenen  Stände  und 
Angabe  der  Verpflichtungen,  die  sie  früher  gegen  den  Kaiser  über- 
nommen hätten,  bat  und  die  Freiheit  und  Christlichkeit  des  Man- 
tuaner Konzils  verteidigte.  Erneut  forderte  er  dann  zur  Hilfe 
gegen  die  Türken  und  eventuell  gegen  Frankreich  und  zu  Bei- 

1)  Der  äußere  Verlauf  der  Verhandlungen  nach  P.  C.  II,  419  ff.  Hächsische 
Aufzeichnung  über  die  Verhandlungen  vom  16.  in  Reg.  H.  p.  115,  No.  53. 

2)  Hortleder,  I,  2,  8.  1236 ff.,  I,  1,  8.  99ff.  Lanz,  Staatap.,  8.  239ff. 
Für  das  Konzil:  Walch,  XVI,  8.  2433 ff.,  Conc.  Trident.  IV,  8.  73 ff. 


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Ei^)itel  II. 


trä^ifen  fOr  das  Eammerg^ericht  auf.  Auf  Bitten  der  Protestanten 
hat  er  ihnen  diese  Replik  auch  schriftlich  gegeben'). 

Bei  der  Beratung  über  die  Antwort,  die  Held  darauf  zu  er- 
erteilen  sei,  wurde  sowohl  im  Ausschuß  wie  im  Plenum  der  Stände 
die  Frage  der  Türkenhilfe  mit  in  Erwägung  gezogen;  vor  allem 
ein  kursächsisches  Gutachten  vom  26.  Februar*)  lag  der  Antwort 
in  dieser  Frage  zugrunde.  Held  weigerte  sich  aber,  sie  anzu- 
nehmen, da  darin  davon  die  Rede  war,  daß  er  den  Frieden  „ge- 
deutet“ habe.  In  bezug  auf  die  anderen  Punkte  wiederholte  man 
zwar  im  wesentlichen  die  früheren  Argumente,  schlug  aber  auch 
einen  sehr  scharfen  Ton  an,  sprach  von  einer  Aufhebung  des 
Friedens  durch  das  Kammergericht  und  Heids  jetzige  Werbung 
und  erklärte,  daß  man  etwaigen  weiteren  Urteilen  des  Gerichts  in 
Religionssacben  nicht  gehorchen  werde.  Nur  wenn  ein  sicherer 
Friede  gewährt  werde,  könne  man  sich  über  die  Türkenhilfe  und 
die  Kammergerichtsunterhaltung  günstig  erklären*).  Held  nahm 
diese  Antwort  trotz  ihrer  scharfen  Sprache  an,  bereute  es  aller- 
dings, nachdem  er  sie  genauer  angesehen  hatte.  In  der  Frage  der 
Türkenhilfe  hat  man  ihm  am  1.  März  nach  langwierigen  weiteren 
Ausschußberatungen  eine  neue  Antwort  übergeben,  in  der  die  an- 
stößige Stelle  gemildert  war.  Auch  in  diesem  Stück  bezeichnete 
man  einen  wirklichen  Frieden  bis  zu  einem  gemeinen  ft-eien  christ- 
lichen Konzil  in  deutscher  Nation  als  Bedingung  der  Türkenhilfe, 
ging  also  hinaus  über  den  Nürnberger  Frieden,  indem  man  den 
Reichstag  neben  dem  Konzil  nicht  mehr  nannte,  aber  nicht  so 
weit  wie  der  Kurfürst,  der  einen  beständigen  Frieden  zur  Be- 
dingung der  Türkenhilfe  hatte  machen  wollen.  Außerdem  erklärte 
man  sowohl  für  die  Bewilligung  der  Türkenhilfe  wie  die  der  Unter- 
haltung des  Kammergerichts  einen  Reichstag  für  nötig*). 

1)  Hortleder,  I,  2,  S.  1242«.,  I,  1,  S.  104f.  Lanz,  S.  246ff.  Walch, 
8.  2443«.  Conc.  Trident.  IV,  78«.  Aus  P.  C.  II,  424  ergibt  sich,  dafl  in  diesen 
Aktenstücken  einiges  zusammengezogen  ist,  was  zum  Teil  erst  aus  Debatten  mit 
Held  hervorging. 

2)  Keg.  H.  p.  123,  No.  54.  VergL  im  übrigen  P.  C. 

3)  Hortleder,  I,  2,  8.1246«.,  I,  1,  8.105«.  Walch,  XVI,  8.2447«. 
Conc.  Trid.  IV,  81  «. 

4)  Vergl.  P.  C.  II,  4281.  und  Hortleder,  I,  2,  8. 1256 — 58.  Nach  dem  8tück 
bei  Neudecker,  Urk.,  8.  285  «.  wollte  man  die  HiUe  auch  schon  gewähren, 
wenn  der  Reichstag  erst  ausgeschrieben  war.  Ich  vermag  es  aber  nicht  recht 
einzuzureihen. 


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Bund  D.  Bdch:  Die  Jahre  der  Boi^  o.  der  ünternehmmigglaBt  1536 — 11.  1X9 

Wir  haben  die  Person  des  Eorfflrsten  etwas  aus  den  Angen 
verloren.  Tatsächlich  läßt  sich  nicht  feststellen,  daß  er  an  den  Ver- 
handlungen mit  Held  direkt  größeren  Anteil  gehabt  habe,  der 
kursächsische  Kanzler  aber  war  bei  wichtigen  Beratungen  zugegen, 
und  wenn  wir  uns  an  die  Mheren  Gutachten  des  Kurfürsten  er- 
innern, werden  uns  die  Held  erteilten  Antworten  fast  mild  er- 
scheinen. 

Zu  stärkerem  persönlichen  Hervortreten  erhielt  der  Kurfürst 
bei  einigen  anderen  Verhandlungen  Gelegenheit,  die  den  behandelten 
parallel  gingen.  Da  waren  zunächst  die  mit  dem  päpstlichen 
Nuntius  Petrus  Vorstius,  der  damals  Deutschland  bereiste,  um  das 
Konzil  zu  verkünden.  Sie  bieten  sachlich  nichts  Neues,  da  ja  dem 
Nuntius  gegenüber  einfach  die  Antwort  wiederholt  wurde,  die  Held 
über  das  Konzil  erhalten  hatte.  Charakteristisch  aber  ist  es,  mit 
welcher  Aengstlichkeit  Johann  Friedrich  es  vermied,  sich  ohne  vor- 
herige Beratung  mit  seinen  Verbündeten  auf  irgend  welche  Ver- 
handlungen mit  dem  päpstlichen  Gesandten  einzulassen,  ja  wie  er  in 
fast  komischer  Gewissenhaftigkeit  jedes  Zusammentreffen  mit  jenem 
vor  dem  schmalkaldischen  Tage  zu  verhüten  suchte.  In  Schmalkalden 
selbst  hat  er  ihm  ja  schließlich  eine  Audienz  nicht  versagen  können, 
er  behandelte  ihn  dabei  aber  geradezu  unhöflich,  um  nur  nicht 
durch  Annahme  der  päpstlichen  Breven  die  Autorität  des  Papstes 
irgendwie  anzuerkennen.  Im  Namen  aller  versammelten  Prote- 
stanten ist  dann  schließlich  am  2.  März  dem  Nuntius  doch  förm- 
lich auf  die  Konzilseinladnng  geantwortet  worden,  d.  h.  man  über- 
gab ihm  eine  Abschrift  der  Antwort,  die  man  Held  gegeben  hatte, 
ohne  sie  irgendwie  zu  ändern,  so  daß  das  Stück  also  an  den 
Kaiser  und  nicht  an  den  Papst  gerichtet  war.  Gleichzeitig  wurden 
dem  Gesandten  die  Briefe  und  Bullen,  die  er  in  der  Herberge  des 
Kurfürsten  hatte  liegen  lassen,  zurückgegeben.  Spater  schickte 
man  ihm  dann  noch  Abschrift  der  zweiten  Held  erteilten  Antwort 
wegen  des  Konzils  nach.  Auf  diese  Weise  hatte  man  es  fertig 
gebracht,  jeden  direkten  schriftlichen  Verkehr  mit  dem  Vertreter 
des  Papstes  zu  vermeiden,  also  den  Standpunkt  gewahrt,  den  der 
Kurfürst  in  seinen  verschiedenen  Denkschriften  vertreten  hatte,  der 
aber  selbst  den  Wittenberger  Theologen  zu  weit  ging'). 


1)  Der  Kf.  an  Voretitu  Febr.  1.  Vorstins  an  Becalcatns  März  2.  und  23, 
Conc.  Trid.  IV,  68  f.  89  ff.  95.  Journal  dea  Ettenius  im  Compte  rendn  des 


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120 


Kapitel  U. 


Wenn  in  den  Verhandlungen  mit  Vorstius  die  Aufgabe  des 
Kurfürsten  eine  im  wesentlichen  passive  war,  so  hatte  er  dagegen 
Gelegenheit  zu  persönlicher  Tätigkeit  in  den  Separatverhandlungen, 
die  Held  mit  ihm  über  seine  eigenen  Differenzen  mit  den  Habs- 
burgem  führte.  Wir  sahen  ja,  daß  der  Orator  auch  dazu  beauftragt 
war  und  die  Verhandlungen  Ferdinands  mit  dem  Kurfürsten  wegen 
dieser  Aufträge  Heids  gänzlich  abgebrochen  worden  waren.  Dieser  hat 
schon  sein  Gespräch  mit  dem  Kurfürsten  vom  16.  Februar  benutzt '), 
um  auch  auf  die  Wahlsache  einzugehen,  gründlichere  Erörterungen 
darüber  fanden  dann  in  der  Woche  nach  Reminiscere,  wahrschein- 
lich am  1.  oder  2.  März  *)  statt.  Die  Zwischenzeit  benutzte  Johann 
Friedrich  zu  einem  Versuch,  sich  die  Unterstützung  des  schmal- 
kaldischen  Bundes  in  der  Wahlsache  zu  sichern.  Er  erreichte 
wenigstens  so  viel,  daß  die  Herzöge  von  Lüneburg  ihm  die  ge- 
wünschte Versicherung  gaben  und  die  oberländischen  Städte  ihre 
Hilfe  versprachen,  wenn  er  scheinbar  wegen  der  Opposition  gegen 
die  Wahl,  in  Wirklichkeit  wegen  der  Religion  angegriffen  werde  ®). 
In  dieser  Weise  einigermaßen  gesichert,  konnte  er  die  Verhand- 
lungen mit  Held  weiter  führen.  Dessen  Erklärungen  liefen  im 
wesentlichen  darauf  hinaus,  daß  dem  Kaiser  die  Wiener  Verab- 
redung durchaus  nicht  als  ein  gangbarer  Weg  zur  Beilegung  des 
Zwistes  erscheine,  da  er  es  mit  den  anderen  Kurfürsten  verderben 
würde,  wenn  er  ihr  znstimmte.  Dagegen  sei  Karl  gern  bereit, 
Verbesserungen  an  der  goldenen  Bulle  vorzunehmen,  wenn  der 
Kurfürst  jene  dafür  gewonnen  habe.  Er  selbst  wolle  dem  Sachsen 
eine  Verschreibung  ansstellen,  daß  Ferdinands  Wahl  ihm  und 
seinen  Nachkommen  an  ihren  Gerechtigkeiten  keinen  Nachteil 
bringen  solle.  Das  waren  Erklärungen,  die  natürlich  dem  Kur- 
fürsten in  keiner  Weise  genügen  konnten.  Sie  gaben  ihm  aber 
Gelegenheit,  seinen  Standpunkt  in  der  Wahlsache  noch  einmal  aus- 

s^ances  de  laComm.  royale  d’histoire,  Bruxelles  1864  (de  Bam),  III,  6,  S.  8931. 
Historisches  Jahrbuch,  X,  1839,  S.  508  ff.  519  ff.  529  f.  Im  wesentlichen  mit  den 
Berichten  des  Nuntius  übereinstimmend  eine  sächsische  Aufzeichnung  in  K^.  H. 
p.  115,  No.  53,  benutzt  von  Seckendorf,  III,  S.  144.  VergL  Sleidan, 
II,  S.  76. 

1)  Nach  der  Aufzeichnung  in  Reg.  H.  p.  115,  No.  53. 

2)  Am  Tage,  nachdem  man  dem  Urator  die  Antwort  in  Bezug  auf  Konzil, 
Türkenhilfe  und  Kammergericht  überreicht  hatta 

3)  P.  C.  II,  425.  Beg.  H.  p.  123,  No.  54.  Winckelmann,  ZKG.  XI, 
8.  243. 


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Bund  0.  Räch:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmangelaet  1536—41.  J21 

fQhrlich  darzulegen,  wobei  er  es  an  scharfen  Aeußerungen  Aber 
den  Kaiser  wegen  der  Nichtbestätigung  des  Kadaner  und  Wiener 
Vertrages  nicht  fehlen  ließ.  Johann  Friedrich  verbreitete  sich  dann 
auch  über  die  Gründe,  weshalb  er  die  Verlängerung  des  Wiener 
Vertrages  auf  ein  Jahr  habe  ablehnen  müssen,  und  erklärte,  daß  er 
sich  jetzt  erst  recht  auf  nichts  weiter  einlassen  könne,  nachdem 
Heids  Mitteilungen  gezeigt  hätten,  daß  der  Friede  ganz  auf- 
gehoben sei.  Nie  habe  er  ja  Frieden  und  Stillstand,  ebenso  wie  die 
jülichsche  Sache  von  der  Wahlsache  trennen  lassen.  Das  gab  Held 
Gelegenheit,  auch  über  die  jülichsche  Sache  zu  sprechen.  Der 
Kaiser  sei  zwar  kein  Kaufmann,  der  etwa  Bewilligungen  in  dieser 
Angelegenheit  von  Zugeständnissen  in  der  Wahlsache  abhängig 
mache,  immerhin  dürfe  er  aber  mit  dem  Kurfürsten  über  jene 
verhandeln,  wenn  er  in  dieser  den  Wunsch  des  Kaisers  erfülle. 
Darauf  erklärte  dann  wieder  Johann  Friedrich,  daß  auch  für  ihn 
Zugeständnisse  in  der  Wahlsache  nicht  von  Gewährungen  in  der 
jülichschen  abhingen,  daß  er  aber  beides  zusammen  erledigen  wolle. 
Damit  scheinen  die  Verhandlungen  abgebrochen  worden  zu  sein. 
Sie  konnten  zu  nichts  führen,  da  ja  eben  der  Kurfürst  jetzt  weniger 
als  je  geneigt  war,  in  der  Wahlsache  irgendwelche  neuen  Zuge- 
ständnisse zu  machen  ^). 

Eine  verhältnismäßig  geringe  Rolle  haben  auf  dem  schmal- 
kaldischen  Tage  die  eigentlichen  Bundesangelegenheiten  gespielt. 
Die  Gefahr  der  Lage  mußte  ja  eigentlich  dazu  dienen,  diese  Dinge 
in  eine  etwas  schnellere  Gangart  zu  bringen.  Tatsächlich  läßt  sich 
bemerken,  daß  man  schon  vor  dem  Zusammentritt  des  Tages  be- 
strebt war,  vorhandene  Differenzen  zu  beseitigen  und  neue  Mit- 
glieder zu  gewinnen.  So  zeigte  der  Landgraf  jetzt  Wilhelm  von 
Nassau  gegenüber  eine  etwas  versöhnlichere  Haltung*),  und  der 

1)  Sehr  ausführliche  protokollartige  Aufzeichnungen  über  diese  Verhand- 
lungen in  Beg.  H.  p.  115,  No.  53.  Das  eine  Stück,  das  aus  der  Woche  Remi- 
niscere  datiert  ist,  scheint  eine  Zusammenfassung  des  Ganzen.  Vorher  fanden 
wohl  nur  am  16.  Febr.  Verhandlungen  statt.  Vergl.  auch  Baumgarten,  III, 
S.  300. 

2)  D.  h.  er  erklärte,  daß  er  gegen  die  E^Iadung  des  Grafen  nach  Schmal- 
kalden nichts  einzuwenden  habe.  (An  Kf.  Jan.  2,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Or.) 
In  Schmalkalden  selbst  hat  sich  dann  Johann  Friedrich  bemüht,  den  Landgrafen 
zu  einer  friedlichen  Unterhandlung  über  den  katzenclnbogenschen  Streit  zu  be- 
stimmen. Ein  Tag  in  Wetzlar  Ende  April  war  die  Folge.  Zu  einem  Vergleich 
führte  er  nicht.  Noch  durch  das  ganze  Jahr  1537  ziehen  sich  aber  die  Be- 


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122 


Kapitel  II. 


Eurfarst  unternahm  energische  Schritte,  um  Heinrich  von  Sachsen 
in  den  Bund  zu  ziehen  0-  Wenn  man  auch  die  nicht  im  Bunde 
befindlichen  Protestanten  nach  Schmalkalden  einlud,  war  man  dabei 
wohl  auch  von  der  Hoffnung  getragen,  sie  zum  Eintritt  zu  be- 
stimmen*). Der  Kurfürst  gab  auch  seine  Einwilligung  dazu,  daß 
man  mit  Lübeck  noch  weiter  verhandelte,  wenn  er  sich  anch  nichts 
davon  versprach*). 

In  Schmalkalden  hat  man  dann  vor  allem  über  finanzielle 
und  militärische  Angelegenheiten  des  Bundes  beraten.  Da  be- 
deutete es  einen  wesentlichen  Fortschritt,  wenn  beschlossen  wurde, 
die  regelmäßige  Bundeshilfe  von  sechs  einfachen  oder  drei 
Doppelmonaten  auf  zwölf  einfache  oder  sechs  Doppelmonate  zu 
erhöhen*).  Wie  so  oft  fand  aber  auch  diese  Verstärkung  der 
Aktionskraft  des  Bundes  wieder  Schwierigkeiten  bei  den  sächsischen 
Städten,  die  über  die  bisherigen  Bewilligungen  hinauszugehen  Be- 
denken hatten.  Man  beschloß,  auf  einem  Tage  in  Brannschweig 
im  April  noch  weiter  mit  ihnen  verhandeln  zu  lassen,  faßte  aber 
schon  jetzt  den  Ausweg  ins  Auge,  daß  man  über  die  drei  Doppel- 
monate hinaus  auch  ihnen  nur  ihrer  Leistung  entsprechend  helfen 

mühuDgen  dee  Kfen.,  dieser  für  die  protestantische  Sache  so  störenden  Angelegen- 
heit ein  Ende  zu  machen.  Er  wäre  seihet  zu  persönlichen  Opfern  zu  diesem 
Zwecke  bereit  gewesen,  wollte  eine  Forderung,  die  er  an  Kurköln  hatte,  dem 
Grafen  überlassen.  Bei  einer  Zusammenkunft,  die  er  im  September  mit  Of. 
Wilhelm  in  Koburg  batte,  machte  er  neue  Vergleichs  Vorschläge  und  bemühte  sich 
in  der  nächsten  Zeit  eifrig  um  ihre  Annahme  durch  die  Parteien.  (Meinardns, 
I,  2,  S.  397 — 402.  Weitere  Korrespondenzen  in  Keg.  C.  No.  330.  333.  VergL 
ferner  Kf.  an  Gf.  Neuenahr  März  9,  Reg.  H.  p.  153,  No.  74,  Konz.  Kf.  an 
Wilh.  von  Nassau  März  27,  Wieeb.  Arch.  Katzenelnbogenscher  Erbfolgestreit, 
No.  14,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  28,  Keg.  H.  p.  137,  No.  64.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  10, 
ebenda;  an  Gf.  Neuenahr  Juli  15,  B^.  H.  p.  153,  No.  74,  Konz.  Sendung 
Dölzigs  an  die  Grafen  Nov.  7/8,  Reg.  H.  p.  154,  No.  75  A.  Ebenda  dessen  Be- 
richte vom  29.  Nov.,  7.,  26.  Dez.) 

1)  Instruktion  des  Kf.  für  Kreitzen  an  Hzin.  Katharina  Jan.  5.  VergL 
Brandenburg,  Heinrich,  S.  130f.,  eigenh.  Elntw.  in  Loc.  10041  ,4nstructionea 
und  Schriften  . . .“,  BI.  99—104.  Revers  dee  Hzs.  über  seine  Aufnahme  in  den 
Bund  Jan.  10,  Reg.  H.  p.  134,  No.  60  A,  Or. 

2)  Wonne  und  Pfalzgf.  Ruprecht  lehnten  die  Beschickung  ab,  während 
Mkgf.  Georg  vertreten  war.  Neudecker,  Urk.,  S.  293 f.  295 — 297,  Reg.  H. 
p.  115,  No.  53  A,  Urk. 

3)  Korresp.  des  Kf.  mit  Bemb.  v.  Mila,  Reg.  H.  p.  124,  No.  56. 

4)  Die  Beratungen  darüber  hatten  schon  vor  dem  Eintreffen  Heids  be- 
gonnen. Braunschw.  Protokoll,  Bl.  184/185. 


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Bund  u.  Beich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  üntemehmungsluat  153Ü- 41.  123 

würde.  Beschlossen  wurde  ferner  die  Aufnahme  Heinrichs  von 
Sachsen  unter  der  Bedingung,  daß  er  durchgreifend  reformiere  und 
seinen  Sohn  vom  Dresdener  Hofe  nähme.  Der  Abschied  enthält 
außerdem  Beschlüsse  über  die  Deckung  der  Kosten  der  Gesandt- 
schaft an  den  Kaiser,  über  die  Zahlung  der  Rückstände  und  über 
die  Annahme  der  Unterhanptlente.  Der  Kurfürst  und  der  Landgraf 
erhielten  jetzt  Vollmacht,  solche  auch  ohne  Zuziehung  der  anderen 
Stände  anznnehmen,  und  begannen  schon  am  6.  März  damit. 

Auch  mit  den  Fragen,  die  durch  Heids  Seudung  angeregt  worden 
waren,  haben  die  Verbündeten  sich  noch  für  sich  beschäftigt.  Sie 
waren  darauf  gefaßt,  daß  man  wegen  des  Konzils  weitere  Verhand- 
lungen mit  ihnen  führen  würde  und  daß  sie  zu  weiteren  Beratungen 
darüber  genötigt  sein  würden.  Einstweilen  sollten  die  einzelnen 
Stände  ihre  Theologen  und  Juristen  über  gewisse  Punkte  nach- 
denken  lassen,  jedenfalls  wollte  man  „für  einen  Mann  stehen“. 
Auch  die  Frage  der  Türkenhilfe  hielt  man  durchaus  nicht  für 
vollkommen  erledigt.  Man  beauftragte  Sachsen  und  Hessen,  Er- 
kundigungen einzuziehen,  ob  wirklich  eine  Türkengefahr  bestände, 
damit  man  auf  einem  späteren  Tage  das  Nötige  beschließen  könne. 
Auch  zu  Verhandlungen  über  einen  beständigen  Frieden,  mit  dessen 
Möglichkeiten  man  sich  am  13.  und  14.  Februar  beschäftigt  hatte, 
wurden  die  Bundeshäupter  bevollmächtigt,  doch  sollten  sie  nicht 
ohne  Zuziehung  der  anderen  Stimmstände  abschließen.  Selbst- 
verständlich hatte  man  auch  noch  mit  dem  Kammergericht  zu  tun, 
vor  allem  mit  der  Frage,  wie  sich  die  Stände  der  Rekusation  des 
Gerichtes  nachträglich  anschließen  könnten,  die  ursprünglich  nicht 
an  ihr  teilgenommen  hatten.  Im  Abschied  wurden  Württemberg, 
Straßbnrg  und  Augsburg  beauftragt,  eine  neue  Rekusationsschrift 
zu  entwerfen  und  Sachsen  und  Hessen  zur  Durchsicht  zuzusenden. 
Diese  Schrift  sollte  dann  den  Ständen,  die  sie  brauchten,  überlassen 
werden. 

Unter  den  mancherlei  Beschwerden  einzelner  Stände,  die  im 
Abschied  erörtert  wurden,  befand  sich  auch  eine  des  Kurfürsten 
und  des  Herzogs  von  Württemberg  gegen  König  Ferdinand,  weil 
dieser  in  seinen  Erblanden  ihren  Geistlichen  und  Untertanen  Zinsen, 
Renten  u.  dgL  vorenthielt.  Man  war  der  Ansicht,  daß  beide 
Fürsten  eventuell  Gleiches  mit  Gleichem  vergelten  müßten,  machte 
aber  zunächst  noch  einen  Versuch,  durch  eine  Fürsprache  des  Land- 
grafen, Philipps  von  Pommern  und  der  anderen  Fürsten,  Grafen 


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124 


Kapitel  II. 


und  Herren  des  Bundes  auf  Ferdinand  zu  wirken.  Dieser  erteilte 
eine  ausweichende  Antwort  ‘). 

ln  den  Abschied  aufgenommen  wurden  endlich  auch  einige 
Sätze  über  die  Lehre  und  die  Kirchengüter.  Die  Beratung  über 
die  Lehre  hatte  zunächst  ja  im  engsten  Zusammenhänge  mit  der 
über  das  Konzil  gestanden,  aus  diesem  Grunde  entstanden  die 
schmalkaldiscben  Artikel,  sie  gewann  nun  aber  auch  selbständige 
Bedeutung.  Der  ursprüngliche  Plan  war  der,  daß  die  von  den 
sächsischen  Theologen  aufgesetzten  Artikel  von  denen  der  anderen 
Stände  in  Schmalkalden  unterzeichnet  werden  sollten.  Es  ist  be- 
kannt, daß  diese  Verhandlungen  nicht  zu  dem  gewünschten  Resultat 
geführt  haben.  Man  sah  sich  bald  genötigt,  sie  abzubrechen,  um 
Streitigkeiten  über  den  Artikel  vom  Abendmahl  zu  vermeiden, 
und  mußte  sich  damit  begnügen,  im  Abschied  darauf  hinzuweisen, 
daß  die  anwesenden  Gelehrten  der  heiligen  Schrift  sich  einmütig 
zu  den  Artikeln  der  Konfession  und  Apologie  bekannt  hätten  und 
daß  man  nur  den  Artikel  vom  päpstlichen  Primat  etwas  „weiter 
und  besser  gestellt“  habe.  Außerdem  wurde  auch  die  Wittenberger 
Konkordie  von  neuem  unterschrieben*). 

Die  Theologen  haben  ihr  Zusammensein  dazu  benutzt,  um  au 
die  versammelten  Stände  eine  Petition  zu  richten,  daß  man  die 
Kirchengüter  für  die  Erhaltung  von  Kirchen  und  Schulen  ver- 
wenden und  nicht  zerstreuen  möge.  Man  kam  diesem  Wunsche 
bereitwillig  nach  und  beschloß  im  Abschied,  daß  man  die  Kirchen- 
güter verwenden  wolle  zunächst  für  die  Unterhaltung  der  Pfarrer 
und  Kirchendiener,  dann  der  Superintendenten,  die  jene  beauf- 
sichtigen sollten,  drittens  für  Schulen,  damit  kein  Mangel  an 
Pfarrern  eintrete,  viertens  für  die  Unterstützung  armer  Studenten 
der  Theologie  und  für  Spitäler*). 

1)  Alles  nach  dom  Strafiburger  Bericht  in  P.  C.  II,  414  ff.,  und  nach  dem 
Abschied  nebst  Beiabschieden  in  Reg.  ü.  p.  178,  No.  84.  Vergl.  auch  Janssen, 
III,  8.  395  f. 

2)  P.  C.  II,  416ff.  Mel.  an  Jonas  Febr.  23,  an  Camerarins  März  1,  C.  R. 
III,  270  f.  291  ff.  Vor  allem  Veit  Dietrich  an  Förster  Mai  lü,  C.  R.  III,  370  ff. 
Die  Schrift  vom  Papsttum  C.  R.  III,  272 ff.  Dann  der  Abschied.  Die  be- 
treffenden Sätze  auch  bei  Seckendorf,  III,  8. 157.  Vergl.  auch  Kolde  in  B.  K. 
XVII,  8.  643  f. 

3)  Die  Bittschrift  der  Prediger  in  C.  R.  III,  288.  Wahrscheinlich  nur  Be- 
gleitbrief zu  der  größeren  Schrift  IV,  1010 ff.  Neudecker,  Urk.,  8.  310 ff.,  dann 
der  Abschied,  gedruckt  bei  Seckendorf,  III,  8.  157. 


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Band  u.  B«ich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmangelugt  1536 — 11.  125 

Wir  können  es  als  eine  Ausführung  dieses  Beschlusses  des 
Bundestages  betrachten,  wenn  der  Kurfürst  am  9.  April  seinen 
zum  Braunschweiger  Tage  gehenden  Gesandten  beauftragte,  sich 
über  die  Besoldungsverhältnisse  der  Braunschweiger  Prediger  zu 
erkundigen  und,  wenn  nötig,  mit  dem  hessischen  Gesandten  zu- 
sammen beim  Rat  für  ihre  Besserstellung  zu  wirken  ^). 

Auch  sonst  finden  wir  Johann  Friedrich  in  der  nächsten  Zeit 
bestrebt,  die  Anfgaben,  die  der  Bundestag  ihm  zugewiesen  hatte, 
zu  erfüllen.  Seine  Gelehrten  beauftragte  er  am  14.  April,  einen 
Ratschlag  wegen  des  Konzils  zu  verfassen,  damit  man  zur  Not 
damit  versehen  sei  *).  Es  scheint  aber  nicht  zu  einem  solchen  Gut- 
achten gekommen  zu  sein,  wahrscheinlich  weil  in  diesen  Dingen 
zwischen  den  Theologen  und  dem  Hof  noch  immer  keine  volle 
Einigkeit  herrschte  ®),  und  bald  machte  dann  die  Verschiebung  des 
Konzils  die  Sache  unnötig.  Die  Differenzen  zwischen  den  Theologen, 
besonders  Melanchthon,  und  den  Fürsten  sind  auch  bei  der  Abfassung 
der  großen  Rechtfertigungsschrift  der  Protestanten  wegen  ihrer 
Ablehnung  des  Konzils  und  der  Begleitbriefe  dazu  noch  vielfach 
zutage  getreten.  Schon  in  Schmalkalden  wai-  man  sich  darüber  klar 
geworden,  daß  eine  solche  Verteidigungsschrift  ratsam  sei.  Man 
faßte  für  sie  eine  sehr  weite  Verbreitimg  nicht  nur  bei  deutschen 
Ständen,  sondern  auch  bei  ausländischen  Fürsten  ins  Auge,  die 
Hauptschrift  ist  auch  wohl  schon  am  5.  März  fertig  geworden, 
die  Abfassung  der  Begleitschreiben  durch  Melanchthon  aber  hat 
sich  noch  monatelang  verzögert,  so  daß  die  tatsächliche  Ver- 
sendung, wenigstens  der  meisten  Exemplare  der  Schrift,  wohl 
erst  Ende  Mai  erfolgt  ist®). 


1)  Reg.  H.  p.  129,  No.  57,  Instruktion,  Or. 

2)  Barkhardt,  Briefvechael,  B.  277.  Enders,  XI,  S.  219. 

3)  MeL  an  Veit  Dietrich  Juli  13,  C.  R.  III,  388. 

4)  Die  Bchrift  wurde  deutsch  und  lateinisch  schon  1537  gedruckt  und  wohl 
als  Druck  versandt.  Der  deutsche  Text  bei  Walch,  XVI,  S.  24630.  Hort- 
leder, I,  1,  8.  llOfi.  Der  lateinische  C.  R.  III,  313ff.  Vergl.  auch  Conc. 
Trid.  IV,  87  Anm.  1.  Das  Begleitschreiben  an  Kg.  Franz  vom  25.  März, 
R^.  H.  p.  124  No.  56;  an  Ferd.  vom  26.  März  C.  R.  III,  331  ff.  Aber  am 
6.  April  war  Mel.  auch  noch  mit  dieser  Arbeit  beschäftigt,  an  Veit  Dietrich 
C.  R.  III,  335.  Viele  Elzemplare  wurden  erst  Mai  30.,  ja  im  Juni  versandt. 
P.  C.  II,  438.  Ldgf.  an  Kf.  Juni  26,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Or.  Einige  der 
Antworten  in  R^.  H.  p.  124,  No.  56. 


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126 


Kapitel  II. 


Eine  der  Hauptaufgaben  war  nun  aber,  die  Zustimmung  der 
norddeutschen  Stände  zu  dem  in  Schmalkalden  Beschlossenen,  vor 
allem  zur  Erhöhung  der  Monate  zu  gewinnen.  Wir  sahen,  daß  zu 
diesem  Zwecke  im  April  ein  Tag  in  Braunschweig  stattfinden  sollte. 
Auch  die  Besiegelung  des  Bundes  und  der  Verfassung  durch  die 
sächsischen  Städte  sollte  bei  dieser  Gelegenheit  erfolgen.  Man  hat 
sich  von  kursächsischer  und  hessischer  Seite  redlich  bemüht,  das 
Ziel  zu  erreichen  ‘),  ja  wir  finden  bei  dieser  Gelegenheit  sogar 
einmal  eine  Spur  davon,  daß  der  Kurfürst  zu  einzelnen  einfluß- 
reichen Personen  in  den  Städten  Beziehungen  anzuknüpfen  suchte*), 
erreicht  wurde  trotz  alledem  das  Ziel  in  Braunschweig  nicht  *),  und 
auch,  nachdem  im  Mai  die  Städte  noch  für  sich  getagt  hatten,  haben 
doch  schließlich  nur  Minden,  Hamburg  und  Bremen  in  die  Ver- 
doppelung der  Monate  gewilligt ‘),  während  Goslar,  Magdeburg, 
Braunschweig,  Göttingen,  Hannover  und  Einbeck  am  18.  Mai 
baten,  es  aus  Rücksicht  auf  ihre  Gemeinden  bei  dem  Beschluß  von 
1536  zu  lassen.  Wenn  die  Gefahr  wirklich  da  sei,  werde  man 
leichter  etwas  erreichen  können“).  Der  Kurfürst  beruhigte  sich 
dabei  aber  noch  nicht,  er  suchte  den  Städten  in  einem  Briefe  vom 
31.  Mai  die  Hinfälligkeit  ihrer  Bedenken  klar  zu  machen,  da  ja 
das  Geld  sowieso  nur  gezahlt  werden  solle,  wenn  man  es  wirklich 
brauche,  man  aber  vermeiden  wolle,  daß  dann  erst  große  Dis- 
putationen nötig  seien  *).  Und  als  er  auch  damit  nichts  erreichte 
beschloß  er,  einen  letzten  Versuch  zur  Umstimmung  der  Städte  zu 


1)  Inetrnktionen  für  den  Brannschweiger  Tag  von  ca.  dem  9.  April  Reg.  H. 
p.  129,  No.  57. 

2)  Levin  Emden  in  Magdeburg,  Dietrich  Faßruher  in  Bremen  und  Heinrich 
vpn  Procke  Lic.  in  Hamburg.  Beiinstruktion  für  Jobst  von  Hain  für  Werbungen 
an  sie  ebenda.  Es  handelte  sich  dabei  allerdings  nur  nm  die  Aufnahme  Herzog 
Heinrichs  von  Sachsen  io  den  Bund. 

3)  Abschied  des  Tages  vom  18.  April  in  Reg.  H.  p.  129,  Na  57,  5,  Urk., 
Or.  Vergl.  Rehtmejer,  III,  119 f. 

4)  Minden  am  23.  Mai,  Hamburg  am  18.  Mai,  Reg.  H,  p.  129,  Na  57.  Die 
gemeinsame  Bewilligung  aller  drei  Städte  vom  1.  Aug.  schickten  die  Bremer  am 
12.  Okt  dem  Kf.  zu.  Weim.  Arch.  ürk.  No.  1748. 

5)  Gemeinsames  Schreiben  der  Räte  der  Städte  an  Kf.  und  Ldgf.  Reg.  H. 
p.  129,  No.  57,  Or. 

6)  Antwort  des  Kf.  vom  31.  Mai,  Konz.,  ebenda. 

7)  Ablehnende  Antwort  der  Städte  vom  24.  Juli,  Or.,  d>eoda. 


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Bond  n.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  o.  da  üntaDehmongslust  1536 — 41.  127 

machen,  wenn  er  und  der  Landgraf  mit  dem  König  von  Dänemark 
in  Niederdeutschland  zusammenkämen  ^).  Wir  werden  dann  auf 
diese  Dinge  zarflckznkommen  haben. 

Da  man  auch  mit  der  Erfüllung  der  Bandespflichten  durch  die 
Herzöge  von  Lüneburg,  die  von  Pommern*)  u.  a.  schlechte  Er- 
fahrungen machte,  wäre  es  nicht  zu  verwundern  gewesen,  wenn 
bei  den  Bundeshänptem  jetzt  keine  große  Neigung  zur  Erweiterung 
des  Bandes  vorhanden  gewesen  wäre.  Es  wird  mit  der  Ansicht, 
die  sie  von  der  Gefährlichkeit  der  Lage  hatten,  Zusammenhängen, 
wenn  sie  gerade  in  dieser  Zeit  mit  allerlei  Verhandlungen  über  die 
Gewinnung  neuer  Mitglieder  beschäftigt  waren.  Als  die  zu  der 
brandenbui^isch-hessisch-sächsischen  Erbverbrüderung  gehörenden 
Fürsten  im  März  1537  in  Zeitz  zusammenkamen,  hatte  Markgraf 
Hans  von  KOstrin  die  Absicht  geäußert,  dem  Bunde  beizutreten. 
Lange  Verhandlungen  zwischen  ihm  und  dem  Kurfürsten  von 
Sachsen  waren  die  Folge,  bis  endlich  eine  Einigung  über  die  Be- 
dingungen seines  Eintritts  erzielt  wurde  *).  Vergeblich  waren  die 
Versuche  der  Verbündeten,  Herzog  Friedrich  von  Liegnitz  zu  ge- 
winnen *),  dagegen  trat  Graf  Heinrich  von  Schwarzburg-Sonders- 
hansen  am  17.  Mai  bei®).  Riga  schien  zu  weit  entlegen“),  aber 
mit  Soest und  dem  Herzog  von  Jülich  wurde  verhandelt. 

Zu  den  Aufgaben,  die  der  schmalkaldische  Tag  den  Bundes- 
häuptem  zugewiesen  hatte,  gehörte  auch  die  Einziehung  von  Er- 
kundigungen darüber,  ob  wirklich  eine  Türkengefahr  vorhanden 
sei.  Johann  Friedrich  ist  diesem  Aufträge  prompt  nachgekommen 
und  sandte  zu  diesem  Zwecke  am  4.  April  Heinrich  Pflug  nach 
Ungarn  mit  dem  Befehle,  eventuell  bis  Jacobi  dort  zu  bleiben  und 
genaue  Nachrichten  über  die  Lage  und  einen  etwa  drohenden  An- 
griff der  Türken  einzuziehen.  Die  Berichte  des  Gesandten  ergaben 


1)  Schon  Juni  18  an  JLdgi  äufiert  Kf.  diesen  Oedanken,  Reg.  H.  p.  136. 
No.  63,  Konz. 

2)  Heling,  Balt  Sind.,  X,  8.  281. 

3)  Akten  darüber  in  Reg.  H.  p.  134,  No.  61. 

4)  Reg.  U.  p.  143,  No.  6K 

5)  Revers  des  Grafen  von  diesem  Tage  Reg.  H.  p.  1168,  T (2),  Urk.,  die 
Anfnahmeorkunde  schon  vom  19.  April  ebenda,  T (1). 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  2,  Reg.  H.  p.  146,  No.  70,  Or. 

7)  Reg.  H.  p.  143,  No.  68. 


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128 


Kapitel  II. 


in  Uebereinstimmung  mit  einem  Briefe  König  Johanns,  daß  von 
Angriffsabsichten  der  Türken  jetzt  nicht  die  Rede  sein  könnte, 
daß  ihre  Rüstungen  vielmehr  nur  durch  die  Ferdinands  gegen  König 
Johann  hervorgerufen  würden  ‘). 

Durch  solche  Nachrichten  konnte  natürlich  die  Neigung  des 
Kurfürsten  zur  Türkenhilfe  nicht  gesteigert  werden.  Schon  vorher 
aber  hatte  er  entsprechend  den  schmalkaldischen  Beschlüssen  jede 
Partikularhilfe  abgelehnt  und  stets  Beratung  der  Sache  auf  einem 
Reichstag  gefordert,  auch  darauf  hingewiesen,  daß  der  Friede  in 
Religionssachen  vorher  gesichert  sein  müsse  ’).  An  diesem  Stand- 
punkt hat  Johann  Fi'iedrich  auch  gegenüber  einem  neuen  Hilfs- 
gesuch Ferdinands  im  Sommer  strikt  festgehalten  und  ihn  z.  B.  auf 
einem  obersächsischen  Kreistag  in  Jüterbog  durch  seine  Gesandten 
vertieten  laissen*).  Er  wird  es  gewiß  sehr  angenehm  empfunden 
haben,  daß  er  jetzt  auch  darauf  hinweisen  konnte,  daß  nach  Be- 
richten aus  Ungarn  die  Gefahr  ja  gar  nicht  so  groß  seL  Denn 
ganz  leicht  wurde  es  ihm  nicht,  gerade  gegen  den  Erbfeind  der 
Christenheit  die  Hilfe  zu  verweigern,  er  hielt  es  aber,  wie  die  Dinge 
lagen,  für  notwendig*). 

Damit  kommen  wir  zu  der  interessantesten  Frage  dieser 
Monate,  der  nach  der  Stimmung  des  Kurfürsten  und  seiner  Auf- 
fassung der  Lage.  Seine  große  Denkschrift  lehrte  uns,  wie  sie 
zur  Zeit  des  schmalkaldischen  Tages  waren.  Heids  Auftreten 
konnte  nicht  dazu  beitragen,  sie  zu  verbessern.  Tatsächlich  ist 
die  Stimmung  der  Protestanten  in  den  nächsten  Monaten  eine 
sehr  besorgte,  ja  zum  Teil  kriegerische  gewesen,  und  Johann 
Friedrich  ist  in  dieser  Zeit  nicht  weniger  davon  ergriffen  gewesen, 
als  irgend  einer  seiner  Verbündeten.  Was  für  Befürchtungen  man 
hegte,  zeigen  schon  manche  Sätze  des  Abschiedes  des  Bundestages, 
so  wenn  es  von  den  Herzögen  von  Pommern  heißt,  sie  sollten  ihren 
ersten  Beitrag  bis  Peter-Paul  zahlen,  „ob  aber  der  Krieg  ehe 

1)  InstruktioD  vom  3.  April,  Kredenzbrief  vom  4.  für  Pflag  in  Beg.  B. 
No.  1628.  Brief  an  Kg.  Johann  vom  4.,  ebenda.  Kg.  Johann  an  Kf.  Mai  26, 
ebenda,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  1,  Beg.  H.  p.  146,  No.  70. 

2)  Verhandlungen  mit  dem  Geeandten  Ferdinande  Andreas  Ungnad  in  Zeitz 
am  16.  März,  Beg.  B.  No.  1628. 

3)  Ferd.  an  Kf.  von  Sacheen,  von  Brandenburg,  Hz.  Georg  Juni  3,  Beg.  £. 
p.  44a,  No.  96,  Or.,  ebenda  die  Akten  des  Jöterboger  Tages. 

4)  An  Johann  Ungnad  April  6,  Beg.  H.  p.  175,  No.  82,  Konz.  VergL 
Seckendorf,  III,  S.  175  (irrtümlich  ins  Jahr  1538  gesetzt). 


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Band  u.  Reich : Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Dntemehrnnngsluat  1536 — 41.  129 

angienge,  sollten  sie  alsbald  zahlen ').“  Diesen  Anschannngen  ent* 
sprechend  ging  man  ja  dann  auch  sofort  an  die  Annahme  der  im 
Abschied  vorgesehenen  30  Hauptlente  zu  Fuß  and  14  Rittmeister  ‘j. 
Beschäftigen  wir  nns  nnn  aber  speziell  mit  den  Anschannngen  des 
Kurfürsten,  so  dürfen  wir  sagen,  daß  er  bis  znm  Herbste  von  den 
größten  Besorgnissen  erfüllt  war.  In  einem  Brief,  den  er  am 
9.  März  an  den  Grafen  von  Neuenahr  schrieb,  entwickelte  er  noch 
ganz  ähnliche  Gedanken,  wie  in  der  Denkschrift  vom  14.  Februar. 
Anch  jetzt  noch  war  er  geneigt,  die  Schuld  an  der  Erklärung  Heids 
und  der  dadurch  erfolgten  Aufhebung  des  Friedens  nicht  dem  Kaiser 
selbst,  sondern  dessen  Ratgebern  zuzuschieben,  ohne  Rücksicht 
darauf  aber  betonte  er,  daß  dieser  Zustand  den  Kriegsgeschäften 
des  Kaisers  sowohl  gegen  die  Türken  wie  gegen  den  König  von 
Frankreich  sehr  hinderlich  sein  würde;  ja  er  erklärte  ganz  direkt, 
daß  man  auf  protestantischer  Seite  die  Türkengefahr  zur  Erlangung 
eines  rechten  beständigen  Friedens  benutzen  werde,  „dan  so  man 
es  nf  jhenem  teil  gnet,  anch  raum  nnd  platz  het,  mochte  uns  villeicht 
das  begegnen,  des  wir  uns  nicht  vermutet  noch  befaret“.  Er  schloß 
mit  dem  Hinweis,  daß  solches  nicht  ein  Mittel  sei,  Frieden  und 
Recht  im  Reich,  auch  untertänige  und  willige  Kurfürsen  und  Fürsten 
zu  erhalten"). 

Bei  solchen  Anschauungen  über  die  Lage  gewann  die  in  frü- 
heren Jahren  viel  erörterte  Frage  über  das  Recht  des  Widerstandes 
gegen  den  Kaiser  erhöhte  Bedeutung.  In  den  Korrespondenzen, 
die  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  im  Frühjahr  mit  Herzog  Albrecht 
von  Preußen,  der  Kurfürst  aUein  mit  dem  Herzog  von  Liegnitz 
führten,  wird  dieses  Recht,  für  den  Fall,  daß  der  Kaiser  die  Religion 
verfolge,  entschieden  betont*).  Daß  auch  die  Wittenberger  Theo- 
logen sich  jetzt  auf  diesen  schon  früher  von  den  Juristen  ver- 
tretenen Standpunkt  gestellt  hatten,  wird  dem  Kurfürsten  seine 
Stellungnahme  erleichtert  haben.  Angenehm  aber  war  ihm  natür- 
lich der  Gedanke,  etwa  mit  dem  Kaiser  in  Krieg  verwickelt  zu 
werden,  nicht,  im  stUlen  mag  er  gehofft  haben,  daß  man  durch 
entschiedenes  Auftreten  vielleicht  doch  noch  ein  größeres  Entgegen- 

1)  Vergl.  Janssen,  III,  S.  372. 

2)  Bestallungabriefe  in  Bq;.  H.  p.  148,  No.  72  nnd  in  P.  A.  No.  474. 

3)  Konz,  mit  eigenh.  Korrektoren  Reg.  H.  p.  153,  Na  74. 

4)  Reg.  H.  p.  143,  No.  68.  Seckendorf,  III,  S.  160f.  Tschackert, 
n,  8.  354L  No.  1080. 

Beiträfe  xur  oeneren  Geaehicbte  ThBringetu  1.  a.  9 


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130 


Kapitel  II. 


kommen  der  Gegner  erreichen  könne.  So  wird  es  zu  erklären  sein, 
wenn  er  am  1.  April  Dölzig  einen  Brief  an  Hans  Hofmann  schreiben 
ließ,  in  dem  seine  Auffassung  über  Heids  Verhandlungen  entwickelt 
und  die  Schuld  an  diesem  Mißgriff  auf  die  geringe  Kenntnis,  die  die 
Spanier  von  den  deutschen  Rechten  und  Freiheiten  hätten,  ge- 
schoben wurde.  Dann  wurde  darauf  hingewiesen,  daß  unter  diesen 
Umständen  auch  eine  weitere  Verhandlung  in  der  Wahlsache  un- 
möglich sei.  Eigenhändig  fügte  Johann  Friedrich  dem  Konzept  einige 
Sätze  ein,  in  denen  darauf  aufmerksam  gemacht  wurde,  daß  daraus 
bei  seinem  Charakter  leicht  eine  dauernde  Entfremdung  entstehen 
könne ‘).  Wollte  man  auf  diese  Weise  etwas  erreichen,  so  mußte 
man  natürlich  an  dem  Standpunkt  der  Ablehnung  jeder  Hilfe  für 
die  Habsburger  konsequent  festhalten.  So  finden  wir  denn  auch, 
daß  Johann  Friedrich  gegen  die  Teilnahme  deutscher  Fürsten  am 
Feldzug  des  Kaisers  wirkte  ’).  Er  sprach  sich  entschieden  dagegen 
ans,  daß  man  einigen  der  bestellten  Hauptleute  Urlaub  erteüe  zum 
Dienst  für  den  Kaiser  ”),  und  schlug  selbst  Kunz  Gering  und  Konrad 
von  Bemelburg  das  Gesuch,  dem  Kaiser  znziehen  zu  dürfen,  ab, 
denn  er  habe  bisher  nicht  gemerkt,  ob  seine  vorjährige  Dienst- 
willigkeit gegen  den  Kaiser  ihm  Gnade  oder  Ungnade  verschafft 
habe  *),  auch  Werbungen  in  seinem  Gebiet  zu  Gunsten  Karls 
gestattete  er  nicht ‘).  Daß  der  Kurfürst  auch  einen  Angriff  der 
Gegner  für  möglich  hielt,  wenn  diese  ihren  Vorteil  ersähen,  zeigt 
z.  B.  die  Instruktion  für  den  Braunschweiger  Tag. 

Johann  Friedrich  befolgte  in  alledem  eine  durchaus  einheitliche 
und  konsequente  Politik,  schrieb  dabei  nur  dem  Ausbleiben  der 
protestantischen  Unterstützung  eine  zu  große  Wichtigkeit  für  den 
Kaiser  zu.  Wollte  man  wirklich  etwas  erreichen,  so  mußte  man 


1)  Seckendorf,  III,  S.  1491.  bringt  ein  Stück  des  Briefes.  Konzept  in 
Reg.  H.  p.  163,  No.  77.  Eigenhändig  fügt  der  Kurfürst  z.  R ein ; dan  Ir  kennet 
meines  gnsten.  hem  gemut  seihest  am  besten.  S.  kf.  On.  können  gutik  und 
Bchidlichen  sein,  wan  aber  S.  kf.  On.  in  unmut  kommen,  können  sie  auch  wot 
darinnen  beharren  und  eich  gar  nit  abwenden  lassen,  derhalben  ich  auch  aus 
utgster.  fnrsorg  und  dem  guten  Tertraueten  gemut,  so  ich  zu  Euch  trage.  Euch 
sulches  in  ganzem  vertrauen  nit  hab  wollen  unangezeiget  lassen,  auf  [das]  Ir  als 
der  verstendige  in  Zeiten  den  Sachen  nachzugedenken  habet. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  8,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Konz. 

3)  An  Ldgf.  Juni  2,  Reg.  H.  p.  137,  No.  64,  Konz. 

4)  Mai  1,  Reg.  B.  No.  1628,  Konz. 

5)  Kf.  an  Hofmann  Mai  28,  ebenda,  Konz. 


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Band  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  UntemehmangBlaat  1&36 — 11.  131 

sich  den  Gegnern  des  Kaisers,  vor  allem  Frankreich  anschließen, 
das  war  aber  ein  Gedanke,  der  dem  Kurfürsten  und  auch  den 
anderen  Protestanten  damals  gänzlich  fern  lag.  Die  Mißstimmung 
gegen  den  Kaiser  fällt  in  eine  Zeit,  in  der  auch  die  Verbindung 
mit  Frankieich  sehr  lose  war.  So  dachte  man  nur  an  eine  Ver- 
mittlung zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  etwa  durch  das  Kur- 
fürstenkollegium und  einige  andere  deutsche  Fürsten  ‘),  von  einem 
Bund  mit  Frankreich  war  nicht  die  Rede,  wie  überhaupt  jeder 
aggressive  Schritt  den  Protestanten  fern  lag.  Karl  V.  kannte  sie 
in  dieser  Beziehung  nur  allzugut  und  hielt  es  für  nicht  schwer,  sie 
von  Gewalttätigkeiten  zurückzuhalten,  auch  ohne  ihnen  entgegen- 
zukommen’). Doch  hatte  er  schließlich  auch  nichts  dagegen  ein- 
zuwenden, daß  man  sich  durch  den  von  Ferdinand  und  Held  ge- 
planten katholischen  Gegenbund  weiter  sichere*).  Kriegerische 
Absichten  hegte  er  wenigstens  zunächst  nicht,  da  er  anderweitig 
viel  zu  sehr  in  Anspruch  genommen  war*).  Bei  den  Protestanten 
aber  gab  es  immer  wieder  Kriegsbefürchtungen,  die  sie  zu  Gegen- 
maßregeln veranlaßten. 

Die  Nachrichten  allerdings,  die  im  Mai  über  eine  Bedrohung 
Augsburgs  durch  die  Herzöge  von  Bayern  umliefen,  schienen  dem 
Kurfürsten  noch  nicht  bestimmt  genug,  um  Gegenmaßregeln,  etwa 
eine  Gesandtschaft  an  die  Herzöge,  nötig  zu  machen*).  Als  dann 


1)  Fa«t  während  dee  ganzen  Jahiee  1537  finden  wir  Johann  Friedrich  mit 
dieeem  Gedanken  beschäftigt.  Korrespondenzen  darüber  in  Beg.  B.  No.  1628; 
Beg.  H.  p.  137,  No.  64 ; p.  136,  No.  63.  Der  Plan  scheiterte  an  dem  Widerstand 
des  Mainzers.  Ende  des  Jahres  dachte  jedoch  der  Kurfürst  erneut  an  eine  nur 
von  ihm  und  dem  Kölner  vorziuehmende  Vermittlung.  (An  Neuenahr  Nov.  8, 
Keg.  H.  p.  154,  No.  75A,  Konz.) 

2)  Der  Kaiser  an  Ferd.  Mai  31.  Banmgarten,  III,  S.  304f.  YergL 
Bosenberg,  S.  16. 

3)  Der  Kaiser  an  Ferd.  Aug.  19.  Baumgarten,  III,  S.  307f.  Bosen- 
berg, S.  19.  Okt.  7,  Baumgarten,  8.  306f.  Ich  folge  im  allgemeinen 
Rosenberg. 

4)  Anders  war  etwa  die  Gesinnung  Heinrichs  von  Braunschweig,  der  über 
den  G^nbund  schon  seit  dem  Anfang  des  Jahres  verhandelte  und  stets  fürchtete, 
daß  man  in  Wien  zu  mild  gegen  die  Protestanten  verfahren  weide.  Kredenz  und 
Memorial  für  seinen  Sekretär  Martin  Köttel  an  Held  Febr.  9,  Reg.  H.  p.  834, 
No.  VII,  Kopie.  Damals  hatte  er  schon  Aufträge  an  verschiedene  Kurfürsten 
und  Fürsten  ausgerichtet. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  31,  Beg.  H.  p.  151,  No.  71,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  8, 
Konz,  ebenda.  Or.  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie,  1537. 

9* 


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132 


Kapitel  II. 


aber  Beschwerden  Bremens^)  und  Ulms  hinzukamen,  hielt  Johann 
Friedrich  doch  für  ratsam,  daß  er  und  der  Landgraf  zu  Jacobi  in 
Koburg  oder  Eisenach  zusammenkämen  und  daß  bei  dieser  Gelegen- 
heit gleich  die  Kriegsräte  des  Bundes  in  Pflicht  genommen  würden’). 
Ueberhaupt  faßte  der  Kurfürst  damals  eine  weitere  Ausgestaltung  der 
Militärverfassung  des  Bundes  ins  Auge  ’),  während  der  Landgraf  merk- 
würdig ruhig  blieb  und  die  Bundesangelegenheiten  im  Sommer  wenig 
energisch  betrieb^).  Nur  die  Gerüchte  von  einem  bevorstehenden 
Frieden  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  beunruhigten  ihn. 

Der  Unterschied  in  der  Auffassung  beider  Fürsten  tritt  vor  allem 
in  der  dem  Koburger  Tage  vorausgehenden  Korrespondenz  hervor. 
Der  Landgraf  hielt  die  Versammlung  überhaupt  nicht  für  nötig,  da 
Bayern  jetzt  unmöglich  etwas  gegen  Augsburg  unternehmen  könne 
und  an  einen  Vertrag  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  noch  nicht 
zu  denken  sei,  er  lehnte  es  daher  auch  trotz  wiederholter  Aufforde- 
rungen des  Kurfürsten  ab,  persönlich  zu  kommen,  versprach  nur, 
seinen  Kriegsräten  genügende  Vollmachten  und  Instruktionen  zu 
geben.  Im  allgemeinen  müsse  aber  in  solchen  militärischen  Dingen 
der  „Markt  den  Kauf  lehren“  ^).  Von  Rüstungen  des  Landgrafen  in 
dieser  Zeit  kann  jedenfalls  gar  nicht  die  Rede  sein*). 

Voller  Besorgnisse  war  dagegen  der  Kurfürst.  Als  Ursachen 
dafür  ergeben  sich  ans  einem  Brief,  den  er  am  23.  Juni  an  PhUipp 
schrieb,  der  Umstand,  daß  Held  nicht  von  den  Habsburgem  des- 
avouiert worden  war,  die  Hartnäckigkeit  des  Kammergerichts,  die 
jetzt  im  Gang  befindlichen  Umtriebe  Heids,  Nachrichten  aus  Lübeck 
und  endlich  auch  der  Gang  des  Feldzuges  gegen  Frankreich  ’). 
Noch  schärfer  sprach  sich  Johann  Friedrich  in  einem  Brief  vom 
26.  Juni  aus.  Nach  diesem  glaubte  er  geradezu  an  einen  bevor- 
stehenden Angriö,  wozu  Achtserklärungen  des  Kammergerichts  be- 
nutzt werden  würden.  Er  empfahl,  daß  man,  um  „den  Glimpf  zu  be- 
ll Kf.  an  Ldgf.  Juni  18,  Reg.  H.  p.  136,  No.  63,  Konz. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  8,  Reg.  H.  p.  151,  No.  71,  Konz. 

3)  8o  bat  er  den  Landgrafen  um  Cebersendung  des  Kriegsregimentes,  das 
er  im  württembergischen  Zuge  gebraucht  habe. 

4)  Er  empfahl  dem  Kurfürsten  z.  B.  Geduld  gegenüber  Hz.  Emst  von 
Lüneburg  und  anderen  in  der  Zahlung  der  Bundesbeiträge  säumigen  Ständen. 
An  Kf.  Juni  17,  Reg.  H.  p.  137,  Na  64,  Or. 

5)  An  Kf.  Juni  13,  H.  p.  139,  No.  65,  Or. 

6)  In  P.  A.  No.  475  keine  Spur  davon. 

7)  Reg.  H.  ebenda,  Konz. 


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Bnod  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmoiigsliut  1536—41.  133 

haupten“,  einen  Bericht  über  den  kaiserlichen  Stillstand  und  die 
schmalkaldischen  Verhandlungen  veröffentlichen  solle.  Er  glaubte, 
daß  schon  „eine  Glocke  gegossen“  sei,  und  daß  man  seine  Ver- 
teidigungsmaßregeln ohne  Scheu  vor  irgendjemandem  treffen  müsset). 

Der  Landgraf  hat  zwar  an  seiner  Ueberzeugung,  daß  in  diesem 
Sommer  noch  kein  Krieg  zu  fürchten  sei,  festgehalten,  fügte  sich 
aber  in  bezug  auf  den  Koburger  Tag.  Doch  überließ  er  dessen 
Leitung  nach  wie  vor  dem  Kurfürsten  allein*).  Dieser  ist  durch 
die  Erklärungen  des  Landgrafen  auch  etwas  beruhigt  worden,  wollte 
nicht  allein  „der  Sorgfältige  sein“  *),  doch  wechselte  seine  Stimmung 
noch  vielfach,  und  die  Zusammenkunft  der  Kriegsräte  in  Koburg 
hat  er  doch  abgehalten,  ja  es  gelang  ihm  sogar,  den  Landgrafen 
noch  vorher  zu  einer  Konferenz  in  Rotenburg  a.  d.  Fulda  zu 
bestimmen ‘).  An  sie  schloß  sich  der  Koburger  Tag  unmittelbar 
an.  Auf  diesem  hat  man  so  gut  wie  ausschließlich  über  militärische 
Detailfragen,  Besoldungsverhältnisse  u.  dgl.,  vor  allem  über  die 
Aufstellung  der  Artillerie  des  Bundes  beraten.  Im  Ansschreiben  und 
der  Proposition  waren  schon  die  einzelnen  Punkte  hervorgehoben 
außerdem  wurden  von  kursächsischer  Seite  „ungefiihrliche  Artikel“ 
vorgelegt,  die  der  Kurfürst  zwar  anscheinend  nicht  selbst  verfaßt, 
aber  doch  genau  durchgearbeitet  hatte  ®).  In  einem  Abschied  vom 
22.  August  wurde  das  Resultat  der  Beratungen  niedergelegt.  Um 
die  Personen  der  Kriegsräte,  um  Sold  und  „Staat“  der  Feldoberen, 
endlich  um  die  drei  Regimenter  der  Reisigen,  der  Fußknechte  und 
der  Artillerie  handelt  es  sich  ’).  Man  hat,  wie  der  Landgraf  später 

1)  An  Ldgf.  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Konz.  Or.  P.  A.  Sacluen,  Ernestins 
15371.  VergL  Aktenst.  No.  8. 

2)  An  Kf.  Juni  28,  Reg.  H.  ebenda,  Or.;  Juli  3,  Reg.  H.  p.  137,  No.  64,  Or. 

3)  Juli  10,  an  Ldgf.,  ebenda  Konz.  Or.  in  P.  A. 

4)  Die  Akten,  die  wir  über  diese  Zusammenkunft  besitzen,  bandeln  aller- 
dings nur  von  dem  Verhältnis  Herzog  Heinrichs  zu  Georg.  (Loc.  10041  „In- 
struktionen und  Schriften“,  Bl.  237 — 246.)  Außerdem  sprach  man  über  die 
nassauische  Sache.  (Reg.  C.  No.  332.)  Doch  ist  wohl  selbstverständlich,  daß  die 
beiden  Fürsten  auch  die  allgemeine  Lage  erörterten. 

5)  Der  Inhalt  des  Ausschreibens  ergibt  sich  aus  P.  C.  II,  439,  No.  459. 
Propoeition  vom  12.  Aug.,  R^.  H,  p.  178,  No.  84,  Kopie. 

6)  Entwurf  mit  eigenhändigen  Korrekturen  des  Kf.  ebenda. 

7)  Or.  des  Abschiedes  vom  22.  Aug.  in  Reg.  H.  p.  178,  No.  84.  Zergliedert 
bei  Rommel,  II,  S.  375  ff.,  P.  C.  II,  445,  1.  Vergl.  auch  Seckendorf,  III, 
S.  161.  Hasenclever,  I,  S.  112  f.  Von  der  Festsetzung  einer  Gesamtfeldherm- 
schaft,  von  der  Ro m m e 1 , 1,  S.  413,  II,  S.  375  spricht,  vermag  ich  nichts  zu  finden. 


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134 


Kapitel  II. 


einmal  hervorhob,  in  kurzer  Zeit  sehr  viel  zustande  gebracht '), 
und  wir  werden  mit  dem  Kurfürsten  bedauern,  daß  Philipp  mit 
seiner  militärischen  Erfahrung  nicht  dabei  gewesen  war’).  Er 
machte  in  der  nächsten  Zeit  mancherlei  Verbesserungsvorschläge, 
fand  vor  allem  vielfach  die  Besoldungen  zu  niedrig  angesetzt'). 
Johann  Friedrich  erkannte  die  Berechtigung  seiner  Einwände  an, 
verwies  aber  darauf,  daß  schon  die  jetzigen  Beschlüsse  bei  der 
^ Knauserei  der  Bundesstände  große  Schwierigkeiten  gehabt  hätten  ’). 

Tatsächlich  hat  es  ja  noch  Mühe  genug  gekostet,  die  Annahme 
besonders  der  Beschlüsse  über  die  Artillerie  bei  den  Ständen  zu 
erreichen.  Die  in  Koburg  Versammelten  hatten  gerade  diese  Ar- 
tikel nur  ad  referendum  genommen  und  sich  verpflichtet,  sich  bis 
Michaelis  darüber  zu  erklären.  Diesen  Termin  haben  nun  nicht 
einmal  die  Oberländer  eingehalten,  aber  sie  haben  doch  wenigstens, 
nachdem  sie  vergeblich  versucht  hatten,  in  bezug  auf  die  Aufbe- 
wahrung des  Geschützes  einige  Zugeständnisse  zu  erlangen,  Anfang 
1538  den  Koburger  Abschied  angenommen*).  Auch  von  einigen 
norddeutschen  Fürsten,  wie  den  Herzogen  von  Lüneburg,  den 
Fürsten  von  Anhalt,  Graf  Albrecht  von  Mansfeld®),  sind  nach  und 
nach  die  Zustimmungserklärungen  eingelaufen,  von  den  pommer- 
schen  Herzogen®)  und  den  sächsischen  Städten  hatte  dagegen  der 
Kurfürst  trotz  wiederholter  Mahnungen  noch  am  28.  Dezember 
keinen  Bescheid,  so  daß  er  einigermaßen  die  Geduld  verlor ').  Seine 

1)  An  Kf.  Okt  11,  R(^.  H.  p.  133,  No.  59,  Or. 

2)  An  Ldgf.  Okt  10,  undatiertes  Konz,  in  Weimar,  ebenda.  Or.  P.  A. 

3)  Ebenda.  Verpl.  ferner  I/lgf.  an  Kf.  Nov.  ö,  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  15, 
Keg.  H.  p.  133,  No.  59. 

4)  Vergl.  P.  C.  II,  449—453.  453  Anm.  2.  455.  Die  Btädte  an  Kf.  und 
Ldgf.  Okt.  6,  P.  A.  No.  4S2,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  18,  Reg.  H.  p.  133,  No.  59, 
Or.  Kf.  an  Ldgf.  Okt  29,  P.  C.  II,  457,  1,  Reg.  H.  ebenda,  Konz.  Ldgf.  an  Kf. 
Nov.  7,  Reg.  H.  p.  137,  No.  64,  Or.  An  die  Btädte  P.  C.  II,  456  f.  lieber  die 
EchlieOliche  Annahme  P.  C.  II,  459. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  7,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Or. 

6)  Heling,  Halt.  Btud.,  X,  8.  30. 

7)  Kf.  an  die  in  Magdeburg  versammelten  Botschaften  der  sächsischen  Btädte 
Okt.  22,  Reg.  H.  p.  133,  No.  59,  Konz.,  an  die  Städte  selbst  Nov.  1,  ebenda,  an 
Ldgf.  Dez.  23,  Reg.  H.  p.  142,  No.  66.  Die  Schuld  schob  Kf.  auf  Magdeburg, 
Dez.  28,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65.  (Abneigung,  die  Hauptmannschaft  wieder  zu 
übernehmen.)  Man  kann  allerdings  nicht  leugnen,  daü  der  Kf.  nicht  alles  für 
die  Gewinnung  der  Städte  tat,  was  vielleicht  möglich  gewesen  wäre.  So  riet  ihm 
z.  B.  der  Landgraf  am  14.  Sept.,  er  solle  die  Städte  nach  Magdeburg  zusammen- 
rufen und  selbst  mit  ihnen  verhandeln,  schon  vorher  aber  Magdeburg  als  ihr 


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Bund  n.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmungslost  1536—41.  135 

letzte  Hoffnang  setzte  er  auf  eine  persönliche  Verhandlung  mit  den 
Vertretern  der  Städte,  die  er  bei  der  seit  langem  geplanten  Zu- 
sammenkunft mit  dem  Könige  von  Dänemark  vornehmen  wollte^). 
Bei  dieser  Gelegenheit  sind  auch  noch  einige  der  vom  Landgi“dfen 
gewünschten  Verbesserungen  der  Militärverfassung  des  Bundes  an- 
genommen und  in  einem  Abschied  fixiert  worden*).  Eine  in- 
teressante Ergänzung  zu  den  Koburger  Beschlüssen  bildet  auch  die 
gerade  jetzt  vorgenommene  militärische  Organisation  des  kurfürst- 
lichen Gebietes*). 

Außer  mit  der  Militärverfassung  hat  man  sich  in  Koburg  nur 
noch  mit  Bundesangelegenheiten  von  geringerer  Bedeutung  be- 
schäftigt, so  mit  der  Aufnahme  des  Markgrafen  Hans,  der  Gewin- 
nung von  Stade  und  Buxtehude,  dem  schon  in  Schmalkalden  be- 
schlossenen, vom  Landgrafen  auszufertigenden  Ausschreiben  gegen 
das  Kammergericht,  das  im  Falle  einer  Achtserklärung  ergehen 
sollte.  In  einem  Nebenabschied  wurden  die  Beschlüsse  darüber 
zusammengefaßt*).  Manche  Dinge  sollten  auf  einer  Tagfahrt  er- 
ledigt werden,  die  wegen  der  Hauptmannschaft  zu  Weihuachten  ab- 
gehalten werden  sollte,  doch  wurde  diese  verschoben  und  mit  dem 
braunschweigischen  Tage  vereinigt.  Ueberhaupt  entwickelte  sich 
bald  nach  dem  Koburger  Tage  besonders  beim  Kurfürsten  das 
Gefühl,  daß  man  nun  bis  zum  nächsten  Jahre  sicher  sei,  und  daß 
daher  die  Erledigung  der  Bundesangelegenheiten  nicht  so  sehr  eile. 
Im  Laufe  des  August  trat  nämlich  eine  Aenderung  in  der  Auf- 
fassung des  Kurfürsten  von  der  Lage  ein.  Die  wiederholten  Ver- 
sicherungen des  Landgrafen,  daß  man  in  diesem  Sommer  keinen 
Krieg  haben  werde,  mögen  viel  dazu  beigetragen  haben  ®).  Immer- 


Haupt  gewinnen,  er  seihet  wollte  Räte  dazu  schicken.  Johann  Friedrich  lehnte 
das  aber  am  21.  Sept.  ab,  da  es  schimpflich  für  ihn  sei,  wenn  er  persönlich  nichts 
erreiche,  von  Magdeburg  erwartete  er  eher  Hinderung  als  Förderung  der  Sache. 
Er  wollte  jedoch  noch  Erkundigungen  darüber  einzjehen,  ob  Hoffnung  sei,  dort 
etwas  zu  erlangen,  empfahl  seinerseits,  dafi  Philipp  und  seine  Räte  die  Verhand- 
lungen führten.  (R%.  H.  p.  139,  No.  G5.) 

1)  z.  B.  an  Ldgf.  Aug.  26,  Reg.  H.  p.  129,  No.  57. 

2)  April  8,  Reg.  H.  p.  178,  No.  84.  P.  A.  No.  489. 

3)  Siehe  Kapitel  VI. 

4)  Reg.  H.  p.  178,  No.  84,  Or. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  12.  14,  Reg.  H.  p.  151,  No.  71,  Or.  Besonders  in- 
teressant ist  die  Instruktion  des  Ldgf.  für  Koburg  in  P.  A.  481.  Sie  zeigt,  daß 
der  Ldgf.  einen  Eji^  nicht  wünschte,  aber  sich  fügen  wollte,  wenn  man  be- 


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136 


Kapitel  II. 


hin  dachte  Johann  Friedrich  noch  am  15.  Ang;ust  daran,  die  in 
Eobnrg  Tersammelten  Kriegsräte  2—3  Wochen  beieinander  zn 
lassen,  damit  sich  die  Lage  inzwischen  kläre  ^),  schon  wenige  Tage 
später  kam  er  aber  zn  der  Ueberzeugnng,  daß  das  nicht  nötig  sei, 
und  entließ  die  Kriegsräte  gleich  nach  dem  Abschied ’).  Und  nun 
ließ  er  sich  anch  durch  gelegentliche  Befürchtungen,  die  in  den 
nächsten  Monaten  beim  Landgrafen  eintraten,  nicht  mehr  aus  seiner 
Ruhe  herausbringen*).  Vor  allem  zeigte  er  eine  große  Abneigung 
dagegen,  die  Reibungsflächen  mit  der  Gegenpartei  durch  Ueber- 
nahme  neuer  Verpflichtungen  zu  vermehren. 

Das  trat  z.  B.  zutage,  als  der  Landgraf  den  Vorschlag  machte, 
daß  man  gegenüber  den  Bestrebungen  des  Herzogs  Heinrich  von 
Braunschweig,  die  Stifter  Bremen  und  Verden  in  seine  Gewalt  zu 
bringen,  den  Bremern  einen  Trostbrief  senden,  d.  h.  ihnen  Schutz 
versprechen  solle.  Philipp  wünschte  diese  Gelegenheit  als  Schachzug 
gegen  Herzog  Heinrich  zn  benutzen.  Der  Kurfürst  nahm  dem- 
gegenüber einen  sehr  korrekten,  aber  etwas  pedantischen  Standpunkt 
ein.  Er  wollte  den  Schutz  nur  übernehmen,  wenn  die  Stifter  in  den 
Bund  träten,  was  ihm  aber  wieder  wegen  der  Geistlichen  nicht 
gut  möglich  schien,  oder  er  verlangte  wenigstens  Gegenleistungen 
von  Bremen,  wenn  man  Verpflichtungen  gegen  die  Stadt  übernähme, 
die  außerhalb  des  religiösen  Gebietes  lägen.  Die  Neigung  des 
Kurfürsten,  solche  Verpflichtungen  zu  übernehmen,  war  allerdings 
gering  und  gerade  Bremen  gegenüber  um  so  geringer,  da  auch 
die  Stadt  es  mit  der  Erfüllung  ihrer  Bundespflichten  nicht  allzu 
genau  nahm.  Die  Entscheidung  dieser  Frage  wurde  schließlich 
auch  auf  den  Braunschweiger  Tag  verschoben*). 

Stellen  wir  zunächst  fest,  wie  die  .Auffassung  Johann  Fried- 
richs von  der  Lage  war,  als  dieser  Tag  znsammentrat,  so  hielt  er 
sie  etwa  Ende  des  Jahres  1537  durchaus  noch  nicht  für  sicher. 

BchloS,  den  Gegnern  zuvorzukommen,  nur  solle  man  dann  mit  Frankreich,  Kg. 
Johann  und  anderen  Potentaten  in  Vabinduog  treten.  Ob  er  kriegerische  Neigungen 
beim  Kf.  rorauseetzte ? Vergl.  Rommel,  I,  S.  427;  II,  S.  39b f. 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Reg.  H.  p.  151,  No.  71,  Konz. 

2)  An  Ldgf.  Aug.  24,  Reg.  H.  p.  139,  No.  6ö,  Konz. 

3)  Die  Stimmung  des  Ldgf.  wechselte  sehr,  die  des  Kf.  blieb  sich  ziemlich 
gleich.  Korrespondenz  in  R^.  H.  p.  151,  No.  71;  p.  137,  No.  64;  p.  139, 
No.  65. 

4)  Korrespondenz  darüber  zwischen  KL  und  Ldgf.  in  Reg.  H.  p.  136,  No.  63 
und  p.  139,  No.  65. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  137 

Er  bat  z.  B.  damals  durch  Dölzig  den  Herzog  von  Jülich,  in 
dessen  Gebiet  werben  zu  dürfen,  wenn  er  angegrifien  werde  *),  war 
mit  dem  Landgrafen  einig  darin,  daß  man  die  Hauptleute  weiter 
bestellen  müsse*),  und  war  gegen  die  Habsburger  von  einer  ge- 
wissen Erbitterung  erfüllt  ®).  Seine  Besorgnisse  waren  aber  damals 
anch  nicht  gerade  besonders  groß,  und  er  selbst  war  jedenfalls 
bestrebt,  das  Seine  für  die  Erhaltung  des  Friedens  zu  tun'*). 

Anfang  des  Jahres  1538  wurde  dann  allerdings  die  Stimmung 
schon  wieder  etwas  bedenklicher.  Man  erfuhr  mancherlei  von  der 
Tätigkeit  Heids  und  ihrer  kaum  verhüllten  Spitze  gegen  die  Pro- 
testanten*). Dann  war  um  die  Jahreswende  ja  eine  Zeitlang  die 
Gefahr  eines  Vertrages  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  vor- 
handen. Daß  daraus  nichts  wurde,  konnte  zwar  zur  Beruhigung 
dienen,  aber  andererseits  war  es  doch  auch  wieder  sehr  bedenklich, 
daß  als  Grund  für  das  Scheitern  der  Verhandlungen  angegeben 
wurde,  daß  der  König  sich  nicht  in  ein  Bündnis  mit  dem  Kaiser 
gegen  die  Türken  und  „andere  Leute“  habe  einlassen  wollen”). 

Alles  das  läßt  uns  begreiflich  erscheinen,  daß  der  Kurfürst  in 
jener  Zeit  eifrig  an  einem  Bunde  mit  Jülich  arbeitete*)  und  daß 
vor  allem  der  Ansbau  des  schmalkaldischen  Bundes  auf  dem 
Braunschweiger  Tage  mit  großer  Energie  betrieben  wurde.  Dieser 

1)  An  Dölzig  Nov.  29,  Reg.  H.  p.  164,  No.  75  A,  Or. 

2)  An  Ldgf.  Dez.  15,  Reg.  H.  p.  139,  No.  65,  Konz.  Besonders  dnich 
Rüstungen  in  NiederdeutschUnd  wurde  man  in  der  nächsten  Zeit  beunruhigt, 
hielt  sich  anch  für  verpflichtet,  dem  geächteten  Minden  zu  helfen.  Korre- 
spondenzen darüber  in  Reg.  H.  p.  156,  No.  76.  Bestallungsbriefe  in  Reg.  H. 
p.  188,  No.  87,  P.  A.  No.  486.  Daß  Heinrich  von  Braunschweig  damals  tat- 
sächlich rüstete  und  mit  der  hinhaltenden  Politik  der  Habsburger  durchaus  nicht 
einverstanden  war,  zeigt  seine  Korrespondenz  mit  Karlowitz  (Reg.  H.  p.  838, 
Na  K)  und  Held.  Karlowitz  und  Hz.  Georg  suchten  ihn  tbei  zurückzuhalten. 
VergL  etwa  Georg  v.  Karlowitz  an  Hz.  Heinrich  1538,  Jan.  8.  13.  (Er  verweist 
hier  auf  die  Abrede,  daß  eie  auf  ihrer  Seite  auf  keinen  Fall  den  Anfang  machen 
wollten.)  Hz.  Georg  an  Hz.  Heinrich  Jan.  12.  20.  Alles  Kopien.  Hz.  Heinrich 
an  Held  1538  Febr.  7,  P.  A.  No.  834,  Stück  107,  Kopie. 

3)  Kf.  an  Dölzig  Dez.  14,  Reg.  H.  p.  154,  No.  75  A,  Or.  Johann  Fried- 
rich war  der  Meinung,  daß  die  Anregung  zu  neuen  Verhandlungen  jedenfalls  von 
den  Habsburgern  ausgeben  rnässe.  Siehe  Aktenst  No.  9. 

4)  So  hatte  Dölzig  am  8.  Nov.  1537  auch  Auftrag,  den  Markgrafen  Heinrich 
von  Nassau  zu  bitten,  Schritte  zum  Besten  des  Friedens  zu  tun,  ebenda,  Or. 

5)  Dölzig  an  Kf.  1538  Jan.  28;29,  Febr.  10,  Reg.  C.  No.  850,  Hdbf. 

6)  Dölzig  an  Kf.  Febr.  10.  Er  fußt  auf  Mitteilungen  Malrois. 

7)  Vergl.  nachher. 


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138 


Kapitel  II. 


Tag  war  ursprünglich  und  in  erster  Linie  zu  Verhandlungen  mit 
dem  Könige  von  Dänemark  bestimmt,  und  es  wird  daher  hier  der 
Ort  sein,  auf  die  Beziehungen  Johann  Friedrichs  zu  Dänemark  auch 
in  den  vorhergehenden  Jahren  etwas  einzugehen.  — 

Schon  vor  seinem  Eegierungsantritt  hatte  der  Kurfürst  einen 
Bund  mit  König  Friedrich  I.  auf  6 Jahre  geschlossen  zusammen  mit 
dem  Landgrafen  und  anderen  norddeutschen  Füreten  und  Grafen. 
Mau  war  dadurch  verpflichtet,  den  König  gegen  Angriffe  seines 
Nebenbuhlers  Christian  II.  mit  200  Reitern  und  1000  Fußsoldaten 
auf  3 Monate  zu  unterstützen,  während  der  König  die  gleichen 
Verpflichtungen  übernahm,  falls  die  deutschen  Fürsten  wegen  der 
Wahlsache  angegriften  würden.  Die  Hilfe  durfte  eventuell  auch  in 
anderer  Form,  d.  h.  in  Geld  geleistet  werden.  Zuziehung  der 
ba}Tischen  Herzöge  war  in  Aussicht  genommen  *).  Noch  ehe  dieses 
Bündnis  besiegelt  war,  bat  der  König  Sachsen  und  Hessen  um 
1500  Knechte,  dem  Kurfürsten  Johann  schien  aber  eine  Geldunter- 
stützung praktischer,  um  kein  Aufsehen  zu  erregen*). 

Mit  dem  Verfahren  Friedrichs  gegen  Christian  II.  sind  die 
Schmalkaldener  sehr  wenig  einverstanden  gewesen,  durch  eine  Ge- 
sandtschaft Iggenhausens  suchte  der  König  es  zu  verteidigen,  ver- 
anlaßte  dadurch  aber  nur,  daß  Johann  Friedrich,  der  durch  die 
Markgräfiu  Elisabeth  zu  Gunsten  ihres  Bruders  Christian  beeinflußt 
wurde,  seine  Vermittlung  anbot ; aus  ihr  ist  allerdings  doch  schließ- 
lich auch  nichts  Rechfbs  geworden”). 

Schwieriger  noch  wurde  die  Lage  der  Schmalkaldener,  als  nach 
dem  Tode  Friedrichs  I.  (am  10.  April  1533)  Lübeck  gegen  dessen  Sohn 
Christian  III.  auftrat,  da  sie  nun  mit  beiden  Parteien  verbündet 
waren.  Mehr  als  je  lag  es  jetzt  nahe,  eine  Vermittlung  zu  ver- 
suchen, und  besonders  Johann  Friedrich,  der  im  ganzen  wohl  mehr 
auf  der  Seite  Lübecks  als  auf  der  Christians  III.  stand,  war  ein 
eifriger  Vertreter  dieses  Gedankens ‘).  Bald  trat  dann  an  ihn  noch 
eine  besondere  Versuchung  heran,  indem  Wullenwewer  ihm  die 
dänische  Krone,  ja  sogar  die  Herrschaft  auch  über  Schweden  und 
Norwegen  anbot.  Daß  er  dabei  den  Nutzen,  den  die  Sache  für 

1)  Waitz,  I,  S.  327—330. 

2)  Aklen  darüber  Beg.  C.  No.  811. 

3)  Schäfer,  IV,  8.  197 f.  Reg.  C.  No.  811. 

4)  Vergl.  Waitz,  II,  8.  51  f.  78 ff.  245 f.  265 f.  268«.  283«.  Reg.  C. 
No.  812.  813. 


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Bund  u.  B«ich:  Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Untemehmuogslugt  1536 — 11.  139 

das  Evangelium  haben  werde,  hervorhob,  war  geschickt  auf  die 
Denkweise  des  Kurfürsten  berechnet  und  mag  bewirkt  haben,  daß 
dieser  glaubte,  den  Vorschlag  nicht  direkt  ablehnen  zu  dürfen. 
Besonders  sein  Befehl  an  Mila  vom  23.  Juli  1534  zeigt  ja,  daß  er 
bereit  war,  eventuell  auf  das  Anerbieten  einzugehen.  Doch  war  er  sich 
auch  klar  darüber,  daß  die  Lübecker  nicht  allein  über  das  König- 
reich zu  verfügen  hätten,  und  stellte  als  Bedingung,  daß  er  durch 
die  Mehrheit  der  dänischen  Stände  gewählt  werde.  Auch  sonst  sollten 
Taubenheim  und  Minckwitz,  die  er  nach  Lübeck  schickte,  ei-st  noch 
allerhand  Erkundigungen  über  die  dänischen  Verhältnisse  einziehen. 
Als  der  Eindruck,  den  sie  von  den  lübeckLschen  Dingen  erhielten, 
ungünstig  war,  sie  auch  von  den  mancherlei  anderen  Kandidaten, 
mit  denen  die  Stadt  verhandelte,  berichteten,  hat  Johann  Friedrich 
wohl  nicht  allzu  schwer  auf  den  dänischen  Königstraum  verzichtet. 

Als  Grund  für  seine  Ablehnung  gab  er  die  Unsicherheit 
der  Rechtslage  und  seine  Vermittlertätigkeit  an.  Auf  diese  zog 
er  sich  nun  wieder  zurück ')  und  hielt  sich  demgemäß  streng 
neutral*).  Mit  der  Vermittlung  kam  man  aber  auch  nicht  recht 
von  der  Stelle,  dagegen  hob  sich  die  Stellung  Christians  III.  Das 
scheint  auch  auf  den  Kurfürsten  nicht  ohne  Einfluß  geblieben  zu 
sein.  Er  hatte  zwar  auch  im  Sommer  1535  nicht  die  geringste 
Neigung,  dem  König  auf  Grund  des  alten  Bündnisses  zu  helfen®), 
aber  er  war  doch  bereit,  einen  neuen  Vertrag  mit  ihm  zu  schließen  *), 
ja  er  suchte  während  der  Verhandlungen  auf  die  widerspenstigen 
Lübecker  gelegentlich  schon  mit  der  Drohung  zu  wirken,  daß  er 
dem  König  helfen  müsse,  wenn  die  Stadt  nicht  Frieden  schließe®). 
Am  14.  Februar  1536  ist  dieser  endlich  doch  zustande  gekommen. 

Damit  war  aber  nicht  jede  Gefahr,  daß  die  dänische  Thronfolge  zu 
Verwickelungen  führen  könne,  beseitigt.  Noch  befand  sich  Christian  II. 
in  der  Gefangenschaft,  seine  Verwandten  suchten  für  ihn  zu  wirken. 

1)  Waiti,  II,  8.  80  — 82.  85f.  87£f.  290  — 317.  Ecg.  C.  No.  813-81.5. 
Schäfer,  IV,  8.  249ff. 

2)  Ee  iet  z.  B.  nicht  richtig,  wenn  Schäfer,  IV,  8.  252  den  Kf.  für  das 
Unternehmen  Bastians  von  Jessen  verantwortlich  macht,  er  war  im  höchsten 
Grade  unzufrieden  damit.  (Die  Räte  an  Jessen  1534  Okt.  4,  Reg.  C.  No.  815, 
Konz.,  meist  von  der  Hand  des  Kf.) 

3)  Entschiedene  Zurückweisung  solcher  Vorschläge  des  Franz  von  Lüneburg 
am  4.  JulL  Waitz,  III,  8.  125 f.  447  ff.  Reg.  C.  No.  816. 

4)  Brief  vom  11.  Aug.  an  die  Hze.  von  Lüneburg,  ebenda. 

5)  Schäfer,  IV,  8.  302ff.  Waitz,  III,  8.  124ff.  452ff. 


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140 


Kapitel  II. 


Nun  war  eine  seiner  Töchter  an  Friedrich  von  der  Pfalz  ver- 
heiratet, und  dieses  Paar  machte  sich  in  der  nächsten  Zeit  zum 
Hanptvorkämpfer  der  Rechte  des  gefangenen  Königs.  Es  war 
außerdem  Gefahr  vorhanden,  daß  die  Habsburger  sich  der  An- 
sprüche Christians  II.,  ihres  Schwagers,  annähmen.  So  benutzte 
denn  Johann  Friedrich  seinen  Aufenthalt  in  Wien,  um  mit  König 
Ferdinand  auch  über  diese  Dinge  zu  reden.  Dieser  empfahl  eine 
Vermittlung  zwischen  Christian  III.  und  dem  Pfalzgrafen,  der  er 
sich  auch  selbst  mitannehmen  wollte;  von  kurfürstlicher  Seite 
wurden  sofort  „unvorgreifliche  Vorschläge“  ausgearbeitet,  die  auf 
eine  Geldentschädigung  Christians  II.  und  seine  Internierung  auf 
brandenburgischem  oder  pfälzischem  Gebiete  hinausliefen,  aber  bei 
Friedrich  von  der  Pfalz  fand  man  ein  nur  sehr  geringes  Entgegen- 
kommen. Auch  der  Landgraf  nahm  sich  der  Sache  an,  der  Pfälzer 
aber  und  bald  auch  König  Ferdinand  verwiesen  darauf,  daß  sie 
ohne  Zustimmung  des  Kaisers  nichts  tun  könnten*).  Von  diesem 
aber  war,  wie  sich  bald  zeigte,  nicht  zu  erwarten,  daß  er  sich  auf 
irgendwelches  Entgegenkommen  gegen  den  siegreichen  Dänenkönig 
einlassen  würde.  Erschien  doch  im  März  1536  eine  Gesandtschaft 
Karls  bei  den  schmalkaldischen  Fürsten,  um  sie  direkt  zur  Mit- 
wirkung bei  der  Beförderung  des  Pfalzgrafen  zum  Königreich 
Dänemai'k  aufzufordem  *).  Daran  war  natürlich  nicht  zu  denken,  be- 
gannen doch  äie  Schmalkaldener  eben  jetzt,  nachdem  die  Fehde  mit 
Lübeck  glücklich  beigelegt  war,  über  einen  Bund  mit  Christian  III. 
zu  verhandeln.  Auch  Johann  Friedrich  war  dazu  geneigt®),  doch 
gingen  ihm  die  Forderungen  des  Königs,  der  mit  seinen  sämtlichen 
Ländern  in  den  Bund  aufgenommen  zu  werden  wünschte,  zu  weit*). 
Eine  Unterstützung  des  Königs  mit  Geld,  ehe  er  im  Bunde  war, 

1)  Kf.  an  Ferd.  1535  Nov.  21  und  Dez.  18,  Reg.  C.  No.  816.  VergL 
Waitz,  III,  S.  534.  Ferd.  an  Kf.  Nov.  23.  Neuenahr  an  Dölzig  Dez.  9,  Bericht 
über  seine  Verhandlungen  mit  dem  Pfälzer,  ebenda.  Ferd.  an  Kf.  1536  Jan.  I, 
Reg.  C.  No.  818.  W aitz,  a.  a.  O.  Vergl.  auch  Lanz,  Staatspapiere,  S.  192/193. 
Neudecker,  Aktenst.,  S.  117. 

2)  Vergl.  Waitz,  III,  S.  262f.  Reg.  C.  No.  816.  Dort  der  Kredenzbrief 
der  Gesandten  vom  7.  Dez.  1535.  Die  Werbung  vom  18.  März  1536  und  die 
Antwort  des  Kf.  in  Reg.  C.  No.  818. 

3)  Schon  in  der  Instruktion  für  Wildenfels,  Thann  und  Kreitzen  zu  den 
Hamburger  Verhandlungen  spricht  sich  der  Kf.  für  den  Bund  nicht  nur  in  der 
Wahlsache,  sondern  in  allen  Sachen  aus.  1535  Dez.  16,  R<^.  H.  p.  112,  No.  52, 
Or.  Waitz,  III,  S.  541. 

4)  Vergl.  Waitz,  III,  S.  541  f. 


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Band  u.  Reich : Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Unternehmuogslust  1536 — 41.  141 

lehnte  er  auch  ab,  war  überhaupt  im  Sommer  1536  nicht  sehr 
entgegenkommend^),  was  wohl  damit  Zusammenhängen  wird,  daß 
er  damals  noch  auf  einen  Vertrag  mit  den  Habsburgern  rechnete. 
Gegen  Ende  des  Jahres  zog  er  dann  auch  in  dieser  Beziehung 
andere  Saiten  auf. 

Nun  ließ  er  sich  zusammen  mit  den  anderen  norddeutschen 
Fürsten  in  einen  Bund  mit  König  Christian  ein,  der  insofern  als 
eine  Erweiterung  des  früheren  Verständnisses  mit  König  Friedrich  zu 
betrachten  ist,  als  er  sich  außer  auf  die  Wahlsache  auch  auf  das  gött- 
liche Wort  und  alle  Dinge,  in  denen  ein  Teil  vor  dem  anderen 
Gleich  und  Recht  leiden  wollte,  bezog,  während  man  dagegen  in 
dem  Kriege  mit  Lübeck  dem  Könige  nur  einmal  kraft  des  älteren 
Bündnisses  helfen  wollte  ’).  Nun  warnte  der  Kurfürst  gemeinsam 
mit  dem  Landgrafen  den  König  davor,  sich  etwa  allzusehr  vor  dem 
Kaiser  zu  demütigen’),  nun  nahm  er  teil  an  den  Bemühungen, 
auch  eine  Verbindung  zwischen  Christian  und  dem  schmalkaldischen 
Bunde  zustande  zu  bringen.  Auf  dem  schmalkaldischen  Bundestage 
im  Februar  1537  fanden  auch  hierüber  Verhandlungen  statt,  ein  Ab- 
schluß konnte  aber,  da  die  städtischen  Vei-treter  nicht  instruiert 
waren,  nicht  erfolgen,  daher  sprachen  denn  nur  die  Fürsten  am  25.  Fe- 
bruar ihre  Geneigtheit  zum  Bunde  aus,  die  Städte  versprachen,  sich 
bis  Jubilate  zu  entscheiden  *).  Von  ihnen  hat  nur  Straßburg  unbedingt 
seine  Zustimmung  gegeben  ’).  Die  übrigen  oberländischen  Städte  baten, 
den  Bund  auf  Glaubenssacben  zu  beschränken’).  Die  sächsischen 
Städte  lehnten  mit  Ausnahme  von  Hamburg  und  Bremen  den 
Bund  überhaupt  ab  ’).  Infolge  dieser  Schwierigkeiten  auf  städtischer 

1)  Bei  der  Gewährang  eines  Anlelms  von  7000  fl.,  machte  er  ungeheure 
Schwierigkeiten.  Korrespondenz  mit  dem  Ldgf.  in  Reg.  H.  p.  112,  No.  32. 
Waitz,  m,  S.  269«.  544—546. 

2)  Or.  des  Bundes  Weim.  Arch.  Urk.  No.  1724,  gedruckt  bei  Hortleder, 
1,2,8.1338-1340.  Vergl.  Schäfer,  IV, S. 445.  Waitz , III,  S.  326.  DerBund 
ist  datiert  vom  5.  Okt.  Der  Kf.  sprach  aber  erst  am  24.  Nov.  seine  Annahme 
aus.  An  Ldg.  R^.  H.  p.  112,  Na  52,  Konz.  Waitz,  III,  8.  561. 

3)  Nov.  2 Kl  an  Christian  III,  Reg.  C.  No.  822.  Waitz,  III,  S.568.  Kf. 
und  Ldgf.  an  den  Kg.  Dez.  25,  ebenda. 

4)  P.  C.  II,  8.  422.  428.  Waitz,  III,  8.  562«. 

5)  AprU  17.  P.  C.  II,  4341 

6)  April  4.  P.  C.  II,  435  Anm.  2. 

7)  Kl  an  Ldgf.  AprU  28,  Reg.  H.  p.  142,  No.  66,  Konz.  Brief  der  Städte 
vom  19.  April  im  Or.  ebenda.  Hamburg  an  Kl  AprU  11,  Bremen  an  Kf. 
AprU  28,  ebenda,  Or. 


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142 


Kapitel  II. 


Seite  riet  der  Landgraf  am  9.  Mai,  den  Bund  ohne  die  Städte  zu 
schließen’),  zu  diesem  Zwecke  sollte  die  Zusammenkunft  mit  dem 
Könige  dienen,  die  man  anfangs  fOr  den  Oktober  in  Braunschweig 
oder  Magdeburg  plante.  Nach  mehrmaliger  Verschiebung  hat  sie 
schließlich  im  März  und  April  1538  in  Braunschweig  stattgefunden, 
blieb  aber  nicht  beschränkt  auf  die  eine  Frage,  sondern  verwandelte 
sich  in  einen  förmlichen  Bundestag*),  auf  dem  auch  allerhand 
andere  wichtige  Angelegenheiten  beraten  wurden. 

Bleiben  wir  aber  zunächst  bei  der  dänischen  Sache  stehen,  so 
gelang  es,  sowohl  die  Oberländer  wie  die  sächsischen  Stände  für 
ein  „Nebenverständnis“  mit  Dänemark  zu  gewinnen.  Die  sächsischen 
Städte,  Pommern  und  Württemberg  knüpften  ihre  Zustimmung  aber 
an  die  Bedingung,  daß  in  jedem  einzelnen  Falle  erst  entschieden 
werden  müsse,  ob  es  sich  um  eine  Religionssache  handle.  Nach- 
dem auch  König  Christian  in  diese  Beschränkung  gewilligt  hatte, 
konnte  am  9.  April  das  Bündnis  zwischen  ihm  und  den  Schmal- 
kaldenem  zur  Verteidigung  bei  Angiiffen  wegen  der  Religion  auf 
9 Jahre  geschlossen  werden.  Am  10.  wurde  es  durch  eine  Bei- 
verschreibung ergänzt,  wonach  jedesmal  durch  die  Stimmstände 
entschieden  werden  sollte,  ob  es  sich  um  eine  Religionssache  handle  *). 
Gegen  den  Gedanken,  auch  in  weltlichen  Sachen  ein  Bündnis  mit 
dem  Könige  zu  schließen,  verhielt  sich  die  Mehrzahl  der  Stände 
auch  in  Braunschweig  ablehnend.  Nur  Hamburg  und  Bremen*) 
schlossen  sich  dem  Bündnis  der  norddeutschen  Fürsten  und  Grafen 
mit  dem  Könige,  das  ebenfalls  vom  9.  April  datiert  ist,  an.  Aber 
wenn  eine  weitere  Ausdehnung  dieses  Bundes  auch  nicht  erreicht 
wurde,  durch  die  Vereinigung  mit  Dänemark  war  doch  ein  be- 
deutender Schritt  getan,  um  den  schmalkaldischen  Bund  zu  einem 
Faktor  der  europäischen  Politik  zu  machen.  An  weiteren  Bestrebungen 
der  Art  hat  es  gerade  im  Jahre  1538  nicht  gefehlt. 


1)  Or.  Reg.  H.  p.  142,  No.  66. 

2)  Aus  Oberdeutschland  nahmen  jedoch  nur  die  Stimmst&nde  teil. 

3)  Ueber  die  Verhandlungen  vergl.  P.  C.  II,  4T6ff.  Die  Verträge  bei 
Hortleder,  I,  2,  S.  1342ff.  und  öfter,  die  Beiverschreibung  bei  Waitz,  III, 
S.  564 — 566.  Vergl.  Schäfer,  IV,  8. 449f.  Waitz,  III,  S.  328.  Or.  in  Reg.  H. 
p.  1174  Ae,  und  1171  Ad.  Konz,  von  der  Hand  Feiges  in  P.  A.  No.  489. 

4)  Protokoll  im  Braunschweiger  Stadtarchiv  Schmalk.  Bund,  vol.  IV,  BL  180 
— 184  nennt  wohl  irrtümlich  Braunschweig.  Reh  tm  ej  er , III,  8. 126.  Er  schreibt 
das  Protokoll  wörtlich  ab. 


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Bond  n.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBluet  1536 — 41.  143 

Bleiben  wir  jedoch  zunächst  noch  bei  den  Bundesangelegeu- 
heiten,  so  hatten  wir  schon  früher  darauf  hinzuweisen,  daß  man 
den  Braunschweiger  Tag  unter  anderem  auch  dazu  ausersehen  hatte, 
um  einen  letzten  Versuch  zu  machen,  die  sächsischen  Städte  für 
die  Verdoppelung  der  Monate  und  die  Annahme  des  Koburger 
Abschiedes  zu  gewinnen.  Dreimal  waren  sie  im  Laufe  des  Winters 
deswegen  zusammengekommen , ohne  daß  sich  ein  einheitlicher 
Beschluß  hatte  erzielen  lassen ').  Jetzt  lud  man  sie  nun  8 Tage 
vor  dem  Beginn  der  übrigen  Verhandlungen  nach  Braunschweig 
ein,  und  die  sächsischen  und  hessischen  Vertreter  bemühten  sich 
eifrig,  endlich  zum  Ziele  mit  ihnen  zu  kommen.  Anfangs,  solange 
nur  Hamburg  und  Bremen,  Braunschweig,  Hannover  und  Minden 
vertreten  waren,  ging  auch  alles  ganz  gut,  dann  aber  trat  eine 
Stockung  ein,  woran  nach  Ansicht  der  kursächsischen  Gesandten 
der  auch  dem  Kurfürsten  stets  verdächtige  Vertreter  Magdeburgs, 
Dr.  Levin  Emden,  schuld  war,  und  schließlich  erreichte  man  weder 
die  Verdoppelung  der  Monate  noch  die  Annahme  des  Koburger 
Abschiedes.  In  letzterer  Beziehung  knüpften  die  Städte  wenigstens 
ihre  Zustimmung  an  die  Bedingung,  daß  das  von  ihnen  gelieferte 
Geschütz  nach  Magdeburg  gestellt  werde,  was  der  Kurfürst  auf  keinen 
Fall  genehmigen  wollte’).  Nach  dessen  eignem  Eintreffen  wurde 
dann  aber  doch  noch  eine  Einigung  erzielt,  so  daß  schließlich  alle 
Stände  außer  Pommern*)  die  Koburger  Beschlüsse  annahmen*). 

Verschoben  hatte  man  auf  den  Braunschweiger  Tag  auch  die 
Neubesetzung  der  Hauptmannschaft  des  Bundes,  die  eigentlich 
schon  am  21.  Dezember  1537  hätte  erfolgen  müssen.  Der  Kurfürst  und 
der  Landgraf  ließen  sich  bestimmen,  das  Amt  auf  zwei  weitere 
Jahre  zu  übernehmen. 

Als  weitere  Beratungsgegenstände  waren  in  dem  Ausschreiben 
vom  10.  Januar*)  die  Beschwerden  der  Bundesstände  und  die 
Neubewilligung  der  kleinen  Anlage  für  Bestallung  von  Ritt- 

1)  Hz.  Ernst  an  Kf.  Febr.  14,  Reg.  H.  p.  191,  No.  88,  dort  überhaupt 
Korrespondenzen  über  die  Haltung  der  sächsischen  Städte.  Näheres  bietet  Braun- 
schweiger Stadtarchiv,  Schmalkald.  Bund,  vol.  IV.  Rehtmeyer,  III,  S.  120f. 

2)  Instruktion  der  kursächsischen  Gesandten  Nickel  vonMinckwitz  und  Jobst 
von  Hain  vom  10.  März,  protokollartige  Aufzeichnungen  über  ihre  Verhandlungen 
und  Berichte  vom  15.,  21.,  25.,  28.  März  in  Reg.  H.  p.  156,  No.  76. 

3)  Vergl.  Heling,  Balt.  Stud.,  X.  8.  31. 

4)  Braunschweiger  Protokoll  Bl.  183  und  der  Abschied. 

5)  P.  C.  II,  467. 


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144 


Kapitel  II. 


meistern  und  Hauptleuten  genannt.  Erstere  waren  sehr  mannig- 
faltiger Art'),  bieten  für  uns  hier  aber  kein  besonderes  Interesse, 
nur  das  darf  vielleicht  erwähnt  werden,  daß  in  dem  über  diese 
Dinge  beschlossenen  Nebenabschied  die  bremische  Sache  noch 
nicht  definitiv  erledigt,  sondern  weiteren  Verhandlungen  zwischen 
Sachsen  und  Hessen  überlassen  wurde.  Zwischen  diesen  ist  dann 
schließlich  eine  Einigung  dahin  zustande  gekommen,  daß  man 
sich  zur  Hilfe  bereit  erklären  woUte,  wenn  die  Stände  des  Stiftes 
trotz  ihrer  Appellation  doch  mit  dem  Konservatorium  Herzog 
Heinrichs  beschwert  oder  sonst  bedrängt  würden,  vorausgesetzt, 
daß  man  auch  auf  Gegenhilfe  in  ähnlichen  Sachen  rechnen  könne. 
In  diesem  Sinne  haben  daun  die  beiden  Fürsten  am  2.  Mai  an 
Herzog  Emst  von  Braunschweig-Lüneburg,  der  sich  der  Angelegen- 
heit der  Stifter  vor  allem  angenommen  hatte,  geschrieben*).  Die 
kleine  Anlage  wurde  schon  am  2.  April  von  neuem  bewilligt,  am 

4.  April  wurde  sie  für  jeden  Stand  genau  festgesetzt  und  beschlossen, 
daß  sie  bis  Pfingsten  gezahlt  werden  solle.  Das  ging  dann  auch 
in  den  Abschied  über.  Ferner  wurde  durch  diesen  Hans  von 
Küstrin  definitiv  in  den  Bund  aufgenommen*),  über  die  Aufiiahme 
des  Herzogs  von  Preußen,  der  Herzogin  Elisabeth  von  Hochlitz, 
Konrads  von  Tecklenburg  und  Heinrichs  von  Schwarzburg  fanden 
Verhandlungen  statt. 

Man  hat  das  Zusammensein  in  Braunschweig  benutzt,  um  noch 
manche  andere  Fragen  zu  erörtern.  Sehr  viel  hat  man  da  wieder 
mit  dem  Verhältnis  zum  Kammergericht  zu  tun  gehabt.  Die 
Bundesleitung  brachte  am  3.  April  einige  darauf  bezügliche  Fragen 
vor,  vor  allem  die,  ob  das  in  Schmalkalden  beschlossene  Aus- 
schreiben ergehen  und  ob  man  das  Kammergericht  durch  einen 
Druck  rekusieren  solle.  Dadurch  wurden  Straßburg  und  Augsburg 
veranlaßt,  die  Rekusation  des  Gerichtes  auch  in  weltlichen  Sachen 
vorzuschlagen.  Sachsen  und  Hessen  waren  mit  diesem  Gedanken 
sehr  einverstanden,  meinten  aber,  daß  dann  auch  der  Bund  auf 
alle  Sachen  ausgedehnt  werden  müsse. 

Damit  war  nun  natürlich  eine  außerordentlich  wichtige  Frage 
angeregt.  Eine  Aufzeichnung  über  die  Beratungen  des  Ausschusses, 

1)  Viele  Akten  darüber  in  Beg.  H.  p.  156,  No.  76. 

2)  Reg.  H.  p.  198,  No.  91. 

3)  Die  letzten  Verhandlungen  sollte  Kunachsen  mit  ihm  führeo.  Am 

5.  Juni  kam  man  zum  Abechlufi.  Or.  des  Vertrages  in  R^.  H.  p.  178,  No.  84. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  UDtemehmnngsluBt  1536 — 41.  ^45 

die  deswef^en  stattfanden,  ist  uns  erhalten,  die  Gründe  für  und 
wider  wurden  zusammengesteUt.  Man  scheute  vor  allem  den  Vorwurf, 
daß  man  gar  kein  Recht  leiden  wolle,  meinte  dem  aber  dadurch 
Vorbeugen  zu  können,  daß  man  Schiedsrichter  bezeichnete,  vor  denen 
man  Recht  geben  wolle  ^).  Es  ist  begreiflich,  daß  man  in  einer 
so  wichtigen  Frage  nicht  sofort  zu  einem  Entschluß  kam  und  daß 
viele  der  anwesenden  Stände  die  Sache  nur  ad  referendum  nehmen 
konnten.  Im  Abschied  wurde  daher  bestimmt,  daß  die  einzelnen 
Bundesmitglieder  ihre  Gutachten  über  die  Rekusation  des  Gerichtes 
bis  Johanni  an  Sachsen  und  Hessen  senden  sollten.  Diese  sollten 
dann  auf  Grund  davon  einen  Beschluß  verfassen  und  diesen  wieder 
den  einzelnen  Ständen  zur  Genehmigung  vorlegen.  Käme  es 
schon  vorher  zu  einem  Reichstag  oder  einer  Achtserklärung,  so 
sollten  die  Hauptleute  die  Stände  zur  Beschlußfassung  zusammen- 
rufeu.  Man  machte  sofort  darauf  aufmerksam,  daß  die  Rekusation 
des  Gerichtes  in  allen  Sachen  auch  ein  Bündnis  in  allen  Sachen 
zur  Folge  haben  müsse®).  Auf  Grund  dieses  Abschiedes  sind  in 
den  nächsten  Monaten  eine  große  Anzahl  von  Gutachten  einge- 
gangen, von  denen  aber  nur  die  von  Straßburg  und  Konstanz  sich 
unbedingt  für  die  Rekusation  aussprachen  *).  Eine  Aeußerung  Kur- 
sachsens ist  mir  nicht  bekannt  geworden. 

Wie  sich  aus  dem  Abschied  ergibt,  hat  man  in  Braunschweig 
auch  über  die  Frage  der  Türkenhilfe  verhandelt ‘).  Man  hielt  fest 
an  den  vorjährigen  Forderungen,  daß  Frieden  und  Reichstag  vorher- 
gehen müßten,  betonte  außerdem  jetzt  auch  die  Notwendigkeit  einer 
christlichen  Reformation,  da  man  ohne  eine  solche  nicht  siegen 
könne.  — Man  beschäftigte  sich  ferner  mit  der  Frage  eines  äußer- 
lichen Friedens  mit  den  dazu  geneigten  altgläubigen  Ständen.  Der 
Gedanke  ist  wahrscheinlich  von  Straßburg  angeregt  worden“), 
zwischen  dem  6.  und  16.  April  wird  man  darüber  beraten  haben*). 

1)  Hortleder,  I,  2,  S.  125« f.:  „daß  man  sich  auf  etliche  arbitros  com- 
promissarioe,  auf  die  Einungsverwandten  oder  auf  unparteiische  Kommissarien 
erbot“. 

2)  Der  Abschied  über  das  Kammergericht  bei  Hortleder,  I,  2,  S.  1260. 

3)  Hortleder,  I,  2,  8. 1269—1286.  Vergl.  auch  nachher  8.  168/69. 

4)  Durch  die  Anwesenheit  eines  Gesandten  König  Ferdinands,  eines  Tnich- 
seeses,  wurde  man  dazu  veranlaßt.  Braunschw.  Protokoll,  Bl.  184b. 

5)  P.  C.  II,  472. 

6)  Das  Straßburger  Protokoll  bricht  leider  mit  dem  6.  April  ab.  Das  Braun- 
schweiger bietet  auch  nicht  viel  mehr. 

Beitrage  zur  Dcueren  Geschichte  Thüringens  I,  3.  10 


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146 


Kapitel  IL 


Im  Abschied  erhielten  die  Stimmstände  die  Vollmacht,  derartige 
Verhandlungen  zu  führen.  Doch  haben  nur  Sachsen,  Lüneburg, 
Hessen,  Albrecht  von  Mansfeld,  die  Anhalter,  Hamburg  und  Bremen 
dem  sofort  zugestimmt,  während  die  anderen  es  nur  ad  referendum 
nahmen ').  — Einer  Anregung  der  sächsischen  Städte  leistete  man 
Folge,  wenn  man  Beschlüsse  über  den  Schutz  von  Gesandten,  die 
zu  den  Bundestagen  reisten,  und  der  Städte,  in  denen  die  Tage 
stattfanden,  faßte.  Das  Benehmen  Heinrichs  von  Braunschweig 
gegen  die  Besucher  des  diesmaligen  Tages  war  natürlich  die  Ver- 
anlassung dazu. 

Zwei  Paragraphen  des  Abschiedes  beschäftigten  sich  mit  der 
Religion:  alle  Stände  sollten  Vorkehrungen  treffen,  um  den  Fort- 
bestand des  Evangeliums  in  ihrem  Gebiet  auch  nach  ihrem  Tode 
oder  Amtsaustritt  zu  sichern,  was  dann  eine  Sendung  an  Ulrich 
von  Württemberg  zur  Folge  hatte,  um  ihn  zu  einem  besseren  Ver- 
hältnis zu  seinem  Sohne  zu  veranlassen  *).  Ferner  sollten  die 
Stände  Gutachten  abfassen  über  die  Verwendung  der  eingezogenen 
Kirchengüter.  Darin  sollte  die  Frage  beantwortet  werden,  wem 
die  Kirchengüter  zuständen,  und  wer  die  Verfügung  über  sie  haben 
müsse,  damit  sie  nicht  verschwendet  und  der  Kirche  entzogen 
würden.  Außerdem  sollte  man  sich  auch  darüber  äußern,  welches 
Recht  die  Verbündeten  hätten,  die  Zinsen  und  Renten  für  die  in 
ihrem  Gebiete  gelegenen  geistlichen  Güter  auch  aus  fremden 
Herrschaftsgebieten  zu  fordern.  Ueber  diese  Dinge  sind  dann  in 
der  nächsten  Zeit  zahlreiche  Gutachten  eingegangen®). 

Alles  in  allem  dürfen  auch  die  Braunschweiger  Tagung  und 
der  Braunschweiger  Abschied  als  ein  bedeutender  Fortschritt  auf 
dem  Wege  der  Stärkung  und  Festigung  des  Bundes  betrachtet 
werden.  Eine  Zeitlang  schienen  sich  aber  noch  viel  weitere  Per- 
spektiven zu  eröffnen.  Da  waren  zunächst  in  Braunschweig  auch 
Gesandte  des  Herzogs  von  Jülich  erschienen,  und  die  Frage  der 


1)  Braunschweig  erklärte  sich  am  2.  Juni  einventanden.  Braunschw.  Stadtarch. 
a.  a.  O.  Bl.  289,  an  Kf. 

2)  P.  C.  II,  481. 

3)  V'ergl.  hierüber  vor  allem  Roth,  ARO.  I,  S.  299ff.  £lin  Gutachten 
Bucers  bei  Hortleder,  I,  2,  8.  llllff.,  Buch  V,  Kap.  8.  Vergl.  Roth, 
8.  303  ff.  Das  Stück  ist  aber  erst  als  eine  Folge  des  Braunschweiger  Beschlusses 
zu  betrachten.  Alles  übrige  nach  P.  C.  II,  476  ff.  und  dem  Abschied  Reg.  H. 
p.  176,  No.  83,  1,  Bl.  16  ff.,  Or.  Inhalt  P.  C.  II,  480. 


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Bund  u.  Seich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  Untemehmungsluüt  1536 — 41.  X47 

Beziehangen  der  Schmalkaldener  zu  diesem  war  dadurch  auf  die 
Tagesordnung  gekommen.  Es  lag  ja  nahe,  die  engen  verwandt- 
schaftlichen Beziehungen  der  jülichschen  Herzogsfamilie  zu  Johann 
Friedrich  im  Interesse  der  protestantischen  Sache  auszunutzen,  und 
man  darf  sagen,  daß  der  Kurfürst  es  auch  an  dahin  gehenden  Be- 
mühungen niemals  hat  fehlen  lassen.  Schon  im  Frühjahr  1533 
korrespondierte  er  mit  Wilhelm  von  Neuenahr  über  eine  Reise  nach 
Jülich*).  Auch  seine  Reise  in  die  Rheinlande  im  Jahre  1534  hatte 
doch  zum  Teil  dem  Zwecke  gedient,  Jülich  zu  gewinnen,  in  den 
nächsten  Jahren  blieb  er  in  beständiger  Korrespondenz  mit  dem 
Düsseldorfer  Hofe,  suchte  ihn  auch  durch  die  Grafen  von  Nassau 
und  Neuenahr  zu  beeinflussen,  interessierte  sich  besonders  für  die 
Frage  der  Vermählung  seines  Schwagers  Wilhelm*). 

Der  Gedanke  einer  engeren  politischen  Verbindung  mit  den 
Jülichem  tritt  erst  im  Jahre  1537  auf,  durch  einen  längeren  Aufenthalt 
des  jungen  Herzogs  au  seinem  Hofe,  durch  eineu  Besuch  der  ganzen 
herzoglichen  Familie  oder  allenfalls  auch  nur  eine  Zusammenkunft 
suchte  der  Kurfürst  sie  zu  erreichen*).  Als  ein  Bündnis  zwischen 
Knrsachsen,  Kurköln  und  Jülich  war  sie  zunächst  gedacht*).  Das 
Entgegenkommen  gegen  diese  Pläne  war  aber  auf  herzoglicher 
Seite  sehr  gering,  man  hatte  dort  das  Projekt  einer  Vermählung 
Herzog  Wilhelms  mit  der  verwittweten  Herzogin  von  Mailand,  der 
Prinzessin  Anna  mit  dem  jungen  Herzog  von  Lothringen  im  Kopfe 
und  daher  keine  Zeit  für  die  Anregungen  des  sächsischen  Kur- 
fürsten*). Dieser  beruhigte  sich  zunächst  dabei,  hatte  auch  gegen 
jene  Heiratspläne  an  sich  nichts  einzuwenden,  warnte  nur  davor, 
dabei  irgendwelche  Verpflichtungen  gegen  das  Haus  Burgund  ein- 
zngehen*).  Schon  jetzt  bildete  sich  aber  bei  Johann  Friedrich  eine 


1)  Reg.  D.  420.  Cornelius,  XIV,  S.  112. 

2)  Vergl.  etwa  1535  Juni  13,  Kf.  an  Wilh.  v.  Nassan,  Loc.  9136  „Landgraf 
zu  Hessen  Zurüstung  . . . 1536“,  Bl.  1 — 4.  1536  Juni  21 , ders.  an  dens., 
Reg.  C.  No. 344,  BL  43/44.  1536  Juli  13,  Neuenahr  an  Kf.,  Cornelius,  XIV, 
S.  124  ff. 

3)  An  Wilhelm  von  Nassau  1537  April  6,  Reg.  H.  p.  153,  No.  74,  Konz. 
Mai  22,  Reg.  C.  No.  331,  Konz. 

4)  KL  an  Neuenahr  1537  Juli  15,  Konz.,  Neuenahr  an  Kf.  Aug.  21,  Or., 
Reg.  H.  p.  153,  No.  74.  Kf.  an  Neuenahr  Nov.  8,  R^.  H.  p.  154,  No.  75  A,  Konz. 

5)  Wilh.  V.  Nassau  an  Kf.  Juli  3,  Reg.  H.  p.  163,  No.  74,  Or. 

6)  Kf.  an  Wilh.  v.  Nassau  Juli  12,  Neuenahr  an  Kf.  Juni  22,  Or.,  Kf.  an 
Neuenahr  Juli  15,  Konz.,  Reg.  H.  ebenda. 

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148 


Kapitel  II. 


gewisse  Unzufriedenheit  mit  den  Räten  des  Herzogs  aus,  die  nach 
seiner  Meinung  schuld  daran  waren,  daß  Johann  so  wenig  auf  seine 
Ratschläge  hörte,  obgleich  er  es  an  Versuchen,  sie  zu  gewinnen, 
nicht  fehlen  ließ*). 

Tatsächlich  ist  ja  dann  der  mailändische  Heiratsplan  an  den 
Forderungen,  die  von  burgundischer  Seite  erhoben  wurden,  ge- 
scheitert ’),  und  bald  darauf  entwickelte  sich  ein  Gegensatz  zwischen 
dem  Herzog  und  den  Habsburgern  durch  die  geldrische  Angelegen- 
heit. Der  Kurfürst  erhielt  Gelegenheit,  sich  mit  den  geldrischeu 
Verhältnissen  zu  beschäftigen,  zuerst  durch  den  Streit  zwischen 
einer  Anzahl  geldrischer  Städte  (Roermonde,  Nymwegen,  Amheim. 
Zutphen,  Groningen)  und  ihrem  Herzog.  Dieser  Streit  wurde 
hervorgerufen  durch  den  Plan  Herzog  Karls,  seine  Staaten  nach 
seinem  Tode  dem  Könige  von  Frankreich  zu  hinterlassen*);  die 
Städte  weigerten  sich,  diesen  Vertrag  zu  ratifizieren,  weil  sie  beim 
Reich  zu  bleiben  wünschten.  Gerade  dieser  Gesichtspunkt  war 
dem  Kurfürsten  sehr  sympathisch,  und  er  war  nicht  abgeneigt,  die 
Städte,  falls  sie  evangelisch  wären,  in  den  schmalkaldischen  Bund 
aufzunehmen  *). 

Bald  gewann  dann  die  Angelegenheit  ein  ganz  anderes  Gesicht 
dadurch,  daß  Herzog  Karl  sich  unter  dem  Dmcke  seiner  Land- 
schaft entschloß,  sein  Land  an  Herzog  Wilhelm  von  Jülich  zu  ver- 
erben. Man  griff  in  Düsseldorf  sofort  zu,  gönnte  sich  nicht  einmal 

1)  Eine  Anregong  zur  Gcwumuug  des  jüliduchen  Hofmeisters  Werner 
lloetaden  und  des  Kanzlers  Job.  Ohogreff  gab  Neuenabr  scboo  im  Frübjabr  1533. 
Der  Kf.  erklärte  sieb  am  14.  April  bereit  dazu  (Reg.  D.  No.  420).  Am  16.  Juni 
konnte  der  Gf.  melden,  daß  beide  die  Bestallung  angenommen  hätten  (Cor- 
nelius, XIV,  8.  113),  sehr  zur  Freude  des  Kf.  (an  den  Gfen.  Juli  3,  Reg.  D. 
a,  a.  O.).  Etwa  im  Oktober  mußte  dann  aber  der  Gf.  durch  den  oraniseben 
Diener  Vincentinus  von  Allenstein  berichten,  daß  der  Hofmeister  die  Bestallung 
für  sich  und  den  Kanzler  auf  Wunsch  der  Herzogin  zurückgezogen  hätte,  „da 
I.  Gn.  dienor  auch  diener  des  Kf.  sei“  (Reg.  D.  ebenda).  Nach  den  Rechnungen 
waren  für  die  beiden  jülichscben  Beamten  je  lOÜ  fL  Dienstgeld  in  Aussicht  ge- 
nommen (Reg.  Bb.  4376.  4377).  Wirklich  etwas  erhalten  zu  haben  scheint  1533 
Wirich  von  Thun  (Daun),  Graf  von  Oberstein  (Reg.  Bb.  4371). 

2)  Vergl.  vor  allem  Dölzig  an  Kf.  1538  Febr.  10,  Reg.  C.  No.  850,  Hdbf. 

3)  Ruble,  S.  64. 

4)  Der  Kf.  korrespondierte  mit  Nymwegen  über  die  Sache.  An  Ldgf. 
1537  Dez.  17,  Reg.  H.  p.  151,  No.  71,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  25,  Reg.  H. 
p.  211,  No.  95,  Or.  An  die  Möglichkeit  der  Aufnahme  der  Städte  in  den  Bund 
glaubte  Philipp  nicht. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehraungslugt  1536 — 11.  149 

die  Zeit,  erst  den  Rat  des  Kurfürsten  einzuholen,  sondern  begann 
schon  mit  der  Vornahme  der  Huldigung,  ehe  Johann  Friedrich 
von  der  Sache  etwas  wußte*).  Doch  erklärte  dieser  nachher,  daß 
er  jedenfalls  nicht  abgeraten  haben  würde’).  Ueberhaupt  ist  er 
offenbar  durchaus  einverstanden  gewesen.  Dabei  bestimmte  ihn 
zunächst  der  Umstand,  daß  Geldern  ja  nun  dem  Reiche  erhalten  blieb, 
ferner  hoffte  er,  daß  der  Herzog  von  Jülich  durch  den  Gegensatz 
zn  den  Habsburgern,  in  den  er  nun  geraten  mußte  und  über  dessen 
Unvermeidlichkeit  Johann  Friedrich  sich  völlig  klar  war,  desto  eher 
zum  Uebertritt  zum  Protestantismus  und  zum  Anschluß  an  den 
schmalkaldischen  Bund  bestimmt  werden  würde“).  Er  versäumte 
nicht,  Herzog  Johann  und  seine  Räte  durch  Dölzig  und  Harst  auf 
diese  Konsequenzen  aufmerksam  zu  machen  und  ihm  zu  raten,  sich 
einen  „Rücken“  zu  machen.  Er  empfahl  eine  persönliche  Zusammen- 
kunft zwischen  ihnen  beiden  oder  zwischen  ihm  und  Herzog  Wil- 
helm, um  weiter  über  die  Angelegenheit  zu  sprechen“). 

Man  darf  behaupten,  daß  es  tatsächlich  die  oben  angeführten 
Motive  waren,  die  die  Haltung  Johann  Friediichs  in  dieser  geldri- 
schen Frage  bestimmten,  auf  sein  persönliches  Interesse  bei  der 
Sache  wird  weniger  Wert  zu  legen  sein  *).  Dagegen  wird  der  Gegen- 
satz, in  dem  er  sich  selbst  gerade  zu  den  Habsburgem  befand, 
nicht  ohne  Einfluß  geblieben  sein.  Ueber  die  Rechtslage  war  er 
sich  schwerhch  ganz  klar. 

Ein  Anschluß  des  Herzogs  an  den  schmalkaldischen  Bund  wäre 
sicher  sehr  nützlich  gewesen  und  hätte  das  Vorgehen  Karls  V. 
gegen  Jülich  erschwert.  Herzog  Johann  lag  gerade  dieser  Gedanke 
aber  völlig  fern.  Er  suchte  wie  in  der  Religion,  so  auch  in  der 
Politik  eine  vermittelnde  Stellung  einzunehmen,  hoft’te,  daß  die 
Stände  beider  Konfessionen  sich  seiner  gerechten  Sache  annehmen 
würden,  und  bemühte  sich  durch  Ausgleich  der  Gegensätze  im  Reich 
ihnen  eine  solche  gemeinsame  Aktion  zu  erleichtern.  In  einem 
Vorschlag  des  Kurfürsten,  daß  die  Verschreibung  über  Geldern 

1)  iQHtmktioD  des  Herzogs  Johann  für  Karl  Harst  an  Kf.,  Reg.  C.  No.  849, 
BL  14f.,  Or.  Heidrich,  S.  7. 

2)  Antwort  des  Ki.  an  Harst  Jan.  28,  ebenda  Bl.  17 — 21.  Heidrich,  S.7. 

3)  Kf  an.  Ldgf.  1538  Jan.  13,  Reg.  C.  ebenda  Bl.  76,  Konz.,  und  die  Ant- 
wort an  Harst. 

4)  Kf.  an  Dölzig  Jan.  17,  Reg.  H.  p.  154,  No.  75A.  Antwort  an  Harst. 

5)  Jülich  machte  den  Kf.  durch  Dölzig  darauf  aufmerksam.  Dessen  Bericht 
vom  10.  Febr.  ebenda,  Konz.,  Reg.  C.  No.  850,  Or. 


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150 


Kapitel  II. 


auJSer  durch  ihn  auch  durch  Kurköln  und  Eurpfalz,  Hessen  und 
Lüneburg  versiegelt  werden  müsset),  konnte  er  einen  Anklang  an 
diese  Gedanken  finden.  Die  Zusammenkunft  mit  Johann  Friedrich 
aber  lehnte  er  ab,  nur  zur  Beschickung  des  Braunschweiger  Tages 
erklärte  er  sich  bereit*). 

Der  Kurfürst  fügte  sich  ganz  geschickt  in  die  neue  Situation, 
er  empfahl  dem  Herzog,  seine  Räte  dann  in  Braunschweig  aus- 
führlich über  die  geldrische  Sache  berichten  und  die  versammelten 
Fürsten  um  Rat  und  Beistand  bitten  zu  lassen,  und  schlug 
vor,  daß  dabei  gleich  Beschluß  Ober  eine  „freundliche  und 
gleichmäßige  Vereinigung“  gefaßt  werden  solle  zum  Nutzen  des 
Herzogs  und  seiner  Lande,  zur  Erhaltung  von  Frieden  und  Ein- 
tracht, ihm  und  seinem  Sohne  zum  Besten.  Der  Herzog  möge 
seinen  Räten  Vollmacht  hierzu  geben®).  Johann  ging  in  seiner 
Instruktion  auf  die  ersten  TeUe  dieses  Vorschlages  ein,  von 
einem  Bündnis  aber  ist  in  ihr  nicht  die  Rede*).  Infolgedessen 
konnte  auch  in  Braunschweig,  abgesehen  von  der  Bestätigung  des 
geldrischen  Vertrages  durch  den  Kurfürsten  am  6.  April®),  nichts 
Positives  zustande  kommen.  Die  anwesenden  Fürsten  sprachen 
zwar  ihre  Zustimmung  zu  dem  .Abschluß  mit  Geldern  aus  und 
äußerten  die  Ansicht,  daß  er  sich  gegen  Kaiser  und  Reich  ver- 
teidigen lasse,  so  daß  der  Herzog  keinen  Angriff  deswegen  zu 
befürchten  brauche.  Schon  die  Versicherung,  daß  sie  anderenfalls 
nichts  gegen  den  Herzog  tun  würden,  knüpften  sie  auf  Veranlassung 
des  Landgrafen  aber  an  die  Bedingung,  daß  auch  der  Herzog  nichts 
gegen  sie  täte  und  ihnen  eine  ähnliche  Versicherung  gebe.  Ueber 
eine  wirkliche  Unterstützung  nun  gar  erklärten  sie  sich  erst  äußern 
zu  können,  wenn  der  Herzog  angebe,  wie  er  sie  sich  denke  und 
worin  seine  Gegenleistungen  bestehen  sollten*).  Eine  solche  Ant- 

1)  Antwort  des  Kf.  an  Harst 

2)  Anfträge  des  Herzogs  für  Dolzig  an  Kf.  Febr.  8,  Beg.  C.  No.  850,  Johann 
an  Kf.  Febr.  24,  Reg.  C.  No.  849,  Bl.  31,  Or.  Heidrich,  S.  7. 

3)  Zettel  zu  Brief  des  Kf.  an  Johann  vom  8.  März,  R^.  C.  No.  849,  Bl.  57/58. 

4)  März  21  für  Thissen  und  Born,  ebenda  Bl.  61—64.  Heidrich,  S.  7. 

5)  Kopie  in  Reg.  C.  No.  849,  BI.  65 — 67.  Die  Bestätigung  erfolgte  unter 
Vorbehalt  des  Heiratevertrages  des  Kurfürsten  mit  Sibylle  und  unter  der  Vor- 
aussetzung, dafi  der  33.  Artikel,  der  sich  gegen  die  Ketzer  richtete,  nicht  gegen 
Gottes  Wort  und  die  Augsburgische  Konfession  gemeint  sei. 

6)  Antwort  der  Fürsten  vom  9.  AprU,  R^.  C.  No.  849,  BL  68 — 75,  Konz, 
mit  eigenh.  Korrektur  des  Landgrafen.  Heidrich,  8.  8.  Vor  „gemeinen 
Ständen“  ist  die  Gesandtschaft  gar  nicht  gewesen.  (Braunschw.  Protokoll  BL  184b.) 


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Bond  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungsluet  1536 — 11.  151 

wort  war  zu  erwarten  gewesen,  und  Johann  Friedrich  hatte  sie  eben 
durch  seinen  Vorschlag  vermeiden  wollen.  Die  jülichsche  Re- 
gierung aber  bewies  schon  damals  dieselbe  Sorglosigkeit,  die  wir 
später  noch  öfter  zu  beobachten  haben  werden.  — 

Für  jetzt  bleiben  wir  noch  bei  dem  Braunschweiger  Tage. 

Es  erklärt  sich  aus  der  Größe  der  antihabsburgischen  Stim- 
mung, von  der  der  Kurfürst  damals  beherrscht  war,  wenn  er  jetzt 
auch  zu  einer  Verbindung  mit  Frankreich  eine  merkwürdige  Bereit- 
willigkeit zeigte.  Wir  sahen  ja,  wie  1535/36  ein  derartiger  Plan 
des  Königs  daran  gescheitert  war,  daß  die  Protestanten  den  Kaiser 
und  das  Reich  auf  jeden  Fall  ausnehmen  wollten  ^).  In  der  nächsten 
Zeit  war  vor  allem  bei  Johann  Friedrich  nicht  die  geringste 
Neigung  vorhanden,  irgendwie  mit  Frankreich  in  Berührung  zu 
kommen,  aus  Rücksicht  auf  seine  Pflichten  gegen  den  Kaiser’), 
ja  noch  im  Herbst  1537  hatte  er  keine  Lust  zu  einem  Bündnis  mit 
Franz*).  Wohl  stand  man  mit  dem  König  jetzt  wieder  in  reger 
Korrespondenz*),  wohl  stimmte  man  etwa  in  der  Konzilsfrage  mit 
ihm  überein,  seine  Religionspolitik  aber  erschien  wenig  einwand- 
frei, und  seine  Verbindung  mit  den  Türken  hielt  man  für  durchaus 
verwerflich.  Höchstens  für  eine  Vermittlung  zwischen  dem  Kaiser 
und  Fiankreich  war  der  Kurfürst  in  dieser  Zeit  zu  haben. 


1)  VergL  8.  73  ff. 

2)  Nicht  einmal  eine  königliche  Rechtfertigungegeeandtschaft  glaubte  er 
empfangen  zu  dürfen  (an  Ldgf.  1536  Aug.  1,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz.). 

3)  Vergl.  etwa  die  Korrespondenz  des  Kf.  mit  Brück  im  Oktober.  Kf.  an 
Brück  Okt.  29,  Reg.  H.  p.  115,  No.  53,  Konz.  Brück  an  Kf.  Okt.  29,  R^.  H. 
p.  123,  No.  54,  Or. 

4)  8ie  ist  schwer  in  Ordnung  zu  bringen.  Ich  verzeichne  folgende  Briefe: 
Franz  an  die  deutschen  Stände  1537  Jan.  22.  Freher-Stru  ve,  III,  8.  375—378. 
An  die  Protestanten  Jan.  25,  Reg.  H.  p.  123,  No.  54,  Or.  Seckendorf,  III, 
8. 150.  [Du  Bellay]  an  die  Protestanten  Jan.  27,  Reg.  H.  ebenda.  Die  Protestanten 
an  den  König  März  5 (später  ist  aber  immer  von  einem  Schreiben  vom  14.  die  Rede), 
C.  R.  III,  309—312 ; März  25,  Reg.  H.  p.  124,  No.  56.  (Uebersendung  der  groQen 
Schrift  über  das  Konzil.)  Der  König  an  die  deutschen  Stände  Mai  7.  Fr  eh  er, 
8.  383—404.  Bourrilly,  S.  248.  An  die  Schmalkaldener  Mai  23.  Freher, 
S.  381  f.  (Antwort  auf  ihren  Brief  vom  5.  März).  An  die  deutschen  Stände 
JnU  31,  Reg.  C.  No.  3 ff.  Freher,  a 378—381.  An  Kf.  und  Ldgf.  Aug.  1, 
Reg.  C.  ebenda  (Antwort  auf  Brief  vom  27.  März  [wohl  = 25.  März]).  Kf.  und 
Ldgf.  an  den  König  Nov.  12,  R^.  H.  p.  142,  No.  66,  Kopie  (Antwort  auf  Brief 
vom  Mai).  Der  Kg.  an  Kf.  und  Ldgf.  1538  Jan.  29,  Reg.  H.  p.  142,  No.  66,  Or. 
(Antwort  auf  Brief  vom  12.  Nov.). 


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152 


Kapitel  II. 


Die  Initiative  zu  weiteren  Verhandlungen  mit  Frankreich  ist 
von  Dänemark  ausgegangen.  Christian  hatte  im  Herbst  1537  Peter 
Schwabe  nach  Frankreich  geschickt  und  den  König  zu  einem 
Bündnis  geneigt  gefunden,  wenn  die  evangelischen  Fürsten  sich 
beteiligten  *).  Die  Mitteilungen,  die  Schwabe  bei  seiner  Rückreise 
den  Führern  des  schmalkadischen  Bundes  machte,  fielen  dort  jetzt 
auf  fruchtbaren  Boden,  sie  setzten  sofort  die  französischen  An- 
erbietungen auf  die  Tagesordnung  der  Braunschweiger  Versamm- 
lung*) und  sandten  selbst  noch  vorher  eine  Gesandtschaft  an  den 
König,  um  ihren  Verbündeten  in  Braunschweig  schon  mit  genaueren 
Mitteilungen  dienen  zu  können.  Die  Instruktion,  die  dieser  aus 
Jobst  von  Hain  und  Basilius  Monner,  Baumbach  und  Thann  be- 
stehenden Gesandtschaft  mitgegeben  wurde,  gibt  uns  ein  gutes 
Bild  von  der  Stimmung  der  Bundeshäupter.  Sie  erklärten  da.  sie 
hätten  bisher  aus  Rücksicht  auf  den  Kaiser  eine  Verbindung  mit 
Frankreich  vermieden,  erkennten  aber  jetzt,  daß  man  sich  in  einer 
ganz  besonderen  Lage  befinde.  Vor  allem  die  Nachricht,  daß  An- 
träge zur  Verbindung  gegen  sie  an  den  König  gelangt  seien,  habe 
sie  erschüttert.  Sie  hätten  keinerlei  Ursache  dazu  gegeben.  Die 
Hauptaufgabe  der  Gesandten  sollte  sein,  genauere  Erkundigungen 
darüber  einzuziehen,  ob  wirklich  derartiges  gegen  sie  im  Werke 
sei.  Sie  brauchten  bestimmte  Nachrichten  darüber,  um  ihi'e  Ver- 
bündeten von  dem  Vorhaben  des  Kaisers  überzeugen  zu  können, 
da  diese  sich  meist  noch  in  dem  Wahne  befänden,  in  dem  sie  sich 
früher  auch  befunden  hätten,  und  derartige  Umtriebe  des  Kaisers 
oder  der  Seinen  gar  nicht  begreifen  könnten*). 

Die  Antwort,  die  die  Gesandten  zurückbrachten,  die  Erklärung 
des  Königs,  daß  er  nicht  nach  Nizza  zur  Zusammenkunft  mit  dem 
Kaiser  und  Papst  gehen  werde  und  daß  er  die  Bündnisanträge  des 
Kaisers  abgelehnt  habe,  sich  vielmehr  mit  den  Protestanten  ver- 
bünden wolle,  hat  aber  doch  noch  nicht  genügt,  um  die  vorsichtigen 
Bundesstände,  vor  allem  die  Städte,  zur  Verbindung  mit  dem  König 


1}  Schäfer,  IV,  S.  448.  Baumgarten,  III,  8.  321.  ÄarsberctD.  IV, 
8.  81  ff. 

2)  P.  C.  II,  468,  No.  491.  492. 

3)  Instruktion  und  Kreditiv  für  die  Qeaandten  vom  5.  Febr.,  Konz.  Reg.  H. 
p.  163,  No.  77.  Die  Instruktion  hat  Banmgarten,  III,  S.  326 f.,  fälschlich 
mit  der  zweiten  Sendung  in  Verbindung  gebracht.  Vergl.  auch  Seckendorf, 
III,  8.  177  f. 


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Bund  u.  Beich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  153 

ZU  bestimmen ').  Die  zweite,  in  Braunschweig  beschlossene  *)  feier- 
lichere Gesandtschaft  an  Frankreich  erging  nur  im  Namen  des 
Königs  von  Dänemark,  des  Kurfürsten  von  Sachsen,  der  braun- 
schweigischen Herzöge  und  des  Landgrafen;  in  Saargemünd  sollte 
sie  ^m  20.  Mai  mit  den  ihr  entgegengeschickten  Gesandten  des 
Königs  Zusammentreffen  ®). 

Die  ihr  mitgegebenen  Schriftstücke  sind  wieder  außerordent- 
lich wertvoll  für  uns,  um  die  Stimmung  des  Kurfürsten  in  jener 
Zeit  kennen  zu  leimen.  Zunächst  ist  sicher,  daß  es  mit  seiner 
vollsten  Zustimmung  geschah,  wenn  sich  die  beteiligten  Fürsten 
jetzt  zu  einem  Bündnis  mit  Frankreich  bereit  erklärten  und 
ihren  Gesandten  sogar  sogleich  genügende  Vollmachten  dazu  mit- 
gaben. Die  Empörung  über  die  österreichisch-burgnndischen  Prak- 
tiken und  vor  allem  die  Bündnisanträge  des  Kaisers  an  den 
König  gaben,  wie  die  Instruktion  der  Gesandten  zeigt,  den  Anlaß 
dazu‘).  Die  Gesandten  durften  dem  Könige,  wenn  er  es  hören 
wollte,  ausführlicher  über  die  habsburgischen  Uebergriffe  in  Deutsch- 
land berichten.  Zu  diesem  Zwecke  gab  ihnen  der  Kurfürst  eine 
von  Brück  entworfene,  von  Melanchthon  ins  Lateinische  übersetzte 
Spezialinstruktion  mit,  die  aufs  deutlichste  zeigt,  was  für  ein  Groll 
gegen  die  Habsburger  sich  in  den  letzten  Jahren  bei  Johann  Fried- 
rich angesammelt  hatte,  und  die  uns  zugleich  über  seine  reichs- 
rechtlichen Anschauungen  aufs  trefflichste  belehrt*). 

Nicht  ganz  im  Einklang  mit  dieser  hier  ausgesprochenen 
Meinung  stehen  die  positiven  Aufträge,  die  die  Gesandten  über  ein 
Bündnis  mit  dem  Könige,  allerdings  ohne  das  Recht,  sie  diesem  vor- 
zulegen, mitbekamen.  Zunächst  fällt  der  rein  defensive  Charakter 


1)  Die  Gesandten  erstatteten  in  Brannschweig  am  30.  März  B^cht,  Reg.  H. 
p.  163,  No.  77.  Seckendorf,  III,  S.  178.  Sonst  liegen  an  Akten  der  Gesandtschaft 
vor  die  Rede,  die  Monner  vor  dem  Könige  am  6.  März  hielt,  und  das  Rekreditiv 
der  Gesandten,  das  wohl  irrtümlich  vom  14.  Februar  datiert  ist.  Reg.  H.  ebenda. 

2)  Nach  Baumgarten,  III,  S.  327  Anm.  am  2.  ApriL 

3)  Die  protestantischen  Fürsten  an  die  französischen  Gesandten  in  Nancy, 
wo  ursprünglich  schon  Mitte  April  die  Zusammenkunft  stattfinden  sollte,  April  5, 
R^.  H.  a.  a O.  Seckendorf,  a a O. 

4)  Die  den  Gesandten  mitgegebenen  Briefe  sind  vom  15.  und  16.  April 
datiert.  Die  Hauptinstruktion  gedruckt  in  den  Aarsberetn.  IV,  S.  98 — 103. 
Konz,  von  der  Hand  Melanchthons  in  Reg.  H.  p.  163,  No.  77.  Vergl.  Baum- 
garten,  III,  S.  324  ff.  Seckendorf,  III,  S.  178. 

5)  Reg.  H.  p.  163,  No.  77.  Vergl.  Aktenstück  No.  10  und  S.  2. 


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154 


Kapitel  II. 


dieses  Bündnisentwurfes  auf,  mehr  noch  wird  man  sich  darüber 
wundern,  daß  die  protestantischen  Fürsten  ihrerseits  nur  die  Ver- 
pflichtung übernehmen  wollten,  bei  keinem  AngriflF  gegen  den  König 
zu  helfen,  von  diesem  dagegen  erwarteten,  daß  er  sie  und  ihre 
Freiheiten  mit  höchstem  Vermögen  schütze  und  zu  diesem  Zweck 
eine  gewisse  Summe  Sonnenkronen  in  einer  deutschen  Stadt  hinter- 
lege, vor  allem  aber  wird  man  mit  Erstaunen  lesen,  daß  auch 
jetzt  noch  Kaiser  und  Reich  ausgenommen  sein  sollten.  Allerdings 
erhielt  diese  Klausel  jetzt  eine  sehr  wesentliche  Einschränkung, 
indem  der  Kaiser  nur  ausgenommen  wurde  „in  Sachen,  die  das 
heilige  Römische  Reich  deutscher  Nation  und  desselbigen  Freiheiten 
belangten“  *)• 

Jedenfalls  lag  es  nicht  an  den  Protestanten,  wenn  diesmal 
nichts  zustande  kam,  sondern  an  der  Unzuverlässigkeit  des  Königs. 
Trotz  seiner  früheren  Erklärung  ging  er  nach  Nizza,  verletzende 
Aeußerungen,  die  er  über  die  Lutherischen  getan  hatte,  wurden 
kolportiert*),  und  wenn  er  auch  brieflich  die  deutschen  Fürsten  zu 
beruhigen  suchte*),  der  Kurfürst  kam  mit  vollem  Rechte  bald  zu 
der  Ueberzengung,  daß"  Franz  ihre  Gesandten  nur  hinziehe,  um 
erst  einmal  den  Verlauf  seiner  Verhandlungen  mit  dem  Kaiser  ab- 
zuwarten ^).  Sehr  schnell  schlug  nun  die  Stimmung  Johann  Fried- 
richs Frankreich  gegenüber  um,  er  bedauerte,  daß  seine  Gesandten 
nicht  schon  wieder  aus  Frankreich  heraus  wären*).  Der  Landgraf 
sah  die  Sache  zunächst  noch  nicht  so  schlimm  an,  er  betrachtete 
als  sicher,  daß  der  König  die  Protestanten  bei  seinem  Vertrag  mit 
dem  Kaiser  ausgenommen  haben  werde,  ging  aber  gern  auf  den 
Vorschlag  des  Kurfürsten  ein,  einen  Boten  nach  Frankreich  zu 
schicken,  um  nähere  Erkundigungen  einzuziehen  ®).  Er  stand  dabei 
schon  unter  dem  Eindruck  eines  Briefes  des  vom  Könige  nach 

1)  Aanberetn.  IV,  S.  103 — 105.  Baumgarten,  III,  S.328f.  Reg.  H.  p.  163, 
No.  77. 

2)  „Wenn  er  mit  den  Türken  ein  Bündnis  habe,  so  sei  das  ebenso  gut,  wie 
wenn  der  Kaiser  die  Lutherischen  im  Reiche  habe.“  Kunz  Gering  aus  Augs- 
burg an  Kf.  Juni  24,  Reg.  C.  No.  378,  Or. 

3)  An  Kf.  Juni  1,  Reg.  H.  p.  203,  No.  93,  ür.  Seckendorf,  III,  8.178. 
An  Ldgf.  Juni  10.  Baumgarten,  III,  S.  329  f.  Verbunden  damit  war  eine 
Sendung  des  Fossanus. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Juli  7,  Reg.  C.  No.  378,  Konz. 

5)  Ebenda. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  9,  Or.  Reg.  C.  No.  378. 


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Band  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  Untemehrnnngsloet  1536—41.  155 

Deutschland  geschickten  Fossanus.  Auch  der  Kurfürst  wurde  durch 
die  Briefe  des  Königs  einigermaßen  beruhigt*),  und  beide  Fürsten 
erteilten  Franz  eine  recht  freundliche  Antwort*). 

Die  Erfahrungen,  die  die  Gesandten  selbst  machten,  haben  aber 
doch  mehr  der  Ansicht  des  Kurfürsten  als  der  des  Landgrafen  ent- 
sprochen. Aus  ihren  Berichten  geht  hervor,  daß  es  nicht  gelang, 
die  Zustimmung  des  Königs  zu  den  protestantischen  Vorschlägen  zu 
gewinnen,  vor  allem  weil  er  nicht  allein  Geld  in  Deutschland  hinter- 
legen wollte,  sondern  verlangte,  daß  die  Protestanten  das  gleiche 
täten.  Vergebens  bemühten  sich  einzelne  der  protestantischen  Ge- 
sandten, für  die  vor  allem  Schwabe  das  Wort  geführt  zu  haben 
scheint*),  ihm  und  seinen  Räten  klar  zu  machen,  daß  die  vor- 
geschlagenen Bündnisbedingungen  durchaus  billig  seien,  da  die 
Gestattung  von  Werbungen  und  die  Verhütung  von  Reichstags- 
beschlüssen viel  für  ihn  wert  seien,  während  den  Protestanten  das 
Geld  des  Königs  mehr  nütze  als  Truppen.  Man  verwies  auch  auf 
die  Verwandtschaft,  die  ihre  jetzigen  Vorschläge  mit  den  einst  von 
du  Bellay  vorgelegten  hätten,  gab  eine  interessante  Erläuterung  zu 
dem  Artikel  über  die  Ausnehmung  des  Kaisers  und  schloß  mit  der 
pathetischen  Erklärung,  daß  man  auch  ohue  die  Hilfe  des  Königs 
nicht  verzweifeln,  sondern  die  Verteidigung  der  deutschen  Freiheit 
bis  aufs  äußerste  fortsetzen  werde*). 

Gewiß  waren  ja  die  Bündnisartikel  der  Protestanten  nun  etwas 
naiv,  aber  es  war  anch  nicht  möglich,  Gegenvorschläge  des  Königs 
zu  erhalten,  auch  auf  anderen  Gebieten,  wie  in  der  Konzilsfrage, 
gab  es  Differenzen,  und  wenn  auch  der  König  über  sein  Verhältnis 
zum  Kaiser  immer  wieder  die  besten  Erklärungen  abgab  und  be- 
hauptete, daß  auch  dieser  in  der  Religioussache  nichts  gegen  die 
Protestanten  tun  werde,  wenn  er  auch  das  Scheitern  der  Ver- 
handlungen den  „difficult^s“  Schuld  gab,  die  die  Gesandten  gemacht 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Juli  11,  Reg.  H.  p.  163,  No.  77,  Koni. 

2)  Juli  13,  vergl.  P.  C.  II,  507,  Änm.  3.  Konz.  Reg.  H.  a.  a.  O. 

3)  Eline  Rede  des  Gesandten  an  den  König  vom  1.  Juli  aus  Marseille  von 
Schwabes  Hand  in  Aarsberetn.  IV,  8.  III  ff.  In  ihr  wird  die  Vorgeschichte 
der  Gesandtschaft  rekapituliert,  die  Wichtigkeit  der  Erhaltung  der  deutschen 
Freiheit  für  den  König  betont,  ein  Bündnis  empfohlen.  Bestimmte  Vorschläge 
dafür  werden  noch  nicht  gemacht.  VergL  ebenda  S.  121. 

4)  Eine  Rede  der  Gesandten  vom  24.  Juli  aus  Lyon  von  der  Hand  Melan- 
chthons  in  Reg.  H.  p.  163,  No.  77,  Aktenstück  No.  14.  Vergl.  Beckendorf,  III, 
8.  179. 


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156 


Kapitel  II. 


hätten  ‘),  die  Art,  wie  man  diese  behandelte  und  hinzog,  war  doch 
derart,  daß  wir  die  Entrüstung  des  Kurfürsten  begreifen  werden  *). 
Er  faßte  seine  Eindrücke  dahin  zusammen,  daß  die  Aufnahme  und 
Bewillkommnung  der  Gesandten  beim  Könige  besser  gewesen  sei 
als  die  Abfertigung,  daß  also  das  Gemüt  des  Königs  wohl  durch  die 
Zusammenkunft  mit  dem  Kaiser  geändert  worden  sei.  Er  schloß 
daraus  feiner,  daß  zwischen  diesem  und  Franz  ein  „sonderlicher 
geheimer  Verstand“  aufgerichtet  sei,  uud  auch  einige  Worte  aus 
dem  Vertrage  zwischen  ihnen,  auf  die  der  König  hingewiesen  hatte, 
schienen  ihm  verdächtig  und  sogar  eine  Unterstützung  des  Kaisers 
durch  den  König  möglich  zu  machen,  eine  Befürchtung,  die  der 
Landgraf  wohl  mit  Recht  für  übertrieben  erklärte®). 

Bei  Johann  Friedrich  haben  die  Erfahrungen  von  1538  einen 
gewissen  Stachel  zurückgelasseu,  der  ihm  wohl  hie  und  da  in  den 
nächsten  Jahren  einen  Bund  mit  Frankreich  erschwert  hat.  Er  hat 
später  oft  auf  die  diesmalige  Haltung  des  Königs  verwiesen.  Es 
scheint  aber,  als  habe  dieser  Groll  sich  erst  nach  und  nach  so  stark 
in  ihm  festgesetzt;  im  Herbst  15.38  ging  er  doch  ganz  bereitwillig 
auf  den  Vorschlag  des  Landgrafen  ein,  die  Verhandlungen  durch 
die  Vermittlung  Wilhelms  von  Fürstenberg,  der  sich  schon  seit  dem 
Anfang  des  Jahres  um  den  Bund  der  Protestanten  mit  dem  Könige 
bemühte,  fortzusetzen;  trotz  mancher  Ansätze  ist  aber  auch  auf 
diesem  Wege  schließlich  nichts  erreicht  worden ‘).  — 


1)  Der  Kg.  an  die  Protestanten  Aug.  11,  Reg.  H.  p.  163,  No.  77,  Or. 

2)  Der  Qceamtbcricht  der  Protestanten,  der  bis  zum  12.  August  reicht,  ebenda, 
Or.  Zergliedert  bei  Seckendorf,  III,  8.  178  f.  Gedruckt  Aarsberetn.  IV, 
S.  118—129. 

3)  Kf.  an  Wilh.  von  Jülich  Sept.  17,  Reg.  C.  No.  853,  Konz.  An  Ldgf. 
von  demselben  Tage,  Reg.  H.  p.  207,  No.  94,  Konz.  Baumgarten,  111,  S.  337 
Anm.  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  25,  Reg.  H.  a.  a.  O.,  Or. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Sept  25.  Vergl.  die  vorige  Anm.  Beilage  dazu  Kopie  eines 
Briefes  des  Pfalzgrafen  Ruprecht  an  Ldgf.  vom  16.  Sept  über  günstige  Erklärungen 
Fürstenbergs.  Kf.  an  Ldgf.  Okt  2,  Reg.  H.  p.  207,  No.  94,  Konz.  Ldgf.  an 
Kf.  Okt.  19,  Reg.  C.  No.  854,  Bl.  29,  Or.;  Nov.  20,  ebenda  Bl.  76—78,  Or.  Kf. 
an  Ldgf.  Nov.  22,  Bl.  83.  Kf.  und  Ldgf.  an  W.  v.  Fürstenberg,  ebenda, 
Bl.  98 — 102,  Konz.  (Sie  müssen  erst  wissen,  wessen  sie  sich  von  Frankreich  zu 
versehen  haben,  che  sie  zu  weiteren  Verhandlungen  die  Hand  bieten  können.) 
Ldgf.  an  Kf.  Dez.  3,  ebenda  Bl.  114,  Or.  lieber  die  frühere  Tätigkeit  Fürsten- 
bergs vergl.  P.  C.  II,  464  ff.  468.  Klein  Wächter,  S.  36  Anm.  Instruktion  des 
Kf.  für  Hain  und  Baumbach  an  Fürstenberg  Mai  1,  Reg.  H.  p.  163,  No.  77. 
Der  Graf  arbeitete  immer  auch  für  die  Aufnahme  Lothringens  io  den  schmal- 


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Bund  n.  Reich:  Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Untemehmungalust  1536 — 41.  157 

Zu  einem  ähnlichen  Mißerfolge  führten  um  dieselbe  Zeit  auch 
die  Verhandlungen  der  Protestanten  mit  Heinrich  VIII.  von  Eng- 
land. Auch  sie  waren  gerade  in  der  Zeit  der  Braunschweiger 
Tagung  wieder  aufgenommen  worden. 

Wir  sahen  früher,  wie  die  so  hoffnungsvolle  Verhandlung  von 
153.’i/36  durch  den  Umschwung  der  Dinge  in  England  im  Sande 
verlaufen  war*).  Die  Protestanten,  vor  allem  die  beiden  Bundes- 
häupter haben  sich  aber  dadurch  doch  nicht  dauernd  von  dem 
Gedanken  einer  Verbindung  mit  England  abbringen  lassen.  Die 
in  Schmalkalden  1537  beschlossene  große  Denkschrift  über  das 
Konzil  allerdings  haben  sie  dem  König  in  einer  etwas  formlosen 
Weise  zugeschickt*),  sie  waren  aber  sofort  bereit,  ihn  um  Ent- 
schuldigung zu  bitten,  als  sie  hörten,  daß  er  sich  dadurch  verletzt 
fühle®),  ja  sie  schlugen  ihm  nun  ihrerseits  eine  gemeinsame  Be- 
ratung über  die  Konzilsfrage,  aber  auch  über  die  Lehre  vor  und 
baten  ihn,  ihnen  seine  Ansicht  darüber  mitzuteilen,  damit  sie 
eventuell  auf  dem  nächsten  Bundestag  eine  Gesandtschaft  an  ihn 
beschließen  könnten*).  Heinrich  ging  bereitwillig  auf  diesen  Vor- 
schlag ein.  Er  lobte  in  seiner  Antwort  vom  2.  Januar  1538  die 
Stellungnahme  der  Protestanten  in  der  Konzilsfrage  und  kündigte 
ihnen  eine  Gesandtschaft  an,  die  sie  näher  über  seine  Ansichten 
unterrichten  könne.  Sie  selbst  möchten  dann  Leute  mit  ge- 
nügender Vollmacht  zum  Abschluß  senden®).  Die  angekündigte 
Gesandtschaft  bestand  in  der  Person  des  Christoph  Mont,  und  er 
ist  nun  eben  recht  zu  der  Braunschweiger  Versammlung  ein- 
getroffen und  hat  am  17.  April  Vortrag  gehalten.  Er  berichtete 
seiner  Instruktion  entsprechend  über  die  Tätigkeit  seines  Monarchen 
für  die  Verbreitung  des  Evangeliums  und  für  die  Befreiung  seines 
Volkes  von  Rom,  stellte  die  Aussicht  auf  eine  Einigung  in  der 

kaldischen  Bund.  Vier  Briefe  Fürstenbcrgs  an  die  protestantiechen  Gesandten  in 
Frankreich  in  Aarsberetn.  IV,  B.  108  f. 

1)  Vergl.  B.  79  ff. 

2)  Durch  einen  Hamburger  Schiffsmann. 

3)  Er  antwortete,  indem  er  einfach  seinen  Druck  über  das  Konzil  über- 
sandte. Vergl.  Bucer  an  Cranmer  Okt.  23,  L.  a.  P.  XII,  2,  No.  969,  8.  338. 
Ldgf.  an  Kf.  (ca.  Nov.),  Reg.  H.  p.  137,  No.  64,  ür.  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  15,  Konz, 
ebenda,  Or.  in  P.  A.  Sachsen,  Ernest.  Linie,  1538. 

4)  Kf.  und  Ldgf.  an  den  Kg.  1537  Nov.  14,  C.  R.  III,  448  ff. 

5)  Reg.  H.  p.  156,  No.  76,  Or.  Nach  englischer  Sitte  1.537  datiert,  daher 
von  Seckendorf,  III,  8.  179 f.,  irrtümlich  ins  Jahr  1537  verlegt  Ich  finde 
wenigstens  keinen  Brief  vom  2.  Jan.  1537. 


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158 


Kapitel  II. 


Lehre  zwischen  ihm  und  den  deutschen  Protestanten  als  sehr  groß 
hin,  sprach  sich  sehr  entschieden  gegen  das  Konzil  aus,  bat  um 
Auskunft  über  den  schmalkaldischen  Bund  und  forderte  schheßlicb 
zur  Absendung  der  früher  angekündigen  feierlichen  Gesandtschaft 
unter  Beteiligung  Melanchthons  auf‘). 

Die  Protestanten  waren  im  ganzen  über  diese  Mitteilungen  sehr 
erfreut,  hielten  es  dann  aber  doch  für  ratsam,  der  großen  Ge- 
sandtschaft eine  kleinere  vorhergehen  zu  lassen,  um  die  Arbeit 
jener  vor  allem  auf  dem  Gebiete  der  Lehre  zu  erleichtern  *).  Ueber- 
raschend  schnell,  schon  am  11.  Mai,  wurde  dieser  Gedanke  aus- 
geführt. Der  Sachse  Burchard,  der  Hesse  Boyneburg  und  von 
Theologen  Myconius  wurden  dafür  ausersehen.  Als  Grund,  weshalb 
die  stattliche  Gesandtschaft  jetzt  noch  nicht  erfolgen  könne,  gaben 
die  Protestanten  an,  daß  sie  ihre  Gelehrten  jetzt  nicht  entbehren 
könnten,  weil  möglicherweise  weitere  Aufforderungen  wegen  des 
Konzils  an  sie  ergehen  könnten.  Die  jetzt  gesandten  Räte  hatten 
den  Auftrag,  die  Stellung  der  Protestanten  dem  Konzil  gegenüber 
klarzulegen,  den  König  über  ihre  Beziehungen  zu  Dänemark  und 
Frankreich  zu  unterrichten  und  ihm  dann  den  Inhalt  ihres  Bünd- 
nisses unter  Betonung  seines  defensiven  Charakters  mitzuteilen. 
Die  Gesandten  durften  dabei  sogar  schon  von  der  in  Braunschweig 
erörterten  Ausdehnung  des  Bundes  auf  weltliche  Sachen  sprechen. 
Ferner  sollten  sie  auf  die  Gefahr  hinweisen,  die  eine  Nieder- 
werfung der  deutschen  Protestanten  auch  für  den  König  haben 
würde,  und  dadurch  den  Uebergang  gewinnen  zu  der  Bitte  um 
finanzielle  Unterstützung  des  Bundes  durch  den  König.  In  An- 
knüpfung an  den  Brief  Heinrichs  vom  2.  Januar  sollte  dieser  end- 
lich noch  gebeten  werden,  den  Gesandten  seine  .Ansichten  über 
die  Religion  und  das  Konzil  mitzuteilen. 

Aehnlich  wie  den  nach  Frankreich  gehenden  Gesandten  hat 
Johann  Friedrich  auch  der  Gesandtschaft  an  Heinrich  eine  Spezial- 
instmktion  mitgegeben,  die  sogar  vor  dem  hessischen  Vertreter 
geheim  gehalten  werden  sollte.  Man  sieht  allerdings  nicht  ein, 

1)  Kredenz  für  Mont  vom  25.  Febr.  1537  (1538),  Reg.  H.  p.  156,  No.  76,  Or. 
Beckendorf,  III,  S.  ISO.  Merriman,  I,  S.  2.39.  L.  a.  P.  XIII,  1,  No.  352, 
8.  122.  Seine  Inatruktion  vom  28.  Febr.  ebenda  No.  367,  S.  126.  Sdne  Werbung 
vom  17.  April  in  Reg.  H.  p.  165,  No.  78,  Kopie. 

2)  Die  Antwort  der  Protestanten  L.  a.  P.  No.  648,  8.  248  f.  Reg.  H.  p.  15(i, 
No.  76,  Konz. 


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Rund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmangsluet  1536 — 41.  159 

warum  gerade  die  Mitteilungen  über  die  mancherlei  Uebergriffe  des 
Hauses  Habsburg  vor  dem  landgräflichen  Gesandten  verschwiegen 
bleiben  sollten.  Vielleicht  geschah  es  deshalb , weil  eine  Er- 
innerung an  den  einstigen  Plan  einer  Wahl  Heinrichs  zum  deutschen 
König  daran  geknüpft  werden  sollte.  Die  Instruktion  empfahl  den 
Gesandten  ferner  der  Geheimhaltung  wegen  die  größte  Vorsicht 
und  gab  ihnen  einige  Winke  für  etwaige  Bündnisverhandlungen 
mit  dem  König.  Vor  allem  sollten  sie  zu  erfahren  suchen,  ob 
dieser  für  die  Erlegung  einer  Geldsumme  eine  Gegenleistung  ver- 
langen würde  und  was  für  eine.  Der  Kurfürst  wünschte  eine 
solche,  wo  möglich,  ganz  zu  vermeiden,  hielt  jedenfalls  für  aus- 
geschlossen, daß  man  ebensoviel  leiste,  wie  der  König. 

Der  eigentliche  Hauptzweck  dieser  ganzen  ersten  Sendung 
kommt  aber  wohl  im  letzten  Abschnitt  der  kursächsischen  In- 
struktion zutage,  in  dem  die  Gesandten  Weisungen  erhalten  für 
ihre  Verhandlungen  mit  Heinrich  über  die  religiösen  Dinge.  Der 
Kurfürst  ordnete  an,  daß  sie  dabei  die  Artikel,  auf  die  man 
sich  1536  in  Wittenberg  geeinigt  hatte,  zugrunde  legen  sollten. 
Es  kam  darauf  an,  die  volle  Zustimmung  des  Königs,  auch  zu  den 
damals  streitigen  4 .Artikeln  vom  Abendmahl,  von  der  Priesterehe 
etc.,  zu  gewinnen  oder  wenigstens  seine  Ansicht  darüber  zu  er- 
fahren und  mit  ihm  darüber  zu  diskutieren.  Die  spätere  größere 
Gesandtschaft  sollte  dann  eventuell  das,  was  unerledigt  blieb,  weiter 
erörtern.  Einigung  in  diesen  Dingen  sei  ja  Bedingung  für  ein 
gemeinsames  Auftreten  auf  dem  Konzil*). 

Diese  Religionsangelegenheiten  haben  dann  offenbar  auch  in 
England  den  Hauptgegenstaud  der  Verhandlungen  gebildet.  Die  Ge- 
sandten haben  wohl  in  den  beiden  Audienzen,  die  der  König  ihnen 
schon  im  Juni  gewährte,  auch  die  anderen  Punkte  ihrer  Instruktion 
vorgetragen,  Verhandlungen  darüber  aber  haben  kaum  stattgefundeu. 
Beide  Teile  waren  eben  darin  einig,  daß  die  Uebereinstimmung  in 
der  Lehre  Voraussetzung  jeder  Gemeinsamkeit  in  anderen  Dingen 
sei.  Der  König,  der  ja  viel  Sinn  für  religiöse  Disputationen  hatte, 
gab  daher  den  drei  deutschen  Gesandten  drei  englische  Protestanten 

1)  Auszug  aus  der  Instniktion  tu  L.  a.  P.  XIII,  I,  S.  249,  No.  649.  Vergl. 
Seckendorf,  III,  S.  180  nach  Reg.  H.  p.  165,  No.  78.  Dort  auch  die  kur- 
fürstliche Beünstruktion.  Vergl.  Akteost.  No.  12.  Dazu  gehört  ein  Bericht  über 
die  Uebergriffe  dee  Kaisers  von  Burchards  Hand  vom  10.  Mai.  Auszug  aus 
dem  für  Frankreich  bestimmten  Exemplar,  Reg.  H.  p.  198,  No.  91. 


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160 


Kapitel  II. 


bei  und  ließ  sie  dann  unter  dem  Vorsitz  eines  Mittlers  gegen 
sechs  englische  Katholiken  unter  Zugrundelegung  der  W'ittenberger 
Artikel  von  1536  disputieren.  Die  deutschen  Gesandten  haben 
dabei  anfangs  den  Eindruck  gehabt,  daß  man  vortrefflich  vorwärts 
käme,  erst  Ende  Juli  trat  eine  Stockung  ein,  und  besonders  die 
„Mißbräuche“  brachten  dann  die  Verhandlungen  gänzlich  zum 
Scheitern.  Es  kam  über  diese  nicht  nur  mit  den  englischen 
Bischöfen  zu  heftigen  Streitigkeiten,  die  Ansichten,  die  die  Deutschen 
über  das  Abendmahl,  die  Privatmesse  und  die  Priesterehe  in  einer 
Denkschrift  aussprachen,  stießen  auch  beim  Könige  selbst  auf  ent- 
schiedenen Widerspruch.  Es  war  jedoch  weniger  die  Ueberzeugung 
von  der  Aussichtslosigkeit  der  Verhandlungen,  als  eine  gewisse 
Müdigkeit  und  Heimatssehnsucht,  die  die  protestantischen  Gesandten 
veranlaßten,  immer  entschiedener  um  ihre  Verabschiedung  zu  bitten 
und  schließlich  heirazureisen ').  Ihre  Stimmung  war  auch  damals 
noch  sehr  optimistisch*),  auch  englische  Stimmen  lauten  durchaus 
nicht  hoffnungslos*),  und  selbst  Johann  Friedrich  äußerte  am 
6.  November,  daß  die  Kosten  der  Gesandtschaft  nicht  vergeblich 
aufgewandt  worden  wären,  „dieweil  die  K.  W.  zu  Engellaudt,  als 
wir  vermerken,  zu  den  Sachen  der  religion  geneigt  und,  ob  got  wil, 

1)  MUa  (er  war  io  Privatangelegcnheitcu  in  England)  und  Burchard  an  Kf. 
Juni  1.  10.  18,  Reg.  H.  p.  150,  No.  76,  Or.  Bericht  Burcharde  vom  2.  und 
Rede,  die  er  an  diesem  Tage  vor  dem  Könige  hielt.  Reg.  H.  p.  165,  No.  78. 
Myconius  an  Kf.  Juni  18,  Reg.  H.  p.  156,  No.  76,  Or.,  an  Brück  Juni  19,  ZKG. 
V,  165 f.  Rekroditiv  für  Mila  Juni  22,  Iteg.  H.  p.  1.56,  No.  76,  Or.  Burchard 
und  Boyneburg  an  Heinrich  VIII.  Juli  25,  Reg.  H.  p.  165,  No.  78,  Konz. 
Briefe  an  Cromwell  ebenda.  Burchard  an  Kf.  Juli  27,  Reg.  H.  p.  156,  No.  76,  Or. 

L.a.P.  XIII,  1,  No.  1176,  S.  437  (Jenkina,  I,  S.248f.).  No.  1306,  S.481. 
No.  1307.  1308;  XIII,  2,  No.  166,  S. 65.  Andere  vielleicht  zu  den  Verhandlungen 
gehörige  Stücke  in  R^.  H.  p.  165,  No.  78.  Die  Oes.  an  den  Kg.  Aug.  5,  ebenda, 
Konz.  (L.  a.  P.  XIII,  2,  No.  37.  Collier,  II,  S.  143 ff.).  Oanmer  an  Crom- 
well Aug.  18.  23.  L.  a.  P.  XIII,  2,  No.  126,  S.  45.  No.  164,  S.  64f.  Jenkina, 
I,  S.  260 ff.  263 ff.  Todd,  I,  S.  250f.  252 f.  Myconiu«  an  Kf.  Aug.  23.  Burchard 
an  Kf.  Aug.  23,  Reg.  H.  p.  15<i,  No.  76,  Hdbf.  Chapuv.s  und  Mendoza  an 
Karl  V.  Aug.  31,  L.  a.  P.  XIII,  2,  No.  232,  8.  91.  Heinrich  VIII.  an  die  Gea. 
L.  a.  P.  XIII,  2,  No.  165,  8.  65.  Collier,  II,  8.  145—149  und  aonat.  Die  Gea. 
an  Cromwell  SepL  6,  Reg.  H.  p.  165,  No.  78,  Konz.  Myconiua  an  Cromwell 
Sept,  7,  L.  a.  P.  XIII,  2,  No.  298,  8.  118.  Partridge  an  Bullinger  Sept.  17, 
ebenda  No.  373,  8.  146. 

2)  Melanchthon  an  Veit  Dietrich  Nov.  1,  C.  R.  III,  602.  Bericht  der  Gea. 
[nach  Nov.  6J,  Reg.  H.  p.  165,  No.  78. 

3)  Cranmer  an  Kf.  Sept  26,  ebenda.  Seckendorf,  III,  8.  180. 


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Bond  n.  Reich ; Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  üntemehmangBlaBt  1536 — 41.  161 

in  kurz  mit  uns  genzlich  einig  sein  wirdet“  *).  So  mag  Merriman 
recht  haben,  wenn  er  meint,  daß  nicht  die  religiösen  Differenzen 
den  Bund  hinderten,  sondern  die  geänderte  Weltlage,  die  dem 
Könige  die  Aufnahme  seiner  alten  Vermittlungspolitik  zwischen 
dem  Kaiser  und  Frankreich  ermöglichte.  Heinrich  überzeugte  sich 
davon,  daß  der  Kaiser  tatsächlich  gegen  die  Türken  und  nicht 
gegen  ihn  rüste  und  daß  er  daher  vorläufig  nicht  gefährdet  sei*).  — 

Die  Weltlage  und  die  Türkengefahr  blieben  natürlich  auch  auf 
die  Stimmung  und  Politik  der  Protestanten  im  Sommer  15.38  nicht 
ohne  Einfluß.  Unmittelbar  nach  dem  Braunschweiger  Tage  waren 
sie  ja  voll  von  Befürchtungen  gewesen,  und  das,  was  sie  über  die 
Schritte  der  Gegner,  vor  allem  über  die  von  Held  betriebenen 
Bundesverhandlungen  hörten,  hatte  ihre  Sorge  vermehrt®).  Ge- 
legentlich war  wohl  schon  von  Rüstungen  die  Rede®),  doch  war 
keiner  von  ihnen  wirklich  kriegerisch  gesinnt,  auch  der  Landgraf 
nicht®).  Es  würde  ein  falsches  BUd  geben,  wenn  man  sich  etwa 
diesen  in  dieser  Zeit  als  den  Vertreter  einer  energischen  Aktions- 
politik dächte  und  Johann  Friedrich  als  den  bedenklichen  und  vor- 
sichtigen Wirker  für  den  Frieden.  Beide  waren  darin  einig®),  daß 
man  nicht  angreifen  dürfe,  nur  in  gewissen  Einzelfällen,  wie  in  der 
Frage  der  Unterstützung  des  Bischofs  von  Münster  gegen  den 
Grafen  von  Oldenburg,  vertrat  der  Landgraf  eine  freiere  und  ent- 
schiedenere Anschauung  als  der  Kurfürst  *).  In  den  großen  Haupt- 

1)  An  Ldgf.  Reg.  H.  p.  214,  No.  96,  Konz. 

2)  Merriman,  I,  S.  240. 

Vergl.  vor  allem  da«  Stück  in  P.  C.  II,  No.  498. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  18,  Reg.  H.  p.  201,  No.  92,  Or.  Er  riet,  daß  der  Kf. 
in  seinen  Landen  allenthalben  aufbiete,  damit  man  im  Fall  der  Not  schnell  zu 
Häuf  kommen  könne. 

5)  Seckendorf,  III,  S.  173  übertreibt  in  dieser  Beziehung.  Von  Rüstungen 
des  Ldgf.  ist  auch  in  P.  A.  No.  493 — 495  nichts  zu  merken.  Vergl.  ferner  Ldgf. 
an  Kf.  Mai  2 und  5,  Reg.  H.  p.  218,  No.  97,  Or.,  Mai  16,  Reg.  H.  p.  198,  No.  91, 
Or.  Einen  etwas  kriegerischeren  Ton  schlügt  Philipp  allerdings  Straßburg  gegen- 
über Mai  19  an,  P.  C.  II,  S.  493  f. 

6)  Vergl.  etwa  Ldgr.  an  Kf.  Mai  12  und  22.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  16,  Reg.  H. 
p.  201,  No.  92.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  10,  Reg.  fl.  p.  218,  No.  97,  Or.  P.  A.  Sachsen, 
Emestin.  Linie,  1538.  Banmgarten,  III,  S.  333  f.  Dieser  Brief  bringt  die  Auf- 
fassung des  Kf.  wohl  am  beeten  zum  Ausdruck.  Siehe  Aktenst.  No.  11.  Ldgf. 
an  Kf.  Mai  16,  Reg.  H.  p.  198,  No.  91,  Or. 

7)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  23,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  27,  Konz,  R^.  fl.  p.  201 , 
No.  92.  Ldgf.  an  Kf.  Juni  1,  ebenda  p.  198,  No.  91.  Or.  Vergl.  Franz  Fischer, 
S.  26  ff. 

Hciträas  mr  Deueren  Geschichte  Thüringens  I,  3.  11 


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162 


Kapitel  II. 


fragen  aber  glaubte  man  zunächst  und  in  erster  Linie  durch  Ver- 
handlungen wirken  zu  müssen,  durch  diese  suchte  man  sich  auch 
Klarheit  über  die  Lage  zu  verschaffen,  und  es  ist  doch  nicht  ohne 
eine  gewisse,  seiner  allgemeinen  Stellung  in  diesem  Sommer  ent- 
sprechende Großzügigkeit,  wenn  wir  da  den  Kurfürsten  in  Kor- 
respondenz treten  sehen  mit  Herzog  Wilhelm  von  Bayern  *),  wenn 
er  durch  eine  erneute  Sendung  Heinrich  Pflugs  Klarheit  über  die 
Größe  der  Türkeugefahr  zu  gewinnen  suchte  ‘),  und  wenn  er  endlich 
auch  die  Zusammenkunft  des  Kaisers,  des  Papstes  und  des  Königs 
von  Frankreich  in  Nizza  durch  Kunz  Gering  beobachten  ließ*). 

Bald  trat  dann  unter  dem  Einfluß  von  neuen  Hilfsgesuchen 
Ferdinands*)  die  Frage  der  Türkenhilfe  in  den  Vordergrund  des 
Interesses.  Konsequenter  als  manche  andere  Bundesstände*)  hielt 
Johann  Friedrich  ihr  gegenüber  an  dem  stets  von  ihm  vertretenen 
und  auf  den  letzten  Bundestagen  angenommenen  Standpunkte  fest, 
daß  man  nur  nach  Gewährung  eines  beständigen  Friedens  und  auf 
einem  Reichstag  die  Hilfe  bewilligen  könne.  Die  Verwandlung 
des  Reichs  in  eine  erbliche  Monarchie,  wie  die  Habsburger  sie 
erstrebten,  erschien  ihm  schlimmer  als  die  Eroberung  der  öster- 
reichischen Erblande  durch  die  Türken.  Nach  seiner  Ansicht  war 
den  Bundesständen  durch  die  schmalkaldischen  und  Braunschweiger 


1)  Der  Kf.  benutzte  einen  gänzlich  unpoIitiBchm  Brief  Herzog  Wilhelms 
vom  27.  März,  um  diesem  am  11.  Mai  über  die  Befürchtungen  der  Protestanlen 
zu  berichten  und  ein  gemeinsames  Vorgehen  zur  Verhütung  von  Uneinigkeit  zu 
empfehlen.  Der  Hz.  verwies  darauf  am  27.  Mai  auf  die  Gerüchte  von  kriege- 
rischen Absichten  der  Protestanten,  setzte  in  der  nächsten  Zeit  die  Korrespondenz 
aber  in  recht  freundschaftlicher  Weise  fort.  Stumpf,  § ö7,  S.  210f.,  er  datiert 
den  Brief  des  Kf.  irrtümlich  auf  den  11.  März.  Reg.  H.  p.  223,  No.  101.  Vergl.  ^ 
auch  Baumgarten,  111,  S.  334.  Besonders  friedli^  Wilhelms  Brief  vom  1.  JuU, 
Reg.  H.  a.  a.  O. 

2)  Instruktion  für  Pflug  vom  20.  Mai  1538,  Reg.  B.  Na  1631.  Ebenda 
die  Empfehlungsbriefe  für  ihn  nach  Polen  und  Ungarn.  Johann  Zapolya  an  Kf. 
Juli  21,  ebenda.  Er  gab  jetzt  die  Türkengefahr  zu. 

3)  Kf.  an  Gotzmann  Mai  2,  Reg.  H.  p.  187,  No.  86,  Or.  Gering  berichtet 
am  30.  hXai  aus  Augsburg,  am  24.  Juni  aus  Genua,  am  19.  Juli  wieder  aus 
Augsburg,  sandte  mit  diesem  letzten  Briefe  Kopie  des  Vertrages  zwischen  dem 
Kaiser  und  Frankreich,  Reg.  C.  No.  378. 

4)  Der  Kf.  selbst  erhielt  keins,  der  Ldgf.  übersandte  ihm  das  an  ihn  ge- 
richtete vom  23.  April  am  21.  Mai.  Reg.  H.  p.  175,  No.  82. 

5)  Selbst  der  Ldgf.  schwankte,  hielt  sowohl  die  Gewährung  da:  Hilfe  wie 
ihre  Ablehnung  für  bedenklich.  Ebenda. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmungelust  1536 — 41.  X03 

Beschlüsse  eigentlich  ihre  Haltung  zur  Genüge  vorgeschrieben,  doch 
hatte  er  schließlich  auch  nichts  dagegen,  daß  man  die  Frage  auf 
einer  Bundesversammlung  noch  einmal  bespräche  *).  Die  Eisenacher 
Zusammenkunft  im  Juli  1538  ist  die  Folge  dieser  Erwägungen  ge- 
wesen. 

Man  hatte,  als  sie  stattfand,  die  Genugtuung,  wenigstens  einen 
Erfolg  der  bisherigen  protestantischen  Politik  verzeichnen  zu 
können.  Die  Habsburger  hatten  sich  genötigt  gesehen,  eine  der 
protestantischen  Forderungen  zu  erfüllen  und  zu  Friedensverhand- 
lungen  die  Hand  zu  bieten,  resp.  auf  ein  derartiges  Anerbieten 
des  Kurfürsten  von  Brandenburg  einzugehen.  Joachim  verwies  ja, 
als  er  Anfang  Juni  auch  an  Johann  Friedrich  herantrat,  direkt  auf 
dessen  Gedanken,  daß  ohne  einen  beständigen  Frieden  Türken- 
hilfe nicht  möglich  sei,  war  allerdings  der  Meinung,  daß  man  die 
Hilfe  schon  leisten  könne,  wenn  auch  erst  die  Vermittlung  des 
Friedens  in  Gang  gekommen  sei’).  Die  Antwort  Johann  Fried- 
richs zeigt,  daß  er  trotz  des  Gutachtens  Luthers  an  dem  Stand- 
punkt, den  er  bisher  eingenommen  hatte,  festhielt.  Noch  besser 
können  wir  uns  über  seine  Anschauungen  ans  dem  Bericht,  den  er 
dem  Landgrafen  sandte,  unterrichten.  Der  Friede,  wie  er  ihn  vor 
Leistung  der  Türkenhilfe  forderte,  war  danach  ein  Friede,  der  auch 
durch  ein  Konzil  nicht  aufgehoben  wurde  und  der  sich  erstreckte 
auch  auf  die  nicht  im  Nürnberger  Frieden  genannten  Protestanten®). 
Natürlich  hatte  aber  der  Kurfürst  den  Gesandten  Joachims  nur 
eine  vorläufige  .\ntwort  geben  können,  indem  er  gmndsätzlich 
dessen  Vermittlung  annahm,  alles  Weitere  mußte  den  Einungs- 
verwandten Vorbehalten  bleiben.  Immerhin  empfahl  der  Kurfürst 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Mai26,  Reg.  H.  p.  175,  No.82.  Seckendorf,  III,  S.  175, 
Datom  nach  dem  Or.  in  Marbnrg.  Siehe  Äktenet.  No.  13.  Ganz  ähnlich  schrieb 
der  Kf.  am  28.  Mai  an  Hans  Ungnad,  Reg.  B.  No.  1631,  Konz.  Immerhin  liefl  der 
Kf.  damals  durch  Brück  die  Wittenberger  Theologen  um  ein  Gutachten  über  die 
Tfirkenhilfe  bitten  (Mai  26 — 29,  Kf.  an  Brück,  R^.  H.  p.  391,  No.  148,  Konz.), 
das  hatte  dann  Luthers  «theologisches*  und  allerdings  sehr  wenig  politisdtee  Be- 
denken Tom  29.  Mai  zur  Folge.  Erl.  55,  S.  202  ff.  Brück  an  Kf.  Mai  30,  Reg.  H. 
p,  175,  No.  82,  Hdbf. 

2)  Instruktion  Joachims  für  Schlieben  vom  3.  Juni,  Reg.  H.  p.  221,  No.  99. 
Vergl.  Seckendorf,  III,  S.  175.  Sleidan,  II,  8.  126ff.  P.  C.  II,  499,  1. 
Rosenberg,  8.  45.  N.  B.  IV,  8.  469,  1. 

3)  Antwort  des  Kf.  vom  5.  Jiui,  Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  II,  Kopie.  Vergl. 
P.  C.  II,  499, 1.  Kt  an  Ldgf.  Juni  7,  Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  BL  15-21.  Or.  in  P.  A. 

11* 


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164 


Kapitel  II. 


dem  Landgrafen,  daß  sie  beide  doch  schon  jetzt  dem  Branden- 
burger eine  bestimmte  Erklärung  über  die  Türkenhilfe  für  den 
Fall  des  Zustandekommens  des  Friedens  abgäben , damit  jener 
dem  König  etwas  Tröstliches  melden  könne.  Philipp  trug  diesem 
Vorschlag  Rechnung,  indem  er  ein  Schreiben  entwarf,  das  sie 
gemeinsam  an  den  Brandenburger  senden  sollten.  Nach  nicht 
sehr  wesentlicher  Kürzung  durch  den  Kurfürsten  ist  es  am 
21.  Juni  abgegangen.  Hier  stellten  die  beiden  Fürsten,  vorbehalt- 
lich der  Zustimmung  der  anderen  Protestanten,  Paitikularhilfe 
gegen  die  Türken  in  Aussicht  unter  der  Bedingung,  daß  deswegen 
die  Abhaltung  eines  Reichstages  nicht  versäumt  werde,  da  die 
Türkengefahr  ja  andauere,  und  daß  den  gegenwärtigen  und  zu- 
künftigen Protestanten  ein  sicherer,  beständiger  und,  wie  der  Kur- 
fürst hinzufügte,  „satter“  Friede  garantiert  werde.  Sie  empfahlen, 
daß  Joachim  und  der  König  ihre  Vertreter  auf  den  Eisenacher  Tag 
schickten  und  daß  man  auf  diesem  dann  gleich  den  Frieden  ab- 
schlösse ‘).  Man  gab  also  in  der  Frage  des  Reichstages  ein  wenig 
nach,  hielt  aber  fest  an  dem  Gedanken,  die  Türkengefahr  zur  Er- 
langung eines  wirklichen  Friedens  zu  benutzen.  Der  Landgraf 
hatte  sofort  Friedensartikel  entworfen,  die  man  dem  Brandenburger 
übersenden  solle.  Johann  Friedlich  war  mit  diesem  Gedanken  aber 
nicht  einverstanden  und  hielt  die  hessischen  Artikel  zurück*). 


1)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  12.  P.  C.  II,  499,  1.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  17,  P.  A. 
Sachsen,  Emestin.  Linie,  1538.  Ebenda  beim  7.  Juni  Entwiurf  des  geroeinBomeo 
Briefe«  an  Joachim.  Gedruckt  N.  B.  IV,  469 — 472.  Vergl.  Bosen berg,  S.  47  f. 
Die  wichtigste  Kürzung,  die  der  Ki.  an  dem  Schreiben  vomahm,  war  die,  dafi 
er  die  Aufführung  einer  Reihe  von  katholischen  Ständen,  deren  Zustimmung  zum 
Frieden  Kaiser  und  König  erwirken  sollten,  wenn  die  Zeit  dazu  reiche,  weglieQ. 
Keg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  27 — 31,  verglichen  mit  Bl.  37 — 40. 

2)  „Artickel  ungeverlich  begrieffen“  etc.  finden  sich  ira  Konzept  in  P.  A. 
No.  497.  Abschriften  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie,  1538  beim  Brief  des  Kf.  vom 
7.  Juni  und  in  Keg.  H.  p.  221,  No.  99.  Inhaltlich  stimmen  sie  vielfach  mit 
P.  O.  II,  560  Anm.  3 überein.  Dafi  sie  dem  Kurfürsten  von  Brandenburg  am 
21.  Juni  nicht  übersandt  wurden,  zeigt  1)  der  Brief  des  Kf.  vom  17.  Juni  und 
2)  die  Zustimmung  dazu,  die  Sturm  und  und  andere  während  der  Eisenacher 
Verhandlungen  aussprachen  (Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  vol.  I,  Juli  28).  Wenn  also 
in  dem  Briefe  Joachims  vom  2.  Juli  von  Artikeln  der  Protestanten  die  Rede  ist, 
sind  wahrscheinlich  damit  nur  die  in  ihrem  Briefe  vom  21.  Juni  enthaltenen 
Forderungen  gemeint.  Inhaltlich  stimmt  das,  was  der  Brandenburger  dem  Könige 
schreibt,  mit  diesen,  aber  nicht  mit  den  Artikeln  dee  Landgrafen  überein  (N.  B. 
IV,  474).  An  andere  noch  unbekannte  Artikel  denkt  Rosen  berg,  S.  48. 


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Bund  u.  B«ich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBlust  1536 — 41.  165 

Natürlich  wurden  dadurch  die  Verhandlungen  verzögert.  Daß 
diese  schon  auf  dem  Eisenacher  Tage  zu  irgend  welchem  Abschluß 
kommen  würden,  war  aber  schon  sowieso  unwahrscheinlich,  da  ein 
so  schnelles  Vorgehen  von  habsburgischer  Seite  nicht  zu  erwarten 
war,  bat  doch  Joachim  erst  durch  Brief  vom  18.  Juni  den  König, 
sich  vom  Kaiser  bevollmächtigen  zu  lassen  ‘),  und  schrieb  ihm  Ferdi- 
nand doch  erst  am  14.  Juli,  daß  er  sich  nun  schleunig  Vollmacht 
von  seinem  Bruder  verschaffen  werde  •).  Diese  konnte  nicht  mehr 
so  rechtzeitig  eintreffen,  daß  ein  Abschluß  auf  dem  Eisenacher 
Tage  möglich  gewesen  wäre,  auch  die  Verhandlungen  dort  hatten 
daher  nur  einen  provisorischen  Charakter.  Als  Vorbereitung  des 
Frankfurter  Friedens  sind  sie  aber  doch  nicht  ohne  Interesse. 

Der  Kurfürst  und  der  Landgraf  waren  darin  einig,  daß  man  den 
Tag  zu  Eisenach  jedenfalls  dazu  benutzen  müsse,  um  von  den  anderen 
Verbündeten  Vollmacht  und  Direktiven  für  die  Friedens  Verhand- 
lungen zu  erhalten®).  Diese  Frage  bildete  dann  auch  neben  der 
mit  ihr  in  engster  Verbindung  stehenden  der  Türkenhilfe  den  Haupt- 
gegenstand der  Beratungen.  Brück  erstattete  am  26.  Juli  über 
beide  Punkte  Bericht  und  beantragte,  sich  über  die  Bedingungen 
des  Friedens  zu  einigen.  Man  wählte  zur  Beratung  beider  Ange- 
legenheiten einen  Ausschuß  von  zwölf  Personen,  als  dessen  Be- 
ratungsgegenstände man  außer  den  Friedensbedingungen  die  Frage 
festsetzte,  ob  eine  Partikularhilfe  auch  ohne  Reichstag,  ja  bei  großer 
Gefahr  auch  ohne  Frieden  bewilligt  werden  könne,  und  die  andere, 
ob  man,  wenn  die  Vermittlung  des  Kurfürsten  von  Brandenburg 
nicht  zum  Frieden  führe,  an  den  Kaiser  oder  an  die  Kurfürsten 
und  die  vornehmsten  Fürsten  schicken  oder  schreiben  wolle. 

Der  Ausschuß  der  Stände  hat  schon  am  27.  Juli  einen  Unter- 
ausschuß von  4—5  Personen  gewählt.  Dieser  scheint  bei  den  Be- 
ratungen über  die  Friedensbedingungen  die  Artikel  des  Landgrafen 
zugrunde  gelegt  zu  haben.  Diese  forderten  das  Reformationsrecht 
für  jede  reichsunmittelbare  Obrigkeit,  wollten  den  andersgläubigen 
Untertanen  aber  das  Recht  der  Auswanderung  gewähren,  ja  sogar 
Duldung,  solange  sie  nicht  äußerlich  Anstoß  erregten ; sie  wollten 

1)  N.  B.  IV,  468  f. 

2)  E^.  H.  p.  170,  No.  80,  II,  Kopie.  Vergl.  auch  Rosen berg,  S.  48f. 

3)  Instruktion  des  Landgrafen  vom  15.  Juli  für  seine  Gesandten.  Neu- 
d eck  er,  Aktenstücke,  S.  150  ff.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  7,  Reg.  H.  p.  234,  No.  103, 
Bl.  42 — 44,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  11,  ebenda  Bl.  49,  Or. 


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166 


Kapitel  II. 


verbieten,  daß  man  den  Untertanen  einer  anderen  Obrigkeit  der 
Religion  wegen  Zinsen  vorenthalte,  wünschten,  daß  niemand  zur 
Anerkennung  von  Konzilsbeschlüssen  gezwungen  werden  sollte, 
und  beschäftigten  sich  endlich  noch  mit  der  Lage  der  Stifter  in 
den  Reichsstädten. 

Der  Kurfürst  war  nach  einem  Briefe  an  seine  Räte  vom 
27.  Juli  mit  dem  Gedanken  der  gegenseitigen  Duldung  nicht  recht 
einverstanden,  er  wollte  Frieden  nicht  nur  mit  den  Personen,  son- 
dern mit  der  Sache.  Er  selbst  legte  den  Hauptwert  auf  die  Aus- 
dehnung des  Friedens  auf  alle  Eeichsstände  und  auf  die  Ausliefe- 
rung der  vorenthaltenen  geistlichen  Güter.  In  bezug  auf  die 
Türkenhilfe  hatte  der  Kurfürst  den  Wunsch,  daß  die  ganze  pro- 
testantische Hilfe  ein  Corpus  bilde,  daß  bei  dieser  Gelegenheit  die 
bestellten  Hauptleute  und  Rittmeister  erprobt  würden  und  daß 
Herzog  Emst  von  Lüneburg  den  Oberbefehl  erhielte'). 

Im  ganzen  haben  die  Ansichten,  die  im  Ausschuß  zum  Aus- 
dmck  kamen,  soweit  wir  über  sie  unterrichtet  sind,  denen  des 
Kurfürsten  entsprochen.  Jakob  Sturm  stand  allein,  wenn  er  aus- 
führte, daß  der  Friede  nichts  nütze,  wenn  nicht  eine  Vergleichung 
in  der  Religion  erfolge.  Alle  anderen  erklärten  eine  solche  für 
aussichtslos,  und  man  beschränkte  sich  daher  auf  Verhandlungen 
über  einen  äußerlichen  Frieden.  Für  diesen  wünschte  man  Fort- 
dauer des  vorigen  Friedens,  aber  Beseitigung  seiner  Mißverständ- 
nisse durch  Ausdehnung  auf  die  nicht  im  Frieden  benannten  Stände 
und  wirklichen  Stillstand  der  Kammergerichtsprozesse.  Zu  diesem 
Zwecke  soUte  im  Frieden  erläutert  werden,  was  als  Religionssache 
zu  betrachten  sei.  Ferner  wünschte  man,  daß  der  Fiiede  ewig  sei 
und  nicht  bloß  bis  zum  Konzil  dauere.  Ja,  man  verlangte  schließ- 
lich, daß  er  auch  auf  die  künftigen  Religionsverwandten  des  Kur- 
fürsten ausgedehnt  werde.  Ueber  die  Artikel  des  Landgrafen 
haben  im  Ausschuß  auch  allerlei  Disputationen  stattgefunden. 
Das  Resultat  der  Beratungen  des  kleinen  Ausschusses,  ein  „Be- 
denken, was  man  mit  den  Gesandten  des  Kurfürsten  zu  Branden- 
burg handeln  sollte“,  das  am  30.  Juli  dem  Plenum  vorgelegt 
wurde,  zeigt,  daß  doch  mancherlei  aus  ihnen  entnommen  wurde, 
auch  der  Gedanke  der  Duldung  Andersgläubiger,  wenn  sie  nicht 
predigten  oder  Aenderungen  in  der  Religion  machten,  war  auf- 

1)  Kf.  ao  seine  Räte  in  Eisenach,  Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  I,  Konz.  Vergl. 
Aktenst.  No.  15. 


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Bund  a Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  167 

genommen^).  Der  Kurfürst,  der  ein  Exemplar  des  Gutachtens 
eigenhändig  mit  Randbemerkungen  versehen  hat,  scheint  jetzt  nicht 
weiter  Anstoß  daran  genommen  zu  haben.  Doch  nahm  das  Plenum 
jenes  Bedenken  noch  nicht  sofort  an,  es  fanden  in  den  nächsten 
Tagen  noch  weitere  Beratungen  des  Ansschnsses  statt,  bis  die  Ant- 
wort zustande  kam,  die  man  den  brandenburgischen  Gesandten 
übergab.  Ja,  man  beschloß,  wohl  auch  unter  dem  Einfluß  einer 
Weisung  des  Kurfürsten  vom  31.  Juli,  jetzt  die  Bedingungen,  die 
man  stellte,  noch  nicht  bekannt  zu  geben,  da  sie  dem  Kaiser  un- 
günstig für  die  Protestanten  ausgelegt  werden  könnten  und  erst 
einmal  eine  kaiserliche  Kommission  da  sein  müsse’). 

Diesen  Beschlüssen  entsprach  die  Antwort,  die  den  branden- 
burgischen Gesandten  erteilt  wurde.  Diese  waren  vom  Kurfürsten 
sowohl  wie  vom  Landgrafen  an  die  Eisenacher  Versammlung  ge- 
wiesen worden  und  erhielten  durch  diese  am  5.  August  ihren  Be- 
scheid. Entsprechend  dem  Beschluß  des  Ausschusses  wurden  ihnen 
darin  noch  keine  bestimmten  Friedensartikel  mitgeteilt.  Man  er- 
klärte sich  aber  bereit  dazu,  das  auf  einem  neuen  Tage  zu  tun, 
bis  zu  dem  der  König  sich  Vollmacht  für  die  Verhandlungen  ver- 
schaflTen  sollte.  Er  sollte  dann  weiter  die  Kurfürsten  von  Branden- 
burg und  von  der  Pfalz  bevollmächtigen.  Johann  Friedrich  würde 
gern  den  König  ganz  ans  dem  Spiele  gelassen  haben,  da  er  in 
bezug  auf  seine  Handlungen  „gewitzigt“  war,  vermochte  das  aber 
nicht  durchznsetzen. 

Auf  Wunsch  der  brandenburgischen  Gesandten  setzte  man  am 
6.  August  sofort  fest,  daß  der  nächste  Tag  in  Frankfurt  stattflnden 
solle,  gab  auch  die  bestimmte  Erklärung  ab,  daß  der  PViede  die 
Gewährung  einer  ansehnlichen  Türkenhilfe  zur  selbstverständlichen 
Folge  habe®). 

t)  Das  Stück ; ain  notel  ungeferlich  b^iiffen  etc.  findet  sich  in  zwei  Kopien 
in  Reg.  H.  p.  170,  Xo.  80,  vol.  II,  eine  mit  Randbemerkungen  des  Kf.  Eine  Kopie 
such  in  P.  A No.  497.  Inhaltsangabe  bei  Egelhaaf,  II,  S.  341  f. 

2)  Idi  benutze  anfier  dem  Straßburger  Bericht  F.  C.  II,  510  ff.  vor  allem 
die  Korrespondenz  dee  Kurfürsten  mit  seinen  Gesandten  in  Eisenach  in  R^.  H. 
p.  170,  No.  80,  vol.  I.  Einiges  auch  in  P.  A.  No.  496. 

3)  Instruktion  für  Trott  und  Schlieben  vom  24.  Juli,  N.  B.  IV,  475—482, 
über  die  Werbung  der  Ges.  P.  C.  II,  512,  1 nicht  ganz  genau.  VergL  Reg.  H. 
p.  170,  No.  80,  vol.  II  (Kopie  der  Werbung  der  Gesandten).  Rosenberg, 
S.  55 — 58  gut,  in  Reg.  H.  a.  a.  O.  auch  die  weiteren  Akten.  Brief  dee  Kf.  an  seine 
Ges.  resp.  Brück  in  Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  68—72,  Konz.,  Reg.  H.  p.  170, 


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Kapitel  II. 


Mit  diesen  Erklärungen  gaben  sich  die  Gesandten  zufrieden, 
und  es  war  nun  die  Aufgabe  Joachims,  dafür  zu  sorgen,  daß  die 
Friedens  Verhandlungen  gefördert  und  damit  die  Türkenhilfe  möglich 
wurde.  Die  Protestanten  ihrerseits  haben  in  Eisenach  noch  einige 
weitere  Beschlüsse  über  ihr  ferneres  Verhalten  gefaßt  Man  gab 
Sachsen  nnd  Hessen  Vollmacht,  auch  allein  über  den  Frieden  zu 
verhandeln , wenn  die  Türkengefahr  dränge.  Als  Richtschnur 
sollten  ihnen  dabei  die  von  dem  kleinen  Ausschuß  verfaßten 
Friedensartikel  dienen.  Wenn  irgend  möglich,  sollten  sie  aber  alle 
Stände  versammeln  ^).  Der  Ausschuß  hatte  ferner  seinem  .Aufträge 
entsprechend  auch  über  die  Türkenhilfe  verhandelt  und  sich  dabei 
nicht  immer  in  vom  Kurfürsten  gebilligten  Bahnen  bewegt.  So 
hatte  er  z.  B.  Neigung  gezeigt,  aus  Rücksicht  auf  die  protestan- 
tischen Untertanen  Ferdinands  die  Türkenhilfe  auch  ohne  Frieden 
zu  gewähren.  Ferner  scheint  er  eine  Gesandtschaft  an  König  Fer- 
dinand und  die  Kurfürsten  beschlossen  zu  haben,  wenn  die  branden- 
burgische  Vermittlung  nicht  zum  Ziele  führte.  Im  Punkte  der 
Türkenhilfe  hat  dann  aber  das  Plenum  mehr  im  Sinne  des  Kur- 
fürsten entschieden,  daß  sie  nur  geleistet  werden  solle,  wenn  der 
Friede  vorher  gesichert  sei,  und  zwar  dann  unter  Umständen  auch 
ohne  einen  Reichstag.  An  dem  Gedanken  der  Rechtfertigungs- 
gesandtschaft an  den  König  und  die  5 Kurfürsten  hielt  mau  fest, 
entwarf  sogar  gleich  eine  Instruktion  für  sie,  in  der  nach  Rekapi- 
tulation der  ganzen  Verhandlung  um  Reichstag  und  Frieden  gebeten 
und  nach  Erfüllung  dieser  Bitten  Bereitwilligkeit  zur  Hilfe  erklärt 
wurde.  Dieser  Beschluß  galt  aber  auch  nur  für  den  Fall,  daß 
der  Friede  nicht  zustande  käme*). 

Von  den  sonstigen  Verhandlungen  des  Eisenacher  Tages  ver- 
dienen vor  allem  noch  die  über  die  Rekusation  des  Kammergerichts 
Erwähnung.  Gemäß  den  in  Braunschweig  gefaßten  Beschlüssen 
waren  in  den  letzten  Wochen  eine  Reihe  von  Gutachten  über  die 
Frage,  ob  man  es  auch  in  weltlichen  Sachen  rekusieren  solle,  ein- 
gelaufen*). Im  ganzen  war  keine  Stimmung  für  eine  solche  Aus- 


No.  80,  Or.  Die  Antwort  an  die  Brandenburger  ebenda;  P.  C.  II,  513,  1.  Die 
Verhandlungen  vom  6.  ebenda  und  P.  C.  S.  513. 

1)  VergL  P.  C.  II,  513  Anm.  2. 

2)  Beg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  94—102. 

3)  Viele  Akten  darüber  in  B^.  H.  p.  167,  No.  79.  Vergl.  S.  145. 


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Bund  Q.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UDtemehmuDgelast  153ti — 41.  169 

dehnung  der  Rekusation  vorhanden  *),  auch  Hessen  war  dagegen  *). 
Ein  juristisches  Bedenken  einer  kursächsischen  Schreiberhand*) 
spricht  sich  für  die  Rekusation  aus.  Eine  endgültige  Beschluß- 
fassung erfolgte  nicht.  Vielmehr  wurden  Sachsen  und  Hessen 
beauftragt,  aus  den  schon  eingegangenen  und  noch  eingehenden 
Gutachten  eine  „Meinung“  zusammenzufassen  und  sie  den  anderen 
Ständen  zuzuschicken,  damit  in  der  nächsten  Versammlung  über 
die  Sache  Beschluß  gefaßt  werden  könne*). 

Auf  die  Verhandlungen  über  die  Beschwerden  einzelner  Stände, 
die  in  den  Akten  des  Bundestages  einen  großen  Raum  einnehmen, 
gehe  ich  nicht  weiter  ein.  — 

Auf  Veranlassung  des  Kurfürsten  waren  zu  dem  Tage  auch 
die  Kriegsräte  miteingeladen  w'orden*),  doch  findet  sich  keine 
Spur  davon,  daß  Beratungen  über  militärische  Dinge  in  Eisenach 
stattgefunden  hätten.  Johann  Friedrich  hatte  ihre  Mitberufung 
verlangt  aus  der  besorgten  Stimmung  heraus,  in  der  er  sich  im 
Juni  1538  befand.  Auch  durch  die  Friedensverhandlungen  sind 
diese  seine  Besorgnisse  nicht  beseitigt  worden,  er  setzte  auf  die 
Verhandlungen  im  ganzen  nur  sehr  geringe  Hoffnungen*),  und  als 
dann  im  Herbst  eine  so  lange  Pause  eintrat,  ehe  sie  ordentlich 
weitergingen,  bemächtigte  sich  seiner  ganz  wieder  die  antihabs- 
burgische Stimmung,  die  ihn  seit  1537  beherrschte.  Was  ihm  der 
ÜAndgraf  über  die  friedlichen  Mitteilungen  von  Naves  berichtete’), 
beruhigte  ihn  nicht,  und  am  8.  September  wurden  ihm  durch  den 
jülichschen  Sekretär  Udenheimer  Mitteilungen  gemacht,  die  ihm  einen 
AngrifT  der  Gegner  im  nächsten  Jahre  fast  als  sicher  erscheinen 


1)  P.  C.  U,  513,  4. 

2)  Nendecker,  Aktenstücke,  U.  155 f. 

3)  Siehe  Anm.  3 auf  S.  168.  . 

4)  Hortleder,  1,  2,  8.  1289. 

5)  Ausschreiben  vom  7.  Juni,  F.  C.  U,  S.  498. 

6)  VergL  etwa  den  Brief  des  Ef.  an  seine  Gesandten  in  Eisenach  vom 
31.  Juli,  Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  Or. 

7)  lieber  die  erste  Anwesenheit  des  Naves  berichtet  der  Ldgf.  dem  Kf.  am 
18.  Juni  nebst  Beilage  vom  8.  Juni,  Reg.  C.  No.  851;  Or.,  nicht  ganz  mit  dem 
Bericht  des  Naves  bei  Lanz,  Staatspapiere,  S.  255—263  übereinstimmend,  lieber 
die  zweite  Sendung  im  August  vergl.  Hasenclever,  Naves,  S.  290f.,  Lanz, 
a.  a.  O.  8.269—277.  Den  Kfen.  scheint  der  Ldgf.  damals  über  die  Verhandlungen 
nur,  soweit  sie  Jülich  betrafen,  unterrichtet  zu  haben.  Vergl.  Heid  rieh,  S.  14. 
Die  Haltung  des  Landgrafen  scheint  mir  noch  nicht  genügend  geklärt. 


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Kapitel  II. 


ließen*).  Er  dachte  sich  ihr  Vorgehen  etwa  so,  daß  man  einen 
Reichstag  berufen  und  dadurch  den  Nürnberger  Frieden  aufheben 
würde.  Dann  würde  man  von  den  Protestanten  die  Restitution 
der  Geistlichen  begehren  und  ilire  Weigerung  als  Anlaß  zum  Vor- 
gehen gegen  sie  benutzen.  Auch  die  Zweideutigkeit  der  Bestim- 
mungen des  Friedens  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  zog 
er  in  diese  Betrachtungen  mit  hinein*).  Was  man  demgegenüber 
tun  solle,  war  ihm  ebenso  wie  dem  Landgrafen  nicht  recht  klar, 
es  schien  ihm  bedenklich,  still  zu  sitzen  und  den  „Backenstreich“  des 
Gegners  zu  erwarten,  ebenso  aber  war  er  zweifelhaft,  ob  man  dem 
Angriff  zuvorkommen  solle,  wenn  ihn  auch  theologische  Bedenken 
in  dieser  Beziehung  nicht  mehr  diückten  *).  Als  Hauptaufgabe 
erschien  ihm  stets  genaues  Achten  auf  alle  Schritte  der  Gegner. 

Noch  entschiedener  als  der  Kurfürst  betonte  der  Landgraf,  daß 
man  sich  vor  allen  vorschnellen  Entschlüssen  hüten  müsse.  Zunächst 
müsse  man  ganz  gewiß  sein,  daß  die  Gegner  einen  tätlichen  Angriff 
planten,  außerdem  müsse  man  völlig  sicher  sein,  daß  man  selbst 
aus  keinen  anderen  eigennützigen  Gründen,  sondern  nur  zu  Gottes 
Ehre  und  zur  Errettung  seiner  selbst  und  seiner  Lande  zu  den 
Waffen  greife,  auch  müsse  man  das,  was  man  den  Gegnern  vor- 
werfe, öffentlich  beweisen  können.  Endlich  machte  Philipp  auch 
noch  auf  die  Schwierigkeit,  die  der  Krieg  unter  allen  Umständen 
haben  würde,  und  auf  die  Notwendigkeit,  genügend  mit  Geld  ver- 
sehen zu  sein,  aufmerksam^). 

Es  scheint,  daß  Johann  Friedrich  auf  diesen  Brief  nicht  mehr 
geantwortet  hat,  denn  vom  13.  bis  15.  Oktober  hatte  er  ja  dann 


1)  Instruktion  Udenheimers  vom  23.  Äug.,  Keg.  C.  No.  852,  Bl.  35/36. 
Seine  Werbung  vom  8.  Sept.  Bl.  98 — 104  und  106—113.  Hier  war  direkt  von 
einem  für  das  nächste  Jahr  geplanten  Angriff  auf  die  Protestanten  die  Bede. 

2)  An  Ldgf.  Sept.  17,  Keg.  H.  p.  207,  No.  94.  Baumgarten,  TU, 
S.  337,  Anm. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  13,  unter  dem  Eindruck  der  jülichschen  Mitteilungen 
entstanden.  Reg.  H.  p.  203,  No.  93,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emeet.  Linie,  1538,  Or. 
Vergl.  Baumgarten,  lU,  S.  337.  Siehe  Aktenst.  No.  16.  Ueber  die  auch 
ziemlich  große  Ratlosigkeit  dee  Landgrafen  vergl.  seinen  Brief  vom  8.  Sept,  Keg.  H. 
p.  207,  No.  94,  Or.  Seckendorf,  III,  8.  171. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  25,  Keg.  H.  p.  211,  No.  95,  Or.,  ein  schönes  Zeugnis 
für  die  ira  Grunde  friedliche  Gesinnung  und  die  Besonnenheit  dee  Landgrafen. 
Zum  Teil  gedruckt  bei  Seckendorf,  III,  S.  181  f.  Baumgarten,  III,  S.338f. 
Vergl.  auch  Rommel,  I,  S.  428.  Aktenst.  No.  17. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 11.  171 

Gelegenheit,  auf  einer  Zusammenkunft  in  Eilenburg  die  Frage  mit 
dem  Landgrafen  zu  besprechen ‘).  Leider  ist  uns  allerdings  über 
diese  Beratung  nur  das  eine  bekannt,  daß  die  beiden  Fürsten  be- 
schlossen, noch  zu  warten,  ehe  sie  weitere  Schritte  täten  *).  Schon 
im  Oktober  erhielt  man  dann  allerdings  neben  einzelnen  beruhigen- 
den“) allerhand  neue,  die  Aufregung  vermehrende  Nachrichten. 
Aus  Jülich  wurde  dem  Kurfürsten  von  neuem  berichtet,  daß  vor 
allem  die  Bedrohung  der  geistlichen  Güter  und  die  Beeinflussung 
der  Untertanen  katholischer  Stände  die  Gegner  beunruhige  und 
ihren  Zusammenschluß  herbeiführe.  Der  Herzog  riet  demgegenüber 
zur  Vorsicht  in  jenen  beiden  Beziehungen  und  zum  Abschluß  eines 
Friedens  zwischen  den  Religionsparteien  im  Reiche  noch  vor  der 
Ankunft  des  Kaisers  ‘).  Durch  Verhandlungen  mit  dem  Erzbischof 
von  Trier  trug  man  von  protestantischer  Seite  solchen  Anregungen 
Rechnung“).  Vor  allem  aber  erging  dann  die  .\cht  gegen  Minden, 
die  im  Zusammenhang  mit  anderen  ihm  zugehenden  Nachrichten 
den  Landgrafen  Ende  Oktober  außerordentlich  beunruhigte');  und 
ebenso  auch  den  Kurfürsten.  Jetzt  dachte  er  sich  das  Vorgehen 
der  Gegner  etwa  so,  daß  sie  im  Winter  weitere  Achtserklärungen 
gegen  die  Protestanten  ergehen  lassen  und  diese  zusammen  mit 
der  Fi-age  der  geistlichen  Güter  dann  im  Frülyahr  als  Kiiegsgrund 
benutzen  wrürden.  Er  war  mit  dem  Landgrafen  darin  einig,  daß 


1)  Reg.  Bb.  No.  5588a,  Reisebuch  des  Ef. 

2)  Dies  ergibt  sich  aus  der  Instruktion  vom  21.  Nov.  Vergl.  S.  172  f. 

3)  Dahin  gehören  Mitteilnngen  Wilhelms  von  Fürstenberg  über  die  Ver- 
abredungen zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich,  Ldgf.  an  Kf.  Okt  19,  Reg.  C. 
No.  854,  Bl.  29,  oder  die  Gerüchte  von  Heids  Ungnade,  Sturm  an  Kf.  Okt.  11, 
P.  C.  II,  S.  522,  No.  545.  Auch  in  katholischen  Kreisen  gingen  solche  Gerüchte 
und  waren  nicht  ganz  nnb^TÜndet.  Werbung  Heinrichs  von  Braunschweig  an  Held, 
Okt.  15,  Reg.  H.  p.  834,  No.  VII.  Held  an  Heinrich,  Okt.  22,  ebenda,  Kopien. 

4)  Relation  von  Kreuz  an  Kf.  über  seine  Sendung  an  Johaim,  Reg.  0. 
No.  853,  Or.  Heidrich,  S.  12.  Below,  I,  S.  247,  3. 

5)  Schon  am  18.  Okt.  hatte  der  Ldgf.  zugleich  im  Namen  des  Kf.  Georg 
von  Harstall  an  den  Trierer  geschickt,  um  zu  einer  Zusammenkunft  ihrer  dreier 
anfzofordern.  Der  Erzbischof  lehnte  sie  am  31.  Okt.  zunächst  ab,  stellte  sie  aber 
für  später  in  Aussicht.  Dann  schrieb  der  Ldgf.  dem  Trierer  wieder  am  18.  Dez. 
und  riet  ihm  vom  Eintritt  ln  den  Nürnberger  Bund  ab.  Der  Kf.  erwiderte  am 
3.  Jan.  1539,  dafl  er  in  bezug  auf  das  Bündnis  noch  frei  stehe,  auch  den  Kölner 
in  diesem  Siime  zu  beeinflussen  suchen  werde.  Den  Landgrafen  bat  er,  auch  seiner- 
seits für  den  Frieden  zu  wirken.  (P.  A.  Kurtrier  1538  Juli  — 1539  Jan.) 

6)  Ldgf.  an  Kt  Okt  26,  Reg.  H.  p.  214,  No.  96,  Or.  Vergl.  P.  C.  II,  No.  550. 


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Kapitel  II. 


man  den  Winter  für  Gegenmaßregeln  benutzen  müsse  und  daß  zu 
diesem  Zwecke  zunächst  ein  Bundestag  nötig  sei,  er  empfahl,  daß 
die  Fürsten  diesen  persönlich  besuchten  und  die  Städte  ihren  Ge- 
sandten genügende  Vollmachten  gäben.  Um  dies  zu  erreichen, 
sollte  man  nach  seiner  Meinung  Gesandte  an  die  einzelnen  Bundes- 
stände schicken  und  sie  über  die  Gefahr  der  Lage  unterrichten. 
Um  Klarheit  über  die  Pläne  der  Gegner  zu  erhalten,  empfahl  er 
an  die  übrigen  Kurfürsten  mit  Ausnahme  von  Mainz  zu  schreiben, 
er  riet  ferner,  das  Ausschreiben  gegen  das  Kammergericht  jetzt 
ergehen  zu  lassen.  Durchaus  einverstanden  war  Johann  Friedrich 
mit  dem  Vorschlag  des  Landgrafen,  die  Bestallung  der  Hauptleute 
und  Kittmeister  zu  verlängern,  auch  neue  anzunehmen ‘). 

Der  Landgraf  war  mit  diesen  Vorschlägen  in  allen  wesentlichen 
Punkten  einverstanden*),  und  er  war  um  so  mehr  geneigt,  dai’auf 
einzugehen,  als  ihm  in  eben  diesen  Tagen  ein  Brief  von  Georg 
von  Karlowitz  zuging,  der  ihn  wieder  aufs  höchste  beunruhigte. 
Es  war  darin  darauf  verwiesen,  daß  Minden  nicht  dem  Nürnberger 
Frieden  unterstände,  dann  wai’  zwar  der  defensive  Charakter  des 
Nürnberger  Bundes  betont,  dabei  aber  als  Bedingung  bezeichnet, 
daß  die  Protestanten  den  Frieden  nicht  überträten  und  keine  Güter 
nähmen  *). 

Ueber  die  Einzelheiten  der  von  den  Bundeshäuptern  geplanten 
Schritte  haben  in  den  näciisten  Wochen  noch  weitere  Korrespondenzen 
stattgefuuden,  am  20.  November  wurde  dann  der  Bundestag  auf 
den  12.  h’ebruar  nach  Frankfurt  angesetzt  ^),  am  17.  und  18.  ergingen 
die  Briefe  an  die  Kurfürsten*),  und  vom  21.  sind  die  Instruktionen 
für  die  an  die  oberdeutschen  und  niederdeutschen  Bundesstände  gerich- 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  4,  Reg.  H.  p.  214,  No.  96,  Konz.  P.  A.  Sachaen, 
Erneetiner,  1538,  Or.  Manches  daraus  bei  Meinardus,  FDG.  XXII,  S.  622. 
Siebe  Aktenst.  No.  19.  Für  die  Ansicht  des  Kurfürsten  ist  auch  die  Antwort 
wichtig,  die  er  dem  preußischen  Kanzler  Johann  Kreutzen  am  27.  Okt.  erteilte 
Reg.  H.  p.  220,  No.  98.  Aktenst.  No.  18. 

2)  An  Kf.  Nov.  12,  Reg.  H.  p.  214,  No.  96.  Seckendorf,  III,  S.  182. 

3)  Karlowitz  an  Ldgf.  Not.  ^ Neudecker,  Urk.,  8.  316 — 318,  Kopie 
in  Reg.  H.  a.  a.  O.  Es  ist  eine  Antwort  auf  Brief  des  Landgrafen  vom  27.  Okt. 
über  Minden  und  den  Nürnberger  Bund.  Kopie  in  Reg.  H.  p.  218,  No.  97.  Der 
Eindruck  des  Briefes  auf  den  Landgrafen  ergibt  eich  aus  dessen  Brief  an  Kf. 
Not.  14,  Reg.  H.  p.  214.  No.  96,  Or. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  20,  Reg.  H.  p.  214,  No.  96,  Konz. 

5)  Konzepte  in  Reg.  H.  p.  214,  No.  96  und  in  Reg.  H.  p.  221,  No.  99. 


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Band  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBluBt  1536 — 41.  173 

teten  Gesandtschaften  datiert  ‘).  In  ihnen  wurde  ebenso  wie  in  dem 
Brief  an  die  Kurfürsten  vor  allem  auf  die  Achtserklärung  gegen 
Minden  Wert  gelegt.  Die  Bundeshäupter  schlossen  daraus,  daß  mau 
di^  Protestanten  überfallen  und  von  Land  und  Leuten  jagen  wolle. 
Eine  Bundesversammlung  müsse  beschließen,  wie  man  sich  dem- 
gegenüber verhalten  wolle.  Zu  dieser  sollten  die  Fürsten  persön- 
lich erscheinen,  die  Städte  Gesandte  mit  genügenden  Vollmachten 
schicken. 

Es  entsprach  ganz  dem  Temperamente  Philipps  von  Hessen, 
daß  er  Lust  hatte,  nun  auch  möglichst  bald  mit  den  militärischen 
Vorbereitungen  zu  beginnen,  nachdem  einmal  die  Befürchtung,  daß 
es  im  nächsten  Jahre  Krieg  geben  werde,  sich  in  ihm  festgesetzt 
hatte.  Er  wollte  gleich  drei  Monate  auf  einmal  von  den  Ver- 
bündeten verlangen,  sich  schon  jetzt  die  Reiter  und  Knechte  für 
das  Frühjahr  sichern  und  empfand  schon  bei  dieser  Gelegenheit 
die  Fesseln  des  vielköpfigen  und  schwerfälligen  Bundes  hemmend  *). 
Johann  Friedrich  vertrat  demgegenüber  den  korrekten  Bundesstand- 
punkt, fürchtete,  daß  die  Forderung  der  drei  Monate  bei  den 
Städten  Verwunderung  erregen  werde,  besonders  da  die  augen- 
scheinliche Not  noch  nicht  vorhanden  sei*),  und  empfahl,  auch  mit 
der  Annahme  von  Knechten  bis  zum  Bundestage  zu  warten*).  Der 
Landgraf  fügte  sich  zunächst  diesem  Wunsche*). 

Noch  im  Jahre  1538  trat  dann  aber  ein  Ereignis  ein,  das  die 
kriegerische  Stimmung  Philipps  bedeutend  steigerte:  die  Gefangen- 
nahme des  braunschweigischen  Sekretäis  Stephan  Schmidt  am 
30.  Dezember. 

1)  Philipp  Roeenecker  und  Alexander  von  der  Thann  wurden  an  die  ober- 
deutschen Stimmstände  Württemberg,  Straßburg,  Augsburg  und  Ulm  gesandt, 
Burchard  und  Baumbach  nach  Niederdeutschland  an  Johann  von  Küstrin, 
Pommern,  Emst  von  Lüneburg,  Magdeburg,  Bremen  und  Hamburg.  Die  In- 
struktionen in  Reg.  H.  p.  235,  No.  104,  vol.  1 und  II;  ebenda  in  vol.  II  die 
Berichte  der  Gesandten.  Der  KI.  schickte  außerdem  Nickel  von  Minckwitz  und 
Jobst  von  Hain  an  die  Fürsten  zu  Anhalt  und  die  Grafen  von  Mansfeld,  aller- 
dings erst  am  27.  Dez.,  ebenda  vol.  II.  Vergl.  auch  P.  C.  II,  No.  558. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  23,  Zettel,  Reg.  C.  No.  854,  Bl.  88;  Nov.  29,  Reg.  H. 
p.  214,  No.  96,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  12,  Zettel,  Konz.,  ebenda.  Ldgf.  an  Kf. 
Dez.  13,  Or.,  ebenda.  Vor  allem  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  24,  Or.,  ebenda. 

3)  Ueber  die  drei  Monate  vergl.  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  18,  Reg.  H.  p.  218,  No.  97, 
Or.  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  29,  ebenda,  Konz. 

4)  An  Ldgf.  Dez.  12  und  Dez.  31,  Reg.  H.  p.  214,  No.  96,  Konz. 

5)  Ldgf.  au  Kf.  Dez.  28,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Or. 


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174 


Kapitel  II. 


Durch  die  Papiere,  die  man  bei  ihm  fand,  wurden  die  Ansichten, 
die  man  über  die  Pläne  der  Gegner  hatte,  ja  bis  zu  einem  ge- 
wissen Grade  wenigstens  bestätigt  ^),  andererseits  reizte  aber  auch 
das  Ereignis  als  solches  die  Gegner  und  führte  zu  einem  sehr 
erregten  Schriftwechsel*).  Da  bedenkliche  Nachrichten  aus  Augs- 
burg hinzukamen*),  sind  jetzt  im  Januar  1539  sowohl  seitens  des 
Landgrafen  wie  seitens  des  Kurfürsten  schon  Schritte  geschehen, 
die  als  Rüstungen  bezeichnet  werden  müssen ‘).  Manche  Aeuße- 
rungen  Johann  Friedrichs  aus  diesen  Tagen  könnten  darauf  hin- 
deuten, daß  er  jetzt  auch  von  der  kriegerischen  Stimmung  des 
hessischen  Vetters  ergriffen  war®),  doch  stehen  andere  dazu  im 
Widerspruch,  in  denen  er  gerade  auf  günstige  und  friedliche 
Symptome  aufmerksam  machte®).  Am  klarsten  kommt  seine  Stim- 


1)  Die  Stücke,  die  man  erbeutete,  bei  Hortleder,  I,  2,  S.  12ff.  gedruckt. 
Sie  zeigen  eine  sehr  feindliche  Stimmung,  aber  keine  direkten  Angriffsabsichten. 
Größere  Kricgslust  tritt  in  den  später  erbeuteten  Korrespondenzen  Herzog  Hein- 
richs hervor,  aber  auch  hier  nicht  direkt  die  Absicht,  zuvorzukommen.  Reg.  H. 
p.  834,  No.  VII;  p.  838,  No.  X. 

2)  Auch  zum  Teil  bd  Hortleder,  I,  2,  S.  lOff.  gedruckt. 

3)  P.  C.  II,  539. 

4)  Eine  Menge  Bestallungsbriefe  in  P.  A.  No.  505.  Vor  aUem  aber  kommt 
ein  Brief  des  Kf.  an  Ldgf.  vom  14.  Jan.  1539  in  Betracht.  Danach  sollten  die  Ritt- 
meister schon  dafür  sorgen,  daß  die  Reiter,  die  sie  erhalten  könnten,  ihnen  nicht 
abgestrickt  würden,  ja  man  dachte  schon  an  Werbeverbote  in  den  Städten  und 
an  Aufstellung  einer  Garde  von  5—6000  Knechten  in  Niedetdeutschland,  Reg.  H. 
p.  272,  No.  115,  Konz.  Der  Kf.  muß  damals  auch  vorgeschlagen  haben,  daß 
jeder  von  ihnen  60 — 70  vom  Adel  bestelle.  Der  Ldgf.  erklärte  sich  am  20.  Jan. 
sehr  einverstanden  damit  (ebenda). 

5)  So  wenn  er  den  Vorschlag  des  Ldgf.,  auf  dem  Bundestage  alle  Sachen 
über  die  man  mit  den  Gegnern  im  Streit  wäre,  zu  erörtern  und  Fug  und  Unfug 
feetzustellen,  für  unnütz  erklärte,  da,  wenn  jene  zur  Gewalt  entschloesen  wären, 
nicht  viel  darauf  ankäme,  ob  in  einigen  Sachen  zu  viel  geschehe,  die  Sache  werde 
dadurch  nicht  milder  oder  härter  werden.  (Reg.  H.  p.  211,  No.  9ö,  Konz.) 
Oder  wenn  er  riet,  gegen  den  braunschweigischen  Sekretär  ruhig  auch  die  pein- 
liche Frage  anzuwenden,  da  die  Sache  dadurch  weder  kälter  noch  wärmer  werde  und 
man  in  solchen  schwinden  Fällen  die  Dinge  nicht  allwege  nach  der  Schnur  der 
Rechte  machen  könne  (an  Ldgf.  Jan.  12,  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  voL  U,  Konz.). 

6)  So  verwies  er  am  13.  Januar  auf  die  Werbung  Trotts  und  auf  günstige 
Nachrichten  aus  den  Niederlanden  und  am  20.  Jan.  auf  Aeuß^ungen  Joachims  IL 
und  die  Werbung  eines  Sekretärs  Wilhelms  von  Bayern.  (Reg.  H.  p.  272,  No.  115, 
Konz.)  Günstig  wurde  seine  Stimmung  vor  allem  auch  durch  Mitteilungen,  die 
Georg  von  Karlowitz  am  7.  und  8.  Januar  gelegentlich  des  Leipziger  Religions- 
geepräebs  machte,  beeinflußL  (Reg.  H.  p.  223,  No.  101.) 


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Band  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmangelust  1536—41.  175 

mung  wohl  zum  Ausdruck  in  einem  aus  dem  Januar  stammenden 
ausführlichen  eigenhändigen  „Bedenken“  über  die  Gegenwehr  und 
in  einem  Brief,  den  er  am  12.  Januar  an  den  Landgrafen  richtete. 
Aus  dem  Gutachten  geht  hervor,  daß  der  Kurfürst  auch  jetzt  die 
Erhaltung  des  Friedens  für  das  Beste  hielt,  daß  er  aber  von  den 
feindlichen  Absichten  der  Gegner  überzeugt  war.  Demgegenüber 
schien  ihm  auch  ein  Zuvorkommen  erlaubt,  doch  meinte  er,  daß 
es  große  Schwierigkeiten  habe,  zu  einem  großen  Kriege  in  Deutsch- 
land führen  werde  und  im  Falle  des  Sieges  auch  zu  Differenzen 
unter  den  Verbündeten  Anlaß  geben  könne.  Eher  wäre  ein  Krieg 
möglich,  wenn  man  es  nur  mit  einem  Teile  der  Gegner,  etwa  mit 
Herzog  Heinrich  und  Mainz  zu  tun  hätte,  wofür  manches  spräche. 
Die  Entscheidung  über  die  einzuschlagende  Politik  durfte  nach  der 
.Ansicht  Johann  Friedrichs  aber  auf  jeden  Fall  erst  auf  dem  Frank- 
furter Tage  erfolgen*). 

Den  Gedanken,  die  Gegner  zu  trennen  oder  durch  Einwirkung 
auf  die  friedlich  Gesinnten  unter  ihnen  den  Frieden  zu  erhalten, 
brachte  der  Kurfürst  auch  in  dem  Briefe  an  den  Landgrafen  zum 
Ausdruck  ’),  er  arbeitete  auch  selbst  in  diesem  Sinne  *).  Vor  allem 
verbreitete  er  sich  in  diesem  Briefe  aber  über  die  Behandlung 
des  braunschweigischen  Sekretärs  und  über  die  zur  Rechtfertigung 
seiner  Gefangennahme  zu  ergreifenden  Schritte.  Dabei  ist  wieder 
merkwürdig,  daß  der  Kurfürst  vor  allen  Maßnahmen  warnte,  durch 
die  man  sich  etwa  in  bezug  auf  künftige  Rüstungen  die  Hände 
binden  würde,  deshalb  erschien  ihm  z.  B.  ein  von  Karlowitz  ge- 
ratenes Ansschreiben  gegen  die  Gerüchte  von  Rüstungen  des  Land- 
grafen nicht  empfehlenswert. 

In  den  Ratschlägen,  die  er  über  die  Behandlung  und  Be- 
fragung des  braunschweigischen  Sekretärs  erteilte,  ließ  es  Johann 
Friedrich  an  Rücksichtslosigkeit  jedenfalls  nicht  fehlen  *).  Dem  ent- 
sprach es,  wenn  er  auch  gewisse  militärische  Vorbereitungsmaßregeln 

1)  Eigenh.  Konz.  Reg.  H.  p.  40,  No.  2,  I.  Kopie  ebenda  p.  225,  No.  102, 
vol.  IL  Alctenet  No.  21.  VergL  Seckendorf,  III,  S.  200t 

2)  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  II,  Konz.  Aktenst.  No.  22. 

3)  Vergt  etwa  die  Instruktion  für  Dölzig  an  Neuenahr  vom  16.  Jan.,  Reg. 
C.  p.  855,  Bl.  47—57,  Konz.  Sie  unterrichtet  auch  sehr  gut  über  die  Auffassung 
des  Kt  von  der  Lage.  Er  hielt  Held,  Heinrich  von  Braunschweig  und  wohl 
auch  Bauern  für  kri^erisch  gesinnt,  Ferdinand  und  Maria  für  friedlich,  über  den 
Kaiser  war  er  sich  anscheinend  nicht  ganz  klar. 

4)  VergL  S.  174  Anm.  5. 


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176 


Kapitel  II. 


ruhig  weitergehen  ließ  und  neue  ergriff*).  Dabei  wünschte  er 
durchaus  nicht  den  Krieg,  sondern  die  Erhaltung  des  Friedens, 
war  aber  von  den  kriegerischen  Absichten  der  Gegner  überzeugt  *). 
Auch  diese  hegten,  abgesehen  von  Herzog  Heinrich  *)  und  vielleicht 
Bayern  *),  eine  ganz  ähnliche  Gesinnung.  Auch  sie  wünschten,  wenn 
auch  zum  Teil  wohl  nur  notgedrungen,  den  Krieg  nicht,  wurden 
aber  wieder  durch  die  Nachrichten  von  den  Rüstungen  der  Pro- 
testanten vorwärts  getrieben®).  So  war  .Anfang  des  Jahres  15.39 
die  Gefahr  groß,  daß  man  schließlich  „zusammenwachsen“  würde  ®), 
und  wenn  der  Frankfurter  Tag  ein  Verdienst  hat,  so  ist  es  das, 
daß  es  gelang,  einen  kriegerischen  Zusammenstoß  noch  zu  verhüten. 

Möglich  war  das  nur,  weil  für  die  Habsburger  schließlich  doch 
die  Notwendigkeit  überwog,  einen  Krieg  zu  vermeiden.  Das  beste 
Mittel  bot  ihnen  natürlich  dazu  die  brandenburgische  Fiiedens- 

1)  DienstbestallungeD  vom  31.  Januar  im  Weim.  Arcb. , Urk.  No.  1G03. 
(Reg.  H.  p.  259,  No.  110.)  Uebcr  die  Annahme  von  Edelleuten  handelt  der  Kf. 
wieder  in  Brief  an  Ldgf.  vom  25.  Jan.,  Reg.  H.  p.  272,  No.  115,  Konz. 

2)  Siehe  die  Instruktion  für  Dolzig  vom  16.  Jan.  S.  175  Anm.  3. 

3)  Vergl.  etwa  die  undatierte  Antwort  auf  Heids  Brief  vom  22.  Okt.  1538 
in  Reg.  H.  p.  834,  No.  VII,  Kopia 

4)  Bayern  wollte  eich  wohl  beide  Wege  offen  halten.  Wenigstens  steht  zu 
dem,  was  Riezler,  IV,  B.  300  erzählt,  die  Werbung  Kresdorfers  beim  Kl  in 
merkwürdigem  Widerspruch.  Für  Anfang  März  war  eine  Zusammenechickung 
der  Räte  in  Schweinfurt  geplant,  wegen  des  Frankfurter  Tages  wurde  nichts  ans 
ihr.  Im  März  und  April  rechtfertigen  Sachsen,  Hessen  und  Bayern  gegenseitig 
ihre  Rüstungen  mit  den  Gerüchten  von  solchen  der  Gegner  und  beteuern  ihre 
friedliche  Gesinnung.  Akten  über  die  Verhandlungen  zwischen  dem  Kl  und 
Bayern  in  Reg.  H.  p.  223,  No.  101.  Vergl.  Stumpf,  § 63,  S.  224.  Am  4.  Februar 
sandten  die  Hzc.  dem  Kl  Abschrift  des  Nürnberger  Bundes.  Seckendorf,  III, 
S.  173,  Or.  ihres  Briefes  Reg.  H.  p.  223,  No.  101.  Am  5.  schrieb  auch  Kres- 
dorfer  wieder  einen  sehr  friedlichen  Brief  an  Burchard,  ebenda.  Korreepondenz 
der  Hze.  mit  dem  Ldgf.  in  P.  A.  No.  510. 

5)  Daß  der  Kaiser  einen  Angriff  io  jener  Zeit  nicht  wünschte,  zeigt  etwa 
sein  Brief  an  Ferd.  vom  22.  Sept.,  N.  B.  III,  8.  204,  Anm.  Ib.  Rosenberger, 
8.371391  611  Vergl.  Baumgarten,  III,  S.  3391  Ein  Reichstag  mit  solchen 
Hintergedanken,  wie  der  Kl  sie  voraussetzte,  lag  den  Habsburgem  jedenfalls  fern. 
Vergl.  Karl  an  Ferd.  Nov.  30,  N.  B.  IV,  457 1 Ferd.  an  Karl  1539  Jan.  10  ebenda 
S.  4581  In  dieser  Zeit  war  Hz.  Georg  mit  der  friedlichen  Politik  der  Habs- 
burger nicht  recht  einverstanden.  An  Heinr.  v.  Br.  Okt.  17,  P.  A.  No.  834,  127, 
Kopie.  Instruktion  für  den  Pilsener  Tag  der  Nürnberger  Verbündeten  Febr.  5, 
Reg.  H.  p.  838,  No.  X,  Kopie. 

6)  So  faßte  z.  B.  Sturm  die  Lage  aul  An  Ldgf.  Jan.  26,  Reg.  H.  p.  272, 
No.  115,  Kopie. 


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Bund  ti.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmungelust  1536 — 41,  177 

Termittlung,  auf  die  wir  nun  zurückkommen.  Sie  war  nach  dem 
Eisenacher  Tage  zunächst  nur  sehr  langsam  von  der  Stelle  ge- 
kommen. Joachim  hatte  die  Eisenacher  Erklärung  der  Protestanten 
dem  Könige  zugeschickt ‘),  es  dauerte  aber  lange,  bis  Antwort 
von  diesem  kam.  Inzwischen  beschäftigte  man  sich  mit  der  vom 
Pfälzer  vorgeschlagenen  Zuziehung  der  geistlichen  Kurfürsten. 
Kursachsen  lehnte  die  des  Mainzers  entschieden  ab,  hatte  aber 
gegen  die  von  Köln  und  Trier  nichts  einzuwenden  *). 

Erst  im  Oktober  antwortete  Ferdinand  dem  Brandenburger 
auf  seinen  Briefe).  Die  Verzögerung  wurde  dadurch  veranlaßt,  daß 
er  erst  mit  dem  Kaiser  hatte  in  Verbindung  treten  müssen,  sie  ist 
nicht  als  Beweis  mangelnder  Friedensliebe  zu  betrachten.  Auch 
Karl  V.  ging  mit  einer  gewissen  Bereitwilligkeit  auf  die  Vor- 
schläge Ferdinands  ein,  da  auch  ihm  wegen  der  Türkengefahr 
daran  gelegen  war,  eine  Entscheidung  in  der  Religionsfrage  und 
einen  Zusammenstoß  mit  den  Protestanten  noch  zu  vermeiden*). 
Der  Vorschlag  Ferdinands  vom  2.  Oktober,  nicht  die  beiden  ver- 
mittelnden Kurfürsten  selbst  zu  Kommissaren  zu  ernennen,  sondern 
lieber  den  Erzbischof  von  Lund  und  Held,  und  den  Kurfürsten  nur 
die  Vermittlung  des  Verkehrs  zwischen  diesen  und  den  Protestanten 
zu  überlassen,  wird  auch  ganz  in  seinem  Sinne  gewesen  sein®). 
Daneben  war  an  eine  Beteiligung  der  Vertreter  des  Papstes  gedacht. 
Mit  diesen  beriet  auch  Ferdinand  beständig,  und  aus  Beratschlag- 
ungen mit  ihnen  ging  auch  sein  Brief  an  Joachim  vom  19.  Oktober 
hervor.  Ferdinand  suchte  durch  ihn  bestimmte  Friedensvorschläge 
von  den  Protestanten  zu  erlangen®).  Da  bei  diesen  wenig  Neigung 
dazu  vorhanden  war,  solche  zu  machen,  entschloß  sich  Joachim 
Ende  November  selbst,  .Artikel  zu  diesem  Zwecke  aufzustellen, 
und  schickte  sie  dem  Kurfürsten  und  Landgrafen  zur  Begutachtung 

1)  Joachim  an  Kf.  Aug.  28,  B^.  H.  p.  221,  No.  99,  Or. 

2)  Ebenda  Joachim  an  Ldgf.  Aug.  30,  Beg.  fi.  p.  211,  Na  95,  Kopie.  Brück 
an  Kf.  Sept.  6,  Beg.  H.  p.  221,  No.  99,  Or.  Kf.  an  Joachim  Sept.  7,  Reg.  H. 
p.  234,  No.  103,  BL  124 — 127,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Sept  14,  Beg.  H.  p.  203, 
No.  93,  Or. 

3)  Ferd.  an  Joachim  Okt  19.  Bosenberg,  S.  62. 

4)  VergL  Bosenberg,  8.  36 ff.  und  Körte,  8.  17  und  Anm.  50. 

5)  Ferd.  an  Karl  Okt.  2,  N.  B.  IV,  451  ff.  Bosenberg,  8.  60. 

6)  Ferd.  an  Joachim  Okt.  19,  Rosenberg,  8.  62,  an  den  Kaiser  Okt  22, 
N.  B.  IV,  452f.,  Bosenberg,  8.  63.  Auch  Not.  21  bat  Ferd.  Joachim 
-wieder  um  Artikel  der  Protestanten,  N.  B.  IV,  8.  487 f.  Bosenberg,  8.  65 f. 

ßeitnge  zur  Deuercu  Gcfchicbte  TbQriDzen*  1,  a.  12 


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178 


Kapitel  II. 


zu.  Die  Ausdehnung  des  Friedens  auf  alle  reichsunmittelbaren 
Protestanten  unter  Ausschluß  der  Sakramentierer,  Wiedertäufer 
und  anderer  Sekten  war  hier  in  Aussicht  genommen,  ebenso  eine 
Erklärung  und  weitere  Fassung  des  Begriffs  der  Religionssachen 
und  eine  Neubesetzung  des  Kammergerichts  mit  geeigneten  Per- 
sonen'). Diese  Vorschläge  genügten  nun  zwar  den  Protestanten 
nicht,  der  Kurfürst  bezeichnete  sie  als  „nichts  nütze“  *),  aber 
Joachim  erreichte  doch  so  viel  durch  sie,  daß  die  beiden  Bundes- 
häupter nun  ihrerseits,  wenn  auch  in  unmaßgeblicher  Weise,  ihre 
Forderungen  formulierten. 

Aus  diesem  Stück,  das  in  erster  Linie  dem  Landgrafen  seine 
Entstehung  verdankte,  an  dem  aber  doch  auch  der  Kurfürst  einigen 
Anteil  hatte,  ist  zunächst  hervorzuheben,  daß  die  Sakramentierer 
aus  dem  brandenburgischen  Vorschlag  gestrichen  wurden  und  daß 
dieser  ferner  durch  einige  Punkte  aus  den  Eisenacher  Beschlüssen  er- 
gänzt wurde.  So  wurde  z.  B.  das  Reformationsrecht  der  Obrigkeiten 
stärker  betont.  Der  Landgraf  gab  dann  eine  sehr  genaue  Definition 
des  Begriffes  der  Religionssachen,  Johann  Friedrich  fügte  eine  An- 
zahl einzelner  Kammergerichtsprozesse,  so  auch  den  gegen  Minden, 
namentlich  ein.  Als  Grenztermin  des  Friedens  hatte  der  Landgraf 
in  seiner  Antwort  an  Schlieben  einen  „endlichen  christlichen  Ver- 
fang“ bezeichnet,  der  Kurfürst  wollte  ursprünglich  das  Konzil  dafür 
einsetzen,  hat  schließlich  dann  aber  gar  kein  Ziel  gesetzt®). 

Wenn  die  beiden  Fürsten  sich  zur  Ueberreichung  dieser  Ar- 
tikel entschlossen,  so  geschah  es,  weil  sie  türchteten,  daß  sonst 
Joachim  etwa  seine  .Artikel  übersende,  die  sie  unmöglich  bewilligen 
könnten,  ferner  fürchtete  der  Kurfürst,  daß,  wenn  man  ei’st  auf 
dem  Bundestage  die  Sache  beriete,  viele  Stände  sich  aus  Klein- 
mütigkeit mit  den  brandenburgischen  Artikeln  begnügen  könnten. 
Genügende  Vollmacht  zur  Ueberreichung  von  Friedensvorschlägen 
glaubte  man  von  Eisenach  her  zu  haben.  Als  ratsam  betrachtete 
man,  daß  der  Brandenburger  sie  in  seinem  eigenen  Namen  an  den 

U N.  B.  IV,  490—492.  Die  Kredenz  und  Instruktion  für  Schlieben  an  Kf. 
ist  vom  25.  Nov.,  Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  153  und  155/56. 

2)  An  Ldgf.  Dez.  12,  Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  170/71. 

3)  N.  B.  IV,  496  ff.  Ueber  die  Entstehung  dieser  Artikel  vergL  III, 
72  f.  Rosen  berg,  S.  67  f.  Was  er  als  Zusätze  des  Kf.  bezeichnet,  sind  aber 
meist  solche  des  Landgrafen.  Antwort  des  Ldgf.  an  Schlieben  N.  B.  IV,  492  ff. 
Kf.  an  Ldgf.  Dez.  13,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Konz.  Antwort  des  Kf.  und 
Ldgf.  an  Schlieben  Dez.  14,  N.  B.  IV,  494  ff. 


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Bund  u.  Bdch:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UDtemehmnngslagt  1536 — 41.  179 

König  schicke  und  die  Antwort  so  fördere,  daß  sie  zum  Bundestage 
einträfe,  damit  man  sich  in  keiner  Weise  die  Hände  binde*). 

Am  14.  Dezember  sandte  Johann  Friedrich  die  Artikel  an 
Joachim,  dieser  ließ  sie  dann  tatsächlich  am  26.  Dezember  in  seinem 
eigenen  Namen  nach  Wien  weitergehen  und  bat  um  ihre  Annahme. 
Es  ist  begreiflich,  daß  man  am  königlichen  Hofe  nicht  sehr  mit 
ihnen  einverstanden  war,  der  päpstliche  Nuntius  .■Ueander  erklärte 
sie  für  „unverschämt“  ’)•  Im  übrigen  aber  kam  die  Friedensange- 
legenheit in  dieser  Zeit  gut  vorwärts.  Der  Kaiser  war  auf  die 
Intentionen  Ferdinands  eingegangen,  hatte  Lund  und  Held  Voll- 
macht für  die  Verhandlungen  erteilt,  außerdem  die  Kurfürsten  von 
Brandenburg  und  von  der  Pfalz  um  ihre  Vermittlung  gebeten. 
Die  Instruktion,  die  er  Lund  erteilte  “),  zeigt  uns  allerdings,  daß  er 
zwar  den  Frieden  wünschte,  aber  offenbar  sehr  wenig  zugestehen 
wollte,  vor  allem  nichts  ohne  Zustimmung  der  Vertreter  des  Papstes. 
.4uch  die  Mitglieder  des  katholischen  Bundes  wollte  er  zuziehen*). 

Zunächst  aber  wirkte  schon  die  Nachricht  günstig,  daß  Lund 
überhaupt  mit  der  Vollmacht  eingetroffen  war,  da  dadurch  die  Sicher- 
heit gewonnen  wurde,  daß  es  zu  Friedensverhandlungen  kommen 
würde.  Ferdinand  sandte  am  10.  Januar  Lienhard  Strauß  mit 
dieser  Nachricht  an  den  Brandenburger  und  bat  ihn  gleichzeitig 
um  Festsetzung  der  Malstatt  für  die  Verhandlungen.  Der  König 
schlug  selbst  Nürnberg  dafür  ^or,  Joachim  bestand  aber  auf  Frank- 
furt. Den  Protestanten  schrieb  er  auf  Grund  der  mündlichen 
.\eußemngen  Straußens  einen  ziemlich  zufriedenen  Brief,  konnte 
man  doch  jetzt  als  sicher  annehmen,  daß  Lund  am  20.  Februar  in 
Frankfurt  eintreffen  werde.  Seine  eigene  .\nkunft  kündigte  der 
Brandenburger  auch  für  diesen  Tag  an*).  .4uf  die  Stimmung  des 


1)  Alles  das  führt  Kf.  in  einer  Notel  an  den  Ldgf.,  die  etwa  rom  13.  Dez. 
ist,  aus,  Beg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  184 — 194. 

2)  Joachim  an  Ferd.  Dez.  26,  N.  B.  IV,  499 — .504.  VergL  III,  S.  381.  384  f. 
Rosenberg,  8.  72. 

3)  Ueber  Held  vergL  N.  B.  III,  326  f.  331.  352. 

4)  Karl  V.  an  Ferd.  Okt.  28,  N.  B.  IV,  453  f. ; Nov.  22,  ebenda  S.  454,  3; 
Nov.  30,  ebenda  457  f.  Instruktion  für  Lund  vom  30.  Nov.,  Lanz,  Staatspapiere, 
8.  277—281.  Ribier,  I,  8.  267ff.  Baumgarten , lU,  8.  350f. 

5)  Ferdinand  an  Joachim  Jan.  10,  Strauß’  Werbung  etc.,  Rosen berg, 
8.  71  ff.  Ferd.  an  Joachim  Jan.  18,  N.  B.  IV,  504  ff.  Joachim  an  Ferd.  Jan.  23, 
an  die  Protestanten  Jan.  23,  Rosenberg,  8.  72f.,  Reg.  H.  p.  234,  No.  103, 
Bl.  214. 

12* 


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180 


Kapitel  II. 


Kurfürsten  von  Sachsen  scheint  der  unmittelbar  bevorstehende  Be- 
ginn der  Verhandlungen  nicht  ganz  ohne  Einfluß  geblieben  zu  sein  ‘). 
Der  Landgiaf  blieb  doch  auch  in  diesen  Tagen  noch  außerordent- 
lich besorgt.  Zwar  schlug  auch  der  Kurfürst  in  dem  gemeinsamen 
Brief  an  den  Brandenburger  vom  28.  Januar  einen  sehr  energischen 
Ton  an*),  aber  für  Rüstungen  und  vorbereitende  Schritte  zum 
Kriege  wai’  er  doch  in  dieser  Zeit  weniger  zu  haben,  als  der 
Landgraf*). 

Vermutlich  werden  sich  die  beiden  Fürsten,  als  sie  etwa  am 
30.  Januar  in  Weimar  zusammentrafen,  über  die  Lage  und  über 
die  weiter  zu  befolgende  Politik  unterhalten  und  geeinigt  haben, 
doch  ist  uns  nicht  viel  über  diese  Zusammenkunft  bekannt  *).  Der 
Landgraf  sprach  mit  Melanchthon  über  das  Religionsgespräch,  das 
vor  kurzem  in  Leipzig  stattgefanden  hatte  *).  Außerdem  hat  der  Kur- 
fürst dem  hessischen  Vetter  damals  ein  Bedenken  seiner  Theologen 
über  die  Gegenwehr  überreicht*).  Einig  wird  man  gewiß  schließ- 
lich darin  gewesen  sein,  daß  über  alles  Weitere  nur  der  Verlauf 
des  Frankfurter  Tages  und  der  Friedensverhandlungen  entscheiden 
könne.  Von  der  außerordentlichen  Wichtigkeit  dieser  Versamm- 
lung blieb  der  Kurfürst  nach  wie  vor  überzeugt.  Er  entschloß  sich 
daher,  sie  selbst  zu  besuchen,  obgleich  wenig  Aussicht  war, 
daß  die  anderen  Bundesfürsten  außer  dem  Landgrafen  persön- 
lich kommen  würden*). 

1)  In  Brief  an  Dölzig  vom  28.  Jan.  spricht  er  wenigstens  die  Hoffnung  auf 
günstigen  Ausgang  der  Friedensvcrhandlungen  aus,  Keg.  C.  No.  855,  Bl.  69/70, 
Konz. 

2)  Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  Bl.  232—236,  Konz.,  mit  Korrekturen  des  Kf. 
Unter  anderem  wird  hier  gesagt,  daß  es  ihnen,  wenn  die  Rüstungen  der  Gegner 
nicht  aufhörten,  schwer  fallen  würde,  in  solcher  Gefahr  zu  Frankfurt  ,der 
Handlung  auszuwarten“. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  3 und  5,  Reg.  H.  p.  272,  No.  115,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Febr.  7,  ebenda,  Konz. 

4)  Der  Ldgf.  kündigte  am  28.  seine  Ankunft  in  Weimar  für  den  30.  an. 
Reg.  H.  p.  234,  No.  103,  BL  228/29,  Or.  Daß  er  da  war,  zeigt  C.  R,  HI,  637. 

5)  C.  R.  ebenda. 

6)  Ein  Exemplar  des  Bedenkens  bei  de  Wette-Seidemann,  VI,  S.223L, 
in  Marburg  P.  A.  Sachsen,  Ernest  Linie,  1539  trägt  die  Bemerkung  ,ps.  io  Weimar 
ultima  Januarii  39“.  Als  Entstchungszeit  der  beiden  Gutachten  bei  de  Wette 
möchte  ich  eher  das  Jahr  1537  betrachten.  Damals  waren  die  Unterzeichneten 
Theologen  in  Schmalkalden  zusammen. 

7J  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  15,  Reg.  H.  p.  236,  No.  104,  II,  Bl.  39 '40,  Konz, 
von  der  Hand  Burchards. 


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Bund  n.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmuDgelost  1536 — 41.  181 

Die  Gefahr  der  Lage  und  speziell  die  Mindensche  Angelegen- 
heit sollten  neben  der  Friedensfrage  den  Beratungsgegenstand 
des  Tages  bilden.  Man  hatte  sich  so  eingerichtet,  daß  die  Ver- 
bündeten schon  acht  Tage  vor  dem  Beginn  der  Friedensverhand- 
lungen versammelt  waren,  um  sich  zunächst  einmal  selbst  über 
die  Lage  und  die  einzuschlagende  Politik  klar  zu  werden.  Sachsen 
und  Hessen  haben  in  der  Proposition,  die  sie  den  Ständen  am 
14.  Februar  vorlegten,  aus  ihren  Besorgnissen  kein  Hehl  ge- 
macht und  vorgeschlagen,  daß  man  schon  jetzt  darüber  berate, 
was  man  tun  wolle,  wenn  die  Friedensverhandlungen  nicht  zum 
Ziele  führten*).  Ein  .Ausschuß  von  elf  Personen  wurde  zu  diesem 
Zwecke  gewählt  Auch  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  gehörten 
ihm  persönlich  an*).  Von  seinen  Verhandlungen  geben  einige 
uns  erhaltene  Protokolle  ein  lebensvolles  Bild*).  Sie  zeigen  uns, 
daß  Sachsen  und  Hessen  darin  einig  waren,  daß  man,  wenn 
der  Friede  nicht  zustande  käme,  „dem  Widerteil  den  Vorstreich 
abgewinnen“  müsse,  daß  sie  aber  bei  allen  übrigen  Ständen 
keinen  Anklang  damit  fanden.  Die  Gründe,  die  diese,  z.  B.  Straß- 
burg und  Augsburg,  dagegen  vorbrachten,  waren  nicht  ohne  Hand 
und  Fuß,  andererseits  aber  auch  solche  Reden,  wie  sie  etwa  der 
Kurfürst  am  17.  Februar  hielt,  wohldurchdacht.  Auch  sie  wai'  ja 
im  Grunde  friedlich  gemeint,  eben  auf  die  Erlangung  eines  be- 
ständigen Friedens  kam  es  ihm  an,  und  er  empfahl  zu  diesem 
Zweck  Verhandlungen  über  ein  Bündnis  mit  England,  Jülich, 
Frankreich,  den  Schweizern,  dann  solche  mit  den  „Neutralen“  Kur- 
trier, Kurköln,  Stadt  Köln  und  Worms  über  einen  Frieden  und  Ein- 
stellung der  Rüstungen.  Es  waren  Gedanken,  die  durchaus  der 
vom  Kurfürsten  im  letzten  Jahre  befolgten  Politik  entsprachen.  Er 
legte  danu  weiter  dar,  daß  man,  da  die  Verhandlungen  mit  jenen 
Ständen  vielleicht  nicht  so  schnell  beendet  werden  könnten,  einst- 
weilen seine  eigenen  Rüstungen  fortsetzen  müsse,  nicht  zum  Angriff, 
sondern  um  einige  Monate  zu  warten.  Man  dürfe  dabei  20000  fl. 
nicht  ansehen.  Dadurch  werde  man  dann  entweder  einen  Frieden 
oder  einen  Anstand  erlangen.  Wenn  nicht,  so  wisse  man  doch, 
woran  man  sei,  und  man  dürfe  sich  dann  auch  vor  dem  „Vorstieich“ 

1)  Konz,  in  P.  A.  No.  509,  Kopie  in  Reg.  H.  p.  235,  No.  114,  II,  BL  44—57. 

2)  P.  C.  II,  No.  569. 

3)  Das  CUmmers  bei  Meinardus,  FDG.  XXII,  S.  636 ff.,  eins  des  hessi- 
schen Kanzlers  Feige  in  P.  A.  No.  508. 


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182 


Kapitel  II. 


nicht  scheuen,  da  nach  dem  Gutachten  der  Gelehrten  auch  dieser 
defensiv  aufgefaßt  werden  könne,  also  dem  Bundesvertrag  nicht  wider- 
spreche. Zur  weiteren  Bekräftigung  seiner  Ansicht  wies  Johann 
Friedrich  noch  darauf  hin,  daß  durch  die  Acht  gegen  Minden  sie  alle 
als  Komplicen  auch  rechtlos  und  vogelfrei  würden.  Den  Einwurf,  daß 
die  Türken  von  einem  Kriege  in  Deutschland  den  Vorteil  haben 
würden,  wies  er  damit  zurück,  daß  es  ebenso  schlimm  sei  von  den 
Gegnern  im  Reich  überzogen  zu  werden,  wie  von  den  Türken. 
Natürlich  müsse  man  aber,  wenn  man  etwas  vomähme,  eine  Er- 
klärung erlassen,  wie  man  dazu  käme. 

In  den  Beschlüssen,  die  der  Ausschuß  schließlich  faßte,  sind 
von  den  Vorschlägen  des  Kurfürsten  doch  verschiedene  berück- 
sichtigt worden,  so  wenn  man  für  die  Kosten  der  bisherigen  und 
der  noch  bevorstehenden  Gegenrüstungen  eine  außerordentliche  An- 
lage von  20000  fl.  vorschlug.  Dazu  kam  eine  bis  zum  1.  Mai  zu 
zahlende  kleine  Anlage  von  10430  fl.  Man  beschloß  ferner,  Kur- 
köln, Kurtrier,  England,  Jülich  und  einzelne  Städte  zur  Förderung 
der  Friedensverhandlungen  aufzufordem,  war  auch  Verhandlungen 
Über  ein  Bündnis  mit  Jülich  nicht  abgeneigt.  Am  18.  Februar 
tauchte  im  Ausschuß  noch  der  Gedanke  auf,  Kommissarien  nach 
Oberdeutschland  zu  schicken  zur  Beobachtung  der  Maßregeln  der 
Gegner  und  mit  Vollmacht,  eventuell  sofort  ihrerseits  40  Haupt- 
leute anzunehmen.  Der  Ausschuß  erhob  auch  das  zum  Beschluß. 
Dagegen  gelang  es  nicht,  schon  jetzt  eine  Entschließung  über  einen 
etwaigen  „Vorsti-eich“  herbeizuführen.  Man  verschob  das  bis  nach 
Beendigung  der  Friedensverhandlungen.  Inzwischen  wollte  man 
alles  nur  mögliche  tun,  um  einen  beständigen,  „satten“  Frieden  zu 
erlangen,  oder  wenn  das  nicht  gelang,  wenigstens  einen  Anstand 
von  einigen  Jahren.  Ein  Zugeständnis  an  die  Auffassung  des  Kur- 
fürsten und  Landgrafen  wai’  es,  wenn  man  die  Schritte  billigte,  die 
bisher  geschehen  waren,  um  zu  verhüten,  daß  die  Gegner  den 
Protestanten  das  Kriegsvolk  zu  Roß  und  Fuß  entzögen,  und  auch 
weitere  derartige  Maßregeln  für  ratsam  erklärte*). 

Das  Plenum  der  Stände  scheint  sich  diesen  Beschlüssen  des 
Ausschusses  im  wesentlichen  angeschlossen  zu  haben,  wenigstens 
kamen  einige  von  ihnen,  wie  die  Entsendung  der  Kommissare,  in 


1)  P.  C.  II,  No.  571,  S.  548  f.,  ergänzt  durch  Keg.  H.  p.  221,  No.  99,  und 
P.  A.  No.  508. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UDtemehmangglast  1536 — 11.  133 

der  nächsten  Zeit  schon  zur  Ausführung*),  auch  die  militärischen 
Vorkehrungen  nahmen  ihren  Fortgang’).  Die  eigentliche  Ent- 
scheidung für  die  Zukunft  aber  lag  nun  bei  den  Frieden sverhand- 
lungen.  Man  wird  ihnen,  wenn  man  die  Weisungen  kennt,  die 
Ferdinand  seinen  Kommissarien  Melchior  von  Lamberg  und 
Dr.  Frankfurter  mitgab  *),  kein  günstiges  Prognostiken  stellen, 
und  es  verdient  Anerkennung,  daß  die  vermittelnden  Kurfürsten 
trotzdem  den  Mut  nicht  verloren,  sondern  sich  mit  nie  ermüden- 
dem Eifer  an  die  Sisj’phusarbeit  machten,  zwischen  den  sich  so 
schroff  gegenüberstehenden  Wünschen  der  Protestanten  und  der 
Habsburger  eine  mittlere  Linie  zu  finden.  Zugute  kam  ihnen 
dabei,  daß  auch  der  kaiserliche  Kommissar,  der  Erzbischof  von 
Lund*),  ein  sehr  konzilianter  Mann  war  und  so  weit  entgegen- 
kam, als  seine  Instruktionen  es  ihm  irgend  erlaubten,  ja  fast 
weiter,  als  sie  ihm  erlaubten.  So  zog  er  es  z.  B.  vor, 

Ferdinands  Instruktion  den  Protestanten  gar  nicht  mitzuteilen. 
Trotz  alledem  wäre  aber  ein  Abschluß  nicht  möglich  gewesen, 
wenn  nicht  auch  diese  ein  außerordentlich  großes  Entgegen- 
kommen gezeigt  hätten.  Das  war  nicht  etwa  nur  die  Schuld  der- 
jenigen Bundesstände,  die  schon  bisher  eine  fast  zu  große  Scheu 
vor  einem  Kriege  gehabt  hatten,  auch  der  Landgraf  zeigte  sich, 
wohl  unter  dem  Einfluß  seiner  Krankheit,  weicher,  als  es  sonst 
seine  Gewohnheit  war,  so  daß  zuweilen  Johann  Friedrich  als  der 
hartnäckigste  und  daher  auch  am  wenigsten  friedliebende  er- 
scheint ®). 

1)  Instruktion  für  Gotzmann  und  Al.  v.  d.  Thann  vom  21.  Februar,  aller- 
dings mit  der  Beschränkung,  dai}  sie  keine  selbständigen  Werbungen  vornehmen 
sollten  (Meinardus,  FDO.  XXII,  B.  654,  P.  C.  II,  S.  548  Anm.).  Auch  nach 
Niederdeutschland  wurden  am  22.  März  Kommissare  entsandt,  darunter  Bernhard 
V.  Mila.  P.  C.  II,  B.  576  Anm.  1.  Reg.  H.  p.  256,  Na  109,  vol.  I.  Vergl.  auch 
Franz  Fischer,  S.  34. 

2)  Das  zeigt  z.  B.  die  Korrespondenz  des  Kurfürsten  mit  seinen  heimge- 
lassenen  Räten.  Es  kam  bis  zu  einer  Aufbietung  der  9 Landkreise  auf  Grund 
der  Instruktion  von  1537.  Vergl.  Kapitel  VI. 

3)  Baumgarten,  III,  B.  356. 

4)  Von  einer  Teilnahme  der  Vertreter  des  Papstes  ist  überhaupt  nicht  mehr 
die  Rede,  auch  der  Nürnberger  Bund  wird  nicht  mehr  genannt.  Baumgarten, 
ni,  S.  355. 

5)  Vergl.  die  Aeußerung  Calvins  (Herminjard,  V,  S.  267),  wonach  damals 
der  Kurfürst  kri^erischer  gestimmt  war,  als  der  Landgraf,  der  den  Bundes- 
genossen vom  Kriege  abriet.  Rommel,  I,  S.  435,  und  II,  8.  405 ff.  würde 


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184 


Kapitel  II. 


Es  ist  unmöglich,  daß  wir  die  äußerst  verwickelten  Verhand- 
lungen, die  sich  vom  25.  Februar  bis  zum  19.  April  hinzogen,  hier 
in  alle  Einzelheiten  verfolgen,  nur  einige  Hauptphasen  und  -Wand- 
lungen können  wir  hervorheben. 

Die  Verhandlungen  begannen  am  25.  Februar  mit  einem  Vor- 
trag des  pfälzischen  Rates  Affenstein,  der  im  Namen  der  Ver- 
mittler erklärte,  daß  man  sich  mit  Verhandlungen  über  einen 
Frieden  oder  Anstand  begnügen  müsse,  da  man  sich  der  Aufgabe 
einer  Religionsvergleichung  nicht  gewachsen  fühle.  Er  fordeite 
dann  die  Protestanten  auf,  die  Mängel  des  Nürnberger  Friedens 
zusammenzustellen  und  Besserungsvorschläge  zu  machen*).  Das 
geschah  in  einem  Gutachten  der  Protestanten  vom  1.  März,  das 
sich  an  die  Eisenacher  Beschlüsse  eng  anschloß,  die  Beschwerden 
der  Protestanten  über  die  Uebergriffe  des  Kammergerichts  zu- 
sammenstellte, ihre  Auffassung  des  Begriffs  der  Religionssachen 
darlegte,  einen  beständigen  Frieden  für  alle  reichsunmittelbaren 
Anhänger  der  Augsburgischen  Konfession  verlangte,  überhaupt  für 
beide  Parteien  volle  Gleichberechtigung  und  gegenseitige  Duldung 
proklamierte.  Für  den  Fall  des  Friedens  wurde  Gehorsam  gegen 
den  Kaiser  versprochen,  eine  Religionsvergleichung  wurde  für  die 
Zukunft  in  Aussicht  genommen“). 

Man  kann  sich  fast  wundem,  daß  diese  weitgehenden  Vor- 
schläge von  den  Vermittlern  den  Kommissaren  überhaupt  vorge- 
legt wurden.  Diese  wiesen  sie  jedenfalls  entschieden  zurück,  er- 
klärten, daß  sie  sie  überhaupt  nicht  an  ihren  Gebieter  gelangen 
lassen  könnten.  In  ihren  Gegenvorschlägen  vom  5.  März  war  von 
einem  dauernden  Frieden  für  jetzt  überhaupt  abgesehen,  da  er 
nicht  ohne  Religionsvergleichung  möglich  sei.  Um  sie  zu  erreichen, 
sollte  in  3 — 4 Monaten  ein  Religionsgespräch  stattfinden.  Für  jetzt 

dazu  passen,  auch  manche  Notiz  in  P.  A.  506  und  516.  Philipp  wollte  z.  B.  in 
der  Frage  der  geistlichen  Oiiter  weiter  entgegenkommen  als  Johann  Friedrich. 
Andererseits  liegen  allerdings  auch  manche  recht  kriegerische  Aeufierungen  von 
ihm  vor,  sie  entstammen  aber  meist  dem  April,  d.  h.  den  Tagen,  wo  die  Ver- 
handlungen zu  scheitern  drohten.  Vergl.  z.  B.  Ldgf.  an  seine  Räte  in  Frankfurt 
April  15,  P.  A.  No.  515,  Konz.  Interessant  ist  auch  Bucers  Brief  an  Blaurcr 
vom  30.  April.  (Lenz,  I,  B.  77  f.  Anm.  8.)  Er  erklärt  sich  die  schließliche 
Nachgiebigkeit  des  Kurfürsten  durch  Einflufi  BrQcks. 

1)  P.  C.  II,  8.  560  f.  Keg.  H.  p.  235,  No.  104,  II,  75  f. 

2)  P.  C.  II,  8.  560  Anm.  2.  E^.  H.  ebenda  Bl.  85 — 102  und  105—116. 
(Verzeichnis  der  Beschwerden  gegen  das  Kammergericht) 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  üntemchmungBluBt  1536 — 41.  105 

sollte  nur  ein  Anstand  für  ein  Jahr  geschlossen  werden.  Nach  • 
dessen  Ablauf  sollte  der  Nürnberger  Frieden  wieder  in  Kraft  treten, 
falls  nicht  das  Keligionsgespräch  zu  einer  Einigung  führe.  Wenn 
sich  das  alles  noch  einigermaßen  hören  ließ,  so  trat  dagegen  die 
ganze  Unnachgiebigkeit  der  Habsburger  in  der  Erklärung  hervor, 
daß  die  Prozesse,  über  die  jetzt  Beschwerde  geführt  würde,  suspen- 
diert sein  sollten,  wenn  die  Protestanten  künftig  keine  Neuerungen 
in  der  Eeligion  vornähmen,  den  Geistlichen  ihre  Güter  und  Ein- 
kommen nicht  entzögen  und  sich  der  Stände,  die  nach  dem  Nürn- 
berger Frieden  auf  ihre  Seite  getreten  wären,  nicht  annähmen  *). 

Gegenüber  den  Bemühungen  der  Vermittler,  eine  Milderung 
dieser  Vorschläge  zu  erlangen,  haben  die  Kommissare  wohl  eine 
Verlängerung  des  Anstandes  durch  den  Kaiser  für  möglich  erklärt, 
auf  eine  Ausdehnung  des  Friedens  auf  die  neu  Uebergetretenen 
oder  auf  irgendwelche  Nachgiebigkeit  in  der  Frage  der  geistlichen 
Güter  ließen  sie  sich  nicht  ein*),  so  daß  die  Vermittler,  die  wohl 
wußten,  daß  eine  Verhandlung  mit  den  Protestanten  über  Jene  Vor- 
schläge zwecklos  sei,  diesen  am  12.  März  erklärten,  daß  sie  die 
Hoffiiung  auf  einen  Frieden  aufgäben  und  nur  über  einen  Anstand 
weiter  verhandeln  wollten*).  Für  diesen  machten  sie  den  Pro- 
testanten ihrerseits  einen  Vorschlag,  in  dem  sie  deren  Artikel  be- 
nutzten, aber  auch  den  Wünschen  der  kaiserlichen  Vertreter  sich 
möglichst  näherten.  Sie  schlugen  darin  einen  Anstand  auf  3—5 
Jahre  vor,  und  zwar  für  alle  augsburgischen  Konfessionsverwandten, 
doch  dürfe  inzwischen  keine  weitere  Neuerung  in  der  Religion 
vorgenommen  werden.  Ferner  planten  sie  ein  Religionsgespräch. 
Schon  jetzt  sollte  eine  eilende  Türkenhilfe  beschlossen  werden, 
über  eine  beharrliche  sollte  ein  Reichstag  beraten.  Die  jetzt  ein- 
gezogenen  geistlichen  Güter  sollten  den  Protestanten  während  des 
Anstands  bleiben,  sie  sollten  aber  keine  weiteren  Geistlichen  ent- 
setzen. Das  Kammergericht  sollte  vorläufig  bestehen  bleiben.  Das 
Wegzugsrecht  andersgläubiger  Untertanen  war  vorgesehen,  ferner 
Einstellung  der  Rüstungen.  Nicht  im  Frieden  begriffen  sollten 
Sakramentierer  und  Wiedertäufer,  ferner  Dänemark,  Preußen,  Riga 

1)  P.  C.  II,  566  Anm.  2.  Reg.  H.  a.  a.  O.  Bl.  118—127. 

2)  Gegen vofBchläge  der  Vermittler  vom  7.  März  ebenda  Bl.  128 — 130.  Ant- 
wort der  Kommisaarien  vom  9.  Bl.  132 — 138.  Vergl.  P.  C.  II,  S.  567.  Die  Daten 
nach  N.  B.  IV,  S.  510. 

3)  P.  C.  II,  567. 


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186  Kapitel  II. 

und  Reval  sein,  einige  Einzelfragen  wurden  der  Zukunft  über- 
lassen 1). 

Man  kann  sich  denken,  daß  die  Mitteilungen  der  beiden  Kur- 
fürsten bei  den  Protestanten  keine  besonders  freudige  Stimmung 
hervorriefen.  Lange  Beratungen  fanden  statt,  doch  wissen  wir 
kaum  etwas  über  sie,  dann  antwortete  man  den  Vermittlern  münd- 
lich durch  einen  Ausschuß  am  18.  März.  Man  versuchte  zunächst 
noch  einmal  einen  beständigen  Frieden  zu  erlangen,  erst  als  jene 
das  für  aussichtslos  erklärten,  ging  man  auf  Verhandlungen  über 
einen  Anstand  ein  und  machte  eine  Menge  Verbesserungsvorschläge 
zu  den  Vorschlägen  der  Vermittler,  forderte  z.  B.,  daß  auch  die 
künftigen  Anhänger  der  Augsburgischen  Konfession  mitaufgenommen 
würden,  daß  der  Satz,  der  Neuerungen  in  der  Religion  verbot,  weg- 
gelassen würde  u.  dgl.  Die  Vermittler  erklärten  manche  dieser 
Vorschläge  für  aussichtslos,  andere  versprachen  sie  zu  berück- 
sichtigen ’). 

Es  war  nun  die  Aufgabe  der  beiden  Kurfürsten,  die  Punkte, 
auf  die  sie  sich  mit  den  Protestanten  geeint  hatten,  den  Kommissaren 
vorzulegen.  Doch  erfuhr  man  schon  sehr  bald,  daß  diese  sie  schwer- 
lich annehmen  würden.  Am  19.  hatte  nämlich  Johann  Friedrich 
privatim  eine  fast  vierstündige  Unterredung  mit  dem  Brandenburger 
und  Lund.  Der  kaiserliche  Orator  erklärte,  daß  er  mehr  als  ein 
Jahr  und  einige  Monate  Anstand  nicht  bewilligen  könne.  Ferner 
werde  der  Kaiser  nicht  gestatten,  daß  solche,  die  während  des 
Anstandes  überträten,  in  ihn  aufgenommen  würden,  auch  dürfte 
künftig  kein  Geistlicher  mehr  in  Zeremonien  oder  Gütern  entsetzt 
werden.  Viel  Wert  legte  er  darauf,  daß  die  zum  Religionsgespräch 
Verordneten  volle  Gewalt  hätten,  damit  man  zu  einer  Einigung 
käme,  die  dann  durch  Kaiser  und  Papst  bestätigt  werden  müsse  ®). 

Der  Kurfürst  machte  von  alledem  dem  Ausschuß  am  20. 
Mitteilung,  und  besonders  am  21.  haben  eingehende  Erörte- 
rungen darüber  stattgefunden,  ob  man  sich  auf  einen  solchen 
Anstand  einlassen  könne,  um  die  so  gewonnene  Zeit  teils  zur  Re- 
ligionsvergleichung, teils  aber  auch  zu  Rüstungen  und  zu  Hilfs- 
gesuchen an  andere  Potentaten  zu  verwenden,  oder  ob  man  den 
Anstand  abschlagen  und  es  jetzt  auf  einen  Krieg  ankommen  lassen 

1)  P.  C.  II,  S.  568-570.  ßeg.  H.  a.  a.  O.  BL  145-151. 

2)  P.  C.  II,  8.  571 H.  Reg.  H.  a.  a.  O.  Bl.  153-167. 

3)  P.  C.  II,  575. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 11.  107 

wolle.  Der  Kurfürst  und  der  Landgraf  legten  den  Ständen  diese 
Frage  vor,  ohne  sie  selbst  zu  entscheiden,  doch  hatte  der  Straß- 
burger Sturm  den  Eindruck,  daß  Philipp  mehr  für  den  ersten  fried- 
licheren Weg  war,  unter  anderem  auch  wegen  der  in  Sachsen  gerade 
herrschenden  Teuerung.  Dagegen  war  z.  B.  in  Straßburg  die 
Stimmung  entschieden  gegen  die  Annahme  des  Anstandes 

Zunächst  mußte  man  nun  aber  eine  Aeußerung  von  der 
Gegenseite  erwarten.  Sie  erging  am  24.  März  und  lief  darauf 
hinaus,  daß  die  Kommissare  die  ihnen  vorgelegten  Vorschläge  der 
Vermittler  zwar  ablehnten,  aber  doch  immerhin  einige  Zugeständ- 
nisse machten,  auf  Grund  deren  jene  neue  Vorschläge  machen 
konnten. 

Vor  allem  hatte  sich  Lund  jetzt  zu  einem  sehr  wesentlichen 
Zugeständnis  entschlossen,  indem  er  die  Ausdehnung  des  Friedens 
auf  alle  jetzt  der  Augsburger  Konfession  angehörigen  Stände 
gewährte*).  Im  übrigen  erschienen  auch  die  neuen  Vorschläge 
den  Protestanten  noch  nicht  als  annehmbar,  doch  war  z.  B.  die 
Stimmung  des  Kurfürsten  am  26.  März  nicht  ganz  hoffnungslos, 
wenn  er  auch  jederzeit  aufs  Schlimmste  gefaßt  war  *).  Genehmigt 
wurden  jedenfalls  auch  die  neuen  Vorschläge  von  den  Protestanten 
nicht,  sie  wollten  Anstand  und  Frieden  nicht  auf  die  jetzigen  Kon- 
fessionsverwandten beschränken  lassen,  sie  wollten  sich  nicht  ver- 
bieten lassen,  neue  Mitglieder  in  ihren  Bund  aufzunehmen,  und 
auch  die  Bestimmung,  daß  kein  Geistlicher  seiner  Güter  entsetzt 
werden  dürfe,  wo  er  auch  gesessen  sei,  behagte  ihnen  nicht  <). 

Außerordentlich  viel  ist  in  den  nächsten  Wochen  noch  über 
diese  Punkte  hin  und  her  verhandelt  worden®),  die  Vermittler 
waren  unermüdlich  in  der  Aufstellung  neuer  Vermittlungsvorschläge, 
aber  Lnnd  hatte  nicht  die  Möglichkeit,  weiter  nachzugeben. 
Auf  protestantischer  Seite  gab  es  wohl  eine  Partei,  die  zu  etwas 
größerem  Entgegenkommen  geneigt  war,  auch  der  Landgraf  ge- 
hörte ihr  an,  die  Mtgorität  unter  Führung  des  Kurfürsten  blieb 


1)  P.  C.  II,  576«. 

2)  Land  eelbt  hebt  das  in  Brief  an  Herzog  Georg  vom  25.  März,  an 
Heinrich  von  Braunschweig  vom  29.  März  hervor.  Reg.  H.  p.  836,  No.  VIII, 
Kopien. 

3)  Kf.  an  Wo«  v.  Anhalt,  B^.  H.  p.  256,  No.  109,  voL  I,  Konz. 

4)  P.  C.  U,  582,  No.  594,  Reg.  H.  p.  235,  No.  104,  II.  Bl.  180—182. 

5)  VergL  P.  C.  und  Reg.  H.  a.  a.  O. 


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188 


Kapitel  U. 


fest*).  Erst  am  6.  April  einigten  sich  dann  die  Vermittler  mit 
den  Protestanten  auf  eine  diesen  annehmbare  Fassung  des  Ver- 
trages. Danach  sollte  das  Verbot  der  Bundeserweiterung  durch 
die  Versicherung  versüßt  werden,  daß  während  des  Anstandes  nie- 
mand der  Religion  halber  beschwert  werden  sollte  laut  dem  Nürn- 
berger Friedeu  und  dem  Schreiben  aus  Savigliano.  Die  Protestanten 
fügten  außerdem  noch  die  Bestimmung  hinzu,  daß  auch  der 
Gegenbund  inzwischen  nicht  erweitert  werden  dürfe  ®).  Sie  glaubten 
unter  diesen  Bedingungen  den  Anstand  annehmen  zu  können.  Die 
Gründe  dafür  setzt  der  Kurfürst  in  der  Nebeninstruktiou  für  seine 
nach  England  gehenden  Gesandten  vom  8.  April  auseinander.  Man 
hoffte,  daß  das  Religionsgespräch  dem  Protestantismus  zugute 
kommen  werde,  man  freute  sich  über  die  damit  verbundene  Be- 
seitigung des  Konzils,  man  glaubte  wegen  der  vielen  Protestanten 
in  den  bedrohten  Gebieten  die  Verweigerung  der  Türkenhilfe  nicht 
verantworten  zu  können,  man  war  der  Meinung,  daß  man  sich 
auf  einen  Krieg  doch  noch  besser  vorbereiten  müsse  und  daß 
auch  wegen  der  Teuerung  der  Moment  jetzt  für  einen  solchen  nicht 
günstig  sei.  Endlich  tiöstete  man  sich  auch  damit,  daß  der  Ver- 
trag ja  den  Abschluß  eines  Sonderbundes,  etwa  mit  dem  König 
von  England,  nicht  verbot®). 

Alle  diese  Erwägungen  wurden  nun  aber  dadurch  zu  schänden, 
daß  der  kaiserliche  Orator  die  neuen  Vorschläge  nicht  annahm; 
auch  durch  weitere  Verhandlungen  vermochte  man  keine  Form  zu 
finden,  auf  die  man  sich  einigen  konnte*).  Der  Kurfürst  be- 
trachtete die  Verhandlungen  als  gescheitert®)  und  erklärte  am  16., 
daß  er  am  17.  abreisen  werde®).  Schließlich  ließ  er  sich  aber 
doch  noch  halten,  und  im  letzten  Moment  ist  es  dann  den  Ver- 
mittlern noch  gelungen,  eine  Einigung  zu  erzielen.  Sie  wurde 
allerdings  nur  dadurch  möglich,  daß  man  die  Hauptstreitpunkte 
unentschieden  ließ.  Der  Anstand  vom  19.  April  sollte  vom  1.  Mai 
an  15  Monate  gelten.  Während  dieser  Zeit  sollte  keiner  von  den 


1)  P.  C.  II,  592.  Seckendorf,  III,  S.  202f.  In  diese  Zeit  maß  das  Gut- 
achten der  Theologen,  C.  R.  III,  688ff.,  gehören. 

2)  P.  C.  II,  593. 

3)  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  I,  Konz.  Aktenst.  No.  23. 

4)  P.  C.  II,  596«.  No.  606. 

5)  An  Borchard  und  Baumbach  April  17,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  I,  Konz. 

6)  P.  C.  II,  S.  600. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  189 

jetzigen  Anhängern  der  Augsburgischen  Konfession  angegriffen 
werden.  Der  Nürnberger  Friede  und  das  Regensburger  Mandat 
sollten  inzwischen  in  Kraft  bleiben  und  auch  nachher  gegen  die 
jetzigen  Konfessionsverwandten  nicht  aufgehoben  werden,  sondeni 
bis  zum  Reichstag  gelten.  Während  dieser  Zeit  wurden  die  Pro- 
zesse, die  Acht  gegen  Minden  u.  s.  w.  suspendiert.  Die  Pro- 
testanten sollten  inzwischen  niemand  in  ihr  Bündnis  aufnehmen. 
Der  Kaiser  wollte  aus  besonderer  Gnade  und  um  des  Friedens 
wiUen  bewirken,  daß  inzwischen  auch  keine  Erweiterung  des  Nürn- 
berger Bundes  stattfinde.  Die  Augsburger  Konfessionsverwandten 
sollten  während  des  Anstandes  keine  Geistlichen  ihrer  Güter  ent- 
setzen. Es  folgten  Bestimmungen  über  das  Religionsgespräch  in 
Nürnberg,  die  Abstellung  der  beiderseitigen  Rüstungen,  die  Aus- 
schließung der  Wiedertäufer  und  anderer  Sekten  aus  dem  Frieden. 
Die  Protestanten  erklärten  sich  endlich  bereit,  die  auf  den  18.  Mai 
angesetzte  Versammlung  zur  Beratung  über  die  Türkenhilfe  zu 
beschicken  und  ihren  Teil  an  der  dort  beschlossenen  Hilfe  zu 
leisten.  In  einem  letzten  Artikel  wurde  dann  aber  erklärt,  daß 
man  sich  über  zwei  Punkte  nicht  habe  einigen  können.  Die  Pro- 
testanten hatten  die  Beschränkung  des  Friedens  auf  die  jetzigen 
Anhänger  der  Augsburger  Konfession  nicht  angenommen,  der 
Orator  hatte  erklärt,  daß  er  den  Kaiser  nicht  verpflichten  könne, 
die  Erweiterung  des  Gegenbundes  zu  verhindern.  Man  bestimmte 
daher,  daß  der  Anstand  nur  6 Monate  gelten  solle,  damit  der 
Kaiser  sich  wegen  dieser  Punkte  entschließen  könne.  Bewilligte 
er  sie  im  Sinne  der  Protestanten,  so  sollte  der  Anstand  15  Monate 
gelten,  sonst  sollte  es  nach  Ablauf  der  6 Monate  beim  Wort- 
laut des  Nürnberger  Friedens  bleiben  *). 

Die  große  Arbeit  hatte  also  ein  recht  minimales  Ergebnis  ge- 
habt. Als  das  Wesentlichste  können  wir  vielleicht  bezeichnen,  daß 
der  Zusammenstoß  der  sich  gerüstet  gegenüberatehenden  Gegner 
noch  einmal  vermieden  wurde.  Die  Abneigung  gegen  einen  Krieg 
war  bei  beiden  Teilen  schließlich  das  ausschlaggebende  Moment. 
Die  Protestanten  gewannen  wenigstens  für  ein  halbes  Jahr  Sicher- 
heit vor  Kammergerichtsprozessen  u.  dgl.,  und  zwar  nicht  nur  für 
die  im  Nürnberger  Frieden  genannten,  sondern  für  alle  jetzigen 
Anhänger  ihrer  Konfession.  Die  Zugeständnisse,  die  sie  dafür 


1)  P.  C.  n,  8.  601 H. 


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190 


Kapitel  II. 


machen  mußten,  waren  bei  der  Kürze  der  Dauer  des  Anstandes, 
wie  der  Kurfürst  richtig  ausführte,  gering  und  zum  Teil  auch  in 
ihrem  eigenen  Interesse  gelegen.  Nur  die  eine  Frage  wird  man 
vielleicht  erheben  können,  ob  es  nicht  ratsamer  gewesen  wäre,  die 
augenblickliche  Gunst  der  Lage  zu  benutzen  und  es  auf  einen  Krieg 
ankommen  zu  lassen.  Doch  wer  will  den  Führern  der  Schmal- 
kaldener  einen  Vorwurf  daraus  machen,  wenn  sie  schließlich  doch 
einen  leidlichen  Anstand  dem  Bürgerkriege  vorzogen?  — 

Als  eine  Ergänzung  des  Frankfurter  Anstandes  kann  der  Abschied 
des  Bundestages  betrachtet  werden,  der  am  23.  April  zum  Abschluß 
kam.  Wir  finden  hier  zunächst  die  Beschlüsse  wieder,  die  der  Aus- 
schuß der  Verbündeten  am  18.  Februar  gefaßt  hatte,  nur  wurde 
z.  B.  die  außerordentliche  Umlage  für  Kundschaften  und  Werbungen 
auf  420Ü0  fl.  erhöht,  da  man  infolge  der  langen  Dauer  des  Bundes- 
tages die  nur  bis  Ostern  bestellten  Hauptleute  noch  Vj — 1 Monat 
länger  unterhalten  mußte.  Ferner  wurde  der  Sendung  der  Kommissare 
nach  Oberdeutschland  eine  solche  nach  Niederdeutschland  bei- 
gegeben wegen  der  beständigen  Knechtansammlungen  dort.  Auch 
im  Abschied  wurde  daun  die  Beschickung  des  Tages  in  Worms  am 
18.  Mai  angeordnet,  ja  man  wollte  auch  nicht  zum  Bunde  gehörige 
Stände  dazu  auftbrdem.  Einige  Detailbestimmungen  über  die  Art 
der  Türkenhilfe  schlossen  sich  an.  Man  setzte  des  weiteren  fest, 
wer  auf  das  Nürnberger  Religionsgespräch  geschickt  werden  solle. 
Von  sächsischer  Seite  waren  es  Melanchthon,  Myconius,  Spalatin 
und  Jonas.  Die  Auswahl  der  weltlichen  Teilnehmer  wurde  den 
einzelnen  Ständen  überlassen,  doch  sollten  Brück  und  der  Witten- 
berger Jurist  Benedikt  Pauli  jedenfalls  dabei  sein.  Inzwischen 
sollten  die  Gelehrten  aller  Stände  die  Frage  der  geistlichen  Güter 
beratschlagen,  so  daß  die  Ratschläge  mit  nach  Nürnberg  gebracht 
werden  könnten  und  man  dort  weiter  darüber  verhandeln  könne. 
Das  dort  Beschlossene  sollte  den  Ständen  geschickt  werden,  damit  sie 
sich  darüber  vernehmen  ließen  und  man  so  zu  einer  Vergleichung 
komme.  Von  den  sonstigen  Beschlüssen  des  Bundestages  hebe  ich  noch 
hervor  den,  daß  die  Gesandten  künftig  genügende  Vollmachten 
haben  sollten,  um  auch  in  Fragen,  die  erst  während  einer  Bundes- 
versammlung auftauchten,  Beschlüsse  fassen  zu  können,  daß  der 
braunschweigische  Sekretär  gegen  Urfehde  in  die  Hände  der  beiden 
vermittelnden  Fürsten  gegeben  werden  sollte  und  daß  man  Bremen 
helfen  wollte,  falls  es  von  Herzog  Heinrich  auf  Grund  des  Kon- 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  üntemehmungsluet  1536—41.  191 

servatoiiums  angegriffen  würde.  Dagegen  herrschte  über  die  Frage, 
ob  man  verpflichtet  sei,  der  Stadt  Braunschweig  gegen  den  Herzog 
zu  helfen,  noch  keine  volle  Einigkeit,  so  daß  man  ihr  riet,  ihre 
Sache  zunächst  vor  den  Eeichsständen  in  Worms  vorzubringen  *). 
Vergeblich  waren  auch  die  Versuche  der  Bundesleitung,  die  Stände 
zur  Unterstützung  Goslars  gegen  Herzog  Heinrich  zu  bestimmen, 
üeberhaupt  hatten  Sachsen  und  Hessen  nach  Abschluß  des  Anstands 
allen  Grund,  mit  den  Ständen  unzufrieden  zu  sein,  die  Gesandten 
drängten  nach  Hause  und  ließen  sich  auch  durch  den  Tod  Herzog 
Georgs  und  die  dadurch  wieder  entstehende  Unsicherheit  der  Lage 
nicht  halten*). 

Den  Friedens-  und  Bundesverhandlungen  sind  noch  andere 
Verhandlungen  zur  Seite  gegangen.  So  liegt  eine  Aufzeichnung 
vor  über  solche  in  der  Wahlsache,  zu  denen  sich  Johann  Friedrich 
durch  den  Orator  und  die  vermittelnden  Kurfürsten  mit  einigem 
Widerstreben  bewegen  ließ.  Da  er  dabei  nun  aber  sofort  an  den 
Wiener  Vertrag  anknüpfte  und  nach  den  einzelnen  Urkunden  fragte, 
die  für  dessen  Erfüllung  nötig  gewesen  wären,  ist  es  begreiflich, 
wenn  nicht  viel  aus  der  Sache  wurde.  Der  Kurfürst  verknüpfte 
jetzt  mit  seinen  Forderungen  auch  solche  zugunsten  des  Herzogs 
von  Jülich.  Der  Kaiser  soUte  diesen  mit  Geldern  und  Zutphen 
belehnen  oder,  wenn  er  bessere  Ansprüche  auf  diese  Gebiete  zu 
haben  glaube,  die  Sache  vor  unparteiischen  Schiedsrichtern  zu  güt- 
licher Erörterung  oder  rechtlichem  Austrag  kommen  lassen,  nicht 
aber  mit  der  Tat  etwas  gegen  den  Herzog  unternehmen.  Johann 
Friedrich  dachte  wohl  daran,  auch  eine  Verlängerung  des  Anstands 
um  zwei  Jahre  seinen  Forderungen  einzureihen.  Es  scheint  aber 
nicht,  als  ob  es  überhaupt  zu  ernstlichen  Verhandlungen  über  alle 
diese  Dinge  gekommen  sei*). 

Etwas  ergebnisreicher  sind  die  Verhandlungen  gewesen,  die  in 
Frankfurt  mit  England  geführt  wurden.  Wir  sahen  ja,  daß  das 
Resultat  der  Gesandtschaft  von  1538  kein  absolut  hoffnungsloses 
gewesen  war^).  Die  Stimmung  in  den  Kreisen  der  deutschen  Pro- 

1)  Or.  des  Abschieds  in  R^.  H.  p.  235,  No.  104,  vol.  II. 

2)  Mancherlei  Klagen  der  hessischen  Gesandten,  die  nur  bei  Kursachsen 
Unterstützung  fanden,  in  P.  Ä.  No.  506  und  515. 

3)  Alles  nach  einer  Aufzeichnung  in  Loc.  10673  „Schriften  zwischen  dem 
Kurfürsten  zu  Sachsen  und  Herzog  Franzen  . . . 1536 — 40“,  Konz. 

4)  VergL  8.  160. 


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Kapitel  II. 


testanten  blieb  daher  im  ganzen  für  England  günstig*),  und  wenn 
man  auch  etwa  an  dem  Edikt  des  Königs  vom  16.  November  An- 
stoß nahm*),  die  Bereitwilligkeit,  mit  der  Heinrich  auf  den  wahr- 
scheinlich von  Kursachsen  angeregten  Gedanken  einer  Familien- 
verbindung mit  dem  jülichschen  Hause  einging,  enveckte  doch  die 
besten  Hoffnungen*).  Weiter  über  diese  Heiratsfi-agen  zu  ver- 
handeln, war  eine  der  Aufgaben,  wegen  deren  Christoph  Mont  und 
Thomas  Paynell  im  Februar  in  Frankfurt  erschienen.  Mont  hat 
mit  dem  Kurfürsten  persönlich  darüber  verhandelt,  eine  doppelte 
Vermählung:  die  des  Königs  mit  Anna  von  Kleve,  die  des  jungen 
Herzogs  von  Jülich  mit  Maria  von  England,  wurde  jetzt  geplant. 
Johann  Friedrich  war  durchaus  damit  einverstanden  und  nahm 
sich  der  Sache  in  der  nächsten  Zeit  bei  seinen  Verwandten  an*). 
Mont  hat  weiterhin  mit  den  Protestanten  auch  noch  über  die 
religiöse  Einigung  gehandelt,  um  ihre  Ansicht  über  die  Sätze  zu 
erforschen,  über  die  man  sich  15.38  nicht  geeinigt  hatte.  Vor  irgend- 
welcher Nachgiebigkeit  gegen  den  Kaiser  warnte  er  sie.  Auch  jetzt 
hat  er  dann  wieder  um  eine  feierliche  Gesandtschaft  der  Protestanten 
unter  Teilnahme  Melanchthons  gebeten  *).  Diese,  d.  h.  der  Kurfürst 
und  der  Landgraf,  haben  darauf  in  ihrer  Antwort  vom  4.  .\pril 
ihre  Standhaftigkeit  im  Glauben  betont,  die  Gründe  auseinander- 
gesetzt, weshalb  sie  doch  ihr  möglichstes  täten,  den  Frieden  zu 
erhalten,  ihre  Bedenken  gegen  manche  der  in  England  noch  herrschen- 
den religiösen  Ansichten  hervorgehoben,  wobei  sie  besonders  auf 
die  Artikel  von  der  Messe,  vom  Cölibat  und  vom  Abendmahl  ein- 


1)  Der  Kurfürst  empfiehlt  z.  B.  in  seinem  Gutachten  vom  12.  Jan.  1539 
wegen  der  Gefahr  der  Lage  Verhandlungen  mit  England,  denn  es  werde  die 
Protestanten  im  FaU  der  Not  nicht  verlassen. 

2)  Wohl  L.  a.  P.  Xm,  2,  No.  &tö,  S.  353  f.  Vergl.  C.  R.  III,  C35,  617. 

3)  Burchard  an  Cromwell,  Konz.  o.  D.,  Keg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  I. 
Bericht  Burchards  über  seine  Reise  nach  England  vom  Anfang  November  1.539, 
ebenda  vol.  II,  Below,  I,  S.  298. 

41  Kredenz  für  Mont  vom  20.  Jan.  R^.  H.  p.  156,  No.  76,  Or.  Instruktion 
vom  25.  Jan.,  L.  a.  P.  XIV,  1,  8.  40,  No.  103.  Merriman,  I,  S.  243 f.  Eigen- 
händige Aufzeichnung  des  Kf.  über  seine  Unterredung  mit  Mont  am  21.  Februar 
Reg.  H.  p.  2.35,  No.  104,  voL  I.  Instruktion  des  Kf.  für  Burchard  an  Jülich 
April  6,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  Or. 

5)  P.  C.  II,  562,  No.  580.  Cromwell  an  die  englischen  Gesandten  März  10, 
L.  a.  P.  XIV,  1,  S.  191ff.,  No.  490,  Merriman,  II,  8.  186 — 190;  März  22, 
ebenda  8.  202—207.  Cromwell  an  den  Kg.  März  18,  ebenda,  8.  199—201. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Untemehmoagslust  1536 — 41.  193 

gingen,  sie  haben  schließlich  erklärt,  daß  sie  auch  jetzt  die  gelehrte 
Gesandtschaft  wegen  der  allgemeinen  Lage  noch  nicht  schicken 
könnten  *). 

Dagegen  wurden  Burchard  und  Banmbach  am  8.  April  nach 
England  entsandt,  um  Ober  die  Möglichkeit  eines  Bündnisses  noch 
einmal  zu  verhandeln.  Unterwegs  sollte  Burchard  am  Jülicher 
Hofe  für  die  Heirat  wirken.  In  England  sollten  die  Gesandten 
zu  erfahren  suchen,  was  für  eine  Unterstützung  die  Protestanten 
vom  Könige  zu  erwarten  hätten,  wenn  sie  angegriffen  würden, 
und  was  er  für  Gegenforderungen  stelle,  ja,  sie  durften  sogar  ein 
Bündnis  abschließen,  wenn  der  König  mit  den  Vorschlägen,  die 
man  ihnen  mitgab,  einverstanden  war.  Diese,  die  ein  Bündnis 
zwischen  den  Königen  von  England  und  von  Dänemark  und  dem 
schmalkaldischen  Bunde  vorsahen,  waren  nun  allerdings  wieder 
von  dem  alten  Gedanken  der  Schmalkaldener  behen-scht,  daß  in 
ihrer  Rüstung  und  ihrer  Rettung  vor  Unterwerfung  schon  an 
sich  ein  solcher  Vorteil  für  den  König  gelegen  wäre,  daß  er 
dafür  bedeutende  Summen  (etwa  jährlich  15000  Kronen  8 Jahre 
lang  und  außerdem  noch  30000  Kronen  für  den  Kriegsfall)  auf- 
bieten  könne,  ohne  daß  eigentliche  Gegenleistungen  der  Protestanten 
dazu  nötig  seien.  Allenfalls  wollte  man  aber  Landsknechte  und 
Reiter  auf  Kosten  des  Königs  für  ihn  werben  und  ihm  zuschicken, 
ja  im  äußersten  Notfälle  wollte  man  diese  8 — 10000  Knechte  und 
4—600  Reiter  auf  eigene  Kosten  bis  an  die  See  schicken*). 

Eine  weitere  Aufgabe  der  Gesandten  sollte  sein,  dem  Könige 
die  Gründe  auseinanderzusetzen,  die  ihre  Herren  zum  Frieden  be- 
stimmten, und  darzulegen,  daß  dadurch  ein  Neben  Verständnis  mit 
ihm  durchaus  nicht  ausgeschlossen  würde*). 

Die  Gesandten  trafen  am  23.  AprU  in  London  ein,  am  29. 
hatten  sie  Audienz  beim  Könige  und  im  Mai  mehrere  Konferenzen 
mit  Cromwell  und  anderen  königlichen  Räten.  Man  hat  dabei  haupt- 
sächlich über  den  Frankfurter  Anstand  und  die  Frage  der  Gegenhilfe 
gesprochen,  und  diese  vor  allem  war  wenigstens  der  nominelle 


1)  lAteinisch  in  R^.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  I,  engÜBch  bei  Strype,  eccl. 
mem.  VI,  151  ff.,  App.  CIII.  Inhaltsangabe  L.  a.  P.  XIV,  1,  No.  698,  8.  344. 

2)  Kredenz  im  Namen  des  Kf.  and  Ldgf.  für  Bnrchard  and  Ludwig  von 
Baumbach  vom  8.  Aprii  in  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  I,  latein.  Konz.  Stücke 
der  Instruktion  ebenda  vol.  II  bei  den  Akten  des  November. 

3)  Nach  der  Beiinstruktion  vom  8.  April  ebenda  vol.  I.  AktensL  No.  23. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I.  2.  13 


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194 


Kapitel  II. 


Grund  für  den  Abbruch  der  Verhandlungen.  Der  König  erklärte, 
daß  das,  was  die  Protestanten  ihm  im  Bundesfalle  leisten  wollten, 
nicht  genüge  und  daß  er,  wenn  sie  keine  weiteren  Befehle  hätten, 
es  „dabei  bewenden  lassen“  müsse.  Ganz  zuletzt  kam  es  dann 
auch  noch  zu  einer  heftigen  Disputation  des  Königs  mit  den  Ge- 
sandten über  die  Priesterehe*). 

Als  Grund  für  das  Scheitern  der  Verhandlungen  bezeichnet 
Heinrich  selbst  in  seinem  Brief  an  den  Kurfürsten  und  lAndgrafen 
vom  25.  Mai,  daß  die  Gesandten  keine  genügenden  Vollmachten 
gehabt  hätten  und  daß  vor  allem  keine  Gleichheit  der  Bedingungen 
bei  den  Vorschlägen  der  Protestanten  bestanden  hätte*).  Ganz 
wird  man  das  nicht  abweisen  können,  größer  mag  allerdings  die 
Wirksamkeit  der  bevorstehenden  Wendung  in  der  Politik  des 
Königs,  auf  die  Merriman®)  hinweist,  gewesen  sein.  Wohl  hat 
Heinrich  im  Sommer  über  Dänemark  noch  einmal  Bundesanträge  an 
die  Protestanten  gelangen  lassen*),  wohl  gingen  die  Verhandlungen 
über  die  Vermählung  mit  Anna  von  Kleve  weiter  und  kamen  zum  Ab- 
schluß *),  die  eigentliche  Grundstimmung  des  Königs  kam  doch  in  den 
sechs  Artikeln  zum  Ausdruck.  Eine  religiöse  Vereinigung  mit  den 
Protestanten  war  nun  ausgeschlossen,  und  damit  war  denn  auch,  be- 
sonders für  einen  Mann  wie  Johann  Friedrich,  ein  politisches  Zu- 
sammengehen mit  dem  launenhaften  König  außerordentlich  er- 


1)  Cromwell  an  HdDrich  VIII.  April  24,  L.  a.  P.  XIV,  1,  No.  844,  S.  394. 
Merriman,  II,  219ff.  Burchard  und  Baumbach  an  den  Kf.  Mai  16,  Reg.  H. 
p.  260,  No.  111,  Tol.  I,  Kopie.  Cromwell  an  Kf.  und  Ldgf.  Mai  28,  ebenda,  Or. 
(Bekreditiv).  Gesamtbericht  der  Gesandten  [nach  Mai  31]  in  Reg.  H.  ebenda 
voL  II,  Or.,  gedruckt  mit  Lücken  bei  Singer,  8.  91—97,  besser  bei  Merriman, 
I,  S.  272  ff.  Diese  beiden  sind  überhaupt  zu  verglrichen. 

2)  Keg.  H.  ebenda,  vol.  I,  Or.,  Seckendorf,  III,  S.  225. 

3)  S.  247. 

4)  Aarsberetn.  IV,  S.  141 — 154.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  20,  Reg.  H.  p.  278, 
No.  117,  Konz.  Man  war  bereit,  auf  die  Verhandlungen  einzugehen,  wenn  man 
auch  große  Schwierigkeiten  bei  den  Verbündeten  fürchtete.  Kl  war  auch  davon 
überzeugt,  daß  man  größere  Gegenleistungen  als  bisher  in  Aussicht  stellen  müsse. 
Ldgf.  an  Kl  Juni  29,  ebenda,  Or.  Steht  schon  etwas  unter  dem  Eindruck  der 
Nachrichten  aus  England  über  bedenkliche  Schritte  des  Königs  auf  dem  Gebiete 
der  Religion. 

5)  Maria  von  Jülich  an  Kl  Juni  24,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  voL  I,  Hdbl 
Wilhelm  von  Jülich  an  Kl  Juli  8,  ebenda,  Or.  Kl  an  Wilhelm  Juli  28,  ebenda, 
Konz.  Instruktion  für  Dölzig  und  Burchard  an  Maria  und  Wilhelm  Juli  3t>, 
ebenda,  Or.  Wilhelm  an  Kf.  Aitg.  2.  21,  ebenda,  Or. 


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Bund  n.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungeluet  1536 — 41.  195 

Schwert^).  Es  bildete  sich  nun  allmählich  jene  Abneigung  des 
Kurfürsten  gegen  Heinrich  VIII.  heraus,  die  in  den  nächsten 
Jahren  eine  so  großartige  Politik  der  Protestanten  wie  1538  un- 
möglich machte.  Dabei  war  aber  die  Lage  durchaus  noch  nicht 
viel  weniger  besorgniserregend  als  damals.  — 

Mehr  als  je  hatte  sie  im  Sommer  1539  einen  unbestimmten, 
gewissermaßen  abwartenden  Charakter.  Zunächst  hatte  man  un- 
mittelbar nach  dem  Schluß  des  Frankfurter  Tages  auf  protestan- 
tischer Seite  Zweifel  gehabt,  ob  die  Truppen  der  Gegner  nun  auch 
wirklich  entlassen  werden  würden,  und  daher  auch  seinerseits  mit 
der  Abrüstung  gezögert*).  Dann  war  für  die  Bundeshäupter  eine 
neue  Beunruhigung  entstanden  durch  die  Gefährdung  der  Nachfolge 
Herzog  Heinrichs  im  Albertinischen  Sachsen.  Sie  waren  entschlossen, 
es  deswegen  auf  einen  Krieg  ankommen  zu  lassen,  und  waren  mit 
der  Schwerfälligkeit  ihrer  Verbündeten  in  dieser  Sache  wenig  ein- 
verstanden “).  Schließlich  ging  ja  dann  aber  Heinrichs  Erbhuldigung 
ungehindert  vor  sich,  und  nun  stand  der  Entlassung  der  Truppen 
nichts  mehr  im  Wege^). 

Wirkliche  Sicherheit  entstand  dadurch  allerdings  auch  nicht. 
Durch  Ferdinands  Verhalten  gegenüber  Herzog  Heinrich  und  durch 
weitere  Uebergriffe  des  Kammergerichts*)  wurde  die  geringe  Meinung, 
die  Johann  Friedrich  schon  sowieso  vom  Frankfurter  Anstand  hatte '), 


1)  Vergl.  etwa  Instruktion  für  Dölzig  und  Bnrchard  vom  28.  Ang.,  Reg.  H. 
a.  a.  O.  voL  I,  Or.  Vergl.  Bouterwek,  Zeitechr.  d.  beig.  Geschichtsvereins 

IV,  8.  358  f. 

2)  Ef.  an  Statthalter  und  Räte  zu  Weimar  April  19,  Reg.  H.  p.  242,  No.  105, 
Or.,  P.  C.  II,  600,  2.  Eorreepondenzen  mit  den  Kommissaren  Milaetc.  in  Reg.  H. 
p.  256,  No.  109,  n;  P.  A.  512. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  April  24,  Reg.  H.  p.  272,  No.  115,  Konz.  Die  sächs.  und  hess. 
Ges.  in  Frankfurt  an  Kf.  und  Ldgf.  April  23,  ebenda,  Or.  in  P.  A.  Sachsen, 
Emestiner,  1539,  Ldgf.  an  Kf.  April  24.  25.  28,  Reg.  H.  p.  275,  No.  116,  Or. 
Vergl.  Seckendorf,  III,  S.  218.  Brandenburg,  Heinrich,  8.  184.  Kf.  an 
Ldgf.  April  28,  ebenda.  Kf.  und  Ldgf.  an  Georgs  Bäte,  April  24.  Branden- 
bürg,  8.  184. 

4)  Kt  an  Ldgf.  April  27,  R^.  H.  p.  275,  No.  116,  Konz.;  an  MUa  April  27, 
Reg.  H.  p.  256,  No.  109,  voL  H.  Mila  an  Ldgf.  Mai  8,  P.  C.  II.  610,  No.  615, 
Beilage. 

5)  Kf.  an  Ldgt  Mai  24,  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie,  1539,  Juni,  an  Eberh. 

V.  d.  Thann  und  Hain  Mai  25,  Reg.  H.  p.  245,  No.  107,  Konz. 

6)  Vergl.  etwa  Kf.  an  Albrecht  von  Preußen  April  29,  Reg.  H.  p.  245, 
No.  107,  Konz.  Tschackert,  II,  S.  382,  No.  1184.  Der  Kt  bedauerte  be- 

13* 


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196 


Kapitel  II. 


noch  vergrößert.  Schon  durch  die  Verschiebung  des  Wormser  Tages 
auf  den  1.  Juni  fühlte  der  pedantische  Kurfürst  sich  beunruhigt  und 
ließ  sich  nur  schwer  bestimmen,  ihn  nun  überhaupt  zu  beschicken  ‘). 
Die  Weisungen,  mit  denen  die  kursächsischen  Gesandten  dann  hier 
auftreten  sollten,  zeigen,  daß  er  jedenfalls  nur  das  dringend  Not- 
wendige bewilligen  wollte  und  daß  er  auch  den  Gedanken,  die  Türken- 
gefahr für  den  Frieden  auszunutzen,  noch  nicht  aufgegeben  hatte. 
So  sollte  die  Türkenhilfe  vor  allem  nur  für  3 Monate  oder  den 
laufenden  Sommer  bewilligt  werden,  da  man  ja  des  Friedens  nicht 
länger  sicher  sei  und  auch  der  15-monatige  Anstand  schon  im  nächsten 
Sommer  ablaufen  würde.  Dabei  wurde  ausdrücklich  darauf  hinge- 
wiesen, daß  man  versuchen  müsse,  auf  diese  Weise  einen  längeren 
Frieden  zu  erlangen  *).  Doch  war  es  schließlich,  wie  Ferdinand 
selbst  eingestand  *),  die  Schuld  der  altgläubigen  Stände  des  Reiches, 
wenn  es  in  Worms  nicht  zu  einer  wirklichen  Türkenhilfe  kam*). 
Diese  Partei  war  ja  zu  den  Frankfurter  Beratungen  nicht  zuge- 
zogen worden,  war  mit  deren  Resultat  sehr  unzufrieden  und  be- 
trachtete vor  allem  den  Erzbischof  von  Lund  als  den  Urheber  der 
nach  ihrer  Meinung  zu  großen  Nachgiebigkeit  gegen  die  Pro- 
testanten ®).  Ferdinand  ließ  den  Orator  durch  seine  Räte  vertei- 
digen*’) und  hat  wohl  auch  die  ehrliche  Absicht  gehabt,  das  in 
Fiankfurt  Verabredete  zur  Ausführung  zu  bringen.  So  dachte  er 

sonders,  daß  man  keinen  beständigen  Frieden  habe  und  daß  alles  nun  davon  ab- 
hänge,  wie  nach  Ablauf  der  15  Monate  die  Lage  der  Gegner  sei.  Antwort  auf 
die  Werbung  Creytzens,  Juni  27,  Reg.  H.  p.  267,  No.  113.  Hier  wird  besonders 
betont,  daß  man  den  Anstand  nur  aus  Friedensliebe  annehme.  Vergl.  Secken- 
dorf, III,  8.  230. 

1)  Kf.  an  Joachim  II.  Mai  12,  Reg.  H.  p.  245,  No.  107,  Konz.;  an  Ldgf. 
Mai  8,  ebenda,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  8,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  14,  Konz. 

2)  Instruktion  des  Kf.  für  Eberh.  v.  d.  Thann  und  Jobst  von  Hain  vom 
5.  Mai,  Reg.  H.  p.  245,  No.  107,  Or. 

3)  Vergl.  die  Sendung  Fembergers  an  den  Landgrafen,  Rommel,  II, 
8.  420«.,  P.  C.  II,  629,  N.  B.  IV,  179 f.  Dittrich,  8.  17. 

4)  Akten  des  Wormser  Tages  in  Reg.  H.  p.  245,  No.  107,  unto'  anderem 
eine  zusammenfassende  Relation  der  Ges. 

5)  Sehr  unzufrieden  war  Alcander.  Vergl.  seine  Denkschrift  N.  B.  TV, 
519 — 533.  Man  kann  aber  nicht  sagen,  daß  Lund  seine  Instruktion  überschritten 
habe.  Vergl.  Lanz,  Staatspapiere,  8.  277  ff.  Achnlich  wie  Aleander  war  Held 
gestimmt.  Er  fürchtete  nicht  nur  für  die  Religion,  sondern  auch  für  die  Reputation 
des  Kaisers.  An  Heinr.  v.  Braunschweig  Juni  22,  P.  A.  No.  832,  46,  Kopie. 
Vergl.  auch  Dittrich  varie. 

6)  Nach  Aussagen  Fembergers. 


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Bund  u.  Eeich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemebnuuigsluet  1536 — 41.  197 

tatsächlich  daran,  das  Nürnberger  Religiousgespräcb,  wenn  anch 
an  einem  späteren  Termin,  abzuhalten ‘). 

Wichtiger  als  sein  Verhalten  war  aber  das  des  Kaisers.  Auch 
dieser  hat  zeitweilig  an  die  Abhaltung  des  Nürnberger  Tages  ge- 
dacht*), aber  eine  wirkliche  Anerkennung  des  Frankfurter  Ver- 
trages, eine  Ermöglichung  etwa  seiner  15-monatigen  Dauer  lag  ihm 
fern.  Da  er  aber  auch  nicht  wünschen  konnte,  daß  im  nächsten 
Jahre  der  Krieg  ausbräche,  es  vielmehr  sein  Bestreben  sein  mußte, 
Zeit  zu  gewinnen,  beschloß  er,  sich  den  Gedanken  des  Religions- 
gespi-äches  zunutze  zu  machen  und  eine  neue,  dem  geplanten 
Nürnberger  Tag  ähnliche  Versammlung  anzusetzen*).  Mit  den  ent- 
sprechenden Aufträgen  schickte  er  den  Erzbischof  von  Lund  am 
14.  Oktober  1539  von  neuem  nach  Deutschland  <). 

Inzwischen  waren  die  Protestanten  ihrerseits  schon  in  Be- 
ratungen darüber  eingetreten,  wie  sie  sich  weiter  verhalten  wollten, 
nachdem  der  sechsmonatige  Anstand  abgelaufen  wai'.  Schon  die 
Verschiebung  und  das  Nichtzustandekommen  des  Nür  nberger  Tages 
hatte  natürlich  alle  Ruhe,  die  etwa  der  Frankfurter  Anstand  ihnen 
gebracht  hatte,  zerstört.  Bei  manchen  von  ihnen  wie  auch  beim 
Landgrafen  war  nun  die  Meinung,  daß  das  Nürnberger  Gespräch 
aus  propagandistischen  Gründen  und  damit  mau  zeige,  daß  man 
das  Licht  nicht  scheue,  zu  wünschen  sei,  so  lebhaft,  daß  sie  Schritte 
für  ratsam  hielten,  um  an  seine  Abhaltung  zu  erinnern.  Der  Kur- 
fürst war  aber  dafür  nicht  zu  haben,  denn  es  schien  ihm  bedenk- 
lich, auf  den  Tag  so  sehr  zu  drängen,  wenn  man  nachher  doch 
nicht  nachgäbe®). 

Außer  der  Nichterfüllung  der  Bestimmungen  des  Frankfurter 
Anstandes  waren  es  die  beständig  weitergehenden  Umtriebe  der 
katholischen  Aktionspartei  im  Reiche,  dann  speziell  Gefährdungen 

1)  Ferd.  an  Karl  V.  Mai  3,  N.  B.  FV,  461—464,  Juni  21,  ebenda,  S.  465  f. 

2)  Karl  an  Feld.  Juli  12,  ebenda  S.  466  f.  Auch  an  die  vermittelnden  Kur- 
fürsten schrieb  er. 

3)  N.  B.  IV,  539  Z.  16  ff. 

4)  Kredenzbrief  des  Kaisers  an  Kf.  für  Lund  vom  14.  Okt,  Beg.  H.  p.  243, 
No.  106,  Or.  Vergl.  Seckendorf,  III,  8.  205. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  16,  Lenz,  1,  S.  84  Anm.  1,  Or.  in  Reg.  H.  p.  278, 
No.  117.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  29,  Lenz,  1,  S.  95  Anm.  2,  Konz,  ebenda,  Or.  in 
P.  A.  1539  Juli.  Der  Ldgf.  schrieb  dann  auf  Wunsch  einiger  oberdeutscher 
Stände  aber  doch  an  den  König,  Juli  10,  Lenz,  I,  S.  95  Anm.,  P.  C.  II,  629,  2; 
an  Kf.  Juli  9,  Lenz,  ebenda.  Reg.  H.  p.  278,  No.  117,  Or. 


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198 


Kapitel  II. 


Württembergs*)  und  Bremens *),  die  die  Protestanten  beunruhigten. 
Dem  Kurfürsten  gingen  auch  durch  Herzog  Albrecht  von  Preußen 
mancherlei  bedrohliche  Mitteilungen  zu®).  Zeitweilig  finden  wir 
ihn  infolgedessen  sehr  besorgt  *),  dann  wieder  traten  ruhigere  Zeiten 
ein®),  und  so  setzte  er  denn  auch  dem  Plane  des  Landgrafen, 
gegen  Heinrich  von  Brannschweig  wegen  seines  Bruches  des  Land- 
friedens, wenn  möglich,  sofort  den  Krieg  zu  beginnen,  entschiedenen 
Widerstand  entgegen®).  Einig  aber  war  man  darin,  daß  zur  Be- 
ratung über  das  nach  Ablauf  des  Anstandes  einzuschlagende  Ver- 
halten, über  die  Neubesetzung  der  Bundeshauptmannschaft  und 
manche  andere  Bundesangelegenheiten  ein  Bundestag  nötig  sei. 
Man  berief  ihn  auf  den  19.  November  nach  Arnstadt.  — 

Aus  dem  Ausschreiben  vom  12.  Oktober  läßt  sich  außer  der 
Tagesordnung  auch  schon  einiges  über  die  Ansichten  der  Bundes- 
hauptleute entnehmen.  Sie  hatten  z.  B.  vor,  nach  Ablauf  des  An- 
standes eine  Gesandtschaft  an  die  Kurfürsten  und  Fürsten  des 
Reichs  vorzunehmen,  um  sich  über  deren  weitere  Haltung  zu  unter- 
richten. Auch  über  die  weitere  Ausbreitung  des  göttlichen  Wortes 
wollte  man  handeln,  da  man  ja  nach  Ablauf  des  Anstandes  wieder 
freiere  Hand  hätte,  und  über  die  Reformierung  der  katholischen 
Geistlichen  in  protestantischem  Gebiet  und  die  Verwendung  der 
Klostergüter  *).  Nachträglich  wurde  noch  ein  Zettel  über  eine 
Schickung  nach  Fiankreich  wegen  der  dortigen  Protestantenver- 
folgungen, nach  England  wegen  eines  Bündnisses  zugefügt®). 


1)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  19,  Reg.  H.  p.  282,  No.  118,  Or. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  22,  ebenda,  Or. 

3)  Ldgf.  an  die  Dreizehn  von  StraQburg  Juli  9,  P.  C.  II,  618,  Na  625.  LMe 
Beilage  stammt  offenbar  von  Albrecht  von  PreuBen. 

4)  VergL  etwa  Brief  an  Ldgf.  vom  21.  Juni,  Reg.  H.  p.  225,  Na  102,  II, 
Konz.  Aktenst  No.  24.  Philipp  war  damals  sehr  friedlich  gestimmt  VergL 
Neudecker,  (Jrk.,  8.  361—363. 

5)  Z.  B.  im  August  Korrespondenz  mit  dem  Ldgf.,  Reg.  H.  p.  282,  No.  118. 
Die  Stimmung  Johann  Friedrichs  in  dieser  Zeit  ist  gut  aus  dem  Brief  an  den 
König  von  Polen  vom  1.  Sept.  zu  entnehmen,  C.  R.  III,  766 — 770. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  1,  Reg.  H.  p.  285,  No.  119,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  12, 
Konz,  ebenda.  Am  6.  Nov.  entwarf  Philipp  schon  einen  vollständigen  Kriegsplan. 
Lenz,  I,  8.  407.  Vergl.  weiterhin  Lenz,  I,  8.  407 f. 

7)  P.  C.  U,  631,  No.  641.  Konz,  vom  16.  Okt,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108 
vol.  II. 

8;  P.  C.  II,  632,  No.  642. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 11.  199 

Auch  diesmal  hielten  es  die  Bundeshanptleute  für  ratsam,  sich 
vorher  über  die  zur  Beratung  stehenden  Punkte  zu  einigen.  Eine  Zu- 
sammenkunft sächsischer  und  hessischer  Räte  in  Berka  a.  d.  Werra  am 
3.  November  zur  Beilegung  nachbarlicher  Streitigkeiten  wurde  dazu 
benutzt.  In  der  Instruktion,  die  der  Kurfürst  seinen  Räten  mit- 
gab, bringt  er  die  schon  früher  geäußerte  und  vom  Landgrafen 
geteilte  ’■)  Abneigung  gegen  die  Weiterführung  der  Hauptmannschaft 
lebhaft  zum  Ausdruck.  Die  Unkosten,  die  sie  ihm  machte,  die 
Nichteinhaltung  gefaßter  Beschlüsse  durch  die  Stände,  die  finanzielle 
Mangelhaftigkeit  des  Bundes  und  die  niemals  genügende  Bevoll- 
mächtigung der  Gesandten  auf  den  Bundestagen  sind  die  Gründe, 
die  er  dafür  anführt.  Der  Kurfürst  war  sich  aber  klar  darüber, 
daß  auch  die  Veränderung  der  Hauptmannschaft  in  jetziger  Zeit 
große  Bedenken  habe  und  die  Stände  daher  um  ihre  Weiterführung 
bitten  würden,  und  er  war  bereit,  sie  noch  auf  ein  Jahr  zu  über- 
nehmen, wenn  Hessen  es  auch  täte  und  jene  Beschwerden  abge- 
stellt würden.  Außerdem  verlangte  er,  daß  den  Hauptleuten  durch 
Einsetzung  von  Unterhauptleuten  die  Last  der  Geschäfte  erleichtert 
werde.  Den  Vorschlag  der  Ernennung  von  Unterhauptleuten  hat 
dann  auch  Hessen  sich  zu  eigen  gemacht,  Bernhard  von  Mila  und 
Siegmund  von  Boyneburg  erschienen  am  geeignetsten  dazu. 

Der  zweite  Punkt,  auf  den  der  Kurfürst  in  der  Instruktion 
einging,  betraf  das  weitere  Verhalten  der  Verbündeten  nach  dem 
Ablauf  des  .■Anstandes.  Johann  Friedrich  betonte  dabei  besonders 
die  Gefahr,  daß  Minden  nun  geächtet  werde.  Er  folgerte  daraus, 
daß  man  in  Arnstadt  notwendig  bestimmte  Beschlüsse  darüber 
fassen  müsse,  wie  man  sich  weiter  verhalten  woUe,  gab  aber  selbst 
nicht  an,  was  seine  Meinung  darüber  sei,  äußerte  sich  auch  nicht 
über  die  von  Hessen  vorgeschlagene  Schickung  an  die  anderen  Reichs- 
stände, die  Gesandten  sollten  nur  die  Ansichten  Hessens  darüber 
entgegennehmen. 

Tatsächlich  ist  es  dann  aber  in  Berka  gar  nicht  zu  einer  Ver- 
handlung über  diese  zukünftige  Haltung  der  Protestanten  ge- 
kommen , da  die  Hessen  keine  Befehle  darüber  hatten.  Sie 
äußerten  nur  den  Wunsch,  daß  man  diese  Frage  in  Amstadt 
nicht  gleich  zuerst  vorbringe,  sondern  erst  die  Gemüter  erkunde. 
Die  hessischen  Gesandten  knüpften  daran  allerhand  Bemerkungen 


1)  P.  C.  II,  8.  619  f. 


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200 


Kapitel  II. 


Über  die  durch  Fernbergera  Mitteilungen  bewiesene  friedliche  Ge- 
sinnung König  Ferdinands  und  die  ebenfalls  friedlichen  Absichten 
Bayerns.  Eben  deswegen  empfahl  Hessen  dann  erneut  die  Schickung 
an  die  anderen  Reichsstände.  Knrsachsen  meinte,  daß  die  Sache 
doch  noch  der  Ueberlegung  bedürfe,  und  empfahl,  mit  Bayern  an- 
zufangen, falls  die  Sendung  erfolge. 

Einig  waren  Sachsen  und  Hessen  darin,  daß  man  die  Ritt- 
meister und  Hauptleute  „an  der  Hand“  behalten,  auch  neue  annehmen 
müsse,  ferner  darin,  daß  man  Bremen  unterstützen  müsse. 
Weniger  überzeugt  war  der  Kurfürst  von  der  Notwendigkeit 
der  Unterstützung  Goslars,  doch  war  er  bereit,  sich  in  dieser 
Frage  und  überhaupt  in  bezug  auf  das  Verhältnis  zu  Heinrich  von 
Braunschweig  dem  anzuschließen,  was  die  anderen  Stände  beschlössen. 

Das  Ausschreiben  sah  auch  Beratungen  über  die  katho- 
lischen Geistlichen  in  protestantischem  Gebiet  und  über  die  Ver- 
wendung der  Kirchengüter  vor.  Johann  Friedlich  wäre  jene  am 
liebsten  ganz  los  geworden.  Zu  einem  Beschluß  darüber  kam  es 
aber  in  Berka  nicht.  Ueber  die  Frage  der  geistlichen  Güter  hat 
man  sich  eingehend  unterhalten.  Beide  Fürsten  waren  darin  einig, 
daß  die  Frage  einer  Entscheidung  bedürfe,  auch  darin,  daß  die 
Güter  im  wesentlichen  kirchlichen  Zwecken  dienen  müßten,  daß  ein 
etwaiger  Rest  aber  auch  zu  gemeinem  Nutzen  der  Lande  und  Leute 
verwendet  werden  dürfe.  Hessischerseits  empfahl  man,  eine  be- 
sondere Behörde  einzusetzen,  die  die  Güter  ihren  Zwecken  zuführe 
und  ihre  Zerreißung  verhüte.  Ein  Beschluß  ist  oflFenbar  auch  in 
dieser  Frage  nicht  gefaßt  worden,  und  auch  verschiedene  andere 
Angelegenheiten,  wie  die  Schickung  nach  England,  die  Aufnahme 
Mühlhausens  in  den  Nürnberger  Bund,  die  Heinrichs  von  Sachsen 
in  den  schmalkaldischen,  wurden  einfach  nach  Arnstadt  verwiesen  *). 

Zu  sehr  vielen  positiven  Beschlüssen  war  es  also  in  Berka 
nicht  gekommen ; auch  deswegen  konnte  die  dortige  Beratung  keinen 
großen  Einfluß  auf  die  Arnstädter  Verhandlungen  ausüben,  weil  die 
Situation  sich  bis  zum  Zusammentritt  des  Tages  nicht  unwesentlich 
veränderte.  Einerseits  sandte  gerade  am  3.  November  der  Land- 
gi’af  dem  Kurfürsten  höchst  alarmierende  Nachrichten  zu  über  die 
Tätigkeit  Heids  am  Kammergericht  und  den  vielleicht  noch  in 

1)  Die  Inetruktion  und  das  Verzeichnis  dessen,  was  zu  Berka  gehandelt 
wurde,  in  Reg.  H.  p.  285,  No.  119.  Ein  Protokoll  Feiges  in  P.  A.  No.  521, 
Bl.  45  ff. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungsluet  1536 — 41.  201 

diesem  Winter  zu  erwartenden  Ausbruch  des  Krieges'),  anderer- 
seits aber  erfolgte  am  7.  November  bei  ihm  die  Werbung  des 
trierischen  Kanzlers,  durch  den  man  von  einem  Vermittlungs- 
und Friedensplan  der  nicht  zum  Nürnberger  Bund  gehörigen  katho- 
lischen Stände  erfuhr*).  Besonders  durch  diese  letzte  Angelegen- 
heit erhielt  das  Amstädter  Programm  eine  wichtige  Erweiterung. 
Man  hat  allerdings  nicht  den  Eindruck,  als  ob  die  Sache  gerade 
auf  den  Kurfürsten  besonders  stark  gewirkt  hätte.  Er  empfahl  in 
der  Instruktion  für  die  Räte,  die  er  nach  Arnstadt  schickte,  nur, 
daß  man  den  Ständen  von  der  trierischen  Handlung  Mitteilung 
mache  und  ihre  Meinung  darüber  höre.  Würden  die  Verhand- 
lungen fortgeführt,  so  müsse  es  jedenfalls  vor  Fastnacht  geschehen, 
damit  man  nicht  etwa  nur  dadurch  hingehalten  werde.  Außerdem 
verlangte  der  Kurfürst,  daß  Mainz  von  der  Verhandlung  ausge- 
schlossen werde’). 

Johann  Friedrich  hat  dann  während  des  Arastädter  Tages 
selbst  von  Jülich  neue,  den  trierischen  ähnliche  Nachrichten  er- 
halten, auch  jetzt  aber  keinen  großen  Eifer  in  der  Sache  ge- 
zeigt*). Er  ,.grübelte  zuviel  über  den  Artikeln“’),  wie  Bucer  es 
ausdrückte,  wünschte  tatsächlich  allerhand  Veränderungen  daran®). 
Schließlich  wurde  aber  in  Arnstadt  doch  beschlossen,  auf  die  ge- 
gebene Anregung  einzugehen.  Sachsen  und  Hessen  sollten  die 
weiteren  Verhandlungen  führen  und  dabei  Näheres  über  die  geplante 
Religions Vergleichung  und  die  V^ereinigung  zu  erfahren  suchen. 
Sie  sollten  dann  mit  den  betreffenden  Fürsten  einen  Tag  und  Platz 
verabreden,  diesen  Tag  sollten  auch  die  anderen  Stände  beschicken, 
und  dort  sollte  daun  verhandelt  werden  unter  Zugrundelegung 
eines  Entwurfs,  der  sogleich  verfaßt  wurde').  Danach  waren  Ver- 
handlungen in  Aussicht  genommen  mit  Kuilrier,  Kurköln,  Pfalz, 

1)  Ldgf.  an  Kt.  Not.  3,  Reg.  H.  p.  285,  No.  119,  Or.  VergL  P.  C.  U.  642  f. 

2)  Lenz,  I,  S.  431.  Ldgf.  an  Kf.  Not.  7,  Reg.  H.  p.  285,  No.  119,  Or. 
Seckendorf,  III,  S.  232. 

3)  Instmktion  des  Kf.  für  seine  Vertreter  in  Arnstadt  Mila,  Brück,  Pack, 
Gotzmann  und  Burchard  Tom  18.  Not.,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  toL  I,  Konz, 
mit  Korrekturen  des  Kf.  Auch  im  folgenden  Tielfach  benutzt. 

4)  Brief  des  Herzogs  Tom  15.  Not.,  Reg.  C.  No.  886,  Bl.  73  f.,  Or.  Kf.  an 
die  Räte  Not.  23,  R^.  H.  p.  248,  No.  108,  toI.  II,  Or. 

5)  Dez.  4,  Lenz,  I,  8.  119. 

6)  Die  hess.  Ges.  an  Ldgf.  Dez.  6,  P.  A.  No.  520. 

7)  Abschied  des  Bundestages  Tom  10.  Dez.,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108, 1,  Kopie. 


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202 


Kapitel  II. 


Würzburg,  Bamberg,  Jülich,  Geldern,  Münster,  Osnabrück  und 
Minden  samt  ihren  Kapiteln  und  mit  anderen  Ständen  jener  Gegenden. 
Bayern  ließ  man  aus,  weil  es  sich  schon  im  Nürnberger  Bunde 
befände '),  ebenso  Mainz,  dessen  Kapitel  und  Stift  man  aber  even- 
tuell mitaufhehmen  wollte.  Das  Ziel  der  Verbindung  sollte  sein, 
daß  man  sich  gegenseitig  verpflichtete,  den  Frieden  zu  beobachten, 
auch  der  Religion  wegen  oder  wegen  Sachen,  die  aus  der  Religion 
flössen,  nichts  gegeneinander  vorzunehmen,  ja  sogar  füreinander 
Fürbitte  einzulegen  und  sich  zu  Recht  zu  verhelfen.  Man  wollte 
versuchen,  die  Religionsangelegenheiten  durch  gütliche  Gespräche 
beizulegen,  und  diesen  Versuch  wiederholen,  wenn  nicht  gleich  alles 
vertragen  werde,  inzwischen  aber  sich  als  getreue  Verwandte  halten. 
Die  genannten  Fürsten  sollten  gebeten  werden,  sich  in  den  Kammer- 
gerichtsprozessen, die  aus  der  Religion  flössen,  der  Exekution  nicht 
anzunehmen,  es  auch  niemandem  in  ihrem  Gebiet  zu  erlauben. 
Man  erklärte  es  überhaupt  nicht  für  ratsam,  die  Gebrechen  mit 
dem  Schwert,  Acht  oder  Bann  zu  bessern,  anstatt  durch  christliche 
gütliche  Handlung*). 

Es  waren  Pläne,  die  aufs  deutlichste  zeigen,  wie  stark  bei  den 
Protestanten  der  Wunsch  war,  auf  friedlichem  Wege  zur  Duldung 
ihres  Glaubens  zu  gelangen.  Sie  hatten  sich  aber  getäuscht,  wenn 
sie  bei  den  friedlich  gesinnten  katholischen  Füi-sten  eine  solche 
Initiative  und  Selbständigkeit  voraussetzten,  wie  der  Bündnisplan 
sie  erforderte.  Der  Landgi-af  hat  zwar  die  Verhandlungen  mit 
Trier  in  den  nächsten  Wochen  noch  fortgesetzt,  erhielt  aber  bald 
den  Eindruck,  daß  der  Erzbischof  durch  des  Kaisers  Ankunft  klein- 
mütig geworden  sei®). 

Durch  diese  von  Jülich  und  Trier  angeregte  Verhandlung 
wurde  natürlich  der  hessische  Plan  der  Sendung  an  Kurfürsten, 
Fürsten  und  Stände  der  anderen  Partei  nach  Ablauf  des  Anstandes 
einigermaßen  unnütz  gemacht,  Johann  Friedrich  wai*  sowieso 
nicht  dafür  gewesen,  und  in  Amstadt  ist  man  schnell  darüber  hin- 
weggegangen,  indem  man  die  Sendung  für  unnötig  erklärte. 

1)  üeber  Bayern  vergL  den  Bericht  Brücke  und  Packe  vom  2.  Dei.,  Reg.  H. 
p.  248,  No.  108,  III. 

2)  Entwürfe  der  „Artikel,  worauf  mit  den  Beinlendiechen  fureten  eine  ver- 
stände halben  au  handeln“,  in  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  vol.  I und  III,  der  zweite 
mit  allerhand  eigenhändigen  redaktionellen  Aenderungen  dee  Kurfürsten. 

3)  Sendung  Schenke  an  Trier  vom  12.  Dez.,  eeine  Relation  vom  28.  Dez., 
P.  A.  Trier. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungelust  1536 — 41.  203 


Auch  sonst  wurden  die  Beschlüsse  über  die  zukünftige  Haltung 
der  Verbündeten  durch  neuerdings  eingetretene  Ereignisse  be- 
einflußt Die  Instruktion,  die  der  Kurfürst  seinen  Gesandten  zum 
Amstädter  Tage  mitgab,  ist  noch  von  Besorgnissen  über  die  Un- 
sicherheit der  Zukunft  erfüllt.  Er  betonte  in  ihr  daher  sehr  stark 
die  Notwendigkeit,  daß  man  bestimmte  Beschlüsse  fasse  über  die 
Frage  der  Gegenwehr,  über  die  Haltung,  die  man  gegenüber  einer 
Achtsexekution  gegen  Minden  einnehmen  wolle  u.  dgl.  Er  erklärte 
es  ferner  für  dringend  nötig,  daß  man  die  Rittmeister  und  Haupt- 
leute an  der  Hand  behalte  und  auch  Reiter  und  Knechte  bestelle, 
sobald  die  Gegner  es  täten. 

In  Arnstadt  erfuhr  man  nun  aber,  daß  der  Kaiser  nach  den 
Niederlanden  kommen  werde,  ferner  daß  Lund  mit  neuen  Auf- 
trägen Karls  unterwegs  sei.  Das  bewirkte,  daß  man  die  Lage 
wieder  etwas  optimistischer  ansah.  Man  beschloß,  dem  Kaiser  eine 
Botschaft  entgegenzuschicken,  um  wegen  der  Ratifizierung  des 
Frankfurter  Anstandes,  der  Ansetzung  des  Reichstags,  auch  einiger 
spezieller  Beschwerden  einzelner  Bundesstände  mit  ihm  zu  ver- 
handeln. Sachsen,  Hessen,  Straßburg  und  Magdeburg  sollten  die 
Schickung  vornehmen,  den  Zeitpunkt  für  sie  sollten  der  Kurfürst 
und  der  Landgraf  auswählen,  auch  die  Instruktion  unter  Berück- 
sichtigung dessen,  was  Lund  bringen  werde,  verfassen.  In  dieser 
letzten  Bestimmung  können  wir  eine  Konzession  an  die  Wünsche 
des  Kurfürsten  erkennen.  Dieser  war  überhaupt  nicht  sehr  für  die 
Sendung,  woUte  unter  keinen  Umständen,  daß  sein  Vertreter  vor 
dem  Kaiser  das  Wort  führe,  hielt  die  Sache  außerdem  nicht  für 
eUig  und  empfahl,  erst  abzuwarten,  was  Lund  bringen  werde ‘). 

Unter  dem  Eindruck  der  neuerwachten  Friedenshoffnungen 
stand  auch  die  Beratung  über  die  Frage  der  Gegenwehr.  Sie 
fand  am  25.  November  statt,  und  Sachsen  und  Hessen  gaben  sich 
aUe  erdenkliche  Mühe,  bestimmte  Beschlüsse  für  den  Fall,  daß  man 
des  Friedens  vom  Kaiser  nicht  versichert  werde,  herbeizuführen. 
Dabei  stellte  sich  heraus,  daß  die  Stimmung  der  Stände  durchaus 
gegen  den  „Vorstreich“  war.  Besonders  Lüneburg  und  Straßburg 

1)  Die  Ansicht  des  Kurfürsten  z.  B.  ausgesprochen  in  dem  Briefe  an  seine 
Gesandten  vom  34.  Not.,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  Or.  Nach  einem  Bericht  der 
hessischen  Gesandten  vom  4.  Dez.  glaubte  der  Kurfürst  keinen  zu  haben,  der  es 
an  Verstand  mit  Hz.  Heinrich  von  Braunschweig  und  Held,  die  sich  am  Hofe 
des  Kaisers  befanden,  aufnehmen  könne.  (P.  A.  No.  530.) 


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204 


Kapitel  II. 


sprachen  sich  ausführlich  dagegen  aus  und  rieten,  streng  nach  den 
Bestimmungen  der  Bundesverfassung  zu  verfahren ‘). 

Wie  wenig  das  der  Ansicht  des  Kurfürsten  entsprach,  zeigt 
sein  Brief  an  seine  Gesandten  vom  26.  November,  in  dem  er  es 
für  unmöglich  erklärte,  „daß  bei  itzigen  geschwinden  und  sorglichen 
Zeiten  der  Verfassung  in  allen  Punkten  so  genau  und  stracks  nach- 
gegangen werde“,  und  dann  auseinandersetzte,  daß  die  Entscheidung 
des  Kaisers  unsicher  sei,  sicher  dagegen,  daß  der  Friede  aus  sei, 
daß  Minden  die  Exekution  drohe  und  daß  die  Gegner  allerlei  An- 
schläge im  Sinne  hätten.  Die  Gesandten  sollten  doch  noch  ver- 
suchen, schon  jetzt  bestimmte  Beschlüsse,  wie  man  etwa  die 
Gegenwehr  vornehmen  wolle,  herbeizuführen*).  Sie  haben  dann 
wenigstens  das  erreicht,  daß  wegen  Mindens  die  Kriegsräte  sofort 
zusammentraten  *).  Auf  deren  Gutachten  hin  kam  es  dann  in  dieser 
Frage  ja  auch  zu  recht  energischen  Beschlüssen,  indem  man  sich 
zur  Hilfe  bereit  erklärte,  auch  schon  Vorkehrungen  dafür  traf^ 
Kriegsleute  und  Theologen  zu  Beobachtungen  und  Ratschlägen  in 
die  Stadt  schickte,  etc.<).  Im  übrigen  aber  hatte  Johann  Friedrich 
Grund,  auch  weiterhin  mit  der  Haltung  der  Stände  sehr  unzufrieden 
zu  sein.  Er  schloß  daraus,  daß  „die  Verständnis  mehr  auf  dem 
bloßen  Buchstaben  als  auf  dem  Werk  stehe“  *■). 

.4uch  im  Abschied  wurden  nur  geringfügige  militärische  Vor- 
kehrungen vorgesehen.  Man  wollte  sich  nach  dem  Benehmen  der 
Gegner  richten,  hatte  nicht  die  Absicht,  anzugreifen.  Dem  Kurfürsten 
und  dem  Landgrafen  erlaubte  man,  je  1000  weitere  Gulden  zur  Be- 
stallung von  Hauptleuten  und  Rittmeistern  zu  verwenden.  Dagegen 
mußten  die  Beschlüsse  über  die  Erhöhung  der  Monatsleistungen  der 
sächsischen  Städte  und  über  die  volle  Erlegung  der  drei  Doppel- 
monate auf  den  nächsten  Tag,  der  am  1.  März  in  Schmalkalden 
stattfinden  sollte,  verschoben  werden,  da  die  meisten  Gesandten  über 
diese  Punkte  nicht  instruiert  waren.  Infolgedessen  verschoben  auch 
Sachsen  und  Hessen  ihre  Entscheidung  wegen  der  Hauptmannschaft 
bis  zu  diesem  Tage.  Der  Kurfürst  hatte  schon  in  der  Instruktion 


1)  Brück  und  Pack  an  Kf.  Nov.  25,  B^.  H.  ebenda  vol.  II  Or.  Aktenst 
No.  30. 

2)  Ebenda  vol.  II,  Or.  Akteoat  No.  31. 

3)  Vergl.  P.  C.  II,  6.50. 

4)  Vergl.  den  Abschied  und  P.  C.  II,  650  Anm.  2. 

5)  An  seine  Räte  Nov.  27,  Keg.  H.  a.  a.  O.  voL  II,  Or. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  üntemehmungeluet  1536—41.  205 

die  Fortführung  der  Hauptmannschaft  außer  von  den  uns  schon 
bekannten  Bedingungen  abhängig  gemacht  von  dem  allgemeinen 
Verhalten  der  Bundesstände.  Auch  in  einer  Weisung  vom  24.  No- 
vember betonte  er  das  von  neuem  *),  und  da  er  nun  mit  dem  Ver- 
halten der  Stände  so  wenig  zufrieden  wai-,  ist  natürlich  auch  seine 
Neigung,  das  Amt  weiterzuführen,  gering  gewesen,  doch  fand  er 
sich  schließlich  in  den  angegebenen  Aufschub  der  Entscheidung. 
Unter  der  Voraussetzung,  daß  dort  ihren  Beschwerden  abgeholfen 
werde,  ihnen  auch  ein  Leutenant  und  andere  Gehilfen  bewilligt 
würden,  erklärten  sich  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  bereit,  die 
Hauptmannschaft  noch  ein  Jahr  zu  behalten. 

Auf  den  Schmalkaldener  Tag  wurde  auch  die  Frage  der  geist- 
lichen Güter  verschoben,  doch  wurden  in  Arnstadt  immerhin  schon 
wichtige  Grundlagen  für  die  Zukunft  gelegt.  Der  Ausschuß,  der 
am  .3.  Dezember  über  die  Sache  beriet,  war  einig  darin,  daß  die 
geistlichen  Güter  der  Kirche  jedes  Fürstentums  und  Gebiets  bleiben 
sollten.  In  der  Frage  ihrer  Verwendung  knüpfte  man  vermutlich  an 
kursächsische  Gedanken  an  *),  wenn  man  drei  Möglichkeiten  unter- 
schied. Die  Güter  sollten  dienen  1)  zur  Unterhaltung  des  rechten 
wahren  Gottesdienstes,  der  Pfarrer,  Prediger,  Kirchendiener  und 
Schulen;  2)  zur  Unterhaltung  der  armen  Leute  in  den  Spitälern,  zur 
Ausstattung  der  Töchter  armer  Adligen  und  zur  Unterstützung 
anderer  ehrlicher  verarmter  frommer  Leute.  Sollte  dann  noch  ein 
Rest  bleiben,  so  sollte  er  3)  verwendet  werden  dürfen  zu  ge- 
meinem Nutzen,  zu  Befriedung  von  Landen  und  Leuten,  auch  zu 
dem,  was  die  Obrigkeit  zur  Erhaltung  göttlichen  Wortes  für  nütz- 
lich und  notwendig  halten  würde.  Ein  dem  entsprechendes  Aus- 
schreiben wurde  in  .\ussicht  genommen,  um  das  Geschrei  der 
Gegner  zur  Ruhe  zu  bringen.  Da  sich  diesem  Beschluß  des  Aus- 
schusses nun  aber  Lüneburg  und  Württemberg  nicht  anschlossen, 
wurde  schließlich  nur  im  Plenum  darüber  berichtet,  und  dort  ist 
dann  die  definitive  Entscheidung  auf  den  nächsten  Bundestag  ver- 
schoben worden.  Doch  wurden  die  Gedanken  des  .Ausschusses 
wenigstens  in  fragender  Form  in  den  Abschied  mitaufgenommen. 


1)  Kf.  SD  die  Räte,  Reg.  H.  ebenda,  Or. 

2)  Es  zeigt  sich  wenigstens  Verwandtschaft  mit  der  Instruktion  des  Kf.  für 
den  Berkaer  Tag.  Auch  findet  sich  obige  Dreiteilung  in  einem  sächsischen 
Votum,  P.  A.  521;  Bl.  30b. 


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206 


Kapitel  II. 


Erst  in  Schmalkalden  wollte  man  anch  BeschluU  fassen  über  den 
von  Hessen  ausgehenden  Gedanken  einer  besonderen  Aufsichts- 
behörde für  die  richtige  Verweudung  der  geistlichen  Güter*). 

Johann  Friedrich  wird  mit  diesen  Beschlüssen  im  wesentlichen 
einverstanden  gewesen  sein,  weniger  war  er  es  mit  dem,  was  über 
die  katholischen  Geistlichen  auf  protestantischem  Boden  beschlossen 
wurde.  Er  legte  gerade  auf  diesen  Punkt  sehr  viel  Wert,  und 
es  kam  ihm  offenbar  dabei  vor  allem  darauf  an,  sich  eine  Unter- 
stützung zu  sichern  für  den  Fall,  daß  sich  aus  seinem  Vorgehen 
gegen  die  sächsischen  Bischöfe  Schwierigkeiten  ergäben.  Die 
anderen  Stände  waren  sich  dagegen  gar  nicht  recht  klar,  worum 
es  sich  bei  diesem  Punkte  eigentlich  handelte,  so  daß  die  säch- 
sischen Räte  ihnen  die  Sache  erst  genau  erklären  mußten,  wobei 
sie  unter  anderem  auch  hervorhoben,  wie  ratsam  es  sei,  keine  Ver- 
schiedenheit des  Gottesdienstes  in  Landen  und  Städten  zu  dulden. 
Man  fand  aber  mit  diesen  Gedanken  bei  den  anderen  Ständen, 
auch  bei  Hessen  nicht  viel  Anklang,  sie  verwiesen  auf  die  not- 
wendige Unterscheidung,  ob  die  Stifter  und  Kirchen  der  Obrigkeit, 
die  die  Reformation  vornehmen  wolle,  ohne  Mittel  unterworfen 
wären  und  diese  die  Hoheit  über  sie  hätte  oder  nicht.  Sturm  riet 
dem  Kurfürsten  zu  möglichst  mildem  Vorgehen,  zu  gütlichen  Ver- 
handlungen etc.  und  überreichte  als  Muster  das  statutum  muni- 
cipale  über  das  in  Straßburg  eingeschlagene  Verfahren.  Dieses 
gefiel  dem  Kurfürsten  aber  durchaus  nicht.  Wenn  auch  schließlich 
nur  Augsburg  ihm  direkt  das  Recht  absprach,  in  den  bischöflichen 
KoUegiatkirchen  die  Reformation  vorzunehmen,  die  Erklärungen 
der  übrigen  Stände  und  auch  der  Abschied  lauteten  so  unbe- 
stimmt und  verklausuliert,  daß  dem  Kurfürsten  sehr  wenig  damit 
gedient  sein  konnte,  und  seine  Unzufriedenheit  mit  dem  Arn- 
städter  Tage  wird  wohl  auch  auf  diese  Enttäuschung  mitznrückzu- 
führen  sein*).  — 

Neue,  beim  Kurfürsten  allerdings  wohl  auch  nicht  sehr  lebhafte 
Hoffnungen  erweckte  dagegen  der  Stand  der  Verhandlungen  mit 
England.  Diese  waren  trotz  der  Entrüstung,  die  die  sechs  Artikel 


1)  P.  C.  II,  652.  Brück  und  Pack  an  Kf.  Dez.  3,  H.  ebenda  vol.  I,  Or., 
Aktenst.  No.  32  und  der  Abschied. 

2)  Vergl.  die  vorige  Anmerkung.  Kf.  an  die  Räte  Dez.  5,  ebenda  vol.  I. 
Aktenst.  No.  33. 


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Band  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmongslust  1536—41.  207 

in  protestantischen  Kreisen  hervorgerufen  hatten,  wieder  aufge- 
nommen worden.  Zunächst  hatte  sich  Johann  Friedrich  überreden 
lassen,  am  28.  August  Dölzig  und  Burchard  der  jülichschen  Ge- 
sandtschaft, die  wegen  der  Heirat  nach  England  ging,  als  Beistand 
beizngeben.  In  Verhandlungen  mit  dem  König  selbst  wegen  eines 
Bündnisses  zwischen  ihm,  dem  Kurfürsten  und  Jülich  sollten  sie  sich 
aber  nur  einlassen,  wenn  sich  die  Nachrichten  über  die  religiösen 
Verdammungsartikel  des  Königs  als  unwahr  erwiesen  *).  Außer- 
dem hatte  Heinrich  selbst  zu  neuen  Verhandlungen  die  Hand 
geboten,  indem  er  Christoph  Mont  von  neuem  an  den  Kurfürsten 
und  den  Landgrafen  gesendet  hatte.  Die  Aufträge  des  Gesandten 
waren  allerdings  etwas  naiv.  Der  König  bedauerte  wieder,  daß 
die  protestantischen  Gesandten  nicht  genügend  instruiert  gewesen 
seien,  und  erklärte,  daß  er,  wenn  er  auch  ebenso  wie  die  Geistlichen 
seines  Reiches  aus  stattlichen  Ursachen  mit  der  Lehre  der  Prote- 
stanten über  Priesterehe,  Gelübde  und  Privatmesse  nicht  überein- 
stimme, doch  seine  Dekrete  gegen  den  Papst  stets  zu  halten  ge- 
denke ’). 

Es  war  nicht  zu  verwundern,  daß  Johann  Friedrich  etwas  scharf 
antwortete.  Er  wandte  nicht  ganz  mit  Unrecht  auf  den  König  den 
Satz  an;  Wer  sich  der  Freund  begeben  will,  sucht  Occasion. 
Generalvollmacht  hätten  die  Protestanten  ihren  Gesandten  unmög- 
lich geben  können,  da  diese  allein  dem  Könige  persönlich  und 
seinen  trefflichen  Räten  gegenübergestaiiden  hätten.  Vor  allem 
ging  der  Kurfürst  dann  auf  die  sechs  Artikel,  „die  Dammation 
der  christlichen  Artikel“,  wie  er  sie  nannte,  ein  und  erklärte, 
daß  seiner  Meinung  nach  die  ganze  Konfession  und  besonders 
der  Artikel  von  der  Justilikation  dadurch  verdammt  sei,  daß 
der  König  sich  dadurch  ganz  zum  römischen  Bischof  geschlagen 
und  sich  seiner  usurpierten  Gewalt  und  allen  seinen  Mißbräuchen 
wieder  übergeben  habe,  denn  die  jetzt  in  England  statuierten  Ar- 
tikel seien  die  vornehmsten  Säulen  der  Autorität  des  römischen 
Bischofs.  Er  könne  auch  seine  Gelehrten  nicht  hindern,  da- 
gegen zu  schreiben.  Trotz  alledem  erklärte  er  sich  aber  schließ- 

1)  Instruktion  der  Gesandten  vom  28.  Aug.  in  Reg.  U.  p.  260,  No.  111, 
voL  I.  Vergl.  Merriman,  I,  8.  261. 

2)  Kreditiv  vom  15.  Aug.  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  I,  Or.  Werbung 
Monts  an  Kf.  [ca.  Sept.  9]  ebenda  vol.  II.  Kf.  an  Mont  Sept  9,  Konz.,  ebenda 
voL  I.  Vielleicht  in  Wirklichkeit  vom  16.  8ept. 


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208 


Kapitel  II. 


lieh  zur  Freundschaft  mit  dem  König  in  äußerlichen  Sachen 
bereit*),  aber  nach  irgend  einem  engeren  Verhältnis  sah  das  nicht 
aus.  Johann  Friedrich  ließ  sich  auch  durch  das  Schreiben  Bncers, 
das  der  Landgraf  ihm  am  30.  September  zuschickte,  worin  die 
.Ansicht  ausgesprochen  war,  daß  man  dem  Könige  nicht  genug  ent- 
gegengekommen sei,  daß  man  hätte  Melanchthon  schicken  müssen, 
daß  Burchard  und  Myconius  zu  früh  abgereist  seien  etc.,  nicht  von 
seiner  Ansicht  abbringen*). 

Brück  war  zwar  geneigt,  der  Auffassung  Bucers  nicht  jede 
Berechtigung  abzusprechen*),  Johann  Friedrich  aber  vertrat  mit 
Recht  die  .Ansicht,  daß  es  dem  Könige  mit  dem  Evangelium  nicht 
Ernst  sei  und  daß  es  ihm  nur  darum  zu  tun  sei,  die  „Obrigkeit“  des 
Papstes  in  England  durch  seine  eigene  zu  ersetzen  und  sich  mit  dem 
Reichtum  der  Kirchenschätze  und  der  kirchlichen  Einkünfte  zu  be- 
reichern *).  Trotzdem  erklärte  Johann  Friedrich  sich  aber  bereit  dazu, 
Bucers  Bedenken  den  Wittenberger  Theologen  zu  erkennen  zu  geben 
und  ihre  Meinung  darüber  zu  hören.  Auch  zeigte  er  sich  einer  neuen 
Sendung  nach  England  nicht  ganz  abgeneigt,  wenn  in  Arnstadt  eine 
solche  beschlossen  würde*).  .Auch  die  Wittenberger  Theologen 
waren  durchaus  nicht  dafür,  daß  man  weiter  mit  dem  Könige  ver- 
handle, sehr  bereit  aber  waren  sie  zur  Abfassung  der  sowohl  vom 


1)  Antwort  an  Mont  vom  16.  Ijept.,  verschiedene  deutsche  Entwürfe  und 
lateinische  Uebersetzung  Melanchthons.  Beg.  H.  ebenda  vol.  I.  Aktenst  No.  26. 
Am  22.  war  Melanchthon  noch  mit  der  Uebersetzung  beschäftigt.  C.  R.  III, 
783  f.,  No.  ISb.’).  Am  17.  sendet  Kf.  die  deutsche  Antwort  an  den  Haupt- 
mann zu  Weimar  und  Dr.  Zach,  damit  sie  sie  Mont  nachsandten.  Reg.  H. 
a.  a.  0.  vol.  I,  Konz.  Mont  war,  wie  die  beiden  am  18.  melden,  zum  Ldgf. 
weitergereist.  Dessen  Antwort  vom  24.  Sept  (ebenda  vol.  II)  lautete  nicht  viel 
weniger  entschieden  als  die  des  Kf.  Am  27.  iilept.  sandte  Johann  Friedrich  dem 
Gesandten  die  lateinische  Antwort  nach  Kassel  nach.  (Begleitbrief  ebenda  vol.  I.) 

2)  Bucer  an  Ldgf.  Sept.  16,  Lenz,  I,  S.  99 ff.  Ldgf.  an  Bucer  Sept.  30, 
ebenda  S.  105;  an  Kf.  Sept.  30,  Reg.  H.  p.  282,  No.  118,  Or. 

3)  C.  R.  III,  795,  es  ist  ein  undatierter  Zettel,  der  wohl  zwischen  Okt.  7 
und  11  zu  setzen  ist. 

4)  Kf.  an  Brück  Okt.  7,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  III,  Konz.  Aktenst. 
No.  27. 

5)  Kf.  an  Brück  Okt.  7,  s.  Anm.  4.  Brück  an  Kf.  Okt.  9,  Reg.  Qg. 
No.  413L  I,  Or.  Darauf  beruht  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  11.  Lenz,  I,  S.  106 
Anm.  2.  Seckendorf,  III,  S.  225f.  Reg.  H.  p.  282,  No.  118.  Vergl.  P.  C. 
II,  632,  1.  Kf.  an  die  Wittenberger  Theologen  Okt  12.  Burkhardt,  Brief- 
wechsel 8.  332  f.  Feiges  Berkaer  Protokoll  P.  A.  521,  Bl.  47/48. 


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Bund  u.  Reich ; Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  UntemehniaQgslust  153(>— 41.  209 

Kurfürsten  wie  vom  Landgrafen  gewünschten  Ermahnnngsschrift 
an  den  König,  die  ja  dann  am  1.  November  auch  ergangen  ist‘). 

In  Amstadt,  wo  auf  Wunsch  des  Kurfürsten  die  englische 
Angelegenheit  gleich  am  Beginn  vorgenommen  wurde,  ist  aber 
doch  nicht  das  Wittenberger  Gutachten  maßgebend  gewesen.  Man 
stand  vielmehr  dort  ganz  unter  dem  Eindruck  des  verhältnis- 
mäßig günstigen  Berichtes,  den  die  knrsächsischen  Gesandten  über 
ihre  Eindrücke  in  England  erstatteten  ’).  Man  ersah  aus  ihm 
zunächst,  daß  die  sechs  Artikel  bisher  nicht  zur  Durchführung 
gekommen  waren*),  man  hörte,  daß  ihre  Aufhebung  durch  das 
nächste  Parlament  erhofft  würde , man  erfuhr  von  günstigen 
Aeußerungen  Cromwells  und  Cranmers  und  auch  ganz  befrie- 
digenden des  Königs,  der  wieder  sein  Verlangen  nach  einer  reli- 
giösen Vereinigung  ausgesprochen  hatte. 

Die  Berichte  seiner  Gesandten  sind  vor  allem  auch  von  Einfluß 
auf  den  Kurfürsten  selbst  gewesen.  Er  war  zunächst  bereit,  Dölzig 
von  neuem  als  Begleiter  der  Herzogin  Anna  nach  England  zu 
schicken,  und  gab  ihm  einen  Brief  an  den  König  mit,  in  dem  warme 
Ermahnungen  enthalten  waren,  nach  Beseitigung  der  Autorität  des 
Papstes  auch  die  Mißbräuche  abzuschaffen*).  Auch  für  ein  Bündnis 
mit  dem  Könige  war  der  Kurfürst  jetzt  wieder  zu  haben.  In  seiner 
Instruktion  für  Arnstadt  heißt  es,  er  könne  nicht  widerraten,  daß 
man  den  König  dadurch  an  der  Hand  zu  behalten  und  der  Religion 
halber  wieder  auf  die  rechte  Bahn  zu  bringen  suche. 

Sobald  sich  eine  genügende  Anzahl  von  Bundesständen  in 
Arnstadt  eingefunden  hatte,  hielt  Burchard  am  21.  November 
Vortrag  über  die  englische  Sache.  Die  Folge  war,  daß  die 


1)  Die  Wittenberger  an  Kf.  Okt.  23,  C.  R.  III,  796 — 8Ö0.  Erl.  55,  243 
— 247.  Or.  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  I.  Ueber  die  Expoetulationaschrift  Ldgf. 
an  Kf.  Sept.  30.  Kf.  an  die  Wittenberger  Okt.  12.  (Vergl.  S.  208,  Anm.  2 
und  5.)  C.  R.  III,  804  ff. 

2)  Oünstig  schon  Dolzig  und  Burchard  an  Kf.  6ept.  20,  Reg.  H.  p.  260, 
No.  111,  vol.  I,  Or.,  ebenso  Okt.  3,  ebenda;  Okt.  11,  ebenda.  Auch  Kf.  schon 
Okt.  22  dadurch  in  guter  Stimmung,  an  Ldgf.,  Reg.  H.  p.  185,  No.  119,  Konz., 
Zettel.  Der  Hauptbericht  Burchards  etwa  vom  5.  Nov.,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111, 
vol.  II. 

3)  Vergl.  dagegen  Stern,  FDG.  X,  8.  498f. 

4)  Kf.  an  Heinrich  VIII.  Nov.  10,  Reg.  H.  p.  280,  No.  111,  II,  Konz. 
Seckendorf,  III,  S.  227f.  Aktenst.  No.  29.  An  Crorawell,  Reg.  H.  ebenda. 
Instruktion  für  Dolzig  an  Hz.  Wilhelm  Nov.  14,  R^.  H.  a.  a.  O.,  Or. 

Beitrüge  rar  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  a,  14 


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210 


Kapitel  II. 


Mehrheit  sich  gegen  die  Stimmen  von  Augsburg,  Ulm  und  einigen 
kleineren  oberdeutschen  Städten  für  eine  neue  Gesandtschaft  an  den 
König  aussprach,  um  über  die  Konkordie  in  der  Religion,  über 
eine  Konföderation  und  über  Aufhebung  der  sechs  Artikel  mit 
ihm  zu  verhandeln^).  Der  Kurfürst  war  mit  diesen  Gedanken 
ganz  einverstanden  und  empfahl,  Burchard  und  Dölzig  zu  schicken, 
da  sie  sowieso  reisen  müßten.  In  einem  Briefe  vom  22.  November 
entwickelte  er  seine  Ansichten  über  die  Beziehungen  zu  Englaud. 
Er  war  dafür,  daß  man  dem  Könige  für  später  eine  stattliche 
Schickung  in  Aussicht  stelle,  bei  der  auch  einige  gelehrte  Theologen 
sein  sollten,  um  sowohl  wegen  der  Religion  wie  wegen  des  Bundes 
abzuschließen,  als  Vorbedingung  dafür  aber  bezeichnete  er  die 
Aufhebung  des  Dekrets  und  die  Wiedereinsetzung  der  zwei  einge- 
kerkerten Bischöfe  •).  Erfüllung  dieser  Forderungen  erschien  ihm 
als  ein  Beweis,  daß  der  König  wieder  auf  die  rechte  Bahn  gebracht 
werden  könne,  für  wahrscheinlich  hielt  er  das  allerdings  nicht. 
Immerhin  empfahl  er,  daß  man  sich  schon  in  Arnstadt  über  die 
Bedingungen  des  mit  dem  Könige  abzuschließenden  Bündnisses 
vergleiche,  damit  Dölzig  und  Burchard  auch  darüber  das  Gemüt 
des  Königs  erforschen  könnten*). 

Diese  Ratschläge  des  Kurfürsten  sind  in  Amstadt  dann  aller- 
dings nur  zum  Teil  berücksichtigt  worden,  trafen  vielleicht  gar 
nicht  mehr  rechtzeitig  dort  ein,  doch  liefen  die  dortigen  Beschlüsse 
sachlich  ziemlich  auf  dasselbe  hinaus,  nur  wurde  in  der  Instruktion 
für  die  Gesandten,  die  ihnen  übrigens  ziemlich  freie  Hand  ließ, 
vor  allem  noch  betont,  daß  sie  bei  Cromwell,  und  wo  sie  sonst 
Gelegenheit  hätten,  sich  über  die  religiösen  Verhältnisse  in  Eng- 
land, die  Geltung  der  sechs  Artikel  etc.  erkundigen  sollten.  Auf- 
hebung des  Dekrets  galt  auch  hier  als  Voraussetzung  weiterer  Ver- 
handlungen, ferner  erklärte  man  ein  Religionsgespräch  für  aus- 
sichtslos, wenn  englische  Bischöfe  dazu  deputiert  würden. 

Die  Aufträge,  die  die  Gesandten  wegen  des  Bündnisses  er- 
hielten, liefen  auch  vor  allem  auf  ein  Sondieren  hinaus,  besonders 
über  die  Frage  der  Gegenleistungen  der  Protestanten.  Man  hatte 
aber  ofi'enbar  nicht  die  Absicht,  eine  annehmbare  Verbindung  wegen 

1)  Uans  V.  Pack  an  Kf.  Nov.  20.  Die  Bäte  an  Kf.  Nov.  21,  Reg.  H.  p.  248, 
No.  106,  vol.  II,  Or.  Kf.  an  die  Räte  Nov.  22,  ebenda  Or.  P.  C.  II,  646. 

2)  Von  Worceeter  und  Salisbury. 

3)  Kf.  an  die  Räte  Nov.  22. 


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Bund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungglust  1536 — 41.  211 

solcher  Fragen  abzuschlagen,  wenn  eine  Vergleichung  in  der  Religion 
erzielt  würde. 

Für  den  Fall,  daß  Burchard  und  Dölzig  Günstiges  berichteten, 
vor  allem  daß  der  König  zu  einem  christlichen  Gespräch  geneigt 
sei,  beschloß  man,  eine  stattliche  Gesandtschaft,  an  der  auch 
Melanchthon  teilnehmen  sollte,  zu  schicken,  um  den  König  und 
sein  Reich  bei  dem  göttlichen  Wort  zu  erhalten.  Man  glaubte, 
daß  nach  dem  Zustandekommen  einer  religiösen  Vergleichung  auch 
ein  Bündnis  nicht  schwierig  sein  werde.  Aber  auch  für  den  Fall, 
daß  es  nicht  dazu  oder  überhaupt  nicht  zu  einem  Gespräch  käme, 
hielt  man  doch  eine  kleine  Schickung  nach  England  wegen  der 
gefangenen  und  bedrängten  Protestanten  für  ratsam,  auch  meinte 
man,  daß  auch  dann  vielleicht  ein  solches  Freundschaftsverhältnis 
mit  dem  Könige  möglich  sei,  wie  man  es  jetzt  mit  Trier  plante^). 

Mit  solchen  Aufträgen  reiste  Burchard  dem  schon  vorausgeeilten 
Dölzig  nach.  Es  war  der  letzte  Versuch  zur  Gewinnung  Englands  vor 
dem  schmalkaldischen  Kriege,  an  dem  Johann  Friedrich  sich  beteiligte. 

Diesen  offiziellen  Verhandlungen  über  England  gingen  noch 
solche  über  ein  Bündnis,  an  dem  nur  Jülich  und  der  Kurfürst  be- 
teiligt sein  sollten,  zur  Seite.  Die  jülichschen  Gesandten  hatten 
solche  Vorschläge  ans  England  mitgebracht  *),  Es  handelte  sich 
dabei  um  ein  Defensivbündnis  zur  Verteidigung  der  Gebiete  der 
Beteiligten,  aber  auch  zur  Beschützung  der  Freiheit  des  Handels. 
Mit  ganzer  Macht  wollte  man  sich  eventuell  zu  Hilfe  kommen. 
Kein  Teil  sollte  ohne  Zustimmung  des  anderen  neue  Verträge  mit 
dem  Kaiser,  mit  Frankreich  oder  dem  Papst  schließen®).  Johann 
Friedrich  hatte  gegen  diese  Vorschläge  bei  der  Unsicherheit  der 
religiösen  Verhältnisse  Englands,  und  da  er  selbst  noch  gar  nicht 
mit  Jülich  verbündet  war,  große  Bedenken  und  ließ  daher  seine 
Räte  in  .4.mstadt  mit  denen  des  Landgrafen  über  die  Sache  ver- 
handeln^). Es  dauerte  dann  aber  so  lange,  bis  ein  Bescheid 
Philipps  über  diese  Fragen  eintraf,  daß  Burchard  wohl  vorher  ab- 
gereist ist®).  Dem  Herzog  von  Jülich  schrieb  der  Kurfürst  am 


1)  P.  C.  II,  646,  1.  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  II. 

2J  Wilh.  V.  JQlich  an  KI.  Nov.  15,  Reg.  C.  No.  866,  Bl.  73  f.,  Or.  Vergl. 
Heidrich,  S.  29  Anm. 

3)  Beilage  zu  dem  Brief  des  Hzs.  vom  15.  Nov.  BL  75/76. 

4)  Kf.  an  Brück  und  Pack  Nov.  23,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  vol.  II,  Or. 

5)  Brück  und  Pack  an  Kf.  Nov.  25,  ebenda,  Or. 

14* 


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212 


II.  Kapitel 


14.  Dezember,  daß  er  sich  bei  ihrer  persönlichen  Zusammenkunft 
über  die  Sache  äußern  wolle*). 

Unser  Gesamturteil  über  den  Amstädter  Tag  wird  kein  allzu 
günstiges  sein  können,  und  wir  werden  die  Unzufriedenheit  des 
Kurfürsten  begreifen.  Es  hatte  sich  zwar  fast  in  allen  Punkten 
eine  erfreuliche  Uebereinstimmung  zwischen  den  Bnndeshäupteru 
gezeigt’),  zugleich  aber  auch,  daß  auch  ihr  gemeinsames  Wirken 
die  Stände  nicht  zu  irgend  welchen  energischeren  Besclilüssen  hin- 
zureißen vermochte  ’).  Es  kam  nun  darauf  an,  ob  man  in  Schmal- 
kalden mehr  erreichte.  — 

Als  die  politisch  wichtigsten  Beschlüsse  des  Arnstädter  Tages 
dürfen  wir  wohl  den  der  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  und  den 
der  Fortführung  der  Verhandlungen  mit  den  neutralen  katholischen 
Reichsständen  betrachten.  Jene  sollte  nach  Wunsch  des  Kurfürsten 
verschoben  werden,  bis  Lund  seine  Aufträge  ausgerichtet  hatte. 
Dieser  hat  das  nur  schriftlich  in  dem  interessanten  Brief  vom 
6.  Dezember  getan.  Aus  ihm  ging  zunächst  aufs  deutlichste  her- 
vor, daß  dem  Kaiser  eine  Bestätigung  und  Verlängerung  des  Frank- 
furter Anstandes  fernlag,  im  übrigen  aber  war  darin  Karls  fried- 
liche Gesinnung  sehr  stark  betont  und  sein  lebhafter  Wunsch 
nach  einer  Beilegung  des  religiösen  Streites  ausgesprochen,  also 
das  Ziel  ins  Auge  gefaßt,  an  das  man  sich  in  Frankfurt  nicht  ge- 
wagt hatte,  dem  aber  der  Nürnberger  Tag  hatte  dienen  sollen. 
Die  Protestanten  wurden  gebeten,  sich  auf  diese  religiösen  Ver- 
gleichsverhandlungcn  vorzubereiten,  damit  diese  nach  der  im  Januar 
zu  erwartenden  Ankunft  des  Kaisers  in  den  Niederlanden  begonnen 
werden  könnten.  Lund  ging  auch  auf  die  jetzt  im  Gang  befind- 
lichen Rüstungen  des  Kaisers  ein  und  betonte,  daß  sie  nur  gegen 
Gent  gerichtet  seien*). 

Diese  Mitteilungen  hatten  zunächst  zur  Folge,  daß  man  auf 
protestantischer  Seite  Beratungen  der  Theologen  zur  Vorbereitung 

1)  Kf.  an  Hz.  Wilhelm  Dez.  14,  Reg.C.  No.  866,  Bl.  82-85,  Konz.  Heid- 
rich,  S.  33. 

2)  Das  zeigen  auch  die  hessischen  Akten  in  P.  A.  No.  520  and  521. 

3)  Charakteristisch  ist  u.  a.  anch,  dafi  der  Kf.  am  23.  Nov.  den  Ständen 
eine  allerdings  nnsichcre  Nachricht  über  die  Möglichkeit  einer  Bewilligung  des 
Anstandes  durch  den  Kaiser  vorzuenthaltcn  befahl,  um  sie  nicht  noch  lauer  zu 
machen.  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  vol.  II,  Or. 

4)  Ltmd  an  Kf.  Dez.  8,  Beg.  H.  p.  243,  No.  106,  Or.  Vergl.  Secken- 
dorf, III,  S.  205.  Moses,  8.  llf. 


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Bund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungsluet  1536—41.  213 

der  Vergleichs  Verhandlungen  veranlaßte.  An  dem  Plane,  dem 
Kaiser  Gesandte  entgegenzuschicken,  um  vorzutragen,  was  man 
auf  dem  Herzen  hatte,  hielt  man  fest.  Sehr  stark  aber  empfand  man 
auch,  daß  der  Frankfurter  Anstand  nun  doch  tatsächlich  aufgehoben 
sei,  und  die  beruhigenden  Erklärungen  des  Erzbischofs  genügten 
nicht,  um  die  Besorgnisse  der  letzten  Jahie  zu  zerstreuen.  Man 
befürchtete,  daß  die  kaiserlichen  Rüstungen  doch  noch  weitere 
Zwecke  gegen  England,  Dänemark,  gegen  Jülich  oder  direkt  gegen 
die  Protestanten  hätten  ^),  man  wurde  durch  Nachrichten  aus  Straß- 
burg*) und  durch  Mitteilungen  Wilhelms  von  Nassau®)  in  diesen  Be- 
fürchtungen bestärkt,  und  auch  merkwürdige  Kundschaften,  die 
dem  Kurfürsten  aus  Ungarn  zugingen  ^),  dienten  nicht  zur  Be- 
ruhigung der  Gemüter.  Speziell  Johann  Friedrich  befand  sich 
um  die  Wende  der  Jahre  1539/40  noch  in  einer  so  erregten  und 
mißtrauischen  Stimmung,  daß  er  für  Rüstungen,  ja  wohl  auch  noch 
für  den  „Vorstreich“  zu  haben  gewesen  wäre ; nur  die  Widerstände, 
die  auf  Grund  der  Amstädter  Erfahrungen  bei  den  anderen  Bundes- 
ständen zu  erwarten  waren,  veranlaßten  ihn  zu  einer  gewissen  re- 
signierten Zurückhaltung.  Doch  empfahl  er,  daß  der  Landgraf 
wenigstens  von  Februai-  an  die  Kriegsräte  Zusammenhalte,  damit  stets 
schnelle  Beschlüsse  möglich  seien®). 

Größere  Klarheit  über  die  Lage  konnte  man  durch  die  Gesandt- 
schaft an  den  Kaiser  zu  erlangen  hofieu.  Der  Kurfürst  war  der  Mei- 
nung, daß  man  diesem  gegenüber  sich  zu  Verhandlungen  über  die 
Religion  bereit  erklären  solle,  daß  man  ihn  aber  gleichzeitig  bitten 
solle,  ihnen  vorher  Frieden  zu  verschatfen,  damit  sie  sicher  erscheinen 


1)  Vergl.  etwa  Kf.  an  Hz.  von  Jülich  ca.  Dez.  25,  undatierter  Zettel,  Reg.  C. 
No.  866,  BL  88/89. 

2)  P.  C.  II.  6621. 

3)  Wilh.  von  Naseau  an  Kf.  Dez.  19,  Wiesb.  Arch.,  Dillenb.  Arch.,  S.  1273, 
Konz.  MitteUung,  dafi  der  Kaiser  4—6000  Spanier  und  3000  Italiener  mitbringe. 
Antwort  des  Kf.  vom  29.  Dez.,  ebenda,  Or. 

4)  A.  B.  C.  an  Kf.  [vor  Nov.  20],  Reg.  B.  No.  1632,  Kopie.  Ferd.  sollte  danach 
mit  den  Türken  gegen  König  Johann  in  Verbindung  stehen.  Kf.  an  Ldgf. 
Dez.  14,  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  18,  Reg.  H.  p.  282,  No.  118,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Dez.  22,  Reg.  H.  p.  285,  No.  119. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  22,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149, 1,  Konz.,  Zettel.  Dez.  28, 
Reg.  H.  p.  364,  No.  141,  Konz.,  Dez.  30,  ebenda.  Ich  gebe  beispielsweise  den 
Brief  vom  28.  Dez.,  AktensL  No.  34.  Am  31.  schlägt  Kf.  direkt  vor,  daß  sie  beide 
Knechte  annehmen  sollten,  Reg.  U.  p.  344,  No.  135,  Konz.  AktensL  No.  35. 


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214 


Kapitel  II. 


und  den  Lauf  der  Verhandlungen  abwarten  könnten,  denn  jetzt  habe 
man  ja  nach  Ablauf  des  sechsmonatigen  Anstandes  keinen  Frieden 
mehr  *).  Nach  wie  vor  hatte  Johann  Friedrich  keine  Lust,  seinen  Ge- 
sandten beim  Kaiser  reden  zu  lassen,  obgleich  er  in  Georg  v.  d.  Planitz 
einen  seiner  erprobtesten  Diplomaten  für  die  Sendung  ausersah.  Pla- 
nitz war  am  15.  Januar  schon  in  Kassel  und  verhandelte  von  dort  aus 
mit  dem  Landgrafen  noch  über  vom  Kurfürsten  gewünschte  Aende- 
rungen  der  Instruktion.  Am  20.  Januar  wurde  sie  fertig.  Sie  ent- 
hält in  weiterer  Ausführung  die  vom  Kurfürsten  angedeuteten 
Grundgedanken,  betont  die  große  Bereitwilligkeit  der  Protestanten 
zu  einer  Religionsvergleichung,  hebt  daneben  aber  die  Notwendig- 
keit eines  beständigen  Friedens  hervor.  Ein  solcher  sei  nicht  vor- 
handen, solange  das  Kammergericht  so  wie  bisher  fortfahre,  stets 
bestehe  dann  die  Gefahr,  daß  irgend  eine  Angelegenheit,  wie  im 
vorigen  Jahre  die  Sache  des  braunschweigischen  Sekretärs,  zu 
einer  Empörung  im  Reiche  führe.  Die  Gesandten  sollten  auch  auf 
einzelne  Beschwerden  gegen  das  KammergeriAt  und  gegen  Herzog 
Heinrich  eingehen.  Hielte  man  ihnen  vor,  daß  ihre  Herren  mit  Eng- 
land, Frankreich  und  Dänemark  in  Verbindung  getreten  seien,  so 
sollten  sie  erzählen,  daß  die  Protestanten  ursprünglich  alle  solche 
Anträge  abgewiesen  hätten,  erst  Heids  Auftreten  habe  sie  veranlaßt, 
auswärts  Hilfe  zu  suchen,  doch  sei  auch  dann  in  zeitlichen  Dingen 
nichts  abgeschlossen  worden,  was  sich  gegen  den  Kaiser  richte. 
Mit  dem  Könige  von  Dänemark  als  einem  christlichen  und  geborenen 
Fürsten  von  Holstein  und  Dänemark  habe  man  allerdings  ein 
Defensivbündnis  niemand  zuwider. 

Wenn  irgend  möglich,  sollten  die  Gesandten  mit  dem  Kaiser 
persönlich  verhandeln ; wenn  das  nicht  ginge,  seinen  Kommissaren 
mündlich  berichten,  eine  schriftliche  Supplikation  aber  ihm  selbst 
zu  übergeben  suchen*). 

Unter  den  Aktenstücken,  die  den  Gesandten,  vielleicht  zum 
Teil  nur  zu  ihrer  eigenen  Instruktion,  mitgegeben  wurden,  befindet 
sich  auch  eine  lateinische  Auseinandersetzung  über  die  Kirchen- 
güterfrage und  die  Geneigtheit  der  Protestanten  zum  Religions- 


1)  BeiinBtruktioD  für  die  Bäte  zum  Zcitzer  Tage,  Der.  27,  R^.  A.  No.  261. 

2)  Planitz  an  Ldgf.  1540  Jan.  15,  Neudecker,  Aktenst,  S.  174—177;  an 
Kf.  Jan.  18,  Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  II.  Instruktion  für  die  Ges.  vom  20,  ebenda, 
Or.  VergL  P.  C.  II,  651  Anm.  Sleidan,  II,  8.  155 ff.  Janssen,  III,  8.  468f. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Borge  n.  der  Untemehmungalast  1536 — 41.  215 

gespräch ').  Außerdem  sind  ihnen  noch  einzelne  Ergänzungen 
zu  ihrer  Instruktion  nachgeschickt  worden.  So  eignete  sich  der 
Kurfürst  den  straßburgischen  Vorschlag  vom  14.  Januar  an, 
wonach  die  Gesandten  sehr  ausführlich  auf  die  beiderseitigen 
Rüstungen  des  vorigen  Jahres,  denen  dann  durch  den  Anstand  ein 
Ziel  gesetzt  wurde,  auf  dessen  Uebertretungen  durch  die  Gegner 
und  auf  die  ähnliche  Lage  in  diesem  Jahre  hinweisen  sollten’). 
Ferner  wurde  ihnen  noch  befohlen,  daß  sie  außer  über  das  Ver- 
halten des  Kammergerichts  besonders  über  die  Knechtansamm- 
lungen an  der  Weser  Klage  führen,  auch  die  Berufung  der  Kriegs- 
räte damit  entschuldigen  sollten®). 

Die  Gesandten  waren  inzwischen  am  30.  Januar  nach  Köln 
gelaugt,  erfuhren  dort  vom  Grafen  von  Neuenahr  nicht  Ungünstiges 
über  die  Neigung  des  Kaisers  zu  Verhandlungen  über  einen  bestän- 
digen Frieden  und  über  die  Möglichkeit,  Granvella  und  andere 
Personen  am  Hofe  durch  Geschenke  dafür  zu  gewinnen.  Auch  die 
ersten  Nachrichten,  die  sie  am  12.  Februar  aus  Brüssel  sandten, 
lauteten  günstig,  schon  am  nächsten  Tage  mußten  sie  dann  aller- 
dings von  vertraulichen  Berichten  über  höchst  gefährliche  Pläne 
des  Kaisers  Meldung  tun.  Am  15.  Februar  erteilte  Karl  ihnen 
Audienz,  las  außerdem  eine  französische  Uebersetzung  ihrer  In- 
struktion ganz  durch  und  äußerte  sich  befriedigt  über  sie;  die 
Antwort,  die  er  ihnen  am  13.  März  erteilte,  war  aber  so  außer- 
ordentlich allgemein  und  inhaltsleer,  daß  sie  wenig  mit  ihr  zufrieden 
waren.  Weder  von  Sicherheit  und  Frieden,  noch  von  Abschatfung 
der  Kammergerichtsprozesse  war  darin  die  Rede,  und  in  bezug 
auf  Goslar  und  Braunschweig  erklärte  Karl  nur,  daß  er  die 
Sache  erwägen  und  dann  das  Nötige  verordnen  wolle.  Alle  Ver- 
suche der  Gesandten,  eine  bestimmtere  Antwort  zu  erhalten,  waren 
vergeblich,  nur  in  bezug  auf  Goslar  und  Braunschweig  erklärte 
der  Kaiser  schließlich,  sie  sollten  nichts  Tätliches  gegen  den  Herzog 
unternehmen,  dann  werde  er  dafür  sorgen,  daß  auch  der  Herzog 
nichts  gegen  sie  vornehme,  eine  Antwort,  mit  der  die  Vertreter  der 
beiden  Städte  so  wenig  zufrieden  waren,  daß  sie  sie  gar  nicht  an- 
nehmen wollten.  Den  Gesandten  blieb  nichts  übrig,  als  sich  auf 

1)  R^.  H.  ebenda. 

2)  P.  C.  III,  8.  8/9.  Kf.  an  Planitz  Febr.  2,  Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I, 
Konz. 

3)  Kf.  und  Ldgf.  an  die  Ges.  Febr.  5,  Reg.  H.  p.  200,  No.  120,  I,  Or. 


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216 


Kapitel  II. 


den  Heimweg  zu  machen,  in  Antwerpen  erreichten  sie  dann  aber 
neue  Befehle  der  Verbündeten  und  veranlaßten  sie  zur  Umkehr'). 
Sie  hingen  schon  mit  dem  schmalkaldischen  Tage  zusammen,  und 
wir  werden  später  darauf  zurückkommen.  — 

Wenn  nun  auch  die  Protestanten  es  gewissermaßen  für  ihre 
Pflicht  hielten,  die  Annäherung  des  Kaisers  zu  einer  Verhandlung 
mit  ihm  zu  benutzen  und  auch  auf  die  Anregung  Lunds  wegen  des 
Religionsvergleichs  einzugehen,  allzuviel  versprachen  sie  sich  von 
allen  diesen  Verhandlungen  kaum.  Dagegen  haben  wenigstens 
einige  von  ihnen  sich  zeitweilig  Hofl'nung  gemacht,  daß  mau  durch 
eine  gemeinsame  Aktion  katholischer  und  protestantischer  Fürsten, 
zu  der  die  jülich-trierischen  Vorschläge  den  Anstoß  gegeben 
hatten,  zu  einem  Frieden  gelangen  könne.  Diese  merkwürdigen 
Bestrebungen  haben  im  Laufe  des  Winters  1539/40  immer  größere 
Ausdehnung  gewonnen,  die  gewissermaßen  berufsmäßigen  Ver- 
mittler, wie  der  Kurfürst  von  Brandenburg  und  Georg  von  Karlo- 
witz,  griffen  mit  ein,  schließlich  ist  die  ganze  Sache  aber  doch  im 
Sande  verlaufen. 

Eine  erste  Enttäuschung  erlebte  man  ja  schon  dadurch,  daß 
der  Kurfürst  von  Trier  sich  schon  im  Dezember  1539,  d.  h.  sowie 
er  von  der  bevorstehenden  Ankunft  des  Kaisers  hörte,  aus  der 
Sache  herauszuziehen  suchte.  Er  empfahl  aber,  daß  der  Kurfürst 
von  der  Pfalz  die  Berufung  eines  Kurfürstentages  mit  Zuziehung 
von  Fürsten  in  die  Hand  nehmen  solle*).  Johann  Friedrich  war 
mit  diesem  Gedanken  sehr  einverstanden.  Es  ist  aber  chaiak- 
teristisch  für  seine  Stimmung  in  dieser  Zeit,  daß  er  der  Ver- 
sammlung eine  durchaus  antikaiserliche  Richtung  geben  wollte : sie 
sollte  sich  mit  der  Frage  der  Einführung  fremden  Kriegsvolks  ins 
Reich  und  überhaupt  den  Rüstungen  des  Kaisers  beschäftigen. 
Auch  bei  Bayern  vermutete  er  Geneigtheit  zu  einer  solchen  Politik, 
da  Eck  kürzlich  von  dem  Joch  des  Hauses  Burgund,  gegen  das 

1)  Alles  nach  der  Korrespondenz  des  Kf.  und  Ldgf.  mit  den  Gesandten  in 
Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I.  Einzelnes  auch  in  Reg.  H.  p.  321,  No.  130A.  Briefe 
des  Hessen  Boyneburg  auch  bei  Neudeclccr,  Aktcnst.,  S.  192 ff.  Der  Vor- 
trag der  Protestanten  gedruckt  bei  Dittrich,  Q.  u.  F.  I.  1,  S.  90,  Anm.  1. 
Vergl.  Haberlin,  XII,  S.  190  f.  Die  Antwort  des  Kaisers  in  Reg.  H.  p.  359, 
No.  139.  Nach  Hassebrauk,  S.  35,  verlangte  der  Kaiser  von  der  Stadt  Braun- 
schweig auch  Wiederherstellung  der  Rechte  des  Herzogs. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  1,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Or.  VergL  P.  C.  III.  3. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  217 


man  sich  schützen  müsse,  gesprochen  hatte.  Das  stimmte  ganz  zu 
seiner  eigenen  Anschauung,  daß  die  Freiheit  des  Keichs  in  Gefahr 
sei  und  eine  Monarchie  drohe  *). 

Die  Frage  der  Keligionsvergleichung  wurde  erst  durch 
Georg  von  Karlowitz  auf  das  Programm  des  Kurfürstentages  ge- 
bracht. Er  beabsichtigte,  mit  dem  Kurfürsten  von  Brandenburg 
über  den  Plan  zu  sprechen,  war  auch  schon  mit  dem  von  Mainz 
in  Verbindung  getreten,  der  nun  allerdings  erkläi’te,  daß  die  Ver- 
sammlung nur  mit  Wissen  und  Willen  des  Kaisers  stattfinden 
könne.  Karlowitz  hatte  damals  auch  schon  Artikel  für  die  Re- 
ligiousvergleichung  fertig  ®).  Beim  Kurfürsten  von  Brandenburg  stieß 
er  mit  seinen  Ideen  auf  einen  fruchtbaren  Boden.  Dieser  schickte 
am  2.  Febrnar  Adam  Trott  und  Jakob  Schilling  an  den  Kurfürsten 
von  Mainz,  um  ihn  zur  Veranstaltung  eines  Keligionsgespräches 
aufzufordern.  Ein  solches  sei  wegen  der  bevorstehenden  Ankunft 
des  Kaisers  und  seiner  friedlichen  Gesinnung  aussichtsreich  und 
wegen  der  Türkengefahr  nötig.  Der  ganze  Reichstag  werde  auf 
diesem  Gebiete  schwerlich  etwas  zustande  bringen,  dai'um  müsse 
man  erst  eine  kleinere  Zusammenkunft  veranstalten,  zu  der  jeder 
zwei  Räte  schicke.  Die  verglichenen  .\rtikel  könne  man  dann  an 
den  Kaiser  bringen  und  so  die  Sache  fördern.  Wenn  man  sich 
nur  in  einigen  wenigen  Punkten  vergliche,  so  sei  das  schon  sehr 
nützlich.  .Außer  an  den  Mainzer  sollte  diese  Werbung  an  Trier, 
Köln,  Pfiilz,  Salzburg,  Würzburg,  Bamberg,  Straßburg,  Augsburg, 
Eichstädt,  Bayern,  Erich  von  Braunschweig  und  Jülich  gerichtet 
werden*).  Sie  war  also  für  katholische  und  halbkatholische  Stände 
bestimmt.  Außerdem  trat  dann  aber  sowohl  der  Kurfürst  von 
Brandenburg,  wie  Karlowitz  auch  an  den  Landgrafen  heran ‘),  und 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  4,  Reg.  H.  ebenda. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  8,  Reg.  H.  p.  34-t,  No.  135,  Or.  Albrecht  von  Mainz 
an  Türk  Jan.  5,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Kopie.  I>dgf.  an  Kf.  Jan.  9, 
Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Or.  Die  Religiousartikcl  Karlowitzcne  vom  26.  Dez. 
1539  bei  Neudecker,  ürk.,  S.  636ff.  Am  31.  Dez.  schrieb  er  ähnlich  an  den 
Kf.,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  I,  Hdbf.  Seckendorf,  III,  S.  211  f. 

3)  Reg.  H.  p.  321,  No.  130,  B.  Kopie. 

4)  Kopie  eines  Briefes  des  Georg  v.  Karlowitz  und  Eustachius  von  Schlieben 
an  den  Eurfürsten  von  Brandenburg  vom  11.  Februar  wurde  an  den  Ldgfen. 
geschickt,  kam  aber  durch  ein  Versehen  in  die  Hände  Johann  Friedrichs,  der  sie 
dann  am  20.  dem  Ldgfen.  sandte.  (Reg.  H.  p.  321,  No.  130  B,  Kopie,  und  Reg. 
H.  p.  348,  No.  136,  Konz.)  Karlowitz  schrieb  auch  allein  an  den  Ldgf.  Febr.  12, 


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218 


K&pitel  II. 


bei  seinem  Aufenthalt  in  Kassel  wurde  auch  Johann  Friedrich  in 
die  Sache  mithineingezogen.  Es  kam  damals  zwischen  ihm,  dem 
Landgrafen  und  dem  brandenburgischen  Gesandten  ein  Abschied 
zustande,  durch  den  das  weiter  einzuschlagende  Verfahren  fest- 
gelegt wurde. 

Im  Namen  des  Brandenburgers  sollte  eine  Botschaft  an  den 
Mainzer  geschickt  werden,  ja  auch  persönlich  wollten  die  branden- 
burgischen Räte  zu  ihm  ziehen,  um  ihn  zu  veranlassen,  einen 
Fürstentag  zu  bewirken,  auf  dem  man  über  den  Frieden,  die  Ver- 
gleichung in  der  Religion  und  des  Reichs  Notdurft  handeln  solle. 
Das  Ausschreiben  sollte  im  Namen  von  Mainz,  Pfalz  und  Branden- 
burg oder  von  Mainz  und  Brandenburg  allein  ergehen.  Johann 
Friedrich  hatte  gewünscht,  daß  erst  vom  Frieden  und  dann  von  der 
Religionsvergleichung  gehandelt  würde,  ließ  sich  aber  schließlich 
bestimmen,  davon  Abstand  zu  nehmen  ‘). 

Man  hatte  damals  Grund  zu  hoffen,  daß  Kurfürst  Albrecht 
doch  vielleicht  auf  den  Plan  eingehen  würde.  Gleichzeitig  sollte 
nach  Ansicht  Johann  Fiiedrichs  eine  sächsisch-hessische  Gesandt- 
schaft die  Sache  bei  Pfalz  und  Trier  fördern*).  Bald  stellte  sich 
dann  aber  heraus,  daß  der  Mainzer  an  dem  Gedanken  festhielt, 
daß  die  Zustimmung  des  Kaisers  notwendig  sei,  ja  auch  der 
Brandenburger  äußerte  sich  in  ähnlichem  Sinne,  und  was  Kalenberg 
beim  Trierer  erfuhr,  war  auch  nicht  sehr  verheißungsvoll®).  Johann 
Friedrich  war  jetzt  aber  so  für  diese  Pläne  erwärmt,  daß  er  auf 
die  Kunde  von  einem  geplanten  Tage  der  rheinischen  Kurfürsten 
in  Gelnhausen  <)  sofort  beschloß,  ihn  durch  Jobst  von  Hain  zu  be- 
schicken, um  die  Versammelten,  resp.  Köln,  Trier  und  Pfalz  zu 
veranlassen,  eine  Zusammenkunft  der  vornehmsten  Kurfürsten 
und  Fürsten  des  Reichs  wegen  des  Zwiespalts  in  der  Religion,  des 
Friedens  im  Reich  u.  s.  w.  zu  befürworten.  In  Gelnhausen  hatte 
man  aber  gar  nicht  die  Absicht,  über  diese  Dinge  zu  sprechen,  und 

P.  A.  No.  536,  BL  19/20.  Die  ganze  brandenburgisch-karlowitzische  Aktion  ver- 
diente wohl  noch  nähere  Untersuchung. 

1)  Lenz,  I,  S.  139,  No.  49. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  20,  Eeg.  H.  p.  348,  No.  136,  Konz. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  März  8,  Reg.  H.  p.  348,  No.  136.  Benutzt  bei  Lenz,  I, 
8.  417.  BeUage  dazu  Bericht  Heinrichs  von  Kalenberg  über  seine  Verhandlungen 
mit  Kurtrier.  Ebenda  auch  die  Antwort,  die  die  brandenburgischen  Gesandten 
vom  Mainzer  erhielten.  Ldgf.  an  Kf.  März  4,  Reg.  H.  p.  348,  No.  136,  Or. 

4)  VV’ilh.  von  Jülich  an  Kf.  März  1,  Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I,  Or. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  8ot];e  u.  der  üntemehmungslust  1536—41.  219 

da  Hain  erst  nach  Schluß  der  Beratung  eintraf,  war  er  auch  nicht 
in  der  Lage,  eine  Einwirkung  in  dem  von  seinem  Herrn  gewünschten 
Sinne  herbeizuführen  *).  Man  scheint  nunmehr  den  Plan  auch  von 
protestantischer  Seite  fallen  gelassen  zu  haben,  und  als  man  dann 
die  Sicherheit  erhielt,  daß  vom  Kaiser  im  Ernst  ein  Versuch  einer 
Religionsvergleichung  gemacht  werden  werde,  wurden  jene  fürst- 
lichen Bestrebungen  ganz  überholt.  — 

Schon  Ende  des  Jahres  1539  hatte  man  in  protestantischen 
Kreisen  auf  den  Brief  Lundens  hin  mit  den  Vorbereitungen  zum 
Keligionsgespräch  begonnen.  Johann  Friedrich  griff  die  Anregung 
des  Erzbischofs  sofort  auf  und  schrieb  schon  am  25.  Dezember  an 
Brück,  daß  die  Verbündeten  sich  darüber  einigen  müßten,  was  in 
der  Religionssache  mit  Gott  und  Gewissen  bewilligt  werden  könne. 
Er  empfahl,  daß  die  Bundesstände  zu  diesem  Zwecke  ihre  Theo- 
logen nach  Schmalkalden  mitbrächten  ’).  Am  26.  Dezember  forderte 
er  den  Landgrafen  auf,  demgemäß  an  die  oberländischen  Stände 
zu  schreiben®),  während  er  selbst  am  4.  Januar  1540  eine  ent- 
sprechende Anregung  an  die  sächsischen  Bundesstände  ergehen 
ließ®).  Schon  am  29.  Dezember  machte  der  Kurfürst  von  diesen 
Plänen  und  Schritten  auch  den  Wittenberger  Theologen  Mitteilung 
und  forderte  sie  auf,  zu  überlegen,  wie  man  zu  einer  Vergleichung 
kommen  könne.  Er  stellte  ihnen  anheim,  mit  den  Theologen  der 
anderen  Stände,  die  er  namentlich  auffübrte,  ihre  Bedenken  aus- 
zutauschen oder  eine  Zusammenkunft  mit  ihnen  zu  halten,  was  er 
für  das  Beste  halten  würde.  Jedenfalls  sollten  sie,  und  zwar,  wo 
möglich,  auch  Luther,  zur  Zeit  des  Schmalkaldener  Tages  nach 
Eisenach  kommen®). 

Die  Theologen  sind  offenbar  über  diesen  Auftrag  nicht  besonders 
erfreut  gewesen.  Den  Gedanken  der  Theologenzusammenkunft 
lehnten  sie  am  7.  Januar  ab,  erklärten  einen  Austausch  von  Gut- 
achten für  genügend;  auf  die  Fiage,  worin  man  nachgeben  könne, 
wiesen  sie  jedes  Flickwerk  in  der  Lehre  und  in  den  nötigen  äußer- 


1)  InRtruktion  für  Hain  vom  8.  März,  Reg.  H.  p.  321,  No.  130  B,  Konz. 
Lenz,  I,  S.  417.  Heinrich  von  Kalenberg  an  Ldgf.  März  25,  R^.  H.  p.  394, 
No.  149,  II,  Kopie. 

2)  An  Brück,  Dez.  25,  Reg.  H.  p.  275,  No.  116,  Konz. 

3)  Reg.  H.  p.  243,  No.  106. 

4)  Ebenda. 

5)  C.  R.  III,  86911. 


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220 


Kapitel  II. 


liehen  Sachen,  wie  Privatmesse,  Heiligenanmfung  etc.,  zurück,  nur 
über  die  Mitteldinge  wollten  sie  ihre  Ansicht  noch  mitteilen.  Nach 
Eisenach  zu  kommen,  erklärten  sie  sich  bereit,  Luther  wollte  noch 
selbst  darüber  schreiben').  Das  ausführlichere  Bedenken  wurde 
dann  am  19.  Januar  dem  Kurfürsten  übersandt,  auch  jetzt  schlugen 
weder  der  Begleitbrief  Luthers*)  noch  der  der  anderen  vier  Theo- 
logen®) einen  besonders  friedlichen  Ton  an.  Luther  ließ  auch 
ziemlich  deutlich  merken,  daß  seine  Anwesenheit  in  Schmalkalden 
ihm  unnötig  erscheine.  Auch  die  Versammlung  der  Föderierten 
schien  ihm  unnütz,  schriftliche  Verhandlung  genüge.  In  dem  aus- 
führlichen Gutachten  der  Wittenberger  wurde  auch  wieder  die  obige 
Dreiteilung  vorgenommen,  auch  jetzt  nur  eine  Nachgiebigkeit  in 
den  äußerlichen  Mitteldingen,  wie  Kirchengesang,  Feiertage,  bischöf- 
liche Gewalt  u.  dgl.,  für  möglich  erklärt,  auch  diese  aber  nur, 
wenn  die  übrigen  wichtigeren  Artikel  angenommen  seien  und  die 
Verfolgung  der  Evangelischen  durch  die  Bischöfe  aufhöre.  Sehr 
scharf  äußerten  sich  die  Theologen  gegen  das  Papsttum').  Der 
Kurfürst  erklärte  sich  am  25.  mit  dem  Bedenken,  soweit  er  es 
bis  dahin  hatte  lesen  können,  sehr  einverstanden  und  forderte 
gleichzeitig  die  Theologen  zu  eifrigem  Gebete  auf,  damit  Gott  ihn 
und  seine  Verbündeten  in  diesen  wichtigen  Sachen  leite,  schütze 
und  stärke.  Ferner  befahl  er  ihnen,  zu  der  bestimmten  Zeit  in 
Weimar  zu  sein,  um  mit  nach  Schmalkälden  zu  gehen®).  Luther 
dispensierte  er  davon,  bat  ihn  aber,  wenigstens  nach  Eisenach  zu 
kommen,  damit  er  in  der  Nähe  wäre,  um  Abwege,  wie  die  Bucers 
und  des  hessischen  Kanzlers  vor  einem  Jahre  in  Leipzig,  zu  ver- 
hüten®). Später  hat  sich  Johann  Friedrich  jedoch  auch  damit  ein- 
verstanden erklärt,  daß  Luther  fern  bleibe  und  nur  schriftlich  sein 
Gutachten  überreiche’). 

Ebenso  wie  die  Wittenberger  Theologen  waren  natürlich 
auch  die  der  anderen  Bundesstände  in  dieser  Zeit  mit  den  Vor- 

1)  C.  R.  III,  920  ff. 

2)  Vom  18.  Jan.,  de  W.  V,  2,')8  f.  Erl.  55,  275  f. 

3)  Vom  19.  Jon.,  Reg.  U.  p.  295,  No.  121,  toI.  III,  gegen  Ende,  Or.  Akteost. 
No.  36. 

4)  C.  R.  III,  926—945. 

5)  Kf.  an  Jona«,  Bngenbagen,  Cruciger  und  Melanchthon  Jan.  25,  Reg.  H. 
p.  295,  No.  121,  I,  Konz.  Anfang  in  C.  R.  III,  926.  Aktenst.  No.  37. 

6)  Burkhardt,  Briefwechsel,  S.  342  f. 

7)  Kf.  an  Luther  Febr.  20.  Burkhardt,  a.  a.  O.  S.  347. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  221 

bereitungen  für  das  Religionsgespräch  beschäftigt  ^),  auch  ein  Aus- 
tausch der  Bedenken  fand  statt.  So  konnte  der  Landgraf  das  der 
Wittenberger  schon  am  25.  Januar  an  Bucer  schicken’).  Manche 
mögen  aber  auch  ihre  Gutachten  nur  nach  Schmalkalden  mit- 
gebracht haben.  Dort  wurden  dann  am  8.  März  die  versammelten 
Theologen  beauftragt,  ein  Bedenken  zusammenzutragen,  „uf  was 
maß  nnd  weg  mit  den  gegenteiligen  in  der  religion  Vergleichung 
fnrzenemen  sein  solt“.  Sie  haben  sich  darauf  einfach  alle  auf  das 
Wittenberger  Gutachten  geeinigt  und  dieses  am  11.  März  über- 
geben*). Die  Stände  nahmen  es  unverändert  an. 

Die  Anwesenheit  der  Theologen  in  Schmalkalden  ist  dann 
gleich  zu  allerhand  anderen  Verhandlungen  benutzt  worden.  Einer 
der  Punkte,  die  von  Amstadt  auf  den  neuen  Bundestag  verschoben 
worden  waren,  war  ja  die  Frage  der  Kirchengüter.  Noch  am 
16.  Januai-  nahm  Bmck  an,  daß  niemand  gegen  Bucers  Bedenken 
darüber  etwas  werde  einzuwenden  haben*),  in  Schmalkalden  sind 
aber  doch  von  Melanchthon  neue  Artikel  über  diese  Frage  auf- 
gesetzt worden*).  Sie  wurden  ebenfalls  von  den  anderen  Theo- 
logen acceptiert  und  mit  dem  anderen  Bedenken  übergeben®).  Die 
Bundesversammlung  verhandelte  über  die  Frage  am  13.  März  und 
übergab  sie  dem  Ausschuß  zu  weiterer  Erwägung.  An  dessen  Gut- 
achten vom  15.  wurden  vom  Plenum  und  auch  von  Johann  Fried- 
rich persönlich  noch  einige  Aenderungen  vorgenommen,  dann  wurde 
es  von  allen  Ständen,  außer  Pommern  und  Württemberg,  acceptiert 
und  dem  Abschied  eingefügt  Der  in»  dieser  Weise  zustande 

1)  Ein  heesiachee  Gutachten  vom  4.  Febr.  bei  N eudecker,  Aktenat.,  S.  177 
— 192.  Ueber  Württemberg  vergL  Heyd , III,  b.  219  f.,  ein  herzoglich  aächsiBches 
in  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  I.  Brück  äußert  eich  in  Brief  an  Kf.  vom  23.  Febr. 
darüber. 

2)  Lenz,  I,  S.  131,  No.  44. 

3)  P.  C.  III,  33/34. 

4)  An  Ldgf.  Reg.  C.  No.  292,  BI.  22  f.,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emeetinische 
Linie,  Or. 

5)  C.  R.  IV,  1040  ff.  Bindseil,  S.  142  ff.  ZWTh.  50,  374  ff.  Vergl. 
Heyd,  III,  8.  221. 

6)  Cruciger  an  My conius,  B i n d s e i 1 , S.  147  f. 

7)  P.  C.  III,  35 — 38.  Die  Räte  an  Kf.  März  13.  16,  Reg.  H.  p.  295, 
No.  121,  II,  Or.  Man  strich  die  Bezeichnung  des  Kaisers  als  Verfolgers  der 
christlichen  Kirche,  auch  die  ausdrückliche  Erwähnung  von  Hamburg  und  Minden 
als  solcher  Städte,  die  zur  Unterhaltung  ihrer  Pfarrer  Stiftegüter  an  sich  ge- 
nommen hätten.  Der  Kf.  an  die  Räte  März  17,  ebenda,  Or.  Seine  Aenderung 
betraf  den  Satz  über  die  Ansammlung  eines  Komvorrate.  (Bind seil,  S.  144.) 


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222 


Kapitel  n. 


gekommene  Beschluß  sah  die  Verwendung  der  Kirchengüter  1)  für 
Pfarrer  und  andere  Kirchendiener,  2)  für  Schulen  und  3)  für  Hospi- 
täler, Armenpflege  und  Stipendien  vor.  Ueber  ihre  Verwendung 
zu  staatlichen  Zwecken  äußerte  man  sich  nur  unbestimmt  dahin, 
daß,  wenn  etwas  übrig  bliebe,  die  Obrigkeiten  wissen  würden  damit 
so  umzugehen,  daß  sie  es  gegen  Gott,  alle  Ehrbarkeit  und  jeden 
Unparteiischen  zu  verantworten  wüßten  und  wie  es  die  Schuldigkeit 
christlicher  Obrigkeit  sei.  Der  Abschied  bestimmte  außerdem  noch, 
daß  man  nachforschen  solle,  wie  die  papistischen  Nachbain  der 
einzelnen  es  mit  den  geistlichen  Gütern  hielten,  und  daß  schriftliche 
Berichte  darüber  verfaßt  werden  sollten*). 

Die  Theologen  benutzten  ihre  Anwesenheit,  um  an  die  regel- 
mäßige Abhaltung  von  Synoden  und  Visitationen  zu  erinnern  *)  und 
um  ein  Gutachten  gegen  Schwenckfeld  und  Sebastian  Pranck  einzu- 
reichen*). Wir  Anden  jenen  Wunsch  im  Abschied  berücksichtigt, 
er  wird  den  Ständen  zur  Nachachtung  empfohlen.  Die  Theologen 
baten  ferner  um  Abschaffung  noch  bestehender  unchristlicher  Miß- 
bräuche, der  Messe,  der  Sakramentshäusel,  Altäre,  ärgerlichen  Bilder 
und  Gemälde*).  Auch  zur  Berücksichtigung  dieses  Wunsches 
forderte  der  Abschied  auf.  Zu  weiteren  theologischen  Beratungen 
gaben  endlich  die  Verhandlungen  mit  England  Anlaß.  — 

Dölzig  und  Burchard  waren  am  28.  Dezember  in  Dover  an- 
gekommen. Die  Eindrücke,  die  sie  hatten,  waren  nicht  ungünstig. 
Die  Hauptdifferenz,  die  sich  bei  den  Verhandlungen  zwischen  ihnen 
und  dem  Könige  ergab,  bestand  darin,  daß  dieser  erst  eine  politische 
Verbindung  wünschte  und  dann  Religionsverhandlungen,  während 
für  die  Protestantan  die  religiöse  Uebereinstimmung  Vorbedingung 
des  Bundes  war.  Im  übrigen  waren  die  sechs  Artikel  zwar  noch 
nicht  aufgehoben,  aber  auch  noch  nicht  ausgeführt,  die  beiden  ge- 
fangenen Bischöfe  wurden  gut  behandelt,  Cromwells  Einfluß  war 
groß.  Er  empfahl,  daß  die  Protestanten  vor  April,  wo  wieder  ein 
Parlament  stattflnden  sollte,  eine  „treffliche“  Botschaft,  bei  der  sich 
auch  Melanchthon  befände,  senden  sollten.  Auf  religiösem  Gebiete 
blieb  die  Haltung  des  Königs  in  der  Frage  der  Priesterehe,  der 
Kommunion  sub  utraque  und  der  Privatmesse  nach  wie  vor  der  der 


1)  Abschied  vom  15.  April  1540,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  C.  IV. 

2)  Begleitbrief  zu  dem  großen  Bedenken  vom  10.  März.  Bindseil,  S.  146  f. 

3)  C.  R.  III,  983-986.  Vergl.  Bindseil,  S.  149,  No.  196. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmangfiluat  1536 — 41.  223 

Protestanten  entgegengesetzt.  Heinrich  VIII.  war  der  Meinung, 
daß  sie  hier  zu  weit  gegangen  seien  und  sich  im  Irrtum  befänden ; 
doch  bat  er,  daß  man  ihm  und  den  Seinen  über  diese  Artikel 
schreibe  und  ihm  die  Gründe  der  protestantischen  Auffassung  dar- 
lege. Die  Seinigen  würden  dann  antworten.  Käme  man  so  zu 
einer  Vergleichung,  so  werde  der  König,  so  war  wenigstens  Crom- 
weUs  Auffassung,  gein  eine  namhafte  Summe  Geldes  anlegen,  die 
den  Protestanten  im  Falle  der  Not  dienlich  sein  könne.  Heinrich 
wünschte  aber,  nicht  nur  in  Religions-,  sondern  auch  in  Profan- 
sachen ein  Bündnis  mit  den  Ständen  zu  schließen,  und  war  höchst 
venvundert,  als  er  hörte,  daß  die  Stände  nicht  einmal  selbst  in 
äußerlichen  Sachen  verbunden  seien*). 

Ueber  alles  das  erstatteten  die  Gesandten  am  7.  März  in 
Schmalkalden  Bericht  Die  meisten  Stände  erklärten  sich  darauf 
für  eine  weitere  Gesandtschaft  nach  England,  um  einen  religiösen 
Vergleich  herbeizuführen,  von  dem  Bündnis  dagegen  wollten  sie 
zunächst  nichts  wissen.  Auf  Antrag  von  Sachsen  und  Hessen 
wurden  die  anwesenden  Theologen  beauftragt,  eine  Schrift  zu  ver- 
fassen, in  der  die  Meinung  des  Königs  über  Priesterehe,  Kom- 
munion und  Privatmesse  widerlegt  werde.  Würde  der  König  da- 
durch nicht  überzeugt,  so  könnte  ein  englisch-deutscher  Theologen- 
konvent veranstaltet  werden  in  Hamburg  oder  Bremen,  Jülich, 
Geldern  oder  England.  Die  Theologen  übernahmen  am  8.  März 
die  Abfassung  der  Schrift,  wir  finden  Melanchthon  am  13.  mit  dem 
Artikel  über  die  Priesterehe  beschäftigt,  am  15.  wurde  das  Gut- 
achten schon  den  Ständen  vorgelegt,  doch  sind  die  Theologen  erst 
am  16.  völlig  mit  ihrer  Arbeit  fertig  geworden.  Sie  hatte  sich 
zu  einer  ziemlich  langen  Schrift  ausgewachsen,  in  der  die  4 Artikel 
von  der  Privatmesse,  von  beider  Gestalt,  von  den  Gelübden  und 
von  der  Priesterehe  gründlich  traktiert  wurden.  Am  15.  März  hat 
man  auch  noch  einmal  über  die  Bündnisfrage  verhandelt  und  be- 
schlossen, daß  ein  solches  nur  möglich  sei,  wenn  die  Einheit  im 


1)  Vor  allem  nach  dem  Bericht  der  Geeandten  vom  7.  März.  Reg.  H. 
p.  260,  No.  111,  vol.  II.  P.  C.  III,  8.  32  f.  Dazu  eine  Aufzeichnung  Dölzigs 
für  Burchard  vom  20.  Febr.,  Reg.  H.  ebenda.  Ferner  Dölzig  und  Burchard  an 
Kf.  1539  Dez.  28,  ebenda  vol.  III.  Dölzig  an  Kf.  1540  Jan.  24.  25.  ebenda. 
Rekreditiv  vom  18.  Jan.  ebenda  vol.  I.  8tern,  FDG.,  X,  8.  497  ff.  Ueber  die 
gleichzeitige  Sendung  Baumbachs  durch  den  Landgrafen  vergl.  Merriman,  I, 
8.  264  ff.  277  ff.  Lenz,  I,  8.  409f.  420f. 


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224 


Kapitel  II. 


Glauben  hergestellt  sei.  Eine  Sendung  von  Gelehrten  an  den 
König  hielt  man  vorläufig  nicht  für  nötigt). 

Den  Schmalkaldener  Beschlüssen  entsprach  der  Begleitbrief,  mit 
dem  der  Kurfürst  und  Landgraf  am  14.  April  die  große  Schrift  an 
Heinrich  VIII.  absandten.  Sie  lehnten  ein  Bündnis  in  weltlichen 
Sachen  ab,  weil  der  Bund  der  Protestanten  selbst  sich  nicht  auf 
solche  beziehe.  Sie  beide  allein  könnten  auch  nicht  gut  über  ein 
solches  verhandeln.  Früher  sei  ja  auch  nur  von  einem  Bund  in 
Sachen  des  Glaubens  die  Rede  gewesen,  durch  das  Edikt  des 
Königs  seien  diese  Verhandlungen  gestört  worden.  Sie  seien  aber 
jetzt  bereit,  sie  wieder  aufzunehmen,  da  das  Edikt  nicht  aus- 
geführt worden  sei.  Einstweilen  übersendeten  sie  die  4 Artikel, 
aber  auch  mit  einer  Theologenkonferenz  seien  sie  einverstanden*). 

Man  hat  von  englischer  Seite  auf  diese  Aeußerungen  der 
Protestanten  eine  etwas  kühle  aufschiebende  Antwort  erteilt*), 
auch  während  des  Hagenauer  Tages  die  Verbindung  noch  aufrecht 
zu  erhalten  gesucht*).  Bald  hörten  die  Protestanten  dann  aber 
doch,  daß  die  Ausführung  des  Edikts  beginne®),  und  als  dann  gar 
die  Scheidung  des  Königs  von  Anna  und  die  Hinrichtung  Crom- 
wells  erfolgte,  war  wenigstens  für  Johann  Friedrich  die  Brücke 
nach  England  für  lange  Zeit  abgebrochen®).  — 

Man  könnte  aus  dem  Eifer,  mit  dem  in  Schmalkalden  über 
die  Religionsvergleichung  gehandelt  worden  ist,  schließen,  daß  die 
Hoffnung  auf  das  Zustandekommen  und  den  Erfolg  eines  Religions- 
gesprächs damals  die  Grundstimmung  der  Protestanten  gewesen 

1)  P.  C.  III,  33.  38.  Stern,  a.  a.  O.  S.  502 ff.  Die  Räte  an  KL  März  13. 
und  16,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  II,  Or.  Von  den  4 Artikel  sind  3 zu  finden  in 
C.  R.  XXIII,  667  ff.,  der  de  votis  in  Reg.  H.  p.  99,  No.  42,  vol.  III.  Vergl. 
Seckendorf,  III,  8.  112.  Meine  Wittenberger  Artikel,  8.  2,  Anm.  4. 

2)  Kf.  und  Ldgf.  an  Heinrich  VIII.,  C.  R III,  1005  ff.  Die  Entwürfe  sind 
vom  12.  datiert,  der  König  datiert  den  Brief  in  seiner  Antwort  aber  vom  14. 
Engl.  Uebers.  ba  Strype,  EccL  mem.  VI,  8.  194  ff.,  App.  No.  CXI.  Der  Kf. 
schrieb  gleichzeitig  auch  an  Cranmer  und  an  Cromwcll,  Reg.  H.  p.  165,  No.  78. 

3)  Der  König  an  Kf.  Juni  1,  Reg.  H.  p.  313,  No.  128,  Or.  8eckendorf, 
III,  8.  261.  Cranmer  an  Kf.  Mai  10,  ebenda,  Or.  Seckendorf,  a.  a.  O. 

4)  Kredenz  für  Mont  an  Kf.  und  Ldgf.  Juni  30,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  I, 
«leutsche  Kopie.  Kf.  an  seine  Räte  in  Hagenau  Juli  13,  ebenda  vol.  V,  Or. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  9,  Reg.  H.  p.  352,  No.  137,  Konz.,  Zettel. 

6)  Wilh.  V.  Jülich  an  Kf.  Juli  13,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  III,  Or. 
Dort  auch  weitere  Korrespondenzen  über  die  Sache.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  4,  Reg.  C. 
No.  475,  Konz. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  a.  der  Untemehmungsluat  1536 — 41.  225 

sei.  So  ganz  würde  das  aber  doch  nicht  den  Tatsachen  ent- 
sprechen. Wenigstens  die  Bundeshftupter  waren  voller  Besorgnis 
und  hielten  auch  militärische  Vorkehrungen  noch  für  nötig.  Um 
ihre  Stimmung  zu  verstehen,  müssen  wir  jedoch  zunächst  noch 
einen  Blick  auf  die  jülichschen  Verhältnisse  werfen.  — 

Nach  dem  Braunschweiger  Tage  wäre  es  die  Aufgabe  des 
Herzogs  von  Jülich  gewesen,  seine  Forderungen  etwas  genauer  zu 
spezialisieren,  überhaupt  auf  den  Bescheid,  den  seine  Gesandten 
in  Braunschweig  erhalten  hatten,  zu  antworten.  Johann  Friedrich 
hat  es  nicht  an  Bemühungen  fehlen  lassen,  ihn  dazu  zu  bestimmen, 
immer  wieder  machte  er  ihn  auch  darauf  aufmerksam,  wie  not- 
wendig es  für  ihn  sei,  sich  einen  „Rücken  zu  machen“  *),  aber  er 
stieß  stets  auf  taube  Ohren.  Der  Herzog  glaubte  im  Gefühl  seines 
Rechtes  nicht  daran,  daß  ihm  von  den  Burgundern  irgend  welche 
Gefahren  drohten  *),  ja,  im  August  1538  gewann  eine  ähnliche  An- 
schauung auch  bei  den  Führern  der  Protestanten  Boden,  da  die 
Erklärungen,  die  damals  die  Gesandten  Marias  in  Deutschland  ab- 
gaben,  und  ihre  Aufforderung,  daß  der  Kurfürst  von  Sachsen  und 
andere  deutsche  Fürsten  vermitteln  sollten,  nicht  gerade  für  kriege- 
rische Absichten  sprachen.  Auch  die  Königin  betonte  allerdings  die 
üeberzeugung  der  Habsburger  von  ihrem  Rechte*). 

Der  Gedanke  einer  friedlichen  Beilegung  des  Streites  war  natür- 
lich sehr  nach  dem  Geschmacke  Johann  Friedrichs,  doch  war  er  im 


1)  1538  Mai  2,  Bendung  von  Georg  v.  d.  Planitz  an  den  Hz.,  R<^.  C.  No.  850. 
Kf.  an  Hz.  Johann  Aug.  9,  Reg.  C.  No.  851. 

2)  Antwort  an  Planitz  1538  Mai  17,  Reg.  C.  No.  850. 

3}  Hz.  Johann  an  Kf.  1538  Juli  18.  Kf.  an  Johann  Aug.  9,  Reg.  C.  No.  851. 
KL  an  eeine  Räte  in  Eisenach  Aug.  6,  Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  I,  Or.  Deren 
Antwort  vom  7.  ebenda.  Kredenz  der  Kgin.  Maria  an  KL  für  Erichsen  Juli  23, 
Reg.  C.  No.  851.  Heidrich,  B.  14.  Kredenz  für  Navee  an  den  Ldgf.  von  dems. 
Tage,  Dnller,  Neue  Beiträge,  B.  25.  Instruktion  der  Kgin.  für  ihre  Ges.  Juli  26. 
Lanz,  Staatspapiere,  B.  281  ff.  Die  für  Erichsen  stimmt  gröOtenteils  damit 
überein.  Reg.  C.  No.  851,  Or.  Jedenfalls  gehört  das  Stück  ins  Jahr  1538.  Ldgf. 
an  Kf.  Aug.  17,  ebenda,  Or.  Da  Antwort  auf  Brief  des  Kf.  vom  19.,  wohl  auf 
den  24.  zu  datieren.  Philipp  faßte  die  Bendung  der  Kgin.  nach  diesem  Brief 
mehr  als  ein  Mittel  auf,  die  Protestanten  „auszulemen“.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  19, 
ebenda,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie,  1538,  Or.  Heidrich,  B.  14. 
Werbung  Erichsens  und  Antwort  darauf  vom  19.,  R^.  C.  ebenda.  Instruktion 
des  Kf.  für  Dölzig  und  Planitz  an  Hz.  Johann  und  Wilhelm  Aug.  20,  Reg.  C. 
No.  852,  Bl.  3—8,  Or.  Heidrich,  S.  9.  Brück  an  KL  Aug.  20,  ebenda 
Bl.  32  L,  Hdbf. 

IJeiträsc  zur  neueren  Geschichte  Thhrinzens  I,  a.  15 


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226 


Kapitel  II. 


ganzen  mehi‘  dafür,  daß  die  Kurfürsten  von  Köln  und  von  der  Pfalz 
die  Vermittlung  übernähmen  und  er  nur  dem  Herzog  mit  seinem  Rat 
beistehe.  Seinen  Räten  Dölzig  und  Planitz,  die  er  am  20.  März  an 
den  Herzog  von  Jülich  sandte,  gab  er  auch  schon  eine  Instruktion 
an  Köln  und  Pfalz  mit,  in  der  er  den  Nutzen  hervorhob,  den  die 
Erwerbung  Gelderns  durch  Herzog  Wilhelm  für  das  Reich  habe, 
und  auf  die  Gefährlichkeit  der  Sache  hinwies.  Dem  Herzog  selbst 
ließ  der  Kurfürst  von  neuem  empfehlen,  sich,  auch  wenn  es  zu 
gütlichen  Unterhandlungen  käme,  einen  Rücken  zu  machen,  ja  er 
stellte  ihm  die  Stimmung  und  Hilfsbereitschaft  des  Landgrafen 
ungünstiger  dar,  als  sie  war,  damit  er  sich  nicht  zu  sicher  fühle  *). 
Johann  hielt  aber  trotz  alledem  an  seiner  alten  Sorglosigkeit  fest, 
lehnte  auch  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Kurfürsten  für  jetzt  ab-). 
Als  aber  dann  der  König  von  Frankreich  mit  allerhand  Werbungen 
an  ihn  herantrat,  ihm  auch  eine  Vermählung  seines  Sohnes  Wilhelm 
mit  einer  französischen  Prinzessin  in  Aussicht  stellte,  stach  ihm 
das  doch  in  die  .lugen*).  Der  Kurfürst  dagegen  ist  zunächst  von 
diesem  Plane  nicht  sehr  entzückt  gewesen,  da  er  die  gütlichen 
Verhandlungen  störe,  zum  mindesten  empfahl  er,  die  Heiiats- 
verhandlungen  etwas  in  die  Länge  zu  ziehen ‘). 

Mit  besonderem  Eifer  widmete  er  sich  in  den  nächsten 
Monaten  der  Vermittlung  zwischen  Jülich  und  Lothringen,  in 
Köln  sollte  eine  Tagung  deswegen  stattfinden.  Vor  allem  durch 
Schuld  .Intons  von  Lothringen  ist  daraus  aber  schließlich  nichts 
geworden*),  .luch  mit  der  Haltung  des  Herzogs  von  Jülich  konnte 
allerdings  der  Kurfürst  nicht  sehr  zufrieden  sein.  Er  verweigerte 
noch  immer  eine  persönliche  Zusammenkunft,  hielt  überhaupt  au 
seiner  kurzsichtigen  Zurückhaltungspolitik  fest*).  Wenn  Johann 

1)  Instruktion  für  Dolzig  und  Planitz  an  die  Hzge.  Aug.  20,  an  Köln  und 
Pfalz  Aug.  20,  Heg.  C.  No.  852,  Bl.  3 — 8.  28—31.  Kf.  an  Dolzig  und  Planitz 
Aug.  21,  ebenda  Bl.  34 f.,  Konz.;  Sept.  1,  ebenda  Bl.  4Ö— 49.  Heidrich,  S.  14. 

2)  Dolzig  und  Planitz  an  Kf.  Sept  6,  ebenda  Bl.  76 — 81,  Or.  von  Planitz 
Hand.  Bl.  88 — 89  die  herzogliche  Antwort 

3)  Instruktion  der  Hze.  fUr  Udenheimer  Aug.  23,  ebenda  Bl.  35, '36,  Or. 
Seine  Werbung  Sept  8,  ebenda  Bl.  98 — 104. 

4)  Kf.  an  Dolzig  Sept.  12,  Reg.  C.  No.  853,  Or. 

5)  Vergl.  darüber  Heidrich,  S.  15  ff.;  P.  C.  II,  516.  525  ff.;  Reg.  C. 
No.  849,  Bl.  30,  853.  854  und  \V'.  von  Fürstenberg  an  Kf.  1539  Jan.  6,  Reg.  H. 
p.  272,  No.  115. 

6)  Relation  von  Kreuz  an  Kf.  ükt  23,  Reg.  C.  No.  853,  Or.  Heidrich, 
S.  12.  Below,  I,  S.  247,  3.  Seine  Unzufriedenheit  mit  den  Jülichem  bringt  Kt 


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Band  n.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmaDgelast  1536 — 41.  227 

Friedrich  trotzdem  die  Verbindung  mit  dem  Herzog  so  eifirig 
suchte,  so  werden  wir  das  nur  aus  der  Ueberzeugung  erklären 
können,  daß  ein  Angriff  des  Kaisers  auf  Geldern  und  Jülich  wahr- 
scheinlich nur  Vorspiel  eines  Kampfes  gegen  die  Protestanten  sein 
werde.  Besonders  lebhaft  sind  diese  Befürchtungen  Anfang  15.39 
gewesen^).  Sie  bewirkten  damals,  daß  der  Kurfürst  neue  Versuche 
machte,  den  Herzog  in  ein  engeres  Verhältnis  zum  schmalkaldischen 
Bunde  zu  bringen.  Er  ließ  ihm  durch  Dölzig  empfehlen,  einen  Ver- 
trauten nach  Frankfurt  zu  schicken,  um  mit  den  Schmalkaldenem 
über  seinen  Eintritt  in  den  Bund  zu  beraten  oder  wenigstens  mit 
den  Fürsten  über  ein  Sonderbündnis’).  In  späteren  Aufträgen 
an  Dölzig  betonte  Johann  Friedrich  besonders  noch  die  Notwendig- 
keit, daß  der  Herzog  mit  den  Schmalkaldenem  vor  dem  Beginn 
der  Frankfurter  Friedensverhandlungen  abschließe,  damit  die  Pro- 
testanten ihm  nicht  durch  diese  ganz  „abgestrickt“  würden’).  Diesen 
Wunsch  hat  nun  Herzog  Wilhelm,  der  eben  die  Nachfolge  seines 
Vaters  antrat,  zwar  erfüllt,  seine  Gesandten  hatten  aber  nur  den 
Auftrag,  den  protestantischen  Ständen  die  Rechtmäßigkeit  seiner 
Ansprüche  darzulegen  und  sie  um  ihre  Vermittlung  und  Ver- 
wendung beim  Kaiser  etc.  zu  bitten,  von  einem  Bund  war  nicht 
die  Rede*). 

Johann  Friedrich  hatte  über  einen  solchen  inzwischen  schon 
Verhandlungen  begonnen.  Er  legte  den  Ständen  die  Frage  vor, 
ob  man  den  Herzog  in  den  Bund  aufnehmen  solle,  wenn  er  das 
Evangelinm  in  seinem  Lande  predigen  ließe,  ferner  ob  man,  wenn 
er  das  nicht  täte,  ein  Nebenverständnis  mit  ihm  schließen  solle. 
Die  Gesandten  sollten  sich  darüber  zu  Hause  Bescheid  holen.  Er 
lautete  z.  B.  für  Straßburg  dahin,  daß  beim  Uebertritt  des  Herzogs 


r,  B.  in  Brief  an  Ldgf.  vom  18.  Dez.  zum  Ausdruck,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95, 
Eodz. 

1)  Ldgf.  an  Kf.  1539  Jan.  1,  Keg.  C.  No.  855,  4—6.  Heidrich,  8. 16,  2. 
Kf.  an  Ldgf.  Jan.  12,  Reg.  C.  ebenda  BL  18 — 20.  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  19,  R^.  H. 
p.  272,  Na  115,  Or.  Vergl.  auch  das  Bedenken  des  Kf.  über  die  Gegenwehr  von 
Jan.  12.  Vergl.  S.  174  f. 

2)  Instruktion  für  Dolzig  vom  14.  Jan.,  Reg.  C.  No.  855,  BL  36 — 44. 
Heidrich,  8.  31. 

3)  Kf.  an  Dolzig  Jan.  18,  ebenda  BL  69/70,  Konz. 

4)  Hz.  Wilhelm  an  die  in  Frankfurt  versammelten  IMirsten  und  Stände. 
Kredenz  für  seine  Gesandten,  Reg.  C.  No.  855,  BL  76,  Or.  Schrift,  die  sie  über- 
reichten, ebenda  BL  77—88.  Heidrich,  8.  23. 

15* 


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Kapitel  II. 


die  Aufnahme  unbedenklich  zu  erfolgen  habe,  sonst  nur,  wenn  der 
Bund  überhaupt  auf  weltliche  Sachen  ausgedehnt  werde  ^). 

Die  Verhandlungen  mit  den  jQlichschen  Gesandten  zeigten 
dann  aber,  daß  derartiges  überhaupt  nicht  in  Frage  kam.  Wohl 
gestand  der  Herzog  zu,  daß  es  beschwerlich  sei,  daß  er  in  dieser 
Sache  keinen  Bückhalt  habe,  aber  gegen  den  Eintritt  in  den  Bnnd 
erklärte  er  doch  Bedenken  zu  haben,  1)  weil  er  keine  genauere 
Kenntnis  von  der  Religion  und  dem  Bündnis  der  Protestanten 
habe,  2)  aus  Rücksicht  auf  seine  Nachbarn,  3)  weil  der  Kaiser 
dann  vielleicht  die  Protestanten  als  parteiisch  als  Richter  ablehnen 
werde,  während  andererseits  die  Katholiken  dann  dem  Herzog  ab- 
günstig sein  würden*).  Auch  jetzt  noch  bewegte  er  sich  also  in 
der  Hlnsion,  daß  die  geldrische  Frage  sich  gütlich  werde  beilegen 
lassen.  Nicht  auf  die  Unterstützung  der  Protestanten,  nur  auf  ihre 
Verwendung  beim  Kaiser  kam  es  ihm  an.  Diese  ist  am  10.  April 
erfolgt®).  Ohne  ein  Urteil  über  die  Sache  zu  fällen,  forderten 
sie  darin  den  Kaiser  zur  Milde  auf,  erklärten  sich  auch  zur  Ver- 
mittlung bereit,  wenn  jener  sie  wünsche.  Noch  lieber  aber  wäre 
es  ihnen,  wenn  der  Kaiser  den  Herzog  einfach  mit  Geldern  und 
Zütphen  belehnte,  wobei  sie  auch  darauf  aufmerksam  machten,  daß 
der  Herzog  Geldern  vom  Reich  als  Lehn  empfangen  wolle.  Mit 
diesem  Gedanken  suchte  der  Kurfürst  auch  sonst  zu  wirken.  Er 
empfahl  deswegen  z.  B.  dem  Herzog,  als  er  nach  dem  Frankfurter 
Tage  Johann  v.  Droff  zu  ihm  schickte*),  den  Wormser  Tag  zu  be- 
schicken und  sich  auch  für  Geldern  und  Zütphen  für  den  Tflrken- 
krieg  anschlagen  zu  lassen,  damit  alle  merkten,  daß  er  diese  Ge- 
biete wieder  zum  Reich  bringe®). 

Ein  anderes  Mittel,  durch  das  damals  Johann  Friedrich  für  den 
Herzog  zu  wirken  suchte,  wai-,  daß  er  die  geldrische  Sache  mit  der 
Wahlsache  verband.  Eifrigst  war  er  außerdem  bemüht,  ihn  zur  An- 
nahme des  Protestantismus  zu  bestimmen,  teils  aus  propagandistischen 

1)  P.  C.  U,  549.  653«.  Meinardus,  FDG.  XXII,  a 645. 

2)  Aufzeichnung  der  jülichscben  B&te  für  den  Kf.  März  11,  Reg.  C.  No.  868, 
I,  BL  23/24. 

3)  Deutschee  Konz,  in  Beg.  C.  No.  855,  Bl.  96 — 99,  lateinische  Uebersetzung 
ebenda  BI.  94,95.  Heidrich,  8.  23,  6.  Auch  an  Lund  schrieb  man,  BL  106 — 108. 

4)  Ursprünglich  hatte  er  selbst  den  Herzog  besuchen  wollen,  der  Frankfurter 
Tag  dauerte  dann  aber  zu  lange. 

5)  Kf.  an  Hz.  Wilhelm  April  20  und  21,  Reg.  C.  No.  855,  BL  116  f.  121 
— 124,  Konz. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmmigBlust  1536—41.  229 

Gründen,  teils  aber  anch,  um  die  Unterstützung  Jülichs  durch  die 
Protestanten  zu  erleichtern  ‘).  Auch  jetzt  blieben  diese  Bemühungen 
vergeblich,  auch  auf  Mila  zurückgehende  Warnungen  vor  Umtrieben 
und  Verrätereien  in  Geldern  ignorierte  der  Herzog  zunächst,  mußte 
sich  später  allerdings  davon  überzeugen,  daß  sie  doch  nicht  so 
ganz  unbegründet  gewesen  waren.  Er  hatte  damals  seine  Hoffnung 
auf  direkte  Verhandlungen  mit  Maria  in  Brüssel  gesetzt*). 

Trotz  aller  dieser  Schwierigkeiten  ließ  man  auf  protestantischer 
Seite  nicht  locker.  Johann  Friedrich  wurde  in  seinen  Bestrebungen 
vom  Landgrafen  bestärkt,  der  besonders  eine  persönliche  Zusammen- 
kunft des  Kurfürsten  mit  dem  Herzog  für  empfehlenswert  hielt®). 
Der  Kurfürst  war  bereit  dazu  *),  doch  dauerte  es  noch  Monate,  bis 
der  Plan  zur  Ausführung  kam. 

Im  Sommer  lö39  verhandelte  man  besonders  über  die  englische 
Heirat.  Durch  den  Frankfurter  Anstand  wurde  damals  ja  eine  Er- 
weiterung des  Bundes  verhindert.  Als  er  zu  Ende  ging,  trat  Johann 
Friedrich  aber  sofort  wieder  mit  den  alten  Vorschlägen  an  Herzog 
Wilhelm  heran,  empfahl  ihm  anch  die  Beschickung  des  .4mstädter 
Tages®).  Wilhelm  war  damals  aber  ganz  von  den  irenischen  Be- 
strebungen erfüllt,  die  er  mit  Kurtrier  zusammen  begonnen  hatte, 
auch  für  ein  Bündnis  mit  dem  Kurfürsten  und  England  wäre  er  wohl 
zu  haben  gewesen.  Alle  diese  Bestrebungen  konnten  nun  benutzt 
werden,  um  wenigstens  die  geplante  Zusammenkunft  endlich  zur 
Ausführung  zu  bringen.  Vor  allem  waren  allerdings  die  Gefahr  der 
Lage,  die  Notwendigkeit,  dagegen  Vorkehrungen  zu  treffen,  und  der 
Wunsch,  eine  Verbindung  zwischen  dem  Herzog  und  den  Schmal- 
kaldenern  herbeiznführen,  die  Gründe,  die  Johann  Friedrich  anführte, 
als  er  seinen  Schwager  durch  Dölzig  zu  einer  Zusammenkunft  in 
Paderborn  oder  Soest  vor  oder  nach  Weihnachten  einladen  ließ*). 

Tatsächlich  ging  Wilhelm  diesmal  auf  den  Plan  ein.  In  den 
weiteren  Korrespondenzen  berührt  dann  der  Kurfüi-st  auch  den 

1)  Siehe  8.  238  Anm.  5.  Vielleicht  gehört  in  dieee  Zeit  daa  Gutachten 
Melanchthone  bei  Redlich,  I,  S.  306 ff. 

3)  AUea  nach  den  Korreapondenzcn  in  Reg.  C.  No.  866.  Ueber  die  Brüaaeler 
Verhandlung  vergl.  Heidrich,  S.  24 f. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  16,  Reg.  H.  p.  278,  No.  117,  Or.  Lenz,  1,  S.  84,  2. 
Heidrich,  8.  30,  3. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  29,  Konz.,  ebenda.  Or.  in  P.  A.,  Emeatiner,  1539  Juli. 

5)  Kf.  an  Hz.  Wilhelm  Okt  20,  Reg.  C.  No.  866,  Bl.  58-60,  Konz. 

6)  Instruktion  für  Dölzig  vom  14.  Nov.,  Reg.  H.  p.  260,  No.  111,  vol.  II, 
Or.  Heidrich,  8.  31. 


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230 


Kapitel  II. 


friedlichen  Stillstand  und  das  vorgeschlagene  Bündnis  mit  England 
als  Gegenstände,  über  die  auf  der  vom  Herzog  schließlich  nach  Pader- 
born auf  den  4.  Februar  angesetzten  Zusammenkunft  verhandelt 
werden  sollte.  Außerdem  benutzte  er  die  Gelegenheit  immer  wieder, 
um  den  Schwager  in  protestantischem  Sinne  zu  beeinflussen*). 

Der  Moment  wäre  für  ein  Bündnis  mit  Jülich  insofern  sehr 
günstig  gewesen,  als  der  Landgraf  gerade  außerordentlich  für  diesen 
Gedanken  erwärmt  war  und  für  dringend  notwendig  hielt,  daß  man 
Jülich  und  Geldern  gegen  den  Kaiser  verteidige,  auch  wenn  der 
schmalkaldische  Bund  als  solcher  nicht  dafür  zu  gewinnen  sei.  Er 
entwarf  am  1.  Januar  einen  großen  Rüstungsplan,  an  dem  Däne- 
mark, der  Kurfürst,  Herzog  Ulrich,  Heinrich  von  Sachsen,  Lüne- 
burg, Jülich  und  er  selbst,  vielleicht  auch  Straßburg,  Kurtrier  und 
Münster  beteiligt  sein  sollten,  um  ein  Heer  von  20000  Mann  zu 
Fuß  und  5000  Pferden  aufzustellen  und  sich  so  gegen  alle  etwaigen 
Angriffspläne  des  Kaisers  zu  wappnen  *).  Der  Kurfürst  war  an 
sich  mit  dem  Plane  sehr  einverstanden,  bezweifelte  auf  Grund  seiner 
bisherigen  Erfahrungen  aber,  daß  der  Herzog  von  Jülich  dafür  zu 
haben  sein  werde®).  Fürchtete  doch  Johann  Friedrich  damals  so- 
gar, daß  Herzog  Wilhelm  Geldern  dem  Kaiser  ohne  Schwertstreich 
überlassen  und  ihm  dadurch  die  Möglichkeit  geben  werde,  sein 
Kriegsvolk  direkt  gegen  die  Protestanten  zu  wenden. 

Selbst  dieser  Gedanke  aber  schreckte  Philipp  nicht,  er  dachte 
an  eine  Gewinnung  Englands  für  die  Verteidigung  Geldems  und  an 
eine  Mobilmachung  der  geldrischen  Bevölkerung,  um  den  Kaiser 
5 — 6 Jahre  mit  einem  geldrischen  Krieg  zu  beschäftigen*).  Zu- 
nächst aber  hielt  er  an  seinen  Rüstungsplänen  im  Bunde  mit  Geldern 
fest,  und  auch  die  damaligen  Verhandlungen  über  die  Friedens- 
aktion faßte  er  wohl  vor  allem  als  ein  Mittel  auf,  nach  Beilegung 

1)  Dolzig  au  Kf.  Nov.  29,  Reg.  H.  ebenda,  Hdbf.  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich 
Dez.  14,  Reg.  C.  No.  866,  BL  82—85,  Konz.  Heid  rieh,  S.  33.  Mit  Zettel, 
ebenda  91,  sandte  der  Kurfürst  dem  Herzog  ein  kleines  Buch  zu:  ,wie  christliche 
Obrigkeit  schuldig  sei,  in  ihren  Landen  rechte  christliche  Lehre  aulznrichten  und 
Abgötterei  und  falsche  Lehre  auszurotten“,  Molanchthon  hatte  es  lateinisch  ver- 
faßt, Mag.  Georg  Major  ins  Deutsche  übersetzt  Vergl.  C.  R.  III,  773.  803  und 
824.  Es  handelt  sich  um  die  Schrift  de  officio  principum  . . . 1539.  In  der 
Jenaer  Bibliothek  finde  ich  nur  dne  üebersetzung  von  Veit  Dietrich. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  1540  Jan.  1,  Reg.  H.  p.  344,  Na  135,  Or.;  benutzt  bei  Banke, 
IV,  8.  130. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  4,  ebenda,  Konz. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  3,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Or.  Lenz,  I,  S.  411. 


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Bund  n.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  2.31 

aller  kleineren  Streitigkeiten  den  Widerstand  gegen  den  Kaiser 
und  die  Verteidigung  Jülichs  zu  erleichtern*). 

Der  Kurfürst  ist  auf  diese  und  andere  Anregungen  des  Land- 
grafen nicht  näher  eingegangen.  Er  hielt  für  nötig,  daß  man  sich, 
ehe- man  irgendwelche  weiteren  Pläne  entwarf,  zunächst  einmal  über 
die  Absichten  des  Herzogs  von  Jülich  klar  werde,  und  dazu  sollte 
nun  eben  die  Paderbomer  Znsammenkunft  dienen.  Unterwegs  be- 
suchte er  den  Landgrafen,  und  sie  sprachen  vor  allem  über  die 
jülichsche  Sache.  Eine  Reihe  von  Entwürfen  für  ein  Bündnis  mit 
Jülich  ist  wohl  hier  zustande  gekommen.  Jedenfalls  knüpften  die 
Bundespläne,  die  der  Kuifürst  in  Paderborn  vorbrachte,  vielfach  an 
die  des  Landgrafen  vom  Januar  an.  In  erster  Linie  faßte  man  immer 
noch  den  Uebertritt  des  Herzogs  zum  Protestantismus  und  daran 
anschließend  seinen  Eintritt  in  den  schmalkaldischen  Bund  ins  Auge. 
Dann  erst  kam  der  Gedanke  eines  Neben  Verständnisses  in  Frage, 
wobei  der  Herzog  den  einen  Kontrahenten,  die  Schmalkaldener  oder 
eine  Anzahl  deutscher,  vor  allem  protestantischer  Fürsten  den  anderen 
bilden  sollten.  Diese  sollten  jenem  helfen,  wenn  er  wegen  Gelderns, 
jener  diesen,  wenn  sie  wegen  der  Religion  angegriffen  würden. 
Die  Hilfe  sollte  entweder  in  Truppen  oder  nach  einem  anderen 
Entwurf  dadurch  geleistet  werden,  daß  man  gemeinsam  das  Geld 
für  eine  „Garde“  aufbrächte. 

In  Paderborn  mußte  sich  der  Kurfürst  bald  davon  überzeugen, 
daß  an  einen  Uebertritt  des  Herzogs  zur  neuen  Lehre  nicht  zu 
denken  sei.  Wohl  beteuerte  Wilhelm  eine  gewisse  Neigung  zum 
Evangelium,  aber  aus  Rücksicht  auf  seine  Landstände  und  auf 
seine  .Nachbarn  glaubte  er  doch  einen  so  gefährlichen  Schritt  jetzt 
nicht  tun  zu  können.  Er  machte  dann  seinerseits  einen  Vorschlag 
für  ein  freundliches  Verständnis,  das  nun  aUerdings  sehr  all- 
gemein nach  dem  Muster  der  üblichen  Defensivverträge  gehalten 
war  und  die  Aufrechterhaltung  des  Landfriedens  in  erster  Linie 
ins  .\uge  faßte.  Der  Vertrag  hätte  in  dieser  Form  wohl  zum 
Schutze  Geldems  genügt,  eine  Gegenleistung  des  Herzogs  zugunsten 
der  Protestanten  wäre  aber  höchst  unsicher  gewesen.  Der  Kur- 
fürst veranlaßte  daher,  daß  auch  der  Schutz  derer  mitflxiert  wurde, 
die  sich  in  der  christlichen  Religious-  und  Glaubenssache,  und 
„was  derselbigen  anhängt  oder  davon  herrührt“  ’),  zu  einem  freien, 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  16,  ebenda,  Or.  Lenz,  I,  S.  414,  Anm.  2. 

2)  Zusatz  von  Brücke  Hand. 


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Kapitel  II. 


allgemeinen  und  unparteiischen  Konzil  in  deutscher  Nation  erböten. 
Es  wurde  auf  diese  Weise  einer  der  Hauptgedanken  der  vom 
KurfQrsten  mitgebrachten  Entwürfe  in  den  jülichschen  Plan  auf- 
genommen. Im  übrigen  bestimmte  der  Vertrag,  über  den  man 
sich  einigte,  daß  man  keine  Feindseligkeiten  gegeneinander  aus- 
üben, auch  solche  der  Untertanen  hindern  wolle;  keiner  sollte 
Widersacher  des  anderen  Teils  in  seinem  Gebiete  dulden.  Ti-at 
der  in  dem  eben  erwähnten  Paragraphen  vorgesehene  Fall  der 
Hilfsleistung  ein,  so  sollte  der  Herzog  1000  Reiter  und  2000  Knechte 
stellen,  seine  Verbündeten  ihm  dagegen  2000  Reiter  und  10000 
Knechte,  und  zwar  zunächst  auf  4 Monate,  länger  nach  gegen- 
seitiger Vereinbarung.  Auch  dann  aber  sollten  die  Helfer  die 
Truppen  bezahlen.  Der  Kurfürst  wollte  sich  bemühen,  die  Leistungen 
seiner  Freunde  auf  12000  Knechte  zu  erhöhen. 

Einen  weiteren  Verhandlungsgegenstand  bildete  in  Paderborn 
der  Gedanke  der  Vermittlung  in  der  jülichschen  Sache.  Der 
Kurfürst  schlug  vor,  erst  das  Resultat  der  von  Jülich  und  Trier 
angeregten  Verhandlung  und  der  Fürstenzusammenkunft  abzu- 
warten. Der  Herzog  war  damit  aber  durchaus  nicht  einverstanden, 
versprach  sich  vielmehr  sehr  viel  von  einer  Vermittlung  König 
Ferdinands  und  der  sechs  Kurfürsten.  Johann  Friedrich  erklärte 
sich  schließlich  bereit,  deswegen  an  Hofinann  zu  schreiben,  ja  er 
wollte  sogar  größeres  Entgegenkommen  in  der  Walilsache  in  Aus- 
sicht stellen.  Ferner  wollten  er  und  der  Herzog  an  die  Kurfürsten 
von  Trier,  Köln  und  Pfalz  schreiben  und  sie  bitten,  ihre  Gesandten 
zur  Zusammenkunft  des  Kaisers  mit  Frankreich  und  Lothringen 
nach  Brüssel  zu  schicken,  um  die  Vermittlung  zu  unterstützen. 
Zu  ähnlichen  Schritten  sollte  der  Landgraf  Mainz  und  Branden- 
burg veranlassen. 

Die  Fürstenzusammenkunft  zu  Verhandlungen  über  den  Zwie- 
spalt in  der  Religion  und  über  einen  äußeren  Flieden  hatte  der 
Herzog  deswegen  aber  doch  noch  nicht  aufgegeben.  Er  hatte  eine 
Zusammenkunft  mit  Trier  deswegen  vor,  empfahl  aber  auch  dem 
Kurfürsten,  die  Sache  zu  fördern  und  Mainz  und  Pfalz  zur  Aus- 
schreibung des  Tages  zu  veranlassen.  Von  Schritten  dieses  Fürsten- 
tages  in  der  jülichschen  Sache  versprach  sich  der  Herzog  aller- 
dings nicht  viel,  da  der  Kaiser  das  Schreiben  aus  Frankfurt  so 
übel  aufgenommen  hatte.  Johann  Friedrich  erkläiie  darauf,  daß 
man  trotzdem  schreiben  müsse,  ob  es  dem  Kaiser  nicht  gefiele, 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UotemehmuiigelaBt  1536 — 11.  233 

sei  egal.  Man  verabredete  schließlich,  daß  der  Kurfürst  durch  den 
Landgrafen  Mainz  und  Pfalz  zur  Berufung  des  Tages  veranlassen 
solle.  Weigerten  sie  sich,  so  sollten  alle  Kurfürsten  Zusammen- 
kommen und  sich  über  Zeit  und  Platz  einigen.  Der  Landgraf 
sollte  dann  darüber  mit  Mainz,  Pfalz  und  Brandenburg,  der  Herzog 
mit  Köln  und  Trier  verhandeln.  Bei  Gelegenheit  des  Fürstentages 
wollte  man  auch  einen  Vergleich  zwischen  Pfalzgraf  Friedrich 
und  Dänemark  zustande  zu  bringen  versuchen.  Gesprochen  hat 
mau  ferner  auch  über  den  geplanten  Bund  mit  England,  ohne 
daß  jedoch  etwas  Positives  dabei  herauskam.  Der  Herzog  vertrat 
ferner  wieder  den  Standpunkt,  daß  Jülich  vom  Kaiser  keine  Gefahr 
drohe,  dessen  Rüstungen  vielmehr  gegen  die  Protestanten  gerichtet 
seien,  es  gelang  ihm  aber  nicht,  den  Kurfürsten  von  der  Richtig- 
keit dieser  .Anschauung  zu  überzeugen ‘). 

Das  in  Paderborn  EiTeichte  war  nicht  allzu  bedeutend,  aber 
bei  der  bisherigen  Sprödigkeit  der  Düsseldorfer  Politiker  doch 
immerhin  ein  Erfolg.  Der  Kurfürst  ging  sofort  daran,  das  Verab- 
redete zur  .Ausführung  zu  bringen.  Noch  von  Paderborn  aus  schrieb 
er  an  die  Kurfürsten  von  Köln,  Trier  und  von  der  Pfalz  und  bat 
sie,  König  Ferdinand  zur  Vermittlung  zu  veranlassen  und  gemein- 
sam ihre  Gesandten  an  den  Kaiser  zu  schicken  *).  Dann  besuchte 
er  auf  der  Rückreise  von  neuem  den  Landgrafen  in  Kassel  und 
verabredete  mit  ihm  Näheres  über  das  geplante  Bündnis®).  Die 
Fürsten  und  Grafen  des  schmalkaldischen  Bundes  mit  Einschluß 
Heinrichs  von  Sachsen  und  von  Städten  Straßburg,  Ulm,  Bremen 
und  Hamburg  dachte  man  sich  als  Mitglieder.  Gemeinsam  ver- 
faßten die  beiden  Fürsten  die  Instruktionen  für  die  Gesandten,  die 
sie  an  die  einzelnen  herauzuziehenden  Stände  schickten.  Man  wollte 
eventuell  auch  nur  mit  einzelnen  Fürsten  abschließen,  wenn  die 
anderen  nicht  wollten.  Interessant  ist,  daß  der  Kurfürst  auch  in 
diese  Instruktionen  den  Hinweis  einfügte,  wie  wichtig  es  sei,  daß 
Geldern  beim  Reiche  bleibe*). 


1)  Lenz,  I,  S.  413  f.,  Heidricb,  S.  33ff.,  ergänzt  durch  die  Akten  in 
Reg.  C.  No.  868,  I.  Die  Abrede  vom  10.  Februar  ebenda  Bl.  47—49.  Kf.  an 
Neuenahr  Febr.  9,  ebenda  Bl.  9/10,  Konz. 

2)  Febr.  10,  ebenda  Bl.  67—69,  Konz.  Heidrich,  S.  40. 

3)  Lenz,  I,  S.  415.  Heidrich,  8.  37. 

4)  Instruktion  für  Harstall  und  Alex.  v.  d.  Thann  an  Württemberg,  für 
Kreuz  und  Kendel  an  die  Herzoge  von  Pommern,  Febr.  15,  Reg.  C.  No.  868,  I, 


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234 


Kapitel  II. 


Auch  in  diesem  Falle  zeigte  sich  nun  wieder,  daß  abgesehen 
von  den  Häuptern  des  schmalkaldischen  Bundes  kaum  eins  seiner 
Mitglieder  Sinn  für  die  politischen  Notwendigkeiten  hatte.  Man 
holte  sich  allenthalben  teils  mehr  teils  weniger  entschiedene  Körbe  *). 
Und  auch  die  Vermittlungsaktion  stieß  auf  große  Schwierigkeiten. 
Der  Kurfürst  von  Brandenburg,  den  man  persönlich  sprechen  zu 
können  gehofft  hatte,  kam  nicht  durch  Kassel,  und  König  Ferdinand 
reiste  so,  daß  der  Landgraf  ihn  nicht  unterwegs  aufsuchen  konnte  *). 
Schon  am  18.  Februar  brachte  der  Kurfürst  auch  die  Sendung  an 
Hans  Hofmann  zur  .Ausführung,  und  sein  Gesandter  Asmus  v.  Könne- 
ritz erhielt  eine  wenigstens  leidlich  entgegenkommende  Antwort*). 
.Als  dann  der  Tag  zu  Gelnhausen  stattfand,  dachte  man  daran, 
von  diesem  aus  die  Sendung  nach  Brüssel  erfolgen  zu  lassen,  doch 
ist  daraus  natürlich  auch  nichts  geworden. 

Bei  der  Unzugänglichkeit  der  anderen  Stände  konnte  es  nicht 
viel  nützen,  daß  der  Herzog  von  Jülich  sich  selbst  jetzt  allmählich 
über  die  Gefahr  der  Lage  klarer  wurde  und  auch  an  den  Kurfürsten 
deswegen  schrieb*).  Wohl  hielt  der  Landgraf  noch  an  dem  Ge- 
danken der  Notwendigkeit  der  Unterstützung  Jülichs  fest*),  wohl 
benutzte  man  auch  den  Tag  zu  Schmalkalden,  um  die  einfluß- 
reichsten Bundesstände  für  diesen  Gedanken  zu  gewinnen,  sie 
blieben  dabei,  daß  man  sich  des  Herzogs  nicht  annehmen  könne, 
da  er  nicht  in  der  Einung  sei  und  da  es  sich  um  Profan- 
sachen handle“).  Der  einzige  Schritt,  der  noch  weitere  Folgen 

Bl.  75—79,  Konz.,  mit  kleinen  Korrekturen  des  Kf.  und  des  Ldgfen.  Vergl. 
Lenz,  I,  S.  415. 

1)  Heber  Heinrich  von  Sachsen  Kf.  an  Ldgf.  März  18,  Lenz,  I,  S.  415f., 
Reg.  H.  p.  .848,  No.  136.  Konz.  Antwort  der  Hze.  von  Pommern,  die  den  Bund 
aus  Rücksicht  auf  ihre  Landschaft  abschlugen,  März  19,  Reg.  C.  No.  8b8,  II,  Or. 
Vergl.  Hcling,  XI,  S.  33  f.  Antwort  Hz.  Ulrichs  März  4,  Reg.  C.  No.  868,  I, 
Bl.  Ulf.,  Or. 

2)  Ludw.  V.  d.  Pfalz  an  Kf.  Febr.  98,  Reg.  C.  No.  868,  I,  BL  104  f.  Heid- 
rich,  S.  40 f. 

3)  Instruktion  für  Könneritz  Febr.  18.  Bein  Bericht  aus  Qent  März  9. 
Antwort,  die  er  erhielt.  Brief  Hofmanns  vom  11.  März.  R^.  C.  No.  868,  I u.  II. 
Heidrich,  S.  41. 

4)  Hz.  Wilh.  an  Kf.  Febr.  90,  ebenda  I,  Bl.  96/97.  Heidrich,  S.  38. 
Kf.  an  Hz.  Wilhelm  Febr.  27,  ebenda  Bl.  99—102.  Wilh.  an  Kf.  März  1, 
Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I,  Or. 

5)  An  Kf.  März  4,  Reg.  H.  p.  348,  No.  136,  Or.  Vergl.  Lenz,  1,  b.  412, 3. 

6)  Heidrich,  b.  38  f.  Die  Räte  an  Kf.  März  6/7,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121, 
II,  Or.  Ldgf.  an  Bucer,  März  15,  Lenz,  I,  S.  149 f.,  No.  56. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungalust  1536—41.  235 

hatte,  war  so  schließlich  die  Vermittlung  König  Ferdinands.  Doch 
hat  auch  sie  zu  keinem  Resultat  geführt. 

Für  jetzt  kam  es  vor  allem  darauf  an,  auch  an  den  Korre- 
spondenzen über  Jülich  zu  zeigen,  wie  wenig  sicher  dem  Kur- 
fürsten und  dem  Landgrafen  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres 
1540  die  Lage  erschien.  Der  Kurfürst  legte  deswegen  großen  Wert 
darauf,  daß  die  Kriegsräte  zu  der  Zusammenkunft  zwischen  ihm 
und  dem  Landgrafen  berufen  würden  ‘),  während  Philipp  auch 
sofortige  Rüstungen  für  ratsam  hielt*).  Er  nahm  zwar  am  3.  Januar 
die  Berufung  der  Kriegsräte  auf  den  1.  Februar  nach  Kassel  vor, 
wegen  der  neuen  Prozesse  des  Kammergerichts  in  Religionssachen 
und  wegen  der  Sorglichkeit  der  Läufte  unter  ausdrücklichem  Hinweis 
auf  den  Wunsch  des  Kurfürsten  *),  daneben  empfahl  er  diesem  aber 
immer  wieder,  daß  die  führenden  schmalkaldischen  Stände  schon 
jetzt  Rüstungen  vornehmen  sollten*).  Johann  Friedrich  war  im 
allgemeinen  damit  einverstanden,  auch  zur  Annahme  von  Reitern 
bereit,  hielt  aber  jeden  Schritt  deswegen  bei  den  sächsischen 
Städten  für  aussichtslos“). 

Geheimnisvolle  Mitteilungen,  die  man  über  Württemberg  er- 
hielt, über  Angritfspläne  des  Kaisers  und  Frankreichs  gegen  Eng- 
land, Dänemark  und  Schweden®)  verschärften  die  Befürchtungen 
der  beiden  Fürsten.  Trotzdem  war  Johann  Friedrich  nicht  dafür, 
daß  man  vor  der  Tagung  der  Kriegsräte  wirklich  entschiedene 
Gegenmaßregeln  ergriff.  Er  lehnte  es  z.  B.  wiederholt  ab,  schon 
vorher  Bernhard  v.  Mila  zu  etwaigen  Werbungen  nach  den  Nieder- 
landen zu  schicken  ’).  Dabei  wirkte  offenbar  wieder  stark  die  Ab- 
neigung mit  gegen  alle  größeren  Aktionen  auf  eigene  Verant- 
wortung. Mit  Zustimmung  der  Kriegsräte  wäre  er  eher  für  etwas 
zu  haben  gewesen.  Diesen  wurde  in  Kassel  der  Inhalt  des  Be- 
rufungsschreibens wiederholt  und  dann  mitgeteilt,  was  inzwischen 
von  einzelnen  Ständen  schon  zu  Verteidigungszwecken  getan  sei  *). 

1)  Z.  B.  an  Ldgf.  Jan.  4,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Konz. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  1,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Or. 

3)  P.  A.  No.  528.  P.  C.  III,  8.  4,  No.  3. 

4)  Jan.  3,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Or. 

5)  Jan.  8,  ebenda,  Konz. ; Jan.  15,  ebenda,  Konz.  Vergl.  P.  C.  III,  6 f. 

6)  Instruktion  des  Ldgf.  fOr  Heinrich  Lersner  an  Kf.  Jan.  12.  P.  A.  Sachsen, 
Emestinische  Linie,  1540,  Lenz,  1,  8.  410. 

7)  Jan.  22,  an  Ldgf.,  Reg.  H.  p.  344,  No.  135,  Konz. 

8)  Aufzeichnungen  darüber  in  P.  A.  No.  528. 


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236  Kapitel  II. 

Zu  irgend  welchen  Beschlüssen  scheint  es  aber  nicht  gekommen 
zu  sein. 

Auch  in  Schmalkalden  hatte  man  natürlich  dann  noch  mit  der 
Gefahr  der  Lage  und  der  Frage  der  Rüstungen  zu  tun.  Die  An- 
sicht des  Kurfürsten  ging  z.  B.  am  8.  März  dahin,  daß  sie  auf  die 
Rüstungen  des  Kaisers  sehr  aufpassen  müßten,  damit  ihnen  nicht 
unversehens  „eine  Kappe  geschnitten“  würde ‘).  Daher  hatte  er 
dann  auch  ebenso  wie  in  der  jülichschen  Angelegenheit  wenig 
Grund  mit  der  Haltung  der  Stände  in  Schmalkalden  zufrieden  zu 
sein.  Schon  als  es  sich  um  die  Bewilligung  und  Erlegung  weiterer 
Doppelmonate  handelte,  machten  die  sächsischen  Städte  die  alten 
Schwierigkeiten,  und  Pommern  wollte  das  Geld  in  eigner  Ver- 
wahrung behalten’).  Diese  Fragen  standen  nun  aber  im  engsten 
Zusammenhang  mit  der  in  Arnstadt  unerledigt  gebliebenen  der 
Fortführung  der  Hauptmannschaft.  Der  Kurfürst  hatte  nicht  die 
geringste  Neigung,  diese  Bürde  weiter  zu  behalten,  wenn  nicht  die 
Monate  erhöht  würden  und  wenn  den  Hauptleuten  nicht  durch  eine 
kleine  Anlage  die  Mittel  für  die  Unterhaltung  eines  Leutenants, 
Sekretärs  etc.  bewilligt  würden.  .\.uch  in  diesem  Punkte  aber 
machten  manche  Stände  Schwierigkeiten.  Schließlich,  d.  h.  erst 
nachdem  die  Bundeshäupter  am  29.  März  persönlich  eingetroffen 
waren,  einigte  man  sich  aber  doch  dahin,  daß  diese  die  Hanpt- 
mannschaft  behielten,  vorausgesetzt,  daß  die  Beschlüsse  über  die 
Monate  überall  zur  .Ausführung  kämen  ®).  In  bezug  auf  die  eigent- 
lichen Rüstungen  waren  die  Stände  anfangs  nicht  so  ganz  un- 
zugänglich. Sie  übernahmen  die  Kosten , die  die  bisherigen 
Rüstungen  gemacht  hatten,  willigten  schließlich  auch  darein,  daß 
Sachsen  und  Hessen  weitere  3000  fl.  im  Falle  der  Not  zur  .Annahme 
von  Reitern  venvandten,  und  acceptierten  zur  Deckung  dieser  Summe 
eine  kleine  Anlage  auf  Johanni ‘);  als  dann  aber  günstigere  Belichte 
vom  kaiserlichen  Hofe  eintrafen,  waren  sie  trotz  aller  Bemühungen 
der  Vertreter  des  Kurfürsten  doch  für  eine  längere  Unterhaltung 
der  Knechte  über  den  31.  März  hinaus  nicht  zu  haben*).  Erst 

1)  Reg.  H.  p.  ;i48,  No.  136,  Konz. 

2)  P.  C.  III,  8.  28f.  Kf.  an  seine  Räte  März  6,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121, 
I,  Or.  Heling,  XI,  8.  36.  Dort  auch  über  die  Gründe  der  Haltung  Pommerns. 

3)  Die  Räte  an  Kf.  März  6/7,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  II,  Or. 

4)  P.  C.  III,  34. 

5)  Die  Räte  an  Kf.  März  22,  R^.  H.  ebenda,  Or.  März  24,  ebenda.  Kf. 
an  die  Räte  März  25,  ebenda,  Or. 


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Bund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungslast  1536 — 41.  237 

nach  ihrer  persönlichen  Ankunft  ist  es  den  Fürsten  gelungen,  sich 
von  den  Ständen  die  Erlaubnis  zu  erwirken,  unter  Umständen 
auch  ohne  vorherige  Berufung  der  Kriegsräte  12000  fl.  zur  Be- 
stellung von  Kriegsvolk  zu  verwenden*).  Die  erste  kaiserliche 
Antwort  war  eben  doch  gar  zu  nichtssagend  gewesen. 

Gerade  die  hinhaltende  Politik  des  Kaisers  hat  es  den  in 
Schmalkalden  Versammelten  sehr  erschwert,  bestimmte  Beschlüsse 
zu  fassen.  Von  der  Antwort  Karls  hing  es  ja  doch  ab,  wie  man 
sich  in  der  goslarschen  und  in  der  bremischen  Angelegenheit 
weiter  verhalten  wollte,  ebenso  ob  man  in  der  nächsten  Zeit  den 
Frieden  als  sicher  betrachten  konnte.  Der  Kurfürst  war  geneigt, 
eine  kaiserliche  Antwort,  aus  der  hervorging,  daß  man  keinen 
Frieden  haben  solle,  als  Kriegsfall  zu  betrachten.  Im  Falle  neuer 
Anstandsverhandlungen  wollte  er  nicht  wieder  auf  die  beiden  be- 
schwerlichen Artikel  des  Frankfurter  Anstandes  eingehen,  daß  nie- 
mand in  den  Bund  anfgenommen  werden  dürfe  und  daß  man  keine 
Geistlichen  ihrer  Zinsen  etc.  entsetzen  dürfe’). 

Die  Antwort  des  Kaisers  befriedigte  weder  Johann  Friedrich 
noch  den  Landgrafen®),  der  Ausschuß  der  Stände  war  auch  nicht 
gerade  sehr  damit  zufrieden,  schloß  aber  doch  ans  ihr  auf  fried- 
liche Gesinnung  Karls.  Dessen  weitere  Antwort  zu  erwarten, 
hielt  er  nicht  für  nötig,  man  wollte  lieber  nach  Eintreffen  der 
definitiven  Antwort  des  Kaisers  einen  neuen  Tag  halten*).  Auch 
die  Bundeshäupter  vermochten  die  Stände  nur  noch  ein  paar 
Tage  festznhalten.  Einverstanden  war  man  mit  dem  Vorschlag 
des  Landgrafen,  einen  ständigen  Sollicitator  am  kaiserlichene  Hof 
zu  unterhalten,  einstweilen  wurde  Planitz  als  solcher  dort  ge- 
lassen ®). 

Von  den  sonstigen  Verhandlungen  des  Schmalkaldener  Tages 
ist  noch  hervorzuheben,  daß  auf  Anregung  Bucers  eine  Gesandt- 
schaft an  Kurfürsten  und  Fürsten  erfolgen  sollte  wegen  des  vom 
Kaiser  versprochenen  Konzils  oder  einer  Nationalversammlung  und 
wegen  des  von  Lund  in  Aussicht  gestellten  Religionsgespräches. 


1)  P.  C.  III,  40  und  Änm.  4. 

2)  Kf.  an  die  Räte  März  17,  Reg.  H.  ebenda,  Or. 

3)  Vergl.  etwa  Ldgf.  an  Kf.  März  23,  Reg.  H.  p.  348,  No.  136,  Or. 

4)  P.  C.  lU,  38. 

5)  Ebenda  S.  41. 


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238  Kapitel  II. 

Ein  Beschluß  darüber  ist  aber  offenbar  nicht  zustande  ge- 
kommen *). 

Nicht  unwesentlich  ist  dagegen,  was  in  bezug  auf  die  Ver- 
fassung des  Bundes  beschlossen  wurde.  So  setzte  man  am  23.  März 
fest,  daß  auf  die  Stände,  die  die  Versammlungen  nicht  besuchten  und 
auch  andere  nicht  mit  ilirer  Vertretung  beauftragten,  oder  auch  auf 
die,  die  ihren  Gesandten  keine  genügenden  Vollmachten  erteilten, 
künftig  keine  Rücksicht  genommen  werden  solle.  Sie  sollten  doch 
an  die  gefaßten  Beschlüsse  gebunden  sein*).  Der  Kurfürst  suchte 
auch  die  Festsetzung  einer  Strafe  für  säumige  Zahler  zu  erlangen, 
hat  das  aber  wohl  nicht  durchsetzen  können  *).  Nach  späteren 
.•Veußerungen  ist  er  auch  für  eine  Ausdehnung  des  Bundes  auf 
Profansachen  eingetreten,  hat  damit  aber  selbst  beim  Landgrafen 
keine  Unterstützung  gefunden*). 

Im  ganzen  kann  der  Tag  nicht  gerade  als  besonders  ergebnisreich 
bezeichnet  werden.  Das  Wichtigste  waren  wohl  die  Beschlüsse  in 
den  Verfassungsfragen  des  Bundes  und  die  auf  religiösem  Gebiete. 
Diese  ermöglichten  das  vollständig  einige  Auftreten  der  Protestanten 
bei  den  Religionsverhandlungen  der  nächsten  Zeit.  — 

Solche  Verhandlungen,  um  den  religiösen  Zwiespalt  beizulegen, 
wünschten  ja  auch  die  Protestanten,  und  zwar  dachten  sie  sie  sich 
in  Form  eines  ganz  freien  Religionsgespräches,  wie  man  es  in 
Frankfurt  beschlossen  hatte.  Um  ein  solches  zu  bitten,  war  auch 
eine  der  .Aufgaben  ihrer  Gesandten  am  kaiserlichen  Hofe.  Etwas 
anders  waren  die  Ansichten  des  Kaisers  in  dieser  Hinsicht.  Durch 
den  Erzbischof  von  Lund  hatte  ja  auch  er  Verhandlungen  über 
eine  Religionsvergleichung  in  Aussicht  gestellt.  Näheres  über  seine 
Pläne  erfuhr  man  aber  erst  durch  eine  Sendung  der  beiden  Grafen 
von  Neuenahr  und  von  Manderscheid. 

Der  Gedanke,  eine  Vermittlung  zwischen  dem  Kaiser  und  den 
Schmalkaldenem  oder  speziell  den  Bundeshäuptern  zu  übernehmen, 

1)  Ldgf.  an  aeine  Ues.  März  8,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  I.  Die  Räte  an 
Kf.  März  17,  ebenda  vol.  II.  Kf.  an  die  Räte  März  18,  voL  I.  Im  Abschied 
steht  nichts  von  der  Sache. 

2)  P.  C.  III,  39,  März  23,  und  der  Abschied  vom  15.  April,  Reg.  H.  p.  295, 
No.  121  C.,  fase.  IV. 

3)  Kf.  an  die  Räte  März  15,  ebenda  fase.  I,  Or.  Die  Räte  an  Kf.  März  16, 
fase.  II.  Kf.  an  die  Räte  März  17,  ebenda,  Or. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  20,  Reg.  H.  p.  364,  No.  141,  Konz.  LdgL  an  Kf. 
Nov.  28,  ebenda,  Or. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  153b — 41.  239 

scheint  von  einem  der  Grafen  selbst  ausgegangen  zu  sein,  sie  fanden 
bei  Naves  und  Granvella  Anklang  damit,  und  auch  der  Kaiser  ließ 
sich  günstig  vernehmen.  Zunächst  war  nun  der  Gedanke  der,  daß 
die  beiden  protestantischen  Fürsten  deswegen  an  Granvella  heran- 
treten und  diesen  um  üebernahme  der  Vermittlung  in  der  Re- 
ligionsangelegenheit ersuchen  sollten.  Sowohl  der  Landgraf  wie 
der  Kurfürst  wären  auch  für  ein  Schreiben  an  Granvella  zu  haben 
gewesen,  die  anderen  Bundesstände,  denen  man  die  Sache  in 
Schmalkalden  vorlegte,  sprachen  sich  aber  entschieden  gegen  eine 
solche  Partikularhandlung  aus,  auch  Melanchthon  war  dagegen. 
So  erfolgte  denn  der  erste  Schritt  von  der  anderen  Seite.  Die 
Grafen  wurden  scheinbar  im  geheimen,  in  Wirklichkeit  aber  doch 
mit  Zustimmung  des  Kaisers  an  die  beiden  Bundeshäupter  gesandt, 
um  sie  zu  veranlassen,  bestimmte  Erklärungen  darüber  zu  geben, 
woran  sie  unbedingt  festhalten  müßten.  Dabei  wurde  deutlich  zum 
.■iusdruck  gebracht,  daß  der  Kaiser  den  Eindruck  habe,  als  ob  die 
Protestanten  die  Verhandlungen  bisher  absichtlich  in  die  Länge 
gezogen  hätten  und  ihn  an  der  Nase  herumführten,  ferner  als 
ob  sie  vor  allem  ihren  eigenen  Vorteil  in  der  Frage  der  geistlichen 
Güter  im  Auge  hätten.  Als  ehrlich  gemeint  werden  wir  wohl  den 
Wunsch  des  Kaisers  betrachten  dürfen,  sich  zunächst  einmal  mit 
den  Führern  der  Protestanten  möglichst  weit  zu  einigen,  um  dann 
nur  das  ünverglichene  den  öffentlichen  Verhandlungen  vorzubehalten, 
hatte  er  doch  immer  auch  den  Widerstand  der  Ultras  unter  den 
Katholiken  zu  fürchten. 

Die  beiden  Grafen  haben  zunächst  Dr.  Sichert  von  Löwenberg 
zur  Mitteilung  ihrer  Aufträge  nach  Schmalkalden  vorausgeschickt, 
dann  hat  sich  auch  Graf  Neuenahr  dorthin  begeben,  allein,  da 
Manderscheid  erkrankt  war. 

Es  läßt  sich  denken,  daß  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  über 
die  Vorwürfe,  die  in  dem  Vortrag  der  Grafen  enthalten  waren, 
nicht  sehr  erfreut  waren.  In  ihrer  Antwort  vom  11.  .\pril,  die  sie 
in  üblicher  Loyalität  zugleich  im  Namen  ihrer  Verbündeten  er- 
teilten, setzten  sie  zunächst  ihren  Standpunkt  in  der  Frage  der 
geistlichen  Güter  auseinander  und  betonten,  daß  diese  von  ihnen 
ihrem  wahren  Zwecke  viel  weniger  vorenthalten  würden  als  von 
ihren  Gegnern.  Sie  wiesen  dann  ferner  nach,  daß  ihre  Haltung 
bei  den  bisherigen  Vergleichsverhandlungen  durchaus  nicht  durch 
Un Versöhnlichkeit  und  absichtliches  Hinziehen  beeinflußt  gewesen 


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240 


Kapital  II. 


sei,  daß  sie  durchaus  nicht  nur  zum  Schein  darauf  eingegangen 
seien,  sondern  daß  sie  stets  nur  Entscheidung  auf  Grund  der  ui- 
sprünglichsten  Quellen  der  christlichen  Lehre  verlangt  hätten.  Als 
das,  woran  sie  unbedingt  festhalten  müßten,  bezeichneten  sie  die 
Konfession  und  die  Apologie.  In  den  nicht  notwendigen  Dingen 
erklärten  sie  sich  zu  weiteren  Verhandlungen  bereit  und  empfahlen 
zu  diesem  Zweck  ein  solches  Gespräch,  wie  es  in  Frankfurt  in  Aus- 
sicht gestellt  worden  sei.  Sie  benutzten  die  Gelegenheit,  um  um 
Abstellung  der  Kammergerichtsprozesse  zu  bitten,  deren  Fort- 
führung leicht  zu  gefährlichen  Tumulten  im  Reiche  führen 
könne,  baten  außerdem  Granvella,  dahin  zu  wirken,  daß  der 
Kaiser  ihnen  Frieden  gewähre ‘). 

Schon  unter  dem  Eindruck  der  Werbung  der  Grafen  ist  dann 
die  neue  Instruktion  für  Planitz  verfaßt  worden.  Zunächst  war 
dieser  nur  dazu  bestimmt  gewesen,  auf  die  Umtriebe  der  Gegner 
am  kaiserlichen  Hofe  aufzupassen,  damit  beschäftigen  sich  auch 
seine  Berichte  im  April.  Seine  eigentliche  Instruktion,  die  am 
11.  verfaßt  und  am  18.  abgeschickt  wurde,  zeigt  aber,  daß  der 
aus  der  Umgebung  des  Kaisers  erfolgte  Annäherungsversuch  doch 
nicht  ganz  ohne  Einfluß  auf  die  Stimmung  der  Schmalkaldener 
geblieben  war.  Man  setzte  vor  allem  jetzt  seine  Hoffnung  auf 
Granvella,  an  diesen  und  Scepperus  sollte  Planitz  herantreten 
und  sie  zur  Beförderung  des  Friedens,  christlicher  Reformation 
und  des  Stillstandes  der  Kammergerichtsprozesse  veranlassen. 
Dabei  sollte  er  die  Gefahren,  die  gerade  die  letzteren  auch  wegen 
der  Tfirkengefahr  mit  sich  bringen  könnten,  aber  auch  die  fried- 
liche Grundstimmnng  der  Protestanten  stark  betonen.  Auch  an 
den  Kaiser  selbst  sollte  Planitz  eine  ähnliche  Werbung  richten, 
ferner  zu  Gunsten  Goslars  und  Braunschweigs  gegen  den  Herzog 

1)  Naves  an  Neuenahr  Febr.  28,  Manderscheid  an  den  Landgrafen  März  4. 
Kopien  beider  Briefe  schickte  der  Ldgf.  am  9.  März  an  KL  Dieser  antwortete 
am  11.  Alles  R^.  H.  p.  348,  No.  136,  Or.  des  Briefes  Manderscheids  P.  A. 
No.  538.  Kf.  an  seine  Räte  in  Schmalkalden  März  11,  Or.  Reg.  H.  p.  295, 
No.  121,  I.  Die  Räte  an  Kf.  März  13,  ebenda  vol.  II,  Or.  Kf.  an  die  Räte 
März  14,  vol.  I,  Or.  Naves  an  Neuenahr  März  15,  ebenda,  in  Schmalkalden  von 
dem  Grafen  Obergebene  Kopie.  Ldgf.  an  KL  März  17,  Reg.  H.  p.  348,  Na  136, 
Or.  Planitz  an  Kf.  März  20,  Reg.  U.  p.  200,  No.  120,  1.  Instruktion  der  Gfen. 
für  Dr.  Siebert  an  Kf.  und  Ldgf.  März  31,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  II,  Kopie. 
Antwort  der  Protestanten  April  11,  ebenda  vol.  I,  deutsch  und  lateinisch,  deutsch 
bei  Hortleder,  I,  2,  8.  1124 — 1131,  lateinisch  C.  R.  III,  989 — 1003. 


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Bond  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  o.  der  Untemehmoiigslugt  1536 — 41.  241 

von  Brannschweig  wirken,  auch  die  Straßburger  Beschwerden,  wenn 
sie  ihm  fibersandt  würden,  überreichen,  alle  Verleumdnngen  gegen 
die  Protestanten  ablehnen,  über  alles  möglichst  gute  Kundschaft 
einziehen,  endlich  am  Hofe  bleiben,  bis  er  abberufen  werde  oder 
die  definitive  Antwort  des  Kaisers  habe.  Der  Bescheid,  den  man 
den  Grafen  erteilt  hatte,  wurde  Planitz  auch  mitflbersandt,  über 
Straßbnrg  sollte  er  auch  eine  französische  Uebersetzung  davon  er- 
halten zur  Uebergabe  an  Neuenahr,  der  diese  dann  zusammen  mit 
der  lateinischen  Fassung  dem  Kaiser  überreichen  sollte.  Weitere 
Aufträge -des  Gesandten  betrafen  Jülich,  es  wird  später  noch  auf 
sie  einzngehen  sein‘). 

Im  ganzen  machen  die  Weisungen,  die  Planitz  erhielt,  den  Ein- 
druck, als  habe  sich  damals  der  Protestanten  eine  etwas  hoffnungs- 
vollere Stimmung  bemächtigt  gehabt.  Durch  das  weitere  Verhalten 
Karls  wurde  sie  sehr  bald  wieder  beseitigt.  Er  erregte  schon  dadurch 
.\nstoß  bei  den  Protestanten,  daß  er  den  Speierer  Tag  berief,  ehe 
er  Antwort  auf  die  Werbung  der  beiden  Grafen  hatte,  dann  war 
in  dem  Ansschreiben  in  keiner  Weise  auf  die  Frankfurter  Ver- 
handlungen Bezug  genommen,  ja,  es  waren  wieder  Zweifel  an  der 
friedlichen  Gesinnung  der  Protestanten  ausgesprochen.  Auch  in 
der  Form  entsprach  das  geplante  Religionsgespräch  nicht  ihren 
Wünschen,  da  es  nicht  vor  den  Ständen  des  Reiches,  sondern  vor 
dem  Kaiser  und  etlichen  dazu  verordneten  Personen  stattfinden 
sollte.  Das  Schlimmste  aber  war,  daß  die  „gehorsamen“  Stände 
zu  einer  Vorversammlung  schon  auf  den  23.  Mai  nach  Speier 
geladen  wurden  und  daß  dabei  die  Schuld  an  dem  Scheitern  der 
bisherigen  Vergleichsverhandlungen  direkt  den  Protestanten  zu- 
geschoben wurde’).  Besonders  Johann  Friedrich  ist  über  diese 
Neuerung  empört  gewesen,  die  „eine  beschwerliche  Einführung 
und  Trennung  im  Reich  machen“  werde.  Er  vermutete,  daß  man 
auf  diesem  Tage  darüber  beraten  werde,  was  weiter  geschehen 
solle,  wenn  die  Verhandlungen  mit  den  Protestanten  scheiterten, 
ja,  er  dachte  wohl  gar  daran,  daß  man  den  Nürnberger  Frieden 


1)  Ef.  an  PUnitc  April  4.  6,  Instruktion  vom  II.  April,  Or.,  Brief  vom  18., 
Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I.  Siehe  S.  267  Anm.  4. 

2)  Der  Kaiser  an  Sachsen  und  Hessen  April  18,  Hort  Jeder,  I,  1,  S.  130  f. 
Ein  Bedenken  des  Ef.  über  die  zu  erteilende  Antwort  R^.  H.  p.  304,  No.  125,  V. 
Diese  selbst  Hort  led  er,  S.  132  ff.  Nendecker,Urk.,  S.  378 — 380.  Ef.  an  Planitz 
Mai  19,  Reg.  H.  p.  290,  No.  120,  I.  Vergl.  Moses,  S.  20 ff.  R.  E.  VII,  S.  334. 

Beitrlge  lur  nCQeTca  Gefchichte  TbOrinzeni  I,  2.  IG 


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242 


Kapitel  II. 


durch  diese  Versammlung  aufheben  wolle*).  Die  Lage  schien  ihm 
infolgedessen  so  unsicher,  daß  er  in  Uebereinstimmung  mit  dem 
Landgrafen  sofort  entschlossen  war,  den  Speierer  Tag  nicht  persön- 
lich zu  besuchen,  ja  sogar  schwankte,  ob  er  ihn  auch  nur  be- 
schicken solle  ’).  Die  Korrespondenzen,  die  weiter  mit  dem  Kaiser 
stattfanden,  der  ergebnislose  Verlauf,  den  die  Verhandlung  der 
beiden  Grafen  nahm,  und  bedenkliche  Mitteilungen,  die  Planitz 
sandte,  waren  nicht  geeignet,  die  Stimmung  des  Kurfürsten  zu 
verbessern*),  doch  ließ  er  sich  schließhch  bestimmen,  wenigstens 
Gesandte  auf  den  Gesprächstag  zu  senden*). 

Der  Landgraf  hatte  eine  Zeitlang  daran  gedacht,  auch  den  Tag, 
zu  dem  der  Kaiser  nur  die  katholischen  Stände  eingeladen  hatte, 
uneingeladen  zu  beschicken,  dafür  war  aber  der  Kurfürst  nicht  zu 
haben  *).  Ja  auch  auf  eine  Schickung  an  die  Stände  der  anderen 
Partei,  wie  sie  schon  in  Schmalkalden  erörtert  worden  war,  woUte  er 
ohne  Wissen  der  anderen  Verbündeten  sich  nicht  einlassen®).  Schließ- 
lich hat  er  aber  doch  erlaubt,  daß  den  Gesandten,  die  auf  den  von 
Speyer  nach  Hagenau  verlegten  Tag  geschickt  wurden,  besondere  In- 
struktionen für  Werbungen  an  einzelne  katholische  Fürsten  gegeben 
wurden,  um  diese  von  der  friedlichen  Gesinnung  der  Protestanten 
zu  überzeugen  und  sie  für  ein  Friedenswerk  im  Sinne  des  Frank- 
furter Abschieds  zu  gewinnen  *).  Diese  Verhandlungen  mit  Kurtrier, 

1)  VergL  das  erwähnte  Bedenken  und  Kf.  an  Pfalzgraf  Friedrich  Mai  9, 
Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  I,  Konz. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  1,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  II,  Or.  Vergl.  P.  C.  III,  45. 
Kf.  an  Ldgf.  Mai  9,  Lenz,  I,  B.  17Ü  Anm.  1.  Die  oberländischen  Städte  wünschten, 
daß  die  Fürsten  persönlich  kämen.  P.  C.  III,  48f.  Neudecker,  Urk.,  S.  405 
— 411.  411 — 419.  Beide  Bundeshäupter  waren  aber  entschieden  dagegen.  P.  C. 
III,  52f.  Neudecker,  B.  388. 

3)  Reg.  H.  p.  331,  No.  130  A (Bericht  Planitzens  vom  20.  Mai).  P.  C.  III, 
54f.  Der  Kaiser  an  Kf.  und  Ldgf.  Mai  22,  Reg.  H.  p.  352,  No.  137,  Or.  Secken- 
dorf, III,  8.  258.  Moses,  S.  22.  Ldgf.  an  Ki  Juni  2,  Reg.  H.  ebenda.  Kf. 
an  Ldgf.  Juni  7,  Neudecker,  Urk.,  8.  443ff.;  Juni  9,  Reg.  H.  ebenda.  Kf. 
und  Ldgf.  an  den  Kaiser  Juni  10,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  IV,  Kopie.  P.  C. 
III,  68,  1. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  25,  Nendecker,  Urk.,  8.  424 ff. 

5)  Kf.  an  Brück  Mai  19.  Brück  an  Kt  Mai  19,  Reg.  Gg.  No.  4131-,  I. 
Lenz,  I,  8.  171. 

6)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  4,  Ldgt  an  Kt  Mai  10,  Kt  an  Ldgt  Mai  19,  Reg.  U. 
p.  355,  No.  138.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  12,  Neudecker,  Urk.,  8.  391ft 

7)  Instruktion  für  seine  Gesandten  vom  3.  Juni,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125, 
II,  Or. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  UntemehmnngsluBt  1536 — 41.  243 

Kurköln,  Pfalz  u.  a.  sind  denn  auch  nicht  ohne  Nutzen  gewesen, 
teils  weil  diese  dadurch  besser  über  die  friedliche  Gesinnung  der 
Protestanten  unterrichtet  wurden,  teils  weil  die  Schmalkaldener  nun 
von  ihnen  manches  über  die  Absichten  und  auch  die  Meinungs- 
verschiedenheiten der  katholischen  Partei  erfuhren ‘).  Allerdings 
konnten  sie  vielfach  von  diesen  Mitteilungen  nicht  den  erwünschten 
Gebrauch  machen,  weil  ihnen  alles  nur  unter  dem  Siegel  der  Ver- 
schwiegenheit mitgeteilt  wurde. 

Auf  den  Hagenauer  Tag  hatten  sich  die  Schmalkaldener  zu- 
nächst dadurch  vorznbereiten  gesucht,  daß  sie  die  Theologen  nicht 
nur  ihres  Bundes,  sondern  auch  anderer  Protestanten  zu  einem 
Kolloquium  einberiefen,  um  über  die  weiter  zu  beobachtende 
Haltung  zu  beraten.  Es  gab  dabei  aber  über  die  Malstatt  ein  Miß- 
verständnis, so  daß  die  Niederdeutschen  in  Hersfeld,  die  Ober- 
deutschen in  Darmstadt  zusammenkamen.  Infolge  dieser  Verwirrung 
ist  es  anscheinend  auch  nicht  zu  Beratungen  von  Wichtigkeit  ge- 
kommen*), erst  in  Hagenau  selbst  fand  die  Vereinigung  der  ober- 
deutschen und  der  niederdeutschen  Theologen  statt.  Die  Korrespon- 
denzen über  die  Theologenzusammenknnft  zeigen  geringe  Einigkeit 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen.  Eine  solche  macht 
sich  überhaupt  in  dieser  Zeit  bemerkbar.  Der  Landgraf  klagt 
gelegentlich  darüber,  daß  der  Kurfürst  alle  seine  Vorschläge  ver- 
werfe®), während  andererseits  dieser  mit  Mißtrauen  gegen  Philipp 
erfüllt  war,  weil  er  hörte,  daß  dieser  Sonderverhandlungen  mit  den 
Kaiserlichen  führe ‘).  Auch  für  die  Beschickung  des  Hagenauer 
Tages,  und  zwar  durch  alle  Bundesstände,  trat  der  Landgraf  viel 
entschiedener  ein  als  der  Kurfürst,  der  erst  die  Antwort  des  Kaisers 
abwarten  wollte,  ehe  er  die  anderen  Stände  überhaupt  berief,  ja, 
der  Meinung  war,  daß  er  und  der  Landgraf  die  Verhandlungen  für 

1)  Moses,  8.  35f.  P.  C.  III,  77.  VergL  auch  Dittrich,  QuF.,  I,  1, 
S.  153. 

2)  Die  Einladung  des  Ef.  erging  am  10.  Mai,  Seckendorf,  III,  S.  277, 
Reg.  H.  p.  312,  Ko.  127,  p.  352,  No.  137.  Die  Einladung  des  Ldgf.  vom  13.  Mai, 
P.  C.  III,  50  f.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  13,  Reg.  H.  p.  355,  No.  138,  Or.  Kf.  an 
Ldgf.  Mai  21,  Neudecker,  ürk.,  8.  380 ff.;  Juni  3,  ebenda,  8.  419ff. 

3)  An  Bucer  Mai  16,  Lenz,  I,  8.  171. 

4)  Planitz  an  Kf.  Mai  20,  Reg.  H.  p.  321,  No.  130  A,  Or.  Kf.  an  seine 
Gesandten  für  Hagenau  Juni  4,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  II,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Juni  7,  Nendecker,  ürk.,  S.  443 ff.  Ldgf.  au  Kf.  Juni  11,  Reg.  H.  p.  352, 
No.  137,  Or. 

16* 


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244 


Kapitel  IL 


die  anderen  Stände  führen  könnten  ‘).  Der  Kurfürst  dagegen  ver- 
anlaßte  eine  Berufung  der  Kriegsräte  nach  Hersfeld,  damit  man 
sofort  geeignete  Maßregeln  ergreifen  könne,  wenn  der  Hagenaner 
Tag  eine  ungünstige  Wendung  nehme*).  Ihre  Versammlung 
wurde  jedoch  erst  eröffnet,  als  dieser  Tag  schon  im  Gange  war. 
Sowohl  aus  Darmstadt  wie  aus  Hersfeld  hatten  sich  die  Theologen 
nach  Hagenau  begeben,  ferner  waren  die  oberdeutschen  Bundes- 
stände vertreten,  während  für  eine  Beteiligung  der  sächsischen 
Stände  die  Zeit  nicht  reichte*). 

Die  Politik  des  Kurfürsten  war  den  Hagenaner  Verhandlungen 
gegenüber  zunächst  die  des  Abwartens.  Man  konnte  ans  den 
kaiserlichen  Briefen  ja  nicht  einmal  mit  Sicherheit  entnehmen,  ob 
es  in  Hagenau  überhaupt  zu  einem  wirklichen  Religionsgespräch 
kommen  werde.  Johann  Friedrich  fürchtete  noch,  daß  von  den  Pro- 
testanten einfach  Abstellung  ihrer  Neuerungen  verlangt  werden 
würde,  und  darauf  konnte  man  sich  nach  seiner  Meinung  auf  keinen 
Fall  einlassen,  nur  zu  „gründlicher,  rechtschaffener,  christlicher  Ver- 
gleichung vermittelst  göttlicher  und  apostolischer  Schrift“  war  er 
bereit.  Die  Räte  des  Kurfürsten  erhielten  Vollmacht,  zusammen 
mit  den  Theologen  Cmdger  und  Myconius  ein  solches  Gespräch  zu 
beginnen,  doch  sollten  sie  sich  dabei  davor  hüten,  den  Vertretern 
des  Papstes  irgendwelche  Autorität  zuzugestehen,  und  dafür  sorgen, 
daß  von  beiden  Teilen  gleichviel  Personen  an  dem  Gespräche  teil- 
nähmen. Ferner  sollten  sie  streng  an  der  Konfession  festhalten, 
sich  auch  auf  solche  Artikel  wie  die  Georgs  von  Karlowitz  oder  die 
vor  zwei  Jahren  in  Leipzig  verabredeten  nicht  einlassen*). 

Da  König  Ferdinand  die  Verhandlungen  leiten  sollte,  hatten 
die  sächsischen  Gesandten  Auftrag,  sich  eventuell  nur  unter  Protest 
an  ihnen  zu  beteiligen.  Diese  Schwierigkeit  ist  dann  aber  schon  am 
25.  Juni  durch  eine  Erklärung  Ferdinands  beseitigt  worden,  wonach 
die  Beteiligung  Sachsens  an  den  Verhandlungen  den  Rechten  des 
Kurfürsten  nicht  nachteilig  sein  sollte.  An  diesem  Tage  begannen 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  7.  Ldgf.  an  Kf.  Juni  11.  Siehe  die  vorige  Anmerk. 
Ei.  an  Ldgf.  Juni  11,  Neudecker,  Urk.,  S.  475ff.  Ldgf.  an  Kf.  Juni  15, 
Reg.  H.  p.  352,  No.  137,  Or. 

2)  Vergl.  eben  diese  Briefe,  ferner  P.  ü.  III,  61,  No.  51. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  18,  Neudecker,  Urk.,  S.  488 fl  LdgL  an  Kl. 
Juni  23,  Beg.  H.  p.  355,  No.  138. 

4)  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  IV,  Or.,  zum  Teil  gedruckt  C.  R.  LU,  1046  ff. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmnngslast  1536 — 41.  245 

dann  ja  auch  schon  die  Verhandlungen.  Ferdinand  tadelte  das 
Nichterscheinen  des  Kurfürsten  und  des  Landgrafen.  Die  Ge- 
sandten entschuldigten  ihre  Herren.  Der  König  bat  sie  dann  um 
ihre  Instruktionen;  nachdem  diese  ihm  am  26.  überreicht  waren, 
teilte  er  mit,  daß  Trier  und  Pfalz,  der  Bischof  von  Straßburg  und 
Herzog  Ludwig  von  Bayern  zu  Vermittlern  ernannt  seien ‘).  In- 
zwischen hatten  nun  aber  die  Protestanten  schon  Nachricht  erhalten 
von  dem,  was  Ferdinand  vor  ihrem  Eintreffen  den  katholischen 
Ständen  hatte  vortragen  lassen,  und  waren  dadurch  in  die  höchste 
Erregung  versetzt  worden.  Der  Kurfürst  sprach  sich  sehr  scharf 
darüber  aus.  Er  entnahm  aus  einer  Aeußemng  Ferdinands,  daß 
man  den  Nürnberger  Frieden  nur  der  Türkengefahr  wegen  bewilligt 
habe,  und  schloß  daraus,  daß  alle  Handlungen  mit  den  Protestanten 
ähnlich  gemeint  seien  und  nur  gelten  sollten,  bis  die  Gegner  den 
„Vorteil  sähen“.  Er  bedauerte,  daß  man  nicht  kräftiger  auftreten 
könne,  da  man  jene  Mitteilungen  nur  vertraulich  erhalten  habe*). 
Der  Landgraf  teilte  in  bezug  auf  den  Frieden  ganz  die  Meinung 
des  Kurfürsten  und  wies  darauf  hin,  daß  das  schon  immer  seine 
Auffassung  gewesen  sei,  er  folgerte  daraus  die  Notwendigkeit  von 
Verhandlungen  mit  einzelnen  Ständen  der  anderen  Partei,  z.  B. 
mit  Bayern').  Auch  die  Berichte,  die  die  Gesandten,  vor  allem 
Bnrchard,  ans  Hagenau  dem  Kuifürsten  znsandten,  waren  nicht 
geeignet,  seine  Stimmung  zu  verbessern  <). 

Wenn  man  sich  trotz  dieser  geringen  Aussichten  und  trotz 
der  Kenntnis  der  Absichten  der  Gegner  überhaupt  auf  weitere 
Verhandlungen  und  ein  Gespräch  einließ,  so  geschah  es,  wie 
man  sich  ausdrückte,  um  „den  Glimpf  zu  behalten“,  gerade  aus 
Rücksicht  auf  die  versöhnlich  gesinnten  Katholiken').  Aber  sowie 
man  nur  begann,  ergaben  sich  unüberwindliche  Differenzen.  Fer- 

1)  Kopie  der  Erklärung  Ferdinands  in  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  I.  Moses, 
S.  38  f. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  26,  Kf.  an  Ldgf.  Juli  1,  Beg.  H.  p.  355,  No.  138,  Or. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  3,  Beg.  H.  p.  359,  No.  139.  Er  übersendet  mit  diesem 
Brief  einen  sehr  friedlichen  Brief  Ecks  vom  27.  Mai. 

4)  Vergl.  vor  allem  Burchards  Brief  vom  30.  Juni.  Er  bezeichnete  als 
Hauptzweck  der  Versammlung  die  Gewinnung  neuer  Mitglieder  für  den  Nürn- 
berger Bund.  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  V,  Or.  Seckendorf,  III,  8.  283. 
Neudecker,  Urk.,  S.  522t. 

5)  Kf.  an  seine  Räte  Juli  2,  Beg.  H.  ebenda  vol.  II,  Or.,  zum  TeU  gedruckt 
C.  R.  III,  1052  ff. 


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246 


Kapitel  II. 


dinand  und  auch  so  gemäßigte  Katholiken  wie  der  trierische  Kanzler 
schlugen  vor,  die  Verhandlungen  einfach  anzuknüpfen  au  die,  die 
1530  in  Augsburg  stattgefunden  hatten,  und  das  dort  Erledigte 
nicht  noch  einmal  vorzunehmen.  Nach  protestantischer  Auffassung 
hatte  aber  damals  irgend  eine  Einigung  gar  nicht  stattgefundeu, 
so  daß  sie  es  für  nötig  hielten,  die  Handlung  ganz  neu  zu  be- 
ginnen 1).  Da  es  nicht  möglich  war,  über  diese  Frage  zu  einer 
Einigung  zu  gelangen,  schlugen  die  katholischen  Stände  am  9.  Juli 
vor,  die  ganze  Sache  auf  einen  neuen  Tag  zu  verschieben,  zu  dem 
beide  Parteien  geistliche  und  weltliche  Gelehrte  in  gleicher  Anzahl 
verordnen  sollten  mit  Befehl,  die  Konfession  vorzunehmen  und 
sich  darüber  der  heiligen  Schrift  gemäß  Punkt  für  Punkt  zu  unter- 
reden. Die  Artikel,  über  die  man  sich  dann  einige,  sollte  man  an 
den  Kaiser  gelangen  lassen,  und  dieser  sollte  einen  Reichstag  be- 
rufen, um  endgültige  Beschlüsse  darüber  zu  stände  zu  bringen.  Es 
soUte  ferner  überlegt  werden,  wie  man  die  unverglichen  bleibenden 
Punkte  bis  zu  einem  christlichen  Konzil  regeln  könne.  Der  König 
sollte  inzwischen  mit  den  Protestanten  über  die  Restitution  der 
Kirchengüter  bis  zur  Beilegung  des  Religionsstreites  verhandeln. 
Es  müßte  ihnen  verboten  werden,  weiterhin  mit  der  Tat  jemand 
zu  beschweren.  Im  Fürstenrat  wurde  dem  Vorschlag  noch  zu- 
gefügt, daß  die  Ergebnisse  des  Religionsgespräches  nicht  nur  der 
Genehmigung  des  Kaisers  und  der  Reichsstände,  sondern  auch 
päpstlicher  Ratifikation  unterliegen  sollten  ’). 

Diese  Vorschläge  eignete  sich  der  König  am  12.  Juli  im  wesent- 
lichen an,  doch  fügte  er  den  für  die  Protestanten  verletzenden 
Satz  hinzu,  daß  aus  den  jetzigen  Verhandlungen  nichts  habe  werden 
können,  weil  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  nicht  persönlich  er- 
schienen seien,  ferner  sollten  nach  seiner  Meinung  bei  der  Gleich- 
setzung der  Zahl  der  katholischen  und  protestantischen  Kollokutoren 
die  Abgeordneten  des  Papstes  und  des  Kaisers  nicht  mitgezählt 
werden.  Der  Kurfürst  und  Brück,  die  das  Stück  mit  Randbemer- 
kungen versehen  haben,  sahen  begreiflicherweise  darin  eine  Gefahr 
der  „Uebermehrung“.  Daß  es  den  Protestanten  verboten  werden 

1)  Moses,  S.  39ff.  Brief  des  Kf.  vom  2.  Juli  und  vom  5.  Juli,  Reg.  H. 
ebenda,  Or.  Die  Räte  an  Kf.  Juli  8,  Reg.  H.  ebenda  vol.  III,  Or.,  und  V,  Or. 
Vergl.  auch  C.  R III,  1054,  No.  19?a 

2)  Kopie  in  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  V,  von  den  sächsischen  Gesandten 
am  11.  dem  Kf.  übersandt. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Dntemehmungelngt  1536 — 41.  247 

sollte.  Stände,  die  jetzt  der  alten  Religion  verwandt  wären,  an  sich 
zu  ziehen  und  solche,  die  freiwillig  überträten,  zu  schützen,  war 
natürlich  auch  nicht  nach  ihrem  Geschmack  *). 

In  etwas  ermäßigter  Form  kehrten  dann  die  Vorschläge  vom 
9.  und  12.  in  dem  Antrag  Ferdinands  vom  16.  Juli  wieder’).  Es 
war  nicht  daran  zu  denken,  daß  er  die  Billigung  der  Protestanten 
finden  werde.  Johann  Friedrich  persönlich  hat  sich  allerdings 
darauf  beschränkt,  ihn  für  nnanehmbar  zu  erklären,  und  die  Ab- 
lehnung im  einzelnen  seinen  in  Eisenach  versammelten  Räten 
überlassen,  die  nach  Beratung  mit  den  Hessen  antworten  sollten  ’). 
Doch  können  wir  aus  anderen  Briefen  seine  persönlichen  Ansichten 
entnehmen’}.  Er  verwarf  es  zunächst  unbedingt,  daß  der  Papst 
im  Abschied  genannt  werden  sollte,  da  die  Protestanten  ihm 
keine  Autorität  zugestehen  könnten.  Er  hatte  ferner  keine  Lust, 
sich  die  Erweiterung  des  Bündnisses  verbieten  zu  lassen,  und  auch 
mit  der  Restitution  der  geistlichen  Güter  stimmte  er  nicht  überein. 
Er  hatte  nichts  dagegen,  daß  man  einem  Bedenken  der  Witten- 
berger®) entsprechend  von  der  Gegenpartei  verlange,  daß  sie  erst 
einmal  restituierten,  was  sie  aus  den  Kirchen  geraubt  hätten. 

Bei  der  Antwort,  die  tatsächlich  am  21.  Juli  in  Hagenau  von 
den  Protestanten  erteilt  wurde,  konnte  man  die  Weisungen  des 
Kurfürsten  nur  zum  Teil  benutzen,  doch  fiel  sie  wohl  ganz  in 
seinem  Sinne  aus,  wenn  zunächst  der  Vorwurf  zurückgewiesen 
wurde,  als  sei  die  Abwesenheit  des  Kurfürsten  und  Landgrafen 
daran  schuld,  daß  man  nichts  zustande  gebracht  habe,  wenn  ferner 
eine  Verhandlung  auf  der  Augsburger  Grundlage  verweigert  wurde, 
wenn  verlangt  wurde,  daß  die  Restitution  der  Kirchengüter  bis 
nach  der  Religionsvergleichung  aufgeschoben  würde,  wenn  das 
Kammergericht  von  neuem  abgelehnt  und  ein  beständiger  Friede 
für  alle  Anhänger  der  Augsbui-gischen  Konfession  gefordert  wurde. 
Die  Frage  der  Zuziehung  des  Papstes  überließ  man  dem  Kaiser, 
ohne  daß  man  aber  dadurch  den  päpstlichen  Primat  anerkennen 

1)  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  V. 

2)  Ebenda.  Vergl.  Moses,  S.  40i. 

3}  Kf.  an  die  Räte  in  Eisenach  Juli  20,  Or.  Die  Räte  in  Eisenach  an  die 
in  Hagenau,  Konz,  und  Kopie  Reg.  H.  p.  301,  No.  123,  Or.  Reg.  H.  p.  304, 
No.  125,  III. 

4)  Besonders  aus  dem  vom  18.  an  die  Räte,  Reg.  H.  ebenda  vol.  IV,  Or. 

5)  Ebenda  als  Beilage  zu  dem  Briefe,  mit  Randbemerkungen  des  Kf.  Akten- 
stück No.  38. 


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248 


SApitel  IL 


wollte  Ferdinand  hat  diese  Antwort  zwai-  sehr  ungnädig  ange- 
nommen, kam  aber  doch  etwas  entgegen,  indem  er  sich  auf  Grund 
einer  Vollmacht  des  B^aisers  bereit  erklärte,  die  Kammergerichts- 
prozesse zu  suspendieren,  wenn  die  Protestanten  in  die  Sequestra- 
tion der  Kirchengüter  willigten.  Auch  diesen  Gedanken  aber 
lehnten  diese  entschieden  ab*).  Das  entsprach  auch  durchaus  den 
Wünschen  des  Kurfürsten*),  während  der  Landgraf  zu  etwas 
größerem  Entgegenkommen  geneigt  war,  indem  er  Torschlug,  daß 
der  Teil  der  Kirchengüter,  der  nicht  zur  Erhaltung  von  Kirchen, 
Schulen  etc.  gebraucht  werde,  sequestriert  werden  solle*). 

Durch  ihren  Widerstand  haben  die  Protestanten  erreicht,  daß 
in  dem  Hagenauer  Abschied  den  für  sie  anstößigen  Stellen  der  Er- 
klärung Ferdinands  ihre  Erwiderung  an  die  Seite  gestellt  wurde 
und  daß  in  die  schließlich  gültigen  Beschlüsse  nur  das,  womit  sie 
übereinstimmten,  Aufnahme  fand.  Diese  beschränkten  sich  auf  die 
Ansetzung  des  neuen  Tages  auf  den  28.  Oktober  nach  Worms  und 
auf  die  Auswahl  der  Unterhändler  und  der  11  katholischen  Stimmen, 
denen  die  Protestanten  gleich  viele  von  ihrer  Seite  beifügen  sollten. 
Dem  Kaiser  wurde  überlassen,  ob  er  den  Tag  selbst  beschicken 
und  ob  er  den  Papst  zuziehen  wolle.  Karl  sollte  auch  um  An- 
setzung eines  Reichstages  gebeten  werden,  inzwischen  sollten  der 
Augsburger  Abschied  und  der  Nürnberger  Friede  in  Kraft  bleiben. 
Ueber  die  Frage,  wie  weit  die  Protestanten  vom  Kammergericht 
exempt  seien,  sprach  der  König  sich  nicht  aus,  da  dieser  Punkt 
der  Erläuterung  des  Kaisers  bedürfe*).  Die  Verbündeten  vermißten 
in  diesem  Abschied  eine  Antwort  auf  die  Werbung,  die  sie  durch 
Planitz  etc.  an  den  Kaiser  gerichtet  hatten.  Karl  hatte  sie  ja 
deswegen  nach  Hagenau  und  an  den  König  verwiesen.  Ferdinand 
erklärte  auf  ihre  Anfrage  deswegen,  daß  er  allerdings  Befehl  vom 
Kaiser  habe,  ihnen  dessen  Gemüt  zu  eröffnen,  aber  nur  wenn  vor- 
her die  Restitution  oder  Sequestration  der  geistlichen  Güter  erfolgt 


1)  Moses,  B.  41  f.  Beg.  H.  a.  a.  O.  fase.  1 nod  IV. 

2)  Moses,  B.  42.  R%.  H.  ebenda. 

3)  VergL  etwa  Kf.  an  Ldgf.  Juli  29,  Neudecker,  Urk.,  8.  564 ff..  Reg.  H. 
p.  359,  No.  139,  und  Kf.  an  s.  Räte  JuU  29,  Beg.  H.  p.  304,  No.  125,  I. 

4)  Vergl.  schon  die  Instruktion  des  Ldgf.  vom  15.  Juli,  Neudecker, 
ürk.,  S.  543  ff.,  vom  Kf.  in  Brief  vom  18.  glossiert.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  28, 
Reg.  H.  p.  359,  No.  139,  Or.  Vergl.  Lena,  I,  8.  198 ff. 

5)  Der  Abschied  vom  28.  Juli  bei  Ranke,  VI,  S.  160 ff. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  ou  der  UntemebmnngeluBt  1536 — 41.  249 

wäre.  Dann  wfirden  auch  die  Prozesse  abgestellt  werden.  Da  sich 
die  Protestanten  auch  jetzt  auf  die  Restitution  oder  Sequestration 
nicht  einließen,  blieb  es  beim  Abschied*). 

Wirkliche  Sicherheit  verschaffte  dieser  also  den  Protestanten 
nicht,  immerhin  war  anzunehmen,  daß  die  Gegner  vor  dem  Wormser 
Gespräch  nichts  Feindliches  unternehmen  würden,  daß  also  für  dieses 
Jahr  der  Friede  gesichert  sei;  daher  konnten  die  in  Hersfeld  seit 
Ende  Juni  versammelten  Kriegsräte  jetzt  entlassen  werden*).  Ihr 
Zusammensein  war  außerdem  zu  Beratungen  über  eine  etwaige 
Unterstützung  Bremens  und  zur  Eiuziehung  von  Erkundigungen 
über  die  Wirklichkeit  der  Türkengefahr  benutzt  worden.  Im  Zu- 
sammenhang mit  dieser  dachte  man  auch  an  eine  Sendung  an  König 
Johann  von  Ungarn*). 

Für  den  Kurfürsten  erweiterte  sich  dieser  Gedanke  zu  dem 
Plan  einer  Gesandtschaft  auch  an  die  Könige  von  Frankreich  und 
Polen  und  einer  politischen  Verbindung  mit  ihnen.  Die  Instruk- 
tionen, die  er  dabei  seinen  Gesandten  erteilen  wollte,  gewähren 
uns  einen  Einblick  in  seine  Stimmung  gegen  Ende  der  Hagenauer 
Verhandlungen,  gleichzeitig  haben  wir  aber  bei  der  Aufnahme  dieses 
Planes  durch  den  Landgrafen  Gelegenheit,  die  erste  verhängnis- 
volle Einwirkung  der  Doppelehenangelegenheit  auf  die  protestan- 
tische Politik  zu  beobachten.  — 

Wir  dürfen  die  Stimmung  des  Kurfürsten  nach  dem  Hagenauer 
Tage  wohl  etwa  so  charakterisieren,  daß  er  nicht  an  eine  unmittel- 
bare Kriegsgefahr  glaubte*),  aber  für  die  Zukunft  die  ernstesten 
Befürchtungen  hegte.  Günstig  wirkte  eben  der  Hagenauer  Abschied, 
der  einen  Aufschub  bedeutete,  auch  was  Planitz  nach  seiner  Heim- 
kehr im  Juli  berichtete,  wai-  wenigstens  nicht  jeder  Hoffnung  bar 
und  ließ  noch  die  Möglichkeit  offen,  daß  der  Kaiser  nur  nicht  richtig 
über  die  Protestanten  unterrichtet  sei*).  Ungünstig  aber  lauteten 

1)  Diese  letzten  Verhandlungen  in  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  UI. 

2)  Vergl.  über  diese  Versammlung,  die  zuletzt  nach  Eisenach  verlegt  wurde, 
P.  C.  III,  85  f..  Reg.  H.  p.  301,  No.  123. 

3)  Der  Gedanke  findet  sich  schon  in  dem  Brief  des  Kf.  an  die  Kriegsräte 
vom  5.  Juli,  ebenda,  Or. 

4)  Vergl.  etwa  Brief  an  Mila  vom  2.  Aug.,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  III, 
Konz. 

5)  Vergl.  P.  C.  III,  69  f.  Hasenclever,  Naves,  8.2941.  Kf.  an  Dölzig 
und  Borchard  Juli  5,  Reg.  H.  a.  a.  0.  II,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  5,  Reg.  H. 
p.  359,  No.  139.  Eine  Aufzeichnung  über  Planitz’  Mitteilungen  ii^  in  Kopie 


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250 


Kapitel  II. 


mancherlei  andere  Nachrichten.  Von  ihnen  wirkte  keine  so  auf- 
regend wie  die,  daß  König  Ferdinand  in  Verhandlungen  mit  den 
Türken  stehe  und  die  Absicht  habe,  diesen  den  Durchzug  duich 
sein  Gebiet  gegen  die  Protestanten  zu  erlauben,  daß  er  ferner  auch 
Polen  gegen  diese  zu  gewinnen  suche.  Der  GroßmarschaU  von 
Polen,  Peter  Kmita,  Graf  von  Wisnicze,  mit  dem  Johann  Friedrich 
auch  sonst  in  Verbindung  stand,  sandte  diesem  diese  Nachrichten 
zu,  schickte  auch  Johann  von  Gersdorf  deswegen  mit  mündlichen 
Werbungen  an  ihn ').  Eben  unter  dem  Eindruck  dieser  Nach- 
richten erweiterte  sich  bei  dem  Kurfürsten  der  Gedanke  der 
Gesandtschaft  nach  Ungarn,  die  nur  dazu  hatte  dienen  sollen, 
genaue  Erkundigungen  über  die  Türkengefahr  einzuziehen,  zu 
dem  Plane  eines  Bundes  mit  Ungarn,  Polen,  Dänemark,  Branden- 
burg, dem  Herzog  von  Preußen,  vielleicht  auch  den  Herzogen 
von  Bayern.  In  Polen  sollte  eine  Zusammenkunft  zu  weiteren 
Verabredungen  stattfinden*).  Wichtig  war  vor  aUem,  daß  der 
Kurfürst  bereit  war,  auch  Frankreich  in  diese  Verbindung  hinein- 
zuziehen. 

Nach  der  Enttäuschung,  die  man  1538  erlebt  hatte,  hatten  die 
Verhandlungen  mit  Frankreich  zwar  nicht  ganz  geruht,  aber  es  war 
doch  ein  gewisses  Mißtrauen  bei  den  Protestanten  übrig  geblieben  *), 
das  durch  Verfolgungen  der  Evangelischen,  die  in  Frankreich  statt- 
fanden, gesteigert  wurdet).  Die  Beziehungen  wurden  zwar  duich 
Wilhelm  von  Fürstenberg  aufrecht  erhalten®),  auch  direkte  Korre- 
spondenzen fanden  noch  statt*),  aber  von  einer  engeren  Verbindung 
war  nicht  die  Rede.  War  doch  auch  das  Verhältnis  zwischen 

bei.  Man  hielt,  einer  Anregung  von  Navc»  folgend,  für  gut,  dem  Kaiser  die 
Hagenauer  Handlung,  aber  auch  Konfession  und  Apologie  in  französischer 
Uebersetzung  zuzusenden.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  9,  ebenda.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  11, 
Neudecker,  Urk.,  S.  527 ff. 

1)  N eudecker,  Urk.,  S.  525 ff.  Werbung  Oersdorfs  beim  Kf.  vom  9.  Juli 
und  dessen  Antwort  vom  10.  Reg.  B.  No.  1633. 

2)  Instruktion  für  die  geplante  Oesandtschaft  an  die  Könige  (Anf.  August), 
Eeg.  H.  p.  313,  No.  12R  Vergl.  Lenz,  I,  8. 211.  377.  380.  473.  Vetter,  NASG., 
XIV,  8.  25. 

3)  Kf.  und  Ldgf.  an  Wilh.  v.  Fürstenberg  1538  Nov.  30,  Eeg.  C.  No.  854, 
Bl.  98—102,  Konz. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  14,  Eeg.  H.  p.  211,  No.  95,  Or. 

5)  Auch  in  Frankfurt  erschien  Füistenberg  am  2.  März  1539.  P.  C.  II,  561. 

6)  Kf.  und  Ldgf.  an  den  König  1539  April  19,  E^.  H.  p.  278,  No.  117. 
C.  E.  III,  695 — 697.  Der  König  an  Kf.  und  Ldgf.  Mai  15,  Reg.  H.  ebenda,  Or. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmangslust  153G — 41.  251 

Frankreich  and  England  damals  so,  daß  man  nicht  gut  mit  beiden 
zugleich  in  Verbindung  treten  konnte ‘).  Vor  allem  aber  war  die 
Haltung  des  Königs  auf  religiösem  Gebiete  nichts  weniger  als  er- 
freulich’). Mau  hielt  für  nötig,  von  Amstadt  aus  sich  für  die 
Protestanten  in  Frankreich  bei  ihm  zu  verwenden,  ein  Schritt, 
von  dem  sich  der  Kurfürst  allerdings  keinen  Erfolg  versprach*). 
Es  mag  auf  kursächsischen  Einfluß  zurückzuführen  sein,  wenn 
man  beschloß,  sich  erst  über  die  französischen  Verhältnisse  zu 
unterrichten  und  nur  dann  eine  Schickung  vorzunehmen,  wenn 
Aussicht  sei,  daß  sie  etwas  helfe ‘).  Die  Straßburger  wurden  be- 
auftragt, die  nötigen  Erkundigungen  einzuziehen,  doch  scheint 
man  auch  zur  Zeit  des  schmalkaldischen  Tages  noch  nicht  klarer 
gesehen  zu  haben,  da  damals  einfach  der  Arnstädter  Beschluß 
wiederholt  wurde. 

Inzwischen  liatten  aber  die  Bundeshauptleute  ihrerseits  am 
13.  Februai'  an  den  König  geschrieben,  um  Beschuldigungen,  die 
gegen  die  deutschen  Protestanten  erhoben  wurden,  zurückzuweisen 
und  Franz  von  einer  Verbindung  mit  dem  Kaiser  abzuhalten  *). 

Franz  I.  hatte  auf  diesen  Brief  am  9.  März  noch  ziemlich  mit 
Allgemeinheiten  geantwortet®),  im  Sommer  1540  wurde  dann  aber 
von  Frankreich  die  Anregung  zum  Wiederbegiun  eines  engeren 
Verkehrs  gegeben.  Der  König  sandte  zum  Hagenauer  Tage  den 
Lazarus  Baif,  der  auch  mit  den  Protestanten  verhandeln  sollte 
vor  allem  aber  arbeitete  Wilhelm  du  Bellay  wieder  mit  Eifer  für 
die  Verbindung  der  Schmalkaldener  mit  Frankieich.  Er  schickte 

1)  Boisrigault  an  Franz  I.  Mai  31.  Ri  hier,  I,  S.  464. 

2)  Besonders  Straüburg  nahm  sich  der  französischen  Protestanten  an. 
P.  C.  II,  630.  Ldgf.  an  Kf.  Scpt.  30,  Reg.  H.  p.  282,  No.  118,  Or.  Der  Kf. 
verlangte,  daß  die  Sache  erst  in  Arnstadt  beraten  werde,  Okt.  11.  an  Ldgf.,  ebenda, 
Konz.  Den  französischen  Protestanten  war  dieser  Aufschub  wenig  erwünscht 
Vergl.  Calvin  an  Farel  Okt.  27,  Herminjard,  VI,  S.  llOff.  Kf.  an  Luther 
und  Melanchthon,  Nov.  13,  Burkhardt,  Briefwechsel,  S.  336. 

3)  Brück  und  Pack  an  Kf.  Nov.  28,  Reg.  H.  p.  248,  No.  108.  II,  Or.  Kf. 
an  die  Räte,  Nov.  29,  ebenda,  Or. 

4)  Reg.  H.  p.  248,  No.  108,  I. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  1540  Jan.  26,  R^.  H.  p.  348,  No.  136,  Febr.  3,  Loc.  9655 
,Des  Kf.  zu  Sachsen  mit  dem  Ldgf.  . . . 1540“,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  7,  ebenda, 
Konz.  Bachsen  und  Heesen  an  den  Kg.  Febr.  13  und  an  den  Connetable,  Reg.  H. 
p.  313,  No.  128,  Konz.  Seckendorf,  III,  8.  258. 

6)  Reg.  H.  p.  313,  No.  128,  Or.  Seckendorf,  III,  8.  258. 

7)  Kredenz  an  Kf.  vom  17.  Mai,  ebenda,  Or.  Seckendorf,  III,  8.  259. 


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252 


Kapitel  U. 


damals  noch  extra  und  im  geheimen  Sleidan  nach  Hagenau  ‘).  Baif 
ermahnte  zwar  die  Stände  znr  Herstellung  des  Friedens  und  der 
ReligionsTergleichung,  aber  er  warnte  sie  dabei  doch  davor,  die 
Privilegien  und  Hoheiten  des  Reichs  zu  verletzen.  Er  sprach  auch 
von  der  Bereitwilligkeit  des  Königs,  die  Protestanten  zu  unter- 
stützen, und  empfahl,  einen  Brief  oder  eine  Gesandtschaft  an  ihn  za 
senden  *).  Die  kursächsischen  Gesandten  konnten  mangels  Instruktion 
allerdings  an  den  Verhandlungen  zum  Teil  nicht  teilnehmen,  im 
ganzen  aber  fielen  diese  Anregungen  beim  Kurfürsten  auf  einen 
sehr  fhichtbaren  Boden.  Zunächst  stimmte  Um  schon  die  jülichsche 
Angelegenheit  und  die  geplante  Familienverbindung  zwischen  Frank- 
reich und  Jülich  günstig,  man  erfuhr  auf  diesem  Wege  auch,  daß  an 
eine  Verbindung  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  nicht  zu  denken 
und  daß  der  Connetable,  der  Vertreter  dieser  Politik,  in  Ungnade 
gefallen  sei  ®).  Dann  aber  wirkte  der  Hagenauer  Tag,  durch  den  man 
sich  ja  über  die  daueiude  Feindschaft  der  Gegner  klar  wurde,  ein. 
Der  Kurfürst  entschloß  sich  jetzt  leicht,  Wallenrod  nach  Frank- 
reich zu  schicken,  um  die  jülichschen  Verhandlungen  dort  zu  unter- 
stützen*), und  als  dann  durch  Baif  eine  größere  Gesandtschaft 
an  den  König  angeregt  wurde,  war  er  auch  dazu  sofort  bereit ‘). 

Diese  Anregung  fiel  nun  eben  zusammen  mit  denen  ans  Polen 
und  Ungarn  und  ließ  den  großen  Bundesplan  in  ihm  entstehen, 
ln  bezug  auf  Frankreich  war  sein  Gedanke  der,  daß  zunächst,  um 
weniger  Aufsehen  zu  erregen,  durch  eine  „geringe  Botschaft“  in 
Anknüpfung  an  die  Sendung  Baifs  die  Sache  dem  König  vor- 
getragen werden  sollte.  Man  sollte  zunächst  seine  eigene  Fried- 
fertigkeit und  die  Bedrohung  der  deutschen  Freiheit  durch  die 
Gegner  betonen,  seine  Freude  darüber  aussprechen,  daß  auch  der 

1)  F.  C.  III,  62.  Bourrilly , S.  312.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  24,  Xeudecker, 
Urk.,  S.  546,  noch  ziemlich  vorsichtig. 

2)  Eine  Aufzeichnung  Burchards  über  Baifs  Vortrag  in  Reg.  H.  p.  304, 
No.  12.5,  I.  Vergl.  Sleidan,  II,  8.  188.  Beckendorf,  III,  8.259.  Moses, 
S.  48.  Die  Gesandtschaft  regte  Baif  bei  den  hessischen  Räten  an,  vergl.  deren 
Bericht  in  P.  A.  No.  543,  vom  11.  Juli.  Der  Ldgf.  sandte  ihn  dem  Kf.  am 
14.  Juli. 

3)  Hz.  Wilh.  an  Kf.  Juni  11,  Reg.  C.  No.  869,  Bl.  45 ff.,  Or.  Heidrich, 
8.  49. 

4)  Kf.  an  Hz.  Wilhelm  Juni  19,  ebenda  BI.  58 — 59,  Konz.  Instruktion  für 
Wallenrod  vom  26.  Juni,  ebenda  BI.  62/63. 

5)  Schon  am  6.  Juli  erörtert  Kf.  diesen  Plan.  An  Ldgf.  Reg.  H.  p.  359, 
No.  139. 


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Bund  n.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  UntemehmimgsluBt  1536 — 41.  253 

König  diese  und  die  der  Protestanten  speziell  bei  seinen  Ver- 
handlungen mit  dem  Kaiser  stets  Vorbehalten  habe,  dann  nm  Mit- 
teilung bitten,  unter  welchen  Bedingungen  er  einen  „beständigen, 
grfindlichen  und  währenden  Verstand“  und  eine  Konföderation  mit 
den  Protestanten  schließen  würde.  Zu  weiteren  Verhandlungen  mit 
den  Bevollmächtigten  des  Königs  über  den  Bund  könne  man  dann 
etwa  Mitte  November  eine  Botschaft  nach  Straßburg  oder  in  eine 
andere  geeignete  Stadt  schicken.  Als  Vertreter  des  Königs  wäre 
du  Bellay  dafür  zu  empfehlen*). 

Es  ist  klar,  daß  nicht  davon  die  Rede  sein  kann,  daß,  wie 
noch  Bourrilly  annimmt’),  Johann  Friedrich  aus  Loyalität  gegen 
den  Bund  mit  Frankreich  gewesen  sei.  Er  batte  sich  vielmehr 
gerade  jetzt  zu  dem  großartigsten  antihabsbnrgischen  Bundesplan 
aiL^eschwungen,  den  er  je  entworfen  hat.  Es  lag  nur  am  Land- 
grafen, wenn  nichts  aus  der  Sache  wurde,  und  das  hing  nun  eben 
mit  dessen  Doppelehenangelegenheit  zusammen.  — 

Wir  brauchen  nach  Rockwells  gründlicher  Untersuchung  diese 
unerquickliche  Sache  nicht  in  ihre  Einzelheiten  zu  verfolgen.  Wir 
beschränken  uns  darauf,  die  Haltung  des  Kurfürsten,  die  auch  durch 
Rockwell  nicht  völlig  aufgeklärt  wird,  möglichst  allseitig  festznlegen. 
Veranlaßt  wurde  seine  Hüieinziehung  und  die  der  Wittenberger  in 
die  ganze  Angel^enheit  zunächst  durch  die  Mutter  der  Margarete 
von  der  Sale,  der  in  Aussicht  genommenen  Nebenfran  des  Land- 
grafen, dieser  wünschte  sie  aber  auch  in  seinem  eigenen  Interesse. 
So  wurde  denn  Bucer  am  30.  November  1539  entsandt,  nm  zu- 
nächst mit  den  Wittenbergern,  aber,  wenn  diese  es  für  gut  hielten, 
auch  mit  dem  Kurfürsten  zu  reden.  Das  geschah  am  14.  Dezember. 
Seiner  Instruktion  entsprechend  wird  er  Johann  Friedrich  den 
ganzen  Handel  erzählt  und  ihn  dann  gebeten  haben,  wenn  es  heim- 
lich geschehen  sollte,  doch  Zeugnis  dafür  zu  geben,  daß  es  eine 
Ehe  wäre  und  daß  er  auch  in  diesem  Falle  dem  Landgrafen 
beistehen  wolle.  Philipp  erbot  sich  dafür,  dem  Herzog  von 
Kleve  zu  helfen,  ferner  dem  Kurfürsten  selbst  in  seiner  magde- 
bnrgischen  Sache,  ja  auch  mit  der  Aussicht  auf  die  Kaiserkrone 

D Nach  einer  Aufzeichnung  in  Beg.  H.  p.  313,  No.  128,  Kopie.  Die  In- 
struktionen für  die  Sendungen  an  die  Könige  wurden  dem  Ldgfen.  am  2.  Aug. 
übersandt.  Konz,  des  Begleitbriefes  in  Beg.  H.  p.  365,  No.  140,  BL  3/4.  Vergl. 
Neudecker,  Urk.,  8.567. 

2)  8.  313. 


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254  Kapitel  II. 

suchte  er  ihn  zu  locken.  Er  hoffte  ferner,  daß  Johann  Friedrich 
auch  Moritz  gewinnen  werde,  nnd  stellte  dafür  diesem  gegenüber 
Nachgiebigkeit  in  der  Frage  der  Erbschaft  Herzog  Georgs  in  Aus- 
sicht*). Der  Kurfürst  hat  darauf  seine  Ansichten  zunächst  selbst 
aufgesetzt*).  Aus  diesem  Stücke  geht  hervor,  daß  Johann  Fried- 
rich sich  von  vornherein  bewußt  war,  daß  es  sich  um  eine  Angelegen- 
heit handle,  deren  Rechtmäßigkeit  sowohl  vor  Gott,  wie  vor  der 
Welt  bewiesen  werden  müsse.  Nur  wenn  man  ihm  nachwiese,  daß 
die  Sache  vor  Gott  mit  gutem  Gewissen  geschehen  und  daß  sie 
vor  dem  Kaiser  als  der  von  Gott  geordneten  Obrigkeit  nnd  vor 
der  ganzen  Welt  mit  gutem  Fug  verantwortet  werden  könne, 
meinte  er  die  Sache  als  Ehe  anerkennen  und  den  Landgrafen  ver- 
teidigen helfen  zu  können.  Er  empfahl  ferner,  die  Frage  von  Ge- 
lehrten und  Juristen  prüfen  zu  lassen  und  den  nächsten  Bundestag 
oder  den  Ausschuß  darüber  zu  befragen,  ob  man  es  für  eine  Re- 
ligionssache halten  werde.  .Auch  auf  den  Nachteil,  der  für  das 
Haus  Sachsen  in  der  Erbberechtigung  der  Kinder  der  anderen 
Frau  liegen  würde,  machte  der  Kurfürst  schon  jetzt  aufmerksam. 
Die  großen  Erbietungen  des  Landgrafen  vries  er  kurz  zurück,  auch 
noch  größere  Verheißungen  würden  ihn  nicht  bestimmen,  in  etwas 
zu  willigen,  was  er  nicht  für  christlich,  ehrlich  und  billig  ansehe. 

Bucer  gegenüber  hat  sich  Johann  Friedrich  aber  zunächst 
darauf  beschränkt,  ihm  sein  Entsetzen  über  die  Sache  und  sein 
Mitleid  mit  dem  Landgrafen  auszusprechen,  im  übrigen  wartete  er 
das  Eintreffen  Brücks  am  15.  ab,  dem  er  die  Angelegenheit  unter  dem 
Siegel  der  Verschwiegenheit  mitteilte.  Durch  diesen  ließ  er  dann 
in  seiner  Gegenwart  dem  Beauftragten  des  Landgrafen  am  16.  De- 
zember antworten.  Auch  in  dieser  Antwort  machte  der  Kurfürst 
darauf  aufmerksam,  daß  die  weltlichen  Rechte  und  der  hergebrachte 
Gebrauch  der  ganzen  Christenheit  dem  Plane  des  Landgrafen  ent- 
gegenständen und  daß  die  in  den  weltlichen  Rechten  dagegen  fest- 
gesetzten Strafen  auch  durch  den  Beichtrat  der  Theologen  nicht 
aufgehoben  wftirden.  Aehnlich  wie  diese  verwies  er  dann  auf  die 
mancherlei  Gefahren,  die  die  Sache  mit  sich  bringe,  sprach  dabei 
auch  den  Gedanken  aus,  daß  die  neue  Fi'au  die  Landgräfin  und 
ihre  Kinder  zurückzudrängen  versuchen  könne,  und  den,  daß 

1)  Burkhardt,  Briefwechsel,  b.  338  Anm.  Lenz,  I,  8.  356. 

2)  „Des  Kf.  zu  Sachsen  Bedenken  in  des  Landgrafen  Sachen“,  Kopie  mit 
eigenh.  Korrekturen,  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  133—136. 


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Rund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslaat  1536 — 41.  255 

Philipp  auch  der  neuen  Frau  überdrüssig  werden  könne.  Er  ließ 
dann  den  Landgrafen  bitten,  sein  möglichstes  zu  tun,  um  die  An- 
fechtung zu  überwinden,  jedenfalls  nicht  mit  der  Sache  zu  eilen. 
Könne  er  sie  nicht  unterlassen,  so  solle  er  sie  zu  Verhütung  von 
Aergemis  nicht  anders  vornehmen,  als  wie  die  Theologen  geraten 
hätten,  nämlich  „in  ganzer  geheim  und  stille,  auch  unvermarkt 
ainicher  ehe,  sondern  in  gestalt  ains  lautem  contubemii  und  con- 
cubinats  oder  bulschaft  und  anders  nicht“.  Ferner  möge  er  nicht  eine 
Person  wählen,  mit  der  er  früher  im  Gerede  gewesen  sei,  damit  man 
nicht  sage,  daß  mehr  „eine  gefaßte  Liebe  und  übermäßiger  Wille“ 
als  das  Gewissen  ihn  dazu  bewogen  hätte.  Das  Gesuch  des  Land- 
grafen um  eventuellen  Beistand  lehnte  er  ab,  indem  er  dai'auf 
hinwies,  daß  das  ja  gar  nicht  in  Frage  kommen  könne,  wenn  der 
Landgraf  den  Rat  der  Theologen  befolge'),  lieber  die  Gegen- 
erbietungen Philipps  ging  er  ziemlich  kurz  hinweg*). 

Am  Schluß  seiner  Erklärung  bat  Johann  Friedrich  Bucer,  dem 
Landgrafen  seine  Antwort  „mit  dem  besten  glimpf  und  ufs  freunt- 
lichst“  anzuzeigen.  Dadurch  bekam  dieser  die  Möglichkeit,  in  seinem 
Bericht  an  Philipp  einen  großen  TeU  ihrer  Härten  wegzulassen,  er 
überschritt  dabei  aber  das  Maß  des  Erlaubten,  wenn  er  in  der 
Frage  des  eventuellen  Beistandes  der  Antwort  des  Kurfürsten  die 
Fassung  gab,  daß  dieser  dem  Landgrafen  „in  allem  dem,  das  mit 
Gott  immer  sein  möge,  allweg  seinen  brüderlichen  Beistand  ge- 
treulich leisten  wolle“  ®).  Die  Folge  davon  war,  daß  Johann  Fried- 

1)  Der  Ld^.  köane  erachten,  „das  S.  Kf.  Gn.  eolcha  ganz  beechwerlichen 
zu  bewilligen  ader  sich  darin  zu  lassen  sein  wolt  aus  vorerzelten  Ursachen,  auch 
danimb  das  8.  Kf.  Gn.  freuntlich  bilh  in  allwegen  dahin  gericht  were,  solchen 
handel  anzustellen  und  verbleiben  zu  lassen.  Ob  auch  wol  8.  Kf.  Gn.  8.  f.  Gn. 
als  den  vettern  und  brudern  zu  aller  muglichkeit  sunsten  in  anderm  frenntlicben 
zu  dienen  und  zu  wUfaren  wol  gnaigt,  so  vermerkten  doch  8.  Kf.  Go.  aus  irer 
der  obgnanten  dreier  theologen  bedenken,  das  der  handel  als  ain  beichtdispen- 
satio  nicht  anderst,  dann  in  ganzer  gehaim  muste  furgenomen  werden,  darumb 
8.  Kf.  Gn.  erachtens  die  sach  wider  zu  kuntschaften  noch  disputation  werden 
geraichen  dorfen  oder  können  kommen,  wo  der  theologen  bedenken  im  eussersten 
falh  gelebt  und  nicht  weither  geschritten  wurda“ 

2)  In  bezug  auf  das  Anerbieten  der  Kaiserkrone  heifit  es,  „das  sich  auch 
8.  Kf.  Gn.  zu  den  vermelten  hohen  ehren  zu  wenig,  unvermugend  und  ungeschickt 
wüsten  und  derhalben  auch  dersclbigen  nit  begerteo“. 

3)  Ich  folge  dem  Exemplar  der  Erklärung  des  Kf.,  das  dieser  am  3.  Juli 
1540  dem  Ldgfen.  übersandta  (P.  A.  Sachsen,  Emeetinische  Linie,  Beilage  zu 
Brief  von  diesem  Taga  Eine  Kopie  des  Konz.  Reg.  C.  No.  262,  BL  269 — 278.) 


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256 


Kapitel  II. 


rieh  gar  nichts  gewährt  zu  haben  glaubte,  während  der  Landgraf 
auf  Grund  des  Briefes  Bucers  einen  günstigen  Eindruck  von  seiner 
Antwort  hatte. 

Weitere  Verhandlungen  haben  erst  gelegentlich  der  Kasseler 
Zusammenkunft  wieder  stattgefunden.  Das  wenige,  was  wir  darfiber 
wissen,  zeigt,  daß  der  Kurfürst  die  Sache  nicht  sehr  ernst  nahm 
und  als  eine  .\rt  Konkubinat  auffaßte.  Er  bat  wiederholt,  ihm  die 
Person  zu  zeigen,  die  der  Landgraf  nehmen  werde,  und  erklärte, 
daß  es  unnötig  gewesen  sei,  die  Genehmigung  der  Gemahlin  Phi- 
lipps einzuholen.  Er  erlaubte  auch,  daß  Eberhard  v.  d.  Thann  als 
sein  Vertreter  der  Hochzeit  beiwohne ‘).  Bald  stiegen  ihm  dann 
aber  unter  dem  Einfluß  von  Menius,  Brück  und  Thann  selbst  Be- 
denken auf*).  Besonders  Brück  sah  die  Sache  schon  sehr  pessi- 
mistisch an,  glaubte,  daß  der  Landgraf  sie  doch  ein  „öffentr 
lieh  unverholen  ding  sein  lassen“  wolle®),  und  man  suchte  nun 
durch  Vorschiebung  anderer  Geschäfte  Thann  noch  zurflckzuhalten. 
Dieser  war  aber  schon  beim  Landgrafen  eingetroffen  und  ließ  sich 
von  diesem  veranlassen,  auf  seine  Verantwortung  hin  der  Hochzeit 
beiznwohnen,  auch  Bucer  und  Melanchthon  mögen  ihm  die  Recht- 
mäßigkeit der  Sache  dargelegt  haben.  Der  vollzogenen  Tatsache 
fügte  sich  dann  auch  der  Kurfürst®). 

In  den  nächsten  Wochen  finden  wir  ihn  vor  allem  mit  zwei 
Fragen  beschäftigt.  Er  ist  1)  bemüht,  auch  seinerseits  dafür  zu 
arbeiten,  daß  die  Sache  geheim  bleibe,  2)  beschäftigte  ihn  die 
Frage  der  Erbberechtigung  der  Kinder  aus  der  neuen  Verbindung 
des  Landgrafen.  Die  erste  Angelegenheit  wurde  durch  dessen 
Schwester,  die  Herzogin  Elisabeth  von  Rochlitz,  in  Fluß  gebracht. 
Der  Landgraf  sandte  wenige  Tage  nach  der  Hochzeit  seinen  Mar- 


Die  BeUtion  Bucera  bei  Lenz,  I,  S.  356 ff.  Der  Ldgf.  schrieb  dem  Kf.  am 
7.  Jnli,  daß  es  ihn  nichts  weiter  anginge,  ob  dessen  Bericht  mit  dem  Bucera 
übereinstimme,  darüber  möge  jener  sich  mit  Bncer  auseinandersetzen.  (Reg.  C. 
a.  a.  O.  Bl.  296 — 301,  Or.)  Auch  im  September  haben  beide  Fürsten  noch  über 
die  Frage  korrespondiert,  wobei  Philipp  sich  immer  an  Bucera  Bericht  hielt. 
(Ldgf.  an  Kf.  Sept  3.  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  17.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  1.  P.  A. 
Emestinüche  Linie  und  R^.  H.  p.  365,  No.  140.) 

1)  Lenz,  1,  a 333.  Rockwell,  8.  61.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  3,  Reg.  C. 
No.  292,  Bl.  260  f. 

2)  Vergl.  Rockwell,  8.  62ff. 

3)  Brück  an  Kf.  Febr.  28,  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  28  ff. 

4)  Rockwell,  8.  64f.  wohl  richtiger  als  Lenz,  I,  a 334  Anm.  1. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  üntemehmnngslust  1536 — 41.  257 

schall  von  Hundelshausen  an  sie  ab,  um  sie  von  dem  getanen 
Schritt  zu  unterrichten  und  um  ihr  Schweigen  zu  bitten ').  Es  ist 
unrichtig,  wenn  noch  Rockwell  angibt,  daß  der  Kurfürst  sich  geweigert 
habe,  diese  Aktion  zu  unterstützen.  Da  der  Landgraf  ihn  gebeten 
hatte,  auch  einen  Vertrauten  an  die  Herzogin  zu  schicken  oder 
ihr  zu  schreiben®),  so  genügte  es,  wenn  er  dem  Marschall  einen 
Empfehlungsbrief  mitgab.  Er  bat  die  Herzogin  darin,  zu  bedenken, 
von  welcher  Wichtigkeit  es  für  ihren  Bruder  und  auch  sie  selbst 
sei,  daß  diese  Dinge  in  größter  Heimlichkeit  gehalten  würden.  Sie 
möge  sich  also  so  verhalten,  daß  ihrem  Bruder  keine  Nachrede 
entstehe,  und  daß  die  Sache  auch  sonst  keine  üblen  Folgen  habe, 
was  unvermeidlich  sei,  wenn  sie  lautbar  werde®). 

Auf  die  leidenschaftliche  Herzogin  machten  solche  Vernunft- 
gründe aber  keinen  Eindruck,  sie  brauste  gewaltig  auf,  als  sie 
von  der  Sache  erfuhr,  betrachtete  sich  dabei  vor  allem  selbst  als 
betrogen  und  fürchtete  auch,  daß  sie  selbst  als  Mitschuldige  er- 
scheinen könne,  da  Margarete  ja  ihr  Hoffränlein  gewesen  war. 
Zur  Verheimlichung  der  Sache  zeigte  sie  eben  deswegen  nicht  die 
geringste  Neigung*).  So  wurde  es  tatsächlich  die  Hauptaufgabe 
der  nächsten  Zeit,  die  Herzogin  zufriedenzustellen  und  zu  beruhigen. 
Der  Landgraf  hatte  eine  fast  komische  Fui'cht  vor  ihr®);  auch 
Johann  Friedrich  fühlte  sich  zunächst  nicht  verpflichtet,  persönlich 
in  Aktion  zu  treten*),  erfüllte  aber  den  Wunsch  Elisabeths  und 
schickte  Thann  zu  ihr,  damit  dieser  ihr  über  die  ganze  Sache 
nähere  Auskunft  gäbe.  In  dem  Brief,  den  er  dem  Gesandten  mit- 
gab, wies  er  wieder  vor  allem  auf  die  Notwendigkeit  der  Geheim- 
haltung hin.  Er  unterdrückte  dabei  nicht  seinen  eigenen  Unwillen 
darüber,  daß  der  Landgraf  eine  Person  gewählt  habe,  mit  der  er 
schon  früher  im  Gerede  gewesen  sei,  aber  da  es  nun  einmal  ge- 
schehen sei,  sei  es  nicht  mehr  zu  ändern,  und  man  müsse  nnn 
dafür  sorgen,  daß  die  Sache  nicht  ruchbar  werde.  Er  bat  schließ- 

1)  Lenz,  I,  8.  334.  Rockwell,  8.  50. 

2)  Ldgf.  an  Kf.,  durch  Hundelshausen  überbracht  Reg.  C.  No.  292,  BL  32, 
Hdbf. 

3)  Kf.  an  die  Herzogin  März  11,  Reg.  C.  a.  a.  O.  BL  33,  Konz. 

4)  Rockwell,  8.  50 f. 

5)  Yergl.  etwa  Ldgf.  an  Kf.  März  19.  Der  Kf.  sollte  mit  Melanchthon  und 
Bncer  mit  ihr  verhandeln,  die  ersten  Hörner  mit  ihr  abstofien,  ehe  der  Ldgf. 
mit  ihr  zusammenkäme,  B^.  C.  a.  a.  O.  BL  53—55. 

6)  An  Ldgf.  März  18,  BL  48/49. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  1,  9.  17 


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258 


Kapitel  II. 


lieh  die  Herzogin,  ihren  Unwillen  gegen  den  Landgrafen  nicht  Thann 
gegenüber,  sondern  gegen  ihn  bei  ihrer  persönlichen  Zusammen- 
kunft zum  Ausdruck  zu  bringen  ‘).  An  eine  solche  dachte  nämlich 
der  Kurfürst  doch  noch  dem  dringenden  Wunsche  des  Landgrafen 
entsprechend,  wußte  nur  noch  nicht  recht,  wo  er  sie,  ohne  Aufsehen 
zu  erregen,  abhalten  könne*). 

Tatsächlich  wurde  nuu  durch  Thanns  Sendung  erreicht,  daß  die 
Herzogin  versprach,  weitere  Schritte  in  der  bewußten  Sache  zu  unter- 
lassen, auch  nicht  weiter  mit  ihrem  Bruder  zu  korrespondieren,  bis 
der  Kurfürst  zwischen  ihnen  gütliche  Handlung  vorgenommen  habe. 
Auch  ihrerseits  forderte  sie  jetzt  Geheimhaltung  der  Ehe  und  Ver- 
hinderung irgendwelcher  Erbansprüche  der  Kinder  Margaretes®).  In 
diesem  Punkte  bestand  eine  gewisse  Interessengemeinschaft  zwischen 
ihi-  und  dem  Kurfürsten,  auch  wird  es  auf  diesen  nicht  ohne  Einfluß 
geblieben  sein,  wenn  sie  ihm  schrieb,  daß  der  Landgraf  die  Sache 
nicht  geheimhalten  wolle,  auch  nicht  beabsichtige,  die  Margarete 
der  Welt  gegenüber  als  Konkubine  zu  bezeichnen  ‘).  Johann  Fried- 
rich wurde  durch  ihre  Briefe  veranlaßt,  am  5.  April  eine  Unterredung 
mit  dem  Landgrafen  sowohl  über  die  Frage  der  Geheimhaltung 
wie  über  die  der  Erbfolge  zu  halten.  Die  Erklärungen  Philipps 
werden  ihn  kaum  ganz  befriedigt  haben.  Dieser  meinte,  seiner 
Schwester  gegenüber  nicht  verpflichtet  zu  sein,  Geheimhaltung  zu 
versprechen,  weil  sie  seine  Verbindung  mit  Margarete  nicht  für 
eine  Ehe  halten  wolle,  dem  Kurfürsten  gegenüber  aber  wollte  er 
sich  verpflichten,  es  heimbch  zu  halten,  so  viel  ihm  möglich  sei, 
es  wäre  denn,  daß  er  es  nicht  mehr  leugnen  könne.  Auch  daun 
aber,  wenn  er  darum  angefochten  würde,  wollte  er  keine  endgültige 
.Antwort  geben  ohne  Rat  des  Kurfürsten,  Luthers,  Melanchthons 
und  Bucers.  Etwas  anderes  wäre  es  natürlich,  wenn  es  ein  ge- 
meiner Gebrauch  oder  vom  Kaiser  bewilligt  würde.  Fenier  wollte 
er  seiner  Schwester  gegenüber  mit  dem  Heimlichhalten  frei  stehen, 
wenn  diese  gegen  Margarete  böse  Worte  gebrauche,  sie  als  Hure 
bezeichne  u.  dgl. 


1)  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  229/230,  o.  D.  Dem  Ldgf.  meldete  der  KI.  am 
22.  März,  dafi  Thann  gereist  sei.  Bl.  63/64. 

2)  An  Ldgf.  März  22,  Bl.  63/64. 

3)  Kf.  an  die  Herzogin  März  28,  eigenhändiges  Konz.  BL  226,227.  Rock- 
well, S.  65. 

4)  Die  Herzogin  an  Kf.  April  1 und  2,  Bl.  68 — 70,  Hdbf. 


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Band  u.  Beich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslast  1536—41.  259 

Auch  in  dem  Punkte  der  Erbfolge  erklärte  er  sich  nicht  für 
verpflichtet,  der  Herzogin  gegenüber  irgendetwas  zu  versprechen. 
Gegenüber  den  sächsischen  Fürsten  wollte  er  sich  freundlich  darüber 
erklären,  wenn  sie  sich  verpflichteten,  ihm  zu  raten  und  zu  helfen, 
falls  er  wegen  dieser  Sache  angegrift'en  würde. 

Bereit  war  der  Landgraf,  allenthalben  zu  erklären,  daß  seine 
Schwester  großes  Mißfallen  an  der  Ehe  gehabt  habe.  Ferner  be- 
tonte er  die  Notwendigkeit  einer  Sicherung  für  die  Mutter  der 
Margarete,  wenn  die  Sache  geheim  bleiben  sollte ‘). 

Diese  Erklärung  konnte  in  bezug  auf  die  Geheimhaltung  einiger- 
maßen genügen,  dagegen  ließ  sie  die  Frage  der  Erbfolge  in  suspenso. 
Daß  diese  dem  Kurfürsten  Sorge  machte,  zeigt  sein  Brief  an  Luther 
vom  7.  April,  durch  den  er  diesen  davon  abzuhalten  suchte,  dem 
Landgrafen  in  dieser  Beziehung  irgend  etwas  zuzugestehen*).  Die 
Haupttätigkeit  des  Kurfürsten  ist  aber  doch  in  der  nächsten  Zeit 
noch  dem  Zustandebringen  eines  Vertrages  zwischen  dem  Land- 
grafen und  seiner  Schwester  gewidmet*).  Auf  Grund  der  Ver- 
abredung, die  er  mit  Philipp  in  Schmalkalden  getroffen  hatte, 
hat  er  am  13.  Mai  in  Eilenburg  eine  Zusammenkunft  mit  der 
Herzogin  gehabt.  Man  setzte  eine  schriftliche  Abrede  auf,  die 
der  Kurfürst  noch  an  demselben  Tage  dem  Landgrafen  zusandte. 
Sie  hat  die  Form  eines  Vertrages  zwischen  diesem  und  seiner 
Schwester.  Jener  sollte  danach  die  „Beiwohnung“  mit  Margarete 
von  der  Sale  mit  allem  Fleiß  und  so  viel  möglich  in  geheim  halten. 
Würde  die  Sache  doch  ruchbar,  so  sollte  er  sie  als  eine  gemeine 
Beiwohnung  und  keine  Ehe  verteidigen.  Würde  er  gar  zu  sehr 
bedrängt  und  könnte  er  die  Sache  nicht  länger  leugnen,  so  sollte 
er  keine  endgültige  Antwort  erteilen  ohne  den  Rat  des  Kurfürsten, 
Luthers,  Melanchthons  und  Bucers.  Auch  die  Herzogin  versprach, 
die  Sache  geheimzuhalten  und  sie,  wenn  sie  geheim  bliebe,  weder 
zu  loben  noch  zu  schelten.  Nach  dem  Wunsche  des  Landgrafen 


1)  Reg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  73/74,  mo.  n.  quasimodogeniti,  nicht  April  11,  wie 
Rockwell  S.  66,  1 annimmt.  Was  er  im  Text  anführt,  stammt  aus  dem  Brief 
an  Bucer  vom  29.  Nov.  1540  und  ist  nicht  etwa  dem  Kf.  in  Hchmalkalden  er- 
klärt worden. 

2)  Burkhardt,  Briefwechsel,  S.352f.  Sehr  verbeeserungsbedärftig,  R^.  C. 
a.  a.  O.  Bl.  71,  Konz,  mit  Korrekturen  Brücke. 

3)  Eine  erregte  Korrespondenz  zwischen  Kf.  und  Elisabeth  wegen  der  Ge- 
heimhaltung zieht  sich  durch  die  nächsten  Wochen. 

17* 


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260 


Kapitel  II. 


hätte  hier  dann  weiter  eine  Sicherstellung  der  Hofmeisterin  erfolgen 
müssen.  Elisabeth  war  aber  nicht  dafür  zu  haben,  diese  in  der 
gewünschten  Form  zu  gewähren.  Sie  wollte  nur  versprechen,  nichts 
Tätliches  gegen  sie  vorzunehmen,  sie  wollte  sie  aber  zur  Rechen- 
schaft ziehen,  sie  nicht  mehr  um  sich  dulden  und  ihr  ihre  andere 
Tochter  vorenthalten.  Der  Landgraf  soUte  weiter  auch  versprecheu, 
seine  Schwester  zu  verteidigen  und  für  unschuldig  zu  erklären, 
wenn  die  Sache  ruchbar  würde.  Den  Rechten  des  Hauses  Sachsen 
und  denen  der  Herzogin  sollte  durch  diese  Abrede  nichts  be- 
geben sein‘). 

Die  Berücksichtigung  der  Verabredungen  vom  5.  April  ist  in 
dem  ganzen  Stücke  unverkennbar,  trotzdem  lehnte  der  Landgraf  den 
Vertrag  am  18.  Mai  als  nnannehmbar  ab*).  Ob  wirklich,  wie  der 
Kurfürst  annahm  •),  in  erster  Linie  der  Artikel  über  die  Frau  von  der 
Sale  der  Stein  des  Anstoßes  war,  kann  vielleicht  bezweifelt  werden. 
Auch  die  starke  Betonung,  daß  die  neue  Ehe  nur  als  „Beiwohnung“ 
gelten  solle,  wird  Philipp  schwerlich  gepaßt  haben.  Das  war  auch 
die  Ansicht  Elisabeths*). 

So  war  der  erste  Versuch  des  Kurfürsten,  die  unerquickliche 
Angelegenheit  in  dem  von  ihm  gewünschten  Fahrwasser  zu  halten, 
gescheitert.  Bald  traten  größere  Schwierigkeiten  ein.  Man  hatte 
am  herzoglich  sächsischen  Hofe  Kunde  von  der  Sache  erhalten  und 
half  sich,  als  der  Kurfürst  auf  eingezogene  Erkundigungen  nur 
ausweichende  Antworten  gab,  mit  der  Gefangennahme  und  Aus- 
fragung  der  Frau  von  der  Sale*). 

An  eine  wirkliche  Geheimhaltung  war  jetzt  nicht  mehr  zu 
denken,  und  alle  Beteiligten  gerieten  dadurch  in  ein  schwieriges 
Dilemma.  Eine  eifrige  Korrespondenz  zwischen  dem  Kurfürsten, 
dem  Landgrafen,  den  Wittenbergern  fand  statt.  Am  kursächsischen 
Hofe  war  man  geneigt,  auch  jetzt  noch  nichts  zuzugestehen  *),  auch 
Luther  riet,  daß  der  Landgraf  gegen  den  Kaiser  und  öffentlich  die 


1)  Die  Abrede  mit  eigenhändigen  Bemerkungen  Elieabeths  und  des  Kur- 
fürsten Reg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  93 — 95.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  13,  ebenda  90/91,  Konz, 
ü)  Ebenda  Bl.  157,  Or. 

3)  An  die  Herzogin  Mai  24,  ebenda  Bl.  175. 

4)  P.  S.  zu  Brief  an  Kf.  vom  27.  Mai,  Bl.  86/87. 

5)  Vergl.  Lenz,  1,  8.  337 f.  Rockwell,  8.  66. 

6)  Vergl.  etwa  Kf.  an  seine  Räte  in  Hagenau  Juni  19,  de  W.  VI,  267. 
C.  R.  III,  1040  ff. 


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Bund  n.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBluat  1536—41.  261 

Margarete  als  seine  Konkubine  ausgäbe*),  dem  Landgrafen  aber 
wurde  diese  feine  Unterscheidung  zwischen  der  heimlichen  Ehe 
und  dem  öffentlichen  Konkubinat  immer  lästiger,  er  würde  jetzt 
am  liebsten  die  Sache  offen  zugestanden  haben,  tat  das  schon  dem 
Dresdner  Hofe  gegenüber  *).  Für  diesen  Fall  mußte  er  aber  sicher 
sein,  daß  die  Wittenberger  Theologen  an  der  Dispensation,  die  sie 
ihm  früher  erteilt  hatten,  auch  öffentlich  festhielten,  und  daß  auch 
der  Kurfürst  ihn  nicht  im  Stich  ließe.  Er  glaubte,  das  beanspruchen 
zu  können,  da  er  ja  an  der  Verlautbarung  unschuldig  sei,  und  drohte, 
sich  sonst  eventuell  dem  Kaiser  in  die  Arme  zu  werfen’). 

Den  Standpunkt  des  Kurfürsten  können  wir  z.  B.  aus  seinem 
Briefe  an  Philipp  vom  27.  Juni  entnehmen.  Er  hielt  es  für  einen 
Fehler,  daß  der  Landgiaf  die  Sache  dem  Dresdener  Hofe  gegenüber 
gestanden,  auch  Aktenstücke  dorthin  geschickt  hatte,  da  dadurch  die 
-Ibleugnung  so  außerordentlich  erschwert  war.  Andererseits  schien 
ihm  aber  auch  das  Zugeständnis  schwer,  vor  allem  auch  weil  es 
sich  um  einen  Beichtrat  handelte.  Er  meinte,  daß  man  deswegen 
auch  nicht  über  die  Sache  disputieren  könne,  auch  ohne  Offenbarung 
des  ganzen  Beichtberichts  die  Dispensation  schwer  rechtfertigen. 
Eine  solche  Offenbarung  aber  schien  ihm  aus  Rücksicht  auf  Herzog 
Heinrich  von  Braunschweig  bedenklich.  Er  fürchtete  ferner,  daß 
der  Kaiser  durch  ein  öffentliches  Zugeständnis  Gelegenheit  zum  Ein- 
schreiten erhalten  würde,  denn  die  weltlichen  Strafen  würden  durch 
die  Dispensation  nicht  aufgehoben.  Auch  wegen  der  Gefahr  des 
Beispiels  riet  schließlich  der  Kurfürst  von  einem  öffentlichen  Aus- 
schreiben ab.  Einen  Rat  über  sein  weiteres  Verhalten  erklärte  er 
dem  Landgrafen  erst  geben  zu  können,  wenn  er  dessen  Meinung 
darüber  und  sein  Schreiben  nach  Dresden  kenne*). 

Den  Gedanken,  daß  durch  die  Dispensation  der  Theologen  die 
Vergehung  des  Landgrafen  gegen  die  weltlichen  Gesetze  nicht  be- 
ll An  Thann  Juni  27,  Rockwell,  S.  165,  2.  Nach  Thanne  Brief  an 
Brück  vom  20.  Juni  batte  übrigens  der  Landgraf  das  selbst  vorgeschlagen.  Reg.  C. 
a.  a.  O.  Bl.  199-201. 

2)  Lenz,  I,  S.  339,  2. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  J uni  20.  R^.  C.  No.  292,  BL  235—241 ; Juli  3,  BL  259—268. 
Beide  Briefe  bei  Lenz  und  Rockwell  benutzt. 

4)  Es  ist  der  Brief,  der  den  Ldgf.  so  erbitterte,  wcU  der  Ef.  darin  die  Krank- 
heit Melanchthons  mit  der  Doppelehe  in  Zusammenhang  brachte.  Lenz,  I,  S.  338, 
Änm.  3,  P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie,  Juli,  Or.  Reg.  C.  No.  292,  Bi.  249 
—254,  Konz,  mit  vielen  Korrekturen  Brücke.  VergL  auch  Rockwell,  8. 181,  4. 


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262 


Kapitel  II. 


seitigt  werde  und  daß  man  kein  Recht  habe,  sich  einem  Vor- 
gehen des  Kaisers  gegen  ihn  zu  widersetzen,  hat  der  Kurfürst 
besonders  auch  noch  in  seinem  Briefe  vom  3.  Juli  ausgeführt. 
Er  verstieg  sich  zum  Entsetzen  des  Landgrafen  hier  zu  dem  Satze : 
„Wir  besorgen,  wan  schon  uf  allen  blettern  der  ganzen  biblien 
etwas  geschriben  stunde,  das  vor  dießen  S.  L.  handel  thete,  und 
wurde  an  tag  bracht,  so  wurden  sie  doch  berurt  ergemus  domit 
nicht  ablainen  noch  aus  der  leute  herzen  brengen,  dieweil  der 
ganzen  christenhait  gebrauch  darwidder,  auch  an  ime  selbst  ehr- 
licher, sitlicher  und  natürlicher,  auch  zu  rechter  ehelicher  eintracht 
dinstlicher  ist.“  Eben  um  solches  Aergernis  zu  verhüten,  hätten 
die  Theologen  Geheimhaltung  verlangt.  Das  Gewissen  des  Land- 
grafen bleibe  rein,  auch  wenn  die  Sache  nicht  bekannt  und  öflfent- 
lich  verteidigt,  sondern  für  eine  Buhlerei  gehalten  würde,  „dan 
wiewol  bulerei  auch  ain  ergernus  ist,  so  wirdets  doch  nicht  geacht. 
dieweil  es  laider  zu  gemain  ist“.  Immer  wieder  betonte  Johann 
Friedrich  darum  die  Notwendigkeit  der  Geheimhaltung,  da  die 
„großen  Häupter“  auf  ein  bloßes  Gerücht  hin  schwerlich  etwas  tun 
würden,  lieber  seine  eigene  weitere  Haltung,  wenn  der  Landgraf 
die  Sache  öffentlich  bekenne,  sprach  sich  der  Kurfürst  noch  nicht 
ganz  bestimmt  aus.  Doch  erklärte  er  es  für  unwahrscheinlich,  daß 
er  sich  dann  der  Sache  mitannehmen  könne,  da  zu  viele  Gründe  da- 
gegen sprächen  und  es  mit  beschwertem  Gewissen  geschehen  werde. 
Stets  beunruhigte  ihn  auch  der  Gedanke,  daß  andere,  etwa  kinder- 
lose .\dlige,  das  Beispiel  des  Landgrafen  nachahmen  könnten ‘). 

Philipp  hat  auf  diesen  Brief  ziemlich  heftig  geantwortet  und 
dabei  klar  formuliert,  was  er  von  den  Theologen  verlange,  nämlich 
ein  Zeugnis,  daß  die  Sache  nicht  wider  Gott  sei,  nicht  daß  sie  ihn 
wider  die  kaiserlichen  Gesetze  und  Rechte  verträten.  Dem  Kur- 
fürsten gegenüber  aber  bemühte  er  sich  nachzuweisen,  daß  man  der 
Obrigkeit  in  dieser  PYage  ohne  Gewissensbedenken  Widerstand 
leisten  könne,  besser  sogai-  als  in  der  der  PfaiFenehe,  der  Kloster- 
gelübde u.  ä.  Mindestens  bis  zu  einem  Konzil  müßte  man  die  Sache 
verteidigen.  IVieder  di’ohte  er  dann  damit,  daß  er  eventuell  bei 

1)  Or.  in  P.  A.  Kopie  des  Konzepts  in  R^.  C.  No.  292,  Bl.  269 — 278. 
Lenz,  I,  S.  342,  1.  Mit  diesem  Brief  schickte  der  Kurfürst  Kopie  der  Antwort, 
die  er  Bucer  im  Dezember  gegeben  hatte.  Uebrigens  nahmen  sowohl  Bucer  wie 
8turm  in  jener  Zeit  ganz  denselben  Standpunkt  wie  der  Kf.  in  der  Doppelehen- 
angelegenheit ein.  Vergl.  Lenz,  I,  8.  175.  P.  C.  III,  716f. 


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Bund  u.  Beicb;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemebmungeluet  153ü— 41.  2G.3 

Kaiser  und  König  Wege  suchen  werde,  um  der  Strafe  zu  entgehen, 
ohne  jedoch  vom  Evangelium  abzufallen.  Doch  deutete  er  an,  daß 
das  nur  im  äußersten  Notfall  geschehen  werde,  denn  so  lange  wie 
möglich  werde  er  ein  öffentliches  Bekenntnis  vermeiden  und  zwei- 
deutige Antworten  geben.  Als  Buhlerei  könne  er  allerdings  die 
Sache  nicht  bezeichnen,  aber  vielleicht  die  Person  als  eine  Kon- 
kubine, wie  Abraham  sie  gehabt  habe.  Ferner  wollte  er  das  Resultat 
der  Eisenacher  Konferenz  der  Theologen  und  Räte  abwarten‘). 

Diese  Eisenacher  Konferenz*)  war  vom  Landgrafen  selbst  am 
3.  Juli  angeregt  und  vom  Kurfüi-sten  schon  am  4.  freudig  accep- 
tiert  worden.  Eine  gründliche  Besprechung  auf  Grundlage  der 
zuletzt  ausgetauschten  Bedenken  schien  ein  geeignetes  Mittel,  um 
weitere  unerquickliche  Debatten  zu  verhüten  und  einen  einheit- 
lichen Standpunkt  zu  gewinnen.  Luther,  Melanchthon  und  wegen 
dessen  Erkrankung  Amsdorf,  Brück,  Pack,  Uttenhofen  und  Eberhard 
von  der  Thann  nahmen  von  sächsischer  Seite  teil.  Irgendwelche 
neue  Gedanken  sind  dabei  aber  eigentlich  nicht  zutage  getreten. 
Die  Sachsen  hielten  fest  an  dem  Standpunkt , daß  die  Sache 
geheimgehalten  werden  müsse,  und  daß  der  Landgraf  sich  durch 
zweideutige  Antworten  helfen  müsse,  im  äußersten  Notfall  rieten 
sie  zu  einer  Notlüge.  Die  Verteidigung  des  Landgrafen  gegen 
den  Kaiser  in  dieser  Sache  wollte  der  Kurfürst  nicht  über- 
nehmen*). Philipp  dagegen  war  wohl  bereit,  die  Sache  auch 
jetzt  noch  so  lange  wie  möglich  geheimzuhalten,  wünschte  aber, 
daß  man  ihn  auch  verteidige,  wenn  die  Geheimhaltung  nicht  mehr 
möglich  sei^).  Eine  wirkliche  Einigung  war  nicht  zu  erzieleu. 
Man  mußte  zufrieden  sein,  daß  der  Landgiaf  versprach,  einstweilen 
durch  zweideutige  Antworten  für  Geheimhaltung  der  Sache  zu 
sorgen.  Den  Hessen  gelang  es  dagegen  nicht,  die  Wittenberger  für 
die  Anschauung  ihres  Herrn  zu  gewinnen,  daß  die  Bigamie  nicht 
wider  Gott  sei,  ebenso  mußte  sich  der  Landgraf  klar  darüber  sein, 
daß  er  nicht  auf  die  Unterstützung  seiner  Verbündeten  zu  rechnen 


1)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  7,  Reg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  296 — 301,  Or.  Vergl.  Rock- 
well, S.  76f. 

2)  Vergl.  zum  folgenden  vor  allem  Rockwell,  S.  170ff. 

3)  Vergl.  etwa  Lenz,  I,  S.  376 f.  Ein  kursächBischee  Bedenken  etwa  vom 
16.  oder  17.  Juli  in  Reg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  120 — 131.  Rockwell,  8.  171. 

4)  Aufzeichnung  der  Rede  der  heegischen  Gesandten  vom  16.  Juli,  Reg.  C. 
a.  a.  O.  Bl.  112 — 114.  Vergl.  Rockwell,  8.  171. 


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264 


Kapitel  II. 


hätte,  wenn  er  wegen  seiner  Doppelehe  vom  Kaiser  zur  Ver- 
antwortung gezogen  würde.  Nur  solange  er  sich  nach  einem  von 
knrsächsischer  Seite  eingereichten  Bedenken  richtete,  wollte  man 
ihn  unterstützen ‘). 

Das  war  das  verhängnisvollste  Resultat  der  ganzen  An- 
gelegenheit, denn  wenn  es  auch  noch  eine  Weile  dauerte,  bis 
der  Landgraf  mit  dem  Kaiser  abschloß,  schon  von  jetzt  an  hielt 
er  es  für  nötig,  auf  diesen  Rücksicht  zu  nehmen  und  ihn  nicht 
unnütz  zu  reizen,  und  so  hatte  die  Doppelehenangelegenheit  eine 
höchst  unerwünschte  Lähmung  der  protestantischen  Politik  zur 
Folge.  Das  ist  der  Grund,  weshalb  manche  Forscher  die  Haltung 
des  Kurfürsten  in  dieser  Frage  hart  verurteilen,  sie  etwa  als  kurz- 
sichtig und  kleinmütig  bezeichnen  *).  Demgegenüber  muß  man 
bemerken,  daß  sie  sich  zunächst  von  Anfang  an  gleichblieb  und 
durchaus  konsequent  war,  ferner  daß  seine  Stellungnahme  nicht 
etwa  darauf  beruhte,  daß  er  die  möglichen  Folgen  nicht  erkannte, 
sondern  daiauf,  daß  eine  andere  für  ihn  seiner  Natur  nach  un- 
möglich war.  .\ls  Kleinmut  würde  es  ihm  erschienen  sein,  wenn 
er  ans  weltlichen  Gründen  etwas  zugestanden  hätte,  das  seinem 
Gewissen  widersprach.  Schärferen  Tadel  verdient  jedenfalls  die 
Haltung  des  Landgrafen,  der  jetzt  alle  politischen  Interessen,  die 
er  bisher  vertreten  hatte,  vor  allem  die  Sache  des  Protestantismus 
zurflcktreten  ließ  hinter  seiner  privaten  Angelegenheit.  Selbst 
Pläne,  die  er  bisher  empfohlen  hatte,  veru'arf  er  nun,  und  er 
machte  auch  gar  kein  Hehl  daraus,  daß  seine  Politik  nur  durch 
die  Haltung  seiner  Verbündeten  und  vor  allem  des  Kurfürsten  in 
der  Doppelehenangelegenheit  bestimmt  würde.  Dabei  sekundierte 
ihm  sein  Kanzler  Feige,  der  ihm  z.  B.  am  17.  Juli  schrieb,  daß  er 
sich  jetzt  auf  nichts  Neues  einlassen  dürfe,  vor  allem  nicht  auf 
Sachen,  die  ihn  in  Gegensatz  zum  Kaiser  bringen  könnten  *).  Dem- 
gemäß lautete  der  Befehl  des  Landgrafen  vom  18.,  und  sehr  un- 
verblümt brachte  er  seinen  egoistischen  Standpunkt  auch  in  dem 
Brief  an  Bucer  vom  24.  Juli  zum  Ausdruck.  In  beiden  Briefen 
äußerte  er  die  ja  schon  öfter  angedeutete  Absicht,  durch  Verhand- 

1)  Uttenhofen,  Brück  und  Pack  an  Kf.  Juli  20,  Reg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  311 
— 314.  Gemeint  ist  daa  Stück  bei  Kolde,  Analecta,  8.  360—365.  Rockwell, 
a 173  f. 

2)  So  Brandenburg,  I,  S.  102. 

3)  Lenz,  I,  S.  377  f. 


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Buod  a.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Cntemehmongelust  1536 — 41.  265 

langen  mit  dem  Kaiser  sich  vor  weltlicher  Strafe  zu  sichern,  wenn 
es  ohne  Schädigung  in  der  Religion  geschehen  könne.  Er  wai’ 
aber  bereit,  in  der  geldrischen  oder  französischen,  englischen  oder 
Wahlsache  auf  jeden  antikaiserlichen  Schritt  zu  verzichten  ‘). 

Wenn  man  diesen  Brief  des  Landgrafen  kennt,  wird  man  be- 
greifen, daß  der  große  Bundesplan  des  Kurfürsten  vom  2.  August 
auf  keinen  sehr  fruchtbaren  Boden  bei  ihm  fiel.  Er  ließ  sich  auch 
in  dieser  Sache  von  Feige  beraten,  hat  aber  dann  in  seiner  Antwort 
vom  8.  August  noch  in  etwas  stärkerer  Weise,  als  dieser  vorge- 
schlagen hatte,  die  Doppelehenangelegenheit  hervorgehoben  als  einen 
Grund,  der  ihn  nötige,  die  Huld  des  Kaisers  nicht  zu  verscherzen. 
Die  anderen  von  Feige  vorgebrachten  Argumente  von  der  Un- 
sicherheit der  Nachrichten  aus  Polen  wurden  allerdings  auch  mit- 
verwandt. Der  Landgraf  suchte  aber  offenbar  die  Sache  als  ein 
Pressionsmittel  auf  den  Kurfürsten  zu  benutzen,  indem  er  erklärte, 
er  könne  sich  jenen  Potentaten  gegenüber  erst  dann  mit  dem  Kur- 
fürsten in  etwas  einlassen,  wenn  er  wisse,  welche  Hilfe  er  von 
diesem  in  seiner  Sache  zu  erwarten  habe’). 

Nun  hatte  der  Kurfürst  noch  in  Eisenach  den  Eindruck  ge- 
habt, als  sei  der  Landgraf  mit  der  Schickung  einverstanden  ge- 
wesen. Er  geriet  daher  über  seinen  jetzigen  Rückzug  in  die 
höchste  Entrüstung,  wurde  natürlich  aber  dadurch  nicht  zu  irgend- 
welcher Nachgiebigkeit  in  der  Doppelehensache  bestimmt.  Er 
dachte  wohl  daran,  diese  jetzt  vor  die  Bundesstände  zu  bringen, 
um  einen  Rückhalt  an  ihnen  zu  haben.  Davon  rieten  Brück 
und  Pack  ihm  aber  dringend  ab  aus  Rücksicht  auf  den  Land- 
grafen und  wegen  der  Geheimhaltung.  Wie  es  seine  Art  war,  wai’ 
Johann  Fiiedrich  geneigt,  Philipp  jetzt  gleich  vollkommen  auf- 
zugeben und  auch  au  seiner  Aufrichtigkeit  in  der  Religionssache 
zu  zweifeln.  An  seinem  Bundesplan  aber  hielt  er  zunächst  noch 
fest.  Die  Sendung  nach  Frankreich  wollte  er  allerdings  bis  zur 
Rückkehr  Wallenrods  verschieben,  die  nach  Polen  und  Ungarn  aber 
vornehmen.  Erst  Brück  veranlaßte  ihn,  auch  diese  vorläufig  zu 
unterlassen  und  sich  beim  Großmarschall  von  Polen  mit  dem  Ge- 


1)  Lenz,  I,  S.  379 f.  und  201  ff. 

2)  Feige  an  Ldgf.  Aug.  6,  P.  A.  No.  532,  Bl.  22  ff.,  Hdbf.  Ldgf.  an  Kf. 
Aug.  8,  Reg.  H.  p.  359,  No.  139,  Or.  Aehnlich  Sept.  3,  B^.  H.  p.  365,  No.  140, 
Bl.  17 — 21,  Or.  Hier  verlangt  er  Sicherheit,  daß  auch  die  Könige  ihn  in  den 
Sachen,  die  ihm  am  heftigsten  anli^en,  unterstützen. 


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266 


Kapitel  II. 


rücht  vom  Tode  Johanns  von  Ungarn  zu  entschuldigen,  über  den 
man  erst  Erkundigungen  einziehen  müsse ‘). 

Im  Sinne  dieser  Ratschläge  antwortete  der  Kurfürst  auch  am 

25.  August  dem  Landgrafen.  In  der  Frage  der  Doppelehe  verwies 
er  auf  den  Eisenacher  Ratschlag  und  darauf,  daß  Philipp  keine 
Gefahr  zu  fürchten  habe,  wenn  er  sich  an  diesen  hielte.  Da  darin 
dem  Landgrafen  geraten  war,  das  Kammergericht  zu  rekusieren, 
wenn  es  ein  Verfahren  gegen  ihn  begönne,  fragte  dieser  nun  wieder 
bei  Johann  Friedrich  an,  ob  er  auf  Hilfe  rechnen  könne,  wenn  ihm 
wegen  dieser  Rekusation  etwas  Tätliches  begegne.  Die  Folge  dieser 
Anfrage  war  die  entgegenkommendste  Erklärung,  die  der  Kurfürst 
in  der  Doppelehenangelegenheit  abgegeben  hat.  Er  verwies  darauf, 
daß  schon  im  Eisenacher  Ratschlag  an  zwei  Stellen  hervorgehoben 
sei,  daß  der  Landgraf  sowohl  von  den  Erbeinungs-  wie  von  den 
Religionsverwandten  unterstützt  werden  werde,  wenn  man  ihn  nicht 
die  ordentlichen  Rechtsmittel  genießen  ließe,  sondern  „widder  recht 
und  unausgefurter  Sachen,  do  E.  L.  der  dinge  nit  gestendig  wheren“, 
mit  der  Tat  beschwerte.  Bei  dieser  Erklärung  hat  sich  dann 
der  Landgraf  beruhigt’).  Als  wirklich  ausreichend  ist  sie  ihm 
schwerlich  erschienen,  seine  Politik  wurde  daher  auch  weiterhin 
durch  die  Rücksicht  auf  die  Bigamie  gelähmt,  und  auch  auf  kur- 
fürstlicher Seite  bestand  ein  gewisses  Mißtrauen  fort. 

Man  kann  überhaupt  den  Einfluß  dieses  Zwistes  auf  die  pro- 
testantische Politik  der  nächsten  Zeit  gar  nicht  hoch  genug  an- 
schlagen. Wohl  fehlte  es  nicht  an  Versuchen,  den  Streit  auszu- 
gleichen, etwa  den  Landgrafen  über  die  Haltung  Luthers  und  des 
Kurfürsten  zu  beruhigen  oder  diesen  zu  größerem  Entgegen- 
kommen zu  bestimmen,  besonders  Bucer  Anden  wir  bis  zum 
Schlüsse  des  Jahres  in  diesem  Sinne  tätig*).  Die  Hartnäckigkeit 
beider  Teile  war  aber  zu  groß  und  vor  allem  das  gegenseitige  Miß- 
trauen zu  lebhaft.  Immer  wieder  tauchte  auf  kursächsischer  Seite 
der  Gedanke  auf,  daß  der  Landgraf  beabsichtige,  die  ganze  Sache 
publik  zu  machen,  ja  man  traute  ihm  schließlich  sogar  .Abfall  vom 

1)  Kf.  an  Brück  Aug.  14.  Keg.  U.  p.  301,  No.  123,  Or.  Brück  an  Kf. 
Aug.  24,  R^.  H.  p.  359,  No.  139,  Or. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  25,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  8ept.  3,  Kopie.  Kf.  an  Ldgf. 
Sept.  17,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  1,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie. 
Die  Briefe  des  Ldgf.  im  Or.  in  Reg.  H.  p.  365,  No.  140. 

.3)  Bucer  an  Ldgf.  Aug.  8,  Sept.  16,  Lenz,  I,  S.  206  ff.  210  ff.,  Not.  22, 

26,  S.  235  ff.  240  ff.  etc.  bis  Dez.  31,  8.  292  f. 


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Band  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungelust  1536 — 41.  267 

Bunde  und  Verbindnng  mit  dem  Kaiser  etwa  gegen  Jülich  zu>), 
während  andererseits  der  Landgraf  zwar  an  den  Eisenacher  Be- 
schlüssen zunächst  festhielt,  aber  im  Grunde  mit  ihnen  sehr  unzu- 
fineden  war*)  und  glaubte,  sich  über  diese  hinaus  für  die  Zukunft 
sichern  zu  müssen.  Gerade  dieser  Gedanke  machte  ihn  aber  un- 
zugänglich für  die  antikaiserlichen  Bundespläne,  die  der  Kurfürst 
auch  in  der  nächsten  Zeit  noch  lebhaft  betrieb. 

Johann  Friedrich  wurde  dazu  zunächst  bestimmt  durch  neue 
bedenkliche  Nachrichten,  die  ihm  über  die  Absichten  des  Kaisers  zu- 
gingen. Wallenrod  brachte  aus  Frankreich  mancherlei  derartige 
Gerüchte  mit  und  bestärkte  dadurch  den  Kurfürsten  in  seiner  Ueber- 
zeugung  von  der  Notwendigkeit  der  Gesandtschaft  nach  Franki  eich  *). 
Dazu  kamen  dann  die  engen  Beziehungen,  in  die  jetzt  der  Herzog 
von  Jülich  mit  Frankreich  getreten  war,  nachdem  die  Verbindung 
mit  England  sich  gelöst  hatte  und  nachdem  auch  die  Versuche 
König  Ferdinands  und  des  Herzogs  von  Braunschweig,  ihn  mit  dem 
Kaiser  zu  versöhnen,  gescheitert  waren.  Seine  Vermählung  mit 
Johanna  von  Navarra,  der  Nichte  des  Königs,  schien  sicher,  ein 
Bund  war  geschlossen.  Den  augenblicklichen  Stimmungen  Johann 
Friedrichs  entsprach  es  durchaus,  ihn  zu  einem  Bunde  zwischen 
Frankreich,  Dänemark,  Jülich  und  den  Schmalkaldenein  zu  er- 
w'eitern*).  War  das  aber  denkbar  ohne  den  Landgrafen? 

1)  Kf.  an  Brück  Aag.  8,  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  339,  Or.  Brück  an  Kf. 
Okt.  27,  Reg.  H.  p.  295,  No.  121,  I,  Hdbf.,  Brück  an  Kf.  1541  Jan.  1,  R^.  H. 
p.  335,  No.  134,  III,  Hdbf. 

2)  An  Bucer  Juli  24.  Lenz,  1,  S.  201  ff. 

3)  Bericht  Wallenrods  vom  1.  Sept.,  Reg.  C.  No.  869,  Bl.  102 — 120.  Vergl. 
Vetter,  NASQ.,  XIV,  31. 

4)  Im  April  war  Hz.  Wilhelm  w^en  der  Vermittlung  Ferdinands  und 
Heinrichs  von  Braunschweig  selbst  in  Gent  gewesen.  Der  Kf.  war  wenig  damit 
einverstanden  und  ließ  die  Zusammenkunft  durch  Planitz  beobachten.  H c i d r i c h , 
S.  43,  und  die  Korrespondenz  mit  Planitz,  Reg.  H.  p.  290,  No.  120  I.  p.  321, 
No.  130  A,  mit  Hz.  Wilhelm,  Reg.  C.  No.  868  II.  Die  Vermittlung  scheiterte 
aber,  und  Planitz  war  mit  der  Haltung  des  Hzs.  sehr  zufrieden.  An  Kf.  Mai  6, 
R^.  H.  p.  321,  No.  130  A.  Hdbf.  Der  Kf.  riet  nun  dem  Herzog  wieder  sehr, 
sich  einen  Rücken  zu  machen.  (Mai  26,  Reg.  C.  No.  869,  Bl.  22 — 27.)  Hz. 
Wilhelm  erfüllte  gewissermaßen  diesen  Wunsch  durch  die  Verbindung  mit  Frank- 
reich (an  Kf.  Juni  11,  Reg.  C.  ebenda  Bl.  45—48.  50 — 51;  Heidrich,  S.  49). 
Johann  Friedrich  war  sehr  damit  einverstanden,  wie  er  durch  die  Sendung 
Wallenrods  bewies.  Vom  16.  Juli  ist  dann  schon  der  Heiratsvertrag  zwischen 
Wilhelm  imd  Jeanne  d’Albret.  Ruble,  S.  273—278.  Gerade  in  derselben  Zeit 
kam  die  Nachricht  von  der  Scheidung  Heinrichs  VIII.  von  Anna.  (Wilh.  an 


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268 


Kapitel  II. 


Die  sächsischen  Politiker  sind  sich  Tollkommen  darQber  klar 
gewesen,  daß  das  sehr  schwierig  sein  werde  *),  und  haben  sich  da- 
her bemüht,  Philipp  trotz  der  Differenzen  über  die  Doppelehe 
doch  noch  zur  Beteiligung  an  den  französischen  Verhandlungen 
zu  bestimmen.  Eingedenk  des  Korbes,  den  er  sich  im  August  ge- 
holt hatte,  dachte  Johann  Friedrich  eine  Zeitlang  damn,  Brück  an 
den  Landgrafen  schreiben  zu  lassen,  da  er  es  für  seine  Pflicht 
hielt,  wenigstens  auf  diese  Weise  noch  einen  Versuch  zur  Ge- 
winnung Philipps  zu  machen,  schließlich  hat  er  doch  selbst  ge- 
schrieben*). Unter  Hinweis  auf  den  beiliegenden  Bericht  Wallenrods 
hob  er  hervor,  wie  wichtig  es  für  sie  beide  sein  werde,  einen  Rück- 
halt an  Frankreich  zu  haben,  wenn  der  Kaiser  wirklich  einen  inner- 
lichen Krieg  in  Deutschland  erregen  wolle,  wie  man  aus  Frankreich 
berichte.  Da  der  Kurfürst  aber  gleichzeitig  eine  Hineinziehung  der 
„bewußten  Sache“  in  die  Bundesverhandlungen  für  ausgeschlossen  er- 
klärte, blieb  auch  der  Landgraf  auf  seinem  ablehnenden  Standpunkt*). 

Johann  Friedrich  war  aber  so  überzeugt  von  der  Nütz- 
lichkeit der  Verbindung  mit  Fi-ankreich,  daß  er  die  Verhand- 
lungen ruhig  weiterführte,  in  der  Hoffnung,  später  auch  die  Schmal- 
kaldener  dafür  zu  gewinnen.  Bei  dieser  Fortfühning  der  Bundes- 
verhandlungen bildete  der  jülichsche  Diplomat  Cruser  den  Haupt- 
vermittler. Ihn  sandte  der  Herzog  mit  Udenheimer  zusammen 

Kf.  Juli  13  und  21,  Heg.  H.  p.  260,  No.  111  III,  Or.)  Der  Kf.  war  sehr  empört, 
riet  von  jeder  weiteren  Verbindung,  mit  dem  Kg.  ab  (an  Wilhelm  Juli  25,  31, 
Aug.  24,  Beg.  H.  ebenda,  Konz.).  Daß  für  den  Kf.  die  Verbindung  mit  Frank- 
reich nun  an  Steile  der  mit  England  trat,  besonders  für  den  Schutz  Geldems, 
zeigt  sein  Brief  an  den  Ldgf.  vom  4.  August,  Keg.  C.  No.  475,  Konz.  Auch  Hz. 
Wilhelm  gegenüber  sprach  er  eich  sehr  erfreut  über  das  französische  Bündnis  ans, 
Aug.  21,  Reg.  C.  No.  870,  Bl.  7/8. 

1)  Betrachtungen  darüber,  ob  der  Kf.  allein  mit  Frankreich  abschliefien 
solle,  in  Brief  Brücks  an  Kf.  vom  24.  Aug.,  Keg.  H.  p.  350,  No.  139,  Or. 

2)  Kf.  an  Brück  [vor  Sept.  17],  Reg.  C.  No.  869,  Bl.  131 — 135,  Konz.  Kf.  an 
Ldgf.  Sept.  17,  P.  A.  Sachsen,  Eroestinische  Linie,  Or.  Reg.  H.  p.  365,  No.  140, 
BL  83—93,  Konz,  mit  sehr  vielen  Korrekturen  Brucks.  VergL  Vetter,  N.\SG. 
XIV,  8.  27.  31. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  1,  Reg.  H.  p.  365,  No.  140,  Bl.  121 — 124,  Or.,  mit  der 
Dorsalbemerkung:  Hierauf  ist  nit  geantwort.  Der  Brief  ist  immerhin  nicht  ganz 
hoffnungslos.  Die  Doppelehenangelegenheit  sollte  nur  in  verblümter  Form  genannt 
werden,  auch  erklärte  sich  der  Landgraf  den  Bündnisverhandlungen  nicht  ganz 
abgeneigt,  wenn  Dänemark,  Lüneburg  und  Württemberg  teilnähmen.  Offenbar 
wünschte  er  schon  damals  die  Fortführung  der  Verhandlungen  durch  den  Kf. 
ohne  ihn. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungslust  1536 — 41.  269 

am  6.  Oktober  an  den  Kurfürsten.  Cruser  war  kurz  vorher  in 
Frankreich  f^ewesen  und  konnte  auch  direkte  Aufträge  des  Königs 
an  Johann  Friedrich  übermitteln.  Sie  zeigten  aufs  deutlichste,  daß 
Franz  ein  Bündnis  mit  Jülich  und  den  Schmalkaldenern  wünschte 
und  es  gelegentlich  einer  Gesandtschaft  der  letzteren  an  ihn,  die 
der  Kurfürst  herbeiführen  sollte,  zum  Abschluß  zu  bringen  hoffte. 
Johann  Friedrich  hat  die  Verhandlungen  mit  Cruser  teils  persön- 
lich, teils  durch  einen  seiner  Räte  geführt  und  dabei  das  seiner 
eigenen  Stimmung  entsprechende  Entgegenkommen  und  die  Zurück- 
haltung, die  durch  die  Ungewißheit  der  Haltung  seiner  Verbündeten 
und  das  stets  vorhandene  Mißtrauen  gegen  Frankreichs  Ehrlichkeit 
geboten  war,  in  geschickter  Weise  verbunden.  Er  sprach  sich 
persönlich  sehr  entschieden  für  das  Bündnis  aus  und  erklärte  sich 
auch  bereit,  mit  seinen  Verbündeten  auf  dem  Bundestage,  der  in 
IVs  Monaten  stattfinden  sollte,  über  die  Sache  zu  verhandeln.  Er 
erklärte  auch,  weshalb  man  nicht  gleich  auf  Baifs  Anregung  hin 
eine  Gesandtschaft  nach  Frankreich  geschickt  habe.  Er  unterließ 
aber  nicht,  an  die  schlechten  Erfahrungen  zu  erinnern,  die  man  1538 
gemacht  habe.  Sie  erschwerten  es  den  Verbündeten,  ihrerseits 
Vorschläge  über  das  Bündnis  zu  machen.  Es  mag  mit  diesen  Er- 
innerungen Zusammenhängen,  wenn  Johann  Friedrich  sich  auch 
gegen  eine  Gesandtschaft  der  Verbündeten  nach  Frankreich  aus- 
sprach,  vielmehr  empfahl,  daß  beiderseitige  Gesandte  auf  jülichschem 
oder  geldrischem  Gebiete  zusammenkämen.  Cruser  ging  darauf 
ein  und  schlug,  allerdings  ohne  Auftrag,  Neideck  bei  Düren  [Ni- 
deggen]  dafür  vor.  Für  dringend  erforderlich  erklärte  der  Kurfürst 
es  auch,  daß  man  sich  über  die  Modalitäten  des  Bundes  schon  vor 
der  Zusammenschickung  einige,  da  die  deutschen  Stände  ja  ihre 
Gesandten  nicht  plene  zu  instruieren  pfiegten. 

Cruser  übernahm  es,  diese  Vorschläge  an  König  Franz  ge- 
langen zu  lassen,  während  Johann  Friedrich  sich  bemühen  wollte, 
seine  Verbündeten  zu  gewinnen.  Beide  Teile  sollten  über  das 
Resultat  ihrer  Verhandlungen  dem  Herzog  von  Jülich  berichten. 
Auf  die  Frage,  welcher  Art  dessen  Stellung  im  Bunde  sein  sollte, 
vermochte  Cruser  keine  bestimmte  Antwort  zu  geben.  Der  Herzog 
hat  sich  später  dahin  erklärt,  daß  er  eine  Partei  für  sich  in  dem 
Bunde  bilden  wolle ‘). 

1 ) Kredenz  Cmsen  und  Udenheimers  vom  6.  Okt.,  B^.  C.  No.  870,  Bl.  10, 
Heidrich,  8.  49.  Die  Akten  über  die  VerhandlnDgeD,  die  am  22.  Oktober 


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270 


Kapitd  II. 


Die  Aufgabe  des  Kurfürsten  war  nun  also  die  Gewinnung 
seiner  Bundesgenossen,  eine  Aufgabe,  bei  der  er  bald  auf  große 
Schwierigkeiten  stieß.  Es  hatte  zwar  nicht  allzuviel  zu  besagen, 
wenn  Ulrich  von  Württemberg  die  Teilnahme  an  dem  Bunde  ab- 
lehnte, solange  der  König  ihm  eine  Geldsumme,  die  er  ihm 
schuldete,  nicht  bezahlt  hätte’),  schlimm  aber  war,  daß  der  Land- 
graf auch  jetzt  in  seinem  Widerstande  beharrte.  Er  war  dagegen, 
daß  die  Frage  der  Verbindung  mit  Frankreich  in  das  Ausschreiben 
des  Bundestages  zu  Naumburg  selbst  käme,  nur  auf  einem  beson- 
deren Zettel,  den  er  nur  im  Namen  des  Kurfürsten  ausgehen  ließ, 
durfte  ihrer  gedacht  werden  •).  Auch  durch  Bucer  ließ  sich  Philipp 
von  seiner  Passivität  nicht  abbringen®).  Dazu  kam  nun,  daß  man 
auf  protestantischer  Seite  mit  Recht  stets  im  Zweifel  war,  wie  weit 
man  sich  bei  den  Parteigegensätzen  in  Frankreich  auf  die  von  dort 
ergehenden  Aeußerungen  und  Gesandtschaften  verlassen  könne*), 
und  daß  man  beständig  Nachrichten  von  Verfolgungen  der  fran- 
zösischen Protestanten  erhielt.  Johann  Friedrich  hat  diese  aller- 
dings in  dieser  Zeit  merkwürdig  leicht  genommen,  auf  andere 
Stände  aber,  besonders  auf  Straßburg  haben  sie  viel  Eindruck  ge- 
macht. Sie  waren  infolgedessen  wohl  zu  einer  Sendung  nach 
Fi  ankreich  eben  wegen  dieser  Verfolgungen  geneigt,  aber  nicht  gerade 
sehr  für  eine  engere  Verbindung  mit  dem  König  eingenommen®). 


stattfanden,  ebenfalls  Keg.  C.  No.  870.  üeber  die  Antwort  des  Kf.  vergl.  Belo  w , 
I,  S.  336  f.,  zu  ergänzen  aus  Reg.  C.  No.  870,  Bl.  26 — 36.  51 — 54.  60 — 63.  72/73. 
Die  Antwort  Herzog  Wilhelms  auf  Cmsers  Bericht  bei  Below,  I,  S.  337 f. 

1)  Ulrich  an  Kf.  Nov.  6,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  5.  Heid  rieh.  S.  50. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  6,  Reg.  H.  p.  364,  No.  141,  Or.  An  die  Dreizehn 
von  StraCburg  Nov.  17,  P.  C.  III,  124. 

3)  Bucer  an  Ldgf.  Nov.  3.  Lenz,  I,  S.  220 ff. 

4)  Die  Protestanten  waren  stets  geneigt,  du  Bellav  und  seiner  Partei  mehr 
zu  trauen,  als  solchen,  die  wie  Vergerio,  der  im  November  auf  dem  Wormser  Tage 
erschien,  oder  Barnabas  de  la  Forde  zur  Partei  des  Kanzlers  oder  des  Kardinals 
von  Toumon  gehörten.  (Räte  in  Worms  an  Kf.  Nov.  14,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I, 
Or.  Dölzig  an  Kf.  Nov.  15,  ebenda  Or. ; vergl.  P.  C.  III,  127  f.)  Herzog  Wil- 
helm dagegen  warnte  gerade  vor  dem  Connetable  und  dem  Kardinal  du  Beilay 
und  empfahl  den  Kanzler  und  den  Kardinal  de  Tournon.  (Sendung  Udenheimers 
Nov.  28,  seine  Werbung  Dez.  12,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  25.  51 — 55.  Heidrich, 
8.  50.  Burchard  an  Kf.  1541  Jan.  4.  Kf.  an  Burchard  Jan.  10,  R^.  H.  p.  329, 
No.  133  I.) 

5)  Verhandlungen  des  Kf.  mit  Johann  von  Heideclt,  dem  Gesandten  Wil- 
helms von  Fürstenberg,  Nov.  19,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  7 — 15.  Heidrich,  S.  50. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmuagslust  1536 — 41.  271 

Man  konnte  daher  eigentlich  schon  voraussehen,  daß  die  kurfürst- 
lichen Vorschläge  in  Naumhnrg  nicht  viel  Anklang  finden  würden, 
und  es  wäre  nicht  zu  verwundern,  wenn  auch  Johann  Friedrich 
durch  diese  Widerstände  beeinflußt  worden  wäre.  Das  war  insofern 
allerdings  der  Fall,  als  er  sich  scheute,  etwa  dem  französischen  Ge- 
sandten Fossanus  gegenüber  irgendwelche  bestimmten  Erklärungen 
über  das  Bündnis  abzugeben,  da  er  keine  Hoffnungen  beim  Könige 
erwecken  wollte,  die  nachher  nicht  erfüllt  würden  *),  persönlich  aber 
hielt  er  an  dem  Bundesplan  durchaus  fest  und  hat  auch  mit  dem 
Herzog  von  Jülich  und  mit  Cruser  die  Verhandlungen  über  die 
Bündnisbedingungen  fortgesetzt.  König  Franz  und  der  Herzog 
dachten  sich  den  Bund  entsprechend  dem,  der  zwischen  ihnen  selbst 
schon  bestand,  als  ein  Defensivbündnis  gegen  jedermann  außer 
gegen  das  Reich.  Gegenseitig  sollte  man  sich  Leute  unterhalten, 
ohne  daß  die  Höhe  der  Unterstützung  festgesetzt  werden  sollte; 
kein  Teil  sollte  neue  Bündnisse  schließen,  ohne  den  anderen  Teil 
mitaufzunehmen  *).  Johann  Friedrich  hat  keine  bestimmten  Er- 
klärungen über  diese  Vorschläge  abgegeben*).  Nicht  ganz  wüd 
er  wohl  damit  einverstanden  gewesen  sein,  daß  der  König  die  Zu- 
sammenschickung von  Räten  an  einen  dritten  Ort  ablehnte  und 
erneut  um  eine  Gesandtschaft  der  Protestanten  bat,  doch  hat  er 
auch  für  diesen  Wunsch  des  Königs  seine  Gesandten  in  Naumburg 
wirken  lassen.  Ob  dort  etwas  erreicht  wurde,  hing  aber  natürlich 
vor  allem  wieder  von  der  Haltung  des  Landgrafen  ab. 


Verhaodlungen  des  Ldgfen.  mit  de  la  Fot^  (Fossanus)  am  28.  Not.,  Reg.  H. 
p.  313,  No.  128  und  p.  364,  No.  141.  Lenz,  I,  8.  248.  496.  Verhandlungen 
des  Kf.  mit  Fossanus  Dez.  8,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  37 — 48,  No.  870,  Bl.  77/78; 
Reg.  H.  p.  313,  No.  128;  P.  C.  III,  S.  138.  Für  die  Stellung  des  Kf.  ist  auch  . 
charakteristisch  der  Brief  an  Burchard  vom  10.  Jan.  1,541  (siehe  die  vorige  An- 
merkung) und  einer  an  seine  Räte  in  Naumburg  vom  9.  Jan.,  Reg.  H.  p.  335, 
No.  134,  I,  Or.  Er  hielt  für  möglich,  daß  die  Protestantenverfolgungen  eine 
hessische  Eirfindung  seien. 

1)  Siehe  die  vorige  Anmerkung.  Aehnlich  Kf.  an  Burchard  und  Genossen 
Nov.  27,  P.  C.  III,  128  Anm.  2;  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Or. 

2)  VergL  die  Werbung  Udenheimers,  S.  270  Anm.  4.  Hz.  Wilhelm  an  Kf. 
Dez.  12,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  57—60.  63.  65.  Beilage:  die  von  Cruser  über- 
brachten Vorschläge,  Bl.  61. 

3)  Daß  er  nicht  sehr  mit  ihnen  einverstanden  war,  zeigt  sein  Brief  an  Brück 
und  Pack  vom  23.  Dez.,  Reg.  C.  No.  871,  Bl.  84 — 86.  Er  wünschte  eine  klarere 
Formulierung  der  Leistungen. 


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272 


Kapitel  II. 


Da  stand  es  nun  nicht  so,  daß  Philipp  unter  allen  Umständen 
gegen  ein  Bündnis  mit  Frankreich  gewesen  wäre.  Seine  Stimmung 
war  etwa  im  November  derart,  daß  er  meinte,  jedenfalls  entweder 
beim  Kaiser  oder  bei  Frankreich  Anschluß  suchen  zu  müssen.  Er 
zog  dabei  die  Verbindung  mit  dem  Kaiser  vor,  war  aber  bereit, 
wenn  aus  jenen  Verhandlungen  nichts  würde,  die  von  Frankreich 
dargebotene  Hand  zu  ergreifen*).  Darum  war  es  ihm  gar  nicht 
so  unrecht,  daß  der  Kurfürst  die  Verhandlungen  mit  Frankreich 
so  eifrig  betrieb  und  dieses  dadurch  festhielt.  Noch  in  Worms 
kamen  dann  aber  seine  Verhandlungen  mit  der  anderen  Partei  so 
weit,  daß  es  kein  Zurück  mehr  gab  und  daß  jede  Verbindung  mit 
Frankreich  für  ihn  unmöglich  wurde  *).  Die  verzweifelten  .-Vnstren- 
gungen,  die  Bucer  und  Sturm  jetzt  noch  machten,  zwischen  dem 
Kurfürsten  und  ihm  in  der  Frage  der  Doppelehe  eine  Einigung 
herbeizuführen“),  konnten  zu  keinem  Resultat  kommen,  nicht  des- 
halb, weil  die  vorgeschlagenen  Bedingungen  für  Philipp  unannehm- 
bar waren*),  sondern  weil  er  sich  mit  den  Kaiserlichen  schon  zu 
weit  eingelassen  hatte. 

Unter  diesen  Umständen  waren  natürlich  auch  die  Versuche 
des  Kurfürsten,  in  Naumburg  für  das  Bündnis  mit  und  die  Gesandt- 
schaft nach  Frankreich  zu  wirken,  hoffnungslos.  Johann  Friedrich 
nahm  sich  aber  der  Sache  zunächst  noch  mit  großem  Eifer  an  und 
war  bereit,  eventuell  auch  nur  mit  Dänemark,  Hessen,  Wüittem- 
berg,  Straßburg  und  anderen  Städten  den  Bund  zu  schließen  “).  Gar 

1)  Besonders  charakteristisch  ist  der  Brief  des  Ldgfen.  an  Feige  vom  23.  Nov., 
P.  A.  No.  556,  Kons.  Er  scheute  sich  nicht,  von  den  mit  Frankreich  im  Gtang 
befindlichen  Verhandlungen  Granvella  Mitteilung  zu  machen,  um  dadurch  einen 
Druck  auf  ihn  auszuQben. 

2)  Auf  die  Einzelheiten  dieser  Verhandlungen  braucht  hier  nicht  «nge- 
gangen  zu  werden. 

3)  P.  C.  III,  717  f.  Lenz,  I,  8.  292  Anm.  3.  Burchard  an  Kf.  Dez.  13, 
Reg.  C.  No.  292,  Bl.  360-363.  Kf.  an  Burchard  Dez.  21,  Reg.  H.  p.  329, 
No.  133,  I,  Or.;  an  Brück  Dez.  21,  It^.  H.  p.  335,  No.  134,  III,  Or.  Brück 
an  Burchard  Dez.  24,  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  364 ; an  Kf.  Dez.  24,  ebenda  Bl.  367  f. 

4)  So  P.  C.  III,  718,  aber  schon  am  15.  Dez.  schreibt  der  Landgraf,  es  sei 
zum  Rückzug  von  den  Verhandlnngen  mit  Granvella  schon  zu  spät.  Fortsetzung 
der  anderen  Verhandlungen  wünschte  er  nur  noch  zur  Stärkung  seiner  Position; 
an  Bucer  Lenz,  1,  8.  270 f. 

5)  Kf.  an  Brück  und  Pack  Dez.  23,  Reg.  C.  No.  871,  BL  84—86.  Ich  ver- 
mag nicht  mit  Heidrich,  8.  51,  1 aus  diesem  Brief  auf  ein  Nachlassen  des  Eifers 
des  Kf.  zu  schließen. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536—41.  273 

nicht  einverstanden  war  er  mit  dem  besonders  von  Straßburg  ver- 
tretenen Gedanken,  daß  man  nur  wegen  der  Protestantenverfolgungeu 
nach  Frankreich  schicken  solle.  Das  schien  ihm  ganz  zwecklos. 
Er  glaubte,  daß  man  dadurch  den  König  nur  vor  den  Kopf  stoßen 
und  auch  iu  dieser  Sache  nichts  erreichen  werde  ‘).  Seinen  Befehlen 
entsprechend  haben  seine  Räte  in  Naumburg  zunächst  mit  den 
Stimmständen  verhandelt,  und  zwar  erst  mit  den  einzelnen,  dann 
mit  allen  zusammen,  aber  alle  ihre  Bemühungen  waren  vergeblich. 
Nur  Herzog  Ernst  von  Lüneburg  und  Bremen  sprachen  sich  für 
den  Bund  aus,  die  Mehrheit  war  nur  für  ein  Schreiben  oder  eine 
Schickung  nach  Frankreich  wegen  der  verfolgten  Protestanten  zu 
haben.  Der  Gedanke  einer  Gesandtschaft  im  Sinne  des  Kurfürsten 
und  des  Königs  wurde  zwar  nicht  ganz  abgelehnt,  aber  seine  Aus- 
führung verschoben.  Man  sollte  sich  zunächst  entschuldigen,  daß 
man  auf  das  Anbringen  Baifs  nicht  geantwortet  habe,  und  auf 
dem  Regensburger  Reichstag  sollten  die  Vertreter  der  einzelnen 
Stände  über  die  Frage  des  Bündnisses  mit  Frankreich,  Dänemark 
und  Jülich  instruiert  sein.  Das  heißt  also,  man  woUte,  wie  auch 
der  Landgraf  geraten  hatte,  erst  die  weitere  Entwicklung  des  Ver- 
hältnisses zum  Kaiser  abwarten’).  Johann  Friedrich  war  zwar  mit 
dieser  Haltung  der  Verbündeten  durchaus  nicht  zufrieden,  aber  es 
blieb  ihm  zunächst  nichts  anderes  übrig,  als  sich  zu  fügen*).  — 
Die  Trübung  des  Verhältnisses  der  beiden  Bundeshauptleute 
hat  nicht  nur  auf  die  Beziehungen  zu  Frankreich  störend  ein- 
gewirkt, auch  die  sonstigen  Bundesverhandlungen  in  Naumburg 
sind  dadurch  beeinflußt  worden.  Wir  werden  das  im  Interesse  des 
Protestantismus  deswegen  bedauern  dürfen,  weil  gerade  in  jener 


1)  Sturm  au  Burchard  Reg.  C.  No.  870,  Bl.  59;  P.  C.  III,  151.  Baum- 
garten,  Briefwechsel,  S.  11.  19,  Änm.  Doch  herrscht  bei  ihm  in  der  Datierung 
eiuige  Verwirrung.  Kf.  an  Brück  Dez.  27,  Reg.  H.  p.  313,  No.  128,  Auszug;  an 
Dölzig  und  Burchard  Dez.  30,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  III,  Or. 

2)  Kf.  an  die  Räte  in  Naumburg  Dez.  23,  Reg.  C.  No.  871,  BI.  84 — 86. 
Pack  und  Brück  an  Kf.  Dez.  31,  R^.  H.  p.  335,  No.  13*1,  III,  Or.  Brück 
an  Kf.  Jan.  4,  ebenda,  Or.  Ebenda  fase.  I ein  Stück:  Was  zu  Naumburg  mit 
den  stimstenden  Frankreich  halben  gehandelt,  1541.  Zusanimenfassender  Be- 
richt Brücks  an  Kf.  vom  25.  Jan.,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Or.  Burchard  an 
Kf.  Jan.  4,  ebenda,  Hdbf.;  an  Brück  Jan.  14,  C.  R.  IV,  22—24.  Danz,  8.  104 
—106. 

3)  Dies  ist  gegen  Heidricb,  S.  51  zu  betonen.  Vergl.  etwa  Kf.  an  Hz. 
V.  Jülich  Jan.  28,  Reg.  C.  No.  872,  Bl.  33 — 42. 

Beiträge'  zur  neaereu  Geschichte  Thüringens  I,  2.  1 B 


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274 


KapitpJ  II. 


Zeit  Kurfürst  Johann  Friedrich  von  einer  seltenen  Unternehmungs- 
lust beseelt  und  durchaus  davon  überzeugt  war,  daß  auf  einen 
dauernden  Frieden  mit  den  Gegnern  nicht  zu  rechnen  sei').  Er 
bedauerte  lebhaft,  daß  man  den  Bund  nicht  schon  in  Schmalkalden 
seinen  Vorschlägen  entsprechend  auf  Profansachen  ausgedehnt 
habe*),  er  war  jetzt  besonders  über  das  Verfahren  gegen  Braun- 
schweig und  Goslar  empört  und  war  der  Meinung,  daß  man  in 
Naumburg  darüber  Beschluß  fassen  müsse,  wie  man  sich  „mit 
Tapferkeit  finden  und  mit  Gottes  Hilfe  nicht  hinziehen  lassen 
wolle“  ®). 

Die  Unterstützung  der  beiden  Städte  war  offenbar-  diejenige 
Frage,  die  den  Kurfürsten  von  den  auf  dem  Bundestag  zu  erledigenden 
Gegenständen  am  meisten  interessierte,  die  ihm  am  wichtig.sten 
erschien.  Schon  im  Ausschreiben  war  anf  die  Notwendigkeit  der 
Unterstützung  Brannschweigs  gegen  Herzog  Heinrich  verw-iesen  *). 
In  diesem  Punkte  zeigten  denn  auch  die  Stände  sich  willig®),  man 
bewilligte  400  Beiter  und  zwei  Fähnlein  Knechte  zur  Unterstützung 
der  Stadt  auf  Bundeskosten.  Schwierigkeiten  aber  machte  die 
Goslarsche  Angelegenheit,  da  die  Oberländer  Bedenken  hatten,  sie 
für  eine  Religionssache  zu  halten,  auch  die  Acht  fürchteten.  Sie 
versprachen  schließlich,  auf  Städtetagen  sich  darüber  schlüssig  zu 
werden  und  binnen  6 Wochen  den  Oberhauptleuteu  zu  berichten. 
Einstweilen  half  man  sich  damit,  daß  man  die  Hilfe  für  Brauu- 
schweig  vergrößerte  und  erlaubte,  daß  sie  eventuell  auch  für 


1)  Besonders  stark  bringt  Brück  in  einem  Briefe  vom  28.  Dezember  seine 
pessimistische  Anschauung  der  Lage  zum  Ausdruck.  Er  meinte,  dafi  die  Gegner 
nur  auf  eine  günstige  Weltlage  warteten,  um  dreinzuhauen  oder  wenigstens  den 
Bund  zu  sprengen.  Dieser  schien  ihm  ganz  im  Verfall  begriffen.  So  schlimm 
sah  der  Kurfürst  die  Sache  doch  noch  nicht  an,  er  hoffte  noch,  daß  in  Naumburg 
etwas  zustande  käme.  Brück  an  Kf.  Dez.  28,  Or.;  Kf.  an  Brück  Dez.  30,  Konz., 
Reg.  H.  p.  335,  No.  134,  I. 

2)  An  Ldgf.  Nov.  20,  Reg.  H.  p.  364,  No.  141,  Konz.  Der  Ldgf.  erklärte 
in  seiner  Antwort  vom  28.,  daß  er  sein  damaliges  V'erbalten  schon  oft 
bereut  habe. 

3)  Kf.  an  die  Räte  in  Naumburg  Dez.  21,  Reg.  H.  p.  335,  No.  134,  III,  Or. 
Aehnlich  auch  schon  am  20.  Dez.  Begleitbrief  der  Instruktion,  ebenda,  Or. 

4)  P.  C.  III,  114. 

5)  Schon  am  31.  Dez.  konnten  die  Bäte  Günstiges  über  einen  Beschluß  des 
Ausschusses  wegen  der  Unterstützung  Brannschweigs  berichten.  Reg.  H.  p.  335, 
No.  134,  III,  Or. 


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Bund  u.  Kelch:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UnteroehmuDgiduat  1536—41.  275 

andere  Stände  verwandt  würde,  ein  Beachluß,  der  dem  Kurfürsten 
allerdings  nicht  recht  genügte ‘). 

Einen  zweiten  Hanptberatungsgegenstand  bildete  die  Frage  der 
Fortführung  der  am  21.  Dezember  zu  Ende  gehenden  Hauptmann- 
schaft durch  den  Kurfürsten  und  den  Landgiafen.  Dali  Philipp  gerade 
in  seiner  damaligen  Stimmung  wenig  Neigung  hatte,  sie  zu  be- 
halten *),  war  begreiflich,  auch  der  Kurfürst  hatte  die  Sache  gründ- 
lich satt®).  Dabei  wirkten  zum  Teil  noch  die  uns  von  früher  her 
bekannten  Gründe,  daneben  aber  auch  das  jetzige  Mißtrauen  gegen 
den  Landgrafen.  Er  führte  einmal  aus,  wie  schädlich  für  die  Bundes- 
angelegenheiten eine  etwaige  Verständigung  des  Landgrafen  mit 
dem  Kaiser  sein  werde,  und  schlug  vor,  daß  die  Stände  ihn 
ersuchen  sollten,  sich  dessen  aus  Rücksicht  auf  den  Bund  zu  ent- 
schlagen,  damit  der  Kurfürst  wie  bisher  frei  und  ungescheut  mit 
ihm  verhandeln  und  ihm  schreiben  könne  ■*).  Auch  bei  den  Ver- 
handlungen, die  in  Naumburg  wegen  der  Hauptmannschaft  er- 
folgten, merkte  man  nichts  von  dem  sonst  üblichen  einheitlichen 
.Auftreten  von  Sachsen  und  Hessen.  So  nahm  der  Landgraf  zu- 
nächst die  Hauptmannschaft  noch  auf  ein  halbes  Jahr  bis  Johanni 
an,  so  daß  der  Kurfürst  sie  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  allein 
hätte  führen  müssen.  Das  wollte  er  auf  keinen  Fall.  Andere  Forde- 
rungen, in  bezug  auf  das  Burggraftum  Magdeburg  und  auf  Meißen, 
ließ  er  auf  Wunsch  seiner  Räte  fallen,  darauf  bestand  er,  daß  der 
Landgraf  die  Hauptmannschaft  ebenso  lange  behalte  wie  er,  und 
das  ist  dann  auch  geschehen.  Man  übernahm  sie  für  noch  ein 
Jahr®). 

Von  den  weiteren  Beratungen  des  Bundesütgs  ist  eigentlich 
nur  noch  die  über  die  Beschickung  des  Reichstags  von  Wichtigkeit. 
Man  beschloß  unter  Ablehnung  des  Gedankens  einer  Gesamt- 
beschickung, ihn  „stattlich“  zu  beschicken,  womöglich  durch  dieselben 
Theologen,  die  in  Worms  waren.  Man  beschloß  auch,  auf  dem 

1)  P.  U.  III,  S.  1561.  Die  Räte  an  Kf.  Jan.  7,  Reg.  H.  p.  335,  No.  134, 
I,  Or.  Kf.  an  die  Räte  Jan.  9,  ebenda,  Or.  Abechied  vom  16.  Jan.  P.  C.  III. 
157,  1,  Reg.  H.  p.  335,  No.  134,  I,  Or.j  Brnns,  B.  50f. 

2)  Lenz,  I,  S.  283 ff. 

3)  An  Brück  Dez.  26,  Reg.  H.  a.  a.  O.,  I,  Or. 

4)  Kf.  an  die  Räte  Dez.  31.  Reg.  H.  p.  335,  No.  134,  III,  Or. 

5)  Räte  an  Kf.  1541  Jan.  7,  Kf.  an  die  Räte  Jan.  9,  ebenda,  I.  Kf.  an  die 
Räte  Jan.  7.  10,  ebenda,  fase.  III.  Räte  an  Kf.  Jan.  12,  Kf.  an  die  Räte  Jan.  14, 
ebenda,  I. 

18* 


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276 


Kapitel  II. 


Reichstage  in  Religionssachen  zusammenzustehen.  Türkenhilfe  und 
Unterhaltung  des  Kammergerichts  wollte  man  nur  bewilligen  gegen 
Zusicherung  eines  beständigen  Friedens  und  einer  genügenden 
Reform  des  Gerichts.  Diese  beiden  Punkte  sollten  nicht  getrennt 
werden  dürfen.  Man  sah  eben  der  Zukunft  durchaus  noch  nicht 
sehr  optimistisch  entgegen.  Das  zeigt  auch  der  Beschluß,  daß  die 
Oberhauptleute  wegen  der  Gefahr  der  I^age  einige  Hauptleute  in 
Bestallung  behalten  und  12000  fl.  dafür  verwenden  durften*). 

Alles  das  entsprach  durchaus  der  Stimmung  des  Kurfürsten. 
Wir  finden,  daß  er  in  den  nächsten  Wochen  beständig  drängt,  um 
die  .\usführung  des  Beschlusses  über  Braunschweig  zu  bewirken, 
nur  mit  Mühe  gelang  es  dem  Landgrafen,  ihn  zurückzuhalten,  um 
erst  weitere  Entscheidungen  des  Kaisers  zu  erwarten*).  — 

Diese  Ungeduld  Johann  Friedrichs  wird  auch  durch  die  Er- 
fahrungen, die  man  in  Worms  gemacht  hatte,  nicht  wenig  genährt 
worden  sein.  Die  .Ausführung  des  in  Hagenau  Beschlossenen  war 
zunächst  ja  übeiraschend  schnell  erfolgt.  Schon  am  15.  August 
wurde  der  Wormser  Gesprächstag  ausgeschrieben  und  gleichzeitig 
ein  Reichstag  angekündigt®).  Man  konnte  es  auch  günstig  deuten, 
daß  Hüfmann  neue  Versuche  machte,  die  Wahlfrage  beizulegen. 
Es  kam  allerdings  nichts  dabei  heraus,  da  kein  Teil  irgendwie 
nachgeben  wollte*).  Daneben  fehlte  es  allerdings  auch  jetzt 
nicht  an  allerhand  bedrohlichen  Nachrichten®),  doch  mußte  man 

1)  Abschied  vom  16.  Jan.  und  P.  C.  III,  156  f. 

2)  Beschluß  über  Braunschweig  vom  14.  Januar,  Eeg.  H.  p.  338,  No.  134, 
III.  Schon  am  10.  schrieb  der  Kf.  wegen  der  Ausführung  an  Ldgf.,  R^.  M. 
p.  394,  No.  149,  II,  Konz.  Am  26.  (ebenda  I)  erklärte  er  sich  bereit,  eventuell 
die  Hilfe  allein  zu  leisten.  Der  Ldgf.  suehte  ihn  am  29.  Jan.  zurückzuhalten, 
Joh.  Friedr.  hielt  aber  Febr.  7.  an  seiner  Anschauung  fest  Vergl.  weiter  Ldgf. 
an  Kf.  März  17,  ebenda,  II.  Am  23.  März  erklärte  sich  der  Kf.  endlich  bereit, 
mit  der  Hilfsleistung  noch  zu  warten. 

3)  Seckendorf,  III,  S.  294.  Sleidan,  II,  S.  196f.  Kopie  z.  B.  in 
Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  IV.  Neudecker,  Urk.,  S.  582  f. 

4)  Kf.  an  Hofmann  1540  Sept. 5,  Reg.  H.  p. 329,  No.  133, 1,  Konz.  Secken- 
dorf, III,  S.  294.  Hofmann  an  Kf.  Sept.  17,  Loc.  10673  „Schriften  zwischen 
dem  Kf.  zu  Sachsen  und  Herzog  Franzen  1536 — 40“,  Or.  Kf.  an  Brück  Sept  27, 
ebenda,  Konz. 

5)  Vergl.  etwa  die  Berichte  Kopps  vom  29.  Aug.  und  26.  Sept,  P.  C.  III, 
90  f.  102  ff.  Auch  das  Mandat  des  Kaisers  g^en  die  Ketzer  in  den  Nieder- 
landen vom  20.  Sept  gab  zu  allerlei  Gedanken  Anlaß.  Spalatin,  AnnaL  ed. 
Cypr.,  8.  494  -510. 


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Band  u.  Keich:  Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  Unteinebmuiigslast  1536 — il.  277 

nun  zunächst  den  Verlauf  des  Wormser  Gespräches  abwarten. 
Die  Protestanten  waren  einig  darin,  daß  man  dieses  beschicken 
müsse.  Religiöse  Vorbereitungen  dazu  waren  nach  dem,  was 
man  in  Schmalkalden  für  Hagenau  beschlossen  hatte,  kaum 
mehr  nötig,  doch  ließ  der  Kurfürst  immerhin  die  Wittenbergei- 
Theologen  über  die  den  Gesandten  zu  erteilenden  Befehle  be- 
fragen ‘). 

Als  ein  Resultat  dieser  Beratungen  ist  die  neue  Protestation 
gegen  den  Primat  des  Papstes  zu  betrachten  *).  Sie  ist  in  ihrer  end- 
gültigen Fassung  zwar  erst  am  22.  Oktober  in  Gotha  von  Melanchthon 
vollendet  worden,  vielleicht  haben  wir  aber  doch  schon  eine  Wirkung 
des  Gutachtens  der  Theologen  darin  zu  sehen,  wenn  in  der  In- 
struktion für  die  sächsischen  Gesandten  vom  17.  Oktober  gleich 
davon  ausgegangen  wurde,  daß  man  den  Gedanken  ablehnen  müsse, 
daß  der  Tag  mit  Zulassung  des  Papstes  stattfinde  oder  daß  dessen 
Gesandten  irgend  welche  autoritative  Stellung  auf  ihm  zustehe. 
Die  kursächsischeu  Gesandten  sollten  an  der  Ablehnung  des  Primats 
des  Papstes  unter  allen  Umständen  festhalten,  auch  wenn  andere 
protestantische  Gesandten  nachgeben  sollten.  Dabei  wurde  das  Miß- 
trauen, daß  der  Landgraf  auch  in  dieser  Sache  sich  durch  seine 
Privatangelegenheiten  könnte  leiten  lassen,  ziemlich  unverblümt 
zum  Ausdruck  gebracht*).  Weiterhin  wurde  die  Notwendigkeit  be- 
tont, daß  die  elf  protestantischen  Stimmen  beieinander  blieben.  Für 
die  Verhandlungen  selbst  wurde  vorgeschrieben,  daß  man  wie  in 
Hagenau  so  auch  jetzt  jede  Anknüpfung  an  die  Augsburger  Hand- 
lung ablehnen  solle.  Man  müsse  ganz  von  neuem  beginnen  im  An- 
schluß an  die  Konfession  und  dem  schmalkaldischen  Bedenken  der 
Theologen  gemäß.  Man  solle  seinerseits  keine  Voischläge  machen, 
sondern  die  der  Gegner  erwarten  und  sie  dann  ablehnen,  wenn 
sie  der  Konfession,  Apologie  und  heiligen  Schrift  nicht  gemäß 
seien.  Dann  würden  sich  die  Gegner  zur  Disputation  entschließen 
müssen,  die  sie  eigentlich  vermeiden  wollten.  Man  rechnete  darauf. 


1)  Kf.  an  Brück  Sept  28,  Reg.  üg.  No.  4131-,  I,  Konz. 

2)  Seckendorf,  III,  S.  294.  C.  R.  III,  1143 ff.  Pastor,  S.  ‘200. 

3)  Tatsächlich  war  der  Landgraf  nach  seiner  Instruktion  vom  19.  Okt. 
bereit,  dem  Papst,  wenn  er  fromm  und  christlich  wäre  und  eich  wollte  reformieren 
lassen,  die  Macht  der  Konzilsbcrufung  zu  überlassen.  Im  übrigen  wollte  er  seine 
Rechte  beschränken.  Von  der  Stellung  des  Papstes  dem  Gespräch  gegenüber  ist 
in  der  Instruktion  nicht  die  Rede.  P.  A.  No.  554,  Or. 


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278 


Kapitel  II. 


daß  sie  dann  des  Gesprächs  bald  überdrüssig  werden  und  es 
abbrechen  würden.  Der  Unglimpf  würde  dann  auf  ihrer  Seite 
sein.  Der  Kurfürst  nahm  an,  daß  die  Verhandlungen  über  die 
Beseitigung  des  Zwiespalts  und  den  Frieden  dann  vor  Kaiser  und 
Reich  kommen  würden,  und  das  schien  ihm  offenbar  eine  nicht 
unerwünschte  Lösung.  Jeder  Gedanke  an  Nachgiebigkeit  lag  ihm 
fern,  die  Konfession  und  Apologie  waren  für  ihn  die  Norm.  Diese 
wollte  er  auch  durch  unverständliche  und  ungewöhnliche  Worte 
nicht  verdunkeln  lassen,  da  die  bisher  gebrauchten  klar  und  ver- 
ständlich seien  und  man  an  sie  gewöhnt  sei.  Auch  in  dieser  Be- 
ziehung war  er  nicht  ohne  Mißtrauen  gegen  andere  protestantische 
Stände,  vor  allem  wohl  wieder  den  Landgrafen.  Auch  ihnen 
gegenüber  sollten  die  Gesandten  streng  an  der  Konfession  fest- 
halten*).  Eben  deswegen  war  der  Kurfürst  nicht  dafür,  daß  man 
in  Worms  Mehrheitsbeschlüsse  fasse,  doch  entsprach  das  ja  über- 
haupt seiner  und  auch  der  streng  protestantischen  Anschauung, 
daß  religiöse  Fragen  nicht  auf  diese  Weise  entschieden  werden 
könnten.  Wohl  hoffte  er,  daß  auch  manche  Stimmen  der  anderen 
Partei,  wie  die  brandenburgi.sche,  mit  den  Protestanten  gehen 
würden,  er  legte  aber  keinen  großen  Wert  darauf,  da  eben  die 
Majorität  ohne  Einfluß  seL  Wichtig  erschien  ihm  dagegen,  daß 
von  beiden  Seiten  gleich  viel  Schreiber  und  Notarien  verordnet 
würden.  Vorher  sollten  sich  die  Gesandten  überhaupt  auf  kein 
Gespräch  einlassen.  Ferner  sollten  sie  Disputationen  über  die  geist- 
lichen Güter  mit  der  Erklärung  zurückweisen,  daß  die  Protestanten 
sich  darüber  früher  genügend  hätten  vernehmen  lassen,  vor  allem 
gegen  Held  in  Schmalkalden  und  gegen  die  beiden  Grafen’). 

Die  Instruktion  ist  jedenfalls  ein  Beweis  für  die  Standhaftig- 
keit oder,  wenn  man  wiU,  ünnachgiebigkeit  des  Kurfürsten,  wenn 
sie  auch  keine  größere  Wirkung  weiter  haben  konnte,  da  aus  dem 
Gespräch  so  wenig  wurde. 

1)  Den  Standpunkt  des  Landgrafen  kann  man  aus  der  Instruktion  vorn 
19.  Okt.,  die  sieb  über  die  einzelnen  Artikel  des  Glaubens  verbreitet,  entnehmen. 
Sie  durfte  Sturm  und  Bucer,  mit  denen  die  Hessen  überhaupt  Zusammen- 
gehen sollten,  nicht  aber  den  kursächsischen  Gesandten  gezeigt  werden.  P.  A. 
No.  554,  Or. 

2)  Instruktion  für  Dölzig  und  Burchard  Okt  17,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I, 
Konz.  Seckendorf,  III,  S.  294  f.  Kreditiv  für  die  Gesandten  bei  Neudecker, 
ürk.,  8.  592  f.;  C.  R.  III,  1122.  Von  den  Gelehrten  gingen  Goldstein,  Crudger, 
Melancbthon  und  Menius  mit. 


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Bund  u.  Beich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  279 

Als  Ergänzung  der  Instruktion  ist  die  Protestation  der  Theo- 
logen gegen  den  Primat  des  Papstes  zu  betrachten^).  Die  Pro- 
testanten haben  sich  mit  ihr  auch  in  Worms,  während  sie  auf 
das  Eintreffen  von  Naves  und  Granvella  warten  mußten,  be- 
schäftigt. Man  war  im  wesentlichen  einig,  unterzog  jedoch  die  Schrift 
Melanchthons  einer  mildernden  Umarbeitung,  wollte  auch  nicht  zu 
schnell  damit  Vorgehen,  um  sich  nicht  den  Unglimpf  zuznziehen  *). 
Auch  über  gewisse  Glaubensartikel  haben  in  diesen  ersten  Tagen 
Beratungen  stattgefunden  ®).  Erst  am  20.  November  begannen  die 
Verhandlungen  mit  den  Gegnern*).  Da  der  Papst  dabei  gar  nicht 
erwähnt  wurde,  konnte  man  die  Protestation  in  der  Tasche  behalten. 
Erst  als  dann  Campeggi  am  8.  Dezember  seine  große  Rede  gehalten 
hatte,  dachte  man  sie  vorzubringen.  Auch  jetzt  wurde  das  aber 
durch  die  Art  und  Weise,  wie  auch  von  katholischer  Seite  die  Rede 
beantwortet  wurde,  verhütet®). 

-\uch  die  Befürchtungen,  die  der  Kurfürst  wegen  der  Einigkeit 
der  Protestanten  gehegt  hatte,  erfüllten  sich  zunächst  nicht  Burchai  d 
schrieb  sehr  befriedigt  über  die  Haltung  der  Theologen,  wobei  er 
allerdings  auch  speziell  an  die  sächsischen  dachte  *).  Einmütig  wies 
man  jedenfalls  das  Verlangen  der  Gegner  zurück,  daß  man  Artikel 
verfassen  soUe,  die  als  äußerste  Zugeständnisse  der  Protestanten 
den  Verhandlungen  zugrunde  gelegt  werden  sollten,  und  verwies 
auf  die  Konfession.  Nur  von  seiten  des  Landgrafen  direkt  traten 
Vorschläge  zu  weiterem  Entgegenkommen  an  den  Kurfürsten  heran. 
Philipp  wollte,  daß  die  einst  in  Leipzig  zwischen  Feige,  Bucer, 
Witzei  und  den  Räten  Georgs  verabredeten  Artikel  als  Grund- 
lage für  eine  Vereinigung  benutzt  würden.  Johann  lYiedrich,  der 
diese  Artikel  nie  gebilligt  hatte,  lehnte  das  natürlich  entschieden 


t)  BrOck  handelt  am  27.  Oktober  ausführlich  davon,  Reg.  H.  p.  295, 
No.  121, 1,  Hdbf.  Do'  Kf.  sprach  darauf  Okt.  28  den  Oelehrten  seine  Zufrieden- 
heit mit  der  Proteetation  aus,  Beg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Or.  Aehnlich  Kf.  an 
die  Räte  und  Theologen  Nov.  2ö,  ebenda  II,  Or. 

2)  Räte  und  Theologen  an  Kf.  Nov.  6,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133 1,  Or.  Die 
neue  Fassung  der  Protestation  C.  R.  III,  1147  ff.  Vergl.  Boeder,  8.  4, 'S. 

3)  Die  hees.  Gesandten  an  Ldgf.  Nov.  13,  Neudecker,  Urk.  8.  600.  Eine 
Aufzeichnung  des  Ulmers  Frecht  über  diese  Unterredung  bringt  Boeder  8.  192 
—197. 

4)  VergL  Moses,  8.  65  ff. 

5)  Moses,  8.  73  und  dazu  Dittrich,  HJ.,  X,  8.  662. 

6)  Nov.  22,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Hdbf. 


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280  Kapitel  II. 

ab').  In  Worms  ist  es  dann  wohl  gar  nicht  zu  Verhandlungen 
darüber  gekommen. 

Wenn  die  Ansichten  des  Kurfürsten  in  bezug  auf  die  Teil- 
nahme päpstlicher  Vertreter  und  in  bezug  auf  zu  fürchtende  Dif- 
ferenzen unter  den  Evangelischen  also  unbegründet  gewesen  waren, 
so  hatte  er  dagegen  durchaus  richtig  vorhergesehen,  daß  bei  den 
Katholiken  keine  Neigung  vorhanden  sein  würde,  das  Gespräch  in 
der  in  Hagenau  vorgesehenen  Form  zur  Ausführung  zu  bringen. 
Sie  legten  wenigstens  dem  Hagenauer  Abschied  jetzt  Bedeutungen 
unter,  die  er  nimmermehr  haben  konnte,  und  führten  dadm-ch  aller- 
hand Streitigkeiten  und  Verzögerungen  herbei.  Johann  Friedrich 
wird  kaum  besonders  betrübt  darüber  gewesen  sein,  daß  sich  die 
Aussichten  des  Gesprächs  dadurch  verschlechterten.  Ihm  kam  es 
auch  jetzt  wieder  vor  allem  darauf  an,  daß  man  den  „Glimpf  be- 
hielte“. Er  scheint  nichts  dagegen  gehabt  zu  haben,  daß  man  in 
der  Frage  des  Notarieneides  nachgab,  dagegen  entsprach  es  schwer- 
lich ganz  seinen  Wünschen,  daß  manche  Protestanten  auf  die  Ab- 
stimmung in  Religionssachen  Wert  legten.  Allerdings  hat  diese 
Frage  bei  dem  Gespräch  wohl  nicht  die  Rolle  gespielt,  die  man 
ihr  gewöhnlich  zuschreibt.  Die  Protestanten  verwarfen  die  Ver- 
handlung von  Partei  zu  Partei,  sie  wünschten  ein  Gespräch,  bei 
dem  jede  der  22  Stimmen  ihre  Meinung  sagen  könnte,  aber  eine 
Abstimmung  mit  Majoritätsbeschlüssen  haben  sie  doch  wohl  nicht 
verlangt*).  Den  Hauptwert  legte  der  Kurfürst  darauf,  daß  man 
sich  streng  innerhalb  der  Grenzen  des  kaiserlichen  Ausschreibens 
hielte  und  sich  nicht  auf  einen  anderen  Weg  führen  ließe.  Er  war 

1)  Kf.  an  Dölzig  und  Burchard  Dez.  10,  Keg.  H.  p.  329,  No.  133,  II,  Or. 
Von  Moses,  S.  81  f.  nicht  ganz  richtig  aufgefaQt. 

2)  Bei  Moses,  S.  861.  kommt  das  noch  nicht  deutlich  genug  zum  Ausdruck. 
Die  Antwort  der  Protestanten  vom  27.  Dez.  (C.  R.  III,  1254  ff.;  Spalatin,  Annales, 
S.  464  ff.)  zeigt  deutlich,  daß  sie  Majoritätsbeschlüsse  nicht  wünschten.  Für  die 
herrschende  Auffassung  spricht  allerdings  ein  Brief  Feiges  an  den  Landgrafen 
vom  5.  Dezember,  in  dem  er  berichtet,  daß  die  Kaiserlichen  die  Protestanten 
„aus  den  Stimmen  zu  führen“  suchten,  was  diesen  nicht  passe,  da  sie  auf  die 
pfälzische  und  brandenburgische  Stimme  rechneten  (P.  A.  536).  Es  mag  das  die 
Anschauung  einzelner  Protestanten  gewesen  sein.  Vergl.  auch  DClIinger,  I, 
S.  29.  Auch  Boeder,  S.  26,  scheint  an  eine  wirkliche  Abstimmung  zu  denken. 
Richtiger  S.  18  f.,  § 40.  Die  Richtigkeit  dieser  Anschauung  ergibt  eich  aus  S.  68. 
79,  C.  R.  III,  1179  f.  1182.  ln  der  Erklärung  der  Präsidenten  vom  27.  Dez., 
C.  R.  III,  1253,  wird  die  Sache  allerdings  so  aufgefaßt,  als  wollten  die  Pro- 
testanten Abstimmung. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungsluBt  1536—41.  281 

der  Ueberzeugung,  daß  die  Gegner  doch  „kein  Herz  zu  wahr- 
haftiger christlicher  Vergleichung  hätten  nnd  das  Licht  und  die 
rechte  Bahn  scheuten“  *).  Auch  die  Haltung  der  Protestanten  in 
Worms  ist  zunächst  diesen  Wünschen  des  Kurfürsten  gemäß  ge- 
wesen, wenn  es  auch  an  solchen,  die  etwas  nachgeben  wollten, 
nicht  fehlte  ®).  Auch  in  der  Erklärung  der  Protestanten  vom 
5.  Januar  ging  man  über  das,  was  man  am  27.  Dezember  gesagt 
hatte,  eigentlich  nicht  hinaus®).  Man  hielt  sich  nach  wie  vor  an 
den  Hagenauer  Abschied,  resp.  das  kaiserliche  Ausschreiben.  Man 
erreichte  dadurch,  daß  wenigstens  den  Protestanten  die  Freiheit 
der  Meinungsäußerung  für  alle  Stimmen  gewährt  wurde,  und  da 
sie  sich  damit  zufrieden  gaben  <),  auch  zuließen,  daß  zunächst  ein 
Wortführer  von  jeder  Seite  sprach,  konnte  am  14.  das  Kolloquium 
selbst  beginnen. 

Die  Nachgiebigkeit  der  Protestanten  erklärt  sich  wohl  daher, 
daß  sie  den  Vorwurf  vermeiden  wollten,  als  seien  sie  an  dem 
Nichtzustandekommen  des  Gespräches  schuld.  .Allerdings  waren 
sie  schon  darauf  gefaßt,  daß  es  nicht  lange  dauern  würde,  da 
der  Kaiser  zum  Eeichstag  eile®),  und  tatsächlich  hatte  man 
ja  nur  erst  den  .Artikel  von  der  Erbsünde  erledigt,  als  Gran- 
vella  auf  Grund  eines  kaiserlichen  Befehls  vom  15.  Januar  die 
Versammlung  auflöste  und  die  weiteren  Verhandlungen  auf  den 
Kegensburger  Reichstag  verschob.  Bestimmend  mag  dabei  neben 
der  unsicheren  Haltung  mancher  katholischer  Kollokutoren  ®)  ge- 
wesen sein,  daß  sich  durch  das  Geheimgespräch,  das  Bucer  und 
Capito  mit  Zustimmung  des  Landgrafen  mit  Veltw7ck  und  Gropper 
gehabt  hatten,  die  .Aussicht  eröffnet  hatte,  für  die  Vergleichsver- 
handlungen  eine  geeignetere  Grundlage  als  den  Hagenauer  .Ab- 
schied und  die  .Augsburger  Konfession  zu  finden. 

Die  Befürchtungen,  die  Johann  Friedrich  im  Oktober  gehegt 
hatte,  waren  ja,  soweit  es  sich  um  das  öffentliche  .Auftreten  der 
anderen  Protestanten  handelte,  nicht  in  Erfüllung  gegangen,  hinter 

1)  Kf.  an  seine  Oesandten  Dez.  30,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  II.  Secken- 
dorf, III,  S.  297. 

21  Roeder,  § 48.  56. 

3)  C.  R.  IV,  7 ff.  Spalatin,  a.  a.  O.  8.  511  ff. 

4)  C.  R.  IV,  16  und  17  f. 

5)  Die  Räte  und  Theologen  an  Kf.  1541  Jan.  14,  Reg.  E.  p.  48,  No.  101, 
BL  53—60.  C.  R.  IV,  24 f.  Vergl.  im  übrigen  Moses. 

6)  Döllinger,  I,  S.  29. 


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282 


Kapitel  II. 


den  Kulissen  aber  spielten  sich  verhängnisvolle  Intriguen  ab,  die 
dem  Kurfürsten  vorläufig  nur  zum  Teil  bekannt  wurden.  Wir 
brauchen  hier  nicht  weiter  auf  die  damaligen  Verhandlungen  der 
Vertreter  des  Landgrafen  mit  den  Kaiserlichen  einzugehen,  nur 
soweit  auch  der  Kurfürst  mit  in  sie  hineingezogen  wurde,  müssen 
wir  sie  berühren.  Wir  verbinden  damit  gleich  die  Verhand- 
lungen, die  auch  mit  ihm  und  seinen  Räten  direkt  geführt  wurden. 
So  waren  z.  B.  die  Werbungen,  die  der  Graf  von  Manderscheid 
am  28.  Oktober  an  den  Landgrafen  richtete,  auch  mit  für  den 
Kurfürsten  bestimmt.  Der  Graf  wünschte,  daß  beide  Fürsten 
oder  einer  von  ihnen  sich  in  die  Nähe  von  Worms  begäben  zum 
Zweck  einer  Zusammenkunft  mit  Granvella.  Johann  Friedrich  war 
zwar  für  eine  solche  Privathandlung  hinter  dem  Rücken  der  übrigen 
Stände  nicht  sehr  eingenommen,  hatte  aber  nichts  dagegen,  seinen 
Räten  in  Worms  Befehl  zu  erteilen  für  eine  Verhandlung  mit 
Granvella  über  einen  äußerlichen  Frieden.  Er  folgte  bei  diesem 
Bescheide  dem  Rate  Brücks,  in  dem  sofort  der  Verdacht  entstanden 
war,  daß  ein  Zusammentreften  Manderscheids  mit  Feige  in  Worms 
gefährliche  Folgen  haben  könne  *). 

Sehr  bald  erfuhr  man  ja  dann  am  sächsischen  Hofe  durch 
Rudolf  Schenk  und  Eberhard  von  der  Thann  von  dem  Beginn  der 
Verhandlungen  des  Landgrafen  mit  den  Kaiserlichen.  Thann  ver- 
mutete durchaus  mit  Recht,  daß  Feige  eben  deswegen  nach  Worms 
gesandt  sei  *). 

Merkwürdig  ist  nun,  daß  doch  auch  zwischen  den  kursächsischen 
Vertretern  und  Granvella  Sonderverhandlungen  stattgefunden  haben. 
Man  hielt  es  für  nötig  wegen  der  friedlichen  Gesinnung,  die  man 
dem  kaiserlichen  Minister,  allerdings  nicht  mit  voller  Sicherheit, 
zuschrieb,  an  ihn  heranzutreten,  lieber  einen  .Austausch  von 
friedlichen  Versicherungen  und  die  Benutzung  Granvellas  zur  Be- 
förderung von  Briefen  an  den  Kaiser  ist  man  aber  doch  nicht 
hinausgekommen  ’). 

1)  Dietrich  Gf.  v.  Mandcrechcid  an  Ldgf.  1540  Okt.  29.  Reg.  H.  p.  364,  No.  141, 
Kopie.  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  8,  ebenda,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  20,  ebenda,  Konz. 
Noudecker,  Urk.,  S.  G05— 608.  Kf.  an  Brück  Nov.  16,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133, 
I,  Konz.  Brück  an  Kf.  Nov.  18,  Hdbf.  ebenda.  Kf.  an  die  Räte  in  Worms 
Nov.  25,  ebenda  II,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  28,  Reg.  H.  p.  364,  No.  141,  Or. 

2)  Eb.  V.  d.  Thann  an  Kf.  Nov.  19,  Reg.  C.  No.  292,  Bl.  355  f.,  Hdbf. 

3)  DoUig  an  Kf.  Nov.  15,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Hdbf.  Kf.  an  Dölzig 
und  Burchard  Dez.  6,  ebenda,  Or.  Dolzig  und  Burchord  an  Kf.  Dez.  23,  Reg.  H. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 41.  283 

Auch  in  der  Wahlsache  wurde  nicht  viel  eneicht.  Mander- 
scheid und  Naves  traten  deswegen  an  Dölzig  heran  und  baten  ihn 
um  die  Wiener  Artikel  und  Vorschläge.  Auch  diesmal  war  es 
GranveUa,  in  dessen  Aufträge  sie  die  Verhandlungen  führten,  da 
er  gern  den  Zwist  beilegen  wolle.  Dölzig  hatte  sich,  da  er  keinen 
Auftrag  dazu  hatte,  auf  nichts  weiter  eingelassen,  stellte  dem 
Kurfürsten  aber  anheim,  ob  er  vielleicht  scheinbar  ohne  dessen 
Wissen  über  die  Wiener  Artikel  berichten  dürfe*).  Johann  Fried- 
rich schickte  darauf  den  Gesandten  tatsächlich  eine  Kopie  des 
Kadaner  Vertrages  und  einen  Auszug  aus  dem  Wiener  Vertrage 
zu,  gab  ihnen  auch  einen  Ueberblick  über  die  seitdem  geführten 
Verhandlungen.  Mittel  und  Wege,  die  etwa  von  der  Gegenpartei 
vorgeschlagen  würden,  an  ihren  Heirn  gelangen  zu  lassen,  sollten 
sie  nicht  übernehmen,  es  aber  doch  tun,  damit  er  sich  darüber 
entschließen  könne*).  Die  Gesandten  scheinen  keine  Gelegenheit 
gehabt  zu  haben,  diese  Weisung  zur  .\usführung  zu  bringen.  Die 
VV’ahlsache  wurde  von  der  Gegenpartei  nicht  wieder  angeregt,  und 
die  Gesandten  hatten  ausdrücklich  Befehl,  es  ihrerseits  nicht  zu 
tun.  So  ist  denn  nur  noch  ein  eigentümlicher  Versuch  des  Land- 
grafen vom  Anfang  des  Jahres  1541  zu  verzeichnen.  Er  hegte  in 
merkwürdiger  Verkennung  des  Charakters  Johann  Friedrichs  die 
Meinung,  daß  man  durch  Zugeständnisse  in  der  Wahlangelegenheit 
und  in  der  geldrischen  Sache  größere  Nachgiebigkeit  des  Sachsen 
auf  religiösem  Gebiete  erreichen  könne.  Auch  von  der  anderen  Seite 
war  ein  solches  Entgegenkommen,  wie  Philipp  es  verlangte,  nicht 
zu  erwarten,  so  daß  Feige  die  Vorschläge  GranveUa  gar  nicht 
übeneicht  hat.  .\uch  der  Landgraf  erklärte  sich  schließlich  ein- 
verstanden damit,  daß  sein  Vermittlungsplan  verschoben  würde, 
bis  er  in  besseren  Beziehungen  zum  Kaiser  stehe®). 

Seine  eigenen  Verhandlungen  waren  ja  inzwischen  immer  weiter- 
gegangen, und  wenigstens  darüber,  daß  sie  stattfanden,  war  man 

ebenda  II,  ür.  Seckendorf,  III,  8.  299.  Brück  an  Kf.  Dez.  27,  Reg.  H. 
p.  335,  No.  134,  I,  ür.  Kf.  an  seine  Gesandten  in  Worms  Dez.  30,  Reg.  H. 
p.  329,  No.  133,  II. 

1)  Dölzig  und  Burchard  an  Kf.  Dez.  23,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  II,  Or. 
Dölzig  an  Kf.  Dez.  24,  ebenda,  I,  Or. 

2)  Kf.  an  Dolzig  und  Burchard  Dez.  30,  Reg.  H.  p.  304,  No.  125,  III,  Or. 

3)  Der  Ldgf.  an  Feige  und  Bucer  1541  Jan.  3,  P.  A.  556,  Konz.  Lenz, 
I,  8,  305  ff.  Die  Vorschläge  des  Ldgf.  ebenda  8.  307  Anm.  Feige  und  Bucer 
an  Ldgf.  Jan.  10,  Or.,  P.  A.  556.  Ldgf.  an  Feige  und  Bucer  Jan.  13,  ebenda. 


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284 


Kapitel  II. 


kursächsischerseits  wohlunterrichtet.  Brück  hat  Anfang  Januar  in 
Naumbur  g sogar  ein  langes  Gespräch  deswegen  mit  dem  Hessen  Mals- 
burg gehabt.  Dieser  teilte  dabei  mit,  daß  die  Verhandlungen  noch 
nicht  abgeschlossen  seien,  suchte  aber  auch  zu  beweisen,  daß  eine 
Verbindung  des  Landgrafen  mit  dem  Kaiser  der  protestantischen 
Sache  nur  nützlich  sein  könne.  Das  erklärte  Brück  für  sehr 
unwahrscheinlich,  der  Kaiser  werde  jenen  vielmehr  nur  immer 
mehr  an  sich  zu  ziehen  suchen.  Auch  w'eitere  Versuche  Malsburgs, 
den  Bund  mit  dem  Kaiser  zu  rechtfertigen,  wies  Brück  zurück, 
doch  gewann  er  aus  dem  Gespräch  den  Eindruck,  daß  die  Sonder- 
verhandlungen des  Landgrafen  mit  Granvella  die  Religion  nicht  be- 
rührten *).  lieber  ein  Hauptresultat  jener  Wochen  also,  das  Geheim- 
gespräch und  das  dabei  geschaffene  „Regensburger  Buch“,  befand 
man  sich  völlig  im  Dunkeln.  Erst  während  des  Regensburger 
Reichstages  wurde  man  allmählich  mit  ihm  bekannt.  — 

Entsprechend  den  Hagenauer  Beschlüssen  hatte  der  Kaiser  schon 
am  14.  September  das  Ausschreiben  zum  Reichstag  auf  den  6.  Januar 
ergehen  lassen’).  Während  des  ganzen  November  und  Dezember 
korrespondierten  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  über  die  darauf 
zu  erteilende  Antwort.  Ein  Vorschlag  Philipps,  sie  bis  zum  Naum- 
burger  Tage  zu  verschieben,  um  mit  den  anderen  Bundesständen 
darüber  zu  konferieren,  erschien  dem  Kurfürsten  unausführbar, 
da  ja  der  Tag  schon  auf  den  (5.  Januar  ausgeschrieben  sei;  auch 
über  die  Form  der  dem  Kaiser  zu  erteilenden  Antw'ort  vermochten 
sich  die  beiden  Fürsten  nur  schwer  zu  einigen,  so  daß  sie  Gran- 
vella erst  am  23.  Dezember  in  Worms  übergeben  werden  konnte  ’). 
Vor  allem  kam  es  ihnen  darauf  an,  vom  Kaiser  ein  genügendes 
Geleit  zum  Reichstag  zu  erlangen.  Die  Verhandlungen,  die  dar- 
über in  den  nächsten  ^lonaten  stattfanden,  zeigen,  daß  Karl  von 
dem  unleugbaren  Bestreben  erfüllt  war,  den  Protestanten  den  Be- 
such des  Reichstages  zu  erleichtern.  Er  stellte  ihnen  immer  neue 

1)  Brück  an  Kf.  ,Tan.  4,  Rcr.  H.  p.  33.5,  No.  134,  III,  ür.,  ausführlicher 
Bericht  über  das  Gespräch.  Ders.  an  dens.  Jan.  9,  ebenda  I,  Or. 

2)  Der  Kaiser  an  Kf.  1.540  Sept.  14,  Reg.  H.  p.  391,  No.  148.  Or.,  pr.  Nov.  2. 

3)  Neudecker,  ürk.,  S.  blO— (313.  613—621.  Reinentwurf  dieses  Stückes 
aus  der  sächsischen  Kanzlei  mit  Korrekturen  in  P.  A.  No.  558.  Briefwechsel 
zwischen  dem  Kf.  und  dem  Lgf.  Reg.  H.  p.  364,  No.  141.  Neudecker,  8.  625 
— 629.  Brück  an  Kf.  Dez.  10,  Reg.  H.  ebenda,  Hdbf.  Lgf.  an  Feige  Dez.  17, 
P.  A.  No.  556.  Feige  an  Lgf.  Dez.  21.  23,  ebenda;  am  23.  meldet  er  die  Ueber- 
antwortung  des  Briefes  durch  die  sächsische  Kanzlei. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Borge  u.  der  Unternehmungslust  153(5 — 11.  285 

ei'weiterte  Geleitsbriefe  aus‘)  und  ließ  am  28.  Januar  ein  Mandat 
ergehen,  durch  das  die  Achtsexekution  gegen  Goslai-  und  Minden 
suspendiert  und  bis  auf  weiteres  die  Einstellung  aller  Prozesse  gegen 
die  Protestanten  befohlen  wurde  *).  In  derselben  Richtung  be- 
wegten sich  die  Erklärungen  Granvellas  in  Worms®). 

Der  Landgi'af  hat  sich,  nachdem  aUe  seine  Wünsche  in  der  Geleits- 
frage erfüllt  waren,  zur  Reise  nach  Regensburg  entschlossen*).  Johann 
Friedrich  war  wiederholt  vom  Kaiser  noch  extra  eingeladen  worden  ®) 
und  ist  jedenfaUs  lange  Zeit  unschlüssig  gewesen,  ob  er  kommen 
soUe  oder  nicht.  Anfang  Februar  wurden  schon  alle  sonst  in  solchen 
Fällen  üblichen  Reisevorbereitungen  getroffen , die  Zugordnung 
wurde  entworfen,  die  Instruktion  für  die  zurückbleibenden  Räte 
verfaßt®).  Schließlich  hielt  es  der  Kurfürst  aber  doch  für  besser, 
zu  Hause  zu  bleiben.  Er  wurde  dabei  durch  sehr  mannigfaltige 
Gründe  bestimmt.  Anfangs  waren  es  die  Mangelhaftigkeit  des  Ge- 
leits und  das  damals  noch  von  ihm  für  notwendig  gehaltene  Vor- 
gehen in  der  braunschweigischen  Angelegenheit,  die  ihn  zurück- 
hielten ^).  Später  hob  er  vor  allem  die  Anwesenheit  Heinrichs  von 
Braunschweig  auf  dem  Reichstage,  dessen  neues  Schmähbuch,  das 
Vorgehen  des  Kammergerichts  gegen  Eßlingen  und  seine  eigene 
Bedrohung  durch  das  Gericht  in  der  magdeburgischen  und  meiß- 
nischen Sache  hervor®).  Man  darf  wohl  aber  auch  die  nur  ge- 
ll 1.541  Jan.  3,  Weim.  Arch.  Urk.  No.  1620  (Reg.  H.  p.  394,  No.  148,  X). 
Jan.  26,  Reg.  H.  p.  3(55,  No.  140.  Seckendorf,  III,  S.  366.  Entwurf  von  Melan- 
chthons  Hand  in  Reg.  H.  p.  391,  No.  148.  Erklärung  dea  Kaisers  vom  10.  März, 
P.  A.  No.  576.  Rommel,  II,  S.  428  Anm.  152. 

2)  Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  Kopie.  Vetter,  S.  3.  6f. 

3)  Dolzig  und  Burchard  an  Kf.  Jan.  14,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  II,  Konz. 
Vergl.  P.  C.  III,  160  f. 

4)  P.  C.  III,  167f.  Lenz,  II,  S.  14f.  Rommel,  II,  S.  429. 

5)  Z.  B.  noch  Jan.  24,  Febr.  25,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100.  Vetter,  S.  9. 

6)  Zahlreiche  Akten  darüber  in  Reg.  E.  p.  48,  No.  1(X)  und  Reg.  Rr.  p.  326, 
No.  3.  22.  Vergl.  Jonas  an  Lang  Febr.  8,  Kawerau,  I,  S.  426. 

7)  Instruktion  des  Kf.  für  Christoph  von  Taubenheim  und  Eberhard  von  der 
Thann,  die  ihn  zunächst  auf  dem  Rt  vertreten  sollten,  Jan.  9,  Reg.  E.  p.  48  No.  100, 
Bl.  86—  92.  Vergl.  Clemeu,  Heit,  S.  124,  4.  Kf.  an  seine  Räte  in  Naumburg, 
Jan.  9,  Reg.  H.  p.  335,  No.  134,  I.  Hier  verweist  er  auch  darauf,  daß  nur  einer 
der  beiden  Bundeshauptleute  zum  Rt.  gehen  könne.  An  Lgf.  Jan.  26,  Reg.  H. 
p.  394,  No.  149,  I,  Konz.  An  die  Räte  in  Worms  Jan.  26,  Reg.  H.  p.  329, 
No.  133,  II,  Or; 

8)  An  Lgf.  Febr.  10.  15,  März  3,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  I,  Konz.  In- 
struktion des  Kf.  für  die  große  Gesandtschaft,  die  er  nach  Regensburg  schickte, 


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Kapitel  II. 


legentlich  von  Johann  Friedrich  ausgesprochene  Furcht  vor  zu 
großer  Nachgiebigkeit  des  Landgrafen  und  anderer  Protestanten 
nicht  unterschätzen.  Er  wollte  bei  solchen  Vorgängen  nicht  einmal 
dabei  sein  *)  und  hatte  keine  Lust,  sich  ganz  allein  die  Ungnade  des 
Kaisers  zuzuziehen’).  Er  nahm  an,  daß  man  seine  Anwesenheit 
nur  deshalb  wünsche,  um  ihn  zur  Nachgiebigkeit  in  der  Religions- 
sache, der  Wahlsache,  der  magdeburgischen  Angelegenheit,  gegen 
Heinrich  von  Hraunschweig  und  gegen  den  Bischof  von  Meißen  zu 
bestimmen,  und  fühlte  sich  nicht  sicher  genug,  um  auf  seine  Festig- 
keit in  allen  diesen  Fragen  zu  bauen*). 

Die  Versuche,  Johann  Friedrich  zum  Besuche  des  Reichstags  zu 
bestimmen,  sind  auch  nach  dessen  Eröffnung  noch  wochenlang  fort- 
gesetzt worden,  Granvella  und  der  Kaiser  selbst  hatten  lange  Unter- 
redungen deswegen  mit  den  sächsischen  Gesandten^),  der  Landgraf®) 

März  15,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  27  ff.,  zum  Teil  gedruckt  0.  R.  IV,  123—132. 
Vergl.  auch  P.  C.  III,  175.  Die  Gesandtschaft  bestand  aus  Wolfgang  von  Anhalt, 
Taubenhaim,  Dölzig,  Pack,  Thaun,  Burcbard  und  Siudringer. 

1)  An  die  Räte  in  Regensbnrg  April  7,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  134  ff., 
Or.;  April  24,  ebenda.  Bl.  23Hff. 

2)  Brück  an  Burchard  Mai  6,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  Bl.  255  f..  Or. 
Bruns,  S.  68. 

3)  Vergl.  die  ausführliche  Darlegung  seiner  Bedenken  in  Brief  an  Luther 
und  Bugenhagen  vom  9.  Mai,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  349 — 355,  Kopie. 
Aktenst.  No.  43. 

4)  Bericht  Taubenheims  und  Thanns  vom  26.  Februar,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100, 
BL  161  ff.  Der  Kf.  war  mit  ihrem  Verhalten  nicht  recht  einvostanden,  da  sie 
sein  Kommen  zu  bestimmt  in  Aussicht  gestellt  hatten  (März  7,  Bl.  186 f.).  Sie 
rechtfertigten  sich  März  13  (Bl.  218 ff.  222  f.l,  worauf  der  Kf.  sich  beruhigte 
(März  22,  Bl.  225 ff.).  Die  große  Gesandtschaft  berichtete  über  ihre  ersten  Ver- 
handlungen mit  dem  Kaiser  und  Granvella  März  27  und  29,  Reg.  EL  p.  48, 
No.  97,  Bl.  111—116.  Seckendorf,  III,  B.  353.  Ueber  weitere  Verhandlungen 
berichteten  die  Räte  am  3.  April  (ebenda  Bl.  148  ff.)  und  sandten  eine  dringende 
Aufforderung  des  Kaisers  vom  2.  (BL  152  ff.).  Da  sie  sich  damit  nicht  zufrieden 
gegeben  hatten  (BL  162  f.),  erging  am  18.  April  eine  neue  kaiserliche  Resolution 
(Bl.  230f.).  Hier  waren  alle  Beschwerden  des  Kf.  mit  Ausnahme  der  meiß- 
nischen Sache  erledigt.  Infolge  dieses  Mangels  war  natürUch  der  Kf.  nicht 
mit  ihr  zufrieden,  auch  in  der  magdeburgischen  Angelegenheit  genügte  die  Er- 
klärung des  Kaisers  ihm  nicht.  (An  die  Räte  April  24,  BL  239 ff.)  Noch  im 
Mai  hatte  Granvella  Unterredungen  mit  Burchard  über  das  Kommen  des  Kf. 
(Burchard  an  Kf.  Mai  14,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  BL  218,  Or.) 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  2.  7,  Jlärz  17,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  I.  II;  an 
Bucer  März  25,  Lenz,  II,  S.  24.  Den  Kaiserlichen  erklärte  der  Landgraf,  er 
täte  sein  möglichstes,  um  Kf.  zum  Kommen  zu  bestimmen,  P.  A.  574,  Aitingers 


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Bund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UnternchmungsluBt  1536—41.  287 

uud  Bucer‘)  nahmen  sich  der  Sache  an,  vor  allem  aber  bemühte 
sich  Pfalzgraf  Friedrich  immer  von  neuem,  den  Kurfürsten  von  der 
Nützlichkeit  dieses  Schrittes  zu  überzeugen*).  Auch  die  eigenen 
Gesandten  Johann  Friedrichs  haben  sich  zeitweilig  diese  Argu- 
mente zu  eigen  gemacht  und  waren  geneigt,  zu  glauben,  daß  die 
persönliche  Gegenwart  ihres  Herrn  für  die  Friedensverhandlungen 
heilsam  sein  werde*).  Dieser  hat  sich  aber  niemals  zu  dieser  An- 
schauung zu  bekehren  vermocht*)  und  war  jedenfalls  insofern  im 
Recht,  als  von  ihm  am  allei-wenigsten  irgendwelche  Nachgiebigkeit 
auf  religiösem  Gebiete  zu  erwarten  war. 

Eine  andere  Frage  ist  es,  inwieweit  etwa  das  Verhalten  des 
Kaisers  und  seiner  Minister  durch  das  persönliche  Erscheinen  des 
Kurfürsten  günstig  für  die  Protestanten  beeinflußt  worden  wäre. 
Auch  viele  von  diesen  haben  das  damals  geglaubt,  bestochen 
von  den  Friedensschalmeien  Granvellas.  Wie  weit  diese  ernst 
gemeint  waren,  ist  kaum  möglich  zu  sagen,  die  Dinge  hätten 
aber  wohl  auch  bei  der  persönlichen  Anwesenheit  Johann  Fried- 
richs keinen  wesentlich  anderen  Gang  genommen.  Es  mag  sein, 
daß  der  Kaiser  und  seine  Ratgeber  sich  in  dieser  Hinsicht 
Illusionen  hingaben,  aber  an  eine  wirkliche  Vergleichung  der 
Religionsparteien  war  doch  nicht  zu  denken.  Gewiß  wäre  es  w'ert- 
voll  gewesen,  den  Kurfürsten  von  Sachsen  für  eine  solche  zu  ge- 
winnen, und  w'enu  man  von  gegnerischer  Seite  so  sehr  viel  Wert 
auf  sein  Kommen  legte,  so  lag  das  wahrscheinlich  daran,  daß  man 
leichter  irgendwelche  Zugeständnisse  von  ihm  zu  erlangen  hoft'te. 
wenn  man  persönlich  mit  ihm  verhandeln  konnte.  Dabei  unter- 
schätzte  man  aber  doch  wohl  die  Standhaftigkeit  des  Sachsen  gerade 

Protokoll.  Noch  am  2.  Juni  empfahl  Philipp  gegen  Dölzig  das  Kommen  des  Kf. 
(Dölzig  an  Kf.  Juni  2,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  Bl.  273 f.,  Or.) 

1)  An  Ldgf.  .März  21,  Lenz,  II,  S.  22f. 

2)  Audienz  der  Gee.  beim  Pfalzgrafen  am  2d.  März,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97, 
Bl.  164b.  Kf.  an  den  Pfalzgf.  April  15,  Bl.  168f.  Pfalzgf.  an  Kf.  April  24, 
BL  273ff.  Kf.  an  den  Pfalzgf.  Juni  7,  Bl.  2T6f.  Verhandlungen  de»  Pfalzgf.  mit 
Pack  und  Burchard  Juni  2,  Reg.  E.  p.  48,  No.  98,  Bl.  9 — 13. 

3)  C.  R.  IV,  258.  Räte  an  Kf.  Mai  19,  Zettel,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97, 
Bl.  393;  Juni  3,  Reg.  E.  p.  48,  No.  98,  Bl.  1 ff.,  Or.  Am  20.  Mai  sprach  sich 
jedoch  Burchard  gegen  Brück  gegen  das  Kommen  de»  Kf.  au»,  C.  R.  IV,  3401. 

4)  Daß  er  zuweilen  etwas  schwankte,  zeigt  sein  Brief  an  Luther  und  Bugen- 
hagen  vom  9.  Mai.  VergL  S.  280,  Anm.  3.  Die  Theologen  rieten  ihm  entschieden 
von  der  Reise  ab.  de  Wette,  V,  8.  353 ff.  Erl.  55,  305  ff.  Burkhardt,  Brief- 
wechsel, 8.  379. 


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288 


Kapitel  II. 


auf  religiösem  Gebiete.  Sie  hat  sich  gelegentlich  des  Regensburger 
Reichstages  zum  ersten  Male  in  ihrer  ganzen  Größe  zu  bewähren 
gehabt.  Die  umfangreiche  Korrespondenz  des  Kurfürsten  mit  seinen 
nach  Regensburg  gesandten  Räten  und  Theologen  gewährt  uns 
reiche  und  interessante  Einblicke  in  ihre  Unerschütterlichkeit. 

Dem  Hagenauer  Abschied  hätte  es  ja  zunächst  entsprochen, 
daß  auf  dem  Reichstag  über  das  Resultat  des  Wormser  Ge- 
spräches berichtet  worden  wäre^).  Da  nun  aber  in  Worms  fast 
nichts  zustande  gekommen  war,  schien  es  Johann  Friedrich  am 
ratsamsten,  daß  das  Gespräch  entsprechend  dem  Briefe  des  Kaisers 
an  Granvella  in  Regensburg  einfach  fortgesetzt  werde.  Aller- 
dings glaubte  er  auch  jetzt  nicht,  daß  viel  dabei  herauskommen 
werde,  da  er  ja  auf  keinen  Fall  von  Konfession,  Apologie  und  der 
schmalkaldischen  Vergleichung  weichen  wollte.  Er  war  auch  darauf 
gefaßt,  daß  das  Gespräch  dem  Kaiser  bald  zu  langwierig  werden 
würde,  und  hielt  für  das  Beste,  sich  dann  mit  einem  äußerlichen 
beständigen  Frieden  zu  begnügen.  Der  Kurfürst  war  der  Meinung, 
daß  man  auch  Partikularverhandlungen  zwischen  dem  Kaiser  und 
den  Protestanten  nicht  absolut  absclilagen  solle,  versprach  sich  aber 
auch  von  ihnen  keinen  Erfolg.  Er  vermutete,  daß  Karl,  w'enn 
auch  diesei'  Weg  zu  nichts  führe,  zu  einem  vom  Papst  ans- 
zuschreibenden  Konzil  seine  Zuflucht  nehmen  würde.  Er  war  über- 
zeugt davon,  daß  man  ein  solches  rekusieren  könne,  empfahl  aber, 
daß  man  dann,  um  den  Glimpf  zu  behalten,  seinerseits  ein  recht- 
schaifenes,  freies,  christliches  und  unparteiisches  Konzil  in  deutscher 
Nation  fordeie,  in  dem  der  Papst  und  seine  Geistlichen  nicht 
Richter  und  Part  zugleich  seien*). 

Die  kursächsischen  Gesandten  haben  sich  in  Regensburg  zu- 
nächst an  diese  Instruktion  gehalten.  Sie  veranlaßten,  daß  man 
den  Vorschlag  des  Kaisers  in  der  Proposition  vom  5.  April,  durch 
eine  Anzahl  von  ihm  bestimmter  Personen  über  die  religiösen 


1)  So  instruiert«  der  Kf.  noch  am  9.  Januar  Taubenheim  und  Thann, 
Keg.  E.  p.  48,  No.  100,  Bl.  86-92. 

2)  Instruktion  vom  15.  März,  R^.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  27ff.  C.  R.  IV, 
123  ff.  Nachgeschickt  wurde  den  Clesandten  noch  ein  Bedenken  der  Theologen 
über  Frieden  und  KonziL  Brück  an  Kf.  März  13,  Reg.  fl.  p.  391,  No.  149,  IL 
Kf.  an  Brück  März  16,  Reg.  E.  p.  48,  No.  101,  Bl.  15;  C.  R.  IV,  134ff.  Brück 
an  Kf.  März  17,  Reg.  fl.  p.  335,  No.  134,  III,  Or.  Auch  ein  „Bedenken  wegen 
der  christlichen  Reformation“  (Reg.  E.  p.  48,  No.  99,  Bl.  1 f.)  mag  hierher  gehören. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  ünterDehnmDgslaet  1536 — 41.  289 

Dinge  verhandeln  zu  lassen,  mit  der  Bitte  um  Fortsetzung  des 
Wormser  Gespräches  erwiderte.  Auch  als  dann  Karl  seinen  Vor- 
schlag am  11.  April  wiederholte,  haben  Sachsen  und  Württemberg 
sich  dagegen  ausgesprochen  und  schließlich  nur  nachgegeben,  um 
sich  nicht  von  den  anderen  protestantischen  Ständen  zu  trennen. 
Selbst  damit  waren  die  Sachsen  aber  ihrem  Herrn  schon  zu  weit 
gegangen  ‘). 

Der  Kurfürst  hat  auch  weiterhin  die  Verhandlungen  mit  dem 
größten  Mißtrauen  verfolgt,  war  vor  allem  stets  voll  Besorgnis, 
daß  der  Landgraf  und  auch  andere  Bundesstände  zu  weit  „weichen“ 
würden,  doch  war  er  entschlossen,  unter  Umständen  auch  ganz 
allein  an  dem  einmal  für  wahr  Erkannten  festzuhalten*).  Auch 


1)  Die  Propoeition  vom  5.  April,  Hortleder,  I,  1,  S. 203 ff.;  Walch,  XVII, 
S.  701  ff.;  unvollständig  in  C.  R.  IV,  151  ff.  Die  Antwort  der  Protestanten  vom  9., 
C.  R.  IV,  156  ff.  Dazu  Bericht  der  kursächsischen  Ges.  vom  11.,  Reg.  El  a.  a.  O. 
Bl.  206.  Antwort  des  Kaisers  vom  11.,  C.  R.  IV,  161  f.  Wiederantwort  der  Pro- 
testanten vom  12.,  ebenda,  162  f.  Brief  der  Ges.  vom  14.,  Reg.  E.  a.  a.  O.  Bl.  208  f. 
Vetter,  8.  64f.  Kf.  an  die  Ges.  April  22,  Reg.  E.  a.  a.  O.  Bl.  221  ff. 

2)  Das  Mißtrauen  des  Kf.  tritt  schon  in  der  Instruktion  vom  15.  März 
hervor,  C.  R.  IV,  128.  131.  Am  29.  März  berichteten  die  Räte  Ober  ihre  erste 
Unterredung  mit  dem  Ldgfen.  Er  wollte  danach  in  den  Artikeln,  die  Gottes 
Wort,  das  Gewissen  und  die  Seligkeit  beträfen,  nicht  weichen,  empfahl  aber 
Nachgiebigkeit  in  den  äußerlichen  Dingen  und  den  Ncutralia,  sowie  in  der 
Frage  der  geistlichen  Güter.  (Reg.  El  p.  48,  No.  97,  Bl.  125 — 128;  vergl.  Bruns, 
8.  68,  1.)  Johann  E^edrich  ließ  diese  Erklärung  durch  Brück  Luther  vorlegen. 
Der  Reformator  äußerte  sich  ziemlich  unzufrieden  über  die  Haltung  des  Ldgfen. 
und  sprach  die  Ansicht  aus,  daß  eine  Vergleichung  in  der  Religion  von  den 
wesentlichen  Stücken  und  nicht  von  den  Neutralia  ausgehen  müsse,  und  daß 
man  auch  in  der  Frage  der  geistlichen  Güter  nicht  nachgeben  dürfe  (de  Wette, 
V,  337  f.  339  f.;  E>L  55,  299  ff. ; Burkhardt,  Briefwechsel,  8.  373  f.).  Der 
Kurfürst  selbst  legte  seinen  Standpunkt  in  Brief  an  Brück  vom  5.  April  dar 
und  brachte  dabei  seine  Abneigung  gegen  jede  Nachgiebigkeit  auch  in  der 
Frage  der  geistlichen  Güter  sehr  scharf  zum  Ausdruck.  Er  meinte,  daß  man 
durch  die  Räte  in  Regensburg  dem  Landgrafen  die  kursächsische  Auffassung 
energisch  klar  machen  müsse,  er  selbst  hoffe  auf  Gottes  Hilfe,  wenn  auch  alle 
anderen  abfielen,  wenn  man  nur  selbst  bei  der  Konfession,  Apologie  und  schmal- 
kaldischen  Vereinigung  bleibe.  (Konz.  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II.  Akteost. 
No.  41.)  Demgemäß  bat  der  Kf.  dann  am  7.  April  unter  Benutzung  des  Gut- 
achtens Luthers  an  Brück  seinen  Räten  geschrieben  und  sie  beauftragt,  festzu- 
stellen, in  welchen  Artikeln  der  Landgraf  Nachgiebigkeit  für  möglich  halte.  Sie 
soUten  eine  schriftliche  E>klärung  Philippe  darüber  zu  erlangen  suchen  und  diese 
zunächst  Melanchthon  und  den  anderen  in  Regensburg  anwesenden  Theologen 
vorlegen.  Wenn  diese  eie  für  unannehmbar  hielten,  so  sollten  die  Räte  sie  dem 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  19 


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290 


Kapitel  II. 


der  Verlauf  des  Religionssgespräches  erregte  sein  Mißfallen;  die 
Artikel,  über  die  man  sich  geeinigt  hatte,  behagten  ihm  durchaus 
nicht,  vor  allem  erklärte  er  sich  dagegen,  daß  einzelne  Artikel  der 
Konfession  übersprungen  würden,  weil  man  sich  in  ihnen  nicht 
einigen  könne,  und  man  andere  herausgrilfe  und  so  eine  „stückigte“ 
Einigung  schüfe').  Mit  vollem  Rechte  betonte  er,  daß  mit  der 

Laudgrafeu  gegenüber  ablelmoD  und  gar  nicht  er^^t  an  den  Kurfürsten  und  Luther 
schicken,  ,und  man  kheme  also  mit  dem  landgraven  einmalh  und  entlieh  hindurch, 
dann  es  wirdet  doch  endlich  beschehen  müssen“.  Diese  Verhandlungen  sollten 
jedoch  möglichst  glimpflich  geschehen,  um  bei  Philipp  nicht  den  Eindruck  zu 
erwecken,  als  sei  dem  Kurfürsten  nichts  an  ihm  gelegen.  (Reg.  E.  p.  48,  No.  97, 
Bl.  134ff.,  Or.;  Seckendorf,  III,  S.  3.54 f.  Äktenst.  No.  42.)  Die  Räte  haben 
diesen  Befehl  zunächst  überhaupt  nicht  ausgeführt,  da  sie  inzwischen  einen  günsti- 
geren Eindruck  von  der  Haltung  des  Landgrafen  erhalten  hatten  (an  Kf.  April  14, 
ebenda  Bl.  210f.).  Johann  Friedrich  traute  aber  doch  noch  nicht  und  erneuerte 
am  22.  April  seinen  Befehl,  indem  er  gleichzeitig  von  neuem  betonte,  daß  er 
selbst  bei  der  einmal  erkannten  Wahrheit  bleiben  wolle,  es  falle  von  den  anderen 
ab,  wer  da  wolle  (BI.  221  ff.).  Daraufhin  haben  die  Räte  dann  den  Befehl  aus- 
geführt und  konnten  am  2.  Mai  über  ihre  neuen  Verhandlungen  mit  dem  Land- 
grafen nicht  Ungünstiges  berichten.  Er  erklärte  mit  Bestimmtheit,  daß  auch 
er  an  der  Konfession  und  dem  schmalkaldischen  Ratschlag  festhalten  wolle  und 
daß  er  in  bezug  auf  die  geistlichen  Güter  nur  so  weit  auf  annehmbare  Vor- 
schläge einzugeben  empfehle,  als  sie  nicht  schon  für  die  Unterhaltung  von 
Pfarrern  u.  dgl.  gebraucht  würden.  (BI.  309>>  und  Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  BL  247/248.) 
Bei  dieser  Erklärung  scheint  Johann  Friedrich  sich  dann  beruhigt  zu  haben. 

1)  Die  Proposition  hielt  der  Kf.  in  der  Religionssache  mehr  für  einen  !8chcin 
als  für  Emst  (an  die  Räte  April  15,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  172).  V'on  dem 
Gespräch  versprach  er  sich  von  vornherein  nichts,  fürchtete  aber  ein  zu  großes 
Entgegenkommen  Bucers  und  des  ihm  unbekannten  Pistorius,  so  daß  Melanchthon 
mit  den  Freunden  ebensoviel  werde  disputieren  müssen,  wie  mit  den  Feinden 
(ebenda  Bl.  278 ff.;  vergl.  C.  R.  IV,  577 ff.).  Den  Artikel  über  die  Rechtfertigungs- 
lehre, mit  dem  seine  Räte  sehr  zufrieden  waren  (C.  R.  IV,  253  ff.),  billigte  er 
durchaus  nicht  (an  Luther  und  die  Wittenberger  Mai  9;  Burkhardt,  S.  380 ff.). 
Dagegen,  daß  man  über  die  Artikel  hinwegginge,  über  die  man  sich  nicht  einigen 
könne,  äußerte  er  sich  z.  B.  in  Briefen  an  die  Räte  von  Mai  10  (C.  R.  IV,  281  ff. ; 
Vetter,  S.  97)  und  Mai  22  (Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  377 ff.;  Seckendorf, 
III,  S.  3G0).  Auch  die  verglichenen  Artikel  sollten  nach  seiner  Meinung  un- 
gültig sein,  wenn  die  anderen  unrerglichen  blieben  (Mai  13,  O.  R.  IV,  284  ff.). 
Seine  persönliche  Unnaebgiebigkeit  betont  der  Kf.  auch  Mai  19  wieder  sehr  stark 
(an  Burchard,  C.  R.  IV,  306  ff.),  vor  allem  aber  in  dem  Briefe  vom  28.  Mai. 
Gerade  dieser  zeigt,  daß  Johann  Friedrich  die  Vergleichung  in  den  Hauptpunkten 
der  Lehre  für  das  Ausschlaggebende  hielt,  auf  bloße  Beseitigung  der  Mißbräuche 
wenig  Wert  legte.  Er  war  aber  so  überzeugt  davon,  daß  jene  nicht  möglich  sei, 
daß  er  schrieb,  „dieweil  wir  leben,  so  sollen  durch  Verleihung  des  Allmächtigen 
die  Worte:  Vergleichung  in  derreligion  bei  uns  unser  petson  halben  nicht  mehr 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungsluet  1536 — 41.  291 

Einigung  in  äußerlichen  Dingen  nichts  getan  sei,  daß  es  vor  allem 
auf  Uebereinstimmung  in  den  Hauptpunkten  des  Glaubens  an- 
komme. Nicht  zu  den  äußerlichen  Dingen  rechnete  er  aber  die 
Frage  der  Kirchengüter.  Die  irenischen  Ansichten,  die  der  Land- 
graf immer  wieder  in  diesem  Punkte  vorbrachte,  wies  er  nach  wie 
vor  zurück*).  Einverstanden  war  er  mit  den  Artikeln,  die  die 
Protestanten  am  31.  Mai  bei  der  Rückgabe  des  Regensburger 
Buches  überreichten,  besonders  dem  vom  Sakrament*),  alle  weiteren 
Vermittlungsversuche,  wie  den  des  Kurfürsten  von  Brandenburg*), 
auch  die  Erfüllung  des  Wunsches  des  Kaisers,  daß  die  Prote- 
stanten ein  Verzeichnis  der  Mißbräuche  der  katholischen  Kirche 
überreichen  sollten,  lehnte  er  ab*). 

Im  wesentlichen  hatte  Johann  Friedrich  bei  seinem  Widerstand 
gegen  die  Regensburger  Versöhnungsversuche  Luther  und  Bugen- 
hagen  auf  seiner  Seite.  Es  ist  aber  bekannt,  daß  er  selbst  nach 
Wittenberg  eilte,  um  Luther  den  Rücken  zu  steifen,  als  durch  den 
Kaiser  und  den  Kurfürsten  von  Brandenburg  eine  Gesandtschaft  an 
diesen  geschickt  wurde,  um  ihm  die  vier  Artikel,  auf  die  man  sich 
geeinigt  hatte,  vorzulegen  und  seine  Zustimmung  zu  dem  Plan 
zu  gewinnen,  daß  sie  im  Reiche  verkündet,  die  unverglichenen 
toleriert  werden  sollten  *).  Tatsächlich  äußerte  sich  der  Kurfürst  in 

statt  fioden“  (U.  B.  IV,  342 — 346).  Gegen  eine  ^stückliche“  Vergleichung 
spricht  sich  der  Kf.  auch  am  2.  Juni  wieder  aus  (C.  R.  IV,  380). 

1)  Brief  an  die  Räte  vom  7.  April  und  vom  28.  Mai. 

2)  C.  R.  IV,  386. 

3)  lieber  dessen  Gleichgültigkeit  in  religiösen  Dingen  hat  sich  Johann 
Friedrich  wiederholt  in  sehr  charakteristischer  Weise  geäußert  (an  die  Gesandten 
April  22,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  BI,  221  ff.;  Juni  21,  ebenda  No.  98,  Bl.  45 — 50). 
In  dem  zweiten  dieser  Briefe  spricht  er  seine  Zustimmung  dazu  aus,  daß  man 
die  brandenburgische  Handlung  abgeschlagen  habe,  ,dan  wir  sehen,  das  der  Kf. 
zu  Brandenburg  neutral  ist  und  von  einsteila  relligion  eben  so  vU  halten  muß 
als  von  der  andern'*. 

4)  C.  R.  IV,  339.  381  f.  Später  ließen  sich  die  Protestanten  aber  doch  zu 
einer  .solchen  Zusammenstellung  bestimmen  (ebenda  Sp.  557).  Daraus  entstanden 
die  Stücke  C.  R.  IV,  530 ff.  542 ff.  Der  Kf.  war  wenig  damit  einverstanden,  da 
Melanchthon  und  Bucer  ihm  darin  den  Bischöfen  gegenüber  zu  mild  waren 
(ebenda  609  f.). 

5)  Die  Bäte  in  Regensburg  an  Kf.  C.  R.  IV,  378  ff.  Zur  Verwunderung 
des  Ldgfen.  versprach  der  Kaiser  sich  von  Luther  größeres  Entgegenkommen  als 
von  den  anderen  Theologen.  (Dolzig  an  Kf.  Juni  2,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100, 
Bl.  273 f.,  Or.  Luther  an  Kf.  Juni  6,  de  Wette,  V,  364 f.;  Erl.  55,  314 f.  Kf. 
an  die  Räte  Juni  7,  C.  R.  IV,  385 f. ; Seckendorf,  III,  S.  361  f.  Brück  an  Kf. 

19* 


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292 


Kapitel  II. 


dieser  Zeit  zuweilen  schärfer  und  unversöhnlicher  als  Luther  selbst. 
Er  trug  so  mit  dazu  bei,  das  Vereiuigungswerk  zum  Scheitern  zu 
bringen,  und  da  sich  auf  katholischer  Seite  ein  nicht  geringerer 
Widerstand  regte,  sah  sich  der  Kaiser  schließlich  genötigt,  es  fallen 
zu  lassen.  Johann  Friedrich  wü'd  kaum  besonders  betrübt  darüber 
gewesen  sein. 

.\uf  dem  Reichstage  wandte  man  sich  nun  der  Beratung  über 
einen  beständigen  Frieden  im  Reich  und  über  die  Türkenhilfe  zu  ‘). 
.\uch  auf  diesem  Gebiete  zeigte  sich  der  Kurfürst  widerspenstiger 
als  seine  Bundesgenossen.  Da  ihm  damals  eine  Türkenhilfe  nicht 
sehr  dringlich  schien,  da  er  außerdem  der  Meinung  wai’,  daß  Fer- 
dinand in  dem  diesjährigen  Kriege  der  Angreifer  gewesen  sei*), 
hielt  er  es  für  gänzlich  unbedenklich,  die  Gewährung  der  Hilfe 
abhängig  zu  machen  von  der  eines  „satten“  Friedens  und  des 
immer  vergeblich  erstrebten  Stillstandes  am  Kammergericht*).  Er 
fand  dabei  aber  bei  seinen  Verbündeten  nur  mangelhafte  Unter- 
stützung, mau  gewährte,  besonders  wohl  auch  dem  M’illen  des 
Landgrafen  folgend,  eine  eilende  Hilfe  ohne  genügenden  Frieden  ^). 

Juni  30,  C.  R.  IV,  3951.  396-399;  üurkhardt,  S. 385 ff.;  de  Wette,  V,  366 f.; 
Vetter,  S.  149f.  Kf.  an  Burcbard  Juni  14,  Reg.  E.  p.  48,  No.  101,  ßl.  llOf.,  Or. 
Luther  an  Melanchthon  Juni  12,  de  Wette,  V,  371  f.)  Vergl.  über  die  Ueeandt- 
schaft  an  Luther  jetzt  auch  Nik.  Müller,  JbBrKG.,  IV,  8.  193 ff. 

1)  In  der  Proposition  waren  die  Türkenhilfe  und  die  Erhaltung  des  Friedens, 
Rechtens  und  guter  Polizei  im  Reiche  als  Beratungsgegenstände  schon  mitangegebeo 
(Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  177  ff.;  Hortleder,  I,  1,  S.  203f.).  Die  Protestanten 
hatten  darauf  sofort  dauernden  Frieden  und  Stillstand  des  Kammergerichts  als  Be- 
dingung für  die  Türkenhilfe  bezeichnet  (C.  R.  IV,  160).  Wirkliche  Verhandlungen 
über  diesen  Funkt  haben  aber  erst  Mitte  Juni  begonnen.  Gegen  den  Willen  des 
Kaisers  und  durch  Schuld  der  katholischen  Stände  kam  es  auch  hierbei  zu  eiuer 
Sonderung  der  Stände  nach  Religionspartcien.  Die  Protestanten  hielten  dann  zu- 
nächst an  ihren  üblichen  Forderungen  fest,  sehr  zur  Zufriedenheit  des  Kf.,  der 
meinte,  daß  man  bei  der  Art  des  diesmaligen  Türkenkrieges  ruhig  Bedingungen 
stellen  könne.  (Berichte  der  Räte  Juni  16,  20,  Reg.  E.  p.  48,  No.  98,  Bl.  114 — 118. 
149 — 151.  Äitingers  Protokoll  P.  A.  574.  Antwort  der  Protestanten  vom  16.  Juni  an 
Pfalzgf.  Friedrich  Reg.  E.  a.  a.  O.  Bl.  125  ff.  Kf.  an  die  Räte  Juni  26,  Bl.  130  ff.)  — 
Die  Beratungen  über  „Mittel  zur  Förderung  und  Erhaltung  gemeinen  Friedens 
und  Rechtens  im  Reich“  beginnen  mit  der  Erklärung  des  Kaisers  vom  7.  Juli 
(C.  R,  IV,  465  f.). 

2)  Kf.  an  seine  Gesandten  Juni  21,  Reg.  E.  p.  48,  No.  98,  Bl.  45  ff. 

3)  Protokoll  Äitingers  sub  Juli  11,  P.  A.  No.  574.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  14, 
Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Konz. 

4)  Der  I.andgraf  befahl  Feige  schon  am  14.  Juli,  dem  Kaiser,  dem  König 
und  Granvella  zu  erklären,  daß  er  mit  der  Ablehnung  der  Türkenhilfe  nicht  ein- 


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Bond  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  n.  der  UntemehmungsluBt  1536 — 11.  293 

Auch  Johann  Friedrich  hat  sich  wohl  schließlich  der  Majorität  ge- 
fügt 1). 

Ein  Gutachten  über  die  beharrliche  Hilfe,  das  er  seinen 
Räten  am  2.  April  nach  Regensburg  nachgesandt  hatte,  kam  nun 
gar  nicht  weiter  zur  Verwendung.  Es  soUte  erst  für  das  nächste 
Jahr  gelten,  da  es  zu  spät  sei.  um  in  diesem  Jahre  noch  etwas 
zu  erreichen,  und  ist  unleugbar  von  einer  gewissen  Großartigkeit. 
Mit  Recht  hielt  es  der  Kurfürst  für  notwendig,  einmal  ganze  Arbeit 
zu  machen  und  ein  wirklich  leistungsfiLhiges  Heer  aufzustellen. 
80000  Mann  sollte  es  stark  sein.  Für  die  Aufbringung  der  Mittel 
kam  Johann  Friedrich  auf  die  Gedanken  zurück,  die  wir  schon  von 
früher  her  kennen  und  für  die  vor  allem  charakteristisch  ist,  daß 
die  zu  Hause  Bleibenden  zahlen  sollten  und  unter  ihnen  wieder  in 
erster  Linie  die  nicht  als  Prediger  und  Pfarrer  tätigen  Geistlichen. 
Der  Kurfürst  machte  auch  schon  Vorschläge  über  militärisches 
Detail,  die  Persönlichkeit  des  Hauptmanns*)  und  der  Kriegsräte, 
das  Verhältnis  unter  ihnen  u.  dgl.  Interessant  ist  dabei  der  Ge- 
danke, daß  er  die  Mobilmachung,  die  „Verwaltung  der  Aufbringung 
des  Heeres  im  Reiche“  einem  besonderen  Hauptmann  übertragen 
zu  sehen  wünschte.  Ihm  selbst  hätte  wohl  dieser  Posten  nicht 
übel  gepaßt.  Wie  groß  der  Plan  angelegt  war,  geht  auch  daraus 
hervor,  daß  Johann  Friedrich  wünschte,  daß  man  von  vornherein 

ventimden  Bei  und  sie  selbst  leisten  werde  (P.  A.  589).  Es  war  also  kaum  ehrlich 
gemeint,  wenn  er  am  23.  Juli  dem  Kurfürsten  seine  Verwunderung  darüber  aus- 
spracb,  daß  die  Stände  die  Türkenhilfe  ohne  die  üblichen  Forderungen  bewilligt 
hätten,  er  habe  sich  aber  gefügt,  da  es  sich  um  eine  so  geringfügige  Summe 
handle  (Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Or.).  Mit  ähnlichen  Gründen  rechtfertigten 
übrigens  die  kursächsischen  Gesandten  schon  am  5.  und  8.  Juli  die  Bewilligung 
der  Hilfe  nur  gegen  einen  Anstand  auf  Zeit  (Reg.  E.  p.  48,  No.  98,  BL  212; 
No.  99,  Bl.  76 — 78,  Or.).  Der  Kurfürst  dagegen  gab  io  einem  wahrscheinlich  aus 
derselben  Zeit  stammenden  undatierten  Zettel  noch  den  strikten  Befehl,  bei  den 
ursprünglichen  Bedingungen  zu  beharren,  wenn  man  auch  ganz  allein  damit 
stände.  Vielleicht  bezieht  sich  auf  diese  Dinge  die  Aeußerung  Rehlingers  gegen 
Herwart  in  Augsburg  vom  15.  Juli  (ARG.  IV,  286,  No.  121).  Nicht  ganz  im 
Einklang  damit  steht  allerdings  der  Brief  des  Kf.  an  den  Ldgfen.  vom  14.  Juli. 
Danach  wollte  er  sich  fügen,  wenn  die  Bundesstände  die  Hilfe  bewilligen  wollten 
gegen  einen  sechsmonatigen  Stillstand,  während  dessen  über  Frieden  und  Recht 
verhandelt  werden  sollte.  Eventuell  wollte  er  aber  auch  mit  dem  Landgrafen 
allein  die  Hilfe  verweigern.  (Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Konz.) 

1)  Vergl.  auch  Bruns,  S.  77 ff. 

2)  Kf.  legte  dabei  weniger  auf  die  Kriegsübung  als  auf  christlichen  Wandel 
und  einen  bedächtigen  Verstand  Wert. 


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294 


Kapitel  II. 


Vorkehrungen  für  den  „Nachdruck“  träfe,  falls  etwa  der  erste  Zug 
ungünstig  abliefe  '■).  Wir  werden  zu  beobachten  haben,  daß  in  den 
Aeußerungen  des  Kurfürsten  über  die  Türkenhilfe  in  den  nächsten 
Monaten  vielfach  Gedanken  aus  diesem  Gutachten  wiederkehren. 
In  Regensburg  kam  es  zunächst  nicht  in  Betracht,  da  die  Voraus- 
setzung einer  beharrlichen  Hilfe  für  den  Kurfürsten  die  Erledigung 
der  Punkte  Friedens  und  Rechtens  war. 

Für  den  Frieden  hatte  man  in  Hessen  .Artikel  entworfen,  die 
zwar  nicht  die  volle  Zustimmung  Johann  Friedrichs  hatten,  die  er 
sich  aber  doch  zu  eigen  machte*).  An  ihre  Annahme  in  Regens- 
burg war  allerdings  nicht  zu  denken.  Das,  was  dann  im  Abschied 
des  Reichstages  über  diese  Punkte  festgesetzt  wurde,  genügte  den 
Protestanten  nicht.  Zwar  wurde  der  Nürnberger  Flieden  erneuert 
bis  zu  einem  Konzil  in  Deutschland,  einer  Nationalversammlung 
oder,  falls  beide  binnen  18  Monaten  nicht  zustande  kämen,  einem 
Reichstag,  zwar  wurde  den  Geistlichen  vom  Kaiser  eine  Reformation 
empfohlen,  andererseits  aber  sollten  die  in  Regensburg  verglichenen 
Artikel  beobachtet  werden,  der  .Augsburger  Abschied  sollte  fort- 
bestehen,  die  Protestanten  sollten  niemand  weiter  auf  ihre  Seite 
ziehen,  das  Kammergericht  sollte  seine  jetzige  Zusammensetzung 
behalten  ^). 

Auch  die  gemäßigteren  unter  den  Protestanten  hatten  keine 
Lust,  unter  solchen  Bedingungen  die  Türkenhilfe  zu  bewUligen,  und 
meinten  daher,  gegen  den  Abschied  Protest  einlegen  zu  müssen. 
Sie  erreichten  dadurch  nach  längeren  Verhandlungen,  in  denen 
wieder  der  Kurfürst  von  Brandenburg  die  Vermittlung  übeniahm. 


t)  Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  Bl.  358  —378,  übersandt  mit  Brief  vom  2.  April, 
ebenda  No.  101,  BI.  26. 

2)  Gedruckt  C.  B.  IV,  469  ff.  Sie  stammen  aber  nicht  vom  Kf.,  sondern 
vom  Landgrafen,  resp.  von  Feige.  Entwürfe  in  P.  A.  No.  .576.  Schon  Juni  2 
erwähnte  der  Ldgf.  gegen  Dölzig  die  Friedensartikel,  die  er  dem  Kaiser  übergeben 
habe.  (Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  BI.  273  f.)  Der  Kf.  bat  Dölzig  am  8.  Juni  um 
eine  Kopie  davon  (No.  101,  Bl.  229ff.).  Dieser  erhielt  sie  vom  Ldgfen.  am  13.  Juni 
(No.  100,  Bl.  295  ff.,  die  Artikel  ebenda  Bl.  310  ff.).  Der  Kf.  schickte  sie  am 
26.  Juni  seinen  Räten  in  Regensburg  zu  (No.  98,  Bl.  132  b),  sie  ließen  sie  ab- 
schreiben und  schickten  sie  Juli  5 zurück  (Bl.  218).  Ferner  legten  sie  sie  den 
anderen  protestantischen  Ständen  vor,  die  sie  sich  mit  etlichen  Veränderungen 
gefallen  ließen.  (Juli  13,  ebenda,  No.  99,  Bl.  95.)  Darauf  antwortete  dann  der  Kf. 
in  dem  bekannten  Brief  vom  22.  Juli  (C.  R.  IV,  562 f.). 

3)  Neue  Sammlung  der  Reichsabschiede  II,  428  ft 


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Bund  u.  Reich;  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmung^luiit  1536 — 41.  295 

daß  der  Kaiser  ihnen  eine  Deklaration  zu  dem  Abschied  aus- 
stellte, durch  die  die  Gültigkeit  des  Augsburger  Abschiedes  für  das 
Gebiet  der  Religion  aufgehoben,  die  ausschließlich  katholische  Be- 
setzung des  Kamraergerichts  beseitigt,  die  Reformation  von  Klöstern 
und  Stiftern  gestattet  wurde,  in  der  endlich  den  verglichenen  Reli- 
gionsartikeln die  Erläuterungen,  die  die  protestantischen  Theologen 
dazu  gegeben  hatten,  gleichberechtigt  an  die  Seite  gestellt  wurden  *). 
Es  war  eine  Erklärung,  die  allerdings  nur  den  Kaiser  band  und 
nicht  auch  die  katholischen  Reichsstände,  die  aber  doch  für  die 
Protestanten  sehr  wichtig  war,  und  auf  die  daher  von  ihnen  in  der 
nächsten  Zeit  ein  ähnlicher  Wert  gelegt  wurde,  wie  bisher  auf  den 
Nürnberger  Frieden. 

Diese  Nachgiebigkeit  des  Kaisers  wurde  nun  aber  vollständig 
wett  gemacht  durch  den  großen  Erfolg,  den  er  durch  den  Vertrag 
mit  dem  Landgrafen  davoutrug.  Nur  soweit  die  Verhandlungen 
darüber  zur  Kenntnis  des  Kurfürsten  kamen,  sollen  sie  hier  berührt 
werden.  Philipp  würde  sich  vielleicht  selbst  damals  noch  von  dem 
Abschluß  mit  dem  Kaiser  haben  zurückhalten  lassen,  wenn  man 
ihm  in  der  Frage  der  Doppelehe  zu  Willen  gewesen  wäre.  Er 
benutzte  jedenfalls  jede  Gelegenheit,  um  mit  den  kursächsischen 
Diplomaten  über  diese  Dinge  zu  sprechen.  Sie  rieten  ihm  dann 
natürlich  von  dem  Abschluß  mit  dem  Kaiser  ab,  was  wieder  ihm 
Gelegenheit  gab,  auf  „die  bewußte  Sache“  hinzuweisen.  Auch 
Bucer  nahm  sich  der  Frage  von  neuem  an.  Vom  Kurfürsten 
w’ar  aber  nichts  zu  erlangen,  vor  allem  Nachgiebigkeit  in  der 
Successionsfrage  lag  ihm  fern,  und  er  machte  mit  Recht  darauf 
aufmerksam,  daß  auch  der  Kaiser  diese  Schwierigkeit  nicht  hin- 
wegräumen könne.  Später  hat  der  Landgraf  die  Sachsen  auch 
über  die  Bemühungen,  ihn  in  der  jülichschen  Angelegenheit  zu 
gewinnen,  auf  dem  Laufenden  erhalten.  Man  hat  den  Eindruck, 
daß  er  in  diesem  Punkte,  wie  in  den  Fragen  der  Religion  und  des 
Friedens,  ein  Zusammengehen  mit  dem  Kurfürsten  ganz  gern  ge- 
sehen hätte.  Ein  solches  war  aber  unmöglich,  da  er  allerhand 

1)  C.  R.  IV,  623 ff.  Ranke,  IV,  162.  lieber  die  Entstehung  der  De- 
klaration C.  R.  IV,  612ff.  616ff.  62H.  622.  631.  Vetter,  8.  208ff.  Die  Räte 
an  Kf.  Juli  29.  30,  C.  R.  IV,  632 f.  633 ff.;  Rt^.  E.  p.  48,  No.  99,  Bl.  246; 
No.  100,  BI.  328ff.  Feige  an  Ldgr.  Aug.  5,  Lenz,  III,  8.  129ff.  Mit  der  Einig- 
keit der  Protestanten  bei  diesen  letzten  Verhandlungen  war  Burchard  sehr  zu- 
frieden. Melanchthon  an  Amsdorf  Aug.  31,  ZKG.  II,  143. 


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296 


Kapitel  II. 


einräumen  wollte  und  der  Kurfürst  nichts.  Johann  Friedrich  hatte 
ja  selbst  gegen  Nachgiebigkeit  in  der  Wahlsache,  um  dadurch  für 
Jülich  etwas  zu  erreichen,  große  Bedenken.  Trotzdem  ließ  der 
Landgraf  auf  eigene  Verantwortung  hin  schon  Vermittlungs Vorschläge 
in  der  jülichschen  Sache  an  Granvella  gelangen,  fand  allerdings  auch 
auf  dieser  Seite  kein  Entgegenkommen.  Erst  als  ultima  ratio  kam 
schließlich  bei  Philipp  der  Abschluß  des  Vertrages  mit  dem  Kaiser. 
Auch  von  dessen  Bedingungen  machte  er  Burchard  sofort  Mitteilung. 
Johann  Friedrich  bezweifelte  zwar,  ob  der  Landgraf  alles  gesagt 
haben  werde,  schon  die  Neutralitätserklärung  in  bezug  auf  Frank- 
reich und  Jülich  aber  erschien  ihm  bedenklich  genug.  Im  übrigen 
faßte  er  seine  Ansicht  dahin  zusammen,  daß  er  „säuberlich  und 
gemach  tun  müsse,  den  Landgrafen  wie  hievor  für  seinen  Freund 
halten,  aber  gleichwohl  der  Dinge  gewahr  nehmen“  ‘). 

.luch  an  Sonderverhandlungen  mit  dem  Kurfürsten  hat  es  in 
Regensburg  nicht  gefehlt.  Sie  betrafen  wieder  in  erster  Linie  die 
Wahlsache,  und  was  damit  zusammenhing.  Schon  vor  dem  Beginn 
des  Reichstages  bot  der  Landgraf  seine  Vermittlung  in  dieser  Sache 
an,  Johann  Friedrich  versprach,  darüber  nachzudenken,  hatte  im 
ganzen  wohl  nicht  viel  Neigung,  darauf  einzugehen  *).  Ueber  die 
Schwierigkeit,  die  darin  gelegen  war,  daß  der  Kurfürst  dem  Könige 
nicht  den  Titel  geben  konnte,  kam  man  wie  in  Hagenau  auch  dies- 
mal dadurch  hinweg,  daß  Ferdinand  den  sächsischen  Gesandten 
eine  Versicherung  darüber  ausstellte,  daß  die  Gewährung  des  Titels 
während  des  Reichstages  den  Rechten  ihres  Herrn  nicht  nachteilig 
sein  solle  ®).  Aber  schon  lange  vor  der  erst  Ende  Juni  erfolgenden 

1)  Kf.  an  Dölzig  Juni  26,  Beg.  E.  p.  46,  No.  101,  BL  142.  VergL  im  übrigen 
Burch^  an  Kf.  April  14,  ebenda  Bl.  310  ff.,  Hdbf.  Kf.  an  Buicbaid  April  23, 
Bl.  287-292,  Or.  Pack  an  Kf.  Jlai  21,  No.  100,  Bl.  263  ff.,  Hdbf.  Burchaid  an 
Kf.  Mai  26,  Bl.  267  f.,  Hdbf.  Pack  an  Kf.  Juni  1,  Bl.  260  f.,  Hdbf.  Dölzig  an 
Kf.  Juni  2,  Bl.  273f.,  Or.  Kf.  an  Dölzig  Juni  8,  No.  101,  Bl.  229ff.,  Or.  Dölzig 
an  Kf.  Juni  14,  No.  100,  Bl.  301.  Dazu  Aufzeichnungen  Dölzigs  über  Mitteilungen 
des  Ldgfen.  vom  13.  Juni,  Bl.  295  —300.  Burchard  an  Kf.  Juni  18,  No.  101, 
Bl.  117 ff.,  Hdbf.  Kf.  an  Burchard  Juni  28,  Bl.  160ff.,  Or.  Der  Verrat  des 
Landgrafen  war  also  nicht  so  groß,  wie  etwa  Egelhaaf,  II,  S.  400  annimmt. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  2,  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  10,  Keg.  H.  p.  394,  No.  149,  I. 
Seckendorf,  III,  8.  352.  Vetter,  S.  9. 

3)  Instruktion  vom  15.  März,  Reg.  E.  48,  No.  97,  BL  27  ff.  Berichte  der 
Räte  vom  30.  Juni  und  13.  Juli,  No.  98,  BL  178.  180;  No.  99,  BL  100.  Eine 
brandenburgische  Vermittlung  in  der  Wahlsache  lehnte  Johann  Friedrich  ab. 
No.  98,  BL  208  b.) 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntemehmungBlaet  1536—41.  297 

Ankunft  Ferdinands  in  Regensburg  haben  Verhandlungen  über  die 
Wahlsache  stattgefunden.  Es  entsprach  ja  ganz  der  damaligen 
Lage  des  Kaisers  und  seinem  Wunsche,  ein  friedliches  Verhältnis 
zu  den  Protestanten  herzustellen,  wenn  man  sich  von  seiner  Seite 
bemühte,  auch  diesen  Stein  des  Anstoßes  zu  beseitigen. 

Offenbar  hat  man  aber  damit  noch  weitere  Wünsche  ver- 
bunden. Man  hoffte  bei  dieser  Gelegenheit,  auch  dem  Kurfürsten 
in  irgend  einer  Weise  die  Unterstützung  Jülichs  unmöglich  zu 
machen,  suchte  ihn  daher  auch  durch  einen  Bund  mit  dem  Kaiser 
und  eine  Familienverbindung  zu  ködern.  Eben  deswegen  hätte 
man  ihn  gern  persönlich  in  Regensburg  gehabt,  und  der  Kurfürst 
kam  allmählich  zu  der  Ueberzeugung,  daß  das  eigentlich  der 
Hauptgrund  sei,  weshalb  man  auf  sein  Kommen  so  sehr  viel  Wert 
lege.  Sein  Standpunkt  war  dem  gegenüber  der,  daß  er  von  den 
Grundgedanken  seiner  Forderungen  in  der  Wahlsache  nicht  abgehen 
könne,  daß  jedes  Zugeständnis  auf  rel^iösem  Gebiete  unmöglich 
sei  und  daß  er  auch  den  Herzog  von  Jülich  auf  keinen  Fall  im 
Stich  lassen  könne.  Auch  auf  die  von  GranveUa  vorgeschlagene 
,.beständige  ewige  Freundschaft“  woUte  er  nur  eingehen,  wenn  es 
ohne  Verletzung  seines  Gewissens  und  seiner  Ehre,  auch  ohne 
Nachteil  des  Reiches  und  der  Freiheiten  des  Hauses  Sachsen  ge- 
schehen könne.  Seine  Bedenken  in  religiöser  Beziehung  suchte 
ihm  nun  zwar  GranveUa  zu  nehmen,  aber  auch  die  jülichsche 
Sache  schien  dem  Kurfürsten  bedenklich  genug.  Er  fürchtete,  sich 
zwischen  zwei  Stühle  zu  setzen,  wenn  er  auf  irgend  einen  Vertrag 
mit  dem  Kaiser  einginge.  Nur  wenn  dieser  in  der  geldrischen 
Sache  Entgegenkommen  zeigte,  schien  ihm  eine  Vergleichung 
möglich.  Ein  Verzicht  des  Herzogs  auf  Geldern  nützte  nach  seiner 
Meinung  nichts,  da  die  Landstände  dadurch  noch  nicht  gewonnen 
seien.  Diesen  gegenüber  Brief  und  Siegel  zu  brechen,  könne  er 
seinem  Schwager  nicht  raten.  Natürlich  hatte  es  auch  keine  V’irkung 
auf  ihn,  wenn  GranveUa  Bestätigung  der  jülichschen  Heirat  in  Aus- 
sicht stellte,  für  den  Fall,  daß  der  Kurfürst  jetzt  den  Herzog  von 
Jülich  nicht  unterstütze.  Als  dann  der  kaiserliche  Minister  Anfang 
Juli  auch  seine  schon  im  April  vorgebrachten  Vorschläge  einer 
ewigen,  beständigen  Freundschaft  in  Verbindung  mit  einer  Heirat 
einer  Tochter  des  Königs  mit  einem  Sohne  des  Kurfürsten  wieder 
aufnahm,  war  Johann  Friedrich  zwar  der  Meinung,  daß  man  eine 
solche  Gelegenheit  nicht  ganz  zurückw’eisen  dürfe,  doch  zeigen 


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298 


Kapitol  II. 


seine  Weisungen  an  Burchard  vom  13.  Juli,  daß  er  nicht  geneigt 
war,  diese  habsburgische  Freundschaft  durch  irgendwelche  Zu- 
geständnisse zu  erkaufen.  Denn  es  war  doch  fast  naiv,  wenn  er 
verlangte,  daß  in  die  Heiratsbestätigung  auch  Geldern  und  Zütphen 
miteinbezogen  würden,  da  der  Heiratsvertrag  sich  auch  auf  die 
künftig  zu  erwerbenden  Länder  erstrecke.  In  der  Wahlfrage 
wollte  er  mit  den  Bedingungen  des  Wiener  Vertrages  zufrieden 
sein,  nur  sollten  die  Artikel  über  die  Religion,  das  Konzil  und 
den  Reiterdienst  wegbleiben.  .\uf  den  Heiratsplan  ging  er  gar 
nicht  näher  ein,  Burchard  sollte  nur  sagen,  daß  sich  nach  Er- 
ledigung der  geldrischen  Sache  und  der  Konfirmation  des  Heirats- 
vertrages die  anderen  Fragen  auch  „wohl  schicken“  würden. 

Natürlich  war  nicht  dai-an  zu  denken,  daß  man  kaiserlicher- 
seits  auf  solche  Bedingungen  einging.  Die  Forderung  in  bezug 
auf  Geldern  lehnte  Granvella  aufs  entschiedenste  ab,  und  auch  in 
der  Wahlfrage  wollte  der  Kaiser  dem  Kurfürsten  nur  eine  Er- 
klärung ausstellen,  daß  die  Wahl  Ferdinands  ihm  nnd  dem  Hause 
Sachsen  in  keiner  Weise  nachteilig  sein  solle.  Nach  neuer  Rück- 
sprache mit  dem  Kaiser  schlug  Granvella  schließlich  am  2fi.  Juli 
vor,  daß  der  Kurfürst  dem  Könige  auf  zwei  Jahre  den  Titel  geben 
solle,  damit  man  inzwischen  ruhig  über  Vergleichung  und  Freund- 
schaft beraten  könne.  Burchard  übernahm  es,  diesen  Vorschlag 
an  den  Kurfürsten  gelangen  zu  lassen.  Es  scheint  dann  aber 
nichts  weiter  erfolgt  zu  sein^). 

Unzweifelhaft  sind  aber  die  habsbnrgischen  Anerbietungen 
dem  Kurfürsten  in  der  nächsten  Zeit  im  Kopfe  herumgegangen. 
Das  beweist  uns  ein  eigenhändiger  Aufsatz,  der  ins  Jahr  1541 
gehören  muß,  in  dem  er  sich  mit  dem  Gedanken  eines  Ver- 
trages zwischen  dem  Kaiser  und  König,  dem  Herzog  von 
Jülich  und  ihm  beschäftigt.  Danach  wollte  er  in  der  Wahl- 
sache an  den  Bestimmungen  des  Wiener  Vertrages  festhalten, 

1)  Vergl.  Burchard  an  Kf.  April  14,  R^.  E.  p.  48,  No.  101,  BL  310  ff-, 
Hdbf.  Kf.  an  Burchard  Mai  6,  ebenda  BI.  270.  272.  273  ff.,  Or.  Burchard  an 
Kf.  Juni  4,  ebenda  Bl.  100—102,  Or.  Bericht  Dolaige  über  die  Cnterredung 
mit  Hofmann  Juni  29,  ebenda  Bl.  169—175,  Or.  zum  Teil  eigenh.,  334 — 337, 
Konz.  Burchard  an  Kf.  Juli  5,  BI.  344/345,  Hdbf.  Kf.  an  Burchard  Juli  13, 
Bl.  367 — 373,  Or.  Bericht  Burchards  über  die  Verhandlungen  vom  23.  und 
26.  Juli,  Reg.  H.  p.  280,  No.  111.  III  (an  ganz  falscher  Stelle).  Vielleicht  ge- 
hören hierher  auch  einige  Aufzeichnungen  in  Loc.  10674  „zweites  Buch,  Hand- 
lung zwischen  . . .“ 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemchmongsluet  1536 — 41.  299 

Geldern  und  Zütphen  sollte  der  Kaiser  dem  Herzog  von  Jülich 
zu  Lehen  geben  und  allen  Unwillen  gegen  ihn  fallen  lassen. 
Dafür  sollte  der  Herzog  sich  zum  Gehorsam  gegen  den  Kaiser 
verpflichten,  die  Bündnisse,  in  denen  er  sich  befände,  sollte  er 
einhalten,  sie  sollten  aber  rein  defensiv  gemeint  sein.  Als  Ent- 
schädigung dafür  wollte  der  Kurfürst  für  sich  und  seine  Erben 
die  Erbanspiüche  auf  die  jülichschen  Gebiete  (nicht  auch  auf 
die  bewegliche  Habe)  fallen  lassen  und  seine  Rechte  dem  Kaiser 
übertragen.  Dafür  sollte  dann  wieder  der  König  eine  seiner 
Töchter  mit  dem  ältesten  Sohne  des  Kurfürsten  vermählen  und  sie 
schon  jetzt  zur  Erziehung  an  dessen  Hof  geben.  Er  sollte  ferner 
dem  Kurfürsten  die  Ober-  und  Niederlausitz  und  ein  namhaftes 
Stück  schlesischen  Landes  als  Entschädigung  für  die  jülichschen 
Gebiete  zu  Lehen  geben  und  ihm  als  Heiratsgut  seiner  Tochter  die 
Würde  eines  erblichen  Gubernators  über  ganz  Schlesien  übertragen. 
Würde  aus  der  Heirat  nichts,  so  sollte  dieser  letzte  Punkt  weg- 
fallen, die  anderen  sollten  auch  dann  zur  Ausführung  kommen  ‘). 

.\n  Erfüllung  solcher  Pläne  war  schwerlich  zu  denken,  aber 
als  Beweis  dafür,  wie  richtig  der  Kurfürst  die  Aufgaben  sächsischer 
Ausdehnungspolitik  erkannte,  verdienen  sie  doch  Beachtung. 

Ohne  positive  Resultate  scheinen  auch  die  Verhandlungen  ge- 
blieben zu  sein,  die  teils  der  Landgraf,  teils  die  kursächsischen 
Gesandten  in  Regensburg  mit  einzelnen  katholischen  Ständen  über 
einen  Zusammenschluß  zur  Verteidigung  der  Freiheiten  des  Reichs 
führten.  Der  bajTische  Kanzler  Eck  trat  einmal  wieder  mit 
solchen  Vorschlägen  an  den  Landgrafen  heran.  Es  war  nicht  zu 
verwundern,  daß  die  Protestanten  auf  Grund  ihrer  bisherigen  Er- 
fahiTiugen  nicht  viel  Wert  darauf  legten.  Johann  Friedrich  machte 
nicht  mit  Unrecht  auf  die  Aehnlichkeit  der  Lage  mit  der  von  1539 
aufmerksam.  Damals  seien  die  bayrischen  Anerbietungen  erfolgt, 
solange  ein  Friede  möglich  schien;  sobald  klar  gewesen  sei,  daß 
ans  ihm  nichts  würde,  hätten  sie  aufgehört.  So  werde  es  diesmal 
auch  sein  *).  Direkte  Verhandlungen  zwischen  Sachsen  und  Bayern 
wurden  erst  durcli  Warnungen  Granvellas  im  Juli  angeregt.  Der 
Kurfürst  benutzte  eine  früher  mit  Herzog  Wilhelm  getroffene  Ver- 

1)  Keg.  C.  No.  890,  Bl.  130—133,  eigenb.  Die  Zeit  beetimmt  eicb  danach, 
daß  ea  beißt,  Johann  Friedrich  der  Alittlere  ginge  ins  13.  Jahr. 

2)  Bnrchard  an  Kf.  April  14,  Kf.  an  Burcbard  April  23,  Reg.  E.  p.  48, 
No.  101,  Bl.  310—314.  287—292,  Or. 


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300 


Kapitel  II. 


abredung,  wonach  man  es  sich  mitteilen  wollte,  wenn  man  Be- 
schwerden gegeneinander  hätte,  um  den  Herzog  durch  seine  Räte 
darüber  zu  unterrichteu,  daß  allerhand  an  ihn  gelange,  als  wirke 
jener  dem  Frieden  entgegen.  Wilhelm  bat  um  bestimmtere  Au- 
gaben,  ehe  er  antworten  könne.  Zu  solchen  waren  aber  die  Räte 
nicht  bevollmächtigt*). 

Mehr  Vertrauen  schenkte  der  Kurfürst  ähnlichen  Anregungen, 
die  von  dem  kurtrierischen  Kanzler  ausgingen.  Er  befahl  Burchard 
und  Pack,  mit  diesem  über  den  Gedanken  eines  Bundes  deutscher 
Fürsten  zur  Verteidigung  der  Freiheiten  des  Reichs  weiter  zu 
reden.  Ein  solcher  würde  gut  sein,  wenn  auch  zunächst  nur  4 
oder  5 Fürsten  teilnähmen.  Er  rechnete  dafür  doch  auch  auf 
Bayern  noch.  Auch  Vlatten  nahm  für  Jülich  an  den  Verhandlungen 
teil.  Zu  einem  Resultat  scheinen  sie  aber  doch  nicht  geführt  zu 
haben  ’). 

Ohne  große  Bedeutung  sind  auch  die  Verhandlungen  gewesen, 
die  in  Bundesangelegenheiten  in  Regensburg  geführt  wurden.  Es 
hat  sich  dabei  vor  allem  um  die  Goslarsche  Sache  gehandelt.  Nach 
einem  Protokoll  vom  18.  Juli  hat  schließlich  doch  die  Mehrheit  der 
Bundesstände  sich  für  die  Unterstützung  der  Stadt  ausgesprochen®). 
Aus  dem  Bundesabschied  vom  1.  .-Vugust  ist  hervorzuheben,  daß 
man  beschloß,  die  Artikel,  auf  die  die  Kollokutoren  sich  geeinigt 
hatten,  auzunehmen,  jedoch  nur  mit  den  von  den  protestantischen 
Gelehrten  dazu  gegebenen  Erläuterungen.  Im  übrigen  bekannte 
man  sich  aufs  neue  zu  Konfession  und  .Apologie.  Den  Reichs- 
abschied nahm  man  nur  mit  der  kaiserlichen  Deklaration  an  und 
protestierte  gegen  das  Konzil  und  jede  päpstliche  Autorität.  .Auf 
dem  Tage,  der  wegen  der  Türkenhilfe  in  Speier  stattfinden  sollte, 
sollten  die  Gesandten  der  Verbündeten  die  beharrliche  Hilfe  nur 
dann  bewilligen  dürfen,  wenn  vorher  der  Friede  gesichert  und  das 
Kammergericht  reformiert  sei.  .Auch  selbst  wollte  man  sich  der 
Visitation  des  Gerichts  eifrig  annehmen*).  — 

1)  Kf.  an  I.<dgf.  Juli  13,  P.  A.  Sachsen,  Emestinische  Linie,  1541.  Auf- 
träge an  Pack  und  Burchard  Juli  13,  Reg.  E.  p.  48,  No.  101,  BI.  374.  357, 'SöS. 
Bericht  über  deren  Verhandlungen  mit  Hz.  Wilhelm  am  27.  Juli,  ebenda  Bl.  356. 
354.  355. 

2)  Burchard  an  Kf.  Juni  18,  Reg.  E.  No.  101,  Bl.  117  ff.  Kf.  an  Burchard 
Juni  28,  ebenda  Bl.  160  ff. 

3)  Reg.  H.  p.  391,  No.  148.  Näheres  bei  Bruns,  8.  81  f. 

4)  Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  1,  Urk. 


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Rund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  UntcrDehmungBlust  1536 — 41.  301 

Tatsächlich  tritt  in  den  nächsten  Monaten  die  Türkengefahr  in 
den  Vordergrund  des  Interesses.  Der  unglückliche  Ausgang  des 
Zuges  Ferdinands  zeigte,  daß  diesmal  doch  mit  ihr  nicht  zu 
spaßen  wai',  und  wenn  nun  auch  Johann  Friedrich  der  Meinung 
war,  daß  Ferdinand  die  Niederlage  durch  die  unüberlegte  Art, 
in  der  er  den  Feldzug  unternommen  hatte,  selbst  verschuldet  habe, 
so  verschloß  er  sich  doch  nicht  der  Ansicht,  daß  man  ihn  nicht 
werde  im  Stich  lassen  können.  Er  berücksichtigte  dabei  auch  den 
Umstand,  daß  es  vielfach  Protestanten  waren,  denen  in  den  öster- 
reichischen Ländern  die  Heimsuchung  durch  die  Türken  drohte, 
hielt  auch  nicht  für  ausgeschlosseu,  daß  auch  die  mittel-  und  nord- 
deutschen Gebiete  durch  einen  Angriff  der  Türken  auf  dem  Wege 
durch  Polen  und  Schlesien  gefährdet  werden  könnten.  Nachrichten, 
die  ihm  aus  diesen  Ländern  zugingen,  bestärkten  ihn  in  dieser 
Befürchtung.  Wir  linden  ihn  überhaupt  während  des  ganzen  Jalues 
1541  in  eifriger  Korre.spondenz  mit  dem  GroßmarschaU  von  Polen, 
daun  mit  einzelnen  Oesterreichern,  vor  allem  Hans  und  Andreas 
Ungnad,  durch  die  ihm  Zeitungen  über  die  Türken  zugingen*),  und 
es  war  für  ihn  jedenfalls  sehr  schwer,  dem  gegenüber  au  seinem 
bisherigen  ablehnenden  Standpunkt  festzuhalten.  Gewiß  wird  es 
ihm  sehr  recht  gew’esen  sein,  als  der  Kurfürst  von  Brandenburg 
anregte,  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Landgrafen  und  Herzog  Moritz 
abzuhalten,  um  über  eine  gemeinsame  Haltung  der  Türkengefahr 
gegenüber  zu  beraten.  Auch  König  Ferdinand  und  die  sclilesischen 
Stände  schickten  Gesandte  zu  diesem  Tage,  der  vom  16. — 24.  Oktober 
in  Naumburg  stattgefunden  hat.  Schriftstücke  aus  den  Tagen  vor 
der  Zusammenkunft  *)  zeigen,  daß  sich  der  Kurfürst  und  seine  Rat- 
geber eifrig  mit  der  Frage  der  Türkenhilfe  beschäftigten,  daß 
Johann  Friedrich  selbst  dabei  vor  allem  den  Gedanken  der  Ab- 
wehr eines  aus  Böhmen,  Mähren  und  Schlesien  her  erfolgenden 
Angriffs  erwog,  während  Brück  einen  solchen  für  unwahrscheinlich 
hielt,  dagegen  der  Ansicht  war,  daß  man  die  allgemeine  Türken- 
hilfe, auch  wenn  man  keinen  Frieden  erlange,  leisten  müsse,  da 
die  eigenen  Interessen  gegenüber  der  gemeinsamen  Gefahr  zurück- 

1)  Diese  Korrespondenzen  in  Keg.  B.  No.  1635.  1636. 

2)  Ein  Gutachten  Dölzigs  schon  vom  12.  Sept.,  Keg.  B.  No.  1635.  Ein  Be- 
denken des  Kurfürsten  Reg.  E.  p.  48,  No.  Ü8,  Bl.  266  ff.  und  236  ff.,  Kopien 
mit  eigenhändigen  Korrekturen.  Ein  Gutachten  mit  Korrekturen  Brücks  „furtragn 
zu  Naumburg“,  ebenda  BL  254  ff. 


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302 


Kapitel  II. 


gestellt  werden  müßten.  Diesen  Standpunkt  hat  sich  aber  der 
Kurfürst  doch  nicht  so  ganz  zu  eigen  gemacht. 

In  Naumburg  beschloß  man,  den  Speierer  Tag  zu  beschicken, 
um  über  die  beharrliche  Türkenhilfe  mitzubeschließen.  Als  Be- 
dingung für  sie  wollte  man  ßeligionsvergleichung  oder,  wenn 
diese  nicht  zu  erlangen  sei,  einen  mindestens  zehnjährigen  Frieden 
fordern,  ferner  Reform  des  Kammergerichts  und  Stillstand  aller 
Prozesse  in  Religionssachen  während  des  Friedens  unter  Berufung 
auf  den  Regensburger  Reichsabschied  und  die  Deklaration  dazu. 
Weun  diese  Bedingungen  erfüllt  würden,  wollte  man  für  eine 
Reichshilfe  gegen  die  Türken  von  40  000  Mann  zu  Fuß  und 
23  — 28  000  Reitern  wirken.  Käme  eine  Reichshilfe  nicht  zu- 
stande, so  wollte  man  trotzdem  gemeinsam  einen  etwaigen 
direkten  Angriff  der  Türken  abwehren.  Man  wollte  auch  in 
Speier  von  diesem  Plane  Mitteilung  machen  und  war  bereit, 
jeden  zu  unterstützen,  der  selbst  den  beteiligten  Fürsten  zu 
helfen  geneigt  wäre.  Man  war  überhaupt  bestrebt,  eventuell 
unter  Uebergehung  Ferdinands,  dessen  Gesandte  man  auf  den 
Speierer  Tag  verwies,  für  die  Verteidigung  des  Reichs  zu  wirken. 
So  verabredete  mau  in  Naumburg  auch  Verhandlungen  mit  den 
mannigfaltigsten  anderen  Reichsständen , um  sie  zu  Schritten 
gegen  die  Türken  zu  veranlassen.  Sachsen  und  Hessen  sollten 
mit  ihren  Verbündeten,  mit  Köln  und  Paderborn  und  verschie- 
denen Grafen,  Sachsen  außerdem  mit  dem  Herzog  von  Jülich 
verhandeln.  Auch  die  Heranziehung  der  benachbarten  Nationen 
war  geplant.  Nicht  geeinigt  hat  man  sich  anscheinend  in  Naum- 
burg darüber,  wie  man  sich  in  der  Frage  der  allgemeinen  Reichs- 
hUfe  verhalten  wolle,  wenn  die  verabredeten  Forderungen  nicht 
gewährt  würden.  Joachim  wollte  wohl  auch  dann  die  Hilfe  leisten, 
während  Sachsen  und  Hessen  dann  Ferdinand  nicht  unterstützen 
und  sich  auf  die  Abwehr  direkter  Angriffe  beschränken  wollten '). 
Der  Kurfürst  von  Brandenburg  erwies  sich  auch  sonst  den  Wünschen 
der  Schmalkaldener  nicht  zugänglich.  So  lehnte  er  einen  Vorschlag 
auf  gegenseitige  Verteidigung  in  Religions-  und  Profansacheu  im 
Falle  eines  Ueberzuges  unter  Hinweis  auf  die  Erbeinigung  ab, 
wollte  nur  allenfalls  einen  Artikel  in  diese  aufhehmen,  daß  mau  sich 


1)  Lenz,  III,  S.  151— IGO.  161— 1G7.  P.  A.  No.  590.  Nav»  an  den 
Kaiser  Nov.  12,  Lanz,  II,  B.  328 f. 


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Bund  u.  Beich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehroungslust  1530—41.  303 

unterstützen  wolle,  wenn  man  während  des  Türkenkrieges  ange- 
griffen werde*). 

Es  ist  begreiflich,  daß  die  in  Naumburg  versammelten  Fürsten 
ihr  Zusammensein  benutzten,  um  auch  über  allerhand  andere  wichtige 
Zeitfragen  zu  beraten.  So  sprach  der  Kurfürst  mit  dem  Landgi  afeu 
über  die  Frage  des  Bundes  mit  Jülich  und  fand  ihn  etwas  ent- 
gegenkommender als  früher,  vor  allem  aber  benutzten  die  beiden 
Fürsten  die  Gelegenheit,  um  einmal  ihr  Verhältnis  zu  Heinrich 
von  Braunschweig  einer  gründlichen  Erörterung  zu  unterziehen  und 
auch  Herzog  Moritz  zu  einem  Vertrag  mit  ihnen  darüber  zu  be- 
stimmen. — 

Werfen  wir  an  dieser  Stelle  einen  Blick  auf  die  bisherige 
Gestaltung  des  Verhältnisses  der  schmalkaldischen  Bundeshäupter 
zu  dem  unruhigen  Herzog  Heinrich,  so  hatte  der  Kurfürst  niemals 
zu  dessen  Freunden  gehört,  während  Landgraf  Philipp  erst  all- 
mählich von  seiner  anfänglichen  Intimität  mit  Heinrich  abgekommen 
war*).  Als  ein  Feind  des  Evangeliums  hatte  sich  der  Herzog  zuerst 
in  der  Art,  wie  er  einzelne  Städte  seines  Gebietes,  vor  allem  Goslar 
und  Braunschweig,  behandelte,  erwiesen.  Schon  im  Jahre  1536 
war  Johann  Friedrich  genötigt,  sich  über  die  Frage  klar  zu  werden, 
ob  man  verpflichtet  sei,  Goslar  zu  helfen,  und  entschloß  sich  nach 
einigem  Schwanken  zür  Bejahung  dieser  Frage,  veranlaßte  aller- 
dings, daß  man  es  zunächst  noch  mit  gütlicher  Verhandlung  ver- 
suchte*). Eine  weitere  Beunruhigung  wurde  dann  durch  die  Er- 
nennung Heinrichs  zum  Konservator  des  Stiftes  Bremen  und  die 
damit  verbundene  Bedrohung  dieser  Stadt  hervorgerufen*),  auch 
durch  die  enge  Verbindung  Heinrichs  mit  Held  wurde  das  Ver- 
hältnis immer  gespannter®).  Der  Herzog  selbst  ließ  etwa  durch 


1)  P.  A.  590. 

2)  Vergl.  Mcinardus,  1,  2,  S.  98ff. 

3)  Kf.  an  Brück  1536  Juli  28,  R^.  H.  p.  110,  No.  49,  II,  Konz.  KI.  an 
Ldgf.  Aug.  28,  ebenda,  Beinentw.  Instruktion  für  Jobst  von  Hain  zum  Braun- 
schweiger Tage  ca.  1537  April  9,  Beg.  H.  p.  129,  No.  57.  Benedikt  Pauli  an  Kf. 
Mai  2.  Bericht  Ober  Verhandlungen  mit  Herzog  Heinrich  in  Zeitz  über  Goslar 
Beg.  H.  p.  HO,  No.  49,  II,  Or.  Zahlreiche  Akten  über  die  Goslarsche  Angelegen- 
heit in  Beg.  H.  p.  134,  No.  62,  II.  lieber  die  Entstehung  dieser  Streitigkeiten 
vergl.  Bruns,  8. 13 ff.  30ff.  Heinemann,  II,  8.344ff.  lieber  Braunschweig 
jetzt  auch  Hassebrauk,  S.  14 ff. 

4)  Vergl.  S.  136.  144. 

5)  Bruns,  S.  19f. 


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304 


Kapitel  II. 


die  Art,  wie  er  sich  gelegentlich  des  Biaunschweiger  Bundestages 
im  März  1538  benahm,  keinen  Zweifel  darüber  aufkommen,  daß  er 
sich  als  Feind  der  Schmalkaldener  betrachte').  Auch  die  Auffassung 
des  Kurfürsten  und  des  Landgrafen  w'ar  offenbar  damals  schon  die, 
daß  ihr  Verhältnis  zu  dem  Herzog  als  ein  latenter  Kriegszustand 
zu  betrachten  sei.  Sie  trafen  Verabredungen,  die  auf  eine  gelegent- 
liche Gefangennahme  des  Gegnei’s  hinausliefen  *).  Diese  An.schläge 
mißglückten  nun  allerdings,  führten  aber  im  Sommer  1538  zu  einer 
sehr  gereizten  Korrespondenz  zwischen  dem  Kurfürsten  und  Hein- 
rich®). Was  man  über  dessen  Stellung  und  Tätigkeit  im  Nürn- 
berger Bunde  hörte,  trug  auch  nicht  dazu  bei,  die  Stimmung  zu 
verbessern. 

In  ein  akutes  Stadium  trat  der  Gegensatz  dann  durch  die  Ge- 
fangennahme des  braunschweigischen  Sekretärs  durch  den  Land- 
grafen. Die  Papiere,  die  mau  bei  ihm  fand,  bewiesen,  daß  der 
Herzog  es  jedenfalls  an  feindseliger  Gesinnung  nicht  hatte  fehlen 
lassen.  Johann  Friedrich  hat  keinen  Augenblick  daran  gezweifelt, 
daß  der  Landgraf  diesen  Schritt  mit  vollem  Hechte  getan  habe, 
war  aber  auch  darin  mit  ihm  einig,  daß  man  ihn  in  Briefen  an 
möglichst  viele  andere  Fürsten  und  Stände  rechtfertigen  müsse'). 
Auch  wü-  werden  gegen  das  Vorgehen  des  Landgrafen  nicht  allzuviel 
einwenden  können,  dagegen  war  es  wohl  vor  allem  seine  Schuld, 
wenn  ein  so  erbitterter  Schriftenstreit  mit  dem  Herzog  sich  an- 
schloß. Heinrich  zog  bald  auch  den  Kurfürsten  in  den  Streit  mit 
hinein.  Seit  April  1539  ging  man  dazu  über,  die  gegenseitigen 
Streitschriften  auch  im  Druck  zu  veröffentlichen,  so  daß  nun  ganz 
Deutschland  über  den  unerquicklichen  Zwist  unterrichtet  wurde. 
Die  Angelegenheit  wurde  auf  protestantischer  Seite  mit  großem 
Ernst  behandelt.  Korrespondenzen  zwischen  Sachsen  und  Hessen 
wurden  vor  jeder  Schrift  gew^echselt,  Entwürfe  wui'den  ausgetauscht 
u.  s.  w'.  ®).  Da  kein  Teil  dem  anderen  das  letzte  Wort  lassen 
wollte,  und  man  sich  natürlich  gegenseitig  immer  steigerte,  nahm  der 

1)  Bruus,  S.  20. 

2)  Ijdgf.  an  sciue  Räte  in  Kassel  1538  Mai  3,  Rommel,  II,  S.  4031.  Kf. 
an  Ldgf.  10,  Reg.  II.  p.  201,  No.  92,  Konz.  Bruns,  S.  21. 

3)  In  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  I. 

4)  Vergl.  S.  1731.  Ueber  die  Ansicht  des  Kf.  vergl.  etwa  Brief  an  Ldgf. 
vom  12.  Jan.  1539,  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  II,  Konz.  Aktenst.  No.  22. 

5)  Korrespondenzen  darüber  z.  B.  in  Reg.  H.  p.  272,  No.  115;  p.  225,  No.  102, 
II;  p.  282,  No.  118;  p.  329,  No.  133,  1. 


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Bund  n.  Reich ; Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Unternehmungslust  1536 — 11.  305 

Streitschriftenwechsel  allmählich  immer  gröbere  Formen  an^).  Es 
war  nur  eine  Frage  der  Zeit,  wann  man  auch  zu  den  Waffen  greifen 
würde.  Schon  vor  dem  Frankfurter  Anstand  war  es  nahe  daran 
gewesen*).  Dieser  hatte  dann  eine  Ruhepause  gebracht,  und  auch 
im  Herbst  1539  war  der  Kurfürst  noch  nicht  geneigt,  auf  die  großen 
Angriffspläne  einzngehen,  die  der  Landgraf  bereits  entwarf*).  Vor 
allem  hatte  er  keine  Lust,  ohne  Zustimmung  der  anderen  Bundes- 
stände etwas  gegen  den  Herzog  zu  unternehmen.  Auch  die  Ver- 
wicklung, in  der  er  selbst  sich  mit  dem  Kurfürsten  von  Mainz  be- 
fand, ließ  ihm  ein  Vorgehen  gegen  Heinrich  bedenklich  erscheinen. 
Er  wünschte,  daß  dann  wenigstens  gleichzeitig  auch  seine  magde- 
burgische  Sache  erledigt  würde*). 

Als  Grund  für  ein  Vorgehen  gegen  Herzog  Heinrich  konnte 
nun  der  Welt  und  den  Bundesständen  gegenüber  nicht  gut  der 
persönliche  Zwist  zwischen  ihm  und  den  Bundeshäuptern  benutzt 
werden.  Das  Vorgehen  des  Herzogs  gegen  Goslar  und  Braun- 
schweig aber  bot  die  Möglichkeit,  eine  Bundessache  aus  einem 
etwaigen  Krieg  mit  ihm  zu  machen,  doch  gelang  es  nicht,  schon 
in  Arnstadt  im  November  1539  einen  Beschluß  darüber  zu  ermög- 
lichen. Zur  Hilfe  für  Bremen  in  der  Konservatoriumssache  er- 
klärten sich  die  Verbündeten  allerdings  schon  jetzt  bereit.  Dagegen 
dauerte  es  bis  zum  Bundestage  in  Schmalkalden  (März  1540),  ehe 
die  Stände  zur  ünteretützung  Braunschweigs  *),  bis  zum  Regens- 
burger Reichstage,  ehe  sie  zu  der  Goslars  ihre  Zustimmung  gaben. 

Für  den  Kurfürsten  und  den  Landgrafen  kam  es  aber  nicht 
nur  auf  die  Haltung  ihrer  Verbündeten  an.  Gerade  ihre  zahlreichen 
Streitschriften  sollten  auch  dazu  dienen,  zu  beweisen,  daß  sie  dem 
Herzog  gegenüber  im  Rechte  seien,  und  diesem  die  Sympathien 


1)  VergL  Koldewey,  S.  12f.  Heinemann,  II,  S.  353 ff. 

2)  Bruns,  S.  23 f.  25ff. 

3)  VergL  8. 198,  besonders  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  1.  6,  Reg.  H.  p.  285,  No.  119. 
Lenz,  I,  S.  407.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  12,  Lenz,  8.  407 f.  Bruns,  8.  29. 

4)  Kf.  an  seine  Räte  in  Arnstadt  1539  Nov.  22,  Keg.  H.  p.  248,  No.  108,  I, 
Or.  Er  sei  nicht  bedacht,  „wider  hz.  Heinrichen  von  Braunschweigk  furge- 
schlagener  mafi  und  besondem  ausserhalb  aller  stende  zu  helfen,  es  wurde  dan 
der  krigk  so  wol  kegen  dem  bischoff  als  hz.  Heinrichen  furgenomen  und  unsere 
Sache  mit  zu  ende  gefurt,  dieweil  doch  wenig  andere  Ursachen  kegen  hz.  Hein- 
richen mngen  furgenomen  werden,  sie  seind  gegen  den  bischoff  so  wol,  wo  nit 
mher,  vorhanden.* 

5)  VergL  Hassebrauk,  8.  30. 

Beiträge  zur  neueren  Gescbicbte  Thüringens  I,  3.  20 


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306 


Kapitel  II. 


und  die  Hilfe  anderer  Reichsstände  und  auch  des  Kaisers  entziehen. 
So  ließ  Johann  Friedrich  z.  B.  im  April  1541  300  Stück  seiner 
dritten  Verantwortung  gegen  den  Herzog  auf  dem  Reichstage  ver- 
teilen ^),  auch  dem  Kaiser  eine  französische  Uebersetzung  davon 
überreichen  *).  Und  wenn  Luther  zur  Abfassung  einer  Schrift  gegen 
den  Herzog  veranlaßt  wurde®),  wenn  Spalatin  historische  Studien 
über  das  Herkommen  des  Hauses  Sachsen  anstellen  mußte®),  so 
geschah  das  auch,  um  die  öffentliche  Meinung  gegen  Heinrich  ein- 
zunehmen. Auch  die  mancherlei  Verhandlungen,  die  am  kaiser- 
lichen Hofe,  z.  B.  1540  durch  Planitz,  über  die  brauschweigische 
.Angelegenheit  geführt  wurden,  hatten  den  Zweck,  über  die  Um- 
triebe des  Herzogs  zu  unterrichten  und  ihnen  entgegenzuwirken®). 
Für  den  Regensburger  Reichstag  suchte  man  durch  Granvella  einen 
Stillstand  und  eine  gegenseitige  Verpflichtung  zum  Schweigen  zu 
erlangen  ®).  Der  Landgraf  verhandelte  auch  mit  dem  Kaiser  direkt 
darüber’).  .Als  der  Herzog  dann  am  10.  Juni  auf  dem  Reichs- 
tag einen  Vortrag  gegen  seine  beiden  Gegner  hielt,  beßen  es 
diese  an  einer  Erwiderung  natürbch  nicht  fehlen,  in  der  sie  sich 
bemühten,  den  Nachweis  zu  liefern,  daß  der  Herzog  sowohl  jetzt 
auf  dem  Reichstage,  wie  mit  den  Schmähschriften  angefangen 
habe®).  Es  entsprach  der  allgemeinen  Haltung  der  Kaiserlichen 
in  jener  Zeit,  wenn  Granvella  sich  auch  in  der  braunschwei- 
gischen Sache  im  ganzen  günstig  für  die  Protestanten  äußerte*). 
Auch  der  Kaiser  benahm  sich  demgemäß*®).  Ueberhaupt  stand 

1)  Kf.  an  seine  Bäte  1541  April  16,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  94,  Or. 

2)  C.  R.  IV,  266,  No.  2219. 

3)  Die  erste  Anregung  ging  vielleicht  von  Luther  selbst  aus.  Brück  an  Kf. 
1541  Jan.  22,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133  I,  Or.  Einen  ähnlichen  Wunsch  sprach 
ca.  Febr.  2 der  Kf.  aus,  an  Brück  Reg.  H.  p.  225,  No.  102  II.  Vergl.  weiter 
Brück  an  Kf.  Febr.  4,  Reg.  H.  p.  329,  No.  131  I,  und  die  Literatur  zur  Schrift 
wider  Hans  Worst,  Köstlin-Ka werau,  II,  S.  558 f. 

4)  Bpal.  an  Kf.  März  17.  28,  Kf.  an  Spal.  April  1,  Mai  8,  Reg.  O.  No.  51. 
Kf.  an  Spal.  Juni  14,  Reg.  O.  No.  66. 

5)  Bruns,  S.  33ff. 

6)  Kf.  an  seine  Räte  in  Worms  1541  Jan.  26,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133, 
II,  Or. 

7)  Bruns,  S.  67.  70. 

8)  Uortleder,  I,  2,  S.  737 f.  738 ff.  Bruns,  S.  73. 

6;  Burchard  an  Kf.  Juni  18,  Reg.  E.  p.  48,  No.  101,  BL  117 — 127,  HdbL 
Bruns,  S.  76. 

10)  Bruns,  S.  70/71.  74 f. 


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Bund  u.  Reich:  Die  Jahre  der  tkirge  u.  der  UntemehmaDgalast  1536 — 11.  307 

es  ja  nicht  so,  daß  die  anderen  katholischen  Stände  mit  dem  Ver- 
halten des  Herzogs  so  durchweg  einverstanden  gewesen  wären. 
Nicht  einmal  von  denen,  die  mit  ihm  im  Nürnberger  Bunde  ge- 
eint waren,  kann  man  das  sagen.  Die  Herzöge  von  Bayern  z.  B. 
dachten  schon  im  Sommer  1540  an  eine  Vermittlung,  im  Laufe  des 
Jahres  1541  nahm  diese  bestimmtere  Gestalt  an ‘).  In  diesem  Jahre 
war  der  Gegensatz  allmählich  immer  schärfer  geworden,  der  Kur- 
fürst und  der  Landgraf  waren  geneigt,  auch  die  Brandstiftungen, 
die  damals  in  Norddeutschland  stattfanden,  dem  Herzog  in  die 
Schuhe  zu  schieben*),  der  Ton  der  gegenseitigen  Streitschriften 
ließ  sich  kaum  mehr  überbieten,  die  Bedrängnis  Goslars  und 
Braunschweigs  heischte  dringend  Unterstützung.  Schon  seit  August 
korrespondierte  man  über  eine  Zusammenkunft  deswegen.  Der 
Landgraf  und  der  Kurfürst  waren  schon  damals  darin  einig,  daß 
man  andere  Wege  gegen  den  Herzog  einschlagen  müsse.  Johann 
Friedrich  hatte  dagegen  um  so  weniger  Bedenken,  als  das  Er- 
scheinen einer  neuen  Schmähschrift  des  Herzogs  gegen  den  Regens- 
burger Abschied  und  die  Befehle  des  Kaisers  verstieß*). 

.\ls  dann  aUerdings  die  beiden  Fürsten  über  die  Art  und  Weise 
des  Vorgehens  gegen  Heinrich  zu  verhandeln  begannen,  gab  es 
sofort  wieder  Differenzen.  Dem  Landgrafen  schien  es  am  prak- 
tischsten, daß  sie  beide  im  Bunde  mit  Herzog  Moritz  das  Unter- 
nehmen im  nächsten  Frühjahr  zunächst  allein  zur  Ausführung 
brächten  und  das  Land  unter  sich  teilten  und  die  Regelung  der 
Angelegenheit  mit  den  anderen  Verbündeten  auf  später  ver- 
schöben, weil  nur  so  Geheimhaltung  möglich  sei,  der  Kurfürst 
hatte  sowohl  gegen  den  Aufschub  bis  zum  Frühjahr  wie  gegen  die 
Verheimlichung  vor  den  anderen  Bundesständen  gioße  Bedenken, 
in  bezug  auf  die  Teilung  des  Landes  empfahl  er,  sich  streng  nach 
den  Bestimmungen  der  Bundesverfassung  zu  richten^).  Zum  kriege- 

1)  Eck  an  Ldgf.  1540  Mai  27,  Ldgf.  an  Eck  Jnli  4,  Kopien,  an  Kf.  Juli  3.  9, 
Or.,  Reg.  H.  p.  359,  No.  139.  Hz.  Wilhelm  an  Kf.  und  Ldgf.  Dez.  8,  R^.  H. 
p.  394,  No.  149,  I,  Kopien. 

2)  Akten  über  diese  Frage  in  Reg.  H.  p.  323,  No.  132  I — III.  Brück  an 
Kf.  1540  Dez.  10,  Reg.  H.  p.  3&1,  No.  141,  Hdbf. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  1541  Aug.  11,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149  I,  Konz.  Lenz, 
III,  S.  155.  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  13,  Reg.  H.  ebenda,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  17, 
Konz.,  ebenda. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  24,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  1,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Sept.  1,  Konz.,  ebenda.  Lenz,  III,  S.  156. 

20* 


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308 


Kapitel  II. 


rischen  Voi-gehen  überhaupt  aber  war  Johann  Friedrich  damals  schon 
unbedingt  entschlossen,  er  lehnte  daher  auch  ein  Vermittlungs- 
anerbieten des  Herzogs  von  Jülich  entschieden  ab '). 

Die  weitere  Erörterung  über  die  Ausführung  des  Unternehmens 
hat  man  schließlich  auf  den  Naumburger  Tag  verschoben.  Der  Kur- 
fürst forderte  am  2.  Oktober  auch  Magdeburg,  Braunschweig  und 
Goslar  auf,  vertraute  Personen  dorthin  zu  schicken,  da  Dinge  Vor- 
kommen würden,  die  für  sie  und  die  ganze  Einung  wichtig  seien  *). 
Das,  was  dann  in  Naumburg  am  26.  Oktober  beschlossen  wurde,  war 
ein  Kompromiß  zwischen  den  Ansichten  des  Kurfürsten  und  denen 
des  Landgrafen.  Man  hielt  zunächst  an  dem  Gedanken  des  Bundes- 
unternehmens noch  fest,  der  Koburger  Abschied  sollte  streng  be- 
folgt werden,  der  Kurfürst  Hauptmann  sein,  Eroberungen  sollten 
der  Bundesverfassung  gemäß  behandelt  werden,  wenn  die  Sache 
zur  Bundessache  gemacht  würde.  Sonst  sollten  die  drei  Fürsten 
das  Land  teilen,  denn  eventuell  wollte  man  die  Sache  auch  allein 
ausführen.  Die  Vorbereitungen  w’oUten  die  drei  Fürsten  zunächst 
allein  treffen,  erst  im  letzten  Moment  die  Kriegsräte  des  Bundes 
einweihen.  3000  Reiter  und  14000  Mann  Fußsoldaten  wollte  man 
aufbieten.  Als  Termin  des  Auszugs  wurde  der  7.  März  festgesetzt. 
Man  wollte  sich  dann  sofort  gegen  Wolfenbüttel  wenden  und  dieses 
zu  überrumpeln  suchen®). 

In  dem  Vertrage  wurden  auch  Verhandlungen  mit  Bayern  vor- 
gesehen. Es  kam  darauf  an,  dieses  von  der  Unterstützung  des 
Herzogs  abzuhalten,  ja  es  überhanpt  aus  dem  Nürnberger  Bunde 
herauszuziehen.  Man  konnte  dabei  an  Verhandlungen  anknüpfen, 
die  der  Landgraf  im  September  vor  allem  durch  Vermittlung 
Sailers  mit  Eck  geführt  hatte  ^).  Man  hoffte  diesen  durch  ein  Geld- 
geschenk gewinnen  zu  können®),  ging  anch  auf  bayrische  Vermitt- 
lungsanerbietungeu  zum  Schein  ein,  um  die  Sache  dadurch  hinzu- 

1)  Instruktion  für  Wallenrod  zu  einer  Werbung  an  Hz.  Wilhelm  Aug.  31, 
Reg.  C.  No.  873a,  Bl.  101—9,  Or. 

2)  Reg.  B.  No.  iaS6. 

3)  M.  P.  C.  I,  225 ff.  Lenz,  III,  8.  156.  Brandenburg,  I,  8.  170.  Ein 
Orig,  des  Vertrages  auch  in  Reg.  H.  p.  705,  BB.  3 (Urk.  No.  1658). 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  24,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Or.;  Lenz,  IH. 
S.  187/188.  Kf.  an  Ldgf.  Sept  30,  ebenda,  Konz. ; Neudecker,  Aktenst,  S.  281  ft 

5)  Vertrag  vom  28.  Okt,  M.  P.  C.  I,  226.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  V,  Reg.  H. 
ebenda,  Or.;  Lenz,  lU,  8.  203,  3.  188 ff. 


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Bund  u.  Reich : Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehnrnngslust  1536—41.  309 

ziehen*).  Auch  von  einem  Bündnis  mit  Bayern  war  wieder  viel 
die  Rede,  an  eine  Zusammenschickung  bajTischer,  sächsischer  und 
hessischer  Räte  zu  diesem  Zwecke  wurde  gedacht*).  Auf  Ver- 
anlassung Herzog  Wilhelms  wurden  die  Verhandlungen  dann  aber 
auf  den  Speierer  Tag  verschoben  ®).  Dort  hat  Eck  sehr  weitgehende 
und  merkwürdige  Vorschläge  über  ein  Bündnis  gegen  die  Habs- 
burger gemacht.  Wie  stets,  ist  es  schwer  zu  bestimmen,  wie  weit 
sie  ernst  gemeint  waren.  Bei  der  steten  Doppelzüngigkeit  der 
bayrischen  Politik  kann  man  aber  jedenfalls  die  Lenzsche  Auffassung 
nicht  zurückweisen,  daß  es  Eck  in  erster  Linie  darauf  angekommen 
sei,  die  Beteiligung  der  Protestanten  am  Türkenkriege  zu  erreichen 
und  einen  Krieg  gegen  Herzog  Heinrich  zu  hindern.  Dein  ent- 
sprach auch  die  ziemlich  kühle  Aufnahme  der  Sache  bei  den 
Protestanten*).  Einen  wesentlichen  Unterschied  zwischen  der  Auf- 
fassung des  Kurfürsten  und  der  des  Landgrafen  und  Moritzens  ver- 
mag ich  dabei  nicht  zu  entdecken®). 

In  anderer  Beziehung  dagegen  kam  es  in  jenen  Monaten  zu 
Ditferenzen  zwischen  dem  Landgrafen  einerseits,  dem  Kurfürsten 
und  Moritz  andererseits,  nämlich  über  die  Frage,  ob  die  Verwandlung 
des  Speierer  Tages  in  einen  Reichstag  eine  Verschiebung  des  Braun- 
schweiger Unternehmens  nötig  mache.  Der  Kurfürst  war  davon 
sofort  überzeugt,  er  vermutete,  daß  Heinrich  selbst  auf  dem  Reichs- 
tag sein  würde  und  den  „Glimpfe  gewinnen  würde,  wenn  man  ihn 
während  dieser  Zeit  angriffe,  auch  werde  man  dann  als  Bundesgenosse 
von  Türken  und  Franzosen  erscheinen®).  Moritz  machte  sich  diese 

1)  Hz.  Wilhelm  an  lAgf.  Dez.  7,  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  I,  Kopie.  Ldgf. 
an  Kf.  und  Hz.  Moritz  Dez.  20,  M.  P.  C.  I,  263  ff.  Kf.  an  Moritz  Dez.  29,  ebenda 
276,  3. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  und  Moritz  Dez.  20,  M.  P.  C.  I,  263  ff.  Brück  an  Kf. 

Dez.  24,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  II,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  1542  Jan.  12,  Reg.  H. 

p.  458,  No.  162,  Konz.  Sacheen  und  Hessen  an  Bayern  Jan.  14,  Stumpf, 
S.  240f.;  Riezler,  IV,  S.  310;  Konz,  in  Reg.  H.  p.  225,  No.  102,  I. 

3)  Hz.  Wilhelm  an  Kf.  und  Ldgf.  Jan.  27,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I, 
Bl.  187  f..  Kopie. 

4)  Lenz,  III,  8.  204  ff.,  besonders  8.  220  f. 

5)  Brandenburg,  I,  8.  181f.,  nimmt  einen  solchen  au,  doch  steht  seine 
Darstellung  zu  M.  P.  C.  I,  297,  No.  268,  8 im  Widerspruch. 

6j  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  16,  Reg.  H.  p.  394,  Na  149,  II,  Or.  Antwort  auf 

Brief  vom  8.,  den  ich  nicht  kenne,  Brandenburg,  I,  8.  177.  Kf.  an  Ldgf. 

Dez. 3,  M.  P.  C.  I,  243 ff.;  Dez.  9,  Lenz,  III,  8. 158;  Reg.  H.  p.  235,  No.  101,  I; 
M.  P.  C.  I,  247,  1. 


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310 


Kapitel  II. 


Bedenken  sofort  zu  eigen  und  benutzte  die  Gelegenheit,  um  sich 
aus  den  ihm  unbequem  gewordenen  Naumburger  Beschlüssen  nach 
Möglichkeit  herauszuziehen.  Jedenfalls  hatte  er  keine  Lust,  neue 
Verpflichtungen  einzugehen,  und  suchte  deswegen  eine  vom  Kur- 
fürsten dringend  gewünschte  Zusammenkunft  zwischen  ihnen  beiden 
und  dem  Landgrafen  zur  Beratung  über  die  Aufschiebung  des  Unter- 
nebmens,  aber  auch  über  die  Einzelheiten  seiner  Ausführung  zu  ver- 
meiden’). Nur  gelegentlich  einer  Zusammenkunft  der  Ernestinisehen 
und  Albertinischen  Räte  in  Leipzig  wurde  daher  in  den  ersten  Tagen 
des  Jahres  1542  der  Brief  aufgesetzt,  in  dem  die  beiden  sächsischen 
Fürsten  dem  Landgrafen  ihren  Wunsch,  daß  das  Unternehmen 
gegen  Herzog  Heinrich  verschoben  werde,  noch  einmal  energisch 
auseinandersetzten*).  Philipp  blieb  nichts  übrig,  als  sich,  wenn 
auch  widerstrebend,  zu  fügen  und  erst  den  Verlauf  des  Reichstages 
abzuwarten®).  — 

Die  Haltung  des  Kurfürsten  und  des  Landgrafen  auf  diesem 
Tage  wurde  natürlich  durch  die  braunschweigische  Sache  stark  be- 
einflußt. Auf  die  des  Kurfürsten  wirkte  außerdem  der  Stand  seiner 
privaten  Beziehungen  zu  Ferdinand.  Der  große  Regensburger  Ver- 
söhnungsplan war  ja  zunächst  im  Sande  verlaufen,  Asmus  von 
Könneritz,  den  Johann  Friedrich  auf  die  Anregungen  Granvellas 
hin  an  Hofmann  gesandt  hatte,  hatte  eine  unbefriedigende  Ant- 
wort gebracht’).  In  den  nächsten  Monaten  war  die  Stimmung  des 
Kurfürsten  gegen  den  König  besonders  wegen  der  Dobrilngkschen 
Sache  wieder  eine  recht  erbitterte  geworden  ®),  bis  dann  die  Größe 
der  Türkeugefahr  Ferdinand  zu  einigem  Entgegenkommen  nötigte. 
Als  Vermittler  diente  Hans  Hofmann,  der  auch  in  den  Zeiten  des 

1)  Moritz  an  Kf.  Dez.  13,  M.  P.  C.  I,  254  ff.  Kf.  an  Moritz  Dez.  23,  28,  ebenda 
I,  270,  276f.  Moritz  an  Kf.  Dez.  31,  ebenda  8.  277 f.;  Brandenburg,  1,  S.  180. 
Kf.  an  Moritz  1542  Jan.  1,  M.  P.  C.  I,  284 ff.  Moritz  an  Kf.  Jan.  3,  S.  287  f.  Karlo- 
witz  an  Moritz  Jan.  5,  8.  289  f.  Kf.  an  Brück  und  Ponikau  Jan.  5,  8.  290  Anm. 

2)  Brück  und  Ponikau  an  Kf.  Jan.  5,  7,  M.  P.  C.  I,  290ff.  306 ff.;  Bran- 
denburg, I,  8.  180.  Kf.  und  Moritz  an  Ldgf.  Jan.  12,  M.  P.  C.  I,  3I0ff. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  17,  ebenda  315 f.  Anm.;  Brandenburg,  I,  8.  181. 
Jan.  27,  M.  P.  C.  I,  322  Anm.;  Brandenburg,  a.  a.  O. 

4)  Kf.  an  Hofmaun  Dez.  13,  Loc.  10674  „Zweites  Buch,  Handlung  zwischen 
. . . 1541 — 1544“,  Reinentwurf. 

5)  M.  P.  C.  I,  186;  Brandenburg,  I,  8. 165.  Hofmann  an  Kf.  Nov.  8, 
Loc.  10674,  ebenda,  Or.  Kf.  an  Hofmann  Dez.  13,  Beinentwurf,  ebenda.  VergL 
über  die  Besetzung  Dobrilugks  durch  Nickel  von  Minckwitz  im  Aug.  1541  Falke, 
A8G.,  X,  8.  426  ff. 


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Bond  u.  Reich:  Die  Jahre  der  Sorge  u.  der  Untemehmungslust  1536—41.  311 

größten  Gegensatzes  die  Beziehungen  zu  Johann  Friedrich  aufrecht 
erhalten  hatte.  Am  7.  Januar  1542  erschien  er  selbst  in  Torgau 
und  hatte  lange  Unterredungen  teils  mit  dem  Kurfürsten  selbst, 
teils  mit  dessen  Bäten.  Johann  Friedrich  war  geneigt,  an  allen 
seinen  alten  Forderungen  festzuhalten,  während  Brück  zu  einiger 
Nachgiebigkeit  riet.  Schließlich  stach  auch  jenem  das  Entgegen- 
kommen, zu  dem  Ferdinand  jetzt  bereit  war,  in  die  Äugen.  Vor 
allem  der  in  Aussicht  gesteUte  Stillstand  in  allen  obwaltenden 
Streitigkeiten,  der  jülichschen,  geldrischen,  grünhainschen,  dobrilugk- 
schen  Sache  war  ihm  erwünscht*).  So  kam  denn  am  9.  Januar 
eine  .\brede  zustande  dahin  gehend,  daß  der  Kaiser  die  Vermittlung 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  König  übernehmen  soUte,  und 
zwar  soUten  Pfalzgraf  Friedrich,  Hofmann  und  Naves  zu  Unter- 
händlern ernannt  werden.  Der  Kurfürst  wollte  persönlich  zu  den 
Verhandlungen  erscheinen,  wenn  der  Reichstag  nach  Nürnberg  ver- 
legt würde.  Nicht  nur  die  Wahlsache,  auch  alle  anderen  Streit- 
punkte sollten  erledigt  werden.  Hatte  man  sich  geeinigt,  so  sollte 
dann  der  König  die  Einwilligung  des  Kaisers  zu  dem  Vertrage 
einholeu.  Der  Kurfürst  dagegen  verpflichtete  sich,  dem  König  bis 
Fastnacht  1543  den  Titel  zu  geben  gegen  eine  Versicherung,  wie  sie 
in  Regensburg  ausgestellt  worden  sei.  Während  dieser  Zeit  sollte 
in  allen  den  berührten  Sachen  nichts  mit  der  Tat  vorgenommen 
werden,  auch  durfte  der  Kurfürst  inzwischen  das  Kloster  Dobrilugk 
ruhig  behalten.  Eine  Differenz  gab  es  nur  über  die  Frage  der 
Beziehungen  der  Verbündeten  des  Kurfürsten  zu  den  protestantischen 
Untertanen  des  Königs.  Nach  dem  Wunsche  Ferdinands  und  Hof- 
manns sollte  der  Kurfürst  für  sich  und  seine  Verbündeten  eine 
Verpflichtung  übernehmen,  die  Untertanen  des  Königs  der  Religion 
halber  nicht  an  sich  zu  ziehen.  Johann  Friedrich  erklärte  sich  für 
außerstande,  eine  solche  Erklärung  für  seine  Verbündeten  abzu- 
geben, und  veranlaßte  daher  die  Streichung  dieses  Artikels.  Der 
König  war  darüber  zunächst  sehr  erregt,  beruhigte  sich  dann  aber 
mit  der  Erklärung  Hofmanns,  daß  es  dem  Kurfürsten  persönlich 
gänzlich  fern  liege,  des  Königs  Lande  und  Untertanen  in  der  Re- 
ligion an  sich  zu  ziehen,  und  ratifizierte  die  Abrede*). 

1)  Kf.  an  Hz.  WUhelm  v.  Jülich  1542  Febr.  13,  Reg.  C.  No.  874,  Bl.  11 
— 17;  Below,  I,  8.  448,  1;  Heidrich,  8.  75,  2. 

2)  Akten  über  die  Verhandlungen  mit  Hofmann  vom  7. — 9.  Januar  1542 
in  Loc.  10674  „Zweites  Buch,  Handlung  zwischen  . . .*  Den  Tag  seiner  Ankunft 


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312 


Kapitel  II. 


Wir  dürfen  in  diesem  Vertrage  wohl  eine  erste  Abkehr  des 
Kurfürsten  von  seiner  seit  1536/37  befolgten  Politik  des  Miß- 
trauens gegen  die  Habsburger  sehen. 

Blicken  wir  an  dieser  Stelle  zurück,  so  ist  das  Bild,  das  uns  die 
Jahre  1536 — 1541  von  der  Politik  Johann  Friedrichs  gegeben  haben, 
ofi'enbar  ein  ganz  anderes  als  dasjenige,  das  wir  aus  dem  Inhalt  des 
ersten  Kapitels  entnehmen  mußten.  Er  erscheint  jetzt  nicht  nur  von 
rastloser  Tätigkeit,  dabei  aber  beständig  durch  Zweifel  und  Bedenk- 
lichkeiten gehemmt,  sondern  setzt  sich  mit  überraschender  Kühnheit 
über  alle  Rücksichten  hinweg.  Nicht  er  ist  schuld,  wenn  in  dieser 
Zeit  die  Chancen  der  europäischen  Lage  von  den  Schmalkaldenern 
nicht  ausgenutzt  werden,  sondern  anfangs  die  Schwerfälligkeit  der 
Bundesstände,  später  der  unglückliche  Ehehandel  des  Landgrafen. 
Ermöglicht  wurde  das  freiere  Auftreten  des  Kurfürsten  in  diesen 
Jahren,  wie  wir  sahen,  durch  die  Enttäuschungen,  die  er  bei  den 
Verhandlungen  mit  den  Habsburgem  erlebt  hatte,  deren  unauf- 
richtige Politik  schließlich  auch  seine  Geduld  zum  Reißen  gebracht 
hatte.  Es  läge  nahe,  auch  die  neue  Wendung,  die  sich  in  der 
Haltung  Johann  Friedrichs  seit  dem  Regensburger  Reichstage  an- 
bahnt und  die  seit  Anfang  1542  deutlicher  hervortritt,  mit  seinen 
Beziehungen  zu  den  Habsburgern  in  Zusammenhang  zu  bringen. 
Gewiß  werden  wir  auch  die  verlockenden  Anerbietungen  Gran- 
vellas  in  Regensburg  und  die  ungewohnte  Nachgiebigkeit,  die  der 
Kaiser  in  der  Regensburger  Deklaration,  der  König  bei  den  Tor- 
gauer  Verhandlungen  bewiesen,  nicht  unterschätzen  dürfen.  Als 
wesentlicher  möchte  ich  aber  doch  das  Gefühl  der  Isolierung  be- 
trachten, das  bei  dem  Kurfüi’sten  infolge  des  Verhaltens  Philipps 
von  Hessen  entstanden  war*).  Eine  gewisse  Wirksamkeit  möchte 
ich  daneben  noch  dem  Umstande  zuschreiben,  daß  an  der  Tatsäch- 
lichkeit der  Türkengefahr  jetzt  nicht  zu  zweifeln  war. 

ergibt  Melonchthon  an  Veit  Dietrich  Jan.  8,  C.  R.  IV,  753.  Der  Vertrag  in 
Loc.  10671,  ebenda.  Erklärung  König  Ferdinands  vom  16.  Jan.  ebenda,  Kopie. 
Hofmann  an  Kf.  Jan.  16,  ebenda,  Or.  Vergl.  auch  Seckendorf,  III,  S.  .382. 

1)  Bei  den  Torgauer  Verhandlungen  empfahl  Brück  dem  Kf.,  auf  die  Vor- 
schläge Hofmanns  einzugehen,  da  ja  seine  Adhärenten  alle  von  ihm  abgefallen 
seien  und  man  sich  auf  die  Auswärtigen  nicht  verlassen  könne. 


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Kapitel  III. 

Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 

Die  Erfahrungen,  die  Johann  Friedrich  in  den  ersten  zehn 
Jahren  seiner  Regierung  gemacht  hatte,  hatten  eine  gewisse  Un- 
sicherheit in  ihm  erzeugt.  Es  war  schwer  für  ihn,  zu  einem  vollen 
Vertrauensverhältnis  zu  den  Habsburgern  zu  gelangen,  so  erwünscht 
ihm  ein  solches  auch  gewesen  wäre.  Hätte  er  wirklich  alles,  was  er 
mit  ihnen  erlebt  hatte,  vergessen  können,  so  hätte  doch  die  jülichsche 
Sache  genügt,  um  ihn  in  Unruhe  zu  erhalten,  und  auch  weiterhin 
konnte  er  seine  Augen  gegenüber  der  Tatsache,  daß  die  alten  Ge- 
fahren fortbestanden,  nicht  verschließen.  .Andererseits  hatte  er  aber 
bei  seinen  Bundesgenossen  und  auch  beim  Landgrafen  mit  seinen 
antihabsburgischen  Plänen  so  wenig  .Anklang  gefunden  und  stieß 
auch  weiterhin  bei  ihnen  auf  so  viel  Widerstand,  daß  seine  Bundes- 
müdigkeit wuchs  und  er  wohl  gelegentlich  geneigt  war,  mit  einer 
gewissen  Resignation  die  Hände  in  den  Schoß  zu  legen  und  die 
Dinge  gehen  zu  lassen,  wie  sie  gingen.  Seine  Energie  und  seine 
staatsmännischen  Fähigkeiten  waren  nicht  groß  genug,  um  die  vor- 
handenen Schwierigkeiten  zu  überwinden.  Es  darf  nicht  ver- 
schwiegen werden,  daß  er  sich  außerdem  selbst  in  persönliche 
Unternehmungen  zu  Gunsten  seines  Territorialstaats  eingelassen 
hatte,  die  ihm  auch  seinerseits  ein  gutes  Verhältnis  zu  den  Habs- 
burgem  erwünscht  erscheinen  lassen  mußten  *),  .die  außerdem  auch 
dazu  beitrugen,  eine  einheitliche  Politik  der  Protestanten  zu  er- 
schweren. Wenn  wir  diese  verschiedenen  Gesichtspunkte  berück- 
sichtigen, werden  wir  es  begreifen,  daß  die  Politik  Johann  Fried- 
richs in  den  Jahren  1542 — 1546  keinen  so  einheitlichen  Charakter 

1)  Gerade  in  den  Januar  1542  fällt  nein  Vorgehen  in  Naumburg. 


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Kapitel  III. 


trug,  wie  in  der  vorhergehenden  Periode,  daß  Momente,  wo  er  zu 
den  energischsten  Schritten  gegen  die  Habsburger  bereit  war, 
wechselten  mit  solchen,  wo  er  eine  merkwürdige  Schwäche  und 
Vertrauensseligkeit  ihnen  gegenüber  zeigte,  nnd  daß  auch  die 
Bundespolitik  von  ihm  in  dieser  Zeit  ebenso  oft  gehemmt  wie 
gefördert  wurde.  Folgen  wir  nun  aber  wieder  dem  Gang  der 
Begebenheiten ! 

Die  mit  Ferdinand  begonnenen  Verhandlungen  gingen  nicht  so 
schnell  weiter,  wie  man  wohl  in  Torgau  vorausgesetzt  hatte.  Da 
der  Reichstag  nicht  nach  Nürnberg  verlegt  wurde,  war  an  ein 
persönliches  Kommen  des  Kurfürsten  nicht  zu  denken').  In  einer 
Instruktion  aber,  die  Johann  Friedrich  am  26.  Febrnar  Burchard 
für  Verhandlungen  mit  Hans  Hofmann  erteilte,  knüpfte  er  an  die 
Torgauer  Verabredungen  an  und  bat,  Hofmann  zu  veranlassen,  daß 
Tag  und  Malstatt  bestimmt  würden,  damit  die  Sache  innerhalb  der 
Zeit  des  Anstandes  erledigt  werden  könne.  Burchard  hatte  Voll- 
macht, eventuell  auch  mit  König  Ferdinand  direkt  zu  verhandeln. 
Das  ist  dann  geschehen.  Der  König  konnte  zunächst  nur  eine 
aufschiebende  Antwort  erteilen,  da  die  Genehmigung  des  Kaisers 
zu  den  Verhandlungen  noch  ausstand.  Noch  in  Speier  hat  er 
sie  erhalten  und  konnte  nun  den  in  Speier  beschlossenen  neuen 
Reichstag  in  Nüraberg  als  Ort  für  die  Verhandlungen  festsetzen. 
Er  lag  ja  jedenfalls  noch  innerhalb  der  Zeit  des  Anstandes,  und 
so  scheint  denn  auch  der  Kurfürst  mit  dem  kleinen  Aufschub  nicht 
weiter  unzufrieden  gewesen  zu  sein*). 

Uns  interessiert  zunächst  jetzt  aber  die  Frage,  ob  die  Haltung 
des  Kurfürsten  auf  dem  Speierer  Reichstage  durch  die  neuen  Be- 
ziehungen zu  Ferdiuand  irgendwie  beeinflußt  worden  sei.  Hofmann 
scheint  da  auf  größere  Nachgiebigkeit  Johann  Friedrichs  in  der 
Frage  der  Türkenhilfe  gerechnet  zu  haben®),  während  dieser  da- 
gegen geneigt  war,  in  Speier  die  Frage  der  Türkenhilfe  noch  zu 
benutzen,  um  einen  Druck  auf  den  König  in  seinen  Sachen  aus- 


1)  Brief  Hofmanne  vom  16.  Jan. 

2)  Instruktion  für  Burchard  Beg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Or.  Ef.  an  Bur- 
chard Febr.  26,  ebenda.  Burchard  an  Kf.  März  28  mit  der  ersten  Antwort  des 
Königs,  ebenda.  Zustimmung  des  Kaisers  März  7 an  Naves,  Lanz,  II,  S.  342 ff. 
Burchi^  an  Kf.  April  15,  Beg.  E.  No.  104,  vol.  II,  Hdbf.  Kf.  an  Hofmann 
Juni  3,  Loc.  10674  „Zweites  Buch.  Handlung  zwischen  . . .“ 

3)  Nach  Brief  vom  16.  Jan. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


315 


zuüben ‘).  Irgendwelche  Verpflichtungen  in  dieser  Hinsicht  hat  er 
also  doch  wohl  in  Torgau  nicht  übernommen.  Dem  entspricht 
auch  die  Haltung  der  knrsächsischen  Politik  während  der  Reichs- 
tagsverhandlungen. Die  Gesandten  des  Kurfürsten,  Gotzmann, 
Eberhaid  von  der  Thann  und  Burchard,  hatten  zunächst  den  Befehl, 
an  den  Nanmburger  Verabredungen  festzuhalten,  also  die  Türkenhilfe 
nur  unter  der  Bedingung  zu  gewähren,  daß  die  Punkte  Friedens 
und  Rechtens  erledigt  würden.  Nur  wenn  die  anderen  protestan- 
tischen Stände  sie  im  Stich  ließen,  durften  sie  eventuell  in  die 
Türkenhilfe  auch  unter  gemäßigteren  Bedingungen  willigen,  gegen 
das  Kammergericht  in  seiner  jetzigen  Form  aber  sollten  sie  unter 
allen  Umständen  protestieren*).  Der  Kurfürst  hat  den  Gesandten 
diesen  Befehl  noch  öfter  wiederholt®),  und  wenn  diese  auch  nicht 
stets  seinen  Wünschen  entsprochen  haben,  im  ganzen  haben  sie 
doch  zusammen  mit  Hessen  und  einigen  anderen  Ständen  bis  in 
den  April  hinein  an  dem  von  ihrem  Herra  vorgeschriebenen  Stand- 
punkte festgehalten  und  sich  erst  im  letzten  Moment  dem  Willen 
der  Majorität  auch  der  protestantischen  Stände  gefügt ‘). 

Ueber  die  ziemlich  verwickelten,  der  Aufklärung  noch  sehr 
bedürftigen  Reicbstagsverhandlungen  ®)  ist  sonst  zu  bemerken,  daß 
es  im  Sinne  des  Kurfürsten  gewesen  wäre,  wenn  man  sich  von 
voiTiherein  nach  Religionsparteien  geschieden  hätte,  wie  in  Regens- 
burg. Er  war  durchaus  nicht  damit  einverstanden,  daß  man  die 
Frage  der  Türkenhilfe  „in  den  Reichsrat  kommen“  ließ,  d.  h.  in  der 
üblichen  Form  der  drei  Kollegien  beriet®).  Tatsächlich  hatte  eine 
solche  Form  der  Beratung  ja  für  die  Protestanten  manche  Be- 
denken. Im  Kurfürstenrat  hatte  Sachsen  zwar  die  Majorität  auf 
seiner  Seite,  das  Resultat  aber  wurde  durch  die  Parteilichkeit  des 

1)  Kf.  an  Burchard  Febr.  26. 

2)  Instruktion  vom  28.  Jan.,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Or.  Nachtrag  dazu 
vom  6.  Februar,  ebenda,  Or.  Vergl.  Heckendorf,  III,  S.  382. 

3)  VergL  etwa  Kf.  an  seine  Ges.  März  30,  Keg.  E.  ebenda  Bl.  249 — 256,  Or. 

4)  Thann  an  Kf.  Febr.  23,  Reg.  E.  ebenda  BL  60 — 79.  Die  Räte  an  Kf. 
Febr.  24,  ebenda  Bl.  56 — 58;  März  16,  Zettel,  ebenda  Bl.  226  f.;  ÄprU  6,  Bl.  302 
— 319.  Hessische  Berichte  in  P.  A.  596.  Erst  am  28.  März  finde  ich  eine  Klage, 
dafi  die  Knrsachsen  sich  der  Mehrheit  der  Verbündeten  anschlSssen  und  Heesen 
im  Stich  lieflen.  Es  handelte  sich  darum,  ob  man  sich  mit  einer  Suspension  der 
Acht  gegen  Goslar,  statt  der  Absolvierung  Goslars  von  der  Acht  begnügen  wollte. 

5)  P.  C.  genügt  nicht,  bei  Trant  ist  vieles  schief. 

6)  Instruktion  vom  28.  Januar,  Kf.  an  die  Räte  März  8,  Reg.  E.  a.  a.  0. 
BL  136—142,  Or. 


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Kapitel  III. 


mainzischen  Kanzlers  gefälscht ‘);  im  Fürstenrat  konnten  die  Pro- 
testanten jederzeit  überstimmt  werden,  und  auch  das  Gutachten, 
das  durch  einen  Ausschuß  beider  oberen  Reichsräte  verfaßt  und 
dem  Könige  überreicht  wurde,  entsprach  nicht  dem  Wunsche 
Sachsens  und  Hessens.  Einen  Genossen  ihres  Widerstandes  fanden 
sie  bei  dem  Städterat,  der  keine  Türkenhilfe  vor  einer  Verbesserung 
der  Anschläge  bewilligen  wollte  und  auch  mit  der  Art,  wie  er 
formell  auf  dem  Reichstag  behandelt  wurde,  sehr  wenig  zufrieden 
war.  Die  kursächsischen  Gesandten  scheinen  sich  zwar  an  der 
schlechten  Behandlung  der  Städte  nicht  direkt  beteiligt  zu  haben, 
aber  sie  taten  auch  nichts,  um  sie  zu  verhindern,  und  das  war 
wenig  nach  dem  Sinne  ihres  Herrn.  Er  hätte  ein  Handinhand- 
gehen der  Protestanten  mit  den  gesamten  Städten  gewünscht,  auch 
auf  städtischer  Seite  hat  man  eine  Zeitlang  Neigung  zu  einem 
solchen  gezeigt,  doch  wurde  schließlich  der  Konflikt  durch  eine  Er- 
klärung Ferdinands  beigelegt’). 

Den  eigentlichen  Reichstagsverhandlungen  gingen  Sonderver- 
handlungen Ferdinands  mit  den  Protestanten  unter  Vermittlung  des 
Kurfürsten  von  Brandenburg  und  des  Pfalzgiafen  Friedrich  zur 
Seite.  Es  handelte  sich  dabei  um  eine  Verlängerung  des  Regens- 
burger hYiedens  um  5 Jahre,  mit  der  die  Protestanten  sich  nur 
dann  begnügen  wollten,  wenn  gleichzeitig  die  Deklaration  verlängert, 
die  Acht  gegen  Goslar  aufgehoben  und  eine  Reformation  des 
Kammergerichts  vorgenommen  würde.  Nach  sehr  langwierigen  Ver- 
handlungen kam  endlich  durch  gegenseitige  Nachgiebigkeit  die  De- 
klaration Ferdinands  vom  10.  April  zustande.  Sachsen  und  Hessen 
leisteten  länger  Widerstand  als  die  anderen  Stände,  so  daß  es  zu 
„harten  Reden“  deswegen  kam.  Schließlich  scheint  Sachsen  eher 
nachgegeben  zu  haben  als  Hessen  ’). 

Von  Interesse  ist  es  auch  noch,  die  Stellung  des  Kuifürsten 
zu  einzelnen  mit  der  Türkenhilfe  zusammenhängenden  Fragen  zu 
verfolgen.  Schon  vor  dem  Regensburger  Reichstag  hatte  er  sich 
ja  mit  diesen  Dingen  beschäftigt,  während  der  Naumburger  Zu- 
sammenkunft und  im  Dezember  l.Wl  hatte  er  Beratungen  mit  seinen 

1)  Thanns  Bericht  vom  23.  Febr. 

2)  Vergl.  außer  P.  C.  und  Traut  Kf.  an  seine  Räte  März  31,  Reg.  E.  p.  51a, 
No.  103  I,  Bl.  263, '264,  Or.  Räte  an  Kf.  April  6,  ebenda  302—319.  Ldgf.  an  Kf. 
März  26,  Or.,  Kf.  an  Ldgf.  März  31,  Konz.,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161. 

3)  P.  C.,  Traut,  P.  A.  No.  506  und  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I etc. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


317 


Räten  darüber  abgehalten'),  und  in  der  Instruktion  und  einzelnen 
Weisungen  an  seine  Vertreter  in  Speier  brachte  er  seine  Wünsche 
auch  wiederholt  zum  Ausdruck.  Er  war  da  z.  B.  entschieden 
dagegen,  daß  die  Türkenhilfe  durch  einen  gemeinen  Pfennig  auf- 
gebracht würde,  da  dadurch  ein  Einblick  in  das  Vermögen  der 
einzelnen  Stände  gewährt  würde.  Er  wünschte  vielmehr,  daß  man 
die  alten  Anschläge  reformiere  oder  allenfalls  auch  diesmal  noch 
an  ihnen  festhielte*). 

Johann  Friedrich  wünschte  ferner,  daß  die  Hilfe  lieber  in 
Truppen  als  in  Geld  geleistet  würde.  Dabei  wirkte  wohl  das  stets 
vorhandene  Mißtrauen  mit,  daß  das  Geld  nicht  die  richtige  An- 
wendung finden  würde.  Auch  war  er  nicht  dafür,  daß  die  Reichs- 
hilfe einfach  Ferdinand  überlassen  würde,  sondern  verlangte,  daß 
sie  einem  vom  Reich  bestellten  Hauptmann  anvertraut  würde.  Für 
diesen  Posten  schien  ihm  der  Landgraf  oder  Herzog  Albrecht  von 
Preußen  geeignet,  während  er  gegen  den  Kurfürsten  von  Branden- 
burg anfangs  große  Bedenken  hatte  wegen  seiner  militärischen  Un- 
erfahrenheit und  seines  geringen  Kredits  und  Ansehens  bei  den 
Soldaten.  Später  hat  er  sich  aber  doch  in  dessen  Ernennung  ge- 
funden, verlangte  nun  nur,  daß  Joachim  seine  Stellung  nicht  be- 
nutzen dürfe,  um  sich  von  der  eigenen  Hilfsleistung  zu  befreien  ®). 

Nach  wie  vor  hielt  Johann  Friedrich  an  dem  Gedanken  fest, 
daß  eine  besondere  Behörde  im  Reich  mit  dem  Mobilmachungs- 
und Ersatzgeschäft  betraut  werden  müsse.  Hierfür  schien  ihm  ein 
Kurfürst  als  Leiter  am  geeignetsten,  er  war  wohl  nicht  abgeneigt, 
sich  auch  selbst  dazu  gebrauchen  zu  lassen'). 

Erörterungen  gab  es  auch  noch  über  die  Gültigkeit  des  Regens- 
burger Buches.  Sturm  hatte  den  Vorschlag  gemacht,  daß  man  den 
Gegnern  erlauben  soUe,  die  in  Regensburg  verglichenen  .\rtikel  zu 
halten  und  zu  predigen  und  im  übrigen  sich  nach  dem  Regens- 
burger Buch  zu  richten.  Der  Landgraf  eignete  sich  diese  Vorschläge 
an  und  brachte  auch  in  seiner  Instruktion  für  Speier  ähnliche 
Gedanken  zum  .Ausdruck,  auch  die  Fortsetzung  der  religiösen  Ver- 
gleichsverhandlungen wünschte  er.  Der  Kurfürst  dagegen  sprach 

1)  Aufzeichnungen  darüber  in  Reg.  E.  p.  51a,  No.  104  II. 

2)  Ki.  an  seine  Räte  März  19,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Bl.  171 — 175. 

3)  Nach  der  Instruktion  vom  28.  Jan.  und  6.  Fobr,  Kf.  an  Burchard 
Febr.  26,  Reg.  E.  a.  a.  O.,  Or. 

4)  Siehe  die  vorige  Änm. 


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Kapitel  III. 


sich  auf  Grund  eines  Gutachtens  seiner  Theologen  entschieden 
gegen  alle  diese  Pläne  aus,  nur  mit  den  von  den  Theologen  dazu 
gegebenen  Erläuterungen  wollte  er  die  Regensburger  Vergleichs- 
artikel allenfalls  zulassen.  Demgemäß  verfuhren  die  kursäch- 
sischen Gesandten  in  Regensburg,  und  es  gelang  ihnen  auch,  eine 
Beschlußfassung  zu  Gunsten  der  Regensburger  Artikel  zu  ver- 
hindern*). So  ist  denn  auch  in  Speier  die  religiöse  Vergleichs- 
frage keinen  Schritt  weiter  gekommen.  Im  Abschied  wird  sie  gar 
nicht  berührt.  Dieser  betrifft  vor  allem  die  Türkenfrage.  Daß  er 
die  Aufbringung  der  Türkensteuer  durch  den  gemeinen  Pfennig 
festsetzte,  war  natürlich  nicht  im  Sinne  Johann  Friedrichs,  doch 
war  den  einzelnen  Ständen,  die  sich  schon  mit  ihren  Untertanen 
wegen  der  Türkensteuer  verglichen  hatten,  selbständige  Zahlung 
erlaubt,  und  Johann  Friedrich  hatte  ja  eine  doppelt  so  hohe  Steuer 
ausgeschrieben,  als  der  Reichstag  vorschrieb.  Im  übrigen  klingen 
manche  der  Beschlüsse  an  die  fiüheren  Vorschläge  des  Kurfürsten 
an.  So  wird  ihm  die  starke  Heranziehung  der  Geistlichen  gewiß 
sympathisch  gewesen  sein.  Unerwünscht  war  ihm,  daß  für  die 
Besteuerung  der  Wohnsitz  der  Steuerpflichtigen,  nicht  die  Lage  der 
Güter  maßgebend  sein  sollte.  Dagegen  war  einem  Wunsche  des 
Kurfürstenkollegs  Rechnung  getragen,  wenn  die  Hilfe  für  zwei 
Jahre  in  eins  geschlagen  wurde.  Auch  die  Einsetzung  von  4 Räten 
in  Regensburg,  um  den  Verkehr  zwischen  dem  Heere  und  den 
deutschen  Reichsständen  zu  vermitteln,  war  wenigstens  ein  Anklang 
an  die  von  Johann  Friedrich  geplante  Mobilmachungsbehörde“). 

Obgleich  der  Reichsabschied  durch  die  Deklaration  Ferdinands 
über  den  5-jährigen  Frieden  etc.  ergänzt  wurde,  war  der  Kurfürst 
mit  ihm  doch  nichts  weniger  als  zufrieden.  Außer  der  Bestimmung 
über  den  gemeinen  Pfennig  mißfiel  ihm  die  Mitbesteuerung  der 
Kammergüter,  die  besondere  Veranlagung  seiner  Bischöfe  und 
Prälaten,  die  Veranschlagung  der  Güter  an  den  Wohnsitzen  ihrer 
Eigentümer  u.  dgl.  m.  Er  hat  diese  Beschwerden  zusammengestellt, 
als  er  seine  Gesandten  für  einen  Kreistag  des  obersächsischen 
Kreises,  der  im  Mai  in  Zerbst  wegen  der  Türkenhilfe  stattfand, 

1)  Lenz,  II,  S.  42.  43  Anm.  2.  Instroktion  dee  Ldgf.  für  Speier  Jan.  12, 
Keg.  H.  p.  401,  No.  150;  Lenz,  II,  p.  50,  3;  57,  4;  Traut,  8.  4ff.  Ldgf.  an 
Kf.  Jon.  17,  M.  P.  C.  I,  310  f.  Inetruktion  dee  Kf.  vom  28.  Jan.,  die  Räte  an 
Kf.  Febr.  24,  Reg.  E.  p.  51a.  No.  103  I.  56  ff. 

2)  Neue  Sammlung  der  Reichsabschiede  II,  S.  444  ff. 


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Bond  und  Beich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  319 

instruierte.  Nach  dem  Keichsabschied  sollte  ja  die  Hilfe  nach 
Kreisen  erfolgen,  auch  hatte  jeder  Kreis  einen  Kriegsrat  zu  stellen. 
Dazu  wurde  in  Zerbst  Kunz  Gotzmann  gewählt.  Sonst  kam  so  gut 
wie  nichts  zustande,  da  alle  Stände  selbständig  ihre  Kontingente 
sandten  und  sich  Beschlüsse  über  die  Leistungen  des  Kreises 
dadurch  erübrigten*). 

Auch  die  kursächsischen  Truppen  haben  im  Türkenkriege  ein 
selbständiges  Kontingent  gebildet,  lieber  ihre  Schicksale,  sowie 
überhaupt  über  den  Verlauf  des  Zuges  sind  wir  durch  die  zahl- 
reichen Berichte  von  Könneritz,  Gotzmann  und  Wolf  Dietrich 
von  Pfirt  an  den  Kurfürsten  gut  unterrichtet.  Doch  brauchen 
wir  hier  darauf  nicht  näher  einzugehen.  Die  kursächsischen 
Truppen  zeichneten  sich  dadurch  aus,  daß  sie  gleich  auf  3 Monate 
besoldet  und  auch  weiterhin  gut  ausgestattet  waien.  Der  Kurfürst 
hatte  jedenfalls  an  den  finanziellen  Schwierigkeiten,  die  bald  den 
Fortgang  des  Krieges  hemmten,  keinen  Anteil.  Zu  langen  Erörte- 
rungen führte  eine  Aeußerung  Agricolas,  daß  der  Kurfürst  von 
Sachsen  als  Verbündeter  Frankreichs  „gut  türkisch“  sei.  Von  Johann 
Friedrich  wurde  das  natürlich  mit  Entrüstung  zurückgewiesen, 
während  Joachim  nicht  ganz  den  erwünschten  Eifer  bei  der  Unter- 
suchung der  Frage  zeigte. 

Wenig  zufrieden  war  man  in  Sachsen  auch  mit  dem  Verlauf 
des  Krieges  und  berief  schließlich  die  Truppen  eher  zurück,  als 
es  Ferdinand  erwünscht  war*).  — 

Gewissermaßen  als  Gegengabe  für  die  Türkenhilfe  hatte  König 
Ferdinand  Visitation  und  Reformation  des  Kammergerichts  durch 
einen  Visitationstag  in  Speier  versprochen.  Diese  Frage  hatte 
auch  während  des  Speierer  Reichstages  einen  der  Hauptberatungs- 
gegenstände gebildet  in  den  Verhandlungen,  die  die  Bundesstände 

1)  Ferd.  an  Kf.  April  12,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  104  II.  Äusachreiben  des  Tages 
durch  Kf.  April  29,  ebenda  No.  105.  Brück  an  Kf.  Mai  16,  Reg.  H.  p.  467, 
No.  164,  Or.  Instruktion  des  Kf.  für  den  Tag  zu  Zerbst  Mai  18,  Reg.  E.  p.  51a, 
No.  KB,  Kopie.  Kf.  an  seine  Räte  in  Zerbst  Mai  20,  ebenda,  Or.  Abschied  des 
Tages  vom  22.  Mai,  M.  P.  C.  I,  429,  1.  Tra u t,  S.  88.  Bestallung  Gotzmanns  zum 
Kri^rat  von  dems.  Tage,  Reg.  E.  a.  a.  O.,  Kopie.  Vergl.  auch  Traut,  S.  88 f. 

2)  Ueber  die  Korrespondenz  des  Kurfürsten  mit  Könneritz  etc.  vergl.  Könne- 
ritz, ASG.,  VIII,  8.  82  ff.,  weiteres  in  Reg.  B.  No.  1639 — 1641.  Einzelnes  auch 
in  Loc.  9138  „Allerhand  Sendschreiben“,  Bl.  21.  Brandenburg,  I,  8.  211. 
213  f.  Vergl.  auch  Meyer  in  Zeitschr.  f.  Preuß.  Gesch.  1879,  8.  488 ff.  Traut, 
8.  50  f.  56.  84  f.  117. 


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Kapitel  III. 


unter  sich  damals  pflogen.  Nach  alter  Gewohnheit  hatten  sie  den 
Speierer  Reichstag  zur  Abhaltung  eines  Bundestages  benutzt ').  Als 
Beratungsgegenstände  waren  zunächst  die  Fortführung  der  Haupt- 
mannschaft, die  weitere  Unterhaltung  von  Rittmeistern  und  die 
Rechnungslegung  bestimmt  worden  *).  Außer  diesen  Punkten  kamen 
aber  auch  noch  verschiedene  der  den  Reichstag  beschäftigenden 
.Angelegenheiten  zur  Besprechung.  Die  Beschlüsse,  die  gefaßt 
wurden,  zeigen,  daß  nicht  gerade  sehr  große  Einigkeit  unter  den 
Verbündeten  herrschte.  Man  tadelte  z.  B.,  daß  von  den  Bundes- 
hauptleuten mehr  Hauptleute  und  Rittmeister  unterhalten  w'ürden, 
als  von  der  Ordinarianlage  bezahlt  werden  könnten,  und  bat,  das 
abzustellen.  Seitens  der  Bundeshauptleute  scheint  es  wieder  nicht 
an  Klagen  über  die  unpünktlichen  Zahler  gefehlt  zu  haben,  denn 
man  beschloß,  auf  dem  nächsten  Tage,  der  unmittelbar  vor  dem 
Nürnberger  Reichstage  stattfinden  sollte,  davon  zu  reden,  wie 
pünktliche  Zahlung  zu  erreichen  sei.  Ein  Gedanke,  der  noch  öfter 
zu  Debatten  geführt  hat,  war  der,  daß  die  „Stimmen“  auf  den  Bund 
und  seine  Verfassung  vereidigt  werden  und  bei  Abstimmungen  der 
Pflichten  gegen  ihre  Oberen  entbunden  sein  sollten.  Auch  die  Be- 
ratung über  diese  TYage  wurde  auf  den  nächsten  Tag  verschoben. 

Schon  jetzt  erklärte  man  sich  prinzipiell  mit  der  Aufnahme 
Schwedens  in  den  Bund  einverstanden,  die  weiteren  Verhandlungen 
über  ihre  Bedingungen  sollten  zunächst  durch  Sachsen  und  Hessen 
geführt  werden. 

In  bezug  auf  die  Visitation  und  Reformation  des  Kammer- 
gerichts wiederholte  man  zunächst  die  Regensburger  Beschlüsse, 
bestimmte  die  Stände,  die  Deputierte  zu  der  Visitation  schicken 
sollten,  und  setzte  fest,  daß  die  Betreffenden  zu  vorheriger  Be- 
ratung am  12.  Juni  in  Speier  Zusammenkommen  sollten.  Würde 
die  Visitation  nicht  stattflnden,  so  sollte  miin  sich  dann  über  eine 
Protestation,  oder  was  man  sonst  vornehmen  wollte,  einigen®). 

Die  Reform  des  Kammergerichts  war  eine  Frage,  mit  der  sich 
die  Protestanten  schon  während  des  ganzen  Winters  beschäftigt 


1)  In  Naumburg  wurde  der  Tag  beechlosaen.  Auaschreiben  vom  24.  Ott, 
P.  C.  III,  21G. 

2)  Instruktion  für  die  sächsischen  Gesandten  vom  28.  .Tan.  1542,  Beg.  E. 
p.  51a,  No.  103  I,  Or. 

3)  VergL  P.  C.,  wenig  in  P.  A.  Abschied  vom  14.  April,  Reg.  H.  p.  401, 
No.  150,  Or.  (Urk.  No.  1C21). 


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Band  und  Beicb:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  321 

hatten,  zahlreiche  Gutachten  darüber  liegen  vor‘).  Den  Stand- 
punkt des  Kurfürsten  kann  man  etwa  aus  der  Instruktion  ent- 
nehmen, die  er  seinen  Visitatoren  Erasmus  von  llinckwitz  und 
Benediktus  Pauli  am  6.  Juni  erteilte.  Die  Reform  sollte  danach 
in  einem  Personenwechsel  und  in  einer  Reform  der  Kanzlei  be- 
stehen. Diese  sollte  dem  Kurfürsten  von  Mainz  entzogen  und 
wieder  an  das  Reich  gebracht  werden.  Der  Kurfürst  empfahl  die 
größte  Vorsicht,  damit  das  Gericht  nicht  durch  die  Reformation 
schlimmer  werde,  als  es  gewesen  sei,  denn  nachher  könne  man  es 
nicht  mehr  rekusieren.  Pfaffen  und  Geistliche  sollten  weder  als 
Beisitzer  noch  in  der  Kanzlei  zugelassen  werden,  auch  sollte  nie- 
mand an  den  Verhandlungen  über  die  Reformation  teilnehmen 
dürfen,  der  früher  im  Kammergericht  gew'esen  sei.  Dadurch  wollte 
der  Kurfürst  vor  allem  den  mainzischen  Kanzler  Jonas  ausschließen  *). 

.A.lles  das  war  nun  zunächst  vergebliche  Mühe,  denn  durch  ein 
Gebot  des  Kaisers  vom  7.  Mai  wurde  die  Visitation  bis  zu  seiner 
Ankunft  im  Reiche  verschoben,  weil  er  fürchtete,  daß  die  Verhand- 
lungen darüber  zu  Uneinigkeiten  unter  den  Reichsstäuden  führen 
würden*).  Am  2.  Juni  sandte  König  Ferdinand  Schwarzenberg 
mit  dieser  Mitteilung  an  den  Kurfürsten.  Dieser  war  natürlich 
wenig  erfreut  und  machte  auf  die  vielleicht  auch  für  die  Türken- 
hilfe nachteiligen  Folgen  aufmerksam.  Er  würde,  so  erklärte  er 
dem  Gesandten,  wenigstens  gewünscht  haben,  daß  mit  der  Ver- 
schiebung der  Visitation  eine  Suspension  des  Kammergerichts 
verbunden  worden  wäre,  jetzt  würden  die  Protestanten  dieses 
den  Speierer  Beschlüssen  gemäß  rekusieren  müssen*).  Dem  ent- 
sprechende Weisungen  sandte  dann  der  Kurfürst  auch  an  seine 
Gesandten  in  Speier,  ja  er  würde  sogar  nichts  dagegen  gehabt 
haben,  wenn  man  die  Visitation  trotz  des  kaiserlichen  Mandats 
vorgenommen  hätte.  Jedenfalls  waren  er  sowohl  wie  der  Land- 
graf der  Meinung,  daß  man  gegen  den  Aufschub  protestieren 
und  das  Gericht  jetzt  auch  in  Profansachen  rekusieren  solle  *).  Für 

1)  Ein  ganzer  Band  davon  in  Reg.  H.  p.  403,  No.  151 A I. 

2)  Reg.  H.  p.  403,  No.  151 A II,  Or. 

3)  Reg.  H.  p.  403,  No.  151  A II,  der  Kaiaer  an  Kf.,  Or. 

4)  Instruktion  des  Kgs.  für  Schwarzenberg  Juni  2,  Reg.  H.  p.  403,  No.  151 A 

II,  Or.  Antwort  des  Kf.  ebenda.  Ossa  erteilte  sie  im  Namen  des  Kf.  am 
5.  Juni  (?),  Handelsbach,  S.  19. 

5)  Kf.  und  Ldgf.  an  ihre  Ges.  Juni  11,  Reg.  H.  a.  a.  O.,  Or.  Seckendorf, 

III,  S.  385  f. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  1,  3.  21 


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322 


Kapitel  UI. 


ein  so  energisches  Vorgehen  waren  aber  die  meisten  anderen  be- 
teiligten Stände  nicht  zu  haben. 

Man  war  in  Speier  schon  in  die  Beratungen  über  die  Visitation 
eingetreten,  als  die  Nachricht  von  der  Verschiebung  des  Tages  ein- 
traf. Trotzdem  wurde  die  kursächsische  RekusationspoUtik  nur  von 
Hessen  und  Württemberg  unterstützt,  die  städtischen  Vertreter 
waren  gegen  die  völlige  Rekusation,  und  man  beschränkte  sich 
daher  schließlich  darauf,  die  weitere  Unterhaltung  des  Gerichts  zu 
verweigern  und  gegen  seinen  Gerichtszwang  zu  protestieren,  behielt 
sich  außerdem  alles  vor,  was  man  durch  die  früheren  Reichsabschiede, 
die  kaiserliche  Deklaration  und  die  königliche  Urkunde  vom  10.  .\pril 
gewährt  erhalten  hatte.  Unter  sich  haben  die  Protestanten  in  Speier 
auch  darüber  beraten,  ob  man  sich  an  neuen  Beschlüssen  über  die 
Ansetzung  eines  Visitatioustermins  in  Nürnberg  überhaupt  beteiligen 
oder  vielmehr  darauf  bestehen  solle,  daß  die  Visitation  sofoit  in 
Nürnberg  stattftnde,  doch  kam  es  darüber  zu  keinem  Beschluß*).  — 

Angesetzt  war  der  Nürnberger  Reichstag  anfänglich,  um  ge- 
wisse Punkte  zu  erledigen,  die  auf  dem  Speierer  Tage  unentschieden 
geblieben  waren,  vor  allem  die  Verringerung  der  Anschläge,  den 
Erlaß  einer  Münz-  und  einer  Polizeiordnung  und  die  Einrichtung 
des  Winterlagers  im  Türkenkiiege*).  Diese  Dinge  wurden  aber 
in  Wirklichkeit  durch  neu  aufgetanchte  Sachen  ganz  in  den  Hinter- 
grund gedrängt.  Ferdinand  hatte  über  Mangelhaftigkeit  der  Türken- 
hilfe zu  klagen  und  sah  sich  genötigt,  um  Mittel  dagegen  zu 
bitten,  und  vor  allem  war  alles  erfüllt  von  dem  Beginn  des  Brauu- 
schweiger  Krieges.  Da  dies  Ereignis  den  Gang  der  Verhandlungen 
in  erster  Linie  beeinflußt  hat,  wollen  wü'  zunächst  seiner  Ent- 
stehung nachgeheu. 

Wir  sahen,  daß  der  Kurfürst  und  Herzog  Moritz  gegen  den 
Willen  des  Landgrafen  eine  Verschiebung  des  braunschweigischen 
Unternehmens  bis  nach  dem  Speierer  Reichstage  durchgesetzt  hatten. 
Die  dadurch  gewonnene  Pause  wurde  von  mehreren  Seiten  zu  Ver- 
mittlungsversuchen benutzt,  vor  allem  trat  zu  der  bayrischen  Ver- 
mittlung eine  solche  König  Ferdinands“).  Er  sandte  im  Februar 

1)  Berichte  des  Minckwitz  und  Paulis  in  Reg.  H.  p.  403,  No.  161  I.  II; 
P.  C.  III,  271  und  Aum.  4.  Die  Protestation  Reg.  H.  ebenda  II.  Der  Abschied 
Reg.  H.  p.  404,  No.  151  A»,  ürk.  vom  26.  Juni  (No.  1623). 

2)  Neue  Sammlung  der  Reichsabschiede,  II,  453,  § 45;  465,  § 130. 

3)  Eine  jülichschc  Vermittlung  wies  der  Kf.  entschieden  zurück.  Instruktion 
für  Planitz  an  Hz.  Wilhelm  1542  März  5,  Reg.  C.  No.  874,  BL  .52 — 62,  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


323 


ZU  diesem  Zwecke  Dr.  Kneller  an  den  Kurfürsten  und  den  Land- 
grafen. Am  14.  März  finden  wir  ihn  beim  I.andgrafen,  am  25.  beim 
Kurfürsten.  Der  König  empfahl  gütliche  Beilegung  des  Streites 
und  ernannte  zu  diesem  Zweck  die  Kurfürsten  von  Trier  und  von 
der  Pfalz  zu  Kommissaren.  Wenn  diese  nicht  alles  erledigen 
könnten,  wollte  er  sich  auch  selbst  mit  der  Verhandlung  beladen. 
Beide  Fürsten  erklärten,  erst  nach  Beratung  mit  ihren  Bundes- 
genossen antworten  zu  können,  beide  waren  wohl  auch  darin  einig, 
daß  sie  nur  zum  Schein  auf  die  Verhandlungen  eingehen,  dabei 
aber  doch  nicht  den  Unglimpf  der  ünfriedlichkeit  auf  sich  laden 
wollten.  Der  Kurfürst  hofite  dies  Ziel  dadurch  zu  erreichen,  daß 
man  Bedingungen  stellte,  die  sowohl  für  Heinrich  wie  für  den  König 
und  die  Kommissare  unannehmbar  seien  und  die  diese  daher  ab- 
schlagen  müßten.  Der  Landgraf  legte  vor  allem  Wert  darauf,  daß 
die  Städte  Braunschweig  und  Goslar  bei  den  Verhandlungen  zuge- 
zogen würden,  und  daß  vorher  das  Verhör  der  Zeugen,  die  er  gegen 
den  Herzog  habe,  erfolgen  müsse.  Diese  letzte  Forderung  finden 
wir  dann  auch  in  der  .-Antwort,  die  die  beiden  Fürsten  dem  Könige 
am  30.  April  erteilten ').  Sie  kam  zu.stande  bei  der  Zusammenkunft, 
die  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  Ende  April  in  Weimar  hielten. 

Die  Anwesenheit  des  Landgrafen  in  Sachsen  gelegentlich  des 
Wurzener  Streites  gab  ja  natürlich  Gelegenheit,  auch  über  die 
braunschweigische  Sache  zu  .sprechen.  Zunächst  wurde  Moritzens 
Hilfsverpflichtung  hier  genau  geregelt*).  Daran  schloß  sich  dann 
eine  Beratung  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Landgrafen  in 
Grimma.  Von  kursächsischer  Seite  wurden  dabei  zunächst  nur 
Ponikau  und  Brück  zugezogen,  dann  erst  wurden  die  anderen  Räte 
(Mila,  Dölzig,  Ossa)  eingeweiht.  Der  Kanzler  Ossa  war  stets  gegen 
den  Plan,  auch  Brück  und  Ponikau  hatten  für  jetzt  Bedenken.  Der 
Kurfürst  ließ  sich  dadurch  bestimmen.  Brück  mit  der  .Abfassung 
eines  neuen  Gutachtens  über  die  Sache  zu  beauftragen*). 


1)  Kredenz  und  Instruktion  für  Kneller  vom  22.  Februar,  R^.  H.  p.  225, 
No.  ICß  I.  Antwort  des  Ldgf.  vom  14.  März  ebenda,  des  Kfen.  vom  25.  März 
ebenda  und  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Bl.  241  ff.;  Ossa,  Handelsbuch,  S.  8. 
Ldgf.  an  Kf.  Febr.  26,  Kf.  an  Ldgf.  März  8,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161.  Ldgf. 
an  Kf.  März  14,  ebenda,  Or.  Kf.  und  Ldgf.  an  Kg.  Ferdinand  April  30,  Reg.  H. 
p.  225,  No.  102  I,  Kopie. 

2)  M.  P.  C.  I,  412  f. 

3)  Ossa,  S.  12/13.  Langen  n , S.  36.  I ss leib.  Der  braunschw.  Krieg,  S.  3. 

21* 


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324 


Kapitel  III. 


Als  der  Landgraf  daun  Ende  April  aus  Dresden  zurückkehlte, 
fanden  neue  Verliandlungen  in  Torgau  statt.  Brück,  Mila  und 
Ponikau  nahmen  von  kursächsischer,  Feige,  Malsburg  und  Hundels- 
hausen von  hessischer  Seite  daran  teil,  Dölzig  und  Ossa  wurden  erst 
nachträglich  gerufen  und  über  die  gefaßten  Beschlüsse  unterrichtet. 
Man  verabredete  nämlich,  in  bezug  auf  Goslar  den  Speierischen 
Abschied  zur  Ausführung  zu  bringen.  Braunschweig  wollte  mau  zu 
Margarete  die  in  Naumburg  festgesetzte  Hilfe  senden.  Man  war 
auf  Gegeumaßregelu  Heinrichs  gefaßt  und  beschloß  darum  gleich, 
alle  Kriegsräte  auf  den  20.  Juli  nach  Eisenach  zu  berufen  ‘). 

Bei  dieser  Gelegenheit  ist  dann  auch  das  Schreiben  au  den 
König  vom  30.  April  zustande  gekommen.  Ferdinand  ging  in 
seiner  Antwort  vom  10.  Mai  auf  die  Wünsche  der  beiden  Fürsten 
ein,  bat  sie  nur,  die  Vermittlung  der  Kurfürsten  von  Trier  und  von 
der  Pfalz  sofort  vor  sich  gehen  zu  lassen  und  das  Resultat  des 
Zeugenverhörs  abzuwarten,  ehe  sie  weitere  Schritte  täten  ®).  Dieses 
Verhör  haben  die  Kommissare  am  22.  Mai  vorgenommen.  Die 
Gesandten  Herzog  Heinrichs  appellierten  darauf  an  den  Kaiser 
und  das  Kammergericht,  was  die  Kommissare  für  unzulässig  er- 
kläiteu*).  Auch  sonst  wurde  deu  beiden  protestantischen  Fürsten 
ihr  Vorgehen  durch  das  Verhalten  des  Herzogs  erleichtert.  Es 
fiel  ihm  z.  B.  gar  nicht  ein,  sich  in  bezug  auf  die  Goslarsche  Acht 
nach  den  Versprechungen,  die  Ferdinand  in  Speier  gegeben  hatte, 
zu  richten.  Auch  der  Kurfürst  war  demgegenüber  der  Meinung, 
daß  man  nun  „das  Hauptwerk“  vornehmen  müsse.  Er  empfahl  dem 
Vetter  Berufung  der  Kriegsräte  schon  auf  .\nfang  Juli  und  eine 
Zusammenkunft  zwischen  ihnen  selbst  am  18.  Juni,  um  die  letzten 
Verabredungen  zu  treften*).  Tatsächlich  finden  wir  den  Land- 
grafen am  18.  und  den  folgenden  Tagen  in  Weimar.  Sclion  vorher 
aber,  am  12.  Juni  antworteten  die  beiden  Fürsten  auf  Ferdinands 
Brief  vom  10.  Mai.  Sie  erklärten  hier,  daß  sie  sich  wegen  der 
Schmähungen  Herzog  Heinrichs  nicht  „im  AVinkel“  mit  ihm  vertragen 

1)  Ossa,  S.  15.  Langenn,  S.  38.  Der  Vertrag  ist  datiert  do.  n.  miseric. 
d“i  den  28.  [!]  April.  VVeim.  Arch.  Urk.  No.  1659,  Or.  .Akten  über  die  vorher- 
gehenden Verhandlungen  Reg.  H.  p.  711,  DD. 

2)  R^.  H.  p.  225,  No.  102  I,  Kopie. 

3)  Bericht  über  das  Zeugenverhör  vom  22.  Mai,  vom  Ldgf.  mit  Brief  vom 
29.  an  Kf.  gesandt,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161. 

4)  An  Ijdgf.  Juni  4,  Reg.  H.,  ebenda,  Konz.,  ür.  in  P.  A.  Sachsen,  Emesti- 
nische  Linie,  1542. 


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Bund  und  Reich : Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


325 


lassen  könnten,  sondern  seine  Untaten  ans  Licht  bringen  müßten. 
Doch  würden  sie  wegen  dieser  Schmähungen  noch  keinen  Krieg 
gegen  ihn  anfangen;  da  er  aber  trotz  des  kaiserlichen  Friedens 
noch  immer  die  Städte  Goslar  und  Braunschweig  bedränge,  nötige 
er  sie,  zu  deren  Verteidigung  aufzutreten ').  Noch  entschiedener 
sprachen  sie  das  in  einem  zweiten  Briefe  vom  25.  Juni  aus>),  be- 
gannen nun  auch  schon  energisch  mit  den  militärischen  Vorbe- 
reitungen. Alle  Kriegshauptleute  wurden  in  Weimai-  versammelt 
und  von  dort  ausgeschickt,  um  Volk  zu  werben®).  Der  Herzog 
von  Jülich  wurde  durch  Georg  v.  d.  Planitz  gebeten,  den  Ver- 
bündeten Eittmeister  zu  überlassen;  auch  Wilhelm  von  Nassau 
diente  als  Vermittler  zwischen  den  Fürsten  und  den  Militärs  <). 
Zum  Schutze  der  beiden  Städte  wurde  einstweilen  Bernhard  von 
Mila  mit  etlichen  Reitern  und  Knechten  abgefertigt®).  Durch 
Ausschreiben , die  an  protestantische  sowohl  wie  katholische 
Fürsten  versandt  wurden,  suchte  man  die  öffentliche  Meinung  auf 
seine  Seite  zu  bringen,  auch  irgendwelche  Unterstützung  des 
Herzogs  zu  hindern®).  Vor  allem  bestand  dabei  stets  das  Bestreben, 
das  braunschweigische  Unternehmen  als  eine  Buudessache  erscheinen 
zu  lassen.  So  erging  am  13.  Juni  eine  Aufforderung  an  die  ein- 
zelnen Bundesstände  zur  Unterstützung  der  bedrohten  Städte,  und 
die  Kriegsräte  wurden  auf  den  8.  Juli  nach  Eisenach  berufen,  ja 
von  Weimar  aus  sandten  die  Bundeshäupter  den  Amtmann  Johann 
Nordeck  nach  Straßburg,  um  gleich  den  ersten  Doppelmonat  zur 
Bundesanlage  zu  erheben  Gerade  bei  den  oberländischen  Städten 
war  allerdings  die  Neigung,  an  dem  Unternehmen  irgendwie  teil- 

1)  Reg.  H.  p.  225,  No.  102  I,  Kopie. 

2)  Ebeoda,  Kopie.  Ferdinand  machte  gelegentlich  der  Sendung  Wilhelms 
von  Schwarzenberg  am  30.  Juni  noch  einen  Versuch,  die  beiden  Fürsten  aus 
Rücksicht  auf  die  Türkengefahr  von  ihrem  Unternehmen  abzuhalten,  hatte  aber 
keinen  Erfolg  damit.  Reg.  H.  p.  463,  No.  163.  Antwort  des  Kf.  an  Schwarzen- 
berg vom  ir>.  Juli,  ebenda. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  10,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161,  Or.;  Ossa,  8.  19; 
Langenn,  8.  38 f.  Akten  in  Reg.  H.  p.  711  DD;  p.  723  FF. 

4)  Instruktion  des  Kf.  für  Planitz  Juni  22,  Reg.  C.  No.  875,  Bl.  4 — 12,  Or.; 
Heidrich,  S.  68.  Planitz  an  Kf.  Juni  25,  Reg.  C.  No.  875,  Bl.  18 — 26;  Below, 
I,  S.  412. 

5)  P.  C.  ril,  268  f. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  13,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161,  Or.,  undatierter  Zettel 
[ca.  Juli],  Reg.  H.  p.  348,  No.  136,  Or. 

7)  P.  C.  III,  269,  3. 


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326 


Kapitel  III. 


zunehmen , sehr  geling.  Besonders  auf  einem  Städtetage  Ln 
Ulm  trat  diese  Abneigung  zutage,  doch  zahlte  man  schließlich 
28000  11.  Unterstützung  und  beschickte  wenigstens  zum  Teil  auch 
die  Bundesvei’sammlungen,  die  wegen  der  braunschweigischen 
Sache  noch  stattfanden*). 

Zunächst  handelte  es  sich  da  um  die  auf  den  8.  Juli  angesetzte 
Versammlung  der  Kiiegsräte.  Eigentlich  hätte  hier  erst  über  die 
Ausführung  oder  Nichtsausführung  des  Unternehmens  Beschluß  ge- 
faßt werden  müssen.  Es  erschienen  aber  so  wenige  Kriegsräte,  daß 
an  eine  Beschlußfassung  überhaupt  nicht  zu  denken  war,  auch  hatten 
der  Kurfürst  und  der  Landgraf  nicht  die  Absicht,  die  Ausführung 
noch  von  einer  solchen  abhängig  zu  machen.  Es  handelte  sich  nicht 
mehr  um  das  Ob,  nur  noch  um  das  Wie*).  Die  beiden  Fürsten 
trafen  hier  die  letzten  militärischen  und  politischen  Vorbereitungen*); 
als  Termin  des  Auszuges  wurde  der  22.  Juli  festgesetzt,  am  13.  er- 
ging der  Fehdebrief  an  den  Herzog,  am  17.  wurde  eine  ausführliche 
Rechtfertigung  des  Zuges  versandt*).  .Auch  den  anderen  Bundes- 
ständen machte  man  am  14.  Juli  von  dem  bevorstehenden  Beginn  des 
Zuges  einfach  Mitteilung,  verlangte  Erlegung  des  zweiten  Doppel- 
mouats  und  berief  sie  auf  den  20.  .August  zu  einer  Beratung  nach 
Güttingen*).  Diesen  Beschlüssen  haben  sich  dann  später  auch  die 
Kriegsräte  angeschlossen.  Zugleich  in  ihrem  Namen  erging  am 
5.  August  eine  zweite  Einladung.  Erneut  wurde  hier  um  die  Er- 
legung des  zweiten  Doppelmonats  gebeten,  auch  bemühten  sich  die 
Fürsten,  ihr  schnelles  Vorgehen  zu  rechtfertigen®).  Die  ober- 
deutschen Städte  haben  darauf  wieder  einen  Städtetag  in  Ulm  ab- 
gehalten, aber  nur  die  zweite  Hälfte  des  ersten  Doppelmonats  ge- 
schickt, da  sie  den  zweiten  selbst  zu  brauchen  behaupteten.  Der 
Göttinger  Tag  wurde  wenigstens  durch  Straßburg  beschickt,  das 
zwar  auch  möglichst  billig  davonzukommen  suchte,  aber  doch 

1)  P.  C.  III,  275.  277  f. 

2)  Ossa,  S.  21/22.  Lena,  II,  8,  97,  2. 

3)  Akten  darüber  P.  A.  No.  618.  619;  Reg.  H.  p.  711  DD.  Von  Wichtig- 
keit die  Vergleichung  zwischen  den  beiden  Fürsten  über  die  Führung  im  Kriege 
(Hortleder,  I,  2,  8.  773  tf.).  Die  Ankunft  der  Kriegsräte  erwartete  man  nicht. 
Den  Kf.  finden  wir  auch  mit  Verhandlungen  mit  seinen  Landständen  beschäftigt. 
Diese  hatten  z.  B.  Bedenken  dagegen,  daß  er  persönlich  mitziehen  wollte.  Reg.  H. 
p.  723  FF. 

4)  Hortleder,  I,  2,  8.  777 ff.  792ff. 

5)  P.  C.  III,  283  f. 

6)  Ebenda  290  f. 


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Bund  und  Kuicb:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


327 


auch  die  Fürsten  nicht  ganz  im  Stich  lassen  wollte').  Die  Ver- 
sammlung ist  dann  später  nach  Braunschweig  verlegt  worden.  Als 
sie  stattfand,  war  das  Unteniehmen  schon  im  wesentlichen  beendet. 
Der  Feldzug  hatte  sich  ja  als  außerordentlich  leicht  erwiesen.  Der 
Kurfürst  nahm  selbst  teil,  brachte  13  Fähnlein  ober-  und  nieder- 
ländischer Knechte  und  2000  Reiter  mit*).  Er  soll  auch  gute 
Mannszucht  gehalten  haben,  überhaupt  wird  die  Haltung  der  pro- 
testantischen Truppen  von  manchen  Seiten  gerühmt*).  Die  mili- 
tärische Aktion  bestand  in  erster  Linie  in  Festungsbelagerungen. 
Bei  der  von  Wolfenbüttel,  der  Hauptaufgabe,  soll  der  Kurfürst 
nach  Liedern,  die  in  jener  Zeit  entstanden,  persönlich  Anteil  ge- 
nommen und  sich  durch  seine  Kaltblütigkeit,  aber  auch  Versöhnlich- 
keit Verdienste  erworben  haben').  Sowie  auch  nur  ein  Teil  des 
Landes  besetzt  war,  begann  er  mit  der  Einführung  der  Reformation  *). 

Da  die  Verbündeten  für  das  Unternehmen,  das  so  geringe 
Schwierigkeiten  bot,  verhältnismäßig  große  Truppenmassen  auf- 
geboten  hatten,  entstanden  vielfach  Befürchtungen,  daß  sie  weitere 
Pläne  hätten,  daß  etwa  der  Kurfürst  auch  gleich  an  Albrecht 
von  Mainz  sein  Mütchen  kühlen  wolle*).  Tatsächlich  hatte  Johann 
Friedrich  ja  früher  solche  Pläne  gehabt,  damals  scheint  er  aber 
doch  gegen  eine  Fortsetzung  des  Krieges  gewesen  zu  sein’).  Und 
besonders  als  dann  die  Aktion  des  Reichstages  einsetzte,  wurde 
eine  solche  ganz  unmöglich. 

Es  war  begi’eiflich,  daß  der  erste  kriegerische  Zusammenstoß 
zwischen  führenden  Angehörigen  der  beiden  Religionsparteien  im 
Reiche  ein  gewaltiges  Aufsehen  hervorrief  und  die  mannigfaltigsten 
Befürchtungen  erweckte.  Noch  stand  man  mitten  im  Türkenkriege, 
und  auch  das  Zusammenfallen  des  braunschweigischen  Unter- 
nehmens mit  dem  Reichstag  widersprach  allen  Traditionen.  Selbst- 
verständlich suchte  der  Herzog  den  Vorgang  aufs  ki’äftigste  gegen 
seine  Gegner  auszunutzeu,  während  andererseits  auch  diese  ihr 

D P.  C.  m,  289  f.  291.  294  f. 

2)  Schertlin,  S.22f.  lieber  den  Krieg  vergl.  Heinemann,  II,  g.360ff. 

3)  Duller,  8.40;  Koldewey,  ZHVNieders.,  1868,  8.  298,  weniger  gfinetig 
Koldewey,  8.  57. 

4)  Liliencron,  IV,  8.  193. 

5)  Koldewey,  ZHVNiedcrs.,  1868,  8.  258f.  287.  Heinemann,  U, 
8.  364  ff.  Akten  in  Reg.  H.  p.  408,  No.  152. 

6)  M.  P.  C.  I,  468,  1.  Bt.  P.  IX  (1849),  98  ff. 

7)  Mel.  an  Camerarius  Aug.  21,  C.  R.  IV,  856. 


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328 


Kapitel  III. 


möglichstes  taten,  um  die  Notwendigkeit  ihres  Unternehmens  nach- 
zuweisen und  den  Reichsständen  jede  Furcht  davor,  daß  sie  weitere 
Pläne  hätten,  zu  nehmen.  Wie  die  Lage  damals  war,  war  nun 
aber  auch  für  den  König  und  die  Stände  irgend  ein  scharfes  Auf- 
ti'eten  gegen  die  Schmalkaldener  unmöglich.  Man  mußte  jeden 
Konflikt  mit  diesen  zu  vermeiden  suchen,  und  da  bot  sich  denn 
eine  Gesandtschaft  an  die  Kriegführenden  und  eine  Vermittlung 
als  der  geeignetste  Ausweg.  Unmittelbar  nach  der  am  21.  Juli 
erfolgten  Eröffnung  des  Reichstages,  schon  am  23.  Juli,  wurde  die 
Gesandtschaft  an  den  Kurfürsten  und  den  Landgrafen  beschlossen, 
ihre  Abreise  verzögerte  sich  aber  bis  zum  Ende  des  Monats.  Aus 
Graf  Niklas  von  Salm,  Friedrich  von  Fürstenberg  und  Dr.  Vogt 
setzte  sie  sich  zusammen,  am  5.  August  richtete  sie  ihre  Werbung 
bei  den  kriegführenden  Fürsten  aus,  doch  wagte  sie  nicht  in  vollem 
Maße  von  ihren  Aufträgen  Gebrauch  zu  machen,  hielt  es  auch  für 
besser,  die  scharfen  Mandate,  die  ihr  mitgegeben  waren,  gar  nicht 
zu  überreichen,  da  der  Krieg  bei  ihrem  Eintreffen  schon  fast  be- 
endet war  und  sie  sich  davon  überzeugte,  daß  die  Fürsten  sonst 
niemand  Schaden  zu  tun  beabsichtigten.  In  Nürnberg  hat  man 
sich  dann  auch  mit  ihrem  Verfahren  einverstanden  erklärt*). 

Auf  dem  Reichstag  selbst  waren  trotz  der  Sendung  der  Ge- 
sandtschaft die  Verhandlungen  über  die  braunschweigische  Sache 
weitergegangen.  Die  kursächsischen  Abgeordneten  verteilten  auf 
Befehl  ihres  Herrn  das  Ausschreiben  gegen  den  Herzog  und  glaubten 
eine  günstige  Wirkung  davon  wahrzunehmen*).  Aber  auch  Hein- 
rich wai-  nicht  untätig,  sein  Kanzler  übergab  am  6.  August  eine 
schriftliche  Instruktion,  Eberhard  v.  d.  Thann  antwortete  jedoch 

1)  Die  Räte  an  Kf.  Juli  23,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107  I,  Bl.  57  f.,  Konz.  Kf. 
an  die  Räte  Aug.  5,  ebenda  Bl.  180 — 183,  Or.  Thann  und  Minckwitz  an  Kf. 
Aug.  5,  R^.  H.  p.  421,  No.  154,  II,  Or.,  ebenda  „ungefährlicher  Inhalt  des 
Berichts,  den  die  Gesandten  aus  dem  Lager  dem  Rt.  sandten“;  P.  C.  III,  290 f. 
294.  Kf.  an  Brück  Aug.  13.  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  II,  Or.  Nach  ihrer  In- 
struktion sollten  die  Gesandten  erklären,  daß  das  Unternehmen  die  Türkenhilfe 
hemme  und  Aufruhr  und  Empörung  im  Reich  errege,  dafi  es  dem  Landfrieden, 
dem  Regensburger  Abschied  und  allen  Reichsordnungen  zuwider  sei.  Sie  sollten 
dann  gütliche  Beilegung  des  Streites  versuchen  und,  wenn  alle  Bemühungen  in 
dieser  Einsicht  vergeblich  seien,  die  Mandate  verteilen.  Alles  das  kam  nicht  zur 
Ausführung.  Die  Räte  an  Kf.  Aug.  20,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  Bl.  241.  Vergl. 
auch  Seckendorf,  III,  8.  386 f.  Ossa,  S.  24 f. 

2)  Instruktion  des  Kf.  für  seine  Räte  Juli  24,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107  I, 
BL  73—87,  Or.  Thann  und  Minkwitz  an  Kf.  Aug.  1,  ebenda  p.  51a,  No.  101,  II. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  329 

sofort  unter  Wiederholung  des  sächsisch-hessischen  Ausschreibens. 
Die  Stände  beschlossen,  die  Sache  zu  überlegen,  auch  die  Einungs- 
verwandten unter  sich  berieten  am  7.  August  darüber,  schoben 
aber  Sachsen  und  Hessen  die  Verantwortung  zu.  Diese  ist  am 
12.  August  fertig  geworden  und  zugleich  im  Namen  der  anderen 
Buudesstände  überreicht  worden,  natürlich  wurde  das  Unternehmen 
darin  als  eine  Handlung  der  Notwehr  zur  Rettung  Goslars  und 
Braunschweigs  dargestellt  *). 

Durch  die  Reichstagsgesandtschaft  an  sie  wurden  der  Kur- 
fürst und  der  Landgraf  veranlaßt,  ihren  Vertretern  in  Nürnberg 
neue  Befehle  in  der  braunschweigischen  Sache  zu  erteilen.  Auch 
hier  wurde  betont,  daß  das  Unternehmen  eine  durchaus  recht- 
mäßige Defension  gewesen  sei.  Die  Fürsten  erklärten  sich  ferner 
bereit,  sich  zu  verantworten,  auch  ihre  Rüstungen  zergehen  zu 
lassen,  wenn  sie  vom  König,  den  kaiserlichen  Kommissaren  und 
den  Reichsständen  eine  Versicherung  erhielten,  daß  niemand  sich 
des  Herzogs  von  Braunschweig  annehmen  werde.  Erlangten  sie 
keinen  beständigen  Flieden,  sondern  müßten  sie  befürchten,  daß 
jemand  für  den  Braunschweiger  eintrete,  so  würden  sie  sich  zur 
Wehr  setzen  *).  Die  Gesandten  führten  diesen  Befehl  am  19.  August 
aus,  erhielten  zunächst  aber  keine  .Antwort®).  Inzwischen  ließ  der 
Herzog  eine  neue  Eingabe  gegen  seine  beiden  Gegner  überreichen, 
in  der  er  jede  Feindseligkeit  nach  dem  Regensburger  Abschied 
leugnete,  auch  behauptete,  nicht  gerüstet  zu  habeu.  Die  Vertreter 
Hessens  und  Sachsens  bemühten  sich  in  ihrer  Replik,  das  Gegen- 
teil zu  beweisen  ♦).  Erst  am  24.  erhielten  sie  dann  eine  .Antwort 
auf  ihre  neue  Forderung,  bestehend  in  einer  mündlichen  Friedens- 
versicherung. Auf  weiteres  Anhalten  erklärten  sich  der  König  und 
die  kaiserlichen  Kommissare  auch  zu  einer  schriftlichen  Assekuration 
bereit,  während  die  Stände  keinen  Befehl  dazu  zu  haben  erklärten. 
Die  Gesandten  und  ebenso  ihre  Herren  mußten  sich  schließlich 
damit  zufrieden  geben  ®). 

1)  Die  ües.  an  den  Kf.  Aug.  7,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  Bl.  199-203,  Or., 
Ang.  12,  Bl.  218-225,  Kopie.  P.  C.  III,  296«. 

2)  Aug.  14,  Instruktion  für  die  sächsischen  und  hessischen  Räte,  Reg.  H. 
p.  421,  No.  154  II,  Konz,  und  Or. 

3)  Die  Ges.  an  Kf.  Aug.  20,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  Bl.  241;  P.  C.  III,  306. 

4)  Beide  Stücke  in  Reg.  II.  p.  421,  No.  154  II. 

5)  Hortleder,  I,  2,  S.  806;  P.  C.  III,  307.  Die  Räte  an  Kf.  und  Ldgf. 
Aug.  24.  25,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  Bl.  255—258.  264/265 ; an  Kf.  allein  Aug.  24, 


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330 


Kapitel  III. 


Auf  den  Gang  der  übrigen  Reiclistagsverhandlungen  ist  die 
braunschweigische  Sache  höchstens  insofern  von  Einfluß  gewesen, 
als  der  Kurfürst  hier  und  da  Neigung  zu  größerem  Entgegenkommen 
in  der  Frage  der  Türkenhilfe  zeigte,  um  sidi  nicht  den  Vorwurf 
zuzuziehen,  daß  der  braunschweigische  Feldzug  diese  hemme. 

Ferdinand  hatte  auch  schon  durch  Schwai-zenberg  über  die 
Mangelhaftigkeit  der  Türkenhilfe  klagen  und  den  Kurfürsten  eben 
deswegen  dringend  bitten  lassen,  den  Reichstag  persönlich  zu  be- 
suchen. Daran  war  nun  natürlich  nicht  zu  denken.  Ausführlicher 
hat  dann  der  König  in  seiner  Proposition  die  Notwendigkeit  einer 
Fortsetzung  der  Expedition  und  weiteren  Unterhaltung  des  Kriegs- 
volks darlegen  lassen.  Er  selbst  hatte  schon  30000  fl.  vorgeschossen 
und  bat,  daß  man  schleunigst  das  Geld  für  die  weitere  Unterhaltung 
der  Armee  aufbringe.  Ferner  müsse  man  über  einen  neuen  „ge- 
waltigen“ Zuzug  reden,  da  ein  großer  Angriff  des  Sultans  drohen 
solle,  endlich  von  der  Unterhaltung  des  Winterlagers'). 

Gegenüber  diesen  neuen  Forderungen  haben  die  sächsischen 
Gesandten  zunächst,  da  sie  ihre  Insti  uktion  noch  nicht  hatten,  eine 
hinhaltende  Politik  verfolgt ; auch  als  jene  eingetioft'en  war,  war  es 
aber  für  sie  unmöglich,  dem  Beschluß  der  übrigen  Stände  vom 
2.  August*),  der  auf  die  Bewilligung  der  Hälfte  der  vorigen  Hilfe 
hiuauslief,  zuzustimmen,  da  sie  nichts  bewilligen  durften  ohne  die 
Genehmigung  des  Kurfürsten®).  Dessen  Entscheidung  fiel  dann 
gegen  eine  neue  Bewilligung  aus,  dagegen  erboten  sich  Sachsen 
und  Hessen,  ihr  nach  der  Beendigung  des  braunschweigischen 
Kiieges  frei  werdendes  Kriegsvolk  auf  Reichskosten  gegen  die 
Türken  zu  schicken,  wenn  sie  wegen  der  braunschweigischen  Ex- 
jtedition  unangefochten  blieben').  Die  Reichsversammlung  lehnte 
dies  .\nerbieten  zwar  ab,  überließ  es  aber  den  einzelnen  Kreisen, 
davon  Gebrauch  zu  machen®).  Doch  ist  auch  das  schließlich  nicht 

ebenda  Bl.  2G1— 263,  Or.  Kf.  und  Ldgf.  an  die  Räte  Aug.  29,  ebenda  Bl.  253 
—2.54,  Or. 

1)  Die  Propoeition  vom  24.  Juli  in  Reg.  E.  p.  52,  No.  107  I,  BL  118—130. 
Vergl.  Traut,  S.  62. 

2)  Traut,  S.  62f.  P.  C.  Ill,  292.  Die  Städte  nahmen  nicht  an  dem  Be- 
echluQ  teil,  befanden  sich  überhaupt  während  des  ganzen  Reichstages  in  Opposition. 

3)  Die  Gesandten  an  den  Kf.  Aug.  2,  R^.  E.  a.  a.  O.  Bl.  166,  Or.  j P.  C.  HI, 
293.  Traut,  S.  64. 

4)  Kf.  an  die  Räte  Aug.  5,  Reg.  E.  a.  a.  0.  Bl.  180 — 183,  Or.;  P.  C.  lU,  297. 

5)  P.  C.  lll,  299,  1.  Ges.  an  Kf.  Aug.  17,  Rt«.  E.  a.  a.  O.  Bl.  333. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


331 


geschehen  *).  Dieses  Anerbieten  konnte  natürlich  aber  nicht  als 
Ersatz  für  die  Türkenhilfe  gelten.  Hier  war  der  Standpunkt  des 
Kurfürsten  der,  daß  das  an  der  vorigen  Hilfe  Fehlende,  also  auch 
die  vom  König  vorgeschossenen  30000  fl.,  von  denen  bezahlt  werden 
müßten,  die  im  Rückstände  seien.  Der  neue  gewaltige  Zuzug 
durfte  seiner  Meinung  nach  nicht  den  Xächstgesessenen  aufgebürdet 
wei  den.  Ein  praktischer  Weg  schien  ihm  eben  in  der  Uebernahme 
der  sächsisch-hessischen  Truppen  zu  liegen“). 

Auf  dem  Reichstage  gewann  nun  aber  gerade  der  Gedanke, 
daß  die  nächstgelegenen  Kreise  den  Zuzug  leisten  müßten,  Boden  *). 
Jedenfalls  stimmte  Sachsen  mit  dem  Beschluß,  der  schließlich  in 
den  Reicbsabschied  kam,  durchaus  nicht  überein  und  protestierte 
zusammen  mit  Trier,  Hessen  und  allen  Städten  gegen  die  neue 
Anlage  <). 

-■Vußer  den  Beschlüssen  in  der  braunschweigischen  Angelegen- 
heit und  in  der  Frage  der  Türkenhilfe  hat  der  Nürnberger 
Reichstag  kaum  irgend  etwas  zustande  gebracht  Der  König 
hatte  von  vornherein  die  Erledigung  der  anderen  Angelegenheiten, 
wie  der  Verringerung  der  Anschläge,  gleichmäßiger  Münze,  Besse- 
rung, Reformation  und  Ordnung  guter  Polizei,  überhaupt  das,  was 
durch  den  Speierer  Reichstag  nach  Nürnberg  verwiesen  war, 
hinter  die  Erledigung  der  Türkenhilfsfrage  verlegt.  Die  Städte 
legten  nun  aber  gerade  auf  die  Erneuerung  der  Anschläge  den 
höchsten  Wert  und  wurden  dadurch  zur  Opposition  getrieben.  Dem 
Kurfürsten  andererseits  kam  es  vor  allem  auf  die  Reformation  und 
Visitation  des  Kammergerichts  an.  In  seiner  Instruktion  hob  er 
hervor,  daß  man  diese  Sache  benutzen  müsse,  um  eine  Verhandlung 
nach  Religionsparteien  und  nicht  nach  Kollegien  zu  bewirken,  ein 
Wunsch,  den  die  Gesandten  nicht  ausfüliren  konnten.  Er  wünschte 
ferner,  daß  die  Protestanten  in  dieser  Frage  eine  gemeinsame 
Politik  verfolgten.  Er  glaubte  überhaupt,  daß  man  sich  die  Nicht- 
reformation des  Kammergerichts  möglichst  zu  nutze  machen  solle, 
man  könne  nun  den  Speierer  Abschied  als  aufgehoben  betrachten, 
könne  unerwünschte  Beschlüsse  ablehnen  etc.  Der  Kurfürst  wai- 

1)  Kf.  und  Ldgf.  an  ihre  Räte  Aug.  29,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  BL  253,254,  Or. 

2)  Brief  an  seine  Räte  vom  5.  Aug. 

3)  Die  Räte  an  Kf.  Aug.  17,  ebenda  BL  333. 

4)  Bericht  Thanns  über  den  RL,  dem  Kf.  am  22.  Okt.  übersandt.  Reg.  K. 
a.  a.  ü.  BL  339-340. 


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332 


Kapitel  III. 


nicht  dafür,  daß  man  sich  auf  einen  neuen  Visitationstag  einlasse, 
ebensowenig  aber  billigte  er  die  Vornahme  der  Reformation  in 
Nürnberg.  Sein  Gedanke  war,  daß  man  protestantischerseits  über 
die  Rekusation  beraten,  wenn  auch  noch  nicht  Beschluß  fassen 
müsse  ‘). 

Tatsächlich  ist  es  nun  in  Nürnberg  nur  unter  den  Protestanten 
für  sich  zu  Besprechungen  über  das  Kammergericht  gekommen. 
Man  beschloß  von  neuem,  nichts  mehr  für  das  Gericht  zu  leisten. 
Würde  dann  der  kaiserliche  Fiskal  Prozesse  gegen  einzelne 
Stände  deswegen  vornehmen,  so  sollten  diese  auf  Grund  der  könig- 
lichen Urkunde  und  der  anderen  bisherigen  Handlungen  Einrede 
(Exzeption)  erheben.  Würde  diese  vom  Kammergericht  nicht  aner- 
kannt, so  sollten  die  Betreffenden  die  Rekusation  vornehmen. 
Sachsen  und  Hessen  sollten  für  Exzeption  und  Rekusation  gleich- 
förmige Formeln  festst eUen  lassen  und  einen  ihrer  Gelehrten  da- 
mit nach  Speier  schicken,  damit  sich  die  betreffenden  Stände  bei 
ihm  unterrichten  könnten.  Ueber  die  Rekusation  in  allen  Sachen 
wurde  ein  Beschluß  noch  aufgeschoben,  Sachsen  und  Hessen  wurden 
beauftragt,  noch  vor  dem  Nürnberger  Tage  einen  Tag  anzusetzen, 
um  diese  Sache  endlich  zu  erledigen.  .\uf  diesem  Tage  sollten  sie 
entweder  beide  oder  einer  von  ihnen  persönlich  erscheinen  oder 
ihre  trefflichsten  Räte  schicken*). 

In  Bundesangelegenheiten  ist  sonst  offenbar  nichts  beschlossen 
worden,  der  Tag  zu  Braunschweig  stand  ja  vor  der  Tür.  Versuche 
Ferdinands,  die  Städte  von  den  Fürsten  zu  trennen,  mißglückten  ®). 

Nicht  von  der  Stelle  kam  in  Nürnberg  die  Wahlsache.  Die 
im  Januar  verabredete  Verhandlung  hatte  ja  hier  stattfinden  sollen. 
Noch  am  11.  Juni  ließ  der  König  dem  Kurfürsten  mitteilen,  daß 
man  die  Sache  werde  verschieben  müssen,  da  er  und  Hofmann  nicht 
kommen  könnten.  Am  .30.  änderte  er  aber  seine  .Absichten  und  ließ 
nun  durch  Schwarzenberg  den  Kurfürsten  dringend  auffordern,  zu 
kommen,  da  er,  Hofmann  und  Naves  zugegen  sein  würden*).  Ein 

1)  Nach  der  Inetruktion  vom  24.  Juli. 

2)  P.  C.  III,  8.  309,  No.  296,  Aug.  27.  Der  Beschluß  wohl  in  Reg.  H. 
p.  421,  No.  154  II,  falls  nicht  nach  8]>cier  in  den  Juni  gehörig. 

3)  Die  Ges.  an  Kf.  Aug.  12,  Reg.  E.  p.  52,  No.  107,  Bl.  218—225;  P.  C. 
III,  300  ff. 

4)  Instruktion  des  Königs  für  Schwarzenberg  vom  2.  Juni,  Reg.  H.  p.  403, 
No.  151  A.  II.  Hofmann  an  Kf.,  Loc.  10674  „zweites  Buch,  Handlung  zwischen  . . .* 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  33.3 

Kommen  Johann  Friediichs  war  natürlich  damals  unmöglich,  er 
erbot  sich  aber,  eine  stattliche,  genügend  instruierte  Gesandtschaft 
zu  schicken.  Dazu  wurde  es  daun  aber  doch  zu  spät,  da  Ferdinand 
sich  nicht  lange  in  Nürnberg  aufh.alten  wollte.  Der  König  versprach 
aber,  die  Handlung  noch  vor  Ausgang  des  bewilligten  Anstandes 
zur  Vergleichung  zu  biingen.  Erst  auf  dem  zweiten  Nürnberger 
Reichstag  ist  es  wieder  zu  ernstlichen  Verhandlungen  gekommen.  — 
Die  Zeit  bis  zu  diesem  steht  vor  allem  noch  unter  dem 
Einfluß  der  Braunschweiger  Unternehmung  und  des  Verhältnisses 
der  Protestanten  zum  Kammergericht.  Ja,  beides  trat  in  engste 
Verbindung  miteinander,  da  das  Gericht  sich  an  die  vom  König 
gewährte  hYiedensassekuration  nicht  kehrte  und  sowohl  gegen  den 
Kuifürtten  wie  gegen  den  Landgrafen  vorzugehen  wagte  *).  Für 
diese  kam  es  jetzt  darauf  an,  zu  bewirken,  daß  die  übrigen  Bundes- 
stäude  in  der  braunschweigischen  Sache  mit  ihnen  zusammen- 
hielten und  ferner  Beschlüsse  über  das  künftige  Geschick  des  er- 
oberten Landes  zu  fassen.  Beiden  Aufgaben  war  schon  der 
Braunschweiger  Bundestag  im  August  und  September  gewidmet. 
Es  gelang  hier,  die  anwesenden  Bundesstände  dahin  zu  bringen, 
daß  sie  sich  mit  dem  Verfahren  der  Hauptleute  einverstanden  er- 
klärten, auch  den  zweiten  Doppelmonat  bewilligten.  Sie  waren 
bereit,  die  Sache  als  Bundessache  zu  betrachten,  sie  auch  gegen- 
über Kaiser,  König,  Kammergericht  u.  s.  w.  gemeinsam  mit  den 
beiden  Fürsten  zu  vertreten.  Dagegen  gelang  es  nicht,  auch  über 
die  künftigen  Schicksale  des  Landes  eine  gemeinsame  Beschluß- 
fassung zu  erzielen,  da  die  meisten  Stände  darüber  nicht  instruiert 
waren.  .\uf  einem  neuen  Bundestage,  der  kurz  vor  dem  Reichs- 
tage in  Nürnberg  stattfinden  sollte,  sollte  darüber  beraten  werden, 
einstweilen  überließ  man  diese  Dinge  den  Hauptleuten  und  Kriegs- 
räten. Auch  über  die  Erstattung  der  Kosten  des  Braunschweiger 
Zuges,  um  die  die  Hauptleute  dringend  baten,  da  sie  sich  ganz 


Or.  Instruktion  des  Königs  für  Schwarzenberg  Juni  30,  Reg.  H.  p.  463,  Ko.  163. 
Antwort  des  Kf.  vom  15.  Juli,  ebenda.  Kf.  an  Ferd.  Juli  21,  Reg.  E.  p.  52, 
Ko.  107  I,  Bl.  54/55.  Ferd.  an  Kf.  Juli  27,  Loc.  10674  a.  a.  O.,  Or. 

1)  Kf.  an  Brück  Sept.  11,  Loc.  9655  ,Des  Kfen.  zu  Sachsen  . . .“,  Bl.  11. 
lidgf.  an  Kf.  Okt.  6,  Reg.  H.  p.  456,  No.  162,  Or.  Das  Mandat  des  Kammer- 
gerichts an  den  Kf.  vom  13.  Sept.  wurde  diesem  am  5.  Okt.  übergeben,  der  Kf. 
ließ  am  7.  Okt.  feierlichst  dagegen  protestieren.  Nolariatsinstrument  darüber 
Weim.  Arch.  ürk.  No.  1668.  Or.  des  Mandats  in  Reg.  H.  p.  797  VV. 


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334 


Kapitel  III. 


von  Mitteln  entblößt  hätten,  war  ein  Beschluß  noch  nicht  möglich. 
Man  beschloß  wohl,  daß  jeder  Stand  sich  einstweilen  mit  dem 
dritten  Doppelmonat  gefaßt  machen  und  Vorbereitungen  für  den 
4.-6.  treffen  solle,  wegen  der  Kosten  des  Zuges  aber  wollte  man 
erst  auf  dem  nächsten  Tage  die  Rechnung  hören,  einstweilen  sollten 
Abschriften  davon  nach  Frankfuil  und  Braunschweig  geschickt 
werden,  damit  sich  die  einzelnen  Stände  dort  darüber  unterrichten 
könnten  ‘). 

Tatsächlich  sind  ja  dann  in  diesen  Braunschweiger  Tagen  schon 
eine  ganze  Reihe  von  Schritten  geschehen,  die  das  künftige  Ge- 
schick des  gewonnenen  Gebietes  betrafen:  die  Landstände  wurden 
berufen,  ihre  Huldigung  wurde  entgegengenommen*),  Statthalter 
und  Räte,  die  die  Venvaltung  des  Landes  einstweilen  führen  sollten, 
wurden  vereidigt.  Ueberhaupt  richteten  der  Kurfürst  und  der 
I.,andgraf  eine  provisorische  Regierung  im  Lande  ein®),  dessen 
üeberführung  zur  Reformation  wurde  damit  verbunden ‘).  Mit  dem 
Stift  sowohl  wie  der  Stadt  Hildesheim  trat  man  in  Verbindung, 
und  die  letztere  schloß  sich  nach  längeren  Verhandlungen  dem 
Bunde  an®). 

Mit  Hilfe  der  in  Wolfenbüttel  erbeuteten  .\kten  bereitete  man 
sich  auf  die  öffentliche  Rechtfertigung  des  ganzen  Unternehmens 
vor 

Besondei-s  für  die  Vertretung  nach  außen  hin  wäre  es  sehr 
wertvoll  gewesen,  wenn  in  der  braunschweigischen  Sache  volle 
Einigkeit  unter  den  Verbündeten  geherrscht  hätte.  Sie  war  aber 
schon  vor  dem  Unternehmen  nicht  groß  und  wurde  in  der  nächsten 
Zeit  immer  geringer.  Wenn  wir  von  dem  völligen  Beiseitestehen 


1)  Proposition  auf  dem  Braunschweiger  Tage  Aug.  26,  Eeg.  H.  p.  4CiS, 
Xo.  152;  P.  C.  III,  313.  Antwort  der  Stände  Aug.  27,  P.  C.  III,  313.  Dort  auch 
einiges  über  die  weiteren  Beratungen  und  den  Abschied  vom  12.  Sept.,  Reg.  H. 
p.  408,  No.  152,  1 (Urk.  No.  1626),  Or.  Räte  zu  Braunschweig  an  Kf.  Sept.  7, 
Reg.  H.  a.  a.  0.,  Or.  Protokoll  über  Verhandlungen  vom  11.  Sept,  ebenda. 

2)  Koldewey,  ZHVNieders.,  1868,  259f.  Ossa,  S.  26. 

3)  P.  C.  III,  314.  Koldewey,  S.  .55ff.  und  ZHVNieders.,  1868,  250f. 

4l  Vergl.  die  Briefe  ßngenhagens  Vogt,  38,  241  ff.  249 ff. 

5)  Bischof  V.  Hildesheim  an  Kf.  Aug.  18,  Reg.  H.  p.  434,  No.  155,  Or. 
Ossa,  S.  26.  Langenn,  8.  41.  P.  C.  III,  313.  Vogt,  38,  239.  241ff.  Lenz, 
II,  S.  93  f. 

6)  Ueber  die  Verteilung  der  Akten  kam  am  17.  Sept  ein  Vertrag  zwischen 
Burchard  und  Aitinger  zustande,  P.  A.  No.  631. 


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Hund  und  Reich:  Die  Jahre  der  L’neicherheit  1542 — 1546.  335 

des  Markgrafen  Hans  von  Küstrin  und  Ulrichs  von  Württemberg 
in  der  braunschweigischen  Sache  ganz  absehen,  so  zeigte  sich  die 
Meinungsverschiedenheit  zunächst  darin,  daß  gerade  die  Stände, 
die  sonst  am  bundestreue.sten  und  zahlungseifiügsten  gewe.sen  waren, 
die  oberländischen  Städte,  jetzt  die  Dinge  an  sich  herankommen 
ließen  und  selbst  den  zweiten  Doppelmonat  erst  auf  eine  Mahnung 
des  Landgrafen  hin  zahlten  ‘).  Es  war  gewiß  sehr  diplomatisch, 
wenn  dieser  empfahl,  daß  man  eine  besondere  Dankgesandtschaft 
an  die  oberländischen  Städte  schicken  solle;  der  Kurfürst  war 
aber  nicht  dafür  zu  haben  *). 

Dadurch,  daß  das  Kammergericht  gegen  die  am  braunschwei- 
gischen Kriege  Beteiligten  vorzugehen  begann,  wurde  es  erst  recht 
erwünscht,  daß  diese  zusammenhielten  und  eine  gemeinsame  Politik 
befolgten.  Es  war  Aufgabe  des  schon  in  Braunschweig  in  Aussicht 
genommenen  neuen  Bundestages,  der  schließlich  nach  Schweinfurt 
angesetzt  worden  war,  diese  Dinge  zu  regeln.  Der  Kurfürst 
wünschte,  daß  hier  verhandelt  würde  über  das  Geschick  des  braun- 
schweigischen Landes,  über  die  Bedingungen,  unter  denen  mau  es 
etwa  den  Söhnen  des  Herzogs  zuiückgeben  könne,  über  die  Er- 
setzung der  Kriegskosten  und  über  die  Rekusation  des  Kammer- 
gerichts ä).  Er  stand  dabei  schon  unter  dem  Einfluß  der  nach 
Beendigung  des  Feldzuges  wieder  aufgeuommenen  Vermittlungs- 
bestrebungen König  Ferdinands  und  der  Herzoge  von  Bayern  <). 
Nach  seiner  Instruktion  vom  2.  November  dachte  er  sich  das 
Schicksal  des  Landes  etwa  so,  daß  es  den  Söhnen  des  Herzogs 
gegeben  werde  unter  zwölfjähriger  Vormundschaft  Ulrichs  von 
Württemberg  und  Herzog  Ernsts  von  Lüneburg.  Dabei  sollte 
aber  dafür  gesorgt  werden,  daß  das  Land  bei  der  protestantischen 
Religion  bliebe.  Würden  die  Unterhändler,  d.  h.  Bayern  und  der 
König,  dafür  nicht  zu  haben  sein,  so  sollte  man  sich  eventuell  mit 
einer  Verpflichtung  der  Vormünder  begnügen,  die  als  solche  in 
die  Einung  aufgenommen  werden  sollten.  Der  Kurfürst  hoffte, 
daß  in  12  Jahren  das  Land  dann  ganz  evangelisch  sein  werde. 


1)  p.  c.  m,  3ia 

2)  Ldgf.  Bn  Kf.  öept.  10,  Reg.  H.  p.  452,  No.  161,  Or.  Antwort  des  Kf. 
undatierter  Zettel,  ebenda. 

3)  P.  C.  III,  319  und  Anm.  2.  Entwürfe  de»  Ausaehreibena  in  Reg.  H. 
p.  418,  No.  153. 

4)  Lenz,  III,  S.  234.  P.  A.  Bayern  1542. 


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336 


Kapitel  III. 


Zur  Entschädigung  für  die  Kriegskosten,  die  er  auf  eine  Million 
Gulden  berechnete,  sollten  Teile  des  Landes  den  Verbündeten  ver- 
pfändet werden. 

Alles  das  war  nun  aber  nur  für  den  Fall  gedacht,  daß  über- 
haupt eine  Einigung  zwischen  den  Verbündeten  und  den  Ver- 
mittlern erzielt  wurde.  Gelang  das  nicht,  so  empfahl  der  Kurfürst, 
die  jetzige  Art  der  Bestellung  des  Landes  bestehen  zu  lassen  und 
abzuwarten,  was  weiter  geschehe,  denn  weder  die  Ueberlassung 
des  Landes  an  einen  einzelnen  noch  seine  Teilung  erschien  ihm 
empfehlenswert. 

Nicht  besonders  großen  Wert  legte  Johann  Friedrich  auf  die 
Brechung  Wolfenbüttels.  Solange  man  das  Land  behielt,  schien 
sie  ihm  töricht,  aber  auch  für  den  Fall  der  Rückgabe  hielt  er  nicht 
für  ratsam,  die  Verhandlungen  an  dieser  Frage  scheitern  zu  lassen. 

Dem  Kammergericht  gegenüber  empfahl  der  Kurfürst  aufs  ent- 
schiedenste  die  Rekusation,  und  zwar  müßte  sie  bis  zum  17.  No- 
vember geschehen,  da  man  zu  diesem  Tilge  vorgeladen  sei.  Von 
Schweinfurt  aus  sollten  3 oder  4 Personen  mit  einem  Notar  des- 
wegen nach  Speier  geschickt  werden.  Eine  in  Brauuschweig  be- 
schlossene Sendung  an  den  Kaiser  empfahl  der  Kurfürst  bis  nach 
dem  Reichstag  aufzuschieben,  jedoch  einstweilen  immer  über  die 
Personen  dafür  zu  beraten  ^). 

Zu  Beschlüssen  ist  es  in  Schweinfurt  nur  über  die  Kammer- 
geriehtsrekusation  gekommen.  Das  war  ja  allerdings  auch  die 
dringlichste  Angelegenheit.  Da  ein  größerer  Entwurf  der  sächsischen 
Gelehrten  für  die  Rekusation  niclit  rechtzeitig  fertig  wurde,  konnte 
der  Kurfürst  seinen  Gesandten  nur  eine  kürzere  „Notel“  zusenden*). 
Er  beauftragte  sie  außerdem,  in  Schweinfurt  einen  einhelligen  Be- 
schluß zustande  zu  bringen,  damit  das  Gericht  auch  in  Profau- 
sachen  rekusiert  werde®).  Auf  dem  Bundestage  hat  man  dann 
aber  einen  milderen  hessischen  Entwurf  für  die  Rekusation  vor- 
gezogen, in  dem  die  braunschweigische  .Angelegenheit  nicht  aus- 
drücklich genannt  wurde  und  in  dem  man  außerdem  weniger  das 
Gericht  als  die  Personen  der  Richter,  solange  die  Reformation 

1)  Reg.  H.  p.  418,  No.  153,  Or. 

2)  Sie  bekamen  außerdem  ein  Bedenken  Dr.  Ossas  über  die  Rekusation  mit, 
dieser  war  aber  gegen  die  Rekusation  in  Profansachen. 

3)  Kf.  an  seine  Räte  Nov.  8,  R^.  H.  p.  418,  No.  153,  Or.  Das  Gutachten 
Ossas  mit  anderen  ähnlichen  Stücken  in  Reg.  H.  p.  498,  No.  170. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


337 


nicht  erfolgt  sei,  rekusierte,  diese  allerdings  in  allen  Sachen  ‘).  In 
dieser  Form  kam  die  Rekusatiou  am  4.  Dezember  zur  Ausführung. 
Daß  sie  vom  Kammergericht  vereorfen  wur-de,  wai-  zu  erwarten 
gewesen  *). 

Außer  über  die  Rekusation  ist  es  in  Schweinfurt  kaum  zu 
irgendwelchen  Verhandlungen  gekommen.  Die  Stände  wäien  wohl 
bereit  gewesen,  über  die  Rechnungen  des  braunschweigischen  Zuges 
zu  beraten,  aber  die  sächsischen  waren  zu  spät  nach  Frankfurt 
und  Braunschweig  geschickt  wurden,  so  daß  man  doch  für  besser 
hielt,  die  Verhandlung  auf  den  nächsten  Tag  zu  verschieben“). 
Eine  Zeitlang  hat  man  daran  gedacht,  auch  noch  einige  andere 
besonders  wichtige  Punkte  zu  erledigen , man  unterließ  das 
dann  aber  und  verschob  alles  auf  den  Nürnberger  Tag,  da  in 
Schweinfurt  eine  Senche  herrschte  und  infolge  der  Verschiebung 
des  Reichstages  manche  Sachen  weniger  dringend  schienen^).  Aus 
dem  Abschied  vom  15.  November“)  ist  nur  noch  hervorzuheben, 
daß  man  gegen  den  Widerspruch  der  sächsischen  Städte  daran  fest- 
hielt, daß  der  nächste  Bundestag  mit  dem  Nürnberger  Reichtag 
verbunden  werden  solle,  und  daß  noch  einmal  die  Erlegung  des 
dritten  Doppelmonats  beschlossen  wurde.  Gar  nicht  weiter  kam 
dagegen  die  braunschweigische  Suche,  und  auch  darüber,  wie  man 
sich  in  der  Frage  der  Türkenhilfe  verhalten  wolle,  ist  nichts  be- 
schlossen worden.  Johann  Friedrich  hatte  über  diesen  Punkt  seinen 
Räten  noch  am  15.  November  eine  ausführliche  Weisung  nach- 
gesandt. Er  kehrte  danach  jetzt  ganz  auf  seinen  alten  Stand- 
punkt zurück,  daß  man  die  Türkenhilfe  erst  nach  Bewilligung  der 
Forderungen  der  Protestanten  gewähren  dürfe.  Diese  bestanden  jetzt 
vor  aUem  in  dem  Verlangen  nach  Sicherung  gegen  jedes  Vorgehen 
des  Kammergerichts.  Auch  nach  Erfüllung  dieser  Forderungen  aber 
woUte  der  Kurfürst  die  Hilfe  nicht  bedingungslos  gewähren.  Man 

1)  Thann  und  Roeenecker  an  Kf.  Nov.  13,  Reg.  H.  p.  418,  No.  153,  Or.; 
P.  C.  m,  338. 

2)  Die  Rekusation  bei  Hortleder,  I,  2,  8. 1305 — 1311.  Bericht  Lauterbecks 
über  den  äufieren  Hergang  Dez.  15,  R^.  H.  p.  403,  No.  15 LA  II.  Ueber  die 
Antwort  dee  Gerichts  P.  C.  III,  338,  2. 

3)  P.  C.  III,  338  und  der  Abschied  vom  15.  Nov.,  Reg.  H.  p.  419,  No.  153,  1, 
Or.  (ürk.  No.  1627). 

4)  Thann  und  Rosen ecker  an  Kf.  Nov.  14,  R^.  H.  p.  418,  No.  153.  Das 
zugehörige  Verzeichnis  Reg.  H.  p.  408,  No.  152. 

5)  Vergl.  Anm.  3. 

Bcxträg«  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  22 


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338 


Kapitel  III. 


sollte  vielmehr  nach  seiner  Meinung  dafür  sorgen,  daß  sie  leidlich 
bliebe,  ferner  sollte  man  sich  bemühen,  jetzt  seine  Beschwerden 
gegen  den  Speierer  Abschied,  die  er  für  den  Zerbster  Tag  formuliert 
hatte,  zu  beseitigen,  denn  gerade  bei  dem  diesjährigen  Zuge  habe 
man  ja  wieder  sehr  traurige  Erfahrungen  gemacht.  Der  Kurfürst 
hielt  aber  für  nicht  unmöglich,  daß  man  den  Angriff  der  Türken 
nach  Sachsen  lenken  werde,  wenn  die  Protestanten  die  Hilfe  ver- 
weigerten, und  er  wünschte  daher,  daß  man  sich  die  Unterstützung 
der  anderen  Stände  für  einen  solchen  Fall  sichere*).  Die  kur- 
sächsischen Gesandten  haben  natürlich  keine  Gelegenheit  mehr  ge- 
habt, von  diesen  Befehlen  in  Schweinfurt  Gebrauch  zu  machen. 
Wir  werden  aber  sehen,  daß  Johann  Friedrich  sie  für  den  Nürn- 
berger Tag  zum  Teil  einfach  wiederholte. 

Infolge  des  schnellen  Abbruches  der  Schweinfurter  Tagfahrt 
ist  es  dort  auch  zu  Verhandlungen  über  die  Metzer  .■Angelegenheit 
kaum  gekommen.  Die  Metzer  Protestanten  wollten  unter  den 
Schutz  des  schmalkaldischen  Bundes  und  eventuell  in  diesen  treten, 
um  dadurch  die  freie  Predigt  des  Evangeliums  in  ihrer  Stadt  zu  er- 
möglichen, der  die  katholische  Mehrheit  des  Magistrats  sich  wider- 
setzte. Trotz  mancher  Bedenken  entschlossen  sich  die  Dreizehn 
von  Straßburg,  dies  Gesuch  beim  Kurfürsten  und  Landgrafen  zu 
befürworten,  noch  wärmer  nahm  sich  Bucer  der  Sache  an.  Der 
Landgraf  schickte  sofort  mit  Frankfurt  und  Straßburg  zusammen 
eine  Gesandtschaft  im  Namen  des  Bundes  nach  Metz,  auch  Johann 
Friedrich  gab  nachträglich  seine  Zustimmung  dazu’).  Als  dieser 
Schritt  aber  nicht  die  gewünschte  Wirkung  auf  den  Metzer  Magistrat 
ausübte  und  nun  die  Frage  der  .Aufnahme  der  Metzer  Protestanten 
in  den  Bund  zur  Erörterung  kam^),  nahm  der  Kurfürst  einen 
Standpunkt  ein,  der  sich  zwar  durch  große  Besonnenheit  und 
Korrektheit  auszeichnete,  aber  nicht  geeignet  war,  den  Beifall 
Philipps  von  Hessen  und  Sti’aßburgs  zu  gewinnen.  Ein  Entwurf 
Melanchthons  für  ein  gemeinsames  sächsisch-hessisches  Schreiben 
an  Herzog  .Anton  von  Lothringen  fand  zwar  wegen  zu  großer  Klein- 
mütigkeit nicht  den  Beifall  Johann  Friedrichs*),  aber  eine  .Aufnahme 

1)  Kf.  an  die  Rate  Nov.  15,  Reg.  H.  p.  418,  No.  153,  Or. 

2)  Lenz,  II,  S.  83 ff.  Kleinwächter,  S.  43 ff.  Reg.  H.  p.  442,  No.  158. 

3)  P.  C.  III,  319  ff.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  17,  Reg.  H.  p.  458,  No.  162,  Or. 

4)  C.  R.  IV,  892  ff.  Vergl.  dazu  Winckelmann,  Jahrbuch,  S.  225,  3. 
Brück  an  Kf.  Nov.  11,  Loc.  96.55  „des  Kf.  zu  Sachsen  mit  Dr.  Gregorio  Brücken, 


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Bund  und  Beich:  Die  Jahre  der  UDsicherheit  1542 — 1546.  339 

des  protestantischen  Teils  der  Metzer  in  den  Bund  schien  ihm 
doch  zu  geföhrliche  Konsequenzen  mit  sich  zu  führen,  würde  ja 
auch  den  Gewohnheiten  der  Einung  ganz  widersprochen  haben'). 
Wohl  aber  war  er  einverstanden  damit,  daß  man  durch  Schriften 
an  die  andere  Partei  den  Evangelischen  in  der  Stadt  nach  Kräften 
zu  Hilfe  käme,  sie  auch  mit  Trost,  Rat  und  Beistand,  wie  ein 
Christ  gegen  den  anderen  verpflichtet  wäre,  nicht  verlasse,  wenn 
sie  vom  anderen  Teil  verfolgt  oder  beschwert  würden.  Er  war 
aber  bereit,  sich  zu  fügen,  wenn  die  Mehrheit  der  Stände  sich  in 
Schweinfurt  schon  jetzt  für  die  Aufnahme  der  Metzer  Protestanten 
in  den  Bund  ausspräche*).  Zu  einem  solchen  Beschluß  ist  es 
nun  in  Schweinfurt  nicht  gekommen,  man  scheint  aber  immerhin 
über  die  Metzer  Angelegenheit  gesprochen  zu  haben  und  beschloß, 
daß  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  im  Namen  der  Verbündeten 
an  den  Herzog  von  Lothringen  schreiben  und  ihn  bitten  sollten, 
sich  durch  die  Gegner  der  Metzer  Protestanten  nicht  zu  deren 
Unterdrückung  verleiten  zu  lassen.  Diese  wollten  ja  nicht  die 
anderen  von  ihrer  Religion  abdringen,  sondern  nur  erreichen,  daß 
denen,  die  es  begehrten,  die  freie  Lehre  des  Evangeliums  gepredigt 
werden  dürfe“). 

Zu  gründlichen  Erörterungen  der  Sache  ist  es  dann  erst  auf 
dem  Nürnberger  Tage  gekommen.  Auch  der  Kurfürst  entschloß 
sich  jetzt  zu  einer  entschiedeneren  Haltung.  Ueberhaupt  zeigen 
die  Aeußerungen,  die  von  ihm  aus  der  Zeit  der  Reichstagsver- 
handlungen vorliegen,  daß  seine  neue  Annäherung  an  die  Habs- 
burger noch  keine  sehr  weitgehende  oder  irgendwie  auf  inner- 
licher Ueberzeugung  begründete  war.  Im  Grunde  war  er  doch 
vom  größten  Mißtrauen  nach  wie  vor  erfüllt,  der  Gedanke,  daß  sie 
das  Reich  in  eine  Monarchie  verwandeln  wollten,  tauchte  immer 

1542“,  BL  86—90,  Or.  Kf.  an  Brück  Not.  14,  ebenda  Bl.  82 — 84,  Konz.  Brflck 
an  Kf.  Not.  21,  Reg.  H.  p.  442,  No.  158,  Or.  Seckendorf,  III,  8.  399. 

1)  AnSer  durch  Brück  wurde  der  Kf.  dabei  durch  Luther  beeinflußt, 
de  Wette,  V,  506 f.,  Erl.  56,  34 ff.  Burkhardt,  S.  418. 

2)  Kf.  an  seine  Räte  in  Schweinfurt  Not.  22,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II, 
Or.  Ldgf.  an  Kf.  Not.  19,  Reg.  H.  p.  458,  No.  162,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Not.  22, 
ebenda.  EioTerstanden  mit  der  Toraichtigen  Haltung  des  Kf.  istWinckelmann, 
Jahrb.,  8.  226.  235. 

3)  Vielleicht  handelt  es  sich  hier  nur  um  ein  Gutachten  der  Gesandten  in 
Schweinfurt  darüber,  wie  man  dem  Herzog  schreiben  solle.  Reg.  H.  p.  418,  No.  153 
bei  dem  Konz,  des  Briefes  des  Kf.  TOm  22.  Not. 

22* 


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340 


Kapitel  III. 


wieder  bei  ihm  auf^).  Feruer  vertrat  er  jetzt  wieder,  wie  schon 
in  der  Weisung^,  die  er  seinen  Räten  am  15.  November  nach 
Schweinfurt  geschickt  hatte,  den  Gedanken,  daß  man  die  Türken- 
gefahr politiscli  ausnutzen  müsse  und  eine  neue  Hilfe  nicht  be- 
willigen dürfe,  ehe  Friede  und  Recht  gewährt  seien.  Immer  wieder 
kehren  diese  Gedanken  in  den  Befehlen,  die  er  nach  Nürnberg 
schickte,  wieder*).  Wenn  er  zuweilen  ein  wenig  schwankte*),  so 
werden  wir  das  aus  der  eigentümlichen  Situation  erklären  dürfen, 
in  der  er  sich  damals  befand.  Mancherlei  wirkte  ja  zusammen, 
um  ihm  einen  völligen  Bruch  mit  den  Habsburgern  unmöglich  zu 
machen.  Da  war  zunächst  der  Stand  der  Verhandlungen  über  die 
V’ahlsache.  — 

Wir  sahen,  daß  es  nicht  möglich  gewesen  war,  diese  Ange- 
legenheit auf  dem  ersten  Nürnberger  Reichstage  zu  erledigen. 
Jetzt  nahte  nun  das  Ende  des  vom  Kurfttrten  bewilligten  Anstands, 
und  wenn  er  auch  bereit  war,  den  Termin  bis  zum  Ende  des  Reichs- 
tages zu  verlängern ‘),  so  war  es  doch  jedenfalls  nötig,  die  Sache 
auf  diesem  Tage  zu  erledigen.  Erwünscht  wäre  zu  diesem  Zwecke 
die  persönliche  Anwesenheit  des  Kurfürsten  gewesen,  und  der  König 
hatte  ihn  auch  im  November  1542  und  Januar  1543  durch  Andreas 
von  Könneritz  zweimal  dazu  auffordem  lassen,  der  Sachse  hatte 
das  aber  wegen  der  Kammergerichtsprozesse  und  wegen  des  Jfilicher 
Krieges  abgelehnt*).  Seine  Räte  hatten  aber  genügende  Vollmacht, 
und  zwischen  ihnen,  besonders  Ossa  und  Burchard,  und  Granvella  und 
Hofmann,  haben  dann  auch  in  Nürnberg  lange  Unterredungen  statt- 
gefunden ®).  Die  .Ansichten  des  Kurfürsten  können  wir  wohl  am 
besten  aus  der  Instruktion  entnehmen,  die  er  seinen  beiden  Kanzlern 


1)  BeRODders  intereiwant  ein  Gutachten  aus  der  letzten  Zeit  des  Reichstages, 
Beg.  H.  p.  421,  No.  1Ö4,  II,  Kopie.  Äktenst.  No.  47.  Dazu  dann  der  Brief  an 
Franz  von  Lüneburg  vom  28.  März  1543,  Reg.  C.  No.  888,  Bl.  53 — 55,  Konz. 

2)  Instruktion  vom  9.  Dez.,  Kf.  an  die  Räte  1543  Febr.  21,  Beg.  E.  p.  52, 
No.  107,  Or.;  April  5.  14,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II,  Bl.  210  ff.  206  ff.,  Or. 

3)  So  schon  in  der  Instruktion  vom  9.  Dez.,  Beg.  E.  p.  52,  No.  107,  Or. 
Kf.  an  die  Räte  1543  März  12,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II,  Bl.  174  ff.,  Or. 

4)  Kf.  an  die  Räte  in  Nürnberg  Jan.  23,  Reg.  H.  p.  421,  Na  1.54,  II,  Or. 

5)  Verhandlungen  mit  Könneritz  in  Lochau  am  23.  Not.,  Beg.  H.  p.  463, 
No.  163.  Kredenz  für  die  zweite  Sendung  vom  21.  Dez.,  Antwort  des  Kf.  vom 
6.  Jan.  1543  aus  Torgau,  ebenda. 

6)  VergL  Burchard  an  Kf.  Jan.  7,  Beg.  C.  No.  895,  Bl.  34—43;  Heidrich, 
S.  83;  Febr.  2,  Beg.  £.  p.  52,  No.  109,  Hdbf.;  Febr.  24,  ebenda,  Or. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


341 


am  18.  und  20.  Februar  erteilte.  Er  kam  in  der  Wahlsache  selbst 
jetzt  ein  ganzes  Teil  weiter  entgegen  als  früher.  Er  wollte  die 
Artikel  annehmen,  die  Hans  Hofmann  im  Januar  1542  in  Torgau 
yorgeschlagen  hatte.  An  seinen  früheren  Konditionen  hielt  er  nur 
noch  insofern  fest,  als  er  die  Renovation  der  goldenen  Bulle  auf 
dem  nächsten  Reichstag  verlangte,  ferner  sollte  die  Berechtigung 
des  Kurfürsten  zum  Widerspruch  gegen  die  Wahl  Ferdinands  in 
der  vom  Kaiser  auszustellenden  Versicherung  sehr  deutlich  aus- 
gesprochen werden.  Nicht  einlassen  wollte  sich  Johann  Friedrich 
auf  irgend  welche  Verpflichtung,  sich  der  Untertanen  des  Königs 
in  religiöser  Beziehung  nicht  anzunehmen.  Doch  darein  hatte  sich 
Ferdinand  ja  schon  im  Januar  1542  gefügt.  So  würden  wohl  die 
direkt  mit  der  Wahlsache  in  Verbindung  stehenden  Forderungen 
des  Kurfürsten  einer  Einigung  jetzt  nicht  im  Wege  gestanden 
haben.  Aber  er  verband  mit  dieser  Frage  zahlreiche  andere  und 
verlangte,  daß  sie  zugleich  mit  ihr  vorgenommen  würden.  Da  war 
die  dobrilugksche,  die  grünhainsche,  die  Schnldsache,  vor  allem 
aber  die  Forderung  der  Bestätigung  des  jülichschen  Heirats- 
vertrages und  in  Verbindung  damit  die  des  Friedens  für  seinen 
Schwager  von  Jülich. 

Recht  geringes  Entgegenkommen  zeigte  der  Kurfürst  jetzt  be- 
züglich des  früher  vorgeschlagenen  Bundes  und  der  Familienver- 
bindung mit  den  Habsburgem.  Ein  Bündnis  in  zeitlichen  Sachen 
sollten  die  Räte  einfach  abschlagen,  ebenso  einen  Reiterdienst  gegen 
Frankreich,  zu  Diensten  im  Reich  dagegen  sollten  sie  ihn  bereit 
erklären,  wenn  er  auch  dessen  lieber  müßig  stände.  Ueber  den 
Heiratsplan  gab  er  keine  bestimmteren  Erklärungen  ab^). 

Der  Grund,  weshalb  der  Kurfürst  in  der  Wahlsache  so  weit 
entgegenkam,  war,  wie  aus  späteren  Aeußerungen  von  ihm  hervor- 
geht’). der,  daß  er  hott'te,  dann  die  jülichsche  Sache  mit  vertragen 
zu  können.  Diese  Hoffnung  erfüllte  sich  natürlich  nicht,  auch  sonst 
kam  man  sehr  langsam  von  der  Stelle®).  Erst  am  14.  März  be- 
gannen die  offiziellen  Verhandlungen  beim  Pfalzgrafen  Friedrich 
unter  Zuziehung  von  Granvella,  Naves  und  Hofmann.  Die  kaiser- 

1)  InetruktioD  für  Osea  und  Burchard  vom  18.  Febr.,  Loc.  10674  „Zweites 
Buch.  Handlung  zwischen  . . Or.  Kf.  an  Ossa  und  Burchard  Febr.  20,  ebenda,  Or. 

2)  An  Ldgf.  März  22,  P.  A.  Sachsen,  Erneetiniache  Linie,  1543  März,  Or. 
An  Oasa  und  Burchard  März  26,  Loc.  10674  „zweites  Buch  etc.“,  Or. 

3)  Die  Kanzler  an  Kf.  März  3,  l.«c.  10674,  ebenda,  Konz. 


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342 


Kapitel  III. 


liehen  und  königlichen  Räte  machten  den  Versuch,  die  Frage  der 
Heiratsbestätigung  und  die  geldrische  Angelegenheit  ganz  aus  den 
Verhandlungen  auszuschließen,  weil  diese  Sachen  jetzt  „in  einen 
anderen  Stand“  gekommen  seien.  Die  kursächsischen  Kanzler  wider- 
setzten sich  dem  entschieden  und  erreichten,  daß  Ober  diese  beiden 
Punkte  wenigstens  auch  gesprochen  wurde.  Doch  ging  man  damals 
ohne  ein  Resultat  auseinander  *),  und  erst  am  28.  März  überreichten 
dann  die  Unterhändler  Vorschläge  für  eine  Vergleichung.  Auch  hier 
gingen  sie  zunächst  nur  auf  die  vier  Punkte  ein,  die  sie  schon  am 
14.  vorgelegt  hatten.  Der  König  sollte  eine  Versicherung  aus- 
stellen, wonach  es  dem  Kurfürsten  und  dem  Hause  Sachsen  nicht 
nachteilig  sein  soUe,  daß  seine  Wahl  in  Abwesenheit  des  Vaters 
des  Kurfürsten  erfolgt  sei.  Dafür  sollte  der  Kurfürst  den  König 
für  sich  und  seine  Erben  anerkennen  und  ihm  den  schuldigen  Ge- 
horsam leisten.  Aller  gegenseitige  Unwille  sollte  aufgehoben  sein. 
In  bezug  auf  die  Dörfer  des  Klosters  Grünhain  ließ  der  König  er- 
klären, daß  er  sie  nur  beschlagnahmt  habe,  weil  der  Kurfürst  die 
hergebrachte  Religion  und  das  klösterliche  Wesen  im  Kloster  ab- 
gestellt habe.  Wenn  der  Kurfürst  die  Sachen  im  Kloster  wieder 
in  den  alten  Stand  setze,  werde  ihm  der  König  die  Dörfer  zurück- 
geben. Das  Kloster  Dobrilugk  sollte  der  Kurfürst  dem  König  zu- 
rückgeben  nebst  allem,  was  etwa  daraus  entnommen  sei.  Dagegen 
sollte  ihm  von  alledem  nichts  entzogen  werden,  was  ihm  an  Schutz 
und  Schirm  dem  Kloster  gegenüber  zustehe,  soweit  er  das  gewiß 
beweisen  könne.  Wenn  diese  Artikel  in  dieser  Weise  verglichen 
seien,  sollte  der  König  dem  Kurfürsten  den  Rest  der  Schuld  zahlen. 
Die  Unterhändler  nahmen  an,  daß  dann  auch  der  Kaiser  sich  in 
der  Frage  der  Konfirmation  der  jülichschen  Heirat  gnädig  erweisen 
würde*).  Von  dem  jülichschen  Kriege  war  überhaupt  nicht  die 
Rede,  und  auch  sonst  zeigten  diese  Vorschläge,  wie  außerordentlich 
gering  noch  immer  das  Entgegenkommen  der  Habsburger  war.  Es 
war  selbstverständlich,  daß  der  Kurfürst  diese  Artikel  für  unan- 
nehmbar erklärte.  Schon  die  Versicherung  des  Königs  genügte 
ihm  nicht.  Nicht  die  Abwesenheit  Johanns,  sondern  die  Reichs- 
freiheiten und  die  Privilegien  seien  die  Ursachen  des  Widerspruchs 
gewesen,  sie  müßten  in  der  Versicherung  miterwähnt  werden.  Von 

1)  Die  Kanzler  an  Kf.  März  19,  Loc.  10674  a.  a.  O.,  Konz. 

2)  Die  Kanzler  an  Kf.  März  29,  Doc.  10674  a.  a.  O.  Die  zugehörigen  „Mittel'' 
der  Unterhändler  ebenda,  Kopie. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  343 

neuem  verlangte  dann  Johann  Friedlich,  daß  ein  Artikel  wegen 
der  jülichschen  Heiratsbestätigung  und  des  geldrischen  Krieges 
hineingebracht  werde.  Den  Vorschlag  in  der  grünhainschen  Sache 
lehnte  er  entschieden  ab.  Er  verlangte  ferner,  daß  die  Schuldsache 
auch  miterledigt  werde,  damit  kein  Grund  zum  Zank  übrig  bleibe. 
Als  ein  sehr  geeignetes  Aequivalent  für  seine  Forderungen  erschien 
ihm  Dobrilugk'). 

Schon  ehe  sie  diese  Weisung  erhielten,  hatten  die  Räte  des 
Kurfürsten  den  Unterhändlern  fast  ganz  in  diesem  Sinne  ge- 
antwortet*). Sie  sowohl  wie  der  Landgraf  hatten  den  Eindruck, 
daß  sich  alles  werde  erledigen  lassen,  wenn  nur  die  jülichsche 
Sache  nicht  wäre  *).  Diese  war  tatsächlich  der  Hauptstein  des  An- 
stoßes. Der  Kurfürst  rechnete  auf  einiges  Entgegenkommen,  da 
der  Herzog  gerade  siegreich  wai-.  Für  unannehmbar  hielt  er  auf 
Grund  der  Mitteilungen,  die  er  vom  Herzog  erhielt,  die  Forderung 
der  Abtretung  Gelderns  an  den  Kaiser*).  Gerade  daran  hielt  ja 
nun  aber  Karl  V.  mit  seiner  ganzen  Zähigkeit  fest.  Infolgedessen 
wurde  man  sich  bald  darüber  klar,  daß  eine  Einigung  jetzt  un- 
möglich sein  würde.  Es  half  nichts,  daß  die  Unterhändler  in  den 
anderen  Punkten  noch  einige  Schritte  entgegenkamen.  Sie  machten 
in  der  Frage  der  Versicherung  einige  Zugeständnisse,  vor  allem 
aber  boten  sie  an,  daß  die  anderen  drei  Punkte  in  der  Weise  ge- 
regelt werden  sollten,  daß  der  König  dem  Kurfürsten  gegen  Rück- 
gabe Dobrilugks  die  Nutzung  der  grünhainschen  Dörfer  bis  zur 
Religionsvergleichung  überließe  und  den  Rest  der  Schuld  Maxi- 
milians zahle  ^).  Eine  Antwort  der  kurfürstlichen  Räte  darauf  fand 
nicht  die  Billigung  ihres  Herrn.  Dieser  hatte  zu  dem  Tausch 
Dobrilugks  gegen  die  acht  Grünhainschen  Dörfer  wenig  Neigung, 
da  diese  kein  sicherer  Besitz  sein  würden“).  Aber  das  Haupt- 

1)  Kf.  an  die  Kanzler  April  5,  L«c.  10674  a.  a.  O.,  Or. 

2)  Die  Kanzler  an  Kf.  April  4,  ebenda,  Or.,  mit  ihren  Oegenartikeln  vom 
3.  April. 

3)  Osaa  an  Kf.  April  4,  Reg.  C.  No.  Ö89,  Bl.  27 — 30,  Hdbf.  Ldgf.  an  Kf. 
April  5,  R^.  H.  p.  530,  No.  177,  Or.  Burchard  an  Kf.  April  13,  R^.  E.  p.  52, 
No.  109,  Hdbf. 

4)  An  die  Kanzler  April  5,  Loc.  10  674  a.  a.  O.,  Or. 

5)  Die  Kanzler  an  Kf.  April  16,  Reg.  E.  p.  52,  No.  109,  Or.  Die  zuge- 
hörige Erklärung  der  Vermittler,  auf  die  « April  17“  geechrieben  ist,  in  Loc.  10674 
„zweitee  Buch  etc.“ 

6)  Kf.  an  die  Kanzler  April  22,  Lor.  10674  a.  a.  O.,  Or. 


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344 


Kapitel  III. 


hindernis  einer  Vergleichung  blieb  doch  die  jülichsche  Angelegen- 
heit. Sie  mußte  erst  geklärt  sein,  ehe  man  weiterkommen  konnte. 
Man  mußte  also  Zeit  zu  gewinnen  suchen.  Demgemäß  erklärte 
sich  der  Kurfürst  schon  am  14.  April  einverstanden  damit,  daß 
der  torgauische  Abschied  auf  6 Monate  erstreckt  werde,  voraus- 
gesetzt, daß  auch  der  König  seine  Erklärung  entsprechend  ver- 
längere‘).  In  dieser  Weise  ist  man  dann  wohl  auch  schließlich 
voneinander  geschieden.  — 

Ein  modus  vivendi  mit  den  Habsburgem  war  deshalb  damals 
für  den  Kurfürsten  so  erwünscht,  weil  er  ja  stets  fürchten  mußte, 
in  der  jülichschen  Sache  in  den  direktesten  Gegensatz  zu  ihnen  zu 
geraten.  Es  wird  Zeit,  daß  wir  der  Entwicklung  dieser  für  die 
Haltung  Johann  Friedrichs  so  wichtigen  Angelegenheit  jetzt  wieder 
unsere  Aufmerksamkeit  zuwenden.  Sie  kann  allerdings  nur  im 
engsten  Zusammenhang  mit  den  Beziehungen  des  Kurfürsten  zu 
Frankreich  behandelt  werden. 

Wir  sahen,  mit  welchem  Eifer  er  sich  im  Jahre  1540  bemüht 
hatte,  einen  Bund  zwischen  den  Schmalkaldenern,  Frankreich  und 
Jülich  zustande  zu  bringen.  Nachdem  der  Plan  gescheitert  war, 
blieb  ihm  zunächst  nichts  anderes  übrig,  als  ein  möglichst  gutes 
Verhältnis  zu  Frankreich  ohne  einen  Bund  zu  wahren.  Seine  eigene 
Meinung  änderte  sich  deshalb  nicht.  Aber  gegenüber  neuen  An- 
regungen und  Gesandtschaften  Frankreichs  im  Anfang  des  Jahres 
1541  blieb  ihm,  wie  Vetter  mit  Eecht  betont,  gar  nichts  anderes 
übrig,  als  die  Gesandten  nach  Regensburg  zu  venveisen.  Ohne 
die  anderen  Bundesstände  konnte  er  ja  doch  nicht  gut  abschließen. 
Er  scheute  sich  aber  auch  davor,  dem  König  irgendwelche  Hoff- 
nungen zu  machen,  die  sich  nicht  erfüllen  ließen*).  Er  hatte  aus 
diesem  Grunde  lange  sogar  dagegen  Bedenken,  seinerseits  einen 
Gesandten  nach  Frankreich  zu  senden,  um  die  Verbindung  auf- 
reclit  zu  erhalten.  Brück  dagegen  sprach  sich  in  einem  sehr  in- 
teressanten Gutachten  vom  20.  Februar  dafür  aus,  schon  jetzt 
Planitz  nach  Fianki-eich  gehen  zu  lassen*).  Einig  wai-en  er  und 


1)  Kf.  an  seine  Räte  in  Nürnberg  April  14,  R^.  E.  p.  52,  No.  107,  Konz. 

2)  Sendung Morelete  und  Sleidans  im  Februar  1,541,  vergl.  Vetter,  S.  12 ff.; 
Baumgarteu,  Briefwechsel,  8.  25 f.;  Heidrich,  S.  51,  4;  Bourrilly,  S.  314; 
Reg.  C.  No.  872,  Bl.  61 — 63.  152  ff.  Auch  Fossanus  war  damals  wieder  in  Deutsch- 
land, an  Kf.  aus  Marburg  Febr.  10,  Reg.  C.  No.  872,  Bl.  71,  Or. 

3)  Reg.  C.  No.  872,  Bl.  89-95,  Or.  Aktenst.  No.  40. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  154'J — 1546. 


345 


der  Kurfürst  darin,  daß  man  bei  Franz  nicht  den  Eindruck  er- 
wecken dürfe,  als  solle  er  nur  Lückenbüßer  sein  für  den  Fall, 
daß  man  sein  Ziel  beim  Kaiser  nicht  erreiche,  sie  verwarfen  also 
die  Politik,  die  damals  der  Landgraf  ging,  der  Frankreich  nur  als 
einen  Notbehelf  betrachtete*).  So  weit  ging  allerdings  auch  die 
Begeisterung  Johann  Friedrichs  für  den  französischen  Bund  nicht, 
daß  er  deswegen  für  irgendwelche  Zugeständnisse  in  der  Frage 
der  Doppelehe  zu  haben  gewesen  wäre,  wie  man  von  französischer 
Seite  vorschlug.  In  Bezug  auf  die  Sendung  von  Planitz  folgte  er 
dem  Rate  Brücks,  im  übrigen  beschränkte  er  sich  darauf,  während 
des  Reichstages  nach  Möglichkeit  für  den  Bund  mit  Frankreich  und 
Jülich  zu  arbeiten.  Seine  Gesandten  beauftragte  er,  sich  des  Ver- 
ständnisses mit  Frankreich  energisch  anzunehmen.  Der  Geheim- 
haltung wegen  sollten  sie  die  anderen  Bundesgesandten  einzeln 
vornehmen  und  ihnen  klarmachen,  daß  man  die  Sache  nicht  länger 
hinziehen  dürfe,  sondern  das  Schreiben  des  französischen  Gesandten 
beantworten  müsse.  Der  Kurfürst  war  darauf  gefaßt,  daß  der  Land- 
graf erst  den  Verlauf  der  Friedensverhandlungen  mit  dem  Kaiser 
werde  abwarten  woUen,  während  er  auf  Unterstützung  Sturms  und 
Straßbnrgs  hoffte*). 

In  bezug  auf  den  Landgrafen  erwies  sich  diese  Ansicht  als 
nur  allzu  richtig.  Er  war  dagegen,  daß  überhaupt  während  des 
Reichstages  über  die  Sache  verhandelt  würde,  empfahl,  den  fran- 
zösischen Gesandten  hinzuhalten,  bis  sich  entschieden  habe,  was 
auf  dem  Reichstag  zustande  käme,  und  meinte,  daß  man  später 
immer  noch  werde  mit  Frankreich  wieder  anknüpfen  können®). 
Er  äußerte  unter  anderem  auch,  daß  außer  Straßburg  kaum  irgend 
ein  Stand  für  die  Pläne  des  Kurfürsten  zu  haben  sein  würde.  Da 
diese  Ansicht  den  Gesandten  durch  Sturm  bestätigt  wurde,  der 
erklärte,  daß  nur  Ulm  vielleicht  der  Sache  nicht  abgeneigt  sei,  so 
hielten  sie  es  für  das  Beste,  Morelet  hinzuhalten  und  eret  weitere 
Weisungen  des  Kurfürsten  zu  erwarten*).  Dieser  und  Brück 
haben  zunächst  daran  gedacht,  nun  dem  Gesandten  sofort  eine 


1)  Ldgf.  an  die  Königin  v.  Navarra  Febr.  20,  ebenda  BI.  97 — 99,  Kopie; 
Heid  rieh,  S.  52. 

2)  Spezialinetruktion  vom  15.  März  für  die  Verhandlungen  mit  Frankreich, 
Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  Or.  Vetter,  S.  158f. 

3)  Aufzeichnung  Burrhards  vom  30.  März,  Reg.  H.  ebenda,  Or.  in  Chiffern. 

4)  Die  Räte  an  Kf.  April  3,  Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  Or. 


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Kapitel  III. 


definitiv  ablehnende  Antwort  zu  geben,  sie  haben  sich  dann  aber 
doch  entschlossen,  ihn  noch  etwas  hinzuhalten  und  noch  einen  Ver- 
such beim  Landgrafen  machen  zu  lassen').  Erst  als  auch  dieser 
mißglückt  war,  erklärten  die  kursächsischen  Räte  dem  Franzosen, 
daß  bei  der  Mehrheit  der  Bundesstände  keine  Neigung  zum  Bunde 
mit  dem  König  und  zur  Schickung  an  ihn  vorhanden  sei*).  Wir 
müssen  diesen  schnellen  Bescheid  vor  allem  als  einen  Ausfluß  der 
Ehrlichkeit  des  Kurfürsten  betrachten,  der  dem  Könige  nicht  ver- 
gebliche Hoffnungen  machen  wollte  *).  Morelet  nahm  ihn  im  ganzen 
recht  ruhig  hin,  bat,  daß  die  Protestanten  trotzdem  an  der  alten 
Freundschaft  mit  Frankreich  festhalten  möchten,  mahnte,  daß  der 
Kurfürst  und  der  Landgraf  sich  nicht  trennen  ließen,  und  äußerte 
einige  Wünsche  PYankreichs  in  bezug  auf  Savoyen,  Mailand  u.  dgl. 
Er  blieb  sogar  noch  längere  Zeit  in  Regensburg  und  machte  sich 
erst  Mitte  Juli  auf  den  Heimweg*). 

Zustande  gekommen  ist  in  Regensbui'g  eine  Verwendung  der 
protestantischen  Stände  für  ihre  Glaubensgenossen  in  PYankreich. 
Ein  Brief  deswegen  an  König  Franz  entstand  unter  Mitwirkung 
Calvins®).  Der  Tatsache,  daß  Protestantenverfolgungen  in  Frank- 
reich stattfanden,  wird  sich  auch  der  Kurfürst  damals  nicht  mehr 
haben  verschließen  können,  machte  doch  die  Königin  von  Navarra 
selbst  Planitz  solche  Mitteilungen®).  Johann  Friedrich  ließ  aber 
seine  Politik  nicht  dadurch  beeinflussen,  er  bat  es  damals  fertig 
gebracht,  Religion  und  Politik  zu  trennen  und  wenn  auch 
von  einem  Bündnis  mit  PYanz  nun  vorläufig  nicht  die  Rede  sein 

1)  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich  April  16,  Keg.  C.  No.  873,  Bl.  54/55,  Konz.  Brück 

an  Kf.  April  14,  Reg.  H.  p.  329,  No.  133,  I,  Or.  Kf.  an  die  Räte  April  14. 

Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  Or.  und  Konz. 

2)  Zweite  Antwort  des  Ldgf.  [vor  Mai  5],  Reg.  H.  p.  391,  No.  148.  Kf.  an 

Reine  Räte  Mai  5,  Reg.  E.  p.  48,  No.  97,  Bl.  299.  Die  Räte  an  Kf.  Joni  11, 

R^.  H.  p.  391,  No.  148.  Vetter,  S.  161.  Seckendorf,  III,  S.  366. 

3)  Daß  der  Kurfürst  prinzipiell  auch  damals  noch  an  dem  Gedanken  das 
Bundes  mit  Frankreich  fusthielt,  zeigt  z.  B.  der  Brief  an  seine  Gesandten  vom 
26.  Juni,  R^.  H.  p.  391,  No.  148,  Aklenst.  No.  44,  und  der  vom  10.  Juli  ebenda. 

4)  Bericht  der  Gesandten  vom  11.  Juni,  ferner  Juni  18,  ebenda.  V’etter. 
S.  161  f. 

5)  Herminjard,  VII,  S.  126ff.  183f. 

6)  Generalbericht  l’lanitzens  vom  11.  Juli,  Reg.  C.  No.  873a,  eigenh.  Or. 

7)  Merkwürdig  ist  auch,  daß  Johann  Friedrich  dem  Georg  von  der  Planitz 
auch  freundschaftliche  Aufträge  an  die  Herzogin  von  Etampes  mitg^eben  hat. 
Hiehe  S.  347  Anm.  2. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  347 

konnte,  so  war  er  doch  bemüht,  wenigstens  eine  gemeinsame  Politik 
mit  Frankreich  zu  befolgen  ^). 

Er  wurde  dazu  durchaus  nicht  nur  durch  die  jülichschen 
Verwickelungen  bestimmt,  auch  die  Bedrohung  der  Freiheiten 
des  Reichs  durch  die  Habsburger  spielte  in  seinen  Erwägungen 
nach  wie  vor  eine  große  Rolle*).  Das  aber  läßt  sich  natürlich 
nicht  leugnen,  daß  die  jülich-geldrische  Angelegenheit  ein  Haupt- 
moment bei  seinen  Entschließungen  bildete.  Beständig  stand  er  ja 
mit  dem  Herzog  in  Korrespondenz,  er  erteUte  ihm  Rat  darüber, 
ob  er  den  Reichstag  besuchen  solle  oder  nicht  *),  er  ließ  von  seinen 
Gelehrten  ein  Gutachten  über  die  geldrische  Frage  anfertigen*), 
er  erlaubte  seinen  Räten,  in  Regensburg  für  den  Schwager  zu 
arbeiten®),  er  gab  seine  vollste  Zustimmung  zu  der  Reise  des 
Herzogs  nach  Frankieich  zu  erkennen  “).  Auch  die  Sendung  Georgs 
V.  d.  Planitz  am  24.  März  1541  sollte  wenigstens  zum  Teil  dazu 
dienen,  die  Interessen  Herzog  Wilhelms  bei  König  Franz  zu 
vertreten.  Ferner  war  sie  allerdings  auch  dazu  bestimmt,  dem 
Könige  den  Standpunkt  des  Kurfürsten,  seine  Neigung  zum  Bunde 
mit  Frankieich,  sein  Mißtrauen  gegen  die  kaiserlichen  Friedens- 
versprechungen klar  zu  machen  und  dem  Kurfürsten  selbst  .Auf- 
klärungen über  die  Verhältnisse  in  Fi  ankreich  zu  verschaffen. 

In  beiden  Beziehungen  wurde  der  Zweck  der  Sendung  erreicht. 
In  den  meisten  Punkten  ergab  sich  Uebereinstimmung  in  den  .An- 
schauungen des  Königs  und  denen  Johann  Friedrichs,  und  durch 
die  Königin  vou  Navarra  erfuhr  man  außerdem  das  nötige  über  die 
Parteien  in  Frankieich’)  und  die  Lage  der  dortigen  Protestanten. 


1)  Interessant  ist  besonders  der  Brief  an  die  Bäte  vom  10.  Juli.  Der  Kf. 
macht  hier  auch  auf  die  Grenzen  eines  solchen  Zusammengehens  auf  dem  Reichs- 
tag aufmerksam. 

2)  Vergl.  etwa  Instruktion  für  Planitz  vom  24.  März,  Reg.  C.  No.  873, 
Bl.  19  ff.;  Vetter,  S.  160.  Vergl.  auch  Neudecker,  Aktenst.,  S.  272.  Kf.  an 
seine  Räte  Juli  10,  Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  Or. 

3;  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich  Febr.  21,  R^.  C.  No.  872,  Bl.  135  ff.,  zugehöriges  Be- 
denken Bl.  142—151,  zurückgehend  auf  ein  Gutachten  Brücks,  ebenda  Bl.  80—88. 

4)  Am  23.  April  übersandt  nach  Zettel  des  Kf.  ebenda  No.  873,  Bl.  62. 

5)  Kf.  an  den  Hz.  April  15,  ebenda  Bl.  49,  Konz.,  Zettel. 

6)  An  den  Hz.  April  23,  ebwda  Bl.  59  f. 

7)  Sie  gab  zu,  dali  du  Bellay  dem  Evangelium  mehr  geneigt  wäre,  als  der 
Kardinal  von  Toumon,  aber  dieser,  der  Kanzler  und  der  Marschall  Hennebault 
befänden  sich  jetzt  im  Vertrauen  des  Königs.  Sie  seien  zwar  große  Feinde  des 


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Kapitel  III. 


Nicht  ganz  einig  war  man  in  bezug  auf  die  Behandlung  des 
Landgrafen,  in  Frankreich  hätte  man  wohl  gewünscht,  daß  der 
Kurfürst  etwas  entgegenkommender  gewesen  wäre,  um  ihn  fest- 
zuhalten, ferner  hätte  man  auch  gern  gesehen,  daß  Planitz  über 
die  Bedingungen  eines  etwaigen  Bündnisses  der  Schmalkaldener 
mit  Frankreich  und  Jülich  verhandelt  hätte,  und  dazu  hatte  er 
keine  Vollmacht'). 

Noch  während  Planitz  in  Frankreich  weilte,  erfuhr  der  Kur- 
fürst aus  Regensburg,  einen  wie  außerordentlich  großen  Wert  der 
Kaiser  auf  Geldern  lege,  und  auch  von  dem  zu  erwartenden  Neu- 
tralitätsversprechen des  Landgrafen“).  Er  mußte  sich  die  Frage 
vorlegen,  ob  er  in  dieser  Lage  seine  bisherige  antikaiserliche 
Politik  fortsetzen  könne  oder  ob  er  eingehen  solle  auf  die  lockenden 
.\nerbietungen,  die  auch  ihm  von  habsburgischer  Seite  gemacht 
wurden.  Er  entschied  sich  dafür,  diese  zwar  nicht  ganz  zurück- 
zuweisen, wie  es  ihm  überhaupt  stets  am  liebsten  gewesen  wäre, 
wenn  man  die  geldrische  Sache  mit  in  den  Frieden  hätte  hinein- 
ziehen können®),  im  wesentlichen  aber  doch  an  der  Verbindung 
mit  Jülich  und  Frankreich  festzuhalten.  Wollte  er  das  aber  tun, 
so  mußte  er,  um  sich  nicht  zwischen  zwei  Stühle  zu  setzen,  Sicher- 
heiten dafür  erlangen,  daß  er  im  Falle  der  Gefahr  auf  die  Hilfe 
Jülichs  und  Frankreichs  rechnen  könne  und  daß  auch  seine  persön- 
lichen Interessen  am  Niederrhein  unter  allen  Umständen  gewahrt 
blieben.  Schon  am  2.  Juni  beauftragte  er  Planitz,  mit  Herzog 
Wilhelm  über  diese  Dinge  zu  sprechen'),  vor  allem  haben  dann 
aber  die  Sendungen  Wallenrods  zum  Herzog  von  Jülich  im  Juli  und 
Oktober  der  Erreichung  dieses  Zieles  gedient.  Besonders  die  Instruk- 
tion, die  der  Gesandte  am  19.  Juli  mitbekam,  ist  für  die  Auffassung 
der  Lage  durch  den  Kurfürsten  charakteristisch.  Er  machte  gar  kein 
Hehl  aus  den  Anerbietungen  Granvellas  und  daraus,  daß  sie  viel 

Evangeliums,  Tournon  und  der  Marschall  seien  aber  in  weltlichen  Dingen  zuverlässig 
und  wünschten  jetzt  einen  Bund  mit  den  deutschen  Fürsten.  Auch  dem  wieder 
in  Gnaden  angenommenen  Admiral  könne  man  trauen,  und  zwar  ihm  auch  in 
Religionssachen. 

1)  Berichte  des  Planitz  in  Reg.  C.  No.  873,  am  wichtigsten  sein  General- 
bericht vom  11.  Juli  nach  der  Heimkehr,  Reg.  C.  No.  873a,  Bl.  2—69. 

2)  Burchard  an  Kf.  Mai  26,  Reg.  E.  p.  48,  No.  100,  Bl.  267,268.  Hdbf. 
Kl.  an  Burchard  Juni  7,  Reg.  H.  p.  391,  No.  148,  ür. 

3)  An  die  Räte  Juli  10. 

4)  Reg.  C.  No.  873,  Bl.  119-133. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Uunichcrheit  1542—1546.  349 

Verlockendes  für  ihn  hätten,  erklärte  dann  aber  doch,  dall  er  die 
gemeine  Wohlfahrt  des  Reichs,  das  sich  im  Zustande  der  Unter- 
drückung befinde,  und  dem  weitere  Gefahren  drohten,  aUen  Sonder- 
vorteilen vorziehen  woUe.  Die  Möglichkeit  zur  Abwehr  jener 
Gefahren  sah  er  in  einem  Bunde  mit  dem  König  von  Frankieich 
und  anderen  auswärtigen  Potentaten.  Er  empfahl,  daß  zunächst 
der  Herzog  und  er  einen  Bund  miteinander  schlössen  und  daß 
er  dann  gelegentlich  der  Heimfahrt  der  Gemahlin  des  Herzogs 
mit  der  Königin  von  Navarra  und  dem  Admiral  von  Frankreich 
zu  weiteren  Verhandlungen  zusammenkäme.  Johann  Friedrich 
hoffte,  daß  der  König  von  Dänemark  und  der  Landgiaf  für  solche 
Bnndesverhandlungen  zu  haben  sein  würden.  Er  kam  zu  dieser 
sonderbaren  Vermutung  über  den  Landgrafen  durch  die  Resultate 
des  Regensburger  Reichstages,  die  dort  eingetretene  Spaltung 
der  Stände.  Er  meinte,  daß  der  Kaiser  jetzt  zwar  keiner  Partei 
mächtig  sei,  aber  ein  Kampf  zwischen  ihnen  ihm  doch  zugute 
kommen  würde  ‘).  Natürlich  war  aber  in  Wirküchkeit  auf  den 
Landgrafen  jetzt  gar  nicht  zu  rechnen. 

Wallenrod  sollte  sich  bestreben,  eine  schriftliche  Antwort  vom 
Herzog  Wilhelm  zu  erlangen.  Er  erhielt  sie  nur  in  bezug  auf  die 
Bündnisbedingungen,  mußte  sich  im  übrigen  mit  einer  mündlichen 
Erklärung  des  Herzogs  begnügen.  Und  auch  das.  was  dieser  im 
Falle  eines  Bündnisses  versprechen  wollte,  entsprach  wenig  den 
Wünschen  des  Kurfürsten.  Wilhelm  erklärte  sich  geneigt,  dem 
Schwager  nach  allem  seinem  Vermögen  zu  helfen,  wenn  dieser  von 
jemand  überzogen  würde  und  sich  zu  gebührlichem,  gleichmäßigem 
Rechte  erbiete,  dagegen  vermochte  WaUenrod  nicht  zu  erlangen, 
daß  die  Religions-  und  Wahlsache  dabei  ausdrücklich  erwähnt 
würde.  Nur  mündlich  bandelte  man  auch  von  den  Beziehungen 
zu  Frankreich.  Der  Herzog  betonte  dabei  die  Bereitwilligkeit 
des  Königs  zum  Bunde  mit  den  Protestanten,  lehnte  seinerseits 
ein  Bündnis  mit  Dänemark  ab.  Wiederholt  wies  er  daiauf  hin, 
daß  der  König  von  Frankreich  sich  Freunde  suchen  müsse,  wo 
er  sie  fände,  z.  B.  bei  Bayern,  wenn  die  Protestanten  ihn  im 
Stiche  Ueßen.  Den  Bund  mit  diesen  denke  sich  der  König  zu- 
nächst als  Defeusivbündnis.  Er  habe  nichts  dagegen,  daß  sie  das 


1)  B^.  C.  No.  873a,  Bl.  88—97,  Or.  Heidrich,  S.  75,  Anm.  2.  Aktenst. 
IJo.  45. 


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350 


Kapitel  III. 


Reich  ausnähmen.  Die  Religion  solle  nicht  ausdrücklich  genannt 
weiden,  das  Bündnis  aber  für  alle  Sachen  gelten.  Der  Herzog 
erklärte  sich  bereit,  wenn  er  näheren  Bescheid  vom  Kurfürsten 
habe,  die  Sache  beim  König  weiter  zu  betreiben  ‘). 

Johann  Friedrich  hat  Wallenrod  unmittelbar  nach  seiner  Rück- 
kehr zum  zweiten  Male  an  den  Herzog  gesandt.  Mit  dessen  schrift- 
lichen Bündnisparagraphen  gab  er  sich,  obschon  Religions-  und 
Wahlsache  nicht  genannt  waren,  zufirieden,  da  solche  Sachen  ja 
überhaupt  immer  mehr  auf  dem  gegenseitigen  Vertrauen  als  auf 
dem  Buchstaben  beruhten.  Großen  Wert  legte  er  dagegen,  da  Gran- 
vella  es  rundweg  abgelehnt  hatte,  in  die  Heiratsbestätigung  des 
Kurfürsten  Geldeni  mithineinzuziehen,  jetzt  darauf,  daß  die  Land- 
schaften der  Staaten  des  Herzogs  ihm  eine  Erklänmg  abgäben,  daß 
die  Heiratsverschreibung  auch  ohne  die  kaiserliche  Bestätigung 
gelten  solle,  und  daß  eine  ähnliche  Verschreibung  auch  von  den 
geldrischen  Ständen  ausgestellt  würde.  In  bezug  auf  das  Ver- 
hältnis zu  Frankreich  stellte  der  Kurfürst  weitere  Bemühungen  beim 
Landgrafen  und  seinen  anderen  Verbündeten  in  Aussicht  Nur  mit 
dem  Herzog  den  Bund  mit  Frankreich  zu  schließen,  erschien  ihm 
dagegen  bedenklich.  An  dem  Gedanken  einer  Zuziehung  Däne- 
marks hielt  er  noch  fest.  Nach  wie  vor  hoffte  er  auf  eine  Zusammen- 
kunft mit  der  Königin  von  Navarra  und  einem  Vertrauten  des  Königs 
bei  der  Heimfahrt  der  Gemahlin  des  Herzogs  *). 

Durch  eiue  Erkrankung  Wallenrods  verzögerte  sich  die  Er- 
ledigung seiner  Aufträge  bis  in  den  Oktober.  Es  ergab  sich 
bei  den  Verhandlungen  Einigkeit  in  der  Frage  des  Bündnisses, 
ja  der  Herzog  war  sogai*  in  bezug  auf  die  Zuziehung  Däne- 
marks jetzt  anderer  Ansicht  geworden,  eine  dänische  Gesandt- 
schaft war  bei  ihm  gewesen  und  von  ihm  nach  Frankreich  weiter- 
gereist. Er  stellte  nur  als  Bedingung,  daß  dem  Pfälzer  kein  Anlaß 
zum  Unwillen  gegeben  werde.  Der  Herzog  bat  schließlich,  daß 
der  Kurfürst  ihm  einen  Entwurf  des  Bündnisses  schicke.  Vor  die 
Landschaften  wollte  er  die  kursächsischen  Wünsche  gleich  auf  dem 
nächsten  Landtage  bringen,  glaubte  nicht,  daß  sie  irgendwelche 

1)  Rekreditiv  und  schriftliche  Antwort  vom  4.  Aug.,  Beg.  C.  No.  873a, 
BI.  98.  99.  Heidrich,  B.  75.  Die  mündliche  Antwort  ebenda  No.  873b, 
BI.  20  ff. 

2)  Instruktion  vom  31.  Aug.,  Beg.  C.  No.  873a,  Bl.  101 — 109,  Or.  Heid- 
rich, S.  75. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  ij51 

Schwierigkeiten  machen  würden,  wenn  sie  von  dem  Verständnis 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  ihm  hörten.  Dem  König  von 
Frankreich  wollte  er  die  Erbietungen  des  Kurfürsten  berichten, 
auch  bewirken,  daß  der  Admiral  bei  der  Heimfahrt  mitgeschickt 
werde.  Allerdings  mußte  er  gleichzeitig  berichten,  daß  diese  noch 
bis  zum  Frühjahr  verschoben  sei  *). 

Die  Wirkung  dieser  Nachricht  auf  den  Kurfürsten  wurde  durch 
vertrauliche  Mitteilungen  Wallenrods  verstärkt,  der  zwar  dem  Herzog 
ein  vortreft’liches  Zeugnis  ausstellte,  aber  gegen  Frankreich  miß- 
trauisch geworden  war  und  bezweifelte,  daß  aus  der  Heimfahrt  der 
Prinzessin  von  Navarra  überhaupt  etwas  werden  würde*).  Diese 
Nachrichten  stimmten  zu  Mitteilungen,  die  Granvella  in  Regens- 
burg gemacht  hatte.  Doch  ließ  Johann  Friedrich  sich  zunächst 
noch  nicht  stärker  durch  sie  beeinflussen,  erhielt  er  doch  gerade 
im  Oktober  1541  wieder  die  freundschaftlichsten  Versicherungen 
vom  König  von  Frankreich  und  von  der  Königin  von  Navarra*). 
So  arbeitete  er  denn  weiter  für  das  Bündnis  mit  Frankreich  und 
mit  Jülich,  benutzte  z.  B.  die  Naumburger  Zusammenkunft,  um  auch 
mit  dem  Landgrafen  noch  einmal  über  diese  Dinge  zu  sprechen. 
Er  fand  ihn  leidlich  entgegenkommend  in  bezug  auf  den  Bund  mit 
Jülich*),  hatte  aber  den  Eindruck,  daß  alle  weiteren  Bemühungen, 
ihn  für  ein  Bündnis  mit  Frankreich  zu  gewinnen,  wegen  der  Ver- 
pflichtungen, die  er  in  Regensburg  gegen  den  Kaiser  eingegangen 
war,  zwecklos  seien*). 

Wenn  es  bis  zum  Dezember  dauerte,  bis  die  Verhandlungen 
mit  Jülich  weitergingen,  so  war  eine  Erkrankung  Johann  Fried- 
richs daran  schuld.  Er  schickte  jetzt  dem  Herzog  einen  Bündnis- 
entwnrf  zu,  steUte  ihm  anheim,  ihn  zu  erweitern,  und  sprach  im 


1)  Rekreditiv  für  Wallenrod  vom  10.  Okt,  Reg.  C.  No.  873b,  Bl.  6,  Or.  Seine 
Relation  d.  d.  Schneeberg  Okt  20,  ebenda  BI.  7 ff.  Heidrich,  S.  72,  Anm.  2. 
Die  Antwort  des  Hzs.  R^.  C.  ebenda  BL  95/96.  Vergl.  auch  Below,  I,  S.  352  f. 
354,  und  für  die  Lamdtagsrerhandlungen  S.  294  ff.  360  ff.  366  f. 

2)  Die  vertrauliche  Anzeigung  Reg.  C.  ebenda  BL  15—19. 

3)  Franz  I.  an  Kf.  Okt.  4,  Reg.  C.  No.  873b,  BL  3,  Or.  Die  Königin  von 
Navarra  an  Kf.  o.  D.,  Reg.  C.  No.  382,  Or.  Kredenz  der  Kgin.  für  de  Lacroix 
und  dessen  Werbung  in  Zeitz  ebenda,  ferner  die  Antwort,  die  er  erhielt.  Kf.  an 
die  Kgin.  Okt  22,  ebenda. 

4)  Ein  Aufzeichnung  von  hessischer  Kanzleihand,  die  vermutlich  nach  Naum- 
burg g^ört.  Reg.  C.  No.  873  b,  Bl.  119. 

5)  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich  Dez.  14,  Reg.  C.  ebenda  BL  77—87. 


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352 


Kapitel  III. 


Übrigen  seine  Freude  aus  über  die  günstigen  Aeußerungen,  die  jener 
gegen  WiUlenrod  getan  hatte,  nur  daß  man  einen  Bund  mit  Däne- 
mark schließen  könne,  ohne  den  Pfalzgrafeu  zu  verletzen,  erklärte 
er  für  unwahrscheinlich  ‘). 

Der  mitübersandte,  von  Brück  entworfene  und  vom  Kur- 
fürsten korrigierte  Bündnisvorschlag  wiederholte  den  Inhalt  des 
Erbvertrages  zwischen  Sachsen  und  Jülich,  dehnte  ihn  auf  Geldern 
aus  und  schloß  daran  ein  sehr  allgemein  gehaltenes  Bündnis  auf 
eine  noch  unbestimmte  Reihe  von  Jahren.  Würde  ein  Teil  an- 
gegriffen, so  sollte  ihm  der  andere  Teil  mit  ganzer  Kraft  helfen, 
doch  wurde  auch  eine  sofortige  eilende  Hilfe  von  500  gerüsteten 
Pferden  und  2000  Knechten  auf  Kosten  des  Helfenden  in  Aussicht 
genommeu  *). 

Herzog  \\’ilhelm  hat  auf  diese  Sendung  zunächst  nur  ganz  all- 
gemein geantwortet,  indem  er  versprach,  die  fragliche  Angelegen- 
heit zu  fördern*),  und  es  tritt  nun  überhaupt  in  der  Entwicklung 
des  Verhältnisses  Kursachsens  sowohl  zu  Jülich  wie  zu  Frankreich 
eine  gewisse  Stockung  ein.  Es  läge  nahe,  anzunehmen,  daß  der 
Abschluß  des  Torgauer  Vertrages  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
Ferdinand  dabei  mitwirkte,  aber  der  Hauptmangel  lag  doch  auf 
der  Gegenseite.  Die  Stockung  wuide  vor  allem  dadurch  hervor- 
gerufen, daß  zunächst  die  Landschaften  der  Herzogtümer  für  die 
sächsischen  Wünsche  gewonnen  werden  mußten  und  es  dabei  aller- 
hand Schwierigkeiten  gab.  Diese  waren  sogar,  als  der  geldrische 
Kiieg  ausbrach,  noch  nicht  ganz  beseitigt  *).  Mit  Frankreich  wurde 
die  Verbindung  aufrecht  erhalten,  Sendungen  gingen  hin  und  her. 
Der  König  war  bemüht,  anf  dem  Speierer  Reichstag  die  Stände 
für  sich  zu  gewinnen,  vor  allem  den  Makel  des  Bundes  mit  den 
Türken  von  sich  abzuwaschen.  Seine  Gesandten  fanden  aber  eine 
wenig  befriedigende  Aufnahme,  Kursachsen  scheint  nicht  die  Mög- 
lichkeit gehabt  zu  haben,  etwas  daran  zu  ändern  *).  Erst  seit  dem 


1)  Kf.  an  Hz.  v.  JQIich  Dez.  14,  Reg.  C.  a.  a.  O.  Heidrich,  8.  76. 

2)  Keg.  C.  a.  a.  O.  Bl.  128  ff. 

3)  Der  Hz.  an  Kf.  1542  Jao.  6/7,  Reg.  C.  No.  874,  BL  6,  7«. 

4)  Heidrich,  S.  76. 

5)  Hermann  Cniser  an  Kf.  1541  Nov.  1,  R^.  C.  No.  873b,  BL  ölt  Georg 
V.  Harstall  aus  Speier  an  Kf.  Not.  16,  Bag.  H.  p.  383,  No.  145,  Or.  Franz  I. 
au  die  Reichsstände  Dez.  19,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  ICH  II,  Kopie;  Seckendorf, 
III,  8.  384.  Kf.  an  Dr.  Cruser  Dez.  21,  Reg.  C.  a.  a.  O.  BL  101t,  an  den  Kg. 


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Bond  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unaicheiheit  1542 — 1546.  353 

Sommer  1542  kam  alles  wieder  mehr  in  Fluß,  um  nun  allerdings 
schnell  der  Katastrophe  zuzueilen.  Der  Krieg  zwischen  dem  Kaiser 
und  Frankreich  brach  aus.  Er  veranlaßte  neue  Bündnisanerbietungen 
Frankreichs  an  Johann  Friedrich*),  brachte  vor  allem  aber  den 
Herzog  Ton  Jülich  in  eine  schwierige  Lage.  Er  tat  sein  mög- 
lichstes, um  die  Neutralität  zu  behaupten,  wurde  aber  durch  Frank- 
reich und  den  französischen  Obersten  Longueral  wider  seinen 
Willen  doch  in  den  Krieg  hineingezogen’). 

Johann  Friedrich  hatte,  als  die  Verwicklung  seines  Schwagers 
in  den  Krieg  drohte,  sofort  eine  lebhafte  Tätigkeit  entfaltet,  um 
eine  Vermittlung  in  Gang  zu  bringen.  Er  bemühte  sich  vor  allem, 
den  Landgrafen  zu  bestimmen,  an  den  Niederrhein  zu  reisen  und 
sich  mit  dem  Kurfürsten  von  Köln  zusammen  ins  Mittel  zu  legen. 
Auch  Philipp  wünschte  die  gütliche  Beilegung  des  Streits,  hatte 
gegen  die  Vorschläge  des  Kurfürsten  aber  mancherlei  Bedenken, 
machte  darauf  aufmerksam,  daß  ohne  die  Abtretung  Geldems  beim 
Kaiser  nichts  zu  erreichen  sein  würde,  und  schlug  seinerseits  vor, 
daß  Johann  Friedrich  mit  den  drei  rheinischen  Kurfürsten  zu- 
sammen die  Vermittlung  übernähme.  Schließlich  hat  er  aber  doch 
die  Sache  in  die  Hand  genommen,  allerdings  ohne  das  Ziel  zu  er- 
reichen •). 


ebenda  BI.  106 — 109.  Der  Kg.  an  Kf.  und  Ldgf.  1542  Jan.  12,  Reg.  C.  p.  380, 
Kopie.  Vergl.  über  Reckerods  Sendung  auch  Seckendorf,  III,  S.  384. 
Oliviers  Rede  in  Speier.  Ruble,  S.  162.  Ki.  an  seine  Räte  in  Speier  März  5 — 12 
(die  Woche  nach  reminiscerel,  Reg,  H.  p.  441,  No.  157  B,  Konz.  Burchard  an  Kf. 
März  10,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Hdbf.  Franz  v.  Lüneburg  an  KL  Jan.  27, 
Febr.  2,  Reg.  C,  No.  672,  Hdbf.  Auch  er  vermittelte  damals  zwischen  dem  Kf. 
und  Frankreich.  Räte  an  KL  März  15,  Reg.  E.  a.  a.  O.  BL  221  ff.,  Or.  Antwort 
des  Hzs.  V.  Jülich  an  Planitz  März  30  und  dessen  Bericht  Reg.  C.  No.  874, 
BL  21  ff.  Die  Reichsstände  an  den  Kg.  von  Frankreich  April  11,  Reg.  E.  p.  51a, 
No.  104  II,  BL  429  ff. 

1)  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich  Juli  12,  Reg.  C.  No.  875,  BL  48ff.,  Konz. 

2)  Hz.  Wilhelm  an  Kf.  Juni  10,  Reg.  C.  No.  874,  BL  80 L,  Or.;  Juli  4, 
ebenda  No.  875,  BL  42 ff.,  Or.;  Ang.  28,  BL  105 L (Auflösung  dazu  in  No.  884, 
Bl.  47 f);  SepL  11,  Kredenz  für  SibertMutzhagen,  Reg.  C.  No.  876,  BL  5.  Vergl. 
Heidrich,  S.  65 ff.;  Below,  I,  S 438 ff.;  Lenz , II,  S.  103,  3. 

3)  Heidrich,  S.  71  f.  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  15,  Marburg,  Emestinische 
Länie  1542  OkL,  Or.,  R^.  C.  No.  877,  BL  43  ff.,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  16. 
Reg.  H.  p.  458,  No.  162,  Or.;  Okt.  19,  Reg.  C.  a.  a.  O.  BL  76—80;  Heidrich, 
8.  81  f. 

Beiträge  nir  neoeren  Geechichte  ThOringenf  I,  2.  23 


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354 


Kapitel  III. 


Inzwischen  war  der  Kurfürst  vor  die  viel  schwierigere  Frage 
gestellt  worden,  ob  er  den  dringenden  Hilfsgesuchen  seines  Schwagers 
nachkommen  sollte*).  Es  war  wohl  die  schwerste  Entscheidung 
seines  Lebens,  und  es  ist  begreiflich,  daß  er  seine  namhaftesten 
Räte  zu  einem  Kronrat  versammelte,  ehe  er  sie  fällte.  Es  kam 
ihm  dabei  vor  allem  auch  darauf  an,  einen  Rückhalt  der  Land- 
schaft gegenüber  zu  haben.  Hans  v.  Weißenbach,  Hans  v.  Dölzig, 
Christoph  Groß,  Heiniich  v.  Einsiedel,  Asmus  Spiegel,  Dr.  Teut- 
leben, Hans  V.  Ponikau,  Hans  Metzsch,  W.  v.  Schönberg,  Jobst 
V.  Hain,  den  Marschall  Heinrich  v.  Schönberg  und  Brück  finden 
wir  in  diesem  Kronrat  versammelt,  während  der  Kanzler  Ossa,  der 
damals  schon  in  Ungnade  gefallen  war,  nicht  zugezogen  wurde. 
Der  Kurfürst  hat  offenbar  seine  Ansicht  den  Räten  schon  fertig 
vorgelegt.  Sie  ging  dahin,  daß  man  Jülich  nicht  im  Stiche  lassen 
dürfe.  Der  Kurfürst  plante  eine  Gesandtschaft  an  den  Herzog, 
für  die  er  die  Instruktion  schon  vorlegte,  und  eine  Hilfssendung 
von  3000  Knechten,  er  bat  die  Räte,  über  beides  und  über  die 
Art  und  Weise  der  Aufbringung  des  Volkes  ihre  Meinung  zu 
äußern. 

Obgleich  der  Bund  mit  Jülich  nicht  wirklich  zum  Abschluß 
gekommen  war,  zweifelte  außer  dem  nicht  zugezogenen  Ossa  keiner 
der  Räte  daran,  daß  man  dem  Herzog  helfen  müsse.  Einige  fügten 
allerdings  die  Voraussetzung  hinzu,  daß  die  Sache  den  Verpflich- 
tungen gegen  Kaiser  und  Reich  und  dem  letzten  Frieden  nicht 
zuwider  sei.  Aus  Rücksicht  auf  den  Kaiser  gab  auch  Asmus 
Spiegel  zur  Erwägung,  ob  man  die  Hilfe  nicht  lieber  in  Geld 
leisten  solle,  damit  sie  geheimer  bliebe. 

Als  Grund  für  die  Hilfe  wurden  von  keinem  der  Räte  die 
eigenen  Rechte  des  Kurfürsten  auf  Jülich  bezeichnet,  sondern  sie 
legten  nur  Wert  darauf,  daß  der  Krieg  kein  justum  bellum  sei,  da 
die  Burgunder  ihn  nicht  vorher  angesagt  hätten.  Besonders  ausführ- 
lich sprachen  sich  über  diese  Frage  Jobst  v.  Hain  und  Brück  ans. 
Dabei  nahm  jener  noch  an,  daß  der  Kaiser  nichts  mit  der  Sache 
zu  tun  habe,  während  dieser  die  Hilfe  auch  dann  für  berechtigt 
hielt,  wenn  die  Absage  an  den  Herzog  vom  Kaiser  geschehe.  Er 
machte  dabei  auf  das  aUmähliche  Umsichgreifen  der  Burgunder  am 
Niederrhein  aufmerksam.  Die  meisten  Räte  sprachen  sich  dafür 


1)  Der  Hz.  an  Kf.  Okt  4,  Be);.  C.  No.  877,  Bl.  22;  Heidrich,  S.  75. 


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Bund  und  Keich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


355 


aus,  daß  man  3000  Mann  Fußvolk  verspreche,  empfahlen  aber,  es 
nicht  aus  dem  kurfürstlichen  Gebiete  zu  nehmen.  Einige,  be- 
sonders Ponikau,  rieten,  daß  man  den  lAndgrafen  und  andere 
Fürsten  zur  Vermittlung  veranlasse ‘). 

Der  Kurfürst  ist  offenbar  mit  diesen  Vorschlägen  völlig  ein- 
verstanden gewesen  und  hat  ihnen  entsprechend  gehandelt.  Unter 
Berufung  auf  die  erfolgte  Beratung  ließ  er  sich  am  20.  Oktober 

1542  vom  kleinen  Ausschuß  der  Landschaft  32000  fl.  bis  Michaelis 

1543  leihen  *).  Ferner  ist  dann  die  geplante  Gesandtschaft  an  den 
Herzog  zur  Ausführung  gekommen.  Dölzig  und  Planitz  wurden 
gesandt.  Sie  sollten  sich  erkundigen,  wie  sich  der  Herzog  den 
Widerstand  denke,  was  er  selbst  zu  tun  beabsichtige,  ob  er  die 
Burgunder  wieder  aus  dem  Lande  treiben  oder  nur  seine  festen 
Plätze  verteidigen  wolle.  Dem  Kurfürsten  schien  ersteres  wegen 
der  Nähe  des  Winters  bedenklich.  Die  Räte  sollten  dann  auf  die 
Erschöpfung  des  Kurfürsten  durch  die  Wurzener  Fehde,  den  Braun- 
schweiger Zug,  den  Türkenkrieg,  die  Teilung  mit  Johann  Emst 
und  dessen  Beilager  aufmerksam  machen,  schließlich  aber  doch 
8 Fähnlein  Knechte  = 4000  Mann  unter  Thumshims  Führung  in 
Aussicht  stellen. 

Am  liebsten  wäre  dem  Kurfürsten  natürlich  auch  jetzt  noch 
eine  friedliche  Beilegung  des  Streits  gewesen.  Darum  sollten  sich 
denn  auch  die  Gesandten  bemühen,  eine  Vermittlung  in  Gang  zu 
bringen.  Wenn  der  Herzog  einverstanden  war,  sollten  sie  Briefe 
deswegen  an  die  Kurfürsten  von  Köln,  Trier,  von  der  Pfalz,  an  die 
Grafen  von  Nassau  und  von  Neuenahr  überreichen,  während  der  Kur- 
fürst dem  Landgrafen  direkt  schreiben  wollte  *).  Diese  Bemühungen, 
die  Vermittlung  in  Gang  zu  bringen,  hat  Johann  Friedrich  auch 
in  den  nächsten  W^ochen  eifrig  fortgesetzt;  er  war  zwar  der  Mei- 
nung, sich  persönlich  nicht  beteiligen  zu  können,  da  man  ihn  für 
parteiisch  halten  würde*),  aber  mit  allen  Schritten,  die  durch  den 
Landgrafen,  den  Kölner  etc.  geschahen,  war  er  sehr  einverstanden. 

1)  Protokoll  der  Beratungen  in  Reg.  C.  No.  877,  BL  65—69.  Vergl.  v, 
Langenn,  Osea,  8.  43. 

2)  Quittung  ebenda  BL  88/89,  Konz. 

3)  Inatruktion  vom  18.  Okt,  nachträglich  noch  geändert,  Reg.  C.  No.  877, 
BL  47—59,  Konz.;  Heidrich,  8.  76.  81.  Entwürfe  für  die  Briefe  an  die  Kfen. 
Reg.  C.  ebenda  BI.  62 — 64. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  26,  Reg.  C.  No.  877,  Bl.  127-130,  Konz. 

23* 


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356 


Kapitel  III. 


Seine  Ansichten  über  die  Aussichten  der  Vermittlung  schwankten*). 
Anfangs  war  er  aber  nicht  dafür,  daß  der  Herzog  sehr  weit  ent- 
gegenkäme. So  eignete  er  sich  den  Gedanken  Brücks,  daß  dieser 
eventuell  aus  der  Not  eine  Tugend  machen  und  in  die  Abtretung 
Gelderns  willigen  müsse,  nicht  an,  setzte  vielmehr  seinem  Schwager 
die  Möglichkeiten  des  Widerstandes  auseinander  und  knüpfte  daran 
die  Ermalmung,  seinen  Trost  auf  Gott  zu  setzen,  der  ihn  nicht 
verlassen  werde,  wenn  auch  er  ihm  die  Ehre  gebe  und  sein  Wort 
ohne  Menschenfurcht  in  seinen  Landen  rein  und  lauter  predigen 
lasse  *). 

Bei  seiner  eigenen  Hilfsleistung,  die  durch  die  langsame  Rück- 
kehr seiner  Truppen  aus  Ungarn  verzögert  und  schließlich  zum  Teil 
in  Geld  geleistet  wurde*),  eignete  sich  Johann  Friedrich  den  Ge- 
dankengang an,  daß  der  Kaiser  mit  dem  burgundischen  Unter- 
nehmen nichts  zu  tun  habe  und  wahrscheinlich  nicht  damit  über- 
einstimme, rechtfertigte  außerdem  seine  Hilfe  mit  dem  Bruch  des 
Landfriedens,  mit  seiner  Verwandtschaft  mit  dem  Herzog  und  seinen 
Rechten  auf  die  Herzogtümer*).  Durch  die  Erfolge  des  Jttlichers 
im  November  wurde  er  veranlaßt,  diesem  ein  Vordringen  in  das 
Gebiet  seiner  Feinde  zu  empfehlen  ®),  er  war  aber  nicht  dafür,  daß 
auch  seine  eigenen  Truppen  sich  an  solchen  Aktionen  beteiligten, 
da  er  dadurch  in  zu  großen  Gegensatz  zum  Kaiser  zu  geraten 
fürchtete.  Er  folgte  dabei  einem  Rate  Brücks,  der  überhaupt  im 
November  und  Dezember  allen  seinen  Einfluß  aufbot,  um  seinen 
Herrn  von  jeder  weiteren  Beteiligung  an  der  jülichschen  Ver- 
wicklung femzuhalten.  Er  wies  dabei  hin  auf  die  Aenderung  der 
Lage,  die  dadurch  eingetreten  sei,  daß  man  jetzt  über  die  .\^uf- 
fassung  des  Kaisers  klarer  sähe,  auf  die  vollzogene  Rettung  Jülichs, 
für  die  doch  die  Hilfe  nur  bestimmt  gewesen  sei,  auf  die  geringe 
Zuverlässigkeit  Frankreichs  und  auf  die  Gefahr  der  Isolierung,  die 
für  den  Kurfürsten  mit  dem  Anschluß  an  Frankreich  und  Jülich 

1)  GflDBtig  SEÜi  er  sie  z.  B.  am  25.  Nov.  an  (an  den  Uz.  Beg.  C.  No.  883, 
Bl.  20  ff.),  weniger  günstig  z.  B.  am  21.  Dez.  (an  dens.  ebenda  No.  885,  Bl.  GOff.i. 
’ 2)  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich  Okt.  27,  Reg.  C.  No.  877,  Bl.  133  ff,  Konz,  mit 

Korrektoren  Brücks,  dann  aber,  vermntlich  auf  Veranlassung  des  Kf..  stark  um- 
gestaltet. Kopie  in  Reg.  H.  p.  467,  No.  164. 

3)  Kf.  an  den  Hz.  Dez.  1,  Reg.  C.  No.  884,  Bl.  3 ff.,  Konz.  Planitz  an  Kf. 
Dez.  4,  ebenda  BL  6 ff.,  Or. 

4)  Kf.  an  Kgin.  Maria  Okt.  25,  R^.  C.  No.  877,  Bl.  119—125. 

5)  Kf.  an  Dölzig  und  Planitz  Nor.  13,  Reg.  C.  No.  881,  BL  57 — 67,  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Uneicherheit  1542 — 154ü.  357 

verbunden  sei ').  Johann  Friedrich  stimmte  zwar  mit  den  Gedanken 
Biiicks  nicht  in  jeder  Hinsicht  überein,  eignete  sie  sich  aber  doch 
im  wesentlichen  an  *).  In  seinem  Verhältnis  zu  Frankreich  tritt 
seit  dem  Ende  des  Jahres  1542  eine  unverkennbare  Abkühlung 
ein®),  und  die  Bitte  des  Herzogs  von  Jülich,  ihm  die  Truppen  noch 
1 — 2 Monate  zu  lassen,  erfüllte  er  nicht*),  ließ  sich  auch  dadurch, 
daß  der  Herzog  jetzt  das  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt  nahm, 
nicht  von  seiner  Zurückhaltung  abbringen  ®).  Daß  die  Frage  seiner 
Erbrechte  immer  noch  nicht  geregelt  war,  konnte  ihn  auch  nicht 
opferwilliger  machen®). 

In  gleicher  Richtung  bewegte  sich  auch  die  Politik  des  Kur- 
fürsten auf  dem  Nürnberger  Reichstage.  Es  kam  ihm  hier  darauf 
an,  seine  eigene  bisherige  Haltung  in  der  geldemschen  Sache  den 
kaiserlichen  Räten  gegenüber  zu  rechtfertigen,  er  wünschte  nicht, 
daß  diese  Angelegenheit  zum  Bruch  zwischen  ihm  und  den  Habs- 
burgem  führe  ’).  Auch  jetzt  lag  es  ihm  aber  fern,  etwa  den  Herzog 
ganz  aufzugeben  und  seinen  Vorteil  allein  zu  suchen.  Er  verlangte 
daher,  wie  wir  sahen,  daß  die  jülichsche  Sache  gleichzeitig  mit  der 
Wahlsache  und  seinen  anderen  Affairen  erledigt  würde,  außerdem 


1)  Brück  an  Kf.  Nov.  14,  R^.  C.  No.  882,  BL  6f.,  Or.;  Der.  14. 18,  Reg.  H. 
p.  467,  No.  164,  Or. ; Der.  22,  Reg.  C.  No.  885,  BL  86 — 92,  Or.  Heidrich, 
8. 7a 

2)  An  Dölzig  and  Planitz  Nov.  19,  Reg.  C.  No.  882,  BL  33.  34,  Konz,  und 
Or. ; An  Dölzig  Jan.  2,  Na  886,  BL  6— a Brief  Brücke  vom  18.  Dez. 

3)  Anfang  Dez.  empfängt  er  noch  den  Fraxineue  (Reg.  U.  p.  441,  No.  157  B. 
Seckendorf,  111,  S.403f.).  Ende  Dez.  läßt  er  auf  Rat  Brücke  eine  franzöeiecbe 
Oeeandtschaft  gar  nicht  mehr  zu  eich  kommen,  da  eie  ja  doch  immer  daeeelbe 
brächten.  (Brück  an  Kf.  Dez.  22,  Reg.  C.  No.  885,  BL  86—92.  Kf.  an  Dölzig  und 
Planitz  Dez.  23,  ebenda  BL  115 f.,  Or.  Heidrich,  8.  78,  5.) 

4)  Hz.  Wilhelm  an  Kf.  Dez.  23,  Reg.  C.  ebenda  BL  112  ff.,  Or.  Kf.  an 
den  Hz.  Jan.  7,  Reg.  C.  No.  886,  BL  26—29.  Hz.  an  Kf.  Jan.  23,  BL  56—59. 
Kf.  an  Hz.  Febr.  3,  BL  89—97.  Heidrich,  S.  83. 

5)  Dölzig  an  Kf.  Dez.  29.  Vergl.  Heidrich,  8.83,  3.  Kf.  an  Dölzig  und 
Planitz  Jan.  20,  Reg.  C.  No.  886,  BL  46 — 52. 

6)  ln  Brief  vom  3.  Febr.  machte  Kf.  den  Hz.  auf  dieee  Dinge  aufmerkeam. 
Ale  Dölzig  am  28.  Jan.  von  neuem  an  den  Hz.  gesandt  wurde,  sollte  er  vor  allem 
auch  die  gewünschte  Verschreibung  zu  erlangen  suchen.  Instruktion  R^.  C. 
No.  886,  BL  70—78,  Konz.  Heidrich,  8.  80,  2. 

7)  Der  Rechtfertigung  des  Kf.  diente  vor  allem  die  Verhandlung  Burchards 
mit  Granvella  am  7.  Jan.  1543.  Der  Bericht  Burchards  in  Reg.  C.  No.  895, 
BL  34—43.  Heidrich,  8.  83. 


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358 


Kapitel  III. 


suchte  er  die  Tttrkengetahr  zugunsten  des  Herzogs  zu  benutzen. 
Ein  Vorschlag,  den  der  Landgraf  ihm  am  3.  November  gemacht 
hatte,  die  Türkenhüfe  zu  verweigern,  bis  dem  Herzog  sein  Land 
wiedergegeben  sei‘),  war  ganz  nach  seinem  Geschmack*).  Aller- 
dings hatte  er  doch  auch  wieder  Bedenken,  ganz  allein  in  dieser 
Hinsicht  vorzugehen,  wollte  es  nur  tun,  wenn  einige  katholische 
Stände  sich  beteiligten.  Die  Gefahr  der  Isolierung,  mit  der  Brück 
ihm  auch  jetzt  wieder  im  Ohr  lag*),  schreckte  ihn  doch  wohl 
etwas.  Wenn  die  anderen  Schmalkaldener  ihn  im  Stich  ließen, 
wollte  er  nur  an  der  Forderung  der  Suspension  des  Kammergerichts 
unbedingt  festhalten ‘).  Er  wurde  nicht  vor  diese  Alternative  ge- 
stellt, da  die  anderen  Verbündeten  sich  von  einer  erstaunlichen 
Festigkeit  erwiesen,  so  daß  man  gemeinsam  gegen  den  Reichs- 
abschied und  die  Türkenhilfe  protestieren  konnte®).  Aber  ein 
Nachgeben  des  Kaisers  in  der  jülichschen  Sache  wurde  dadurch 
nicht  erreicht,  es  stellte  sich  vielmehr  immer  wieder  heraus,  daß 
eine  friedliche  Erledigung  des  Streites  nur  möglich  war,  wenn  der 
Herzog  sich  zu  einigem  Entgegenkommen  entschloß.  Schon  seit 
dem  Januar  sehen  wir  Johann  Friedrich  bemüht,  seinen  Schwager 
zu  einer  Aeußerung  über  seine  endgültigen  Forderungen  zu  be- 
wegen *).  Wie  so  oft,  war  es  auch  diesmal  außerordentlich  schwer, 
von  Herzog  Wilhelm  bestimmte  Erklärungen  zu  erlangen.  Der 
Kurfürst  selbst  hielt  einen  Anstand  von  einigen  Jahren  unter  Rück- 
gabe der  beiderseitigen  Eroberungen  für  ratsam.  Während  dieser 
Zeit  sollten  dann  die  bestehenden  Differenzen  erledigt  werden.  Als 


1)  R^.  C.  No.  880,  Bl.  52. 

2)  An  Dölzig  und  Planitz  Not.  13,  Zettel,  ebenda  No.  881,  BL  57  ff.  Ldgf. 
an  Kf.  März  26,  Reg.  H.  p.  530,  No.  177,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  März  30,  ebenda, 
Konz. 

3)  Vergl.  sein  ausführliches  Bedenken  etwa  aus  dem  Februar,  Reg.  C.  No.  893, 
Bl.  120—129,  Or.  Aktenst.  No.  46. 

4)  VergL  etwa  Brief  an  die  Räte  vom  12.  März,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II, 
Bl.  174  ff.,  Or.  An  Ldgf.  März  22,  P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie  1543,  März. 

.5)  Vom  14.  April  z.  B.  ein  Bedenken  des  Ausschusses,  ,dofi  kein  Stand  der 
augsburgischen  Konfession  und  Religion,  sonderlich  aber  die  Stände  der  christ- 
lichen Einung  Partikulartürkenhülfe  heimlich,  noch  öffentlich  nicht  tun  sollen*. 
Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II.  Der  Abschied  kam  ohne  die  Protestanten  zustande, 
sie  protestierten  gegen  ihn.  Vergl.  etwa  Ranke,  IV,  S.  206. 

6)  An  Hz.  Wilhelm  Jan.  7,  Reg.  C.  No.  886,  Bl.  26—29,  Reinentw.;  an 
Dölzig  und  Planitz  Jan.  10,  ebenda  Bl.  46—52,  Konz. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  359 

Mittel  dazu  schien  dem  Sachsen  die  Sequestration  Geldems,  seine 
Uebergabe  in  die  dritte  Hand,  nicht  besonders  empfehlenswert,  er 
empfahl  vielmehr,  daü  der  Herzog  das  Land  vom  Haus  Burgund 
zu  Afterlehen  nehme  und  einen  „nachbarlichen  guten  Verstand“  mit 
diesem  Hause  und  dem  Kaiser  suche*). 

Man  siebt  schon  ans  diesen  Vorschlägen,  daß  dem  Kurfürsten 
trotz  der  bisherigen  Erfolge  des  Herzogs  dessen  Lage  durchaus 
nicht  sehr  sicher  erschien,  auch  mit  der  Art  seiner  Kriegsfühmng, 
seiner  Abhängigkeit  von  seinen  Leuten  war  er  wenig  zufrieden*). 
Es  drohte  ja  jetzt  das  Eingreifen  des  Kaisers.  Nicht  ganz  zu  den 
früheren  Aeußerungen  des  Kurfürsten  paßt  es,  wenn  er  sich  jetzt 
unzufrieden  über  den  Einfall  des  Herzogs  in  Brabant  aussprach*). 

Erst  Ende  März  erfuhr  der  Kurfürst  endlich  etwas  über  die 
„Mittel“,  die  der  Herzog  selbst  vorschlug.  Weder  auf  eine  Ab- 
tretung Geldems,  noch  auf  Uebergabe  des  Landes  in  die  dritte 
Hand  wollte  er  sich  einlassen.  Der  Kurfürst  bat  nun  den  Land- 
grafen, gegen  Granvella  die  Afterlehnschaft  vorzuschlagen*).  In- 
zwischen hatte  der  hessische  Rat  Dr.  Walter  von  Naves  verhältnis- 
mäßig günstige  Mitteilungen  erhalten.  Man  verlangte  danach  kaiser- 
licherseits  nur,  daß  der  Herzog  für  seine  Person  von  Geldern 
einstweilen  abstehe,  wollte  aUes  weitere  gütlicher  und  rechtlicher 
Erörterung  überlassen  und  stellte  sogar  in  Aussicht,  daß  nach  Ver- 
söhnung des  Kaisers  der  Herzog  das  Land  ganz  oder  zum  Teil 
znrückerhaiten  könne®).  Als  Vlatten  auch  diese  Vorschläge  ab- 
lehnte, entwarf  der  Landgraf  seinerseits  neue  Bedingungen,  die 
auch  der  Kurfürst  seinem  Schwager  mit  geringen  Aenderungen  aufs 
dringendste  empfahl  Sie  wurden  aber  sowohl  von  jülichscher,  wie 
von  kaiserlicher  Seite  verworfen®).  Dagegen  wäre  man  durch  die 


1)  An  Dölzig  and  Planitz  Jan.  10,  b.  S.  358,  Anm.  6.  Instruktion  für  Dölzig 
vom  28.  Jan.,  b.  S.  357,  Anm.  6.  Kf.  an  Bnrchard  Febr.  8,  Reg.  EX  p.  52,  No.  109; 
an  Ldgf.  März  22,  P.  A.  Sachsen,  Emeetinieche  Linie  1543,  März,  Or. 

2)  Kf.  an  Hz.  Franz  v.  Lüneburg  März  28,  Reg.  C.  No.  888,  BL  53  ff. 

3)  Brief  an  Ldgf.  vom  22.  März,  s.  Anm.  1. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Marz  31,  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie  1543,  April,  Or. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  April  5,  Reg.  H.  p.  530,  No.  177,  Or.  nebst  Beilagen.  Kf. 
an  Ossa  and  Burchard  April  15,  Loc.  10674  „Zweites  Buch,  Handlung  zwischen . . .“, 
Or.,  ebenda  die  Mittel  des  Naves. 

6)  Brief  an  Ossa  und  Bnrchard  vom  15.,  Kf.  an  Ldgf.  April  12,  Reg.  H. 
p.  530,  No.  177.  Ldgf.  an  Kf.  April  10,  Reg.  H.  p.  536,  No.  178,  Or.  Kf.  an 
Hz.  Wilhelm  April  19,  R^.  C.  No.  887,  Bl.  83—90.  Hz.  Wilhelm  an  Kf.  Mai  3, 


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360 


Kapitel  III. 


Verhandlungen,  die  in  Nürnberg  selbst  zwischen  den  Parteien  direkt 
geführt  worden  waren,  fast  zu  einem  Vertrage  oder  wenigstens 
zu  einem  Waffenstillstände  gelangt.  Die  jülichschen  Räte  hatten 
aber  ohne  genügende  Vollmacht  abgeschlossen,  und  ihr  Herr  rer- 
warf  auch  diesen  Vertrag').  Der  Kurfürst  hat  das  offenbar  sehr 
wohl  begriffen,  stimmte  doch  selbst  Ossa  mit  dem  Vertrag  nicht 
überein*);  er  riet  aber  dem  Herzog  aufs  dringendste,  sich  seiner 
Kriegshändel  besser  als  bisher  anzunehmen,  einen  beständigen 
stattlichen  Kriegsrat  zu  verordnen,  auch  die  Obersten  und  Haupt- 
leute mit  zu  Rate  zu  ziehen,  da  die,  die  taten  sollten,  auch  mit 
raten  müßten.  Ein  Angriff  des  Kaisers  auf  den  Herzog  war  nun- 
mehr ja  unvermeidlich  — 

Bleiben  wir  aber,  ehe  wir  ihn  und  seine  Wirkungen  auf  die 
Politik  Johann  Friedrichs  verfolgen,  zunächst  noch  bei  dem  Nüni- 
berger  Reichstag!  Allerdings  bieten  die  eigentlichen  Reichstags- 
verhandlungen kaum  noch  etwas  von  Interesse.  Den  Standpunkt 
des  Kurfürsten  über  die  Türkenhilfe  kennen  wir  schon.  Da 
man  Frieden  und  Recht  nicht  erhielt,  wurde  nichts  ans  ihr.  Die 
Weisungen,  die  Johann  Friedrich  seinen  Gesandten  für  den  Fall  der 
Türkenhilfe  erteilt  hatte,  kamen  daher  anch  nicht  weiter  in  Betracht 
Was  den  äußeren  Gang  der  Verhandlungen  betrifft,  so  hatte  der 
Kurfürst  schon  am  14.  Dezember  vorgescblagen,  daß  sie  durch 
einen  gleichmäßigen,  d.  h.  paritätischen  Ausschuß  erfolgen  soUten. 
Dazu  ist  es  nun  doch  nicht  gekommen.  Die  knrsächsischen  Ge- 
sandten mußten  sich  damit  begnügen,  dafür  zu  sorgen,  daß  die 
Protestanten,  von  denen  nur  die  herzoglich-sächsischen  und  zum 
Teil  die  nümbergischen  sich  absonderten,  unter  sich  znsammen- 
hielten‘).  Es  kam  also  diesmal  gar  nicht  zu  Verhandlungen  nach 
Kollegien.  Die  Protestanten  bereiteten  sich  schon  vor  der  Pro- 
position darauf  vor,  dem  Könige  gemeinsam  entgegenzutreten. 
Gleich  nach  seiner  Ankunft  begab  man  sich  zu  ihm,  um  um  Ab- 
schaffung der  Kammergerichtsprozesse  zu  bitten,  und  nachdem  die 


Reg.  C.  No.  892,  BI.  2.  Die  „Mittel“  dee  Ldgf.  ebenda  Bl.  11 — 13.  Kf.  au  den 
Hz.  Mai  12,  ebenda  Bl.  25—27. 

1)  Lacomblet,  IV,  S.  675 ff.  Heidrich,  S.  88. 

2)  V.  Langeun,  8.  47/48. 

3)  Kf.  an  Hz.  Wilh.  Mai  12  und  13,  Keg.  C.  No.  892,  BL  25—27 ; No.  891, 
Bl.  12—15,  Konz.  Heidrich,  8.  96/97. 

4)  Thann  und  Burchard  an  Kf.  1542  Dez.  27,  R^.  E.  p.  52,  No.  109,  Or. 


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Bund  and  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  361 

Proposition  ergangen  war,  überreichte  man  ihm  und  den  kaiser- 
lichen Kommissaren  eine  schon  lange  vorbereitete  Supplikation'). 
Der  König  erwiderte  darauf,  und  in  den  nächsten  Wochen  sind 
dann  beständig  die  Schriftstücke  zwischen  ihm  und  den  Protestanten 
hin  und  her  gegangen  *),  ohne  daß  es  zu  wirklichen  Reichstags- 
plenarverhandlungen  kam.  Im  Reichsrat  waren  die  Katholiken  meist 
unter  sich.  Bei  jenem  Schriftwechsel  handelte  es  sich  in  erster 
Linie  um  das  Kammergericht.  Mit  der  Haltung,  die  man  ihm  gegen- 
über einnehmen  wollte,  mit  der  Frage,  ob  man  es  gemeinsam  oder 
einzeln  rekusieren  soUte,  finden  wir  die  Protestanten  auch  bei  ihren 
Sonderberatungen  besonders  im  Januar  beständig  beschäftigt. 

Im  engsten  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Reform  des 
Kammergerichts  stand  die  des  Friedens,  und  da  legte  man  nun 
jetzt  von  kursächsischer  und  landgräflicher  Seite  vor  allem  darauf 
Wert,  daß  die  braunschweigische  Sache  in  ihn  hineingezogen  würde. 
Gerade  diese  Angelegenheit  war  es  ja,  die  seit  dem  Jahre  1542 
die  Protestanten  nie  mehr  aus  einem  Gefühl  der  Unsicherheit  her- 
auskommen ließ.  Der  Herzog  hatte  das  Kammergericht  gegen  sie 
mobil  gemacht,  und  man  konnte  nie  wissen,  wie  lange  die  Zurück- 
haltung, die  die  Habsburger  zunächst  in  dieser  Frage  beobachteten, 
Vorhalten  würde.  So  waren  schließlich  die  Vermittlungsversuche, 
die  von  verschiedenen  Seiten  gemacht  wurden,  auch  für  die  Pro- 
testanten ganz  erwünscht  Sie  waren  aber  gänzlich  aussichtslos, 
solange  man  sich  nicht  über  das  künftige  Geschick  des  Landes 
einigte.  Die  Ansichten  des  Kurfürsten  darüber  zur  Zeit  des 
Schweinfurter  Tages  lernten  wir  kennen.  Besonders  eingehende 
Erörterungen  über  diese  PYage  haben  in  kursächsischen  Kreisen 
um  die  Wende  des  Jahres  1542/43  stattgefunden.  Es  fehlte  da- 
bei, wie  wir  von  Ossa  hören,  nicht  an  Gegensätzen.  Er  und  die 
Wittenberger  waren  dagegen,  daß  mau  ein  Eroberungsrecht  geltend 
machen  könne,  die  entgegengesetzte  Ansicht  Brücks  aber  trug  den 
Sieg  beim  Kurfürsten  davon®).  Tatsächlich  finden  wir  diese  An- 
sicht, daß  Braunschweig  ein  erobertes  Land  sei,  schon  in  der  In- 
struktion des  Kurfürsten  für  seine  Räte  in  Nürnberg  vom  9.  De- 

1)  Hessische  Berichte  in  P.  A.  No.  650,  Ossa,  S.  31. 

2)  Bleidan,  II,  S.  298 f.  Die  Reichstagsakten  in  P.  A.  No.  652  und  655. 
Reg.  E.  p.  52,  No.  lOfi;  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II.  Vergl.  auch  P.  C.  III, 
345;  M.  P.  C.  I,  545.  5591. 

3)  V.  Langenn,  S.  43.  Ossa,  S.  28/29. 


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362 


Kapitel  III. 


zember  *).  Weitere  Aeußerungen  von  ihm  aus  den  nächsten  Wochen 
zeigen  aber,  daß  er  sich  doch  anderen  Ansichten  nicht  so  ganz 
verschloß.  So  sprach  er  sich  z.  B.  am  26.  Dezember  dem  Land- 
grafen gegenüber  gegen  die  Teilung  des  Landes  aus,  weil  man  die 
bayrische  Vermittlung  angenommen  habe,  und  wegen  der  Ansprüche 
der  Mitbelehnten’),  und  in  einem  Briefe  vom  1. Februar  stellte  er 
die  verschiedenen  Ansichten  seiner  Gelehrten  einander  gegenüber. 
Er  neigte  zwar  offenbar  zu  der  radikaleren,  aber  besonders  die 
Ansprüche  der  Mitbelehnten  erschienen  ihm  doch  bedenklich’). 
Als  den  besten  Ausweg  betrachtete  er  nach  wie  vor,  daß  das 
Land  durch  Unterhandlung  an  die  Kinder  des  Herzogs  käme’). 
Das  war  die  Grundlage,  an  der  er  vor  allem  gegenüber  der 
bayerischen  Vermittlung  festzuhalten  sich  bemühte. 

Diese  stand  im  engsten  Zusammenhang  mit  den  Annäherungs- 
versuchen, die  überhaupt  von  bayrischer  Seite  seit  dem  Sommer  1542 
wieder  erfolgt  waren  ®).  Eck  hatte  sich  auf  dem  ersten  Nürnberger 
Reichstage  der  Vermittlung  des  jülichschen  Gesandten  Vlatten  be- 
dient, um  wieder  gegen  die  Habsburger  zu  wühlen.  Von  protestan- 
tischer Seite  hatte  man  darauf  als  Vorbedingung  jedes  Bundes  mit 
Bayern  die  Sicherheit  bezeichnet,  daß  der  Braunschweiger  bei  diesem 
keine  Unterstützung  fände.  Eck  gab  in  dieser  Beziehung  beruhigende 
Erklärungen  ab.  Zn  ii'gendwelchem  Abschluß  kam  es  zwar  nicht, 
da  die  kursächsischen  Gesandten  gar  keine  Vollmachten  hatten. 
Thann  hatte  aber  einen  günstigen  Eindruck  von  Ecks  Ehrlichkeit  ’), 
und  die  Sache  kam  denn  auch  nicht  so  bald  wieder  zur  Ruhe. 

Vor  allem  war  Johann  Friedrich  ganz  außerordentlich  für  den 
Gedanken  eines  Bundes  mit  Bayern,  Jülich  und  Trier  (auch  mit 
diesem  hatte  man  in  Nürnberg  schon  verhandelt)  begeistert.  Daß 
man  nicht  der  gleichen  Religion  sei,  schien  ihm  kein  Hindernis, 
er  meinte,  es  werde  genügen,  wenn  die  beteiligten  katholischen 
Stände  versprächen,  ihre  Untertanen  der  protestantischen  Religion 


1)  R^.  E.  p.  52,  No.  107,  Or. 

2)  Reg.  H.  p.  513,  No.  174,  Konz. 

3)  An  Ldgf.  ebenda. 

4)  Kf.  an  seine  Räte  in  Nürnberg  Jan.  lü.  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  II,  Or. 

5)  Uebrigens  verabredeten  Kf.  und  Ldgf.  schon  in  dem  Torgauer  Vertrage 
vom  27.  April  1542,  die  Verhandlung  mit  Bayern  in  Nürnberg  fortzusetzen. 
Weim.  Arch.  Urk.  No.  1659. 

6)  Thann  an  Kf.  Sept.  1,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  I,  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Uneicherheit  1542 — 1546. 


363 


halber  nicht  zu  verfolgen  und  nicht  wider  die  Protestanten  zu 
handeln  ^).  Dagegen  war  er  durchaus  nicht  damit  einverstanden,  daß 
der  Landgraf  Kaiser  und  König  ausnehmen  wollte  und  erklärte,  daß 
er  sich  zu  keiner  Unterstützung  Jülichs  verpflichten  könne,  sondern 
nur  zur  Nichtbeteiligung  an  Unternehmungen  gegen  den  Herzog. 
Besonders  die  Ausnehmung  des  Kaisers  und  Königs  schien  dem 
Kurfürsten  geradezu  lächerlich*).  Sicher  wurde  er  zu  dieser  Hal- 
tung stark  mitbestimmt  durch  die  Jülich  drohende  Gefahr*),  man 
braucht  das  aber  nicht  als  sein  einziges  Motiv  zu  betrachten,  wenn 
man  seine  ganze  seit  1537  befolgte  Politik  im  Auge  hat. 

Es  ist  begreiflich,  daß  dem  Kurfürsten  bei  dieser  großen 
Neigung  zum  Bunde  mit  Bayern  auch  dessen  Vermittlung  in  der 
Braunschweiger  Sache,  die  Ende  September  einsetzte,  ganz  sym- 
pathisch war^).  Der  Landgraf  war  weniger  dafür  begeistert,  ließ 
sich  aber  schließlich  auch  darauf  ein  unter  der  Bedingung,  daß 
nur  mit  den  Kindern  des  Herzogs  verhandelt  würde.  Recht  in 
Gang  kam  die  Sache  erst  während  des  Nürnberger  Reichstages. 
Als  man  dort  Mitte  Februar  zusammenkam,  erklärten  nun  aller- 
dings die  Vertreter  Bayerns,  daß  weder  der  Herzog  noch  seine 
Kinder  sich  darauf  einlassen  würden,  daß  das  Land  jenem  ge- 
nommen werden  sollte.  Auf  einer  anderen  Grundlage  durften  die 
Vertreter  der  Stände  aber  überhaupt  nicht  verhandeln  und  mußten 
erst  nach  Hause  berichten  *).  Dazu,  das  Land  den  Kindern  zurück- 
zugeben, waren  die  Verbündeten  bereit  unter  der  Bedingung,  daß 
die  Kammergerichtsprozesse  abgeschafit  und  sie  selbst  gegen  jeden 
tätlichen  Angriff  des  Herzogs  gesichert  würden.  Schließlich  hat 
auch  Bayern  jene  Grundlage  acceptiert,  nun  aber  vorgeschlagen, 
daß  das  Land  den  Kindern  des  Herzogs  zurückgegeben  werden 
müsse  in  dem  Umfang  und  Zustand,  wie  es  ihrem  Vater  ge- 
ll Kf.  an  Ldgf.  gept  7,  P.  A.  Sachsen,  Ernestin.  Linie,  Or. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  13,  Konz,  ebenda;  Or.  von  Sept.  16,  Reg.  H.  p.  458, 
No.  162.  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  22,  Reg.  H.  ebenda,  Konz.,  Or.  P.  A.  Ldgf. 
an  Kf.  Sept.  27,  P.  A.,  Konz.  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  9,  Lenz,  III,  S.  233.  Lgf.  an 
Kf.  Okt.  16.  Lenz,  S.  234  etc. 

3)  Lenz,  III,  S.  233 f. 

4)  Die  Hze.  von  Bayern  an  Kf.  and  Ldgf.  Sept.  27,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  B, 
IV,  Kopie.  Lenz,  III,  S.  232,  Anm.  2.  Dort  falsch  auf  Sept.  29  datiert.  Kf. 
und  Ldgf.  an  die  Hze.  Okt.  10,  Reg.  H.  a.  a.  O.  Kopie.  Lenz,  III,  S.  234,  1. 

5)  Kopie  eines  Ansschufibedenkens  über  die  Verhandlungen  etwa  vom  19.  Febr., 
R<*.  H.  p.  421,  No.  154  B,  IV. 


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364 


Kapitel  III. 


nommen  worden  sei,  daß  die  Kleinodien  und  die  Einkünfte  dieses 
Jahres  gegen  die  Kriegskosten  aufgerechnet  würden  und  daß  über 
Braunschweig  und  Goslar  eine  rechtliche  Erörterung  stattfinde.  Die 
Verbündeten  erklärten  alle  drei  Vorschläge  für  unannehmbar,  be- 
standen außerdem  auf  der  Notwendigkeit  einer  Versicherung  gegen 
einen  Angriff  des  Herzogs.  Darauf  konnten  sich  aber  wieder  die 
Bayern  nicht  einlassen  und  machten  daher  den  neuen  Vorschlag, 
daß  das  Land  entweder  in  die  Hände  des  Kaisers  oder  in  die 
zweier  Fürsten  gegeben  werde,  damit  dann  binnen  Jahresfrist 
die  Sache  beigelegt  würde.  Da  das  etwas  ganz  Neues  war, 
mußten  die  Vertreter  der  Verbündeten  erst  darüber  nach  Hause 
berichten '). 

Die  bayrische  Vermittlung  scheint  dann  allmählich  im  Sande 
verlaufen  zu  sein.  Sie  wurde  verdrängt  durch  eine  Aktion  König 
Ferdinands.  Er  lud  am  10.  März  den  Kurfürsten  und  Landgrafen 
und  ihre  Verbündeten  auf  Quasimodogeniti  zu  einem  Verhörtag 
vor*).  Das  gab  Anlaß  zu  einer  Erörterung  zwischen  den  beiden 
Bundeshäuptem  darüber,  ob  man  sich  schon  jetzt  auf  einen  solchen 
Tag  einlassen  könne.  Der  Kurfürst  war  der  Meinung,  daß  man 
nicht  genügend  darauf  vorbereitet  sei,  und  es  gelang  ihm,  auch 
den  Landgrafen  für  diese  Anschauung  zu  gewinnen  *).  So  ließ  man 
denn  am  1.  April  dem  Könige  und  den  kaiserlichen  Kommissaren 
eine  Schrift  überreichen,  in  der  man  den  Tag  ablehnte  und  um 
Verschiebung  der  Sache  bis  zur  Ankunft  des  Kaisers  bat.  Als 
Gründe  führte  man  1)  die  noch  nicht  beendete  bayrische  Ver- 
handlung an  und  2)  die  Kürze  der  Zeit,  die  es  ihnen  unmöglich 
mache,  ihre  Verbündeten  zu  benachrichtigen  und  sich  mit  ihnen  zu 
unterreden.  Man  fügte  hinzu,  daß  man  sich  überhaupt  nur  auf  ein 
Verhör  vor  Kaiser  und  Reich  einlassen  wolle  *).  Ferdinand  erfüllte 
diesen  Wunsch  der  Verbündeten.  Der  Verhörtag  wurde  bis  zur 
Ankunft  des  Kaisers  verschoben.  Die  Zwischenzeit  wollten  die 
Verbündeten  zu  gründlicheren  Vorbereitungen  benutzen. 


1)  Protokoll  über  die  Verhandlungen  vom  21.  Februar  bis  1.  März,  Bcg.  H. 
p.  421,  No.  154  B,  vol.  IV. 

2)  Or.  Reg.  H.  p.  1118,  St,  No.  3. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  März  15,  Reg.  H.  p.  536,  No.  178,  Or.  Ldgf.  an  K£ 
März  21,  ebenda  530,  No.  177,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  März  29,  ebenda,  Konz.  Ldgf. 
an  Kf.  April  1,  ebenda,  Or. 

4)  Reg.  H.  p.  421,  No.  154  I.  Vergl.  auch  Oesa,  S.  34;  Langenn,  S.  47. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  3ßö 

Ebensowenig  wie  die  bayrische  Vermittlung  haben  die  Bündnis- 
verhandlungen mit  Bayern  einen  Erfolg  gehabt.  Der  Landgraf 
hatte  im  Herbst  1542  schließlich  Eck  verständigt,  daß  man  auf 
dem  Keichstage  über  den  Plan  verhandeln  wolle.  Er  und  der 
Kurfürst  wai'en  dabei  ungefähr  darin  einig,  daß  man  die  ersten 
Vorschläge  von  Bayern  ausgehen  lassen  müsse.  Als  einen  sehr 
wertvollen  Gewinn  würde  man  es  vor  allem  betrachtet  haben, 
wenn  Bayern  und  andere  Fürsten  sich  bereit  erklärt  hätten,  ihren 
Untertanen  die  Religion  frei  zu  lassen.  Eventuell  wollte  man 
aber  auch  mit  einer  gegenseitigen  Verpflichtung  zufrieden  sein, 
daß  keiner  den  andern  der  Religion  halber  überziehen  und  daß  man 
gemeinsam  die  Reichsfreiheiten  verteidigen  solle.  Der  Landgraf 
hielt  dabei  nach  wie  vor  an  der  Ausnehmung  von  Kaiser  und  König 
fest,  was  in  Eck  den  Gedanken  erweckte,  wenigstens  hinzuzufügen : 
sofern  er  sich  hielte,  wie  einem  Kaiser  gebühre ‘). 

Den  Gang  der  Verhandlungen  in  Nürnberg  brauchen  wir 
nicht  in  allen  Einzelheiten  zu  verfolgen.  Der  Kurfürst  war  noch 
im  Februar  Feuer  und  Flamme  für  das  Bündnis,  aber  ohne  irgend 
welche  Ausnehmungen,  er  betrachtete  den  Bund  ja  vor  allem  als 
ein  Mittel  zur  Verteidigung  der  Reichsfreiheiten  gegen  die  Habs- 
burger und  glaubte  darin  mit  Eck  und  den  Bayern  einig  zu  sein  *). 
Aber  auch  der  Landgraf  verharrte  auf  seinem  Standpunkt.  Wenn 
er  trotzdem  auf  den  Bund  Wert  legte,  so  geschah  es,  weil  er  da- 
durch Bayern  von  Heinrich  von  Braunschweig  abzuziehen  hoffte’). 
Nicht  geneigt  wai-  nach  seinen  Mitteilungen  Bayern  allerdings  zu 
einer  Aufnahme  Jülichs  in  den  Bund‘). 

Hier  lag  ein  Anlaß  zu  einem  Gegensatz  zwischen  Sachsen  und 
Bayern.  Eck  erlaubte  sich  Aeußerungen  des  Mißtrauens  gegen 
Kursachsen®),  andererseits  war  der  Kurfürst  mit  Bündnisartikeln, 
die  der  bayrische  Kanzler  überreichte,  wenig  einverstanden.  In 
religiöser  Hinsicht  genügten  sie  ihm  nicht,  außerdem  gewann  er  aus 


1)  Nach  einem  gummariechen  Verzeichnie,  dae  zu  einer  Relation  Sailers 
vom  13.  Dez.  gehört,  Reg.  H.  p.  513,  No.  174  und  p.  421,  No.  154  I. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  14,  P.  A.  Sachsen,  Emeet.  Linie,  Or.  Vergl.  Lenz, 
m,  8.  247. 

3)  Vergl.  etwa  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  11,  Reg.  H.  p.  525,  No.  176,  Or. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  12,  Reg.  H.  p.  519,  No.  175,  Or.  Dazu  hessische 
Bäte  ans  Nürnberg  an  Ldgf.  Febr.  7,  ebenda,  Kopie. 

5)  Bericht  Aitingers  vom  12.  Febr.,  Lenz,  III,  S.  245. 


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366 


Kapitel  III. 


ihnen  den  Eindruck,  als  wolle  Baj’ern  nur  die  Verbündeten  doch 
noch  zur  Türkenhilfe  veranlassen^).  Er  nahm  schließlich  an,  daß 
die  ganze  Verhandlung  mit  Wissen  des  Kaisers  erfolge  und  nicht 
ehrlich  gemeint  sei;  er  schloß  sich  zwar  der  Ansicht  des  Land- 
grafen an,  daß  man  sie  trotzdem  fortsetzen  müsse,  warnte  aber 
dringend  vor  jedem  Zugeständnis  auf  religiösem  Gebiete*).  Irgeud- 
welche  Begeisterung  für  die  Verhandlungen  war  jetzt  bei  ihm  nicht 
mehr  vorhanden,  um  so  weniger,  als  er  auch  dem  Landgrafen  nicht 
recht  traute®). 

Dieser  sowohl  wie  Burchard  suchte  die  bayrische  Politik  zu  ver- 
teidigen*). Eck  mußte  zwar  wegen  der  Aenderungen,  die  Sachsen 
und  Hessen  an  seinen  Artikeln  vorgenommen  hatten,  nach  Hause 
berichten,  doch  hatte  er  persönlich  nur  gegen  die  Ausnehmung  Be- 
denken, nahm  also  die  sächsischen  Aenderungen  an®).  Auch  über 
eine  Beteiligung  Württembergs  an  dem  Bunde  wurde  im  März  viel 
verhandelt®).  Wirklich  von  der  Stelle  kam  man  erst  am  30.  März 
und  1.  April  wieder.  Man  verhandelte  über  die  von  Sachsen  und 
Hessen  geänderten  Bundesartikel,  und  Bayern  nahm  dabei  Anstoß 
an  der  von  ihm  verlangten  ausdrücklichen  Verpflichtung,  nichts 
für  Herzog  Heinrich  zu  tun,  die  es  nicht  aussprechen  wollte,  und 
an  der  .Ausnehmung,  die  es  für  unnütz  hielt*).  Es  ist  begreiflich, 
daß  besonders  die  Bedenken  Bayerns  in  der  braunschweigischen 
Sache  den  anderen  Ftti-sten  höchst  verdächtig  waren,  auch  der 
Landgraf  war  jetzt  voll  Mißtrauen  und  verlangte,  daß  man  eine 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  25,  Lenz,  III,  S.  250ff.  Or.  P.  A.  ^ächzen, 
E^est  Linie,  März.  Ganz  ähnlich  schon  Brief  an  Burchard  vom  12.  Jan.,  Reg.  U. 
p.  421,  No.  154,  I,  Or.,  so  daß  die  verletzenden  Aeußerungen  Ecks  nicht  alldn  die 
Verstimmung  herbeiführten.  Daß  sich  der  Kf.  aber  durch  sie  gekränkt  fühlte, 
zeigt  Brief  an  Burchard  vom  26.  Febr.,  ebenda. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  März  4,  Reg.  H.  p.  525,  No.  176,  Konz. 

3)  Brief  an  Burchard  vom  26.  Febr.  (s.  Anm.  1). 

4)  Ldgf.  an  Kf.  März  4,  Reg.  H.  p.  525,  No.  176.  Zum  Täl  gedruckt  bei 
Lenz , III,  8.  252  Anm.  Burchard  an  Kf.  [ca.  Febr.  26  oder  27],  Reg.  H.  p.  421, 
No.  154,  I,  Or. 

5)  Burchard  an  Kf.  März  12,  R^.  H.  p.  421,  No.  154  I,  Or,;  März  25, 
ebenda. 

6)  Hz.  LTrichan  Kf.  und  Ldgf.  Febr.  24,  M.  P.  C I,  569.  VergL  Heyd, 
III,  S.  267.  Ldgf.  an  Kf.  März  5,  Kf.  an  Ldgf.  März  15,  Reg.  H.  p.  525, 
Na  176,  Or.;  Lenz,  III,  8.  270,  1.  Der  Hz.  an  Ldgf.  März  15,  Neudecker, 
Aktenst.,  S.  292—297.  Vergl.  auch  Riezier,  IV,  8.  313  f. 

1)  Neudecker,  Aktenst,  8.  304 — 311.  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  I. 


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fiand  und  Beich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


367 


bestimmte  ErkläruDg  in  diesem  Punkte  von  den  Herzögen  fordere 
und  dadurch  eine  Entscheidung  herbeiführe*).  Der  Kurfürst  hob 
zwar  hervor,  daß  sie  beide  durch  die  Ausnehmung  auch  Anlaß  zu 
Weitläufigkeiten  gegeben  hätten,  aber  auch  er  nahm  an  dem  Ver- 
halten Bayerns  in  der  braunschweigischen  Frage  den  größten  An- 
stoß, verwies  auch  auf  die  Schwierigkeiten,  die  Eck  bei  den  Ver- 
handlungen über  Frieden  und  Recht  und  über  den  jülichschen 
Frieden  mache.  Er  empfahl,  die  Verhandlungen  jetzt  abzubrechen, 
aber  doch  mit  den  Bayern  Fühlung  zu  behalten  entweder  durch 
Vermittlung  Herzog  Ulrichs,  oder  indem  man  eine  persönliche 
Zusammenkunft  zwischen  den  Herzogen  und  ihnen  beiden  vor- 
schlüge ’). 

Der  Landgraf  war  im  ganzen  wohl  mit  einer  solchen  Haltung 
einverstanden*),  doch  gingen  auch  die  Verhandlungen  in  Nürnberg 
noch  weiter.  Auf  Veranlassung  Philipps  schlug  man  Eck  vor,  die 
Erwähnung  des  Braunschweigers  in  eine  Beiverschreibung  hineinzu- 
bringen *).  Eck  lehnte  aber  auch  das  ab  *).  Das  steigerte  natürlich 
das  Mißtrauen  und  nahm  auch  dem  Landgrafen  die  Lust  an  der 
geplanten  persönlichen  Zusammenkunft.  Nur  wenn  man  vorher 
von  Bayern  Sicherheit  in  bezug  auf  Braunschweig  habe  und  wenn 
es  eine  Versicherung  gäbe,  daß  es  überhaupt  nichts  gegen  die  Ver- 
bündeten tun  wolle,  auch  wenn  der  Kaiser  und  das  Konzil  etwas  der- 
art beschlössen,  wollte  er  sich  auf  die  Zusammenkunft  einlassen  ^). 
Ganz  streng  hat  er  an  diesem  Standpunkte  allerdings  nicht  fest- 
gehalten; durch  Ulrich  von  Württemberg  ließ  er  sich  für  den  Ge- 
danken gewinnen,  daß  die  beteiligten  Fürsten  sich  gegenseitig  durch 
Handschlag  verpfiichten  sollten,  nichts  gegeneinander  zu  tun.  In 
Schweinfurt  sollte  zu  diesem  Zweck  eine  Zusammenkunft  stattfinden '). 
Auch  der  Kurfürst  gab  am  20.  Juni  seine  Zustimmung  zu  diesem 
Plane*).  Daß  Herzog  Wilhelm  dann  aber  doch  wieder  um  Ver- 

1)  Ldgf.  an  Kf.  April  5,  Reg.  H.  p.  530,  No.  177,  Or. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  April  9,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  I;  Lenz,  III,  S.  268, 1. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  April  16,  Reg.  H.  p.  536,  No.  178,  Or. 

4)  Kf.  an  Bnrchard  April  22,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  I,  Or. 

5)  Bnrchard  an  Kf.  April  24.  ebenda,  Or.  Mit  BeUage  Ober  die  Verband- 
langen mit  Eck  vom  20.  April. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  4,  Reg.  H.  p.  541,  No.  179,  Or. 

7)  Ulrich  an  Ldgf.  Jani  1,  Neudecker,  Aktenst,  S.  325 — 328. 

8)  P.  A.  Sachsen,  Emeetinische  Linie,  Or.;  Neudecker,  Aktenst.,  S.  331 
—336;  Lenz,  HI,  8.  279,  1. 


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368 


Kapitel  III. 


Schiebung  dieser  Zusammenkunft  auf  den  Reichstag  bat '),  mußte  das 
Mißtrauen  gegen  die  bajTische  Politik  verstärken.  Im  Sommer  1543 
waren  sowolil  der  Kurfürst  wie  Brück  der  Meinung,  daß  auf  Bayern 
kein  Verlaß  sei.  und  daß  das  Ganze  nur  ein  Betrug  gewesen  sei*); 
auch  der  Landgraf  wurde  gerade  dadurch,  daß  Eck  ihn  beständig 
vor  dem  Kurfürsten  warnte,  in  seinem  Mißtrauen  gegen  die  Bayern 
bestärkt®).  Die  Korrespondenz  scheint  in  der  nächsten  Zeit  dann 
ganz  eingeschlafen  zu  sein,  erst  im  April  1544  suchten  der  Kur- 
fürst und  der  Landgraf  wieder  engere  Fühlung  mit  Bayern,  doch 
scheint  auch  damals  nichts  Rechtes  erreicht  worden  zu  sein‘).  — 

Auf  dem  Schweinfurter  Tage  hatte  man  beschlossen,  gleich- 
zeitig mit  dem  Nürnberger  Reichstage  einen  Bundestag  abznhalten. 
Er  war  allerdings  nur  sehr  mangelhaft  beschickt,  und  es  mußten 
noch  im  Februar  Aufforderungen  zum  Kommen  an  einzelne  Bundes- 
stände ergehen®),  trotzdem  begann  man  aber  schon  im  Januar  mit 
den  Beratungen.  Vor  allem  handelte  es  sich  dabei  um  das  fernere 
Verhältnis  zum  Kammergericht.  Lange  Verhandlungen  fanden  noch 
über  die  Ratifikation  der  Rekusation  des  Gerichts  statt,  man  be- 
schloß schließlich  doch,  daß  jeder  einzelne  Stand  sie  vornehmen 
solle*).  Ferner  tauchte  der  Gedanke  auf,  auch  eine  Anzahl  von 
katholischen  Ständen  zur  Mitwirkung  bei  der  Entfernung  der  ver- 
dächtigen Mitglieder  des  Gerichts  und  seiner  paritätischen  Be- 
setzung zu  veranlassen’). 

Dadurch,  daß  der  Reichstag  die  Suspension  der  Kammergerichts- 
prozesse bis  zur  erfolgten  Visitation  anordnete,  wurde  das  zunächst 
unnütz,  man  beschloß  aber,  für  den  Fall,  daß  das  Gericht  sich 
daran  nicht  kehre,  die  Kurfürsten  durch  die  Bundeshauptleute  zur 
Abberufung  ihrer  Beisitzer  auffordem  zu  lassen.  Zur  Vorbereitung 
auf  die  Visitation  sollten  die  einzelnen  Stände  Gutachten  darüber 


1)  Neudeckcr,  Aktenet.,  S.  335f. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  I,  Bommel,  II,  S.  45S.  Brück  an  Kf.  Sept.  9, 
Zettel,  Reg.  H.  p.  467,  No.  164,  Or. 

3)  Ijdgf.  an  Kf.  Sept.  22,  E^.  H.  p.  555,  No.  182,  I,  Or. 

4)  Druffel,  Abt.  Ba^r.  Ak.  XIII,  S.  174f.  257 ff.  P.  A.  Bayern  1544. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  29,  Eeg.  H.  p.  519,  No.  175,  Or.  Aneschreiben  vom 
10.  Febr.,  ebenda,  Konz. 

6)  Die  Bäte  an  Kf.  Jan.  11,  13,  Beg.  E.  p.  52,  No.  109,  Or.  Ldgf.  an  Kf. 
Febr.  24,  Beg.  H.  p.  525,  No.  176,  Or.  Abschied  vom  28.  April,  Weimar.  Arch. 
Drk.  No.  1629,  Or., 

7)  Bericht  der  Bäte  an  Kf.  vom  11.  Jan. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Uneicherheit  1542 — 1546.  369 

verfassen,  die  dann  von  sächsischen,  hessischen  und  frankfurtischen 
Rechtsverständigen  zu  einem  Gesamtgutachten  znsammengearbeitet 
werden  sollten ‘). 

Die  Hauptfrage  war  aber  die,  wie  man  sich  gegen  ein  etwaiges 
weiteres  Vorgehen  des  Kammergerichts  schätzen  und  fttr  den  Mangel 
eines  höchsten  Gerichts  Ersatz  schaffen  sollte.  Johann  Friedrich 
nahm  da  den  schon  öfter  erwogenen,  damals  auch  von  Aitinger  an- 
geregten *)  Gedanken  wieder  auf,  das  schmalkaldische  Bündnis  auch 
auf  Profansachen  auszndehnen  *).  Er  fand  aber  selbst  beim  Land- 
grafen nicht  viel  Anklang  damit  *),  noch  weniger  waren  die  anderen 
Verbündeten  dafür  zu  haben  °).  Immerhin  kam  am  16.  Februar 
ein  Beschluß  zustande,  der  einigermaßen  als  ein  Ersatz  für  eine 
solche  Aasdehnung  betrachtet  werden  konnte.  Man  verabredete 
nämlich,  sich  ebenso  wie  in  Religionssachen  zu  schützen,  wenn  man 
wegen  der  braunschweigischen  Defension  oder  wegen  Nichtunter- 
haltung  des  Kammergerichts  mit  der  Tat  beschwert  werden  würde. 
Würde  es  aus  anderen  Gründen  vom  Kammergericht  geschehen, 
so  sollte  den  Gegnern  von  den  Oberhanptleuten  ein  Aastrag  vor- 
geschlagen werden.  Nähmen  sie  das  nicht  au,  so  wollte  man  den 
beschwerten  Ständen  ebenfalls  wie  in  Religionssachen  helfen.  Eine 
Beschlußfassung  über  eine  etwaige  Erstreckung  der  Einung  auf 
Profansachen  and  über  die  Einrichtung  eines  Austrags  für  den 
Fall,  daß  es  unter  den  Verbündeten  selbst  zu  Streitigkeiten  käme, 
wurde  auf  den  nächsten  Bundestag  verschoben*). 

Dieser,  für  den  Frankfurt  in  Aussicht  genommen  wurde,  sollte 
auch  über  die  Mängel  des  Bundes  beraten.  Sie  waren  gerade  in 

1)  Alles  nach  dem  Bundeeabschied. 

2)  Aitinger  an  Ldgf.  Dez.  12.  Kopie  davon  schickte  Philipp  am  26.  Dez. 
an  Kf.,  R^.  H.  p.  513,  No.  174. 

3)  Kf.  an  die  Räte  Jan.  13,  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  II,  Or. 

4)  Philipp  war  zwar  im  Prinzip  einverstanden,  fürchtete  aber,  daß  viele 
andere  Bnndeestände  nicht  dafür  zu  haben  sein  würden.  Außerdem  hatte  er 
selbst  Bedenken  dagegen,  sich  auf  alle  Dinge,  die  die  Städte  hätten,  einzulassen, 
und  meinte,  selbst  die  Häuser  Sachsen  und  Brandenburg,  Württemberg,  die 
rheinische  Einung  und  wahrscheinlich  auch  Kaiser  und  König  ausnehmen  zu 
müssen.  (Ldgf.  an  seine  Räte  in  Nürnberg  Jan.  24,  P.  A.  No.  650,  Konz.) 

5)  Die  Räte  an  Kf.  Jan.  30,  Reg.  E.  p.  52,  No.  109,  Or. 

6)  Ee  handelt  sich  zunächst  nur  um  ein  Bedenken  des  Ausschusses,  das  ad 
referendum  genommen  wurde  (Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  II).  Der  Abschied  zeigt 
aber,  daß  man  es  zum  Beschluß  erhob.  Zustimmung  des  Kf.  vom  21.  Febr.  an 
die  Räte,  Reg.  K p.  52,  No.  109,  Or. 

Beiträge  xnr  oeuereo  Geschichte  ThSringees  I,  2.  24 


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370 


Kapitel  III. 


Nürnberg  wieder  sehr  stark  hervorgetreten.  Mit  der  Zahlung  des 
dritten  Doppelmonats  war  es  sehr  mangelhaft  bestellt,  immer  wieder 
mußten  die  Botschafter  über  alle  wichtigeren  Fragen  erst  nach 
Hause  berichten  u.  dgl.  m.  Unangenehm  wurde  vor  allem  empfunden, 
daß  bald  in  der  einen,  bald  in  der  anderen  Frage  einzelne  Stände 
sich  absonderten.  So  nahm  Württemberg  an  allem,  was  mit  dem 
braunschweigischen  Unternehmen  zusammenhing,  nicht  teil  ‘),  Pom- 
mern verweigerte  in  Nürnberg  jede  Beteiligung  an  den  Beratungen, 
ehe  die  Stände  sich  über  seine  Irrung  mit  Dänemark  erklärt  hätten  *), 
und  von  einer  Zugehöiigkeit  des  Herzogs  Moritz  zum  Bunde  konnte 
überhaupt  kaum  mehr  die  Rede  sein.  Beim  Kurfürsten  ist  dem- 
gegenüber der  Gedanke  eines  Sonderbündnisses  zwischen  dem  Land- 
grafen, Herzog  Moritz  und  ihm  aufgetaucht.  Philipp  wollte  sich 
jedoch  höchstens  dann  darauf  einlassen,  wenn  der  schmalkaldische 
Bund  daneben  fortbestände  *).  Außerdem  befürwortete  der  Kurfürst 
die  Ersetzung  der  abfallenden  Mitglieder  durch  neue,  vor  allem 
durch  die  Aufnahme  Jülichs,  von  dem  er  voraussetzte,  daß  es 
jetzt  nach  Annahme  des  Abendmahls  unter  beiderlei  Gestalt  zum 
Eintritt  in  den  Bund  bereit  sein  würde ‘).  Er  fand  damit  aber 
beim  Landgrafen  wenig  Anklang’),  und  so  kam  denn  auch  kein 
Beschluß  darüber  zustande,  obgleich  Johann  Fiiedrich  ausdrück- 
lich hervorhob,  daß  der  jetzige  Krieg  natürlich  nicht  unter  das 
Bündnis  gehören  solle®). 

Auch  über  manche  anderen  Bundeserweiterungen  wurde  in 
Nürnberg  verhandelt.  Einverstanden  war  man  mit  der  Aufnahme 
des  Pfalzgrafen  Ottheinrich.  Dagegen  wurde  über  die  Schwedens, 
über  die  Dänemark  schon  seit  längerer  Zeit  verhandelte,  eine  Be- 
schlußfassung noch  verschoben,  da  man  befürchtete,  daß  der  König 
nur  in  den  Bund  woUe,  weil  er  jetzt  in  Not  sei,  und  daß  er 

1)  G^en  den  Abschied  protestierte  es,  soweit  er  Braunschwdg  betraf. 

2)  Die  Räte  an  Kf.  Jan.  30,  Febr.  16/16,  Reg.  E.  p.  52,  No.  109,  Or.  Der 
Kf.  war  mit  dem  Verhalten  der  Herzöge  sehr  unzufrieden.  An  die  Räte 
Jan.  30,  ebenda.  VergL  Heling,  XI,  S.  44ff. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  26,  M.  P.  C.  I,  623  Anm.  Or.  in  P.  A.  Sachsen, 
Emeetinische  Linie,  1543  März.  Ldgf.  an  Kf.  März  4,  M.  P.  C.  ebenda,  Or.  in 
Reg.  H.  p.  525,  No.  176. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  23,  Or.  P.  A.  Sachsen,  Elmestinische  Linie,  1543  Jan. 
VergL  Ranke,  IV.  S.  208. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  29,  R^.  H.  p.  519,  No.  175,  Or. 

6)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  9,  ebenda,  Konz. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  üneicherhdt  1542 — 1546.  37X 

bald  Hilfe  begehren  werde.  Der  Landgraf  meinte  deshalb,  daß 
man  den  Bund  jedenfalls  auf  Religionssachen  beschränken  müsse. 
Der  Kurfürst  war  weniger  bedenklich,  doch  kam  ein  Beschluß  in 
Nürnberg  noch  nicht  zustande ‘).  Manches  Kopfzerbrechen  machte 
auch  das  Gesuch  des  Bischofs  von  Münster  um  Aufnahme  in  den 
Bund.  Vielen  schien  die  eines  geistlichen,  nicht  erblichen  Fürsten 
bedenklich.  Man  half  sich  schließlich  in  der  Weise,  daß  man  sich 
bereit  erklärte,  den  Bischof  zusammen  mit  denjenigen  seiner 
Stände  und  Städte,  die  dem  Evangelium  geneigt  seien,  aufzu- 
nehmen, wenn  auch  das  Kapitel  und  die  ganze  Landschaft  noch 
nicht  eingewilligt  hätten.  Man  woUte  den  Bischof  daher  zunächst 
auch  nur  wenig  belasten.  Erst  wenn  die  Kapitel  seiner  3 Stifter 
und  die  Stände  und  Städte  der  Landschaft  seinem  Eintritt  in  den 
Bund  zustimmten,  sollte  er  stärker  herangezogen  werden*). 

In  allen  diesen  Fragen  hat  der  Kurfürst  eine  bemerkens- 
werte Bereitwilligkeit  gezeigt.  Auch  dem  Gedanken  der  Aufnahme 
Wilhelms  von  Fürstenberg  in  den  Bund  stimmte  er  sofort  freudig 
zu®),  ja  sogar  mit  der  von  Metz  und  mit  der  Unterstützung  der 
dortigen  Protestanten  war  er  jetzt  einverstanden  ®).  Zurückhaltender 
als  den  Landgrafen  finden  wir  ihn  nur  gegenüber  den  mancherlei 
Gerüchten  von  Werbungen,  die  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres 
1543  wieder  gingen.  Er  war  geneigt,  die  Lage  für  weniger  ge- 
fährlich anzusehen,  als  Philipp,  wollte  auch  nur  im  äußersten  Not- 
fall Gegenmaßregeln  ohne  Zustimmung  der  anderen  Bundesstände 
ergreifen  ®).  Deren  Beschluß  ging  schließlich  dahin,  daß  Rüstungen 
für  jetzt  noch  nicht  nötig  seien,  daß  man  aber  gut  aufpassen  müsse  *). 


1)  Nach  dem  Bundesabechied.  Ueber  Bchweden  vergL  Ldgf.  an  Ef.  ÄprU  15, 
Reg.  H.  p.  536,  No.  178,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  April  24,  Konz.,  Or.  in  P.  A. 

2)  Mte  an  Kf.  Febr.  16,  Reg.  E.  p.  52,  No.  109,  Or.  Ein  Bedenken  über 
die  Anfnahme  von  demselben  Tage  in  Reg.  H.  p.  421,  No.  154,  II.  Ef.  an  die 
Räte  Febr.  21,  R^.  E.  ebenda,  Or.  Der  Absdiied.  Vergl.  Franz  Fischer, 
8.  63  ff. 

3)  Vergl.  P.  C.  III,  344.  Kf.  an  die  Räte  Jan.  30,  Reg.  E.  a.  a.  O. 

4)  Die  bendong  von  Manderschäd  nud  Peter  Sturm  erfolgte  auch  mit  im 
Namen  des  Kf.  Instruktion  vom  8.  März  ans  Torgan,  Reg.  H.  p.  458,  No.  162, 
Konz.  Vergl.  P.  C.  III,  359,  1.  Winckelmann,  Jahrbuch,  S.  229f. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  12,  14,  20,  Reg.  H.  p.  513,  No.  174,  Or.;  Febr.  19, 
Reg.  H.  p.  519,  No.  175,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  23,  Febr.  1,  3,  Reg.  H.  p.  513, 
No.  174,  Konz.;  Febr.  22,  Reg.  H.  p.  519,  No.  175,  Konz.  etc. 

6)  Abschied  vom  28.  April. 

24* 


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372 


Kapitel  UL 


Natürlich  wurden  die  Werbungen  mit  der  braunschweigischen 
Sache  in  Zusammenhang  gebracht.  Sie  bat  auch  sonst  den  Bundestag 
vielfach  beschäftigt.  Erwähnt  zu  werden  verdient,  daß  man  nun 
endlich  beschloß,  die  schon  in  Braunschweig  geplante  Gesandtschaft 
an  den  Kaiser  zur  Ausführung  zu  bringen.  Sie  sollte  die  doppelte 
Aufgabe  haben,  eine  Entschuldigung  in  der  braunschweigischen 
Sache  vorzubringen  und  über  die  Verhandlungen  zu  berichten,  die 
auf  dem  Reichstag  über  Frieden  und  Recht  stattgefunden  hatten. 
Ihre  Instruktion  sollte  durch  jene  kursächsischen,  hessischen  und 
frankfurtischen  Rechtsgelehrten  verfaßt  werden,  die  auch  über  die 
Kammergeiichtsvisitation  beraten  sollten.  Sie  sollten  sich  auch 
darüber  unterreden,  was  man  auf  dem  Verhörtag  in  der  braun- 
schweigischen Sache  Vorbringen  wolle. 

Vorausgehen  sollte  der  Sendung  an  den  Kaiser  eine  Schrift 
an  ihn,  in  der  ebenfalls  jene  beiden  Punkte  erörtert  werden  sollten. 
Man  wollte  Straßburg  ersuchen,  Dr.  Kopp  damit  zum  Kaiser  zu 
schicken.  Er  wurde  überhaupt  als  SoUicitator  für  die  Angelegen- 
heiten der  Bundesstände  am  kaiserlichen  Hofe  ins  Auge  gefaßt ‘).  — 

Gerade  nachdem  der  Nürnberger  Reichstag  mit  einem  so 
völligen  Bruch  der  Protestanten  mit  dem  übrigen  Reiche  geendet 
hatte,  mußte  es  ja  für  jene  wertvoll  erscheinen,  das  Verhalten  des 
Kaisers  genau  zu  beobachten.  Es  ist  begreiflich,  daß  ihre  Stim- 
mung zunächst  etwas  sorgenvoll  war*),  daß  sie  für  nötig  hielten, 
anderen  Fürsten  gegenüber  ihre  Haltung  in  Nürnberg  zu  recht- 
fertigen,  und  auch  schon  an  militärische  Vorbereitungen  dachten*). 
Fast  als  eine  Beruhigung  konnte  es  erscheinen,  daß  Ferdinand 
seine  Bemühungen  fortsetzte,  die  Protestanten  für  die  Türkenhilfe 
zu  gewinnen.  Könneritz  wurde  deswegen  an  den  Kurfürsten  und 
Landgrafen  gesandt.  Letzterer  war  nicht  abgeneigt,  die  Hilfe  zu 
leisten,  um  dadurch  den  Kaiser  und  den  König  von  der  katho- 
lischen Partei  im  Reiche  abzuziehen.  Johann  Friedrich  aber  be- 
stand unbedingt  darauf,  daß  man  an  den  Nürnberger  Beschlüssen 
festhalte.  Er  betonte  nicht  mit  Unrecht,  daß  etwaige  Versiche- 
rungen der  Habsbuiger  in  Widerspruch  stehen  würden  zu  dem 

1)  Nach  dem  Bundeaabechied. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  April  24,  Eeg.  H.  p.  53ö,  No.  178,  Or. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  April  28,  Beg.  H.  p.  541,  No.  179,  Or.  Der  Kf.  emptehl 
am  8.  Mai,  mit  Rüatuogen  noch  zu  warten  und  weitere  Kundschaft  abzuwarten. 
Die  anderen  Stände  seien  ja  doch  nicht  dafür  zu  haben.  Ebenda,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  373 

Nürnberger  Abschied,  und  daß  jene  daher  stets  die  Wahl  haben 
würden,  welche  Versprechungen  sie  halten  wollten.  Der  Landgraf 
fügte  sich  den  Wünschen  des  Kurfürsten*).  Auch  wir  werden 
dessen  Haltung  billigen  können.  Wohl  fehlt  es  nicht  an  fried- 
lichen Aeußerungen  des  Kaisers  aus  dieser  Zeit*),  aber  auf  die 
Dauer  konnte  man  sich  darauf  doch  nicht  verlassen.  Der  Kurfürst 
hielt  an  seiner  ablehnenden  Haltung  auch  gegenüber  direkten  Auf- 
forderungen des  Kaisers  und  erneuten  Lockungen  des  Landgrafen 
fest.  Auf  keinen  Fall  wollte  er  ohne  Zustimmung  der  anderen 
Verbündeten  etwas  bewilligen*). 

Auch  in  anderen  Punkten  hielt  sich  Johann  Friedrich  streng  an 
die  Nürnberger  Beschlüsse  und  nötigte  dadurch  auch  die  anderen 
Verbündeten  dazu.  So  fand  denn  auch  die  in  Aussicht  genommene 
Zusammenkunft  sächsischer,  hessischer  und  frankfurtischer  Juristen 
in  Eisenach  statt.  Man  beriet  über  die  braunschweigische  Frage 
und  über  die  Beschickung  des  auf  den  3.  Juli  angesetzten  Visi- 
tationstages in  Speier  und  beschloß,  diesen  zu  beschicken*).  Der 
Kurfürst  war  unter  dem  Eindruck  des  Schreibens  des  Kaisers  vom 
26.  Mai  damit  einverstanden,  doch  sollte  die  definitive  Entscheidung 
erst  auf  dem  schmalkaldischen  Bundestage  erfolgen*).  Dorthin 
war  nämlich  der  in  Nürnberg  für  Frankfurt  in  Aussicht  genommene 
Tag  verlegt  worden.  Am  27.  Juni  begann  er  seine  Beratungen*). 
Als  erster  Punkt  wurde  die  Frage  der  Beschickung  des  Visitations- 
tages vorgenommen.  Nur  aus  Rücksicht  auf  das  Schreiben  des 
Kaisers  beschloß  man  eine  Entschnldigungsgesandtschaft  nach 
Speier  zu  schicken.  Diese  durfte  sich  aber  nicht  auf  die  Visitation 

1)  Kredenz  für  Kfinneritz  Mai  2,  Reg.  H.  p.  463,  No.  163,  Or.  Seine 
Werbung  und  die  Antwort,  die  Ldgf.  und  Kf.  ihm  am  18.  gaben,  ebenda.  Kf. 
an  Eberb.  v.  d.  Thann  Mai  11,  ebenda.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  4.  und  13,  Reg.  H. 
p.  541,  No.  170,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  11,  ebenda,  Konz. 

2)  Qranrella  an  Ldgf.  Mai  14.  Duller,  S.  54ff.  Vergl.  ferner  Lanz, 
Staatspapiere,  S.  379—382. 

3)  Der  Kaiser  an  Kf.  und  Ldgf.  Mai  26,  Neudecker,  Urk.,  8.  665 — 667. 
Kf.  an  Ldgf.  Juni  20,  Reg.  H.  p.  546,  No.  180,  Konz,  und  Kopie.  Ldgf.  an  Kf. 
Juni  27,  ebenda.  Or. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  22,  Neudecker,  Urk.,  S.  654 f.;  P.  C.  III,  416. 
Ossa  und  Sindringer  an  Kf.  Juni  24,  Reg.  H.  p.  501,  No.  171,  I,  Or.  Die 
hessischen  Ges.  in  Schmalkalden  an  Ldgf.  Juni  28,  Neudccker,  Äktenst, 
S.  338—344;  Langenn,  Ossa,  S.  48;  P.  A.  No.  670 — 672,  juristische  Akten. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  24,  Neudecker,  Urk.,  S.  661  ff. 

6)  P.  C.  III,  405. 


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374 


Kapitel  III. 


selbst  einlassen,  sondern  nur  eine  Beteiligung  ihrer  Herren  in  Aus- 
sicht stellen,  wenn  die  den  Protestanten  verdächtigen  Mitglieder 
des  Gerichts  entfernt  würden.  Würde  die  Visitation  trotzdem  vor- 
genommen, so  sollten  die  Gesandten  protestieren '). 

Diesen  Beschlüssen  gemäß  wurden  Heinrich  Schneidewin  für 
Sachsen  und  Johann  Kendel  für  Hessen  nach  Speier  geschickt  und 
gäben  am  11.  Juli  die  ihrer  Instruktion  entsprechende  Erklärung 
ab.  Die  kaiserlichen  Kommissare  ließen  sich  auf  keine  weiteren 
Verhandlungen  mit  ihnen  ein,  sondern  schickten  das  von  den  pro- 
testantischen Gesandten  übergebene  Schriftstück  einfach  dem  Kaiser 
zu.  Aus  der  Visitation  selbst  aber  wurde  nichts,  sie  mußte,  da 
nicht  genug  Visitatoren  erschienen  waren,  auf  den  1.  Oktober  ver- 
schoben werden*). 

An  zweiter  Stelle  beriet  man  in  Schmalkalden  über  die  seit 
langem  geplante  Gesandtschaft  an  den  Kaiser.  Berichte  Kopps 
vom  kaiserlichen  Hofe  waren  zwar  noch  nicht  eingetroffen  *). 
das  Schreiben  Karls  vom  26.  Mai  aus  Genua  aber  hatte  einen 
nicht  ganz  ungünstigen  Eindruck  gemacht,  man  hofite  auf  etwas 
größeres  Entgegenkommen  in  den  Fragen  Friedens  und  Rechts. 
Die  Aufgabe  der  Gesandten  sollte  daher  nicht  nur  sein,  die  Pro- 
testanten wegen  der  Nichtannahme  des  Nürnberger  Abschieds  zu 
entschuldigen  und  darzulegen,  warum  die  Versicherung  über  Frieden 
und  Recht  nicht  genüge,  sondern  sie  durften  auch,  wenn  der  Kaiser 
in  diesen  Punkten  eine  bessere  Erklärung  abgab,  eine  viermonatige 
Türkenhilfe  bewilligen.  Viele  der  ständischen  Vertreter  faßten  aller- 
dings diesen  Beschluß  ohne  Vollmacht,  und  ihre  Oberen  sollten  erst  Zu- 
stimmungserklärungen an  den  Kurfürsten  und  Landgrafen  senden  *). 

Die  Fertigstellung  der  Instruktion  für  die  Gesandten  hat  noch 
längere  Zeit  in  Anspruch  genommen®).  Wie  von  vornherein  in 

1)  iDBtruktion  für  die  Ges.  Juli  2,  Keg.  H.  p.  475,  No.  167,  1,  Konz.;  P.  C. 
III,  405  f. 

2)  Lanz,  Korresp.,  II,  B.  395.  Berichte  der  Gee.  an  Kf.  und  Ldgf.  vom  14. 
und  27.  Juli  in  Keg.  H.  p.  501,  No.  171,  IL  Or.  Seckendorf,  III,  S.  420. 

3)  Der  erste  vom  20.  Juni  traf  am  2.  Juli  in  Straßburg  ein.  P.  C.  III, 
8.  396  ff. 

4)  P.  C.  III,  406.  Räte  an  Ldgf.  Juli  2,  Neudecker,  Aktenst,  S.  344 fi 

5)  Räte  an  Ldgf.  Juli  6,  Neudecker  a.  a.  O.  S.  357 ff.;  P.  C.  III.  414f. 
Die  Instruktion  vom  15.  Juli,  Reg.  H.  p.  489,  No.  168,  Konz,  und  Or.  Ldgf.  an 
seine  Ges.  Juli  19,  P.  A.  675.  Abschied  vom  21.  Juli,  Reg.  H.  p.  475,  No.  167,  III 
(Urk.  No.  1636),  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Uneicherheit  1542 — 1546.  375 

Aussicht  genommen  wai-,  sollten  sie  auch  über  die  braunschweigische 
Angelegenheit  mit  dem  Kaiser  verhandeln.  Eine  kurze  Neben- 
instruktion  wurde  ihnen  dafür  mitgegeben,  die  große  Haupt- 
instruktion sollte  ihnen  nur  zu  ihrer  eigenen  Belehrung  dienen*). 

Blicken  wir,  ehe  wir  die  Schicksale  dieser  Gesandtschaft  weiter 
verfolgen,  noch  auf  die  übrigen  Beratungen  und  Beschlüsse  des 
schmalkaldischen  Tages,  so  stellte  man  nach  Erledigung  der  Sendung 
an  den  Kaiser  die  braunschweigische  Sache  aus  Rücksicht  auf 
Württemberg  zurück  und  nahm  zunächst  die  in  Nürnberg  unerledigt 
gebliebenen  Punkte  vor.  Dabei  führte  dann  die  Frage  der  Ver- 
eidigung der  Stimmen  zu  heftigen  Streitigkeiten  zwischen  den 
Vertretern  der  Städte,  die  sie  wünschten,  und  denen  des  Kurfürsten 
und  Landgrafen,  die  sie  ablehnen  mußten.  Man  sah  sich  schließlich 
genötigt,  die  weiteren  Beratungen  über  diese  Frage  auf  den 
nächsten  Bundestag  zu  verschieben*). 

Auch  über  die  Frage  der  Ausdehnung  des  Bundes  auf  Profan- 
sachen konnte  man  sich  nicht  einigen.  Man  verschob  sie  daher 
auch  auf  den  nächsten  Bundestag  und  ließ  es  vorläufig  bei  den 
Schweinfurter  und  Nürnberger  Beschlüssen,  daß  man  in  der 
Frage  der  Rekusation  für  einen  Mann  stehen  wolle.  Erörtert 
wurde  auch  wieder  der  Gedanke  der  Schaffung  eines  Austrages 
für  Streitigkeiten  der  Verbündeten  untereinander,  man  beschloß 
aber,  erst  noch  abzuwaiten,  ob  vielleicht  der  nächste  Reichstag 
gleichmäßiges  Recht  bringe,  und  eventuell  dann  während  dieses 
Reichstages  die  Angelegenheit  von  neuem  zu  beraten*).  . 

Ferner  wurden  in  Schmalkalden  die  Verhandlungen  über  die 
Aufnahme  neuer  Mitglieder  fortgesetzt.  Alle  Stände  waren  bereit, 
Schweden  aufzunehmen,  doch  nur  unter  strikter  Beschränkung  des 
Bundes  auf  Religionssachen  und  unter  der  Vorraussetzung  recht 
bedeutender  Zahlungen  Schwedens.  Sachsen  und  Hessen  sollten  die 
weiteren  Verhandlungen  führen*).  Auch  die  mit  Pfalzgraf  Ott-Heinrich 
kamen  noch  nicht  zum  Abschluß,  da  er  nur  halb  so  viel  zahlen  wollte, 

1)  Die  NebeninBtrnktion  in  Reg.  H.  p.  475,  No.  167,  I,  Kopie. 

2)  Die  Räte  an  Ldgf.  Juli  8,  Neudecker,  Aktenst,  S.  362 ff.;  P.  C.  III, 
8.  421.  Räte  an  Ldgf.  Juli  15,  Neu  decket,  Aktenst,  S.  387.  Abschied  vom 
21.  Juli.  Der  Standpunkt  des  Kf.  ergibt  sich  aus  Briefen  an  seine  Oes.  vom 
5.  und  10.  Juli,  Reg.  H.  a.  a.  O.  vol.  II,  Bl.  50  f.  98  ff. 

3)  Abschied  vom  21.  Juli. 

4)  Ebenda.  Ve^L  ferner  P.  C.  III,  415,  5;  P.  A.  No.  674;  Seckendorf, 
III,  S.  418. 


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376 


Kapitel  III. 


wie  Herzog  Emst  von  Lüneburg,  und  die  Gesandten  keine  Voll- 
macht batten,  darauf  einzugehen.  Auch  über  Metz  fanden  wieder 
Beratungen  statt.  Man  beschloß,  mit  den  kaiserlichen  Räten  über 
die  Sache  zu  sprechen,  schrieb  auch  an  den  Metzer  Rat  und  forderte 
ihn  auf,  gemäß  dem  Vertrage  vom  16.  März  einen  protestantischen 
Prediger  zu  dulden,  regte  auch  ein  Religionsgespräch  an  ^).  Noch 
nicht  zu  einem  Resultat  führten  Verhandlungen  über  die  Auf- 
nahme Wolfgangs  von  Zweibrücken  und  einiger  anderer  kleinerer 
Stände.  In  bezug  auf  den  Bischof  von  Münster  erneuerte  man  den 
in  Nürnberg  gefaßten  Beschluß.  Der  Landgraf  wurde  mit  den 
weiteren  Verhandlungen  beauftragt.  Er  sollte  auch  noch  einen 
Versuch  machen,  durch  eine  persönliche  Zusammenkunft  Herzog 
Moritz  beim  Bunde  festzuhalten.  Eursachsen  sollte  ihm  die  Grund- 
lagen liefern,  um  die  Gründe,  die  der  Herzog  gegen  seine  Zuge- 
hörigkeit zum  Bunde  vorbrachte,  zu  widerlegen.  Auch  Hans  von 
Eüstrin  hoffte  man  noch  beim  Bunde  festhalten  zu  können.  Ebenso 
sollten  weitere  Versuche  gemacht  werden,  die  Bewilligung  sechs 
weiterer  einfacher  Monate  auch  von  den  Ständen  zu  erlangen,  die 
sie  bisher  abgelehnt  hatten.  Da  es  sich  dabei  nur  um  sächsische 
Stände  handelte,  fielen  diese  Verhandlungen  natürlich  dem  Kur- 
fürsten zu.  Der  dritte  Doppelmonat  sollte  binnen  zwei  Monaten 
bezahlt  werden,  und  man  wollte  auf  dem  nächsten  Bundestage 
darüber  beraten,  wie  gegen  Säumige  vorzugehen  sei.  Dorthin,  d.  h. 
nach  Frankfurt,  sollten  auch  alle  Rückstände  gezahlt  werden.  Alle 
Stände,  die  seit  dem  Eoburger  Abschied  in  den  Bund  eingetreten 
waren,  soUten  angehalten  werden,  ihren  Anteil  am  Geschütz  zu  er- 
legen *). 

Zu  nicht  uninteressanten  Debatten  führte  ein  Hilfsgesuch  des 
Königs  von  Dänemark.  Er  war  in  einen  Konflikt  mit  dem  Kaiser 
und  der  Königin  Marie  geraten  und  hatte  seine  Verbündeten  schon 
während  des  Nürnberger  Tages  um  Hilfe  gebeten®).  Sie  verschoben 

1)  P.  C.  III,  414.  SächsiiKhe  und  hessische  Räte  aus  Schmalk.  an  Kf.  und 
Ldgf.  Juli  17,  R^.  H.  p.  458,  No.  162.  Die  Verbündeten  an  Metz  Juli  20, 
Winckelman,  Jahrbuch,  8.  233.  VergL  Seckendorf,  III,  S.  400. 

2)  Alles  nach  dem  Abschied.  Ueber  Münster  vergl.  Franz  Fischer,  8.69. 

3)  Kg.  Christian  an  Kf.  und  Ldgf.  Febr.  26,  Reg.  H.  p.  510,  No.  173,  Or. 
Beilage  dazu  ein  sehr  ausführlicher  Bericht  über  die  Entstehung  des  Konflikts, 
ebenda  No.  172  B,  Or.  Antwort  des  Kf.  vom  16.  März,  ebenda,  Konz.  Kf.  an 
Ldgf.  März  16,  Reg.  H.  p.  530,  No.  177,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  März  21,  ebenda, 
Or.  Vergl.  Schäfer,  IV,  S.  457  ff. 


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Bund  und  Reich : Die  Jahre  der  Unnicherheit  1542—1546. 


377 


die  Beschlußfassung  auf  den  schmalkaldischen  Tag,  und  auf  diesen 
verwies  auch  Johann  Friedrich  den  dänischen  Gesandten  Förster, 
als  er  am  10.  Juli  eine  neue  Werbung  wegen  der  Hilfe  an  ihn 
richtete  *).  Dem  Landgrafen  gegenüber  sprach  sich  der  Kurfürst 
entschieden  für  die  Unterstützung  Dänemarks  aus,  da  sie  nach 
Niederwerfung  Jülichs  und  Ermattung  oder  Abwendigmachung 
Dänemarks  das  Land  zu  Braunschweig  und  schließlich  auch  sich 
selbst  schwer  würden  retten  können  *).  Wie  oft  in  dieser  Zeit,  war 
auch  diesmal  der  Landgraf  der  Kleinlichere  und  Bedenklichere.  Er 
meinte,  daß  die  Stände  schwerlich  für  die  Unterstützung  zu  haben 
sein  würden,  da  es  sich  nicht  um  eine  Religionssache  handle.  Auch 
er  selbst  hatte  offenbar  wenig  Lust  zur  Hilfsleistung  und  verwies 
darauf,  daß  der  König  nicht  der  angegriff'ene  Teil  sei.  Auch  das 
Neben  Verständnis  mit  Dänemark  kam  nach  seiner  Ansicht  nicht  in 
Frage,  da  auch  dieses  nur  einen  defensiven  Charakter  habe,  doch 
empfahl  er,  erst  noch  den  Wortlaut  einzusehen.  Daß  der  König 
gegen  den  Brannschweiger  eine  Geldnnterstützung  geleistet  hatte, 
schien  ihm  nichts  auszumachen,  da  ja  Goslar  und  Braunschweig 
damals  angegriffen  gewesen  seien*).  War  schon  der  Landgraf  so 
bedenklich,  so  war  erst  recht  nicht  zu  erwarten,  daß  die  anderen 
Verbündeten  zur  Hilfsleistung  bereit  sein  würden.  Man  erkläi-te, 
daß  die  Frage,  um  die  es  sich  handle,  nicht  unter  den  Schutz  des 
Bundes  gehöre,  und  lehnte  daraufhin  die  Unterstützung  ab*). 
Johann  Friedrich  war  mit  diesem  Beschluß  durchaus  nicht  ein- 
verstanden. Er  machte  daher  den  Versuch,  auf  Grund  des 
Bündnisses  in  Profansachen  doch  noch  eine  Hilfe  zu  erlangen, 
besonders  auch  wegen  der  Unterstützung,  die  Christian  gegen 
den  Braunschweiger  geleistet  hatte.  Der  Landgraf  war  aber 
nicht  für  eine  Beteiligung  an  einer  solchen  Politik  zu  haben, 
und  so  blieb  schließlich  auch  dem  Kurfürsten  nichts  anderes 
übrig,  als  sich  den  Wünschen  seiner  Verbündeten  zu  fügen. 


1)  Kredenzbrief  für  Förster  vom  12.  Juni,  Reg.  H.  p.  510,  No.  172  B,  Or. 
Seine  Werbung  vom  10.  Juli,  ebenda,  Or.  undatiert. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Juli  11,  ebenda,  Kopie  und  Konz.,  Or.  P.  Ä.  Sachsen,  Er- 
neetinieche  Linie,  1543.  Ahtenst.  No.  48. 

3)  Instruktion  für  die  hessischen  Räte  in  Schmalkalden  vom  24.  Juni,  P.  A. 
No.  675,  Or.  Benutzt  bei  Rommel,  II,  8.  454 ff.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  13,  Reg.  H. 
a.  a.  0.,  Or. 

4)  Abschied  vom  21.  Juli;  P.  C.  III,  415,  5. 


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378  Kapitel  III. 

Man  lehnte  die  Hilfe  also  ab,  weil  der  König  nicht  angegriffen 
sei  *). 

Stets  ist  diese  Haltung  der  Schmalkaldener  als  kurzsichtig 
getadelt  worden.  Wir  sehen,  daß  Johann  Friedrich  keine  Schuld 
an  ihr  trug. 

Nachdem  die  wichtigsten  Bundesangelegenheiten  erledigt  waren, 
trat  man  in  Schmalkalden  ohne  die  wfirttembergischen  Gesandten 
in  die  Beratung  über  die  braunschweigische  Sache  ein’).  Es  kam 
darüber  zu  tagelangen  Erörterungen  trotz  der  Vorbereitungen,  die 
die  in  Eisenach  versammelt  gewesenen  Räte  getroffen  hatten.  Sie 
hatten  unter  anderem  ein  „Faktum“  in  der  braunschweigischen  Sache 
verfaßt,  das  den  Ständen  in  Schmalkalden  vorgelegt  werden  sollte  ’). 
Zu  Erörterungen  führte  auf  dem  Bundestage  vor  allem  die  Frage 
der  Kosten  der  Verwaltung  des  Braunschweiger  Landes.  Sie  waren 
größer  als  die  Einnahmen,  und  man  beschloß  daher,  daß  die  Ver- 
waltung vereinfacht  werden  solle.  Auch  die  Schuldenlast  des 
Herzogtums  und  ihre  Tilgung  führte  zu  Verhandlungen.  Die 
braunschweigischen  Stände  schlugen  vor,  einige  Aemter  zu  diesem 
Zwecke  zu  verpfänden,  ln  Schmalkalden  konnte  man  sich  nur 
schwer  dazu  entschließen.  Man  empfahl,  zunächst  die  geistlichen 
Güter,  soweit  sie  nicht  zum  Kirchendienst  gebraucht  würden,  für 
die  Schuldentilgung  zu  verwenden,  genehmigte  aber  auch,  daß 
eventuell  ein  oder  zwei  Aemter  versetzt  würden*). 

Eine  große  Meinungsverschiedenheit  gab  es  über  die  Frage  der 
Schleifung  der  Festungen,  über  die  schon  seit  der  Eroberung  des 
Landes  immer  wieder  verhandelt  worden  war.  Zeitweilig  hatte  sich 
sogar  der  Landgraf  dafür  ausgesprochen,  während  der  Kurfürst 
immer  entschieden  dagegen  gewesen  war“).  In  Schmalkalden 
standen  beide  zusammen  den  Städten  und  dem  Herzog  von  Lüne- 
burg gegenüber,  die  sowohl  wegen  der  Kosten,  wie  für  den  Fall 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Juli  19,  Or.  P.  A.  Sachsen,  hlmeetinische  Linie,  1543  Juli. 
Ldgf.  an  Kf.  Juli  19,  Reg.  H.  p.  510,  No.  172  B,  Or.  Ldgf.  an  seine  Bäte  Juli  20. 
P.  A.  575,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  22,  Beg.  H.  ebenda.  Kf.  und  Ldgf.  an  Kg. 
Christian  Juli  22,  ebenda,  Konz. 

2)  Allmählich  wurde  es  üblich,  die  an  dem  braonschweigiBchen  Unternehmen 
beteiligten  Stände  als  die  „Defensionsverwandten“  zu  bezeichnen. 

3)  Kf.  an  seine  Bäte  Juli  3,  P.  A.  No.  673,  Kopie. 

4)  P.  C.  III,  418  f.  Abschied  vom  21.  Juli,  Beg.  H.  p.  475,  No.  167,  vol.  I. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  1542  Dez.  26,  Ldgf.  an  Kf.  1543  Jan.  10,  Beg.  H.  p.  513, 
No.  174,  Konz,  und  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Dneicherheit  1542 — 154ß. 


379 


der  Wiedereinsetzung  der  Kinder  Herzog  Heinrichs  die  Schleifung 
wünschten.  Die  beiden  Bundeshauptleute  wollten  höchstens  zu- 
geben, daß  die  Festungen  zum  Teil  gebrochen  würden.  Da  die 
andere  Partei  damit  nicht  zufrieden  war,  kam  schließlich  gar  kein 
Beschluß  zustande,  die  anderen  Stände  erklärten  aber,  daß  sie 
weitere  Kosten  der  Festungen  wegen  nicht  tragen  würden  ‘). 

So  machte  die  braunschweigische  Frage  immer  wieder  ihre 
zerstörende  Wirkung  im  Bunde  geltend.  Der  Kurfürst  und  der 
Landgraf,  die  während  eines  Teiles  des  Tages  in  Eisenach  bei- 
sammen gewesen  wai-en,  vor  allem  aber  der  Kurfürst,  wurden 
durch  die  in  Schmalkalden  und  w'eiterhin  gemachten  Erfahrungen 
in  eine  etwas  bundesmüde  Stimmung  versetzt*).  Das  mag  mitge- 
wirkt haben,  um  bei  Johann  Friedrich  eine  etwas  kleinmütigere 
Auffassung  der  Lage  und  der  dem  Kaiser  gegenüber  zu  befolgenden 
Politik  zu  erzeugen.  Die  Hauptursachen  für  diese  Umstimmung 
werden  wir  aber  doch  wohl  auf  anderen  Gebieten  zu  suchen  haben. 
Sie  lagen  einerseits  in  der  Entwicklung,  die  die  jülichschen  An- 
gelegenheiten genommen  hatten,  andererseits  in  der  Aufnahme,  die 
die  protestantische  Gesandtschaft  beim  Kaiser  fand.  — 

Wir  hatten  die  jülichsche  Frage  bis  zum  Scheitern  der  Nürn- 
berger Verhandlungen  verfolgt.  Dadurch  wai-  es  nun  so  gut  wie 
sicher  geworden,  daß  es  zu  einem  Zusammenstoß  zwischen  dem 
Kaiser  und  Herzog  Wilhelm  kommen  w'ürde.  Die  Folge  davon  w’ai-, 
daß  jetzt  der  Herzog  ernstlich  an  eine  Reformation  seines  Landes 
dachte,  und  daß  er  nunmehr  auch  beim  schmalkaldischen  Bunde 
Anschluß  zu  gewinnen  suchte.  Er  dachte  sogar  schon  daran,  persön- 
lich an  dem  bevorstehenden  Bundestage  teilzunehmen*).  Eventuell 
woBte  er  sich  auch  mit  einem  Bündnis  mit  dem  Kurfürsten,  dem 
Landgrafen,  dem  Kurfürsten  von  Köln  und  dem  Bischof  von  Münster 
begnügen  ^).  Johann  Friedrich  hat  demgegenüber  zwar  die  Veiwerfung 
des  Nürnberger  Vertrags  durch  den  Herzog  gebilligt,  auch  erlaubt, 
daß  Melanchthon  sich  zu  diesem  begab,  im  übrigen  aber  gab  er  sich 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  14,  Reg.  H.  p.  546,  No.  180,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  17, 
P.  A.,  Or.  Neudecker,  Aktenst  H.  372.  3861.  P.  C.  III,  4191. 

2)  Kl.  an  Ldgl.  Aug.  9,  31,  Reg.  H.  p.  551,  No.  181,  Konz.  Ldgl.  an  Kl. 
8ept.  5,  ebenda,  Or. 

3)  Der  Hz.  an  Kl.  Mai  16,  Reg.  C.  No.  892,  BI.  39/40.  Dölzig  an  Kl.  Mai  17, 
ebenda  BL  43 — 16.  Heidricb,  S.  93. 

4)  Hz.  an  Kl.  Mai  22,  Reg.  C.  No.  892,  Bl.  59,  Or.  Heidricb,  B.  94, 
Anm.  2. 


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380 


Kapitel  III. 


keinerlei  Illusionen  hin.  Der  Emst  der  Reformationsabsichten  des 
Herzogs  schien  ihm  zweifelhaft,  er  woUte  auf  keinen  Fall  bei  einem 
„Flickwerk“  mitwirken,  vor  allem  aber  war  er  sich  völlig  darüber 
klar,  daß  auf  eine  Aufiiahme  des  Herzogs  in  den  Bund  jetzt  nicht 
zu  rechnen  sei.  Er  riet  ihm  daher  sogar  von  der  Beschickung  des 
schmalkaldischen  Tages  ab.  Auch  für  ein  solches  Sonderbündnis, 
wie  der  Herzog  es  vorhabe,  sei  es  jetzt  zu  spät.  Vor  einigen 
Jahren  hätte  man  darüber  handeln  können,  jetzt  werde  sich  der 
Landgraf  auf  keinen  Fall  darauf  einlassen  0. 

Das  einzige,  was  Johann  Friedrich  jetzt  für  den  Herzog  tun  zu 
können  glaubte,  war,  daß  er  neue  Vermittlungsversuche  zu  seinen 
Gunsten  in  Gang  brachte.  So  sprach  er  mit  dem  Landgrafen  darüber, 
als  er  Anfang  Juli  in  Eisenach  mit  ihm  zusammenkam.  Wirklich  ließ 
sich  Philipp  bereit  finden,  noch  einen  Versuch  zu  machen.  Er  erbot 
sich,  an  Granvella  den  Vorschlag  gelangen  zu  lassen,  daß  zwischen 
dem  Herzog  und  den  Burgundern  ein  Anstand  bis  zum  Reichstag 
und  während  desselben  gemacht  werden  solle.  Während  dieser  Zeit 
könne  man  dann  vielleicht  die  Sache  vertragen’).  Der  Kurfürst 
ließ  den  gleichen  Vorschlag  an  den  Herzog  gelangen,  und  dieser 
war  jetzt  klar  genug  über  seine  Lage,  so  sehr  „des  Krieges  müde“, 
daß  er  darauf  einging’),  wenn  auch  in  etwas  verklausulierter  Form. 
Der  Landgraf  dagegen  erhielt  von  Granvella  eine  schroft’  ablehnende 
Antwort^).  Es  war  deutlich,  daß  der  Kaiser  die  vollständige  De- 
mütigung des  Jülichers  wünschte.  Dieser  Gefahr  gegenüber  ver- 
suchte dieser  noch  mehrfach,  den  Kurfürsten  zu  bestimmen,  ihn 
wenigstens  mit  Geld  zu  unterstützen  ’),  er  fand  dabei  einen  warmen 
Fürsprecher  an  dem  kurfürstlichen  Rat  Dölzig,  der  auf  alle  die 
schlimmen  Folgen  hinwies,  die  die  Unterwerfung  des  Herzogs  für 
die  Protestanten  haben  müsse  *).  Es  waren  Argumente,  wie  sie  der 

1)  Kf.  an  den  Hz.  Mai  28,  Beg.  0.  No.  892,  Bl.  69—76,  Konz.  H eidricb, 
S.  93.  Kf.  an  Dolzig  und  Melanchtbon  Mai  28,  ebenda  Bl.  77—79.  Heidricb, 
S.  93  f. 

2)  Kf.  an  Hz.  Wilbebn  Juli  4,  Reg.  C.  No.  893.  Bl.  3—8,  Konz.  Heid- 
rich,  S.  95. 

3)  Der  Hz.  an  Kf.  Juli  13,  ebenda  Bl.  13—17,  ür.;  Juli  18,  Reg.  C.  No.  891, 
Bl.  112,  Hdbf. 

4)  Burcbard  an  Kf.  Ang.  1,  Reg.  H.  p.  489,  No.  168,  Hdbf. 

5)  Hz.  an  Kf.  Juli  18,  vcrgl.  Anm.  3;  Aug.  21,  Reg.  C.  No.  894,  Bl.  58,  Hdbf. 

6)  Dolzig  an  Kf.  Aug.  1,  Reg.  C.  No.  894,  Bl.  3/4,  Hdbf.;  Aug.  21,  ebenda 
Bl.  59—62,  Hdbf.;  Aug.  26,  ebenda,  Or. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 

Kurfürst  oft  genug  selbst  seiuen  Verbündeten  gegenüber  gebraucht 
hatte,  es  wäre  aber  Tollkühnheit  gewesen,  wenn  er  jetzt  noch  ein- 
mal, wie  im  Herbst  1542,  allein  für  den  Herzog  eingetreten  wäre  ‘). 
Nur  durch  Verhandlungen  konnte  er  noch  für  ihn  zu  wirken  suchen. 
So  benutzte  er  z.  B.  auch  die  Anwesenheit  Burchards  am  kaiser- 
lichen Hofe,  um  ihn  mit  Granvella  über  Jülich  reden  zu  lassen; 
der  sächsische  Bat  hatte  den  Eindruck,  als  ob  vielleicht  durch 
eine  persönliche  Reise  einiger  Reichsfürsten  zum  Kaiser  noch  etwas 
zu  machen  sei,  der  Landgraf  wies  aber  auch  diesen  Gedanken  zu- 
rück*). Er  war  sich  klar  darüber,  daß  alles  vergeblich  sei,  und 
bald  brach  ja  dann  die  Katastrophe  über  den  Herzog  herein. 

Gerade  die  Aeußerungen  Granvellas  sowohl  gegen  Burchard  wie 
gegen  den  hessischen  Gesandten  Kreuter  zeigten  nun  aber,  wie 
außerordentbch  groß  die  Erbitterung  des  Kaisers  gegen  den  Kur- 
fOi'sten  noch  war.  Es  war  begreiflich,  daß  sich  in  diesem  Be- 
fürchtungen regten,  daß  er  selbst  nach  dem  Herzog  an  die  Reihe 
kommen  werde,  und  daß  er  dadurch  in  eine  etwas  kleinmütige 
Stimmung  geriet*). 

Diese  Kleinmütigkeit  äußerte  sich  z.  B.  in  der  Art  und  Weise, 
wie  er  im  Juli  einen  französischen  Gesandten  behandelte,  der  für 
JflUch  um  Hilfe  bitten  sollte^),  sie  kam  zum  Ausdruck  in  seiner  Be- 
reitwilbgkeit,  den  Kaiser  im  Kriege  mit  Frankreich  mit  Geld  zu 
unterstützen,  wenn  dafür  ein  Anstand  in  der  geldiischen  Sache  und 
Befreiung  von  der  Türkenhilfe  erlangt  werde*),  vor  allem  aber 
kann  man  sich  über  sie  aus  der  Korrespondenz  mit  dem  Land- 
grafen belehren.  Johann  Friedrich  wünschte,  daß  dieser  seine 
guten  Beziehungen  zum  Kaiser  zum  allgemeinen  Besten  benutze  *), 


1)  Kf.  an  Dölzig  Aug.  28,  ebenda  Bl.  93/94,  Aktenst.  No.  50.  An  den  Hz. 
Ton  demselben  Tage,  ebenda  Bl.  96 — 99,  Aktenst.  No.  51. 

2)  Relation  Burchards  vom  3. — 12.  Aug.,  Reg.  H.  p.  489,  No.  168.  Kf.  an 
Ldgf.  R^.  H.  p.  551,  No.  181,  Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  14,  ebenda,  Or. 

3)  Kf.  an  Hz.  v.  Jfilich  Aug.  24,  Reg.  C.  No.  894,  BL  78 — 80,  Konz. 

4)  Er  empfing  ihn  gar  nicht,  schickte  ihm  Burchard  entgegen.  Er  folgte 
dabei  einem  Gutachten  Brücks.  Lenz,  II,  S.  208,  Anm.  1.  Seckendorf,  III, 
S.  427.  Kf.  an  de  Lacroix  Juli  23,  Reg.  H.  p.  441,  No.  157  B.  Das  Bedenken 
Brücke,  ebenda.  Kf.  an  Hz.  v.  Jülich,  Juli  25,  Reg.  C.  No.  891,  Bl.  113 — 116. 
Burchard  an  Kf.  Juli  26,  Reg.  H.  p.  510,  No.  173,  Hdbf. 

5)  Kf.  an  Burchard  Aug.  4,  Reg.  H.  p.  489,  No.  168,  Or.,  beruhend  auf 
einem  Gutachten  Brücks  vom  26.  Juli,  Reg.  C.  No.  384,  Or. 

6)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  1,  Rommel,  II,  S.  461. 


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382 


Kapitel  III. 


daß  er  vor  allem  bestimmte  Auskunft  über  die  Stimmung  Karls 
zu  erhalten  suche.  Es  schien  jetzt  dem  Kurfürsten  ratsam,  daß 
man  durch  Gewährung  der  Türkenhilfe  eine  genügende  Versiche- 
rung des  Kaisers  über  Frieden  und  Recht  zu  erlangen  suche  *). 
Am  9.  August  hoffte  er  noch,  durch  die  Antwort,  die  der  Kaiser 
den  protestantischen  Gesandten  erteilte,  Klarheit  zu  gewinnen. 
Wenn  sich  feindselige  Absichten  des  Kaisers  aus  ihr  ergäben,  so 
riet  er,  ihn  entweder  dadurch  zu  versöhnen,  daß  man  ihm 
eine  Hilfe  von  40—  50000  11.  gewähre,  oder  gegen  ihn  in  den 
jülichschen  Krieg  einzugreifen  und  so  den  Krieg  von  den  eigenen 
Landen  femzuhalten.  Für  diesen  Fall  müsse  man  die  Bundes- 
genossen nehmen,  wo  man  sie  fände,  dürfe  Frankreich,  Dänemark, 
Jülich  nicht  ausschlagen  *). 

Der  Landgraf  sah  die  Lage  weit  weniger  bedenklich  an,  nur 
auf  einen  Angrifl’  des  Braunschweigers  glaubte  er  sich  gefaßt 
machen  zu  müssen,  meinte  auch,  daß  man  in  dieser  Angelegenheit 
eine  bestimmte  Erklärung  des  Kaisers  erzielen  müsse  *).  Auch  der 
Kurfürst  beruhigte  sich  etwas  infolge  der  Berichte  seiner  Gesandten 
am  kaiserlichen  Hofe*),  völlig  allerdings  nicht,  vor  allem  hielt  er 
stets  an  der  Anschauung  fest,  daß  die  Nichtunterstützung  Jülichs 
ein  Fehler  gewesen  sei*).  Wie  es  seine  Art  war,  fügte  er  sich 
aber  den  Wünschen  seiner  Verbündeten,  um  so  leichter,  da  ja  die 
Ergebnisse  der  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  nicht  ganz  ungünstig 
gewesen  waren.  — 

Die  Gesandten  hatten,  an  das  kaiserliche  Schreiben  aus  Genna 
anknüpfend,  darlegen  sollen,  daß  ihre  Herren  durchaus  nicht 
genügend  Frieden  und  Recht  hätten  und  daher  mit  vollem  Recht 
den  Reichsabschied  nicht  angenommen  hätten.  Sie  sollten  ferner 
die  Unmöglichkeit  einer  Anerkennung  des  Kammergerichts  dar- 
legen, solange  dessen  verdächtige  Mitglieder  nicht  abgesetzt  seien. 
Der  Kaiser  möge  dafür  und  überhaupt  für  Frieden  und  Recht 

1)  Zu  berücksicbtigeD  ist  allerdings  auch,  daß  der  Kf.  auf  Orund  der  Nach- 
richten, die  er  selbst  aus  Ungarn  erhielt,  auch  jetzt  wieder  an  die  Wirklichkeit 
der  Türkengefahr  glaubte.  (B^.  B.  No.  1649.) 

2)  An  Ldgf.  Äug.  9,  Beg.  H.  p.  551,  No.  181,  Or.,  zum  Teil  Chiffre. 
Aktenst.  No.  49. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  14,  ebenda,  Or. 

4)  An  Ldgf.  Aug.  20,  Konz.,  ebenda. 

5)  Vergl.  besonders  an  Ldgf.  Aug.  31  und  Sept.  8,  Konz.,  ebenda,  Or. 
P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie,  1543  Sept  Aktenst  No.  52. 


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Bund  und  Keich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  383 

sorgen;  dann  werde  er  sie  in  bezug  auf  die  Türkenhilfe  gehorsam 
finden.  lieber  deren  Maß  müßten  die  Gesandten  allerdings  erst 
noch  Erkundigungen  ihrer  Auftraggeber  einziehen.  Weiterhin 
sollten  sie  auch  noch  den  Standpunkt  der  Protestanten  in  der 
braunschweigischen  Sache  darlegen ‘).  Von  kursächsischer  Seite 
nahm  Burchard  an  der  Gesandtschaft  teil.  Die  ersten  Verhand- 
lungen mit  Karl  V.  verliefen  wenig  befriedigend,  da  er  eigent- 
lich alles  auf  die  Zukunft  verschob.  Die  endgültige  Antwort,  die 
Granvella  und  Naves  erteilten,  lautete  aber  doch  nicht  ganz  aus- 
sichtslos. Der  Kaiser  gab  zunächst  darin  für  die  Zeit  seiner  An- 
wesenheit im  Reiche  eine  bestimmte  Friedensversicherung  ab,  die 
Beurlaubung  der  Kammergerichtspersonen  lehnte  er  allerdings 
vor  der  Visitation  ab,  für  später  versprach  er,  die  zu  ent- 
fernen, die  verdächtig  befunden  würden.  Die  Beseitigung  der 
Ungleichheit  der  Anschläge,  um  die  die  Protestanten  auch  gebeten 
hatten,  stellte  er  erst  für  den  Reichstag  in  Aussicht.  Am  wenigsten 
befriedigend  lautete  seine  Antwort  in  der  braunschweigischen 
Sache,  da  er  Restitution  des  Landes  vor  dem  Verhör  verlangte  “). 
Im  übrigen  war  der  Landgraf  der  Meinung,  daß  man  mit  der 
kaiserlichen  Antwort  zufrieden  sein  und  nuu  die  Türkenhilfe  be- 
willigen könne*).  Johann  Friedlich  war  zwar  weniger  zufrieden, 
stimmte  aber  doch  auch  der  Hilfsleistung  zu,  bestand  allerdings 
darauf,  daß  vorher  erst  noch  eine  Versammlung  der  Verbündeten 
berufen  werde,  doch  gab  er  zur  Beschleunigung  der  Sache  gleich 
im  Ausschreiben  die  Türkenhilfe  als  Beratungsgegenstand  an  und 
bat  die  Bundesstände  sofort  um  Zustimmung  zu  ihrer  Gewährung ‘). 

Es  war  nicht  wirkliche  Ueberzeugung  von  der  Beseitigung  der 
Gefahr,  sondern  eher  Furcht,  die  auch  ihm  jetzt  eine  gewisse  Nach- 
giebigkeit geraten  erscheinen  ließ.  Auch  ihm  kam  es  eben  darauf  an, 
einen  Konfiikt  mit  dem  Kaiser  zu  vermeiden.  Deswegen  hatte  er 
Burchard  noch  besondere  geheime  Aufträge  an  Granvella  und 

1)  lustruktion  vom  15.  Juli,  R^.  H.  p.  489,  No.  168,  Or. 

2)  Am  klarsten  die  Antwort  des  Kaisers  in  Brief  Boyneburgs  an  Ldgf. 
vom  16.  Aug.,  Reg.  H.  p.  551,  No.  181.  Beilage  zu  Brief  des  Ldgf.  an  Kf.  vom 
21.  Aug.  Vergl.  Lanz,  Staatspap.,  8.  383  f.  Seckendorf,  III,  8.  419. 
Sleidan,  II,  8.  316f.  Akten  in  Reg.  H.  p.  489,  No.  168.  Dort  auch  Berichte 
Burchards,  er  war  schon  am  17.  Aug.  wieder  in  Weimar,  während  die  anderen 
Gesandten  ihre  Bemühungen  noch  fortsctzten.  P.  C.  III,  427  ff. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  10,  14,  21,  25,  Reg.  H.  p.  551,  No.  181,  Or. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  20,  ebenda,  Konz. 


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384 


Kapitel  III. 


eventuell  auch  den  Kaiser  gegeben.  Er  sollte  zunächst  die  Haltung 
des  Kurfürsten  in  der  jülichschen  Sache  entschuldigen  und  zugunsten 
Jülichs  wirken,  ferner  aber  auch  die  Wahlsache  beizulegen  suchen*). 
Der  Gesandte  ist  durch  Granrella  anfangs  sehr  schroff  behandelt 
worden,  später  hat  er  aber  doch  ganz  befriedigende  Erklärungen 
erzielt*),  so  daß  im  September  sogar  ein  recht  freundschaftlicher 
Briefwechsel  zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  kaiserlichen  Minister 
möglich  war®).  — 

Eins  der  Mittel,  durch  das  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  ihre 
Dienstfertigkeit  zu  beweisen  suchten,  war  die  Berufung  des  Frank- 
furter Bundestages  zur  Beschlußfassung  über  die  Türkenhilfe.  Außer- 
dem sollte  über  die  braunschweigische  Defension  und  über  die 
Visitation  des  Kammergerichts  beraten  werden*).  Der  Kurfürst 
betrachtete  als  den  Hauptpunkt  offenbar  die  Frage  der  Türken- 
hilfe.  Er  war,  wenn  die  Mehrheit  sich  dafür  erklärte,  einver- 
standen damit,  daß  jetzt  die  in  Schmalkalden  in  Aussicht  ge- 
nommene viermonatige  Hilfe  geleistet  würde,  er  wollte  sich  aber 
auch  einem  gegenteiligen  Beschluß  der  Stände  fügen.  Er  sprach 
sich  ferner  jetzt  für  die  Beschickung  des  Speierer  Visitationstages 
aus,  ein  Ausschuß  sollte  auf  Grund  der  Gutachten  der  Gelehrten 
einen  Beschluß  über  die  Art  und  Weise  der  Visitation  fassen,  den 
die  nach  Speier  bestimmten  Bäte  mitnehmen  sollten.  Der  Kurfürst 
hatte  auch  nichts  dagegen,  daß  man  an  den  Kaiser  schriebe,  er 
wünschte  sogar,  daß  man  sich  bei  ihm  darüber  beschwere,  daß  das 
Kammergericht  fortfahre,  gegen  Kursachsen  zu  procedieren.  Sollte 
es  deswegen  zur  Acht  kommen,  so  müsse  man  für  einen  Mann 
stehen  ®).  Wegen  des  Schreibens  an  den  Kaiser  hat  Johann  Fried- 
rich dann  am  19.  September  seinem  Gesandten  Burchard  eine 
Weisung  nachgeschickt  zusammen  mit  einem  Entwurf  für  die  dem 

1)  Bciinetruktion  des  Kf.  für  Burchard  an  Granrella  Juli  24,  Reg.  H.  p.  489, 
No.  ica 

2)  Bericht  Burchards  über  die  Verhandlung  vom  3. — 12.  Ang.,  ebenda, 
eigenh.  Konz,  und  Reinschrift. 

3)  Kf.  an  Granrella  Sept.  1,  Reg.  C.  No.  895,  BL  47  ff.  lateinisches,  55  fl. 
deutsches  Konz.  Granrella  an  Kf.  Scpt  13,  ebenda  Bl.  76. 

4)  Kf.  sendet  das  Ausschreiben  am  20.  Ang.,  datiert  ist  es  schließlich  rom 
27.  Aug.  Seckendorf,  III,  S.  419.  Brandenburg,  I,  S.  248,  3.  Reg.  H. 
p.  490,  No.  169.  Vergl.  auch  P.  C.  III,  433. 

5)  Instruktion  des  Kf.  für  Minckwitz,  Sindringer  und  Burchard  rom  11.  SepU, 
Reg.  H.  p.  490,  No.  169,  II,  Or. 


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Bund  und  Bdch:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


385 


Kaiser  in  der  braunschweigischen  Sache  and  in  der  Frage  der  Tfirken- 
hilfe  zu  erteilende  Antwort.  Der  KurfOrst  hatte  nichts  dagegen,  daß 
man  außer  der  Hilfe,  die  auf  dem  Reichstag  bewilligt  war,  noch  einen 
Znzug  leiste,  wenn  der  Kaiser  den  Protestanten  dafür  eine  Versiche- 
rung gäbe,  daß  sie  von  Herzog  Heinrich  nichts  zu  befürchten  hätten'). 

Die  Befürchtungen  wegen  eines  von  dem  Herzog  drohenden 
Angriffs  waren  damals  beim  Kurfürsten  und  Landgrafen  wieder 
sehr  groß,  sie  dachten  schon  an  Rüstungen  und  planten  unter 
anderem,  die  Schweizer  in  ihre  Dienste  zu  nehmen*).  Auch  eine 
kaiserliche  Versicherung  erschien  dem  Kurfürsten  durchaus  nicht 
als  volle  Sicherheit,  da  man  im  nächsten  Jahre  auf  demselben 
Fleck  stehen  werde  wie  jetzt,  aber  er  hielt  damals  doch  einiges 
Entgegenkommen  für  nötig  *).  Man  kann  seine  Auffassung  von  der 
Lage  im  September  1543  überhaupt  dahin  zusammenfassen,  daß 
sie  ihm  noch  recht  bedenklich  erschien,  daß  er  Beschlüsse  des 
Bundes  darüber  wünschte,  wie  man  sich  im  Falle  der  Gefahr  ver- 
halten wolle,  daß  er  aber  zu  den  anderen  Verbündeten  sehr  wenig 
Vertrauen  hatte  und  daher  bereit  war,  auf  annehmbare  Bedingungen 
der  Gegner  einzugehen*). 

Unter  dem  Einfluß  dieser  Stimmungen  stand  der  Frankfurter 
Bundestag,  der  Ende  September  zusammentrat.  Man  hat  sich  hier 
zunächst  mit  dem  Visitationstag  beschäftigt  und  die  Instruktion  für 
die  Gesandten,  durch  die  man  ihn  beschicken  wollte,  fertiggestellt  *). 
Von  sächsischer  Seite  wurden  Erasmus  von  Minckwitz,  Melchior 
Kling  und  Ulrich  Mordeisen  gesandt.  Die  Tagung  in  Speier  be- 
gann am  1.  Oktober  und  hat  monatelang  gedauert*). 

1)  Ef.  an  Borchard  Sept.  19,  Reg.  H.  p.  490,  No.  169,  II,  Or. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Bept.  5,  Reg.  H.  p.  551,  No.  181,  Or.  Vergl.  Clemen, 
Heit,  S.  134  f. 

3)  An  Burchard  Sept.  19,  Reg.  H.  p.  490,  No.  169,  II.  Or. 

4)  An  Burchard  Sept  24,  ebenda,  Or.  Korreepondenz  mit  dem  Ldgf.  meist 
undatierte  Zettel,  einer  des  Kf.  vom  25.  Sept,  Reg.  H.  p.  555,  No.  182,  I.  II. 
Aktenst  No.  53.  Eine  etwas  zuversichtlichere  Stimmung  zeigte  der  Kurfürst 
gegenüber  den  Vermittlungsanerbietungen  des  Grafen  Albrecbt  von  Mansfeld. 
Der  Qf.  an  Kf.  Sept  26,  Reg.  H.  p.  510,  No.  173,  Hdbf.  Aufzeichnungen  über 
Verhandlungen  mit  dem  Grafen  in  Loc.  9656  „des  Landgraf»]  zu  Hessen  . . . 
1543/44",  BL  26-36.  37—40. 

5)  Vom  28.  Sept,  R^.  H.  p.  490,  No.  169,  I.  Burchard  an  Kf.  Sept  23, 
25,  ebenda  voL  II,  Or. 

6)  Seckendorf,  III,  S.  420ff.,  Harpprecht,  V,  S.  151  ff.  und  Akten 
in  Reg.  H.  p.  501,  No.  171,  I. 

Beiträge  inr  neueren  Geschichte  Thäringens  I,  3.  25 


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386 


Kapitel  III. 


ln  Frankfurt  hat  man  sich  dann  weiter  mit  den  geplanten 
Briefen  an  den  Kaiser  beschäftigt.  In  einem  vom  29.  September 
bewilligte  man  die  Türkenhilfe  auf  4 Monate,  erklärte  jedoch  aus- 
drücklich, daß  es  nicht  auf  Grund  des  Reichsabschiedes  geschehe, 
und  bat  gleichzeitig  den  Kaiser,  für  Einstellung  der  Kammer- 
gerichtsprozesse, überhaupt  für  Frieden  und  Recht  zu  sorgen '). 
Die  Zahlung  des  bewilligten  Geldes  sollte  bis  Martini  in  Nürnberg 
erfolgen  *).  In  einem  zweiten  Schreiben  vom  2.  Oktober  richtete 
man  die  Bitte  an  Karl,  in  der  braunschweigischen  Sache  keine 
Schritte  zn  tun,  ehe  sich  die  Protestanten  auf  dem  Reichstage  ge- 
rechtfertigt hätten.  Ursprünglich  war  dabei  ein  Passus  hinzugefügt, 
daß  der  Kaiser  ihnen  die  Restitution  „ohne  vorhergehende  genüg- 
same Handlung“  nicht  zumuten  werde.  Auf  Veranlassung  des 
Landgrafen  wurden  von  den  niederdeutschen  Gesandten  auf  der 
Rückreise  in  Marburg  die  beschränkenden  Worte  dieses  Passus 
gestrichen.  Man  machte  den  Oberdeutschen  zwar  sofort  Mitteilung 
davon,  aber  es  war  begreiflich,  wenn  sie  doch  etwas  verwundert 
über  eine  solche  Eigenmächtigkeit  waren®). 

Von  den  sonstigen  Beschlüssen  des  Frankfurter  Tages  ist  noch 
hervorzuheben,  daß  man  den  bevorstehenden  Reichstag  recht  statt- 
lich und  zahlreich  beschicken,  auch  Brandenburg,  Köln,  Münster 
u.  a.  zu  gemeinsamem  Vorgehen  veranlassen  wollte.  Wegen  der 
„gefährlichen  Läufte“  sollten  alle  gute  Kundschaft  halten,  den  Ober- 
hauptleuten berichten  und  ihr  Volk  anheimhalten.  Die  Festsetzung 
von  Strafen  für  säumige  Zahler  der  Bundesbeiträge  wurde  auf 
den  nächsten  Bundestag  verschoben ‘).  Dieser  sollte  gleichzeitig 
mit  dem  Speierer  Reichstage  abgehalten  werden.  Dessen  Nähe, 
ebenso  wie  der  Zug  des  Kaisers  gegen  Frankreich®)  wirkte  be- 
ruhigend auf  die  Stimmung  der  Verbündeten,  auch  der  Brief,  mit 


1)  Oes.  der  Stände  an  den  Kaiser  Sept.  29,  Reg.  H.  p.  490,  Ko.  169,  L 

2)  Abschied  vom  3.  Okt,  Reg.  H.  ebenda,  Urk.  P.  C.  III,  434,  4.  Sleidan , 
II,  a 327. 

3)  Die  in  Frankfurt  Tersammelten  Stände  an  den  Kaiser  Okt.  2,  Reg.  H. 
p.  490,  No.  169,  I,  Kopie.  Ldgf.  an  Kf.  Okt  8,  Reg.  H.  p.  SS.*),  No.  182,  II,  Or. 
Die  in  Marburg  Versammelten  an  Ulm  Okt.  6,  Reg.  H.  p.  490,  No.  169,  II, 
Kopie.  Die  Antwort  der  Ulmor  vom  18.  Okt.  sandte  Ldgf.  am  29.  Okt  dem 
Kf.,  Reg.  H.  p.  B55,  No.  182,  II;  P.  C.  III,  434,  Anm.  4. 

4)  Abschied  vom  3.  Oktober. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  23,  Reg.  H.  p.  551,  No.  181,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


387 


dem  Karl  das  Frankfurter  Schreiben  beantwortete , lautete  zu- 
friedenstellend *),  und  der  Gang  des  Visitationstages  in  Speier  war 
nicht  ganz  ungünstig,  erreichte  man  doch  die  Entfernung  des 
mainzischen  Kanzlers  Jonas  und  vermochte  zu  verhüten,  daß  das 
Kammer^ericht  über  die  Beobachtung  des  Reichsabschiedes  von 
1530  befragt  wurde*). 

Auch  in  der  braunschweigischen  Sache  konnte  man  sich  einiger- 
maßen sicher  fühlen,  nachdem  der  Kaiser  Moritz  die  Vermittlung 
darin  übertragen  hatte®).  Allerdings  erwartete  weder  der  Land- 
graf noch  der  Kurfürst  von  dieser  Vermittlung  eine  wirkliche  Bei- 
legung des  Streites,  sie  waren  auf  unannehmbare  Vorschläge  ge- 
faßt*). Tatsächlich  lief  ja  dann  die  Forderung  des  Kaisers  auf 
Restitution  entweder  an  den  Herzog  selbst  oder  an  ihn  hinaus, 
worauf  die  Bundeshäupter  sich  auf  keinen  Fall  ohne  irgendwelche 
Garantien  für  das  künftige  Geschick  des  Landes  einlassen  wollten. 
Man  half  sich  Moritz  gegenüber  damit,  daß  man  seine  Vermittlung 
zwar  acceptierte,  aber  erklärte,  eine  definitive  Antwort  erst  nach 
Beratung  mit  den  Verbündeten  erteilen  zu  können,  die  am  besten 
auf  dem  Reichstag  stattfinden  werde  ®).  Inzwischen  erörterten 
der  Kurfürst  und  der  Landgraf  untereinander  aber  schon  die 
Frage,  wie  man  sich  der  Restitutionsforderung  gegenüber  ver- 
halten oder  was  man  sonst  für  Bedingungen  stellen  solle.  Beide 
Fürsten  hatten  auch  ihre  Gelehrten  schon  darüber  zu  Rate  ge- 
zogen. Der  Kurfürst  war  geneigt,  sofort  Vorschläge  darüber  zu 
machen,  auf  welcher  Grundlage  man  mit  dem  Herzog  verhandeln 
könne,  und  dabei  als  Grund  für  die  Verweigerung  der  Sequestration 
auch  die  religiösen  Verhältnisse  hervortreten  zu  lassen.  Der  Land- 
graf hielt  teils  aus  Rücksicht  auf  die  anderen  Verbündeten,  teils 


1)  Kaiser  an  die  Protestanten  Okt.  17,  Seckendorf,  III,  S.  419;  M.  P.  C. 
I,  690,  1;  Brandenburg,  I,  S.  255.  Kopie  in  Reg.  H.  p.  555,  No.  182,  vol.  II 
und  öfter. 

2)  Viele  Akten  in  Reg.  H.  p.  501,  No.  171, 1 und  II.  Vergl.  etwa  in  fase.  II 
Miuckwitz,  Kling  und  Mordeisen  an  Kf.  Not.  9. 

3)  Karl  an  Moritz  Okt  11.  M.  P.  C.  I,  689  f. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  3,  M.  P.  C.  I,  696,  2.  Ldgf.  an  Kf.  Not.  4,  ebenda. 
Kf.  an  Ldgf.  Not.  16,  ebenda  S.  697,  2. 

5)  Verhandlungen  zwischen  Moritz  und  dem  Ldgf.  Tom  2.  Dez.,  M.  P.  C. 
I,  699 — 708,  zwischen  Al  berlinischen  Räten  und  Kf.  Dez.  29,  M.  P.  C.  I,  718 
—720. 

25* 


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Kapitel  III. 


um  nicht  merken  zu  lassen,  daß  vor  allem  religiöse  Gründe  die 
Rückgabe  Braunschweigs  hinderten,  beides  zurück.  Die  Antwort, 
die  man  Moritz  erteilte,  beschränkte  sich  daher  auf  die  Erklärung, 
daß  sie  erst  auf  dem  Reichstag  mit  ihren  Verbündeten  beraten 
müßten,  und  die  Bitte,  zu  bewirken,  daß  sie  vor  dem  Reichstag 
zu  einem  öffentlichen  Verhör  in  der  Sache  kämen,  auch  setzte  man 
die  Gründe  auseinander,  weshalb  man  dem  Kaiser  bisher  keinen 
ausführlichen  Bericht  über  die  braunschweigische  Angelegenheit 
erstattet  habe ').  Da  der  Kaiser  sich  mit  dieser  Antwort  zufrieden 
gab  *),  so  kam  es  also  auch  für  diese  Vemdcklung  auf  den  Verlauf 
des  Reichstages  an.  — 

Das  Charakteristische  für  diesen  Reichstag  ist,  daß  die  be- 
gonnene Annäherung  der  Protestanten,  vor  allem  auch  des  Kur- 
fürsten an  den  Kaiser  fortgesetzt  wurde.  Schon  daß  Johann  Friedrich 
sich  ohne  allzu  große  Schwierigkeiten  entschloß,  den  wiederholten 
Einladungen  des  Kaisers  stattzugeben  und  persönlich  den  Reichs- 
tag zu  besuchen^),  zeigte,  wie  sehr  sich  die  Lage  etwa  gegen  1541 
geändert  hatte.  Während  der  Kurfürst  ferner  auf  den  letzten  Reichs- 
tagen immer  dagegen  gewesen  war,  daß  man  sich  auf  Verhand- 
lungen „im  Reichsrat“,  d.  h.  nach  Kollegien  einließe,  beauftragte  er 
seine  Gesandten  diesmal  ausdrücklich,  einen  Versuch  damit  zu 
machen,  vielleicht  weil  er  hoffte,  daß  man  andere  Stände  auf  diese 
Weise  beeinflussen  könne  ®).  Auch  nachdem  er  selbst  am  18.  Februar 
eingetroffen  war,  hat  Johann  Friedrich  zunächst  wie  an  den  offi- 
ziellen Reichstagszermonieu,  so  auch  an  den  Sitzungen  des  Kur- 


1)  Kf.  und  Ldgf.  an  Moritz  1544  Jan.  1,  M.  P.  C.  II,  5—9,  beruhend  auf 
Ldgf.  an  Kf.  Dez.  26,  K^.  H.  p.  574,  No.  Ib8,  I,  Or.  Ueber  die  weitergehendeo 
Wünsche  des  Kf.  rergl.  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  29,  P.  Ä.  No.  690,  Kopie.  Dazu  gehört 
da»  Bedenken  der  Wittenberger  Theologen  vom  20.  Dez.,  Burkhardt,  S.  435 
—437.  Vergl.  M.  P.  C.  II,  6,  Anm.  2. 

2)  Karl  V.  an  Moritz  Jan.  30,  M.  P.  C.  II,  20,  No.  571. 

3)  Es  sind  solche  da  vom  2.  Juni  und  23.  Nov.  1543  und  2.  Jan.  1544. 
Beg.  E.  p.  55a,  No.  110. 

4)  Er  äufierte  die  Absicht,  zu  kommen,  z.  B.  Dez.  26  gegen  Hans  Hofmann 
nach  dessen  Brief  vom  2.  Jan.  1544,  Loc.  10674  „zweites  Buch,  Handlung  zwischen 
.•.  .“,  Or.  Zugordnung  u.  dgl.  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  110. 

5)  Instruktion  für  die  Räte  vom  6.  Jan.,  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  110,  Or. 
Der  Kf.  war  aber  bereit,  sich  in  dieser  Frage  einem  Beschluß  der  anderen  Stände 
zu  fügen.  Vergl.  auch  Lenz,  II,  S.  1S4. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 154ö.  389 

fürstenrates  teilgenommen*).  Dabei  trat  dann  aber  in  diesem  so- 
wohl wie  im  Fürstenrat  sehr  bald  eine  große  Differenz  zwischen 
den  Protestanten  und  den  Ständen  der  anderen  Partei  hervor,  in- 
dem jene  wünschten,  daß  vor  der  Beratung  über  die  vom  Kaiser 
und  König  in  ihren  Propositionen  begehrten  Hilfsleistungen  wider 
die  Türken  und  Frankreich  erst  die  Punkte  Friedens  und  Rechts 
erledigt  würden,  während  die  andere  Partei  sofort  über  die  Türken- 
hilfe beraten  und  die  Erledigung  der  anderen  beiden  Punkte  dem 
Kaiser  überlassen  wollte*).  Da  man  sich  über  diese  Fragen  nicht 
einigen  konnte,  kam  es  doch  wieder  dahin,  daß  die  Protestanten 
„für  einen  Mann  standen“  und  sich  absonderten.  Verhältnismäßig 
schnell  ist  es  aber  dem  Kaiser  gelungen , die  Schmalkaldener 
zu  bestimmen,  wenigstens  in  die  gleichzeitige  Beratung  beider 
Gegenstände  zu  willigen*).  Vor  allem  der  Kurfürst  trat  für  die 
Erfüllung  der  Wünsche  des  Kaisers  ein*),  während  allerdings  manche 
städtische  Vertreter,  z.  B.  Jakob  Sturm,  mit  diesem  Verfahren  gar 
nicht  einverstanden  waren ‘).  Johann  Friedrich  wird  wahrscheinlich 
die  Nachgiebigkeit  als  eine  rein  formelle  angesehen  haben,  er  wenig- 
stens hielt  bis  zum  Schlüsse  des  Reichstages  daran  fest,  daß  eine  wirk- 
liche Bewilligung  der  Hilfe  erst  möglich  sei,  wenn  man  auch  über 
Frieden  und  Recht  befriedigende  Erklärungen  erlangt  habe,  und  es 
bat  gegen  Ende  des  Reichstages  noch  manchen  harten  Zusammen- 
stoß deswegen  gegeben  *).  Zunächst  aber  trat  man  nun  also  in  die 
Beratung  innerhalb  der  Kollegien  wieder  ein. 

Es  ist,  wie  gesagt,  vielleicht  gar  nicht  nötig,  nach  be- 
sonderen Gründen  für  das  Verhalten  des  Kurfürsten  zu  suchen. 
Da  es  aber  den  Zeitgenossen  ohne  solche  nicht  erklärlich 
schien,  so  dürfen  auch  wir  uns  vielleicht  die  Frage  vorlegen,  ob 

1)  Berichte  über  die  Audienz  beim  Kaiser  ii.  dgl.  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  113. 
114;  Ossa,  S.  46.  Armstrong,  II,  S.  25.  Protokoll  der  Beratungen  im  Kur- 
fürstenrat  Reg.  EX  p.  55a,  No.  112.  Vergl.  de  Boor,  S.  35f.  P.  C.  III,  458ft 

2)  Nach  dem  Protokoll  des  Kurfüretenratcs  und  P.  C.  III,  462. 

3)  P.  C.  III,  462  f.  Reg.  E.  p.  55a,  No.  111. 

4)  de  Boor,  S.  37.  C.  R.  V,  .3361. 

5)  Besonders  nicht  mit  der  BewUligung  der  Hilfe  gegen  Frankreich.  P.  C. 
III,  467  f.  476 f. 

6)  Protokoll  der  Sitzungen  des  Kurfürstenrates,  Reg.  E.  p.  55a,  No.  112.  Kf. 
an  Jüh.  Ernst,  April  8,  Cob.  Arch.  A.  I,  28,  b 1,  No.  12,  Konz.  Die  zwischen 
dem  Kaiser  und  den  Protestanten  gewechselten  Schriften  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  111. 
de  Boor,  S.  53.  60f.  P.  C. 


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390 


Kapitel  III. 


deren  vorhanden  waren.  Und  da  muß  nun  doch  darauf  hingewiesen 
werden,  daß  tatsächlich  außerordentlich  günstige  Erklärungen  von 
kaiserlicher  Seite  Vorlagen,  daß  man  auf  protestantischer  Seite 
auch  sehr  wohl  über  die  zwischen  Kaiser  und  Papst  bestehenden 
Differenzen  unterrichtet  war  und  daher  sogar  Zugeständnisse 
Karls  auf  religiösem  Gebiete  nicht  für  gänzlich  unmöglich  hielt*). 
Für  den  Kurfürsten  und  Landgrafen  kam  ferner  allerdings  stets  in 
Betracht,  daß  sie  es  wegen  der  braunschweigischen  Sache  nicht 
gern  mit  dem  Kaiser  verdarben.  Ob  für  Johann  Friedrich  auch 
seine  Zwistigkeiten  mit  Moritz  und  mit  Albrecht  von  Mainz  irgend- 
wie bestimmend  waren,  bleibe  zunächst  dahingestellt  *).  Mit  Sicher- 
heit dagegen  können  wir  annehmen,  daß  die  .\ussicht,  durch  kaiser- 
liche Vermittlung  alle  seine  Streitigkeiten  mit  Ferdinand  beizulegen, 
die  ihm  der  Reichstag  eröffnete,  und  damit  verbunden  die  Hoffnung 
auf  Bund,  ja  vielleicht  sogar  Familienverbindung  mit  den  Habs- 
burgern nicht  ohne  Wirkung  auf  ihn  blieb.  Das  war  ja  ein  Ziel, 
dem  stets  seine  Neigung  gegolten  hatte®). 

Alles  das  hat  aber  doch,  um  es  noch  einmal  zu  betonen,  keine 
Nachgiebigkeit  des  Kurfürsten  in  prinzipiellen  Dingen  zur  Folge 
gehabt.  Er  hat  die  Türkenhilfe  nur  bedingungsweise  bewilligt,  und 
auch  die  anderen  schmalkaldischen  Stände  hielten  an  diesem  Stand- 
punkt fest.  Sie  erreichten  dadurch,  daß  schließlich  sogar  die  Ge- 
samtheit der  Stände  den  Kaiser  bat,  die  Punkte  Friedens  und  Rechts 
zu  erledigen  *).  Karl  beauftragte  darauf  die  Kurfürsten  von  der  Pfalz 
und  von  Brandenburg,  Naves  und  den  alten  Herrn  von  Madruzzo. 
die  Verhandlungen  darüber  in  die  Hand  zu  nehmen®).  Sie  kamen 
in  ihren  Vorschlägen  den  Protestanten  so  weit  entgegen,  daß  sie  den 

1)  Burchard  an  Kf.  Jan.  21,  Reg.  E.  p.  55a,  No.  110,  Hdbf.;  Secken- 
dorf, III,  S.  473.  Antwort  des  Kf.  vom  27.  Jan.,  ebenda,  Or.  Bnrchard  an 
Kf.  Febr.  4,  ebenda,  Hdbf.  Daß  wenigstens  Ferdinand  damals  aufrichtig  einen 
Frieden  wünschte,  darf  man  wohl  aus  seinem  Brief  an  den  Kaiser  vom  18.  Okt. 
1543  schließen.  Lanz,  Korr.,  II,  S.  396—399.  Vergl.  über  die  Lage  anch 
Druffel,  Abh.  Bayr.  Ak.  XIII,  S.  161  f. 

2)  de  Boor,  8.  44ff.  nimmt  es  an,  auch  Ossa,  S.  47  denkt  an  eigen- 
nützige Beweggründe  der  einzelnen  Stände. 

3)  Mit  umfangreichen  Ratschlägen,  z.  B.  über  den  Türkenkrieg,  war  er  auch 
damals  gleich  wieder  bei  der  Hand,  Reg.  E.  p.  55a,  No.  112. 

4)  de  Boor,  8.  62 f.  Vergl.  P.  C.  III,  S.  489.  Zahlreicbe  Akten  über  die 
Funkte  Friedens  und  Rechts  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  111. 

5)  P.  C.  III,  497.  Burchard  an  Ponikau  April  30,  Reg.  E.  p.  55a,  No.  1 10, 
Hdbf. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  391 

Katholiken  nnaunehmbar  erschienen ; ähnlich  stand  es  mit  manchen 
späteren  Vorschlägen  des  Kaisers  *).  Auch  mit  dem,  was  schließlich 
in  den  Abschied  kam,  waren  die  Katholiken  weniger  zufrieden  als 
die  Protestanten*).  Diesen  war  man  tatsächlich  weiter  als  je  ent- 
gegengekommen. Man  verlängerte  ihnen  den  Nürnberger  Frieden 
bis  zum  Konzil  oder  bis  zur  Religionsvergleichung,  man  suspendierte 
die  Prozesse  gegen  sie  während  dieser  Zeit  und  stellte  in  Aussicht, 
daß  auf  dem  nächsten  Reichstag  neue  Beisitzer  für  das  Kammer- 
gericht ohne  Unterschied  der  Religion  präsentiert  werden  sollten*). 

Dafür  bewilligten  nun  also  die  Protestanten  eine  Defensivhilfe 
gegen  Frankreich,  deren  Ertrag  eventuell  auch  gegen  die  Türken 
verwendet  werden  durfte,  und  eine  Offensivhilfe  gegen  die  Türken. 
Lange  Debatten  hat  es  darüber  gegeben,  in  welcher  Weise  die 
Hilfe  aufgebracht  werden  solle,  ob  auf  Grund  der  alten  Anschläge 
oder  eines  gemeinen  Pfennigs.  Der  Kurfürst  hielt  auch  jetzt  wieder 
aufs  entschiedenste  an  seinem  ablehnenden  Standpunkt  gegenüber 
dem  gemeinen  Pfennig  fest  und  fand  dabei  Unterstützung  bei 
Pfalz  und  Trier  im  Kurfürstenrat  und  bei  den  „vermögenden 
Ständen“  im  Fürstenrat ‘).  Da  man  sich  nicht  einigen  konnte, 
wurden  dem  Kaiser  am  21.  April  zwei  verschiedene  Gutachten 
überreicht.  Er  schlug  vor,  die  Defensivhilfe,  die  sofort  geleistet 
werden  sollte,  nach  den  alten  Anschlägen  zu  leisten,  die  Offensiv- 
hilfe dagegen  auf  Grund  eines  gemeinen  Pfennigs.  Die  Stände 
bewilligten  darauf  am  26.  jene  nach  den  alten  Anschlägen,  für 
die  Beratung  über  diese  setzten  sie  einen  Ausschuß  ein,  der 
wieder  einen  engeren  Ausschuß  bildete.  Dieser  sprach  sich  am 
31.  Mai  ebenfalls  für  den  gemeinen  Pfennig,  zahlbar  am  letzten 
November,  aus,  da  die  Anschläge  jetzt  nicht  so  schnell  reformiert 


1)  P.  C.  III,  499.  504/505.  de  Boor,  8.  65«.  74«. 

2)  Abschied  vom  10.  Juni.  Schon  am  28.  Mai  war  man  aber  einig.  P.  C. 
III,  5091.  de  Boor,  8.  77f. 

3)  Sleidan,  II,  8.  347«.  Seckendorf,  III,  8.  475f.  Banke,  IV, 
8.  219«.  Neue  Sammlung  der  Beicbsabschiede  (1747),  II,  495«.  de  Boor, 
S.  85  «.  Daß  der  Kurfürst  mit  dem  Erreichten  zufrieden  war,  zeigt  z.  B.  Brief 
an  Ldgf.  vom  29.  Mai,  Reg.  H.  p.  574,  No.  188,  II,  Konz.;  an  die  Bäte  Juni  4, 
Reg.  E.  p.  56a,  No.  113. 

4)  Protokoll  des  Kurfürstenrates.  Burchard  an  Ponikau  April  9 und  19, 
Reg.  El  p.  55a,  No.  110,  Hdbf.  Ein  ausführliches  eigenhändiges  Bedenken  des 
Kf.  über  den  gemeinen  Pfennig  ebenda  No.  114.  Vergl.  Ossa  bei  Langenn, 
8.  58.  Druffel,  Abh.  Bayr.  Ak.  XIU,  S.  173,  25. 


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392 


Kapitel  lU. 


werden  könnten.  Da  anzunehmen  war,  daß  auch  der  große  Aus- 
schuß sich  diesem  Beschluß  anschließen  würde,  protestierte  Kur- 
sachsen dagegen,  erbot  sich  jedoch,  ebensoviel  zu  zahlen,  wie  irgend 
ein  anderer  Kurfürst*). 

Nicht  ganz  zufrieden  war  man  auf  protestantischer  Seite  auch 
mit  der  Bestimmung  des  Abschieds,  daß  der  Religionszwiespalt  auf 
einem  gemeinen  freien  christlichen  Konzil  entschieden  werden  solle 
oder,  wenn  dieses  nicht  zustande  käme,  auf  dem  Reichstag  im 
nächsten  Winter,  und  daß  die  einzelnen  Stände  zu  diesem  Zweck 
Reformationsentwürfe  ansarbeiten  sollten.  Man  hielt  wenigstens 
für  nötig,  einen  Protest  wegen  des  Konzils  und  der  Autorität  des 
Papstes  einznreichen  und  zu  erklären,  daß  man  sich  dadurch  nicht 
aus  der  kaiserlichen  Deklaration  begeben  wolle*). 

Auch  in  der  braunschweigischen  Sache  kam  es  in  Speier  zu 
keinem  ganz  befriedigenden  Resultat.  Die  Position  der  Verbündeten 
wurde  dadurch  geschwächt,  daß  zwischen  ihnen  selbst,  d.  h.  den 
Bundeshäuptem  einerseits,  den  oberdeutschen  Städten  anderseits 
so  geringe  Einigkeit  bestand.  Den  Städten  erschien  die  Restitution 
oder  auch  die  Sequestration  als  ganz  annehmbar,  während  sich  die 
beiden  Fürsten  auf  beide  durchaus  nicht  einlassen  wollten*).  ^Zu- 
gute kam  andererseits  den  Verbündeten,  daß  der  Kaiser  mit  den 
beständigen  Umtrieben  und  Kriegsvorbereitungen  Herzog  Heinrichs 
nicht  einverstanden  war  und  eine  friedliche  Erledigung  des  ganzen 
Stieitfalls  wünschte.  Im  Sinne  Sachsens  und  Hessens  wäre  aller- 
dings gewesen,  daß  der  Herzog  von  den  Reichstagsverhandlnngen 
überhaupt  ausgeschlossen  worden  wäre.  Darauf  ließ  sich  zwar 
der  Kaiser  nicht  ein,  doch  erlaubte  er,  daß  sie  eine  kurze  Pro- 
testation gegen  die  Teilnahme  des  Herzogs  verlasen.  Heinrich  ließ 
es  natürlich  an  einer  Antwort  nicht  fehlen.  Daß  Sachsen  und 
Hessen  darauf  erwiderten,  erlaubte  der  Kaiser  nicht,  kurz,  er  be- 
mühte sich  unparteiisch  zu  sein*).  So  war  es  wieder  gar  nicht 
sehr  nach  dem  Sinne  des  Herzogs,  wenn  endlich  am  5.  April  den 
Verbündeten  das  lange  geplante  Verhör  gewährt,  ihnen  also  Ge- 
legenheit gegeben  wurde,  ihr  Vorgehen  gegen  ihn  zu  rechtfertigen. 

1)  Der  ganze  Schriftwechael  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  111.  Vergl.  de  Boor, 
8.  57.  82  f. 

2)  de  Boor,  8.  94.  Reg.  H.  p.  .563,  No.  183. 

3)  P.  C.  III,  454  ff.  460  ff. 

4)  Ebenda  8.  458ff.  de  Boor,  8.  99ff. 


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Bund  und  Kelch:  Die  Jshre  der  Uneicherheit  1542 — 1546.  393 

Der  sächsische  Kanzler  Ossa  hielt  einen  fünfstündigen  Vortrag  vor 
Kaiser,  König  und  Keichsständen,  aber  in  Abwesenheit  Herzog 
Heinrichs*).  Der  Kaiser  hat  darauf  nicht  geantwortet,  sich  nur 
am  20.  April  mit  dem  Landgrafen  in  nicht  unbefriedigender  Weise 
über  die  Sache  unterhalten*)  und  außerdem  Heinrich  Gelegenheit 
gegeben,  sich  vor  ihm,  König  Ferdinand,  Trier,  Brandenburg,  Jülich 
und  dem  Landgrafen  von  Leuchtenberg  zu  verteidigen®). 

Karl  V.  selbst  hat  sich  erst  im  Mai  der  braunschweigischen 
Sache  angenommen.  Er  blieb  bei  seiner  Forderung  der  Restitution 
des  Herzogs  oder  der  Uebergabe  des  Landes  in  seine,  des  Lehn- 
herm,  Hand.  Er  wollte  es  dann  bis  zum  rechtlichen  Ausspruch  be- 
halten ®).  Die  Protestanten  lehnten  nach  heftigen  Kämpfen  zwischen 
dem  Landgrafen  und  den  Oberländern  am  17.  Mai  auf  Grund  eines 
Mehrheitsbeschlusses  sowohl  die  Restitution  wie  die  Sequestration 
ab  und  erboten  sich  zum  Recht  vor  dem  reformierten  Kammer- 
gericht oder  vor  unparteiischen  Kommissaren  ®).  Der  Kurfürst 
schloß  sich  dabei  durchaus  den  Ansichten  an,  die  der  Landgraf 
vertrat*),  war  aber  sehr  wenig  damit  einverstanden,  als  dieser  in 
seiner  Abschiedsaudienz  beim  Kaiser  andeutete,  daß  man  allen- 
falls Statthalter  und  Räte  des  Landes  sowohl  dem  Kaiser  wie  den 
Defensionsverwandten  schwören  lassen  könne.  Der  Sachse  hatte 
gegen  diesen  Gedanken  zwar  an  sich  nichts,  fürchtete  aber,  daß 
der  Kaiser  dadurch  in  seiner  Hartnäckigkeit  bestärkt  werden 
würde,  auch  lag  kein  derartiger  Bundesbeschluß  vor.  Alle  Ver- 
suche des  Landgrafen,  seinen  Schritt  zu  rechtfertigen,  fruchteten 
nichts  *). 

Der  Kaiser  war  übrigens  fern  davon,  auf  jenen  Vorschlag  ein- 
zugehen, er  blieb  bei  seiner  Restitutionsforderung,  wobei  er  weniger 


1)  Sleidan,  II,  S.  338ff.  Hortleder,  I,  2,  8.  857— 914.  Langenn,Owa, 
8.5a  de  Boor,  8.  29.  P.  C.  III,  484f.  Brandt,  I,  8.  63. 

2)  Ein  Bericht  über  diese  Unterredung  in  Keg.  H.  p.  563,  Xo.  183. 

3)  DieReplik  gedruckt  bei  Hortleder,  I,  2,  8.  915 — 971.  Vergl.  Sleid  an, 
II,  8.  342.  P.  C.  III,  488.  de  Boor,  8.  31. 

4)  P.  C.  III,  501. 

5)  Ebenda  8.  506 f.  Burchard  an  Kf.  Mai  14,  Keg.  E.  p.  55a,  Xo.  113, 
Hdbf.;  P.  Ä.  Xo.  697. 

6)  Kf.  an  Burchard  Mai  15,  Keg.  E.  ebenda. 

7)  Kf.  an  die  Räte  Mai  22,  ebenda.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  18,  25,  Keg.  H. 
p.  574,  Xo.  188,  II,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  22,  29,  ebenda,  Konz.  Ldgf.  an  Kf. 
Juni  3,  Kf.  an  Ldgf.  Juni  7,  ebenda. 


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394 


Kapitel  III. 


das  Interesse  Herzog  Heinrichs,  als  seine  eigene  Reputation  und 
den  Frieden  des  Reiches  als  Beweggrund  anfQhrte.  Die  kur- 
sächsischen und  hessischen  Gesandten,  die  die  größte  Mühe  hatten, 
die  anderen  Stände  von  völliger  Nachgiebigkeit  femzuhalten,  mußten 
sich  entschließen,  etwas  entgegenzukommen.  Sie  willigten  also 
in  die  Sequestration,  suchten  aber  durch  allerhand  Klauseln  die 
schädlichen  Folgen  zu  verhüten,  die  mit  einer  solchen  verbunden 
sein  konnten.  So  sollte  sich  der  Kaiser  verpflichten,  das  Land  nicht 
in  andere  Hände  kommen  zu  lassen  ohne  ihre  Einwilligung,  und 
ehe  ihnen  die  Kriegskosten  ersetzt  seien,  die  jetzigen  Statthalter 
sollten  bleiben,  aber  auch  dem  Kaiser  schwören,  die  jetzt  abge- 
schlossenen Verträge  sollten  weiterbestehen  u.  dgl.  m.  Der  Kaiser 
aber  wollte  nur  zugestehen,  daß  er  das  Land  einem  unparteiischen 
Fürsten  in  Verwaltung  geben  und  die  Rückkehr  Heinrichs  nicht 
dulden  wolle,  ehe  die  Sache  erledigt  sei,  und  daß  er  den  Herzog  von 
kriegerischen  Schritten  abhalten  wolle.  Da  die  schmalkaldischen 
Gesandten  gar  nicht  genügend  bevollmächtigt  waren,  konnte  kein 
Abschluß  erzielt  werden.  Der  Kaiser  gewährte  den  Protestanten 
6 Wochen  Bedenkzeit,  um  sich  über  seinen  Sequestrations- 
vorschlag zu  entscheiden,  inzwischen  sollten  der  Hesse  Keudel  und 
ein  Straßburger  ihm  gewissermaßen  als  Bürgen  für  eine  baldige 
Entscheidung  folgen*).  — 

Die  braunschweigische  Sache  blieb  auch  in  den  nächsten 
Monaten  im  Vordergründe  des  Interesses.  Blicken  wir  jedoch  zu- 
nächst noch  auf  die  sonstigen  Verhandlungen,  zu  denen  der  Reichs- 
tag benutzt  wurde,  so  muß  vor  allem  erwähnt  werden,  was  für  die 
Beilegung  der  Zwistigkeiten  zwischen  dem  Kurfürsten  und  König 
Ferdinand  geschah. 

Die  Unterhaltungen,  die  Burchard  im  August  mit  Granvella 
gehabt  hatte,  hatten  ja  zu  keinem  wirklichen  Resultat  geführt,  aber 
doch  die  freundschaftliche  Fortsetzung  des  Verkehrs  ermöglicht. 
Es  wurde  festgehalten  an  dem  Gedanken,  daß  der  Kaiser  zwischen 
seinem  Bruder  und  dem  Kurfürsten  vermitteln  solle.  Auch  auf 
königlicher  Seite  nahm  mau  die  Vermittlung  an.  Eine  Erstreckung 
des  Torgauer  Vertrages  und  der  dazu  gehörigen  Versicherung  des 


1)  Am  besten  unterrichtet  man  sich  über  die  letzten  Verhandlungen  aus  den 
Akten  in  P.  A.  G97  und  C99.  Vergl.  ferner  P.  C.  III,  519,  .5.  Manches  auch  in 
Reg.  H.  p.  574,  No.  188,  II  bei  dem  Brief  des  Ldgf.  vom  14.  Juni. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 154Ö. 


395 


Königs  hatte  nun  auch  keine  besonderen  Schwierigkeiten  ‘),  ja,  wir 
dürfen  wohl  anuehmen,  daß  der  Kurfürst  sich  vor  allem  wegen 
dieser  Verhandlungen  auf  den  Reichstag  begab.  Auch  Rrück  war 
zugegen  und  vertrat  mit  Burchard  die  kurfürstlichen  Interessen, 
während  von  habsburgischer  Seite  Granvella  und  Hofmann  teil- 
nahmen.  Ohne  Schwierigkeiten  war  die  Sache  auch  jetzt  noch  nicht, 
man  hat  von  März  bis  Juni  gebraucht,  ehe  man  völlig  vertragen 
war.  So  war  es  z.  B.  schwer,  eine  Einigung  in  der  dobrilugkschen 
Sache  zu  erzielen.  Der  Kurfürst  legte  auf  dessen  Besitz  so  viel 
Wert,  daß  er  sogar  auf  die  grünhainschen  Dörfer  und  auf  die 
Schuld  dafür  zu  verzichten  bereit  war,  der  König  aber  behauptete, 
daß  eine  Abtretung  unmöglich  sei  aus  Rücksicht  auf  seine  Ehre 
und  sein  Gewissen  und  wegen  des  Widerstandes  der  böhmischen 
Stände.  Auch  der  geplanten  Vermählung  eines  Sohnes  des  Kur- 
fürsten mit  Ferdinands  Tochter  Eleonore  stand  noch  mancherlei  im 
Wege.  Johann  Friedrich  meinte,  daß  das  Weib  in  der  Religion 
dem  Manne  folgen  müsse,  und  daß  die  Prinzessin  daher  schon  in 
Sachsen  erzogen  werden  solle,  die  Habsburger  wollten  das  natür- 
lich nicht  zugestehen,  und  so  einigte  man  sich  schließlich  dahin, 
daß  die  Ehe  überhaupt  nur  vollzogen  werden  solle,  wenn  vorher 
die  Eintracht  in  der  Religion  zustande  gekommen  sei*).  Von  deren 
Vorhandensein  meinte  der  Kaiser  auch  die  Bestätigung  der  jülich- 
schen  Heirat  des  Kurfürsten  abhängig  machen  zu  müssen*). 

Immerhin  war  das,  was  man  schließlich  in  den  Verträgen  vom 
7. — 13.  Mai  erreichte,  nicht  so  ganz  unbedeutend.  Der  Kaiser  be- 
stätigte die  Wiener  Lehnserteilung ‘)  und  die  Erbteilung  zwischen 
Johann  Friedrich  und  Johann  Emst*),  er  bestätigte  ferner  auch 
die  Ehe  Johann  Friedrichs  mit  Sibylle,  doch  mußten  beide  dafür 
einen  Revers  ausstellen,  daß  sie  im  Falle  des  Erbfalles  auf  alle 
ihre  Ansprüche  auf  Geldern  und  Zütphen  zu  Gunsten  des  Kaisers 
verzichten  würden.  Ferner  sollte  die  Bestätigung  nur  gelten,  wenn 


1)  Hofmann  an  Kf.  Okt.  25,  Nov.  30,  Loc.  10674  „zweites  Buch,  Handlung 
zwischen  . . .“,  Or.  Kf.  an  Hofmann  Dez.  9,  ebenda,  Konz. 

2)  Hortleder,  II,  1,  S.  293,  unvollständig. 

3)  Korrespondenzen  zwischen  dem  Kurfürsten  und  seinen  Räten  über  diese 
Dinge  in  Loc.  10674  „zweites  Buch,  Handlung  zwischen  . , .“  Briefe  Burchards 
an  Ponikau  in  Reg.  E.  p.  55a,  No.  110. 

4)  Am7.Mai,  Müller,  8.100;  Or.R^.F.  p.  55C,  No.  XII  (ürk.  No.  1041). 

5)  Am  8.  Mai,  Müller,  8. 100;  Or.  R^.  F.  p.  54 C,  No.  XI  (Urk.  No.  1040). 


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396 


Kapitel  III. 


zur  Zeit  des  Heimfalles  des  Erbes  die  Konkordie  in  der  Religion 
erreicht  sei,  oder  wenn  der  Kurfürst  oder  seine  Erben  dann  ver- 
sprächen, daß  sie  die  Untertanen  der  Herzogtümer  bei  ihrem 
Glauben  und  ihrer  Religion  lassen  würden.  Der  Kurfürst  seiner- 
seits erkannte  die  Wahl  Ferdinands  an,  wogegen  dieser  er- 
klärte, daß  sie  dem  Kurfürsten  und  seinen  Erben  in  keiner  Weise 
nachteilig  sein  solle.  Dobrilugk  sollte  der  Kurfürst  bis  Martini 
an  den  König  zurückgeben.  Vor  diesem  Termin  sollten  die  grün- 
hainschen  Dörfer  durch  beiderseitige  Kommissare  beritten  und  auf 
ihren  jährlichen  Ertrag  hin  taxiert  werden.  Wenn  diese  sich  nicht 
einigen  könnten,  sollte  der  Burggraf  von  Meißen  Obmann  sein. 
Ebenso  sollte  vor  jenem  Termin  festgestellt  werden,  wie  viel  der 
Kurfürst  von  der  Schuld  Maximilians  noch  zu  fordern  habe.  Beide 
Summen  sollten  dann  zusammengeschlagen  und  dem  Kurfürsten  ein 
entsprechender  Teil  von  den  Gütern  des  Klosters  Dobrilugk  pfand- 
weise überlassen  werden  gegen  Rückgabe  des  Schuldbriefes  Maxi- 
milians und  die  Verpflichtung,  die  Güter  zurückzugeben,  wenn  der 
Pfandschilling  einmal  bezahlt  werde*). 

Von  dem  Abschluß  eines  Bundes  nach  dem  Muster  des  einst 
in  Wien  beschlossenen  hat  man  wohl  nur  gesprochen.  Auch  in  den 
übrigen  Punkten  war  noch  nicht  alles  erledigt,  als  der  Kurfürst  am 
14.  Mai  den  Reichstag  verließ’);  Burchard  hat  noch  über  mancherlei 
Einzelheiten  mit  Grauvella  zu  verhandeln  gehabt,  am  15.  Juni 
konnte  er  aber  doch  melden,  daß  alles  in  Ordnung  sei,  und  daß  er 
die  abgeschlossenen  Verträge  mitbringen  werde.  Nur  die  Ueber- 
au twortung  der  Versicherung  des  Königs  und  der  Ratiflkation 
des  speierischen  Vertrages  durch  den  Kaiser  sollte  erst  in  Prag 
erfolgen,  wenn  die  vom  Kurfürsten  vollzogenen  Verträge  dem 
Könige  überreicht  würden  ’). 

Im  ganzen  wird  man  dies  Ergebnis  des  langjährigen  Streites 
als  einen  Rückzug  des  Kurfürsten  betrachten  müssen,  wenigstens 
insofern,  als  er  nun  Ferdinand  anerkannt  hatte,  ohne  daß  von  den 
früher  immer  verlangten  Ergänzungen  der  goldenen  Bulle  über- 
haupt die  Rede  war.  Dafür  konnte  er  allerdings  in  seinen  eigenen 


1)  Vergl.  über  die  Verträge  de  Boor,  S.  Tlf.;  Hortleder,  II,  1,8.  290ff. 

2)  Reg.  Bb.  No.  .'>595. 

3)  Reg.  E.  p.  55a,  No.  113,  Or.  Die  vorhergehende  Eorreepondenz  des  KI. 
mit  Burchard  in  Loc.  10674  a.  a.  O. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  397 

Angelegenheiten  auf  eine  einigermaßen  befriedigende  Erledigung 
hoffen.  Man  wird  diese  Nachgiebigkeit  des  Kurfürsten,  die  zu  seiner 
früheren  Hartnäckigkeit,  besonders  in  bezug  auf  die  Ergänzung 
der  goldenen  Bulle,  in  seltsamem  Widerspruch  steht,  nur  aus  der 
etwas  kleinmütigen  Stimmung,  die  1543/44  überhaupt  bei  ihm 
herrschte“),  erklären  können.  Es  war  wohl  teils  eine  Wirkung  des 
Jülicher  Krieges,  teils  eine  solche  der  Ueberzeugung  von  der  ge- 
ringen Zuverlässigkeit  des  schmalkaldischen  Bundes.  — 

Auch  dieser  hatte  den  Speierer  Reichstag  wieder  zu  Beratungen 
benutzt.  Es  kam  dabei  aber  wegen  der  mannigfaltigen  anderen 
Geschäfte  und  wegen  der  frühzeitigen  Abreise  mancher  Stände  wenig 
heraus.  Der  Abschied  vom  11.  Juni  beschäftigte  sich  im  wesent- 
lichen mit  den  Angelegenheiten  einzelner  Stände,  außerdem  verwies 
man  auf  die  Protestation,  die  man  gegen  einzelne  Punkte  des 
Reichsabschiedes  ausgesprochen  habe,  und  traf  Anordnungen,  in 
welcher  Weise  man  sich  auf  die  vom  Kaiser  für  den  nächsten 
Reichstag  geplanten  Religionsverhandlungen  und  auf  die  Neube- 
setzung des  Kammergerichts  vorbereiten  wolle.  Die  Bundesange- 
legenheiten wurden  nur  insofern  gefördert,  als  Pfalzgraf  Ott-Heinrich 
aufgenommen  wurde  und  unter  der  Bedingung  der  Zustimmung  der 
Stände,  deren  Gesandte  nicht  instruiert  gewesen  waren,  auch  die 
Grafen  von  Oettingen  und  Graf  Ulrich  von  Helfenstein,  als  ferner 
endlich  einmal  ein  Weg  für  das  Vorgehen  gegen  die  säumigen 
Zahler  ins  Auge  gefaßt  wurde.  Man  wollte  ihnen  mit  Beschlag- 
nahme ihrer  Habe  und  ihrer  Güter  drohen.  Doch  wurde  es  den 
Oberhauptleuten  anheimgestellt,  ob  sie  diesen  Weg  gehen  wollten, 
sonst  wollte  man  auf  dem  nächsten  Tage  über  einen  anderen  be- 
raten. Dorthin  wurden  auch  alle  anderen  Punkte,  die  eigentlich 
in  Speier  hatten  erledigt  werden  sollen,  verschoben,  vor  allem 
sollte  gleich  als  erster  Punkt  die  Rechnung  über  die  kleine  Ordinari- 
anlage  vorgenommen  werden,  allen  Ständen  wurde  eingeschärft, 
die  diesjährige  und  die  Restanten  der  voijährigen  bis  Johanni  zu 
zahlen  •). 


1)  Möglich  i«t  auch,  daß  Johann  Friedrich  eich  jetzt  den  Standpunkt  an- 
eignete, den  Brück  im  Februar  1543  vertreten  hatte,  daß  man  auch  An-schluß  l>ei 
den  Habeburgem  Buchen  müsse. 

2)  Kurze  protokollarische  Aufzeichnungen  über  die  Verhandlungen  vom  10. 
und  11.  Juni  in  Reg.  H.  p.  401,  No.  150  am  Ende.  Abschied  vom  11.  Juni, 
Reg.  H.  p.  563,  No.  183,  I (Urk.  No.  1640).  Seckendorf,  III,  S.  405. 


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398 


Kapitel  III. 


Da  die  sächsischen  Städte  in  Speier  meist  nicht  vertreten  ge- 
wesen waren,  wurde  im  Juli  noch  eine  besondere  Versammlung  mit 
ihnen  in  Gotha  gehalten,  um  über  die  Sequestration  Braunschweigs 
zu  beraten  1).  Die  Bedingungen,  unter  denen  man  auf  die  Vor- 
schläge des  Kaisers  eingehen  wollte,  wurden  hier  festgesetzt. 
Man  schickte  dann  eine  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  nach  Metz, 
um  mit  ihm  darüber  zu  verhandeln.  Die  Bedingungen  liefen 
darauf  hinaus,  daß  die  Bewilligung  der  Sequestration  hinfällig 
sein  solle,  wenn  Herzog  Heinrich  vor  der  Uebergabe  des  Landes 
etwas  Tätliches  unternähme,  und  daß  der  Kaiser  auch  für  die 
Dauer  des  Sequesters  den  Verbündeten  Sicherheit  gegen  Angriffe 
gäbe.  Ferner  sollten  sich  unter  den  beiden  Verwesern  des  braun- 
schweigischen Landes,  die  der  Kaiser  ernennen  wollte,  entweder  der 
Kurfürst  von  Brandenburg  oder  Herzog  Moritz  von  Sachsen  be- 
finden. Die  Gesandten  sollten  außerdem  noch  zu  eiTcichen  suchen, 
daß  die  jetzigen  Statthalter  und  Räte  des  Landes  in  ihren  Aemtern 
belassen  würden,  indem  sie  auch  dem  Kaiser  schwüren  ’). 

Während  man  so  mit  der  Entscheidung  über  das  künftige 
Geschick  des  eroberten  Landes  beschäftigt  war,  verlor  man  doch 
auch  die  Rechtfertigung  des  Vergangenen  und  die  Verteidigung 
gegen  etwaige  Angiiffe  Herzog  Heinrichs  nie  aus  den  Augen. 
Ersterem  Zwecke  diente  die  vom  Landgrafen  angeregte  Sendung 
an  die  italienischen  Gelehrten  Mariano  Socino  in  Padua  und  Alciato 
in  Bologna,  um  ein  Gutachten  über  die  braunschweigische  Sache 
zu  erlangen*),  die  zweite  Frage  zieht  sich  während  des  ganzen 
Jahres  durch  die  Korrespondenzen  zwischen  den  Bundeshäuptem 
hin.  Besonders  im  Juni  waren  die  Befürchtungen  vor  einem  An- 

1)  Äusschreiben  an  die  sächaiechen  Städte  vom  17.  Juni,  Beg.  H.  p.  569, 
No.  184,  Konz.  Uraprünglich  sollte  der  Tag  in  Arnstadt  stattfinden.  Ldgf.  an 
Kf.  Juni  19,  21,  Keg.  H.  p.  574,  No.  188,  III,  Or.  P.  C.  III,  519,  No.  4S5. 

2)  Protokoll  über  die  Voten  der  sächsischen  Stände  und  Städte  vom  30.  Juni, 
Reg.  H.  p.  569,  No.  184  von  Burchards  Hand.  Abschied  vom  2.  Juli,  Keg.  H. 
p.  569,  No.  184  A (Urk.  No.  1644).  Instruktion  der  Ges.  an  den  Kaiser  P.  C. 
III,  528.  Lenz,  II,  8.  260,  Anm. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  22,  K^.  H.  p.  574,  No.  188,  II,  Or.;  Aug.  4,  Keg.  H. 
p.  580,  No.  189,  I.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  12,  ebenda.  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  17,  Beg.  H. 
p.  630,  No.  197,  III.  Kf.  an  Ldgf.  Scpt.  3,  mit  einem  Bedenken  Brücks.  Ldgf. 
an  Kf.  Aug.  30,  Reg.  H.  p.  580,  No.  169,  I.  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  6,  ebenda.  Der 
Kf.  zog  die  Sache  sehr  lange  hin,  doch  ist  im  Oktober  I.ersner  wohl  endlich  ge- 
reist. Ein  Bericht  von  ihm  vom  16.  Nov.,  Reg.  H.  p.  630,  No.  197,  II,  Kopie. 
Vergl.  Lenz,  II,  S.  405. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


399 


griff  des  Herzogs  sehr  lebhaft  *),  iu  Gotha  wurden  Gegenniaßregeln 
beschlossen,  auch  hielt  man  für  nötig,  die  Kiiegsräte  des  Bundes 
nach  Mühlhausen  zu  berufen,  um  bei  etwa  notwendig  werdenden 
Maßregeln  einen  Rückhalt  an  ihnen  zu  haben*).  Ende  Juli  trat  aber 
eine  Beruhigung  ein,  so  daß  man  sie  schnell  wieder  entlassen  und 
die  begonnenen  Rüstungen  einstellen  konnte  *).  Schon  im  September 
envachten  aber  die  Befürchtungen  beim  Landgrafen  von  neuem, 
und  wir  finden  ihn  ähnlich  wie  im  Sommer  bemüht,  den  Kurfürsten 
zu  Rüstungen  und  Verteidigungsmaßregeln  hinzureißen,  während 
dieser  beständig  bremste,  nichts  ohne  die  anderen  Verbündeten  tun 
wollte,  auch  die  Gefahr  nicht  für  brennend  hielt*).  Er  hatte  damit 
zunächst  wohl  recht.  Es  war  auch  offenbar  nicht  nur  die  Furcht 
vor  wirklich  vorhandener  Gefahr,  die  den  Landgrafen  so  unruhig 
machte,  sondern  der  Wunsch,  der  lästigen  Angelegenheit  einmal 
ein  definitives  Ende  zu  machen  und  dabei  gleich  an  einigen 
kleineren  norddeutschen  Fürsten,  die  ihm  als  Helfershelfer  des 
Herzogs  erschienen,  dem  Grafen  von  Oldenburg,  dem  von  Schaum- 
burg, dem  Herzog  von  Lauenburg,  dem  Bischof  von  Bremen  sein 
Mütchen  zu  kühlen  und  diese  „Rattennester  auszunehmen“  *).  Philipp 
mußte  sich  schließlich  aber  doch  den  Bedenklichkeiten  des  Kur- 
fürsten fügen,  war  aber  so  überzeugt  von  der  Tatsächlichkeit  der 
Rüstungen  Herzog  Heinrichs,  daß  er  glaubte,  für  die  dadurch  ent- 
standenen Kosten  bei  der  Fortsetzung  der  Sequestrationsverhand- 
lungen eine  Entschädigung  verlangen  zu  können  ®). 

Die  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  war  nämlich  resultatlos  ver- 
laufen. Die  Gesandten  hatten  den  Kaiser,  der  sich  auf  dem  Zuge 
gegen  Frankreich  befand,  in  Metz  nicht  mehr  getroffen.  Sie  waren 
ihm  nach  Toul  gefolgt  und  hatten,  als  ihnen  der  Aufenthalt  dort 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  22,  siehe  8. 398,  Anm.  3,  Juli  11,  Reg.  H.  p.  580,  No.  189,  II. 

2)  Vertrag  zwischen  Kf.  und  Ldgf.  vom  1.  Juli  1544,  Reg.  H.  p.  570,  No.  184 
(Urk.  No.  1644),  Or.,  in  den  Gothaer  Abschied  aufgenommen.  P.  C.  III,  8.  520, 
No.  485.  Nendecker,  Urk.,  8.  675  ff. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  16,  Reg.  H.  p.  580,  No.  189,  I,  Or.  P.  C.  III,  529  f. 
Abschied  vom  30.  Juli,  Reg.  H.  p.  1070,  M.,  No.  1 (Urk.  No.  1695). 

4)  Vergl.  etwa  Ldgf.  an  Kf.  8ept.  13,  15,  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  21,  Reg.  H. 
p.  580,  No.  189,  II.  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  19,  22,  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  24,  28,  R^.  H. 
p.  585,  No.  190,  I. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  3,  Reg.  H.  p.  574,  No.  188,  II,  Or.;  Juli  11,  14, 
Aug.  4,  Reg.  H.  p.  580,  No.  189,  I,  Or. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  13,  Reg.  H.  p.  580,  No.  189,  II.  Or.;  Sept.  28,  Reg.  H. 
p.  585,  No.  190,  II,  Or. 


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400 


Kapitel  III. 


wegen  des  Krieges  zu  gefährlich  wurde,  eine  Antwort  provoziert 
Sie  war  darauf  hinausgelaufen,  daß  Karl  die  ganze  Angelegen- 
heit auf  den  Reichstag  verschob  ‘).  Die  Protestanten  konnten 
sich  nun  also  die  Frage  vorlegen,  ob  sie  auch  im  Falle  neuer  Ver- 
handlungen an  den  bisherigen  Sequestrationsbedingungen  festhalten 
wollten,  und  da  war  nun  eben  der  Landgraf  der  Meinung,  daß  man 
wegen  der  neuen  durch  den  Herzog  verursachten  Unkosten  neue 
Forderungen  stellen  müsse,  ja  er  war  entschlossen,  eventuell"  die 
Sequestration  ganz  zu  verweigern,  vermutete  jedoch,  daß  der 
Kaiser  überhaupt  nicht  wieder  auf  sie  zurückkommen,  sondern 
einen  Vergleich  vorschlagen  würde*).  Johann  Friedrich  hatte  im 
ganzen  gegen  den  Vorschlag  des  Landgrafen  nichts  einznwenden, 
bezeichnete  nur  als  Vorbedingung  dafür,  daß  man  die  Behauptungen 
über  die  Rüstungen  des  Herzogs  auch  beweisen  könne,  Zweifel, 
die  beim  Landgrafen  einige  Verwunderung  hervorriefen*). 

Die  geringere  Neigung  zum  Eingehen  auf  die  Sequestration,  die 
Philipp  jetzt  hatte,  wurde  auch  dadurch  hervorgerofen,  daß  sich 
nach  Nachrichten  ans  dem  Oberland  die  Ansichten  der  süddeutschen 
Städte  in  diesem  Punkte  geändert  haben  sollten  ‘).  Johann  Friedrich 
traute  diesen  Nachrichten  noch  nicht  so  recht,  wäre  außerdem 
offenbar  gern  in  irgend  einer  annehmbaren  Weise  aus  der  braun- 
schweigischen Affaire  herausgekommen,  sei  es  durch  die  Seque- 
stration, sei  es  durch  gütlichen  Vergleich,  da  die  Verwaltung  des 
Landes  so  viel  kostete  und  es  mit  dem  Protestantismus  darin  doch 
nicht  so  recht  vorwärtsging®).  Daher  fielen  denn  auch  kaiserliche 
Ermahnungen,  daß  man  sich  von  kriegerischen  Maßnahmen  gegen 
Herzog  Heinrich  vor  dem  Reichstage  femhalten  solle*),  bei  ihm 

1)  P.  C.  III,  527 f.  531.  Karl  V.  an  die  protest.  Ges.  Aug.  25;  Kolde- 
wey,  ZHV'Nieders.  1868,  S.  317.  Gninvella  an  Kf.  und  Ldgf.  Okt.  16,  Secken- 
dorf, III,  S.  496. 

2)  Vergl.  beeoiidere  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  13,  Keg.  H.  p.  585,  No.  190,  II.  Or. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  24,  ebenda,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie. 
1545,  Jan.,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  1545  Jan.  2,  Reg.  H.  p.  630,  No.  197  I,  Or. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  21,  Reg.  H.  p.  585,  No.  190,  II.  Ala  Beilage  Briefe 
Aitingere,  Fröhliche,  Sailers.  Schärtlina. 

5)  Brief  vom  24.  Dez.  Siehe  Anm.  3. 

6)  Karl  V.  an  Kf.  und  Ldgf.  Nov.  10,  Reg.  H.  p.  585,  No.  190,  II,  Or. 
Beilage  zu  Brief  des  Ldgfen.  vom  26.  Nov.,  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  2,  ebenda,  Konz. 
Dem  Landgrafen  verbot  der  Kaiser  auch  am  22.  Dez.  wieder  jede  tAtliche  Hand- 
lung, teilte  ihm  gleichzeitig  mit,  dafl  er  an  Hz.  Heinrich  ein  gleiches  Verbot  habe 
ergehen  lassen.  (Kopie  in  Reg.  H.  p.  630,  No.  197  I,  bei  Brief  dee  Ldgfen. 
vom  26.  Jan.  1545.) 


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Bund  uDd  Beich:  Die  Jahre  der  Uneicberheit  1542—1546.  401 

auf  einen  fruchtbaren  Boden.  War  er  doch  jetzt  wieder  in  eine 
Zeit  eingetreten,  wo  er  auf  die  Habsburger  zu  vertrauen  geneigt 
war.  Denn  daß  das  die  Wirkung  der  Speierer  Verhandlungen 
war,  läßt  sich  wohl  nicht  bezweifeln.  Die  diplomatische  Besiegung 
des  Kurfürsten  durch  Karl  gehört  in  diese  Zeit,  er  ist  längere  Zeit 
wie  gelähmt  und  fern  von  der  Klarheit  und  Einsicht  in  die  Lage, 
die  ihn  seit  1537  eigentlich  nie  verlassen  hatten*). 

Man  darf  zur  Entschuldigung  anführen,  daß  gerade  1544  die 
Weltlage  der  Art  war,  daß  die  Versöhnungsschritte  des  Kaisers  leicht 
ernst  genommen  werden  konnten  und  daß  wir  noch  heute  nicht  voll- 
kommen klar  darüber  sind,  wie  sie  gemeint  waren.  Das  Wahrschein- 
lichste ist  allerdings  wohl,  daß  wenigstens  Karl  selbst  nur  Zeit  ge- 
winnen wollte,  um  erst  Frankreich  zu  besiegen,  die  Niederwerfung 
der  Protestanten  dabei  aber  durchaus  nicht  aus  den  Augen  verlor  ’). 
Diejenigen  von  diesen  hatten  also  recht,  die,  wie  Sturm,  Calvin, 
Bucer,  Fröhlich,  ihre  Speierer  Bewilligung  für  einen  Fehler  hielten  *). 
Johann  Friedrich  dagegen  hat  sich  sehr  gern  einem  gewissen  Gefühl 
der  Ruhe  und  Sicherheit  hingegeben  und  hatte  auch  deswegen 
nicht  die  geringste  Neigung,  etwa  durch  vorzeitige  Abwehrmaßregeln 
gegen  den  Braunschweiger  die  Ruhe  zu  stören.  Er  widmete  sich 
vielmehr  mit  Eifer  der  Fortführung  der  Verhandlungen  mit  den 
Habsburgem,  bei  der  Ausführung  des  in  Speier  Beschlossenen  war 
wenigstens  bei  ihm  kein  Mangel.  Da  wurde  im  Juli  Erasmus  von 
Könneritz  nach  Prag  geschickt,  um  die  Vertragsurkunden  auszu- 
tauschen und  nähere  Verabredungen  über  die  Ausführung  des  Ver- 
trages zu  treffen*).  Da  erstattete  der  Kurfürst  selbst  am  12.  Sep- 
tember Hofmann  Bericht  über  die  Höhe  seiner  noch  rückstän- 
digen Schuldforderungen,  da  trafen  Könneritz  und  Georg  v.  d. 
Planitz  rechtzeitig  in  Kadan  ein,  um  sich  bei  der  Schätzung  der 
grünhainschen  Dörfer  zu  beteiligen.  Erst  auf  einer  zweiten  Zu- 

1)  Ee  liegt  nabe,  anzunebmen,  daß  das  Verbältnis  des  Ef.  zn  Moritz  und 
besonders  die  magdeburgiscbe  Verwicklung  seine  Haltung  gegenüber  den  Habs- 
burgern  beeinflußte,  aber  einen  aktenmäßigen  Beweis  dafür  vermag  icb  nicht  zu 
erbringen. 

2)  de  Boor,  S.  1 f.  13.  96.  Besonders  beweisend  für  seine  Änsicbt  ist  die 
Btelle  bei  Gacbard,  S.  285 f. 

3)  de  Boor,  S.  49 f.  97 f.  Seckendorf,  III,  S.  476. 

4)  Instruktion  für  Asmus  v.  Könneritz  an  Hans  Hofmann  vom  20.  Juli, 
Loc.  10  674  „Instruktion  und  Abfertigung  . . . 1544“,  Konz.  Bericht  des 
Könneritz  vom  1.  Aug.,  ebenda. 

Beitrüge  zur  neueren  Geechichte  Thüringeni  1,  z.  26 


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402 


Kapital  III. 


sammenkunft  im  November  vermochte  man  sich  allerdings  zu 
einigen,  und  auch  die  Auslieferung  Dobrilugks  und  die  Verpfandung 
eines  Teiles  seiner  Güter  mußten  deswegen  verschoben  werden.  Auch 
zur  Erledigung  dieser  Angelegenheit  fand  sich  der  kurfürstliche 
Gesandte  Planitz  wieder  pünktlich  ein,  die  Vertreter  des  Königs 
blieben  aus').  Erst  im  nächsten  Jahre  kam  es  zu  Verhandlungen. 
Sie  ergaben  natürlich  doch  wieder  Schwierigkeiten , und  trotz 
häufiger  Versuche*)  ist  es  nicht  mehr  gelungen,  diese  Angelegen- 
heit und  damit  den  letzten  Rest  der  langjährigen  Differenzen 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  Ferdinand  aus  der  Welt  zu  schaffen, 
ehe  der  Krieg  ausbrach. 

Es  läßt  sich  aber  nichts  davon  bemerken,  daß  die  unvoll- 
kommene Vertragstreue,  die  die  Habsburger  auch  diesmal  wieder 
zeigten  •),  etwa  schon  auf  dem  Wormser  Reichstage  ungünstig 
auf  die  Stimmung  des  Sachsen  gewirkt  hätte.  Seit  dem  Herbst 
1544  ließ  er  sich  offenbar  auch  in  seinen  sonstigen  Beziehungen 
durch  die  neue  Freundschaft  beeinflussen.  So  lehnte  er  etwa 
eine  Verbindung  seines  ältesten  Sohnes  mit  einer  Tochter  des 
Landgrafen  ans  Rücksicht  auf  den  habsburgischen  Heiratsplan 
ab,  und  auch  den  Verhandlungen  über  ein  Bündnis  mit  Bayern, 
die  Philipp  damals  mit  Eifer  wieder  aufnahm,  brachte  er,  ver- 
mutlich auch  wegen  jener  Beziehungen,  ein  geringes  Interesse  ent- 
gegen*). Als  Philipp  in  einem  Briefe  vom  21.  November  eine 
ganze  Anzahl  von  Gründen  zusammenstellte,  weshalb  er  vermute, 

1)  Die  Akten  über  alles  das  in  Reg.  B.  No.  1652. 

2)  Befehl  an  Bnrchard  zu  Verhandlungen  über  Dobrilugk  vom  5.  Juni  1545 
in  Reg.  E.  p.  59a,  No.  115.  Ferdinand  an  Kf.  1546  Febr.  21,  Reg.  H.  p.  612, 
No.  196,  V,  Kopie.  Instruktion  für  Könneritz  vom  2.  Mai  1546,  dessen  Bericht 
vom  23.  Mai,  ebenda.  Instruktion  für  Burchard  zu  Vohandlnngen  mit  Hofmann 
Juni  13,  Reg.  J.  p.  984  DD.  No.  8,  236,  R^.  H.  p.  612,  No.  196,  V.  Man 
stand  damals  ziemlich  wieder  auf  dem  alten  Fleck. 

3)  Man  kann  immerhin  anerkennen,  dafi  Ferdinand  in  allen  übrigen  Punkten 
seinen  Verpflichtungen  nachkam.  Am  1.  Bept.  1544  übersandte  z.  B.  Hofmann  die 
beiden  in  Bpeier  verabredeten  königlichen  Verschreibungen,  Reg.  H.  p.  563,  No.  183. 

4)  Der  Ldgf.  bezeichnet  in  einem  Briefe  vom  17.  Februar  1545  die  religiöse 
Haltung  Bayerns  und  die  geplante  Familienverbindung  mit  Ferdinand  als  Gründe 
für  die  Abneigung  des  Kurfürsten  gegen  den  Bund  mit  Bayern  (an  Bailer,  Lenz, 
III,  S.  348).  In  der  nächsten  Zeit  hat  man  dann  wohl  gelegentlich  an  einen 
Bund  ohne  Sachsen  gedacht  (Lenz,  III,  S.  348 ff.;  Hasenclever,  I,  S.  97; 
N.  B.  VIII,  663),  im  Sommer  suchte  aber  der  Landgraf  doch  auch  den  Kurfürsten 
wieder  zuzuziehen. 


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Bniid  und  Beich:  Die  Jshre  der  Oneicherheit  1542—1546.  403 

daß  das  „Gemüt  des  Kaisers  gegen  sie  unrichtig  sei“,  und  deswegen 
unter  anderem  Anknüpfung  mit  Bayern  empfahl,  antwortete  der 
Kurfürst,  daß  ihn  das  wenig  bewege.  Er  entwickelte  dann  seine 
Ansicht  dahin,  daß  der  Kaiser  zunächst  den  Türkenkrieg  unter- 
nehmen und  erst  im  Falle  des  Sieges  „mit  dem  Konzil  und  der 
Exekution  fortfahren“  werde*).  Der  Kurfürst  nahm  also  an,  daß 
man  zwar  nicht  dauernd,  aber  doch  vorläufig  sicher  sei,  und 
empfahl,  zunächst  den  Beichstag  abzuwarten,  auf  dem  man  klarer 
sehen  werde*).  Es  ist  begreiflich,  daß  es  Johann  Friedrich  mit 
größter  Entrüstung  erfüllte,  als  gerade  jetzt  Moritz  vom  kaiserlichen 
Hofe  die  Behauptung  mitbrachte,  der  Kurfürst  habe  von  Frankreich 
Geld  genommen.  Er  wies  dem  Landgrafen  gegenüber  diese  Ver- 
dächtigung entschieden  zurück,  hielt  es  aber  für  besser,  dem 
Kaiser  und  den  Kaiserlichen  gegenüber  sich  erst  zu  verteidigen, 
wenn  er  direkt  beschuldigt  werde,  und  das  ist  ja  dann  nicht  ge- 
schehen ®). 

Man  kann  Johann  Friedrich  auch  während  des  Wormser  Keichs- 
tages  von  einem  gewissen  Quietismus  nicht  freisprechen,  so  wenn 
er  gegenüber  Besorgnissen  des  Landgrafen  vom  17.  März  einfach 
auf  die  Hilfe  Gottes  verwies  *),  ja  noch  am  20.  Mai  neue  Warnungen 
Philipps  als  unwahrscheinlich  und  unsicher  ablehnte*).  Etwas  be- 
denklicher schienen  ihm  ja  die  Nachrichten,  die  seine  Räte  ihm  am 
1 7.  Mai  über  das  Bündnis  und  die  Rüstungen  der  Gegner  sandten, 
aber  auch  jetzt  entschloß  er  sich  nur  mit  Widerstreben,  an  die  Ge- 
fahr zu  glauben,  verwies  auf  Gottes  Hilfe  und  stellte  sich  vor 
allem  auf  den  Standpunkt,  daß  man  auf  keinen  Fall  durch  vor- 
zeitige Rüstungen  selbst  Anlaß  zu  dem  geben  dürfe,  was  man  ver- 
meiden wolle”).  Seit  dem  Juni  gewann  der  Kurfürst  dann  außer- 


1)  Ldgf.  an  Kf.  1544  Nov.  21,  ß^.  H.  p.  585,  No.  190,  II,  Or.  Kf.  an 
Ldgf.  Nov.  29,  ebenda,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Erneet  Linie,  1.544  Dez.,  Or. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  2,  Reg.  H.  a.  a.  O.,  Konz.  Aehnlich  1545  Jan.  3, 
Reg.  H.  p.  630,  No.  197,  II,  Konz.  Andere  optimistische  Aeufierungen  aus  kor- 
sSchsischen  Kreisen  bei  Kawerau,  II,  8.  145 f.  Anm. 

3)  M.  P.  C.  II,  120,  Anm.  1.  Brück  an  Kf.  Dez.  11,  Reg.  H.  p.  585, 
No.  190,  II,  Or.  Darauf  beruht  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  15,  ebenda,  und  M.  P.  C. 
a.  a.  O. 

4)  März  29,  Zettel,  P.  A.  Sachsen,  Emest.  Linie,  1545  März. 

5)  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  II,  Or.  Aktenst.  No.  56. 

6)  Räte  an  Kf.  Mai  17,  Kf.  an  Räte  Mai  26,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  121,  Or. 
Aktenst.  No.  55  und  57. 

2G* 


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404 


Kapitel  III. 


dem  die  auch  von  den  anderen  protestantischen  Ständen  geteilte 
beruhigende  Gewißheit,  daß  in  diesem  Sommer  kein  Krieg  zu  be- 
fürchten sei‘).  Immerhin  war  er  jetzt  darauf  gefaßt,  daß  im  nächsten 
Jahr  ein  Angriff  im  Anschluß  an  das  Konzil  drohe.  Er  empfahl 
daher,  für  ein  besseres  Zusammenhalten  der  Verbündeten  und  für 
Zahlung  der  Rückstände  zu  sorgen,  damit  man  mit  Geld  versehen 
sei*).  Manche  Nachrichten,  wie  die  von  großen  Geldleistungen  des 
Papstes  an  den  Kaiser*)  oder  die  von  dem  Briefe  des  Kaisers  an 
den  König  von  Polen,  nahm  er  aber  auch  jetzt  noch  mit  merk- 
würdiger Gleichgültigkeit  auf*). 

Diesen  allgemeinen  Ansichten  und  Stimmungen  des  Kurfürsten 
entsprach  seine  Haltung  in  einzelnen  Fragen.  In  der  der  Fran- 
zosen- und  Türkenhilfe  z.  B.  hielt  er  sich  korrekt  an  das  in 
Speier  Beschlossene.  Er  unterstützte  also  den  Kaiser  im  Feldzug 
gegen  Frankreich,  und  als  Grundlage  für  die  Türkenhilfe  lehnte 
er  zwar  den  gemeinen  Pfennig  nach  wie  vor  ab,  den  auf  ihn 
entfallenden  .4.nteil  aber  sandte  er  pünktlich  bis  Ende  November 
nach  Frankfurt*).  — 

Man  hatte  die  Offensivhilfe  noch  auf  Grund  des  gemeinen 
Pfennigs  beschlossen,  weil  die  alten  .Anschläge  so  vielfach  ange- 
griffen wurden.  Sie  zu  reformieren,  sollte  auch  eine  der  .\ufgaben 
des  neuen  Reichstages  sein,  vorbereitet  wurden  seine  Beschlüsse 
durch  einen  Tag  der  zehn  Kreise,  der  kurz  vor  dem  Reichstage  in 
Worms  stattfand,  und  diesem  Tag  der  Kreise  wieder  gingen  Kreis- 
tage in  den  einzelnen  Kreisen  voran.  Der  des  obersächsischen 
Kreises  wurde  vom  Kurfürsten  auf  den  19.  September  nach  Zerbst 
ausgeschrieben®).  Sachsen  war  sowohl  dort  wie  in  Worms  durch 
Jobst  von  Hain  vertreten.  Er  war  mit  dem  Resultat  der  Zerbster 
Verhandlungen  im  ganzen  zufrieden,  teilten  doch  die  anderen 
Stände  des  Kreises  in  der  Frage  der  Veranlagung  im  wesenl- 


1)  Die  Rate  an  Kf.  Juni  3,  Kf.  an  die  Räte  Juni  12,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  121. 
Hessische  Räte  an  Ldgf.  Juni  1,  R^.  H.  pi  636,  No.  198,  I,  Kopie. 

2)  An  die  Räte  Juni  12,  Aktenst.  No.  .58. 

3)  Sie  schienen  ihm  unwahrscheinlich,  da  der  Papst  das  Geld  lieber  für  seine 
Nepoten  verwenden  werde.  An  Burchard  Aug.  9,  Reg.  £.  a.  a.  O. 

4)  An  Ldgf.  Juli  24,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  II,  Konz. 

5)  Quittung  des  kais.  Generaleinnehmers  Hans  Lochinger  vom  18.  Nov., 
Urk.  des  Weimar.  Staatsarchives. 

6)  Am  9.  Aug.  Vergl.  M.  P.  C.  II,  113,  Anm.  1. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


405 


liehen  den  knrsäehsischen  Standpunkt*).  Dieser  lief  darauf  hinaus, 
daß  der  gemeine  Pfennig  entschieden  abgelehnt  werden  müsse, 
daß  an  den  alten  Anschlägen  festgehalten  werden  könne,  wenn 
die  Bischöfe,  Grafen  u.  s.  w.  nicht  extra  veranschlagt  würden,  daß 
eine  Erhöhung  der  Anschläge  aber  abzulehnen  sei,  höhere  Be- 
dürfiiisse  vielmehr  dadurch  gedeckt  werden  müßten,  daß  ein  Viertel 
oder  ein  halber  Anschlag  mehr  aufgelegt  würde’). 

Der  Tag  der  zehn  Kreise  faßte  das  Resultat  seiner  lang- 
wierigen Beratungen®)  in  einem  Gutachten  vom  23.  Februar  zu- 
sammen. Dieses  galt  als  durchaus  unverbindlich  und  war  nur  als 
Material  für  den  sich  anschließenden  Reichstag  zu  betrachten.  Auch 
die  Forderungen  des  Kurfürsten  von  Sachsen  wurden  darin  er- 
wähnt, ohne  daß  jedoch  die  Versammlung  der  Kreise  eine  Ent- 
scheidung darüber  zu  fallen  wagte*).  Sie  machte  den  Vorschlag, 
vor  aUem  die  Frage  der  Bischöfe,  Grafen  u.  s.  w.  duich  einen  Aus- 
trag rechtlich  zu  entscheiden.  Johann  Friedrich  stimmte  mit  diesem 
Gedanken  zwar  nicht  überein,  erklärte  sich  aber,  da  er  bei  Moritz 
keine  rechte  Unterstützung  fand,  doch  schließlich  bereit,  darauf 
einzugehen,  wenn  der  Kaiser  und  König  für  ihre  Erblande  und 
die  anderen  Stände  es  ebenfalls  täten.  Auch  die  Beschlüsse,  die 
dann  schließlich  in  Worms  in  bezug  auf  die  „ausgezogenen“  Stände 
und  den  gemeinen  Pfennig  gefaßt  Wurden,  entsprachen  wenig  den 
Wünschen  des  Kurfürsten,  und  er  befahl  daher  seinen  Räten  am 
29.  März,  eventuell  dagegen  zu  protestieren®). 

Außer  über  die  Verringerung  der  Anschläge  sollte  auch 
auf  dem  Wormser  Reichstage  wieder  über  die  Reformierung  und 
Neubesetzung  des  Kammergerichts  beraten  werden.  Nach  einem 
Briefe  Brücks  vom  6.  November  wollte  der  Kaiser  diese  Punkte 
sogar  in  allererster  Linie  vornehmen®).  Auch  der  Kurfürst 
legte,  wie  seine  Instruktion  vom  25.  November  zeigt,  großen 
Wert  darauf,  daß  der  Speierer  Abschied  in  dieser  Beziehung  aus- 


1)  M.  P.  C.  II,  117,  Amu.  1,  Akten  de«  Ereistege«  in  Reg.  E.  p.  59a,  No.  119. 
Die  Beschwerden,  die  man  in  Worms  vorbrachte,  ebenda  No.  120,  Bl.  74  f. 

2)  Instruktion  für  Hain  vom  8.  Okt.  für  Worms  in  Reg.  E.  p.  59,  No.  116,  Or. 

3)  Korrespondenz  zwischen  dem  Kf.  und  seinen  Gesandten  ebenda  und  Keg.  E. 
p.  59a,  No.  115.  Vergl.  Kannengieüer,  8.  115,  Anm.  127. 

4)  Reg.  E.  p.  59.  No.  116. 

5)  Kf.  an  seine  Räte  März  10,  29,  Reg.  R p.  59,  No.  117,  Or. 

6)  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  Bl.  30-35. 


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Kapitel  III. 


geführt  werde.  Er  war  bereit,  eventuell  das  Kammergericht  mit 
dem  Kaiser  allein  ein  Jahr  lang  zu  unterhalten,  wenn  die  pfäfflschen 
Stände  an  der  Neubesetzung  nicht  teilnehmen  wollten  ‘). 

Nach  protestantischer  Anschauung  waren  Frieden  und  Recht 
ja  auch  jetzt  noch  Bedingungen  der  Türkenhilfe,  während  der  Kaiser 
schon  in  der  Proposition  vom  24.  März  Frieden  und  Recht  für  ge- 
nügend erklärte*)  und  auch  die  Katholiken  Beratungen  darüber  jetzt 
nicht  für  nötig  hielten,  ja  sogar  die  Wiederherstellung  des  alten 
Kammergerichts  forderten.  Merkwürdig  ist  nun,  daß  der  Kurfüi-st 
jetzt  auch  in  der  Frage  des  Kammergerichts  eine  gewisse  Weichheit 
zeigte.  Es  war  nicht  nur  die  Ansicht  seiner  Gesandten  in  Worms, 
sondern  auch  seine  eigene,  daß  die  Frage  der  Neubesetzung  des 
Kammergerichts  eventuell  auch  auf  einen  späteren  Tag  verschoben 
werden  könne.  Er  glaubte  allerdings  nicht,  daß  seine  Verbündeten 
sich  auf  die  Türkenhilfe  einlassen  würden,  ehe  der  speierische  Be- 
schluß über  das  Gericht  ausgeführt  sei"). 

Zu  wirklichen  Verhandlungen  über  das  Kammergericht  ist  es 
in  Worms  wohl  gar  nicht  gekommen.  Nur  der  schon  oft  gehegte 
Plan  einer  Polizeiordnung  ist  auf  diesem  Reichstag  endlich  einmal 
weitergekommeu.  Johann  Friedrich  hatte  seine  Räte  einfach  auf 
die  Instruktion  verwiesen,  die  er  ihnen  für  den  Speierer  Reichstag 
darüber  gegeben  hatte.  .A,m  20.  Februar  war  ein  dafür  verordueter 
Ausschuß  mit  einem  Entwurf  für  die  Sache  fertig  ‘).  Der  Kuifürst 
gab  am  13.  März  ein  Gutachten  darüber  ab,  er  wünschte  Zusätze 
über  die  Kleider  der  Doktoren  und  ihrer  Weiber  und  dachte  an 
einen  Zoll  auf  auswärtige  Waren,  um  dem  Kleiderluxus  zu  steuern. 
Er  empfahl  ferner  auch  einen  Zusatz  über  die  Monopolien  der 
Kaufleute  und  einen  .Artikel  über  die  Legitimierung  der  unehelichen 
Kinder,  besonders  von  Adligen.  Sein  Vertreter  Thann  mußte  ihm 
dann  aber  am  14.  .4pril  berichten,  daß  er  weder  den  Artikel  über 
die  Doktoren,  noch  den  über  die  unehelichen  Kinder  habe  durch- 
setzen können  ®). 

.411es  das  zeigt  aber  doch,  daß  sich  Johann  Fiiediich  jetzt 
mit  einem  gewissen  Eifer  den  Reichsgeschäften  widmete.  Eine 

1)  Reg.  E.  p.  59a,  No.  120,  BL  1 ff.,  Or. 

2)  Reg.  E.  p.  59a,  No.  115. 

3)  Gea.  an  Kf.  April  14,  Kf.  an  Gee.  April  26,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  121. 

4)  Reg.  E.  p.  59a,  No.  120,  Bl.  189  ff. 

5)  Kf.  an  Thann  März  13,  ebenda  No.  122,  Or.  Thann  an  Kf.  April  14,  ebenda. 


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Bund  und  Keich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  407 

Erschütterung  seiner  Ruhe  wurde  erst  durch  die  Nachrichten 
über  den  Crespyer  Frieden  ‘)  und  über  einen  geplanten  Anstand 
mit  den  Türken  herbeigeführt.  Zwar  die  Kunde  von  dem  Ab- 
schluß des  Friedens  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  an 
sich  scheint  Johann  Friedrich  noch  nicht  besonders  aufgeregt  zu 
haben*);  man  erfuhr  aber  bald,  daß  in  dem  Friedensvertrag  ein 
Paragraph  enthalten  sei,  der  als  eine  Bedrohung  der  Protestanten 
aufgefaßt  werden  konnte,  indem  die  Deutschen,  nur  sofern  sie  dem 
Kaiser  gehorsam  seien,  in  den  Vertrag  mitaufgenommen  sein 
sollten.  Es  dauerte  allerdings  lange,  bis  diese  Nachricht  so  sicher 
war,  daß  man  auch  nach  Ansicht  Johann  Friedrichs  bestimmte 
Schlüsse  daranf  aufbauen  konnte,  und  auch  dann  folgerte  er 
eigentlich  nur  daraus,  daß  man  gut  acht  geben  und  aus  dem  Ver- 
lauf des  Reichstages  seine  Folgerungen  ziehen  müsse,  vor  allem 
daraus,  ob  die  Religionsvergleichung  vorgeuommen  werde  oder 
nicht  •). 

Bedenklicher  als  die  unbestimmten  Nachrichten  über  den 
kaiserlich-französischen  Frieden  mußten  die  Gerüchte  von  einem 
Anstand  mit  den  Türken  erscheinen,  die  seit  dem  Frühjahr  1545 
nicht  mehr  zur  Ruhe  kamen  <).  Johann  Friedrich  wnrde  durch 

1)  Vergl.  über  Um  Springer,  S.  lOf.  Drnffel,  Abh.  Bayr.  Ak.  XIII, 
S.  194,  20.  Schon  am  12.  Oktober  gratniieren  der  Kf.  und  der  Ldgf.  dem  Kaieer 
zum  Frieden,  Reg.  H.  p.  585,  No.  190,  II,  Konz. 

2)  Noch  am  29.  Nov.  war  Johann  Friedrich  der  Meinung,  dafi  die  Konkordie 
zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  nur  ,ans  dem  gröbsten  gehauen*  sei.  An 
Ldgf.  ebenda,  Konz. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  13,  31,  Reg.  H.  p.  630.  No.  197,  I,  Or.;  Jan.  23, 
ebenda,  No.  197,  II,  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  20,  ebenda  I,  Konz.;  Febr.  2,  ebenda  II. 
Burchard  an  Kf.  Jan.  20.  Reg.  E.  p.  59,  No.  116.  Kf.  an  seine  Räte  Febr.  5, 
Reg.  E.  p.  59a,  No.  122;  März  10,  ebenda.  Erst  am  3.  April  äuBerte  der  Kur- 
fürst gegen  Brück,  dafi  der  Artikel  in  dem  kaiserlich-französischen  Frieden  Ober 
die  Ungläubigen  ihm  Nachdenken  verursache.  Reg.  H.  p.  603,  No.  194. 

4)  Der  Kf.  berührt  die  Sache  schon  in  Brief  an  Ldgf.  vom  30.  Jan.,  hält 
sie  aber  für  sehr  unwahrscheinlich.  Neudecker,  Aktenst,  S.  411.  Die  In- 
struktion des  Kaisers  vom  25.  Dez.  bei  L a n z , Staatspap.,  S.  388  ff.  spricht  auch 
dafür,  dafi  dieser  damals  den  Türkenkrieg  noch  wünschte.  Bestimmtere  Gerüchte 
über  den  Anstand  tauchten  in  Worms  im  April  auf.  (Springer,  S.  23 f.; 
Kannengiefier,  S.  41;  P.  C.  III,  581.  587.)  Die  sächsischen  Gesandten  be- 
richteten ihrem  Herrn  am  20.  April  davon  (R^.  E.  p.  59a,  No.  121).  Diese  Ge- 
rüchte wirkten  mit,  wenn  man  in  einer  Versammlung  der  Schmalkaldener  etwa 
vom  29.  April  beschloß,  mit  anderen  Ständen  und  Potentaten  wegen  des  Konzils 
in  Verbindung  zu  treten  (sächs.  Protokoll).  Der  Kurfürst  betonte  aber  noch  am 


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Kapitel  III. 


Hans  Ungnad  darüber  auf  dem  Laufenden  erhalten,  aber  es  dauerte 
bis  zum  Ende  des  Jahres  1545,  ehe  man  Sicherheit  über  den  Ab- 
schluß des  Vertrages  mit  den  Türken  hatte*),  dann  erst  konnten 
die  Stimmungen  und  Entschlüsse  in  Deutschland  dadurch  beeinflußt 
werden. 

Als  der  Wormser  Reichstag  Ende  1544  eröffiiet  wurde,  mußte 
man  noch  mit  einem  für  1545  bevorstehenden  Tüi'kenkrieg  rechnen 
und  konnte  glauben,  selbst  dadurch  vor  einem  Angriff  des  Kaisers 
sicher  zu  sein.  Es  entsprach  ganz  der  allgemeinen  Politik,  die 
Johann  Friedrich  damals  befolgte,  wenn  er  der  Meinung  war,  daß 
man  die  in  Speier  bewilligte  Offensivhilfe  leisten  müsse  und  nicht 
durch  die  beständigen  Rüstungen  des  Braunschweigers  sich  davon 
dürfe  abhalten  lassen.  Der  Kurfürst  hielt  wohl  für  erlaubt,  diese 
neben  seiner  Leibesbeschaffenheit  als  Grund  zu  benutzen,  um  per- 
sönlichen Besuch  des  Reichstags  abzulehnen  *),  er  meinte  auch,  daß 
man  sich  beim  Kaiser  über  sie  beschweren  müsse,  war  aber  zu- 
nächst nicht  dafür,  daß  man  das  Vorgehen  des  Herzogs  als  einen 
Bruch  von  Frieden  und  Recht  betrachte  *).  Auf  dem  Wormser  Tage 
selbst  hat  allerdings  die  Haltung  des  Kurfürsten  oder  seiner  Ge- 
sandten diesen  Gedanken  nicht  ganz  entsprochen,  doch  löst  sich 
der  Widerspruch  vielleicht  so,  daß  Johann  Friedrich  die  Offensiv- 
hilfe dann  unter  allen  Umständen  leisten  wollte,  wenn  der  Kaiser 
selbst  nach  Ungarn  zöge,  sonst  nur,  wenn  man  des  Friedens  in  der 
Religion  sicher  sei  bis  auf  ein  den  Wünschen  der  Protestanten  ent- 
sprechendes Konzil,  und  wenn  man  auch  auf  Frieden  von  dem 
Braunschweiger  und  auf  gleichmäßiges  unparteiisches  Recht  am 
Kammergericht  rechnen  könne*).  Jedenfalls  sehen  wir  die  kur- 
sächsischen Gesandten  auf  dem  Reichstage  in  der  Frage  der 


20.  Mai,  daß  man  ent  Sicheres  über  den  Anstand  mit  den  Türken  wissen  müsse, 
ehe  man  seine  Handlangen  danach  einrichten  könne,  er  werde  einen  der  Seinen 
deswegen  aussenden  (an  Ldgf.  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  II,  Konz.).  Ueber  den 
tatsächlichen  Fortgang  der  Verhandlungen  vergl.  Lanz,  II,  8.  435 ff. ; Gachard , 
S.  437  f. 

1)  Korrespondenz  des  Kf.  mit  Ungnad  in  Reg.  B.  No.  1653  und  1654. 

2)  Instruktion  für  Hain  und  Burchard  vom  24.  Dez.,  Reg.  £.  p.  59a,  No.  1 16, 
Or.  Kf.  an  den  Kaiser  1545  Febr.  5,  ebenda  No.  115,  Konz.  Am  4.  Dez.  schwankte 
der  Kf.  noch,  ob  er  kommen  solle.  (An  Hain,  ebenda  No.  115,  Or.) 

3)  Instruktion  des  Kf.  für  seine  Gesandten  in  Bandesangelegenheiten  Nor.  25, 
Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  IV,  Or. 

4)  Neudecker,  Aktenst,  S.  401  f und  412,  Jan.  30. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  409 

Türkenbilfe  und  in  der  braunschweigischen  Sache  im  ganzen  im 
Einklang  mit  den  hessischen  vergehen*). 

Eine  im  wesentlichen  gemeinsame  Politik  haben  die  beiden 
Fürsten  auch  in  den  Bundesangelegenheiten  getrieben.  Sogar  die 
Bemühungen  des  Landgrafen  um  das  Zustandebringen  von  Rüstungen 
der  Verbündeten  wurden  vom  Kuifürsten  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  unterstützt  *).  Man  muß  eben  berücksichtigen,  daß  die  beiden 
Bundeshauptleute  doch  vielfach  gemeinsame  Interessen  zu  vertreten 
batten  und  aufeinander  angewiesen  waren.  Vor  allem  mußten  sich 
beide  bemühen,  ihre  Verbündeten  zur  Tragung  der  Kosten  des 
braunschweigischen  Unternehmens  mitheranzuziehen.  Diese  dagegen 
wollten  nur  eiuen  Teil  der  Kosten  übernehmen,  verlangten  vor  allem, 
daß  die  beiden  Fürsten  das,  was  sie  für  ihre  eigenen  Reiter  und  Wagen 
ansgegeben  hatten,  selbst  trügen.  Es  war  zuerst  der  Kurfürst,  der 
sich,  um  ein  AuseinanderfaUen  des  Bundes  zu  verhüten,  dazu  bereit 
erklärte  *),  erst  nach  langem  Sträuben  gab  auch  Philipp  nach  *).  Die 
Fürsten  verlangten  dafür  nun  aber,  daß  die  Anteile,  die  auf  Pommern, 
Württemberg  u.  a.  fielen,  gleichmäßig  auf  alle  anderen  Stände  ver- 
teilt würden  ®).  Auch  bei  der  Behandlung  dieser  beiden  Abtrünnigen 
zeigte  Johann  Friedrich  ein  größeres  Entgegenkommen  als  der  Land- 
graf, dem  die  Geduld  zu  reißen  begann  und  der  ziemlich  radikal 
gegen  sie  Vorgehen  wollte®).  Das  Bestreben  des  Kurfürsten  war 

1)  Das  zeigt  vor  allem  da«  eächsiacbe  Protokoll.  Nur  in  der  Frage  der 
Rüstungen  gegen  den  Braunschweiger  fand  der  Landgraf  beim  Kurfürsten  nicht 
immer  die  gewünschte  Unterstützung.  VergL  auch  Kan nengiefier,  S.  43; 
Nendecker,  Aktenst.,  S.  417 ff.  421  ff.  427 ff.  Kf.  an  Ldgf.  März  10,  Reg.  H. 
p.  630,  No.  197,  III,  Konz.,  etc. 

2)  Zunächst  war  er  gegen  vorzeitige  Rüstungen,  besonders  aus  Rücksicht 
auf  den  Kaiser,  wünschte  auch  vorherige  Zustimmung  der  anderen  Verbündeten 
(P.  C.  III,  560;  Neudecker,  Aktenst,  S.  424.  427  ff.),  im  April  willigte  er 
aber  darein,  dafi  3000  fl.  für  Rüstungen  anfgewandt  würden,  wenn  auch  nur  die 
Defensionsverwandten  zustimmten  (April  11,  Reg.  H.  p.  630,  No.  198,  III,  Konz.). 

3)  An  Ldgf.  Febr.  13,  Neudecker,  Aktenst,  S.  431  ff.;  Fcbr.  25,  R^.  H. 
p.  630,  No.  197,  II.  Konz. 

41  Ldgf.  an  Kf.  März  15,  R^.  H.  p.  630,  No.  197,  II,  Or.  Vergl.  P.  C. 
III,  569. 

5)  Ueber  die  Rechnungen  gab  es  schon  seit  dem  Herbst  beständige  Ver- 
handlungen. Ueber  die  Beratungen  des  Wormser  Tages  gibt  ein  sächsisches  Pro- 
tokoll, das  vom  25.  Dez.  1544  bis  zum  26.  Juli  1545  reicht,  gut  Auskunft,  Keg.  H. 
p.  589,  No.  191,  VI. 

6)  Elr  riet,  noch  einen  Versuch  zu  machen,  die  Hze.  zu  bestimmen,  ihren 
Verpflichtungen  nachzukommen,  sie  aber,  wenn  das  nichts  nütze,  vor  die  Einung 


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410 


Kapitel  III. 


offenbar,  den  Bund  durch  Nachgiebigkeit  zusammenzuhalten,  zu- 
weilen, besonders  gegen  Ende  des  Wormser  Tages,  ist  aber  auch 
er  ziemlich  bundesmüde  gewesen,  oder  wollte  wenigstens  in  eine 
Verlängerung  des  Bundes  nur  willigen,  wenn  seine  Reform  damit 
verbunden  würde. 

Die  Frage  der  „Erstreckung“  des  Bundes  stand  schon  vom  An- 
fang der  V^ersammlung  an  auf  der  Tagesordnung.  Johann  Friedrich 
erkannte  ihre  Notwendigkeit  an,  betonte  aber  von  vornherein,  daß 
die  Verbesserung  der  Bundesverfassung  vorhergehen  müsse  und  auch 
seine  finanziellen  Forderungen  an  den  Bund  erst  befriedigt  sein 
müßten.  Auch  als  dann  Sachsen  und  Hessen  am  22.  April  gemein- 
sam Beratungen  über  die  Erstreckung  und  Verbesserung  der  Einung 
beantragten,  legte  der  Kurfürst  auf  den  zweiten  Punkt  das  Haupt- 
gewicht, die  Beseitigung  der  Mängel  des  Bundes  galt  ihm  als 
Bedingung  für  die  Erstreckung,  ja  gelegentlich  verstimmten  ihn  die 
Schwierigkeiten,  die  man  mit  den  Defensionsrechnungen  fand,  sogar 
so  sehr,  daß  er  völlige  Preisgabe  des  Bundes  erwog.  Würden  da- 
gegen seine  Beschwerden  beseitigt,  so  war  er  nicht  nur  zur  Ver- 
längerung des  Bundes,  sondern  auch  zu  seiner  .Ausdehnung  auf 
Profansachen  bereit  *). 

In  engster  Verbindung  mit  den  Beratungen  über  die  Er- 
streckung des  Bundes  standen  die  über  seine  Erweiterung.  Gerade 
während  des  Wormser  Tages  knüpften  sich  ja  sehr  hoffnungsvolle 
Beziehungen  zu  Kurköln  an,  Sachsen  und  Hessen  traten  schon  im  März 
aufs  wärmste  dafür  ein.  daß  man  sich  der  kölnischen  Appellation  an- 
schließe ’).  Weiterhin  entstand  ja  dann  auf  diesem  Tage  der  gi-oße 


zu  zitieren  und  diese  erkennen  zu  lassen,  was  sie  zu  geben  schuldig  seien.  Würden 
sie  der  Zitation  nicht  folgen,  so  müßte  man  andere  Wege  suchen,  sie  zur  Leistung 
der  Gebühr  zu  veranlassen.  (Instruktion  des  Ldgf.  für  seine  Ges.  in  Worms  in 
Bundesangelegenheiten  vom  20.  Nov.,  P.  A.  72.5,  Or.)  Der  Kf.  b^iügte  sich  in 
seiner  Instruktion  vom  25.  Nov.  damit,  seinen  Gesandten  zu  befehlen,  die  Meinung 
der  anderen  Stände  über  die  Frage  einzuholen. 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  13,  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  24,  B^.  H.  p.  585,  No.  190,  II. 
Kf.  an  seine  Räte  1545  April  3,  Reg.  H.  p.  652,  No.  201,  Or,  Sächsisches  Proto- 
koll vom  22.  April.  Beschluß  von  diesem  Tage  P.  A.  No.  728  und  Reg.  H. 
p.  589,  No.  191,  111;  P.  C.  III,  585,  2.  Kannengießer,  S.  45.  Kf.  an  Ldgf. 
April  29,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  I,  Konz.;  an  die  Räte  Juni  5,  Reg.  H.  p.  652, 
No.  201,  Or.  Ldgf.  an  Kf.  Juiii  23,  Kf.  an  Ldgf.  Juni  28,  Reg.  H.  p.  636, 
No.  198,  II. 

21  P.  C.  III,  571.  Varrentrapp,  1,  S.  245.  Sächsisches  Protokoll 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


411 


Plan,  alle  noch  außenstehenden  protestantischen  Stände  in  den  Bund 
hineinzuziehen,  den  wir  wohl  als  das  Hauptresultat  dieses  Bundes- 
tages betiachten  dürfen.  Die  erste  Anregung  zu  diesem  Beschlüsse 
scheint  durch  die  Gerüchte  vom  Anstand  mit  den  Türken,  die  Fort- 
setzung des  Konzils  und  die  Nachrichten  von  einer  „Zusammen- 
setzung“ der  Gegner  gegeben  worden  zu  sein.  In  einer  Beratung 
der  Bundesstände  etwa  vom  29.  April  schlug  der  Herzog  vou  Lüne- 
burg vor,  auch  andere  Stände  für  die  Verteidigung  der  Libertät  zu 
gewinnen,  und  empfahl,  auch  mit  Frankreich  und  England  in  Ver- 
bindung zu  treten  ‘).  Beide  Gedanken  und  auch  der  einer  Zusammen- 
kunft aller  protestantischen  Stände  nach  dem  Reichstag  spielen 
dann  in  den  Briefen  des  Landgrafen  seit  Anfang  Mai  eine  große 
Rolle  *).  Es  war  verhängnisvoll,  daß  Johann  Friedrich  infolge  seiner 
früheren  Erfahrungen  für  einen  Bund  mit  den  beiden  auswärtigen 
Königen  jetzt  so  wenig  zu  haben  war.  Die  Beratung  über  die 
Heranziehung  der  anderen  protestantischen  Stände  wurde  einem 
engeren  Ausschuß  übertragen,  und  auf  Grund  von  dessen  Bericht 
haben  sich,  wie  es  scheint,  alle  Stände  am  1.  Juni  für  Verhand- 
lungen mit  jenen  ausgesprochen  ®).  Für  das  Ende  des  Jahres  faßte 
man  eine  Versammlung  aller  protestantischen  Stände  in  Frankfurt 
ins  Auge  und  beauftragte  einstweilen  einzelne  Bundesglieder,  mit 
einzelnen  dieser  noch  Außenstehenden  zu  verhandeln  und  zu  son- 
dieren, ob  sie  zu  einer  gemeinsamen  Politik  geneigt  seien.  Dabei 
wurden  z.  B.  Sachsen  und  Hessen  gemeinsam  der  Kurfürst  vou 
Köln  und  die  Söhne  Markgraf  Georgs  zugewiesen,  dem  Kurfürsten 
allein  Herzog  Friedrich  von  Liegnitz  und  Münsterberg.  Mit  seinem 
Bruder  Johann  Emst  zusammen  sollte  er  den  Grafen  Ernst  vou 
Henneberg  zu  gewännen  suchen,  den  Grafen  Wilhelm  von  Nassau 
sollte  er  veranlassen,  mit  den  Grafen  der  Wetterau  zu  verhandeln. 
Jeder  Stand  sollte  mit  den  Freien  seines  Adels,  soweit  sie  Pro- 
testanten seien,  in  Unterhandlung  treten.  Auch  die  „Neutralen“, 
Pfalzgi’af  Fiiedrich  und  Herzog  Wilhelm  von  Bayern,  wollte  man 
herauziehen  ^). 

1)  Sächsisches  Protokoll. 

2)  An  Kf.  Mai  2,  R<^.  H.  p.  636,  No.  198,  II,  ür.  VerRl.  M.  P.  C.  II,  250«. 
Christian  BrOck  an  Kf.  o.  D.,  Reg.  H.  p.  589.  No.  101,  111,  Hdbf.  Lenz,  II, 
8.  360.  fiasenclever,  I,  S.  56. 

3)  Sächsisches  Protokoll. 

4)  Abschied  vom  7.  Aug.,  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  IV,  Or.  Als  Ergänzung 
dazu  ist  zu  betrachten  ein  Bedenken  des  engeren  Ausschusses,  was  mit  etlichen 


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412 


Kapitel  III. 


Wenn  dieser  wichtige  Beschluß  vor  allem  durch  die  Befürch- 
tungen, die  man  über  die  Zukunft  hegte,  herbeigeführt  wurde,  so  sind 
andere  wesentliche  Beschlüsse  des  Bundestages  durch  die  Religions- 
verhandlungen veranlaßt  worden,  die  auf  dem  gleichzeitigen  Wormser 
Reichstage  stattfanden.  Dieser  sollte  ja  nach  den  Absichten  des 
Kaisers  vor  allem  auch  zur  Herbeiführung  der  religiösen  Ver- 
gleichung dienen,  und  die  einzelnen  Stände  hatten  die  Aufgabe  ge- 
habt, Reformationsentwürfe  zu  diesem  Zwecke  zu  verfassen  ^).  Auch 
die  Wittenberger  Theologen  waren  durch  den  Kurfürsten  zur  Aus- 
führung dieses  Beschlusses  veranlaßt  worden,  und  es  war  so  das 
Stück  entstanden,  das  unter  dem  Namen  der  Wittenberger  Re- 
formation bekannt  geworden  ist*).  Nach  einem  in  Speier  gefaßten 
Beschluß  der  Verbündeten  sollten  die  von  den  Theologen  der  ver- 
schiedenen protestantischen  Stände  entworfenen  Gutachten  in  Worms 
zusammengearbeitet  werden,  doch  hat  dabei  außer  dem  witten- 
bergischen  nur  das  Straßburger  eine  größere  Rolle  gespielt  *).  Da- 
neben waren  schon  bei  der  Abfassung  der  Wittenberger  Reformation 
manche  Wünsche  des  Landgrafen  berücksichtigt  worden  ^).  In 
Worms  selbst  haben  die  entscheidenden  Verhandlungen  im  März 
und  Juni  stattgefunden.  Ihr  Resultat  war,  daß  die  beiden  ersten 
Teile  des  auf  Bucer  zurückgehenden  Straßburger  Gutachtens,  die  von 
der  rechten  Form  der  alten  Kirche  und  davon,  wie  man  von  der- 
selben abgeschritten  sei,  handelten,  übernommen  wurden,  im  dritten 
Teil,  der  sich  auf  die  jetzt  vorzunehmende  Reformation  und  Ab- 
hilfe bezog,  sollte  das  Wittenberger  Werk  mit  anderen  Gutachten, 
wie  dem  Marburger,  zusammengearbeitet  werden.  Die  Schlußre- 
daktion soUte  einer  einzelnen  Person  Übetragen  werden  *).  Fragen 


Potentaten  und  Ständen  des  trientiniscben  KontiU  halben  zu  handeln,  Reg.  H. 
p.  612,  No.  196,  III. 

1)  de  Boor,  S.  87.  Auftrag  des  Ldgfen.  an  seine  Theologen  schon  vom 
4.  Aug.  1544,  Rommel,  III,  No.  27,  S.  104—107. 

2)  Vergl.  etwa  Burkhardt,  Briefwechsel,  S.  454.  C.  R.  V,  533f.  577 f. 
579—606.  607—643. 

3)  Vergl.  über  dieses  Neudecker,  Urk.  S.  703ff.;  Lenz,  II,  S.  285,  2. 
C.  R.  V,  6-14 — 647  ist  dagegen  gerichtet 

4)  C.  R.  V,  672 ff.  674  ff.  Kf.  an  die  Wittenberger  Theologen  Febr.  14, 
Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  Konz.;  März  9,  ebenda  Konz.  Antwort  der  Theologen 
C.  R.  V,  680 — 691.  Vergl.  auch  Lenz,  II,  S.  337. 

5)  Im  März  wurde  Sturm  beauftragt,  die  beiden  ersten  Teile  der  Reformation 
aus  dem  Bedenken  Bucers  zusammenzustellen,  der  letzte  Teil  wurde  den  Sachsen 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  413 

wir  nach  der  Stellung  des  Kurfürsten,  so  gefiel  ihm  die  Witten- 
berger Reformation  natürlich  besser  als  das  Straßburger  Gutachten, 
doch  legte  er,  nachdem  ihm  klar  geworden  war,  daß  der  Kaiser 
die  Religionsvergleichung  auf  diesem  Reichstage  schwerlich  vor- 
nehmen werde,  keinen  großen  Wert  mehr  darauf,  daß  man  sich 
überhaupt  über  eine  Reformation  einigte ‘). 

Tatsächlich  ist  es  ja  dann  auch  zu  einer  Ueberreichung  des 
Werkes  der  Theologen  an  den  Kaiser  nicht  gekommen,  da  in  Wonns 
überhaupt  keine  Beratungen  über  die  Religion  stattfanden’);  nur 
inoffiziell  hat  Bnrchard  Granvella  Einsicht  in  den  Reformations- 
entwurf der  Protestanten  gewährt,  doch  ließ  er  dabei  die  bedenk- 
lichsten Teile  weg®).  Für  den  Kaiser  war  ja  der  Gedanke,  durch 
eine  Religionsvergleichung  zur  Versöhnung  mit  den  Protestanten 
zu  gelangen,  seit  dem  Frieden  mit  Frankreich,  und  seitdem  der 
Papst  das  Konzil  ausgeschrieben  hatte,  sowie  unter  dem  Eindruck 
des  Briefes  des  Papstes  vom  24.  August®)  ganz  zurückgetreten.  Wir 
wissen  heute,  daß  er  für  den  Sommer  1545  einen  Krieg  gegen  die 
Protestanten  plante,  und  daß  dieser  schließlich  nur  deshalb  ver- 
schoben wurde,  weil  das  Jahr  zu  weit  vorgeschritten  und  die 
Rüstungen  nicht  weit  genug  gediehen  waren®).  An  eine  Versöhnung 
dachte  Karl  jetzt  jedenfalls  nicht  mehr.  Die  Möglichkeit,  den 


fibertragen.  (Die  heesbchen  Räte  an  den  Ugf.  März  31,  P.  A.  No.  728,  Or. 
Lenz,  II,  S.  339.)  Im  Juni  wurde  ein  großer  Aueecbuß  eingesetzt,  um  aus  den 
verschiedenen  Ratschlägen  eine  Reformation  zu  machen,  auch  Kurköln  und  Nürn- 
berg waren  mit  darin.  Drei  Tage  lang  sahen  seine  Mitglieder  die  eingegangenen 
Ratschläge  durch.  Man  fand,  daß  alle  in  der  Lehre  übereinstimmten,  nur  in  der 
Form  verschieden  seien.  Man  beschloß,  die  von  fiucer  vorgeschlagene  via  ac- 
cusationis  fallen  zu  lassen,  dagegen  die  beiden  anderen  Teile  seines  Bedenkens  in 
ein  ordentliches  Konzept  zu  bringen,  in  bezug  auf  den  letzten  Teil  den  witten- 
bergischen,  marburgischen  Vorschlag  u.  s.  w.  zusammenzuziehen.  Eine  einzelne 
Person  sollte  dann  das  Werk  fertig  machen  und  es  dem  großen  Ausschuß  wieder 
zustellen.  (Die  hess.  Räte  an  Ldgf.  ca.  Juni  6,  P.  A.  No.  729,  Or.) 

1)  Neudecker,  Aktenst-,  8.  388ff. 

2)  Der  Ldgf.  vermutete  das  schon  am  4.  Dez.  1544,  an  Kf.,  Reg.  H.  p.  585, 
No.  190,  II,  Bnrchard  am  18.  Dez.,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  122. 

3)  Bnrchard  an  Kf.  Juni  14,  Juli  9,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  121,  Or.  Secken- 
dorf, III,  S.  555. 

4)  Concilinm  Tridentinum  IV,  364ff.  Vergl.  C.  R.  V,  574.  Druffel,  Abh. 
Bayr.  Ak.  XIII,  S.  214  ff.  229  ff.,  Anm.  17. 

5)  Die  kuraächs.  Ges.  melden  das  dem  Kf.  am  7.  Aug.  (Reg.  E.  p.  59a, 
No.  121),  ein  Beweis,  wie  trefflich  man  auf  dem  Laufenden  war. 


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414 


Kapitel  III. 


Plan  der  Religionsvergleichung  zurückzustellen,  bot  ihm  das  jetzt 
vom  Papst  von  neuem  nach  Trient  auf  den  15.  März  1545  aus- 
geschriebene Konzil '). 

Wir  hatten  vielfach  Gelegenheit,  eine  zu  große  Vertrauens- 
seligkeit an  Johann  Friedrich  in  diesen  Jahren  zu  tadeln.  An 
einem  hat  er  unbedingt  festgehalten : an  der  Ablehnung  des  päpst- 
lichen Konzils,  und  wenn  irgend  etwas  auch  ihn  besorgt  machte 
und  ihn  ein  Vorgehen  gegen  die  Protestanten  befürchten  ließ,  so 
war  es  die  Berufung  des  Konzils  und  seine  Anerkennung  durch 
den  Kaiser.  In  seiner  systematischen  Weise  dachte  er  sich  das 
Verfahren  der  Gegner  nun  etwa  so,  daß  das  Konzil  Beschlüsse 
gegen  die  Protestanten  fassen  und  der  Kaiser  dann  deren  Exekution 
übernehmen  werde.  Er  glaubte  eben  deswegen,  daß  man  noch 
etwas  Zeit  und  im  Jahre  1545  noch  nichts  zu  befürchten  habe*), 
er  hielt  aber  andererseits  für  nötig,  daß  man  seine  Stellung  zum 
Konzil,  die  Gründe  seiner  Ablehnung  erneut  formuliere  und  mög- 
lichst viele  Genossen  für  seine  ablehnende  Haltung  gewinne.  Durch 
das  ganze  Jahr  1545  ziehen  sich  Erörterungen  darüber,  und  auch 
Johann  Friedrich  selbst  hat  seine  Stellung  öfter  zum  Ausdruck  ge- 
bracht. Verfolgen  wir  diese  Dinge  zunächst  für  die  Zeit  des 
Wormser  Reichstages,  so  empfahl  der  Kurfürst  schon  am  16.  Januar, 
daß  Luther  eine  Schrift  gegen  das  Papsttum  verfasse  als  Antwort 
auf  den  Brief  des  Papstes  an  den  Kaiser  und  das  Konzilsaus- 
schreiben®), auch  riet  er,  daß  man  sich  in  Worms  über  die  Ab- 
lehnung des  Konzils  einige  *).  Zu  größerer  Tätigkeit  wurde  er  dann 
dadurch  veranlaßt,  daß  in  der  Proposition  vom  24.  März  die  ge- 
plante Reformation  verschoben  wurde,  um  erst  das  Resultat  des 
Konzils  abzuwarten.  Damit  war  das  eingetreten,  was  er  immer  als 
Kriterium  für  die  Absichten  des  Kaisers  bezeichnet  hatte.  Doch 
ging  er  auch  jetzt  noch  sehr  besonnen  vor.  Er  hatte  selbst  schon  ein 
Gutachten  verfaßt,  wonach  „fromme,  gutherzige  und  in  der  heiligen 
Schrift  gelehrte“  Leute  zu  einem  Kolloquium  oder  Konzil  zusammen- 


1)  Das  wird  z.  B.  in  der  Proposition  Ferdinands  vom  24.  März  ganz  offen 
gesagt,  Reg.  & p.  59a,  No.  115.  Die  Berufungsballe  vom  19.  Nov.  1544  in  Conc. 
Trident.  IV,  385  ff. 

2)  Vergl.  etwa  an  Ldgf.  Nov.  29,  Reg.  H.  p.  585,  No.  190,  II,  Konz.;  1545 
Jan.  24,  N eudecker,  Äktenst.,  S.  388ff. 

3)  An  Bruck  C.  R.  V,  b53ff.;  R^.  H.  p.  «03,  No.  194,  Bl.  71  ff. 

4)  Ncudecker,  Äktenst,  8.  401.  Kannengieäer,  S.  32. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


415 


treten  sollten,  und  bemerkte  selbst  dazu,  daß  es  die  Schuld  der 
Gegner  sei,  wenn  sie  keine  solchen  Persönlichkeiten  hätten  ').  Außer- 
dem ließ  er  aber  Luther  und  Melanchthon  durch  Brück  zu  einem 
Gutachten  über  das  Konzil  auffordern*),  und  die  kursächsichen 
Gesandten  empfahlen  in  Worms  in  der  Versammlung  der  Pro- 
testanten, vor  allem  über  das  Konzil  zu  beraten  und  sich  darüber 
zu  vergleichen,  dann  erst  über  die  Türkenhilfe.  Man  hielt  dabei 
diesmal  für  gut,  nicht  nacli  Religionsparteien,  sondern  nach  KoUegien 
zu  beraten,  weil  man  hoffte,  noch  andere  Stände,  vor  allem  Köln 
und  Pfalz,  zu  gewinnen.  Tatsächlich  wai’en  diese  im  Kurfürstenrat 
mit  Sachsen  in  der  Forderung  einig,  daß  die  Religionssache  auf 
dem  Reichstage  vorgenommen  werden  soUe  und  nicht  aufs  Konzil 
verschoben  werden  dürfe.  Mainz  und  Trier  waren  allerdings  da- 
gegen, Brandenburg  enthielt  sich  der  Stimme*). 

Es  wird  im  Zusammenhang  mit  diesen  Beschlüssen  stehen, 
wenn  gerade  Ende  März  die  Beratungen  der  Protestanten  über  die 
Eeligionsfrage  begannen.  Daneben  gingen  die  Verhandlungen  über 
die  den  Kaiserlichen  zu  erteilende  Antwort  weiter.  Am  3.  April 
scheint  sie  überreicht  worden  zu  sein.  Man  bat  darin,  die  Beratung 
Ober  die  Religion  vorzunehmen,  da  der  Reichstag  deswegen  berufen 
sei.  Wäre  das  unmöglich,  so  bat  man  um  einen  PYieden,  der  nicht 
bloß  bis  zum  Konzil  reiche,  da  man  das  Tridentiner  Konzil  nicht  als 
das  versprochene  anerkennen  könne,  sondern  so  lange  bis  über  die 
ganze  Sache  in  frommer  nnd  christlicher  Weise  gehandelt  sei.  Man 
erklärte  ferner,  daß  zum  Frieden  auch  gleichmäßiges  Recht  gehöre 
nnd  daß  man  bereit  sei,  mitzuwirken,  damit  darin  dem  Reichs- 
abschied gemäß  gehandelt  werde.  Erst  nach  Lösung  dieser  beiden 
Fragen  sei  man  zu  Beratungen  über  den  Türkenkrieg  bereit*). 

So  stand  man  Anfang  April  1545  glücklich  wieder  auf  dem- 
selben Standpunkt,  wie  vor  einem  Jahre:  ohne  Frieden  und 
Recht  keine  Türkenhilfe,  wozu  jetzt  noch  die  Ablehnung  des 
vom  Papst  berufenen  Konzils  kam.  Die  Religionsangelegenheit 


1)  An  Ldgf.  März  29,  Reg.  U.  p.  630,  No.  197,  III.  Das  Bedenken  des 
Kf.  in  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  IV. 

2)  April  3,  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  Konz. 

3)  Sächsisches  Protokoll,  Reg.  H.  p.  589,  No.  191.  VI.  Protokoll  der  Sitzung 
des  Kurfürstenrates,  Reg.  £.  p.  59a,  No.  121;  Springer,  S.  22. 

4)  Sleidan,  II,  S.  376ff.  Kannengießer,  S.  39.  P.  C.  III,  577 f.  Ein 
Konz,  des  Stücks  in  Reg.  E.  p.  59a,  No.  115. 


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416 


Kapitel  III. 


wollten  die  Protestanten  allenfalls  auf  einen  neuen,  sofort  anzn- 
setzenden  Reichstag  verschieben  lassen,  im  übrigen  blieben  sie 
allen  Bemühungen  Ferdinands  gegenüber  fest,  obgleich  diesmal 
Sachsen  wenigstens  in  der  Kammergerichtssache  nichts  gegen  einiges 
Entgegenkommen,  z.  B.  eine  Verschiebung  auf  den  nächsten  Reichs- 
tag, einzuwenden  gehabt  hätte.  Auch  auf  Ferdinands  Vorschlag 
vom  7.  Mai,  diese  Fragen  bis  zur  Ankunft  des  Kaisers  zu  ver- 
schieben und  inzwischen  mit  den  anderen  Ständen  über  die  Türken- 
hilfe zu  beraten,  ließ  man  sich  nicht  ein^). 

Auch  als  am  19.  Mai  der  Kaiser  selbst  die  Verhandlungen 
mit  den  Protestanten  in  die  Hand  nahm,  kam  man  nicht  weiter, 
da  jeder  Teil  auf  seinem  Standpunkt  beharrte  *).  Dabei  traten  bald 
die  Verhandlungen  über  die  Annahme  des  Konzils  in  den  Vorder- 
grund*). Johann  Friedrich  war  sehr  erfreut  darüber,  daß  seine 
Religionsverwandten  gerade  in  diesem  Punkte  fest  blieben*).  Am 
14.  Juni  setzte  dann  die  von  den  Protestanten  veranlaßte  Ver- 
mittlung des  Pfalzgiafen  Friedrich  ein.  Auch  ihm  gelang  es  nicht, 
die  Protestanten  zur  Anerkennung  des  Konzils  zu  bestimmen,  wohl 
aber  schuf  er  dadurch,  daß  er  den  Gedanken  des  Kolloquiums  anf- 
warf,  die  Möglichkeit,  einen  für  beide  Teile  annehmbaren  Abschluß 
zu  finden,  bei  dem  jeder  im  wesentlichen  auf  seinem  Standpunkt 
beharrte  *). 

Erwähnung  verdient  noch,  daß  der  Kurfürst  damals  doch  auch 
dem  Versuch,  ihn  durch  eine  Sendung  Pfirts  an  ihn  zur  Nach- 
giebigkeit zu  bestimmen,  widerstand.  Auch  der  Hinweis  auf  seine 
feindlichen  Nachbarn  wirkte  nicht.  Er  erklärte,  sich  in  aUen  anderen 
Sachen  so  halten  zu  wollen,  daß  der  Kaiser  keinen  Grund  zur 
Mißstimmung  gegen  ihn  haben  solle,  beharrte  in  bezug  auf  das 
Konzil  aber  auf  seinem  Standpunkt,  betonte  auch,  daß  er  allein  in 
dieser  Sache  gar  nichts  tun  könne®). 

1)  Sleidan,  II,  S.  378ff.  Akten  in  Reg.  E.  p.  59a,  No.  115.  Kannen- 
gießer, S.  39f.  P.  C.  III,  577 ff.  Die  Räte  an  Kf.  April  14,  Kf.  au  die  Räte 
April  26,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  121. 

2)  Kannen gießer,  S.  53f.  P.  C.  III,  597 ff. 

3}  Springer,  S.  30ff.  Kannen  gießer,  S.  ßlff. 

4)  An  Brück  Juni  12,  R^.  H.  p.  603,  No.  194. 

5)  Für  alle  Einzelheiten  verweise  ich  auf  Kannen  gießer,  S.  68ff. ; P.  C- 
III,  608. 

6)  Karl  V.  an  Kf.  Mai  25.  Werbung  Pfirts  vom  8.  Juni,  Antwort  des  Kf. 
vom  17.  Juni,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  115.  Kf.  an  seine  Oes.  Juni  17,  ebenda  No.  121; 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  417 

Auch  nachdem  durch  die  pfälzische  Vermittlung  zwischen  dem 
Kaiser  und  den  Protestanten  eine  Einigung  über  das  Kolloquium 
erzielt  war,  hat  man  über  Frieden  und  Recht  noch  einige  Wochen 
verhandelt.  Zn  einer  Vergleichung  darüber  kam  es  nicht.  Die 
Protestanten  erklärten  daher  dem  Abschied  gegenüber  ausdrücklich, 
daß  sie  am  Speierer  .Abschiede  festhielten.  Eine  Neuorganisation 
des  Kammergerichts  unterblieb,  die  Frage  der  Türkenhilfe  wurde 
auf  den  nächsten  Reichstag  verschoben  *). 

Die  Unzufriedenheit  der  Protestanten  über  den  Reichsabschied 
^kam  auch  in  ihrem  eigenen  Bundesabschied  vom  7.  August  zum 
-Ausdruck.  Sie  hielten  für  nötig,  sich  auf  die  Rekusation  des  Konzils 
von  neuem  vorzubereiten,  und  beauftragten  Sachsen,  Hessen,  Württem- 
berg, Straßburg  und  Nürnberg,  durch  ihre  Theologen  und  Juristen 
Ratschläge  darüber  verfassen  zu  lassen.  Diese  sollten  an  Sachsen 
und  Hessen  geschickt  und  dann  von  einem  einzelnen  zu  einer 
Rekusation  verarbeitet  werden,  die  auf  dem  nächsten  Bundestag 
verlesen  und  ausgefertigt  werden  sollte.  .\uch  wenn  man  beschloß, 
in  der  Not  znsammenzuhalten  und  alle  Streitigkeiten  untereinander 
beizulegen,  wenn  jeder  Bundesstand  seine  Gesandten  auf  dem 
nächsten  Tage  über  Erstreckung,  Verbesserung  und  Erweiterung 
der  Einung  instruieren  sollte,  und  wenn  endlich  die  schon  er- 
wähnten Verhandlungen  mit  den  anderen  protestantischen  Ständen 
und  auch  außerdeutschen  Potentaten  in  Aussicht  genommen  wurden, 
so  können  wir  das  alles  als  einen  Beweis  dafür  ansehen,  daß  die  Lage 
den  Verbündeten  sehr  gefährlich  erschien’).  Keinen  Augenblick 
haben  sie  daian  gezweifelt,  daß  das  Religionsgespiäch  für  den 
Kaiser  nur  eiu  Mittel  sei,  um  Zeit  zu  gewinnen. 

Endete  so  der  Reichstag  in  den  Hauptfragen  mit  einem  nur 
verschleierten  Bruch,  so  war  es  dagegen  in  einer  anderen  .An- 
gelegenheit, die  viel  böses  Blut  gemacht  hatte,  in  der  braun- 
schw’eigischen,  gelungen,  eine  Einigung  zwischen  dem  Kaiser  und 
den  Schmalkaldenern  zu  erzielen.  Zunächst  war  zwar,  wie  wir 
sahen,  beim  Landgrafen  wenig  Neigung  vorhanden  gewesen,  an  der 
1544  schon  halb  gewährten  Sequestration  festzuhalten,  und  auch 

N.  B.  VIII,  224.  238.  631  ff.  Bei  Seckendorf,  III,  S.  546  ist  die  Sendung 
irrtümlich  in  den  Juli  verlegt,  danach  Kannengießer,  S.  78f.  Dadurch  löst 
aich  auch  deesen  Zweifel  auf  S.  128,  Anm.  277. 

1)  Kannengießer,  S.  83 ff. 

2)  Abschied  vom  7.  Aug.  und  Ergänzung  dazu.  Siehe  S.  411,  Anm.  4. 

ßdträze  rur  neueren  Geschichte  Thüringeni  I,  ».  27 


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418 


Kapitel  III. 


die  Vertreter  des  Kurfürsten  hatten  in  dieser  Frage  den  anderen 
Ständen  gegenüber  gemeinsam  mit  den  hessischen  Gesandten  ope- 
riert ').  Der  Grundstimmung  des  Kurfürsten  aber  entsprach  es  doch 
mehr,  wenn  auch  nicht  die  Restitution  Braunschweigs,  die  manche 
andere  Stände  wünschten,  so  doch  die  Sequestration  zu  gewähren  *). 
Anfang  Mai  fügte  sich  auch  der  Landgraf,  es  kostete  aber  noch 
einige  Mühe,  zu  erreichen,  daß  die  anderen  Stände,  die  die  Resti- 
tution des  Landes  vorgezogen  hätten,  sich  damit  zufrieden  gaben. 
Erst  am  14.  Juni  einigte  man  sich  über  den  Vorschlag,  den  man 
wegen  der  Sequestration  dem  Kaiser  überreichen  wollte®). 

Auf  dieser  Grundlage  konnte  nun  mit  diesem  verhandelt  werden, 
und  bis  zum  7.  Juli  kam  dann  der  vom  10.  datierte  Vertrag  zustande. 
Danach  versprach  man,  das  Land  binnen  eines  Monats  nach  er- 
folgter Bewilligung  in  die  Hände  des  Kaisers  zu  übergeben.  Dieser 
sollte  dann  aus  einer  sofort  benannten  Anzahl  von  Fürsten  zwei 
mit  der  Administration  des  Landes  betrauen.  Diese  sollten  das, 
was  von  den  Protestanten  seit  der  Eroberung  im  Lande  einge- 
richtet sei,  bis  znm  Austrag  des  Streites  bestehen  lassen  und  Herzog 
Heinrich  nicht  ins  Land  lassen.  Die  Kommissarien  sollten  ferner 
den  Streit  durch  gütliche  Handlung  oder  rechtliche  Entscheidung  bei- 
legen. Inzwischen  durfte  keine  der  beiden  Parteien  etwas  Tätliches 
gegen  die  andere  vornehmen.  Wer  gegen  diese  Abrede  handelte, 
sollte  als  Landfriedensbrecher  gelten,  und  der  Kaiser  sollte  bei  der 
Exekution  gegen  ihn  helfen.  Dessen  Aufgabe  sollte  auch  sein,  über 
die  Annahme  dieses  Vertrages  mit  dem  Herzog  zu  verhandeln,  sie 
ihm  eventuell  bei  Strafe  des  Bruches  des  Landfriedens  zu  gebieten  ‘). 

So  konnte  man  hoffen,  diese  schwierige  Frage  aus  der  Welt 
geschafft  zu  haben.  Nur  zu  bald  aber  zeigte  sich,  daß  an  ein  Ein- 
gehen des  Herzogs  auf  die  Sequestration  nicht  zu  denken  sei. 
Nach  wie  vor  wurde  man  durch  angebliche  und  wirkliche  Rüstungen 

1)  Seit  März  kamen  die  Verhandlungen  mit  den  Kaiserlichen  über  die 
Sequestration  in  Gang.  Akten  in  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  V. 

2)  In  einer  Ausschußberatung  vom  10.  April  über  die  Sequestration  gab 
Sachsen  ein  ausweichendes  Votum  ab,  P.  C.  III,  579  f.  und  sächs.  Protokoll ; am 
29.  April  sprach  der  Kf.  sich  dafür  aus,  daß  man  die  Sequestration  bewillige 
(Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  I,  Kouz.  an  Ldgf.),  am  2.  Mai  fügte  sich  notgedrungen 
auch  der  Ldgf.,  ebenda  II,  Or.,  vollständig  allerdings  erst  Anfang  Juli,  sächs. 
Protokoll.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  6,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  II,  Or. 

3)  Sächsisches  Protokoll.  P.  C.  III,  606.  Kannengießer,  S.  47 ff. 

4)  Hortleder,  I,  2,  S.  1036f.  P.  C.  III,  612 f. 


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Band  and  Reich:  Die  Jahre  der  ünsicherheit  1542 — 1546.  419 

Heinrichs  in  Atem  gehalten,  und  es  entstand  wieder  der  alte  Zu- 
stand, daß  der  Landgraf  dagegen  Abwehrmaßregeln  forderte,  während 
der  Kurfürst  voreilige  Ausgaben  zu  vermeiden  suchte  *). 

Es  ist  zuweilen  nicht  ganz  leicht,  festzustellen,  ob  in  dem  Brief- 
wechsel der  beiden  Fürsten  nur  von  der  vom  Braunschweiger  drohen- 
den Gefahr  oder  von  der  allgemeinen  Lage  die  Rede  ist,  und  mancher 
ist  wohl  durch  zu  große  Verallgemeinerung  der  in  diesen  Briefen 
ausgesprochenen  Ansichten  zu  schiefen  Urteilen  geführt  worden’). 
Doch  kann  deshalb  daran  doch  kein  Zweifel  sein,  daß  der  Land- 
graf in  den  nächsten  Monaten  nach  dem  Wormser  Reichstage  die 
Lage  für  außerordentlich  geföhrlich  ansah  und  fast  mit  Sicherheit 
den  Ausbruch  des  Krieges  im  nächsten  Jahre  erwartete.  Wenigstens 
zeitweilig  war  er  geneigt,  demgegenüber  den  „Vorstreich“  für  das 
Richtigste  zu  halten  ®).  Doch  beschränken  wir  uns  auf  die  Stellung 
Johann  Friedrichs! 

Auch  er  ist  zunächst  über  alles,  was  bei  der  Gegenpartei 
vorging,  stets  vortrefflich  auf  dem  Laufenden  gewesen.  Abgesehen 
davon,  daß  der  Landgraf  ihm  wohl  jede  Nachricht,  die  er  er- 
hielt, sofort  zusandte,  schrieb  ihm  z.  B.  Eberhard  v.  d.  Thann 
Briefe,  die  von  einer  geradezu  verblüffenden  Klarheit  über  die 
Absichten  der  Gegner  zeugen*).  Demgegenüber  ist  der  Stand- 
punkt Johann  Friedrichs  bis  unmittelbar  vor  dem  Ausbruch  des 
Krieges  der  gewesen,  daß  an  den  feindlichen  Absichten  des  Papstes 
und  der  Bischöfe  natürlich  kein  Zweifel  sei,  daß  aber  doch  noch 
nicht  zur  Genüge  bewiesen  sei,  daß  auch  der  Kaiser  sich  zum 
Werkzeug  dieser  Pläne  machen  werde.  Er  meinte,  daß  man 
darüber  erst  volle  Sicherheit  gewinnen  müsse,  ehe  man  irgend- 
welche direkten  Schritte  dagegen  tun  dürfe,  um  nicht  durch  eigene 


1)  Die  umfaogrdche  Korrespondenz  der  beiden  Fürsten  über  diese  Dinge  in 
Reg.  H.  p.  645,  No.  199/200,  II.  III.  ßniges  gedruckt  bei  Neudecker, 
Aktenst.,  S.  462  If.,  ürk.,  8.  735  ff. 

2)  Hasenclever,  I,  S.  1 nicht  ganz  davon  frei. 

3)  Vergl.  Brandenburg,  I,  8.  394  f.  die  Sendung  Günderodes  und 
vor  allem  Ldgf.  an  Kf.  Sept,  9,  Reg.  H.  p.  64.5,  No.  199/200,  II,  Or.,  Aktenst. 
No.  61,  Dez.  26,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  II,  Or.  In  dieselbe  Zeit  mag  das 
Memorial  des  Ldgf.  in  P.  A.  645  gehören.  Daß  auch  er  zuweilen  schwankte,  zeigt 
sein  Brief  an  BIf.  vom  17.  Jan.  1546,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I,  Or.,  in  dem  er  es 
für  unwahrscheinlich  erklärte,  daß  das  Spiel  dies  Jahr  werde  angefangen  werden. 

4)  Vergl.  besonders  den  Brief  vom  31.  Aug.  1.545  in  Reg.  II.  p.  600,  No.  193. 
Seckendorf,  III,  8.  566f.  Hasenclever,  I,  8.4,  Anm.  3.  Aktenst.  No.  60. 

27* 


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420 


Kapitel  III. 


voi  t41ige  Handlungen  selbst  das  herbeizuführen,  was  man  vermeiden 
wolle.  Jeder  Zeitgewinn  schien  ihm  dabei  erwünscht,  weil  Gott 
inzwischen  Wege  finden  könne,  sein  Evangelium  doch  noch  vor 
der  Gefahr  zu  bewahren  ■)• 

Das  sind  ungeföhr  die  Gedanken,  die  immer  wiederkehren, 
doch  werden  sie  gelegentlich  abgelöst  durch  andere  Stimmungen 
und  Aeußerungen  bald  sorgloserer  *),  bald  aber  auch  entschlossenerer 
Art*).  Jene  wird  man  vielfach  aus  dem  Wunsche  zu  erklären 
haben,  zurückhaltend  auf  den  ungestümen  Landgrafen  zu  wirken, 
diese  sind  wohl  meist  durch  augenblickliche  besonders  bedrohliche 
Nachrichten  veranlaßt,  die  momentan  dem  Kurfürsten  doch  die  Ge- 
fahr als  sicher  erscheinen  ließen,  oder  sie  sind  der  Ausdruck  eines 
erhöhten  Selbstgefühls,  wie  unmittelbar  nach  der  Besiegung  des 
Braunschweigers.  Die  immer  wiederkehrende  Grundstimmung  aber 
bleibt  die  oben  geschilderte*). 

Es  geht  nicht  an,  sie  einfach  aus  dem  Chaiakter  und  Tem- 
perament Johann  Friedrichs  zu  erklären,  da  wir  ihn  früher  weit 
besorgter  und  unternehmungslustiger  gesehen  haben.  .\uch  in 
seiner  Konstitution  wird  sich  seit  1542  schwerlich  so  viel  ge- 
ändert haben,  daß  man  das  gi-ößere  Phlegma  etwa  auf  körper- 
liche Einfiüsse  zurückführeu  könnte.  Eher  könnte  man  vielleicht 
Wert  legen  auf  die  engen  Beziehungen  zu  den  Habsburgern. 

1)  Neudecker,  Aktenst.,  S.  483  f.  (Aup.  16);  Urk.,  S.  736  (Scpt,  7|;  an  Ixlpf. 
Sept.  14,  Reg.  H.  p.  645,  No.  190,  I,  Konz.  P.  A.  Sachsen,  Emeelin.  Linie,  1.545. 
Or.  Siehe  Aktcnst.  No.  62.  An  Thann  Okt.  18,  Reg.  H.  p.  600,  No.  193;  an  Ldgf. 
Dez.  24,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198  IV;  1546  Jan.  3,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  III. 
Konz.  Brück  bestärkte  den  Kf.  in  seiner  Zurückhaltung  Dez.  27,  Reg.  H. 
p.  603,  No.  194,  Bl.  201  ff.  Vergl.  Hasenclever,  I,  S.  49,  13.  191,  23.  Kf.  an 
Ldgf.  15-16  Jan.  30,  Reg.  II.  p.  670,  No.  209,  I,  Kunz.,  Aktenst.  No.  64 ; Febr.  24, 
ebenda,  Aktenst.  No.  65. 

2)  z.  B.  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  9,  Reg.  H.  p.  645,  No.  199;'200,  III,  Konz.;  an 
Pfirt  Dez.  10  (unter  dem  Eindruck  des  Sieges  über  den  Braunschweiger),  Reg.  H. 
p.  600,  No.  193.  Kf.  an  Thann  1546  März  29,  Reg.  J.  p.  593  AA  [Y|,  No.  19. 

3)  An  die  Ges.  in  Frankfurt  Dez.  31,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  I,  Or. ; an 
Ldgf.  1546  Jan.  20,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I;  an  Ldgf.,  Hz.  Emst  und  die 
Räte  1545  Okt.  26,  Reg.  H.  p.  1086,  FM.  Hier  spricht  sich  der  Kf.  dafür  aus.  dall 
man  während  des  Winters,  wenn^uch  nicht  das  ganze,  so  doch  einen  Teil  des 
gegen  den  Braunschweiger  aufgebotenen  Kriegsvolkes  unterhalte,  „dan  man  des- 
selben uf  den  frulinge  wider  wol  wirdet  bedürfen“. 

4)  Keinen  Wert  möchte  ich  auf  solche  Unterlassungen  legen,  wie  die.  daß 
der  Kf.  nicht  energischer  bei  der  Mainzer  Wahl  eingriff.  Er  wird  das  als  ins 
Gebiet  des  Ldgf.  gehörig  betrachtet  haben.  Hasenclever,  1,  8.  34  f. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


421 


die  ja  seit  1544  seine  Politik  so  stark  gelähmt  hatten  *).  Auch 
die  Erfahrungen,  die  man  im  Bunde  gemacht  hatte,  werden 
nicht  ohne  Einfluß  gewesen  sein.  Betonte  doch  der  Kurfürst  in 
dieser  Zeit  oft,  daß  die  Erstreckung  und  Verbesserung  des  Bundes 
allen  anderen  Beschlüssen  Vorgehen  müsse  *),  wurde  er  doch 
zeitweilig  von  großer  Bundesmüdigkeit  ergriffen*).  Aber  als  den 
Hauptgiund,  weshalb  sich  Johann  Friedrich  so  außerordentlich 
schwer  entschloß,  jetzt  an  die  wirkliche  Nähe  der  Gefahr  zu 
glauben,  möchte  ich  doch  noch  etwas  anderes  betracliten.  Es  war 
bei  ihm  dadurch,  daß  man  sich  in  der  letzten  Zeit  so  oft  bedroht 
gefühlt  hatte  und  daß  schließlich  immer  das  Befürchtete  nicht  eiu- 
getreten  war,  eine  gewisse  Ermüdung  entstanden.  Er  leugnete 
zwar  die  Gefahr  nicht,  aber  er  hoffte,  daß  sie  mit  Hilfe  Gottes,  wie 
so  oft,  auch  diesmid  noch  vorübergehen  werde,  darum  wünschte 
er,  daß  man  sich  vorbereite,  soweit  es  ohne  Verletzung  des  Ge- 
wissens, und  ohne  zu  gi-oßes  Aufsehen  zu  erregen,  geschehen 
könne,  daß  man  aber  alles  vermeide,  was  vom  Kaiser  als  feind- 
licher Schritt  aufgefaßt  werden  könne. 

Von  dieser  Grundlage"  aus  wird  man  die  Haltung  Johann 
Friedrichs  bis  zum  Sommer  1546  verstehen.  Schon  mit  den  Be- 
schlüssen, die  von  den  Schmalkaldenem  in  Worms  unter  dem  Ein- 
druck der  Reichstagsverhandlungen  und  des  Keichsabschiedes  ge- 
faßt worden  waren,  stimmte  er  nur  zum  Teil  überein.  Er  hatte 
zwar  gegen  die  Verhandlungen  mit  anderen  protestantischen  Ständen 
über  ein  gemeinsames  Vei  halten  dem  Konzil  gegenüber  und  über 
ihren  etwaigen  Eintritt  in  den  Bund,  kurz  gegen  die  Erweiterung 
der  Einung,  wenn  ihre  Verbesserung  und  Verlängerung  vorher- 
gingen, nichts  einzuwendeu,  hat  auch  die  Aufträge,  die  speziell  ihm 
in  dieser  Beziehung  zugewiesen  wurden,  gewissenhaft  erfüllt*),  er 

1)  In  einem  Vortrag,  den  der  Kf.  1553  vor  »einer  Landschaft  hallen  wollte, 
gibt  er  »elbst  zu,  daß  er  154.5  einen  Angriff  des  Kaisers  nicht  vermutet  habe, 
weil  ja  1544  alles  vertragen  worden  sei.  (Loc.  914!)  ,Kf.  Moritzen  und  Hz.  Johann 
Friedrich»  . . . 1553“,  Bl.  109  ff.) 

2)  Kf.  an  seine  Ges.  in  Worms  Juli  20,  Reg.  E.  p.  .59a,  No.  121. 

3)  Nach  den  Frankfurter  Beratungen  meinte  er  am  21.  Febr.  1546,  er  habe 
den  Eindruck,  daß  es  mit  der  Einung  nur  ein  Hchein  sei  und  daß  sie  nichts 
nützen  werde,  wenn  es  zur  Tat  gereichen  würde,  an  Ldgf.  Reg.  H.  p.  670,  No.  209, 
1,  Konz. 

4)  Hierher  gehörige  Aktenstücke  finden  eich  in  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  VI, 
vor  allem  Burchard  an  Kf.  Aug.  27,  ür.  davon  in  Reg.  H.  p.  603,  No.  194, 
Bl.  171  ff.  Antwort  des  Kf.  vom  31.  Aug.  ebenda  Bl.  174  f. 


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422 


E^pitel  III. 


lehnte  es  aber  ab,  sich  an  den  Verhandlungen  mit  Frankreich  und 
England,  die  man  in  Worms  beschlossen  hatte,  irgendwie  aktiv  zu 
beteiligen ').  Die  Rücksicht  auf  den  Kaiser  wurde  in  diesem  Falle 
unterstützt  durch  die  Verstimmi^ng,  die  durch  das  frühere  Be- 
nehmen der  beiden  Könige  in  ihm  geweckt  worden  war,  und  Eng- 
land gegenüber  auch  durch  den  Einfluß  von  Gewissensbedenken, 
man  kann  fast  sagen  eines  gewissen  Abscheus,  der  sich  im  Laufe 
der  Jahre  gegen  Heinrich  VIII.  in  ihm  entwickelt  hatte.  Nun  ist 
es  gewiß  bedauerlich,  daß  der  Kurfürst,  der  früher  gelegentlich  mit 
solchem  Eifer  sowohl  für  den  Bund  mit  England,  wie  für  den  mit 
Frankreich  gewirkt  hatte,  jetzt  unmittelbar  vor  der  Entscheidung 
passiv  beiseite  stand,  aber  man  kann  doch  nicht  sagen,  daß  da- 
durch nun  wirklich  sehr  viel  geschadet  worden  sei.  Die  Verhand- 
lungen wurden  ja  trotzdem  begonnen  ’),  der  Versuch,  zwischen  den 
beiden  noch  im  Kriege  befindlichen  Kronen  zu  vermitteln,  wurde 
gemacht*),  und  es  war  weniger  die  Schuld  der  deutschen  Prote- 
stanten, als  der  beiden  Könige,  wenn  schließlich,  als  der  Krieg  aus- 
brach, keiner  von  ihnen  zu  sofortiger  Unterstützung  jener  bereit 
war.  Es  wäre  doch  kühn,  zu  behaupten,  daß  man  bei  aktiver  Be- 
teiligung Kursachsens  weiter  gekommen  wäre. 

Wenn  bei  den  Verhandlungen  mit  Frankreich  und  England  die 
Grenze  dessen,  was  Johann  Friedrich  damals  für  erwünscht  hielt, 
überschritten  wurde,  so  finden  wir  ihn  im  übrigen  durchaus  bereit,  für 

1)  Das  Mißtrauen  des  Kf.  g^n  Frankreich  tritt  z.  B.  in  seinem  Briefe  an 
seine  Ges.  in  Worms  vom  25.  Juni  1545  zn  Tage,  Beg.  E.  p.  59a,  Na  121. 
Becken  dorf,  III,  8.  569.  Daß  es  nicht  unberechtigt  war,  zeigt  etwa  Oachard 
8.  470.  Ueber  Heinrich  VIII.  äußert  sich  der  Kurfürst  sehr  scharf  am  12.  Jan. 
1545  gegen  den  Ldgf.,  Lenz,  II,  8.  283ff.  Anm.  Ohne  Erkubnia  seines 
Herrn  hat  dann  Burchard  in  Worms  an  den  Verhandlungen  über  England  teil- 
genommen, doch  beugte  sich  der  Ef.  schließlich  damit,  sich  von  jeder  offizielleo 
Beteiligung  an  den  Verhandlungen  femzuhalten.  (Lenz,  II,  8.  361  f.,  Hasen - 
clever,  1,  8.  56 f.)  Alle  seine  Bedenken  gegen  den  Bund  mit  England  hat  Johann 
Friedrich  in  rinem  Briefe  an  seine  Gesandten  in  Worms  vom  20.  Juli  zusammen- 
gestellt,  Beg.  E.  p.  59a,  No.  121.  Aktenst  No.  59.  Hasenclevers  Ansicht, 
daß  er  dabei  unter  dem  Einfluß  der  Theologen  handelte,  erscheint  mir  etwas 
gesucht  VetgL  über  die  Wiederaufnahme  der  Beziehungen  zn  England  und  den 
Widerstand  Bachsens  jetzt  auch  L.  a.  P.  XIK,  2,  No.  596,  614,  746;  XX,  1, 
No.  28,  80,  212. 

2)  z.  B.  in  Worms  über  ein  Bündnis  mit  England,  Hasenclever,  I,  8.67; 
Kannengießer,  8. 131,  Anm. 312.  L.  a.  P.  XX,  1,  Na 667,  715,  808,  1206,  1229. 

3)  P.  C.  III,  618.  Hasenclever,  I,  8.  52 ff.  ZOO.  XX,  229  ff.  L.  a.  P. 
XX,  2,  No.  984,  1013  etc. 


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Band  and  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  423 

die  Stärkung  der  Position  der  Verbündeten  zu  wirken.  Schon  in  Worms 
war  ja  für  Ende  des  Jahres  ein  Tag  in  Frankfurt  angesetzt  worden, 
um  zunächst  über  die  Reformierung  und  Verlängerung  des  Bundes 
zu  beraten  und  daun  mit  den  ebenfalls  eingeladenen  außerhalb  des 
Bundes  stehenden  protestantischen  Ständen  über  eine  gemeinsame 
Politik  zu  verhandeln*).  Im  Laufe  des  Sommers  und  Herbstes 
traten  Ereignisse  ein,  die  eine  frühere  Abhaltung  der  Zusammen- 
kunft erwünscht  erscheinen  ließen.  Es  war  einerseits  die  Ange- 
legenheit des  Kurfürsten  von  Köln,  andererseits  der  Versuch  des 
Herzogs  von  Braunschweig,  sein  Land  wiederzugewinnen.  Ver- 
folgen wir  bei  dieser  Gelegenheit  die  Haltung  Johann  Friedrichs 
in  der  Kölner  Sache!  — 

Bei  den  ersten  Nachrichten  von  den  reformatorischen  Ab- 
sichten des  Kurfürsten  von  Köln  hatten  sich  bei  Johann  Friedrich 
Bedenken  dagegen  geregt,  daß  die  Reformation  allzusehr  unter 
Bucerschem  Einfluß  erfolgen  könne’),  doch  hatte  er  sich  trotzdem 
im  Februar  1543  bereit  finden  lassen,  ein  von  Bucer  gewünschtes  *) 
und  vom  Landgrafen  befürwortetes*)  Trostschreiben  an  den  Erz- 
bischof zu  senden  <'),  nach  einigem  Sträuben  entschloß  er  sich  im 
April  desselben  Jahres  auch,  zu  einer  Reise  Melanchthons  nach 
Köln  seine  Zustimmung  zu  geben,  da  er  glaubte,  daß  die  Interessen 
seiner  Universität  hinter  denen  des  Evangeliums  zurücktreten 
müßten*).  Auch  dadurch  bewies  er  Verständnis  für  die  Wichtigkeit 
der  Kölner  Reformation,  daß  er  der  auf  dem  schmalkaldischen 
Bundestage  im  Juli  1543  beschlossenen  Gesandtschaft  nach  Köln 
einen  seiner  tüchtigsten  Diplomaten,  Eberhard  v.  d.  Thann,  beigab  *), 
und  daß  er  gleichzeitig  Melanchthon  erlaubte,  noch  über  den 
Bonner  Landtag  hinaus  zu  bleiben  *).  Bei  diesem  Entschlüsse  wirkte 
aUerdings  wohl  auch  die  Hofiiung  auf  eine  Reformation  in  Jülich 
mit.  Durch  den  günstigen  Eindruck,  den  sowohl  Thann  ’)  wie 

1)  Äbechied  vom  7.  Aug.,  Reg.  H.  p.  586,  No.  191,  IV. 

2)  Lenz,  II,  S.  120,  Anm.  3.  Vnrrentrapp,  I,  8.  139;  II,  8.  57,  2. 

3)  Lenz,  II,  8.  1131.  11& 

4)  Ldgf.  an  Kl  1543  Jan.  23,  Reg.  H.  p.  519,  No.  175,  Or.  Lenz,  II, 
8.  1191 

5)  Kl  an  Ldgf.  Febr.  14,  R^.  H.  p.  519,  No.  175,  Konz. 

6)  Kf.  an  Mel.,  Kl  an  Brück  April  10,  C.  R.  V,  891  and  Anm. 

7)  Varrentrapp,  I,  8.  2041 

8)  Kl  an  MeL  Joli  8,  Reg.  C.  No.  891,  BL  104,  Konz. 

9)  Varrentrapp,  I,  8.  208,  Joli  29. 


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424 


Kapitel  III. 


Melanchthon  *)  vou  der  Reformation  Hermanns  hatten,  wird  der  Kur- 
fürst in  seiner  entgegenkommenden  Haltung  bestärkt  worden  sein. 

Erst  im  Sommer  des  nächsten  Jahres  gab  es  Schwierigkeiten. 
Beim  Kurfürsten  *)  sowohl  wie  bei  Luther  waren  Zweifel  ent- 
standen, ob  das  von  Melanchthon  und  Bucer  verfaßte  Kölner  Buch 
der  reinen  Lehre  entspräche,  Luther  fand  in  dem  Artikel  vom 
-Abendmahl  Zwinglischen  Geist  ®).  Doch  sind  diese  Differenzen  bald 
beigelegt  worden,  und  als  seit  dem  Ende  des  Jahres  die  Lage  des 
Kölners  gefährlich  wurde,  war  doch  die  Möglichkeit  einer  Unter- 
stützung durch  die  Schmalkaldeuer  vorhanden.  Dem  entsprach  die 
Haltung,  die  der  Kurfürst  einnahm,  als  im  Dezember  Peter  Med- 
mann  bei  ihm  erschien,  um  im  .-Vuftrage  Hermanns  um  Rat  und 
Unterstützung  gegen  sein  Kapitel  und  die  ihm  etwa  sonst  drohenden 
Gefahren  zu  bitten,  auch  von  der  Universität  Wittenberg  ein  Gut- 
achten über  den  erzbischöflichen  Reformationsentwurf  einzufordem  <). 
Natürlich  vermied  Johann  Friedrich  es  auch  in  diesem  FaUe,  für 
sich  aUein  eine  definitive  Antwort  zu  geben,  auch  war  er  seiner 
damaligen  Stimmung  entsprechend  geneigt,  nicht  recht  zu  glauben, 
daß  der  Kaiser  etwas  gegen  den  Erzbischof  unternehmen  würde, 
im  übrigen  zweifelte  er  aber  absolut  nicht  daran , daß  man 
diesem  beistehen  müsse.  Dem  Kaiser  müsse  man  klar  machen, 
daß  der  in  Speier  aufgerichtete  Friede  auch  für  den  Erzbischof 
gelte,  ihn  auch  auf  die  gefährlichen  Konsequenzen  hinweisen.  die 
eine  solche  Empörung  der  Untertanen  gegen  ihren  Herrn,  wie  die 
des  Kölner  Kapitels,  mit  sich  bringe.  .4uch  darauf  könne  man 
ihn  aufmerksam  machen,  daß  die  Offensivhilfe  nicht  gut  möglich 
sei,  wenn  man  .Aufruhr  und  gänzliche  Entsetzung  von  den  eigenen 
Untertanen  zu  gewärtigen  habe.  .4n  das  Kapitel  und  die  Land- 
schaft von  Köln  empfahl  der  Kurfürst  Gesandte  zu  schicken  ®). 

Alle  diese  Gedanken  sprach  Johann  Friedrich  jedoch  nur  in 
einem  Briefe  an  Brück  aus,  den  kölnischen  Gesandten  versicherte 
er  nur  seine  Freude  über  die  Ausdauer  ihres  Herrn,  stellte  eine 


1)  Aug.  25,  BindBeil,  8.  178—180. 

2)  Kf.  an  Amedorf  1544  Juni  4,  Keg.  H.  p.  506,  No.  172  A.  Vergl.  C.  K.  V, 
461,  Anm.  Varrentrapp,  I,  S.  229,  Anm.  4. 

3)  de  Wette,  V,  S.  708f.;  VI,  S.  483,  1.  Erl.  56,  S.  121  f. 

4)  InetruktioD  vom  30.  Nov.,  M.  P.  C.  II,  128  ff.  Viele  Akten  über  die 
Sache  in  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  V. 

5)  Kf.  an  Brück  Dez.  15,  Reg.  H.  p.  613,  No.  194,  Bl.  40 — 45,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


425 


definitive  Antwort  erst,  nachdem  er  mit  dem  Landgrafen  verhandelt 
habe,  in  Aussicht,  entweder  durch  seine  Gesandten  in  Worms  oder 
durch  einen  eigenen  Boten,  und  versprach,  sich  bei  den  anderen 
Protestanten  der  Sache  des  Kölners  anzunehmen  ‘).  Das  offizielle 
Gutachten  Kursachsens  über  die  Kölner  Sache  wurde  inzwischen 
durch  Brück  verfallt  und  am  15.  Januar  dem  Landgrafen  über- 
sandt In  ihm  wurde  anerkannt,  daß  es  sich  um  eine  Angelegen- 
heit aller  evangelischen  Stände  handle,  daß  alle  den  Erzbischof 
unterstützen  müßten.  Diesem  wurde  empfohlen,  einstweilen  eine 
Appellation  ergehen  zu  lassen  an  ein  freies,  christliches  etc.  Konzil 
oder  an  eine  Nationalversammlung  unter  Ablehnung  des  triden- 
tinischen.  Dieser  Appellation  müßten  dann  die  Verbündeten  „ad- 
härieren“.  Die  kursächsischen  Politiker  hoftten,  daß  sich  dabei  auch 
der  Bischof  von  Münster,  der  Kurfürst  von  Brandenburg  und  Herzog 
Moritz  beteiligen  würden,  und  daß  auf  diese  Weise  auch  mit  allen 
diesen  Ständen  eine  engere  Verbindung  in  religiösen  Dingen  her- 
gestellt werden  würde,  auch  ohne  daß  sie  dem  Bunde  angehörten. 
Würde  aus  diesem  Wege  nichts,  so  dürften  doch  die  Verbündeten 
auf  dem  Reichstag  den  Kölner  nicht  verlassen,  sondern  müßten 
ihn  in  jeder  Weise  unterstützen. 

Hier  wai'en  Gedanken  entwickelt,  mit  denen  der  Landgraf 
außerordentlich  zufrieden  war*).  Man  hat  dann  auch  in  dieser 
Weise  geantwortet,  und  auch  der  Kölner  hat  den  Ratschlägen  des 
Kurfürsten  gemäß  die  Appellation  vorgenommen.  Die  „Adhärenz“ 
einer  größeren  Anzahl  von  Ständen  dazu  auf  dem  Wormser  Reichs- 
tag zu  erlangen,  hat  allerdings  noch  einige  Schwierigkeiten  ge- 
kostet‘),  doch  haben  schließlich  ja  am  4.  August  Sachsen,  Pfalz, 
Brandenburg  u.  a.  eine  gemeinsame  Fürbitte  für  Kurköln  beim 
Kaiser  eingelegt“),  denn  inzwischen  war  durch  dessen  Vorgehen 
die  Kölner  Angelegenheit  in  ein  neues  Stadium  getreten.  Auch 
dem  Kurfürsten  machte  das  Verhalten  Karls  doch  einige  Sorge, 
er  entnahm  daraus,  „wie  unsre  Religion  gemeint  werde“®).  Im 

1)  1545  Jan.  6,  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  V,  Konz. 

2)  Varren trapp,  I,  8.  245;  II,  8.  96 — 103.  Die  Vcrfaseerechaft  Brücke 
ergibt  eich  wohl  aus  Brief  Brücke  an  Kf.  vom  20.  Jan.,  C.  R.  V,  662. 

3j  Ldgf.  an  Bucer  Jan.  22,  Lenz,  II,  8.  283 ff. 

4)  Sächeisebee  Protokoll  des  Bundestages,  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  VI. 
Vortrag  der  Kölner  Gesandten  vom  14.  März,  ebenda  faec.  III. 

5)  P.  C.  III,  624,  Anm.  1.  Kan nengießer,  8.  89. 

6)  An  Ldgf.  Aug.  16,  Reg.  H.  p.  645,  No.  199,  III,  Konz. 


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426 


Kapitel  111. 


September  hat  dann  Hermann  von  Wied  eine  Gesandtschaft  an  den 
Kurfürsten,  den  Landgrafen  und  andere  Fürsten  gesandt,  um  über 
seine  Lage  zu  berichten^).  Auch  Brück  wurde  dadurch  in  eine 
äußerst  bedenkliche  Stimmung  versetzt  *).  Weder  er  noch  der  Kur- 
fürst wurden  aber  dadurch  zu  so  tatkräftigen  Plänen  hingerissen, 
wie  sie  der  Landgraf  damals  vorschlug,  der  jetzt  sofort  den 
„Vorstreich“  ergreifen  wollte*).  Sie  empfahlen  nur  eine  Zusammen- 
schickung der  Räte*)  und  dachten  daran,  zunächst  durch  Gesandt- 
schaften an  den  Kaiser,  das  Kapitel,  die  Stadt  Köln  und  die  Land- 
schaft für  den  Erzbischof  zu  wirken®). 

Die  geplante  Zusammenkunft  kursächsischer  und  hessischer  Bäte 
hat  am  29.  September  in  Eisenach  stattgefunden.  Ihr  Resultat  war 
ein  entschiedener  Sieg  der  bedächtigen  sächsischen  Politik  über 
die  stürmische  des  Landgrafen®).  Man  riet  dem  Kölner  in  dem 
Trostbrief  vom  1.  Oktober,  der  von  sächsischer  Seite  aufgesetzt, 
auch  vom  Kurfürsten  korrigiert  wurde,  daß  er  sich  auf  keinerlei 
rechtliche  Erörterungen  einlassen,  es  vielmehr  bei  der  AppeUation 
bewenden  lassen  solle,  man  versprach,  da  es  früher  wegen  der 
braunschweigischen  Unruhe  nicht  möglich  sei,  auf  dem  Frank- 
furter Bundestag  über  die  Sache  des  Erzbischofs  mit  den  anderen 
Verbündeten  zu  verhandeln,  diese  aber  schon  vorher  zu  benach- 
richtigen, man  stellte  in  Aussicht,  dann  eine  Sendung  an  den 
Kaiser  und  nach  Köln  zu  bewirken,  erklärte  sich  ferner  bereit,  den 
Kölner  Landtag  zu  beschicken.  Eigenhändig  fügte  Johann  Friedrich 
dem  Konzept  ein,  daß  man  den  Erzbischof  im  Falle  eines  tätlichen 
Angriffs  mit  Rat  und  Hilfe  nicht  verlassen  würde '). 

Die  kursächsische  Politik  hielt  sich  also  auch  in  dieser  Frage 
innerhalb  der  oben  von  uns  gezeichneten  Schranken,  sie  hielt  auch 
hier  ein  rein  defensives  Verfahren  für  das  Richtigste.  An  die  Be- 
rechtigung eines  solchen  aber  glaubte  sie  unbedingt,  obgleich  der 

1)  Kredenrbrief  vom  30.,  Instruktion  vom  31.  Aug.,  Eeg.  H.  p.  589,  No.  191, 
VI.  Ebenda  die  Werbung  der  Gesandten  vom  13.  Sept  und  die  Antwort  des  Kf. 
Sept.  13. 

2)  An  Kf.  Sept.  19,  R«^.  H.  p.  589,  No.  191,  V,  Or.  Vergl.  Hasenclever, 
I,  8.  20;  Yarrentrapp,  1,  S.  268f.  Aktenst  No.  63. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Sept.  9,  Beg.  H.  p.  645,  No.  199,  II,  Or.  Aktout.  No.  61. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Sept.  14,  P.  A.  Sachsen,  Emesünische  Linie,  1545,  Or. 

5)  Brief  Brücke  vom  19.  Sept.  Siehe  Anm.  2. 

6)  Abschied  vom  29.  Sept.  in  Beg.  H.  p.  589,  No.  191,  vol.  VI. 

7)  Konz,  des  Troetbriefs  ebenda  Okt.  1. 


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Bnnd  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546.  427 

Kölner  dem  schmalkaldischen  Bande  eigentlich  noch  nicht  beige- 
treten war,  trotz  der  Verhandlungen,  die  man  schon  lange  darüber 
geführt  hatte. 

Den  Versprechungen  vom  1.  Oktober  gemäß  wurde  in  dem 
Ausschreiben  zum  Frankfurter  Tage  gleich  die  kölnische  Sache 
als  einer  der  Gründe  für  die  Tagung  mitangeführt  ‘).  Die  Bundes- 
häupter würden  auch  nichts  dagegen  gehabt  haben,  dem  Wunsche 
Hermanns  v.  Wied  entsprechend  den  Frankfurter  Tag  schon  im 
November  abzuhalten,  wenn  das  nicht  durch  die  Kürze  der  Zeit 
und  durch  die  Braunschweiger  Angelegenheit  unmöglich  gemacht 
worden  wäre.  Immerhin  wurde  der  Tag  einige  Wochen  früher  an- 
gesetzt, als  man  in  Worms  beschlossen  hatte.  Dabei  wirkte  neben 
der  Kölner  Sache  auch  die  neue  Verwicklung  mit  dem  Braun- 
schweiger stark  mit.  — 

Wir  sahen,  daß  schon  bald  nach  dem  Wormser  Tage  klar 
wurde,  daß  der  Herzog  dem  Sequestrationsvertrage  und  dem  sich 
daran  anschließenden  Befehl  *des  Kaisers  nicht  gehorchen  würde. 
Demgegenüber  rechnete  Johann  Friedrich  zunächst  darauf,  daß  der 
Kaiser  sich  einen  solchen  Ungehorsam  nicht  werde  gefallen  lassen  *), 
eine  Anschauung,  die  Philipp  mit  Recht  zurückwies  *).  Der  Kurfürst 
war  bereit,  dem  Landgrafen  im  Notfall  zu  Hilfe  zu  kommen,  wünschte 
aber  auch  in  diesem  Falte  wieder,  daß  man  erst  dann  etwas  täte, 
wenn  die  feindlichen  Absichten  des  Herzogs  ganz  sicher  seien,  und 
daß  man,  wenn  irgend  möglich,  erst  durch  Berufung  der  Kriegs- 
räte sich  den  Einklang  mit  den  anderen  Verbündeten  sichere*). 
Auch  daß  man  Briefe  an  den  Kaiser  und  Naves  richtete  und  sich 
über  den  Landfriedensbruch  des  Herzogs  beschwerte,  war  gewiß 
ganz  in  seinem  Sinne 

Der  Landgraf  hat  sich  dem  Verlangen  nach  Berufung  der 
Kriegsräte  gefügt  *),  konnte  aber  um  dieselbe  Zeit  schon  so  sichere 

1)  P.  C.  UI,  661.  M.  P.  C.  II,  3H2  ft,  Okt  20. 

2)  VergL  etwa  an  Ldgf.  Aug.  16,  Neudecker,  Äktenst,  & 479;  Sept.  7, 
ürk.,  8.  735  H. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  30,  Reg.  H.  p.  645,  No.  199,  II,  Or. 

4)  Brief  vom  7.  Sept 

5)  Entwürfe  dieeer  Briefe  in  Reg.  H.  p.  600,  No.  193  vom  17.  Sept.  Vergl. 
Hasenclever,  I,  8.  219.  Aus  P.  A.  ergibt  sich,  dafi  die  Briefe  noch  geändert 
wurden.  Sie  gingen  dann  wohl  rast  am  14.  Okt  ab.  M.  P.  C.  U,  335,  Anm., 
Issleib,  Jahrb.  1903,  8.  17. 

6)  Ldgf.  au  Ef.  Sept  18,  Reg.  H.  p.  645,  No.  199,  I,  Or. 


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428 


Kapitel  III. 


Nachrichten  über  die  Rüstungen  des  Gegners  senden,  daß  auch 
Johann  Friedrich  nichts  übrig  blieb,  als  Verteidiguugsmaßregeln  zu 
ergreifen  *).  Er  hat  später  selbst  zugegeben,  daß  man  etwas  zu 
lange  gezögert  habe,  auch  sah  er  sich  genötigt,  gegen  300  Pferde 
seiner  Landreiter  zu  verwenden,  da  er  nicht  schnell  genug  zu 
fremden  Reitern  kommen  konnte*).  Aus  demselben  Grunde  ist 
dann  wohl  auch  die  Vereinigung  seiner  Truppen  mit  denen  des 
Landgrafen  etwas  später  erfolgt  als  ursprünglich  beabsichtigt  war*). 
Dem  Kurfürsten  ist  das  alles  aber  vermutlich  als  unwesentlich  er- 
schienen gegenüber  den  bedeutenden  Ersparnissen,  die  man  dadurch 
machte,  daß  man  nicht  immer  sofort  rüstete,  wenn  der  Landgraf 
es  wünschte. 

Mit  diesem  ist  Johann  Friedrich  am  27.  und  28.  September  in 
Eisenach  zusammengekommen,  um  die  letzten  Verabredungen  zu 
treffen.  Das  wichtigste  Resultat  dieser  Besprechung  war,  daß 
er  sich  entschloß,  den  Feldzug  nicht  persönlich  mitzumachen, 
sondern  Ernst  von  Braunschweig  m'it  seiner  Vertretung  zu  be- 
auftragen^). Mau  wird  den  Hauptgrund  dafür  wohl  in  seiner 
Leibesbeschaflfenheit  zu  sehen  haben,  die  einen  Kriegszug  zu 
einer  so  schwierigen  Sache  für  ihn  machte,  daß  die  Mühe  der 
damals  vorliegenden  Aufgabe  nicht  zu  entsprechen  schien.  Daß  die 
Gründe,  die  der  Kurfürst  im  Jahre  1546  gegen  die  Fortführung 
der  Bundeshauptmannschaft  zusammenstellte,  ihn  auch  in  dieser 
mehr  militärischen  .Angelegenheit  bestimmt  hätten,  glaube  ich 
nicht  recht  *). 

In  Eisenach  einigte  man  sich  auch  noch  über  allerhand 
andere  militärische  Fragen.  Für  die  Vereinigung  der  beiderseitigen 
Truppen  hatte  der  Landgraf  Göttingen  ins  -Auge  gefaßt,  auf  Wunsch 
des  Kurfürsten  erfolgte  sie  aber  am  13.  Oktober  in  Nordheira*). 

1)  Schon  am  17.  Sept.  schreibt  Kf.  an  Hz.  Moritz,  daß  er  rüste.  M.  P.  C. 
II,  316,  1. 

’i)  Kf.  an  Ldgf.  Okt.  3,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  V ; Or.  in  P.  A.  Sachsen, 
Ernest.  Linie  1546. 

3)  Vergl.  die  tägliche  Korrespondenz  dieser  Tage  in  Reg.  H.  p.  636,  No.  198, 
V,  und  P.  A. 

4)  Vergl.  Hasenclever,  I,  8. 10.  Issleib,  Jahrb.  1903,  8.14.  Verschiedene 
Briefe  vom  27.  und  28. — 30.  öept.  Die  Mühlhäuser  Znsammenkunft  vom  7.-9. 
Okt.,  die  Brandenburg,  I,  8.  397f.  erwähnt,  muß  auf  einem  Irrtum  beruhen. 

5)  Issleib,  Jahrb.  1903,  8.  14,  nimmt  es  an. 

6)  Nach  der  Korrespondenz  beider  Pürsten  in  P.  A. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


429 


Sachsen  hatte  7000  Mann  zu  Fuß  und  800  Reiter  gestellt*).  Ob- 
gleich der  Kurfürst  persönlich  am  Feldzuge  nicht  teilnahni,  suchte 
er  doch  auf  dessen  Verlauf  Einfluß  zu  gewinnen.  Herzog  Ernst 
und  die  kursächsischen  Hauptleute  sollten  zwar  den  Hefehlen  des 
Landgrafen  Folge  leisten,  im  Kiiegsrate  aber  auf  möglichst  langes 
Hinhalten  und  Vermeiden  einer  Hauptschlacht  dringen,  da  der  Aus- 
gang einer  solchen  stets  unsicher  sei,  während  die  Verbündeten 
mit  Geld  und  Proviant  reichlicher  versehen  seien  als  der  Gegner. 
Zu  Verhandlungen  mit  dem  Feinde  erhielten  sie  keine  Vollmacht, 
sollten  vielmehr  dem  Kurfürsten  berichteh,  wenn  solche  angeknüpft 
würden.  Dieser  wünschte,  daß  beim  Abschluß  eines  Vertrages  die 
übrigen  Bundesvertreter  zugezogen  würden*). 

Der  außerordentlich  schnelle  Verlauf  des  Feldzuges,  auf  des.sen 
Einzelheiten  ich  nicht  eingehe,  machte  eine  Befolgung  der  Vor- 
schriften des  Kurfürsten  unmöglich,  auch  wurden  seine  Vertretei' 
vom  Landgrafen  bei  den  Verhandlungen,  die  zur  Gefangennahme 
des  Herzogs  und  seines  Sohnes  führten,  so  wenig  zugezogen,  daß 
sie  gar  nicht  in  der  Lage  waj-eu,  ihrem  Herrn  erst  zu  berichten. 
Sie  haben  das  selbst  offenbar  als  eine  Kränkung  empfunden*). 
Daß  auch  Johann  Friedrich  selbst  so  sehr  ungehalten  darüber  ge- 
wesen sei,  kann  ich  nicht  finden*),  nur  durch  die  Sendung  Bur- 
chards  ins  Lager  scheint  er  Ende  Oktober  eine  gewisse  Unzu- 
friedenheit zum  .lusdruck  gebracht  zu  haben.  Das  gab  dann  dem 
Landgrafen  .Inlaß,  zu  erklären,  daß  er  nicht  vorsätzlich,  sondern  nur 
aus  Eile  die  Kurfürstlichen  bei  der  Gefangennahme  Heinrichs  nicht 
zugezogen  habe,  daß  er  aber  viel  darum  gäbe,  wenn  er  es  getan 
hätte  *). 


1)  Issleib,  Jahrb.  1903,  8.  17. 

2)  Instruktion  für  Hz.  Ernst  und  die  Hauptleute  in  Reg.  H.  p.  1086,  FM, 
Or.  Vergl.  M.  P.  C.  II,  346,  1;  Issleib,  Jahrb.  1903,  8.17.  Kf.  an  Hz.  Ernst 
und  die  Hauptleute  Okt.  19,  Reg.  H.  ebenda.  Kf.  an  Ldgf.,  Hz.  Emst  und  die 
sächsischen  Kriegsräte  Okt.  20,  ebenda. 

3)  Vergl.  ihre  Briefe  vom  18.,  23.,  26.  Okt,  Reg.  H.  p.  1086,  FM.  .\I.  P.  C. 
II,  381  ff.  399,  1.  Issleib,  Jahrb.  lOttl,  8.  42. 

4)  Aus  den  Briefen  an  den  Landgrafen  vom  22.  und  26.  Okt.,  die  Issleib, 
Jahrb.  1903,  8.  42,  Anm.  3 anführt,  vermag  ich  keine  Ungebaltenheit  beraus- 
zulesen.  Tadelnd  äußert  sich  Kf.  in  Briefen  an  seine  Befehlshaber  vom  23.  und 
27.  Okt.,  aber  nur  über  sie  und  nicht  über  den  Landgrafen,  Reg.  H.  a.  a.  O. 

5)  Berichte  Burchards  vom  28.  und  29.  Okt.,  Reg.  H.  p.  1086,  FM.  Vergl. 
M.  P.  C.  II,  400  Anm.;  Issleib,  Jahrb.  1903,  8.  48. 


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430 


Kapitel  IIL 


Itn  ganzen  war  der  Kurfürst  mit  dem  erreichten  Resultat 
offenbar  sehr  zufrieden.  Von  besonderem  Interesse  erschien  ihm 
die  Frage,  ob  Herzog  Heinrich  nur  Gefangener  des  Landgrafen 
oder  des  ganzen  Bundes  geworden  sei ').  Philipp  mußte  antworten, 
daß  in  der  Eile  versäumt  worden  sei,  ausdrücklich  zu  betonen,  daß 
die  Ergebung  in  die  Hände  des  Landgrafen  und  der  Stände  ge- 
schehe, daß  es  aber  natürlich  so  gemeint  gewesen  sei*).  Eifrig 
linden  wir  Johann  Friedrich  ferner  in  den  nächsten  Wochen  mit 
der  Erwägung  und  Erörterung  der  nun  weiter  zu  ergreifenden 
Maßregeln  beschäftigt.  Er  hatte  nichts  dagegen,  daß  man  den  Zug 
gegen  Heinrichs  Anhänger  fortsetze,  wenn  es  mit  Zustimmung  der 
Kriegsräte  und  auf  Kosten  der  ganzen  Einung  geschehe,  nur  sein 
Landvolk  berief  er  zurück*).  Er  war  jetzt  dafür,  daß  man  Wolfen- 
büttel breche,  unter  anderem  um  das  Interesse  des  Kaisers  an  dem 
Lande  zu  vermindern,  empfahl  aber  Schöningen  und  Steinbrück  noch 
befestigt  zu  lassen  ^).  Im  Einverständnis  mit  Brück  veranlaßte  er, 
daß  man  jetzt  nicht  an  den  Kaiser  schrieb,  um  ihn  um  eine  Achts- 
erklärung gegen  den  Herzog  zu  bitten,  da  dieser  durch  seine  Unter- 
nehmung ja  ganz  von  selbst  der  .4cht  verfallen  sei*).  .\uch  ver- 
trat Johann  Friedrich  jetzt  unbedingt  die  Ansicht,  daß  das  eroberte 
Land  der  Einung  gehöre  und  daß  man  es  am  praktischsten  zwischen 
ihm  und  dem  Landgrafen  teilen  werde  ®).  Sehr  entschieden  sprach 
er  sich  gegen  eine  Freilassung  des  Herzogs  aus,  fand  bald  darin 
auch  bei  Luther  Unterstützung  ’),  und  auch  dem  Gesuche  des  Herzogs 
Moritz,  seinen  Sekretär  allein  mit  dem  Gefangenen  verhandeln  zu 
lassen,  stand  er  schroff  ablehnend  gegenüber*).  Sonst  hat  er  zu 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  5,  Reg,  H.  p.  636,  No.  198,  V,  Konz. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Nov.  14,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  V,  Or. 

3)  Kf.  an  Hz.  Ernst  und  seine  Kriegsräte  Okt.  26,  Reg.  H.  p.  1086,  FM. 

4)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  5,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  V,  Konz.  Instruktion 
für  Ges.  an  Ldgf.  vom  2.  Dez.,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  I,  Or.  Vergl.  Hasen - 
clever,  I,  8.  170. 

5)  Kf.  an  Brück  Nov.  7,  Reg  H.  p.  603,  No.  194,  Bl.  179,  Konz.  Brück 
an  Kf.  Nov.  10,  ebenda  BL  184 f.,  Or.  Vergl.  Hasenclevcr,  1,  8. 169.  Kf.  und 
Ixigf.  an  den  Kaiser  Nov.  15,  Or.,  nicht  abgesandt.  Reg.  H.  p.  636,  Na  198,  IV, 
bei  Brief  des  Ldgf.  vom  22.  Nov. 

6)  Vergl.  die  Instruktion  vom  2.  Dez. 

7)  de  Wette,  VI,  8.  385ff.  Hasenclever,  I,  S.  172 f. 

8)  Vergl.  die  Instruktion  vom  2.  Dez.  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  7,  9,  R^.  H. 
p.  636,  No.  198,  IV,  Konz.,  Isslcib,  Jahrb.  1903,  S.  54,  Aum.  2. 


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Band  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unaicherheit  1542—1546.  431 

dem  beginnenden  Streit  über  die  Art  und  Weise  der  Gefangen- 
nahme des  Herzogs  nicht  weiter  Stellung  genommen,  da  er  ja 
absolut  nichts  darüber  wissen  konnte.  Er  ließ  es  bei  dem  Bericht 
des  Landgrafen  bewenden,  lehnte  allerdings  ab,  ihn  in  seinem  Lande 
drucken  zu  lassen,  da  ihm  das  unnötig  schien  ^).  In  vielen  der 
berührten  Punkte  und  Fragen  war  der  Kurfürst  aber  bereit,  die 
letzte  Entscheidung  dem  Frankfurter  Bundestage  zu  überlassen. 
Dieser  mußte  also  auch  für  die  braunschweigischen  Dinge  von 
Bedeutung  werden.  — 

Es  war  überhaupt  eine  Zusammenkunft,  die  an  Wichtigkeit 
wenigen  anderen  Bundestagen  nachstand*).  Man  muß  aber  sagen, 
daß  sich  die  Verbündeten  diesmal  weniger  als  je  der  Situation 
gewachsen  gezeigt  haben,  und  das  hat  natürlich  auch  mit  be- 
wirkt, daß  die  für  Frankfurt  geplante  .\nbahnung  einer  allgemein- 
protestantischen Politik  nur  zu  so  geringen  Resultaten  führte. 
Sollte  sich  doch  der  Bundestag  nach  dem  ursprünglichen  Plan  nach 
achttägiger  Tagung  zu  einem  allgemeinen  Protestantentag  erweitern. 
.4uch  als  man  den  Termin  verschob,  trug  man  dem  Rechnung : am 
6.  Dezember  sollten  nun  die  Bundesstände  ihre  Beratungen  be- 
ginnen, vom  13.  an  dann  auch  die  anderen  Erschienenen  zugezogen 
werden.  Da  war  es  nun  von  vornherein  sehr  unbequem,  daß  die 
kursächsischen  Gesandten  nicht  rechtzeitig  erschienen,  falsch  ist  es 
aber,  wenn  man  daraus  auf  geringes  Interesse  des  Kurfürsten  für 
die  Bundesangelegenheiten  schließt.  Johann  Friedrich  hatte  schon 
am  6.  November  Eberhard  von  der  Thann  den  Befehl  zum  Besuche 
des  Frankfurter  Tages  erteilt*);  sowohl  Thann  selbst,  wie  Herzog 
Johann  Ernst,  sein  Herr,  hatten  darauf  gebeten,  ihn  mit  dieser 
Aufgabe  zu  verschonen*),  erst  einer  neuen  Aufforderung  des  Kur- 
fürsten fügte  sich  Thann  *).  Inzwischen  war  aber  schon  der  4.  De- 
zember herangekommen.  Nicht  erklärt  ist  damit  allerdings,  weshalb 
auch  Burchard  nicht  früher  eintraf  und  weshalb  auch  die  Instruktion 
des  Kurfürsten  für  seine  Gesandten  erst  vom  4.  Dezember  ist,  doch 
zeigt  sein  sonstiges  Verhalten  nichts  von  Gleichgültigkeit  gegen 


1)  lasleib,  Jahrb.  1903,  S.  56,  2 und  öfter,  Konz.,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198, 
V,  Or.  in  P.  A.  Sachsen,  Ernestiner,  1545  Dez. 

2)  Vergl.  zu  allem  Folgenden  Hascnclever,  I,  S.  lOOff. 

3)  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  I,  Konz. 

4)  Thann  an  Kf.  Nov.  15,  Job.  P>ii9t  an  Kf.  Nov.  18,  ebenda,  Or. 

5)  Kf.  an  Thann  Nov.  30,  Thann  an  Kf.  Dez.  4,  ebenda. 


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432 


Kapitel  III. 


deu  Frankfurter  Tag.  Er  ermahnte  etwa  noch  am  16.  Dezember 
Herzog  Philipp  von  Pommern,  deu  Tag  zu  beschicken,  da  es  sich 
um  sehr  wichtige  Verhandlungen  handle ‘);  er  beschäftigte  sich 
auch  lebhaft  mit  der  Frage  der  Erstreckung  und  Erweiterung  der 
Einung,  sprach  sich  dabei  allerdings,  einem  Gutachten  der  Witten- 
berger Theologen  folgend,  gegen  die  Aufnahme  der  Schweizer  aus  *). 
Ratsam  schien  es  ihm  nach  der  Instruktion,  die  er  seinen  Gesandten 
gab,  daß  die  Erstreckung  der  Einung  ihrer  Erweiterung  vorher- 
gehe*). Nach  einem  späteren  Briefe  Brücks^)  soll  der  Kurfürst 
zuweilen  daran  gedacht  haben,  die  Erstreckung  der  Einung  nicht 
mitzumachen,  doch  ist  nicht  gesagt,  daß  gerade  in  der  Zeit  des 
Frankfurter  Tages  diese  Stimmung  ihn  erfüllte.  Wenig  Neigung 
zeigte  er  auch  jetzt  zu  den  Verhandlungen  mit  Frankreich  und 
England.  Er  war  zwar  bereit,  die  Kosten  der  erfolgten  Sendungen 
mitzutragen,  wollte  aber  nach  wie  vor  aktiv  nichts  mit  dieser  Sache 
zu  tun  haben.  Energisch  üuden  wir  ihn  nur  in  der  Braunschweiger 
.Angelegenheit,  über  die  den  Ständen  ausführlich  berichtet  werden 
sollte,  ferner  scheint  er  für  die  Vornahme  von  Verhandlungen  mit 
den  anderen  konfessiousverwandten  Ständen  sehr  eingenommen 
gewesen  zu  sein.  Er  wünschte,  daß  diesen  ein  ausführlicher  Vor- 
trag über  die  Lage  gehalten  werde  und  daß  man  gemeinsam  mit 
ihnen  Türkeuhilfe  verweigere,  solange  man  nicht  Frieden  und 
Recht  habe,  er  hoffte,  daß  man  dadureh  über  die  -Absichten  der 
Gegner  Klarheit  gewinnen  werde  und  daß  es  auch  zu  einem 
wenigstens  losen  Zusammenschluß  aller  dieser  Stände  kommen 
werde,  der  Unterstützung  im  Falle  der  Not  garantiere.  Auf  die 
kölnische  Sache  ging  der  Kurfürst  nur  kurz  ein,  meinte,  daß  ein 
Schreiben  an  deu  Kaiser  dieselben  Dienste  tun  werde,  wie  eine 
Gesandtschaft.  Daß  er  die  Lage  für  nicht  unbedenklich  hielt,  tritt 
darin  hervor,  daß  er  dringend  Maßregeln  gegen  die  „Garden“  empfahl, 
und  meinte,  daß  mau  sie  eventuell  auch  ohne  die  oberdeutschen 
Städte  nur  mit  deu  sächsischen  Städten  und  dem  König  von  Däne- 


1)  Kf.  an  Hz.  Philipp  Dez.  16,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  VI.  Konz. 

2)  Das  Stück  C.  R.  V,  719 — 724  gehört  wohl  jedcnfalla  in  den  November. 
Vergl.  Hasenclever,  I,  S.  150  Anm.  73. 

3)  Instruktion  für  Thann  und  Burchard  vom  4.  Dez.,  Reg.  H.  p.  612, 
No.  196,  1,  Or. 

4)  1.54S  Mai  14,  Loc.  9139  , Schreiben  Dr.  Brückens  ...  1546 — 48“,  Bl.  104 
— 110,  Kopie. 


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Bund  und  Reidi:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  433 

mark  Tomehmen  müsse.  Den  Bund  mit  diesem  empfahl  der  Kur- 
fürst jedenfalls  zu  erneuern. 

Nach  dem  Beschluß  des  Wormser  Tages  sollten  Bedenken  über 
die  Rekusation  des  Konzils  von  den  einzelnen  Ständen  eingesandt 
werden.  Das  war  nicht  geschehen,  der  Kurfürst  hatte  aber  trotzdem 
seinerseits  befohlen,  eine  Rekusation  znsammenznbringen,  und 
woUte  sie  den  Räten  nachschicken  ^). 

Die  Instruktion  nimmt  im  ganzen  einen  ruhigen  und  ver- 
nünftigen Standpunkt  ein,  zeigt  aber  auch,  daß  Knrsachsen  wenig- 
stens damals  nicht  geeignet  war,  die  Führung  der  Protestanten  zu 
übernehmen.  Einen  ähnlichen  Eindruck  erhält  man  auch  von  den 
Verhandlungen  des  Frankfurter  Tages  selbst*). 

Nachdem  die  sächsischen  Gesandten  endlich  am  15.  Dezember 
erschienen  waren,  beriet  man  zunächst  über  die  Erstreckung  des 
Bandes.  Man  war  im  allgemeinen  von  ihrer  Notwendigkeit  über- 
zeugt, Sachsen  und  Hessen  aber,  die  auch  auf  diesem  Tage  Hand 
in  Hand  gingen,  wünschten,  daß  erst  allerlei  Beschwerden,  die  sie 
hatten,  abgestellt  würden.  So  beschloß  man  denn  am  16.  Dezember, 
daß,  ehe  man  die  anderen  Religionsstände  zuziehe,  von  „den 
Mängeln  und  der  Besserung  der  Verständnis“  geredet  werde,  und 
wählte  dazu  einen  Ausschuß,  der  aus  Sachsen,  Hessen,  Lüneburg, 
Württemberg,  Anhalt,  drei  oberländischen  und  drei  sächsischen 
Städten  bestand. 

Dieser  hat  seine  Beratungen  am  17.  Dezember  begonnen  und 
nicht  übel  gearbeitet  So  faßte  man  wieder  einmal  den  Plan,  einen 
Artikel  über  die  Beilegung  von  Irrungen  zwischen  den  Ständen 
in  die  Verfassung  zu  bringen,  ferner  beschloß  man,  daß  die  Auf- 
nahme neuer  Mitglieder  durch  Mehrheitsbeschluß  erfolgen  dürfe, 
doch  soUten  die,  die  dagegen  seien,  nicht  gebunden  sein,  mit  den 
Neuaufgenommenen  in  Einung  zu  stehen,  die  Majorität  sollte  viel- 
mehr dann  mit  diesen  einen  Sonderbund  bilden.  Es  war  also 
derselbe  Weg,  den  man  schon  früher  dem  Grafen  von  Nassau 
gegenüber  eingeschlagen  hatte,  und  es  ist  auch  diesmal  Hessen  ge- 
wesen, das  die  Verklausulierung  des  Beschlusses  erwirkte*).  Mit 

1)  Allee  nach  der  Inetniktion  vom  4.  Dez. 

2)  Ich  arbeite  im  folgenden  Haeenclever,  P.  C.,  die  heeeiechen  Berichte 
bei  Neudecker,  Aktenstücke,  und  das  sächsische  Protokoll  in  Reg.  H.  p.  612, 
No.  196,  111  zusammen. 

3)  Protokoll  Aitingers  über  die  Verhandlungen,  P.  A.  No.  645. 

Beitrög«  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  28 


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434  Kapitel  III. 

diesen  Verbesserungen  wurde  die  Erstreckung  des  Bundes  auf 
6 Jahre  beschlossen. 

Man  nahm  dann  die  Verfassung  zur  Gegenwehr  vor.  Der 
Gedanke  Straßburgs,  einen  Bundesrat  nach  dem  Muster  des  schwä- 
bischen Bundes  einzurichten,  wurde  von  den  meisten  abgelehnt. 
Zu  längeren  Debatten  führte  der  schon  oft  berührte  Gedanke  einer 
Vereidigung  der  Stimmräte.  Wie  stets  waren  auch  jetzt  Sachsen 
und  Hessen  gegen  einen  solchen  Beschluß,  durch  den  ihre  Be- 
vollmächtigten eine  aUzugroße  Selbständigkeit  erhalten  haben 
würden.  Auch  ein  von  städtischer  Seite  vorgeschlagener  Kom- 
promiß kam  nicht  zur  Annahme ‘). 

Zn  Differenzen  führte  auch  die  Frage  der  Reform  der  Bundes- 
anlagen. Viele  Stände  wünschten  ihre  Verminderung.  Sachsen 
erklärte  mit  Recht,  daß  der  Zeitpunkt  dafür  gänzlich  ungeeignet 
sei,  da  „die  Leufte  nie  so  sorglich  gestanden  hätten“,  wie  jetzt. 
Man  setzte  schließlich  auch  für  diese  Frage  einen  Ausschuß  ein. 
Auch  er  kam  aber  zu  keiner  Entscheidung  und  beschloß  endlich 
am  22.  Dezember,  die  Beschlußfassung  aufznschieben,  bis  man  von 
allen  protestierenden  Ständen  gehört  habe,  was  sie  in  Religions- 
sachen zu  tun  geneigt  seien. 

Wie  in  dieser  Frage,  so  ließen  es  auch  bei  Verhandlungen 
über  die  von  Hessen  für  nötig  gehaltenen  und  empfohlenen  Rüstungen 
die  Bundesstände  an  dem  rechten  Verständnis  für  die  Gefahr  der 
Lage  fehlen.  Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  daß  Sachsen 
auch  in  dieser  Frage  mit  Hessen  gemeinsam  operierte  und  daß 
auch  der  Kurfürst  persönlich  sich  für  die  Annahme  von  1500 — 2000 
guten  Pferden  und  Reitern  für  etliche  Monate  aussprach  ^).  Man 
dachte  an  die  Einzahlung  eines  dritten  Doppelmonats  zu  diesem 
Zweck,  stieß  aber  auch  in  diesem  Falle  wieder  auf  Schwierigkeiten 
bei  den  sächsischen  Städten,  so  daß  man  schließlich,  um  eine  ge- 
meinsame Beschlußfassung  möglich  zu  machen,  die  Entscheidung 
bis  zum  1.  März  verschob.  Dann  sollte  auch  im  übrigen  die  Frage 
der  Bundesfinanzen  geregelt  werden.  In  dieser  Beziehung  war 
der  Gedanke  eines  gemeinen  Pfennigs  anfgetaucht,  der  besonders 
von  den  Oberländern  befürwortet  wurde.  Der  Kurfürst  und  der 

1)  Brück  war  übrigens  dafür,  dafi  man  eventuell  nachgebe,  wenn  Hessen 
dazu  bereit  sei,  da  auf  keinen  Fall  die  Einung  jetzt  zergehen  dürfe,  an  Kf. 
Dez.  29,  Rq;.  H.  p.  6Ö3,  No.  203,  ür. 

2j  Kf.  an  seine  Räte  1546  Jan.  5,  R^.  H.  p.  612,  Na  196,  voL  III. 


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Bund  und  Heich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


435 


I>andgraf  waren  entschieden  dagegen*),  und  man  beschloß  schließ- 
lich, daß  die  einzelnen  Stände  sich  bis  zum  1.  März  hierüber  äußern 
sollten  und  daß  dann  ein  neuer  Bundestag  Beschluß  fassen  solle. 
Für  jetzt  erreichte  der  Landgraf  nur,  daß  12000  fl.  Wartgeld  für 
Reiter  bewilligt  wurden,  von  denen  Sachsen  und  Hessen  je  4000  fl. 
und  Württemberg,  Augsburg  und  Ulm  zusammen  auch  4000  fl.  ver- 
wenden sollten.  Jeder  Stand  sollte  seinen  Anteil  an  dieser  Snmme 
bis  Lätare  erlegen.  Man  sprach  die  Hoffnung  aus,  auch  Köln, 
Münster,  Nürnberg  und  andere  Religionsverwandte  zu  bestimmen, 
etwas  Wartgeld  über  jene  Summe  hinaus  zu  zahlen.  Der  Gefähr- 
lichkeit der  Lage  trug  man  ferner  insofern  Rechnung,  als  alle 
Stände  beauftragt  wurden,  ihre  Untertanen  anheim  zu  halten,  auf 
durchziehende  Knechte,  besonders  die,  die  nach  Italien  zögen,  zu 
achten  und  sie,  wo  möglich,  aufzuhalten,  Kundschaften  zu  bestellen 
u.  s.  w.  *). 

Bei  dem  geringen  Verständnis,  das  sie  bei  den  Bundesständen 
fanden,  ist  es  nicht  zu  verwundern,  daß  Sachsen  und  Hessen  einige 
Neigung  zeigten,  auf  die  Hauptmannschaft  zu  verzichten.  Man  hat 
bei  der  Beratung  über  die  Reform  der  Verfassung  auch  diese  Frage 
berührt,  schlug  wohl  einen  jährlichen  Wechsel  der  Hauptmannschaft 
vor  *).  Doch  wurde  dieser  Gedanke,  ebenso  wie  alle  anderen  auf  die 
Verbesserung  der  Verfassung  bezüglichen  Punkte  schließlich  nur  ad 
referendum  genommen,  erst  der  nächste  Bundestag  sollte  im  April 
in  Worms  darüber  entscheiden.  Auch  eine  Beschlußfassung  über  die 
gegen  die  Vergardnngen,  die  Knechtansammlungen  in  Niederdeutsch- 
land zu  ergreifenden  Maßregeln  wurde  auf  eine  neue  Versammlung 
verschoben,  die  am  1.  März  in  Hannover  stattfinden  sollte.  Zu  ihr 
sollten  auch  andere  benachbarte  Stände,  wie  Jülich,  der  Erzbischof 
von  Magdeburg  und  Halberstadt  u.  s.  w.,  zugezogen  werden  *). 

Da  nun  die  wichtigsten  Fragen  der  Bundesverfassung  unent- 
schieden blieben,  konnten  auch  über  die  Erweiterung  des  Bundes  nur 

1)  Der  Kf.  äußert  sich  u B.  in  Brief  an  seine  Ges.  vom  10.  Jan.  1546, 
Eeg.  H.  p.  612,  No.  196,  II,  Or. 

2)  Abschied  vom  7.  Febr.  im  Weimarer  Arch.,  Urk.  No.  1648,  Or. 

3) Hasenclever,  I,  S.  140 f.  Aitingers  Protokoll.  Die  bestimmte  Ab- 
sicht, auf  die  Oberhauptmannschaft  zu  verzichten,  äußert  der  Kurfürst  in  Brief 
vom  25.  Jan.  an  Bnrchard,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  I,  Or. 

4)  Hasenclever,  I,  S.  179.  Or.  des  Abschiedes  vom  15.  Januar  in  dieser 
Frage  in  Weimar,  Urk.  No.  1650.  Vor  dem  Tage  zu  Hannover  sollten  nur  Ver- 
bote an  die  Untertanen  erfolgen,  Kundschaften  vorgenommen  werden  u.  dgl. 

28* 


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436 


Kapitel  III. 


vorläufige  Verhandlungeu  stattfinden.  Johann  Friedrich  legte  da  be- 
sonders gi'oßen  Wert  auf  die  Gewinnung  des  Kurfürsten  von  der 
Pfalz,  er  ist  mit  viel  größerer  Bereitwilligkeit  als  der  Landgraf 
auf  die  geplante  Zusammenkunft  zwischen  diesem  und  dem  Pfälzer 
eingegangen  und  hat  gewiß  mit  ein  Verdienst  daran,  daß  sie  zu- 
stande kam.  Er  war  der  Meinung,  daß  man  wegen  der  Unfertig- 
keit der  Verfassungsverbesserung  zwar  über  die  Form  der  Auf- 
nahme im  einzelnen  noch  nichts  bestimmen  könne,  daß  aber  die 
Aufnahme  an  sich  unbedingt  empfehlenswert  sei*).  Einverstanden 
war  er  auch  mit  der  Aufnahme  des  Bischofs  von  Münster,  Wilhelms 
von  Fürstenberg  und  der  Städte  Donauwörth  und  Kaufbeuren, 
dagegen  erschien  ihm  die  Schertlins  als  eines  Privatmannes  nicht 
angängig*).  Der  Abschied  des  Bundestages  zeigt,  daß  die  Auf- 
nahme des  Bischofs  von  Münster  noch  verschoben  wurde,  da  er 
sich  erst  mit  dem  evangelischen  Teile  seiner  Landschaft  über  seine 
Leistungen  einigen  sollte.  Wilhelm  von  Fürstenberg  wurde  auf- 
genommen. Mit  Donauwörth  sollte  Augsburg  weiter  verhandeln. 
Ueber  die  Möglichkeit  der  Auftiahme  Scheitlins  sollte  auf  dem 
nächsten  Bundestage  Beschluß  gefaßt  werden"). 

Eine  Sache  für  sich  bildete  auch  in  Frankfurt  die  braun- 
schweigische Angelegenheit,  da  ja  nur  die  „Defensionsverwandten“ 
daran  teilnabmen,  allerdings  stand  sie  auch  mit  den  Vergardungen 
in  einem  gewissen  Zusammenhang.  Der  Kurfürst  und  der  Land- 
graf waren  beide  entschlossen,  das  Land  zu  behalten,  dachten  wohl 
daran,  sich  eventuell  vom  Kaiser  damit  belehnen  zu  lassen,  suchten 
aber  zunächst  doch  noch  im  Einklang  mit  ihren  Verbündeten  vor- 
zugehen*). Dabei  zeigte  sich,  daß  diese  auch  jetzt  wieder  sehr 
schwer  zu  bestimmten  Entschlüssen  in  dieser  Sache  zu  bringen 
waren.  Selbst  eine  so  unbedeutende  Frage,  wie  die  der  Zulassung 
des  Sekretärs  des  Herzogs  Moritz,  überließen  sie  der  Entscheidung 
des  Landgrafen,  der  dann  für  dieses  Mal  die  Genehmigung  erteilt 

1)  Hasenclever,  I,  8.  189ff.  VergL  besoodere  Brief  des  Kf.  ao  Ldgf. 
Dez.  20,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  IV,  Konz.  Brück  dagegen  war  sehr  miß- 
trauisch gegen  den  Pfälzer,  Dez.  27,  ß^.  H.  p.  603,  No.  194,  BL  201  ff.  Hasen- 
clever,  I,  8.  191  f.,  Anm.  23. 

2)  Kf.  an  seine  Ges.  Febr.  4,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  II,  Or. 

3)  Abschied  vom  7.  Februar.  Ueber  Münster  vergL  Franz  Fischer,  8. 147  ff. 

4)  Kf.  an  Burchard  1546  Jan.  1,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  II.  Ldgf.  an 
Kf.  Jan.  7,  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  20,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I.  Hasenclever, 
I,  8.  169  f. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


437 


hat‘).  Schließlich  ist  es  aber  doch,  besonders  wohl  durch  das 
Drängen  der  sächsischen  Städte*),  gelungen,  einige  Beschlüsse  zu- 
stande zu  bringen,  die  in  einem  Abschied  der  Defensionsverwandten 
vom  7.  Februar  zusammengefaßt  wurden®).  Dabei  wurden  aller- 
dings viele  der  wichtigsten  Fragen  auf  den  Tag,  der  am  1.  Mäiz 
wegen  der  Vergardungen  in  Hannover  stattfinden  sollte,  verschoben, 
so  vor  allem  die  der  künftigen  Verwendung  des  Landes.  Man 
hielt  für  nötig,  daß  vorher  erst  noch  genaue  Feststellungen  über 
seinen  finanziellen  Wert  erfolgten,  hatte  aber  offenbarkeine  Neigung, 
es  einfach  Sachsen  und  Hessen  zu  überlassen.  Einstweilen  wollte 
man  die  bisherigen  Statthalter  und  Räte  bitten,  die  Verwaltung 
fortzuführen®);  wenn  sie  sich  weigerten,  sollten  der  Kurfürst  und 
der  l..andgraf  neue  ernennen.  Beschlossen  wurde  die  Schleifung 
VVolfenbüttels,  über  die  Steinbinicks  und  Schöningens  sollte  erst 
der  Hannoversche  Tag  entscheiden.  Die  gefangenen  Herzoge  sollte 
der  Landgraf  einstweilen  behalten  und  sie  nicht  freilassen  ohne 
Einwilligung  seiner  Verbündeten,  er  sollte  auch  niemand  zu  ihnen 
lassen,  ohne  daß  jemand  von  seiner  Seite  dabei  wäre. 

Auch  in  Hannover  ist  es  zu  einer  Erledigung  der  unentschieden 
gebliebenen  Punkte  nicht  gekommen,  und  die  Schleifung  Wolfen- 
büttels schoben  die  Bundeshäupter  am  23.  Februar  noch  auf,  um 
erst  die  weitere  Haltung  der  sächsischen  Städte  abzuwarten®). 

Den  Bundesverhandlungen  in  Frankfurt  gingen  schon  seit  dem 
22.  Dezember  solche  mit  den  anderen  evangelischen  Ständen,  den 
„Konfessionsverwandten“,  zur  Seite  ®).  Es  handelte  sich  dabei  ja  in 
erster  Linie  um  die  Kölner  Angelegenheit,  doch  verbanden  Sachsen 
und  Hessen  damit  gleich  einen  Vortrag  über  die  allgemeine  Lage. 
Das  Konzil,  die  Verfolgungen  in  den  Niederlanden,  die  Umtriebe  des 
Papstes,  der  angebliche  fünfjährige  Anstand  mit  den  Türken  dienten 
ihnen  als  Mittel,  um  deren  Gefährlichkeit  zu  beweisen.  Sie  empfahlen 

1)  M.  P.  C.  II,  463,  1.  Ein  Bedenken  der  Stimmstände  über  die  Krage 
vom  21.  Dez.,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  II.  Ldgf.  an  Moritz  Dez.  24,  M.  P.  C. 
II,  462  fl. 

2)  Hasenclever,  I,  8.  171.  P.  C.  III,  711  f. 

3)  Weimar.  Arcb.,  Urk.  No.  1649.  Vergl.  Hasenclever,  I,  S.  174ff. 

4)  Sie  batten  wiederholt  um  Urlaub  gebeten.  Am  27.  Dez.  legte  Mila  das 
Statthalteramt  nieder,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  III. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  Fcbr.  23,  Kf.  an  Ldgf.  März  2,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  III. 

' 6)  Das  sächsische  Protokoll  gibt  auch  hierüber  gut  Auskunft.  Vergl.  außer- 
dem Hasenclever  und  P.  C. 


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438 


Kapitel  III. 


darüber  nachzadenken,  wie  sich  die  Protestanten  Friede  und  Recht 
sichern  könnten.  Als  ein  Mittel  dafür  bezeichneten  sie  den  be- 
stehenden Bund,  der  auch  den  anderen  zugute  gekommen  sei,  und 
empfahlen  seine  Ausdehnung.  Am  23.  Dezember  fand  dann  eine 
Umfrage  hierüber  statt,  aber  nur  Münster  sprach  sich  von  den 
noch  außen  stehenden  für  den  Bund  aus,  während  die  meisten 
anderen  den  Vorschlag  nur  ad  referendum  nahmen.  Die  Frage 
wurde  schließlich  einem  Ausschuß  übertragen,  der  dadurch  gebildet 
wurde,  daß  dem  Bundesaiisschuß  einige  konfessionsverwandte  Stände 
angegliedert  wurden.  Dieser  Ausschuß  sollte  auch  darüber  beraten, 
wer  sonst  noch  aufgefordert  werden  solle,  ferner  über  die  Kölner 
Sache  und  über  die  Rekusation  des  Konzils. 

Auch  über  die  Kölner  Angelegenheit  hatten  die  Verhandlungen 
im  Plenum  am  22.  Dezember  begonnen.  Die  kölnischen  Gesandten 
hatten  über  den  Gang  der  Dinge  seit  dem  Wormser  Reichstage 
berichtet  und  die  Versammelten  gebeten,  sich  der  Appellation  an- 
zuschließen, ferner  eine  Botschaft  mit  der  Bitte  um  Einstellung 
des  Prozesses  au  den  Kaiser,  das  Domkapitel  u.  s.  w.  zu  schicken, 
endlich  zu  raten,  was  geschehen  solle,  wenn  diese  Schritte  erfolglos 
blieben  *). 

Eine  Umfrage  am  23.  Dezember  ergab  eine  recht  günstige 
Stimmung,  doch  wurde  die  Entscheidung  im  einzelnen  dem  schon 
erwähnten  .Ausschuß  überlassen.  In  ihm  sprachen  Sachsen  und 
Hessen  sich  mehr  für  ein  Schreiben  an  den  Kaiser  als  für  eine 
Gesandtschaft  aus,  doch  überließ  man  die  Entscheidung  schließlich 
dem  Erzbischof.  Seine  Vertreter  entschieden  für  die  Gesandtschaft. 
Man  beschloß  in  diesem  Sinne  am  27.  Dezember  und  beauftragte 
Sachsen,  Hessen,  Württemberg  und  Frankfurt  mit  der  Ausführung, 
forderte  außerdem  die  Kurfürsten  von  der  Pfalz  und  von  Branden- 
burg auf,  sich  zu  beteiligen.  Ueber  die  Instruktionen  für  die  Ge- 
sandten gab  es  noch  längere  Beratungen*). 

Auch  für  die  Unterstützung  des  Kölners  im  Falle  der  Gefahr 
war  die  Stimmung  nicht  ungünstig,  doch  ließ  man  erst  noch  Ab- 
geordnete des  Ausschusses  mit  den  kölnischen  Gesandten  über  die 
etwaigen  Gegenleistungen  ihres  Herrn,  über  die  Beziehungen,  die 

1)  Ein  Auszug  aus  der  Werbung  der  kölnischen  Gesandten  vom  22.  Dez. 
in  Reg.  H.  p.  012,  No.  196,  VII.  Dort  auch  zahlreiche  weitere  Akten  über  die 
Kölner  Angelegenheit. 

2)  P.  C.  III,  704.  Hasenclever,  I,  8.  1591.  1621. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


439 


er  sonst  angeknüpft  habe,  u.  dgl.  verhandeln.  Nicht  einigen  konnte 
man  sich  im  Ansschuß  über  die  Frage,  in  welcher  Form  die  Hilfe 
für  Köln  aufgebracht  werden  solle.  Auch  im  Plenum  konnte  man 
nicht  zu  einem  einheitlichen  Entschlüsse  kommen,  obgleich  sowohl 
der  Kurfürst  wie  der  Landgraf  die  Festsetzung  bestimmter  Leistungen 
für  sehr  nötig  hielten').  Gerade  sie  stimmten  allerdings  mit  dem 
Gedanken  eines  gemeinen  Pfennigs,  der  auch  in  diesem  Zusammen- 
hänge gefaßt  wurde,  nicht  überein.  Es  blieb  schließlich  auch  in 
dieser  Frage  nichts  anderes  übrig,  als  die  Entscheidung  zu  ver- 
schieben. Bis  zum  14.  März  sollten  sich  die  einzelnen  Stände 
gegen  Sachsen  und  Hessen  über  den  gemeinen  Pfennig  äußern,  und 
auf  dem  Wormser  Tage  sollte  dann  über  ihn  Beschluß  gefaßt 
werden.  Wenn  man  sich  nicht  auf  ihn  einigte,  sollte  dort  in  zweiter 
Linie  über  einen  monatlichen  Anschlag  beraten  werden.  Auch 
hierüber  sollten  die  Vertreter  der  Stände  dann  instruiert  sein.  Für 
den  Fall,  daß  der  Kurfürst  von  Köln  schon  vor  dem  Wormser  Tag 
angegiiffen  würde,  sollte  ihm  eine  eilende  Hilfe  geleistet  werden  *). 
Wurde  so  in  militärischer  Hinsicht  wenig  über  die  Unterstützung 
des  Kölners  entschieden,  so  herrschte  dagegen  eine  allgemeine  Be- 
reitwilligkeit zum  .Anschluß  an  die  kölnische  Appellation.  In  einem 
feierlichen  Akt  wurde  er  vor  Notar  und  Zeugen  am  31.  Dezember 
vollzogen  *). 

Zu  den  gemeinsamen  Angelegenheiten  aller  protestantischen 
Stände  wurde  auch  die  Stellungnahme  zum  Konzil  gerechnet,  hatte 
man  doch  schon  auf  dem  Wormser  Tage  unter  die  Stände,  die  Gut- 
achten über  die  Reknsation  abgeben  sollten,  Nürnberg  einfach  mit- 
anfgenommen  *).  In  Frankfurt  legte  man  die  verschiedenen  Be- 
denken ’’)  vor  und  beauftragte  Hieronymus  zum  Lamb,  sie  zusammen- 
zufassen ®).  Er  überreichte  seinen  Auszug  am  22.  Januar  und  wurde 

1)  Hasenclever,  I,  S.  154.  Kf.  an  seine  Oee.  Febr.  4,  Reg.  H.  p.  612, 
No.  196,  II,  Or. 

2)  Der  Abechied  der  konfessionsvenrandten  Stände  vom  7.  Febr.  in  Weimar. 
Urk.  No.  1650. 

3)  Hasenclever,  I,  S.  156.  Bericht  der  sächsischen  Räte  vom  31.  Dez., 
R^.  H.  p.  612,  No.  196,  vol.  II,  Or. 

4)  Vergl.  darüber  Burchard  an  Kf.  Äug.  27,  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  VI, 
Konz.;  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  Bl.  171  ff.,  Or. 

5)  Sie  finden  sich  in  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  vol.  IVa.  Das  kursächsische 
Bedenken  von  Melanchthon. 

6)  P.  C.  III,  704. 


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440 


Kapitel  III. 


darauf  gebeten,  einige  Aendemngen  daran  vorznnebmen  und  das 
Ganze  in  Form  einer  Rekusation  zu  bringen  ‘).  Sie  ist  in  deutscher 
Sprache  im  Februar  fertig  gewesen*),  wurde  aber  nicht  vollzogen, 
man  verschob  vielmehr  die  definitive  Beschlußfassung  auch  auf 
den  Wormser  Tag.  Inzwischen  sollten  die  Gelehrten  der  einzelnen 
Stände  das  Stück  durchsehen , Melanchthon  es  ins  Lateinische. 
Sleidan  ins  Französische  übersetzen*).  Johann  Friedrich  nahm  au 
allen  diesen  Verhandlungen  regen  Anteil*).  Er  hätte  gewünscht, 
daß  man  in  Frankfurt  auch  gleich  darüber  beraten  hätte,  wie 
man  sich  verhalten  wolle,  wenn  die  Exekution  von  Konzils- 
beschlüssen durch  den  weltlichen  Arm  erfolge  und  wie  man  da- 
gegen gewappnet  sein  wolle*).  Daraus  ist  aber  wohl  nichts  ge- 
worden. 

Auch  die  Beratungeu  der  Konfessionsverwandten  erhielten  in 
einem  Abschied  ihren  Abschluß  *).  Aus  ihm  geht  hervor,  daß  man 
auch  über  das  Kolloquium,  über  Friede  und  Recht  und  über  re- 
ligiöse Fragen  gesprochen  hat.  Von  dem  Kolloquium  versprach 
man  sich  nichts,  da  man  auf  keinen  Fall  von  der  Konfession 
und  der  „wahren  christlichen  Religion“  weichen  wollte.  Man  war 
gefaßt  darauf,  daß  das  Kolloquium  sich  bald  zerschlagen  und 
die  Gegner  alles  aufs  Konzil  verschieben  würden.  Dann  sollten 
sich  die  protestantischen  Theologen  und  Kolloquenten  zu  öffent- 
lichem Verhör  über  ihre  Konfession  und  Religion  vor  Kaiser  und 
Reich  erbieten. 

Auf  dem  Reichstage  wollte  man  sich  ferner  wieder  nm  Frieden 
und  Recht  bemühen,  man  dachte  daran,  eventuell  selbst  die  Neu- 
besetzung des  Kammergericbts  vorzunehmen,  nm  nicht  ohne  Recht 
zu  sein.  Einstweilen  sollten  die  Rechtsgelehrten  der  einzelnen 
Stände  ein  Gutachten  darüber  abfassen,  wie  weit  die  Stände  der 

1)  P.  C.  III,  S.  708. 

2)  Räte  an  Kf.  Febr.  8,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  II,  Or.  Seckendorf, 
III,  S.  610,  irrt  sich  wohl  im  Datum. 

3)  Abschied  der  Konfessionsverwandten. 

4)  An  seine  Ges.  Jan.  22,  B^.  H.  p.  612,  No.  196,  II.  VergL  Secken- 
dorf, III,  B.  611. 

5)  An  Ldgf.  Dez.  21,  Reg.  H.  p.  636,  No.  198,  IV. 

6)  Weim.  Arch.  Urk.  No.  1650.  Kr  wurde  außer  von  den  Schmaikaldenem 
von  Kurköln,  Münster,  Wolfgang  von  Zweibrücken,  Preußen,  Nürnberg,  zugleich 
für  Schweinfurt,  Windsheim  und  Weißenburg  im  Nordgau,  Rotenburg,  Dinkels- 
bühl und  Nordhausen  unterzeichnet 


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Bond  and  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


441 


Gegenpartei  an  die  Klausel  des  Speierer  Abschieds  gebunden 
seien.  — Alle  Stände  sollten  durch  Visitationen  u.  dgl.  für  Einig- 
keit der  christlichen  Lehre,  Beseitigung  von  Aergemissen  u.  s.  w. 
sorgen,  auch  bis  zur  nächsten  Zusammenkunft  darüber  nach- 
denken,  wie  Zweihelligkeiten  und  Unordnungen  verbessert  werden 
könnten. 

Man  sieht,  es  fehlte  nicht  an  ganz  hoffnungsvollen  Ansätzen 
zu  einem  weiteren  Zusammenschluß  der  Evangelischen,  aber  es 
waren  eben  alles  erst  Ansätze,  während  die  Zeit  drängte.  Manche 
erkannten  das  wohl,  aber  im  allgemeinen  erfolgten  alle  Maßregeln 
doch  zu  gemächlich,  allerdings  fanden  auch  die  Führer  der  Pro- 
testanten nicht  überall  das  richtige  Verständnis.  Das  zeigte  sich 
z.  B.  bei  den  Versuchen,  noch  weitere  in  Frankfurt  nicht  vertretene 
Stände  zum  Eintritt  in  den  Bund  zu  veranlassen,  die  in  Frankfurt 
beschlossen  worden  waren.  In  dem  Aufforderungsbrief  vom  8.  Februar 
betonte  man  den  gemeinsamen  Glauben,  das  Konzil  und  die  Ge- 
fährdung des  Erzbischofs  von  Köln.  Vor  allem  zur  Mitwirkung  bei 
dessen  Rettung  wurden  die  .Adressaten  aufgefordert.  Zeigten  sie 
dazu  Neigung,  so  sollten  sie  dann  in  die  hVankfurter  Verhand- 
lungen über  die  „Zusammensetzung“  eingeweiht  werden.  Auch  dies- 
mal waren  die  Stände,  die  man  zu  gewinnen  hoffte,  wieder  an  die 
einzelnen  Verbündeten  verteilt  w’orden.  Dabei  hatten  Sachsen  und 
Hessen  gemeinsam  den  .Auftrag  zu  Verhandlungen  mit  dem  Kur- 
fürsten von  Brandenburg  und  Markgrafen  Hans  erhalten,  dem  Kur- 
fürsten allein  fielen  Heinrich  von  Mecklenburg  und  Philipp  zu 
Braunschweig-Grubenhagen  zu  u.  s.  w.  u.  s.  w.  *).  Das  Resultat  der 
Aktion  scheint  ein  sehr  geringes  gew'esen  zu  sein.  Den  Gedanken, 
Joachim  II.  für  eine  Einung  zu  gewinnen,  hielt  Johann  Friedrich 
von  vornherein  für  aussichtslos,  doch  hat  er  noch  gehofft,  daß  er 
wenigstens  für  ein  gemeinsames  Vorgehen  in  der  Kölner  Sache  und 
in  den  Fragen  der  Religion  und  Friedens  und  Rechts  auf  dem 
Reichstage  zu  haben  sein  w'ürde  *).  .Auch  daran  war  natürlich  nicht 
zu  denken. 

Auch  die  übrigen  auf  dem  Frankfurter  Tage  verabredeten 
.Aktionen  nahmen  einen  wenig  hoft'nungsvollen  Verlauf.  Zunächst 
kam  die  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  wegen  der  kölnischen  Sache 

1)  Konzepte  und  Formulare  für  diese  Verhandlungen  in  Reg.  H.  p.  612, 
No.  196.  II,  einiges  auch  in  VI. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  März  2,  ebenda  fase.  II. 


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442 


Kapitel  III. 


zur  Ausführung.  Am  26.  Februar  haben  die  Gesandten  ihre 
Werbung  ausgerichtet  gleichzeitig  mit  solchen  der  drei  weltlichen 
Kurfürsten.  Man  bat  den  Kaiser,  die  kölnische  Sache  den  übrigen 
Religionssachen  zuzufflgen  und  das  Vorgehen  des  Klerus  rück- 
gängig zu  machen,  erklärte  gleichzeitig,  daß  man  den  Erzbischof 
nicht  verlassen  werde,  wenn  ihm  Gewalt  geschehe*).  Der  Kaiser 
antwortete  Anfang  März  mit  starken  Vorwürfen  gegen  den  Kölner 
und  verlangte  Gehorsam  von  ihm.  Im  übrigen  verschob  er  die 
Entscheidung  auf  den  Reichstag,  um  dessen  Besuch  er  bat’).  Die 
Gesandten  haben  es  daraufhin  für  besser  gehalten,  gar  nicht  erst 
noch  nach  Köln  zu  gehen’).  In  Frankfurt  hatte  man  beschlossen, 
daß  sie  auch  wegen  der  Rüstungen  des  Kaisers  um  Auskunft 
bitten  sollten,  und  ihnen  eine  Instruktion  deswegen  nach- 
geschickt*). Der  Kaiser  wies  natürlich  jede  solche  Behauptung 
zurück  ®). 

Andere  Beschlüsse  des  Frankfurter  Tages  bezogen  sich  auf 
die  Vergardungen  in  Norddeutschland.  Der  Tag  zu  Hannover,  der 
für  Beratungen  darüber  angesetzt  war,  war  nun  zwar  sehr  mangel- 
haft beschickt,  man  hat  aber  dort  doch  Beschlüsse  über  den  Erlaß 
von  Mandaten,  Verhandlungen  mit  Hauptleuten  n.  dgl.  gefaßt.  Das 
Wesentliche,  die  Festsetzung  einer  bestimmten  Hilfe  zu  Roß  und 
Fuß,  verschob  man  auf  Kreistage,  die  im  April  für  die  drei  nord- 
deutschen Kreise  in  Münster,  Lüneburg  und  Mühlhausen  statt- 
finden sollten.  Diese  kamen  aber  sämtlich  nicht  zustande,  so  daß 
die  ganze  Sache  schließlich  auf  den  Regensburger  Reichstag  ver- 
schoben werden  mußte*). 

1)  Sleidan,  II,  S.  421.  Hasenclever,  II,  S.  27,  5. 

2)  Ebenda.  Brandenburg,  1,8.425.  N.  B.  VIII,  691ff.  Reg.  H.  p.  666, 
No.  206,  Or.  der  Antwort  an  die  Protest,  Kopie  der  Antwort  an  die  drei  welt- 
lichen Kf. 

3)  Kcudel  an  Ldgf.  MSrz  7,  P.  A.  Kaiser  1546.  Instniktion  des  Kf.  für 
Worms  April  1,  E^.  E.  p.  59a,  No.  123,  BL  8-41,  Kopie. 

4)  Hasenclever,  I,  8.164  datiert  sie  vom  26.  Jan.  Ich  finde  in  Reg.  H. 
p.  612,  No.  196,  VII  ein  Exemplar  vom  24.  Jan.,  in  P.  A.  No.  845  solche  vom 
20.  und  21.  Jan. 

5)  N.  B.  VIII,  567  f. 

6)  Instruktion  des  Kf.  für  O.  v.  d.  Planitz  zum  Hannoverschen  Tage  o.  D. 
Reg.  H.  p.  664,  No.  204.  Berichte  Planitzens  vom  3.  und  9.  März,  Antwort  des 
Kf.  vom  10,  Abschied  des  Tages  zu  Hannover  vom  8.  März,  Instruktion  des 
Kf,  für  Friedrich  von  Wangenheim  zum  Tag  zu  Mühlhausen  vom  12.  April, 
dessen  Bericht  vom  23.  ApriL  Bischof  v.  Münster  an  Kf.  April  23,  Kf.  an  den 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


443 


Nicht  viel  besser  ging  es,  wie  wir  noch  sehen  werden,  mit 
allen  den  wichtigen  Fragen,  die  auf  dem  Wormser  Bundestage  er- 
ledigt werden  sollten.  Nur  die  Beschlüsse  kamen  wirklich  voll- 
ständig zur  Ausführung,  die  nur  von  einzelnen  Ständen  oder  gar 
nur  von  den  Bundeshauptleuten  abhängig  waren,  so  etwa  die  über 
die  Annahme  von  Reitern.  Dafür  sorgte  schon  der  Landgraf,  daß 
sie  nicht  vergessen  wurden,  aber  auch  den  Kurfürsten  sehen  wir 
treulich  dabei  mitwirken  ‘).  Auch  er  zweifelte  ja  nicht  an  der  Ge- 
fahr der  Lage  und  hielt  es  schon  im  Januar  nicht  für  möglich, 
einem  seiner  Hauptleute  Urlaub  zu  erteilen*).  Offenbar  sind  ihm 
die  in  Frankfurt  beschlossenen  Rüstungen  noch  nicht  als  Offensiv- 
schritte ei-schienen,  durch  die  man  herbeiführen  werde,  was  man 
vermeiden  wolle,  es  handelte  sich  ja  auch  nur  um  Annahme  von 
Reitern  auf  \\'artgeld.  — 

Manchem  könnte  vielleicht  das  Benehmen  des  Kurfürsten  in 
der  Frage  des  Regensburger  Kolloquiums  als  im  Widerspruch 
stehend  erscheinen  zu  seiner  oben  von  mir  geschilderten  Grund- 
auffassung, denn  der  Kaiser  wurde  dadurch  ja  fast  mehr  gereizt 
als  durch  kleine  Truppenwerbungen,  aber  man  muß  bedenken,  daß 
es  sich  hier  um  Gewissensangelegenheiten  handelte,  bei  denen  es 
für  Johann  Friedrich  keine  Rücksicht  gab.  Er  hatte  sich  von  vorn- 
herein nichts  von  diesem  Kolloquium  versprochen  *),  hätte  am 
liebsten  gesehen,  wenn  man  es  ganz  abgeschlagen  hätte*),  über- 
zeugte sich  aber  bald  davon,  daß  das  nicht  ginge.  Seit  Juli  finden 
wir  ihn  dann  mit  der  Frage  beschäftigt,  wer  von  protestantischer 
Seite  dafür  ausgewählt  w'erden  solle.  Er  hat  daran  gedacht,  Wider- 
spruch dagegen  zu  erheben,  daß  Bucer  sich  unter  den  protestan- 
tischen Vertretern  befinden  sollte,  den  Bemühungen  Brücks  und 


Bischof  Mai  7,  alles  ebenda.  Kg.  von  Dänemark  an  Kf.  Mai  14,  Kf.  an  den 
Kg.  Juni  11,  Reg.  U.  p.  669,  No.  20U.  Kf.  an  seine  Ges.  in  Regeneburg  Mai  11, 
Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Bl.  137 — 139.  Vergl.  auch  Hasenclever,  II,  S.  47. 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  13,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I,  Or.  Kf.  an  Ldgf. 
Febr.  21,  ebenda,  Konz.  Er  hatte  allerdings  keine  Lust,  etwas  für  andere  Blande 
aaszulegen.  Kf.  an  die  Hauptleute  Knipping  und  Yiermund  Febr.  21,  Reg.  J. 
p.  930,  CG,  No.  1,  Konz.  Kf.  an  Mila,  Febr.  21. 

2)  Job.  T.  Viermnnd  an  Kf.  Jan.  15,  Or.,  Kf.  an  Joh.  v.  Viennund,  Konz, 
o.  D.,  Reg.  H.  p.  669.  No.  20a  Vergl.  ZThGA.  NF.  XV,  424. 

3)  An  Hans  Ungnad  schreibt  er  z.  B.  am  25.  August,  er  „trage  zu  diesem 
Kolloquium  wenig  Hoffnung“.  Reg.  B.  No.  1653. 

4)  Neudecker,  Urk.,  S.  736. 


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444 


Kapitel  III. 


vielleicht  auch  den  Einwirkungen  des  Landgrafen  ist  es  aber  ge- 
lungen, ihn  von  diesem  Widerstande  abzubringen*).  Ein  gewisses 
Mißtrauen  aber  blieb  bei  ihm  zurück,  er  fürchtete,  daß  beabsichtigt 
sei,  einzelne  Vertreter  der  Protestanten  zu  gewinnen,  und  daß  diese 
dann  nicht  fest  genug. sein  würden*).  Neue  Straßburger  Vor- 
schläge, die  darauf  hinausliefen,  daß  man  nach  dem  Scheitern  des 
Gesprächs  die  Verständiguugsversuche  noch  fortsetzen  solle,  indem 
man  etwa  eine  andere  Form  für  das  Gespräch  vorschlage,  be- 
stärkten ihn  in  seinen  Befürchtungen*).  Er  selbst  wünschte,  daß 
man  unbedingt  an  der  Konfession  und  den  schmalkaldischen  Artikeln 
von  1537  festhalte,  und  wird  daher  sehr  einverstanden  damit  ge- 
wesen sein , daß  die  in  Frankfurt  versammelten  Konfessions- 
verwandten eineu  ähulichen  Beschluß  faßten*).  Für  ihn  gab  es 
ebenso  wie  1541  eben  keine  „Vergleichung  der  Religion“,  denn  es 
war  sicher,  daß  das  Kolloquium  sich  bald  zerschlagen  würde,  wenn 
die  protestantischen  Vertreter  an  jenem  Standpunkte  festhielten. 
Deshalb  schien  es  auch  eigentlich  zwecklos,  Melanchthon  nach 
Regensburg  zu  senden,  und  es  wird  nicht  schwer  gewesen  sein, 
den  Kurfürsten  zu  bestimmen,  davon  Abstand  zu  nehmen  ®). 

1)  ln  Briefen  an  seine  Ges.  in  Worms  vom  20.  Juli  und  1.  Aug.  hebt  der 
Kf.  selbst  hervor,  daß  man,  so  gern  man  ee  auch  täte,  doch  aus  Kücksicht  auf 
den  Ldgfen.  und  die  Oberländer  Bucer  nicht  gut  werde  zurückweisen  können. 
(Reg.  E.  p.  59a,  No.  121.)  Im  August  fand  dann  aber  eine  Einwirkung  Luthers 
auf  ihn  statt,  und  nun  schrieb  er  den  Brief  an  Brück  vom  16.  Aug.,  in  dem  er 
doch  um  einen  Weg  bat,  Bucer  anszuschließen.  (Reg.  H.  p.  603,  No.  194, 
Bl.  168 f.,  Konz.;  Hasenclever,  I,  S.  220.)  Brück  batte  sdion  am  18.  Juli 
durch  Brief  an  den  isekretär  Lauenstein  gegen  diesen  Ge<lanken  zu  wirken  ge- 
sucht (Reg.  H.  ebenda  Bl.  164  f.)  und  wird  diese  Bemühungen  jetzt  fortgesetzt 
haben.  Eine  Einwirkung  des  Ldgfen.  vermutet  Hasenclever,  I,  S.  221  f.,  ans 
den  Akten  ist  nichts  darüber  zu  entnehmen.  Vergl.  auch  Caemmerer,  S.  37. 

2)  .Aus  den  Worten  des  Schreibens  des  Kf.  und  Ldgf.  an  Straßburg  vom 
17.  Sept.  (P.  C.  111,  633  f.),  auf  die  Hasenclever,  I,  S.  221  verweist,  möchte 
ich  allerdings  nicht  allzuviel  schließen,  der  Kf.  äußert  sich  schon  1540.41  fast 
genau  so,  die  Worte  sind  gewissermaßen  typisch.  Richtiger  Caemmerer,  S.  34  f. 
Für  den  Fortbestand  des  Mißtrauens  des  Kf.  aber  spricht  ein  Brief  an  Brück 
vom  19.  Nov.,  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  Bl.  187 ff.,  Konz.  Seckendorf,  HI, 
S.  576  unter  Nov.  15.  Hasenclever,  I,  8.  222. 

3)  P.  C.  III,  666.  695,  No.  649.  Kf.  an  Brück  Nov.  19,  Hasen  clever, 
1,  S.  222. 

4)  Siehe  S.  440. 

5)  Am  28.  Nov.  befahl  der  Kf.  Melanchthon  noch,  sich  auf  die  Reise  vor- 
zubereiten, aber  weitere  Befehle  zu  erwarten.  Reg.  H.  p.  600,  No.  193,  Konz. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


445 


Zoch  und  Major  sollten  Kursachsen  nun  in  Regensburg  ver- 
treten. Auch  ihnen  wurde  wieder  strenges  Festhalten  an  Kon- 
fession und  Apologie  eingeschärft,  außerdem  wurde  ihnen  die 
Wittenberger  Reformation  mitgegeben,  nur  in  der  Frage  der 
Bischöfe  und  der  Kirchengüter  war  ihnen  einige  Nachgiebigkeit 
erlaubt.  Nicht  mit  Unrecht  wurden  sie  vor  Sonderbestrebungen 
Bucers  gewarnt*).  Dessen  größere  Bereitwilligkeit  zum  Entgegen- 
kommen ist  ja  auch  während  des  Gesprächs  noch  hervorgetreten, 
scheiterte  aber  an  dem  Widerstand  der  übrigen  Kolloqnenten.  Der 
Kurfürst  wurde  von  Major  und  Zoch  über  das  Kolloquium,  das 
am  27.  Januar  wirklich  begonnen  hatte,  gut  auf  dem  Laufenden 
erhalten,  hat  auch  alles  mit  Interesse  verfolgt  und  veranlaßt,  daß 
das  Gespräch  mit  zahlreichen  Bedenken  der  Wittenberger  Theologen 
begleitet  wurde*).  Man  hatte  in  diesen  Kreisen  erwartet,  daß  es 
bei  irgend  einem  Punkte  des  Glaubens,  etwa  bei  der  Justiflkations- 
lehre  zum  Bruche  kommen  würde*).  Tatsächlich  waren  es  Fragen 
der  äußeren  Form  des  Gesprächs,  der  Protokollführung  und  Be- 
richterstattung, die  den  Streit  bewirkten ; der  Kaiser  hatte  da  neue 
Formen  vorgeschlagen,  während  die  Protestanten  an  der  alten 
Wormser  und  Regensburger  Form  festhalten  wollten*).  Schon  am 
13.  Febrnar  befahl  Johann  Friedrich  seinen  Vertretern,  eventuell 


Nach  C.  R.  V,  869  hielten  auch  UniverBitätaangelegenheiten  Melanchthon  zarUck. 
Am  II.  Dez.  empfiehlt  QrOck  dem  Kf.,  mit  der  Beschickung  des  Kolloquiums 
nicht  zu  eilen.  Reg.  H.  p.  603,  No.  164,  Bl.  195  f.  C.  R.  V,  904  ff.  mit  falschem 
Datum.  In  Brief  aus  Frankfurt  vom  19.  Dez.  sprach  sich  dann  Burchard  gegen 
die  Sendung  Melanchthons  aus.  (Reg.  H.  p.  612,  Na  196,  1;  Hasenclever, 
I,  8.  225  f.)  Auch  Brück  befürwortete  Burchards  Vorschlag  am  29.  Dez. 
(Reg.  H.  p.  663,  No.  203,  Or.)  Am  1.  Jan.  1546  acceptierte  ihn  der  Kf.  (an 
Burchard,  Reg.  H.  p.  612,  No.  196,  vol.  III,  Or.;  Hasenclever,  I,  S.  226). 
Kf.  an  Major,  Zoch  und  Melanchthon  Jan.  6,  Dresd.  BibL  Mskr.  A.  90,  Bl.  5/6, 
Or.  Sollte  Melanchthons  Anwesenheit  noch  nötig  werden,  so  woUte  der  Kf.  ihn 
nachschicken. 

1)  Jan.  10,  Reg.  H.  p.  663,  No.  203,  Konz.  Seckendorf,  III,  S.  621. 
VergL  auch  Brück  an  Kf.  1546  Febr.  11,  Reg.  G.  No.  27,  Bl.  2.5—28. 

2)  Vergl.  Caemmerer  und  C.  R.  Die  Korrespondenz  zwischen  Kf.  und 
seinen  Ges.  findet  eich  in  Reg.  H.  p.  663,  No.  203  und  Mskr.  Dresd.  A.  90.  Die 
Bedenken  der  Wittenberger  ließen  sich  danach  in  Ordnung  bringen. 

3)  VergL  Luther  an  Kf.  Jan.  9,  Erl.  56,  147  f.,  und  das  Bedenken  Melan- 
chthons C.  R.  VI,  14  f. 

4)  Vergl.  etwa  Brück  an  Kf.  März  10,  Reg.  H.  p.  663,  No.  203,  Or.  Darauf 
beruhend  Kf.  an  Major  und  Zoch  März  11,  Mskr.  Dresd.  A.  90,  Bl.  48 — 50,  Or. 


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446 


Kapitol  III. 


das  Gespräch  über  dieser  Frage  zergehen  zu  lassen  *).  Den 
direkten  Befehl,  das  aussichtslose  Kolloquium  zu  verlassen,  erteilte 
er  ihnen  am  11.  März*),  und  tatsächlich  ist  ja  dann  die  Abreise 
der  protestantischen  Kollokutoren  schon  am  20.  März  erfolgt*). 
Der  Kurfürst  ging  dabei  hinaus  über  die  Wünsche  der  Theologen, 
die  geraten  hatten,  daß  die  Kollokutoren  bis  zur  Ankunft  des 
Kaisers  bleiben  sollten^).  Er  ließ  sich  überhaupt  in  dieser  Frage 
von  keiner  Vorsicht  leiten  und  kümmerte  sich  nicht  um  den  Un- 
willen, den  die  Nachricht  beim  Kaiser  erwecken  mußte.  — 

Dieser  erhielt  sie,  als  er  gerade  in  Speier  mit  dem  Landgrafen 
zusammen  war.  Diese  Zusammenkunft,  über  die  Hasenclever  alles 
Wesentliche  zusammengestellt  hat  ®),  bedeutet  von  kaiserlicher  Seite 
einen  gelungenen  Versuch,  die  Protestanten  über  seine  Absichten 
zu  täuschen  und  ungehindeit  nach  Regensbnrg  zu  kommen.  Diese 
gingen  auf  den  Plan  ein,  vor  allem,  weil  sie  hofften,  dadurch  Klar- 
heit über  die  Lage  zu  gewinnen  und  durch  gegenseitige  Aussprache 
einen  Zusammenstoß  zu  verhüten.  Ihre  Stimmung  war  ja  nach 
dem  Frankfurter  Tage  und  schon  in  den  letzten  Zeiten  dieses  Tages 
eine  nichts  weniger  als  rosige.  Beständig  gingen  ihnen  die  be- 
drohlichsten Nachrichten  über  die  Pläne  des  Kaisers  zu*),  und 
demgegenüber  hatte  sich  nun  der  Bund  so  wenig  bildungsfähig 
erwiesen,  mit  Mühe  hatte  man  die  Erlaubnis  zu  den  geringfügigen 
Kriegsvorbereitungen  erhalten,  von  denen  wir  gesprochen  haben. 
Es  ist  begreiflich,  daß  man  sich  nach  anderen  Hilfs-  und  Schutz- 
mitteln umsah.  Der  Landgraf  empfahl  etwa  einen  Bund  zwischen 
dem  Kurfürsten,  dem  von  der  Pfalz,  Herzog  Moritz,  dem  Herzog 
von  Württemberg  und  ihm  selbst.  Er  meinte,  daß  jeder  von  ihnen 
ein  Jahr  lang  1000  Pferde  unterhalten,  daß  man  die  Hilfe  der 
Städte  hinzuziehen  müsse.  Der  Kurfürst  war  bereit,  auf  diesen 


1)  C.  R.  VI,  46,  ür.  in  Makr.  Dresd.  A.  90,  Bl.  19—23. 

2)  Siehe  S.  445  Anm.  4. 

3)  Neudecker,  Aktenst.,  S.  726,  Anm.  92. 

4)  C.  R.  VI,  75. 

5)  II,  B.  16«. 

6)  Vcrgl.  etwa  die  sächs.  Ues.  an  Kf.  Jan.  24,  über  die  Absicht  dea  Kaisen 
mit  einem  Heere  durch  das  Erzstift  Köln  zum  Rt.  zu  ziehen,  Reg.  H.  p.  612, 
N'o.  196,  II.  Seckendorf,  III,  B.  613.  Die  hess.  Räte  an  Ldgf.  Jan.  20, 
Neadecker,  Urk.,  S.  775«.  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  28,  Reg.  H.  p.  676,  Na  210, 
fase.  III.  Hasenclevcr,  II,  8.  30,  1.  P.  C.  III,  B.  707 f. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


447 


Plan  einzngehen  *),  seinerseits  erhoffte  er  von  einem  Kurfürsteutag 
in  Gelnhausen  Beschlösse  für  die  Erhaltung  der  Libertät  des 
Reichs,  die  Abwehr  der  Succession  und  Monarchie  u.  dgL  Er 
meinte,  daß,  auch  wenn  Mainz  und  Trier  nicht  wollten,  doch  ein 
solcher  Tag  gehalten  werden  müsse*).  Daß  Mainz  nicht  dafür  zu 
haben  sei,  zeigte  sich,  als  der  Landgraf  nach  seiner  Zusammen- 
kunft mit  dem  Pfälzer  auch  mit  Kurfürst  Sebastian  zusammenkam, 
aus  einem  Tage  ohne  Mainz  ist  aber  auch  nichts  geworden®). 

Ein  besonders  vom  Landgrafen  befürwortetes  Schutzmittel  war 
es  auch,  wenn  man  Beziehungen  in  Italien  anznknüpfeu  suchte. 
Schon  seit  der  Zeit  des  Speierer  Reichstages  bestanden  solche  zu 
Balthasar  Altieri  in  Venedig.  Von  ihm  erhielten  Veit  Dietrich, 
Eberhard  v.  d.  Thann  u.  a.  manche  wichtige  Kunde.  Schon  öfter 
hatte  sich  Altieri  erboten,  die  Stellung  eines  Geschäftsführers  und 
Prokurators  für  die  Verbündeten  in  Venedig  zu  übernehmen.  Er 
wollte  bei  der  Republik  für  sie  wirken,  sie  außerdem  mit  Nachrichten 
versehen.  In  Frankfurt  hatte  man  beschlossen,  auf  seine  Vor- 
schläge einzugehen  und  ihn  im  Namen  des  Bundes  zu  beauftragen, 
auf  die  Praktiken  der  Gegner  in  Italien  Achtung  zu  haben.  Der 
Landgraf  nahm  Ende  Februar  die  Ausführung  dieses  Plaues  in  die 
Hand,  fand  damit  aber  bei  Johann  Friedl  ich  wenig  Anklang.  Dieser 
hegte  Mißtrauen  gegen  die  Person  des  Italieners,  da  man  nicht 
einmal  wisse,  wes  Glaubens  er  sei,  und  wollte  persönlich  nichts  mit 
der  Sache  zu  tun  haben  ‘).  Diese  ist  trotzdem,  wenn  auch  vielleicht 
langsamer,  weiter  verfolgt  worden®),  unleugbar  aber  ist,  daß  der 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  23,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I.  (HaBenclever,  I, 
S.  198.)  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  30,  ebenda,  Konz.  Ixlgf.  an  Kf.  Febr.  8,  ebenda  II. 
Kf.  an  Ldgf.  Febr.  21,  ebenda. 

2)  Kf.  an  eeine  Gea.  Jan.  28,  R^.  H.  p.  612,  No.  196,  I,  Or. 

3)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  14,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  II.  Kf.  an  Ldgf. 
Febr.  21,  ebenda  fase.  I.  Vergl.  Hasenclever,  I,  8.  211  ff. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  24,  Kf.  an  Ldgf.  März  2,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210, 
III.  Neudecker,  Akteost  8.  695  ff.  Thann  an  Kf.  März  5,  Reg.  J.  p.  593,  AA 
[Y],  No.  19,  Or.  Aktenst.  No.  66.  P.  A.  Sachsen,  Emestinischc  Linie,  1546  Juni, 
Beilage  zu  Brief  des  Kf.  vom  27.  Juni.  P.  C.  III,  711. 

5)  Balt[hasar]  Aljterius]  an  Thann  Apnl  10  und  30,  Trient,  Keg.  J.  p.  984 
DD,  No.  8,  13,  Kopien.  Miockwitz  an  Kf.  Juli  1,  ebenda  104.  Danach  hatte 
Alterius  die  von  Frankfurt  aus  gesandten  Schriften  dem  Dogen  überreicht 
Entwürfe  für  diese  Bride  vom  20.  Febr.  in  Reg.  H.  p.  G66,  No.  206.  Ein  Ent- 
warf vom  7.  Febr.  in  Keg.  H.  p.  676,  No.  210,  III  als  Beilage  zum  Brief  des 
Ldgfeo.  vom  24.  Febr. 


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448 


Kapitel  III. 


Kurfürst  in  dieser  Frage  eine  gewisse  Enge  des  Gesichtskreises 
zeigte,  die  der  Größe  der  ihm  gewordenen  Stellung  und  der  ihm 
gestellten  Aufgabe  nicht  entsprach. 

Ihm  wäre  es  jedenfalls  noch  am  liebsten  gewesen,  w’enn  der 
Ausbruch  der  Feindseligkeiten  mit  dem  Kaiser  sich  hätte  vermeiden 
lassen.  Eben  deswegen  war  ihm  der  Gedanke  einer  Zusammen- 
kunft zwischen  diesem  und  dem  Landgrafen  sehr  sjunpathisch.  Er 
hoffte,  daß  das  gegenseitige  Mißtrauen  dadurch  beseitigt  werden 
würde,  durch  das  man  sonst  schließlich  zusammenwacbsen  könne, 
man  wisse  nicht  wie  *).  Getrübt  wurde  seine  Freude  allerdings  durch 
ein  gewisses  Mißtrauen  gegen  den  Landgrafen,  er  warnte  diesen 
davor,  sich  in  der  kölnischen  Sache  irgendwie  die  Hände  binden 
zu  lassen,  sprach  sich  auch  gegen  neue  Verhandlungen  über  die 
Braunschweiger  Sache  aus’).  Er  dachte  ursprünglich  daran,  Bur- 
chard  als  seinen  Vertreter  an  der  Zusammenkunft  teilnehmen  zu 
lassen,  infolge  von  dessen  Saumseligkeit  wurde  nichts  daraus.  Der 
Kurfürst  würde  dann  auch  die  Naumburger  und  die  Magdeburger 
Sache  mit  vorgebracht  haben  *).  Das  unterblieb  nun  natürlich.  Mit 
dem  Verhalten  des  Landgrafen  konnte  der  Kurfürst  im  ganzen  zu- 
frieden sein.  Dieser  konnte  es  zwar  nicht  unterlassen,  über  den 
Braunschweiger  zu  sprechen,  die  Erklärungen  des  Kaisers  lauteten 
aber  zufriedenstellend,  und  in  den  anderen  Punkten,  in  der  kölnischen 
Angelegenheit,  der  Frage  des  Kolloquiums,  der  religiösen  Frage  u.  s.  w. 
hielt  sich  Philipp  innerhalb  der  Grenzen,  von  denen  er  annehmen 
konnte,  daß  sie  seinen  Verbündeten  genehm  sein  würden.  Anstoß 
bei  Johann  Friedrich  erregte  nur,  daß  der  Landgraf  die  Zwistig- 
keiten zwischen  den  beiden  sächsischen  Linien  als  Grund  anführte, 
weshalb  er  nicht  werde  zum  Reichstag  kommen  können.  Der  Kur- 
fürst vermutete,  daß  der  Kaiser  das  nicht  ungern  gehört  haben 
werde,  war  aber  der  Meinung,  daß  diesen  Irrungen  damit  eine  zu 
große  Bedeutung  gegeben  werde.  Der  Landgraf  erläuterte  seinen 
Bericht  dann  dahin,  daß  er  als  Entschuldigung  für  sein  Wegbleiben 
vom  Reichstag  nur  etliche  nachbarliche  Gebrechen  angeführt  habe  *). 

1)  Kf.  an  I>]gf.  Febr.  24,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  I. 

2)  Hasenclever,  II,  8.  25. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  März  9,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  III,  Konz.  Entwurf  einer 
Instruktion  für  Burchard  schickte  Brück  dem  KL  am  25.  März,  Reg.  H.  p.  663, 
No.  203.  Hasenclever,  II,  S.  26. 

4)  Hasenclever,  II,  S.  36 ff.  Ldgf.  an  Kf.  März  31,  Kf.  an  Ldgf.  April  10, 
Ldgf.  an  Kf.  April  22,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  vol.  III.  Druffel,  lU,  S.  Iff. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


449 


Nicht  ganz  sicher  scheint  mir  Hasenclerers  Ansicht,  daß  sich 
der  Landgraf  nunmehr  keinen  Illusionen  Ober  die  Absichten  des 
Kaisers  mehr  hingegeben  habe.  Ich  finde  ihn  gerade  im  April 
weniger  besorgt  als  vorher.  Als  ein  Kriterium  können  wir  die 
Auffassung  der  Rüstungen  des  Markgrafen  Albrecht  ansehen,  der 
ja  in  Speier  und  sonst  aus  seiner  Feindseligkeit  gegen  die  Führer 
der  Protestanten  kein  Hehl  gemacht  hatte.  Man  verfolgte  sie 
schon  seit  dem  Februar  mit  Besorgnis  ^).  Damals  und  noch 
bis  Mitte  März  bestritt  der  Kurfürst,  daß  sie  für  den  Kaiser 
erfolgten*).  Während  wir  ihn  dann  aber  im  April  davon  über- 
zeugt finden,  daß  der  Markgraf  dabei  an  diesem  einen  Rück- 
halt habe,  hatte  sich  der  Landgraf  durch  die  Versicherungen  der 
kaiserlichen  Minister,  daß  diese  Rüstungen  nicht  für  den  Kaiser 
erfolgten,  täuschen  lassen  und  wies  jenen  Gedanken  des  Kurfürsten 
zurück*).  — 

Unmittelbar  an  die  Speierer  Zusammenkunft  schloß  sich  der 
in  Frankfurt  schon  festgesetzte  Wormser  Bundestag  an.  Große 
Aufgaben  waren  ihm  zugeschoben.  Es  war  aber  von  vornherein 
unwahrscheinlich,  daß  sie  dort  erledigt  werden  würden.  Der  Reichs- 
tag stand  unmittelbar  vor  der  Tür,  und  es  erschien  bedenklich,  ihm 
gewissermaßen  einen  Nebenreichstag  an  die  Seite  zu  setzen,  ferner 
hatten  die  sächsischen  Städte  über  die  Frankfurter  Beschlüsse 
nicht  so  schnell  schlüssig  werden  können  und  hatten  darum  von 
vornherein  nur  eine  Sendung  nach  Regensburg  ins  Auge  gefaßt. 
Unter  diesen  Umständen  dirigierte  auch  der  Kurfürst  seine  Schreiber 
gleich  nach  Regensburg  und  ließ  nur  seine  Räte  Eberhard  v.  d.  Thann 
und  Burchard  persönlich  an  den  Wormser  Beratungen  teilnehmen  *). 


u.  Einl.  8t.  P.  XI,  86ff.  Rommel,  II,  8.  4751.  Heyd,  III,  8.  325H.  N.  B. 
VIII,  66  f. 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  24,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  III,  Or.  Jakob  Wahl 
an  Kf.  Loc.  9656  „Dr.  Gregorien  Brücken  Schriften  . . . 1546“,  Bl.  28  ff. 

2)  Vergl.  z.  B.  an  Ldgf.  März  15,  Neudecker,  Aktenst,  8.  704 ff. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  April  10  und  28,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  III,  Konz.  I.dgf. 
an  Kf.  April  2,  22,  ebenda,  Or. 

4)  Schon  März  16  empfahl  Kf.  die  Verlegung  nach  Regenaburg,  fügte  sich 
dann  aber  der  gegenteiligen  Ansicht  des  Ldgf.  An  Ldgf.  März  16,  Ldgf.  an  Kf. 
März  21,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  III.  Kf.  an  Thann  und  Burchard  April  1, 
Reg.  H.  p.  664,  No.  205.  Hasenclever,  II,  8.  47,4.  Am  klarsten  die  Gründe 
für  die  Verlegung  in  Brief  an  die  Geaandten  vom  19.  April  zusammengestellt. 
Reg.  H.  ebenda,  Or. 

Beiträge  züi  Q eueren  Gcecbichte  Thüringens  I.  s.  29 


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450 


Kapitel  III. 


Die  Instruktion,  die  er  ihnen  mitgab,  gewährt  uns  interessante  Ein- 
blicke in  seine  Anschauungen  über  die  Bundesangelegenheiten.  Eine 
Aufgabe  des  Wormser  Tages  sollte  ja  auch  die  Beratung  und 
Beschlußfassung  über  die  Erstreckung  und  Erweiterung  des  Bundes 
und  über  die  neue  Bundesverfassung  sein.  Johann  Friedrich  nahm  da- 
her jetzt  zu  diesen  Fragen  Stellung.  Zwei  Punkte  des  Verfassungs- 
entwurfes waren  es  vor  allem,  an  denen  er  Anstoß  nahm : die  Ver- 
eidigung der  Stimmen  und  das,  was  über  die  geistlichen  Güter  be- 
schlossen worden  war.  Brück  hatte  sich  zwar  bemüht,  beide 
Bedenken  zu  zerstreuen,  indem  er  zu  dem  ersten  Punkte  einen 
Zusatz  vorschlug  und  in  bezug  auf  den  zweiten  darauf  hinwies, 
daß  der  Kurfürst  und  der  Landgraf  mit  den  betreffenden  Sätzen 
nicht  gemeint  seien  ^).  Wie  die  Instruktion  zeigt,  hat  sich  der 
Kurfürst  darauf  in  diesem  letzten  Punkte  beruhigt  und  nun  seinen 
Gesandten  nur  befohlen,  zu  bewirken,  daß  jene  Beschränkung 
seiner  Geltung  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht  werde.  Dagegen 
finden  wir  ihn  hinsichtlich  der  Vereidigung  noch  nicht  ganz  be- 
friedigt Er  erklärt  sich  in  der  Instruktion  doch  wieder  gegen 
eine  allgemeine  Vereidigung  der  Stimmen,  und  auch  die  in 
eiligen  Fällen  wollte  er  nur  gewähren,  wenn  die  Majorität  durchaus 
dafür  sei. 

Einverstanden  war  Johann  Friedrich  damit,  daß  nach  der  neuen 
Verfassung  die  Bundesversammlungen  abwechselnd  an  zwei  Plätzen, 
einem  in  Oberdentschland,  einem  in  Niederdeutschland,  gehalten 
werden  sollten,  von  denen  in  Niederdeutschland  hielt  er  NaumbuiTg 
für  den  geeignetsten.  Nicht  annehmbar  erschien  ihm  dagegen  der 
Gedanke,  daß  die  Stimmräte  ihren  Herren  nicht  über  die  Einzel- 
heiten der  Abstimmung  Mitteilung  machen  sollten,  denn  der  Land- 
graf und  er  würden,  wenn  sie  selbst  zugegen  wären,  ja  auch  alles 
hören.  Er  befürwortete  die  Aufoahme  von  Kurköln  und  Kurpfalz, 
Münster,  Nürnberg  und  Regensburg,  hielt  aber  nicht  für  nötig,  daß 
deswegen  die  Zahl  der  13  Stimmen  erhöht  w’ürde,  er  meinte,  daß 
eventuell  der  Landgraf  und  er  den  beiden  Kurfürsten  ihre  zweite 
Stimme  abtreten  könnten.  Stets  müßten  jedenfalls  die  Fürsten  eine 
Stimme  mehr  haben  als  die  Städte.  Mit  der  geplanten  Bestimmung 
über  das  pünktliche  Erscheinen  der  Stimmräte  war  der  Kurfürst 
einverstanden,  auch  damit,  daß  die  Hauptleute  das  Recht  haben 


1)  Brück  an  Kf.  M&rz  25,  Beg.  H.  p.  664,  No.  205,  Or. 


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Bund  und  B«ich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  451 

soDten,  Rüstungen  vorzunehmen,  wenn  eine  vorherige  Berufung 
der  Stimmräte  gefährlich  wäre.  Von  richtiger  Einsicht  in  die  Lage 
und  in  das  politisch  und  militärisch  Notwendige  zeugt  es,  wenn 
Johann  Friedrich  die  Beschränkung  bekämpfte,  daß  die  wirkliche 
Vornahme  der  Defension  erst  abhängig  gemacht  werden  sollte  von 
dem  Beschluß  der  Hauptleute  und  der  Stimmräte.  Er  legte  die 
Inkonsequenz  dieser  Bestimmung  dar. 

Sehr  entschieden  erklärte  sich  der  Kurfürst  wieder  gegen  den 
gemeinen  Pfennig.  Er  empfahl,  daß  jeder  Stand  drei  Monate  er- 
lege, damit  man  auf  drei  Monate  mit  Geld  gefaßt  sei.  Mindestens 
zwei  Monate  müßten  gezahlt  werden,  doch  sollten  die  Räte  auch 
den  Gedanken  des  Landgrafen,  vier  Monate  zu  erlegen,  unter- 
stützen. 

Besonderes  Interesse  verdienen  noch  die  Aeußerungen  Johann 
Friedrichs  über  die  Hauptmannschaft.  Er  war  einverstanden  mit 
dem  Gedanken,  daß  es  zwei  Hanptleute  geben  sollte,  die  mit  der 
Führung  der  Geschäfte  jährlich  abwechseln  sollten.  Er  empfahl 
aber,  daß  die  Ausschreiben  n.  dgl.  immer  von  beiden  unter- 
schrieben würden,  wie  der  Landgraf  und  er  es  auch  getan  hätten. 
Aufs  wärmste  sprach  er  sich  dafür  ans,  daß  man  den  Land- 
grafen wieder  wähle,  „dan  S.  L.  hat  es  bisher  an  allem  dem, 
so  der  ainung  zum  besten  geraicht  mit  kuntschaft  und  anderm  nicht 
lassen  erwinden,  zn  dem  ist  sein  lieb  ain  krigsman,  auch  der  krigs- 
hendel  erfaren  und  verständig,  darumb  er  gewiß  in  keinem  wege 
zu  verbessern“.  Der  andere  Hauptmann  müsse  auch  ein  Fürst 
sein,  der  Land  und  Leute  und  sowohl  Erfahrung  in  Kriegssachen, 
wie  in  anderen  Geschäften  hätte.  Von  seiner  Person  bat  der  Kur- 
fürst abzusehen  wegen  seines  schweren  Leibes,  und  weil  er  zu 
wandern  und  reisen  unvermögend  sei,  so  daß  er  einen  etwaigen 
Zug  nicht  gut  mitmachen  könne.  Wenn  die  anderen  Verbündeten 
sich  mit  diesen  Gründen  nicht  begnügten  und  weiter  in  die  Ge- 
sandten drängen,  sollten  diese  darauf  hinweisen,  daß  ihr  Herr  auch 
andere  Beschwerden  habe,  und  als  solche  anführen,  daß  er  der 
Einung  große  Summen  habe  vorstrecken  müssen,  daß  die  Anschläge 
im  sächsischen  Kreise  sehr  schlecht  erlegt  würden,  daß  manche 
ausgetreten  seien,  die  noch  schuldeten,  und  daß  endlich  die  Einung 
sich  mancher  kurfürstlichen  Angelegenheiten,  die  als  Religionssachen 
zu  betrachten  seien,  z.  B.  der  haUeschen,  der  naumburgischen 
Sache,  nicht  angenommen  habe.  Würden  sich  die  Stände  dann  zur 

29* 


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452 


Kapitel  III. 


Erledigung  dieser  Beschwerden  erbieten,  so  sollten  die  Räte  ant- 
worten, daß  sie  dem  Kurfürsten  berichten  wollten*). 

Man  könnte  vielleicht  aus  dieser  Schlußerklärung  folgern,  daß 
Johann  Friedrich  schließlich  die  Hauptmannschaft  doch  behalten 
wollte,  wenn  er  nur  genügend  gebeten  wurde.  Aus  einer  mehr 
privaten,  wahrscheinlich  auch  in  diese  Zeit  gehörigen  Aufzeichnung 
des  Kurfürsten  geht  aber  hervor,  daß  er  es  mit  jener  Absicht  ernst 
meinte.  Als  Gründe  führte  er  dabei  dieselben  Punkte  an,  wie  in 
der  Instruktion,  fügte  jedoch  das  Benehmen  des  Landgrafen  hinzu, 
der  sich  beständig  in  die  Angelegenheiten  auch  seiner  Provinz  ein- 
mische, überhaupt  die  Führung  an  sich  reiße,  es  dabei  aber  ver- 
stehe, immer  den  Unglimpf  ihm  zuzuschieben.  Auf  die  Beschlüsse 
des  Bundes  glaubte  Johann  Friedrich,  auch  wenn  er  nicht  mehr 
Hauptmann  sei,  noch  einwirken  zu  können,  auch  wies  er  darauf 
hin,  daß  in  6— 8 Jahren  vielleicht  einer  seiner  Söhne  so  weit  sein 
werde,  das  Amt  zu  übernehmen*). 

Bei  der  geringen  Dauer  und  mangelhaften  Beschickung  des 
Wormser  Tages  konnten  die  Gesandten  des  Kurfürsten  natürlich 
den  größten  Teil  der  Instruktion  in  ihrer  Tasche  behalten.  Immer- 
hin hat  man  wenigstens  über  ein  paar  der  wichtigsten  Fragen  ge- 
sprochen und  vorläufige  Beschlüsse  gefaßt.  So  erklärte  man  sich 
bei  dem  bisherigen  Nutzen  des  Bundes  für  die  Religion  im  Prinzip 
für  seine  Erstreckung  und  Erweiterung.  Auch  Köln,  Pfalz  und 
Münster  schlossen  sich  dieser  Ansicht  an.  Ferner  besprach  man 
die  Frage  des  gemeinen  Pfennigs.  Auf  Grund  der  eingegangenen 
Entscheidungen  der  einzelnen  Stände  hielt  man  es  doch  für  besser, 
von  ihm  Abstand  zu  nehmen  und  lieber  feste  Anschläge  zu 
machen,  wie  schon  in  Frankfurt  ins  Auge  gefaßt  war.  Man  be- 
schloß, die  sächsischen  Städte,  die  in  Worms  nicht  vertreten  waren, 
aufzufordem,  zusammenzukommen,  sich  über  die  PTankfurter  Be- 
schlüsse zu  einigen  und  dann  einen  Ausschuß  nach  Regensburg 
zu  schicken.  Dort  oder  auf  einem  neuen  Bundestage  sollten  dann 
beide  Punkte  erledigt  werden.  In  bezug  auf  Friedeu  und  Recht 
beschloß  man  bei  dem  Frankfurter  Entwurf  zu  beharren.  Von 


1)  Instruktion  des  Kf.  für  Eb.  v.  d.  Thann  und  Franz  Burchard  in  Beg.  E. 
p.  59a,  No.  123,  Bl.  8—41,  Kopia 

2)  Reg.  J.  p.  979,  DD,  No.  6,  Abschrift  mit  eigenhändigen  Korrekturen  des 
Kf.,  wahrscheinlich  beruhend  auf  einem  eigenhändigen  Elntwurf.  Benutzt  von 
Issleib,  Jahrbuch  1903,  8.  14,  3. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546.  453 

Wichtigkeit  waren  noch  die  Beratungen  über  das  Kolloquium.  Man 
verfaßte  ein  Gutachten  darüber,  wie  die  Abreise  der  Kolloquenten 
und  Auditoren  aus  Regensburg  beim  Kaiser  entschuldigt  werden 
könne  und  wie  man  diesen  um  Abstellung  der  Mängel  und  um 
eine  richtige  Form  des  Gespräches  bitten  könne.  Dieses  Schrift- 
stück sollte  den  Räten  nach  Regensburg  mitgegeben  werden ‘). 
Johann  Friedrich  wird  mit  diesem  Beschluß  schwerlich  ganz  ein- 
verstanden gewesen  sein.  Er  war,  in  Uebereinstimmung  mit  den 
Wittenberger  Theologen,  zwar  der  Meinung,  daß  man  sich  beim 
Kaiser  wegen  des  Abbruchs  des  Gesprächs  entschuldigen  müsse, 
hielt  aber  nicht  für  ratsam,  daß  man  ein  neues  Kolloquium  vor- 
schlage*). Er  hat  an  diesem  Standpunkt  auch  in  den  nächsten 
Wochen  gegenüber  den  entgegengesetzten  Ansichten  der  Straß- 
burger und  des  Landgrafen  festgehalten*),  denn  auch  während  des 
Regensburger  Reichstages  spielte  diese  Frage  noch  eine  große 
Rolle.  Schließlich  hat  sich  aber  die  Majorität  der  Protestanten 
auf  den  Wittenberger  Standpunkt  gestellt.  Man  beschränkte 
sich  also  auf  die  Entschuldigung,  hätte  diese  gern  vor  der 
Reichstagsproposition  vorgebracht,  kam  aber  nicht  dazu*).  Ganz 
war  der  Kurfürst  allerdings  dann  doch  mit  der  Form  der  Ent- 
schuldigung nicht  zufrieden,  da  ein  Unterschied  gemacht  wurde 
zwischen  den  Kollokutoren,  die  abberufen  wurden,  und  denen,  die 
nach  der  Abreise  jener  nicht  mehr  verhandeln  konnten,  denn  dadurch 
wurde  ihm  der  Unglimpf  zugeschoben*).  Der  kursächsische  Ge- 

1)  BundeeabBchied  vom  22.  April  in  Reg.  H.  p.  664,  No.  205.  Das  Be- 
denken wegen  des  KoUoqniumB  auch  Reg.  H.  p.  663,  No.  203.  Aitingera  Pro- 
tokoll P.  A.  No.  845.  Vergl.  Haaenclever,  II,  S.  51. 

2)  C.  R.  VI,  118 — 120. 120.  Inatmktion  des  Kf.  für  Minckwitz  nach  Regeng- 
bnrg.  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  10,  Neudecker,  Aktenst, 
8.  753  ff. ; an  geine  Gee.  Mai  11,  Reg.  E.  ebenda,  Or. 

3)  C.  R.  VI,  129  f.  Dazu  gehörig  ein  „Strafipurgigch  Bedenken  dee  zer- 
achlagen  Kolioquii  halben“  1546,  Reg.  H.  p.  663,  No.  203.  Sturm  an  Ldgf. 
Mai  8,  Neudecker,  Aktengt.,  S.  737 ff.  Ldgf.  an  Bucer  und  Sturm  Mai  15, 
Lenz,  II,  8.  437  ff.;  an  Kf.  Mai  15,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  II,  Or.;  Hagen- 
clever,  II,  S.  57.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  10,  Nendecker,  Aktengt.,  S.  747 ff. 
Dort  8.  751  ff.  dae  Bedenken  der  Wittenberger  über  die  Straßburger  Vonchläge, 
nicht  C.  R.  VI,  135  ff.  Dies  Stück  gehört  in  den  Januar.  Caemmerer, 
8.  37,  4. 

4)  Caemmerer,  S.  66,  5.  Räte  an  Kf.  Mai  28,  Juni  4,  Reg.  J.  p.  984,  DD, 
No.  8,  3A  39.  62. 

5)  Kf.  an  die  Räte  Juni  21,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Bl.  283  ff. 


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454 


Kapitel  UI. 


sandte  Minckwitz  suchte  seinen  Herrn  über  diese  Fassung  zu  be- 
ruhigen^), auch  wurden  weitere  Erörterungen  durch  den  Ausbruch 
des  Krieges  abgeschnitten.  — 

Dieser  unterbrach  auch  die  sonstigen  Bundesverhandlungen, 
die  in  Regensburg  noch  stattgefunden  hatten,  vor  ihrem  Abschluß. 
Einen  Hauptberatungsgegenstand  bildete  auch  hier  wieder  die 
Frage  der  Erstreckimg  der  Einung.  Sie  hing  zusammen  mit  der  in 
Worms  beschlossenen  Aufforderung  an  die  sächsischen  Stände  und 
Städte,  deren  Absendung  sich  bis  in  den  Mai  verzögerte.  Man  bat 
sie,  einen  Ausschuß  nach  Regensburg  zu  schicken,  damit  man  dort 
über  die  Verlängerung  des  Bundes  beraten  könne’).  Man  hat 
aber  doch  schon  vorher  mit  den  Besprechungen  darüber  begonnen, 
der  Kurfürst  wai-  entschieden  für  die  Erstreckung,  wünschte  auch, 
daß  sie  schon  in  Regensburg  erfolge  und  nicht  auf  einen  neuen 
Tag  verschoben  werde’);  seine  Gesandten  scheinen  in  diesem,  wie 
in  anderen  Punkten  nicht  ganz  nach  seinen  Befehlen  gehandelt  und  die 
hessische  Politik  nicht  genügend  unterstützt  zu  haben  *).  Der  Land- 
graf dachte  daran,  zunächst  mit  denen,  die  willig  seien,  die  Einung 
zu  erneuern  und  den  anderen  den  Beitritt  zu  überlassen.  Er  nahm 
an,  daß  auch  der  Kurfürst  für  eine  solche  Politik  sei  ’).  Schließlich 
konnte  dieser  dann  aber  doch  melden,  daß  Magdeburg,  Braun- 
schweig, Goslar,  Hannover,  Göttingen,  Hildesheim  und  Einbeck  mit 
der  Verlängerung  des  Bundes  einverstanden  seien.  Er  hielt  aller- 
dings noch  für  möglich,  daß  sie  die  Brechung  Wolfenbüttels  fordern 
würden,  und  schlug,  an  einen  älteren  Gedanken  des  Landgrafen 
anknüpfend,  vor,  ihnen  Zahlung  aller  ihrer  Außenstände  und  Ein- 
willigung in  die  Erstreckung  der  Einung  als  Bedingung  dafür  zu 
stellen®).  Auch  beim  Kurfürsten  selbst  finden  wir  übrigens  ein- 


1)  Minckwitz  an  Kf.  Juni  28,  Keg.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  100. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  AprU  22,  Kf.  an  Ldgf.  April  27,  Keg.  H.  p.  676,  No.  210, 
III,  Or.  und  Konz.  Kf.  an  Ldgf.  April  26,  Reg.  H.  p.  069,  No.  208.  Dabei 
Entwurf  für  die  Aufforderung  an  die  Stände  des  sächs.  Kreises ; Mai  2 erklärt 
Ldgf.  sich  einverstanden.  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  II,  Or.  Am  10.  Mai  erwähnt 
Kf.,  daß  das  Schreiben  abg^ngen  sei.  Neudecker,  AktensU,  8.  758. 

3)  Kf.  an  Minckwitz  und  Burchard  Juni  2,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  BL  187  ff., 
Or.;  Juni  13  ebenda  Bl.  218  ff. 

4)  Vergl.  bes.  die  hessischen  Räte  an  Ldgf.  Mai  24,  P.  A.  No.  856;  Hasen - 
clever,  II,  8.  52.  56. 

5)  Lenz,  II,  8.  442. 

6)  Hasenclever,  II,  8.  58.  P.  A Sachsen,  Erneet.  Linie,  1546  Juni. 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542—1546. 


455 


mal  den  Gedanken,  seine  Zustimmung  zu  der  Verlängerung  au  die 
Bedingung  zu  knüpfen,  daß  man  ihm  gegen  Pflug  helfe*).  Als 
dann  der  Krieg  sicher  war,  kam  das  nicht  weiter  in  Betracht,  und 
er  empfahl  nun  einfach  schleunige  Erstreckung  der  Einung*).  Jetzt 
war  es  aber  dazu  schon  zu  spät,  doch  bestand  der  Bund  ja  vor- 
läufig noch  fort  und  konnte  nun  noch  in  seiner  alten  Form  seine 
Belastungsprobe  bestehen;  daß  er  nicht  verlängert  war,  war  zu- 
nächst ohne  Bedeutung.  Wesentlich  dagegen  wäre  es  gewesen, 
wenn  die  Verhandlungen,  die  in  Regensburg  über  seine  Erweite- 
rung stattfanden,  zum  Ziele  geführt  hätten.  Besonders  um  die 
Aufnahme  des  Pfälzers  handelte  es  sich;  der  Kurfürst  hat  dabei 
nichts  an  sich  fehlen  lassen.  Es  waren  von  pfälzischer  Seite 
zwei  Bedingungen  gestellt  worden.  Einerseits  wünschte  Fiiedrich, 
daß  man  ihn  bei  der  Verteidigung  seiner  Kurwürde  schütze,  an- 
dererseits beanspruchte  er  Unterstützung  gegen  Dänemark.  Johann 
Friedrich  war,  einem  Rate  Brücks  folgend,  unbedingt  dafür,  daß 
man  die  erste  Forderung  bewillige,  indem  man  etwa  einen  Artikel 
in  den  Bundesvertrag  aufnähme,  durch  den  man  verpflichtet 
würde,  die  Mitglieder  bei  ihren  Würden  u.  s.  w.  zu  schützen. 
Dänemark  gegenüber  dürfe  man  sich  allerdings  nur  zu  einem 
Versuch  gütlicher  Verhandlungen  erbieten*).  Zu  einer  Entschei- 
dung dieser  Fragen  ist  es  dann  aber  in  Regensburg  nicht  mehr 
gekommen. 

Bei  der  Gefahr  der  Lage  mußten  als  besonders  eilig  Entschei- 
dungen in  der  Frage  der  Bundesfinanzen  betrachtet  werden.  Auch 
das  war  ja  ein  Punkt,  der  in  Worms  erörtert  worden  wai-  und 
über  den  die  sächsischen  Stände  sich  entscheiden  sollten.  Johann 
Friedrich  war  natürlich  damit  sehr  einverstanden,  daß  man  sich  in 
Worms  gegen  den  gemeinen  Pfennig  entschieden  hatte.  Dagegen 
schien  es  ihm  verfehlt,  daß  viele  Stände  eine  Verringerung  der 
Anschläge  unter  die  Frankfurter  Beschlüsse  hinab  wünschten.  Er 
hielt  nach  wie  vor  die  Erlegung  von  4 oder  besser  noch  von 
6 einfachen  Monaten  für  nötig,  denn  wenn  man  gar  nichts  in 
Händen  haben  solle,  sei  die  Einung  fast  vergeblich  und  wenig 


1)  Kf.  an  die  Räte  Juni  13.  Vergl.  S.  454,  Anm.  3. 

2)  Kf.  an  die  Räte  Juni  21,  Reg.  E.  p.  59,  No.  123,  Bl.  283«. 

3)  Brück  an  Kf.  Mai  6/7,  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  Bl.  221—226.  KL  an 
Ldgf.  Mai  10,  Nendecker,  AktensL,  S.  753«. 


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456  Kapitel  III. 

nütz  >).  Auch  diese  Frage  ist  dann  aber  durch  die  Ereignisse  übei^ 
holt  worden.  — 

Das  gilt  auch  von  den  Verhandlungen  in  der  braunschwei- 
gischen Angelegenheit,  ln  Frankfurt  waren  die  wichtigen  darauf 
' bezüglichen  Fragen  ja  unerledigt  geblieben  und  meist  nach  Worms 
verschoben  worden.  Ehe  dort  der  Bundestag  zusammentrat,  hatte 
dann  eine  Vermittlung  des  Herzogs  Moritz  eingesetzt.  Johann 
Friedrich  hatte  anfangs  wenig  Neigung  gezeigt,  auf  diesen  Vor- 
schlag einzugehen,  hatte  sich  aber  schließlich  doch  für  die  Ansicht 
des  Landgrafen  gewinnen  lassen,  daß  es  ratsam  sei,  die  Vermitt- 
lung zwar  anzunehmen,  aber  unannehmbare  Bedingungen  zu  stellen  *). 
Inzwischen  kam  dann  aber  schon  der  Wormser  Tag  heran.  Hier 
hat  Moritz  erneut  seine  Vermittlung  anbieten  lassen,  und  die  De- 
fensionsvemandten  beschlossen  am  22.  April,  sie  anznnehmen  *). 
Eine  Darstellung  der  Gefangennahme  Heinrichs,  die  Moritz  in- 
zwischen verfaßt  hatte,  hatte  ergeben,  daß  seine  Auffassung  des 
Hergangs  sich  mit  der  des  Landgrafen  ganz  gut  vertrug*).  Auch 
dieser  gab  dann  im  Mai  eine  ähnliche  Schrift  ans,  mit  der  auch 
Moritz  im  ganzen  einverstanden  war®). 

Der  Wormser  Beschluß  scheint  nun  aber  doch  noch  nicht  als 
definitiv  gegolten  zu  haben,  denn  in  Kegensburg  haben  noch  lange 
Verhandlungen  der  Bäte  Moritzens  mit  den  defensionsverwandten 
Ständen  stattgefunden®).  Der  Landgraf  plante  jetzt,  die  Vermitt- 
lung Moritzens  nur  anzunehmen,  wenn  Heinrich  vorher  die  herzog- 
lich sächsische  Darstellung  der  Vorgänge  bei  der  Gefangennahme 
anerkenne,  viele  andere  Verbündete,  vor  allem  die  Oberländer, 
waren  dagegen  dafür,  die  Vermittlung  bedingungslos  anzunehmen  ^). 

1)  Au  Ldgf.  Mai  10,  Neudecker,  a.  a.  O.  Kf.  an  seine  Räte  in  Begensborg 
Mai  22,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  BL  150—153. 

2)  Moritz  an  Ldgf.  Febr.  15,  M.  P.  C.  II,  522  ff.  Ldgf.  an  Kt  Febr.  22, 
Kf.  an  Ldgf.  März  3,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  III.  M.  P.  C.  U,  522,  Anm.  1; 
551,  1.  Neudecker,  Aktenst,  S.  698 — 704.  Ldgf.  an  Kf.  März  11,  Kt  an  Lägt 
März  24,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209,  II.  Brück  an  Kf.  März  22,  Kt  an  Ldgt 
März  23,  M.  P.  C.  II,  523/524.  Anm.  Instruktion  für  Worms  vom  1.  ApriL 

3)  Abschied  der  Defensionsverwandten  vom  22.  April,  Reg.  H.  p.  664,  No.  205. 
VergL  Brandenburg,  I,  8.  428t 

4)  M.  P.  C.  II,  560  Anm.  Issleib,  Jahrb.,  8.  59. 

5)  M.  P.  C.  II,  8.  607. 

6)  Akten  darüber  in  R^.  H.  p.  612,  No.  196,  IV.  Vergl.  auch  Issleib, 
Jahrb.,  8.  68. 

7)  M.  P.  C.  II,  592,  1.  605,  1 (Juni  4). 


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Bund  und  Räch:  Die  Jahre  der  Unaicherheit  1542 — 1546.  457 

Der  Kurfürst  war  nicht  abgeneigt,  zu  fordern,  daß  Moritz  nur  vor- 
schlage, was  für  den  Landgrafen  und  ihn  annehmlich  sei,  und  daß 
er  es  nicht  übel  nehme,  wenn  man  irgend  etwas  als  unannehmbar 
zurückwiese,  auch  müsse  Heinrich  vorher  erklären,  daß  er  des 
Landgrafen,  des  Kurfürsten  und  der  Einung  Gefangener  wäre  und 
daß  er  der  Handlung  „auf  Gnade  und  Erbarmen  und  nicht  auf 
einige  Pflicht“  gewärtig  sein  müsse*). 

Es  war  wohl  kaum  auf  Annahme  solcher  Bedingungen  zu 
rechnen,  aber  auch  diese  Verhandlungen  wurden  ja  schließlich  durch 
den  Krieg  unterbrochen.  Er  bewirkte,  daß  auch  ein  anderer  viel 
amstrittener  Punkt,  von  dem  auch  in  Kegensburg  noch  gelegentlich 
die  Rede  war,  die  Brechung  der  braunschweigischen  Festungen, 
endlich  im  Sinne  der  sächsischen  Stände  entschieden  wurde.  Der 
Kurfürst  und  der  Landgraf  sahen  sich  genötigt,  den  Befehl  zur 
Schleifung  der  Festungen  zu  geben,  weil  sie  nicht  imstande  waren, 
sie  während  des  Krieges  besetzt  zu  halten’). 

Nicht  mehr  zur  Erörterung  scheint  in  Regensburg  die  Frage  der 
Verwaltung  des  braunschweigischen  Landes  gekommen  zu  sein.  — 

Wenn  schon  die  Beratungen  über  Bundesangelegenheiten  in 
Regensburg  durch  die  Unsicherheit  der  Lage  und  die  bevorstehenden 
Ereignisse  gestört  wurden,  so  war  erst  recht  nicht  zu  erwarten, 
daß  die  eigentlichen  Reichstagsverbandlungen  zu  irgend  welchen 
Resultaten  führen  würden.  War  doch  für  den  Kaiser  die  Ver- 
sammlung nur  ein  Mittel,  um  ohne  allzu  großes  Aufsehen  die  letzten 
Kriegsvorbereitungen  zu  treffen,  Bündnisse  zu  schließen,  Spaltung 
in  die  Reihen  der  Protestanten  zu  tragen  u.  dgl.  Diese  traten, 
wenn  wir  absehen  von  Männern  wie  Herzog  Moritz,  Markgraf 
Albrecht  und  den  anderen  Brandenburgern,  die  schon  lange  eine 
Sonderstellung  eingenommen  hatten,  auf  diesem  Reichstage  in 
seltener  Einmütigkeit  auf.  Schon  in  Frankfurt  war  beschlossen 
worden,  daß  man  den  Gesandten  zum  Reichstage  gleichlautende 
Instruktionen  mitgeben  wolle,  auch  Kurköln  und  Kurpfalz  hatten 
sich  diesem  Beschluß  angeschlossen ‘).  Man  schlug  darin  einen 
ziemlich  energischen  Ton  an,  rekapitulierte  die  Friedensverhand- 

1)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  10,  Keudecker,  Äktenat.,  S.  764 f.;  Juni  16,  M.  P.  C. 
n,  653,  2. 

2)  Ldgf.  an  El.  Juni  26,  Beg.  J.  p.  626,  Aa,  No.  2.  Kf.  und  Ldgf.  an 
Statthalter  und  Räte  zu  Wolfeubüttel  Juni  29,  Reg.  J.  p.  935,  CC,  No.  3. 

3)  Vergl.  die  Inetruktion  des  Eurfürsten  und  Landgrafen  für  ihre  Gesandten 
an  Hz.  Moritz  März  17,  M.  P.  C.  II,  543 — 546. 


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458 


Kapitel  III. 


Jungen  vom  Jahre  1526  an  und  verlangte,  daß  es  in  den  Punliten 
Friedens  und  Rechts  bei  den  Beschlüssen  des  Speierer  Abschiedes 
von  1544  belassen  werde,  der  auch  für  die  Gegner  gültig  sei  ‘). 
Johann  Friedrich  hat  seinem  Gesandten  Erasmus  von  Minckwitz 
diese  Instruktion  mitgegeben,  dann  aber  einige  weitere  Weisungen 
in  seinen  Privatangelegenheiten  und  in  der  Frage  des  Religions- 
gespräches hinzugefügt*).  Wir  haben  seine  Ansichten  in  dieser 
letzten  Frage  schon  an  anderer  Stelle  kennen  gelernt®). 

An  persönlichen  Besuch  des  Reichstages  hat  der  Kurfürst  wohl 
kaum  je  im  Ernste  gedacht,  seine  Leibesbeschaffenheit,  die  drohende 
Zusammenrottung  der  Freunde  Herzog  Heinrichs  und  die  nachbar- 
lichen Gebrechen  mit  Moritz  waren  die  Entschuldigungsgründe,  die 
seine  Gesandten  Vorbringen  sollten*). 

Es  dauerte  bis  zum  5.  Juni,  ehe  die  Eröffnung  des  Reichstages 
wirklich  erfolgte,  die  Fragen  der  Religion,  Friedens  und  Rechts 
wurden  jetzt  auch  vom  Kaiser  als  die  zuerst  zu  erledigenden  Punkte 
bezeichnet®).  Die  Fortschritte,  die  die  Sache  des  Protestantismus 
in  der  letzten  Zeit  gemacht  hatte,  traten  bei  den  sich  anschließenden 
Beratungen  in  erfreulicher  Weise  hervor®).  Infolge  des  Ueber- 
tiittes  von  Pfalz  und  Köln  hatten  die  Protestanten  im  Kurfürsten- 
kolleg die  Majorität,  ja  man  dachte  wohl  gar  gelegentlich  an  eine 
gemeinsame  Politik  sämtlicher  Kurfürsten,  für  die  Johann  Friedrich 
ein  interessantes  Programm  entwarf '),  konnte  die  Absonderung  von 
Mainz  und  Trier  aber  schließlich  doch  nicht  hindern.  Diese  waren 
bereit,  in  Beratungen  über  die  OffensivhUfe  einzutreten,  auch  ehe 
die  Punkte  der  Religion,  Friedens  und  Rechts  erledigt  waren,  was 
Köln,  Sachsen  und  Pfalz  ablehnten*). 

Lange  hat  man  ja  auch  geglaubt,  daß  es  möglich  sein  werde, 
zusammen  mit  den  katholischen  Ständen  den  Kaiser  wegen  seiner 

1)  Eine  Abechrift  der  Instruktion  in  Beg.  E.  p.  59a,  Na  123,  Bl.  43—49. 

2)  Or.  vom  20.  April,  ebenda  Bl.  69 — 76.  Vergl.  Seckendorf,  III,  S.  661. 

3)  Siehe  S.  453. 

4)  Kf.  an  Minckwitz  und  Burchard  Mai  1,  Reg.  E.  a.  a.  O.  BL  81 — 88,  Or. 

5)  Abechrift  der  Proposition  ebenda  BL  207—213.  S leid  an,  II,  S.  459. 

6)  Ein  Protokoll  über  die  Verhandlungen  vom  5. — 26.  Juni  Keg.  E.  a.  a.  O. 
BL  325—352. 

7)  Dabei  brachte  er  seine  bekannten  Pläne  für  die  Erhaltung  der  Reichs- 
freiheiten wieder  vor.  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123a  am  Ende,  eigenh.  Entw.  VergL  8. 3. 

8)  Minckwitz  an  Kf.  Juni  13  und  protokollartiger  Bericht  über  Verhand- 
lungen im  Kurfürstenrat  R^.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  94 — 96. 


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Bund  und  Reich:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


459 


Rüstungen  zu  interpellieren.  Auch  daraus  wurde  schließlich  nichts, 
man  mußte  froh  sein,  daß  wenigstens  die  Mehrzahl  der  nicht  im 
Bunde  befindlichen  Protestanten  an  den  Beratungen  der  Schmal- 
kaldener  teilnahm  und  gemeinsam  mit  ihnen  opeiierte^). 

Die  Antwort,  die  der  Kaiser  auf  die  Interpellation  erteilte,  ja 
schon  die  Art  und  Weise,  wie  er  sie  aufnahm,  gaben  endlich  völlige 
Klarheit  über  seine  Absichten  *),  und  wenn  jetzt  die  protestantischen 
Gesandten  noch  in  Regensburg  blieben,  so  geschah  es  nur,  um 
Kundschaften  einzuziehen  und  um  den  Gegnern  jede  Möglichkeit 
zu  nehmen,  sie  als  Angreifer  erscheinen  zu  lassen’).  — 

Erst  die  letzten  Vorgänge  in  Regensburg  haben  auch  Johann 
Friedrich  denjenigen  Grad  von  Sicherheit  über  die  feindlichen  Ab- 
sichten des  Kaisers  verschallt,  den  er  für  nötig  hielt,  um  mit  wirk- 
lichen Rüstungen  beginnen,  um  die  Wallen  ergreifen  zu  können. 
Das  bleibt  ja  auch  in  dieser  Zeit  seine  Gruudanschauung:  er  will 
vermeiden,  daß  man  als  Angreifer  dasteht,  er  will  die  Ausgaben, 
die  man  sich  macht,  möglichst  reduzieren,  solange  auch  nur  die 
Spur  einer  Möglichkeit  vorhanden  ist,  daß  auch  diesmal  die  Gefahr 
noch  vorübergeht  ^).  Wenig  kommt  dagegen  eigentlich  darauf  an. 


1)  Nach  dem  erwähnten  Protokoll.  In  den  Tagen  vom  12. — 16.  Jnni  fanden 
noch  Vereuche  statt,  ein  gemeinsamca  Auftreten  der  Stände  g(^n  den  Kaiser  zu 
bewirken.  (Lenz,  HZ.  49,  S.  403  f.)  Schliefllich  antwortete  man  doch  nach 
Konfeesionsporteien,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Bl.  254—268  und  271 — 273.  Die 
Bäte  an  Kf.  Juni  14,  Reg.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  82. 

2)  Räte  an  Kf.  Juni  16,  R^.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  81.  Kf.  an  die  Räte 
Juni  21,  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  BL  283—292,  Or.  Ihm  war  besonders  das 
Lachen  des  Kaisers  verdächtig;  dessen  Antwort  ließ  ihm  dann  völlig  klar  er- 
scheinen, wem  die  Werbungen  gälten. 

3)  Ueber  die  Stimmung  der  Verbündeten  in  Regensbnrg  gibt  das  Protokoll 
Bl.  349 — 352  unter  dem  26.  Juni  Auskunft.  Abschrift  davon  auch  Reg.  J. 
p.  743,  AA,  No.  9.  Beratungen  über  die  Abreise  vom  3.  Juli.  Protokoll  darüber 
R^.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  260,  Kopie.  Kf.  und  I.dgf.  befahlen  gerade  am  3.  Juli 
ihren  Gesandten,  abzureisen.  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  BI.  315/316,  Reinentw. 

4)  Deutlich  wird  dieser  Standpunkt  des  Kf.  entwickelt  in  Brief  an  Ldgf. 
vom  25.  Juni,  R^.  J.  p.  626,  AA,  No.  2.  Aktenst.  No.  68.  Klar  über  die  Lage 
and  zu  Rüstungen  entschlossen  ist  Kf.  aber  auch  schon  am  21.  Juni.  An  die 
Räte  Reg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Bl.  283 — 292,  und  an  Ldgf.  R^.  H.  p.  676,  No.  210, 
1,  Zettel.  Ein  ganz  anderer,  viel  ängstlicherer  Ton  in  Brücks  Brief  vom  24.  Juni, 
Reg.  J.  p.  579,  Y,  No.  18,  Or.,  benutzt  51.  P.  C.  II,  678,  1.  Dieser  kann  aber  für 
die  Stimmung  des  Kf.  nicht  maßgebend  sein.  Der  alte  Kanzler  vertritt  hier  einen 
ähnlichen  Standpunkt  wie  sonst  Ossa  und  heute  Issleib. 


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460 


Kapitel  II L 


ob  er  nun  an  einem  oder  dem  anderen  Tage  mehr  oder  weniger 
besorgt  war,  ob  einzelne  Nachrichten,  die  ihm  zugingen,  ihm  mehr 
oder  weniger  gefährlich  erschienen,  auch  muß  man  bei  einer  Ver- 
wendung seiner  einzelnen  Aeußerungen  immer  berücksichtigen,  daß 
deren  Färbung  vielfach  von  dem  Adressaten  abhing,  daß  er  sich 
etwa  über  denselben  Vorgang  dem  ungestümen  Landgrafen  gegen- 
über scheinbar  unbesorgt  aussprach,  während  er  ihn  gegenüber 
irgend  einem  der  sächsischen  Stände  selbst  als  Beweis  für  die  Ge- 
fahr der  Lage  benutzte*). 

Immerhin  wird  man  aber  vielleicht  aus  den  Aeußerungen  des 
Kurfürsten  aus  dem  April  bis  Juni  das  Folgende  über  seine  Auf- 
fassungen und  Stimmungen  entnehmen  können:  Stets  ist  ihm  die 
Rüstung  des  Markgrafen  Albrecht  Alcibiades  als  besorgniserregend 
erschienen.  Eine  dem  Landgrafen  zugegangene  Nachricht,  daß  sie 
für  den  Herzog  von  Preußen  erfolge,  erschien  ihm  ebensowenig 
wie  jenem  wahrscheinlich,  doch  zog  er  bei  dem  Herzog  Erkundi- 
gungen ein*).  Dessen  Mitteilung,  daß  der  Markgraf  zwar  dem 
Kaiser  einen  Reiterdienst  versprochen  habe,  aber  von  diesem  Dienste 
abstehen  wolle,  wenn  er  merke,  daß  Karl  etwas  gegen  Gottes  Wort 
unternehmen  wolle®),  scheint  auf  Johann  Friedrich  Eindruck  ge- 
macht zu  haben,  während  der  Landgraf  meinte,  daß  der  Herzog 

1)  Man  vergleiche  etwa  die  Art,  wie  Johann  Friedrich  sich  Aber  die  Adels- 
veraammlung  in  Halle  am  10.  Juni  gegen  den  Ldgfen.  ausspricht  (P.  A.  t$arhsen, 
Emestinische  Linie,  1546  Juni;  Hasenclever  legt  viel  Wert  darauf),  mit  der 
Behandlung  derselben  Sache  in  einem  Brief  an  Wolf  von  Anhalt  von  demselben 
Tage.  (Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  I,  Konz.)  Dort  heiflt  es,  es  würde  ,verweislich 
für  ihre  Majestät  sein,  wenn  sie  so  direkt  dem  entg^en  handelte,  was  sie  in  Halle 
hätte  erklären  lassen'*,  hier,  es  sei  in  Halle  ja  allerdings  ein  gnädiges  Erbieten 
durch  die  kaiserlichen  Kommissare  geschehen,  aber  er  besorge  doch,  ,4nan  werde 
sich  darauf  nit  aller  Dinge  zu  verlassen  haben,  dann  wie  uns  angelangt,  auch  ein 
kundschaft  über  di  ander  zukombt,  so  sollen  allerlei  gewerbe  von  neuem  wider- 
umb  für  sein,  weliche  ein  sorgliche  ansehen  und  nachdenken  haben“.  Man  ver- 
gleiche auch  Brief  des  Kf.  an  den  Kg.  von  Dänemark  vom  11.  Juni  über  die 
Verhandlungen  des  Kaisers  mit  dem  Adel:  die  worte  lauten  friedlich,  man  mu£ 
sich  aber  doch  allerlei  befaren.  (Reg.  H.  p.  669,  No.  208,  Konz.) 

2)  Der  Markgf.  an  Kf.,  Hz.  Moritz  und  Ldgf.  April  23,  Kf.  an  Moritz  Mai  I, 
hL  F.  C.  II,  576,  5.  Ldgf.  an  Kf.  Mai  3,  Kf.  an  Ldgf.  Mai  9,  an  Hz.  von 
Preußen  Mai  9,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  II,  Konz.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  22,  ebenda. 
Ldgf.  an  Kf.  Mai  20,  übereinstimmend  mit  M.  P.  O.  II,  601  f.  Auch  damals 
nahm  Philipp  noch  nicht  an,  daß  die  Werbungen  des  Markgrafen  für  den  Kaiser 
erfolgten. 

3)  Hz.  Albrecht  an  Kf.  Mai  27,  Reg.  J.  p.  12,  A,  No.  5,  Kopie. 


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Bund  und  Bdch:  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


461 


leicht  durch  den  Markgrafen  „umgefOhrt“  werden  könne  Nicht 
beweiskräftig  erschienen  dem  Kurfürsten  die  Mitteilungen  des 
Campanns  über  die  Pläne  des  Kaisers,  weil  er  dem  Berichterstatter 
selbst  nicht  traute’).  Nicht  ganz  genügend  gewürdigt  hat  er  wohl 
auch  die  Umtriebe,  die  im  Namen  des  Kaisers  beim  fränkischen 
und  thüringischen  Adel  erfolgten,  doch  war  er  stets  der  Meinung, 
daß  man  diese  Dinge  im  Auge  behalten  müsse”).  Gegen  Moritz 
war  Johann  Friedrich  schon  zu  einer  Zeit  mit  Mißtrauen  erfüllt, 
wo  der  Landgraf  jenen  noch  festhalten  zu  können  glaubte*).  Voll- 
ständig überzeugt  wurde  er  von  der  Gefahr  der  Lage  aber  doch 
erst  durch  das  Auftreten  des  Kaisers  auf  dem  Reichstage. 

Da  es  nicht  ganz  sicher  ist,  wie  weit  man  aus  einzelnen 
Aeußerungen  Johann  Friedrichs  auf  seine  jeweilige  Stimmung 
schließen  kann,  wird  mau,  um  Klarheit  über  diese  zu  gewinnen, 
auf  seine  Handlungen  achten  müssen.  Man  wird  also  vor  allem 
festzustellen  haben,  wie  weit  er  Kriegsvorbereitungen  getroffen 
hat,  wann  er  zu  rüsten  begann.  Da  sahen  ivir  schon,  daß  er 
mit  dem  Frankfurter  Vorschlag  der  Verwendung  von  12000  11.  für 
Reiter  völlig  einverstanden  war  und  daß  er  nach  dem  Fiankfurter 
Tage  an  die  Ausführung  des  Beschlossenen  ging.  Seine  Opfer- 
freudigkeit und  seine  Kriegsbefürchtungen  gingen  dabei  allerdings 
nicht  so  weit,  daß  er  Lust  gehabt  hätte,  das  Geld  für  jene  Reiter- 
bestellung für  andere  Stände  auszulegen.  Er  beschränkte  sich 
daher  auf  die  Annahme  von  400  statt  800  Reitern,  für  die  das 
vorhandene,  vor  allem  aus  seinem  eigenen  Anteil  bestehende  Geld 


1)  Ldgf.  an  Kf.  Juni  17,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  I,  Or.  Vergl.  jedoch  KS. 
an  Beine  Räte  Juni  13,  Reg.  E.  p.  .59a,  No.  123,  Bl  226  ff.  Danach  traute  Kf. 
der  Hache  doch  nicht  ganz. 

2)  Lenz,  II,  S.  4a5.  Kf.  an  Ldgf.  Mai  22,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  II. 

3)  Brück  schreibt  Mai  6/7  und  8 sehr  besorgt,  besonders  über  die  fränkischen 
AdelsTersammlungen,  Reg.  H.  p.  603,  No.  194,  BL  221—226.  227/228,  ebenso  noch 
am  15.  Mai,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken...,  1544/1545“,  Bl.  111  ff.,  Or.  Der 
Ldgf.  äuQert  eich  besonders  am  17.  Mai  sehr  bedenklich  über  den  fränkischen 
Adelstag.  Der  Kurfürst  gestand  io  seiner  Antwort  vom  28.  Mai  zu,  dafi  die  Sache 
sehr  gefährlich  sei,  knüpfte  allerdings  die  Bemerkung  an,  daß  er  sich  dessen  vom 
Kaiser  nicht  versehen  wolle  und  außerdem  auf  die  Hilfe  Gottes  hoffe.  (Reg.  J. 
p.  617,  AA,  1.)  Man  wird  diesen  verklausulierten  Brief  ebenso  aufzufassen  haben, 
wie  den  schon  erwähnten  vom  10.  Juni,  in  dem  Johann  Friedrich  sich  über  den 
Adelstag  äußerte,  der  am  1.  Juni  in  Halle  stattgefunden  hatte. 

4)  M.  P.  C.  II,  605,  Anm.  1. 


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462 


Kapitel  III. 


reichte  ‘).  Als  dann  im  Mai  der  Landgraf  sich  von  der  unmittelbar 
bevorstehenden  Gefahr  überzeugte  und  nun  riet,  daß  der  Kur- 
fürst, Moritz  und  er  je  2000  fl.  anwendeten,  um  die  Reiter  über 
den  31.  Mai  hinaus,  bis  zu  dem  die  Stände  sie  nur  bewilligt  hatten, 
auf  weitere  3 Monate  zu  unterhalten  ’),  ist  der  Kurfürst  auch  dazu 
bereit  gewesen,  beschränkte  sich  allerdings  auch  jetzt  auf  die 
weitere  Unterhaltung  jener  schon  bestellten  400  Reiter®).  Auch 
im  Mai  kam  es  wieder  vor,  daß  er  einem  Hauptmann,  der  um 
Urlaub  bat,  das  Gesuch  abschlug,  da  die  Lage  dazu  zu  gefähr- 
lich sei*). 

Alles  das  spricht  dafür,  daß  Johann  Friedrich  nicht  blind  war 
für  die  Verhältnisse,  daß  er  nur  aus  den  gleichen  Ueberzeugungen 
andere  Folgerungen  zog  als  der  Landgraf,  daß  es  weniger  ein 
Unterschied  der  Einsicht,  als  des  Temperaments  war,  durch  den 
er  von  diesem  abwich®).  Vor  allem  kam  es  ihm  eben  auf  volle 


1)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  11,  Beg.  H.  p.  676,  No.  210,  I,  Konz. 

2)  Zuerst  am  20.  Mai  je  1000  fl.  reep.  200  Pferde,  M.  P.  C.  II,  604  f.  Dann 
am  30.  Mai  Kf.  und  er  je  2000  fl.  reep.  400  Pferde,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  L 
Lenz,  HZ.  49,  S.  388.  Uebrigens  befürchtete  der  Ldgf.  zuerst  nur  ein  Unter- 
nehmen zu  Gunsten  dee  Braunechweigers.  Vergl.  den  Brief  Philippe  vom  30.  MaL 

3)  Der  Kf.  sprach  schon  Mai  28  seine  Zustimmung  aus,  Beg.  J.  p.  617,  AA, 
1;  M.  P.  C.  II,  605,  1.  Seinen  Räten  befahl  der  Kf.  schon  am  22.  Mai,  dafür 
einzutreten,  dafi  die  Reiter  noch  einige  Monate  unterhalten  würden.  Beg.  E.  p.  59a, 
No.  123,  Bl.  150—153,  Or.  Bereitwilligkeit,  2000  fL  auf  400  Pferde  zu  verwenden, 
Juni  11  an  Ldgf.,  Beg.  H.  p.  676,  No.  210  I,  Konz. 

4)  Kf.  an  JoL  v.  Viermund  Mai  6,  Beg.  H.  p.  669,  No.  208:  Dieweil  aber 
die  zeit  und  leufte  dieSer  zeit  ganz  sorglich  stehen  und  uns  gutt  ufsehens.  Dich 
auch  und  andere  unsere  bestelte  riettmeister  und  diener  an  der  hand  und  gewifl 
zu  haben,  unser  unvermaidliche  nottnrft  nach  von  nüten  sein  will  etc. 

5)  Zum  Bewebe  dafür,  daß  der  Kurfürst  nicht  so  sorglos  war,  wie  man  zu- 
weUen  angenommen  hat,  führe  ich  noch  eine  Stelle  aus  einem  Briefe  an  seine 
Räte  in  Begensbiurg  vom  2.  Juni  an  (Beg.  E.  p.  59a,  No.  123,  Bl.  187 — 103): 
,Dann  nachdeme  die  zeit  und  leufte  vast  sorglich  und  geschwinde  stehen,  zu 
deme  das,  wie  die  rolnischen  rette  berichtet,  das  urtel  wider  iren  hem  ergangen 
und  ein  bebetlicher  nuntius,  nemlich  Feraesius  ufm  wege  sein  solte,  gein  Begens- 
burgk  zu  kommen  und  bei  kais.  M‘  (die  zum  executori  gemelts  nrtels  verordent) 
und  den  Stenden  des  reichs  umb  die  ezecution  anzuhalten,  desgleichen  das  der 
pfelzische  canzler  gein  Begensburg  vertreulich  geschrieben,  das  in  Italien  auch 
grosse  bewerbungen  und  rustungen  für  sein,  darzu  das  der  babst  der  ende  so 
wol  als  kais.  M<  in  den  niderlanden  gros  gelt  machen  sollen,  so  wil  die  hohe  und 
unvermeidliche  notturft  erfordern,  das  man  uf  diesem  teil  etzlicher  messen  gefast 
sei  und  im  valh  der  nott  . . so  gar  bloe  nit  befunden  werde,  und  stellen  in  keineo 


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Bund  und  Reich;  Die  Jahre  der  Unsicherheit  1542 — 1546. 


463 


Klarheit  an.  Sobald  er  sie  zn  haben  glaubte,  begann  er  auch 
sofort  mit  Eifer  zu  rüsten').  Gewiß  war  er  schuld  daran,  daß 
man  so  lange  zögerte,  die  folgenden  Ereignisse  zeigten,  daß  es 
nicht  zu  lange  gewesen  war.  Denn  nicht  Mangel  an  Truppen  oder 
zn  späte  Rüstungen  haben  die  Niederlage  der  Protestanten  im 
Schmalkaldischen  Kriege  verschuldet. 

zweivel  die  stende  werden  (ca),  do  sie  die  sorge  und  fahr  vermerken  und  derselboi 
berichtet,  zu  der  weitem  beetellung  der  reuter  auch  gneigt  srin  und  iree  teils 
doran  nit  lassen  erwinden.“  Man  könnt«  auch  darauf  hinweisen,  dafi  die  Witten- 
berger Theologen,  vor  allem  Melanchthon,  Ende  Mai  imd  Anfang  Juni  mit  Gut- 
achten über  die  Gegenwehr  beschäftigt  waren.  VergL  Christmann,  8.  51. 

1)  An  Ldgf.  Juni  25,  28,  B^.  J.  p.  626,  AA,  No.  2,  Konz. 


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Kapitel  IV, 

Das  Verhältnis  Johann  Friedrichs  zu  den  Albertinem 
und  zum  Kurfürsten  von  Mainz. 

Es  gehörte  zu  den  Eigentümlichkeiten  Johann  Friedrichs  des 
Großmütigen,  daß  er  eine  Verknüpfung  verschiedener  politischer 
Aktionen,  die  ihn  gleichzeitig  beschäftigten,  zu  vermeiden  suchte. 
Man  braucht  nur  etwa  den  Gang  der  Verhandlungen  über  die 
lYage  der  Anerkennung  der  Wahl  Ferdinands  zu  verfolgen,  um 
sich  zu  überzeugen,  wie  schwer  es  ihm  wurde,  diese  Waffe  zu  be- 
nutzen, um  Zugeständnisse  der  Habsburger  auf  Gebieten,  die  nicht 
im  direktesten  Zusammenhang  mit  ihr  standen,  zu  erlangen,  wie 
fern  ihm  das,  was  man  heute  Kuhhandel  nennt,  lag.  In  ähnlicher 
Weise  pflegte  er  die  Streitigkeiten,  die  er  mit  seinen  Nachbarn  um 
Besitzrechte,  Geleitsfnvgen  u.  a.  hatte,  streng  von  den  Fragen  der 
großen  Politik  zu  scheiden,  und  es  wollte  ihm  nur  schwer  in  den 
Sinn,  daß  ein  Mann  wie  Moritz  diese  Differenzen  sogar  über  die 
gemeinsamen  Giaubensinteressen  stellen  könne. 

Trotz  alledem  wird  man  die  Möglichkeit  nicht  ganz  ableugnen 
können,  daß  auch  Johann  Friedrich  stärker,  als  es  ihm  selbst  zum 
Bewußtsein  kam,  durch  diese  unerquicklichen  und  langwierigen 
Zwistigkeiten  beeinflußt  worden  ist,  und  daß  z.  B.  seine  entgegen- 
kommende Haltung  den  Habsburgem  gegenüber  in  den  letzten 
Jahren  vor  dem  Schmalkaldischen  Kriege  doch  auch  mitherbei- 
geführt  worden  ist  durch  den  Wunsch,  sie  in  dem  Kampf  um  die 
sächsischen  Bistümer  nicht  zu  Gegnern  zu  haben.  Jedenfalls  hat 
das  Verhältnis  Johann  Friedrichs  zu  seinen  albertinischen  Vettern 
eine  solche  Rolle  in  seinem  Leben  gespielt  und  sein  Geschick  in 
so  verhängnisvoller  Weise  beeinflußt,  daß  es  eine  etwas  eingehendere 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Älbertinem  u.  znm  Kurf.  t.  Mainz.  465 

Darstellung  verdient  Sie  kann  aber  nicht  gegeben  werden,  ohne 
daü  auch  die  Beziehungen  des  Kurfürsten  zu  Albrecht  von  Mainz 
in  seiner  Eigenschaft  als  Erzbischof  von  Magdeburg  mitberück- 
sichtigt werden.  — 

Die  langjährigen  Streitigkeiten  mit  Herzog  Georg,  die  die  Re- 
gierung Friedrichs  des  Weisen  und  Johanns  des  Beständigen  durch- 
zogen hatten,  hatten  ganz  am  Ende  der  Regierung  Johanns  am 
17.  Juli  1531  durch  den  Grimmaischen  Machtspruch  einen  ge- 
wissen Abschluß  erhalten.  Die  Verhandlungen  über  seine  Aus- 
führung waren  aber  noch  nicht  beendet,  als  der  alte  Kurfürst 
starb.  Wenige  Monate  nach  dem  Regierungswechsel  traten  sowohl 
die  Albertinische  Landschaft,  wie  Herzog  Georg  selbst  an  Johann 
Friedrich  heran,  um  ihn  zur  tatsächlichen  Ausführung  des  Ver- 
trages zu  veranlassen’).  Der  Kurfürst  war  demgegenüber  der 
Meinung,  daß  der  Machtspruch  vielmehr  vou  Georg  gebrochen 
worden  sei,  und  daß  daher  auch  er  nicht  Sn  ihn  gebunden  sei, 
soweit  er  nicht  schon  bei  Lebzeiten  seines  Vaters  zur  Ausführung 
gekommen  sei.  Er  beantragte,  daß  eine  neue  Entscheidung,  eine 
neue  gütliche  Verhandlung  durch  die  von  der  Landschaft,  die  den 
Machtspruch  zustande  gebracht  hätten,  stattfände.  Georg  dagegen, 
der  natürlich  jede  Schuld  an  der  Nichtausführung  des  Grimmaischen 
Vertrages  ablehnte,  wollte  in  engerem  Anschluß  an  diesen  nur  zu- 
gestehen, daß  die  dort  vorgesehenen  12  Verordneten  die  be- 
stehenden Differenzen  entschieden  ®).  Nach  längeren  Debatten  einigte 
man  sich  einem  Vorschlag  des  Ausschusses  der  Albertinischen  Land- 
schaft entsprechend  mehr  im  Sinne  des  Kurfürsten  dahin,  daß  die 
Ansschüsse  der  beiderseitigen  Landschaften,  die  bei  der  Grimma- 
ischen Verhandlung  tätig  gewesen  waren,  die  32,  zusammentreten, 
und  daß  die  beiden  Fürsten  vor  dieser  Versammlung  ihre  Sache 

1)  Lünig,  Beichsarchiv,  Para  spec.  Cont.  II,  S.  256 ff. 

2)  Der  herzogl.  Bachs.  Ausschuß  zu  der  Grimmaischen  Handlung  an  den 
kurfürstlich  sächsischen  1532  Okt.  29,  Reg.  A.  No.  247,  Or.;  Burkhardt, 
Landtageakten  I,  No.  482.  Gesandtschaft  Georgs  an  den  Kf.  während  des  Jenaer 
Landtages  1533  Jan.  7,  R^.  A.  No.  248.  Weitere  Akten  in  No.  251  und  in 
Loc.  9812  „ergangene  Schriften  und  Handlungen  . . 1533 — 35“.  Der  kurfürstl. 
Landschaftsausschuß  an  den  herzoglichen  Jan.  18,  Reg.  A.  No.  248.  Der  Kf. 
sowohl  wie  die  Landschaft  verwiesen  auf  eine  von  jenem  geplante  Gesandtschaft 
an  Georg. 

3)  Gesandtschaft  des  Kf.  an  Georg  vom  19.  März,  dessen  Antwort  vom 
25.  März  u.  s.  w.  in  Ix>c.  9812  a.  a.  O.  und  Reg.  A.  No.  248. 

Beiträge  lur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  a.  30 


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466 


Kapitel  IV. 


durch  Bevollmächtigte  führen  lassen  sollten ‘).  In  dieser  Weise 
hat  man  im  August  1533  in  Leipzig’)  und  im  Oktober  und  No- 
vember in  Grimma®)  getagt  und  schließlich  den  Vertrag  vom 
18.  November  zustande  gebracht,  durch  den  die  noch  vorhandenen 
Zweifel  gelöst  und  vor  allem  die  schwierige  Frage  der  geistlichen 
Zinsen  dahin  entschieden  wurde,  daß  sie  trotz  aller  Gewissens- 
bedenken, die  das  beiden  Teilen  erregte,  in  der  alten  W'eise  weiter 
gezahlt  werden  sollten^).  Besonders  der  kurfürstliche  Hofmeister 
Hans  von  Minckwitz  und  der  herzogliche  Rat  Georg  von  Karlowitz 
sollen  sich  Verdienste  um  das  Zustandekommen  dieses  Vertrages 
erworben  haben®). 

Der  Gegensatz,  den  diese  nachbarlichen  Gebrechen  zwischen 
den  Vettern  erzeugt  hatten,  war  im  Frühjahr  1533  stark  verschärft 
worden  durch  Luthers  Brief  an  die  von  Georg  verfolgten  und  be- 
drückten Evangelischen  in  Leipzig  und  die  scharfen  Ausdrücke 
gegen  den  Herzog, «deren  er  sich  dabei  bedient  hatte®).  Als 
dieser  sich  darauf  beschwerdeführend  an  den  Kurfürsten  gewandt 
hatte,  hatte  dieser  in  einer  Weise  geantwortet,  die  es  dem  reiz- 
baren alten  HeiTn  gegenüber  im  Tone  gänzlich  versah  und  den 
Gegensatz  nur  steigern  konnte  ’).  Der  Herzog  antwortete  ziemlich 
scharf®)  und  wurde,  als  Johann  Friedrich  seine  Ermahnungen  in 
einem  Briefe  vom  11.  Mai  wiederholte,  direkt  grob®).  Das  gab 
dann  wieder  dem  Ernestiner  Veranlassung  zu  einem  warmen  Be- 
kenntnis zu  Luther,  aber  auch  zu  dem  ganz  vernünftigen  Vorschlag, 
weitere  Disputationen  über  diese  religiösen  Fragen  lieber  zu  ver- 

1)  Akten  in  Reg.  Ä.  No.  249  und  Loc.  9812  a.  a.  O. 

2)  Akten  über  die  Verhandlungen  vom  Aug.  10  ff.,  Reg.  A.  No.  286.  Ab- 
schied bei  Lünig,  S.  260 f. 

3)  Reg.  A.  No.  250. 

4)  LOnig,  S.  261 — 266. 

5)  Georg  v.  Karlowitz  an  Kf.  1535  Mai  3,  Reg.  N.  No.  62,  I,  Hdbf.  Hzin. 
Elisabeth  an  Kf.  1536  Okt.  27,  Loc.  8607,  „Handschreiben  der«:  Kur-  und 
Fürsten  . . .“,  Bl.  112/113,  Hdbf. 

6)  AprU  11.  Enders,  IX,  S.  290f.  Erl.  55,  7f. 

7)  Georg  an  Kf.  April  30,  Beidemann,  Beiträge,  I,  S. 233.  Kf.  an  Georg 
Mai  3,  Reg.  N.  No.  57,  Konz.  Vergl.  Seckendorf,  UI,  S.  58  mit  dem  falschen 
Datum  April  26.  Vor  der  Antwort  des  Kf.  schrieb  Georg  am  2.  Mai  zum  zweiten 
Male.  Seidemann,  I,  S.  234.  Der  Kf.  antwortete  darauf  am  6.  Mai,  ebenda 
S.  234  f.,  Konz,  in  Reg.  N.  No.  57,  aus  Weimar  datiert,  was  auch  richtig  isL 

8)  Mai  8,  R^.  N.  No.  57,  Or.  Inhalt  bei  Seckendorf,  a a O. 

9)  Kf.  an  Georg  Mai  11,  Georg  an  Kf.  Mai  18,  Reg.  N.  ebenda 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedricha  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  4^7 

meiden*).  Auch  die  Art  und  Weise,  wie  er  am  12.  Mai  an  Luther 
schrieb,  spricht  dafür,  daß  er  weiteren  Streit  zu  verhüten  wünschte  ®). 
Der  Reformator  ließ  sich  dadurch  aber  nicht  davon  abhalten,  in 
seiner  „Verantwortung  des  aufgelegten  Aufruhrs“®)  doch  wieder 
einen  sehr  scharfen  Ton  gegen  den  Herzog  anzuschlagen,  so  daß 
dieser  nun  Luther  durch  eine  feierliche  Gesandtschaft  beim  Kur- 
fürsten verklagen  ließ*). 

Demgegenüber  hielt  Johann  Friedrich  wieder  treu  zu  dem  Re- 
formator und  ließ  vor  der  Gesandtschaft  und  seinem  ganzen  Hof- 
staat ein  feierliches  Bekenntnis  zu  Luther  und  seiner  Lehre  ver- 
lesen*). Dann  aber  wurde  der  Streit  den  Schiedsrichtern  mit- 
überwiesen, die  über  die  nachbarlichen  Gebrechen  zu  entscheiden 
hatten.  In  dem  Grimmaer  Novembervertrage  wurde  dann  auch 
dieser  Streit  beigelegt,  indem  den  Theologen  verboten  wurde, 
weiterhin  Anlaß  zum  Zank  zu  geben®). 

Nachdem  auch  diese  Angelegenheit  erledigt  war,  war  die  Möglich- 
keit eines  freundschaftlichen  Verhältnisses  zwischen  den  beiden  säch- 
sischen Linien  gegeben.  Leider  hatten  sich  die  wettinischen  Gebiete 
nur  etwa  ein  Jahr  lang  dieses  glücklichen  Zustandes  zu  erfreuen. 
Es  war  eine  Zeit,  in  der  ein  Besuch  Johann  Friedrichs  am  Dresdener 
Hofe  möglich  war*),  in  der  mancherlei  gemeinsame  Verwaltungs- 
angelegenheiten geregelt  oder  wenigstens  erörtert  werden  konnten  *), 


1)  Mai  24.  Kopie  eines  Teiles  des  Briefes  in  Reg.  N.  No.  57,  des  ganzen 
in  No.  57a.  Das  Konzept  habe  ich  leider  nicht  finden  können.  Aktenst.  No.  1. 

2)  Enders,  IX,  S.  209 f.  Der  Brief  Georgs,  den  der  Kf.  zitiert,  ist  der 
vom  8.  Mai,  statt  „damit“  ist  ZI.  21  zu  lesen  „dann“. 

3)  Erl.  31,  227.  VergL  Seidemann,  I,  S.  137. 

4)  Instruktion  für  die  Gesandtschaft  vom  1.  Aug.,  R^.  N.  No.  57,  Or. 

5)  In  Altenburg  Aug.  9/10.  VergL  Spalatin  beiMencken,  II,  Sp.  2133. 
Seckendorf,  III,  S.  59. 

6)  Seidemann,  I,  S.  141,  fügt  hinzu:  „indem  sie  die  Fürsten  in  ihre 
Schriften  mengten“.  Tatsächlich  wurden  aber  alle  Schmähbücher  und  Schmäh- 
briefe, auch  gegen  die  Untertanen,  und  andere  beschwerliche  Handlungen  verboten. 
(Lünig,  S.  266.) 

7)  Am  30.  Januar  1534  erOffnete  Georg  einen  eigenhändigen  Briefwechsel 
mit  dem  Kf.,  Reg.  A.  No.  252,  Hdbf.  Am  1.  Februar  kündigte  dieser  seinen 
Besuch  für  den  5.  an,  ebenda,  Konz.  Dem  Ldgf.  schreibt  er  am  14.,  dafi  er  am 
Donnerstag  [den  12.]  vom  Hz.  zurückgekommen  sei,  Loc.  8607  „Handschreiben 
. . .“,  Bl.  1^/128,  eigenh.  Konz.  Vergl.  auch  Bucholtz,  IX,  S.  77 f.  Der 
eigenh.  Briefwechsel  ging  noch  fort. 

8)  Siehe  Teil  III  Kapitel  II. 

30* 


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468 


Kapitel  lY. 


in  der  Herzog  Georg  als  Vermittler  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
König  Ferdinand  dienen  konnte  ^).  Man  hat  den  Eindruck,  als  sei 
Johann  Friedrich  aufrichtig  bemüht  gewesen,  diesen  Zustand  zu 
verlängern.  Schon  gegen  Ende  des  Jahres  1534  führte  aber  der 
religiöse  Gegensatz,  verbunden  mit  der  Verzwicktheit  der  terri- 
torialen Verhältnisse,  zu  einem  neuen  Konflikt,  der  sich  bei  der 
Hartköpfigkeit  beider  Fürsten  schnell  wieder  zu  außerordentlicher 
Erbitterung  steigerte.  — 

Die  zwischen  den  beiden  Linien  geschlossenen  Verträge  ge- 
währten den  einzelnen  Fürsten  das  Recht,  von  ihren  Lehnsträgem 
die  Annahme  ihrer  Religion  oder  den  Verkauf  ihrer  Güter  zu  ver- 
langen. Bei  denen,  die  von  beiden  Linien  Güter  zu  Lehen  trugen, 
sollte  für  die  Güter  die  Lage  in  dem  einen  oder  dem  anderen 
Territorium  maßgebend  sein,  für  die  Lehnsträger  selbst,  wenigstens 
nach  Ansicht  Herzog  Georgs,  der  Hauptsitz,  die  Lage  des  Haupt- 
gutes. Er  wollte  niemand,  dessen  Vorfahren  mit  ihrem  Hauptsitze 
unter  ihm  gesessen  hatten,  belehnen,  noch  in  seinem  Fürstentum 
leiden,  wenn  der  Betreffende  sich  nicht  persönlich  nach  christlicher, 
d.  h.  der  bisher  üblichen  Kirchenordnung  hielte.  So  glaubte  er  es  nicht 
dulden  zu  können,  daß  die  Gebrüder  v.  Hopfgarten  sich  damit 
begnügten,  auf  ihren  im  Herzogtum  gelegenen  Gütern  die  alte 
Lehre  beizubehalten,  ihrerseits  aber  im  Gebiete  des  Kurfürsten 
ihren  Wohnsitz  nahmen  und  pei-sönlich  der  neuen  Lehre  sich  an- 
schlossen. Er  meinte  ihnen  vielmehr  daraufhin  ihre  Lehen  vor- 
enthalten zu  müssen®).  In  ähnlicher  Weise  ging  er  gegen  Georg 
Spiegel  und  Antonius  v.  Schönberg  vor.  Sie  alle  wandten  sich 
darauf  beschwerdeführend  und  ratsuchend  an  den  Kurfürsten,  der 
sofort  bereit  war,  sich  ihrer  Sache  anzunehmen,  und  ihnen  z.  B. 
die  Erklärung,  die  sie  dem  Herzog  geben  sollten,  aufsetzen  ließ’). 
Er  ging  dabei  von  der  Ueberzeugung  aus,  daß  das  Verfahren  des 
Herzogs  dem  Machtspruch  widerspräche  und  daß  nur  der  Wohn- 
sitz für  das  Bekenntnis  der  Adligen  maßgebend  sein  dürfe.  Der 
Wunsch,  trotz  des  damit  wieder  aufsteigenden  Gewitters  doch  noch 
eine  Katastrophe  zu  vermeiden,  war  es,  der  den  Kurfürsten  ver- 
anlaßte,  sich  nun  aber  nicht  sofort  an  Georg  zu  wenden,  sondern 

1)  Siehe  Kapitel  I,  S.  33  ff. 

2)  Seidemann,  I,  S.  151.  Kopien  der  seit  August  1534  in  der  Ange- 
l^enheit  ergangenen  Briefe  in  Keg.  N.  No.  64. 

3)  Ebenda. 


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Dag  Verhältnü  Job.  Friedrichg  zn  den  Albertinern  n.  znm  Kurf.  v.  Mainz.  469 

entsprechend  einer  früheren  Verabredung  zwischen  Hans  \.  Minck- 
witz  und  den  herzoglichen  Räten  G.  v.  Karlowitz  und  Pistoris 
zunächst  an  diese  heranzutreten*).  Sie  stellten  sich  aber  durchaus 
auf  den  herzoglichen  Standpunkt*).  Der  Kurfürst  ließ  sich  aber 
dadurch  von  seiner  Auffassung  nicht  abbringen,  er  versuchte  gegen 
Ende  des  Jahres  noch  durch  Herzog  Johann,  Georgs  Sohn,  und 
seine  Gemahlin  Elisabeth  eine  Einwirkung  auf  den  alten  Herrn 
auszuüben  ®),  und  da  auch  diese  versagten,  blieb  ihm  nichts  anderes 
übrig,  als  am  8.  Januar  1535  schließlich  doch  an  Herzog  Georg 
direkt  zu  schreiben*). 

Schwerlich  würde  diese  Hopfgaitensche  Sache  nun  aber  so 
viel  böses  Blut  gemacht  haben,  wie  tatsächlich  geschehen  ist, 
wenn  sie  sich  nicht  mit  einem  anderen  höchst  bedenklichen  Kon- 
flikt verquickt  hätte,  zu  dem  wieder  Luther,  diesmal  allerdings  un- 
schuldigerweise, den  Anstoß  gegen  hatte. 

Es  war  durch  Verschulden  der  Herzogin  Elisabeth  von  Braun- 
schweig das  Gerücht  entstanden  und  an  den  Dresdner  Hof  ge- 
drungen, daß  Luther  am  1.  November  seine  Gemeinde  zu  einem 
Gebet  gegen  Herzog  Georg  aufgefordert  habe®).  Dessen  Sohn 
Johann  und  seine  Gemahlin  Elisabeth  beschwerten  sich  darauf  bei 
Johann  Fiiedrich*).  Dieser  war  zwar  der  Meinung,  daß  es  rat- 
samer sei,  sich  um  solche  Uebergrilfe  der  beiderseitigen  Prediger, 
die  sich  nie  ganz  vermeiden  ließen,  nicht  zu  kümmern,  erklärte 
sich  aber  doch  bereit,  Luther  um  Auskunft  zu  bitten  *).  Er  tat 
das  durch  Brief  vom  21.  Dezember  und  veranlaßte  auch  Brück, 
dem  Reformator  zu  schreiben.  Besonders  aus  dem  Briefe  Brücks 

1)  Sept.  30,  Or.  in  Loc.  P812  „Eixangene  Schriften  . . . 1533 — 35“,  Bl.  70/71. 
Betraf  zunächst  nnr  Spiegel  und  Schönberg. 

2)  Pistoris  an  Kf.  Okt.  5,  Kf.  an  Karlowitz  und  Pistoris  Okt.  12,  Karlowitz 
und  Pistoris  an  Kf.  Okt.  18,  Keg.  N.  No.  63,  II.  Der  Kf.  ließ  die  Schönbergsche 
Sache  fallen,  aber  in  der  Spiegelschen  und  Hopfgartenscheu  blieb  er  fest. 

3)  Kf.  an  Hz.  Johann,  an  Elisabeth  Dez.  25,  Reg.  N.  No.  62.  Seide- 
mann, I,  S.  151. 

4)  Or.  Loc.  9812  a.  a.  O.  Seidemann,  I,  S.  152,  irrtümlich  auf  den  15. 
datiert. 

5)  Seidemann,  I,  S.  149f. 

6)  Dez.  15,  Reg.  N.  No.  60.  Seidemann,  I,  S.  150.  Seckendorf,  III, 
S.  90  f. 

7)  Kf.  an  Joh.  Dez.  20,  an  EUisabeth  von  dems.  Tage,  Reg.  N.  No.  60,  Konz. 
Das  an  Elisabeth  eigenh.  und  Abschrift  davon.  Aktenst.  No.  4.  Vergl.  Enders, 
X,  S.  103,  Anm.  1. 


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470 


Kapitel  IV. 


geht  hervor,  daß  man  die  Sache  am  Hofe  durchaus  nicht  für  un- 
wahrscheinlich hielt.  Man  forderte  daher  Luther  auf,  die  Berech- 
tigung seines  Vorgehens  nachzuweisen  und  außerdem  zur  Abwehr 
aus  den  Schriften  des  Cochläus  ähnliche  .4eußerungen  gegen  den 
Kurfürsten  zusammenstellen  zu  lassen  *).  Tatsächlich  lag  die  Sache 
aber  wohl  so,  daß  Luther  in  seinem  Gebet  nur  den  Kurfürsten  von 
Mainz  genannt  hatte,  nachher  bei  Tisch  in  Gegenwart  der  Herzogin 
Elisabeth  sich  aber  so  scharf  auch  über  den  Herzog  geäußert 
hatte,  daß  diese  dadurch  zu  ihrem  Mißverständnis  veranlaßt  worden 
war.  Es  war  nicht  gerade  sehr  verheißungsvoll,  daß  Luther  an 
diese  Aufklärung  die  Bemerkung  knüpfte,  daß  er  das  Gebet  gegen 
den  Herzog  künftig  noch  nachholen  werde*). 

Der  Kurfürst  wird  schwerlich  sehr  befriedigt  von  dieser 
Erklärung  gewesen  sein,  und  richtete,  als  er  am  29.  Dezember 
von  Karlowitz  erfuhr,  daß  man  dem  alten  Herzog  die  Sache  wieder 
aus  dem  Sinn  geredet  habe,  die  Bitte  an  Luther,  den  Herzog  lieber 
künftig  nicht  mehr  bei  Namen  zu  nennen,  damit  der  äußerliche 
Friede  mit  ihm  erhalten  bleibe,  in  bezug  auf  sein  Vorgehen 
gegen  die  herzoglichen  Theologen  w'olle  er  ihm  ja  keinerlei  Maß 
setzen  *). 

So  schien  es  zunächst,  als  ob  es  noch  gelingen  werde,  diese 
Ursache  zum  Konflikt  zu  beseitigen,  im  Laufe  des  Januar  hat 
aber  Georg  doch  die  Frage  des  Lutherschen  Gebetes  hinein- 
gezogen in  den  eiregten  Briefwechsel,  in  den  er  wegen  der  Hopf- 
gartenschen  Sache  mit  dem  Kurfürsten  geraten  war.  Dieser  hatte 
sich,  wie  gesagt,  am  8.  Januar  wegen  dieser  Angelegenheit  direkt 
an  den  Herzog  gewandt  und  vorgeschlagen,  sie  durch  Zusaramen- 
schickung  der  Räte  entscheiden,  vorläufig  aber  die  Hopfgarten  un- 
gestört in  ihrem  Besitze  bleiben  zu  lassen.  Er  hatte  dabei  mit 
Gegenmaßregeln,  d.  h.  mit  entsprechendem  Vorgehen  gegen  Lehns- 
leute des  Herzogs  gedroht,  wenn  dieser  irgendetwas  gegen  die 
seinigen  unternehme  *). 


1)  Kf.  an  Luther  Dez.  21,  Reg.  N.  No.  60,  Konz.  Aktenst  No,  5.  Brück 
an  Luther  Dez.  21,  Enders,  X,  S.  101  ff. 

2)  Luther  an  Kf.  Dez.  23,  Enders,  X,  S.  104;  £>1.  55,  78 ff.;  an  Brück 
Dez.  23,  Enders,  X,  S.  104 f.;  Erl.  55,  8.  80f.  Originale  in  Reg.  N.  Na  60. 

3)  Dez.  30,  Enders,  X,  8.  llOf.,  Konz.  Reg.  N.  No.  60. 

4)  Loa  9812  „Ergangene  Schriften  ...  1533  —35“,  Or.  8eidemann,  I, 
8.  152. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Älbertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  471 

Es  fiel  Georg  nicht  ein,  sich  durch  diese  Vorschläge  beeinfiussen 
zu  lassen.  Am  31.  Januar  ergingen  die  Befehle,  die  die  Hopfgarten 
ihrer  Güter  entsetzten ‘),  was  dann  bewirkte,  daß  der  Kurfürst  im 
März  zur  „Gegenschanze“  den  Georg  v.  Harras  der  seinen  be- 
raubte ’),  ferner  brachte  dann  der  Herzog  in  dem  Briefwechsel  mit 
dem  Kurfürsten,  der  sich  an  dessen  Brief  vom  8.  Januar  ange- 
schlossen hatte,  seit  dem  23.  Januar  die  Frage  des  Lutherschen 
Gebets  mit  vor*).  Dabei  stellte  sich  auch  in  dieser  Frage  bald 
ein  Gegensatz  der  Meinungen  heraus,  indem  Johann  Friedrich  er- 
klärte, erst  dann  etwas  gegen  Luther  tun  zu  können,  wenn  dieser 
„überwiesen“  sei,  während  Georg  jede  Verpfiichtung  zum  Beweis 
seiner  Behauptung  ablehnte*).  Das  Resultat  der  Korre.spondenz 
der  beiden  Fürsten  war  schließlich,  daß  beide  Streitfälle  vor  die 
zwölf  im  Machtspruch  vorgesehenen  Schiedsrichter  aus  der  Zahl  der 
beiderseitigen  Räte  gebracht  wurden,  doch  wurde  der  Beginn  der 
Verhandlungen  auf  Georgs  Wunsch  bis  zum  28.  April  verschoben. 
Vor  den  Zwölfen,  die  während  der  Verhandlungen  von  aUen  Pfiichten 
gegen  ihre  Herrn  losgesprochen  waren“),  hatten  nun  beiderseitige 
Anwälte  die  Sache  der  beiden  Fürsten  zu  führen.  Von  kurfürst- 
licher Seite  wurden  Wolf  v.  Weißenbach,  Brück  und  Sindringer 
dazu  ausgewählt.  Ihre  Instruktion  befahl  ihnen,  nicht  die  Klage 
der  Gegner  abzuwarten,  sondern  sie  von  kurfürstlicher  Seite  in 
der  Hopfgartenschen  Sache  einzureichen.  Der  Kurfürst  gab  ferner 
an,  in  welcher  Weise  er  diese  Sache  erledigt  zu  haben  wünschte. 
Seine  Vorschläge  liefen  darauf  hinaus,  daß  ausschließlich  der  Wohn- 
sitz für  die  Konfession  eines  Belehnten  maßgebend  sein  solle,  und 
daß  er  mit  Gütern  im  Gebiet  des  anderen  Teiles  trotz  der  Ver- 
schiedenheit der  Religion  belehnt  werden  müsse,  wenn  er  nur 
auf  diesen  Gütern  keine  Abweichungen  vom  Landesgebrauch  vor- 
nähme. Johann  Friedlich  wünschte  schließlich  noch,  daß  eine  Er- 
kläning  der  Zwölf  darüber  herbeigeführt  werde,  daß  er  in  solchen 
FäUen  wie  dem  Lutherschen  nicht  zum  Einschreiten  gezwungen 


1)  Reg.  N.  No.  64,  Bl.  18f.,  Kopie. 

2)  Ebenda  Bl.  22-28. 

3)  Reg.  N.  No.  62. 

4)  Kf.  an  Georg  1535  Jan.  27,  Georg  an  Kf.  Jan.  31,  ebenda. 

5)  Der  Kf.  ernannte  seine  Sechs  am  3.  April,  Reg.  N.  No.  62;  Reg.  A. 
No.  253. 


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472  Kapitel  IV. 

sei,  sondern  daB  erst  der  Herzog  sich  über  die  Sache  erkundigen 
müsse  ^). 

Natürlich  war  nicht  daran  zu  denken,  daß  die  Streitfälle  so 
einfach  zu  Gunsten  des  Kurfürsten  erledigt  würden.  Langwierige 
Verhandlungen  fanden  statt*).  Sie  ließen  bald  das  Zustande- 
kommen eines  gütlichen  Vergleiches  unwahrscheinlich  erscheinen  *), 
und  nachdem  ein  Versuch  Georgs  v.  Karlowitz,  durch  einen 
direkten  Brief  an  den  Kurfürsten  einen  friedlichen  Ausweg 
herbeizuführen ^),  an  dessen  Mißtrauen  gescheitert  war®),  schien 
nur  der  von  diesem  stets  vertretene  Weg  einer  rechtlichen  Ent- 
scheidung durch  die  Zwölf  übrig  zu  bleiben.  Gerade  ihn  aber 
fürchteten  diese  wegen  der  notwendig  damit  verbundenen  Erbitte- 
rung. Sie  haben  daher  in  dem  Abschied  vom  8.  Mai  doch  noch 
den  Versuch  gemacht,  die  Differenzen  gütlich  beizulegen.  Die 
Hopfgarten  sollten  danach  den  Herzog  bitten,  ihnen  zu  verzeihen 
und  die  Lehnsgüter  gegen  die  hergebrachte  Gehorsamsverpflichtung 
zu  erteilen«).  Beide  Teile  sollten  sich  künftig  der  Untertanen  des 
anderen  Teiles  nicht  annehmen,  es  sei  denn,  daß  die  Untertanen 
unter  beiden  Herren  Ansitze  hätten.  Den  Gelehrten  und  Predigern 
sollte  befohlen  werden,  sich  der  Schmähschriften  und  Reden  gegen 
den  anderen  Teil  zu  enthalten’). 

Der  Kurfürst  sah  mit  Recht  in  diesen  außerordentlich  unbe- 
stimmten Festsetzungen  keine  Lösung  der  Frage,  meinte  vor  allem, 
daß  durch  sie  keine  Sicherheit  gegen  künftige  Irrungen  gegeben 
sei.  Daher  konnte  er  sich  nicht  entschließen,  wie  die  Nieder- 
gesetzten wünschten,  dem  Herzog  bis  zum  29.  Mai  die  Annahme 
dieses  Vertrages  mitzuteilen,  hielt  vielmehr  für  besser,  die  Ent- 
scheidung einem  neuen  Tag  zu  überlassen,  den  die  Zwölf  für  den 


1)  April  26,  Eeg.  N.  No.  62,  Or. 

2)  Sie  finden  sich  in  Loc.  8786  „den  Tag  za  Leipzig  1535  belangend“  und 
in  Reg.  N.  No.  64,  Bl.  73  ff. 

3)  Brück  an  Kf.,  Zettel  o.  D.,  Reg.  N.  No.  63,  I.  Die  Räte  an  Kf.  Mai  2, 
Reg.  N.  No.  62. 

4)  Danach  sollten  sich  die  Untertanen  in  einem  solchen  Fall  wie  dem  Hopf* 
gartenschen  mit  ihrer  Klage  an  die  herzogliche  Landschaft  and  nicht  an  Kf. 
wenden.  (Mai  3,  Reg.  N.  No.  62,  I,  Hdbf.) 

5)  Kf.  an  Karlowitz  Mai  4,  ebenda,  Konz.;  an  Brück  Mai  4,  ebenda. 

6)  Sie  sollten  sich  erbieten,  „die  gewonliche  lehenspfhcht,  wie  vor  alters  ber- 
kommen  and  utgen  gehorsam  zu  leisten“. 

7)  Reg.  N.  No.  62,  II,  Kopie.  Seidemann,  I,  S.  153. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  473 

20.  Juni  in  Aussicht  genommen  hatten  für  den  Fall,  daß  die  Fürsten 
ihren  Vorschlag  nicht  annähmen  ^). 

Georg  hatte  allerdings  am  26.  Mai  seine  Zustimmung  zu  dem 
Abschied  vom  8.  Mai  ausgesprochen,  aber  in  einer  Form,  die  den 
Kurfürsten  kränken  mußte.  Zunächst  legte  er  sich  darin  den  Satz 
über  die  Untertanen  in  bezug  auf  die  Hopfgartensche  Sache  durch- 
aus zu  seinen  Gunsten  aus,  ferner  verband  er  die  Annahme  des 
Satzes  über  die  Prediger  mit  herabsetzenden  Worten  gegen  Luther’). 
Diese  Glossierung  des  Vertrages  bestärkte  den  Kurfürsten  nur  in 
dessen  Ablehnung.  Er  schlug  dann  aber  bei  der  Verteidigung 
Luthers  auch  seinerseits  wieder  einen  sehr  scharfen  Ton  an,  ja  er 
ließ  sich  zu  der  Aeußerung  hinreißen,  daß  das  angebliche  Gebet 
Luthers  am  Ende  eine  Erfindung  des  Herzogs  sei*).  Georg  hat 
eine  Erwiderung  dieses  Hiebes  lieber  vermieden,  aber  auch  die 
vom  Kurfürsten  gewünschte  weitere  Erörterung  der  Sache  durch 
die  Zwölf  hielt  er  für  aussichtslos.  Er  erklärte  diesen,  daß  er  sich 
jetzt  an  seine  Freunde  und  an  die  Untertanen,  d.  h.  die  Landschaft 
wenden  werde,  und  kündigte  den  auf  den  20.  Juni  angesetzten 
Rechtstermin  auf<). 

Der  damit  eingetretene  Bruch  rief  bei  den  Niedergesetzten 
große  Erregung  hervor,  und  wir  finden  sie  in  der  nächsten  Zeit 
bemüht,  doch  noch  irgend  welche  Verhandlungen  zu  ermöglichen*). 
Johann  Friedrich  legte  sich  natürlich  zu  seinen  Gunsten  aus,  daß 
Georg  die  Sache  nicht  der  Entscheidung  der  Zwölf  zu  überlassen 

1)  Kf.  an  Georg  Mai  26,  Reg.  N.  No.  62,  II,  Konz.,  in  keiner  Weise  ver- 
letzend. 

2)  Mai  26,  ebenda,  Or.:  weil  wir  uns  vor  seinem  verdamplichen  schmehe- 
lichen  gebet  und  unwarheit  gleich  als  wenigk  entsetzen,  als  das  wir  uns  seiner 
vorbitt  und  lobes  viel  wüsten  zu  trösten. 

3)  Kf.  an  Georg  Mai  30,  Reg.  N.  No.  62,  II,  Konz.,  in  Reg.  Ä.  No.  2ö7c 
ein  eigenh.  Konz.  Nach  der  Steile  über  Luther  bei  K o 1 d e , II,  S.  405,  heiüt  es  weiter, 
da  der  Hz.  immer  wieder  auf  das  angebliche  Gebet  Luthers  zurückkomme,  so 
„müssen  wir  es  dafür  achten,  bis  E.  L.  dasselbe,  wie  sich  gebürt,  nochmals  er- 
weisen, das  E.  L.  solchs  durch  diejhenigen,  welche  E.  L.  und  uns  nicht  gerne  in 
freundlichen  willen  sehen,  sundem  denselben  zu  verhindern  eich  stehets  bevleissigen, 
mit  ungrund  wirdet  bericht  oder  von  E.  L.  selbst  erfunden  sein,  damit  je  E.  L. 
Ursachen  haben,  iren  mnt  zu  khulen  und  sich  mit  uns  in  unnotturftiger  imd  alder 
Weiber  zank  zu  erregnng  nnfrundlichs  gemuts  und  willens  einzulegen“. 

4)  Juni  11,  Reg.  N.  No.  62,  II,  Or.  Seidemann,  I,  8. 154.  Auch  in  diesem 
Brief  scharfe  Ausfälle  g%en  Luther. 

5)  R^.  N.  No.  64,  Bl.  204  ff. 


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474 


Kapitel  IV. 


wagte’).  Gegenüber  den  Anschuldigungen,  die  in  dem  Brief  des 
Herzogs  an  die  Niedergesetzten  enthalten  waren,  legte  er  seinen 
Standpunkt  in  einer  wahrscheinlich  unter  Mitwirkung  Brücks  ent- 
standenen Denkschrift  ausführlich  dar*). 

Diese  Schrift  veranlaßte  die  sechs  kurfürstlichen  Nieder- 
gesetzten, die  herzoglichen  um  eine  erneute  Zusammenkunft  zu 
bitten.  Diese  gingen  zwar  darauf  ein,  und  man  kam  dann  auch 
am  28.  Juli  in  Leipzig  zusammen,  wagte  aber,  da  nicht  alle  er- 
schienen waren,  nichts  zu  beschließen.  Erst  ein  neuer  Tag,  der 
am  5.  und  6.  September  in  Grimma  stattfand,  führte  dem  Wunsche 
des  Kurfürsten  entsprechend  zur  Ansetzung  eines  „endlichen  und 
peremptorischen“  Gerichtstages  auf  den  2.  Oktober  nach  Leipzig. 
Beide  Parteien  wurden  an%efordert,  durch  ihre  Anwälte  zu  er- 
scheinen*). Der  Kurfürst  ließ  sich  auf  diesem  Tage  durch  den 
Hofmeister  Christoph  Groß,  Dr.  Hieronymus  Schürf  und  Dr.  Bleikart 
Sindringer  vertreten.  Aber  auch  jetzt  kam  es  noch  nicht  zu  der 
rechtlichen  Entscheidung.  Die  Niedergesetzten  zogen  es  vor,  noch 
einmal  einen  Versuch  zu  gütlicher  Beilegung  zu  machen.  Sie  ver- 
schoben daher  den  Rechtstag  auf  den  7.  Oktober  und  sandten  den 
beiden  Fürsten  noch  einmal  Ausgleichsvorschläge  zu.  Diese  stimmen 
in  der  Lehnsfrage  fast  genau  mit  dem  Nauniburger  Vertrage  von 
1536  überein,  indem  sie  Verkauf  der  Güter  oder  ihre  Besetzung  mit 
einem  rittermäßigen  Mann  anordnen.  In  der  Sache  Luthers  sollte 
sich  Georg  mit  der  wiederholten  Erklärung  des  Kurfürsten  zufrieden 
geben,  daß  Luther  der  ihm  schuldgegebenen  Worte  nicht  geständig 
sei  ’). 

Diese  Vorschläge  fanden  nun  aber  auf  keiner  Seite  volle  Zu- 
stimmung. Dei-  Kurfürst  erklärte  sich  zwar  im  allgemeinen  ein- 
verstanden, machte  in  der  Lehnsfrage  aber  einige  Zusätze,  durch 
die  die  Artikel  ganz  der  späteren  Naumburger  Entscheidung  gleich- 
lautend wurden.  Ferner  verlangte  er  die  Aufnahme  eines  Para- 
graphen, wonach  der  unfreundliche  Wille  zwischen  ihm  und  Georg 


1)  An  Brück  Juni  15,  Reg.  N.  No.  t>2,  II,  eigenb.  Konz.  Der  Brief  zeigt, 
daß  der  Kf.  für  ratsam  hielt,  daß  Luther  selbst  sich  den  Niedergesetzten  gegen- 
über rechtfertige,  damit  er  bei  der  Sache  aus  dem  Spiele  käme. 

2)  Juli  4,  Reg.  N.  No.  62,  II,  Or. 

2)  Dies  alles  nach  Reg.  N.  No.  64,  BI.  229  ff. 

4)  Ebenda  BI.  249  ff. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  za  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  475 

aufgehoben  sein  sollte ‘).  Der  Herzog  dagegen  war  bereit,  die 
Vorschläge  anzunehmen,  wollte  sich  dabei  aber  die  weitere  Ver- 
folgung der  Frage  des  Lutherschen  Gebets  Vorbehalten,  für  das  er 
als  Zeugen  jetzt  Johann  Spiegel  und  Hans  Wilhelm  v.  Weißenbach 
anführte,  die  damals  in  Diensten  Herzog  Erichs  von  Braunschweig 
waren,  und  andere  angesehene  Personen,  „die  in  auch  solch s un- 
christlichen gepetts  halben  angeredt,  die  angezogene  beneunung 
unserer  person  von  Lutter  gehört“.  Ferner  nahm  er  an,  daß  in 
dem  Vertrag  die  Beleidigung,  die  sich  der  Kurfürst  gegen  ihn  hatte 
zu  schulden  kommen  lassen,  nicht  erwähnt  sei,  hatte  aber  nichts 
dagegen,  daß  die  Zwölf  über  diesen  Punkt  ein  rechtliches  Erkennt- 
nis fällten*). 

Die  Zwölf  faßten  diese  Antworten  als  Ablehnungen  ihrer  güt- 
lichen Vorschläge  auf  und  fällten  nun  am  7.  Oktober  das  Urteil,  daß 
beide  Fürsten  einer  dem  anderen  auf  die  erhobene  Anklage  vor 
ihnen  zu  antworten  hätten  ®). 

Herzog  Georg  lehnte  aber  durch  Brief  vom  11.  Oktober  diese 
rechtliche  Erörterung  ab,  da  erst  die  Beleidigungen  (.A.ttentata)  be- 
seitigt sein  müßten,  die  der  Kurfürst  sich  gegen  ihn  erlaubt  habe‘). 
Da  sich  die  kurfürstlichen  Niedergesetzten  gerade  auf  dem  Wege 
nach  Wien  befanden,  mußte  man  die  Verhandlungen  darüber  dann 
aber  verschieben.  Erst  am  20.  Dezember  konnten  sie  in  Grimma  be- 
ginnen. Unter  dem  Eindruck  neuer  Briefe  beider  Fürsten  beschlossen 
die  Zwölf,  einen  Rechtstag  auf  den  4.  Februar  1536  anzusetzen, 
wobei  nicht  klar  zum  Ausdruck  kam,  ob  dort  zunächst  die  Atten- 
tata  erledigt  werden  sollten.  Man  wollte  wohl  alles  vereinigen*). 

Dieser  Tag  hat  in  Leipzig  stattgefuuden.  Da  wegen  der 
Attentats  kein  Teil  dem  anderen  auf  die  Hauptsachen  antwortete, 
kam  es  zu  dem  Abschied  und  der  Sendung  an  beide  Fürsten 
vom  6.  Februar.  Zu  jedem  begaben  sich  sechs  der  Nieder- 
gesetzten und  schlugen  vor,  daß  die  aus  den  Schriften  entstandenen 
Irrungen  durch  den  landständischen  Ausschuß  der  32  „mächtiglich“ 
entschieden  werden  sollten.  Für  die  Hauptklagen  empfahlen  sie  noch 


1)  Kf.  an  die  Niedergeeetzten  Okt.  5 und  mündlicher  Vortrag  des  Kaspar 
V.  Minckwitz  mit  den  verbesserten  Vorschlägen,  ebenda  BI.  251  ff. 

2)  Ebenda  Bl.  253b  ff.  (Okt.  4). 

3)  Ebenda  Bl.  255. 

4)  Bl.  255  ff. 

5)  Die  Niedergesetzten  an  die  beiden  Fürsten  Dez.  22,  Bl.  264  f. 


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476 


Kapitel  IV. 


einmal  die  Annahme  ihrer  Leipziger  Oktoberartikel.  Sollten  die 
Fürsten  oder  einer  von  ihnen  auf  diese  Vorschläge  nicht  eingehen, 
so  baten  sie  um  Erstreckung  der  Instanz,  d.  h.  der  Zeit,  innerhalb 
deren  ein  solcher  Streit  nach  dem  Machtspruch  entschieden  sein 
mußte,  bis  Michaelis,  wollten  auf  jeden  Fall  aber  am  12.  März  in 
Grimma  zu  weiterer  Beratung  Zusammenkommen.  Dort  sollten 
dann  eventuell  auch  die  32  sich  einfinden*). 

Gegen  diese  Vorschläge  hatten  zwar  beide  Fürsten  Bedenken, 
besonders  Georg  hätte  rechtliche  Entscheidung  der  Attentata  durch 
die  Zwölf  lieber  gesehen,  und  Johann  Friedrich  machte  darauf  auf- 
merksam, daß  manche  von  den  32  gestorben  seien.  Schließlich 
acceptierten  aber  doch  beide  den  Vorschlag,  daß  die  Zwölf  ihrerseits 
20  weitere  Personen  aus  der  Landschaft  zuzögen  und  daß  die  In- 
stanz bei  Michaelis  erstreckt  würde.  Am  12.  März  sollten  die  32 
in  Leipzig  zusammentreten,  beide  Fürsten  sich  in  die  Nähe  begeben  ’). 

Das  geschah.  Das  Resultat  der  Beratung  der  32  war,  daß  sie 
sich  in  corpore  erst  zum  Kurfürsten,  dann  zum  Herzog  begaben, 
ihnen  erklärten,  daß  sie  beide  in  einigen  Punkten  zu  weit  gegangen 
seien,  und  sie  baten,  künftig  dergleichen  zu  vermeiden,  für  jetzt 
aber  den  Unwillen  gegeneinander  fallen  zu  lassen.  Durch  Briefe, 
die  beide  miteinander  wechseln  sollten,  sollte  das  zum  Ausdruck 
gebracht  werden.  Künftig  sollten  sie  in  Religionssachen  lieber 
immer  die  Räte  schreiben  lassen.  Die  32  stellten  in  Aussicht,  nach 
Erledigung  dieser  Sache  die  Hauptsache,  die  Frage  der  Auslegung 
des  Machtspruchs,  vorzunehmen;  würde  dagegen  auf  diesem  Wege 
nichts  erreicht,  so  müßte  die  Sache  an  die  Landschaft  oder  an  die 
erbverbrüderten  Fürsten  gebracht  werden*). 

Obgleich  Johann  Friedrich  an  diesen  Vorschlägen  mancherlei 
auszusetzen  hatte,  gab  er  doch  am  17.  März  seine  Zustimmung 
dazu,  daß  die  Frage  in  dieser  Weise  beigelegt  würde,  nur  im  Falle 
einer  rechtlichen  Entscheidung  wünschte  er,  daß  sie  nicht  durch 
die  Landschaft  oder  die  Erbverbrüderten,  sondern  dem  Machtspruch 
gemäß  durch  die  Zwölf  erfolge  *).  Auch  Georg  war  bereit,  auf  den 
Vorschlag  der  32  einzugehen,  vorausgesetzt,  daß  sie  ihn  in  dem 
Schriftenstreit  mit  dem  Kurfürsten  für  unschuldig  erklärten.  Darauf 

1)  Bl.  267  ff. 

2)  Bl.  271  ff. 

3)  R«g.  N.  No.  62,  IV. 

4)  Antwort  des  Kf.  ebenda. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  za  den  Älbertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  477 

gaben  27  von  jenen  eine  Erklärung  ab,  daß  sie  sowohl  ihn  wie 
den  Kurfürsten  für  entschuldigt  hielten,  während  5 der  kurfürst- 
lichen Niedergesetzten  sich  von  dieser  Erklärung  ausschlossen, 
lieber  diese  äußerte  sich  der  Herzog  dann  zwar  sehr  scharf,  gab 
sich  aber  im  übrigen  zufrieden,  ließ  auch  das  gewünschte  Schreiben 
an  den  Kurfürsten  ergehen,  um  dadurch  die  Korrespondenz  wieder 
aufzunehmen  *). 

Inzwischen  hatte  nun  aber  Johann  Friedrich  von  jener  Spaltung 
der  32  gehört,  er  fürchtete,  durch  die  dem  Herzog  gegebene  Er- 
klärung in  Nachteil  zu  geraten,  besonders  sich  in  religiöser  Be- 
ziehung etwas  zu  vergeben,  wenn  er  dies  Verfahren  ruhig  hin- 
gehen ließe*).  Er  bemühte  sich,  die  32  noch  zusammenzuhalten 
zu  weiteren  Erörterungen.  Das  gelang  nicht.  Die  anderen  suchten 
ihn  zu  beruhigen,  besonders  indem  sie  darauf  hinwiesen,  daß  von 
der  Religion  in  der  Erklärung  der  27  ja  gar  nicht  die  Rede  sei. 
Der  Kurfürst  gab  sich  damit  schließlich  zufrieden  und  wollte  nun 
seinerseits  das  Zuschreiben  an  Georg  ergehen  lassen.  Inzwischen 
hatte  dieser  aber  die  Geduld  verloren,  fühlte  sich  durch  den  Brief 
des  Kurfürsten  an  die  Niedergesetzten  auch  von  neuem  gekränkt 
und  brach  alle  Verhandlungen  ab®). 

Die  Schuld  an  diesem  Ausgang  wird  man  jedenfalls  nicht  ein- 
seitig dem  Kurfürsten  zuschreiben  dürfen,  er  hat  sich  bei  den 
Märzverhandlungen  ganz  korrekt  benommen,  die  Beleidigungen,  die 
er  Georg  zugefügt  hatte,  waren  allerdings  größer,  als  die,  die  jener 
sich  gegen  ihn  hatte  zu  Schulden  kommen  lassen. 

Der  Kurfürst  hielt  für  nicht  ganz  unmöglich,  daß  Georg  nun 
zu  Gewaltmaßregeln  greifen  würde,  jedenfalls  schien  es  ihm  ratsam, 
sich  die  Hilfe  des  Bundes  zu  sichern.  .\uf  dem  Frankfurter 
Bundestage  haben  die  kursächsischen  Gesandten  in  allererster  Linie 
für  diese  Frage  arbeiten  müssen.  Die  Antwort  der  Stände  lautete 
recht  günstig,  doch  empfahlen  sie,  zunächst  die  Vermittlung  des  Land- 
grafen anzunehmen  ‘).  An  diesen  war  nämlich  die  herzoglich  säch- 

1)  Ueber  die  Verhandlungen  mit  Georg  unterrichten  uns  ein  „Summarie 
bericht“  über  die  Verhandlungen  von  Hans  v.  Weißenbach,  Hans  Metzsch  und 
Kaspar  v.  Minckwitz  an  Joh.  Friedrich  vom  28.  März,  Reg.  N.  No.  62,  IV  am 
Ende  und  Beilagen  dazu  in  dems.  ßde. 

2)  Eigenh.  Aufzeichnung  des  Kf.  über  die  Sache  ca.  März  21,  E^.  N.  No.  62,  III. 

3)  Alles  nach  Reg.  N.  No.  62,  IV.  Abschriften  auch  in  Reg.  N.  64. 

4)  P.  C.  II,  356.  365.  Brück  an  Kf.  April  13,  Loc.  9650  „des  Kf.  zu 
Sachsen  nnd  Dr.  Gr^orii  Brücken  . . .“,  1537,  Or.  Instruktion  imd  Beiinstruktion 


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478 


Kapitel  lY. 


sische  Landschaft  herangetreten,  und  auch  Philipp  war  der  Meinung, 
daß  seine  Vermittlung  der  beste  Ausweg  sein  würde.  Durch  Otto 
Hund  machte  er  dem  Kurfürsten  von  dem  Antrag  Mitteilung, 
bot  seine  Vemittlung  an  und  schlug  den  29.  Mai  als  Verhand- 
lungstag vor  1).  Johann  Friedrich  äußerte  sich  darauf  nicht  gerade 
sehr  entgegenkommend,  nahm  aber  schließlich  doch  den  Vorschlag 
an*),  so  daß  Ende  Mai  der  Tag  in  Naumburg  zusammentreten 
konnte.  Der  Landgraf  entfaltete  eine  sehr  eifrige  Tätigkeit,  schrieb 
viel  und  reiste  zwischen  Naumburg,  wo  der  Kurfürst  weilte,  und 
Weißenfels,  wo  der  Herzog  sich  aufhielt,  hin  und  her®).  Am 
1.  Juni  schlossen  die  5 Niedergesetzten  sich  der  Erklärung  der  27 
an,  nachdem  diese  versichert  hatten,  daß  ihre  Entschuldigung  sich 
nicht  auf  die  Keligion  beziehe  noch  auf  die  Sachen,  die  sich  in 
die  Religion  ziehen  ließen*).  .\m  3.  Juni  wurde  dann  alles  durch 
einen  Vertrag  des  Landgrafen  mit  den  beiden  Parteien  beigelegt, 
im  wesentlichen  indem  das  schon  früher  von  den  Niedergesetzten 
Vorgeschlageue  wiederholt  wurde.  Man  nahm  also  in  der  Frage 
der  Lehnsgüter  und  Luthers  deren  Vorschläge  von  Oktober  an  mit 
den  Zusätzen,  die  der  Kurfürst  damals  dazu  gemacht  hatte.  Die 
gegenseitigen  Beleidigungen  wurden  ungefölir  in  der  Weise  auf- 
gehoben, wie  man  im  März  geplant  hatte.  In  Keligionssachen 
sollten  künftig  immer  je  zwei  Räte  zu  Verhandlungen  entsandt 
werden.  Neu  war  auch  noch,  daß  die  Zwölf  das  Recht  erhielten, 
im  Falle  künftiger  Gebrechen  die  Instanz  auf  2 Jahre  zu  er- 
strecken®). — 

Wieder  einmal  schien  nun  jeder  Grund  zum  Streite  beseitigt 
und  die  Möglichkeit  zu  friedlichem  Verkehr  gegeben.  Es  läßt  sich 
jedoch  nichts  davon  bemerken,  daß  man  geneigt  gewesen  wäre,  diesen 
mit  solcher  Wärme  aufzunehmen,  wie  das  im  Jahre  1534  geschehen 
war,  auch  gab  es  noch  in  demselben  Jahre  mancherlei  kleine 

für  die  Ges.  in  Frankfurt  AprU  15,  Reg.  H.  p.  106,  No.  47,  auch  Reg.  N.  No.  64. 
Bl.  340  ff.  Kf.  an  die  Ges.  April  22,  Reg.  N.  No.  62,  III,  Or. 

1)  Instruktion  des  Ldgf.  für  Frankfurt  April  22,  P.  A.  No.  439,  Konz. 
Instruktion  für  Hund  April  14,  R^.  A.  No.  254,  Kopie.  Ldgf.  an  Kf.  April  21, 
Reg.  N.  No.  62,  III,  Or. 

2)  Antwort  des  Kf.  an  Hund  April  30,  P.  A.  Sachsen,  Emestin.  Linie,  1536, 
Or.,  in  Reg.  N.  No.  64  eine  Kopie. 

3)  Akten  in  Reg.  N.  No.  62,  IV,  und  in  P.  A.  Sachsen,  Ernestin.  Linie,  1536. 

4)  Reg.  N.  ebenda. 

5)  Lünig,  Reichsarchiv,  Pars  spec.  oontin.  II,  S.  267  f. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  479 

Reibungen,  die  zur  größten  Vorsicht  nötigten.  Da  veranlaßte  Packs 
Gefangennehmung  den  Herzog  zu  verfänglichen  Fragen  über  diese 
Angelegenheit'),  da  ließ  der  Kurfürst  den  Erfurter  Syndikus 
Dr.  Wolfgang  Blick  wegen  Schmähreden  verhaften,  ohne  zu  ahnen, 
daß  er  ein  Untertan  Georgs  sei,  und  versetzte  diesen  dadurch  in 
die  größte  Erregung*)  u.  dgl.  m.  Wohl  machten  dann  die  Herzogin 
Elisabeth  und  Georg  v.  Karlowitz  einen  Versuch,  durch  eine  Zu- 
sammeukunft  mit  Hans  v.  Ponikau  und  Kaspar  v.  Minckwitz 
unter  Fernhaltung  der  Juristen  ein  ebenso  gutes  Verhältnis,  wie 
1533/34,  eine  wirklich  vollständige  Versöhnung  herbeizuführen, 
Johann  Friedrich  verdarb  aber  den  Plan.  Mit  der  Beilegung  der 
noch  bestehenden  Differenzen  durch  gütliche  Verhandlungen  war 
er  wohl  einverstanden,  verlangte  aber,  daß  dabei  Juristen  zugezogen 
würden,  wollte  sich  auch  die  Ausschließung  Brücks  nur  ungern  ge- 
fallen lassen®). 

In  den  Erörterungen  der  Herzogin  Elisabeth  spielt  schon  die 
Sendung  des  jungen  Predigers  Schenk  nach  Freiberg  eine  Rolle. 
Herzog  Georg  wai-  der  Meinung,  daß  der  Kurfürst  dadurch  Un- 
einigkeit zwischen  ihm  und  seinem  Bruder  und  Neffen  säen  wolle*). 
Das  war  ja  nun  allerdings  nicht  das  Motiv  des  Kurfürsten,  sein 
Interesse  für  die  Reformation  in  Fieiberg,  seine  engen  Beziehungen 
zu  dem  dortigen  Herzogspaar  wurden  aber  natürlich  eine  neue 
Ursache  zu  Differenzen  mit  dem  alten  Herrn  in  Dresden.  Handelte 
es  sich  doch  auch  jetzt  wieder  um  ein  Gebiet,  auf  dem  auch  ihm 
jede  Nachgiebigkeit  gegen  das  Gewissen  ging,  um  das  Religiöse. 
Um  so  mehr  dürfen  wir  die  Haltung  loben,  die  er  im  Dezember  1536 
einnahm.  Er  wies  zwar  auf  eine  Anfrage  der  Herzogin  Katharina 
hin  die  Forderung  Georgs  resp.  den  Vorschlag  Georgs  v.  Karlowitz, 
daß  Schenk  sich  weihen  lassen  solle,  auf  Grund  eines  Gutachtens 

1)  Georg  an  Kf.  Juli  27,  Reg.  H.  p.  112,  No.  52.  Kf.  an  Georg  Aug.  1, 
ebenda.  Man  ließ  die  Korreepondenz  zum  Teil  lieber  durch  die  Räte  führen. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  12,  Reg.  H.  ebenda,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Okt  2(1,  Konz., 
ebenda.  Kf.  an  Brück  Nov.  10,  Reg.  Gg.  No.  413L,  I,  Konz.  Ldgf.  an  Kf. 
Nov.  11,  Reg.  H.  ebenda,  Or.  Akten  über  den  Fall  Blick  in  Reg.  G.  No.  11. 

3)  Elisabeth  an  Kf.  Okt.  27  und  Nov.  2,  Loc.  SC07  „Handschreiben  . . .“, 
BL  112/113,  BL  114/115  Hdbf.  Georg  v.  Karlowitz  an  Kaspar  v.  Minckwitz 
Okt.  28,  Reg.  A.  No.  254,  Or.  Ponikau  war  danach  tatsächlich  geschickt  worden, 
den  weiteren  Plan  aber  verdarb  der  Kf.  Ponikau  an  Georg  v.  Karlowitz  Nov.  7, 
Reg.  A.  ebenda,  Konz,  mit  Korrekturen  des  Kf. 

4)  Brief  der  Herzogin  vom  2.  Nov. 


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480 


Kapitel  IV. 


der  Wittenberger  Theologen  zurück,  empfahl  aber,  daß  Schenk  eine 
Zeitlang  aus  Freiberg  entfernt  und  durch  den  Pfarrer  auf  dem 
Schneeberge,  Magister  Zeuner,  der  geweiht  sei,  ersetzt  werde  ^ ). 
Allerdings  bestand  er  nicht  auf  diesem  Vorschlag,  als  Schenk  selbst 
sein  Bleiben  und  ein  Hinziehen  der  Sache  für  ratsamer  hielt  *)  und 
als  sich  auch  Heinrich  entschieden  für  sein  Bleihen  aussprach  ®). 

Der  religiöse  Gegensatz  war  daran  schuld,  wenn  sich  im  März 
1537  auch  das  letzte  Band,  das  Johann  Friedrich  und  Georg  noch 
verknüpfte,  die  Erbeinigung,  löste.  Schon  seit  dem  Jahre  1533 
war  von  ihrer  Erneuerung  die  Rede  gewesen^),  im  Herbst  1536 
hatten  die  Kurfürsten  von  Sachsen  und  Brandenburg  den  Vor- 
schlag gemacht,  ihr  eine  Beratung  der  Räte  vorhergehen  zu  lassen  ®). 
Da  aber  weder  Herzog  Georg  noch  der  Landgi  af  darauf  eingingen, 
war  es  schließlich  doch  zu  der  einfachen  Zusammenkunft  der  be- 
teiligten Füreten  in  Zeitz  gekommen.  Der  Zwist,  der  nun  hier 
entstand,  wurde  dadurch  hervorgerufen,  daß  die  eifrigen  Pro- 
testanten unter  den  beteiligten  Fürsten,  vor  allem  auch  Johann  Fried- 
rich, daran  Anstoß  nahmen,  daß  die  Erbeinigung  nach  ihrem  bis- 
herigen Wortlaut  auch  der  römischen  Kurie  zu  Ehren  aufgerichtet 
war,  daß  der  Papst  darin  ausgenommen  wurde  und  daß  man  den 
Eid  auf  die  Heiligen  leistete.  Sie  wün.schten  diesen  letzten  Punkt 
ganz  wegzulassen,  statt  der  Kurie  „cliristliche  Kirche“  einzusetzen 
und  den  zweiten  Punkt  dahin  zu  erläutern,  daß  sie  dadurch  in 
nichts  gewilligt  haben  wollten,  das  der  Antwort,  die  sie  Held  in 
Schmalkalden  gegeben  hätten,  widerspräche.  Herzog  Georg,  der 
einzige  der  beteiligten  Fürsten,  der  noch  wirklich  katholisch  war, 
ließ  sich  aber  auf  keine  dieser  Aenderungen  ein  und  betrachtete  sich, 
da  sein  Widerspruch  unberücksichtigt  blieb,  als  künftig  nur  noch 
mit  dem  Landgrafen  durch  die  Erbeinung  verbunden,  da  nur  dieser 
sie  früher  ebenso  wie  er  beschworen  habe.  Die  übrigen  Fürsten 
haben  in  Zeitz  den  Vertrag  erneuert,  nachdem  sie  ihn  in  der  an- 


1)  Kf.  an  Herzogin  Katharina  Dez.  2,  Seidemann,  Schenk,  S.  14.  128 ff., 
Konz.,  Keg.  N.  No.  G5.  Da»  Gutachten  der  Theologen  C.  B.  III,  183  ff.  VergL 
Brandenburg,  Heinrich,  S.  129 f. 

2)  Schenk  an  Kf.  Dez.  16,  Seidemann,  Schenk,  S.  133 ff.,  Or.  Reg.  N. 
No.  65.  Kf.  an  Schenk  1537  Jan.  1,  Seidemann  a.  a.  O.  S.  141  f. 

3)  Brandenburg,  S.  130. 

4)  R^.  D.  No.  504. 

5)  Reg.  D.  No.  505. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  481 


gegebenen  Weise  geändert  hatten.  Sie  ergänzten  ihn  aber  noch 
durch  einen  Reibrief,  indem  sie  die  Ausnehmung  des  Papstes  aus- 
drücklich Zurücknahmen  und  sich  außerdem  verpflichteten,  auf 
keinen  Fall  einander  Feind  zu  sein,  wenn  einer  der  Beteiligten 
angegriffen  würde,  von  wem  es  auch  sei,  ohne  jede  Ausnahme  *). 

Unter  den  Fürsten,  die  diese  Verträge  Unterzeichneten,  befand 
sich  auch  Herzog  Heinrich,  der  Bruder  Georgs.  Der  Gegensatz 
zwischen  ihnen  beiden  wurde  immer  lebhafter,  je  mehr  sich  der 
Uebergang  Heinrichs  und  seines  Gebietes  zur  neuen  Lehre  ent- 
schied, und  auch  das  Verhältnis  Johann  Friedrichs  zu  dem  Dresdner 
Herzog  wurde  mehr  und  mehr  durch  diese  internen  albertinischen 
Verhältnisse  beeinflußt.  Gerade  seit  dem  Anfang  des  Jahres  1537 
hatten  die  Beziehungen  zwischen  Georg  und  Heinrich  dadurch  an 
Wichtigkeit  gewonnen,  daß  Georgs  Sohn  Johann  am  11.  Januar 
gestorben  war  und  sich  nun  bei  der  Geistesschwäche  des  zweiten 
Sohnes  Friedrich  die  Aussicht  auf  eine  Nachfolge  Heinrichs  im 
Herzogtum  Sachsen  und  eine  damit  verbundene  Reformation  auch 
dieses  Gebietes  eröfihete.  Es  ist  bekannt,  daß  Herzog  Georg  seinen 
Widerstand  gegen  die  neue  Lehre  nun  dadurch  über  das  Grab  hinaus 
fortzusetzen  suchte,  daß  er  sich  bemühte,  die  Nachfolge  des  blöd- 
sinnigen Friedrich  dadurch  zu  ermöglichen , daß  er  ihm  einen 
Regentschaftsrat  von  24  Mitgliedern  der  Landschaft  an  die  Seite 
setzte.  Er  rechnete  darauf,  daß  die  Interessen  des  Adels  für  die 
Ausführung  dieses  Planes  nach  seinem  Tode  sorgen  würden’). 
Natürlich  beschäftigte  man  sich  aber  auch  auf  der  anderen  Seite 
mit  der  Sache,  nachdem  sie  durch  die  Landtagsverhandlungen  vom 
Frühjahr  1537  bekannt  geworden  war,  und  besonders  Johann 
Friedrich  hatte  lebhaftes  Interesse  dafür,  gewiß  nicht  nur  aus 
Freundschaft  für  Herzog  Heinrich,  sondern  auch  wegen  der  .Aus- 
sichten, die  dessen  Nachfolge  dem  Protestantismus  eröffhete.  Es 
erwies  sich  nun  aber  als  nicht  ganz  einfach,  Wege  zu  finden,  um 

1)  Müller,  Iteichstagstheater  II,  S.  356 ff.  Ranke,  IV,  S.  76,  Akten  in  Reg. 
D.  No.  506.  Or.  der  Erbeinigung  in  Weimar,  Urk.  No.  1104,  des  Beibriefs  No.  1105 
(Reg.  F.  fol.  101,  E,  No.  VIII,  4a.  b).  Danach  bezog  sich  die  gegenseitige 
NeutralitätsverpfUchtung  nicht  nur  auf  die  Religion,  sondern  auf  alle  l^hen. 
Man  wollte  einander  nicht  feind  sein  „umb  niemands  noch  umb  keinerlei  sacken 
willen,  die  betref  die  religion  oder  ichu  anders,  wie  man  das  erdenken  mocht, 
auch  unser  jedes  religionverwandten  von  sacken  wegen  der  religion  nicht  uber- 
ziehen und  vergewaltigen  helfen". 

2)  Brandenburg,  Heinrich,  8.  135  f. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  31 


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482 


Kapitel  IV. 


den  Plan  des  alten  Herzogs  zu  hindern.  Wenigstens  waren  auch 
Brück  und  andere  kursächsische  Juristen  der  Ansicht,  daß  der 
„brüderliche  Vertrag“  zwischen  Georg  und  Heinrich,  durch  den  die 
Erbfolgeordnung  ihres  Vaters  Albrecht  aufgehoben  worden  war,  dem 
Freiberger  Herzog  keine  Handhabe  gegen  die  Nachfolge  Friedrichs 
böte,  daß  dieser  also  höchstens  auf  Grund  des  gemeinen  Rechtes 
für  regierungsunfähig  erklärt  werden  könne,  darüber  aber  hätte 
eben  die  Landschaft  zu  entscheiden  *).  Johann  Friedrich  scheint 
geneigt  gewesen  zu  sein,  die  Sachlage  etwas  günstiger  für  Heinrich 
anzusehen,  das  Resultat  der  Verhandlungen,  die  zwischen  ihm, 
Heinrich  und  dem  Landgrafen  stattfanden,  und  einer  Unterredung, 
die  er  mit  Philipp  im  August  15.87  in  Rotenburg  au  der  Fulda 
hatte,  war  aber  doch  nur,  daß  sie  beide  dem  Freiberger  rieten,  der 
Sache  ruhig  bis  nach  Georgs  Tode  Anstand  zu  geben*). 

Mußte  man  so  zunächst  darauf  verzichten , irgendwelche 
juristischen  Schritte  gegen  Georgs  Pläne  zu  tim,  so  hat  sich  Johann 
Friedrich  doch  in  anderer  Weise  bemüht,  die  Position  Heinrichs 
zu  stärken.  Wie  er  selbst  erzählt,  riet  er  ihm,  zunächst  fest  bei 
Gottes  Wort  zu  verharren,  ferner  die  Visitation  in  seinem  Lande 
vorzunehmen,  in  den  schmalkaldischen  Bund  einzutreten  und  seinen 
Sohn  Moritz  von  dem  Hofe  des  Bruders  hinwegzunehmen*).  Es 
stand  also  in  einem  gewissen  Zusammenhang  mit  den  Erbfolge- 
plänen Georgs,  wenn  der  Kurfürst  im  Mai  1537  selbst  mit  Melchior 
V.  Kreitzen  und  Spalatin  in  Freiberg  erechien,  um  Herzog  Hein- 
rich und  Schenk  bei  der  vollen  Durchführung  der  Reformation  zu 
unterstützen ‘).  Wie  zu  erwarten  war,  wurde  der  Zorn  Herzog 


1)  Gutachten  vom  19.  und  24.  April  1537  in  Loc.  10041  „Instruktion  wegen 
Hz.  Georgs  Verordnung  . . . 1537 — 39“,  Bl.  109  ff. 

2)  Gutachten  des  Kf.  vom  27.  April  in  Loc.  10041  „Instractiones  und 
Schriften  1506 — 39“,  Bl.  47 — 49;  eigenh.  Aufzeichnung  de«  Kf.  über  das.  wa.s  er 
dem  Ldgf.  vortragen  wollte,  Aug.  7,  ebenda  Bl.  241 — 246.  Kf.  an  Brück  Aug.  24, 
BL  237 — 240,  Konz.,  Loc.  10041  „Instruktion  über . . . 1537 — 39“,  BL  134—136. 
Brandenburg,  Heinrich,  S.  140. 

3)  Ich  folge  von  hier  an  vielfach  dem  sogenannten  Wurzener  Manuskript 
Johann  Friedrichs  [W.  M.],  einer  eigenhändigen  Aufzeichnung,  die  er  bald  nach 
dem  April  1542  über  die  nachbarlichen  Streitigkeiten  für  Spalatin  machte,  Keg.  O. 
No.  28*.  Obiges  auf  BL  2b  und  11a.  Vergl.  auch  Issleib,  NASG.  XXVI, 
S.  280  f. 

4)  Seidemann,  Schenk,  S.  20.>  Brandenburg,  Heinrich,  S.  137.  Iss- 
Icib,  a.  a.  O.  S.  281. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrirhs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  4^3 

Georgs  gegen  seinen  Bruder  dadurch  noch  gesteigert.  Die  gegen- 
seitige Erbittening  wurde  so  groß,  daß  Herzog  Heinrich  im  Sommer 
einen  Angriff  seines  Bruders  befürchtete  und  Johann  Friedrich  für 
diesen  Fall  um  Hilfe  bat.  Der  Kurfürst  war  bereit  dazu  und  er- 
teilte, als  er  sich  damals  nach  Franken  begab,  den  Befehlshabern 
des  altenburgischen  Landkreises  die  nötigen  Befehle.  Sie  zeigen, 
daß  er  dabei  bestrebt  war,  jeden  Schritt  zu  vermeiden,  der  aggressiv 
gedeutet  werden  konnte.  Bald  erwiesen  auch  von  kurfürstlicher 
Seite  eingezogene  Kundschaften,  daß  die  Befürchtungen  Heinrichs 
unbegründet  gewesen  waren,  und  man  konnte  wieder  abrüsten*). 

Gerade  solche  Erfahrungen  mußten  es  Johann  Friedrich  er- 
wünscht erscheinen  lassen,  im  Falle  eines  bewaffneten  Zusammen- 
stoßes zwischen  den  Albertinischen  Brüdern  nicht  allein  die  Ver- 
teidigung Heinrichs  auf  sich  nehmen  zu  müssen.  Sie  bestärkten 
ihn  daher  in  seinen  schon  seit  dem  .Anfang  des  Jahres  1537  eifrig 
betriebenen  Bemühungen  um  den  Eintritt  Herzog  Heinrichs  in 
den  schmalkaldisclien  Bund.  Es  ist  bekannt,  wie  er  zunächst  die 
Zustimmung  des  Herzogs  und  seiner  Gemahlin  dazu  gewann,  wie 
er  dann  die  Bedenken,  die  manche  Bundesstände  wegen  der  zweifel- 
haften Stellung  Heinrichs  zu  Georg  und  zum  Protestantismus 
hatten,  überwand  und  bis  zum  November  1537  die  Aufnahme 
durchsetzte,  wie  aber  dadurch,  daß  Heinrich  zu  keinen  bestimmten 
Leistungen  verpflichtet  wurde  und  nur  in  den  Bund,  nicht  auch 
in  die  „Verfassung  zur  Gegenwehr“  aufgenommen  wurde,  eine 
Quelle  für  manche  späteren  Schwierigkeiten  eröffnet  wurde*). 

Hinter  dem  großen  Gegensatz,  der  durch  die  enge  Verbindung 
des  Kurfürsten  mit  den  Freibergern  geweckt  wai-,  traten  die  nach- 
barlichen Streitigkeiten  zwischen  ihm  und  Georg  stai'k  zurück. 
Die  Anregungen  der  Herzogin  Elisabeth  im  Herbst  153(5  hatten, 
wie  wir  sahen,  durch  die  Schuld  des  Kurfürsten  doch  wieder  nur 
zu  einer  der  üblichen  „Zusammen.schickungen“  der  Käte  geführt, 
nachdem  man  vorher  die  neu  entstandenen  Gebrechen  gegeneinander 
au.sgetauscht  hatte.  Das  Resultat  der  Beratungen,  die  vom  8.  bis 
13.  Dezember  1536  in  Oschatz  stattfanden,  war  ein  Vertrag,  in 
dem  allerhand  mit  der  Frage  der  geistlichen  Zinsen  zusammen- 


1)  Brandenburg,  S.  138 f.  Akten  in  Loc.  10(M1  „Instruktion  wegen  Hz. 
Georgs  Verordnung  . . . 1537 — 39“;  W.  M.  Bl.  11b. 

2)  Brandenburg,  S.  130f.  133 ff. 

31* 


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484 


Kapitel  IV. 


hängende  Einzelheiten  erledigt  wurden  *).  Ueber  viele  Punkte 
waren  allerdings  noch  weitere  Erörterungen  nötig,  um  festzustellen, 
was  bisher  Gewohnheit  gewesen  sei,  so  daß  sich  noch  längere 
Korrespondenzen  an  den  Oschatzer  Vertrag  anschlossen®),  dann 
trat  Ruhe  in  diesen  Dingen  ein.  Im  übrigen  aber  war  das  Ver- 
hältnis gerade  im  Jahre  1537  aus  den  schon  angegebenen  Gründen 
das  denkbar  schlechteste.  Im  Herbst  wurde  der  Groll  des  alten 
Herrn  in  Dresden  dadurch  noch  gesteigert,  daß  seine  Schwieger- 
tochter, die  Herzogin  von  Rochlitz,  mit  Unterstützung  Johann 
Friedrichs  in  ihrem  Gebiete  die  Reformation  einführte®).  Im  No- 
vember gab  es  dann  schon  einmal  einen  Moment,  wo  man  den  Tod 
Georgs  nahe  bevorstehend  glaubte.  Der  Gedanke  des  Kurfürsten 
war  damals  der,  daß  Heinrich  nach  dem  Tode  seines  Bruders  ein 
Ausschreiben  au  die  Untertanen  müsse  ergehen  lassen,  worin  er 
diese  aufforderte,  Herzog  Fiiedrich  und  den  24  nicht  zu  huldigen, 
ehe  die  Frage  der  Nachfolge  durch  einen  Erbeinungstag  in  Naum- 
burg entschieden  sei*).  Herzog  Georg  erholte  sich  aber  wieder 
und  setzte  seine  Umtriebe  und  Schikanen  gegen  seinen  Bruder  fort. 
So  sperrte  er  ihm  z.  B.  die  Einkünfte  der  Freiberger  Klöster  und 
faßte  vor  allem  den  Plan,  durch  eine  Verheiratung  Herzog  Fried- 
richs alle  Hoffnungen  der  Freiberger  zuschanden  zu  machen®). 
Die  Sperrung  jener  Einkünfte  war  für  Heinrich  ein  sehr  harter 
Schlag.  Da  Voi'stellungen  dagegen  bei  Georg,  bei  deren  Abfassung 
Johann  PTiedrich  ihm  die  Feder  führte,  nichts  halfen®),  wandte  er 
sich  an  den  Tag  der  Erbeinungsverwandten,  der  im  Februar  1.538 
wegen  des  Streites  des  Kurfürsten  mit  Albrecht  von  Mainz  in 
Zerbst  stattfaud.  Gemeinsam  nahmen  sich  jetzt  die  Fürsten  der 


1)  LUnig,  S.  208 ff. 

2)  Kf.  an  Kaspar  v.  Minckwitz  und  Hans  v.  Ponikau  1537  Jan.  6, 
Reg.  A.  Xo.  2.55,  Or.  Ein  Bedenken  BrUcks  über  die  Oschatzer  Handlung  in 
Weimar,  Kopialbuch  F.  4,  Bl.  93.  April  10  erteilt  der  Kf.  Hauptmann  und  Rat 
zu  Altcnburg  Befehle  für  die  Ausfühning,  Beg.  A.  No.  255. 

3)  Brandenburg,  S.  142 f.,  vor  allem  aber  Planitz,  Zur  Einführung 
der  Reformation  in  den  Aemtern  Rochlitz  und  Kriebstein,  Beiträge  zur  Sächsischen 
Kirchengeschichte  XVII  (1904),  S.  24  ff. 

4)  Entwurf  für  das  Ausschreiben  von  der  Hand  des  Kf.  Loc.  10041  „In- 
structioncs  und  Schriften“,  Bl.  111 — 114,  am  16.  November  zur  Begutachtung  an 
Brück  gesandt,  Bl.  151 — 153. 

.5)  Vergl.  M.  P.  C.  I,  15 f.;  Brandenburg,  Heinrich,  8.  167. 

6)  Brandenburg,  S.  141  f. 


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Da«  Verhältois  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  485 

Erbeiuung  seiner  Sache  bei  Georg  au  und  forderten  diesen  auf, 
die  Speinnaßregeln  gegen  die  Freiberger  Klöster  aufzuheben ‘). 
Erreicht  wurde  aber  auch  dadurch  nichts*). 

Zwischen  dem  Kurfürsten  und  Georg  direkt  scheint  es  in 
dieser  Zeit  keine  bedeutenderen  Streitigkeiten  gegeben  zu  haben, 
doch  wird  man  das  mehr  als  einen  Beweis  für  den  völligsten  .\b- 
bruch  der  Beziehungen  als  für  ein  Zeichen  der  Freundschaft  an- 
sehen  müssen.  Im  Sommer  erhielt  der  Gegensatz  ja  dann  den 
deutlichsten  Ausdruck  dadurch,  daß  Georg  sich  dem  Nürnberger 
Bunde  anschloß.  Er  war  für  ihn  zugleich  ein  Mittel,  um  die  Nach- 
folge seines  Sohnes  zu  sichern.  Daß  der  Kurfürst  und  der  Land- 
graf darauf  in  eine  Korrespondenz  mit  ihm  darüber  eintraten,  ob 
er  die  Erbeinung  ausgenommen  habe,  berührt  bei  der  Haltung,  die 
der  Herzog  in  Zeitz  eingenommen  hatte,  eigeutümlich  und  mag 
wohl  hauptsächlich  durch  den  Wunsch  eingegeben  gewesen  sein. 
Näheres  über  das  Nürnberger  Bündnis  zu  erfahren®).  Natürlich 
wurde  aber  auch  durch  diese  Korrespondenz  und  die  damit  ver- 
bundenen Erörterungen  über  die  beiderseitigen  Bündnisse  die 
Stimmung  nicht  verbessert. 

Es  wäre  zu  wünschen  gewesen,  daß  wenigstens  alle  anderen 
Mitglieder  der  Erbeinung  Georg  gegenüber  zusammengehalten 
hätten.  Dann  hätte  der  Tag,  der  Michaelis  1538  in  Naumburg  in 
Angelegenheiten  des  Markgrafen  Georg  stattfand,  dazu  dienen 
können,  auch  in  der  Frage  der  Albertinischen  Erbfolge  eine  ein- 
heitliche Haltung  der  Erbvereiuigten  zu  verabreden^).  Unglück- 
licherweise hatte  sich  nun  aber  im  Laufe  des  Jahres  1538  eine 
starke  Entfremdung  zwischen  Johann  Friedrich  und  dem  Freiberger 
Herzogspaare  entwickelt.  Mancherlei  hatte  dabei  zusammengewirkt: 
Heinrich  war  der  Meinung,  daß  der  Kurfürst  und  die  Schmalkaldener 

1)  Die  erbvcreinigten  Fürsten  an  Hz.  Georg  1538  Febr.  20,  Branden- 
berg, S.  144. 

2)  Brandenburg,  S.  144. 

3)  Der  Ldgf.  regte  die  Sache  an.  An  Kf.  Juli  8,  Reg.  H.  p.  203,  No.  93, 
Or.  Kf.  an  Ldgf.  Juli  12,  ebenda,  Konz.;  Juli  15,  ebenda.  Kf.  und  Ldgf.  an 
Georg  Juli  16,  ebenda,  Entw.  Ldgf.  an  Kf.  Juli  20,  ebenda,  Or.  Damals  ging 
der  Brief  an  Georg  ab.  Georg  an  Kf.  und  Ldgf.  Juli  28,  ebenda,  Or.  Kf.  an 
Ldgf.  Aug.  1,  Konz.;  Aug.  17,  Entw.  für  Brief  an  Georg  Sept.  16.  Georg  an  Kf. 
und  Ldgf.  Sept.  14,  ebenda,  Or.  Brandenburg,  S.  163. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  Aug.  21,  Loc.  10041  „Instructiones  und  Schriften  . . .“, 
Bl.  173f. 


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486 


Kapitel  IV. 


ihn  ffegenüber  den  Schädigungen,  die  Georg  ihm  zufügte,  nicht  in 
genügender  Weise  unterstützten  ‘).  Sein  Hofprediger  Schenk  geriet 
in  Streit  mit  den  Wittenbergern  und  mit  Lindenau,  seinem  Frei- 
berger Kollegen.  Diese  Schwierigkeit  suchte  nun  zwar  Johann 
Friedrich  auf  Rat  Luthers  in  sehr  geschickter  Weise  dadurch  zu 
beseitigen,  daß  er  Schenk  zu  seinem  eigenen  Hofprediger  machte, 
es  geschah  aber  in  Abwesenheit  der  Herzogin  Katharina  und  ohne 
ihre  Einwilligung,  und  sie  war  die  Hauptperson  in  Freiberg  *J.  Als 
die  Hauptursache  des  Streites  endlich  dürfen  wir  die  FamUien- 
verbindung  betrachten,  die  die  Herzogin  zwischen  ihrer  Tochter  und 
dem  Herzog  Franz  von  Sachsen-Lauenburg  abschloß,  obgleich  dieser 
mit  dem  Kurfürsten  aufs  heftigste  verfeindet  war,  weil  er  sich  das 
sächsische  Wappen  anmaßte*).  Daß  Katharina  auf  die  Vorstellungen 
Johann  Friedrichs  keinerlei  Rücksicht  nahm,  steigerte  dessen  Er- 
bitterung, und  er  hatte  wenig  Neigung,  auf  dem  Naumburger  Tage 
sich  der  .\ngelegenheiten  Herzog  Heinrichs  anzunehmen,  benutzte 
vielmehr  diesen  Tag,  um  seine  eigenen  Beschwerden,  besonders  die 
gegen  den  Herzog  von  Lauenburg,  vorzubringen ‘).  Er  erreichte, 
daß  beschlossen  wurde,  im  Namen  der  Erbeinungsverwandten  an 
diesen  zu  schreiben*). 

Der  Zwist  zwischen  Johann  Friedlich  und  den  Freibergem  war 
auch  in  Dresden  nicht  unbemerkt  geblieben,  und  Herzog  Georg 
suchte  ihn  zu  benutzen,  um  seinen  Bruder  wieder  an  sich  zu  ziehen  *). 
Von  schmalkaldischer  Seite  setzte  sofort  eine  energische  Gegen- 
aktion ein.  Johann  Friedrich  suchte  durch  Moritz  dessen  Vater  zu 
beeinflussen  ’),  und  der  Landgraf  eilte  selbst  nach  Sachsen,  um  für 
die  Vei-söhnung  zwischen  dem  Kurfürsten  und  den  Freibergern  zu 


1)  Brandenburg,  S.  149ff. 

2)  Ebenda  S.  152  ff. 

3)  Im  W.  M.  betrachtet  der  Kf.  die  Anstiftung  untreuer  Leute  als  Haupt- 
ursache des  Streites,  geht  dann  aber  näher  zuerst  auf  die  lauenburgische  Sache 
ein  (Bl.  5a.  b),  die  er  als  die  erste  Undankbarkeit  Hz.  Heinrichs  bezeichnet 
(Bl.  5b.  26a). 

4)  Kf.  an  I.dgf.  März  28,  Keg.  H.  p.  156,  No.  76,  Konz.  Brandenburg, 
Hebirich,  S.  155 — 158.  Akten  des  Naumburger  Tages  in  R^.  A.  No.  256.  Or- 
des  Abschiedes  vom  3.  Okt.  in  Reg.  C.  p.  20,  No.  14,  la  1,  Urk. 

.5)  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  20,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Konz.,  Zettel. 

6)  Diesem  Zwecke  dienten  die  Zusammenkünfte  auf  dem  Schellenberg  im 
Sept.,  in  Dresden  im  Okt  Brandenburg,  Heinrich,  S.  160.  166. 

7)  Brandenburg,  S.  161. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Älbertincm  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  487 


wirken.  Bei  dieser  Gelegenheit  hatte  er  auch  die  merkwürdige 
Unterredung  mit  Karlowitz,  die  zur  Verabredung  eines  Religions- 
gespräches führte  ‘).  Mit  seinen  Bemühungen,  eine  Versöhnung 
zwischen  Katharina  und  dem  Kurfürsten  herbeizuführen,  hatte 
Philipp  zunächst  keinen  großen  Erfolg*).  Erst  als  auch  eine 
Zusammenkunft  zwischen  Georg  und  Heinrich  in  Dresden  Ende 
Oktober  nicht  zu  einem  Vergleich  zwischen  den  Brüdern  geführt 
hatte,  sahen  sich  die  Freiberger  wieder  zu  engerem  Anschluß  an 
den  Emestiner  genötigt,  die  lauenburgische  Angelegenheit  blieb 
allerdings  als  Stein  des  Anstoßes  bestehen“). 

Merkwürdig  ist,  daß  in  dieser  Zeit  auch  von  Dresden  her  An- 
näherungsversuche an  den  Kurfürsten  stattfanden.  Es  scheint  fast, 
als  habe  nicht  nur  Georg  von  Karlowitz,  sondern  auch  der  alte 
Herzog  selbst  damals  ernstlich  an  eine  Beilegung  des  religiösen 
Zwiespaltes  gedacht.  Den  Bemühungen  Karlowitz’  auf  dem  Leip- 
ziger Tage  waren  merkwürdige  Aeußerungen  Georgs  gegen  seine 
Geistlichen  im  Juli  1538  vorhergegangen ^).  Auch  als  im  No- 
vember Brück  und  Karlowitz  in  Mühlberg  zusammenkamen,  war 
wieder  von  der  Religion  die  Rede®),  und  daran  schloß  sich  dann 
endlich  Anfang  Januar  1539  das  Leipziger  Religionsgespräch*). 
Das,  was  hier  vorgeschlagen  wurde,  genügte  zwar  nicht  den 
Wünschen  Johann  Friedrichs,  er  hat  sich  später  häufig  entschieden 
dagegen  ausgesprochen,  aber  es  bewies  doch  ein  weitgehendes 
Entgegenkommen  von  albertinischer  Seite.  Man  wird  es  wohl  am 
richtigsten  aus  der  Erkenntnis  Georgs  erklären,  daß  sein  Land  nur 

1)  Brandenburg,  8.  161  ff. 

2)  Ebenda  8.  162  ff.  Georg  an  Heinrich  von  Braunachweig  Okt.  17,  P.  Ä. 
No.  834,  127.  Karlowitz  an  Heinrich  von  Braunnchweig,  R^.  H.  p.  838,  No.  X; 
M.  P.  C.  I,  22ff.  Der  Ldgf.  an  Hzin.  Katharina  Okt.  18,  Bommel,  II, 
8.  388  ff. 

3)  Hzin.  Elisabeth  an  Kf.  Nov.  23,  M.  P.  C.  I,  26 — 28.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  12, 
Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Dez.  20,  ebenda,  Konz. 

4)  Vergl.  jetzt  vor  allem  C a r d a u n s in  Q.  u.  F.  X,  8. 1 14  ff.  133  ff.  Christoph 
V.  Taubenheim  an  Kf.  1538  Juli  24,  Loc.  10041  „Instruktion  wegen  Hz.  Georgs 
Verordnung  . . .“,  Bl.  211.  214,  Hdbf. 

5)  Seckendorf,  III,  8.  208.  Brandenburg,  8.  168f.  Vergl.  auch 
Neudecker,  Aktcnst.,  8.  162 ff.  Der  Landgraf  dachte  schon  an  eine  Gewinnung 
Georgs  und  seines  Landes.  An  Kf.  Nor.  6,  Lenz,  I,  8.  52,  No.  19;  Reg.  H. 
p.  214,  No.  96,  Or. 

6)  C.  R.  III,  621f.  623f.  624  ff.  Seckendorf,  III,  8.  210.  Branden- 
burg, 8.  170. 


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I 


488  Kapitel  IV. 

dann  vor  dem  Eindringen  der  neuen  Lehre  bewahrt  werden  könne, 
wenn  in  gewissen  Punkten,  wie  in  der  Frage  des  Abendmahls  in 
beiderlei  Gestalt  und  der  der  Priesterehe,  nachgegeben  würde ‘). 
Doch  sei  wenigstens  auf  die  Möglichkeit  verwiesen,  daß  man  speziell 
auf  Johann  Friedrich  durch  diese  Schritte  Eindruck  machen  und 
dadurch  die  Nachfolge  Friedrichs  sichern  wollte.  Auch  damals 
wurden  wieder  einige  nachbarliche  Gebrechen  verglichen*),  auch 
finden  sich  Spuren  davon,  daß  man  Sicherheit  gegen  ein  Vorgehen 
des  Kurfürsten  gegen  Herzog  Friedrich  nach  Georgs  Tode  zu  ge- 
winnen suchte.  Die  Erklärungen,  die  Johann  Friedrich  daraufhin 
abgeben  ließ,  wird  man,  falls  man  sie  nicht  direkt  als  Täuschung 
betrachten  wül,  nur  aus  seiner  noch  fortdauernden  Verstimmung 
gegen  die  Freiberger  erklären  können®). 

Seit  Januar  15.39  wurden  dann  allerdings  die  Beziehungen  zu 
Heinrich  wieder  besser  *),  mit  Georg  dagegen  gab  es  wieder  manche 
neue  DiflTerenzen  ®),  und  als  dann  gar  Herzog  Friedrich  wenige 
Wochen  nach  seiner  Hochzeit  gestorben  war  und  der  alte  Herzog 
nun  mit  seinen  neuen  Plänen,  sei  es  der  Gewinnung  des  jungen 
Moritz  für  den  alten  Glauben,  sei  es  der  Preisgabe  des  beweglichen 
Teiles  seiner  Hinterlassenschaft  an  König  Ferdinand,  vorging®),  gab 
es  bei  Johann  Friedrich  keinerlei  Schwankungen.  Wie  einst  im 


1)  So  CardauDs  und  ähnlich  auch  Vetter  in  ZKG.  XIII,  S.  285. 

2)  Vertrag  zu  Mühlberg  vom  7.  Nov.,  Weimar.  Urkundenabachriften,  Heft  14, 
Bl.  54  ff.  Müller,  8.92.  Für  die  friedliche  Gesinnung  Georgs  und  Karlovritz’ 
sprechen  auch  Neudecker,  Grk.,  8.  331  ff.  334 ff. 

3)  Am  9.  Dez.  ließ  er  durch  Hans  v.  Ponikau  dem  Georg  v.  Karlowitz  eine 
E>klärung  vorlesen,  daß  es  ihm  gänzlich  fern  liege,  nach  Georgs  Tode  gegen  dessen 
8ohn,  Lande  und  Leute  etwas  mit  der  Tat  vorzunehmen  und  Herzog  Heinrich 
oder  dessen  Sohn  einzusetzen.  Würde  es  nach  dem  Tode  eines  der  beiden  Fürsten 
zu  Irrungen  zwischen  dem  Ueberlebenden  und  den  Söhnen  des  anderen  kommen, 
so  werde  er  jedes  fügliche  Mittel  zur  Beilegung  des  Streites  ergreifen  und  sich 
gegen  beide  Teile  so  erzeigen,  wie  er  es  gegen  Gott  und  die  W'elt  verantworten 
könne.  (Loc.  10041  „Instructiones  und  Schriften  . . . 1506 — 1539“,  Bl.  145.) 

4)  VergL  etwa  Kf.  an  Heinrich  1539  Jan.  30,  Loc.  8498  „an  Hz.  Heinrich 
zu  Sachsen  ergangene  Schreiben  , . . 1498 — 1539“,  Bl.  3. 

5)  z.  B.  w^en  des  Antonius  von  Schönberg.  VergL  Seckendorf,  III 
8.  223. 

6)  Brandenburg,  S.  175 ff.  W.M.  Bl.  13b  zeigt,  daß  sich  Johann  Friedrich 
schon  1542  nicht  mehr  klar  darüber  war,  was  Georg  eigentlich  an  Ferdinand  ver- 
machen wollte.  Er  schreibt:  Land,  Leute  und  alle  Barschaft,  bemerkt  aber  am 
Kandc,  daß  die  Händel  besehen  werden  müßten,  damit  recht  geschrieben  werda 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  489 

November  1537  erteilte  er  wieder  Ende  März  1539  Herzog  Heinrich 
genaue  Ratschläge,  wie  er  sich  im  Falle  des  Todes  seines  Bruders 
verhalten  solle  ‘),  am  10.  April  verpflichteten  sich  der  Landgraf  und 
er  in  einem  Vertrage,  den  sie  mit  Moritz  abschlossen,  dessen  Vater 
bei  der  Verteidigung  seines  Erbrechts  zu  unterstützen,  wogegen 
Moritz  für  sich  und  die  Seinen  versprach,  dem  Evangelium  und 
dem  schmalkaldischen  Bunde  treu  zu  bleiben  *),  und  als  dann  Georg 
starb,  war  der  Kurfürst  mit  dem  Landgrafen  darin  einig,  daß  man 
es  zur  Verteidigung  der  Rechte  Herzog  Heinrichs  auch  auf  einen 
Krieg  ankommen  lassen  müsse.  Wir  sahen,  daß  sie  aus  diesem 
Grunde  ihre  Truppen  nach  dem  Frankfurter  Anstand  noch  eine 
Zeitlang  an  der  Hand  behielten®).  — 

Die  Befürchtungen,  die  sie  anfangs  gehegt  hatten,  erwiesen 
sich  als  übertrieben.  Heinrich  konnte  ohne  größere  Schwierig- 
keiten von  der  Herrschaft  Besitz  ergieifen.  Die  Aufgabe  des 
Kurfürsten  bestand  daher  jetzt  nicht  darin,  ihn  zu  beschützen, 
sondern  nur  darin,  ihn  zu  leiten  und  die  Schritte,  die  er  auf 
politischem  und  religiösem  Gebiete  tat,  zu  beeinflussen.  Eine  der- 
artige Bevormundung  entsprach  sehr  stark  den  Neigungen  Johann 
Fiiediichs,  konnte  aber  bei  der  geistigen  Schwäche  Heimichs 
auch  als  notwendig  betrachtet  werden^).  Unser  Urteil  wird  also 
von  der  Art  des  Einflusses  des  Kurfürsten  abhängig  sein.  Da  mag 
uns  ja  nun  heute  die  Energie,  mit  der  sofort  an  die  Einführung 
der  Reformation  im  Herzogtum  gegangen  wurde,  unsympathisch 
erscheinen,  den  Zeitgenossen  wird  es  durchaus  gerechtfertigt  vor- 
gekommen sein,  daß  der  neue  HeiT  seine  Religion  in  dem  ererbten 
Lande  zur  Geltung  brachte,  und  Johann  Friedrich  wird  gewiß  nicht 
daran  gezweifelt  haben,  daß  er  dem  Nachbarstaate  und  seinen  Be- 
wohnern damit  eine  außerordentliche  Wohltat  erwies  ®).  Wir  können 
uns  denken,  welche  Genugtuung  es  ihm  gewährte,  persönlich  bei 
diesem  Werke  mitzuwirken,  gern  stellte  er  auch  als  Prediger  und 

1)  Brandenburg,  S.  181. 

2)  Ebenda  S.  179. 

3)  S.  195.  Vergl.  auch  Brandenburg,  S.  184.  W.  M.  Bl.  15b/16a. 

4)  Vergl.  Brandenburg,  S.  187 f.  lsgleib,  a.  a,  Ü.  S.  293ff. 

5)  \V.  M.  BI.  16b.  Günstig  urteilt  Vetter  in  ZKG.  XIII,  284ff.  über 
das  Vorgehen  des  Kf.  Der  Landgraf  wäre  mehr  für  ein  langsameres  Vorgehen 
gewesen.  Brandenburg,  8.  188.  Er  läßt  die  Frage  unentschieden,  hebt  aber 
die  Stärke  der  katholischen  Gesinnungen  der  oberen  Stände  besonders  hervor, 
S.  192  ff. 


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490 


Kapitel  IV. 


als  Visitatoren  seine  namhaftesten  Theologen  zur  Verfügung  und 
sorgte  so  dafür,  daß  die  Wittenberger  Gebräuche  auch  im  Herzog- 
tum als  Muster  dienten '). 

Auch  auf  politischem  Gebiete  beruhten  die  ersten  Schritte,  die 
Heinrich  tat,  auf  den  Ratschlägen,  die  der  Kurfürst  ihm  schon  vor 
Georgs  Tode  gegeben  hatte*).  Des  weiteren  kam  es  vor  allem 
darauf  an,  eine  zu  starke  Zurücksetzung  der  alten  Räte  und  Kon- 
spirationen gegen  Heinrich,  die  leicht  die  Folge  davon  sein  konnten, 
zu  verhüten*).  Man  darf  es  nicht  als  eine  Schuld  des  Kurfürsten 
bezeichnen,  wenn  in  dieser  Hinsicht  manches  versehen  wurde.  Die 
Differenzen,  die  zwischen  ihm  und  dem  zu  größter  Vorsicht  mah- 
nenden Landgrafen  in  dieser  Beziehung  bestanden,  waren  doch  nur 
sehr  unbedeutend,  auch  er  war  der  Meinung,  daß  man  die  alten 
Räte  nicht  hintansetzen  dürfe,  er  empfahl  sie  zu  Landsachen  zu 
gebrauchen,  ihre  Venvendung  in  Sachen  der  Religion  und  in  Bandes- 
angelegenheiten, sowie  zu  den  täglichen  Hofhändeln  schien  ihm 
allerdings  bei  der  Rolle,  die  sie  unter  Georg  gespielt  hatten,  un- 
möglich*). Es  finden  sich  auch  sonst  Beispiele  dafür,  daß  er 
mäßigend  und  zurückhaltend  auf  Herzog  Heinrich  zu  wirken  suchte, 
so  bei  der  Behandlung  der  Witwe  des  Herzogs  Friedrich  *)  und  bei 
der  Georgs  v.  Karlowitz®).  Gewiß  ist  ja  sein  Einfluß  auf  die 
Regierung  Heinrichs  in  den  ersten  Monaten  groß  gewesen  \l,  er 
hatte  aber  durchaus  nicht  immer  mit  seinen  Ratschlägen  Erfolg*», 
und  man  darf  die  Fehler,  die  gemacht  wurden,  nicht  alle  ihm  in 
die  Schuhe  schieben. 


1)  Brandenburg,  S.  242. 

2)  Brandenburg,  S.  181  f. 

3)  Verbot  der  Abhaltung  des  Dreißigsten,  durch  den  Kf.  veranlaßt.  Ebenda 
S.  189.  W.  M.  Bl.  16b, 17a  hebt  der  Kf.  hervor,  daß  er  die  ganze  Schuld  an 
diesem  Verbot  auf  sich  genommen  habe,  unbekümmert  um  den  Haß,  den  ihm 
das  erregte. 

4)  Brandenburg,  S.  184  f.  Issleib,  a.  a.  O.  S.  295 f. 

5)  Kf.  an  Hz.  Heinrich  Juni  23,  Reg.  Ä.  No.  348,  Konz. 

6)  Akten  darüber  in  Keg.  A.  No.  346. 

7)  Vergl.  Brandenburg,  S.  241  f.  und  solche  Stellen  wieNB.  IV,  561  ff. 
oder  den  Brief  Wolrabs  vom  4.  Juni  in  ZKG.  XX,  252:  Elector  una  cum  sab 
regnat  regionem.  Vergl.  auch  Spalatin  bei  Mcncken,  II,  Sp.2158.  Interessant 
ist  auch,  daß  der  Kf.  seine  Kats-  und  ICanzIeiordnung  selbst  für  Heinrich  um- 
arbcitetc,  Keg.  Kr.  p.  317,  No.  1.  2b. 

8)  W.  M.  Bl.  16b  klagt  er,  daß  er  wenig  habe  ausrichten  können. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  491 

Ein  paar  sehr  wichtige  Punkte  gab  es  allerdings,  in  denen  er 
vollständig  mit  Heinrich  einig  war.  Beide  scheinen  bei  der  ge- 
waltsamen Einführung  der  Reformation  in  Meißen  und  bei  der 
Bekämpfung  der  Reichsstandschaftsgelüste  des  Bischofs  zunächst 
durchaus  gemeinsam  vorgegangen  zu  sein  ’).  Ferner  war  Johann 
Friedrich  völlig  einverstanden  mit  der  Haltung  Heinrichs  in  dem 
Streit  über  die  Erbschaft  Georgs.  Da  dessen  Testament  nicht  zu 
wirklichem  VoUzug  gelangt  war,  erhoben  seine  Tochter  Christine, 
die  Gemahlin  des  Landgrafen  von  Hessen,  und  Kurfürst  Joachim  II. 
von  Brandenburg  für  die  Kinder  aus  seiner  Ehe  mit  Magdalena, 
einer  zweiten  Tochter  Georgs,  .Anspruch  auf  die  ganze  AUodial- 
erbschaft.  Heinrich  wies  das  auf  Grund  der  Verzichtleistungen, 
die  die  beiden  Prinzessinnen  bei  ihren  Vermählungen  geleistet 
hatten,  und  auf  Grund  der  Gewohnheiten  des  Hauses  Sachsen 
zurück.  Ebensowenig  hatte  er  Lust,  ihnen  die  20000  fl.  auszuzahlen, 
die  Georg  in  seinem  Testament  für  jede  der  Töchter  ausgesetzt 
hatte.  Heinrich  sowohl  wie  Katharina  fragten  Johann  Friedrich  in 
dieser  Angelegenheit  um  Rat,  und  dieser  hielt  es  für  seine  Pflicht, 
die  Gerechtigkeiten  des  Hauses  Sachsen  zu  verteidigen  und  die 
Ansprüche  der  beiden  Töchter  Georgs  und  ihrer  Sachwalter  zurück- 
zuweisen, obgleich  er  sich  darüber  klar  war,  daß  er  dadurch  bei 
Brandenburg  und  Hessen  UuwUlen  erregte*).  Politischer  wäre  es 
jedenfalls  gewesen,  wenn  er  dem  Herzog  sofort  zu  einigem  Ent- 
gegenkommen geraten  hätte,  als  er  merkte,  welchen  Wert  der 
Landgraf  und  Joachim  auf  die  Erbschaft  legten,  zumal  da  die 
Rechtslage  auch  nicht  so  völlig  klar  war*).  Erst  im  Herbst,  nach- 
dem schon  viel  böses  Blut  entstanden  war,  Anden  wir  Johann 
Friedlich  mit  Eifer  bemüht,  Heinrich  zur  Bewilligung  einer  Ab- 
findungssumme für  die  beiden  Erbberechtigten  zu  bestimmen^). 
Daß  Herzog  Heinrich  diesen  Ratschlägen  nur  wenig  Gehör  schenkte 
und  sich  schließlich  hinter  dem  Kücken  des  Kurfürsten  unter  viel 
ungünstigeren  Bedingungen  mit  Brandenburg  verglich®),  war  ein 


1)  Brandenburg,  8.  264 ff.  W.  M.  Bl.  18b.  19b. 

2)  W.  M.  Bl.  17b.  20b.  21a. 

3)  Vergl.  Brandenburg,  8.  247 ff. 

4)  Ebenda  8.  253  ff. 

5)  Ebenda  8.  292.  W.  M.  Bl.  24a  betrachtet  der  Kurfürst  diesen  Vertrag 
als  ein  Werk  des  Eustachius  von  8chlieben  und  des  Antonius  von  Schönberg, 
die  sich  gegenseitig  zum  Nachteil  ihrer  Herren  Bewilligungen  machten.  Bl.  24b 


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492 


Kapitel  IV. 


Zeichen  der  Entfremdung,  die  allmählich  auch  zwischen  dem  neuen 
Dresdener  Hofe  und  dem  Kurfürsten  wieder  entstand,  und  trug 
mit  dazu  bei,  sie  zu  steigern. 

Mancherlei  wirkte  zusammen,  um  auch  nach  dem  Regierungs- 
wechsel keine  dauernd  guten  Beziehungen  zwischen  Torgau  und 
Dresden  entstehen  zu  lassen. 

Da  mußte  zunächst  der  Kurfürst  die  unangeuehme  Erfahrung 
machen,  daß  Heinrich,  nachdem  seine  Herrschaft  gesichert  war,  wenig 
Neigung  zeigte,  sich  durch  vollen  Eintritt  in  den  schmalkaldischen 
Bund  dankbar  zu  erzeigen.  Es  erwies  sich  nun  als  verhänguisvoll, 
daß  man  früher  auf  die  Annahme  der  „Verfassung  zur  Gegenwehr“ 
durch  den  Herzog  verzichtet  hatte.  Die  Forderungen,  die  mau  jetzt 
auf  Grund  dieser  Verfassung  an  ihn  stellte,  erschienen  ihm  um  so 
unerfüllbarer,  als  seine  Landschaft  entschieden  gegen  jede  solche 
Verpflichtung  war.  Die  Gegenforderungen,  die  er  stellte,  würden  ihm 
eine  zur  Verfassung  des  Bundes  im  Widerspruch  stehende  Ausnahme- 
stellung verliehen  haben.  Wohl  riet  Johann  Friedrich,  dem  Hei-zog 
so  weit  wie  nur  irgend  möglich  entgegenzukommen,  eine  Einigung 
ist  trotz  immer  wieder  erneuter  Verhandlungen  doch  schließlich 
nicht  erzielt  worden  *).  Heinrich  verstand  es,  unter  Benutzung  des 
Widerstandes  seiner  Landschaft  sich  jede  Verpflichtung  vom  Leibe 
zu  halten,  ohne  daß  er  doch  jemals  seine  Stellung  mit  voller  Be- 
stimmtheit präzisierte  oder  seinen  Austritt  aus  dem  Bunde  erklärte  *). 

Noch  ehe  diese  Erfahrung  den  Unwillen  des  Kurfürsten  gegen 
Heinrich  erzeugt  hatte,  hatte  man  sich  an  die  Beilegung  der  aus 
der  Zeit  Georgs  überkommenen  nachbarlichen  Streitigkeiten  ge- 
macht. Während  der  Kurfürst  in  Dresden  weilte,  hatte  man  ver- 
abredet, sie  in  ein  Verzeichnis  zu  bringen  und  sich  gegenseitig 
zuzusenden.  Brück  wurde  auf  kurfürstlicher  Seite  mit  der  Aus- 
führung dieser  Aufgabe  beauftragt*);  im  September  (Matthiä) 
sollte  der  Austausch  statttinden.  Tatsächlich  sandte  der  Kurfürst 
am  21.  September  Hans  von  Pack  und  Jobst  von  Hain  an  Herzog 


behauptet  er,  von  herzoglicher  Seite  sei  gegen  Brandenburg  und  Heeeen  auf  ihn 
die  Schuld  daran  geschoben  worden,  daß  man  sich  nicht  schon  lange  vertragen 
hätte. 

1)  Brandenburg,  S.  255 ff.  280 ff. 

2)  Brandenburg,  8.  290 f. 

3)  Kf.  an  Brück  Aug.  6,  Brück  an  Kf.  Aug.  10;  Heinrich  an  Kf.  Aug.  19, 
^f.  an  Heinr.  Aug.  19,  22,  Reg.  A.  No.  273. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  49.3 

Heinrich  wegen  der  nachbarlichen  Gebrechen.  Als  solche  werden 
jetzt  die  Münze,  der  Silberkauf  auf  den  Bergstädten,  Straßen- 
streitigkeiten, die  Verpflichtung  des  Herzogs  gegen  den  Bund  und 
der  Eintritt  Mühlhausens  in  den  Nürnberger  Bund  bezeichnet ‘). 
Eine  Einigung  in  allen  diesen  Dingen  wurde  aber  nicht  erzielt, 
Herzogin  Katharina  war  für  Pack  überhaupt  nicht  zu  sprechen*), 
und  so  dienten  denn  auch  die  nachbarlichen  Gebrechen  dazu,  den 
Gegensatz  hervorzurufen. 

Um  dieselbe  Zeit  mußte  Johann  Friedrich  erleben,  daß  die 
Räte  Heinrichs  in  der  halleschen  Angelegenheit  auf  einem  Tage  in 
Naumburg  gegen  ihn  stimmten®),  auf  kirchlichem  Gebiete  suchte 
der  Herzog  sich  von  der  Wittenberger  Herrschaft  zu  emanzipieren  *), 
und  auch  die  laueuburgische  Angelegenheit  war  noch  immer  nicht 
im  Sinne  des  Kurfürsten  entschieden*).  Auch  er  mag  allerdings 
manchen  Schritt  getan  haben,  der  in  Dresden  verletzen  mußte. 
Zwar  wenn  er  der  Vermählung  des  Herzogs  Moritz  mit  der  Tochter 
des  Landgrafen  Schwierigkeiten  in  den  Weg  legte,  weil  ihm  die 
enge  Verbindung  zwischen  den  Albertinem  und  Hessen  unerwünscht 
schien®),  so  konnte  dadurch  eher  eine  Interessengemeinschaft 
zwischen  ihm  und  Katharina  erzeugt  werden,  da  auch  sie  jenem 
Plane  abhold  war.  Dem  Herzog  von  Lauenburg  aber  ließ  er  in  seinem 
Lande  nachstellen,  so  daß  dieser  durch  die  Lausitz  nach  Dresden  reisen 
mußte  *),  und  auch  mit  Katharina  und  ihrem  Hauptratgeber  Antonius 
von  Schön  berg  wird  er  nicht  immer  sehr  zart  umgegangen  sein. 

Ihnen  beiden  schreibt  er  selbst  jedenfalls  die  Hauptschuld  an 
der  Uneinigkeit  zu,  die  zwischen  ihm  und  Heinrich  entstand*).  Sie 
wuchs  während  des  Jahres  1540.  Verhandlungen,  die  über  die 
verschiedenen  bestehenden  Differenzen,  die  nachbarlichen  Irrungen, 
die  Münzangelegenheiten,  den  Erbstreit  u.  a.  im  Dezember  15.39 
in  Naumburg  und  im  Januar  1540  in  Zeitz  stattfanden,  hatten  nur 

1)  Instruktion  des  Kf.  für  Hans  von  Pack  und  Jobst  von  Hain  an  Hz. 
Heinrich  1539  Sept.  21,  Reg.  H.  p.  267,  No.  113,  Or. 

2)  W.  M.  Bl.  22a  b. 

3)  Brandenburg,  8.  244 f.  W.  M.  Bl.  22a. 

4)  Ebenda  8.  245  f. 

5)  Brandenburg,  8.  246.  W.  M.  Bl.  23b, '24a. 

6)  M.  P.  C.  I,  46  Anm.  Kf.  an  Hzin.  Elisabeth  Dez.  4,  Reg.  D.  No.  77, 
eigenh.  Konz. 

7J  W.  M.  Bl.  23b,'24a. 

8)  W.  M.  BL  22b/23a. 


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494 


Kupitcl  IV. 


l?eringe  Resultate.  Man  verabredete  wohl,  Ferdinand  gegenüber  in 
der  Frage  der  böhmischen  Lehen  zusammenzuhalten,  war  auch  in 
der  Erbfrage  noch  einig,  die  Münzangelegenheiten  aber  wurden 
auf  einen  neuen  Tag,  der  Sonntag  nach  Fabiani  in  Naumburg 
stattlinden  sollte  und  später  auf  Sonntag  Reminiscere  verlegt  wurde, 
verschoben,  ln  der  Frage  der  Zugehörigkeit  Heinrichs  zum  Bunde 
endlich  kam  man  nicht  von  der  Stelle  ‘). 

Mit  unermüdlicher  Geduld  hat  der  Kurfürst  auch  in  den 
nächsten  Monaten  seine  Versuche,  Heinrich  zu  gewinnen,  besonders 
ihn  beim  Bunde  festzuhalten,  fortgesetzt,  der  Herzog  blieb  bei  seinem 
Widerstand  *),  und  durch  neue  Zwistigkeiten,  die  sich  immer  wieder 
einmischten,  wurde  eine  Verständigung  nicht  erleichtert.  Da  war 
man  z.  B.  verschiedener  Meinung  über  die  den  Bischöfen  gegen- 
über weiter  zu  beobachtende  Haltung.  Der  Kurfürst  wollte  das 
Kammergericht  auch  in  dieser  Sache  als  parteiisch  rekusieren,  Hein- 
rich dagegen  w’ollte  die  Sache  als  eine  weltliche  anerkennen  und 
die  Rechtmäßigkeit  seines  Verfahrens  vor  dem  Gerichte  beweisen*). 
Auch  als  dann  die  Bischöfe  vom  Kaiser  zum  Regensburger  Reichs- 
tag eingeladen  wurden,  drohte  die  sächsische  Opposition  dagegen 
eine  Zeitlang  daran  zu  scheitern,  daß  der  Kurfürst  mit  seiner  Be- 
zeichnung der  Wettiner  als  „l^audesfürsten“  der  Bischöfe  in  Dresden 
Widerstand  fand.  Nur  durch  ein  zweideutiges  Kompromiß  kam 
man  über  diese  Schwierigkeit  noch  einmal  hinweg*).  Anlaß  zu 
unangenehmen  Erörterungen  gab  auch  die  Doppelehe  des  Land- 
grafen'') u.  dgl.  m. 

Unter  den  nachbarlichen  Gebrechen  traten  in  dieser  Zeit  die 
Münzangelegenheiten  in  den  Vordergrund.  Infolge  der  Sendung 
Packs  und  Hains  im  September  1539  war  es  im  Februar  1.540  des- 
wegen zu  einem  Tage  in  Naumburg  gekommen.  Dessen  Beschlüsse 
waren  aber  von  Herzog  Heinrich  noch  im  Mai  nicht  angenommen 
worden,  so  daß  der  Kurfürst  ihu  am  Mai  bat,  sich  entweder  zu 
fügen  oder  Münztrenuung  vorzunehmen  oder  dem  Grimmaischen 

1)  Akten  über  den  Nauniburgcr  Tag  Reg.  A.  No.  259.  Abschied  vom 
23.  Dez.  Akten  über  den  Zeitzer  Tag  Reg.  A.  No.  261.  Abschied  vom  3.  Jan. 
1540.  Brandenburg,  S.  246. 

2)  Brandenburg,  S.  2611.,  Reg.  A.  No.  273. 

3)  Brandenburg,  S.  2951.  Kf.  an  Brück  1541  März  17,  Reg.  H.  p.  306, 
No.  126,  1,  Or. 

4)  Brandenburg,  Ö.  295 ff.  Akten  darüber  in  Reg.  B.  No.  1045. 

5)  Brandenburg,  8.  275 ff. 


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Da»  Verhältnis  Joh.  Friedrich»  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  495 

Machtspruch  entsprechend  die  Sache  einem  Austrag  zu  gütlicher, 
eventuell  rechtlicher  Beilegung  zu  übertragen ‘).  Nachdem  der 
Herzog  diesen  letzten  Vorschlag  angenommen  hatte,  fand  Mitte 
August  wieder  in  Naumburg  ein  Tag  der  zwölf  Niedergesetzten 
statt.  Ihre  Aufgabe  wäre  gewesen,  zunächst  einen  gütlichen  Aus- 
gleich zu  versuchen,  sie  konnten  sich  aber  nicht  einmal  unterein- 
ander über  die  Form  der  Verhandlungen  einigen,  indem  die  herzog- 
lichen nur  einen  von  sich  reden  lassen  woUten,  während  die  kur- 
fürstlichen meinten,  daß  jeder  einzelne  seine  Meinung  sagen  sollte  *). 
Johann  Friedrich,  der  die  Verhandlungen  aufmerksam  verfolgte, 
war  über  das  Benehmen  der  Vertreter  seines  Vetters  sehr  ent- 
rüstet*), würde  auch  nichts  dagegen  gehabt  haben,  wenn  man  jetzt 
eine  Münztrennung  vorgenommen  hätte  *).  Die  versammelten  Räte 
aber  beschlossen  schließlich  doch,  daß  am  28.  Oktober  ein  neuer 
Tag  in  Grimma  stattflnden  solle,  um  das  Urteil  zu  fällen*).  Einst- 
weilen wurden  Gutachten  der  juristischen  Fakultäten  zu  Tübingen 
und  Heidelberg  eingeholt®). 

Zn  einem  wirklichen  Urteil  haben  sich  dann  die  Nieder- 
gesetzten aber  doch  auch  in  Grimma  nicht  entschließen  können. 
Sie  beschlossen  vielmehr,  die  Akten  der  Kölner  Juristen- 
fakultät zuzuschicken  und  diese  um  ein  Urteil  zu  bitten.  Dieses 
sollte  dann  auf  einer  neuen  Versammlung  der  Zwölf  in  Gegen- 
wart der  Anwälte  beider  Fürsten  verlesen  werden  0-  Es  traf 
schon  Ende  des  Jahres  ein®)  und  lief  darauf  hinaus,  daß  die 
von  Emestinischer  Seite  gewünschte  Münztrennung  zwar  verworfen 
wurde,  die  Albertiner  aber  verurteilt  wurden,  auf  die  übrigen  Klagen 
der  anderen  Linie  zu  antworten  und  sich  dem  Schiedsgericht  zu 


1)  Reg.  A.  No.  273. 

2)  Kf.  an  Levin  v.  Embden,  Konz.  o.  D.,  Reg.  A.  No.  273. 

3)  An  Brück  Aug.  17,  Reg.  A.  No.  262. 

4)  An  die  Räte  Aug.  18,  Reg.  A.  No.  273.  Dort  und  No.  263  überbaupt 
Akten  über  die  Verbandlungen.  Vergl.  auch  Brandenburg,  I,  S.  329 f. 

5)  Abschied  vom  26.  Aug.,  Reg.  A.  No.  273. 

6)  Kf.  an  Brück  Aug.  29,  Keg.  Gg.  No.  dlSi-  I,  meist  eigenb.  Konz.  Die 
Tübinger  Fakultät  schickte  ihren  Ratschlag  am  13.  Ükt.,  doch  liegt  er  nicht  bei 
Reg.  A.  No.  273. 

7)  Abschied  vom  5.  Nov.,  Weimarer  Kop.  Buch  F.  4,  Bl.  103.  Akten  der 
Verhandlungen  in  Reg.  A.  No.  273.  Pooikau  an  Dölzig  Nov.  24,  Reg.  H.  p.  329. 
No.  133,  I,  Hdbf. 

8)  Albrecht  von  Mansfeld  an  Kf.  Dez.  26,  Reg.  A.  No.  273. 


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496 


Kapitel  IV. 


fügen  *).  Die  Eröffnung  des  Urteils  konnte  erst  am  27.  April  1.541 
erfolgen’),  und  die  sich  anschließenden  Verhandlungen  sind  bei 
Lebzeiten  Heinrichs  überhaupt  nicht  mehr  zu  Ende  gekommen. 
Johann  Friedrich  hatte  an  dem  Kölner  Spruch  mancherlei  auszu- 
setzen  und  war  geneigt,  ihn  nur  als  ein  Gutachten,  nicht  als  eine 
Entscheidung  zu  betrachten’). 

Den  Verhandlungen  über  die  Münzangelegenheiten  sind  noch 
manche  andere  Beratungen  und  Zusammenkünfte  der  Räte  wegen 
anderer  nachbarlicher  Streitigkeiten  zur  Seite  gegangen.  So  hören 
wir  von  einem  Tage,  der  in  Naumburg  im  Oktober  1.540  stattfand 
und  auf  dem  vor  allem  wieder  über  die  geistlichen  Zinsen  ver- 
handelt wurde.  Nicht  weniger  als  33  Streitpunkte  wurden  in  dem 
Abschied  vom  24.  Oktober  erledigt,  die  sich  anschließende  Kor- 
respondenz zeigt  aber,  daß  immer  noch  manches  übrig  blieb  ^).  In 
mehr  unverbindlicher  Weise  trafen  sich  Haus  v.  Pack  und  An- 
tonius V.  Schönberg  am  22.  Februar  1541  in  Strehlen  und  unter- 
hielten sich  über  die  Münzfrage,  das  Verhältnis  Heinrichs  zum 
Bunde,  den  Erbstreit  und  die  lauenbiugische  Angelegenheit,  ln 
der  Münzfrage  verabredete  mau,  daß  einstweilen  vom  Guldengroschen 
24  Groschen  gemünzt  werden,  jener  aber  nur  21  Groschen  gelten 
sollte,  Erbstreitigkeiten  wollte  man  dadurch  für  die  Zukunft  un- 
schädlich machen,  daß  bei  künftigen  Heiraten  von  Töchtern  des 
Hauses  Sachsen  allen  Mitgliedern  des  Hauses  Verzichtbriefe  ge- 
geben werden  sollten.  Zwischen  dem  Kurfürsten  und  dem  Herzog 
von  Lauenburg  sollte  durch  Albertinische  Vermittlung  ein  Verti-ag 
zustande  gebracht  werden.  Am  9.  März  wollte  man  die  Verhand- 
lungen in  Leipzig  fortsetzen  ’). 

Man  kann  alle  diese  eifrigen  Bemühungen  gewiß  als  einen  Be- 
weis dafür  betrachten,  daß  man  friedliche  Erledigung  der  be- 
stehenden Streitigkeiten  wünschte,  oft  wurde  aber  gerade  durch 
die  mehr  oder  weniger  berechtigten  Klagen  über  das  Benehmen 
der  anderen  Partei  bei  diesen  Zusammenkünften  die  Erbitterung 

1)  Brandenburg,  I,  8.  330. 

2)  Reg.  A.  No.  273. 

3)  Kf.  an  Albrecht  von  Man.sfeld  und  Andreas  Pflug  Mai  4,  Heg.  A.  Na  273. 

4)  Brandenburg,  Heinrich,  S.  279f.  Akten  in  Bog.  A.  No.  262.  Der 
Abschied  bei  G.  A.  Arndt,  Neues  Archiv  der  sächs.  Gesch.  I (1804),  S.  259  ff. 
Vergl.  auch  Müller,  S.  95.  Die  weitere  Korrespondenz  in  Reg.  A.  No.  268. 

5)  Gutachten  Brücks  und  des  Kf.  für  diese  Strehlener  Zusammenkunft  o.  D., 
Reg.  A.  No.  278.  Akten  über  die  Verhandlungen  ebenda. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Knrf.  v.  Mainz.  497 


nur  gesteigert.  Besonders  während  des  Naumburger  Tages  im 
August  1540  trat  das  hervor.  Beim  Kurfürsten  entstand  daun 
wohl  der  Gedanke,  daß  alle  solche  Bestrebungen  aussichtslos  seien. 
Ich  möchte  es  wenigstens  aus  solchen  Stimmungen  erklären,  wenn 
er  gelegentlich  versuchte,  sich  gewaltsam  Recht  zu  verschaffen,  so 
im  August  1540  durch  einen  Einfall  in  das  Amt  Kamburg  und  im 
Laufe  des  Frühlings  und  Sommers  1541  durch  einige  ähnliche 
Uebergriffe  *). 

Diese  Ereignisse  waren  es,  die  schließlich  den  alten  Herzog 
Heinrich  mit  solcher  Erbitterung  gegen  den  Ernestiner  erfüllten, 
daß  er  seinem  Sohn  Moritz  gewissermaßen  als  seinen  letzten 
Willen  die  Rache  überließ*).  Der  Kurfürst  scheint  den  Konflikt 
mit  dem  Herzog  weniger  tragisch  aufgefaßt  zu  haben  als  dieser*). 
Sein  Hauptbestreben  war  jetzt  allerdings  wohl  schon  auf  die  Ge- 
winnung des  jungen  Moritz  gerichtet.  Schon  seit  dem  Frühjahr 
stand  er  diesem  in  den  Streitigkeiten  mit  seinen  Eltern  mit  seinem 
Rate  bei.  Dabei  handelte  es  sich  besonders  um  das  Testament, 
durch  das  Heinrich  unter  dem  Einfluß  seiner  Gemahlin  den  jüngeren 
Bruder  August  Moritz  gleichzustellen  suchte.  Die  sich  im  einzelnen 
nicht  immer  gleichbleibenden  Ratschläge  laufen  alle  darauf  hinaus, 
zu  verhüten,  daß  Moritz  sich  in  irgend  einer  Weise  durch  Anerkennung 
des  Testamentes  binde ‘).  Ranke  hat  mit  Recht  die  üneigennützig- 
keit  im  Benehmen  des  Kurfürsten  betont®),  dieser  war  sogar  zu 
dii-ekter  Unterstützung  des  jungen  Herzogs  bei  der  .\ufrecht- 
erhaltung  der  altväterlichen  Erbfolgeordnung  bereit  ®).  Eigene 
Vorteile  hatte  er  dabei  wohl  höchstens  insofern  im  Auge,  als  er 
auf  die  Dankbarkeit  Moritzens  rechnete  und  wohl  auch  darauf, 
ihn  bei  seiner  Jugend  unter  seinen  Einfluß  bringen  zu  können’). 
Moritz  verstand  es,  zum  Teil  vom  Landgrafen  beraten,  sich  nicht 

1)  Brandenburg,  S.  279  f. 

2)  Brandenburg,  8.  280.  Issleib,  a.  a.  O.  S.  325. 

3)  Er  gab  z.  B.  Heinrich  auch  jetzt  noch  Ratechlägc.  Vergl.  die  Sendung 
Löeers  am  25.  Juni,  Brandenburg,  8.  294,  Reg.  H.  p.  387,  No.  147,  Or.  der 
Instruktion. 

4)  M.  P.  C.  I,  116-120.  137,  2.  139  Brandenburg,  I,  8.  60.  67. 
V.  L a n g e n n , II,  S.  209.  Issleib,  a.  a.  O.  S.  304  f.  314. 

5)  IV,  S.  196. 

6)  M.  P.  C.  I,  148  f. 

7)  Eügene  Betrachtungen  des  KI.  über  seine  Anknüpfung  mit  Moritz  in  W.  M. 
Bl.  25b,  3a,  3b. 

Beiträge  zur  neueren  Geschichte  Thüringens  1,  a.  32 


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498 


Kapitel  IV. 


allzusehr  zu  binden  *),  aber  die  ersten  Monate  nach  seinem  Re- 
gierungsantritt brachten  doch  ein  recht  gutes  Verhältnis  zum  Kur- 
fürsten. 

Schon  als  Moritz  nur  die  Mitregierung  neben  seinem  Vater 
übernommen  hatte,  trat  man  in  Verhandlungen  über  die  nachbar- 
lichen Gebrechen  ein*),  eine  Anzahl  von  ihnen  wurden  in  dem 
Dresdener  Vertrage  vom  9.  September  erledigt,  die  noch  uner- 
ledigten versprach  man  sich  bis  Weihnachten  zuzusenden*).  Johann 
Friedlich  wurde  durch  den  Dresdener  Vertrag  in  eine  sehr  hoff- 
nungsvolle Stimmung  versetzt ‘)  und  brachte  seine  Versöhnlichkeit 
zum  Ausdruck,  indem  er  sich  Moritz  z.  B.  in  dessen  Streit  mit 
seiner  Mutter  Kathaiina  *)  und  in  dem  Prozeß  gegen  Antonius  von 
Schönberg*)  gefällig  erwies.  Natürlich  wird  dabei  aber  auch  mit- 
gewirkt haben,  daß  er  und  der  Landgraf  den  Herzog  in  der  Frage 
der  Türkenhilfe  und  vor  allem  in  der  braunschweigischen  Sache 
für  eine  gemeinsame  Politik  zu  gewinnen  hofften  *).  Diesen  beiden 
Fragen  sollte  ja  die  Naumburger  Zusammenkunft  im  Oktober  1541 
dienen®).  Daß  die  beiden  Wettiner  sich  vorher  in  Leipzig  ti-afen 
und  gemeinsam  nach  Naumburg  reisten,  konnte  als  ein  Beweis  des 
guten  Einvernehmens  betrachtet  werden  ®).  Auch  auf  diesem  Tage 

1)  V.  Langenn,  II,  8.  210II.  Brandenburg,  I,  8.  67  f.  M.  P.  C.  I. 
154 f.  158 ff.  160.  lasleib,  a.  a.  O.  8.  324. 

2)  Sendung  Sebastian  Pflugs  an  Kf.  Aug.  7,  Reg.  A.  No.  268,  Or.  der  In- 
struktion. (Nach  W.  M.  Bl.  7b  war  der  Kf.  allerdings  mit  seinen  Vorschlägen 
sehr  wenig  zufrieden.  Schönberg  u.  a.  hofften  dadurch  Zank  zu  erregen.)  Ant- 
wort des  Kf.  vom  12.  August.  Sendung  Brticks  und  Ponikaus  an  Moritz,  Kopie 
der  Instruktion  ebenda. 

3)  Müller,  8.  96.  M.  P.  C.  I,  212,  Anm.  1.  Brandenburg,  1,8.  166. 
330.  Or.  des  Vertrages  Reg.  A.  Bl.  191,  No.  4 ••  o.  2.  Die  sich  anschließenden 
Korrespondenzen  in  Keg.  A.  No.  268. 

4)  An  Ldgf.  Sept.  21,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  I,  Konz.  Vergl.  M.  P.  C. 
I,  211.  Anm.  1;  W.  M.  B1.8b/9a  Hier  lobt  er  besonders  die  Haltung  von  Karlo- 
witz  und  Fachs. 

5)  M.  P.  C.  I,  219,  1,  Reg.  A.  No.  277. 

6)  Nach  W.  M.  9a  b,  10a  b,  6a  zogen  die  Räte  Moritzens  den  Kf.  in  diese 
Sache  mit  hinein,  weU  sie  allein  den  Anhang  Schönbergs,  die  alte  Hzin.  etc. 
scheuten.  Die  Ernestinischen  Räte  und  der  Kf.  gingen  aus  Freundschaft  darauf  ein. 

7)  Ixlgf.  an  Kf.  Aug.  24,  Kf.  an  Ldgf.  Sept  1,  Reg.  H.  p.  394,  No.  149,  I. 
Vergl.  M.  P.  C.  I,  187,  1. 

8)  Siche  S.  301.  308. 

9)  Moritz  an  Kf.  Okt.  6,  8,  Kf.  an  Moritz  Okt  7,  R^.  A.  No.  28S,  Kf. 
an  Ponikau  Okt.  7,  Reg.  A,  No.  281. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  499 

konnte  man  ja  dann  mit  dem  Verhalten  des  jungen  Herzogs  zu- 
frieden sein,  und  am  Ende  des  Jahres  führte  die  von  Moritz  wie 
von  Johann  Friedrich  gehegte  Ansicht,  daß  das  Braunschweiger  Unter- 
nehmen wegen  des  Reichstages  verschoben  werden  müsse,  sogar  zu 
einer  Interessengemeinschaft  zwischen  ihnen  gegenüber  dem  Land- 
grafen ‘).  Andererseits  machten  sich  aber  doch  schon  in  den  letzten 
Monaten  des  Jahres  1&41  bedenkliche  Risse  in  der  Freundschaft 
beider  Fürsten  bemerkbar. 

Schon  die  Verhandlungen  über  Schönberg  und  die  über  die 
nachbarlichen  Gebrechen  nahmen  keinen  ganz  glatten  Verlauf,  be- 
sonders in  der  Münzpolitik  lebte  der  alte  Gegensatz  bald  wieder 
auf*).  Ferner  zeigte  Moritz  ebensowenig  Neigung,  seinen  Pflichten 
gegen  den  schmalkaldischen  Bund  nachzukommen,  wie  sein  Vater, 
auch  er  ließ  sich  von  der  Abneigung  der  Landschaft  und  der  alten 
Räte  Herzog  Georgs  gegen  den  Bund  beeinflussen  *),  ja,  bald  nahm 
er  noch  entschiedener  Stellung  als  Heinrich,  indem  er  am  24.  Januai- 
1542  dem  Kurfürsten  und  Landgrafen  eine  förmliche  Austritts- 
erklärung aus  dem  Bunde  zusandte.  Nur  den  beiden  Fürsten  per- 
sönlich wollte  er  helfen,  wenn  sie  angegi  ififen  würden  ‘).  Trotzdem 
gaben  diese  die  Hoflnung,  ihn  zu  halten,  noch  nicht  auf,  sie  be- 
schlossen, im  Frühjahr  1542  eine  Zusammenkunft  mit  ihm  zu  diesem 
Zwecke  zu  veranstalten  *).  Sie  hat  durch  den  als  Wurzener  Fehde 
bekannten  Konflikt  noch  eine  besondere  Bedeutung  erhalten. 

Wenn  man  die  Konespondenz  Johann  Friedrichs  mit  dem  Land- 
grafen und  andere  Aeußerungen  des  Kurfürsten  und  seiner  Räte 
aus  dem  März  und  April  1542  verfolgt®),  wird  man  die  Ueber- 

1)  Vergl.  S.  309  f.  M.  P.  C.  I,  246  ff.  Der  Brief  des  Ldgfen.  vom  25.  Dez., 
den  Brandenburg  M.  P.  C.  I,  S.  276,  1 vermißt,  findet  sich  Reg.  H.  p.  394, 
No.  149,  II,  Or. 

2)  M.  P.  C.  I.  240  ff.  320,  1,  üeber  allerhand  kleinere  nachbarliche  Ge- 
brechen von  Ende  1.541  und  Anfang  1542  vergl.  Reg.  A.  No.  291/292.  268. 

3)  M.  P.  C.  I,  234 ff.  237  ff.  Brandenburg,  I,  S.  182ff.  Kf.  an  Ldgf. 
Dez.  10,  M.  P.  C.  I,  274,  1.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  25,  ebenda  S.  274  f. 

4)  M.  P.  C.  I,  318. 

.5)  Ebenda  S.  319,  Anm.,  325,  Anm.  2.  Brandenburg,  I,  S.  187. 

6)  Etwa  die  über  die  geplante  Zusammenkunft  mit  Moritz.  Noch  am 
18.  März  erklärt  sich  der  Kf.  einverstanden  mit  der  Verschiebung  der  Reise  des 
Ldgfen.  zu  ihm  bis  in  die  Woche  nach  Judica,  da  sich  auch  das  Verhältnis 
Moritzens  zum  Bunde  bis  dahin  klären  könne.  Reg.  U.  p.  452,  No.  161,  Konz. 
Charakteristisch  sind  auch  die  durcliaus  uneigennützigen  Bedenken,  die  Johann 
Friedrich  am  31.  März  gegen  den  Plan  Moritzens,  in  den  Türkenkrieg  zu  ziehen, 

32* 


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500 


Kapit«!  IV. 


Zeugung  gewinnen,  daß  man  auf  kurfürstlicher  Seite  das  Unter- 
nehmen gegen  Wurzen  nicht  als  einen  irgendwie  gegen  die  Albertiuer 
gerichteten  Schritt  betrachtete,  sondern  nur  die  Rechte  des  Hauses 
Wettin  gegenüber  den  Bischöfen  wahrnehmen  wollte.  Dabei  war 
man  allerdings  nicht  ganz  von  dem  Verdachte  frei,  daß  man  auf 
Albertinischer  Seite  geneigt  sei,  sich  Uebergriffe  zu  Ungunsten  des 
Kurfürsten  zu  erlauben  *).  Es  muß  ferner  darauf  hiugewiesen 
werden,  daß  Johann  Friedrich  schon  im  Oktober  1541  ein  gemein- 
sames Vorgehen  beider  Linien  in  der  Frage  der  Erhebung  der 
Türkensteuer  angeregt  hatte*).  Das  w'äre  besonders  dem  Bistum 
Meißen  gegenüber  ja  das  Korrekte  gewesen.  Wenn  sich  der  Kur- 
füi'st  schließlich  doch  zu  seinem  verhängnisvollen  Einzelvorgehen 
im  Amt  Wurzen  entschloß,  so  wurde  er  dabei  vor  allem  von  der 
Ueberzeugung  geleitet,  daß  er  dort  die  Landesherrlichkeit  besäße  *). 
Wie  das  schon  von  Ranke  und  Burkhardt ‘)  benutzte  „Bedenken“ 
Brücks  vom  27.  Februar  zeigt,  war  die  Absicht  dabei  nicht  die, 

geltend  machte.  ETentucU  riet  er  aber,  ihm  das  Kommando  der  protestantischen 
Truppen  zu  übertragen.  An  Ijdgf.  ebenda,  Konz. 

1)  Das  bringt  z.  6.  Brücks  Denkschrift  vom  27.  Februar  zum  Ausdruck ; er 
fürchtete,  „es  laufe  ein  Hund  mit  unter  der  Meißner  halben,  daß  sie  sich  unter- 
stehn werden,  den  Bischof  zu  Meißen  ganz  und  gar  an  sich  zu  brmgen  mit  allen 
seinen  Gütern“.  Reg.  B.  No.  1053. 

2)  Moritz  an  Kf.  Okt.  4,  Kf.  an  Moritz  Okt.  6,  Reg.  Pp.  No.  3.  Auf  dem 
Naumburger  Tage  wollte  man  weiter  über  die  Sache  reden. 

3)  Immer  wieder  wird  dieser  Punkt  von  kursächsischer  Seite  betont.  Brück 
etwa  leitet  in  dem  Gutachten  vom  27.  Februar  die  Berechtigung  zum  Vorgehen 
in  Wurzen  davon  her,  daß  das  Amt  ,Jn  und  zu  den  Landen“  des  Kf.  „gelegen 
und  gehörig“  (Reg.  B.  No.  1053),  und  auch  der  Kf.  schreibt  am  21.  März  an 
Moritz,  daß  das  Amt  Wurzen  io  seinem  Fürstentum  gelegen  sei,  M.  P.  0.  I, 
350.  Beweise  dafür  stellt  er  besonders  in  einer  Denkschrift  an  den  Ldgfen.  vom 
7.  April  zusammen.  Vergl.  Burkhardt,  NASG.  IV,  S.  78.  Sie  ergeben  aber 
doch  nur,  daß  in  der  Zeit  Heinrichs  öfters  die  Ausführung  beschlossener  Maß- 
regeln im  Amt  Wurzen  durch  den  Kf.,  im  übrigen  Stift  durch  den  Hz.  erfolgt 
war.  Festgelegt  war  aber  nichts  darüber.  Brandenburg,  I,  S.  194.  Uebrigens 
beruhte  die  Hervorhebung  der  Landesherrlichkeit  durchaus  nicht  nur  auf  einer 
Privatmeinung  des  Kf.  und  Brücks.  Aus  den  Landtagsakten  ergibt  eich,  daß 
auch  der  Ausschuß  der  Landschaft  die  Ansicht  vertrat,  daß  die  Grafen  und 
Herren  mit  ihren  Gütern  zur  Türkensteuer  herangezogen  werden  müßten,  so- 
weit diese  im  Kur-  und  Fürstentum  gel^n  seien.  Der  Ausschuß  bat  gleich- 
zeitig den  Kf.,  in  gleicher  Weise  auch  den  Bischof  von  Meißen  und  die  Verspruch- 
städte,  besonders  Erfurt,  heranzuziehen,  „welche  ane  mittel  in  seinem  fursten- 
tumb  zu  Dhuringen  bekraist  und  begriffen  seien“.  (R^.  Q.  No.  37,  Bl.  135  f.) 

4)  Ranke,  IV,  S.  197.  Burkhardt,  a.  a.  O.  S.  60. 


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DaB  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertincm  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  501 

das  besetzte  M’urzener  Gebiet  nun  etwa  auf  die  Dauer  zu  behalten, 
man  wollte  nur  zeitweilig  die  Verwaltung  in  die  Hand  nehmen, 
um  sich  die  Türkensteuer  zu  sichern,  zugleich  allerdings  die  Re- 
formation in  Wurzen  durchzuführen').  Von  einer  Veranlassung  des 
Unternehmens  durch  militärische  Erwägungen,  durch  die  Erkenntnis 
der  Bedeutung  der  Muldepässe  ist  in  den  von  kurfürstlicher  Seite 
ergangenen  Aktenstücken  nicht  die  Rede,  nur  Ossa,  der  selbst  mit 
dem  Plan  nicht  übereinstimmte  und  bei  den  Beratungen  meist  nicht 
zugezogen  wurde,  spricht  davon*). 

Auf  Albertinischer  Seite  aber  geriet  man  gerade  aus  solchen  Er- 
wägungen heraus  in  die  höchste  Aufregung,  neigte  auch  dazu,  in  dem 
Vorgehen  des  Kurfürsten  System  zu  sehen,  indem  man  die  Wurzensche 
Sache  mit  seinem  Verfahren  gegen  Dobrüugk  und  gegen  Erfurt  in 
Zusammenhang  brachte®).  Wir  können  aber  wohl  dem  Kurfürsten 
glauben,  daß  er  die  Besetzung  Wurzens,  die  erfolgte,  weil  vom  Bischof 
Johann  keine  genügenden  Erklärungen  zu  erhalten  waren  ‘),  durchaus 
nicht  als  einen  feindseligen  Schritt  gegen  Moritz  betrachtete  und  sehr 
verwundert  über  dessen  GegenmalSregeln  war®).  Er  sah  sich  da- 
durch nun  auch  seinerseits  zu  Rüstungen  genötigt®),  war  aber  auch 

1)  Äehnlich  auch  Kf.  an  Ldgf.  April  3,  M.  P.  C.  I,  387,  1 ; Reg.  B. 
No.  1053,  Konz. ; P.  A.  Sachsen,  Ernestinische  Linie,  1542,  Or.  Der  Kf.  hebt  hier 
hervor,  daß  die  Besetzung  nur  währen  solle,  bis  er  vom  Bischof  genügsame  Ver- 
sicherung erlange,  daß  er  künftig  als  Landesförst  genügenden  Gehorsam  bei  ihm 
finden  werde  und  daß  er  dem  heiligen  Evangelium  in  Stadt  und  Stift  Wurzen 
seinen  freien  Gang  ungehindert  lasse.  Vergl.  auch  Brück  an  Ldgf.  April  10, 
M.  P.  C.  I,  412,  Anm. 

2)  V.  Langenn,  8.  32.  Handelsbuch,  8.  Cff.  Auch  Ossa  erwähnt  aber 
nur,  daß  der  Kf.  die  Muldepässe  besetzt  habe,  als  der  Konflikt  schon  im  Glange 
war,  sagt  nicht,  daß  sein  Vorgehen  durch  die  Absicht  auf  eie  veranlaßt  worden 
sei,  8.  10. 

3)  Moritz  an  Ldgf.  März 2ö,  M.  P.  C.  I,  370 ff. ; an  Kf.  April  1,  Langenn, 
II,  8.  224  ff. 

4)  Auf  Anfragen  der  kurfürstlichen  Räte  vom  4.  März  wq^n  des  Landtags- 
besuchs  und  der  Türkeneteuer  antwortete  der  Bischof  am  13.  März  in  recht  un- 
bestimmter und  nichtssagender  Weise,  Reg.  B.  No.  1053.  Burkhardt,  a.  a.  O. 
S.  60/61.  Ee  fehlte  allerdings  auch  auf  kurfürstlicher  Seite  nicht  an  Verstößen  in 
dem  Verkehr  mit  dem  Bischof,  war  er  dochzum  Weimarer  LandtagfJan.  1542)  nicht 
in  korrekter  Weise  eingeladen  worden.  Brandenburg,  I,  8.  194f.  Burk- 
hardt, 8.  59  f. 

5)  An  die  Räte  in  Speicr  März  22,  Reg.  E.  p.  51a,  No.  103  I,  Bl.  207 — 215; 
März  31,  3 Zettel,  ebenda  Bl.  267 ; an  Ldgf.  April  3,  siehe  Anm.  1. 

6)  lieber  die  Vorgänge  in  Wurzen  selbst  vergl.  Burkhardt,  S.  63 — 72. 


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502 


Kapitel  IV. 


bereit,  die  Sache  durch  die  Käte  oder  vor  den  zwölf  Niedergesetzten 
verhandeln  zu  lassen  *).  Das  hielt  man  aber  auf  der  herzoglichen 
Seite  für  unmöglich,  solange  der  Kurfürst  Wurzen  besetzt  hielt 
Man  verlangte,  daß  er  es  erst  dem  Bischof  oder  dem  Landgrafen 
übergebe*).  Johann  Friedrich  zeigte  dazu  anfangs  wenig  Neigung'), 
hat  sich  aber  schließlich  doch  entschlossen,  auf  die  Vermittluugs- 
anträge  des  Landgrafen  einzugehen.  Neben  den  Ermahnungen,  die 
ihm  von  den  verschiedensten  Seiten,  von  der  Herzogin  Elisabeth*), 
Luther  ®),  seinen  Räten  ”)  zugingen,  wird  dabei  gewiß  auch  seine 
eigene  Friedensliebe  maßgebend  gewesen  sein  ’). 

Die  Verhandlungen,  die  dann  in  Oschatz  stattfanden,  sind  vom 
Landgrafen  mit  außerordentlicher  Gründlichkeit  geführt  w’orden. 
Der  Vertrag  vom  10.  April  kann  als  ein  W'erk  aller  drei  beteiligten 
Fürsten  betrachtet  w’erden*).  Zunächst  wurde  darin  die  üeber- 
gabe  des  Amts  an  den  Landgrafen  zur  Rückgabe  an  den  Bischof 
festgesetzt.  Ferner  mußte  sich  Johann  Friedrich  dazu  verstehen, 
dem  Herzog  das  Paßrecht  in  Wurzen,  auf  das  es  diesem  am  meisten 
ankam,  zuzugestehen.  Dagegen  wurde  ihm  im  übrigen  ein  größerer 
Einfluß  in  diesem  westlichen  Teile  des  Bistums  gewährt,  wogegen 
er  dem  Vetter  die  entsprechenden  Vorrechte  in  der  Osthälfte  über- 
ließ. Bei  Anlagen,  Steuern  u.  dgl.  sollte  die  Gesamtsumme  ge- 
teilt werden.  Der  Kurfürst  erhielt  auch  freie  Hand  zur  Durch- 
führung der  Visitation  in  Wurzen.  Die  Gemeinsamkeit  der  Sebutz- 
herrschaft  über  das  ganze  Bistum  wurde  darin  zum  Ausdruck  ge- 
bracht, daß  der  Bischof  die  Landtage  beider  Staaten  zu  beschicken 
hatte.  Dagegen  gelang  es  Johann  Friedrich  nicht,  durchzusetzen, 


1)  An  Moritz  März  30,  M.  P.  C.  I,  383. 

2)  Moritz  an  Kf.  April  1,  Langcnn,  II,  S.  224  ff.  Instruktion  doe  Ldgfea 
für  HiindclshauBcn  April  1,  M.  P.  C.  I,  384,  Anm. 

3)  Antwort  an  Hundelshausen  April  4,  ebenda  S.  392,  3.  Burkhardl, 
S.  76  f.  Kf.  an  Ldgf.  AprU  5,  M.  P.  C.  I,  393,  Anm. 

4)  Die  Hzin.  an  Kf.  April  4.,  7,  Loc.  9131  „Schriften  der  Hzin.  von  Roch- 
litz  . . . 1534“,  Bl.  3.  1/2,  Hdbf.;  April  5,  Langenn,  II,  S.  227. 

5)  Luther  an  Kf.  April  9,  Erl.  56,  Llllf.;  de  Wette,  VI,  8.  311  f.  Vej^ 
M.  P.  C.  1,  400,  Anm.  1. 

6)  Außer  Ossa  war  z.  B.  auch  Ponikau  mit  dem  Verhalten  dos  Kf.  nicht 
ganz  einverstanden,  M.  P.  C.  I,  388,  1. 

7)  Seiner  Gemahlin  spricht  er  am  10.  April  seine  Freude  über  die  Ver- 
meidung des  Krieges  aus,  Reg.  L.  p.  324,  D,  No.  3,  Hdbf. 

8)  Näheres  in  M.  P.  C.  I,  S.  396  ff.  Der  Vertrag  selbst  ebenda,  S.  407  fi 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  503 

daß  der  Herzog  und  er  in  dem  Vertrage  als  Landesfürsten  des 
Bischofs  bezeichnet  würden. 

Im  ganzen  hatte  der  Kurfürst  Grund,  mit  Befriedigung  auf  das 
Erreichte  zurückzublicken.  Daß  es  nur  auf  die  Gefahr  eines  Krieges 
hin  erreicht  worden  war,  wird  ihm  deswegen  keine  Sorge  weiter 
gemacht  haben,  weil  er  ja  ein  ganz  reines  Gewissen  dabei  hatte  ‘). 
Es  fragt  sich,  ob  auch  wir  ihn  von  Schuld  freisprechen  dürfen. 
Ganz  wird  es  nicht  möglich  sein.  Er  mußte  wissen,  daß  man  in 
Dresden  die  Berechtigung  seiner  landesherrlichen  Ansprüche  be- 
zweifelte, er  mußte  darauf  gefaßt  sein,  daß  sein  einseitiges  Zu- 
greifen Moritz  reizen  würde*).  Wenn  solche  Bedenken  sich  gar 
nicht  bei  ihm  regten,  so  wird  man  das  als  ein  Zeichen  einer  ge- 
wissen Unterschätzung  der  Albertinischen  Regierung  oder  auch  einer 
Ueberschätzung  der  Dankespflicht  des  Herzogs  gegen  ihn  betrachten 
dürfen®).  Und  war  er  wirklich  so  kurzsichtig,  alle  diese  Folgen 
nicht  zu  ahnen,  so  hätten  doch  die  Räte  ihn  von  übereilten  Schritten 
zurilckhalten  müssen ‘).  Auf  Albertinischer  Seite  dagegen  hat  man 
offenbar  zu  weitgehende  Befürchtungen  über  die  .Absichten  des 
Kurfürsten  gehabt  und  sich  nun  dadurch  seinerseits  zu  Schritten 
hinreißen  lassen,  die  an  sich  nicht  nötig  gewesen  wären,  spannte 
außerdem  seine  Ansprüche  höher,  als  berechtigt  war*). 

Es  war  begreiflicli,  daß  der  Landgraf,  nachdem  er  die  Wurzeusche 
Fehde  beigelegt  hatte,  die  Gelegenheit  benutzte,  um  auch  gleich 
noch  für  die  Beseitigung  anderer  Anlässe  zu  Mißverständnissen  und 


1)  Vergl.  etwa  die  Rede,  die  der  Kf.  perRönlich  am  12.  April  vor  seiner  Ritter- 
schaft hielt,  in  der  er  erklärte,  dafl  er  keine  Ursache  zu  dem  Konflikte  gegeben 
habe.  (Reg.B.  No.  1053;  Burkhardt,  8.  80.)  Ausführlicher  hat  er  seine  Ansicht 
in  einem  Briefe  an  Markgraf  Georg  von  Brandenburg  vom  24.  April  ausgesprochen. 
Nach  diesem  betrachtete  er  sich  durchaus  als  den  Angegriffenen,  gab  aber  weniger 
Hz.  Moritz,  als  dessen  alten  Bäten  die  Schuld.  (Reg.  B.  ebenda,  Konz.)  Im  W.  M. 
bezeichnet  er  die  „Vemrsachung  des  Teufels  und  die  Anstiftung  böser  Leute“  als 
Ursachen  des  Konfliktes,  nimmt  außerdem  an,  daß  weitere  Pläne  dahinter  gesteckt 
hätten  (Bl.  la.). 

2)  Moritzens  Brief  vom  14.  März  hätte  ihm  als  Warnung  dienen  müssen. 
M.  P.  C.  I,  344  f. 

3)  Vergl.  Knrlowitz  an  Ldgr.  April  4,  M.  P.  C.  I,  388. 

4)  Nach  Ossas  Tagebuch  waren  in  einem  Kronrat  vom  9.  März  alle  außer  ihm 
für  Brücks  aggressive  Ratschläge,  v.  Langen n,  8.  32.  Ossa,  8.  6 — 7. 

5)  Moritz  an  Kf.  März  24,  M.  P.  C.  I,  361  ff.  Burkhardt,  8.72f.  Branden- 
burg, 1,  8.  197. 


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504 


Kapitel  IV. 


Zwistigkeiten  tätig  zu  sein.  So  schlossen  sich  Verhandlungen  über 
die  Münzfrage  und  über  Erfurt  an.  lieber  beides  ist  es  in  den 
nächsten  Monaten  zu  Vertragsabschlüssen  gekommen. 

ln  der  Münzfrage  war  durch  den  Dresdener  Vertrag  keine 
Einigung  erzielt  worden.  Moritz  hatte  vor  allem  über  das  vom 
Kurfürsten  gewünschte  Fallen  mit  der  kleinen  Münze  sich  die  Ent- 
scheidung noch  Vorbehalten.  Der  Kurfürst  war  mit  Unrecht  der 
Meinung  gewesen,  daß  Moritz  dazu  verpflichtet  gewesen  sei,  der  Herzog 
hatte  auf  Wunsch  seiner  Landschaft  das  Fallen  im  März  abgelehnt  *). 
Der  Landgraf  erreichte  von  ihm,  daß  er  jetzt  auf  die  Wünsche  des 
Vetters  einging  und  wenigstens  ein  geringes  Fallen  mit  der  kleinen 
Münze  zugestand*). 

Der  Streit  um  Erfurt  beruhte  auf  einer  ähnlichen  Veranlassung 
wie  der  um  Wurzen.  Auch  hier  nahm  der  Kurfürst  neben  dem 
Erbschutzrecht  eine  Landeshoheit  in  Anspruch  und  leitete  daraus 
allerhand  Spezialrechte  ab,  z.  15.  das  Recht,  die  Türkensteuer  von 
den  auswärtigen  Lehen  und  anderen  in  seinem  Fürstentum  gelegenen 
freien  Gütern  der  Erfurter  einzuziehen®).  Der  Landgraf  hat  am 
8.  Mai  nur  einen  vorläuflgen  Schiedsspruch  fallen  können,  wonach 
beide  TeUe  vorbehaltlich  ihrer  Rechte  gestatteten,  daß  die  Erfurter 
die  Türkensteuer  diesmal  in  den  gemeinen  Kasten  des  Kreises 
zahlten.  Die  definitive  Entscheidung  sollte,  wenn  keine  gütliche 
Einigung  möglich  wäre,  durch  das  Oberhofgericht  erfolgen ‘). 

Durch  die  Wurzener  Fehde  war  der  ursprüngliche  Zweck  der 
Zusammenkunft  zwischen  dem  Kurfürsten,  dem  Landgrafen  und 
Moritz,  der  gewesen  war,  den  Albertiner  beim  Bunde  festzuhalten, 
ganz  in  den  Hintergrund  gedrängt  worden.  Ganz  aus  den  Augen 
verloren  hat  der  Landgraf  die  Sache  zwar  nicht,  Moritz  zeigte  aber 
jetzt  noch  weniger  als  früher  Neigung,  sich  in  eine  engere  Ver- 
bindung mit  den  Schmalkaldenern  einzulassen®).  Dagegen  konnte 
Philipp  mit  seinen  Erklärungen  in  der  braunschweigischen  Sache 
zufrieden  sein. 


1)  M.  P.  C.  I,  367  und  Anm. 

2)  Ebenda  S.  437  f.  und  Anm. 

3)  Kf.  an  Ldgr.  April  19,  Reg.  A.  No.  290,  Konz. 

4)  Arndt,  Neues  Arch.  f.  sächs.  Geech.  I,  137.  M.  P.  C.  I,  437,2.  Kopie  in 
Cop.  4,  Weimar. 

5)  JI.  P.  C.  I,  421-423.  Brandenburg,  I,  8.  2071. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  505 

Es  war  unvermeidlich,  daß  der  Groll,  der  durch  die  Wurzener 
Fehde  erzeugt  worden  war,  nicht  so  schnell  vorüberging.  Die  Bei- 
legung der  mannigfaltigen  kleinen  Differenzen,  die  es  beständig 
noch  gab  und  die  in  den  nächsten  Monaten  zu  immer  erneuten 
Verhandlungen  Anlaß  gegeben  haben,  wird  nach  diesem  Zusammen- 
stoß eher  schwerer  als  vorher  gewesen  sein ').  Erst  im  Herbst 
1542  gab  es  einen  Moment,  wo  man  von  einem  guten  Verhältnis 
der  beiden  Wettiner  sprechen  konnte’).  Die  Loyalität,  mit  der 
Moritz  sich  in  der  braunschweigischen  Sache  benahm,  mag  dabei 
mitgewirkt  haben.  Auch  in  der  Frage  der  nachbarlichen  Gebrechen 
kam  man  in  der  nächsten  Zeit  einen  bedeutenden  Schritt  weiter. 
Beide  Fürsten  erteilten  zwei  Verträgen,  die  in  Mühlberg  und  Dorn- 
burg im  Jahre  1542  geschlossen  worden  waren,  ihre  Genehmigung. 
Wegen  der  noch  unerledigten  Punkte  traten  je  di-ei  Räte  beider 
Fürsten  zu  Verhandlungen  zusammen,  deren  Resultat  der  Hainer 
Vertrag  vom  22.  Februar  154.3  war,  der  wohl  als  einer  der  be- 
deutenderen in  diesen  Streitigkeiten  betrachtet  werden  kann.  Die 
Grenzen  des  beiderseitigen  Leibgeleits  wurden  für  verschiedene 
Straßen  genau  festgesetzt,  für  die  Erhebung  der  Türkensteuer  wurde 
das  Herkommen  als  maßgebend  bezeichnet,  lieber  eine  Reihe  anderer 
Punkte  sollten  weitere  Auseinandersetzungen  stattfinden.  .4us  dem 
Mühlberger  Vertrage  entnahm  man  die  Bestimmung,  daß  rechtliclie 


1)  Eine  Ende  Mai  geplante  persönliche  Zusammenkunft  mußte  wegen  Er- 
krankung dea  Kf.  unterbleiben.  (M.  P.  C.  I,  439,  1.)  Ein  zur  Beilegung  nachbar- 
Ucher  Gebrechen  am  14.  Mai  geplanter  Tag  in  Jena  kam  nicht  zustande,  weil 
die  herzoglichen  Räte  ausblieben.  (Kf.  an  lAgf.  Mai  20,  Reg.  A.  No.  2C8.J  Im 
Juni  fand  dann  der  noch  vom  Landgrafen  veranlagte  Tag  in  Mügeln  wegen  der 
Münzsache  statt.  (M.  P.  C.  I,  439,  1.)  Am  11.  August  1542  wurde  in  Dornburg 
ein  Vertrag  über  Streitigkeiten  zwischen  dem  Jungfrauenkloster  in  Jena  und  dem 
Haus  Lehesten  geschlossen.  (Or.  Reg.  A.  Bl.  191,  No.  4io,  4,  ürk.  Abschrift  io 
Cop.  F.  4,  Bl.  313 ff.  Müller,  S.  98.)  Am  26.  September  kam  wieder  einmal 
ein  Vertrag  über  nachbarliche  Gebrechen  in  Mühlberg  zustande.  Es  bandelte 
sich  um  50  Funkte  meist  sehr  lokaler  Natur,  doch  kam  es  noch  darauf  an,  daß 
Moritz  den  Vertrag  nach  seiner  Heimkehr  aus  dem  Türkenkrieg  bestätigte. 
Einige  Punkte,  die  rechtlich  entschieden  wenlen  mußten,  sollten  durch  das  Oberhof- 
gericht in  der  Invocavitsitzung  erledigt  werden.  (Or.  im  Weim.  Arch.,  Reg.  A. 
Bl.  191,  No.  41.0,  3.  Kopie  in  Cop.  F.  4,  Bl.  246ff.  Vergl.  Müller,  S.  98. 
Brandenburg,  I,  S.  218.) 

2)  Vergl.  M.  P.  C.  I,  491,  2.  Am  17.  November  berichtet  Ponikau  dem 
Dölzig  über  einen  Besuch  Moritzens  in  Lochau  und  den  sehr  freundschaftlichen 
Verkehr  bdder  Fürsten.  Reg.  C.  No.  882,  Bl.  14/15,  Hdbf. 


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506 


Kapitel  IV. 


Erörterungen  vor  dem  Oberhofgericlit  erfolgen  sollten,  doch  be- 
stimmte man  jetzt  die  Crucissitzung  dafür  ^). 

lieber  die  Ausführung  dieses  Vertrages  hat  es  in  den  nächsten 
Monaten  eine  lange  Korrespondenz  gegeben,  an  der  sich  auch  die 
beiden  Fürsten  persönlich  beteiligten  *).  Mit  der  Entgegennahme 
aller  der  Handlungen,  die  vor  das  Oberhofgericht  gehörten,  wurde 
vom  Kurfürsten  der  Schösser  zu  Jena  Wolf  Töpfer  beauftragt,  die 
Haupt-  und  Amtleute  erhielten  Befehl,  ihm  das  Material  zuzu- 
schicken. Der  Termin  wurde  am  25.  Mai  auf  das  Hofgericht  Lueiae 
verschoben.  Auch  manche  gemeinsamen  Ausschreiben  und  Befehle 
ließen  die  Vettern  in  den  nächsten  Wochen  ergehen.  Kurz,  man 
war  zu  ähnlichen  Verhältnissen  zurückgekehrt,  wie  sie  im  Jahre 
1534  bestanden  hatten. 

Es  paßt  durchaus  in  diesen  Zusammenhang,  wenn  der  Kurfürst, 
der  jetzt  die  Hoffnung  aufgegeben  hatte,  Moritz  noch  im  schmal- 
kaldischen  Bunde  festzuhalten,  im  Februar  1.543  ein  Sonderbündnis 
zwischen  dem  Landgiafen,  Moritz  und  ihm  „der  Religion  halben"* 
vorschlug,  machte  er  doch  selbst  bei  dieser  Gelegenheit  darauf  auf- 
merksam, daß  durch  den  Landgrafen  und  durch  die  beiderseitigen 
Räte  alle  Irrungen  mit  Ausnahme  des  Schutzes  von  Erfurt  aus- 
geglichen seien*).  Aus  diesem  Sonderbündnis  ist  dann  aber  doch 
nichts  geworden^),  und  die  eben  geschlossene  Freundschaft  begann 
schon  sehr  kurze  Zeit  nach  der  Ratifikation  des  Hainer  Vertrages 
wieder  brüchig  zu  werden.  Gerade  die  unerledigten  Erfurter  Ver- 
hältnisse waren  es,  die  den  Stein  des  Anstoßes  bildeten.  Im  Mai 
hatten  die  beiderseitigen  Räte  ohne  Erfolg  darüber  korrespondiert®), 
im  Juni  hielten  die  Fürsten  zwar  noch  in  Buchholz  und  Annaberg 
eine  persönliche  Zusammenkunft  ab  ®),  im  Juli  aber  war  man  schon 
wieder  so  weit,  daß  sich  Moritz  an  den  Landgrafen  wandte  und 
diesen  um  seine  Vermittlung  ersuchte,  gleichzeitig  aber  in  einem 


1)  Unterschriebenes,  aber  nicht  besiegeltes  Or.  des  Vertrages  in  Weimar, 
Cop.  F.  4,  Bl.  289 ff.  Beiabredo  BL  307 ff.  Vergl.  Müller,  S.  99. 

2)  Reg.  A.  No.  293a. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  26,  M.  F.  C.  I.  623  Anm. 

4)  Ebenda. 

5)  M.  P.  C.  I,  635  Anm. 

6)  M.  P.  C.  I,  632,  1. 


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Das  Verhältnis  Job.  PViedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  507 


scharfen  Brief  die  Uebergriffe,  die  der  Kurfürst  sich  erlaubt  habe, 
zurückwies  ^). 

Die  Ursache  des  Streites  hatte  mit  der  zur  Wurzener  Fehde 
eine  gewisse  Verwandtschaft,  indem  es  sich  darum  handelte,  ob 
dem  Kurfürsten  auf  den  Erfurter  Straßen  weiter  gehende  Rechte 
Zuständen  als  dem  Herzog.  Dieser  beanspruchte  zwei  der  Erfurter 
Straßen  für  sich  und  brachte  diese  Ansprüche  durch  Beschlagnahme 
des  Pferdes  eines  Friedbrechers  zum  Ausdiuck.  Anstatt  deswegen 
nun  den  Weg  der  Klage  zu  beschreiten,  hatte  Johann  Friedrich 
zu  Repressalien  gegriffen,  indem  er  „zur  Gegenschanze“  vier  Wals- 
lebener  Bauern,  die  an  der  Sache  ganz  unschuldig  waren,  fest- 
nehmen ließ  *).  Daneben  beschritt  er  allerdings  den  vorgeschriebenen 
Weg  der  Verhandlungen,  indem  er  zwei  seiner  Räte  an  zwei  Räte 
des  Herzogs  schreiben  ließ.  Es  gelang  aber  nicht,  die  Sache  auf 
diese  Weise  beizulegen.  Auch  der  Kurfürst  bat  darauf  den  Land- 
grafen um  seine  Vermittlung,  er  war  bereit,  die  Bauern  freizulassen, 
wenn  das  Pferd  herausgegeben  werde.  Philipp  bemühte  sich  durch 
energische  Friedensmahnungen  für  die  Beilegung  des  Streites  zu 
wirken,  seine  eigne  Vermittlung  schien  ihm  unpraktisch,  er  empfahl, 
die  Sache  durch  die  Räte  beilegen  zu  lassen®).  Moritz  war  mehr 
für  eine  rechtliche  Entscheidung  durch  vier  Räte  des  Oberhofgerichts 
und  eine  Universität.  Das  hatte  dann  wieder  einen  weiteren  ge- 
reizten Schriftwechsel  zur  Folge.  Schließlich  ging  der  Kurfürst 
auf  den  Vorschlag  ein,  erklärte  sich  auch  zur  bedingten  Freilassung 
der  Bauern  bereit,  d.  h.  auf  Wiedereinstellen,  wie  [dann  geschah. 
Dadurch,  daß  der  Verbleib  des  Pferdes  nicht  festzusteUen  war, 
wui'de  der  Fall  kompliziert  und  war  schließlich  noch  nicht  erledigt, 
als  Moritz  sich  im  Herbst  zum  Türkenzuge  vorzubereiten  begann*). 
Er  verschob  schließlich  am  26.  September  die  weitere  Erörterung 
der  Sache  bis  zu  seiner  Heimkehr®). 

1)  Moritz  an  Ldgf.  Juli  1,  M.  P.  C.  I,  634  f. ; an  Kf.  Juli  3,  ebenda  S.  63.Ö,  1. 

2)  Brandenburg,  I,  8.  362.  Korrespondenzen  in  Reg.  G.  No.  16ab.  Der 
Kf.  nahm  anfangs  an,  daß  die  Beschlagnahme  des  Pferdes  durch  den  Amtmann 
zu  Herbsleben  Hans  Vitztum  von  Eckstädt  ohne  Wissen  des  Hzs.  erfolgt  sei, 
zur  Gegenschanze  riet  Brück  am  13.  April.  Die  Bchuld  schob  er  vor  allem  auf 
die  Erfurter,  die  vom  Kf.  unabhängiger  werden  wollten. 

3)  M.  P.  C.  1,  639  und  Anm.  1. 

4)  Ebenda  641  und  Anm.  2. 

5)  An  Ldgf.,  Kopie  in  Reg.  G.  No.  16b.  Dort  überhaupt  die  auf  die  Ver- 
mittlung des  Ldgf.  bezügliche  Korrespondenz. 


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508 


Kapitel  IV. 


Dem  Laudgrafen  waren  diese  Streitigkeiten  um  so  unan- 
genehmer, als  er  damals  gerade  wegen  der  allgemeinen  Lage  aufs 
dringendste  eine  politische  Verbindung  mit  Moritz  wünschte  und 
zu  diesem  Zwecke  den  Plan  des  Kurfürsten  vom  Februar  wieder  auf- 
nehmen wollte.  Er  riet  diesem  deswegen  zur  Nachgiebigkeit  in  jenen 
kleinen  Streitigkeiten.  Johann  Friedrich  war  aber  jetzt  so  stark 
gegen  Moritz  eingenommen,  daß  er  Zweifel  darüber  aussprach,  ob 
der  Herzog  auch  nur  dem  Landgrafen  gegen  den  Kaiser  helfen 
tvürde.  Er  überließ  jedenfalls  die  Initiative  bei  den  geplanten 
Verhandlungen  ganz  dem  Landgrafen*).  Auch  gegen  den  Braun- 
schweiger versprach  der  Kurfürst  sich  von  Moritz  jetzt  nicht  mehr 
viel*),  verfolgte  auch  dessen  Reise  nach  den  Niederlanden  im 
September  mit  Mißtrauen*).  Im  Oktober  scheint  sich  dann  das 
Verhältnis  etwas  gebessert  zu  haben.  Man  trat  wieder  in  aussichts- 
voll erscheinende  Verhandlungen  über  die  Erfurter  Streitfragen 
ein*),  der  Kurfürst  sowohl  wie  der  Landgraf  waren  mit  dem  Vor- 
gehen des  Herzogs  in  der  merseburgischen  Angelegenheit  sehr 
einverstanden®),  man  hoffte  sich  auch  in  der  braunschweigischen 
Frage  der  Fürsprache  des  Herzogs  beim  Kaiser  erfreuen  zu  können  ®). 
Seit  dem  Frühjahr  1544  begann  dann  aber  ein  neuer  großer  latent 
schon  längere  Zeit  vorhandener  Gegensatz  der  beiden  sächsischen 
Linien  wirksam  zu  werden,  der  hervorgerufen  wurde  durch  ihre 
einander  widersprechenden  oder  wenigstens  schwer  in  Einklang 
zu  bringenden  Absichten  auf  die  Stifter  Magdeburg  und  Halber- 
sta4t.  Es  wird  sich  empfehlen,  bei  dieser  Gelegenheit  die  Ent- 
wicklung des  Verhältnisses  des  Kurfürsten  zu  .A.lbrecht  von  Mainz 
im  Zusammenhang  zu  verfolgen.  — 

Wir  hatten  früher  Gelegenheit,  auf  das  gute  Verhältnis  hinzu- 
weisen, das  15.S.%'.^4  zwischen  Johann  Friedrich  und  dem  Mainzer 
Kurfürsteu  bestand.  Ifan  hatte  damals  im  Ernste  an  ein  Bündnis 
denken  können,  wiederholte  Gesandtschaften  und  Zusammenkünfte 
waren  möglich,  und  gemeinsam  hatten  beide  Fürsten  sich  der 

1)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  31,  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  5,  I.idgf.  an  Kf.  Aug.  8,  Kf.  an  Ldgf. 
Aug.  U,  Reg.  H.  p.  546,  No.  180  und  p.  551,  No.  181.  Vergl.  M.  P.  C.  I,  650,  1. 

2)  M.  P.  C.  I,  665,  1. 

3)  Brandenburg,  I,  S.  252. 

4)  M.  P.  C.  I,  688  Anm.  Kf.  an  Ijdgf.  Okt  23. 

5)  Ldgf.  an  Kf.  1544  Jan.  18,  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  26,  Reg.  H.  p.  574,  No.  ISS,  L 

6)  Kf.  an  Moritz  1543  Okt.  3,  M.  P.  C.  I,  688  Anm. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  509 

Beilegunp:  des  Wüi-ttemberger  Krieges  annehmeu  können  •).  Wenn 
an  die  Stelle  dieser  guten  Beziehungen  seit  dem  Sommer  1534  eine 
von  Jahr  zu  Jahr  sich  steigernde  Feindschaft  trat,  so  ist  die  Ursache 
dazu  in  erster  Linie  auf  religiösem  Gebiete  zu  suchen.  Albrecht 
begann  bestimmter  als  bisher  in  der  religiösen  Frage  Stellung  zu 
nehmen,  er  ging  gegen  das  in  Halle  eiugedrungene  Evangelium 
vor,  ließ  protestantische  Bürger,  sogar  Mitglieder  des  Rates,  aus 
der  Stadt  ausweiseu  *)  und  geriet  dadurch  in  Konflikt  mit  Luther, 
der  sich  in  einem  Briefe  an  Joh.  Friedrich  vom  5.  Juni  15.34  seiner 
verfolgten  Anhänger  energisch  annahm®).  Nun  wäre  es  nach  den 
Anschauungen,  zu  denen  man  sich  sonst  bekannte,  für  den 
sächsischen  Kurfürsten  allerdings  kaum  möglich  gewesen,  in  diese 
Frage  anders  als  durch  Verwendungen  bei  Albrecht  einzugreifen, 
wenn  Johann  Friedrich  nicht  besondere  Rechte  in  Halle  für  sich  in 
Anspruch  genommen  hätte.  Er  glaubte  sich  als  Kuifürst  von 
Sachsen  wie  seine  Vorgänger  zur  Führung  des  Titels  eines  Burg- 
grafen von  Magdeburg  berechtigt  und  leitete  aus  diesem  .\mte 
Rechte  auf  die  Gerichtsbarkeit  in  Halle  ab,  die  ihm  auch  ein  Ein- 
greifen in  jener  religiösen  Frage  erlaubt  erscheinen  ließen,  indem 
er  nämlich  annahm,  daß  das  Recht  der  .Ausweisung  nur  ihm  als 
Besitzer  der  Banngewalt  zustände  ®).  Die  aus  Halle  ausgewiesenen 
Ratsherren  machten  ihn  sogar  selbst  darauf  aufmerksam,  daß  er  als 
Burggraf  zu  Magdeburg  der  oberste  GerichtsheiT  in  Halle  sei"). 

Auf  Grund  dieser  Rechtsansprüche  wandte  sich  Johann  Friedrich 
am  4.  Dezember  an  den  Rat  und  an  Schultheiß  und  Schöffen  zu 
Halle  ’),  und  als  diese  sich  einfach  auf  den  Erzbischof  beriefen, 
richtete  er  seine  Beschwerden  auch  an  diesen  selbst®).  .Albrecht 
hat  darauf  zunächst  durch  Sendung  zweier  Räte  nach  Wittenberg 
die  Hand  zu  gütlichen  Verhaudlungeu  geboten“);  als  aber  dann 

1)  VergL  ö.  30  ff. 

2)  Hülße,  S.  134 ff. 

3)  E n d e r 8 , X , S.  49  f. 

4)  Hülße,  8.  127  ff. 

5)  Jede  Berechtigung  des  Vorgehens  des  Kf.  bestreitet  Hülße,  S.  113. 
120 f.  123 ff.  137  f.  Auch  Brandenburg,  D.  Z.  f.  G.,  N.  F.  I,  261  f.  nimmt 
an,  daß  der  Kf.  zum  mindesten  weit  mehr  beanspruchte,  als  berechtigt  war. 

6)  Hülße,  8.  136. 

7)  Ebenda  S.  136  f.  Dreyhaupt,  I,  8.  204f. 

8)  Hülße,  ebenda. 

9)  Hülße,  S.  137/38. 


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510 


Kapitel  IV. 


Johann  Friedrich  noch  eine  zweite  Zusammenschickung:  der  Räte 
vorschlug,  ging  er  nicht  darauf  ein,  sondern  erklärte,  daß  er  ohne 
Zustimmung  seines  Domkapitels  nichts  weiter  in  der  Sache  tun 
könne  *).  Durch  Herzog  Georg,  den  er  gleichzeitig  um  Rat  gefrag^t 
hatte,  wurde  er  in  dieser  Haltung  bestärkt  -).  Er  benutzte  die  ge- 
wonnene Frist,  um  mit  seinen  Verbündeten,  dem  Kurfürsten  von 
Brandenburg,  den  Herzögen  Erich  und  Heinrich  von  Braunschweig, 
in  Verbindung  zu  treten’),  dem  Kurfürsten  gab  er  auf  wiederholte 
Schreiben  immer  dieselbe  Antwort,  erzeugte  aber  dadurch  bei  diesem 
nur  die  Ueberzeugung,  daß  man  ihn  hinhalten  wolle*).  Schließlich 
hatte  aber  auch  Johann  Friedrich  nichts  dagegen  einzuwenden,  daß 
die  Sache  vor  den  Kaiser  oder  vor  die  Erbeinungsfürsten  und 
andere  Fürsten  gebracht  w'erde’). 

Wie  es  seine  .\rt  war,  gedachte  er  dann  diese  Gelegenheit  zu 
benutzen,  um  gleich  noch  allerhand  weitere  Beschwerden  zur  Er- 
ledigung zu  bringen  ®),  auch  die  Angelegenheit  des  Hans  v.  Schönitz  ’) 
nahm  er  dabei  mit  auf.  Im  Sommer  1535  setzte  dann  die  Vermittlung 
des  Landgrafen  ein.  Seit  dem  Juni  gingen  seine  Gesandten  wieder- 
holt zu  den  beiden  Fürsten,  im  August  gelang  es  ihm,  die  Zu- 
stimmung beider  dazu  zu  gewinnen,  daß  Joachim  II.  von  Branden- 
burg und  er  die  Vermittlung  übernahmen.  Ein  Tag,  der  zu  diesem 
Zwecke  anfangs  für  den  6.  Oktober  in  Nordhausen  geplant  war, 
mußte  allerdings  mehrfach  verschoben  werden  und  hat  schließ- 
lich erst  Ende  Mai  und  .\nfang  Juni  1536  in  Naumburg  statt- 
gefunden *). 

Schon  seit  dem  Januar  finden  wii’  den  Kurfürsten  mit  den  vor- 
bereitenden Schritten  für  diesen  Tag  beschäftigt,  außer  den  Juristen 
Brück,  Schürf,  Sindriuger  und  Pauli®)  mußte  auch  Spalatin  zu 


1)  Hüiße,  8.  139 f. 

2)  Albrecht  an  Georg  lö35,  Febr.  3,  der  Hz.  Georg  an  Albrecht  v.  Mainz 
Febr.  8,  Loc.  10073  „Irrungen  zwischen  dem  römischen  König  . . . 34/35“,  Or. 
und  Konz. 

3)  Hüiße,  S.  141. 

4)  Antwort  des  Kf.  an  Feige  April  19,  Reg.  H.  p,  92,  No.  38,  Bl.  69 — 75. 

5)  Hüiße,  S.  1421. 

6)  Hüiße,  8.  14:i  f. 

7)  Vergl.  etwa  Köstlin-Ka werau,  II,  8.  419. 

8)  Hüiße,  8.  144«. 

9)  Brück  an  Kf.  1536  Jan.  2,  Loc.  9650  „des  Kf.  zu  Sachsen  und  Dr. 
Gregorii  Brücken  . . . 1537“,  Or.  Kf.  an  Bruck  Jan.  7,  ebenda,  Konz. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  511 

diesem  Zwecke  tätig  sein  ‘),  am  17.  Januar  hatte  Brück  schon  21 
„Verunruhigungen“  des  Erzbischofs  gegen  den  Kurfürsten  zu- 
sammengestellt’). Noch  ehe  es  dann  aber  zu  Verhandlungen  vor 
den  Vermittlern  kam,  trat  der  magdeburgische  Kanzler  Türk  an 
Brück  und  Schürf  mit  dem  Vorschlag  heran,  einen  Versuch  zu 
gütlicher  Beilegung  der  Sache  zu  machen®).  Da  man  auf  kur- 
sächsischer Seite  der  Unpai-teilichkeit  der  Vermittler,  besonders 
des  Brandenburgers,  nicht  traute,  hielt  man  für  ratsam,  auf  diesen 
Vorschlag  einzugehen*),  und  es  kam  Anfang  Februar  zu  einer  zu- 
nächst ganz  unverbindlichen  Zusammenkunft  der  Räte  in  Leipzig  ®). 
Zu  einer  Einigung  kam  es  nicht  und  ebensowenig  auf  einer  zweiten 
Tagung,  die  am  21.  und  22.  März  wieder  in  Leipzig  abgehalten 
wurde.  Sie  bot  aber  Gelegenheit  für  beide  Teile,  ihren  Rechts- 
standpnnkt  in  sehr  ausführlicher  Weise  darzulegen®). 

Das  Scheitern  dieser  Verhandlungen  steigerte  die  Feindschaft. 
In  Schreiben  an  den  Landgrafen  brachten  beide  Teile  ihre  Be- 
schwerden gegeneinander  zum  Ausdruck’);  dessen  Vermittlung 
gewann  nun  an  Bedeutung,  vor  allem  der  Kurfürst  verließ  sich  ganz 
auf  sie  und  war  der  Meinung,  daß  zunächst  eine  gütliche  Einigung 
versucht  werden,  und  wenn  sie  scheitere,  ein  rechtmäßiger  „ver- 
peent“  Kompromiß  und  rechtlicher  Austrag  bewirkt  werden  müsse. 
Als  Voraussetzung  betrachtete  er  dabei  aber,  daß  sich  der  Kardinal 
inzwischen  aller  Eingriffe  in  seine  Rechte  enthalte  und  die  An- 
gelegenheit der  Hallenser  Bürger  in  ihren  vorigen  Stand  setze®). 

Im  ganzen  habe  ich  doch  den  Eindruck,  daß  er  damals  eine 
Beilegung  des  Streites  wünschte,  suchte  er  doch  im  Mai  das  Er- 
scheinen einer  Schrift  Luthers  in  der  Schönitzschen  .Angelegenheit 
zu  verhindern®),  und  daß  es  mehr  die  Schuld  Albrechts  war,  wenn 


1)  Kt  an  Spalatin  Jan.  15,  Reg.  0,  No.  56,  Bl.  10,  Or.  Vergl.  Hülße, 
8.  150. 

2)  Brück  an  Kt  Jan.  17,  Loc.  9650  a.  a.  O.,  Or. 

3)  Ebenda. 

4)  Ebenda  und  Kt  an  Brück  Jan.  25,  ebenda,  Konz. 

5)  Kf.  an  Brück  Febr.  7,  Ecg.  N.  No.  62,  IV,  Konz.  Danach  sollte  die  Zu- 
sammenkunft am  8.  oder  9.  stattfinden.  Vergt  Hülße,  8.  148t 

6)  Hülße,  8.  149—151. 

7)  Brück  an  Kt  April  13,  Loc.  9650  a.  a.  O.,  Or.;  Kt  an  Ldgt  April  15, 
ebenda,  Konz.,  Or.  P.  A.  Emestiner  1536;  Hülße,  8.  151. 

8)  Ebenda. 

9)  Kf.  an  Brück  Mai  14,  Reg.  H.  p.  97,  No.  41,  Konz. 


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512 


Kapitel  IV. 


die  Naumburger  Verhandlungen  zu  nichts  führten.  Er  war  nicht 
selbst  anwesend  und  lehnte  auch  alle  Vorschläge,  die  ihm  gemacht 
wurden,  ab  *).  Johann  Friedrich  folgerte  daraus,  daß  sein  Gegner 
überhaupt  keinen  Vergleich  wünsche,  nahm  seinerseits  aber  die 
am  20.  Juli  vom  Landgiafen  und  Joachim  von  neuem  angebotene 
Vermittlung  an’).  Daneben  tat  er  allerdings  Schritte,  um  seine 
Rechte  in  Halle  zu  wahren.  Durch  eine  Gesandschaft  ließ  er  dort 
am  7.  August  einen  feierlichen  Protest  gegen  die  Weigerung  des  Erz- 
bischofs, einen  Vergleich  anzunehmen,  aussprechen  ’).  Der  Mainzer 
antwortete  am  4.  September,  äußerte  dabei  den  Gedanken,  die 
Sache  vor  den  Kaiser  und  das  Kammergericht  zu  bringen,  erklärte 
sich  aber  schließlich  auch  mit  erneuter  Vermittlung  der  beiden 
Fürsten  einverstanden ‘).  Daneben  wandte  er  sich  allerdings  auch 
schon  an  das  Kammergericht  und  an  König  Ferdinand  und  trug 
diesen  die  Sache  vor  *),  ja,  es  war  sogar  schon  davon  die  Rede,  daß 
er  rüste®). 

Schließlich  warteten  beide  Teile  doch  das  Resultat  der  Ver- 
mittlung ab.  Sie  ging  mit  Zustimmung  der  Parteien  jetzt  aus 
den  Händen  des  Landgrafen  und  Joachims  II.  allein  in  die  aller 
Erbeinigungsfürsten  über’)  und  wurde,  da  sie  in  Verbindung  mit 
dem  geplanten  Erbverbrüderungstage  stattfinden  soUte,  bis  in  den 
Anfang  des  Jahres  1.537  verzögert,  doch  erfolgten  schon  vorher 
einige  Schritte,  die  als  Vorbereitung  der  Vermittlung  betrachtet 
werden  können.  Da  bemühten  sich  die  HohenzoUern,  zu  bewirken, 
daß  der  Kurfürst  Luther  zum  Schweigen  dem  Mainzer  gegenüber 
veranlasse,  und  fanden  bei  ihm  damit  auch  einiges  Entgegen- 
kommen ®).  Da  erschienen  brandenburgische  und  herzoglich  sächsi- 
sche Räte  bei  Johann  Friedrich,  um  ihn  von  allen  Tätlichkeiten 


1)  Hülße,  S.  261  f. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Aug.  1,  Keg.  H.  p.  112,  No.  52,  Konz. 

3)  Hülße,  8.  262f. 

4)  Ebenda  8.  263. 

5)  Hülße,  S.  263 ff. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Okt.  25,  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  5,  Loc.  9136  „des  Kf.  zn 
Sachsen  Beschwerung  . . . 1536“. 

7)  Hülße,  8.  265. 

8)  Die  Brandenburger  an  Kf.  Okt.  24,  Keg.  N.  No.  61,  Or.  Secken- 
dorf, III,  8.  198.  Kf.  an  die  Brandenburger  Nov.  6,  Reg.  N.  ebenda.  Konz.;  an 
Brück  Nov.  6,  ebenda;  Luther  an  Brück  Dez.  10,  ErL  55,  157  ff.  Enders,  XI, 
8.  142  f. 


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Dag  Verhältnig  Joh.  Friedrichg  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  513 

gegen  Albrecht  fernzuhalten ').  Immerhin  war  die  Stimmung 
auch,  als  im  März  1537  der  Zeitzer  Tag  zusammentrat,  noch  sehr 
gereizt,  und  man  befürchtete  einen  kriegerischen  Zusammenstoß, 
■wenn  es  in  Zeitz  nicht  gelang,  einen  Ausgleich  zu  finden*). 

Tatsächlich  kam  dort  ein  Kompromiß  zustande:  17  Räte  der 
sämtlichen  beteiligten  Fürsten  sollten  am  3.  Juni  in  Zerbst  Zusammen- 
kommen, weiter  über  die  Sache  verhandeln  und  ein  Urteü  fäUen. 
Auf  einem  Fürstentage  in  Zerbst  am  3.  Februar  1538  sollte  dann 
die  endgültige  Entscheidung  stattfinden®).  Nachdem  die  beiden 
streitenden  Fürsten  sich  einverstanden  erklärt  hatten,  hat  am 
3.  Juni  die  Verhandlung  der  Räte  begonnen ‘).  Sie  haben  ganz 
außerordentlich  gründliche  und  langwierige  Beratungen  vorge- 
nommen, von  beiden  Seiten  wurden  Akten  und  Zeugen  beigebracht, 
der  kurfürstliche  Standpunkt  wurde  besonders  durch  Brück  mit 
großem  Eifer  vertreten®).  An  seiner  jeweiligen  Stimmung  und 
der  des  Kurfürsten  können  wir  den  Gang  der  Verhandlungen  ver- 
folgen. Im  August  hielt  der  Kanzler  z.  B.  den  Stand  der  Sache 
für  ziemlich  ungünstig®),  und  Johann  Friedrich  war  sogar  nicht 
abgeneigt,  den  Kompromiß  zu  sprengen  Gegen  Ende  des  Jahres 

1)  Kf.  an  Brück  Nov.  18,  Loc.  9050  a.  a.  O.,  Konz.;  an  Joachim  und 
Georg  Nov.  26,  Loc.  9650  „Gebrechen  zwischen  Herrn  Albrecht  . . . 1536“,  Or. 
Vom  29.  Not.  bis  7.  Dez.  war  der  Kf.  in  Wittenberg,  die  Gesandten  waren  während 
dieser  Zeit  drei  Nächte  lang  dort.  Reg.  Bb  No.  5585. 

2)  Mila  an  Kf.  1537  Jan.  10,  13,  Reg.  H.  p.  124,  No.  56,  Or.  Kf.  an 
Mila  Jan.  21,  ebenda.  Konz.  Vorstius  an  Paul  III.  März.  2,  Conc.  Trident 
IV,  87  f. 

3)  März  18 ff.  Hülße,  8.  266 f. 

4)  HülQe,  S.  267 ff. ‘Es  ist  noch  hinzufügen,  daß  auch  Zeugen,  „ehrliche 
alte  Leute“  befragt  wurden.  Brück  an  Kf.  Juni  16,  Juli  7,  10,  19,  21,  23,  Loc, 
9650  „des  Kf.  zu  Sachsen  und  Dr.  Greg.  Brück  . . 1537“,  Or.  Die  Briefe  Brücks 
zeigen,  daß  auch  Spalatin  wieder  Nachforschungen  anstellen  mußte.  Vergl.  auch 
Bcrbig,  Q u.  D.  V,  29. 

5)  Besonders  sein  Brief  an  Kf.  Juli  29  (Loc.  9650  a.  a.  O.,  Or.)  zeigt, 
wie  unentbehrlich  er  war. 

6)  Besonders  weil  ein  solcher  Druck  auf  die  Hallenser  ausgeübt  wurde,  daß 
sie  nichts  auszusagen  wagten,  an  Kf.  Aug.  12,  Loc.  9650  a.  a.  O.,  Or.,  anderer 
Brief  von  dems.  Tage,  Hdbf.,  ebenda. 

7)  An  Brück  Aug.  20,  ebenda,  Konz.  Nicht  angängig  schien  es  ihm,  das 
Zeugenverhör  für  nichtig  zu  erklären,  da  man  einem  Kf.  des  Reichs  doch  nicht 
vorwerfen  könne,  daß  er  die  Zeugen  beeinflusse;  er  batte  aber  nichts  dagegen, 
daß  man  eine  so  scharfe  Schrift  an  die  Vermittler  richte,  daß  der  Kardinal  in- 
folgedessen von  dem  Kompromiß  abfiele. 

Beiträge  zur  eeueren  Geschichte  Thüringens  I,  2.  33 


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514 


Kapitel  IV. 


finden  wir  Brück  etwas  müde,  mißtrauisch  gegen  den  Branden- 
burger, zufrieden  dagegen  mit  den  Hessen  *).  Der  Kurfürst  rechnete 
jetzt  bestimmt  auf  Sieg*).  Er  bemühte  sich  außerdem,  den  Land- 
grafen zu  bestimmen,  persönlich  auf  dem  Zerbster  Tage  zu  er- 
scheinen. Dieser  fügte  sich  nach  einigem  Widerstreben*). 

Als  so  alles  im  besten  Gange,  das  Urteil  der  Räte  so  gut  wie 
fertig  war  und  es  nur  noch  auf  die  Entscheidung  des  Fürstentages 
ankam,  wurde  plötzlich  durch  das  Eingreifen  des  Kaisers  alles 
wieder  in  Frage  gestellt.  Durch  einen  Brief  vom  10.  Juli,  der 
aber  erst  am  12.  Januar  1538  durch  Held  aus  Mainz  an  Joachim  II. 
gesandt  wurde,  untersagte  er  den  beteiligten  Fürsten,  den  hallischen 
Streit  weiter  zu  verhandeln,  da  er  die  Sache  selbst  entscheiden 
wolle ‘).  Er  betrachtete  den  Streit  als  einen  Streit  um  Reichslelm, 
der  vor  sein  Gericht  gehöre*).  Den  beteiligten  Fürsten  erschien 
es  aber  als  etwas  Ungewöhnliches,  daß  der  Kaiser  in  solcher 
Weise  in  ein  Schiedsgerichtsverfahren  eingrüF.  Daher  ließ  sich 
nur  Herzog  Georg  von  Sachsen  dadurch  beeinflussen  und  zog  sich 
aus  den  Verhandlungen  zurück,  während  die  anderen  unbedenklich 
zu  der  verabredeten  Zeit  in  Zerbst  zusammenkamen  und  vom 
3. — 24.  Februar  dort  tagten®).  Trotz  der  Bedenken,  die  von 
magdeburgischer  Seite  dagegen  geäußert  wmden,  beschloß  man 
auf  Grund  einer  kursächsischen  Darlegung,  ohne  Rücksicht  auf  das 
kaiserliche  Mandat  die  Verhandlungen  fortzusetzen,  indem  man 
annahm,  daß  der  Kaiser  nicht  genügend  unterrichtet  gewesen  sei. 
Auch  die  Vertreter  Albrechts  fügten  sich  diesem  Beschluß,  und 
durch  den  Mund  Türks  und  Brücks*)  legten  die  Parteien  noch 
einmal  ausführlich  ihre  Rechte  dar.  Am. 23.  wurde  das  Urteil 
gefällt,  es  lautete  außerordentlich  günstig  für  den  Kurfürsten  von 
Sachsen,  seine  Ansprüche  auf  das  Burggrafentum,  Grafengedinge, 
das  Recht,  in  Halle  dreimal  im  Jahre  Gericht  zu  halten  etc.,  wur- 

1)  Zahlreiche  Briefe  aus  dem  Nov.  und  Dez.,  Loc.  9650  a.  a.  O. 

2)  An  Brück  Dez.  20,  Konz.,  ebenda. 

3)  Kf.  an  Ldgf.  Nov.  2,  P.  A.  Sachsen,  Emestinische  Linie,  1537  II,  Hdbt 
L<lgf.  an  Kf.  Dez.  7,  Beg.  H.  p.  139,  No.  65,  Or.  Kf.  an  Ldgf.  Der.  15,  ebenda, 
Konz.  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  25,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Or.,  Zettel. 

4)  HulOe,  S.  269. 

5)  Brandenburg,  DZG.,  N.  F.  I,  S.  262  f.,  W.  M.  Bl.  4a. 

6)  Hülße,  S.  270 ff.  Ldgf.  an  Kf.  1538  Jan.  26,  Reg.  H.  p.  191, 
No.  88,  Or. 

7)  Vergl.  Kawerau,  I,  8.  274  f. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  5l5 

den  anerkannt,  dagegen  allerdings  der  eigentliche  Ausgangspunkt 
des  Streites,  die  Frage  der  Ausweisungsbefugnis  von  Hallenser 
Bürgern,  zugunsten  des  Kardinals  entschieden  *).  Am  24.  Februar 
einigten  sich  dann  die  Parteien,  wohl  um  für  die  Zukunft  aUe 
Differenzen  zu  verhüten,  dahin,  daß  der  Erzbischof  dem  Kurfürsten 
für  die  Abtretung  aller  seiner  Rechte  am  29.  April  1538  das  Amt 
Dahme  und  am  24.  April  1540  50000  11.  zu  übergeben  habe,  für 
diese  Summe  sollten  50  Adlige  und  4 Städte  Bürgen  sein,  den  aus 
Halle  vertriebenen  Bürgern  wurde  eine  Fi’ist  zum  Verkauf  ihrer 
Güter  gewährt*). 

Dieser  Vertrag  bedurfte  aber,  um  gültig  zu  werden,  noch  der 
Genehmigung  Albrechts  und  des  in  Zerbst  nicht  vertretenen  Herzogs 
Georg  und  der  Bestätigung  des  Kaisers.  Auf  ersteren  haben  die 
beteiligten  Fürsten  in  recht  energischer  Weise  zu  wirken  gesucht, 
indem  sie  ihm  ankündigten,  daß  sie  den  sächsischen  Kurfürsten 
unterstützen  müßten,  wenn  der  Streit  nicht  beigelegt  und  ihm  seine 
Rechte  weiter  vorenthalten  würden®).  Albrecht  ließ  sich  dadurch 
aber  nicht  beeinflussen,  sondern  machte  seine  Genehmigung  von 
der  des  Kaisers  abhängig ‘).  Ein  anderes  Hindernis  für  die  Aus- 
führung des  Vertrages  lag  iu  der  Weigerung  Georgs,  ihn  anzu- 
erkennen, da  Johann  Friedrich  die  fraglichen  Rechte  nicht  gut  ohne 
Zustimmung  des  Gesamthauses  Sachsen  abtreten  konnte.  Auch 
Georg  machte  aber  seine  Zustimmung  von  der  des  Kaisers  abhängig®). 
Auch  die  Stände  der  Stifter  Magdeburg  und  Halberstadt  machten 
Schwierigkeiten®).  Der  Kurfürst  war  uicht  ganz  ohne  Recht  ge- 
neigt, anzunehmen,  daß  hinter  alledem  der  Mainzer  stecke,  und 
begann  daher  an  dessen  ehrlicher  Versöhnlichkeit  immer  mehr  zu 
zweifeln  ’).  Seine  Stimmung  wai'  infolgedessen  im  Sommer  1538 
eine  ziemlich  feindselige,  er . hatte  wenig  Lust,  Luther  in  der 

1)  Hülße,  S.  273  f.  Hortleder,  I,  2,  S.  1103  K. 

2)  Hülße,  8.  274 ff. 

3)  Hülße,  8.  279  f.  Hortleder,  a.  a.  O. 

4)  Hülße,  8.  280 f. 

5)  Hülße,  8.  277  f. 

6)  Hülße,  8.  282 f. 

7)  Ebenda.  Brück  an  Kf.  Mai  30,  Reg.  H.  p.  175,  No.  82,  Hdbf.,  über  die 
Entetehung  der  Schrift  der  Stände  der  Stifter  Magdeburg  und  Halbcrstadt.  H o r t - 
leder,  1,2,  8. 1105 — 1108.  Kf.  an  Joachim  II.  Juli  4,  Reg.  N.  No.  61,  Konz.  Vergl. 
auch  Brandenburg  in  DZG.,  N.  F.  I,  8.  263. 

33* 


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516 


Kapitel  IV. 


Lemniusscheu  Angelegenheit  den  Mund  zu  verbieten  ‘),  auch  der 
Gedanke  eines  tätlichen  Vorgehens  gegen  den  Kardinal  lag  ihm 
nicht  ganz  fern*).  Andererseits  dachte  er  allerdings  auch  darau. 
in  die  Eisenacher  Friedensartikel  einen  über  die  hallische  Sache 
mithineinzubringen,  vor  allem  ein  solches  Eingreifen  des  Kaisers, 
wie  es  diesmal  erfolgt  war,  für  die  Zukunft  unmöglich  zu  machen  *). 

Schließlich  ging  aber  dann  doch  die  brandenburgisch-hessische 
Vermittlung  weiter,  vom  Landgrafen  wurden  Vorschläge  gemacht  *). 
Johann  Friedlich  legte  dabei  Wert  darauf,  daß  in  Zerbst  infolge 
der  felllenden  Zustimmung  Georgs  ein  Vertrag  nicht  zustande  ge- 
kommen sei  und  daß  daher  jetzt  neue  Vorschläge  möglich  seien. 
Er  hat  solche  etwa  im  August  gemacht,  vielleicht  auch  einfach 
die  des  Landgrafen  übernommen.  Sie  liefen  anscheinend  darauf 
hinaus,  daß  er  jetzt  Dahme  und  das  Geld  auf  einmal  haben  wollte*). 
Es  scheint,  daß  der  Landgraf  diese  Vorschläge  an  den  Kurfürsten 
von  Brandenburg  gelangen  ließ.  Dieser  hätte  es  zwar  lieber  ge- 
sehen, wenn  man  einfach  an  der  Zerbster  Abrede  festgehalten 
hätte,  wollte  aber  eventuell  auch  auf  der  neuen  Grundlage  ver- 
handeln*). Als  dann  der  Erbeinigungstag  in  Naumburg  stattfand, 
mußten  aUe  Anwesenden  zugestehen,  daß  die  Auffassung  des  Kur- 
fürsten über  die  Zerbster  Tagung  richtig  sei*),  nur  die  brandeu- 
burgischen  Gesandten  waren  nicht  genügend  für  eine  solche  Er- 
klärung bevollmächtigt,  so  daß  es  erst  noch  einer  erregten  Kor- 
respondenz zwischen  dem  Kurfürsten  und  Joachim  bedurfte,  ehe 
dieser  die  gewünschte  „Kundschaft“  Unterzeichnete®).  Es  trug  das 
natürlich  nicht  dazu  bei,  die  Stimmung  Johann  Friedrichs  gegen- 
über der  brandenburgischen  Vermittlung  zu  verbessern,  und  läßt 
uns  seine  spätere  Haltung  in  dieser  Beziehung  verstehen.  Immer- 
hin ging  die  Vermittlung  weiter. 

1)  Brief  an  Joachim  II.  Juli  4.  Vergl.  Neudecker,  Akteust..  B.  143 ff. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Juli  15,  Kf.  an  Ld^.  JuU  18,  Reg.  H.  p.  203,  No.  93,  Or. 
und  Konz. 

3)  Kf.  an  seine  Räte  in  Eisenach  Juli  31,  Reg.  H.  p.  170,  No.  80,  Or.  Ab- 
schrift dce  geplanten  Artikels  ebenda  vol.  II. 

4)  Kf.  an  Dölzig  und  Brück  Aug.  7,  Loc.  9655  ,Jjandgräfliche  und  Dr. 
Luthers  Schriften  . . 1542“,  Or. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  8ept.  17,  Reg.  H.  p.  207,  No.  94,  Konz. 

6)  Joachim  an  Ldgf.  Aug.  30,  Reg.  H.  p.  211,  No.  95,  Kopie. 

7)  Ldgf.  an  Feige  Sept.  18,  P.  A.  No.  498,  Or.  Akten  über  den  Tag  in 
R^.  A.  No.  256. 

8)  Loc.  9655  „der  Erbeinigungs-Kur-  und  Fürsten  Räte  . . . 1538/9“. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  n.  zum  Knrf.  v.  Mainz.  517 

Zunächst  wurde  die  Frankfurter  Zusammenkunft  dazu  be- 
nutzt. Der  Kurfürst  verlangte  wegen  der  langen  Verzögerung 
letzt  eine  üeldentschädigung  von  70000  11. ‘),  was  wohl  kaum 
dem  Werte  dessen  entsprach,  was  ihm  durch  die  Verzögerung  der 
Abtretung  des  Amtes  Dahme  etwa  entgangen  war.  Trotzdem 
war  der  Kardinal  bereit,  mit  geringen  Aenderungen  darauf  ein- 
zugehen, um  so  mehr,  als  er  durch  den  Tod  Herzog  Georgs  ja 
einen  wertvollen  Verbündeten  verloren  hatte*).  Johann  Friedrich 
aber  zeigte,  als  im  Mai  weitere  Verhandlungen  in  Weimar  statt- 
fanden, kein  sehr  großes  Entgegenkommen.  Zwar  daraus,  daß  er 
nicht  selbst  au  den  V^erhandlungen  teilnahm,  sondern  nach  Torgau 
abreiste,  kann  man  ihm  keinen  Vorwurf  machen,  da  seine  An- 
wesenheit in  Sachsen  infolge  des  dortigen  Thronwechsels  ja  dringend 
nötig  war,  aber  daß  er  die  Vorschläge,  die  jetzt  von  den  Ver- 
mittlern gemacht  wurden,  ablehnte  und  durchaus  nicht  über  die 
Frankfurter  Zugeständnisse  hinausgehen  wollte*),  muß  als  kurz- 
sichtig bezeichnet  werden.  Bot  er  doch  dadurch  dem  Gegner  Frist 
und  Gelegenheit,  seine  Bemühungen  um  das  Eingreifen  des  Kaisers 
fortzusetzen.  Dieser  hatte  merkwürdigerweise  den  Bericht  über 
die  Zerbster  Verhandlungen,  dessen  Beförderung  der  Kurfürst  von 
Brandenburg  übernommen  hatte,  erst  sehr  spät  erhalten,  oder  er 
nahm  bei  seinen  weiteren  Maßnahmen  keine  Kücksicht  dai’auf. 
Jedenfalls  erließ  er  am  31.  Januar  1539,  wahrscheinlich  unter  dem 
Einfluß  des  späteren  Koadjutors  von  Magdeburg,  Markgi-afen  Johann 
Albrecht  und  Dr.  Heids,  die  damals  in  Spanien  weilten,  ein  Mandat 
an  das  Kammergericht,  in  dem  er  das  Kompromiß  nach  wie  vor 
verw’arf  und  die  Parteien  im  hallischen  Streit  an  das  Kammer- 
geiicht  wies.  Am  20.  März  erging  dann  die  entsprechende  Auf- 
forderung des  Kaisers  an  die  Parteien,  doch  wurde  sie  dem  Kur- 
fürsten erst  am  10.  August  übergeben ‘). 

Johann  Friedrich  hat  es  nun  offenbar  für  unmöglich  gehalten, 
diese  kaiserliche  Erklärung  einfach  zu  ignorieren,  er  beauftragte 
Brück,  einen  genauen  Bericht  über  die  Sache  zu  verfassen,  den  man 
dem  Kaiser  übersenden  könne,  zu  Verhandlungen  vor  dem  Kammer- 


1)  HülBe,  S.  288. 

2)  Hülße,  S.  361  f. 

3)  Ebenda  S.  363  f. 

4)  Hülße,  S.  2861.  364. 


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518 


Kapitel  IV. 


gericht  aber  hatte  er  nicht  die  geringste  Lust ').  Höchst  verdächtig 
war  ihm,  daß  der  Kaiser  den  Bericht  über  die  Zerbster  Ver- 
handlungen zur  Zeit  der  Absendung  seines  Mandats  vom  20.  März 
noch  nicht  gehabt  hatte,  sein  schon  erwähntes  Mißtrauen  gegen 
den  Brandenburger  erwachte  von  neuem,  er  vermutete,  daß  Joachim 
den  Bericht  absichtlich  zurückgehalten  habe  *),  und  hielt  für  nötig, 
die  Erbeinungsverwandten  auf  den  26.  September  nach  Naumburg  zu 
berufen,  um  sich  darüber  bei  ihnen  zu  beklagen,  sie  außerdem  aber 
um  ihren  Rat  darüber  zu  bitten,  wie  man  sich  gegenüber  dem  kaiser- 
lichen Mandat  verhalten  solle*). 

Seine  Einladung  zu  dieser  Versammlung kreuzte  sich  mit 
einem  Schreiben  des  Brandenbui-gers,  das  die  Antwort  des  Kaisers 
auf  den  Zerbster  Belicht,  die  inzwischen  eingetroffen  war,  beglei- 
tete *).  Joachim  konnte  daher  auch  den  gegen  ihn  gerichteten  V er- 
dacht des  Kurfürsten  jetzt  leicht  zurückweisen*).  Der  Naumbui-ger 
Tag  aber  fand  vom  26.  September  bis  1.  Oktober  statt’).  Die  Er- 
kläiungen,  die  der  Kurfürst  hier  durch  seine  Gesandten  Christoph 
V.  Taubenheim,  Brück,  Zoch  und  Jobst  v.  Hain  abgeben  ließ, 
zeigen,  daß  sein  Verdacht  gegen  den  Brandenburger  durchaus  noch 
nicht  völlig  gewichen  war,  daß  er  das  Vorgehen  des  Kaisers  nach 
wie  vor  für  rechtlich  unbegründet  hielt  und  der  Meinung  war,  daß 
man  ihn  durch  eine  Schickung  besser  aufklären  müsse,  daß  er  aber, 
ehe  darauf  etwa  eine  kaiserliche  Erklärung  erfolgte,  tätlich  gegen 
Albrecht  vergehen  wollte  und  die  Hilfe  der  Erbverbrüderten  dafür 
beanspruchte.  Nur  unter  der  Bedingung  wollte  Johann  Friedrich 
sich  noch  auf  eine  gütliche  Verhandlung  einlassen,  daß  ihm  Dahme 
abgetreten  würde  und  daß  die  Stifter  Magdeburg  und  Halberstadt 
sich  dafür  verschrieben,  daß  die  70000  Guldengroschen  ihm  zu 


1)  Kf.  an  Brück  Aug.  10,  Loc.  9Ö55  „derer  Erbeinigungsfürsten  . . 1538  39*, 
BL  107—109,  Konz. 

2)  Ebenda  Zettel,  Bl.  105  f. 

3)  Brück  an  Kf.  Aug.  14,  Loc.  9655  ebenda  Bl.  98 — 102,  Or.  Kf.  an  Brück 
Aug.  16,  ebenda  Bl.  92 — 97,  Konz.  Brück  an  Kf.  Aug.  20,  ebenda  Bl.  111 — 114, 
Or.  Brück  war  eigentlich  wenig  mit  diesem  Verfahren  einverstanden. 

4)  SepL  1,  Loc.  9655  ebenda  BL  116 — 120. 

5)  Joachim  an  Kf.  Sept.  3,  ebenda  BL  130,  mit  Brief  des  Kaisers  vom  31.  Jan. 
1539,  BL  128  f. 

6)  Sept.  9,  ebenda.  Verdächtig  bheb  aber,  daß  der  Kaiser  in  dem  Brief 
vom  20.  März  gesagt  batte,  er  habe  noch  keinen  Bericht  über  den  Zerbster  Tag. 

7)  Vergl.  Brandenburg,  Heinrich,  S.  244. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Älbertinem  u.  ziun  Kurf.  v.  Mainz.  519 

Osteru  g^ezahlt  würden.  Erfolgte  dann  die  Zahlung  nicht,  so  soUte 
die  Sache  wieder  in  den  vorigen  Stand  kommen,  Dahme  aber  sollte 
als  Strafe  dem  Kurfürsten  bleiben*). 

Mit  alledem  fanden  die  Kursachsen  nun  aber  in  Naumburg 
sehr  wenig  Anklang.  Die  Vertreter  der  anderen  Fürsten  erkannten 
eine  Hilfsverpllichtung  nicht  an,  da  der  Kurfürst  vom  Kardinal  gar 
nicht  angegriffen  sei;  ein  tätliches  Vorgehen  erschien  ihnen  um  so 
weniger  angebracht,  wenn  man  gleichzeitig  eine  Gesandtschaft  an 
den  Kaiser  schickte.  Eine  solche  hielten  sie  für  empfehlenswert, 
mußten  allerdings  auch  dafür  erst  noch  den  Bescheid  ihrer  Herren 
einholen  und  empfahlen  daher,  am  2.ö.  November  in  Zeitz  von 
neuem  zu  definitiven  Beschlüssen  darüber  zusammenzukommen*). 

Dieser  Beschluß  entsprach  so  wenig  den  Wünschen  des  Kui- 
fürsten,  daß  dessen  Vertreter  ihn  gar  nicht  annahmen*).  Denn 
ihrem  Heirn  kam  es,  wie  auch  sein  weiteres  Verhalten  bei  einem 
Versuch  der  Markgrafen  Georg  und  Albrecht,  den  Streit  gütlich 
beizulegen,  zeigt,  eben  vor  allem  darauf  an,  daß  die  Erbvereinigten 
die  Hilfsverpflichtung  anerkannten*).  Auch  der  Gedanke,  den  er 
im  November  einmal  äußerte,  daß  er  sich  nur  dann  auf  die  Unter- 
nehmung gegen  den  Braunschweiger  einlasseu  werde,  wenn  gleich- 
zeitig auch  der  Erzbischof  angegriffen  würde  ®),  spricht  für  eine  dii-ekt 
kriegerische  Stimmung.  Infolge  dieses  Gegensatzes  unter  den  Erb- 
einungsfürsten ist  aus  dem  Zeitzer  Tage  dann  offenbar  nichts  ge- 
worden, nur  brandenburgische  und  hessische  Räte  kamen  dort  zu- 
sammen *0,  auch  die  Sendung  an  den  Kaiser  unterblieb  *)  und  ebenso 
eine  Beschlußfassung  über  die  Frage,  wie  sich  der  Kurfürst  einem 
etwaigen  Verfahren  des  Kammergerichts  gegenüber  verhalten  solle, 
die  Johann  Friedrich  auch  schon  in  Naumburg  hatte  anregen 
lassen. 


1)  Undatierte  Instruktion  dos  Kf.,  Loc.  9655  a.  a.  O.  Bl.  29 — 47. 

2)  Abschied  vom  30.  Sept.,  ebenda  Bl.  69 — 76. 

3)  Ebenda  Okt.  1,  BL  59-67. 

4)  Kf.  an  die  Mkgfen.,  Loc.  9655  a.  a.  O.  Bl.  88 — 91. 

.5)  Kf.  an  Brück  und  Pack  in  Amstadt  Nov.  22,  R^.  H.  p.  248,  No.  108, 
I,  Or. 

6)  Das  zeigt  Kf.  an  Ldgf.  Jon.  15,  Loc.  9655  ,dee  Kf.  zu  Sachsen  mit  dem 
Ldgfen.  zu  Heesen  . . . 1540“,  Konz. 

7)  Ldgf.  an  Kf.  März  16  (Loc.  9655  ebenda)  zeigt,  daß  eie  damals  noch 
nicht  erfolgt  war,  Kf.  bat  aber  März  18  darum. 


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520 


Kapitel  IV. 


Am  6.  Dezember  1539  lud  das  Gericht  den  Kurfürsten  tat- 
sächlich auf  den  5.  März  1540  vor*).  Da  dieser  in  allen  solchen 
Schritten  Machinationen  seines  Gegners  sah,  wui'de  seine  Stimmung 
gegen  diesen  dadurch  nicht  besser,  und  er  zeigte  nicht  die  geringste 
Neigung,  im  Anfang  des  Jahres  1540,  wie  der  Landgraf  wünschte, 
in  Kassel  mit  ihm  zusammenzukommen*).  Paßte  doch  die  jetzt 
wieder  eingetretene  Zuspitzung  des  Streites  sehr  wenig  zu  den  da- 
maligen Bestrebungen  Philipps,  allen  den  kleinen  Fehden  und 
Gegensätzen  in  Norddeutschland  ein  Ende  zu  machen.  Es  gelang 
ihm,  in  Kassel  vom  Kurfürsten  zu  erreichen,  daß  dieser  sich  wenig- 
stens zu  neuen  Verhandlungen  bereit  erklärte.  Die  Vorschläge,  die 
er  jetzt  machte,  liefen  wieder  auf  die  Abtretung  von  Dahme  und 
die  Zahlung  von  70000  fl.  (-f  10000  fl.  Peen),  hinaus  und  zwar 
sollte  das  Geld  jetzt  zu  Michaelis  1540  bezahlt  werden.  Als  Bürg- 
schaft war  jetzt  die  Verpfändung  der  Stadt  Britzen  [Treuenbrietzeu] 
und  des  Amtes  Litzke  [Lieske?]  durch  den  Kurfürsten  von  Branden- 
burg an  den  von  Sachsen  ins  Auge  gefaßt.  Manche  Einzelheiten 
wurden  der  Weimarer,  andere  der  Frankfurter  Verabredung  ent- 
nommen ®). 

Die  Schwierigkeit  bei  diesen  Vorschlägen  lag  in  dem  frühen 
Zahlungstermin.  Albrecht  war  nämlich  bereit,  sie  resp.  ähnliche 
ältere  Vorschläge,  die  der  Brandenburger  ihm  vorgelegt  hafte*), 
zu  acceptieren,  bat  aber  um  ein  Jahr  Frist  für  die  L'eber- 
lieferung  von  Dahme  sowohl  wie  die  Zahlung  des  Geldes  und  ver- 
langte außerdem,  daß  an  die  Stelle  der  brandenburgischen  Bürg- 
schaft eine  solche  der  Stiftsstäude  träte  ®).  Es  wäre  wohl  klug  ge- 
wesen, wenn  Johann  Friedrich  auf  diese  immer  noch  sehr  annehm- 


1)  Hülße,  S.  36(j.  Or.  der  Vorladung  Loc.  9655  ,dercrer  Erbeinigungs- 
fürsten  . . . 1.538/39“,  Bl.  27. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  1540  Jan.  7,  Or.,  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  11,  Konz.,  Keg.  H. 
p.  344,  No.  135.  Vergl.  , Rommel,  II,  S.  423.  Kf.  an  Ldgf.  Jan.  15,  siehe 
B.  519.  Anm.  6.  Darin  staatsrechtliche  Betrachtungen  des  Kf.  über  das  Eingreifen 
des  Kaisers.  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  16,  Keg.  H.  p.  344,  No.  135.  Lenz,  I,  S.  414,  2. 
Kf.  an  Ldgf.  Jan.  22,  Reg.  H.  ebenda,  Konz.;  Febr.  7,  Loc.  9655  ,des  Kf.  zu 
Sachsen  mit  dem  Ldgf. . . . 1540“,  Konz.  Freude  darüber,  daß  Zusammentreffen 
mit  dem  Mainzer  unmöglich. 

3)  Vorschläge  des  Kf.  Febr.  16,  Loc.  9655  a.  a.  O. 

4)  Offenbar  die  vom  Ldgf.  Trott  Obergebenen.  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  18,  Zettel. 

5)  Hülße,  S.  307  f.  Febr.  24.  Doch  ist  das  eine  Antwort  auf  ältere  Vor- 
schläge. Ldgf.  au  Kf.  März  6,  Loc.  9055  a.  a.  O.  1540,  Or. 


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Da»  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  521 

baren  Bedingungen  eingegangen  wäre.  Der  Landgraf  riet  es  ihm 
aufs  dringendste  *).  Der  Sachse  aber  glaubte  überhaupt  nicht,  daß 
der  Kardinal  wü'klich  ernstlich  an  einen  Vergleich  denke,  er  sah 
in  allen  Schwierigkeiten,  die  dieser  machte,  nur  Mittet,  um  Zeit  zu 
gewinnen  und  ihn  „umzuführen“  *).  Und  für  ausgeschlossen  wird 
mau  eine  solche  Absicht  Albrechts  allerdings  nicht  erklären  können, 
stand  doch  damals  die  Verhandlung  am  Kammergericht  unmittelbar 
bevor.  Sie  erfolgte  pünktlich  am  5.  März.  Kursachsen  erklärte 
aber  das  Gericht  für  befangen  und  überreichte  in  der  hallischen 
Sache  ein  Rekusationslibell.  Darauf  wurde  dem  Kardinal  zu 
dessen  Beantwortung  6 Wochen  Frist  gewährt.  Kursachsen  hielt 
sich  von  allen  weiteren  Verhandlungen  fern,  trotzdem  erging  am 
1.  Oktober  1540  ein  Spruch  des  Gerichts.  Auch  er  brachte  aber 
keine  Entscheidung  des  Falles,  da  er  vom  Kurfürsten  nicht  an- 
erkannt wurde®).  Später  wurden  Verzögerungen  des  Prozesses 
öfter  auch  durch  den  vom  Kaiser  gewährten  Stillstand  der  Prozesse 
bewirkt. 

So  war  also  jeder  Versuch  gütlicher  oder  rechtlicher  Erledigung 
des  Streites  gescheitert,  und  die  Gegner  standen  sich  wieder  ebenso 
direkt,  nur  noch  erbitterter,  wie  5 Jahre  früher  gegenüber. 

Jedenfalls  trat  nun  eine  Pause  in  den  Verhandlungen  ein.  Der 
Kardinal  verließ  sich  wohl  auf  das  Urteil  des  Kammergerichts,  der 
Kurfürst  wartete  ab.  Ei  st  im  Jahre  1541  wurden  die  Verhandlungen 
wieder  aufgenommen,  und  zwar  ist  es  offenbar  Albrecht  gewesen, 
der  die  Hand  dazu  bot.  Er  war  durch  seine  finanzielle  Bedrängnis 
in  .\bhängigkeit  von  seinen  Ständen  geraten,  mußte  die  Regierung  im 
Erzstift  Magdeburg  dem  Koadjutor  Johann  Albrecht  überlassen  und 
konnte  nicht  so,  wie  er  es  wünschte,  gegen  die  vordringende  Refor- 
mation Vorgehen.  Ja,  es  scheint,  daß  er  auf  dem  Landtage  zu  Kalbe 
den  Ständen  sogar  in  irgend  einer  Weise  die  Reformation  frei  gegeben 
hat  *).  Diese  machte  im  Erzstift  nun  bedeutende  Fortschritte,  und 
auch  Halle  fiel  ihr  allmählich  völlig  anheim®).  Gerade  in  dieser 
seiner  Residenz  würde  Albrecht  dieser  Entwicklung  gern  Einhalt 
getan  haben,  und  als  ein  Mittel  zum  Einschreiten  mag  ihm  nun 

1)  Ldgf.  an  Kf.  März  6,  16,  Loc.  965Ö  a.  a.  O. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  März  18,  ebenda,  Konz. 

3)  Hülße,  S.  368  ff. 

4)  Hertzberg,  II,  ö.  140  f. 

5)  Ebenda  S.  147  ff. 


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522 


Kapitel  IV. 


auch  die  Gewinnung  des  Burggrafentums  erschienen  sein.  Infolge- 
dessen war  er  jetzt  bereit,  mit  dem  Kurfürsten  von  neuem  über 
dessen  Abtretung  zu  verhandeln.  Andererseits  hatte  • aber  auch 
Johann  Friedrich  durch  das  Vordringen  der  Reformation  erneutes 
Interesse  für  Halle  gewonnen.  Er  stand  mit  den  Führern  des 
dortigen  Protestantismus,  vor  allem  Jakob  Wahl,  in  regem  Ver- 
kehr*), und  seit  dem  April  1541  weilte  mit  seiner  Zustimmung  Jonas 
in  der  Stadt*);  es  war  nicht  zu  erwarten,  daß  er  jetzt  noch  in  die 
Abtretung  der  Burggrafenrechte  willigen  werde,  wenn  nicht  die 
neue  Lehre  in  Halle  auch  für  die  Zukunft  gesichert  wurde,  um  so 
weniger  als  sich  Luther  der  Hallenser  aufs  wärmste  annahm  und 
aufs  dringendste  vor  einem  Verkauf  jener  Rechte  warnte*).  Man 
hoffte  auf  dieser  Seite  vielmehr,  daß  eine  regere  Verbindung  des 
Kurfürsten  mit  der  Stadt  in  Form  eines  Schutzbündnisses  möglich 
sein  werde. 

So  gehen  denn  seit  dem  Frühjahr  diese  beiden  Pläne  neben- 
einander her  und  suchen  Einfluß  beim  Kurfürsten  zu  gewinnen: 
der  eines  möglichst  günstigen  Vertrages  mit  dem  Erzbischof  einer- 
seits, der  eines  Vertrages  mit  Halle  unter  Ablehnung  aller  Vor- 
schläge des  Kardinals  andererseits.  Verfolgen  wir  beide  noch  etwas 
genauer,  so  muß  schon  im  Frühjahr  von  mainzischer  Seite  der  Ge- 
danke geäußert  worden  sein,  dem  Kurfürsten  für  die  Abtretung 
seiner  Rechte  außer  Dalime  als  Pfand  für  die  70000  fl.  das  Amt 
Jüterbog  und  das  Kloster  Zinna  zu  überlassen*).  Aehnliche  Vor- 
schläge brachte  dann  auch  Melchior  Kling,  der  in  Regensburg  mit 
Albrecht  zunächst  in  der  Schönitzschen  Angelegenheit  *)  verhandelt 
hatte,  im  August  dem  Kurfürsten.  Da  die  beiden  Aemter  an  Wert 
jene  Geldsumme  überstiegen,  sollte  zum  Ausgleich  eine  der  sächsi- 
schen Enklaven  im  Gebiet  des  Stiftes  abgetreten  werden.  Gerade 

1)  Zahlreiche  Briefe  Wähle  an  den  Kf.  und  Brück  in  Loc.  9656  „Dr.  Gre- 
gorii  Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  1 — 25.  28—49. 

2)  Daß  der  Kf.  Jonas  nach  Halle  geschickt  habe,  wie  Kolde,  II,  S.  506 
sagt,  gebt  aus  Jonas’  Briefen  eigentlich  nicht  hervor,  er  bat  nachträglich  am  Ur- 
laub, Kawerau,  II,  S.  2.  10.  Ebers  Brief  an  Melanchtbon  vom  15.  April 
(C.  ft.  IV,  173)  spricht  allerdings  von  einem  Befehle  des  Kf. 

3)  Luther  an  Brück  Mai  1,  DZG.,  N.  F.  I,  279  f.;  an  Jonas  Mai  22,  de 
Wette,  V,  S.  359f. 

4)  Das  zeigt  Luthers  Brief  vom  1.  Mai,  d.  h.  er  nennt  nur  Dahme  und 
Jüterbog. 

5)  Hertzberg,  II,  S.  141. 


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Das  Verhältuis  Job.  Friedrichs  zu  den  Älbcrtinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  523 

darauf  wollte  man  allerdings  wieder  von  sächsischer  Seite  nicht 
eingehen,  sondern  nur  eine  Geldentschädigung  leisten.  Diese  Ver- 
handlungen Klings  waren  aber  ganz  unverbindlich,  erfolgten  nicht 
im  offiziellen  Auftrag  des  Erzbischofs,  und  ohne  daß  dieser  der 
Zustimmung  seiner  Landschaft  sicher  war.  Es  kam  Kling,  wie  er 
in  einem  Brief  vom  2.  September  hervorhob,  nur  darauf  an,  zu- 
nächst einmal  die  Geneigtheit  beider  Teile  zu  Verhandlungen  fest- 
zustellen. .\ußer  jener  Ditferenz  über  die  .\btretuiig  einer  sächsi- 
schen Enklave  stellte  sich  dabei  dann  auch  eine  zweite  Meinungs- 
verschiedenheit heraus,  die  sich  nun  eben  auf  die  hallischen  Ver- 
hältnisse bezog.  Johann  Friedrich  wünschte,  daß  beide  Teile  religiös 
ungebunden  und  in  ihren  alten  Bündnisverpflichtungen  blieben. 
Kling  hob  darauf  hervor,  daß  damit  nicht  etwa  ein  Bündnis  zwischen 
dem  Kurfürsten  und  Halle  gemeint  sein  dürfe,  denn  Albrecht  werde 
der  Stadt  nach  .\btretung  der  Burggrafeiirechte  Bündnisse  mit 
auswärtigen  Fürsten  nicht  mehr  gestatten,  auch  die  Beibehaltung 
ihrer  Religion  werde  er  ihr  nur  auf  ihr  untertäniges  Ansuchen 
erlauben  ohne  fremde  Einmischung. 

Es  war  eine  Erklärung,  die  dem  Kurfürsten  schwerlich  genügt 
haben  wii'd,  da  es  ihm  vor  allem  darauf  ankam,  volle  Sicherheit 
zu  haben,  daß  .\lbrecht  die  Hallenser  beim  Evangelium  auch  daun 
lassen  werde,  wenn  zwischen  ihm  und  dem  Kurfürsten  ein  Vertrag 
zustande  käme  *). 

.Allerdings  gingen  auch  seine  Verhandlungen  mit  den  Hallensern 
nur  langsam  vorwärts.  Durch  Wahl  und  Jonas  wurde  zwar  die 
kurfürstliche  Regierung  über  alle  Vorgänge  in  Halle  auf  dem 
Laufenden  erhalten,  auch  erzielte  mau  dadurch,  daß  Kilian  Gold- 
stein das  Syndikat  der  Stadt  erhielt,  einen  bedeutenden  Erfolg, 


1)  Vergl.  über  diese  Verhandlungen  Brandenburg  in  DZ(4.,  N.  F. 
I,  S.  266;  Loc.  9&j.5  „Jakob  Wahlen,  desgleichen  Dr.  Gregorii  Brücken“, 
Bl.  7 — 13.  Brück  an  Kf.  Aug.  13,  ebenda  Bl.  14.  Brück  und  Ponikau  an  Kf. 
Aug.  11,  ebenda  Bl.  29—31,  Or.  Den  AnstoS  zu  Klings  Aktion  bat  nach  seinem 
Brief  vom  2.  Sept.  Dölzig  gegeben  (an  Brück  und  Ponikau,  ebenda  Bl.  33—38 
Hdbf.).  Vergl.  auch  Dölzig  aus  Regensburg  an  Ponikau  Aug.  2,  Reg.  E.  p.  48, 
No.  101,  Bl.  417  f.,  eigenh.  Konz.  Kling  an  Ponikau,  ebenda  Bl.  421  f.,  Hdbf. 
lieber  die  Kling  erteilte  Antwort  vergl.  Kf.  an  Brüek  Aug.  14,  Loc.  9655  a.  a.  O. 
Bl.  15  f.,  Brandenburg,  a.  a.  O.,  S.  267.  „Bedenken,  was  Dr.  Kling  zu  ant- 
worten“, Loc.  9655  ebenda  Bl.  26  f.  Kling  an  Brück  und  Ponikau,  Sept  2, 
Bl.  33  ff. 


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524 


Kapitel  IV. 


soust  aber  kam  mau  sehr  langsam  von  der  Stelle').  Wohl  hatte 
A\’ahl  so  viel  Einfluß  auf  den  Rat,  daß  dieser  einen  Vorschlag  Kliugs 
ablehnte,  eine  Gesandtschaft  an  den  Erzbischof  zu  schicken  und 
um  freie  Predigt  des  Evangeliums  zu  bitten*),  aber  noch  Ende 
des  Jahres  mußte  der  Ausschuß  der  32®)  Brück  und  Ponikau  mit- 
teilen,  daß  er  und  die  Gemeine  zwar  bereit  seien,  dem  Kurfürsten 
den  Burggrafentitel  zu  gewähren,  daß  aber  der  Rat  nicht  dazu  zu 
bestimmen  sei,  weil  es  ihm  der  Kardinal  ausdrücklich  verboten 
habe.  Man  werde  daher  die  neue  Ratswahl  abwarten  müssen, 
doch  baten  sie  einstweilen  um  Auskunft  darüber,  ob  es  eine  Ver- 
letzung der  Eidespflicht  des  Rates  sei,  wenn  er  den  Titel  gegen 
das  Verbot  des  Bischofs  gewähre,  und  ob  Rat  und  .Ausschuß  auf 
Schutz  rechnen  könnten,  wenn  sie  deswegen  belangt  würden'). 

Auch  den  drohenden  braunschweigischen  Krieg  suchte  mau  auf 
kurfürstlicher  Seite  zu  benutzen,  um  die  Stadt  zu  bestimmen,  sich 
unter  den  Schutz  Kursachsens  zu  begeben.  Der  Rat  aber  wollte 
erst  eine  Antwort  des  Erzbischofs  abwarten®),  wahrscheinlich  auf 
die  Frage,  ob  sie  in  der  Religion  unbeschwert  bleiben  würden, 
wenn  sie  sich  ihm  im  übrigen  fügten  ®).  Sie  hatten  eben  offenbar 
zwei  Eisen  im  Feuer.  Erst  im  April  1542  wurde  endRch  im  Rat 
der  Titel  dem  Kurfürsten  bewilligt’),  wahrscheinlich  war  inzwischen 
eine  Neuwahl  erfolgt,  Wahl  war  wenigstens  damals  in  den  Aus- 
schuß gekommen®),  und  im  Sommer  trat  Halle  dann  mit  einem 
Gesuch  um  einen  Schutzvertrag  au  den  Kurfürsten  heran.  Die 
Stadt  hatte  nämlich  vom  Erzbischof  noch  immer  keine  Antwort 
erhalten,  nur  unverbindliche  .\eußerungeu  Klings  lagen  vor.  Trotz- 
dem traute  mau  ihr  in  Kursachseu  noch  nicht  so  recht  Der  Kur- 


1)  Wahl  an  Brück  Juli  19,  Ix)c.  9B56  „Dr.  Gre^orii  Brücks,  Dr.  Kilian  Gold- 
steins . . . 1544/45“,  Bl.  39,  Or.,  einer  der  wichtigeren  Briefe  Wähle. 

2)  Jonas  an  Brück  Aug.  11,  Loc.  9656  „Jakob  Wahlen  . . . 1541/42“,  Bl.  19, 
Hdbf. 

3)  lieber  seine  Entstehung  siehe  Hertzberg,  S.  152  f. 

4)  An  Brück  und  Ponikau  Dez.  24,  Loc.  9655  „Jakob  Wahlen  . . .“,  Bl.  47 — 50. 

5)  Brück  an  Kf.  1542  Febr.  9,  Loc.  9655  „des  Kf.  zu  Sachsen  mit  Dr.  Gre- 
gorio  Brück  . . . 1542“,  Bl.  121—124,  Hdbf. 

6)  So  scheint  es  nach  Brücks  Brief  an  Kf.  vom  9.  Juli  1542.  Branden- 
burg, a.  a.  O.  S.  280  f. 

7)  Wahl  an  Brück  April  14,  Loc.  9655  „Jakob  Wahlen  . . . 1541/42“,  Bl.  59> 
Or.;  an  Kf.  April  14,  ebenda  Bl.  51.  Hertzberg,  II,  S.  185. 

8)  Ebenda. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Slainz.  525 


fürst  war  schon  früher  nicht  sehr  für  einen  solchen  Schutzvertnig 
gewesen.  Man  verhielt  sich  daher  auch  jetzt  ziemlich  kühl*),  und 
als  dann  gerade  jetzt  von  seiten  Albrechts  und  des  Koadjutors 
unter  Vermittelung  des  Landgrafen  die  Verhandlungen  wieder  auf- 
geiiommen  und  sehr  günstige  Bedingungen*)  gestellt  wurden,  war 
die  Neigung  bei  Johann  Friedrich  groß,  darauf  einzugehen  ®).  Da- 
gegen setzte  dann  aber  eine  energische  Gegenaktion  der  Hallenser 
ein.  und  es  gelang  Wahl  durch  die  Unterstützung  Luthers,  Brück 
für  die  Schutzherrschaft  und  die  Annahme  eines  Schutzgeldes  von 
Halle  an  Stelle  des  Vertrages  mit  dem  Mainzer  zu  gewinnen.  Die 
Sorge  um  die  Erhaltung  des  Protestantismus  in  Halle  war  es,  die 
Luther  neben  seinem  Mißtrauen  gegen  Albrecht  zu  diesem  ver- 
hängnisvollen Eingi'eifen  in  die  Politik  bestimmte*).  Brück  bot 
nun  seine  ganze  Beredsamkeit  auf,  um  auch  seinen  Herrn  für  die 
Sache  Halles  zu  gewinnen.  Er  machte  ihn  dabei  besonders  auch 
auf  die  religiösen  Vorteile  der  Sache  aufmerksam,  auf  die  Möglich- 
keit. später  das  ganze  Erzstift  zu  gewinnen,  eineu  der  Söhne  des  Kur- 
fürsten zum  Administrator  des  Erzstiftes  zu  machen  etc  ®).  Johann 
Friedrich  war  aber  nicht  so  leicht  zu  überzeugen,  hielt  zunächst 
vielmehr  den  Abschluß  mit  dem  Erzbischof  für  empfehlenswerter*). 

Längere  Zeit  gingen  noch  beide  V erhandlungen,  die  mit  dem  Statt- 
halter und  die  mit  der  Stadt  nebeneinander  her.  Für  den  Kurfürsten 
lag  der  größere  Vorteil  zunächst  in  finanzieller  Hinsicht  entschieden 
auf  der  Seite  des  Vertrages  mit  Albrecht,  er  konnte  hoffen,  dabei 

1)  Brück  an  Kf.  Juli  9,  Brandenburg,  a.  a.O.  S. 280 ff.;  Juli  10,  Loc.  96ü6 
..Jakob  Wahlen  . . . 1.MD42,  Or.  Bl.  1.  Jonas  an  Brück  Juli  8,  ebenda  Bl.  2 — 3. 

2)  Dahme  und  80000 — 90000  Taler,  je  nachdem  der  Kurfürst  den  Burg- 
grafentitcl  aufgab  oder  behielt. 

3)  Die  ersten  Anerbietungen  des  Koadjutors  waren  so  ungenügend,  daß  der 
Landgraf  sie  sofort  zurückwies.  Brandenburg,  a.  n.  O.  S.  270.  Am  16.  August 
machte  der  Landgraf  Oegenrorschläge  (Hülße,  8.  374),  sie  wies  aber  Johann 
Albrecht  zurück  (ebenda  8.  375,  Brandenburg,  8.271).  Der  Kurfürst  dachte 
jetzt  sogar  an  ein  bewaffnetes  Vorgehen,  jedenfalls  infolge  des  braunschweigischen 
Sieges,  fragte  schon  Luther  deswegen  um  Rat  (Brandenburg,  8.  271).  Daun 
erfolgten  aber  bessere  Vorschläge  der  tiegner,  und  der  Kurfürst  hatte  große  Lust, 
sie  anzunchmen  (ebenda  8.  272  f.).  Vergl.  auch  Hülße,  8.  374  ff. 

4)  Brandenburg,8.273f.  291— 295.  de  Wette,  V,  496  f.  (VI,  8.  522,  4). 

5)  Brück  an  Kf.  Sept.  8,  Loc.  9655  ,des  Kf.  zu  Sachsen  . . .“,  Bl.  112 — 116, 
Or.  Brandenburg,  8.  274. 

6)  Kf.  an  Brück  Sept.  11,  Loc.  9655  ebenda  Bl.  12—13;  Brandenburg, 
8.  273;  Sept.  14,  ebenda  Bl.  16 — 19;  Brandenburg,  8.  275. 


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526 


Kapitel  IV. 


auch  genügende  Garantien  für  die  Erhaltung  des  Protestantismus 
in  Halle  zu  erhalten,  und  hatte  außerdem  den  Vorteil,  dabei  inner- 
halb des  rechtlich  Erlaubten  zu  bleiben,  was  bei  dem  Abschluß  mit 
der  Stadt  doch  immerhin  zweifelhaft  war.  Auf  der  anderen  Seite 
stand  die  größere  Sicherheit  für  den  Protestantismus  und  die  Hoff- 
nung, ihn  auch  auf  weitere  Teile  des  Erzstiftes  auszudehnen.  Da- 
neben wirkten  auch  noch  gewisse  Befürchtungen,  daß  die  Hallenser 
durch  die  Ablehnung  ihrer  Vorschläge  zur  Verzweiflung  und  Herzog 
Moritz  in  die  Arme  getrieben  werden  könnten,  allerdings  lag  auch 
bei  Zurückweisung  der  Anerbietungen  Albrechts  die  Gefahr  vor,  daß 
er  mit  Moritz  in  Verbindung  trat*).  Ratsamer  wäre  wohl  jeden- 
falls die  Annahme  der  Vorschläge  des  Landgi-afen  gewesen,  auch 
Brück  neigte  Mitte  September  wieder  zu  dieser  Ansicht,  und  selbst 
Luther  wurde  trotz  alles  Drängens  der  Hallenser  zweifelhaft*). 
Anfang  Oktober  sprach  er  sich  aber  doch  wieder  entschieden  gegen 
den  Abschluß  mit  dem  Kardinal  aus  wegen  der  üblen  Nachrede, 
wegen  der  Unzuverlä.ssigkeit  Albrechts  und  weil  die  Ehre  dem 
Geld  vorgezogen  werden  müsse*).  Auch  Brück  muß  um  diese 
Zeit  eine  Schwenkung  vollzogen  haben*),  und  es  ist  ihm  dann 
offenbar  gelungen,  seinen  Herrn  von  seiner  anfänglichen  exorbitanten 
Forderung  von  6(XX)  fl.  Schutzgeld  abzubringeu  *).  Johann  Fried- 
rich selbst  führte  später  außer  der  Einwirkung  der  Theologen 
die  wiederholten  Bemühungen  der  Hallenser  selbst  und  die  ab- 
lehnende Haltung  des  magdeburgischen  Kapitels  und  der  Land- 
schaft gegen  die  Vorschläge  des  Landgrafen  als  Gründe  an,  die 
ihn  bestimmt  hätten,  mit  Halle  abzuschließen  *).  Jedenfalls  ist  am 

1)  Hrück  an  Kf.  Scpt.  17,  Loc.  9655  a.  a.  O.  Bl.  39  — 48,  Or. 

2)  Ebenda.  Brandenburg,  8.  275—276.  Vorschläge  der  Hallenser  und 
Randbemerkungen  Brücks  dazu  ebenda  BI.  22 — 27,  ist  Beilage  zu  seinem  Brief 
vom  17.  Ueber  die  weiteren  Verhandlungen  Kf.  an  Brück  Sept.  21,  Loc.  9055 
a.  a.  O.  Bl.  49—53 ; Brück  an  Kf.  Sopt.  29,  ebenda  Bl.  64—68;  Kf.  an  Brück  Ott.  2, 
Bl.  71-74.  Brandenburg,  8.  276-277. 

3)  Luther  an  KL  Okt.  6.  Brandenburg,  S.  295 — 297. 

4)  Noch  schwankend  äußerte  er  sich  am  4.  Oktober,  Loc.  9655  a.  a.  O. 
Bl.  12.5  L,  Or.  In  einem  Brief  von  1544  (Mai  15)  schiebt  Brück  alle  Schuld  auf 
die  Theologen  und  behauptet,  selbst  für  die  Abstattung  eingetreten  zu  sein  (Loc. 
9656  „Dr.  Gregorii  Brücken  zum  Teil  von  Speior  aus  . . . 1544“,  Bl.  15 — 20). 

5)  Diese  Forderung  in  dem  Brief  vom  21.  Sept.  Brandenburg,  8.  27b. 

6)  Eisenacher  Bericht  an  den  Ldgf.  vom  Juni  oder  Juli  1543,  Loc,  9656 
,des  Landgrafen  zu  Hessen  . . .“  Bl.  3 — 4.  Ueber  die  ablehnende  Haltung  des 
Kapitels  und  der  Landschaft  vergl.  Hülße,  S.  375,  377. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albcrtinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  527 

6.  November  der  Vertrag  mit  der  Stadt  zum  Abschluß  gekommen. 
Der  Kurfürst  versprach  ihr  Schutz,  wenn  sie  wegen  der  Religion 
oder  wegen  der  Anerkennung  seiner  Burggrafeurechte  angegriffen 
oder  im  Gebrauch  ihrer  Freiheiten  und  Privilegien  behindert  würde, 
er  verpflichtete  sich,  seine  burggräflichen  Befugnisse  nie  zu  ver- 
kaufen oder  zu  verpfänden,  die  Stadt  erkannte  dafür  seine  Rechte 
an  und  zahlte  ihm  und  seinen  Erben  ein  jährliches  Schutzgeld  von 
1000  fl.‘). 

Dieser  Vertrag  machte  nun  natürlich  weitere  Verhandlungen 
mit  der  Gegenpartei  unmöglich.  So  ist  es  begreiflich,  daß  der  Kur- 
fürst sich  gegenüber  neuen  Vermittlungsanerbietungen  des  Land- 
grafen in  den  ersten  Monaten  des  Jahres  l.')43  ablehnend  verhielt, 
wenn  er  auch  die  wahren  Gründe  dafür  nicht  angeben  konnte,  da 
der  Vertrag  mit  Halle  geheim  bleiben  mußte’).  Wichtiger  als  das 
Verhältnis  Johann  Friedrichs  zu  dem  Erzbischof  wurde  aller- 
dings bald  das  zur  anderen  sächsischen  Linie,  da  gerade  seit  dem 
Anfang  des  Jahres  1543  eine  kräftige  Aktion  der  Albertiner  ein- 
setzte für  eine  Schutzherrschaft  des  Herzogs  Moritz  über  das  Erz- 
stift und  eine  Koadjutorie  seines  Bruders  August*).  Damit  trat 
die  Gefahr  schwerer  Konflikte  zwischen  den  eben  erst  wieder  in 
ein  leidliches  Verhältnis  zueinander  gekommenen  Linien  ein.  Der 
Landgiaf  erkannte  sofort  diese  Gefahr  und  bemühte  sich  schon  im 
April  1.543,  die  Albertiner  dazu  zu  bestimmen,  daß  sie  den  Kur- 
fürsten durch  ähnliche  Abtretungen,  wie  .41brecht  sie  geplant  hatte, 
zufrieden  stellen  sollten,  d.  h.  sie  sollten  ihm  die  Aemter  Dahme, 
Jüterbog  und  Zinna  erblich  abtreten,  oder  auch  nur  Dahme  erb- 
lich und  die  anderen  beiden  gegen  das  Recht,  sie  für  100 000  Taler 
wieder  einzulösen.  Der  Landgraf  empfahl  ferner,  daß  August 
einen  der  Söhne  des  Kurfürsten  zum  Koadjutor  machen  solle. 
Moritz  scheint  besonders  gegen  diesen  letzten  Gedanken  Wider- 
spruch erhoben  zu  habend). 

Bald  machte  sich  dann  die  Wirkung  der  Albertinischen  Pläne 
auf  den  Kurfürsten  bemerklich.  Er  scheint  gerade  durch  die  Nach- 

1)  Dreyhaupt,  I,  S.  208f.  Brandenburg,  8.278f. 

2)  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  18,  Kf.  an  Ldgf.  Febr.  15,  M.  P.  C.  I,  610,  Anm.  1. 
Brandenburg  I,  S.  229.  Or.  des  Briefes  des  Kf.  in  P.  A.  Sachsen,  Emest. 
Linie.  1543.  Ldgf.  an  Kf.  Febr.  22,  Kf.  an  Ldgf.  März  4,  R^.  H.  p.  525, 
Xo.  176. 

3)  Vcrgl,  M.  P.  C.  I,  542-544.  (Febr.  11.) 

4)  M.  P.  C.  I,  608-611.  611,  Anm.  1. 


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528 


Kapitel  IV. 


rieht  von  ihnen  seinerseits  zu  einei'  entschiedeneren  Politik  dem 
Erzstift  gegenüber  veranlaßt  und  jetzt  erst  für  den  Gedanken  ge- 
wonnen worden  zu  sein,  es  für  sein  Haus  zu  gewinnen.  Durch 
Bernhard  von  ilila  bemühte  er  sich,  in  den  Stiftern  Beziehungen 
anzuknüpfeu,  und  als  ihm  Mila  dann  Anfang  Mai  bei  einer  Zu- 
sammenkunft in  Gommern  berichtete'),  legte  er  ihm  ein  „vertrau- 
liches Verzeichnis“,  eine  Art  Aktiousplan,  über  die  Sache  vor. 

Dieses  Schriftstück  begann  mit  der  Erklärung,  daß  der  Kur- 
fürst seine  burggräfliche  Gerechtigkeit  in  Halle  unter  allen  Um- 
ständen behalten  und  keine  .Abstattung  für  sie  annehmen  wolle, 
wohl  aber  sei  er  bereit,  über  den  Gebrauch  und  die  Gerechtigkeit 
des  Burggrafentums  einen  Vertrag  aufzurichten,  um  künftige  Streitig- 
keiten zu  verhüten.  Um  so  bereitwilliger  würde  er  dazu  sein, 
wenn  einer  seiner  Söhne  znm  Administrator  des  Stifts,  mit  Be- 
willigung der  drei  Stände  der  Grafen,  Ritter  und  Städte  gewählt 
würde.  Der  Kurfürst  rechnete  nicht  darauf,  daß  auch  die 
Prälaten  und  Geistlichen,  vor  aUem  das  Kapitel  zustimmen  würden, 
da  sie  nur  einen  Administrator  päpstlicher  Religion,  den  der  Papst 
bestätige,  und  der  diesem  Pflicht  täte,  würden  haben  wollen,  der 
Kurfürst  aber  keines  davon  für  einen  seiner  Söhne  bewilligen 
würde,  „und  wenn  es  die  ganze  Welt  belangte“.  Johann  Friedrich 
entwickelte  dann  weiter  gleich  die  .Absicht,  die  Wahl  eines  seiner 
Söhne  zu  benutzen,  um  die  päpstliche  .Abgötterei  in  der  Domkirche 
abzustellen  und  im  ganzen  Stift  den  rechten  und  wahren  Gottes- 
dienst einzuführen.  Er  meinte,  daß  dem  Administrator,  der  das 
weltliche  Regiment  venvalten  sollte,  für  die  Predigt  und  die  geist- 
lichen -Angelegenheiten  ein  evangelischer  Bischof  zur  Seite  stehen 
soUte,  ebenso  sollte  das  Kapitel  fortbestehen  und  allmählich  pro- 
testantisiert  werden.  Es  sollte  dazu  dienen,  daß  die  Grafen  und  die 
von  der  Ritterschaft  ihre  Söhne,  wie  früher  in  der  päpstlichen  Zeit, 
besser  uuterbringen  könnten.  Natürlich  sollte  dieser  ^ Paragraph 
ein  Mittel  sein,  dem  .Adel  des  Stifts  die  Sache  plausibel  zu  machen, 
doch  sollten  alle  diese  Punkte  nur  besprochen  werden,  wenn  über 
die  .Adrainistratorfrage  verhandelt  würde,  auch  sollte  die  Verhand- 
lung ohne  Nennung  des  Kurfürsten  stattflnden,  der  erst  hervor- 
treten wollte,  wenn  die  Stände  des  Stifts  die  Sache  an  ihn  brächten. 

1)  Aug  Beg.  ßb  5591  ergibt  sich,  daß  der  Kf.  vom  2.-4.  Mai  in  Gommern 
war.  Uel)er  die  Zugammenkunft  dort  Mila  an  Kf.  Juni  18,  Loo.  9656  „des  Kf. 
zu  Bachacn  mit  Herrn  Beruh,  v.  Milen  . . . 1543/44‘\ 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  r.  Mainz.  529 

Johann  Friedrich  hoffte  sowohl  den  Kurfürsten  Albrecht,  wie  den 
Koadjutor  für  diese  Pläne  zu  gewinnen,  auch  die  Konfirmation  der 
Administration  durch  den  Kaiser  und  König  erschien  ihm  durch- 
aus nicht  so  aussichtslos.  Die  Stiftsverwandten  sollten  besonders 
auch  darauf  aufmerksam  gemacht  werden,  daß  der  Kurfürst  sich  in 
bezug  auf  seine  Entschädigungsforderungen  gnädig  erweisen  werde, 
wenn  etwas  aus  der  Administratorschaft  würde*). 

Auf  Grund  dieses  Verzeichnisses  hat  Mila  dann  mit  Christoph 
V.  Steinberg,  der  schon  an  der  Vermittlung  des  Landgrafen  im 
Jahre  1542  Anteil  gehabt  hatte  ’),  verhandelt,  es  ihm  auch  mit  Bitte 
um  Geheimhaltung  übergeben,  Steinberg  war  bereit,  weitere  Schritte 
zu  tun,  bat  aber,  nicht  mit  der  Sache  zu  eilen*).  Tatsächlich  ver- 
gingen Monate,  ehe  man  wieder  etwas  von  ihm  hörte.  Inzwischen 
ist  Mila  noch  einmal  mit  dem  Kurfürsten  zusammen  gewesen*), 
und  auch  sonst  fanden  mancherlei  Verhandlungen  über  die  Sache 
statt.  So  benutzte  Johann  Friedrich  die  Zusammenkunft  mit  dem 
Landgrafen  in  Eisenach  im  Juni  und  Juli,  um  ihm  von  dem  Vertrag 
mit  Halle  Mitteilung  zu  machen®).  Man  beobachtete  ferner  nach 
Möglichkeit  alle  Maßnahmen  der  Gegenpartei®). 

Außerdem  setzte  noch  ein  neuer  Vermittlungsversuch  des 
Grafen  Alhrecht  von  Mansfeld  ein.  Der  Kurfürst  hatte  nichts 
dagegen,  darauf  einzugehen,  betonte  aber,  daß  er  von  seinen  Ge- 
rechtigkeiten nichts  aufgeben,  nur  über  eine  genaue  Abgrenzung 
seiner  Rechte  verhandeln  wolle.  Die  Vorschläge,  die  dai-auf  von 
der  gegnerischen  Seite  gemacht  wurden,  fanden  aber  nicht  seinen 
Beifall,  und  auch  neue  Bemühungen  des  Grafen  im  November 
kamen  nicht  recht  vorwärts’).  Seit  dem  Anfang  des  Jahres  1544 

1)  Loc.  9656  „des  Kf.  zu  Sachsen  mit  Herrn  Bernhard  von  Milen  1542/43“, 
Bl.  88—90. 

2)  Hülße,  8.  374. 

3)  Mila  an  Kf.  Juni  18,  Loc.  9656  „dee  Kf.  zu  Sachsen  mit  Bernhard  v. 
Milen“.  Dort  überhaupt  die  Korrespondenz  beider  Männer.  VergL  Branden- 
burg, I,  8.  266 — 269. 

4)  Kf.  an  Mila  Juli  8,  Mila  an  Kf.  Aug.  14,  Loc.  9656  „des  Kf.  zu 
Sachsen  mit  Herrn  Bernhard  von  Milen  . . . 1542/43“. 

5)  Verzeichnis  dee  Berichts,  so  dem  Ldgfen.  . . . geschehen  1543  EUsenach. 
Loc.  9656  „dee  Ldgfen.  zu  Hessen  . . . 1543/44“  Bl.  3/4. 

6)  Brück  an  Kf.  Aug.  12,  Beg.  C.  No.  760,  Bl.  17  ff.,  Or. 

7)  Gi.  Albrecht  an  Kl.  Okt  12,  Loc.  9656  „des  Ldgfen.  zu  Hessen  . . . 
1543/44“,  Bl.  19,  Or.  Kf.  an  den  Ofen.  Okt.  15,  ebenda,  Konz.  Der  Of.  an  Ki 

Beiträge  zur  neueren  Geschiclite  Tbaringenz  I,  2.  34 


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530 


Kapitel  IV. 


trat  dann  allerdings  eine  gewisse  Verbindung  zwischen  dieser  Ver- 
mittlung und  der  Tätigkeit  Milas  ein. 

Mila  hatte  Gelegenheit  erhalten,  außer  zu  Steinberg,  der  durch 
Reisen  und  Krankheit  vielfach  gehemmt  wurde,  noch  zu  den 
Brüdern  Achatius  und  Matthias  v.  Veltheim  *)  Beziehungen  an- 
zuknüpfen’). Der  Kurfürst  hatte  zwar  wegen  deren  streng 
katholischer  Gesinnung  einige  Bedenken,  erlaubte  Mila  aber  doch 
wenigstens  von  sich  aus  mit  jenen  zu  verhandeln  ’).  Mila  betrachtete 
sie  als  Angehörige  einer  Partei,  die  Türk  und  Eberhausen  und 
ihren  auf  Förderung  der  Albertiner  hinauslaufenden  Bestrebungen 
feindlich  gesinnt  wäre  ^),  glaubte  offenbar,  ihnen  vertrauen  zu  können, 
und  hat  nun  im  November  und  Dezember  1543  teils  mündliche, 
teils  schriftliche  Verhandlungen  geführt®).  Eine  Verzögerung  ent- 
stand dadurch,  daß  Steinberg  die  Gommernschen  Artikel  den  Velt- 
heims nicht  gegeben  hatte  und  Mila  sie  sich  nun  erst  neu  vom 
Kurfürsten  kommen  lassen  mußte*).  Am  21.  Dezember  konnte  er 
berichten,  daß  er  sie  Achatius  v.  Veltheim  vorgelegt  habe,  dieser 
hatte  damals  schon  mit  dem  Erzbischof  und  dem  Koadjutor  auch 
über  die  Möglichkeit  einer  Verhandlung  mit  dem  Kurfürsten  ge- 
sprochen, auch  auf  dessen  Söhne  hingewiesen.  Albrecht  hatte 
darauf  keine  bestimmte  Antwort  gegeben,  der  Koadjutor  dagegen 
betonte,  daß  er  noch  in  nichts  gewilligt  habe.  Die  Veltheims  und 
Mila  waren  einig  darin,  daß  der  Kurfürst  weiter  mit  dem  Kardinal, 
dem  Koadjutor  und  dem  Stift  verhandeln  müsse  und  daß  er  dabei 
ebenso  viel  gewähren  müsse,  wie  die  andere  Partei,  die  Gommem- 
schen  Artikel  erschienen  ihnen  als  Grundlage  ungeeignet  0- 

Tatsächlich  verstand  sich  Johann  Friedrich  zu  einer  Aenderung 
seiner  Artikel*).  In  der  neuen,  vom  18.  Januar  aus  Weimar 

Okt  23,  HülBe,  S.  379  f.  Kf.  an  den  Gfen.  Dez.  12,  Loc.  9656,  ebenda  Bl.  17/18, 
Konz.  Der  Kardinal  wollte  verlangen,  dafi  der  Of.  erst  mit  dem  Kapitel  ver- 
handle. Hüläe,  S.  380. 

1)  Matthias  v.  Velthmm,  Hanptmann  der  Moritzbarg  in  Halle,  hatte  auch 
an  der  landgräfl.  Vermittlung  von  1542  schon  Anteil  gehabt  Hülfie,  S.  374  ft. 

2)  Of.  Albrecht  an  Kf.  Okt  25,  Loc.  9656  „des  Kf.  tu  Sachsen  mit  Bern- 
hard V.  Miien  1542/43“. 

3)  Kf.  an  Mila  Okt  28,  ebenda. 

4)  Mila  an  Kf.  Nov.  4,  ebenda. 

5)  MUa  an  Kf.  Nov.  10,  ebenda  BL  50/51.  Kf.  an  Mila  Nov.  19,  Bl.  52/53. 

6)  Mila  an  Kf.  Xov.  25,  Kf.  an  Mila  Dez.  2,  ebenda. 

7)  Mila  an  Kf.  Dez.  22,  ebenda  Bl.  54 — 56. 

8)  An  Mila,  Zettel  von  1544,  ebenda  Bl.  61. 


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Das  VeTbältnis  Job.  Friedriobs  zu  den  Albeitinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  531 

datierten  Fassung  sind  alle  die  Bestimmungen  weggelassen,  die 
wegen  ihres  reformatorisch-propagandistischen  Charakters  Anstoß 
erregen  konnten,  also  die  Aeußerungen,  die  sich  auf  die  Reformation 
in  Magdeburg,  die  Gesinnung  der  Prälaten  nnd  Geistlichen,  die 
Abschaffung  der  Abgötterei  im  Stift  und  die  allmähliche  Umge- 
staltung des  Kapitels  bezogen ').  Auch  jetzt  konnte  sich  der  Kur- 
fürst aber  nicht  entschließen,  Mila  eine  Vollmacht  zu  wirklich 
offiziellen  Verhandlungen  zu  geben.  Nach  wie  vor  durfte  dieser  nur 
„als  für  sich  und  ohne  Vorwissen  und  Befehl  des  Kurfürsten“  ver- 
handeln. Dieser  wünschte  eben  erst  einmal  eine  Erklärung  der 
anderen  Partei  zu  erzielen,  ehe  er  sich  selbst  bestimmt  äußerte, 
durch  ein  solches  Verhalten  wurden  die  Verhandlungen  aber  natür- 
lich nicht  gefördert.  Mila  empfahl  daher  am  1.  Februar,  daß  der 
Kurfürst  endgültige  Erklärungen  darüber  abgeben  solle,  auf  welche 
Bedingungen  hin  er  mit  dem  Mainzer  abschließen  wolle,  weil  man 
nur  so  gegen  die  rege  Tätigkeit  der  Gegner  aufkommen  könne.  Er 
glaubte,  daß  man  die  Stifter  dem  Erzbischof  nnd  dem  Koadjntor  mit 
einer  stattlichen  Summe  Geldes  werde  abkaufen  können.  Einstweilen 
hatte  er  jedoch  Achatins  v.  Veltheim  die  nenen  Artikel  des  Kur- 
fürsten übergeben  zur  Uebermittlung  an  seinen  Bruder  Matthias, 
erlaubte  auch,  daß  dieser  sie  dem  Mainzer  ohne  Nennung  des 
Kurfürsten  vorlege.  Bei  dieser  Gelegenheit  teilte  Veltheim  dem 
sächsischen  Ritter  auch  noch  mit,  daß  auf  ihre  Veranlassung 
Albrecht  v.  Mansfeld  auf  sein  letztes  Schreiben  noch  keine  Antwort 
erhalten  habe,  weil  sie  jetzt  entschieden  ablehnend  gelautet  haben 
würde  *). 

Gerade  die  Vermittlung  des  Grafen  war  nun  aber  auch  ein 
Grund,  weshalb  der  Kurfürst  bei  der  Milaschen  Unterhandlung  im 
Hintergrund  bleiben  wollte.  Er  beauftragte  also  am  7.  Februar 
1544  den  Ritter  von  neuem,  zunächst  die  Ansicht  des  Kardinals 
über  seine  Artikel,  auch  über  eine  etwaige  Zahlung  an  ihn 
und  den  Koadjutor  zu  erkunden.  Mila  sollte  ferner  erneut  darauf 
hinweisen,  daß  die  Administratorschaft  eines  der  Söhne  des  Kur- 
fürsten alle  Verhandlungen  sehr  erleichtern  würde,  dabei  aber  be- 
tonen, daß  dieser  auch  dann  nicht  an  ein  Aufgeben  seiner  Burg- 
grafengerechtigkeit denke,  sondern  nur  an  eine  genaue  Abgrenzung 

1)  Loc.  9656  a.  a.  O.  Bl.  63—66. 

2)  Mila  an  Kf.  1544  Febr.  1,  eb^da  BL  1 — 4.  8ie  würde  wohl  gelautet 
haben  wie  die  Erklärung  bei  HülSe,  8.  380. 

34* 


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532 


Kapitel  IV. 


seiner  Rechte.  Für  weitere  Verhandlungen  empfahl  er  eine  Ver- 
sammlung vertrauter  Personen  von  beiden  Seiten^).  Achatius  er- 
klärte sich  besonders  mit  diesem  letzten  Gedanken  einverstanden 
und  schlug  Speier  als  Ort  für  die  Verhandlungen  vor*).  Dort  ist 
man  dann  in  der  Tat  von  mainzischer  Seite  an  Kursachsen  heran- 
getreten, allerdings  nicht  in  der  eben  angegebenen  offiziellen  Form. 
Albrecht  unterhielt  sich  aber  über  diese  Dinge  mit  dem  kur- 
sächsischen Gesandten  Christoph  v.  Taubenheim  und  schlug  dabei 
eine  persönliche  Unterredung  zwischen  ihm  und  dem  Kurfürsten, 
ferner  eine  Zusammenkunft  zwischen  Brück  und  seinem  Hofmeister 
Eberhard  Rüden  vor*). 

Von  kursächsischer  Seite  ist  man  auf  diese  Anregungen  an- 
scheinend nicht  allzu  freudig  eingegangen,  weil  man  stets  fürchtete, 
daß  der  Mainzer  doch  wieder  eine  Abstattung  der  Burggrafenrechte 
Vorschlägen  würde  und  man  sich  auf  eine  solche  auf  keinen  Fall 
einlassen  wollte*).  Albrecht  andererseits  mag  diese  Verhandlungen 
nur  benutzt  haben,  um  von  den  Albertinern  bessere  Bedingungen 
zu  erlangen,  denn  mit  ihnen  hat  er  sich  ja  dann  schließlich  auf 
die  Koadjutorschaft  Herzog  Augusts  gegen  namhafte  Geldzahlungen 
der  Albertiner  geeinigt®). 

Johann  Friedrich  hat  von  dem  Vertrag  zwischen  dem  Mainzer 
und  Moritz  schon  am  9.  April  gehört.  Nach  seiner  Art  wurde  er 
sofort  von  dem  größten  Mißtrauen  gegen  seinen  Vetter  ergriffen 
und  hielt  sogar  für  nötig,  Vorkehrungen  gegen  einen  etwaigen 
Handstreich  Moritzens  gegen  Halle  zu  treffen  *).  Aber  selbst  seine 
intimstem  Räte,  wie  Brück  und  Ponikau,  waren  mit  den  Schritten, 
die  er  wünschte,  nicht  einverstanden,  besonders  Ponikau  war  ge- 


ll Kf.  an  Mila  Febr.  7,  Loc.  9656  a.  a.  0.  Bl.  5 — 8,  Konz. 

2)  Mila  an  Kf.  Febr.  21,  ebenda  Bl.  17 — 19,  Or. 

3)  Christoph  v.  Taubenheim  an  Kf.  März  11,  Loc.  9656  ,Dee  I.Andgrafen  m 
Hessen  . . . 1543/44“,  Bl.  61 — 64.  Vergl.  Brandenburg,  I,  S.  269. 

4)  Ein  Gutachten  Brücks  o.  D.,  ebenda  BL  73/74.  Brück  an  Goldstein  nod 
Wahl.  Speier  März  11,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken  . . . 1544/45“,  Bl.  52 
—55.  Brück  an  Taubenheim  März  16,  Loc.  9656  „des  Ldgfen.  zu  Hessen  . . 
Bl.  65,  Or. 

5)  Verträge  vom  2.  April.  M.  P.  C.  II.  26  ff. 

6)  Kf.  an  Ponikau,  Speier  April  9,  M.  P.  C.  II,  43 — 15;  an  Statthalter  und 
Räte  zu  Weimar  April  10,  Loc.  9656  „des  Kf.  zu  Sachsen  mit  dem  Kimmerer 
1544“,  Bl.  65,  Or.  Daß  tatsächlich  Pläne  g^en  Halle  bestanden,  zeigt  M.  P.  C. 
II,  34  f.,  Ko.  3.  Es  handelte  sich  dabei  aber  nicht  um  die  Religion. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  533 

neigt,  in  der  Festsetzung  der  Albertiner  in  Magdeburg  und  Halber- 
stadt gar  keine  Gefahr  weiter  zu  sehen,  wenn  nur  die  Burggrafen- 
rechte des  Kurfürsten  gewahrt  blieben.  Beide  waren  davon 
überzeugt,  daß  der  Schutzvertrag  mit  Halle  den  Albertinem  gegen- 
über nicht  in  Frage  käme  *).  Tatsächlich  benahmen  sich  diese,  nach- 
dem sie  den  Vertrag  vom  2.  April  in  der  Tasche  hatten,  durchaus 
korrekt  und  ließen  sowohl  direkt  wie  durch  den  Landgrafen  dem 
Kurfürsten  erklären,  daß  sie  seiner  Gerechtigkeit  durchaus  keinen 
Abbmch  tun  würden.  Die  Aufregung  und  das  Mißtrauen  Johann 
Friedrichs  und  seiner  Räte  wurden  dadurch  aber  nicht  beseitigt*). 
Doch  fanden  sie  bald  darin  einen  Trost,  daß  der  Vertrag  des 
Kardinals  mit  Moritz  noch  der  Zustimmung  des  Kaisers,  des 
Koadjutors  Johann  Albrecht,  des  Kapitels  und  der  Stiftsstände 
bedurfte*),  und  betrachteten  es  nun  als  ihre  Aufgabe,  an  diesen 
Stellen  den  Albertinischen  Wünschen  entgegenzuwirken.  Henning 
Kracht  und  Wolf  von  Anhalt  waren  die  Vermittler,  deren  man  sich 
dabei  in  den  Stiftern  bediente*),  neben  Jakob  Wahl  und  Goldstein, 
die  in  der  alten  Weise  tätig  waren,  außerdem  jetzt  aber  auch  Be- 
ziehungen in  Magdeburg  anknüpften  und  dabei  schon  im  April  in 
Erfahrung  brachten,  daß  die  meisten  Mitglieder  des  Kapitels  von 
den  mainzisch-albertinischen  Plänen  noch  gar  nichts  wußten*). 


1)  Brück  an  Ponikau  April  27,  Speier,  M.  P.  C.  II,  45,  1.  Ponikau  an  Brück 
Mai  8,  ebenda  75,  1.  Brück  an  Kf.  [ca.  Mai  15],  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken 
zum  Teil  von  Speier  aus  . . . 1544“,  Bl.  15 — 20,  Or.  Brück  stellte  geradezu  die 
Kabinettsfrage.  Aktenst.  No.  54. 

2)  Moritz  an  lAgf.  April  9,  M.  P.  C.  II,  46  f.  Brück  an  Kf.,  Speier  April  10, 
Loc.  9656  „Dr.  Gr^rii  Brücken  zum  Teil  von  Speier  aus  . . . 1.544“,  Bl.  36; 
April  11,  M.  P.  C.  II,  52—57.  Brück  an  Goldstein  und  Wahl  AprU  10,  Loc. 
9656  „Dr.  Gi^orii  Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  56—59,  Konz. 

3)  Kf.  an  Ponikau,  Schwetzingen  April  12,  Loc.  9656  „dee  Kfen.  zu  Sachsen 
mit  dem  Kämmerer“,  Bl.  1 — 4,  M.  P.  C.  II,  56,  2.  57,  1.  Brück  an  Goldstein 
und  Wahl,  Loc.  9656,  ebenda  Bl.  90—93,  Or. 

4)  Kracht  an  Ponikau  April  2,  Loc.  9656  a.  a.  O.  BI.  83/84.  Kf.  an  Ponikau 
April  12,  ebenda  Bl.  1—4.  Ponikau  au  Kf.  April  16,  Bl.  31 — 35;  April  26, 
Bl.  24 — 29.  Schriftlicher  Bericht,  den  Kracht  vorle^.  Bl.  18/19.  Ponikau  an 
Kf.  April  29,  Bericht  über  Verhandlungen  mit  Wolf  von  Anhalt,  Bl.  5 — 15, 
M.  P.  C.  II,  67,  1. 

5)  Ponikau  an  Kf.  April  19,  Loc.  9656  „des  Kfen.  zu  Sachsen  mit  dem 
Kämmerer  . . . 1544“,  Bl.  57 — 64.  66 — 69,  Hdbf.  Wahl  an  Ponikau  April  21, 
Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsteine  . . . 1544/45“,  Bl.  76 — 81, 
Or.  Goldstein  und  Wahl  an  Brück  April  25,  ebenda  Bl.  82 — 88. 


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534 


Kapitel  IV. 


Inzwischen  bemühte  sich  der  Kurfürst  selbst,  durch  Granvella 
auf  den  Kaiser  zu  wirken,  damit  dieser  den  Konsens  nicht  erteile, 
ehe  er  seiner  Gerechtigkeit  wegen  gehört  sei,  erhielt  aber  zunächst 
keine  Antwort*).  Es  mag  wohl  sein,  daJl  das  Entgegenkommen, 
das  er  in  den  nächsten  Wochen  bei  den  Verhandlungen  mit  den 
Habsburgern  zeigte,  auch  durch  die  magdeburgische  Sache  mit- 
veraulaßt  wurde. 

Auch  in  den  nächsten  Wochen  verfolgte  man  eifrig  die  Haltung 
des  Magdeburger  Kapitels  und  der  Stände  des  Stifts*).  Zuweilen 
schien  es,  als  gewännen  die  Albertiner  Boden*),  schließlich  kam 
aber  doch  der  so  entschieden  gegen  Moritz  gerichtete  Abschied 
der  Stände  und  Städte  des  Stifts  vom  7.  Juni  und  der  Bund  der 
Grafen  und  Herren  zustande , Ereignisse , dnivh  die  bewiesen 
wurde,  daß  die  Albertiner  noch  sehr  weit  vom  Ziele  waren  *).  Das 
war  geeignet,  beruhigend  auf  die  Stimmung  am  kurfürstlichen  Hofe 
zu  wirken.  Sie  konnte  natürlich  jetzt  keine  freundschaftliche  sein, 
aber  mau  wünschte  doch  auch  nicht  gerade  einen  Konflikt.  Man 
wollte  Zank  nach  Möglichkeit  vermeiden,  sich  dabei  aber  auf  keinen 
Fall  etwas  vergeben  *).  Als  ein  Mittel,  um  Streitigkeiten  zu  ver- 
meiden, hätte  es  betrachtet  werden  können,  wenn  noch  vor  einem 
etwaigen  Uebergang  der  Stifter  an  die  Albertiner  ein  Vertrag 
zwischen  dem  Kurfürsten  und  Albrecht  über  die  Burggrafenrechte  zu- 
stande gekommen  wäre.  Wir  finden  auch  im  Sommer  1544  Albrecht 
von  Mausfeld  wieder  in  dieser  Beziehung  tätig.  Für  den  Kur- 
fürsten waren  aber  seit  dem  Frühjahi-  1543  diese  Verhandlungen 

1)  Kf.  an  Ponikau  April  27,  Loc.  9656  ..des  Kfen.  zu  .Sachsen  mit  dem 
Kämmerer  . . . 1544“,  Bl.  122 — 124,  Or. 

2)  Ponikau  an  Kf.  Mai  10,  Loc.  9656  „des  Kfen.  zu  Sachsen  mit  dem 
Kämmerer  . . , 1544“,  BI.  126/27,  Hdbf.  Dazu  Wolf  von  Anhalt  an  Ponikau 
Mai  8,  ebenda.  Bl.  128/29.  Wahl  au  Ponikau  Mai  15,  Loc.  9656,  „Dr.  Gregorii 
Brücken,  Dr.  Kilian  Qoldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  95  f.,  Or.  Wolf  von  Anhalt  an 
Ponikau  Mai  19,  Eeg.  H.  p.  563,  Ko.  183,  Or. 

3)  Brück  an  Kf.  Juni  5,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken  zum  Teil  von 
Speier  . . . 1544“,  Bl.  1.  Brandenburg,  I,  8.  274. 

4)  Brandenburg,  I,  S.  273  f.  Der  Abschied  vom  7.  Juni  z.  B.  Reg.  H. 
p.  600,  No.  193.  Wolf  V.'  Anhalt  an  Kf.  Juni  9,  Hdbf.,  ebenda.  Kracht  an 
Ponikau  Juni  8,  Loc.  9656  „des  Kfen.  zu  Sachsen  mit  dem  Kämmerer  . . . 1544“, 
Bl.  81. 

5)  Vergl.  etwa  Kf.  an  Burchard  Mai  25,  R^.  E.  p.  55,  No.  110,  Or. 
Brück  an  Ponikau  Sept.  13,  M.  P.  C.,  II,  118,  1;  an  Kf.  Dez.  11,  Reg.  H.  p.  5K, 
No.  190,  II,  Or. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  535 

aufs  engste  mit  seinen  eignen  Plänen  auf  die  Stifter  verbunden. 
Er  hatte  durchaus  keine  Lust,  aus  bloßer  Friedfertigkeit  und  aus 
Rücksicht  auf  seine  Vettern  auf  seine  eignen  Absichten  zu 
verzichten.  Auch  der  Graf  sollte  jetzt  die  Artikel  zugrunde  legen, 
die  Johann  Friedrich  einst  an  Mila  gesandt  hatte,  und  zwar  auch 
noch  immer,  ohne  den  Kurfürsten  dabei  zu  nennen.  Dieser 
war  bereit,  wenn  einer  seiner  Söhne  zum  Administrator  ge- 
wählt würde,  dem  Kapitel  die  freie  Wahl  zu  garantieren.  Ferner 
entwickelte  er  dem  Grafen  jetzt  auch  schon  den  Plan  einer  Ver- 
mittlung zwischen  dem  Kardinal  und  der  Stadt  Halle.  Er  glaubte, 
daß  die  Stadt  nach  Beilegung  aller  übrigen  Streitigkeiten  bereit 
sein  werde,  auf  den  Schutzvertrag  mit  ihm  zu  verzichten  i). 

Ueber  das  Resultat  seiner  Verhandlungen  hat  Graf  Albrecht 
dem  Kurfürsten  wahrscheinlich  .4,nfang  Oktober  Bericht  erstattet  •), 
doch  habe  ich  nichts  über  den  Inhalt  seines  Berichts  feststellen 
können.  Bedeutende  Resultate  hat  er  wohl  auf  keinen  Fall 
erzielt.  Auch  sonst  geschah  monatelang  nichts  von  Bedeutung. 
Man  unterhielt  von  kurfürstlicher  Seite  vor  allem  die  Beziehungen 
zu  den  Städten  Halle  und  Magdebnrg,  um  mit  ihrer  Hilfe  etwaigen 
Eifolgen  der  Albertiner  entgegenwirken  zu  können  *).  Ferner 
dachte  man  daran,  eventuell  an  den  Kaiser  zu  gehen,  um  Augusts 
Koadjutorschaft  zu  hindern*).  Gelegentlich  gab  es  sehr  alarmierende 
Nachrichten®),  schließlich  erkannte  man  aber,  daß  die  Alber- 

1)  Am  12.  Aug.  war  der  Gf.  beim  Kfen.  Kf.  an  Ponikau  Aug.  12,  Schweinitz, 
Reg.  Pp.  No.  4,  Or.  Die  Antwort  des  Kfen.  an  den  Gfen.  Aug.  18,  Torgau, 
Loc.  9^  „des  Ldgf.  von  Heesen  . . . 1543/44'-,  Bl.  56 — 60,  Konz.,  beruhend  auf 
einem  Gutachten  Brücke,  ebenda  Bl.  51 — 53,  Or.  Vergl.  Brandenburg,  I, 
S.  273/74. 

2)  Gf.  Albrecht  an  Kf.  Sept.  28.  Kf.  an  den  Gfen.  Sept  30,  Loc.  9656  „dee 
Ldgf.  zu  Hessen  . . . 1543/44“,  Bl.  47/48. 

3)  Deshalb  ließ  man  auch  Jonas  in  Halle.  Kawerau,  II,  S.  134.  135  f. 
136  f.  Erl.  56,  117. 

4)  Goldstein  und  Wahl  an  Brück  Nov.  21,  Loc.  9656  ,J>r.  Gregorii  Brücken, 
Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  64  f.,  Or.  Brück  an  Goldstern  und  Wahl 
o.  D.,  ebenda  Bl.  68 — 72,  Konz. 

5)  Drohender  Abschluß  mit  Johann  Albrecht,  Rüstungen  Moritzens.  Brück 
an  Kf.  Dez.  14,  Loc.  9656  .,Dr.  Gr^orii  Brücken  zum  TeU  von  Speier  . . . 1544“, 
Bl.  24 — 26.  Ponikan  an  Kf.  Dez.  15,  Loc.  9656  „dee  Kf.  zu  Sachsen  mit  dem 
Kämmerer  . . . 1544“,  Bl.  47 — 49.  Die  Rüstungsgerüchte  schon  Dez.  20  durch 
Taubenheim  dementiert.  Reg.  H.  p.  563,  No.  183,  Or.  In  die  Zeit  der  Aufregung 
gehört  das  Gutachten  vom  21.  Dez.,  das  Brandenburg,  I,  S.  273  Brück 
zuschreibt. 


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536 


Kapitel  IV. 


tinischen  Pläne  an  der  Abneigung  des  Koadjutors,  auf  seine  An- 
sprüche zu  verzichten,  scheitern  würden  ^).  So  trat  denn  seit  dem 
Ende  des  Jahres  1544  völlige  Beruhigung  ein.  — 

Damit  war  die  Möglichkeit  für  neue  Verhandlungen  gegeben, 
um  die  noch  vorhandenen  oder  neu  entstandenen  Streitigkeiten 
zwischen  den  beiden  sächsischen  Linien  beizulegen.  Neu  waren 
z.  B.  seit  Ende  des  Jahres  1544  Differenzen  über  die  Jahrmärkte 
in  Beigem  und  Borna  aufgetaucht*).  Meinungsverschiedenheiten  ent- 
standen ferner  über  die  Behandlung  der  Grafen.  Auch  ihnen 
gegenüber  war  der  Kurfürst  wieder  geneigt,  landesfürstliche  Rechte 
geltend  zu  machen,  während  Moritz  nur  lehnsfürstliche  anerkennen 
wollte.  Die  Fragen  der  Erneuerung  der  Erbeinung  mit  Böhmen 
und  der  Bewilligung  des  gemeinen  Pfennigs  für  König  Ferdinand 
kamen  als  weitere  Beratungsgegenstände  hinzu.  Ueber  alles  das 
soUte  auf  einer  Versammlung  beiderseitiger  Räte  in  Grimma  am 
17.  März  verhandelt  werden*). 

Auf  diesem  Tage  ist  man  sich  dann  außerordentlich  nahe 
gekommen.  Das  kam  weniger  in  den  positiven  Resultaten  der 
Verhandlungen  zum  Ausdruck,  als  in  den  Eindrücken,  die  man  von- 
einander hatte.  Das  wirkliche  Ergebnis  des  Tages,  das  in  dem 
Abschied  vom  24.  März  *)  niedergelegt  wurde,  war  nicht  allzu  groß. 
Die  Frage  der  Jahrmärkte  blieb  unerledigt,  ebenso  wurde  die  An- 
gelegenheit des  Erfurter  Schutzes  und  der  Steuer  auf  den  Erfurter 
Straßen  und  die  Frage  der  Gesamtbelehnten  künftigen  Verhand- 
lungen anheim  gegeben,  über  deren  äußerlichen  Gang  allerdings 
sehr  genaue  Verabredungen  getroften  wurden,  auch  in  der  Frage 
der  böhmischen  Erbeinung  wollte  man  erst  noch  weiter  korrespon- 
dieren. Dagegen  gelang  es,  wenn  wir  von  Kleinigkeiten  absehen, 
über  die  Frage  der  Besteuerung  der  Bischöfe,  Grafen,  Herren  und 
Prälaten  eine  gemeinsame  Politik  zu  verabreden;  den  gemeinen 
Pfennig  wollten  beide  Teile  ablehnen. 


1)  Goldstern  an  Brück  Dez.  !J6,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian 

Goldsteins  . . 1544/45,  Bl.  133/34,  Hdbf. 

2)  Ef.  an  Brück  1544  Dez.  31,  Reg.  A.  No.  294,  Konz. 

3)  Moritz  an  Kf.  1545  Jan.  20,  Kf.  an  Moritz  Febr.  9,  Moritz  an  Kf. 
Febr.  11,  März  9,  Kf.  an  Moritz  März  12,  Reg.  A.  No.  294;  Brück  an  Kf.  Jan.22, 
Reg.  H.  p.  645,  No.  199/200,  vol.  III.  Vergl.  Brandenburg,  I,  8.  363.  M.  P.C. 
II,  162  und  Anm.  2. 

4)  Lünig,  8.  283 ff. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  537 

Das,  was  unerledigt  blieb,  vor  allem  die  Erfurter  Fragen, 
konnten  noch  zu  vielem  Streit  Anlaß  geben  je  nach  der  beider- 
seitigen Versöhnlichkeit.  Darum  war  es  sehr  wesentlich,  daß  man 
mit  guten  Eindrücken  voneinander  schied  ^).  Das  scheint  vor  allem 
ein  Verdienst  Komerstadts  gewesen  zu  sein,  der  zu  einer  ver- 
traulichen Unterredung  zwischen  ihm  und  Brück  den  Anstoß  gab. 
Dabei  wurden  dann  die  mannigfaltigsten  Dinge  berührt,  unter  an- 
derem auch  die  Gerüchte  von  Rüstungen  Moritzens  und  die  hallische 
Frage.  Brück  gewann  dabei  die  beruhigende  Gewißheit,  daß  der 
Kaiser  den  Albertinischen  Plänen  noch  nicht  zugestimmt  habe*). 

Bei  den  guten  Eindrücken,  die  man  in  Grimma  gehabt  hatte, 
schienen  die  Versuche  des  Landgrafen,  eine  völlige  Versöhnung 
der  beiden  Vettern  herbeizuführen,  Aussicht  auf  Erfolg  zu  haben. 
.Angeregt  durch  einen  Brief  von  Moritz  über  die  Türkengefahr, 
die  Frage  der  geistlichen  Güter  und  einen  etwaigen  Zusammen- 
schluß des  Kurfürsten,  des  Landgrafen  und  seiner  selber  *),  empfahl 
Philipp  eine  Zusammenkunft  zwischen  ihnen  dreien*).  Dazu 
hatte  aber  Johann  Friedrich  wenig  Neigung,  er  hielt  eine  solche 
für  unratsam , solange  nicht  alle  Differenzen  zwischen  ihm  und 
Moritz,  darunter  auch  die  Streitigkeiten  über  Halle  und  Erfurt, 
beseitigt  seien,  und  ein  Bund  nur  zwischen  ihnen  dreien  erschien 
ihm  bedenklich,  weil  er  in  einem  solchen  von  den  anderen  beiden 
überstimmt  zu  werden  fürchtete®). 

Eher  war  er  für  eine  Zusammenkunft  mit  Moritz  allein  zu 
haben,  doch  meinte  er,  daß  auch  ihr  erst  noch  eine  Verhand- 
lung Brücks  mit  Komerstadt  vorausgehen  müsse  zur  Erledigung 
einiger  Streitpunkte®).  Diese  Verhandlung  hat  am  14.  April  in 
Mühlberg  stattgefunden.  Hier  sowohl,  wie  bei  einer  neuen  Zu- 
sammenkunft in  Leipzig  im  Mai  haben  beide  Teile  offenbar  ihr 

1)  Vergl.  Brandenburg,  1,  8.  363  ff.  Brück  und  Ponikau  an  Kt.  März  24, 
Beg.  A.  Xo.  294.  M.  P.  C.  II,  180,  Anm.  2. 

2)  Vergl.  vor  allem  Komeretadta  Bericht  vom  22.  März,  M.  P.  C.  II,  8. 174 
— 180,  dazu  die  Briefe  Brucks  in  Beg.  A,  No.  294,  benutzt  M.  P.  C.  ebenda,  Anm. 

3)  März  10,  Moritz  an  Ldgf.,  M.  P.  C.  II,  166 — 169. 

4)  Ldgf.  an  Kf.  März  17,  Beg.  H.  p.  630,  No.  197,  I,  Or.  Vergl.  M.  P.  C. 
II,  166,  Anm.  3.  Lenz,  II,  8.  319,  Anm.  1. 

5)  Kf.  an  Brück  und  Ponikau  März  23,  Beg.  A.  No.  294.  M.  P.  C.  II, 
221,  1.  Kf.  an  Ldgf.  März  29,  M.  P.  C.  II,  177,  1.  187,  1,  und  vor  allem  das 
Bedenken  des  Kfen.  ebenda  186—189. 

6)  Brück  an  Komerstadt  März  27,  M.  P.  C.  II,  183. 


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538 


Kapitel  IV. 


möglichstes  getan,  um  eine  allseitige  Einigung  zu  erzielen.  In  Mühl- 
berg ging  man  aus  von  der  Frage  der  Leipziger  Märkte  und  den 
Pflichten  der  Gesamtbelehnten,  sprach  aber  auch  von  der  Religion, 
z.  B.  der  Frage  einer  Einrichtung  gleichförmiger  Konsistorien,  von 
Mitteln  zur  Verhütung  künftiger  Zwistigkeiten,  vom  Widerstand 
gegen  die  Türken,  von  gemeinsamem  Vorgehen  in  der  Frage  der 
Türkensteuer  u.  s.  w.  In  manchen  Punkten  konnte  die  Mühlberger 
Zusammenkunft  als  eine  Fortsetzung  der  Grimmaer  Verhandlungen 
betrachtet  werden.  So  verabredete  man  z.  B.  die  Uebersendung 
einer  gemeinsamen  Instruktion  in  der  Frage  der  Bischöfe  und 
Grafen  an  die  beiderseitigen  Vertreter  auf  dem  Wormser  Reichstag. 
Auch  über  die  hallisch-magdeburgischen  Fi’agen  wurde  in  Mühl- 
berg gesprochen  1),  allerdings  war  bei  Brück  damals  keine  große 
Neigung  zu  einem  Vertrag  darüber  vorhanden,  da  er  erst  das  Re- 
sultat der  Verhandlungen  mit  dem  großen  Herrn  d.  h.  dem  Pfalz- 
grafen Friedrich,  der  eine  Vermittlung  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
Albrecht  übernommen  hatte,  abwarten  wollte  *).  Eine  größere  Rolle 
hat  die  haUische  Sache  bei  der  Leipziger  Zusammenkunft  gespielt. 
In  der  Zwischenzeit  korrespondierte  man  über  einen  Entwurf  für 
einen  Vertrag  beider  Linien,  den  Komerstadt  verfaßt  hatte  ®).  Die 
Aenderungen,  die  der  Kurfürst  daran  wünschte,  bezogen  sich  in  erster 
Linie  auf  die  Türkensteuer,  er  wollte  vermeiden,  daß  Moritz  Einblick 
in  sein  „Vermögen“  gewänne  *j.  Auch  über  die  Instruktion  für  die 
Reichstagsgesandten  einigte  man  sich  bald,  nachdem  Johann  Fried- 
rich darauf  verzichtet  hatte,  Moritz  und  sich  als  Landesherrn  der 
Bischöfe  u.  s.  w.  zu  bezeichnen®). 

Ehe  man  in  Leipzig  von  neuem  zusammenkam,  wurde  durch 
Nachrichten  von  Rüstungen  Moritzens  einige  Beunruhigung  her- 
vorgerufen, doch  gelang  es  dem  Landgrafen,  den  Kurfürsten  durch 
die  Mitteilung,  daß  sie  für  ihn  bestimmt  seien,  zu  beruhigen*). 

1)  Vergl.  M.  P.  C.  II,  199 — 201,  Brück  an  KT.  April  15,  nnd  Anmerkungen  dazo. 

2)  Loc.  9C56  „dee  Kfen.  zu  Sachsen  mit  des  Koadjutors  Räten  . BL  1T9, 
Antidota.  Vergl.  M.  P.  C.  II,  207,  Anm.  3.  Vergl.  ebenda  S.  240. 

3)  M.  P.  C.  II,  204  ff. 

4)  M.  P.  C.  II,  206.  208,  Anm.  1. 

5)  Brück  an  Komerstadt  April  19,  M.  P.  C.  II,  206,  Anm.  1.  Komerstadt 
an  Brück  April  21,  Brück  an  Komerstadt  .\pril  26,  M.  P.  C.  II,  209,  Atun. 
Or.  der  Instruktion  in  Reg.  E.  p.  59a,  N'o.  121,  April  29. 

6)  Kf.  an  Brück  April  29,  Loc.  9656  ,.dee  Kfen.  zu  Sachsen  und  des  Koad- 
jutors Räte  . . 1545“,  Bl.  120—122,  Konz.;  an  Ldgf.  April  30,  M.  P.  C.  II, 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  t.  Mainz.  539 

Die  am  4.  Mai  beginnende  Leipziger  Zusammenkunft  diente 
zunächst  einer  langwierigen  Beratung  von  je  vier  Käten  beider 
Parteien  über  die  Erfurter  Straßenangelegenheit ').  Brück  und 
Komerstadt  benutzten  aber  die  Gelegenheit,  um  sich  auch  über  die 
Frage  der  Stifter  zu  unterhalten.  Vor  allem  in  dieser  Sache  mußte 
ja,  wie  Brück  mit  Recht  hervorhob,  Klarheit  geschaffen  werden, 
wenn  Streitigkeiten  zwischen  den  beiden  Fürsten  vermieden  werden 
sollten.  Komerstadt  machte  daneben  allerdings  noch  auf  andere 
Punkte  aufmerksam : den  Kalkzoll  in  Borna  und  die  Forderung  der 
Lehnspllicht  von  allen  Mitbelehnten.  Brück  kehrte  aber  immer 
wieder  zur  hallischen  Sache  zurück,  da  die  anderen  Dinge  zu  un- 
wichtig seien,  um  großes  Mißtrauen  zu  erzeugen.  Es  gelang  ihm 
schließlich,  wenigstens  einigermaßen  faßbare  Erklärungen  zu  er- 
langen, denn  da  ja  noch  gai-  nicht  sicher  war,  ob  Moritz  seine  Ab- 
sichten in  Magdeburg  erreichen  werde  und  was  er  erreichen  werde, 
war  es  schwer,  eine  Verabredung  zu  treffen,  die  für  alle  Fälle 
paßte.  Man  faßte  schließlich  einen  Eventualvertrag  ins  Auge,  der  voU- 
streckt  werden  sollte,  wenn  Moritz  in  den  Besitz  der  Stifter  käme. 
Brück  dachte  ihn  sich  so,  daß  der  Herzog  dem  Kurfürsten  seine 
Gerechtigkeit  in  der  Weise  abkaufe,  daß  eine  Gesamtbelehnung 
festgehalten  würde,  und  mit  der  Verpflichtung,  die  Gerechtigkeit 
nie  aus  den  Händen  Sachsens  kommen  zu  lassen.  Komerstadt  hatte 
keine  genügende  Vollmacht,  um  auf  diese  Vorschläge  zu  ant- 
worten, nur  das  versicherte  er,  daß  Moritz  nicht  weiter  Vorgehen 
werde,  ehe  sich  die  Vettern  über  diesen  Vertrag  geeint  hätten*). 

Man  kann  es  dem  Kurfürsten  bei  der  Un Verbindlichkeit  der 
Aeußerungen  Komerstadts  eigentlich  nicht  verdenken,  wenn  er 
meinte,  daß  er  ihnen  nichts  habe  entnehmen  können,  worauf  er 
sich  gewiß  verlassen  könne  ^).  Auch  Brücks  Ansicht  ging  dahin, 

260,  1.  Ldgf.  an  Ki.  Mai  4,  Loc.  9656  „des  Efen.  zu  Bachsen  mit  dem  Ldgf. . 

Bl.  62 ; M.  P.  C.  II,  255,  Anm. 

1)  Akten  in  Reg.  G.  1 — 8.  C — F.  Y.  1. 

2)  M.  P.  C.  II,  234—244,  Bericht  Brücks  vom  5.  Mai. 

3)  An  Brück  Mai  5,  Loc.  9666,  „des  Efen.  zu  Sachsen  und  des  Eoad- 
jutors  Räte  . . 1545“,  Bl.  124,  Eonz.  Verschiedene  Aeußerungen  des  EI.  zeigen, 
daß  er  damals  nichts  dagegen  gehabt  hätte,  die  Stifter  den  Vettern  zu  überlassen, 
wenn  nur  seine  Gerechtigkeiten  gewahrt  blieben  (an  Brück  April  29,  siehe  S.  538, 
Anm.  6;  an  Ldgf.  Mai  3,  M.  P.  C.  II,  254  f.  Aum.;  Mai  12,  ebenda  274,  1 ; die 
Korrekturen  sind  übrigens  von  Brück,  nicht  vom  Ef.).  Er  wünschte  allerdings 
eine  genaue  Bestimmung  des  Umfanges  seiner  Rechte,  M.  P.  C.  II,  274,  1. 


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540 


Kapitel  IV. 


daß  Komerstadt  es  zwar  ehrlich  meine,  daß  Herzog  Moritz  aber 
nicht  an  seine  Worte  gebunden  sei  ‘).  Immerhin  war  der  Gesamt- 
eindruck der  Leipziger  Verhandlungen  nicht  ungünstig*).  Nur 
allzubald  schlug  aber  die  Stimmung  wieder  um.  Die  Verhand- 
lungen über  Erfurt  machten  große  Schwierigkeiten  und  der  vom 
Kurfürsten  erhobene  Kalkzoll  und  sein  Plan,  die  „Eiche“  bei  Leipzig 
zu  befestigen,  verletzten  die  andere  Partei*). 

Mitte  Mai  war  Brück  wieder  in  einer  sehr  wenig  friedlichen 
Stimmung*),  und  wenn  er  auch  unter  dem  Einfluß  des  Landgrafen 
bald  darauf  wieder  für  die  Versöhnung  der  feindlichen  Vettern  zu 
wirken  begann  *),  die  Lust,  in  der  Weise  von  Mühlberg  und  Leipzig 
fortzuarbeiten,  batte  er  vielleicht  auch  aus  Gesundheitsrücksichten 
verloren.  Nur  von  der  Vermittlung  des  Landgrafen  versprach  er 
sich  noch  Erfolg*). 

Für  diesen  war  die  Beilegung  der  Differenzen  zwischen  den 
Wettinern  damals  Mittel  zum  Zweck,  um  eine  einheitliche  Politik 
der  Protestanten  bei  der  Gefahr  der  Lage  zu  ermöglichen.  Er  war 
von  dieser  ja  so  überzeugt,  daß  er  bei  einer  Zusammenkunft  mit 
Moritz  in  Kassel  schon  einen  großen  Kriegsplan  entwarf,  bei  dem 
auch  dem  Herzog  eine  ausschlaggebende  Bolle  zugedacht  war’)- 

Auch  an  einem  gemeinsamen  Auftreten  der  Protestanten  auf 
dem  Wormser  Reichstag  war  ihm  viel  gelegen*).  Und  daß  es 
wesentlich  gewesen  wäre,  Moritz  bei  der  Sache  des  Protestantismus 
festzuhalten,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Als  ein  Mittel  dazu  be- 
trachtete der  Landgraf  Nachgiebigkeit  des  Kurfürsten  in  den 
kleinen  territorialen  Streitigkeiten.  Immer  wieder  legte  er  das  dem 
Sachsen  ans  Herz“).  Ferner  versprach  er  sich  viel  von  einer 


1)  Brück  an  Kf.  Mai  6,  Loc.  9666  a.  a.  O.  BL  144/45;  M.  P.  C.  II,  245  Anm. 

2)  Brandenburg,  I,  S.  366 f. 

3)  Ldgf.  an  Brück  Mai  13,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian 
Ooldsteins  etc..  Bl.  216 f.  M.  P.  C.  II,  261,  1.  v.  Langenn,  I,  S.  192.  Ueber 
die  „Eiche“  vergl.  Seidemann,  Beiträge,  II,  S.  29. 

4)  Brück  an  Kf.  Mai  19,  I^.  9656,  ebenda  BL  177,  Or. 

5)  Brück  an  Kf.  Mai  22,  ebenda  BL  170 — 176.  v.  Langenn,  II,  S.  235 
(sehr  nnvollständig).  M.  P.  C.  II,  274,  1.  Vergl.  auch  Brandenburg,  I,  S.  386. 

6)  Brück  an  Ldgf.  Mai  23,  M.  P.  C.  II,  274  Anm. 

7)  Christian  Brück  an  Kf.  o.  D.,  B^.  H.  p.  589,  No.  191,  III,  Hdbf. 

8)  An  Kf.  März  17,  M.  P.  C.  II,  166,  Anm.  3. 

9)  Vergl.  etwa  Ldgf.  an  Kf.  April  28,  M.  P.  C.  II,  253,  Anm.  1;  Mai  13, 
M.  P.  C.  II,  261,  Anm.  1. 


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Daa  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  znm  Kurf.  t.  Mainz.  54^ 


Zusammenkunft  zwischen  den  beiden  sächsischen  Vettern  und  ihm 
selbst*),  fand  nun  aber  gerade  mit  diesem  Plane  bei  Johann 
Friedrich  wenig  Anklang  und  vermochte  ihn  auch  durch  die 
dringendste  Einladung  nicht  von  seinen  Bedenken  abzubringen. 
Der  Kurfürst  bezeichnete  als  solche  offiziell  den  Wunsch,  daß  die 
noch  bestehenden  Gebrechen  vorher  erledigt  würden*),  es  mag 
aber  wohl  sein,  daß  eigentlich  ausschlaggebend  war,  daß  er  sich 
der  Vereinigung  des  Landgrafen  mit  Moritz  nicht  gewachsen  fühlte. 
Philipp  mußte  sich  schließlich  damit  zufrieden  geben,  daß  dieser 
allein  am  9.  Mai  zu  ihm  nach  Cassel  kam*).  Dessen  Erklärungen 
haben  ihn  im  ganzen  befriedigt,  insofern  als  der  Herzog  sich 
zur  Versöhnung  mit  dem  Kurfürsten  geneigt  zeigte,  gegen 
eine  Zusammenkunft  hatte  allerdings  auch  er  Bedenken,  teils  wegen 
des  Aufsehens,  das  es  erregen  würde,  wenn  sie  alle  drei  zu- 
sammenkämen, teils  weil  der  Streit  zwischen  ihm  und  Johann 
Friedrich  über  die  Erfurter  Straßen  noch  nicht  beigelegt  sei.  Er 
riet  zur  Verschiebung  der  Zusammenkunft,  bis  man  nach  Be- 
endigung des  Reichstages  klarer  über  die  Lage  sehe. 

Einem  Wunsche  des  Kurfürsten  entsprechend , sprach  der 
Landgraf  mit  Moritz  auch  über  Halle.  Dieser  erklärte,  daß  er  dem 
Kurfürsten  an  seiner  Gerechtigkeit  nichts  abbrechen  wolle,  wenn 
es  ,.zu  den  Fällen  käme“,  er  benutzte  dann  aber  die  Gelegenheit, 
um  seinerseits  allerhand  Klagen  vorzubringen  über  die  Steigerung 
der  Münze  in  Halle  und  über  die  Neuerungen  des  Kurfürsten  in 
bezug  auf  die  kleinen  Märkte  um  Leipzig. 

Alles  in  allem  war  der  Landgraf  mit  dem  Resultat  der  Zu- 
sammenkunft sehr  zufrieden.  Noch  entschiedener  als  bisher  riet 
er  nun  dem  Kurfürsten  zur  Nachgiebigkeit  in  den  nachbarlichen 
Irrungen,  um  Moritz  festzuhalten*),  suchte  Biücks  Hilfe  bei  diesen 


1)  Zuletzt  noch  im  Brief  vom  28.  April. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  3,  M.  P.  C.  II,  254  f.  Anm. 

3)  VergL  über  die  Zusammenkunft  51.  P.  C.  II,  250 — 261  und  den  Bericht 
Christian  Brucks  an  Kf.  Reg.  H.  p.  589,  No.  191,  III,  o.  D.,  erst  aus  dem  Juni, 
denn  am  8.  Juni  schickte  der  Kf.  Brück  ab,  um  des  Ldgf.  geheimen  Bericht 
entgegenznnehmen.  Kf.  an  Chr.  Brück  Juni  8,  Loc.  9656  „Dr.  Gr^rii 
Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  165 — 167,  Or.  Brandenburg, 
I,  8.  371  ff. 

4)  Brief  vom  13.  Mai. 


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542 


Kapitel  IV. 


Bestrebungen  zu  gewinnen  und  bot  speziell  in  der  magdebnrgischen 
Sache  seine  Vermittlung  an  ^).  Brück  hat  sich  tatsächlich  bemüht, 
im  Sinne  des  Landgrafen  zu  wirken,  empfahl  seinem  Herrn  be- 
sonders in  einigen  ganz  neu  aufgetauchten  Fragen,  in  der  des 
Kalkzolles  z.  B.  und  in  der  der  Befestigung  der  Eiche,  Nach- 
giebigkeit. Die  Gefahr  eines  bewaffneten  Zusammenstoßes  zwischen 
den  Vettern  und  die  Unsicherheit  der  Lage  bestimmten  ihn  zu  diesen 
Ratschlägen’).  Wie  schon  oft  trat  er  auch  jetzt  wieder  dafür  ein, 
daß  der  Kurfürst  die  Stifter  Magdeburg  und  Halberstadt  dem 
Herzog  überlassen  solle  *).  Speziell  in  dieser  Frage  suchte  er  dann 
für  eine  Vermittlung  des  Landgrafen  zu  wirken,  die  ihm  nützlicher 
schien,  als  Gespräche  zwischen  ihm  und  Komerstadt.  Er  dachte 
sich  dabei  den  Vertrag  ähnlich,  wie  er  ihn  in  Leipzig  Komerstadt 
vorgeschlagen  hatte  *).  Ein  solcher  Eventualvertrag  wai’  nun  aller- 
dings nicht  im  Sinne  des  Kurfürsten,  der  als  Bedingung  eines 
Vertrages  betrachtete,  daß  Moritz  zuvor  seiner  Sache  beim  Kardinal 
gewiß  sei.  Auch  er  bat  aber  um  die  Vermittlung  des  Landgrafen, 
betrachtete  außer  dieser  hallischen  Sache  nur  noch  die  Erfurter 
Schutz-  und  Straßenfrage  als  ein  Hindernis  völliger  Versöhnung 
mit  dem  Vetter ‘).  Auch  zu  einer  Zusammenkunft  mit  Moritz  war 
er  unter  dem  Eindruck  der  gefährlichen  Nachrichten  aus  Worms 
jetzt  bereit  Sie  war  im  Erzgebirge  geplant,  kam  aber  jetzt  nicht 
zustande,  da  die  beiderseitigen  Reiseprogramme  nicht  zueinander 
paßten  *).  Der  Landgraf  empfahl  sie  immer  wieder  dringend,  nahm 
sich  auch  der  Vermittlung  in  der  hallischen  Sache  an  und  stellte 
sich  dabei  auf  den  Standpunkt  des  Kurfürsten,  daß  Moritz  erst  mit 
dem  Mainzer  ins  Reine  kommen  müsse  ^);  auch  für  die  anderen 
kurfürstlichen  Bedingungen : die  Bewahrung  der  Burggrafschaft  beim 
Hause  Sachsen  und  eine  Versicherung,  daß  Halle  bei  der  protestan- 


1)  Ldgl.  an  Brück  Mai  13,  M.  P.  C.  II,  261,  Anm.  1. 

2)  Brück  an  Kf.  Mai  22,  Loo.  9656  „Dr.  Oregorii  Brücken.  Dr.  Kilian 
GoldsteinB  . . .“,  Bl.  170  -176;  M.  P.  C.  II,  274,  1;  v.  Langenn,  II,  8.  235. 

3)  Zettel  zu  dem  Brief,  erst  vom  23.  Hai,  Loc.  9656  a.  a.  O.  Bl.  175,  zum 
Teil  bei  Langenn. 

4)  Siehe  den  schon  erwähnten  Brief  an  Ldgf.  vom  23.  Mai. 

5)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  25,  M.  P.  C.  II,  275,  Änm.;  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii 
Brücken.  Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1545/46“,  Bl.  222 — 224,  Kopie. 

6)  Kf.  an  Brück  Mai  26,  Loc.  9656,  ebenda  Bl.  220/21,  Konz. 

7)  Ldgf.  an  Kf.  Jnni  2,  M.  P.  C.  II,  275,  Anm. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinern  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  543 

tischen  Religion  geschützt  werden  würde,  suchte  er  den  Herzog  zu 
gewinnen  ‘). 

Gerade  als  so  alles  im  besten  Gange  zu  sein  schien  und  die 
Hauptdifterenz  die  war,  daß  Moritz  schon  jetzt  einen  Vertrag  für 
möglich  hielt,  der  Kurfürst  dagegen  einen  Abschluß  des  Herzogs 
mit  dem  Kardinal  als  Vorbedingung  betrachtete,  trafen  Nach- 
richten aus  Worms  über  das  sonderbare  Verhalten  der  dortigen 
Albertinischen  Gesandten  ein  und  ließen  sofort  das  alte  Mißtrauen 
des  Kurfürsten  und  Brücks  gegen  die  Meißner  wieder  aufleben*). 
Doch  siegte  auch  jetzt  noch  die  Friedlichkeit’),  und  auch  Philipp 
setzte  seine  Bemühungen  fort.  Da  seine  Vermittlung  erst  ein- 
treten  sollte,  wenn  Moritz  bei  Mainz  sein  Ziel  erreicht  hatte, 
empfahl  er,  daß  zunächst  Brück  und  Komerstadt  noch  einmal 
zusammenkämen*).  Tatsächlich  sind  diese  seit  dem  20.  Juni 

wenigstens  in  schriftliche  Verhandlungen  miteinander  getreten,  aller- 
dings nicht  über  Halle,  sondern  wegen  des  Brückenbaues  über 
die  Gramma,  wegen  der  gleichischen  Lehen  und  des  Tambacher 
Straßenbaues’).  Zu  einer  Zusammenkunft  aber  ist  es,  besonders 
wegen  der  Abneigung  Brücks  dagegen,  nicht  gekommen.  Man 
kann  diesem  überhaupt  den  Vorwurf  nicht  ersparen,  daß  sein 
Eifer  für  die  Einigkeit  schon  Anfang  Juli  wieder  stark  erlahmt 
war.  Es  scheint,  daß  er  in  einer  Reihe  der  nachbarlichen  Gebrechen, 
z.  B.  in  der  Frage  der  gleichischen  Lehen  und  der  der  Erfurter 
Straßen,  so  sehr  vom  Rechte  seines  Herrn  überzeugt  war,  daß  ihn 
die  Haltung  der  anderen  Partei  in  diesen  Fragen  erbitterte’). 

1)  Ldgf.  an  Moritz,  Ldgf.  an  Komerstadt  Juni  2,  M.  P.  C.  II,  273 — ^277  und 
276,  Anm.  I. 

2)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  6,  M.  P.  C.  II,  285,  Anm.  1.  Brück  an  Kf.  Juni  13, 
Hdbf.,  Loc.  9138  „allerhand  Sendschreiben  . Bl.  26 — 31 ; unvollständig  bei 
V.  Langenn,  II,  S.  237f.;  M.  P.  C.  II,  275,  Anm.  Am  15.  Juni  war  die  Stim- 
mung Brücks  schon  etwas  besser.  Reg.  G.  No.  1—8,  Z.  1. 

3)  Selbst  in  dem  Brief  Brücks  vom  13.  Juni. 

4)  Ldgf.  an  Komerstadt  Juni  16,  M.  P.  C.  II,  285  f.  Kf.  an  Ldgf.  Juni  18, 
Loc.  9656  „des  Kf.  zu  Sachsen  mit  dem  Ldgf.  . . 1545“,  Bl.  22/23;  M.  P.  C.  II, 
286,  1.  Moritz  an  Ldgi  Juni  19,  M.  P.  C.  II,  287—289. 

5)  Brück  an  Komerstadt  Juni  20,  Reg.  A.  No.  295;  vergl.  M.  P.  C.  U, 
290  ff. 

6)  Besonders  charakteristisch  war,  daß  Brück  den  Brief  Moritzens  an  Ldgf. 
vom  19.  Juni,  den  Philipp  ihm  am  27.  sandte,  damit  er  ihn  vorsichtig  und  im 
Auszug  dem  Kurfürsten  mitteilte,  diesem  vollständig  übermittelte,  M.  P.  C.  II, 
289,  2. 


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544 


Kapitel  IV. 


Werfen  wir  hier  einen  Blick  speziell  auf  den  Erfurter  Straßen- 
streit, so  nahm  der  Kurfürst  die  Gerichtsbarkeit  und  das  Geleits- 
recht auf  sämtlichen  aus  Erfurt  führenden  Straßen  für  sich  in 
Anspruch,  während  Moritz  behauptete,  daß  diese  Rechte  ihm  zu- 
kämen für  die  beiden  Straßen,  die  nach  Herbsleben  und  AVeißensee 
führten.  Auf  Grund  einer  in  Grimma  getroffenen  A^erabredung 
hatte  man  im  Mai  lange  miteinander  verhandelt  und  schließlich 
Fakta  ausgetauscht  ‘).  Die  weiteren  Erörterungen  sollten  vor  dem 
Oberhofgericht  stattfinden.  Am  24.  Juni  überreichten  beide  Teile 
diesem  ihre  Petitionen,  am  10.  Juli  1545  begannen  die  Anwälte 
beider  Parteien  in  Erfurt  auf  dem  Rathaus  die  Rechte  ihrer  Heiren 
darzulegen.  Dabei  entstand  aber  sofort  neuer  Streit,  indem 
Moritz  wünschte,  daß  außer  über  die  Straßen  von  Erfurt  nach 
Herbsleben  und  AA'eißensee  auch  über  die  Tambacher  Straße,  die 
Erfurt  gar  nicht  berührte,  verhandelt  werde,  während  der  Kur- 
fürst das  ablehnte,  da  seine  Räte  darauf  nicht  vorbereitet  seien. 
Doch  erlaubte  er  schließlich,  daß  „alte  und  verlebte“  Zeugen 
schon  jetzt  über  die  Tambacher  Straße  verhört  wurden.  Am 
14.  Juli  begannen  nämlich  die  Zeugenverhöre,  144  Zeugen  waren 
von  kurfürstlicher  Seite,  121  von  herzoglicher  vorgebracht  worden, 
ein  paar  hundert  einzelne  Fragen  wurden  ihnen  vorgelegt,  auch 
durch  Urkunden  suchten  beide  Teile  ihr  Recht  zu  beweisen. 
Dabei  legte  man  von  Ernestinischer  Seite  mehr  AA'ert  darauf,  den 
tatsächlichen  Besitz  des  Geleits  etc.  nachzuweisen,  während  man 
von  .Albertinischer  Seite  die  wirklichen  Rechtsverhältnisse  für  das 
Wesentliche  hielt. 

Der  Streit  darüber,  ob  auch  die  Tambacher  Straßenangelegen- 
heit jetzt  miterledigt  werden  dürfe,  bewirkte  schließlich,  daß  auch 
die  anderen  beiden  Fälle  nicht  zu  Ende  kamen.  Erst  Anfang  1546 
hat  man  sich  dahin  geeinigt,  daß  nur  die  Aussagen  über  die 
Erfurter  Straßen  eröffnet  wurden,  die  über  die  Tambacher  Straße 
geschlossen  blieben.  Man  wird  es  aber,  wenn  man  die  Masse  der 
Akten,  Deduktionen  und  Korrespondenzen  durchblättert,  die  diese 
Streitigkeiten  hiuterlassen  haben,  begreifen,  daß  sich  bei  den  Be- 
teiligten eine  große  gegenseitige  Erbitterung  festsetzte,  auch  die 
Stimmung,  von  der  w’ir  Brück  gelegentlich  erfüllt  finden,  wird  uns 
dann  erklärlich  erscheinen*).  — 

1)  R^.  G.  No.  1 — 8,  C.  E.  und  Eeg.  G.  No.  27. 

2)  Akten  in  Reg.  G.  No.  1 — 8,  K.  L.  M.  Z.  1.  la.  2.  4.  5;  Eeg.  G.  No.  16. 


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Das  VerhältniB  Joh.  Friedricha  zu  den  Albertiuern  u.  zum  Kurf.  t.  Mainz.  545 

Als  Hauptgrund,  weshalb  Sich  bei  dem  Kurfürsten  sowohl  wie 
bei  Brück  seit  dem  Juli  1545  eine  etwas  weniger  versöhnliche 
Stimmung  bemerkbar  machte,  werden  wir  aber  die  Aussicht  zu 
betrachten  haben,  die  sich  damals  den  Emestinern  eröffhete,  den 
Gegnern  in  der  magdeburgischen  Sache  gänzlich  den  Rang  abzu- 
laufen. Von  jetzt  an  wurde  die  Verschleppung  der  Verhandlungen  mit 
Moritz  und  dem  Landgrafen  ihr  Ziel,  was  man  ihnen  für  die  vorher- 
gehenden Wochen  wohl  noch  nicht  vorwerfen  kann^),  doch  sind  auch 
schon  Brücks  „Antidota“  aus  dem  April  bedenklich*).  Und  das  eine 
ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln,  man  hatte  in  Kursachsen  noch  nie  die 
Pläne  Moritzens  irgendwie  als  sicher  betrachtet,  verließ  sich  nach 
wie  vor  auf  den  Widerstand  des  Kaisers,  des  Koadjutors  u.  s.  w. 
Man  erhielt  daher  auch  die  Verbindung  mit  den  Hallensern  stets 
aufrecht*)  und  dachte  auch  wohl  gelegentlich  noch  an  einen  Vertrag 
mit  dem  Kardinal^).  Doch  dieser  war  eigentlich  Moritz  gegenüber 
zu  sehr  gebunden.  Er  hatte  dabei  aber  keinerlei  Rücksicht  auf 
die  Rechte  des  schon  vorhandenen  Koadjutors  Johann  Albrecht 
genommen.  Es  war  begreiflich,  daß  dieser  sich  verletzt  fühlte  und 
mit  dem  Konkurrenten  Moritzens,  dem  Kurfürsten  in  Verbindung  trat. 
Er  bediente  sich  dabei  der  Vermittlung  des  Christoph  v.  Abs- 
bei^  und  Jakob  Wahls,  d.  h.  Absberg  sprach  am  25.  Juni  mit 
Wahl  und  regte  eine  Zusammenkunft  zwischen  seinem  Herrn  und 
dem  Kurfürsten  an.  Da  dieser  schon  früher  durch  einen  seiner  Räte 
Aehnliches  gehört  hatte,  war  Wahl  schon  vorbereitet  und  konnte  gleich 
erwidei-n,  daß  der  Kurfürst  erst  volle  Sicherheit  haben  müsse, 
daß  der  Koadjutor  die  Zusammenkunft  wirklich  wünsche.  Absberg 
sprach  darauf  noch  einmal  mit  diesem  und  überbrachte  Wahl  nach 
einigen  Tagen  so  bestimmte  Erklärungen  Johann  Albrechts,  daß 
Wahl  die  Anregung  unbedenklich  an  den  Kurfürsten  weitergeben 
konnte.  Absberg  hatte  sich  auch  über  den  Zweck  der  Zusammen- 
kunft schon  etwas  geäußert.  Der  Koadjutor  hatte  die  Absicht,  die 

1)  Brandenburg,  I,  S.  386  f.  würde  ich  erst  für  den  Juli  völlig  zustimmen. 

2)  Vergl.  8.  53a 

3)  Goldatein  und  Wahl  an  Brück  April  25,  Loc.  9656,  „Dr.  Gr^rii  Brücken, 
Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/45“,  Bl.  116.  Brück  an  Kf.  April  28,  ebenda 
Bl.  129  f.,  Or.  Kf.  an  Brück  April  29,  öfter  erwähnt.  Goldstein  und  Wahl  an 
Brück  Mai  7,  Reg.  G.  No.  27,  Kopie.  Wahl  an  Brück  Mai  6,  ebenda,  Or. 

4)  Vergl.  die  pfälzische  Vermittlung.  Der  Pfalzgraf  sollte  sich  bemühen, 
vom  Kaiser  die  Elrlaubnis  zur  Eröffnung  des  Zerbster  Urteils  zu  erlangen.  Auch 
mit  Kracht  imd  W.  v.  Anhalt  stand  man  in  Verbindung,  ebenda. 

Bciuägv  lur  oeueren  Geschichte  ThOriDgetu  I,  3.  35 


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1 


546  Kapitel  IV. 

Stifter  dem  Eaxdinal  abzukaufen  und  ao  den  Praktiken  Moritzens 
entgegenzuwirken.  Es  lag  ihm  daran,  dabei  an  dem  Kurfürsten 
einen  Rückhalt  zu  haben,  und  er  war  bereit,  sich  mit  ihm  über 
die  Gerechtigkeit  in  Halle  zu  vergleichen  und  in  guter  Nachbar- 
schaft mit  ihm  zu  leben ‘). 

Man  kann  nun  nicht  sagen,  daß  man  auf  kursächsischer 
Seite  auf  diese  Anregungen  vorbereitet  gewesen  sei  *) , oder 
auch  daß  man  sie  mit  besonders  großer  Lebhaftigkeit  aufge- 
nommen habe.  Brück  hatte  zunächst  keine  Ahnung,  worum 
es  sich  handelte^),  war  dann  allerdings  bald  ziemlich  für  die 
Sache  eingenommen*),  und  der  Kurfürst  ging  außerordentlich  vor- 
sichtig vor.  Die  Erklärungen,  die  Wahl  ihm  am  6.  Juli  abgab, 
genügten  ihm  nicht.  Er  wünschte  erst  noch  genaue  Auskunft 
darüber  zu  haben,  ob  das  Gerücht,  daß  der  Kaiser  Moritz  seine 
Genehmigung  zur  Erwerbung  der  Stifter  nach  Albrechts  Tode  er- 
teilt habe,  wahr  sei,  da  er  dann  nicht  gut  dagegen  werde  wirken 
können;  ferner  wünschte  er  zu  wissen,  wie  weit  die  Rechte  des 
Koadjutors  auf  die  Stifter  begründet  seien®).  Wahl  begab  sich 
darauf  noch  einmal  nach  Halle  zurück  zu  weiteren  Verhandlungen 
mit  Absberg  und  auch  mit  dem  Koadjutor  persönlich  und  erhielt 
von  diesem  über  jene  beiden  zweifelhaften  Punkte  genügende  Er- 
klärungen. Außerdem  war  aber  eine  Folge  der  Zurückhaltung 
des  Kurfürsten,  daß  Absberg  noch  auf  einige  Punkte  hinwies,  die 
diesem  den  Plan  schmackhafter  machen  sollten.  Er  sprach  nämlich 
von  den  Söhnen  des  Kurfürsten  und  von  der  Bereitwilligkeit 
Johann  Albrechts,  eventuell  einem  von  ihnen  die  Koac^utorschaft 
zu  verschaffen,  ferner  von  dessen  religiöser  Duldsamkeit  ®).  Alles 


1)  Eine  Ao&eichnuDg  üba  die  beiden  Gespräche  vom  25.  und  29.  Jnni  in 
Loc.  9656,  „des  Kfen.  zu  Sachsen  und  des  Koadjutors  Räte  . . . 1545‘‘,  BL  2. 
Wahl  an  Brück  Juni  29,  Loc.  9656,  ,4>r.  Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian  Gold- 
Steins  . . . 1544/46“,  Bl.  128,  Or. 

2)  Abgesehen  von  der  erwähnten  Mitt^ung  «nes  kurfürstlichen  Rates. 

3)  Dem  Kfen.  schrieb  er  am  1.  Juli,  er  vermute,  der  Erzbischof  sei  tot.  Loc.  9656 
a.  a.  O.  Bl.  127. 

4)  Brück  an  Kf.  Juli  8 oder  9 (do.  am  Tage  Kiliani),  Loc,  9656  ,Dr. 
Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsteins  . . . 1544/46“,  Bl.  210,  Or. 

5)  Antwort  an  Wahl  Juli  6,  Loc.  9656  „des  Kfen.  zu  Sachsen  und  des  Koad- 
jutors Räte  . . . 1645“,  BL  10/11  Konz,  mit  Korrekturen  Brücka, 

6)  Aufzeichnung  über  die  Unterredung  vom  9.  Juli  in  Loc.  9656  .,des  Kfen. 
zu  Sachsen  und  des  Koadjutors  Räte  . . . 1545“,  BL  3. 


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Das  VerhiltaU  Job.  Friedrichs  zn  den  Albertinern  n.  znm  Euif.  v.  Mainz.  547 

das  genügte,  um  Johann  Friedrich  für  die  Einladung  des  Koad- 
jutors zu  der  gewünschten  Zusammenkunft  zu  gewinnen ‘).  Nach 
einigen  weiteren  Korrespondenzen’)  wurde  diese  schließlich  auf 
den  30.  Juli  nach  Eilenburg  angesetzt  und  an  diesem  und  den 
folgenden  Tagen  gehalten. 

ln  der  Zeit  vor  der  Zusammenkunft  sind  sowohl  vom  Kur- 
fürsten wie  von  Brück  Erwägungen  über  die  zu  behandelnden 
Fragen  angestellt  worden.  Beide  waren  darin  einig,  daß  man 
Verpflichtungen  des  Koadjutors  zur  Duldung  des  Evangeliums 
in  Halle  und  sonst  im  Stift  verlangen  müsse.  Brück  legte  dann 
besonders  darauf  Wert,  daß  man  durch  die  Verhandlungen  Klarheit 
darüber  gewinnen  werde,  wie  weit  die  Albertinische  Handlung  ge- 
diehen sei.  Ein  großes  Mißtrauen  gegen  die  Albertiner  kann  man 
wohl  als  Hauptmotiv  seiner  Gutachten  betrachten.  Er  vermutete, 
daß  Moritz  Verwalter  der  beiden  Stifter  im  Namen  des  Kardinals 
zu  werden  wünsche,  wenn  die  Zeit  der  Statthalterschaft  des  Koad- 
jutors abliefe,  und  daß  er  für  diese  Zeit  seiner  Verwaltung 
keine  Verpflichtungen  über  Halle  dem  Kurfürsten  gegenüber  über- 
nehmen könne.  Es  schien  ihm  daher  im  Interesse  seines  Herrn 
zu  liegen,  daß  Johann  Albrecbt  bis  znm  Tode  des  Kardinals  in 
seiner  Stellung  gehalten  würde,  und  er  empfahl  daher,  ihm  keine 
zu  weitgehenden  Forderungen  zu  stellen.  Daher  wird  er  wohl  auch 
mit  den  Artikeln,  die  der  Kurfürst  der  Unterredung  zugrunde  legen 
wollte,  nicht  ganz  übereingestimmt  haben.  Johann  Friedrich  dachte 
danach  daran,  seine  Rechte  in  Halle  zu  behalten,  zum  Ersatz  für 
die  Nachteile,  die  er  bisher  gehabt  hatte,  aber  einen  seiner  Söhne 
zum  Administrator  des  Stifts  wählen  zu  lassen  oder,  wenn  Kapitel 
und  Landschaft  dafür  nicht  zu  haben  seien,  eine  Entschädigung 
von  100000  Guldengroschen  oder  ein  entsprechendes  Pfand  zu  ver- 
langen. Es  scheint  so,  als  habe  er  sich  durch  Brücks  Erwägungen 
dann  aber  doch  eines  Besseren  belehren  lassen.  Ich  vermute,  daß 


1)  Zweite  Antwort  dee  Kf.  an  Wahl  Jnli  18,  Loc.  0658  a.  a.  O.  BL  16/17, 
Konz.  Kf.  an  den  Koadjutor  Juli  18,  ebenda  BL  18,  BekreditiT.  Wahl  an  Kf. 
Jnli  21,  ebenda.  Nicht  richtig  ist  ee,  wenn  Brandenburg  (M.  P.  C.  II,  347 
Anm.  und  Moritz,  I,  8.  360)  behauptet,  dafi  der  Kf.  erst  durch  Gutachten 
Brücks  für  die  Zusammenkunft  gewonnen  worden  sei.  Wahls  Mitteilungen  ge- 
nügten, seine  auf  Gewissenhaftigkeit  und  berechtigter  Vorsicht  beruhenden  Be- 
denken zu  zerstreuen. 

2)  Loc.  9656  ebenda. 

36* 


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548 


Kapitel  IV. 


ein  Zettel,  auf  dem  die  Grundgedanken  des  einen  Gutachtens  Brücks 
verzeichnet  sind,  dem  Kurfürsten  bei  den  Verhandlungen  mit  dem 
Koadjutor  als  Grundlage  diente ‘),  und  der  Eilenburger  Vertrag 
vom  1.  August  zeigt  ja  nichts  von  den  weitgehenden  Forderungen 
des  Kurfürsten,  klingt  dagegen  vielfach  an  die  Ratschläge  Brücks 
an.  So  entsprach  es  z.  B.  seinem  einen  Gutachten,  wenn  Johann 
Albrecht  den  Zerbster  Spruch  von  1538  als  verbindlich  anerkennen 
und  sich  verpflichten  mußte,  gemeinsam  mit  dem  Kurfürsten  beim 
Kaiser  für  seine  Publikation  zu  wirken.  Im  übrigen  lief  der  Vertrag 
auf  eine  Unterstützung  des  Koadjutors  durch  den  Kurfürsten  mit 
einem  zinslosen  Darlehn  von  20000  fl.  hinaus,  damit  jener  die 
Regierungsrechte  bei  Lebzeiten  des  Kardinals  erwerben  könne.  Als 
Pfand  für  das  Geld  sollte  das  Amt  Dahme  dienen,  ln  allen 
profanen  Streitigkeiten  unter  den  beiden  Vertragschließem  sollte 
eine  gütliche  Auseinandersetzung  stattflnden.  Der  Kurfürst  wollte 
die  Rechte  des  Koadjutors  an  den  Stiftern  gegen  jeden  Bruch 
des  Landfriedens  verteidigen,  die  Religion  sollte  dabei  aber  in  all- 
wege  ausgeschlossen  sein.  Keiner  sollte  den  Widersachen  des  an- 
deren helfen*).  Ueber  die  Frage  der  Koadjutorie  eines  Emestini- 
schen  Prinzen  wurde  anscheinend  nur  gesprochen,  ohne  daß  es  zu 
einem  Vertrage  darüber  kam*). 

Durch  den  Abschluß  des  Eilenbnrger  Vertrages  hatte  Johann 
Friedrich  einen  bedeutenden  Vorsprung  vor  den  Albertinem  ge- 
wonnen und  konnte  nun  mit  Gemütsruhe  den  weiteren  Verhand- 
lungen mit  ihnen  entgegensehen.  — 

Schon  die  ersten  Mitteilungen  Wahls  riefen  bei  ihm  sowohl 
wie  bei  Brück  eine  größere  Schärfe  in  ihren  Aeußerungen,  eine 
größere  Bestimmtheit  ihrer  Forderungen  hervor  *).  Der  Gedanke  einer 
neuen  Zusammenkunft  Brücks  und  Komerstadts  wurde  auch  jetzt 

1)  I»c.  9656  „des  K£  Johann  Friedrichs  zu  Sachsen  mit  dem  Koadjutor 
zu  Eilenburg  . . . 1545“,  Bl.  43  und  46.  Das  Hauptgutachten  Brücks  ebenda 
Bl.  2 ff.  „Ungefährliche  Artickel“  des  Kf.  über  die  Unterredung  ebenda  BL  19—24 
30.  Als  eine  Art  Antwort  darauf  möchte  ich  ein  zweites  Gutachten  Brücks.  ebenda 
61.  35 — 45,  betrachten.  Ueber  die  Unterredung  selbst  liegen  nur  zwei  nicht  sehr 
belangreiche  Aufzeichnungen,  ebenda  Bl.  11/12  und  27/28,  vor. 

2)  Vergl.  M.  P.  C.  II,  347/48,  Anm.;  Brandenburg,  I,  S. 390f. 

3)  Brück  an  Kf.  Dez.  17,  M.  P.  C.  II,  348,  Anm. 

4)  Brück  an  Ldgf.  Juli  10,  M.  P.  C.  II,  290,  Anm.  Kf.  an  Brück  Juli  12, 
Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken,  Dr.  Kilian  Goldsterns  . . . 1544/45*,  Bl.  204 — 209. 
Brück  an  Kf.  Juli  13,  Beg.  A.  No.  282,  Or.  M.  P.  C.  II,  290  f.  Anm.  347  Anm. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  549 

wieder  erörtert,  doch  wurde  nichts  daraus,  dagegen  kam  es  jetzt 
zu  der  oft  erwogenen  Begegnung  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
Moritz.  Vom  6.  bis  12.  August  sind  die  Vettern  in  Torgau  zusammen- 
gewesen und  haben  sich  gut  miteinander  vertragen ‘).  Wichtiger 
war  allerdings,  was  bei  den  gleichzeitigen  Konferenzen  Brücks  und 
Komerstadts  herauskam,  und  da  läJlt  sich  nur  sagen,  daß  sie  wenig 
befriedigend  verliefen,  daß  weder  in  der  magdeburgischen  An- 
gelegenheit noch  in  den  Erfurter  Streitigkeiten,  noch  sonst  eine 
Einigung  erzielt  wurde.  In  der  magdeburgischen  Frage  bestand 
die  alte  Schwierigkeit  fort,  daß  man  auf  kursächsischer  Seite 
wünschte,  daß  der  Herzog  erat  einmal  seiner  Sache  sicher  sei, 
während  Komerstadt  schon  jetzt  einen  Eventualvertrag  für  möglich 
hielt  >). 

Das  gute  Verhältnis,  das  zwischen  den  Herren  entstanden  war, 
eröffnete  aber  doch  die  Möglichkeit,  über  die  noch  bestehenden 
Differenzen  hinwegzukommen  ’),  und  so  sah  man  denn  dem  Gegen- 
besuch Johann  Friedrichs  bei  Moritz  auf  dem  Schellenberge,  der 
Ende  August  stattfinden  sollte,  recht  hofihungsvoll  entgegen*). 

Diese  zweite  Zusammenkunft  ist  ja  nun  besonders  durch  die 
Exzesse  in  Baccbo  berüchtigt  geworden,  die  dabei  stattfanden  °) ; 
auch  sie  scheint  aber  doch  die  guten  Beziehungen  zwischen  Johann 
Friedrich  und  Moritz  gekräftigt  zu  haben.  Wenigstens  können  wir 
als  Wirkung  der  Zusammenkunft  feststellen,  daß  die  beiden  Fürsten 
gemeinsam  am  30.  August  den  Landgrafen  zu  einer  Zusammen- 
kunft in  brandenburgischen  Angelegenheiten  auf  den  18.  Oktober 
nach  Naumbui'g  einluden“)  und  daß  der  Kurfürst  am  7.  September 
empfahl,  daß  zwischen  ihnen  dreien  dann  ein  „sonderlicher  Verstand“ 
abgeschlossen  werde  ’).  Auch  in  kleinen  persönlichen  Gefälligkeiten 


1)  M.  P.  C.  II,  307,  Anm.  2.  Brandenburg,  I,  8.  391.  Moritz  an 
Ldgf.  Aug.  16,  M.  P.  C.  II,  308—310  und  Anm. 

2)  Aufzeichnungen  Komerstadts  darüber  M.  P.  C.  II,  309,  Anm.  2.  Leider 
sehr  aphoristisch.  Zu  bemerken  ist,  daß  die  Verhandlungen  zum  Teil  mit  Po- 
nikau  stattfanden. 

3)  Brück  an  Komerstadt  Aug.  18,  M.  P.  C.  II,  310  f. 

4)  Komerstadt  an  Ldgf.  Aug.  26,  ebenda  8.  314,  Anm.  2. 

5)  Miltitz  und  Komerstadt  an  Ldgf.  Bept  3.  M.  P.  C.  II,  314  f.  Ossas  Tage- 
buch, 8.  67.  Zwickauer  Chronik  in  Weimar.  Bibi.  fol.  156,  364.  VergL  Voigt, 
Moritz,  8.  123  Anm. 

6)  M.  P.  C.  II,  315,  Anm.  2. 

7)  Neudecker,  Urk.,  8.  735 — 746,  sehr  korrekturbedürftig. 


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550 


Kapitel  FV. 


kam  das  gute  Verhältnis  zwischen  Moritz  und  dem  Kurfürsten  zum 
Ausdruck ‘).  Leider  war  nur  der  Herzog,  ebenfalls  infolge  der 
Schellenberger  Zusammenkunft,  so  erkrankt,  daß  seine  Aktions- 
fähigkeit einige  Wochen  lang  gelähmt  war*),  und  aus  der  Naum- 
burger  Zusammenkunft  wurde  nichts,  weil  die  braunschweigische 
Angelegenheit  dazwischenkam,  die  ja  nun  ihrerseits  dazu  beitrug, 
Moritz  seinen  protestantischen  Vettern  zu  entfremden. 

Es  scheint,  daß  während  aller  dieser  Monate,  ob  das  Verhältnis 
nun  gut  oder  schlecht  war,  beständig  auch  noch  Verhandlungen 
über  nachbarliche  Gebrechen  stattgefunden  haben®).  Ein  Vertrag 
darüber  ist  einmal  wieder  am  11.  November  abgeschlossen  worden*). 
Am  28.  November  schickte  dann  Moritz  ein  Verzeichnis  der  Streitig- 
keiten mit  dem  Kurfürsten  an  den  Landgrafen  und  bat  diesen  um 
seine  Vermittlung®),  regte  gleichzeitig  auch  wieder  ein  Eingreifen 
Philipps  in  der  hallischen  Sache  an.  Von  den  sonst  noch  bestehen- 
den Streitigkeiten  waren  die  um  die  Erfurter  Straßen  die  wichtigsten. 
Herzogliche  Gesandte  haben  Mitte  Dezember  mit  dem  Landgrafen 
verhandelt  und  dabei  dem  Kurfürsten  besonders  zum  Vorwurf  ge- 
macht, daß  er  sich  immer  in  einen  Brauch  zu  setzen  pflege  und 
diesen  dann  bekräftige,  wenn  man  das  ruhig  hingehen  lasse.  Jetzt 
handle  es  sich  besonders  um  die  Erfurter  Straßen.  Moritz  wünsche 
gütliche  Handlung  und  bitte  den  Landgrafen,  sie  in  der  Weise  an- 
zubahnen, daß  er  an  beide  Fürsten  gleichlautend  schriebe,  ent- 
sprechend einem  Entwürfe,  den  sie  sofort  vorlegten®). 

Der  Landgraf  hat  merkwürdigerweise  vollständige  Abschrift 
dieser  Verhandlungen  an  Johann  Friedrich  geschickt’),  Anfang 
Januar  bot  er  sich  ihm  dann  aber  als  Vermittler  an®).  Auf  neue 
Klagen  des  Herzogs  hin  über  Uebergriffe,  die  sich  der  Kurfürst 


1)  Kf.  lieh  Moritz  seinen  Leibarzt  Batzeberger  und  seinen  Spaßmacher 
Albrecht.  M.  P.  O.  II,  316,  Anm.  1. 

2)  Moritz  an  Kf.  Sept.  22,  M.  P.  C.  II,  324  f. 

3)  Vergl.  Brück  an  Komerstadt  Juli  28,  B^.  A.  No.  295,  Konz.;  andere 
solche  Briefe  ebenda. 

4)  Bcg.  F.  p.  206,  F,  No.  2,  12.  Verw.  Kasten,  3.  Betrifft  nur  Kleinig- 
keiten, auigenommen  in  den  großen  Vertrag  vom  23.  Juli  1567. 

.5)  M.  P.  C.  n,  427  f. 

6)  M.  P.  C.  II,  452. 

7)  Ldgf.  an  Kf.  Dez.  23,  Keg.  EL  p.  670,  No.  209,  I,  Or.  M.  P.  C.  II, 
456  Anm. 

8)  Ldgt  an  Kf.  1646  Jan.  3,  Beg.  H.  p.  670,  No.  209,  U,  Or. 


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Da«  Verhältnis  Joh,  Friedrichs  za  den  Albertinem  a.  znm  Kurf.  t.  Mainz.  551 


besonders  in  Erfurter  Angelegenheiten  erlaube,  hat  Philipp  diesen 
noch  öfter  zur  Mäßigung  ermahnt^). 

Johann  Friedrich  war  bereit,  auf  die  Vermittlung  des  Land- 
grafen einzugehen,  wünschte  aber,  daß  erst  noch  abgewartet  werde, 
ob  eine  geplante  Zusammenkunft  der  Räte  kein  Resultat  habe’). 
Ende  des  Jahres  waren  ja  die  Verhandlungen  im  Erfurter  Straßen- 
streit wieder  aufgenommen  worden,  und  man  hatte  sich  dahin  ge- 
einigt, daß  am  16.  Januar  die  Kundschaften  über  die  beiden  Er- 
furter Straßen  eröffiiet  werden  sollten,  während  die  über  die  Tam- 
bacher  Straße  noch  geschlossen  blieben.  Der  Kurfürst  wollte 
diesen  Fall  mit  einem  Streit  über  die  Meißner  Domkirche  zu- 
sammenkoppeln. Die  Beschwerden,  die  man  sonst  gegeneinander 
hatte,  sollten  am  1.  Februar  ausgetauscht  und  zu  ihrer  Erledigung 
am  21.  Februar  ein  Tag  in  Grimma  eröffnet  werden").  Die  Zahl 
der  Beschwerdepunkte,  die  darauf  Moritz  dem  Kurfürsten  über- 
sandte, betrug  19,  Johann  Friedrich  aber  brachte  es  fertig,  den 
Vetter  mit  23  Punkten  zu  übertrumpfen ‘).  In  die  sich  an- 
schließenden Verhandlungen  ging  man  von  beiden  Seiten  mit 
keinen  großen  Hoffnungen  hinein"),  und  das  Resultat  der  vom 
27.  Februar  bis  6.  März  dauernden  Grimmaer  Tagung  ist  dann 
auch  recht  geringfügig  gewesen.  Wirklich  erledigt  wurden  nur 
eine  Anzahl  unwichtigerer  Fi'agen , über  einige  andere  sollten 
weitere  Verhandlungen  stattffnden.  So  sollten  sich  z.  B.  die  beiden 
Fürsten  bis  Ostern  gegenseitig  mitteilen,  was  für  Klostergüter  ein 
Teil  im  Fürstentum  des  anderen  habe,  damit  man  eine  Ver- 
gleichung treffen  und  künftige  Irrungen  verhindern  könne.  Aehn- 
lich  sollte  mit  den  Pfarreien,  Komtureien,  Propsteien  und  geist- 
lichen Lehen  verfahren  werden,  über  die  ein  Teil  im  Gebiet  des 
anderen  zu  verfügen  hatte"). 

1)  Moritz  an  Ldgf.  Jan.  3,  M.  P.  C.  II,  484  f.  Ldgf.  an  Kf.  Jan.  11, 
Beg.  H.  ebenda,  voL  I,  Or. 

2)  Ki.  an  Ldgf.  Jan.  11,  Beg.  H.  p.  670,  No.  209,  II,  Konz. 

3)  M.  P.  C.  II,  489.  497  f.  536,  2 und  Beg.  Q.  1—8,  Z.  1. 

4)  Moritz  an  Kf.  Jan.  31,  M.  P.  C.  II,  536,  2.  Kf.  an  Moritz  Febr.  12, 
ebenda,  ln  Beg.  Q.  1 — 8,  Z.  1 Or.  der  19  Artikel  dee  Hz«.,  Konzept  der  23 
dee  Kf.  M.  P.  C.  erwähnt  nur  20. 

5)  Moritz  an  Ldgf.  Jan.  16,  M.  P.  C.  II,  497  f.  Brück  an  Kf.  Febr.  14, 
ebenda  536,  2. 

6)  Nach  einem  beeiegelten  Exemplar  der  „grimmaischen  Abrede"  vom 
6.  März  1546  in  Beg.  A.  No.  302. 


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552 


Kapitel  IV. 


In  Ausführung  dieser  Beschlüsse  schickte  Johann  Friedrich 
dem  Vetter  am  23.  April  die  betreffenden  Verzeichnisse  zu,  Moritz 
war  aber  mit  den  seinen  noch  nicht  fertig,  bat  um  Verschiebung 
des  Termins  bis  zum  9.  Mai  und  schickte  das  Verzeichnis  des 
Kurfürsten,  da  dieser  sich  Aenderungen  Vorbehalten  hatte,  zurück  *). 
Johann  Friedrich  sandte  es  darauf  zur  Durchsicht  und  Verbesse- 
rung an  seinen  Sekretär  Antonius  Pestei,  was  diesen  zu  einer  sehr 
interessanten  Aeußerung  vom  1.  Mai  veranlaßte.  Er  legte  da  dar, 
daß  die  Aufstellung  eines  solchen  Verzeichnisses  überhaupt  un- 
möglich sei,  da  niemand  genau  wisse,  was  zum  einen  und  was 
zum  anderen  Fürstentum  gehöre.  Vor  allem  werde  kein  Teil  Lust 
haben,  ein  Verzeichnis  als  abschließend  zu  bezeichnen,  da  sonst 
der  andere  schließen  würde,  daß  alles  nicht  Genannte  in  seinem 
Fürstentum  gelegen  sei.  Das  Ratsamste  schien  Pestei,  daß 
auch  der  Austausch  der  Verzeichnisse  auf  den  Naumburger  Tag 
verschoben  werde’).  Vermutlich  folgte  der  Kurfürst  diesem 
Rate,  jedenfalls  ist  von  den  beiden  Verzeichnissen  nicht  mehr  die 
Rede. 

Eine  ganze  Reihe  der  wichtigsten  Punkte  war  in  Grimma  un- 
erledigt geblieben,  so  der  Streit  über  den  erfurtischen  Schutz  und 
die  Straßen,  der  über  die  gleichischen  Leben,  der  über  die  Dom- 
kirche zu  Meißen  und  den  Schutz  des  Bischofs,  der  über  das  Burg- 
graftum  zu  Magdeburg  und  das  Grafengeding  zu  Halle  u.  a.  m. 
Man  beschloß,  einem  Vorschlag  des  Herzogs  Moritz  folgend,  daß 
beide  Teile  über  diese  Punkte  dem  Landgrafen  berichten  und  diesem 
die  weiteren  Verhandlungen  überlassen  sollten.  Der  Donnerstag 
in  der  Osterwoche  wurde  als  Termin  für  die  Uebersendung  der 
Schriftstücke  an  Philipp  festgesetzt.  Eine  persönliche  Besprechung 
wollte  man  vorläufig  vermeiden®).  Nur  in  der  Form  hielt  Moritz 
sie  für  ratsam,  daß  der  Landgraf  sich  in  Naumburg  aufhielte,  sie 
beide  aber  nur  in  die  Nähe  dieser  Stadt  kämen  und  Räte  hinein 
schickten  ‘).  Philipp  wies  diesen  Vorschlag  aber  zurück  und  empfahl. 


1)  Kf.  an  Moritz  April  23,  Moritz  an  Kf.  April  25,  R^.  A.  No.  301. 

2)  Festel  an  Kf.  Mai  1,  ebenda,  Hdbf.  Aktenst.  No.  67. 

3)  Nach  der  Abrede  in  Reg.  A.  No.  302  und  M.  P.  C.  II,  536,  2.  Moritt 
an  Ldgf.  Jan.  16,  ebenda  S.  497  f, 

4)  Moritz  an  Ldgf.  März  12,  M.  P.  C.  II,  537.  Johann  Friedrich  aah  in  dv 
Scheu  dea  Herzoga  vor  einer  peraönlichen  2aaennmeokunft  einai  Beweta  dafür,  daS 
deaaen  Räte  ihn  nicht  aua  ihren  Händen  laaaen  wollten.  Daa  betrachtete  er  auch 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  553 

daß  sie  alle  drei  am  9.  oder  16.  Mai  zusammeokämen.  Auch  nach 
seiner  Meinung  sollte  aber  der  Zusammenkunft  eine  Einreichung 
der  Schriftsätze  vorhergehen*). 

Diese  ist  dann  von  beiden  Seiten  Ende  April  erfolgt*).  Die 
überreichten  Stücke  waren  so  lang,  daß  der  Landgraf  für  not- 
wendig hielt,  den  Tag  am  4.  Mai  auf  den  25,  Mai  zu  ver- 
schieben und  eine  achttägige  Verhandlung  in  Aussicht  zu  nehmen  *). 
Während  man  sich  nun  auf  kurfürstlicher  Seite  auf  die  Naum- 
burger  Versammlung  vorbereitete*),  kündigte  Moritz  schon  am 
9,  Mai,  ehe  er  den  Brief  des  Landgrafen  vom  4.  erhalten  hatte, 
diesem  seine  Abreise  nach  Regensburg  an  und  bat  um  Ver- 
schiebung des  Tages®).  Der  Landgraf  hat  dann  über  die  Art 
und  Weise  des  nach  Moritzens  Rückkehr  abzuhaltenden  Tages 
auch  in  der  nächsten  Zeit  noch  weiter  korrespondiert®).  Auf  kur- 
sächsischer  Seite  war  man  dagegen  sehr  empört,  sah  in  der  Regens- 
burger Reise  nur  ein  Mittel,  um  die  Verhandlungen  zu  verhüten, 
und  versprach  sich  wenig  mehr  von  dem  Herzog*)-  Dabei  war 
man  aber  durchaus  nicht  der  Meinung,  daß  diese  Streitigkeiten  in 
Rrofansachen  ein  Hindernis  an  gegenseitiger  Unterstützung  sein 
könnten,  wenn  der  Religion  wegen  Beschwerungen  entständen*). 
Der  Landgraf  beurteilte  Moritz  in  dieser  Beziehung  richtiger  und  ließ 
daher  nicht  ab,  den  Kurfürsten  zur  Nachgiebigkeit  in  den  nachbar- 
lichen Streitigkeiten  zu  ermahnen  ®).  Wie  weit  Moritz  in  der  Annähe- 

als  den  Hauptgrund,  weshalb  von  herzoglich  sächsischer  Seite  der  Naumburger 
Tag  abgekündigt  wurde.  (Bericht  an  die  Landräte  vom  6.  Juni,  Reg.  A.  No.  307.) 

1)  Ldgf.  an  Moritz  März  21,  M.  P.  C.  II,  S.  547. 

2)  Der  kurfürstliche  Bericht  wurde  dem  Landgrafen  mit  Brief  vom  26.  April 
übersandt.  P.  A.  Sachseu-Ernestinische  Linie  1546. 

3)  Ldgf.  an  Moritz  Mai  4,  M.  P.  C.  II,  593,  Anm.  1. 

4)  Brück  an  Kf.  Mai  11,  Loc.  9656  ,Dr.  Qregorii  Brücken  . . . 1546“,  Bl. 
33—35,  Or.  Ein  Verzeichnis  der  Akten,  die  mitgenommen  werden  sollten,  in  Reg. 
A.  No.  311. 

5)  M.  P.  C.  II,  589  f. 

6)  Ldgf.  an  Kf.  Mai  15,  an  Moritz  Mai  16,  M.  P.  C.  II,  600  f.  und  Anm.  1. 
Moritz  an  Ldgf.  Mai  27,  M.  P.  C.  II,  607.  Ldgf.  an  Moritz  Juni  6,  ebenda  S.  628. 

7)  Kf.  an  Ldgf.  Mai  22,  M.  P.  C.  II,  600,  1.  Brück  an  Kf.  Mai  24,  ebenda. 
Brandenburg  I,  S.  443. 

8)  Kf.  an  Ldgf.  Juni  10,  Reg.  H.  p.  676,  No.  210,  II,  Konz.  Auch  in  seinem 
Bericht  für  die  Landschaft  sagt  der  Kf.,  daß  er  noch  auf  Moritzens  Hilfe  ge- 
rechnet habe  (Loc.  9149  ,Kf.  Moritz  und  Hz.  Johann  Friedrich  betr.  1553“, 
Bl.  109  ff.) 

9)  z.  B.  im  Brief  vom  30.  Mai,  Reg.  H.  a.  a.  O..  Or.;  Juni  16,  Reg.  A. 
No.  303,  Or. 


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554 


Kapitel  IV. 


rung  an  die  Habsburger  zu  gehen  bereit  war  und  bald  genug  ging, 
hat  auch  er  allerdings  nicht  erkannt  ‘).  — 

Dabei  wurde  Moritz  nun  ja  vor  allem  durch  die  magdeburgische 
Angelegenheit  bestimmt.  Auch  sie  war  bei  den  Verhandlungen  der 
letzten  Monate  immer  mitberührt  worden,  ohne  daß  natürlich  jetzt 
beim  Kurfürsten  Neigung  vorhanden  gewesen  war,  mit  dem  Vetter 
abzuschließen.  Hatte  sich  doch  seit  dem  Eilenbuiger  Vertrage 
sein  Verhältnis  zu  dem  Koa^utor  in  im  ganzen  erwünschter  Weise 
weiter  entwickelt.  Wohl  gab  es  hie  und  da  auch  kleine  Reibungen, 
etwa  als  der  Kurfürst  im  Eberhausenschen  Prozeß  seine  gericht- 
lichen Ansprüche  in  Halle  geltend  machte*),  oder  als  Johann  Al- 
brecht  im  braunschweigischen  Krieg  nicht  sofort  entschieden  genug 
Farbe  bekannte  ®),  aber  alle  Versuche  der  Gegenpartei,  den  Koad- 
jutor oder  auch  nur  Christoph  von  Absberg  zu  sich  herüberzuziehen, 
blieben  vergeblich ‘),  nnd  auch  als  Johann  Albrecht  dann  durch  den  am 
24.  September  erfolgten  Tod  des  Kardinals  in  den  Besitz  der  Stifter 
Magdeburg  und  Halberstadt  getreten  war,  konnte  man  mit  seiner 
Haltung  zufrieden  sein.  Manche  der  Eilenburger  Beschlüsse  waren 
dadurch  ja  nun  obsolet  geworden,  zu  einer  Hauptfrage  aber  wurde  bei 
dem  Alter  und  Gesundheitszustand  des  neuen  Erzbischofs  die  Frage 
seiner  Nachfolge.  Sowohl  brandenburgische  wie  Albertinische  Um- 
triebe setzten  sofort  bei  ihm  ein.  Johann  Albrecht  war  aber  bereit,  an 
seinen  dem  Kurfürsten  gemachten  Aussichten  festznhalten  *).  Auch 
jetzt  noch  brauchte  er  ja,  wie  sich  bei  einer  Zusammenkunft  zwischen 
Brück  und  Absberg  am  9.  Oktober  in  Naumburg  zeigte,  die  Hilfe 
Johann  Friedrichs,  besonders  in  finanzieller  Beziehung.  Er  hatte 
sich  gegenüber  dem  Kardinal  kurz  vor  dessen  Tode  verpflichtet, 
dessen  Schulden,  nämlich  10000  fl.  beim  Landgrafen  von  Leuchtenberg 
und  7000  beim  Markgrafen  Albrecht  nebst  Zinsen  zu  übernehmen, 
wogegen  der  Kardinal  völlig  hatte  resignieren  wollen.  Die  Zahlungs- 
verpflichtung bestand  auch  nach  Albrechts  Tode  fort,  und  der  neue 

1)  Vergl.  seioen  Brief  an  Kf.  vom  26.  Juni,  Reg.  J.  p.  636,  Aa,  No.  2; 
M.  P.  C.  II,  657,  Anm.  1. 

2)  Hülße,  S.  381  ff. 

3)  M.  P.  C.  II,  348,  1.  Brandenburg  I,  8.  412. 

4)  Brück  an  Kf.  Aug.  18,  Loc.  9656  ,Dr.  Qregorii  Brücken,  Dr.  Küiao 
Goldsteina  . . .“,  Bl.  137/38;  M.  P.  C.  II,  304,  4.  Wahl  an  Brück  Sept  21,  Loc.  9656 
a.  a.  O.  BL  Ulf. 

5)  Wahl  an  Brück  Okt  4/5,  Loc.  9656  „des  Kf.  zu  Sachsen  and  des  Koad- 
jutors Räte  . . . 1545“,  BL  21/22,  Or. 


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Das  VerhSltnis  Job.  Friedrichs  su  den  Albertmem  n.  zum  Kurf.  t.  Mainz,  555 

Erzbischof  wollte  die  vom  Kurfürsten  versprochenen  20000  fl.  nun 
dazu  verwenden  und  würde  diese  Summe  am  liebsten  sofort  gehabt 
haben.  Darauf  konnte  sich  aber  Brück  nicht  einlassen,  da  sofortige 
Zahlung  des  Geldes  für  den  Kurfürsten  unmöglich  war,  und  Abs- 
herg  stellte  dann  auch  in  Aussicht,  daß  sich  der  Landgraf  von 
Leuchtenberg  vielleicht  bis  Neujahr  gedulden  werde  und  daß  die 
Schuld  an  den  Markgrafen  zum  Teil  gegen  eine  Schuld  desselben 
an  Johann  Albrecht  aufgerechnet  werden  könne. 

Natürlich  sprach  man  in  Naumburg  auch  über  die  Ausführung 
der  anderen  Bestimmungen  des  Eilenburger  Vertrages.  Da  war  ja 
unter  anderem  ein  Ansuchen  an  den  Kaiser  um  Bestätigung  des 
Zerbster  Spruches  verabredet  worden.  Absberg  hielt  wegen  der 
Stimmung  in  der  Umgebung  des  Koadjutors  und  im  Kapitel  für 
notwendig  in  dieser  Sache  nur  ganz  im  geheimen  vorzugehen,  etwa 
in  der  Form,  daß  der  Koadjutor  um  Aufhebung  der  früheren  kaiser- 
lichen Inhibition  und  des  Befehls  an  die  Kapitel  bitte.  Brück  war 
mit  diesem  Vorschlag  nicht  ganz  einverstanden,  empfahl  eine  etwas 
andere  Fassung  des  Gesuchs  und  daß  man  sich  auf  eine  gemein- 
same Instruktion  für  die  an  den  Kaiser  zu  schickenden  Gesandten 
einige. 

Man  sprach  ferner  auch  über  die  Annahme  eines  kurfürstlichen 
Dienstgeldes  durch  Absberg,  der  seinerseits  dafür  sorgen  wollte,  daß 
kein  Koadjutor  ohne  Wissen  des  Kurfürsten  bestellt  werde.  Brück 
hielt  selbst  nicht  für  ratsam,  daß  schon  von  den  Söhnen  des  Kur- 
fürsten gesprochen  werde,  da  das  nicht  geheim  bleiben  und  man 
Moritz  dadurch  verletzen  würde.  Zu  einer  von  Absberg  gewünschten 
Vermittlung  zwischen  Johann  Albrecht  und  Halle  sprach  Brück 
seine  Zustimmung  aus.  Er  seinerseits  regte  eine  Zusammenkunft 
zwischen  den  beiden  Fürsten  während  des  Winters  an,  der  Ver- 
treter des  Erzbischofs  lehnte  das  aber  ans  ärztlichen  Gründen  ab  ^). 

Ich  gehe  auf  die  Schwankungen  in  den  Verhandlungen  der 
nächsten  Wochen  nicht  weiter  ein.  Obgleich  der  Kurfürst  infolge 
des  frühen  Todes  des  Kardinals  eigentlich  zur  Zahlung  der  20000  fl. 
nicht  mehr  verpflichtet  war,  ließ  er  sich  doch  dazu  bereit  finden. 
Ein  Hindernis  entstand  aber  dadurch,  daß  Dahme  schon  stärker 
belastet  war,  als  man  angenommen  hatte.  Johann  Friedrich  wünschte 
daher,  daß  ihm  auch  noch  Jüterbog  und  das  Kloster  Zinna  verpfändet 


1)  Brück  an  Kf.  Okt  10,  M.  P.  C.  II,  346-352. 


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556 


Kapitel  IV. 


würden,  und  zwar  mit  Einwilligung  des  Domkapitels  ‘).  Doch  gelang 
es  dann,  diese  Schwierigkeit  dadurch  zu  beseitigen,  daß  der  Erz- 
bischof, der  den  Markgrafen  Albrecht  inzwischen  selbst  abgefunden 
hatte,  sich  mit  einem  Darlehn  von  10000  fl.  begnügte*).  Diese 
Summe  ist,  nachdem  vorher  in  Gräfenhainichen  noch  weitere  Be- 
sprechungen stattgefunden  hatten“),  am  3.  Januar  in  Bitterfeld  den 
Vertretern  Johann  Albrechts  überliefert  worden*). 

In  Gräfenhainichen  sprach  man  auch  über  alle  sonst  vorliegenden 
Punkte.  Absberg  hielt  für  ratsamer,  die  Werbung  beim  Kaiser 
einzeln  vorzunehmen,  auf  kurfürstlicher  Seite  hielt  man  aber  an  dem 
Gedanken  des  gemeinsamen  Vorgehens  noch  fest,  die  Instruktion 
dafür  sandte  Brück  am  15.  Januar  an  seinen  Herrn“).  Auch 
dieser  sprach  sich  in  einem  Brief  vom  17.  Januar  an  Johann 
Albrecht  dringend  für  die  gemeinsame  Werbung  aus®).  Die  In- 
struktion, die  er  dabei  übersandte,  lief  darauf  hinaus,  daß  der 
Kaiser  gebeten  wurde,  den  Ausspruch  der  Kommissaiien  in  der 
hallischen  Sache  wieder  eröffnen  zu  lassen  und  Wolf  von  Anhalt 
zu  beauflagen,  das  mit  Bäten  beider  Parteien  in  Zerbst  zu  tun '). 

Der  Erzbischof  ist  nun  jedenfalls  auf  diese  Vorschläge  uicht 
eingegangen,  kündigte  vielmehr  eine  Sendung  Absbergs  wegen  der 
Werbung  an  den  Kaiser  an*).  Nach  weiteren  Korrespondenzen 
entschloß  sich  Johann  Friedrich  im  März  auf  Rat  Brücks,  von 
seiner  Forderung  einstweilen  abzustehen“).  Wegen  der  burggräf- 
lichen Rechte  trat  man  in  direkte  Verbindung  miteinander  und 
schloß  zunächst  am  5.  Februar  einen  vorläuflgen  Vertrag*®),  um 
sich  dann  im  April  definitiv  zu  einigen.  Auch  jetzt  wird  natür- 
lich die  Haltung  des  Kurfürsten  in  dieser  Frage  nicht  unbe- 


1)  Kf.  an  Johann  Albrecht  Nov.  16,  Loc.  9656  „dee  Kf.  cn  Sachsen  und  d«i 
Koadjutors  Räte  . . . 1545“,  BL  30—32,  Konz. 

2)  Johann  Albrecht  an  Kf.  Nov.  20,  ebenda  BL  36—38,  Or. 

3)  Abschied  vom  22.  Dez.,  ebenda  BL  75 — 76;  Protokoll  der  Yerhandlungai 
BL  78—81. 

4)  R^.  Aa.  p.  101,  A.  I,  14,  Na  20’,  Urk. 

5)  Brück  an  Kf.  Jan.  15,  Loc.  9656  a.  a.  O.  BL  60  f. 

6)  Kf.  an  Johann  Albrecht  Jan.  17,  Loa  8949  „Erzbischof  Johann  Albrechts 
mit  dem  Kf.“,  BL  24/25,  Konz. 

7)  Ebenda  BL  26-  29. 

8)  Job.  Albrecht  an  Kf.  Jan.  26,  ebenda  BL  43  f. 

9)  Loc.  9656  „des  Erzbischofs  und  des  Rats  zu  Halle  . . . 1546“. 

10)  Brandenburg,  I,  S.  417,  1. 


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Das  Verhältnis  Joh.  Friedrichs  zu  den  Albertincm  u.  zum  Kurf.  v.  Mainz.  657 

einflußt  gewesen  sein  von  den  Aussichten,  die  die  Koa^utorie 
resp.  Administration  eines  seiner  Söhne  in  den  Stiftern  hatte. 
Noch  Ende  des  Jahres  1545  scheint  man  sich  in  Kursachsen  selbst 
nicht  darüber  klar  gewesen  zu  sein,  ob  man  diesen  Plan  verfolgen 
solle  oder  nicht.  Brück  stellte  noch  am  17.  Dezember  seine  Be- 
denken gegen  eine  solche  Koadjutorie  wenigstens  für  die  Gegen- 
wart zusammen.  Er  traute  zunächst  dem  Erzbischof  nicht  recht, 
von  dem  er  vermutete,  daß  er  sich  bemühen  werde,  die  Sache 
hinzuziehen.  Ferner  machte  er  darauf  aufmerksam,  daß  viel 
wichtiger  als  die  Zustimmung  des  Erzbischofs  die  des  Kapitels  sei, 
daß  an  diese  aber  vorläufig  gar  nicht  zu  denken  sei.  Brück 
fürchtete  auch,  daß  es  nur  Gegenwirkungen  des  Domkapitels  und 
vielleicht  auch  des  Kaisers  hervorrufen  werde,  wenn  jetzt  viel  von 
der  Sache  gesprochen  werde.  Erneut  betonte  er  dann,  daß  mit 
der  bloßen  Zustimmung  des  Erzbischofs  gar  nichts  für  die  Zeit 
nach  seinem  Tode  gewonnen  sei.  Wähle  dann  das  Kapitel  einen 
anderen,  so  müßte  man  mit  Schimpf  und  Spott  abziehen  oder 
Gewalt  gebrauchen,  und  dabei  werde  man  nicht  einmal  der  Unter- 
stützung des  ersten  Standes  des  Stiftes  sicher  sein,  da  ja  selbst 
Wolf  von  .Anhalt  und  .Albrecht  von  Mansfeld  gegen  die  Wahl 
eines  Mitgliedes  eines  mächtigen  Hauses  seien.  Der  Kanzler 
machte  ferner  noch  auf  die  Möglichkeit  aufmerksam,  daß  der  be- 
trefi’ende  Prinz,  um  sich  zu  behaupten,  die  Konfirmation  vom 
Papst  nehme.  Daran  würden  dann  die  schuld  sein,  die  einen 
jungen  Fürsten  in  eine  so  gefährliche  Lage  gebracht  hätten.  Es 
schien  ihm  auch  ratsam,  erst  die  Naumburger  Sache  beim  Kaiser 
zu  erledigen  und  nicht  eine  beschwerliche  Sache  auf  die  andere 
zu  häufen.  Man  solle  erst  die  bnrggräfliche  Sache  in  Ordnung 
bringen,  später  würden  die  Stiftsstände  vielleicht  geneigter  sein. 
Für  jetzt  solle  man  sich  mit  einer  Versicherung  begnügen,  daß 
der  Erzbischof  in  keine  Koadjutorie  willigen  werde  ohne  Ein- 
willigung des  Kurfürsten^). 

Tatsächlich  haben  sich  dann  die  kui  fürstlichen  Räte  in  Gräfen- 
•hainichen  mit  dieser  Forderung  begnügt,  der  Kurfürst  ließ  nur 
hinzufügen,  daß  der  Erzbischof  es  ihm  vertraulich  zuschreiben,  d.  h. 
also  schriftlich  versprechen  solle.  Johann  .Albrecht  hat  dies  durch 

1)  Brück  an  Kf.  1545  Dez.  17,  Loc.  9656  .,des  Kf.  zu  Sachsen  und  des 
Koadjuton  Räte“,  BI.  55—59.  Vergl.  M.  P.  C.  II,  348  Anm;  Brandenbnrg, 
I,  8.  391.  414. 


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558 


Kapitel  IV. 


Brief  vom  1.  Jannar  1546  getan ‘)  und  auch  dementsprechend  ge- 
handelt. Erst  im  April  ist  man  dann  doch  weiter  gegangen,  and 
es  sind  zwischen  dem  EurfOrsten  and  Johann  Albrecht  anch  Ver- 
einbamngen  Ober  die  Annahme  eines  der  Söhne  des  Earfflrsten, 
in  erster  Linie  Johann  Wilhelms,  znm  Koadjutor  getrofien  worden  *). 

Wir  wissen  nicht,  was  diese  Sinnesänderung  der  kursächsischen 
Politiker  herbeigeführt  hat,  vielleicht  glaubte  man  nur,  die  günstige 
Gelegenheit  zur  Erledigung  der  Sache  nicht  vorübergehen  lassen 
zu  dürfen.  Die  Hanptursache  der  damaligen  Verhandlungen  war  die 
Vermittlung,  die  Johann  Friedrich  zwischen  dem  Erzbischof  und 
der  Stadt  Halle  übernommen  batte.  Johann  Albrecht  hatte  ja 
sowohl  bei  Halle,  wie  bei  Magdeburg,  wie  auch  bei  dem  Kapitel 
der  Stifter  nach  seinem  Regierungsantritt  mit  seiner  Anerkennung 
Schwierigkeiten  gefunden  und  schon  im  November  den  Einflnß  des 
Kurfürsten  zur  Ueberwindung  dieser  Widerstände  zu  benutzen  gesucht. 
Der  Vorschlag,  daß  Johann  Friedrich  zwischen  dem  Erzbischof  und 
Halle  vermitteln  solle,  findet  sich  zuerst  in  einem  Briefe  Absbergs 
vom  20.  November’).  Um  dieselbe  Zeit  wandte  sich  auch  die 
Stadt  beschwerdeführend  an  den  Kurfürsten  ’).  Dieser  scheint 
seine  Vermittlung  dann  an  die  Bedingung  geknüpft  zu  haben,  daß 
der  Erzbischof  genügende  Erklärungen  in  bezug  auf  die  Religion 
abgebe.  Darauf  versicherte  Absberg  bei  den  Verhandlungen  in 
Gräfenhainichen,  daß  Johann  Albrecht  dem  Kurfürsten  Brief  und 
Siegel  darüber  geben  werde,  daß  er  nichts  gegen  die  Religion  tnn 
werde,  denn  es  komme  ihm  nur  darauf  an,  daß  er  selbst  und  die 
Geistlichen  unbeschwert  blieben.  Die  kursächsischen  Räte  erklärten 
darauf,  daß  ihr  Herr  gern  zwischen  dem  Erzbischof  und  den  Städten 
Halle  und  Magdeburg  vermitteln  werde  ’).  Die  in  Aussicht  gestellte 
Versicherung  Johann  Albrechts  ist  mir  nicht  bekannt  geworden,  seine 
Erklärungen  müssen  aber  doch  wohl  genügt  haben,  da  in  den 


1)  M.  P.  C.  II,  438,  1. 

2)  Hülße,  8.  386/87. 

3)  Absberg  an  Brück  Not.  20,  Loc.  9656  „Dr.  Gregorii  Brücken  Schriften  . . . 
1546“,  Bl.  25—27,  Or. 

4)  Brück  an  Kf.  Not.  20,  Loc.  9656  „dee  Kf.  zu  Sachsen  und  des  Koad- 
jutors Bäte  . . . 1545“,  Bl.  19,  Or. 

5)  Nach  dem  Protokoll  dee  Tages  Ton  Ponikaua  Hand,  Loc.  9656  ,4ea  Kfen. 
zu  SatÄsen  . . . 1545“,  Bl.  78 — 81,  und  dem  Abschied  Tom  22.  Dez.,  dModa 
Bl.  75/76. 


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Das  Verhältnis  Job.  Friedrichs  zu  den  Albertinem  u.  zum  Kurf.  t.  Mainz.  559 

Korrespondenzen  über  die  Vermittlung  aus  dem  März  von  der 
Religion  gar  nicht  mehr  die  Rede  ist*). 

Nachdem  der  Erzbischof  erneut  erklärt  hatte,  daß  er  mit  der 
Vermittlung  einverstanden  sei,  wurden  die  Verhandlungen  zunächst 
durch  die  Räte  in  Schweinitz  begonnen.  Da  sich  bald  herausstellte, 
daß  die  persönliche  Beteiligung  der  Fürsten  notwendig  sei,  lud  Johann 
Friedrich  den  Erzbischof  am  7.  April  auf  den  8.  nach  Wittenberg 
ein  ’).  Hier  kam  es  dann  bis  zum  13.  April  zu  den  entscheidenden 
Verträgen  zwischen  dem  Erzbischof  und  der  Stadt.  Johann  Albrecht 
gewährte  ihr  volle  Religionsfreiheit,  der  Rat  leistete  ihm  dafür  die 
Huldigung®).  Es  war  der  definitive  Sieg  der  Reformation  in  Halle. 
Die  erste  Ursache  der  Differenzen  zwischen  Johann  Friedrich  und 
Albrecht  von  Mainz  war  damit  erledigt.  Schon  vorher  wurden 
auch  die  Streitigkeiten  über  die  Burggrafenrechte  im  Sinne  des 
Kurfürsten  beigelegt,  und  es  gelang  diesem  auch,  eine  Aussicht 
auf  die  künftige  Herrschaft  eines  seiner  Söhne  in  den  beiden 
Stiftern  zu  gewinnen. 

Auch  in  manchen  anderen  Schwierigkeiten  nahm  der  Erzbischof 
in  jenen  Monaten  die  Vermittlung  des  Kurfürsten  in  Anspruch, 
so  vor  allem  gegenüber  dem  früheren  magdebmgischen  Kanzler 
Türk,  der  sich  in  die  Dienste  Moritzens  begeben  hatte,  und  von 
dem  man  mit  Recht  vermutete,  daß  er  gegen  den  Kurfürsten  und 
gegen  den  Erzbischof  intiiguieren  und  seinen  Einfluß  in  den 
Stiftern  für  die  Koa^jutorschaft  Augusts  auf  bieten  werde*).  So 
machte  sich  denn  auch  eine  Gegenwirkung  Albertinischer  Gesandten 
geltend,  als  Johann  Albrecht  gegen  Türk  vorging®).  Schließlich 
übernahm  Johann  Friedrich  zusammen  mit  dem  Kurfürsten  von 
Brandenburg  die  Vermittlung  in  dem  Streit,  und  beide  baten  Moritz, 
Türk  zu  veranlassen,  den  vom  Erzbischof  angesetzten  Tag  zu  be- 
suchen, ohne  daß  ihm  seine  Güter  vorher  restituiert  würden®). 

1)  Diese  Korrespondenzen  in  Loc.  9656  „des  Erzbischofs  und  des  Rats  zu 
Halle  . . . 1546“. 

2)  Loc.  9656  „des  Erzbischofs  und  des  Bats  zu  Halle  . . . 1546“  und  Brück 
an  Kf.  März  25,  B^.  H.  p.  664,  No.  205,  Or. 

3)  Dreyhaupt,  I,  S.  227  ff.  Hülße,  S.  385.  Hertzberg,  II,  8. 194  f. 

4)  Hertzberg,  II,  8.  191  f. 

5)  M.  P.  C.  II,  503  f.  und  Anmerkungen.  Brück  an  Ef.  Febr.  14  und  März  26, 
ebenda  8.  508  Anm. 

6)  Job.  Albr.  an  Ef.  März  24,  Beg.  J.  p.  984,  DD,  No.  8,  8.  Ef.  an  Joh. 
Albr.  März  29,  ebenda  No.  8,  11.  Joh.  Albr.  an  Ef.  und  Joachim  II.,  März  30, 
M.  P.  C.  II,  561,  1.  Die  beiden  Kfen.  an  Hz.  Moritz  April  5,  ebenda  561  f. 


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560 


Kapitel  IV. 


Moritz  ließ  sich  aber  darauf  nicht  ein,  machte  vielmehr  Gegen- 
vorschläge, wonach  die  Kapitel,  die  Ritterschaft,  der  Erzbischof 
und  er  je  3 Vertreter  zu  einer  Verhandlung  entsenden  sollten*). 
Da  Johann  Albrecht  diesen  Vorschlag  nicht  annahm,  sondern  dabei 
blieb,  daß  die  beiden  Kurfürsten  und  Moritz  Schiedsrichter  zwischen 
ihm  und  Türk  sein  sollten,  brach  der  Herzog  die  Verhandlungen  ab’). 

Gerade  der  Aufenthalt  Türks  am  Dresdener  Hofe  wird  die 
Stimmung  dort  gegen  Johann  Friedrich  nicht  verbessert  haben, 
und  wenn  auch  die  Aprilverträge  geheim  gehalten  wurden,  so  wird 
man  doch  über  die  Verbindung  zwischen  dem  Kurfürsten  und 
Johann  Albrecht  schwerlich  ganz  ohne  Nachrichten  gewesen  sein*) 
und  war  entschlossen,  alles  aufzubieten,  um  eine  Ernestinische  Nach- 
folge in  den  Stiftern  zu  verhindern.  Man  rechnete  dabei  vor  allem 
auf  die  Unterstützung  des  Kaisers.  Dessen  Mandat  vom  2.  Juni, 
das  dem  Erzbischof  verbot,  einen  Koadjutor  ohne  seine  Genehmigung 
anzunehraen,  darf  vielleicht  schon  als  eine  Folge  Albertinischer 
Einwirkungen  betrachtet  werden*),  und  daß  der  Regensburger  Ver- 
trag vor  allem  möglich  wurde  durch  die  Zugeständnisse,  die  der 
Kaiser  Moritz  in  bezug  auf  Magdeburg-Halberstadt  machte,  ist 
bekannt. 

Auf  kursächsischer  Seite  hat  man  sich  durch  das  erste  Mandat 
des  Kaisers  nicht  allzusehr  beunruhigen  lassen*).  Man  faßte  bei 
einer  Zusammenkunft  der  Räte  in  Hainichen  ziemlich  mutige  Be- 
schlüsse, verließ  sich  vor  allem  darauf,  daß  die  Sache  nicht  wirklich 
bekannt  sei*).  Als  dann  das  zweite  Mandat  des  Kaisers  erging, 

1)  Moritz  an  die  beiden  Kfen.  AprU  12,  M.  P.  C.  II,  8.  SSi. 

2)  Brück  an  Kf.  April  22,  Loc.  96.56  „Dr.  Gregorii  Brück  Schriften  . . . 
1546“,  Bl.  17 — 23.  Joh.  Albr.  an  die  beiden  Kfen.  Mai  5,  M.  P.  C.  II,  594,  2. 
Die  Kfen.  an  Moritz  Mai  13,  ebenda  B.  594 — 596.  594,  2 am  Ende. 

3)  Bchon  im  November  1545  gingen  den  Albertinern  Nachrichten  von  Be- 
mühungen des  Kf.  um  die  Koadjutorschaft  für  einen  seiner  Böhne  zu.  M.  P.  C. 
n,  421  f. 

4)  Kopie  des  Mandats  in  Loc.  8949  „Erzbischof  Johann  Albrechts  . . . 1543 
46.  47“,  Bl.  35.  M.  P.  C.  II,  612,  1. 

5)  Brück  schrieb  neben  die  Drohung  des  Kaisers,  er  werde,  wenn  der  Erz- 
bischof nicht  gehorche,  das  vornehmen,  was  ihm  als  römischem  Kaiser  von  Obrig- 
keit wegen  gebühre:  bene,  was  were  das. 

6)  Joh.  Albr.  an  Kf.  Juni  14,  15,  Loc.  8949  „Ehzbischof  Joh.  Albrechts 
. .“,  Bl.  58.  60,  Or.  Kf.  an  Joh.  Albr.  Juni  16,  Bl.  67  f.,  Konz.  Entwurf  für 
die  Antwort  an  den  Kaiser,  ebenda  Bl.  31 — 34;  M.  P.  C.  II,  715,  3.  Brück  sn 
Kf.  Juni  16,  Loc.  9656  „des  Kfen.  zu  Sachsen  und  des  Koadjators  Räte  . . 


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Das  VerhällnU  Job.  Friedrichs  zn  den  Albertinern  u.  zum  Enrf.  v.  Mainz.  561 

durch  das  Moritz  zum  verordneten  Konservator  der  Stifter  ernannt  ‘) 
wurde,  konnte  der  Ausbruch  des  Krieges  schon  als  sicher  be- 
trachtet werden.  — 

Man  wird  nicht  bezweifeln  können,  daß  bei  den  verhängnis- 
vollen Entschließungen  Moritzens  für  diesen  Krieg  der  Streit  um  die 
beideu  Stifter  eine  große  Rolle  gespielt  hat.  Man  wird  sich  daher  auch 
zu  fragen  haben,  wie  weit  Johann  Friedrich  selbst  eine  Mitschuld 
an  der  Haltung  seines  Vetters  getragen  habe.  Da  werden  wir  ihm 
nun  nicht  daraus  einen  Vorwurf  machen  können,  daß  er  auch  den 
Albertinern  gegenüber  seine  burggräflichen  Rechte,  von  denen  er 
nun  einmal  überzeugt  war,  zu  wahren  suchte,  noch  daraus,  daß  er 
darauf  einging,  als  ihm  die  Vorschläge  des  Koadjutors  eine  Mög- 
lichkeit eröffneten,  die  Stifter  für  sein  Haus  zu  gewinnen.  Zu 
tadeln  ist  nur,  daß  er  so  gar  kein  Verständnis  besaß  für  den  Wert, 
den  Moritz  auf  diese  .Dinge  legte,  und  nie  daran  dachte,  daß  seine 
Opposition  gegen  Moritzens  Pläne  diesen  ganz  auf  die  feindliche 
Seite  treiben  könne.  Sein  Fehler  war  in  erster  Linie  ein  psycho- 
logischer. Er  glaubte,  daß  der  Herzog  ebenso  wie  er  selbst  ver- 
stehen werde,  diese  weltlichen  Angelegenheiten  und  Streitigkeiten 
von  der  Religionssache  zu  trennen.  Sonst  hätte  er  doch  wohl  an 
die  Möglichkeit  gedacht,  trotz  aUer  seiner  Ueberzeugtheit  von 
seinem  Rechte  *)  in  einigen  Punkten  dem  Vetter  entgegenznkommen 
und  ihn  so  vielleicht  festzuhaJten.  Statt  dessen  müssen  wir  be- 
obachten, daß  er  gerade  seit  der  Zeit,  wo  er  in  der  magdeburgischen 
Sache  einen  entschiedenen  Vorsprung  gewonnen  hatte,  weniger  ent- 
gegenkommend war,  als  vorher.  So  zeigt  z.  B.  seine  Haltung 
gegenüber  den  Religionsvergleichungsbestrebungen  das  Herzogs  im 
November  1545  eine  unnötige  Schärfe’),  und  in  den  nachbarlichen 
Streitigkeiten  behielt  er  sein  altes  Verfahren  der  Herstellung  eines 


Bl.  175.  Verhandlungen  in  Hainichen  zwiachen  Ababerg,  Brück  und  Ponikan 
Juni  19,  Loc.  9656  a.  a.  O.  Bl.  186 — 193,  Protokoll.  Vidieicht  wurde  hier  die 
Antwort  an  den  Kaiaer  aufgesetzt. 

1)  Juni  19,  an  Joh.  Albr.,  R^.  J.  p.  254,  N,  No.  2,  2,  Or. 

2)  Wie  er  sie  z.  B.  in  dem  Bericht  an  die  Landrfite  vom  5.  Juni  1546  zum 
Ausdruck  bringen  ließ.  Beg.  A.  No.  307. 

3)  An  Ldgf.  Dez.  9,  M.  P.  C.  H,  421,  1.  Brandenburg,  I,  8.  409.  Man 
mufi  allerdings  bedenken,  dafi  es  gerade  in  diesen  Dingen  beim  Kurfürsten  kein 
Flickwerk  gab. 

BshxitS«  zur  neuerao  Geachicfate  TbUriogaas  I,  t.  36 


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562 


Kapitel  IV. 


vollzogenen  Faktnms  bei‘)-  Anch  den  Bemühnngen,  Moritz  fflr 
einen  neuen  Bund  zu  gewinnen,  brachte  er  wenig  Vertrauen  ent- 
gegen ’).  In  der  Tat  verliefen  ja  allerdings  alle  Versuche,  Moritz 
festzuhalten,  ganz  resultatlos  *).  Ueberhaupt  werden  wir  uns  natür- 
lich auch  davor  hüten  müssen,  die  Schuld  an  dem  schließlichen 
Ausgang  allein  dem  Kurfürsten  zuzuschieben.  Offenbar  hat  auch 
Moritz  ihm  die  Sache  schwer  genug  gemacht.  Das  Recht  in  den 
nachbarlichen  Streitigkeiten  war  stets  zum  mindesten  zweifelhaft, 
und  in  der  magdeburgischen  Sache  ist  eben  doch  trotz  aller  fried- 
lichen Erklärungen  Komerstadts  der  Herzog  niemals  für  bestimmte 
Versicherungen  über  die  magdeburgischen  Burggrafenrechte  zu 
haben  gewesen.  Auch  ihm  lag  eben  viel  an  Halle,  wie  er  dem 
Landgrafen  einmal  schrieb  *),  und  er  konnte  sich  nicht  entschließen, 
dem  Kurfürsten  dort  so  viel,  wie  dieser  beanspruchte,  einzuräumen, 
obgleich  er  dafür  etwa  im  Frühjahr  1545  dessen  Zustimmung  zu 
allen  seinen  sonstigen  Absichten  auf  die  beiden  Stifter  hätte  ge- 
winnen können.  So  trieben  denn  die  Vettern  in  eine  immer  er- 
bittertere Feindschaft  gegeneinander  hinein  zur  Freude  der  Habs- 
burger, zum  Schaden  ihres  Hauses  und  des  Protestantismus.  Wenn 
schließlich  der  Gewissenlosere,  aber  auch  politisch  Begabtere  von 
ihnen  aus  diesem  Ringen  als  Sieger  hervorging,  so  hat  er  das. 
wenn  wir  den  Verlauf  des  schmalkaldischen  Krieges  ins  Auge  fassen, 
aber  doch  weniger  seiner  Ueberlegenheit,  als  dem  militärischen 
Uebergewicht  des  Kaisers  über  die  Schmalkaldener  zu  danken  ge- 
habt. Auch  für  das  künftige  Verhältnis  der  beiden  wettinischen 
Linien  ist  ja  der  schmalkaldische  Krieg  ausschlaggebend  gewesen. 

1)  Vergl.  Moritzens  Klagen  vom  3.  und  16.  Jan.,  M.  P.  C.  II,  4811  498. 
Den  Erneetinischen  Standpunkt  kann  man  aus  den  Akten  in  B^.  G.  No.  20  ent- 
nehmen. Man  hielt  trotz  aller  Versöhnlichkeit,  die  z.  B.  Brück  in  einem  Gut- 
achten zum  Ausdruck  brachte,  doch  für  nötig,  gerade  in  StraOeniillen  zuror- 
zukommen,  damit  die  G^enpartei  nicht  behaupten  könne,  daß  sie  in  posseasione 
der  betreffenden  Rechte  sei. 

2)  An  Ldgf.  Jan.  30,  Reg.  H.  p.  670,  No.  209, 1.  Hasenclever,  I,  8.  198L 

3)  M.  P.  C.  n,  543 ft  552 ff.  Brandenburg,  I,  8.  427. 

4)  Instruktion  für  Ges.  an  Ldgf.  Nov.  28,  M.  P.  C.  II,  427  f. 


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in  der  Kose  zu  Jena  am  5.  Februar  1893.  I.  Lipsius  Lebensbild,  ll.  Lipsius 
historische  Methode.  1893.  1 M. 

Hiehelsen,  Der  Mainzer  Huf  zu  Erfurt  am  Ausgange  dos  Mittelalters.  1853. 
3’/,  Rogen.  I“.  1 M. 

— Ueber  die  EhrenstOcke  u.  den  Rautonkranz  als  historische  Probleme  der  Heraldik. 

1B54.  5*/,  Bogen.  4».  1 M. 

— Die  Ratsverfassung  von  Erfurt  im  Mittelalter.  1855.  6 Bogen.  4*.  1 M. 

— Urkundlicher  Ausgang  der  Grafschaft  Orlamflnde.  1856.  5 Rogen.  4".  1 M. 

— Die  lUtesten  Wappenschildo  der  Landgrafen  von  ThOringon.  Mit  1 Tafel  in 

Farbendr.  1857.  6*/,  Bogon.  4".  1 M. 

— Johann  Friedrichs  Stadtordnung  fOr  Jona.  1858.  12  Bogen.  4°.  2 M. 

Die  vorstehend  vorzeichneten  Schriften;  Zoitachr.  Bd.  I — 5TII,  Codex  Thur, 
diplom.  Lief.  I,  Geschichtsquellen  Bd.  I — HI,  Rechtsdenkmalo  Lief.  1 — 5 u.  die  noch 
vorrät.  kleinen  Schriften  von  Michelsen,  wenn  zusammen  bezogen,  erhalten  Mitglieder 
des  Vereins,  anstatt  zum  Ladenpreis  von  70  Mark,  für  30  llark. 


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Beiträge 

zur 

neueren  GescWcMe  Thüringens 

Band  I 

Johann  Friedrich  der  Grossmutige 

1503—1554 

Zweiter  Teil 

Vom  Regierungsantritt 

bis  zum  Beginn  des  Schmalkaldischen  Krieges 

Namens  des  Vereins 

für  Thüringische  Geschichte  und  Altertumskunde 

herausgegeben  von 

der  thüringischen  historischen  Kommission 
Bearbeitet  von 

Dr.  Georg  Mentz 

a.  o.  Professor  an  der  Universität  Jena 


Jena 

Verlag  von  Gustav  Fischer 


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